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MÜNCHENER
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Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 1. 6. Januar 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Zur pathologischen Anatomie und Nomenklatur
der Lungentuberkulose*).
Von Prof. Felix March and in Leipzig.
In dem ganzen Gebiete der Medizin
gibt es kaum irgend eineu Gegenstand,
wo die Ungenaiugkeit der Terminologie
bis auf den heutigen Tag mehr Ver¬
wirrung gestifiet hat als diesen.
Virchow, Geschwülste II, 620
anderer Stelle hervorgehobeii habe 5 6). Die Einheitlichkeit bestand für
j Laennec in dem gleichen Ausgang der eigentümlichen tuberkulösen
Materie in Verkäsung und Erweichung. Die morphologische Ver¬
schiedenheit der tuberkulösen Knötchen und der diffusen Infiltration
hat Laennec gebührend hervorgehoben, was übrigens Virchow
j selbst in seinen Vorlesungen anerkannt hat, nur dass er die tuber-
! kulöse Natur der „Infiltration“ bestritt. Dass L. die entzündliche Natur
! der letzteren ablehnte, kann ihm nach dem damaligen Stand der Wissen-
M. H.! Es ist vielleicht ein gewagtes Unternehmen, eine Ueber-
sicht über die pathologische Anatomie der Lungentuberkulose in dem
kurzen Raum einer Stunde zu versuchen; sie muss sich auf das Not¬
wendigste, auf die zurzeit besonders streitigen Fragen beschränken und
dazu Stellung nehmen. Eine etwas genauere Darstellung der nisto-
logischen Veränderungen würde eine sehr viel längere Zeit be¬
anspruchen und ohne mikroskopische Demonstrationen nicht möglich
sein 1). Dennoch muss sich eine Stellungnahme zu den immer schwieri¬
ger zu beurteilenden Theorien über die biologischen Vorgänge bei der
Lungentuberkulose auf die Kenntnis der pathologisch-anatomischen Ver¬
änderungen stützen, die bei ihrer grossen Mannigfaltigkeit ohne eigene
Anschauung nicht möglich ist 2). •
Bekanntlich gehen gerade in neuester Zeit die Ansichten über die
Pathologie der Lungentuberkulose wieder sehr auseinander. L a e n -
n e c, der eigentliche Begründer der pathologischen Anatomie der
Lungentuberkulose, war es, der, wie sein Vorgänger Bayle, auf
Grund genauer anatomischer (selbstverständlich nur makroskopischer)
Untersuchungen die einheitliche Natur der Lungentuberkulose
oder „tuberkulösen Phthise“ behauptete und diese von anderen
zerstörenden Krankheiten der Lunge unterschied3). Der anatomische
Charakter der Lungenschwindsucht besteht nach Laennec nicht, wie
man lange Zeit glaubte, in einer Folge der Entzündung und Vereiterung
des Lungengewebes, sondern in der Existenz der Tuberkel, d. h.
Knötchen einer eigentümlichen Neubildung (Produktion accidentelle),
die als graue, sog. miliare Tuberkel beginnen, dann im Zentrum, später
im ganzen gelblich werden und dabei die Konsistenz eines festen
Käses haben. Gewöhnlich fängt in diesem Stadium der Entwicklung
der Tuberkel das umgebende gesunde Lungengewebe
an, fest, grau, halbdurchscheinend zu werden durch Neu¬
bildung tuberkulöser Materie, die die Substanz infiltriert. Solche
tuberkulösen Massen können sich auch durch eine ähn¬
liche Infiltration ohne vorherige miliare Tuberkel bilden.
Durch Erweichung entsteht daraus teils durchscheinende Flüssigkeit,
teils eine opake Masse wie weicher Käse; diese erweichte tuberkulöse
Masse öffnet sich einen Ausweg in einen oder mehrere benachbarte
Bronchien (1. c. S. 20 — 22).
Aus dieser Beschreibung geht klar hervor, dass der von Virchow
Laennec gemachte und oft wiederholte Vorwurf, dass er mit Bayle
„die Hauptschuld an der Konfusion trage“, und dass in dieser angeblichen
Einheit der Lungentuberkulose alle Besonderheiten der einzelnen Vor¬
gänge untergingen4), nicht ganz gerechtfertigt war, wie ich an
*) Nach einem Vortrag in der Medizinischen Gesellschaft zu Leipzig am
29. November 1921.
(Vergl. den Vortrag von Prof. Huebschmann, Oberassistent am
Pathologischen Institut, in der Sitzung der Medizinischen Gesellschaft vom
26. VII. 1921: „Zur Pathologie der Lungentuberkulose“ in Nr. 43 der
M.m.W., Aussprache in der Sitzung der Med. Ges. vom 13. XII. 1921.)
D Noch weniger kann die enorme Literatur der Tuberkulose einiger-
nassen gleichmässig berücksichtigt werden. Sehr viele wertvolle Arbeiten,
ich . erwähne unter den Deutschen z. B. E. Ziegler, Kaufmann,
Beitzke, Ribbert, Lubarsch, Benda, Herxheimer ausser
vielen anderen, konnten nicht zitiert und noch viel weniger besprochen
werden, was ich nicht als Unterschätzung aufzufassen bitte. Unter den Aus¬
ländern erwähne ich noch besonders die Werke von T e n d e 1 o o, Adam i,
W. G. M a c C a 1 1 u m.
2) Eine Auswahl besonders charakteristischer makroskopischer Präparate
von Lungentuberkulose, die der Vortragende im Laufe der letzten 20 Jahre
gesammelt hat, wurden zur Ansicht aufgestellt.
'') R- T. H. Laenne c: De l’auscultation mediate. Paris 1819, T. I, S. 19.
) R. Virchow: Die Geschwülste II, 623. Noch im Jahre 1882 er¬
klärte Virchow die Lehre Laennecs von der Einheit der Phthise, die
er im Tuberkel gesucht habe „für einen der grössten Irrtümer in der Medizin“.
Tatsächlich hatte Laennec die beiden anatomischen Formen der tuber¬
kulösen Lungenveränderung ganz richtig erkannt; von einer ätiologischen Ein-
Nr. 1.
schaff nicht zum Vorwurf gemacht werden, da es ein genaues ana¬
tomisches Kriterium dafür nicht gab und jede Neubildung — gleichviel
| ob entzündlich oder nicht — aus einer formlosen, nicht organisierbaren
1 Absonderung hergeleitet wurde.
C a r s w e 1 1 8) stand in seinem berühmten Werk noch ganz auf dem
ursprünglichen Standpunkt, wie Laennec; dass die tuberkulöse Materie
(Laennecs Production accidentelle) aus dem Blut ausgeschieden wird,
nach C a r s w e 1 1 hauptsächlich von der Oberfläche einer sezernierenden
Membran, besonders einer Schleimhaut, wie sie die Lungenbläschen und
Bronchien oder auch die „Schleimfollikel“ des Darmes auskleidet: die tuber¬
kulöse Materie mischt sich dem normalen schleimigen oder serösen Sekret bei,
von dem sie sich durch die Eigenschaft der Verkäsung unterscheidet: die
Form der strukturlosen tuberkulösen Materie, ob als rundlicher Körper oder
als diffuse Masse, ist rein akzidentell und ganz von der Umgebung abhängig:
in den Lungen füllt sie die Luftbläschen und die Bronchien aus, deren Innen¬
fläche sie ringförmig bedeckt, während das Lumen anfangs noch flüssiges,
schleimiges Sekret enthält, was Laennec und andere irrtümlich als zentrale
Erweichung eines festen Knötchens deuteten; bei längerer Dauer kann die
ganze Masse opak, gelb und fest werden. Auf diese Weise erklärt sich die
von C a r s w e 1 1 so schön abgebildete bäumchenartig verästelte Form der
tuberkulösen Herde der Lungen; durch Infiltration eines grösseren Teiles der
Lunge mit tuberkulöser Materie entsteht eine gleichmässige Verdichtung, die
in Zerfall (Gangrän) übergeht (Taf. IV, 1). Man darf selbstverständlich weder
bei Laennec noch bei Carswell bei der akzidentellen tuberkulösen
Materie an eine Gewebsneubildung im heutigen Sinne denken. Eine solche
stellt sich nach C a r s w e 1 1 erst sekundär ein bei der Auskleidung einer
Zerfallshöhle durch Umwandlung des koagulierten Fibrins in Schleimhaut- oder
fibröses Gewebe, was für die Heilung der Phthise sehr wichtig ist.
Im wesentlichen findet sich diese Anschauung von der Entstehung der
tuberkulösen Materie als Exsudat aus den Gefässen auch bei Andral (der
dasselbe dem Eiter an die Seite stellt), bei Hasse (1. c.), im wesentlichen
sogar noch bei B. Reinhardt7) („ein auf einer bestimmten Stufe der Ent¬
wickelung stehengebliebenes Exsudat“), der aber doch das Eiterkörperchen,
die Exsudatzelle als seine morphologische Grundlage betrachtete. Es war erst
Virchow, der die Entstehung des Tuberkels als Neubildung aus den
Gewebszellen nachwies.
Laennecs Ablehnung der entzündlichen Natur des tuberkulösen
Prozesses bezog sich auf die gewöhnliche Lungenentzündung und Ver¬
eiterung (1. c. S. 38. § 48). Die spätere Forschung hat ihm darin volt-
I ständig Recht gegeben. Uebrigens ist ja auch die entzündliche Natur
des Tuberkels nicht bloss durch Virchow selbst, sondern auch neuer¬
dings wiederholt in Abrede gestellt worden. Virchow unterschied bei
j der Phthise das aus dem Zerfall von miliaren Tuberkeln der Bronchial-
i Schleimhaut entstehende Geschwür, welches nach der Zerstörung der
Bronchialwand auf die Umgebung übergreift und „peribronchial“ wird;
I dann entsteht in der Umgebung ein nicht tuberkulöser, sondern ent-
' zündlicher Prozess, eine Pneumonie mit Neigung „zu eitriger
Zerstörung“. Nach Virchow ist daher die Bronchiolitis und
Bronchitis tuberculosa der wesentlichste Ausdruck der
Phthisis tuberculosa8). Der Nachweis der ersten Entstehung
des tuberkulösen Prozesses in der Wand der Bronchien und der
dadurch erst erklärte notwendige Zusammenhang mit den Kavernen
heit konnte höchstens im Sinne einer Dyskrasie oder Diathese (Skrofulöse)
die Rede sein. Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, dass in dem¬
selben Jahre, in dem das obige Urteil gefällt wurde, mit der Entdeckung der
Tuberkelbazillen die schon vorher angenommene ätiologische Einheit der
Tuberkulose sicher festgestellt wurde. Virchows Referat über seinen
Besuch des klimatischen Kurorts Abastuman. Virch. Arch. 1882, 82, S. 183.
s) F. Marchand: Die neuen Anschauungen über die Natur der Tuber¬
kulose. D.m.W. 1883 Nr. 15 und: Klinische, anatomische und ätiologische
Krankheitsbegriffe. M.m.W. 1920, Nr. 24, S. 681.
6) Robert Cars well: Illustrations of the elementary forms of Disease.
London 1838.
7) Benno Reinhardt: Charitee-Annalen Ser. I. 1850, 1, S. 262. —
Derselbe: Tuberkulisierung der Exsudate und Tuberkulose überhaupt.
Siehe dessen Pathologische Untersuchungen, herausgeg. von R. Leu-
b u s c h e r, Berlin 1852.
8) Es verdient hervorgehoben zu werden, dass bereits Hasse, ein aus¬
gezeichneter Beobachter, die in der Umgebung der erweichenden Tuberkel
im Lungengewebe sich verbreitende Entzündung genau beschrieben hat.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
segenfiber der früheren umgekehrten Auffassung war ein besonderes
V AufV^Tr^mm/eTnes tuberkulöse* i h. aus einer knötehe,.-
förmiRen Neubildung entstandenen Prozesses und einer rachttub k
der Bronchialwand keineswegs aus eigentlichen Knötchen nervo
zugehen pflegt, sondern aus einer mehr diffusen, zur <5nd
den Ktfatta und dass auch die Knötchen wen» ^
Ä«Sh siÄ'i ä ra?Tinc hl ». £" k « m r » « BIU
iV,.h s!nS ?: f ; «n ‘AS Cher Natur
ir «sr str let;
tÄTÄ«: jsäsä
UnleDte Vi'rc liTwsehe Dualitätslehre trennte unmittelbar zusammen-
ÄiÄr^£f"fXwr^SÄhafchS
ins-isch-aiiatomische Diagnostik entstand, so wertvoll auch die genauere,
durch virchow angebahnte histologische Untersuchung der tuberku-
£en Prozesse war«). Ich glaube, diesen Hinweis, auf diese im all¬
gemeinen bekannten Dinge nicht unterlassen zu dürfen, da in neuerei
Zeit sowohl von pathologisch-anatomischer als von klinischer Seite
-erade bei der Lungentuberkulose wieder der Versuch gemacht wird,
die Trennung der sog. „produktiven“, d. h. Knötchenform der Tube¬
rose von der entzündlichen „exsudativen“ wieder durchzufuhren, also
Z“ SaÄre»uÄZÄ"choff versuchte neue Nomenklatur
der Lungentuberkulose (Schwindsucht) zusammen, der Ersatz des für
die ganze ätiologisch einheitliche Krankheit nun einmal allgemein ein-
führten Namens Tuberkulose durch P h t h ,1 s e, des Adiektm ^tuber-
k n lös durch phthisisch, auch in allen den Fallen wo von ein
Phthise d h. von Zerstörung, Schwindsucht nicht die Rede ist ).
Pr K H. he Bazillus wird zum Bac. phthisicus degradiert Durch
di^se auf alle tuberkulösen Prozesse ausgedehnte Anwendung dei
Bezeichnung P h th i s e, phthisisch entstehen nicht nur neue
Schwierigkeiten für die Verständigung, sondern auch sprachliche Wider-
sprücfie wTe z B. „produktive Phthise“ anstatt produktive Tuberku-
ineP . Schwund Zerstörung kann nie produktiv sein ).
Auf die anatomisch-histologischen Schwierigkeiten der rerinung
der produktiven und der exsudativen Prozesse werde ich noch
ruckkomm en^ Einteilung der Lungentuberkulose in drei, so¬
wohl klinisch als pathologisch-anatomisch verschiedene Stadien lasst
sich nicht Streng durchführen. Ich ziehe es vor, von den Verpremmgs
wegen der Tuberkulose in der Lunge auszugehen, also abgesehen von
der ziemlich selbstverständlichen Ausbreitung per
hämatogenen, dem aerogenen (bronchogenen) und dem interstitielle
(lymAmatSstenm?f einfachsten stellt sich die Tuberkulose der Lunge
bei der Eruption der a k u t e n M i 1 i a r t u b e r k u 1 o s e in einer voi-
“») Ich erinnere mich noch sehr genau, dass wir unsp “*s . YechzUr
Krankheiten .‘derer 0,«u„e. «. T lür die de, Knochen be, denen * . • »
Ä SÄÄSÄÄ « -
Te’ "T«Vi- 9» K daraiul be,«.., das, die
ssiiisilssMä
ÄtaÄ ^aLalirVtedS4lXlchtöff erfolgt. Eine Wiedertaufe
Wäre^fl.nA%\UhWoUfnf:CheZur Nomenklatur der Phthise.. Zschr f Tuber
Sei° C //'s uAs "mein blo^Y Meute® sondern ab gerne me
aiSehiriing22)WbenschreiS aber Ss“" Fora Se" Abzehrung (Tabesi sehr genau
k r a t e s von Schwindsucht. Aretaeus. auf dessen klassische Schilderung
der Phthise sich Aschoff bezieht, beschreibt sehr treffend den H ab t tu s
phthLicus (siehe Haeser: Oesch. f. Med. 1. S. 346), aber nicht die Lungen¬
veränderungen.
her normalen Lunge durch Einführung der Tuberkelbazillen durch die
Blutgefässe sei es durch Einbruch eines tuberkulösen Herdes m eine
Körnervene IW e i ge rt12)) oder anderweitiges Eindringen in die
Venen oder von den Lymphgefässen un^ deni E)' uct us ' ^oraacus U •
ficki:,)i aus oder durch Injektion von Bazillen in die Venen oeim
SUChDas makroskopische Bild ist allgemein bekannt; die gleichmassige
Grösse und Verteilung der kleinen grauen Knötchen i in den &a"z “kutc
" “ SS Äj.
Rrnnchialwaud zu einer homogenen Masse verschmilzt, so dass da
SSÄ
resniratnrius beginnenden intraazinosen Heides bei Nicol U- c.,
Tafe v In ‘ kann ebenso auch für das sekundäre Uebergreifen eines
hämatogenen Miliartuberkels auf den Bronchiolus selten; solche Bdder
finden sich keineswegs selten bei notorischer hämatogener 1 ub®Julose
besonders bei Kindern. Nicht selten gehen be. ^ langerein § Be stände
diese umschriebenen Herde in grossere, ganze Lobuli umfassende
käSUWeeJn ÜL i’e be rte L? t e*?* ) ‘''in deinem bekannten Werkais
bestimmten Stadem zum Tode führt, nämlich dann, wenn die Tuberkel
etwa hirsekorngross geworden sind, sonst musste man auch em
Miliartuberkel mit erbsengrossen Knoten finden, so beruht diese An
gäbe auf nicht ausreichender pathologisch-anatomischer Erfahru g.
Ganz besonders schnell vollzieht sich die Bildung grosserer, aus
Gruppen von infiltrierten Alveolen und ganzen Azini zusammen¬
gesetzten Knötchen in der kindlichen Lunge, wo es oft nicht möglich ist,
Ulf dem Blutwege entstandene tuberkulöse Herdchen von bronchogen
entstandenen zu ^unterscheiden. Sekundäres Uebergreifen au kleine
Arterien und Venen mit der Möglichkeit weiterer Verbreitung auf andere
Organe, lokale Verbreitung durch die Lymphgefasse sind häufige Folge ,
dlC Aii der ^Bildung* "d e^ K n ö tch en beteiligen sich, wie bei allen tuber¬
kulösen Prozessen in der Lunge, in. erster Linie die wuchernden
Alveolarepithelien, die Gefässendothelien der Bki tkapiUare n dl^
der Infektion zugrunde gehen, wodurch die Gefasslosigkeit der Knotcnei
erklärlich ist Bindegewebszellen, Lymphozyten und spärliche Leuko-
z den fehrner fldiges Fibrin, welches .sich in allen in Verkäsung be¬
griffenen Teilen mehr oder weniger reichlich unterscheidet. Rjesen
Sellen (die aus verschiedenen Elementen, aus Epithel- und Endothel¬
zellen hervorgehen) sind bei den länger bestehenden Knötchen häufig,
können Xe" bei den schnell entstandenen, besonders be, Kindern ganz
fehlen Die käsige Nekrose beginnt im Zentrum1 des Knötchens und
kann bei grösseren Herden zur Erweichung und Einschmelzung fuhren.
Die elastischen Fasern werden durch die gewucherten Zeilen i aus-
e umdeS' u gt bSiben aber noch erhalten. Bei längerer Dauer
“ durch Zunahme des das Knötchen durchziehenden Binde-
£°w3,es bei zurücktreTender Verkäsung und nach Resorptmn des
toten Materials zur Bildung fester fibröser Knötcheiu die a's ausgehgh
zu betrachten sind (sehr häufig an der Pleura) £er Gehalt an Bazillen
kann sehr wechseln Es geht daraus hervor, dass der „Miliartuberkel
keineswegs eine einheitliche Neubildung, sondern ein recht zusammen-
gesSs Gebilde ist. an dem sich auch exsudative Vorgänge reichlich
beteiligen können so dass keine Veranlassung ist, ihn als eine produk-
tiv^e Neubildung von anderen tuberkulösen Prozessen
ihn andererseits wegen seines zusammengesetzten „tubuloazinosen
B-uies (nach v. Baumgarten) und des zum grossen Teile mtra
alveolären Sitzes nicht als tuberkulöses Knötchen, als Tuberkel zu
bezeichnen17). Das tuberkulöse Knötchen geht ohne scharfe Grenze
in das käsig-pneumonische Herdchen üben Vergleicht man diese kur
Beschreibung mit der ausgezeichneten Darstellung in Orths Lehr
huch (ßd I 1887 S 457) und seiner pathologisch-anatomischen Dia¬
gnostik so wird man sich überzeugen, dass sie im wesentlichen dam.
übereinstimmt, aber ebenso auch mit der Schilderung der di.sseminierten
Miliartuberkulose und dem die Tuberkel umgebenden kasig-pneumom-
»{ Bkfw^n und^Bericht /er- Naturf.-V^'r^Mü'ndien 1877= vergl. dazu
5 ‘ ' '1') "sfehe 'hierübe0'1 die' Diskussion in der Sitzung ^^Pathologischen
D^e se S Ausgänge* ^e ?U i I U Bub er kulose Ybis zur ' Höh.enbildung) bei 5 bis
6 Wochen Dauer sind bereits von C.F-.Hasse beschrieben worden. Spez.
P‘lth«) v.^aü mieten: Geber den Beginn und das . 69° g ^27
tuberkulöse n Prozesses bei der Lungenphthise. Zieglers Beitr 1911, 6<L S. 27.
'"”“q Ll,b“ meiste,: T«be,k«lose ihre ,e,seb,ede«e„ Ersehe»
nungsformen und Stadien, sowie ihre Bekämpfung. Berlin 1921, S. 135 ff.
K«) Vergl. die ablehnenden Aeusserungen von 0 r 1 und v°n c h 0
gegenüber Kronberger. Beitr. z. Klm. d. Tub. 1914, 33, S. 267.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
3
sehen Exsudat in den Alveolen (S. 442 u. 462, Fig. 106 u. 115). Wenn
Orth (S. 452) den Tuberkel eine Neubildung, eine Gewebsproduktion,
aber keine Geschwulstbildung (wie Virchow), sondern vielmehr ein
Entzündungsprodukt, wenn aue'h nicht ein Erzeugnis exsudativer, son¬
dern produktiver Entzündung nennt, so bezieht sich das auf das Zen¬
trum, während die Peripherie als „käsig-pneumonisches Exsudat“ be¬
zeichnet wird. Es ist nicht zu bestreiten, dass eine solche Unter¬
scheidung an einem und demselben Knötchen sehr willkürlich ist. Im
Widerspruch damit steht die spätere Aeusserung Orths, dass es zu
erheblicher Verwirrung geführt habe, dass man auch die granulomatösen
Prozesse entzündlich genannt habe ,s). Tatsächlich lassen sich die
exsudativen Prozesse nicht scharf von den produktiven trennen, wie
ich an anderer Stelle genauer auseinandergesetzt habe1 2 *”). Virchow
selbst nannte die kleinen Infiltrationsherde „miliare käsige Hepati¬
sation“, doch berechtige nichts dazu, die Masse als tuberkulös zu
bezeichnen, da sie sich ganz nach Art einer entzündlichen Hepatisation
durch zunehmende Anhäufung von zelligen, zuweilen zellig fibrinösen
1 eilen in den Räumen der Lungenbläschen und Bronchien entwickelt;
der Unterschied von der gewöhnlichen Hepatisation beruhe eben nur
auf der frühzeitigen Verdichtung und Nekrobiose des festgewordenen
Materials. Wir wissen längst, dass diese Ansicht nicht richtig war, dass
die gewöhnliche fibrinöse Hepatisation sich ganz anders als die durch
den Tuberkelbazillus hervorgerufene verhält, und dass das käsige
Material etwas ganz anderes ist, als „eingedickter Eiter", neben dem
„möglicherweise auch eine Tuberkulose in der Wand der Luftwege
bestehen kann“ (Virchows Geschw. 11 S. 601). Aber das Gewöhnliche
ist nach V i rc h o w dabei die skrofulöse Bronchitis, mit Ein¬
dickung des Sekrets und Verstopfung der Luftwege oder Ver¬
dickung ihrer Wandung. Diese Anschauungen, ebenso wie die über die
käsigen (sog. skrofulösen) Drüsen haben sich im Laufe von 50 bis
60 Jahren von Grund aus geändert und es ist nicht der geringste Grund
vorhanden, noch jetzt darauf zurückzukommen und einen Unterschied
zwischen solchen skrofulösen (= exsudativen) und tuberkulösen Ver¬
käsungen zu machen. Uebrigens ist von Interesse, dass Virchow
den skrofulösen Drüsen unzweifelhaft infektiöse Eigenschaften zu¬
schrieb (1. c. S. 607), wie er andererseits auch an der Infektiosität der
I uberkulose im eigenen Körper nicht zweifelte und die nahe Verwandt-
schaft, das häufige Koimzidieren und Aufeinanderfolgen beider zugestand
(S. 630). Aus der ganzen Darstellung Virchows geht hervor dass
ihm die Abgrenzung der verkäsenden Entzündungen (Skrofulöse) von
der Tuberkulose keineswegs leicht war; ja, er hält es für möglich, dass
man späterhin wieder dahin kommen werde, „die Tuberkulose einfach
als heteroplastische Skrofulöse anzusehen*4 (1. c. S. 629), dass man also
beide auf eine spezifische „Tuberkeldyskrasie“ wie früher zurückführen
werde, wenn auch bis jetzt niemand die spezifische Substanz im Blute
gefunden habe. Seitdem diese in Gestalt der Tuberkelbazillen nach¬
gewiesen ist, ist jeder Grund zu einer Unterscheidung von Tuberkulose
und Nicht-Tuberkulose lediglich nach morphologischen Kriterien fort¬
gefallen.
Tuberkulose ist eben ein ätiologischer Begriff
geworden. . Dieser Name sollte also bei allen klinischen und patho¬
logisch-anatomischen Diagnosen vorangestellt werden.
Die wichtigste Form der Lungentuberkulose, die der tuberku¬
lösen Phthise zugrunde liegt, kommt in der Regel durch Ver¬
breitung von einem älteren tuberkulöskäsigen Herde aus auf dem Luft¬
wege, aerogen, zustande. Besonders deutlich lässt sich das an einem
Einbruch einer verkästen Lymphdrüse in einen grösseren Bronchus
zeigen. Im allgemeinen, entsteht das Bild der tuberkulösen, ver-
*äsenden Bronchopneumonie, deren morphologisches Ver¬
ständnis durch die neueren Untersuchungen des normalen Baues der
Lungen durch Fr. E. Schulze, durch Rindfleisch20), La-
g u e s s e * ) und die darauf sich stützenden Darstellungen von N i c o l1 22)
und von Husten 23) unter A s c h o f f, ferner durch Loeschke24)
sehr gefordert worden ist. Der durch R i n d f 1 e Ls c h 25) eingeführte
Begriff des Lungenazinus, der die Endverzweigungen eines Bronchiolus
respiratorius (bzw. auch mit Einschluss des Bronchiolus terminalis) mit
den dazugehörigen Alveolen umfasst, ist von Rindfleisch selbst,
M0n C, r c 0 1 M')' .Qrancher und besonders von A s c h o f f und
Nico1 ) der Schilderung der tuberkulösen Bronchopneumonie, der
Virchow sehen käsigen „Peribronchitis“ zugrunde gelegt worden.
Zweifelsohne war es ein grosses Verdienst Virchows, die
morphologischen Unterschiede der tuberkulösen Prozesse genauer nach-
Tuberkulose. Sitz.-Ber. d. K.
ar cli and: M.m.W. 1920, Nr.
pr.
24,
JN) J. Orth: Zui“ Nomenklatur der
Akad. d. Wiss. 1917, S. 592 und F M
S. 681—686.
„ *0) M a fc h a n d.: Leber den Entziindungsbegriff. Virch. Arcli. 1921,
’ . • 297- O r t h (Diagnostik, 8. A'ufl., S. 306) schlägt vor, den knötchen¬
förmigen Neubildungen die Bezeichnung miliares oder submiliares tuber¬
kulöses Granulom beizulegen; für die Erkrankung
die Bezeichnung „Tuberkulöse Granulie“ für nicht
kulose“ ist jedenfalls einfacher.
■>n ?' Rindfleisch: Lehrbuch der pathologischen Gewebslehre.
2 J La gu esse und Hardiviller: Bibliographie anat. T. VI, 1896.
n ■* N,‘ c° l: Entwicklung und Einteilung der Lungenphthise.
Beitr. z. Klm. d. Tub. 1914, 30.
■ f) K. Husten: Zieglers Beitr. 68, S.
) H. Loeschke: Daselbst, S. 213.
‘ ) E. Rindfleisch: Die chronische
f. klm. Med. 1874, 13, S. 43 u. 245. — De
tuberkulöse in Ziemssens Handb d
5. 2. S. 150.
im ganzen hält er
ungeeignet. „Tuber-
496.
Lungentuberkulose. D. Arcli.
rs. : Chronische und akute Lungen-
spez. Path. u. Ther. 2. Auf!., 1877,
gewiesen zu haben als es Laennec und seinen Nachfolgern möglich
war. Dass das anatomische und histologische Bild einer diffusen
käsigen Pneumonie total verschieden von einer knötchenförmigen
Tuberkulose ist, ist bekannt genug; die pralle homogene Füllung der
sämtlichen Alveolen mit fibrinösen Massen bei der ersteren, oft ohne
erkennbare Reste von Zellen oder Zellkernen, mit gefässlosen Alveolar¬
wänden, die nur noch an dem Verlauf der elastischen Fasern erkennbar
sind, hat keine Aehnlichkeit mit einer knötchenförmigen Tuberkulose;
in aen Anfangsstadien finden wir aber dieselben Bilder, wie in der Um¬
gebung des miliaren Tuberkels, eiweissreiches, flüssiges Exsudat, Des¬
quamation des gewucherten Epithels, Anhäufung der grossen ge¬
quollenen (oft verfetteten) einkernigen Zellen, Infiltration der ver¬
dickten Alveolenwände mit Lymphozyten, mit dem Absterben dei
Zellen schnell zunehmende Fibrinausscheidung in den Alveolen, Auf¬
hören jeder Zirkulation, homogene Verkäsung und fortschreitenden
Zerfall. Dasselbe Bild der mit verkästem Exsudat gefüllten Alveolen
findet sich im Zentrum der miliaren käsigen Pneumonie (s. Abb. bei
O r t h I. c. Taf. I, Fig. 4).
Der Bronchiolus terminalis teilt sich -dichotomisch in zwei Bronchioli
respiratorii, die auf der einen „inneren“ Seite mit Alveolen besetzt, auf der
ausseren glatt and noch mit niedrigem Zylinderepithel bekleidet sind; an
dieser Seite verlaufen die begleitenden Gefässe. Sehr oft findet man an
Lungenschnitten etwas grössere Lufträume, die an der einen Seite die Epithel-
beklei-dung zeigen, während auf der anderen Seite die alveolären Aus¬
buchtungen mit dem zarten respiratorischen Epithel liegen. Die Bronchioli
respiratorii gehen unter wiederholter Teilung in die etwas weiteren kurzen
Alveolargänge (Ductuli alveolares Schulze) über, die stellenweise noch
niedriges Zylinderepithel haben, und dann in den stärker erweiterten blinden
Sacculi alveolares (den früher sog. Infundibula) enden. (In der Abbildung
bei Husten, die auch A s c h o f f wiedergibt, erscheinen die Alveolar¬
gänge etwas langgestreckt.) Der engste Teil des Gangsystems ist der
Bronchiolus terminalis, der noch mit Muskelfasern versehen, also kontraktil
ist. Da die Alveolen der benachbarten Systeme miteinander in Verbindung
stehen, können alle entzündlichen, infektiösen Prozesse direkt von dem einen
in das andere übergehen, wie die bekannten Fibrinstränge bei der Pneumonie
zeigen.
Während bei der katarrhalischen und der fibrinösen oder kruppösen
lobulären und lobären .Entzündung das Exsudat das Lumen der Bronchiolen
ausfüllt und kontinuierlich in die Alveolen übergeht, ist bei der abszedierenden
Bronchopneumonie die Bronchialwand eiterig infiltriert; das eiterige Exsudat
und die Infiltration des Gewebes mit schnell folgendem Zerfall geht auf das
Alveolargewebe über, bei der tuberkulösen Bronchitis und Bronchopneumonie
ist das gleiche der Fall, jedoch mit dem Unterschied, dass die Wand der
Bronchiolen und die Alveolar-Septa tuberkulös, d. h. mit Lymphozyten und
gewucherten Gewebszellen infiltriert sind, und in Verkäsung und Zerfall über¬
gehen. Die auf diese Weise entstandenen Höhlen hängen daher ausnahmslos
ini) Bronchien, zusammen. (Tuberkulös-käsige Bronchopneumonie oder
azinös-nodöse Phthise A s c h o f f s mit ihren verschiedenen Ausgängen, mehr
oder weniger starker Bindegewebswucherung, die im allgemeinen bekannt
sind.) Die festeren, schwärzlich pigmentierten Formen der knotigen Tuber¬
kulose finden sich zuweilen in Fällen von angeblich schnellem Verlauf, bei
dem man klinisch eine frische Verkäsung vermutet hatte.
, Vergleicht man die Abbildung Fig. 8 (S. 306) in meiner Asthmaarbeit
(Zieglers Beitr. 61.) aus einer fibrinösen Pneumonie mit Nicols Abbildung
(L c. Taf. III d) eines ganz frischen azinösen Prozesses mit beginnender
tuberkulöser Verkäsung, so kann man sich leicht von der Uebereinstimmung
beider uberzeugen, nur mit dem Unterschied, dass die Wand und das Zwischen-
gewebe in der Nachbarschaft der beginnenden Verkäsung zellig infiltriert ist;
weiter nach der Peripherie würde die Verkäsung vermutlich schon grösseren
Umfang gehabt haben. (Im Text S. 250 ist das Gewebe in der Peripherie
um die zentrale Nekrose „im Lumen des Bronchiolus“ als typisch tuberkulöses
Granulationsgewebe bezeichnet.)
. . v- Baumgarten will den Ausdruck Granulationsgewebe wegen des
Mangels an Gefässen durch „tuberkulöse Infiltration“ ersetzen. Sie entspricht
dem schon von Virchow als tuberkulöse (früher skrofulöse) Bronchitis und
anschliessende Peribronchitis bezeiohneten Zustand (s. oben). Ich habe den
Ausdruck tuberkulös-käsige Peribronchitis als gleichbedeutend mit tuberkulös-
käsiger Bronchopneumonie aus Pietät beibehalten, halte aber den letzteren
Ausdruck für richtiger (wie auch Orth) zur Vermeidung von Verwechslungen;
es ist mir wohl bekannt, dass eine echte tuberkulöse Peribronchitis mit reihen¬
weise die Bronchiolen begleitenden Knötchen mit vielen Riesenzellen nicht
se.ten vorkommt, die mehr den späteren Stadien angehört, die sich durch
reichliche Bindegewebsbildung auszeichnen.
Rindfleisch beschrieb als jüngstes Stadium der Laennec sehen
1 uberkelgranulation oder des „Tuberkelgranulum“ eine tuberkulöse Infiltration
aller Kanten und Vorsprünge an der Uebergangsstelle der kleinsten Bronchien
in die Lungenazim, indem er sich gegen die besonders von Cars well
begründete Vorstellung wendet, dass die traubenförmigen weissen Körper mit
Sekret gefüllte Bronchiolen (und Luftbläschen) seien. Virchow hatte sich
bereits gegen die Lehre vom tuberkulösen Exsudat ausgesprochen (1. c. II.
S. 626) und die Bronchialwand als Ursprung des Prozesses erkannt. In
gewissen Fällen geht der tuberkulöse Prozess von der Wand des engen
Bronchiolus terminalis aus, in vielen anderen von grösseren Bronchien (s. u.).
Das Bild ist aber ebenso verschieden von dem der fibrinösen
(Diplokokken-) Pneumonie, die nicht ganz selten auch in einer Lunge
mit altem ausgeheilten tuberkulösen Herd (Sammlungspräparat Nr. 261,
1908, M. v. 45 J.; Nr. 187, 1906, M. v. 64 J.), und ebenso auch -durch
Mischinfektion bei einem noch im Fortschreiten begriffenen tuberku¬
lösen Prozess verkommt. In diesem Fall kann die Unterscheidung so¬
wohl klinisch als pathologisch-anatomisch schwierig werden.
Es ist eine sehr wichtige, aber, wie mir scheint, noch nicht sicher
zu beantwortende Frage, ob die verkäsende Pneumonie im Anfangs¬
stadium einer Resorption fähig ist, wie es zuweilen selbst bei sehr
umfangreicher lobärer Infiltration angenommen wird. Ist einmal Ver¬
käsung eingetreten, so ist selbstverständlich Resorption nicht möglich.
'-") Charcot: Revue mensuelle 1877, zit. nach Grancher (1. c.).
, _ 4*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. 1.
Vnn französischen Autoren ist wiederholt der Versuch gemacht
worden in der verkffenin Pneumonie dieselben Eormelemente nach-
zuwdsen wie bei der knötchenförmigen Tuberkulose ja sogar die
Existenz 'einer käsigen Pneumonie ganz in Abrede zu stellen und an
öprpn Stelle eine tuberkulöse Pneumonie mit ulzeröser ren
STÄ** immer durch die Qegenwart der
SST T^intraalveoläre eÜiSe Äj
Dunkt der Diathese, sondern auch vom anatomischen tuberkulös sein
Ihlanot2®)! Gegenüber dieser Auffassung wurde besonders v
Orth30) zugunsten der ursprünglichen Lehre Virchows Stellung
u r r n ) zugunsten U Tj | m o- a r t e n noch vor kurzem an seinem
ursprünghehen3»! seiner grundlegenden Beschreibung der histdogischen
pSJme der Lungentuberkulose dargelegten Standpunkt31) fest¬
sten hat dass die verkäsende Pneumonie histologisch nichts anderes
als ein echt tuberkulöser Prozess des Lungengewebes ist, und dass
selbst zw sehen typisch lobulären oder lobären chronisch-käsigen
Pneumonien und dem typischen Tuberkel des Lungengewebes nur
quantitative und graduelle Differenzen existieren .
Da nach der fast allgemeinen Auffassung die Entzündung die Be¬
deutung eines reaktiven Prozesses gegenüber der Einwirkung von
Schädlichkeiten besitzt, so ist die Frage naheliegend, wie weit dem
tuberkulösen Prozess eine solche Bedeutung zukommt. Dass auch hier
Reaktive Vorgänge eine grosse Rolle spielen, die zur Heilung fuhren
können ist zweifellos und wohl allgemein anerkannt. Als solche
kommen in erster Linie (vielleicht allein) die s°g'
in Frage- auch die Riesenzellenbildung hat nach der Ansicht vieler
diese Bedeutung Bei den zu schneller Verkäsung führenden sog. ex¬
sudativen Vorgängen, obwohl auch bei diesen ausser der Exsudat 10
starke Zellwucherungen mitwirken, stehen doch die sehr bald untei der
Einwirkung der Toxine auftretenden Degenerationserscheinungen so
sehr in dem Vordergrund, dass A s c h o f f s ) Auffassung derselben als
defensive“ Vorgänge nicht begründet erscheint. Mit der Ausstossung
eines nekrotischen, eitrigen Pfropfes beim Furunkel mit nachfolgender
Vernarbung lässt sich doch der Vorgang der Einschmelzung des -
kästen Lungengewebes schwerlich vergleichen (1. c. b. II). auch
werden dadurch die Tuberkelbazillen keineswegs beseJjgti vidiriehr
tritt an der Innenfläche der Höhlen bekanntlich eine oft kolossale Ver¬
mehrung derselben ein.
Die dritte Verbreitungsart der Tuberkulose auf dem Wege
der Lvmphbahnen oder im Bindegewebe (i n t e r s 1 1 1 1 eile I u b e r -
kulose) bedarf keiner eingehenden Erörterung, da sie eine gering r
Selbständigkeit besitzt, aber sehr oft die beiden Hauptformen begle: itet
Man findet die Dissemination von Knötchen auf dem Lymphwege ui der
bekannten charakteristischen Weise in der Umgebung eines
Herdes der Kinderlungen und der der Erwachsenen im Lungengewebe
und in der Pleura, und die weitere Verbreitung im penbronchialen und
perivaskulären Gewebe bei der chronischen Phthise, nicht selten in
Form von netzförmg angeordneten, mit Knötchen besetzten Zugen i
noch lufthaltigem Gewebe. Die peribronchitische Tuberkulose schhesst
sich in der schon von V i r c h o w beschriebenen Weise an die tuberku¬
lös-käsige Bronchitis an, geht auf das benachbarte alveolare Ge¬
webe über und führt zu den zirrhotischen Schrumpfungen.
(Schluss folgt.)
Uebsr Ziegenmilchanämie.
Von Prof. Dr. W. Stoeltzner, Direktor der Universitäts-
Kinderkbnik in Halle a. S.
Die sogenannte Anaemia pseudoleucaemica infantum gehört zu den
Krankheiten, über die wir zwar mancherlei wissen, die uns aber nichts¬
destoweniger in hohem Grade unverständlich sind.
Der Sektionsbefund zeigt deutlich, dass Bildung und Zerstörung der
roten Blutkörperchen lebhaft gesteigert sind. Einerseits hochgradige
Hämosiderosis, besonders der Leber; andererseits das intensiv rote
Knochenmark in verstärkter Erythropoese begriffen; ausserdem neu-
gebildete myeloide Herde nicht nur in der bedeutend vergrosserten Milz,
sondern auch in Leber und Lymphdrüsen, ja sogar in den Nieren.
Das Blutbild bestätigt den gesteigerten Erythrozytenumbau und
lehrt darüber hinaus, dass die Zerstörung über die Neubildung über wiegt.
Polychromasie, sehr zahlreiche kernhaltige Erythrozyten oft auch zahl¬
reiche Megalozyten und Megaloblasten; gleichzeitig bedeutende Ver¬
minderung der Erythrozyten zahl.
2?) j Q ran eher: Tuberculose pulmonaire. Arch. de Physiol. norm.
»* ... nr \T 1C7Ö 1 11 507
et pathol. 2ieme Sdr. T. V. 1878 p. 1 u. 507. , - ..
28) Cornil et Ranvier: Manuel d’Histologie path. 2. Aufl. 1884, 11,
P' V. Hanot: Des Rapports de l'Inflammation avec la Tuberculose.
Thfese de Paris 1883. S. auch HGard, Cornil, Hanot. La Phthisie
pulmonaire. 2. P. anat. pathologique. 2. Ed. Paris 1888. A„.isteilten
M) Joh. Orth: Ueber käsige Pneumonie. Festschrift der Assistenten
f. Virchow, 1891. . , ... 1ÜCC „ c
31) P Baum garten: Zschr. f. klin. Med. 1885. 9, S. 259.
32^ l. Asch off: Die natürlichen Heilungsvorgänge bei der Lui.gen-
phthise. Wiesbaden 1921.
Krass ausgedrückt, ist also nicht nur das Er^r^ten fabriwerende
Stammhaus das rote Knochenmark, auf das stärkste bescnauig .
sondern auch zahlreiche Filialen in Milz, Leber unu ärmeren uigane
produzieren unter Hochdruck Erythrozyten. Aber die Nachfrage ist so
stürmisch dass auch dieser ad maximum entwickelte Betrieb ment
genug liefern kann, obwohl die Ware vielfach in noch unfertigem Zu-
StanRei?lffi”e5raÄ würde eine derartige Erkrankung des Blu¬
tes und der Blutbildungsstätten zwei Möglichkeiten der Erklärung zu
lassen Entweder könnte es sich handeln um eine primäre Steige-
rumr der Neubildung von roten Blutkörperchen, die aber so hinfällig
wären dass auch die vermehrte Produktion mit dem Untergang nicht
Schritt halten könnte. Oder es könnte sich handeln um eine primäre
Steigerung der Erythrozytenzerstörung, die sekundär eine sehr ver¬
mehrte wenngdich trotzdem nicht ausreichende regenerative. Neu-
büdung zur Folge hätte. Für die erste Möglichkeit durfte es in der
ganzen Pathologie kein Analogon geben. Dagegen gibt es f ur du -
zweite Möglichkeit in der klinischen und in der .expenme:
incr.P cn zahlreiche Beispiele, dass sie unzweifelhaft die uberwiegenue
Wahrscheinlichkeit für sich hat. Wir dürfen also „fS6 Zerstörung von
der Anaemia pseudoleucaemica primär eine gesteigerte Zerstörung
Erythrozyten vorliegt, und dürfen die gesteigerte Neubildung als sekun¬
däre regenerative Erscheinung auffassen. Die Anaemia pseuao
leucäemica ist somit ihrem Wesen nach eine chronische hämolytische
AnäDeer' Ausdruck hämolytisch soll nicht besagen, öass die Erythro-
zyten im strömenden Blute aufgelöst werden. Hamoglobmamie pflegt
man bei der Anaemia pseudoleucaemica nicht anzutieffen. VV ahrschein
lieh erfolgt die Auflösung der geschädigten Erythrozyten, zum minde¬
sten in der Hauptsache, in den Organen, die andererseits der R^
tion der roten Blutkörperchen dienen; also im Knochenmark, m nder
Milz in der Leber und in den myeloid metaplasierten Lymphdiusen.
Den chronisch hämolytischen Charakter teilt d\ Anaemia pseudo¬
leucaemica mit der perniziösen Anämie des Erwachsenen. Nebenbei
bemerkt, ist diesen beiden schweren Blutkrankheiten auch die veraltete
Bezeichnung gemeinsam. Denn bei der Anaemia pseudo leucaemica
steht die Störung der Erythropoese entschieden im Vordergrund
und die perniziöse Anämie ist nicht in allen Fällen perniziös. Es fragt
sich nun in welchem Verhältnis die beiden Krankheiten ihrem Wes
nach zueinander stehen. Soweit ich sehen kann, beruhen alle Ver¬
schiedenheiten zwischen ihnen darauf, dass bei üer Anaemia Pseudo-
leucaemica ein stärkeres Regenerationsvermogen festzustel en st D e
extramedulläre myeloide Metaplasie, die auch bei der B l ermer sehen
Anämie nicht ganz fehlt, ist bei der Anaemia pseudoleucaemica un¬
gleich mächtiger entwickelt; das klinische Wahrzeichen dessen ist der
grosse Milztumor. Ferner weist das regelmassige massenhafte Auf¬
treten von kernhaltigen Erythrozyten darauf hin. dass bei der Anaemia
pseudoleucaemica die regenerative Erythropoese in. einem Umfange
gesteigert ist, wie das bei der B i e r m e r sehen Anämie höchstens vor
übergehend, gelegentlich der sog. Blutkrisen, vorkommt. Zu dem
ultimum refugium, der Umstellung der Regeneration auf den embryo¬
nalen megaloblastischen Typus mit erhöhtem Färbeindex, nimmt der
Organismus bei der Anaemia pseudoleucaemica nicht so regelmassig
Zuflucht wie bei der Biermer sehen Anämie. Für die letztere ist
der megaloblastische Typus der Regeneration so ^ut wie obligatorisch
bei der Anaemia pseudoleucaemica kommt er zwar ebenfalls sehr häutig
vor, oft genug findet man aber auch den postembryonalen normoblasti-
SChtAber die hämolytischen Noxen treffen nicht nur die Erythrozyten,
Sondern auch die Leukozyten; und hier zeigt sich das uberlegene
Regenerationsvermögen der Anaemia pseudoleucaemica am alleraeut
lichsten. Bei ihr finden wir als Regel eine ansehnliche Leukozytose,
bei der Biermer sehen Anämie, ausser in Remissiqnszeiten, ebenso
regelmässig Leukopenie. Vergleichen wir die Anaemia pseudo-
ffiSKnit der in Remission begriffenen B i e r m e r sehen Anämie,
so nähern sich die Blutbilder bedeutend. Durch experimentelle Hämo¬
lyse hat Re c k z e h 3) bei jungen Tieren das Bild der Anaemia pseudo¬
leucaemica, bei ausgewachsenen das Bild der B 1 e r ™ ® s
hervorrufen können. Ich komme nach alledem zu dem Schluss dass
die beiden Krankheiten im Wesen identisch sind, und dass die Unter¬
schiede sich aus den Altersverschiedenhelten der Erkrankten erklaien
Das Verhältnis ist also ähnlich wie dasjenige zwischen der Rachitis
und der Osteomalazie. Die Anaemia pseudoleucaemica ist. die rela¬
tiv gutartige frühinfantile Form der B i e r me £ sehen Anämie.
Wie bei der Analyse eines jeden Krankheitszustandes, so ist auch
in unserem Falle streng zu unterscheiden zwischen ens morbi und
causa morbi. Wenn Anaemia pseudoleucaemica und Biermerscne
Anämie in ihrem Wesen identisch sind, so folgt daraus keineswegs,
dass auch ihre Ursachen identisch sein müssten. Nach allem was
darüber ausgesagt werden kann, hat die Anaemia pseudoleucaemica
ebensowenig wie die Biermer sehe Anämie eine einheitliche Aetio-
loGe Die Art des hämolytischen Giftes bleibt in manchen Fallen
ganz' unbekannt; in anderen Fällen darf eine alimentäre oder eine in¬
fektiöse Herkunft der schädlichen Stoffe, angenommen werden. Neben
den äusseren Ursachen, den hämolytischen Giften, ist als innere
Ursache offenbar eine konstitutionelle Disposition von wesentlicher
ätiologischer Bedeutung.
i) Reckzeh: Ueber die durch das Alter der Organismen bedingten
Verschiedenheiten der experimentell erzeugten Blutgiftanamien. Zschr. t.
klin. Med. 1904, 54.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
5
Viel umstritten ist die Stellung der Anaemia pseudoleucaemica
einerseits zu den „einfachen“ Anämien des frühen Kindesalters, anderer¬
seits zu der regelmässig mit ihr verbundenen Rachitis. In beiden
Punkten bringen die neuen Erfahrungen, über die ich im folgenden
berichten möchte, wesentliche Aufklärung.
Seit etwa einem Jahre sehen wir hier in Halle auffallend viele
schwere Anämien bei kleinen Kindern, die längere Zeit mit Ziegen¬
milch ernährt worden sind. Wenngleich die Verwendung von Ziegen¬
milch für die Säuglingsernährung häufiger geworden ist, als sie früher
war, so wird doch noch immer die übergrosse Mehrzahl aller Säuglinge
entweder mit Frauenmilch oder mit Kuhmilch ernährt; da nun zurzeit
die meisten schweren Säuglingsanämien mit Ziegenmilch ernährte
Kinder betreffen, so ist zwischen der Ziegenmilch und der Anämie
zweifellos ein kausales Verhältnis anzunehmen. Ein zufälliges Zu¬
sammentreffen ist um so unwahrscheinlicher, als der Zusammenhang
zwischen Ziegenmilchernährung- und schwerer Anämie auch anderen
Beobachtern an anderen Orten aufgefallen ist.
Das Verdienst, zuerst auf diesen Zusammenhang hingewiesen zu
haben, gebührt einer Aerztin, Johanna Schwenke2)- Sie hat im
Jahre 1918 mitgeteilt, dass in mehreren in der Breslauer Kinderklinik
beobachteten Fällen von Anaemia pseudoleucaemica nicht Kuhmilch,
sondern Ziegenmilch verabreicht worden war. Im Jahre 1919 meldet
B lühdorn3) aus der Göttinger Kinderklinik dasselbe. Zwei Drittel
seiner Fälle betreffen mit Ziegenmilch ernährte Kinder, während nach
der relativen Seltenheit, mit der die Ziegenmilch in der Göttinger
Gegend als Säuglingsnahrung verwendet wird, eine weit kleinere
Zahl zu erwarten wäre. Göppert und Langstein4) nennen 1920
unter den Ursachen der Säuglingsanämien die Ziegenmilch mit in erster
Linie.
Natürlich wäre es ein grobes Missverständnis, wenn jemand meinen
wollte, die Anaemia pseudoleucaemica oder gar alle schweren Säuglings¬
anämien seien nunmehr als Vergiftungen durch Ziegenmilch erkannt.
Die Ziegenmilch ist ein ätiologisches Moment neben anderen: die
Ziegenmilchanämie ist zurzeit infolge der vermehrten Ziegenhaltung
besonders häufig; mit Einschränkung der Ziegenmilch als Säuglings¬
nahrung wird sie wieder selten werden, und es werden die Anämien
anderer Aetiologie wieder in den Vordergrund treten. Die Ziegen¬
milchanämie ist eine episodische Erscheinung der Nachkriegszeit.
Sichere Erkrankung an schwerer Ziegenmilchanämie haben wir im
Laufe des Jahres 1921 in 4 Fällen gesehen.
Die Kinder standen, als sie in unsere Beobachtung eintraten, im
Alter von 5 bis 15 Monaten und waren die letzten 2 bis 5 Monate mit
Ziegenmilch ernährt worden. Das jüngste und das älteste Kind hatten
eine ziemlich schwere Rachitis, die beiden mittleren waren, soweit das
am Lebenden beurteilt werden kann, von Rachitis frei. Die beiden
rachitischen Kinder hatten einen grossen Milztumor; von den beiden
anderen hatte das eine eine nur eben deutlich fühlbare Milz, bei dem
anderen war eine Milzschwellung überhaupt nicht nachzuweisen. Alle
4 Kinder sahen wachsbleich aus. Der Hämoglobingehalt schwankte
zwischen 20 und 40 Proz. Der Färbeindex verhielt sich nicht einheitlich.
Die Erythrozytenzahl betrug 720 000 bis 2 200 000. Megaloblasten
wurden in den beiden Fällen ohne Rachitis und ohne Milztumor ver¬
misst. Die Zahl der Leukozyten schwankte zwischen 12 000 und 27 000.
In je einem Falle mit und ohne Milztumor bestand neben der
schweren Anämie eine Bronchopneumonie, die zum Tode führte, bevor
das Weglassen der Ziegenmilch auf die Anämie zur Wirkung kommen
konnte. Die beiden anderen Kinder, die von Komplikationen frei waren,
sind durch Weglassen der Ziegenmilch und Umsetzen auf gemischte
Kos£ mit knapp 'A Liter Kuhmilch pro Tag geheilt worden. Bei dem
Kinde ohne Milztumor stieg schon in den ersten 10 Tagen nach Weg¬
lassen der Ziegenmilch die Erythrozytenzahl von 720 000 auf 1 800 000
Bei dem anderen Kinde, das den pseudoleukämischen Typus darbot,
hat es allerdings 4% Monate gedauert, bis Anämie und Miiztumor ver¬
schwunden waren; doch ist auch das in Anbetracht der Schwere des
Falles ein sehr guter Erfolg.
In der Ziegenmilchanämie haben wir eine schwere Säuglingsanämie
mit genau bekannter Aetiologie vor uns. Es ist nun sehr bemerkens¬
wert, dass eine und dieselbe Noxe, eben die Ziegenmilch, bei manchen
Kindern eine Anaemia pseudoleucaemica. bei anderen eine schwere
„einfache“ Anämie hervorruft, die beide nach Aussetzen der Ziegen¬
milch zur Heilung kommen. Da die Anaemia pseudoleucaemica eine
hämolytische Anämie ist, und da nicht angenommen werden kann, dass
die Ziegenmilch auf zwei verschiedenen Wegen zwei ganz verschiedene
Arten von schwerer Anämie verursacht, so sind auch die „einfachen“
Ziegenmilchanämien als hämolytische Anämien anzusehen. Das heisst,
hämolytische Anämien können beim Säugling bald unter dem Bilde
der Anaemia pseudoleucaemica, bald unter dem Bilde einer „einfachen“
Anämie auftreten. Eine Trennung zwischen „einfacher“ Anämie und
Anaemia pseudoleucaemica in dem Sinne, dass zwei verschiedene
Krankheiten vorlägen, ist nicht aufrecht zu erhalten.
Die ätiologische Einheitlichkeit der Ziegenmilchanämien erlaubt es,
zu dem Verhältnis zwischen der Anaemia pseudoleucaemica und den
„einfachen“ Säuglingsanämien so bestimmt Stellung zu nehmen. Ini
Grunde wird damit nur eine Auffassung gestützt und wohl endgültig
2) Johnnna Schwenke: Ueber schwere Anämien im frühen Kindesalter.
Jahrb. f. Kindhlk. 1918, 88. H. 3—5, S. 294.
3) Blühdorn: Ueber alimentäre Anämie im Säuglings- und frühen
Kindesalter. B.kl.W. 1919 Nr. 8.
4) Göppert und L a n g s t e i n: Prophylaxe und Therapie der Kinder¬
krankheiten. Berlin, Julius Springer, 1920, S. 212.
festgestellt, der die besten Kenner der kindlichen Anämien sich .ohnehin
mehr und mehr zuneigen. F i n k e 1 s t e i n, J a p h a, K 1 e i n s c h tiu d t,
Nägel i, v. Pfaundler, Schwenke sind übereinstimmend der
Ansicht, dass eine scharfe Trennung der Anaemia pseudoleucaemica
von den „einfachen“ Anämien nicht möglich ist. Schon innerhalb der,
Anaemia pseudoleucaemica bestehen insofern Unterschiede, als in
manchen Fällen die Umstellung auf den embryonalen Regenerations¬
typus vermisst wird. Diese Fälle ohne Megalozyten und Megaloblasten
und mit einem Färbeindex unter 1 sind einerseits mit den Fällen mit
megaloblastischem Blutbilde, andererseits mit den „einfachen“ An¬
ämien ohne grossen Milztumor durch fliessende Uebergänge verbunden.
Auch bei gewöhnlichen sekundären Anämien junger Kinder treten be¬
kanntlich kernhaltige Erythrozyten und auch Myelozyten gar nicht
selten im Blutbilde auf. Ebensowenig ermöglicht die Milzschwellung,
die extramedulläre myeloide Metaplasie oder die Hämosiderosis eine
durchgreifende Trennung.
Kehren wir zur Ziegenmilchanämie zurück, so ist es klar, dass
die hämolytische Noxe in allen Fällen die gleiche ist, mag es nun zur
Ausbildung einer „einfachen“ oder einer pseudoleukämischen Anämie
kommen. Welcher besondere Umstand ist nun für die Ausbildung der
pseudoleukämischen Form entscheidend?
Die naheliegende Vermutung, dass die leichteren Fälle als „ein¬
fache“, die schwereren als pseudoleukämische Anämie verlaufen, trifft
nicht zu. Gewiss ist die pseudoleukämische Anämie eine sehr schwere
Anämie; doch haben wir die niedrigsten Hämoglobin- und Erythrozyten¬
zahlen gerade bei der „einfachen“ Ziegenmilchanämie gefunden.
Ebensowenig wie eine besondere Schwere der hämolytischen Ver¬
giftung kann ein besonders frühes Lebensalter für die Entwicklung der
pseudoleukämischen Anämie verantwortlich gemacht werden. Alle
unsere Fälle betreffen ganz junge Kinder; und interessanterweise
hatten das allerjüngste und das relativ älteste Kind eine Anaemia
pseudoleucaemica, die beiden im Alter dazwischen stehenden eine
„einfache“ Anämie. Wir sehen also einerseits bei Säuglingen schwerste
hämolytische Anämie ohne pseudoleukämischen Charakter; andererseits
bei der B i e r m e r sehen Anämie des Erwachsenen ganz regelmässig
die Umstellung auf den embryonalen Reaktionstypus.
Es bleibt nichts anderes übrig, als einen inneren konstitutionellen
Faktor dafür verantwortlich zu machen, dass auf dieselben Einwir¬
kungen, die bei anderen kleinen Kindern eine „einfache“ Anämie zur
Folge haben, sich bei manchen eine Anaemia pseudoleucaemica ent¬
wickelt.
Welcher Art kann nun dieser konstitutionelle Faktor sein? Fs
muss ein Moment sein, das den ersten Lebensjahren eigentümlich ist
und das in dieser frühen Lebenszeit in weiter Verbreitung und in allen
erdenklichen Abstufungen vorkommt. Macht man sich das klar, so
wird man sogleich an die Rachitis denken..
Von unseren vier Kindern mit schwerer Ziegenmilchanämie hatten
die beiden mit Anaemia pseudoleucaemica eine ziemlich starke Rachitis,
die beiden mit „einfacher“ Anämie waren von Rachitis frei. Das ist
kein Zufall. Dass die Anaemia pseudoleucaemica regelmässig mit
Rachitis verbunden auftritt, ist seit langem bekannt. Ueber die Be¬
ziehungen der beiden Zustände zueinander herrschen bis jetzt die
grössten Meinungsverschiedenheiten. Auf der einen Seite wird das
regelmässige Zusammenvorkommen als zufällig angesehen: auf der
anderen Seite gehen Aschenheim und Benjamin5) soweit,
dass sie die Anaemia pseudoleucaemica in der Rachitis aufgehen lassen
und sie als rachitische Megalosplenie bezeichnen. Beides ist unrichtig.
Vielmehr ist die Anaemia pseudoleucaemica die Form, in der die chro¬
nischen hämolytischen Anämien bei rachitischen Kindern auftreten.
Chronische Hämolyse macht bei Säuglingen ohne Rachitis eine mehr
oder weniger schwere „einfache“ Anämie; Rachitis an sich macht über¬
haupt keine erheblichere Anämie; wohl aber modifiziert die Rachitis die
Reaktion auf hämolytische Gifte dahin, dass die Blutregeneration den
kompensatorisch überlegenen pseudoleukämischen Tvpus annimmt. Die
Anaemia pseudoleucaemica ist die epirachitische Form der friihinfan-
tilep hämolytischen Anämien.
Ich komme nun zu der Frage, welcher Bestandteil der Ziegenmilch
das hämolytische Agens darstellt.
Bisher hat nur Blühdorn versucht, die anämisierende Wirkung
der Ziegenmilch zu erklären; er beschuldigt ihren hohen Fettgehalt.
Diese Erklärung kann nicht befriedigen. Denn die Ziegenmilch hat
einen geringeren Fettgehalt als die Frauenmilch; und doch wirkt die
Frauenmilch nicht wie die Ziegenmilch anämisierend; im Gegenteil, es
ist bekannt, dass selbst schwere Anämien unter Ernährung mit Frauen¬
milch abheilen können: obwohl die Frauenmilch im Gegensatz zur
Ziegenmilch unverdünnt genossen zu werden pflegt.
Ich mache mir von dem Zustandekommen der Ziegenmilchanämie
folgende, vorläufig hypothetische, Vorstellung.
Bekanntlich werden die hohen Fettsäuren, die im Darm aus den
Fetten abgespalten werden und dann als Seifen zur Resorption kommen,
schon in der Darmwand wieder zu Glvzeriden synthetisiert. Diese
Veresterung zu Neutralfetten wirkt entgiftend: sie schützt den Körner
vor der Ueherschwemmung mit hämolytisch wirksamen Seifen
TM e y e r s t e i n 6)1. Nun fragt es sich, ob diese für die hohen Fett¬
säuren sichergestellte sofortige Rückbindung an Glyzerin auch für die
5) Aschenheim und Benjamin: Ueber Beziehungen der Rachitis
zu den hämatonoetischen Organen. I. Mitteilung: Die rachitische Megalo-
,'p!er;e ( Anaemia pseudoleucaemica infantum). D. Arch. f. klin. Med. 1909. 97.
e) Meyerstein: Ueber Seifenhämolyse innerhalb der Blutbahn und
ihre Verhütung im Organismus. D. Arch. f. klin. Med. 1912, 105.
6
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
löslichen Fettsäuren Geltung hat. Der sehr geringe Gehalt der
Frauenmilch an löslichen Fettsäuren scheint mir dafür zu sprechen,
dass die letzteren in der menschlichen Darmwand ment, oder wenig¬
stens bei reichlicherer Zufuhr nicht mit genügender Vollständigkeit zu
Glyzeriden zurückverestert werden. Trifft das zu, so werden die lös¬
lichen Fettsäuren in nicht entgifteter Form in das Blut gelangen; und
da die Ziegenmilch etwa 8 mal so viel lösliche Fettsäuien enthalt wie
die Frauenmilch, so scheint es mir nahezuliegen, die in der Ziegen-
milch besonders reichlich enthaltenen löslichen Fettsäuien, die der
Ziegenmilch und der Ziegenbutter auch ihren eigenartigen Geruch und
Geschmack verleihen, also die Capron-, üapryl- und Capi insäure, als
die Träger der anämisierenden Wirkung zu vermuten. Mein Mit¬
arbeiter Herr Dr. Weinberg, ist damit beschäftigt, diese Säuren aut
ihre hämolytischen Eigenschaften näher zu untersuchen und sie in
diesem Punkte mit den übrigen Fettsäuren zu vergleichen.
Die Kuhmilch nimmt bezüglich ihres quantitativen Gehaltes an lös¬
lichen Fettsäuren zwischen der Frauenmilch und der Ziegenmilch eine
Mittelstellung ein. Qualitativ unterscheidet sich die Kuhmilch von der
Ziegenmilch insofern, als in ihr die relativ harmlose Buttersäure über
die Capron-, Capryl- und Caprinsäure überwiegt. Ist die hämolytische
Wirkung der Ziegenmilch auf Rechnung ihrer löslichen Fettsäuren zu
setzen, so ist also zu erwarten, dass der Kuhmilch eine ähnliche anämi-
sierende Wirkung zukommen wird, jedoch in weit geringerem Grade.
Das ist tatsächlich der Fall. Dass unter Ernährung mit Kuhmilch
Säuglinge anämisch werden können, ist allgemein bekannt. Auch die
Kuhmilchanämie tritt bald als „einfache Anämie, bald als Anaemia
pseudoleueaemica auf. Wird die Kuhmilch durch gemischte Kost, ci-
setzt so heilen diese Anämien in einigen Monaten ab. Der geringe
Eisengehalt der Kuhmilch kann nipht das kausale Moment sein; denn
erstens ist auch die Frauenmilch, die nicht in ähnlicher Weise anami-
sierend wirkt, sehr eisenarm; und zweitens findet sich, worauf
Kleinschmidt7) hingewiesen hat, bei der Kuhmilchanämie in Leber
und Milz Hämosiderosis. Dieser Befund im Verein mit dem Umstande,
dass die Kuhmilchanämie unter dem Bilde der Anaemia pseudo-
leucaemica auftreten kann, lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass
auch die Kuhmilchanämie eine hämolytische Anämie ist. Die KuhmUch
wirkt auf dieselbe Weise wie die Ziegenmilch, nur weit milder. Für
die schwereren Fälle von Kuhmilchanämie ist die Annahme einer bc-
sonderen Disposition nicht zu entbehren.
Zusammenfassung.
1. Ernährung mit Ziegenmilch hat bei Säuglingen häufig eine
schwere hämolytische Anämie zur Folge.
2. Als Träger der anämisierenden Wirkung werden die löslichen
Fettsäuren der Ziegenmilch angesprochen.
3. Aussetzen der Ziegenmilch und Uebergang zu gemischter Kost
bringt die Ziegenmilchanämie zur Heilung, vorausgesetzt dass nicht
schwere Komplikationen bestehen.
4. Die Ziegenmilchanämie tritt bei nichtrachitischen Kindern als
..einfache“ Anämie auf, bei rachitischen als Anaemia pseudoleueaemica.
Die sog. Anaemia pseudoleueaemica ist die epirachitische Form der
frühinfantilen hämolytischen Anämien.
Aus der Universitäts-Frauenklinik (Prof. v. Jaschke) und
der Med. Universitätsklinik (Geh. Rat Prof. Voit) in Giessen.
Ueber die Bedeutung der renalen Schwangerschafts-
glykosurie für die Diagnose der Schwangerschaft.
Von Dr. A. Seitz und Dr. F. Jess.
ln Nr. 50 Jahrgang 1920 dieser Wochenschrift empfehlen Frank
und No th mann die experimentell durch Einnahme von 100 g Trau¬
benzucker erzeugte renale Schwa ngerschaftsglykosurie
als Hilfsmittel zur Frühdiagnose der Schwangerschaft Diese Empfeh¬
lung stützt sich auf die von den Autoren, ebenso wie von G r ün th al )
festgestellte Tatsache, dass gerade in den ersten 3 Schwangerschafts¬
monaten durch Zufuhr von 100 g ’I raubenzucker eine Glykosurie mit
solcher Regelmässigkeit aultritt, dass sie ihnen ermöglichte, die Dia¬
gnose auf Gravidität zu stellen, wenn eine Diagnose mit den sonstigen
Untersuchungsmethoden noch nicht zu stellen war. Auch erwies sich
das Phänomen brauchbar zur Frühdiagnose der Tubargravidität, und
weiter ergab sich die interessante Tatsache, dass bei Tubargravidität
die Glykosurie ausblieb, wenn ein Ei zwar vorhanden war, aber nicht
mehr im lebenden Connex mit dem mütterlichen Organismus stand
(Tubarabort). Gerade diese Feststellung erschien uns bedeutungsvoll,
denn sie eröffnete die Aussicht, in der oft so schwierigen und verant¬
wortungsvollen Differentialdiagnose der intakten, besonders aber der
gestörten und der pathologischen Schwangerschaft sicherer und schnel¬
ler als bisher zu einer Entscheidung zu kommen und festere Grund¬
lagen für das therapeutische Handeln zu gewinnen. Wir haben, vor
allem um die differential diagnostische Bedeutung der
renalen Schwangerschaftsglykosurie kennen zu lernen und wenn mög¬
lich weiter auszubauen, bald nach dem Erscheinen der Arbeit von
Frank und Nothmann begonnen, geeignete Fälle von intakter und
gestörter Schwangerschaft zu untersuchen; unter diesem Gesichts-
7) K le i n s c h m i d t: Ueber alimentäre Anämie und ihre Stellung unter
den Anämien des Kindesalters. Jahrb. f. Kindhlk. 1916. 83.
1) Inaug.-Diss. Breslau 1920.
punkte mussten auch gynäkologische Erkrankungen mit herangezogen
-werden, die gelegentlich differentialdiagnostisch gegenüber der Extrau¬
teringravidität in Frage kommen können, vorwiegend Adnexerkrankun¬
gen entzündlicher und blastomatöser Natur.
In der Methodik richteten wir uns nach dem Vorgehen von
Frank und Nothmann. Zu Beginn des Versuches wurde die Blase
durch Katheter entleert, durch Venenpunktion Blut entnommen und in
einem mit einer Messerspitze Natriumfluorid beschickten Röhrchen auf-
gefangen, darauf wurden 100 g Traubenzucker in 300— -500 ccm 1 ee
gelöst der zu untersuchenden Person verabfolgt, wobei die tatsächliche
Einnahme der ganzen Menge kontrolliert wurde. Weitere Harnportionen
wurden zu den von Frank und Nothmann angegebenen Zeiten
untersucht; die zweite Blutentnahme machten wir. wie die beiden
Autoren, anfänglich nach dem ersten Auftreten von Zucker im Hain,
um Vergleichswerte mit den negativ reagierenden Fällen zu gewinnen,
machten wir sie später ganz schematisch 45—60 Minuten nach der
Aufnahme des Traubenzuckers, zu welcher Zeit, wie wir m Uebei-
einstimmung mit Frank und Nothmann fanden, die Zuckeraus¬
scheidung aufzutreten pflegt. ,
Die Bestimmung des Blutzuckers wurde von dem einen von
uns in dem Laboratorium der medizinischen Klinik nach der Leti-
mann-Maquenne sehen Methode 2) durch Reduktion ausgefuhi t.
Die Methode hatte bei einer grösseren Zahl von Bhitzuckeibestim-
mungen recht gute Resultate ergeben. Ueber Einzelheiten der Methodik
hat kürzlich Stepp2) eingehender berichtet.
Da es uns hauptsächlich darauf ankam. die diagnostische und be¬
sonders die differentialdiagnostische Bedeutung der Reaktion kennen zu
lernen, waren in erster Linie solche Fälle auszuwählen, irr denen die
Möglichkeit vorlag. das Vorhandensein oder Fehlen einer Gravidität
entweder durch den weiteren Verlauf oder durch die Laparotomie oder
die histologische Untersuchung ausgeschabter Massen einwandfrei fest¬
zustellen. Dieser Forderung genügen von unserem Materiale 36 falle.
I. Intakte Graviditäten.
Wir fanden hier eine Glykosurie in der Hälfte der untersuchten
Fälle aus dem 2.-8. Schwangerschaftsmonat, und zwar verteilen sich
die Fälle mit vorhandener und fehlender Zuckerausscheidung ziemlic.i
gleichmässig auf alle genannten Monate; also auch die Frühgraviui taten
aus dem 2. und 3. Monat reagierten nur zur Hälfte positiv. Die Grunde,
warum es uns nicht mit der gleichen Regelmässigkeit wie F r a n k und
Nothmann und nach einer neueren Mitteilung auch Nürnberger )
gelang, eine artifizielle Glykosurie in den ersten Monaten der Gra-
vidität auszulösen, konnten wir nicht ermitteln. Abgesehen davon dass
uns das häufige Ausbleiben der Zuckerausscheidung bei unseren Unter¬
suchungen veranlasste, die Methodik aufs Schärfste durchzuführen 1,
suchten wir nach Gründen allgemein-konstitutioneller Art, ohne freilich
brauchbare Anhaltspunkte zu finden. Erwähnen möchten wir aber, dass
bei 2 von den negativ bleibenden Fällen eine Lungentuberkulose voi-
lag. Wir müssen aus diesen Untersuchungsergebnissen schliessen, dass
die alimentäre Glykosurie kein konstantes Vor¬
kommnis in der Schwangerschaft d a r s t e 11 1 und bringen
damit nur eine Bestätigung der schon früher bekannten Tatsache, dass
ihre Häufigkeit sehr schwankend ist. L. Seitz gibt sie in seinem
zusammenfassenden Referat0) mit 20—80 Proz. an.
Der Blutzuckerspiegel blieb in allen untersuchten Fällen innerhalb
der physiologischen Breite, deren oberste Grenze wir nach Frank
bei 0,190 Proz. annahmen. Die innerhalb dieser Grenze auftretenden
Schwankungen nach der Zuckeraufnahme gegenüber den zu Beginn des
Versuches ermittelten Werten zeigten aber doch bestimmte Beziehun¬
gen zur Zuckerausscheidung, auf die wir später noch zurückkommen
möchten.
II. Gestörte und pathologische Gravidität.
Die Mitteilung von Frank und Nothmann, dass bei intaktei
Tubargravidität, solange das Ei sich in Connex mit der Tubenwand
befand, die Reaktion positiv war, und negativ ausfiel, wenn es den
Zusammenhang mit dem mütterlichen Organismus verloren hatte (lu-
barabort), schien die Möglichkeit zu eröffnen, auch bei Störung dei
intrauterinen Gravidität diagnostische Anhaltspunkte zu gewinnen, vor
allem bedurfte die Frage einer Klärung, wann die Reaktion ausblieo,
ob nach der Entfernung des ganzen Eies aus dem mütterlichen Orga¬
nismus, oder nach Absterben des Föten, aber tioch mit der Uteruswand
in Kontakt bleibender Placenta, und wann nach mehr odei werugei
vollständiger Ausstossung des Eies oder nach der Rückbildung der Gra¬
viditätsveränderungen bei der Mutter die artifizielle Glykosuiie wieder
verschwand. Aus der inzwischen erschienenen Arbeit von Nürn¬
berger geht hervor, dass, solange noch grössere Reste der Placenta
an der Uteruswand hafteten, die Reaktion positiv war, während sie
bald* 1 nach vollständiger oder fast vollständiger Ausstossung zuruckging.
Von unseren hierhergehörenden Beobachtungen sei Folgendes hervoi-
gehoben :
2) Vgl. bei Griesbach und Strassner: Hoppe-Seylers Zschr. t.
physiol. Chem. 1913, 88, S. 209.
:l) Arch. f. exper. Path. u. Pharm. 90 H. 1 u. 2.
b D.m.W. 1921 Nr. 38. , t ...
r>) Der Versuch wurde fast ausnahmslos in den Morgenstunden angestellt,
wenn die zu untersuchenden Personen noch kein oder kein nennenswertes
Frühstück eingenommen hatten.
°) Verhandl. d. Deutsch, gyn. Gesellsch. 1913.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
7
1. Eine Pat. mit Blasen mole reagierte mit einer starken und lang¬
dauernden Glykosurie.
2. Missed abortion. Nach 9monatlicher Amenorrhoe wurde ein
der 8. Woche entsprechendes Ei ausgeräumt, wobei sich feststellen Hess, dass
das Ei in der linken Tubenecke sass und der Uteruswand überall durch feste
Stränge anhaftete. Die Reaktion war negativ.
3. In einem anderen Falle konnte nach der Menstruationsanamnese ein
Missverhältnis zwischen Graviditätsmonat und Entwicklung des Uterus, wel¬
cher zu klein erschien, angenommen werden. Bei der Frau bestand der
dringende Wunsch nach Unterbrechung. Trotzdem keine Glykosurie im Ver¬
such auftrat (Blutzucker vor- und nachher 0,116 Proz.), wurde abgewartet.
Nachuntersuchung in einigen Wochen ergab eine intakte Gravidität.
III. Aborte.
a) Ein Fall von Abort.us imminens reagierte 6 Tage vor der
spontanen Ausstossung des Eies negativ. Im Sinne von Frank und N o t li -
mann wäre dieser Befund so zu deuten, dass das Ei zur Zeit der Unter¬
suchung schon völlig von der Uteruswand abgelöst war.
b) Abort us i n c o m p 1. M. II, Reaktion negativ, Abrasio; keine
Graviditätsbestandteile.
c) Abortus incompl. M. IV. 4 Tage nach der Ausräumung unter¬
sucht, ergab keine Zuckerausscheidung.
d) Abortus incompl., Abrasio; mangelhaft zurückgebildete Dezidua,
kein Chorion. Probe mit Traubenzucker positiv.
Hieraus würde zu folgern sein, dass alimentäre Glykosurie auftreten
kann, solange überhaupt noch Graviditätsveränderungen irn mütterlichen
Organismus bestehen.
Die Beobachtungen bei Blasenmole einer- und Missed abortion
andererseits sind ebenfalls nur so zu verstehen. Bei Blasenmole, wo
die toxischen Erscheinungen im mütterlichen Organismus fast regel¬
mässig sehr ausgesprochen sind, trat eine starke und langdauernde
Glykosurie auf, während sie in dem sicheren Falle von Missed abortion,
wo das Ei sicher schon längere Zeit abgestorben war und nur noch
die Bedeutung eines Fremdkörpers im Uterus hatte, ausblieb. Im glei¬
chen Sinne wäre der negative Ausfall der Reaktion in dem 6 Tage
vor Eintritt der Ausstossung des Eies untersuchten Falle von Abortus
imminens zu verwerten, vorausgesetzt, dass man mit Frank und
Not h ma nn die alimentäre Glykosurie bei jeder Frühgravidität zu
finden erwartet.
Da wir aber die Reaktion nur in der Hälfte der Fälle auslösen
konnten, möchten wir über ihre Verwertbarkeit bei der gestörten in¬
trauterinen Schwangerschaft, bei Abortus incompletus u. a. kein Urteil
, fällen.
IV. K o n t r o 1 1 f ä 1 1 e.
Als solche wurden gynäkologische Erkrankungen ausgewählt, bei
denen eine Extrauteringravidität entweder wirklich angenommen wer¬
den musste, wo also die Reaktion zur Klärung der Diagnose beitragen
sollte, oder nach dem Tästbefund im allg. differentialdiagnostisch in
Frage kommen konnte.
Von diesen 7 Fällen trat bei 3 Glykosurie auf:
1. Taubeneigrosse Ovarialzyste ohne Zeichen für Gravidität, abradierte
Schleimhaut frei von Graviditätsbestandteilen. Blutzucker vor der Trauben¬
zuckereinnahme 0,105 Proz.. 75 Minuten nachher 0,190 Proz. Zuckerausschei¬
dung von 1 Stunde bis 1 Stunde 45 Minuten nach der Aufnahme dauernd.
2. Verdacht auf Tubargravidität, Blutzucker bei Beginn des Versuches
0,104 Proz. 45 Minuten nach Traubenzuckereinnahme 0.182 Proz.; im Harn
| einmal, und zwar Yi Stunde nachher, chemisch und polarimetrisch Zucker
nachweisbar.
Operationsdiagnose ; Pyosalpinx.
3. Operationsdiagnose: doppelseitige Parovariazylste. Blutzucker bei
Versuchsbeginn 0,089 Proz., 55 Minuten nach Zuckeraufnahme 0,198 Proz.;
im Harn 4 Stunden anhaltende Zuckerausscheidung. Infantil-asthenische
| Virgo.
Auch unter den negativ reagierenden Kontrollfällen befand sich keine
Extrauteringravidität.
An sich entspricht das Verhalten der Kontrollfälle durchaus der
bekannten Tatsache, dass auch gesunde Individuen nach Zufuhr von
100 g Traubenzucker in nüchternem Zustande Zucker ausscheiden
können. Der dritte Fall kann streng genommen nicht als Kontrolle
gelten, weil der Blutzuckerwert die Grenze der physiologischen Breite
nach der Zuckerzufuhr, wenn auch nicht erheblich, überschreitet, also
eine Störung des Zuckerstoffwechsels anderer, nicht zu ermittelnder
Genese angenommen werden kann. Aber auch die beiden anderen
Kontr ollfälle, welche Zuckerausscheidung zeigten, bewegen sich mit
ihren Blutzuckerwerten hart an der oberen Grenze des Physiologischen.
Hervorzuheben ist auch die starke Erhöhung des Blutzuckerspiegels
nach der Zuckeraufnahme gegenüber den bei Beginn des Versuchs er¬
mittelten Werten in allen 3 Fällen (0,085, 0,078 und 0,109 Proz.).
Wir haben daraufhin die Schwankungen des Blutzuckerspiegels bei
unseren sämtlichen verwertbaren Fällen, den sicher schwangeren aus
allen Monaten und den sicher nicht schwangeren geprüft und fest-
gQstellt. dass, wenn der Blutzucker in nennenswertem Masse, d. h. 0,060
bis 0,100 Proz. innerhalb der von Frank angegebenen physiologischen
Breite und innerhalb der ersten 45 bis 90 Minuten nach Zufuhr
von 100 g Traubenzucker ansteigt, auch meist eine Zucker¬
ausscheidung im Harn auftritt, und zwar sowohl bei schwan¬
geren, als auch bei nichtschwangeren Frauen. Ein Unter¬
schied zwischen beiden Kategorien ist insofern zu. bemerken, als bei
geringeren Erhöhungen des Blutzuckers (0 bis 0,60 Proz.) bei nicht
Schwangeren niemals Glykosurie auftrat, wohl aber öfters bei Schwan¬
geren. Einzelheiten ergeben sich aus der beigefügten Tabelle. Im
Uebrigen möchten wir uns an dieser Stelle damit begnügen, auf die
Tatsache hinzuweisen.
Zusammenfassung.
Nach unseren Untersuchungen tritt nach Zufuhr von 100 g Trau¬
benzucker bei der Hälfte aller Schwangeren des 2. bis
8. Monats Glykosurie auf, ohne dass der Blutzucker den zur Zeit
als obere physiologische Grenze geltenden Wert übersteigt.
Eine besondere Beteiligung der frühen üraviditätsmonate konnten
wir nicht feststellen, wohl aber unterblieb die Zuckerausscheidung fast
immer in den späteren Schwangerschaftsmonaten (VIII, IX, X).
ln diagnostischer und differentialdiagnostischer Hinsicht kommt
der Erscheinung höchstens der Wert eines wahrscheinlichen Schwan¬
gerschaftszeichens zu.
Schwangerschaften des 2. — 10. Monats.
Blutzuckerspiegel
Zuckerau
sscheidung
Ansteigen bzw. Absinken
i m
Harn
nach 100 g Traubenzucker
positiv
negativ
Absinken
1
2
+
0
1
+ -0—0,040 Proz.
3
8
+' 0,041—0,060 Proz.
3
0
+ 0,061 — 0,100 Proz.
3
1
Kontrol
1 f ä 1 1 e.
Blutzuckerspiegel
Zuckerau
sscheidung
Ansteigen bzw. Absinken
i m
Harn
nach 100 g Traubenzucker
positiv
negativ
—
0
0
+
0
0
'+ 0—0.040 Proz.
0
2
+ 0,041 — 0,060 Proz.
0
1
+ 0,061 — 0,100 Proz.
3
1
dem bakteriologischen Laboratorium Essen des Vereins
zur Bekämpfung der Volkskrankheiten im Ruhrkohlengebiet.
Der Einfluss des Nährbodens auf die Agglutinabilität
des Typhusbazillus.
Von Dr. Joseph Hohn, Leiter des Laboratoriums.
Es ist eine schon lange bekannte Erfahrung, dass der Nährboden
einen Einfluss ausübt auf die Agglutinabilität des Typhusbazillus. Bis¬
her waren fast nur Substanzen bekannt, die agglutinationsmindernd
einwirkten.
So stellt Kirstein1 *) eine Abschwächung der Agglutinabilität durch
Züchtung auf Harnagar und durch erhöhten Alkalizusatz zum Nährboden fest.
H i r s c h b r u c Ir) beobachtete eine Verminderung durch Phenolzusatz
(0,1 Proz.), durch Zusatz von Sublimat (1:50 000), durch Malachitgrün und
durch Züchtung bei 40 — 41 °. Bekannt ist der Einfluss auf die Agglutinabilität
durch Aufenthalt der Typhusbazillen im Tierkörper (Exsudatbakterien). Ver¬
schieden sind die Beobachtungen über die Agglutination nach Zusatz von
Agglutinin zum Nährboden; während die einen eine Inagglutinabilität fest¬
stellten, fand Tarchetti eine erhöhte Agglutinabilität; Porges und
Prantschoff3) erhielten teils Spontanagglutination, teils blieb jeder
Einfluss aus. Von Riemer4) wurde der Einfluss der Alkaleszenz des
Nährbodens auf die Agglutination untersucht. Er fand, dass bei den 10
von ihm untersuchten Typhusstämmen 9 eine deutliche Verminderung der
Agglutinabilität zeigten durch erhöhten Alkalizusatz. Er benutzte Agar mit
einem Zusatz von 2 und 4 ccm 1 */i n NaaCO:) zu 100 Agar vom Phenolphthalein¬
neutralpunkt. Der Autor zeigte ferner, dass die herabgeminderte Agglutina¬
bilität durch Weiterzüchten auf dem stark alkalischen Agar bei einzelnen
Stämmen wieder ausgeglichen wurde. Ein einmaliges Ueberimpfen auf den
alkalischen Nährboden genügte, um die Agglutinabilität zu vermindern und
anderseits wieder zu erhöhen auf normalem Agar.
Weltmann und S e u f f e r h e 1 d s) und unabhängig von ihnen
Schiff“) fanden eine Steigerung der Agglutinabilität von Weil-Felix-
Bazillen durch Zusatz von Traubenzucker zum Nährboden. In seiner
Arbeit zeigte Schiff, dass von vollkommen zuckerfreiem Agar die
Agglutination von Weil-Felix ausblieb, während durch Zusatz von Trau¬
benzucker sich die Agglutination steigern liess bis zur Spontanagglutina¬
tion bei 5 proz. Zusatz. Bei Nachprüfung dieser Angaben kam
van der Reis7) zu abweichenden Resultaten; W. Michaelis3)
konnte den Befund von Schiff bestätigen. Zugleich fand er, dass
Milchzuckerzusatz die Agglutinabilität nicht erhöhte.
Nach meiner Rückkehr aus dem Felde anfangs 1919 machte ich die
Erfahrung, dass die zum Widal benutzten Typhusstämme sehr bald
in ihrer Agglutinabilität nachliessen. Schon nach mehrmaligem Ueber¬
impfen gingen die vorher gut agglutinierenden Stämme stark zurück;
die Flockung wurde so minimal, dass die Stämme zur Reaktion nicht
mehr verwandt werden konnten und immer wieder durch neue er¬
setzt werden mussten. Der benutzte Agar war teils von Pferdefleisch
teils von Rindfleisch hergestellt und mit Eiweiss geklärt. Eine Aende-
rung der Alkalität brachte auch keine Besserung der Agglutinabilität
der Typhusstämme.
Schiff hatte in seiner Arbeit darauf hingewiesen, dass Trauben¬
zuckerzusatz zum Nährboden ausser bei Weil-Felix auch bei Typhus
4) Kirstein: Zschr. f. Hyg. 46.
') Hirse h bmch: Arcli. f. Hyg. 1906 56.
3) Porges lind Prantschoff: Zbl. f. Bakt. 41.
4) Riemer: M.ni.W. 1913 Nr. 17.
n) Welt m a n n und Seufferheld: W.kl.W. 1918 Nr. 52.
“) Schiff: M.ni.W. 1919 Nr. 6.
7) van der Reis: M.m.W. 1919 Nr. 38.
K) W. Michaelis: D.m.W. 1920 Nr. 23 u. Zschr. f. Hyg. 91.
8
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
und Paratyphus A die Agglutination steigere, während die von Para¬
typhus B unbeeinflusst bliebe und dass Cholerabazillen sogar maggluti-
nabel würden. „ „ ,
Hierdurch veranlasst, ging ich daran, den Einfluss von Trauben¬
zucker auf die Agglutinabilität der zur G ru b e r - Wid a Ischen Re¬
aktion verwendeten Stämme zu prüfen. Es zeigte sich bald, dass die
Agglutinabilität ganz wesentlich gebessert wurde. Ich nahm zunächst
an dass ein längeres Ueberimpfen auf Traubenzuckeragar zur Steige¬
rung nötig wäre. Es zeigte sich jedoch, dass ein einmaliges Ueber¬
impfen genügte; anderseits brachte die einmalige Uebertragung von
Traubenzuckeragar auf geklärten Agar die Agglutination wieder völlig
Es wurde nun die systematische Untersuchung einer Reihe von
Typhusstämmen in Bezug auf das Verhalten ihrer Agglutinabilita
nach Uebertragen auf die verschiedenen Zuckernahrboden vor-
genommen Als Zusätze wurden benutzt Galaktose, Maltose,. Dextrose.
Saccharose, Milchzucker, Lävulose, ausserdem Stärke, Glyzerin, Mannit.
Die Zusätze wurden 1 proz. gemacht, Glyzerin 2 proz. Dazu wurden
die Stämme auf geklärten Agar und frisch hergestellten, ungeklärten
Ao-ar übertragen. Ich hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass
die Agglutinabilität eines Typhusstammes durch Ueberimpfen auf un¬
geklärten Agar wieder vollständig hergestellt wurde. In I ab. 1 a sind
die Agglutinationsverhältnisse von 3 Typhusstämmen zusammengestellt.
Stamm 15 ist aus der Gallenblase isoliert, die Stämme 387 und 610
sind Blutstämme. Zur Agglutination wurde ein Serum der Sächsischen
Serumwerke benutzt mit dem Titer 1 : 50 000, die Ablesung erfolgte
2 Stunden nach Aufenthalt im Brutschrank.
völlig klar Benutzt wurde Galaktose von der Firma Merck-Darmstadt,
noch aus der Vorkriegszeit stammend.
Bezüglich des Wachstums ist zu bemerken, dass dasselbe mit Aus¬
nahme auf Traubenzuckeragar ein gutes war. Besonders üppig war
dasselbe auf Glyzerin und Galaktoseagar.
Auch positive Gruber-Widal sehe Blutproben wurden mit
Galaktose- und Traubenzuckerstämmen neben inagglutinablen von ge¬
klärtem Agar angesetzt. Es zeigten sich dabei dieselben Differenzen;
prompte Agglutination der beiden ersten Stämme, Versagen des letz¬
teren. Mit Normalserum ergaben die Traubenzucker- und Galaktose¬
kulturen nie Agglutination. ^
Auch der Prozentgehalt von Zucker ist von Einfluss auf die Aus¬
flockung. Ich fand einen Prozentsatz von 1 Proz. als besten Zu-
Scltz
In der Abschwemmung zeigten die verschiedenen Kulturen das¬
selbe Verhalten wie in der Agglutination mit frischer Kultur. Auch
hier war die Ausflockung von Galaktoseagar besonders stark, während
die Abschwemmung von geklärtem Agar inagglutinabel blieb.
Die Agglutinationen wurden vom Dezember 1919 mit Unter¬
brechungen bis September 1920 vorgenommen.
Anfang August 1921 wurde aus dem Blut eines Typhuskranken,
welches aus dem Kruppschen Krankenhaus eingesandt war, ein
Stamm 168 gezüchtet, der zunächst vollkommen inagglutinabel gegen
Typhusserum war. Klinisch bestanden Fieber, Roseolen und Milz¬
tumor. Der Gruber-Widal war zuerst bis 1:100 schwach positiv, nach
weiteren 5 Tagen starke Agglutination bis 1 : 200. Aus dem Blut¬
kuchen wuchs nach Anreicherung in Galle auf der Drigalskiplatte eine
Tabelle 1.
b Ty.-St. 168
Verdünnung
1000
Agar filtr. geklärt
Ty 15
„ 387
„ 610
Agar ungeklärt
Ty 15
„ 387
,, 610
+++
++
++
5000
++
++
++
10 000
20000
++
++
++
+ +
.+
.+
+'
+'
40000
NaCl
1000
2000
4000
8000
NaCl
++
+'
.+
+
nicht angesetzt
Oalaktoseagar
Ty 15
„ 387
610
sed.
sed.
sed.
sed.
sed.
Mannitagar
Maltoseagar
Ty 15
„ 387
„ 610
Ty 15
„ 387
„ 610
sed.
sed.
sed.
sed.
sed
sed. -H-+
sed
+++
+++
+-H
sed.
++
sed.
++
tt
++
sed.
sed.
sed.
sed.
Säureaggl.
nach 15Std.
nicht anges
sed.
sed.
sed. sed.
sed.
sed.
sed.
sed.
Dextroseagar
Milchzuckeragar
Ty 15
„ 387
„ 610
sed.
sed.
sed.
Ty 15
„ 387
„ 610
++
+++
Saccharoseagar
Ty 15
„ 387
„ 610
+ •
+S
++
+++
+
4+
+s
sed.
sed.
++
+
+
+
von Drigalskiagar = ebenso
+s
I
+s
-K : +*
Laevuloseagar
Ty 15
„ 387
„ 610
++
++
+'
+
+
+'
.+
+'
.+
+
Qlyzerinagar (2°/0)
Stärkeagar (1%)
Ty 15
„ 387
„ 610
Ty 15
„ 387
„ 610
+
+S
++
+
++
+5
+
_ -
++ I +
+ +
++++
Säure bildung
auf Lackmus¬
zuckeragar
nicht angesetzt
+
+
+
sed.
sed
sed.
sed.
sed.
sed.
sed.
sed.
+++
.+
nicht angesetzt
nicht anges.
+n
+'
.+
nicht angesetzt
Zeichenerklärung: sed. = sedimeUiert (stärkste Agglutination), +* = schwach positiv, ++ = stark positiv. Ablesung nach 2 Stunden bei 37«
Aus den Untersuchungen geht der deutliche Einfluss der. Zusätze
zum Nährboden auf die Agglutinabilität hervor. Die Unterschiede sind
sehr erhebliche. Inagglutinabel bleiben die Stämme von geklärtem Agar
und bei Stärkezusatz; schwer agglutinabel sind sie von Saccharose-,
teils auch von Milchzucker- und Glyzerinagar;. gute Agglutination, findet
sich von ungeklärtem Agar. Am besten wird die Ausflockung beeinflusst
durch Galaktose, Mannit, Maltose und Dextrose. Die stärkste Steige¬
rung ergibt der Zusatz von Galaktose. Am besten, war das zu er¬
kennen bei der Beobachtung der Agglutination unmittelbar nach Ver¬
reiben der Kultur in der betreffenden Serie, also 3 — 4 Minuten später.
Schon nach dieser Zeit trat eine deutliche Ausflockung teils bis zur
Verdünnung 1:20 000 auf, die bei 1:1000 bereits nach dieser kurzen
Zeit als -| — b bezeichnet werden musste. Meist schon nach 1 Stunde
war die Flockung beendet; zu dichten Haufen geballt lagen die Bazillen
am Boden des Reagenzglases, die darüberstehende Flüssigkeit fast
Reinkultur blauer Kolonien. Bei Prüfung derselben mit den üblichen
Typhusnährböden mussten diese Koloniefl beweglicher Stäbchen als
Typhusbazillen angesprochen werden, wenn auch vorläufig mit. hoch¬
wertigem Serum keine Agglutination weder in der Probeagglutination
auf dem Objektträger noch in der Reihenagglutination, erfolgte. . Auch
mehrmaliges Ueberimpfen auf gewöhnlichen Agar sowie auf Drigalski-
agar bewirkten keine Agglutinabilität; Vornahme der Agglutination bei
52—55 0 führte zu keinem Resultat. Der Stamm wurde dann mit NaCl-
Lösung abgeschwemmt und im Wasserbad 1 Stunde lang auf 100
erhitzt — auch dadurch wurde er nicht agglutinabel. Dagegen be¬
wirkte die Uebertragung auf den von den früheren
Untersuchungen bekannten lproz. Galaktoseagar
eine maximale, grossflockige Agglutination bis zum
Endtiter des Serums, und damit konnte der Stamm auch nach
dieser Hinsicht als echter Typhusstamm diagnostiziert werden. Eine
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
9
Uebertragung von Galaktoscagar auf gewöhnlichen Schrägagar hob
die Agglutinabilität sofort wieder auf. Die Tab. 2 und 3 zeigen die
Agglutinationsverhältnisse von Galaktoseagar sofort nach der Ver¬
reibung und nach 2 Stunden bei 37 ".
Tabelle 2. Tabelle 3.
Ty.-St. 168 direkt nach Verreiben
Galaktoseagar.
von
Ty.-St. 168 nach 2 Stund, bei 37°; Ueberiinpfung
Galakt/Galaktose.
1000
>000
4000
8000
XaCI
1000
2000
4000
8000
IfaCl
Oalaktoseagar
1. Generation
+S
_
_
_
_
Galaktoseagar
1. Generation
+s
+8
_
_
Galaktoseagar
2. Generation
+
+
+
—
—
Galaktoseagar
2. Generation
+++
+++
+ ++
—
Galaktoseagar
3. Oeneration
++
++
+
—
—
Galaktoseagar
3. Generation
s .
sed.
sed.
sed.
—
Galaktoseagar
4. Generation
++
++
-f
+
_
•
Die Vornahme der Agglutination des Typhusstammes 168 von den
verschiedenen Nährböden ergibt die Tab. 1 b. Der Stamm zeigt gegen¬
über den früher untersuchten 3 Stämmen ein ziemlich abweichendes
Verhalten. Inagglutinabel ist er von Agar, Milchzucker- und Trauben-
•zuckeragar, gut agglutinabel von Mannit-, Maltose-, Lävulose-, Glyzerin¬
agar, schlecht agglutinabel von Saccharoseagar. Die beste Flockung
ergibt auch hier wieder der Galaktoseagar. Die Inagglutinabilität von
Milchzuckeragar erklärt nun auch die von der Drigalskiplatte.
Auch in der Abschwemmung verhielt sich die Verschiedenheit der
Aggutination von den einzelnen Nährböden genau so wie in der frischen
Kultur. Positiv nach W i d a 1 agglutinierende Blutproben, die gleich¬
zeitig mit den inagglutinablen und den agglutinablen Kulturen angesetzt
wurden, ergaben dasselbe Resultat wie in der Reihenagglutination:
negatives Verhalten des Agar-Milchzucker-Traubenzuckerstarnmes,
gute Agglutination mit den positiven flockenden Zuckerstämmen. Auch
hier agglutinierte wieder am besten der Galaktosestamm.
Das Verhalten des Stammes 168 in der Säureagglutinat' i nach
Michaelis9) in der Modifikation von Eisenberg10) von m ver¬
schiedenen Nährböden zeigt Tab. I c. Die stärkste Gerinmr ergibt
auch hier, gleichlaufend mit der Serumagglutination, die C laktose-
Maltose-Mannit-Lävulose-Glyzerinkultur. Die Reaktion trat regel¬
mässig in den Röhrchen 3 und 4 auf und war am stärksten bei der
Glyzerinkultur; hier erstreckte sie sich zum Schluss auch auf die Röhr¬
chen 5 und 6. Beachtenswert ist der negative Ausfall von der Trauben¬
zuckerkultur und die Andeutung der Reaktion von der Agar-, Milch¬
zucker-Saccharosekultur.
Zur Prüfung der Frage nach dem Bindungsvermögen des inaggluti¬
nablen Agar-Traubenzucker-Milchzuckerstammmes für spezifisches Ag¬
glutinin wurden Bindungsversuche vorgenommen:
Zum ersten Versuch wird ein Typhusserum vom Titer 1 : 20 00C
benutzt. Bezeichnet man mit t den Titer des Serums, so ist 100 1 = 0,005
100 t werden in 5 ccm physiologischer NaCl-Lösung mit 5 Normalösen
Agarkultur verrieben, desgleichen mit 5 Normalösen Traubenzucker- |
kultur in 2 sterilen Zentrifugengläsern. Zur Kontrolle 100 t + 5 ccm
NaCl-Lösung ohne Kultur. Die 3 Röhrchen bleiben zur Bindung 3 Stun¬
den im Brutschrank, dann Zentrifugieren der beiden ersten Gläser.
Die Prüfung der Filtrate mit dem Galaktosestamm ergibt: keine
Agglutination des Filtrates der Agar- und Traubenzuckerkultur, prompte
Agglutination der Kontrolle.
Der zweite Bindungsversuch wird mit einem Typhusserum vom
Titer 1:50 000 in der gleichen Weise vorgenommen unter Benutzung
der Milchzucker- und Traubenzuckerkultur. Zur Agglutination wird der
Mannitstamm verwendet. Der Versuch verläuft genau wie der erste
Bindungsversuch.
Aus diesen Untersuchungen geht hervor, dass das Bindungsvermögen
für das spezifische Agglutinin in der inagglutinablen Agar-Milchzucker-
Traubenzuckerkultur in keiner Weise geschädigt ist, sondern nur das
Vermögen der sichtbaren Ausflockung, des Index für das Vorhandensein
der Agglutinine.
Der Einfluss des Nährbodens auf die Agglutinabilität des Typhus¬
stammes 168 geht aus den Untersuchungen unzweideutig hervor. Es
handelt sich um einen Stamm, der von Agar-Traubenzucker-Milchzucker-
agar als inagglutinabel zu bezeichnen ist, von Saccharose- als schwer-
agglutinabel, von Mannit-Maltose-Lävulose-Glyzerinagar als leicht ag¬
glutinabel, von Galaktoseagar als sehr leicht agglutinabel.
Der Begriff der Agglutinabilität ist somit für diesen Stamm etwas
Relatives und hängt , _ _ ..igste zusammen mit dem Nährboden, auf
dem er gezüchtet wird. Wir haben es hier vollkommen in der Hand,
die Agglutinabilität willkürlich zu verstärken oder abzuschwächen.
Die Uebereinstimmung der gesteigerten Serum- mit der Säure¬
agglutination ist bereits oben erwähnt. Desgleichen geht die Säure¬
bildung auf Lackmusnährböden (Tab. I c) mit den entsprechenden Zu¬
sätzen im grossen und ganzen konform mit der gesteigerten Serunr-
agglutination. Eine Ausnahme macht die Traubenzuckerkultur, bei der
wir Säurebildung finden bei negativer Agglutination. Gas wird in
Bouillon bei keinem der Zusätze gebildet.
°) Michaelis: D.m.W. 1911 Nr. 21 und 1915 Nr. 9.
lu) Eisen b erg: Zbl. f. Bakt. 83.
Nr. 1.
W. Michaelis zieht zur Erklärung der gesteigerten Agglutination
von Weil-Felix durch Traubenzucker die Säurebildung heran und glaubt,
dass es sich hier um eine Summation von Serum- und Säureagglutination
handele. Er konnte auch zeigen, dass Nutrosezusatz bei Traubenzucker¬
agar die vorher gesteigerte Agglutination sichtbar beeinträchtigt, aller¬
dings erst nach mehrmaligem Ueberimpfen des Stammes auf diesen
Nährboden. Er glaubt eine Erklärung hierfür zu finden in einer Bindung
der Säure durch die Nutrose. Der gleiche Versuch wurde von mir bei der
Mannitkultur gemacht; es trat aber keine Abschwächung, sondern eine
Verstärkung der Agglutination ein.
Aus der chemischen Zusammensetzung der verwendeten Zucker¬
arten lässt sich keine gemeinsame Ursache für die gesteigerte Ag¬
glutinabilität herleiten. Von den 6 Zuckerarten gehören 3 in die Gruppe
des Traubenzuckers von der Formel C0H12O0 — Dextrose. Lävulose,
Galaktose. Wir sehen hier höchste Steigerung der Agglutinabilität
(Galaktöse) zusammen mit völliger Inagglutinabilität (Dextrose). Das¬
selbe gilt von der Rohrzuckergruppe C12H22O11, in welche Saccharose,
Milchzucker und Maltose gehören. Nur die beiden Alkohole, Glyzerin
und Mannit, zeigen gleiche Steigerung; allerdings Glyzerin wieder nicht
bei den Stämmen auf Tab. I a.
Von besonderem Interesse ist noch das Verhalten der Stämme
der Tab. I a auf geklärtem und ungeklärtem Agar. Eine Deutung dürfte
wohl darin zu finden sein, dass durch den Klärungsprozess alle aggluti¬
nationshervorrufenden Substanzen ausgefällt wurden. Im ungeklärten
Agar genügten aber die Reste der Alge, um die nötigen Substanzen
zur Agglutination zu liefern. Eine weitere Möglichkeit bestände auch
in dem verschiedenen Gehalt solcher Substanzen in dem zur Herstellung
des Nährbodens verwendeten Fleisch. Hervorzuheben ist aber, dass
Typhusstamm 168 auch nicht von ungeklärtem Agar agglutinabel war.
Wir sehen, dass nicht alle Zuckerarten die Agglutinabilität gleich-
mässig beeinflussen und nicht einmal besteht eine Uebereinstimmung
aller Typhusstämme für bestimmte Zuckerarten. Gleichmässige Stei¬
gerung für alle Stämme ergaben nur Galaktose, Mannit, Maltose; alle
übrigen Zusätze beeinflussten die Agglutinabilität verschieden.
Nach Pal tauf11) ist die charakteristische Eigenschaft der ag¬
glutinablen Substanz der Bakterien die spezifische Bindung und die
antigene Natur, während die Ausflockung selbst ein sekundärer Vorgang
ist, der durch verschiedene Einflüsse gehemmt werden kann und durch
Zustandsänderungen des Eiweisskörpers modifiziert wird. Es besteht
daher auch nach P a 1 1 a u f kein Grund, für die agglutinable Substanz
den im Sinne der Seitenkettentheorie komplexen Bau anzunehmen.
Nach dem agglutinatorischen Verhalten der hier untersuchten Typhus¬
stämme durch Züchtung auf den verschiedenen Nährböden dürfte man
vielleicht zu den noch weiteren Schlussfolgerungen berechtigt sein,
dass die Ausflockbarkeit der Typhusstämme nichts Urspiingliches und
den Stämmen Eigentümliches ist, sondern eine durch gewisse Sub¬
stanzen des Nährbodens erworbene Eigenschaft. Die Agglutinabilität
würde damit auf der Eigenschaft des Stammes beruhen, aus dem Nähr¬
boden gewisse Substanzen abzubauen, die ihm erst die Ausflockbarkeit
verleihen. Umgekehrt würde dem inagglutinablen Stamm diese
Fähigkeit für einzelne Nährböden fehlen. Wir sehen daher auch die
interessante Erscheinung, dass derselbe Typhusstamm 168 inagglutinabel.
schwer, leicht, sehr leicht agglutinabel ist, je nachdem wir ihn auf einem
Nährboden mit bestimmten Zusätzen züchten, so dass wir also will¬
kürlich seine Agglutinabilität steigern und abschwächen können. An
Stelle der Inagglutinabilität müssen wir hiernach das Unvermögen des
Typhusstammes setzen, aus dem Nährboden im weitesten Sinne, also
auch aus dem Menschen- und Tierkörper, die zu seiner Ausflockung
nötigen Substanzen abzubauen bei gleichzeitigem Erhaltensein der
spezifischen Bindung für die Agglutinine.
Wie man sich im einzelnen den Einfluss dieser Substanzen vor¬
zustellen hat, bedarf noch der weiteren Untersuchung. Vieles spricht
dafür, dass eine Modifikation des Eiweisskörpers des Bakteriums durch
die Säureproduktion eintritt und dadurch eine veränderte Oberflächen¬
spannung, einiges spricht auch dagegen. Wir werden aber immer
mehr durch die Untersuchungen dazu geführt, mit P a 1 1 a u f den eigent¬
lichen Flockungsprozess als einen chemisch-physikalischen Vorgang an¬
zusehen.
Durch diese Erkenntnis machen wir uns unabhängig von der In¬
agglutinabilität und der schlechten Agglutinabilität einmal bei der Dia¬
gnose des Typhusbazillus an sich, dann auch bei der Typhusdiagnose
durch die W i d a 1 sehe Reaktion. Wir suchen hier ja immer nach leicht-
agglutinablen Stämmen, um die Reaktion möglichst frühzeitig deutlich
zu machen. In dem üalaktoseagar haben wir ein Mittel, um jederzeit
über maximal agglutinierende Stämme zu verfügen. Auch Typhus¬
abschwemmungen werden wir zweckmässig von 1 proz. Galaktoseagar
zur Herstellung eines Typhusdiagnostikums machen, ohne dabei fürchten
zu müssen, .Spontanagglutinationen zu erhalten.
Ob bei anderen inagglutinablen Bakterien dieselben Zusätze zum
Nährboden von Wirksamkeit sind wie bei den Typhusstämmen, wäre
zu untersuchen. Wichtig wäre diese Prüfung besonders für die Ruhr¬
bazillen. bei denen Inagglutinabilität viel häufiger vorzukommen scheint
als bei Typhusbazillen. Einzelne Vorversuche in dieser Hinsicht haben
mir gezeigt, dass hier die Verhältnisse bezüglich der Zuckernährböden
anders zu liegen scheinen. Immerhin wäre es möglich, dass sich auch
hier Stoffe finden Hessen, die dasselbe bewirken wie der Zusatz von
Zucker und Alkoholen zum Nährboden bei Typhusbazillen: die Hervor-
rufung und maximale Steigerung der Agglutinabilität.
u) Pallauf: Hb. d. pathog. Mikroorganismen 2, 1. Hälfte. Die Agglu¬
tination.
5
10
MÜNCHENER MEDIZINISCH
E WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
Zusammenfassung.
1. Die Agglutinabilität des Typhusbazillus ist unter Voraussetzung
eines hochwertigen Serums in weitestem Masse abhängig vom Na
bodui. Agglutinationsbe{ördernd wirkt der Zusatz verschiedener Zucker¬
arten zum Nährboden ferner Glyzerin und Mannit.
3. Die Agglutinabilität des Typhusbazillus wird durch die ver¬
schiedenen Zuckerarten in ungleichmässiger Weise beeinflusst. Am
besten wirken Galaktose, Mannit, Maltose.
4. Die Agglutinabilität ist keine dem Typhusbazillus eigentum.iche
und primär vorhandene Eigenschaft. Sie wird erst erworben durch
den Abbau bestimmter Substanzen aus dem Nährboden,
5. Im Abbau von agglutinationsbewirkenden Substanzen verhalten
sich die Typhusbazillen verschieden, so dass derselbe Stamm je nach
Benutzung der verschiedenen zuckerhaltigen Nährböden als inagglut -
mabel schwer — leicht — sehr leicht agglutinabel erscheinen kann.
6 Die Inagglutinabilität des Typhusbazillus beruht auf_ der Un¬
fähigkeit des Stammes, aus dem vorhandenen Nahrmaterial solche
Substanzen abzubauen, die seine Flockbarkeit bewirken.
7 Zur Züchtung gut (maximal) agglutinierender Typhusstamme wird
1 proz. Galaktoseagar empfohlen sowohl zur Verwendung bei der ü ru¬
ber - W i d a I sehen Reaktion als auch zur Herstellung von Abschwem¬
mungen als Typhusdiagnostikum.
Aus der Infektionsabteilung (Oberarzt: Prof. Dr. Reiche)
des Allgemeinen Kjankenhauses Hamburg-Barmbeck (Direktor:
Prof. Dr. Rumpel).
Diphthosanbehandlung bei Diphtheriebazillenträgern ).
Von Dr. P. R. Biemann. Sekundärarzt.
Die allgemeine Gefahr der Diphtheriebazillenträger ist hinreichend
bekannt. Eine erfolgreiche Prophylaxe der Diphtherie ist erst möglich,
wenn es gelingt, die Keimträger mit Erfolg zu bekämpfen Der un¬
freiwillig lange Aufenthalt der Diphtheriepatienten nach Abklingen der
eigentlichen Erkrankung ist eine grosse Last für die Kliniken, _ Kranken¬
kassen und für die sonst gesunden Bazillenträger selbst die einmal dem
Erwerbsleben lange entzogen werden und sodann sich durch die Ab¬
geschlossenheit, deren Notwendigkeit sie meistens nicht oder nur schwer
begreifen in der Infektionsabteilung äusserst beengt und überflüssig
fühlen. Es ist deshalb begreiflich, wenn schon seit langer Zeit von den
verschiedensten Seiten und auf getrennten Wegen versucht worden ist,
geeignete Mittel zur Bekämpfung der Bazillenträger zu finden. Es
sind in dieser Hinsicht viele Versuche, teils in Kliniken teils m La¬
boratorien gemacht, um einmal durch Medikamente mit hoher bak¬
terizider Eigenschaft, das andere Mai durch mechanische Mittel, oder
durch Verbindung beider der Klärung dieser Frage naherzukommen.
Erinnert sei z. B. an die Versuche mit den Chininderivaten die von
Schäfer, Sommer,Morgenroth.Tugendreich,W. Pfeif¬
fer Braun und I s a a c k (von letzterem gegen Meningokokkentragerj
u a gemacht sind, mit Optochin, Eukupin in Salben, Lösungen,
Sprayapplikationen, Pinselungen etc. in den verschiedensten Konzen¬
trationen, Es erwies sich hierbei das Eukupin dem Optochin m
seiner keimtötenden Wirkung noch überlegen, doch schon bald wurde
von einigen Seiten über mehr oder weniger schädigende Nebenwir¬
kungen berichtet. Versteckt findet sich sogar manchmal eine Notiz:
„Erblindungen oder sonstige Sehstörungen wurden nicht beobachtet.
Elise Hermann warnt vor dem Gebrauch dieser Chininderivate
besonders bei kleinen Kindern da sie hier Schleimhautschadigungen
bewirkt haben. „ , ■ , , ,,
Langer, der sich ebenfalls mit diesem Problem beschäftigt hat,
fand bei seinen Versuchen mit Akridiniumfarbstoffen, die schon vor
Jahren von Ehrlich als Mittel gegen Trypanosomenerkrankungen an¬
gewandt waren, dass dem F 1 a v i c i d hohe bakterizide Eigenschaften
innewohnen, besonders gegen Gram-positive Bakterien.
Optochin wirkt in einer Verdünnung von 1:10— zuuuu ent¬
wicklungshemmend für Bakterien, von 1:2—8000 totend.
Die Wirkung des Eukupin ist noch eine 5 mal bessere als die
des Optochin. , „
T r y p a f 1 a v i n, das zu den Akridiniumfarbstoffen gehört und einen
guten Eingang als modernes Therapeutikum gefunden hat — u. a.
hat Spiess dies Präparat auch zur Desinfektion der Mund- und
Rachenhöhle verwandt — wirkt in einer Verdünnung von 1: A—l Mil¬
lion entwicklungshemmend, von 1 — 1000 in /£ Stunde tötend.
Flavicid wirkt in einer Verdünnung von 1:1 Million toten a
für Bakterien, von 1:5000 tötend in wenigen Minuten, von 1:50 für
Kaninchenaugen reizlos. Erst in einer Verdünnung von 1:10 zeigen
sich leichte Schleimhautschädigungen beim Kaninchenauge. Näheres
in der angeführten Literatur.
Flavicid ist im Kampfe gegen Staphylokokken dem 1 rypa-
f 1 a v i n um das 10 fäche, gegen Diphtheriebazillen um das 5 fache
überlegen. Diese hohe bakterizide Eigenschaft sowie die giosse Breite
der therapeutischen Toleranz lassen das Präparat als ganz besonders
geeignet für die Anwendung gegen Bakterienerkrankungen erscheinen,
zumal schädigende Nebenwirkungen sich ausschliessen lassen, ohne dem
*) Nach einem am 25. X. 1921 im Aerztlichen Verein zu Hamburg ge¬
haltenen Vortrag.
Mittel auch in grossen Verdünnungen die bakterienvernichtende Wir¬
kung zu nehmen. . , . ... . . _ _
Ausserdem ging Langer von der sicher richtigen Annahme aus,
dass die Bakterien sich mit Vorliebe lange im Nasenrachenraum auf¬
halten. da sie hier den therapeutischen Applikationen nicht recht er¬
reichbar sind. Mit seinem B e r i e s e 1 u n g s v e r f a h r e n glaubt er,
da er ein unschädliches, dabei aber doch hochwirksames Mittel in dem
Flavicid gefunden hatte, der Lösung des Problems der Bazillen¬
trägerbekämpfung erheblich nähergekommen zu sein. Da das r 1 a v i -
cid einen bitteren Geschmack hat. wurde es mit Saccharin versetzt;
ein Vorschlag, der schon von Schäfer als Geschmackskorrigens für
das ebenfalls bittere Eukupin gemacht war. Das versusste Flavi-
c i d erhielt den klangvollen Namen Diphthosan, das von der Aktien-
Gesellschaft für Anilinfabrikation in Berlin hergestellt wird.
Eine Pastille Diphthosan enthält: 0,1 Flavicid. 0,85 Kochsalz,
Auf unserer Diphtherieabteilung sind im Laute der Jahre die ver¬
schiedensten Mittel bei Bazillenträgern angewandt worden, ohne je¬
doch zu den gewünschten Resultaten zu führen. Es lagen dort oft
Patienten (vorzüglich Kinder) seit vielen Wochen, zum Teil sogar seit
Monaten, mit positivem Bazillenbefund.
Als Langer seine Versuche und Erfahrungen mit den Akridinium¬
farbstoffen veröffentlichte, schienen uns die Ergebnisse und die Art der
Verwendung des Präparats wohl geeignet, das Mittel aui unserer Ab¬
teilung anzuwenden, um die angegebenen Erfolge nachzuprüfen.
Das Präparat wurde uns — es war noch nicht im freien Handel — *
auf unseren Wunsch von der Fabrik bereitwilligst und kostenlos zur
Verfügung gestellt. Da die übersandte Menge keine sehr grosse war,
konnten nicht sehr viele Fälle damit behandelt werden. Um trotz¬
dem ein möglichst umfangreiches Bild zu erhalten, wurden teils frische
Diphtheriefälle, die in der Rekonvaleszenz noch mit keinem anderen
Mittel behandelt waren, teils solche, die bereits mit eindm oder ver¬
schiedenen Medikamenten vorbehandelt waren, ohne dass dadurch die
Diphtheriebazillen1 zum Verschwinden gebracht werden konnten, aus-
gesucht
Die Anwendungsart bestand bei Nasenbazillenträgern in 3— 4 mal
täglichen Nasenspülungen mit 10 ccm einer Lösung von 1,0 Diphtho¬
san : 500,0 Aq. dest. (das entspricht einer Flavicidverdünnung von
1 : 5000) in jede Nase — infolge geringen Materialvorrats nicht häufiger,
wie Langer eigentlich für besonders hartnäckige Fälle verlangt
oder in Gurgeln bei positivem Rachenbefund, resp. 2 — 3 mal täglichen
Spülungen bei Vaginaldiphtherie. Die Verdünnungen waren stets die¬
selben wie oben angegeben. .
Es mag gleich vorweggenommen werden, dass irgendwelche Schä¬
digungen sowie Klagen seitens der Patienten niemals beobachtet sind.
Es baten viele Kranke, die mit anderen Medikamenten nicht negativ
wurden, oft darum, mit Diphthosan behandelt zu werden, ein Wunsch,
dem leider aus vorher beregten Gründen nicht immer entsprochen wer¬
den konnte. . , x . , . •
Erwachsene spuckten die Spülflüssigkeit sofort wieder aus dem
Munde heraus, ebenso die grösseren Kinder; die kleinen Kinder und
Säuglinge schluckten die Spülflüssigkeit zum Teil herunter, ohne dass
irgendwelche Schädigungen von seiten des Magens oder Darmes in die
Erscheinung traten. Bereits nach den ersten Spülungen hatten sich
alle an den im Anfang natürlich etwas ungewohnten Eingriff gewöhnt.
Die Untersuchungen der mikroskopischen Präparate wurden stets
von derselben Laboratoriumsschwester vorgenommen, die auch alle
anderen Abstriche von nicht mit Diphthosan behandelten Patienten
untersucht. Da sie nie auf die Krankenabteilung kommt, wusste sie
natürlich nicht, welches die mit Diphthosan Behandelten waren. Die
Kontrolle der Präparate ist sehr scharf. Die Kulturen werden stets erst
nach 48 Stunden abgeschlossen, die Patienten erst als keimfrei ent-
lassen, wenn hintereinander 2 Abstriche nach je 48 Stunden negativ
sind, Waisenhauskinder, Schwestern etc. zwecks grösserer Sicherheit
sogar erst nach 3 negativen Abstrichen. „ ,
Durch diese bei uns stets geübte grosse Vorsicht bei der Ent¬
lassung erklärt es sich, dass einige Patienten sehr lange auf der Ab¬
teilung lagen, da oft nach 2 negativen der 3. Abtrich wieder positiv war,
so dass dann erst wieder 3 Abstriche hintereinander negativ sein
mussten, bevor der betreffende Kranke entlassen werden konnte.
Ein auch sehr gekürzter Auszug aus den einzelnen Krankenge-
schichten würde natürlich hier zu viel Raum einnehmen. Es mag
deshalb eine Tabelle mit einigen zum Verständnis nötigen Erläuterungen
genügen.
Mit ’ Diphthosan behandelt sind in der Zeit vom 3. XII. 1920 bis
9. VII. 1921 im ganzen 32 Fälle, die dann noch nach Nase, Rachen und
Vagina getrennt aufgeführt sind. (Siehe nächstfolgende Tabelle.)
Die verschiedenen Summen bei den Gesamtfällen einerseits und
dann von Nase, Rachen und Vagina zusammen andererseits erklären sich
dadurch, dass bei einigen Kranken nur Nase oder Rachen oder Vagina,
bei anderen 2 oder alle 3 Organe gleichzeitig behandelt wurden.
Die in der ersten Rubrik (Gesamtfälle) in Klammern aufgefuhrten
Zahlen bedeuten eine Trennung nach den Di.-Baz. - A u s s c h e i d e r n
(1. Zahl), d. h. solchen Patienten, die nach einer bei uns überstandenen
sicheren Diphtherie in der Rekonvaleszenz noch bazillenpositiv waren,
sowie nach den echten Di.-Baz. - T rägern (2. Zahl) . das sind
solche Kranke, in deren Anamnese sich keine vor kürzerer oder längerer
Zeit überstandene Diphtherie fand, die also entweder bei uns wegen
einer katarrhalischen oder follikulären Angina, die klinisch nicht als
echte Diphtherie angesprochen werden konnte, zur Aufnahme kamen,
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
11
I —
II =
2 mal SSS.
III =
IV
v --
Die Gruppeneinteilung bedeutet:
sofort 2 mal SS!.
1 mal SS!, dann auf Wunsch gegen Revers entlassen oder 1 mal +,
2 mal +, 2 mal SS!.
öfter +, 2 mal SS!.
bis Ende +.
Gruppe
Gesamtiä le
Nase
Rachen
Vagina
Anzahl
0/0
Anz *hl
%
Anzahl
%
Anz.hl
%
I
13 41
(10 + 3) |
11 (1)
44
4(1)
19
2(2)
67
II
2
7
16 + 3)
6
22
2
5(3)
8
20
1
9(4)
5
42
1 (1)
33
III
2
'1 + 1)
6
2(2)
8
2(2)
10
—
-
IV
3
i2 -(- 1)
9
2(1)
8
1
5
—
—
V
5
(3 + 2>
16
3
12
4
19
—
-
Summa
32
(22 + 10)
25
21
3
bei denen aber im Nasen- oder Rachenabstrich resp. in beiden Diph¬
theriebazillen kulturell nachgewiesen wurden, oder solche, die gelegent¬
lich einer auf einer anderen Station aufgetretenen Diphthe rieepidemie
als bazillenpositiv auf die Infektionsabteilung verlegt wurden, ohne
selbst Diphtheriesymptome zu bieten.
Die in den letzten 3 Rubriken (Nase, Rachen und Vagina) in
Klammer aufgeführten Zahlen bedeuten die nicht mit anderen Medi¬
kamenten vorbehandelten Fälle. Alle Patienten haben bis zum ev.
Beginn der Diphthosanbehandlung mit H2O2 gegurgelt. Eine lokale Be¬
handlung des Rachens erfolgte in diesen Monaten meistens mit Pyok-
tanin 3proz., mitunter mit Providoform 5 proz., Trypaflavin Vs bis
2 proz. oder Lugolscher Lösung; Nasenbehandlung mit H2O2, XA bis
2 proz. 1 rypaflavin oder 1 proz. Eukupin-Salbentampons.
Die oberen Zahlen in Gruppe ll sind die nach nur einem -©'-Abstrich
gegen Revers Entlassenen, von denen war der eine (Fall 15) nach
18 tägiger anderweitiger Behandlung noch +++, der 2. (ball 22)
nach 32 tägiger Behandlung +, beide nach Beginn der Diphthosanbe¬
handlung sofort 1 mal ssr.
Unter den 13 bällen der Gruppe I ist einer (Fall 4), bei dem nach
33 tägiger Behandlung mit anderen Medikamenten noch 4 Rachen¬
abstriche + waren, ein zweiter (Fall 11), bei dem nach 40 tägiger
Behandlung noch 4 Nasenabstriche -j- bis -f — f- mit einem dazwischen¬
liegenden -©-Abstrich, ein dritter (Fall 8). bei dem nach 59 tägiger Be¬
handlung noch 6 Nasenabstriche -(- mit einem dazwischenliegenden
-^-Abstrich, ein vierter (Fall 9), bei dem nach 78 tägiger Behandlung
noch 9 Rachenabstriche + bis V — | — |- mit 2 dazwischenliegenden -©'-Ab-
strichen und ein fünfter (Fall 7), bei dem' sogar nach 101 tägiger Be-
handlung noch 10 Nasenabstriche + mit 6 dazwischenliegenden -©'-Ab¬
strichen waren. Bei diesen Fällen waren sofort nach Beginn der
Diphthosanbehandlung die beiden ersten Abstriche in Fall 4, 9 und 11
die drei ersten in den Fällen 7 und 8 negativ.
In Gruppe II (untere Zahlen) findet sich ein Fall (Fall 20), der
nach 58 tägiger Behandlung noch 5 mal in Nase und Rachen + war
mit 2 dazwischenliegenden -©r-Abstrichen, nach Beginn der Diphthosan¬
behandlung war noch ein Abstrich +, die 3 nächsten sss. 2 Fälle (18
und 19) waren nach 1 bzw. 3 tägiger (!) Diphthosanbehandlung in Nase
und Rachen noch einmal +, dann 2 mal -©r. 1 Fall (16) war nach
38 tägiger Behandlung im Rachen stets +, nach 11 tägiger Diphthosan¬
behandlung 2 mal +, dann nach Trypaflavin und Pyoktanin 3 mal +,
dann, nach wieder aufgenommener Diphthosanbehandlung sofort
2 mal -©.
In Gruppe V ist ein Fall (28), der nach 224 tägiger Behandlung mit
tast allen oben angeführten nacheinander in buntem Wechsel an¬
gewandten Medikamenten in Nase und Rachen ++ bis +++ war,
mit einigen eingestreuten negativen Phasen, nach 21 tägiger Diphtho¬
sanbehandlung waren 5 Abstriche teils gänzlich -©, teils spärlich +;
hier war jedenfalls eine Abnahme in der Zahl der Diphtheriebazillen
evident und es wäre wohl sicherlich gelungen, den Patienten gänzlich
bazillenfrei mit Diphthosan zu machen, doch wollte die Pflegemutter das
Kind unbedingt am 24. XII. nach Hause haben.
Diese sämtlichen hier etwas näher beschriebenen Fälle sprechen
mit den anderen der Gruppe I und II entschieden für die Brauchbarkeit
des Präparats und, soweit Nasenbazillenträger in Frage kommen, für
das Berieselungsverfahren.
Die in Gruppe III und IV zusammengefassten Fälle halten ungefähr
die Mitte.
L Absolute Versager sind die 4 in Gruppe V Verbliebenen, einer von
ihnen (Fall 32) war nach 31 tägiger anderweitiger Behandlung im Rachen
■“™ + bis ++. mit 2 -©"-Abstrichen zwischendurch; nach 14 tägiger
Diphthosanbehandlung war ein Abstrich -©, 2 +. Ein zweiter Fall (30)
war nach 45 tägiger Behandlung in der Nase 6 mal + bis +++. im
Rachen 1 mal •©, 5 mal + bis H — h nach 23 tägiger Diphthosanbehand¬
lung in der Nase 1 Abstrich -©, dann 3 mal ++, im Rachen 1 Ab¬
strich -©, 3 -f- bis +++ (hier musste wegen Auftreten einer Pneu¬
monie die Diphthosanbehandlung 11 Tage unterbrochen werden). Der
dritte Fall (31) war nach 44 tägiger Behandlung im Rachen 5 mal -R
bis +++ (niemals -©), nach 41 tägiger Diphthosanbehandlung 1 mal sss
und 5 mal -f bis +++.
Diese 3 und der obenerwähnte Fall 28 mussten auf Wunsch gegen
Revers als nicht keimfrei entlassen werden. Bei dem letzten Fall (29)
der^Gruppe V waren nach 29 tägiger Behandlung die 3 Nasenabstriche
-r bis ++t, von den Rachenabstrichen 1 +, 2 ©; nach 36 tägiger
Diphthosanbehandlung die 5 Nasenabstriche + bis +++, die
5 Rachenabstriche +. Das Kind ist dann einer schweren Larynx- und
Trachealdiphtherie, die also trotz ständiger Diphthosan¬
behandlung entstanden ist (!), und Bronchopneumonie er¬
legen.
Wenn man sich die einzelnen Ergebnisse in Prozenten, die zwecks
besserer Uebersicht abgerundet sind, gegenüberstellt, so ergibt sich fol¬
gendes Bild.
Erlolge
prompte
(Gruppe I u. II)
Erfolge
mittlere
Gruppe III u IV
Versager
(Gruppe V)
69 •/„
15%
16%
7 Wo
16%
)2"/0
66%
15%
19%
1'0%
—
72%
6%
22%
71 %
29%
7- 0 o
14%
14%
60%
20%
20%
Gesamtiälle ......
Nase .
Raihen .
Vagina .
V i behandelte Fälle . .
Nicht vuruchandelte Fälle
D e Baznlenaussc leider .
Die Bazillenti äger . . .
D. h. also, dass die Nasenbazillenträger etwas günstiger abschliessen
als die des Rachens (72 Proz. : 66 Proz.) Auffallend gute Resultate
(100 Proz.) zeigen die Vaginaldiphtherien, was wohl aurch die günstige
Applikation des Medikaments bei diesen Fällen erklärt ist.
Bei den beiden vorletzten Gruppen halten sich die prompten Er¬
folge die Wage; bei den mittleren Erfolgen schliessen die nicht mit
anderen Präparaten vorbehandelten Fälle wesentlich günstiger ab, um
dafür die andern in der Versagerrubrik mit relativ hoher Prozentzahl
allein stehen zu lassen. Es ist aber natürlich zu bedenken, dass die
grösste Mehrzahl der zur Zeit dieser Versuche auf der Diphtherie¬
abteilung befindlichen Kranken auch mit der sonst üblichen Behand¬
lung negativ geworden sind.
Die prozentuale Gegenüberstellung der Bazillenausscheider und
-träger ergibt bei den prompten Erfolgen ein Ueberwiegen der ersteren,
in den beiden anderen Rubriken höhere Zahlen für die letzteren, wo¬
durch die schon bekannte Tatsache bestätigt wird, dass eine erfolg-
ieiche_ Bekämpfung der echten Bazillenträger schwieriger ist als eine
Entkeimung der Bazillenausscheider.
Ein Unterschied in bezug auf das Alter der Patienten konnte nicht
beobachtet werden. Die vorbehandelten Fälle waren meist sehr hart¬
näckige, die sich gegen alle bislang bei ihnen verwandten therapeuti¬
schen Massnahmen mehr oder weniger refraktär verhielten. Ein grosser
Teil von ihnen konnte, wie oben gezeigt, entweder sofort oder doch
ziemlich bald nach Beginn der Diphthosanbehandlung als keimfrei ent¬
lassen werden nur bei einer kleinen Zahl gelang es nicht, das er¬
wünschte Ziel zu erreichen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ge¬
samtresultate noch bessere geworden, wenn, wie Langer es bei hart¬
näckigen Fällen empfiehlt, die Spülungen öfter als 3— 4 mal täglich
wiederholt wären. Hier war uns jedoch eine natürliche Grenze durch
die nur geringe Menge des zur Verfügung stehenden Präparats gesetzt.
Ls lag uns mehr daran, wie es auch wohl für die Gesamtbeurteilung
eines neuen Medikaments in der Therapie wichtiger ist, das Diphthosan
bej möglichst vielen verschiedenartigen Fällen auszuprobieren, als uns
gleich bei den ersten hartnäckigen Fällen zu verbeissen und dann für
andere nichts vom Präparat mehr übrig zu haben.
Die bei objektiver Beurteilung recht günstig erscheinenden Re¬
sultate sind sicher einerseits auf die Methode des Berieselungsver¬
fahrens, das eine leichte Applikation des Diphthosans an sonst sehr
schwer zugänglichen Stellen gestattet, sodann aber sicher auch auf
die hohe bakterizide Eigenschaft des Präparats zurückzuführen. Letz¬
terer Vorzug lässt das Flavicid ganz besonders geeignet erscheinen,
auch bei anderen als durch Diphtheriebazillen hervorgerufenen Erkran¬
kungen, z. B. bei Sepsis, Meningitis, Hautaffektionen, infizierten Wun¬
den etc. in kutaner, intravenöser oder endolumoaler Applikation den
Körper im Kampfe mit den Mikroorganismen wirkungsvoll zu unter¬
stützen. Jedenfalls scheint das Flavicid resp. Diphthosan ein weiterer
wertvoller Baustein und Zuwachs im therapeutischen Schatz für eine
aussichtsreiche Bekämpfung der durch Diphtheriebazillen oder andere
Bakterien hervorgerufenen lokalen oder allgemein septischen Erkran¬
kungen zu sein und wohl wert, auch in anderen Kliniken kritisch geprüft
und angewandt zu werden.
Literatur.
Braun: M.m.W. 1917 Nr. 6. - Hermann: Mschr. f. Kindhlkd. 1919,
15, Nr. 7. — Isaack: M.m.W. 1917 Nr. 31. — Langer: D.m.W. 1920
Nr. 37. Ders.: D.m.W. 1920 Nr. 4L — Ders.: Ther. Halbmonatsh. 1920
H. 20. — Morgenroth: Jahresk. f. ärztl. Fortbild. 1917 Nr. 1. —
W. Pfeiffer: M.m.W. 1917 Nr. 6. — S c h ä f e r: B.kl.W. 1916 Nr. 38. —
Sommer: B.kl.W. 1916 Nr. 43. — Spiess: D.m.W. 1920 Nr 19
5’
Nr. 1.
Aus der Universitäts-Kinderklinik Göttingen.
(Direktor: Prof. Dr. Göppert.)
Kapillarlähmungen im Darm bei Grippe ).
(Pseudoenteritis anaphyiactica.)
Von Dr. F. Lim per, Assistent der Klinik.
fiöDoert [11 wies als erster im Darm von an foudroyanter epi¬
demischer Genickstarre verstorbenen Kindern KaPlIl?.r1‘aÄnR' ^
Er brachte diesen Befund in Beziehung zu den {et en Tieren
ners |2j, den Erscheinungen bei Sepsin- und Abnn-vergrfteten Ger
und endlich zum parenteralen Darmkatarrh, von dem sp ater noch d
Rede sein wird. Gleichzeitig sprach er die V für en idemische
es im vorliegenden Falle nicht mit der Wirkung eines für epidemiscne
MenCigitis spezifischen Giftes zu tun hatten, sondern dass sich das
Slei Daran! Sb ‘sthT NoÄSXkuch bei anderen Infektionen
jÄlSi » suchen. Ich habe dir i Dä rme von an Qrip e
Verstorbenen histologisch untersucht ) : Sowohl von Erwachsene
die der eigentlichen, pandemischen Grippe im Jahre 191b erlegen >
a \, auch von Säuglingen, die im Verlauf einer jener Infektionen des
Respirationstraktus (Naso-Pharyngitis, Bronchitis, IJr°'lcl110P|Je™lm
usw ), die wir unter dem Namen Grippe zusammenfassen, ad exitum
kamVon den Erwachsenen waren keine Krankengeschichten mehr vor¬
handen Bei den Kindern war der Verlauf folgendermassen. Die a
fangs leichte Erkrankung nahm nach 6-14 Tagen plötzlich eine Wen¬
dung zur Verschlechterung mit folgenden Symptomen: 1 emp-eratui -
s urz Blässe mit lokaler Zyanose um den Mund, kleiner oder gar nicht
fühlbarer und mit unseren gewöhnlichen Herzmitteln mcht beeinfluss¬
barer puis Krämpfe und endlich, soweit darauf geachtet wurde. Dicker
wefden des Leibes. Eine halbe bis einige Stunden spater trat de.
1 °d Ehe "Sektion ergab makroskopisch ausser den e r war teten V e rande -
rtingen am Respirationstraktus am Darm starke und stärkste njek-
tioif bis in die feinsten Gefässchen, zuweilen fleckweise Rötung.
Die mikroskopische Untersuchung des Darmes zeigte in [^^osa im
Submukosa auffallend viele weite, von zarten Endothehen umkleidete,
strotzend mit Erythrozyten gefüllte Raume; enge Arteten nicht oder
nur wenig erweiterte und mässig gefüllte Venen. Kein Oedem. kei
zellige Infiltration, also keine Zeichen von Entzündung. r .
Der Darm von den Erwachsenen, die an der pandemischen Gripp
gestorben waren, bot dasselbe Bild, desgleichen ein jungst untersuchter
Darm von einem an Sepsis ad exitum gekommenen Säugling (in
dessen gleich nach dem Tode entnommenem Blut reichlich Bact. coli
naChWiT haben Walsoe’eine Darmveränderung vor uns, die klinisch unter
den Anzeichen des anaphylaktischen Schocks entstanden ist, makro¬
skopisch ganz den Eindruck einer Entzündung macht und über de en
nichtentzündlichen Charakter erst die nukroskopische Untersu^hu
aufklärt; ich möchte sie sonnt Pseudoenteritis anaptn
laC\Vira wiesen n’die Kapillarlähmung im Darm als au dem f emst¬
reagierenden Gefässgebiet nach, selbstverständlich Endet sie sich auch
an anderen Kapillargebieten. So beobachtete Lieh wjt ; 31 bt
Grippe einen von der Körpertemperatur, der Hautrötung dei Kra
und Schlagfolge des Herzetls unabhängigen Kapillarpuls, den er als
Ausdruck einer Schädigung durch Kapillargifte ansprach.
Wenn wir die Göppert sehen und die von mir angeführten Falle
betrachten so finden wir, dass bei den ersteren die Krankheit gleic i
von Anfang an foudroyant verläuft während bei meinen erst nach einer
gewissen Reaktionszeit die foudroyante Wendung zum Schlecuten
CintrWir sehen hierin ein Zeichen von der verschiedenen immunisatori¬
schen Fähigkeit der Organismen. Bei den Göppert sehen Fallen be¬
sitzt der Körper gleich von vornherein eine genügende Immumsations
fähigkeit, so dass durch reichlichen Zerfall von Bakterienieibern sofor
im Anfang der Erkrankung grosse Toxinmengen - , ob es - steh um <äas
Friedberger sehe Anaphylatoxin handelt, bleibe dahingestellt
freiwerden, die den Körper überschwemmen und den hefigen Jmpetus
hervorrufen. Bei meinen Fällen erwirbt sich der Körper erst im Verlauf
der Krankheit genügende immunisatorische Fähigkeit und es tritt ei
jetzt auf, was wir bei den Genickstariefallen gleich im g
“‘“[Selbe,, Vorgänge, die wir hier in extremer Weise tödlich «r-
laufen sehen, können natürlich auch in abgeschwachte. Form i in Er¬
scheinung treten. Ein Symptom einer solchen abgeschmackten R
aktion ist der parenterale Darmkatarrh. Wir verstehen daruntei die
im Anfang oder während einer Infektion auftretenden schleimigen oder
schleimig-blutigen Stühle. Eine Abgrenzung gegen Ruhr ist oft sehr
SÜ1WDas anatomische Substrat für diesen parenteralen Darmkatarrh
sehen wir in den geschilderten Veränderungen am Darm in Form der
Kapillarlähmung.
*) Vortrag, gehalten auf der Sitzung des Niedersächsischen Vereins für
innere Medizin und Kinderheilkunde in Hannover am 22 X. ^1921.
>) Das Material verdanke ich dem liebenswürdigen Entgegenkommen deS
Direktors des hiesigen pathologischen Institutes, Herrn Qeh.-Rat Kau
m a n n, dem ich auch an dieser Stelle verbindlichst danke.
Literatur.
1 F Göppert: Der Darm bei foudroyant verlaufender Genickstarre,
v u L vaaiois 7 — 2 Heubner: Ueber Vergiftung der Blut-
1919 Nr. 46. _
lieber chronische Appendizitis im Kindesalter.
Von Oberarzt Dr. Lunckenbein, Ansbach.
So klar und charakteristisch sich uns in den allermeisten Fällen
das Krankheitsbild der akuten Appendizitis darstellt so schwierig und
kompliziert kann die Diagnose werden, wenn es sich um eine c h 1 -
nische Erkrankung des Wurmfortsatzes handelt; alle die sonst so^
zwingenden Symptome, wie Erbrechen, Bauchdeckenspannung. 1 Ms-
ri hä n omen^ Fieber usw ., fallen' weg; an . ihre Stelle treten meist recht
unklare vieldeutige und vom eigentlichen Krankheitsherd wegfuhrende
Erscheinungen, die uns irreführen. Die Schwierigkeiten nehmen be-
grehlicher weise zu, wenn es sich um Patienten kindlichen Alters
handelt, bei denen ungenaue Angaben der subjektiven Beschwerden
und manche im Bereiche der Möglichkeit liegende Dmerentia diagnosc
SS iS Tod, mck verschleiern. Ich halte es deshalb ‘rote der sc hon
vorhandenen überreichen Appendizitisliteratur für .ge‘echt^rt'kL. 3
noch wenig bekannte Erscheinungsformen der chronischen ‘ APPendizit.s
m Kindesalter an der Hand von drei unglücklich verlaufenen Fallen
die ich in letzter Zeit beobachten konnte, hinzuweisen, um so mehr,
als diese Fälle eindringlich erkennen lassen, dass wir m der chronischen
Wurnifortsatzentzündung ein heimtückisches, gefährliches Leiden zu
bekämpfen haben. ..
Der Einfacheit halber skizziere ich kurz de^ lef? ®Pt\all{’ dtervIoll.
dem erstbeobachtc ten sich in den massgebenden Punkten fast voll
kommen deckt: .
Mittelkräftiger, gut genährter bteich a"f*«ftÄErbSchS
weckter Km.be im Alter von 4/, Jahren. Abends \ Uhr plötzlich Lrbrechen,
Aufstossen, reflektorische Bauchdeckenspanr.ung bei Druc
R?, scher Lf^P-Ä«: Äg
i Ses;Sortorc;,ekvo,r dÄTASSJ ä“
Jnd ca 3 stunden nach dem Auftreten der ersten
•msveführt wurde Befund: Wurm nach oben geschlagen, kolbrg verdicKU,
‘ziemlich adhärente Spitze; keine auffallende üe^ssin^
narbig geschrumpft, von einer Reihe erbsengrosser, dercb.™llt.fifhte^ .U T.®.
xv:p vnn einer Perlenschnur durchzogen; diese lassen sich auch ins Mt
enferium verfolgt Beim Losfösen der Spitze Austreten geringen eitrigen
lnhaltFS: handelte sich also um eine schon länger bestehende chronische Er-
5Ätedt^
„achte deshalb die Eltern auf diese Komplikation und deren möglichen
Folgen aufmerksam obwohl die Operation in ca. 15 Minuten völlig g *■
vor Uuücn war. Leider mit Recht.. 10 Stunden roppe^‘Xamke t ieg-
Frhrechen- 24 Stunden post operationem trotz völliger Enthaltsamkeit leg
lieber Nahrungsaufnahme abermals Blutbrechen; dabei spontaner ^bgansB1
Flatus weicher Leib; 32 Stunden post operationem Exitus unter Blut
brechen und allen Anzeichen einer inneren Blutung.
Sektionsbefund- Im Abdomen keine Spur einer Peritonitis; die am Mes-
entenolum festgestellten Drüsen lassen sich ‘"^Mesenterium und längs de
Gefässe bis zum Piortadereintntt verfolgen Lebet etwas ve'kleiner ü
S c h n i 1 1 f 1 ä c h e z e i g t d a s ty Pi s che B ild d erMuska tl Der
(mikroskopisch sind die Venae centrales erweitert) • d^JgFrsche hiung
dunkelgeronnenem Blut, an der Magenwand keine auffallende ErschemunZ;
dagegen im unteren Teil des Oesophagus (wie auch im ' j®1.«,
liehe Spur eines geplatzten Varix! Lungen ohne Befund. Die rmkroskopisc
Untersuchung mehrerer Drüsen ergibt, dass es sich um rem entzündliche
Produkte handelt.
Wir haben also als F o 1 g e z u s t ä n, d e einer chroni¬
schen Appendizitis eine Lymphangitis bzw. Lymph¬
adenitis mit sekundärer Stauungsleber. Var x
b i 1 d u n g im Oesophagus und Verblutungstod i ” 0 S
e i li es geplatzten Varix. Die Erweiterung der Oesophagus-
venen ist bei der vorhandenen Stauungsleber kein auffal
Im Fall 1 lag der gleiche Sektionsbefund vor; im Fall 2 erfolgte der
Tod 17 Tage nach der Operation unter den Erscheinungen emer intesti¬
nalen Sepsis. Die Sektion ergab hier ebenfalls ausgedehnte Lymph-
angitis und Lymphadenitis, vom chronisch erkrankten Wurm und dessen
Mesenteriolum ausgehend; einzelne Drüsen ^aren aber vereitelt u
in der Leber, die ebenfalls das charakteristische Bild dei Stauungs eber
bot fanden sich 5-6 kleine Abszessherde. Auch hier war ein andere
Krankheitsursache, speziell Tuberkulose oder eine Darminfektion, be¬
stimmt auszuschliessen.
Ich meine, diese drei Fälle, die alle einwandfrei auf chronische Er¬
krankungen des Wurmfortsatzes zurückgeführt werden können, und die
drei Kinder im Alter von 4%— 5 Jahren betrafen, müssen zu der An¬
nahme drängen, dass wir schon vom 3. Lebmsjahr an auf Erscheinungen
der schleichenden Wurmerkrankung achten müssen; denn was ich als
Konsiliararzt auf dem Operationstisch sah, war das Endstadium,
eines monatelang zurückliegenden entzündlichen Pro^fsses-
Wichtig ist es nun. aus dem Krankheitsverlauf und dem Obduktions¬
befund gewissermassen retrospektiv diagnostische Winke und Hilts-
mittel herauszuschälen, die uns die Erkenntnis dieser heimtückischen
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
13
Erkrankung erleichtern können. Es gelang mir bei den Eltern und
behandelnden Aerzten wichtige Aufschlüsse zu bekommen.
Im Vordergrund der chronischen Appendizitis stehen Magen¬
besehwerden und Schmerzen in der Nabelgegend. Der Druckmmkt ist
rechts oberhalb und seitlich des Nabels, zeitweise zwischen Nabel und
Magen. MacBurney scher und L a n z scher Punkt können völlig
schmerzfrei sein. H. Kümmell weist in seiner Abhandlung (M.m.W.
1921 Nr. 41, auf den „Schmerzpunkt bei der chronisch verdeckten
Appendizitis“ hin und nimmt ihn ebenfalls „nahe am Nabel, etwa 1 — 2 cm
unterhalb desselben, senkrecht oder etwas nach rechts abweichend“ an,
wobei er diesen Punkt als K-Punkt bezeichnet. Nach den vorliegenden
Sektionsergebnissen möchte ich die mehrfach kritisch beleuchteten
abdominellen Druckpunkte bei der chronischen Appendizitis in ursäch¬
lichen Zusammenhang bringen mit der anscheinend doch recht häufigen
gleichzeitigen Lymphadenitis und Lymphangitis und mit der sekundären
Leberstauung. Sowohl der charakteristische Magenschmerz als auch der
„periodische Nabelschmerz“ der Kinder, die Colica appendicularis,
lässt sich ohne Zwang erklären, wenn wir an die rein mechanische
Druckwirkung der entzündlich geschwollenen Lymphdrüsen und Lymph-
gefässe mit ihren Folgeerscheinungen denken auf Leber. Magen und
Verdauungstraktus. Die Ansicht Len anders, der die Magen¬
schmerzen mit „einer entzündlich fortgeleiteten Affektion des Ganglion
solare“ erklärt, gewinnt durch die Sektionsbefunde an Wahrscheinlich¬
keit. Und speziell die kolikartigen Schmerzen finden ihre Erklärung in
einem hin und wieder auftretenden Reiz, sei er mechanischer oder
infektiös-entzündlicher Art, auf die nervösen Zentren der betreffenden
Darmabschnitte.
Als weitere charakteristische Krankheitserscheinung ist das
periodenweise Unwohlsein dieser Kinder zu erwähnen, das sich meist
innerhalb y/eniger Tage abspielt und langsam spontan wieder ab¬
klingt. Es besteht hierbei vor allem Appetitlosigkeit, die sich bis zum
Ekel und Brechreiz steigern kann, Kopfschmerz, Müdigkeit und Ab-
geschlagenheit; die sonst munteren und frischen Kinder suchen das
Bett auf. sehen fahl und bleich und verfallen aus, sind dabei auch
psychisch leicht reizbar und erregt; Temperatur meist subfebril. Selbst¬
verständlich werden solche vorübergehende Anfälle von Unwohlsein,
namentlich wenn sie sich öfter wiederholen und als anscheinend harm¬
los erweisen, bei den Kindern nicht gleich tragisch genommen, und
wenn die bei der akuten Appendizitis so deutlich in Erscheinung treten¬
den Symptome fehlen, wird wohl kaum der Appendix in den Bereich
der Erkrankungsmöglichkeiten gezogen. Es scheint mir, dass diese
periodenweise sich wiederholenden Anfälle von Unwohlsein ebenfalls
im Zusammenhang mit der Ausbreitung oder Exazerbation der
Lymphangitis oder Lymphadenitis stehen. Tm Verein mit den oben
angeführten Schmerzen und Druckpunkten sind sie jedenfalls — bei
Ausschluss anderer Erkrankungsmöglichkeiten — das wichtigste und
eindeutigste Symptom bei der chronischen Wurmfortsatzerkrankung.
Im allgemeinen betrachtet sind die erkrankten Kinder auch in den
Intervallzeiten keine besonders frische oder robuste Naturen. Die
Eltern klagen, dass trotz aller Sorgfalt die körperliche Entwicklung
nicht recht vorwärts geht; man denkt an zu rasches Wachstum, an
Würmer, Drüsentuberkulose, mangelhafte Blutbildung usw. Wer
kommt da auf die Idee, dass eine Stauungsleber der Grund für die un¬
erklärliche Appetitlosigkeit sein kann!
Selbstverständlich liegt es mir fern, etwa gar einer Polypragmasie
in bezug auf die Appendixoperation auch im Kindesalter das Wort zu
reden. Hierfür ist gar kein Grund vorhanden; denn ich glaube, dass
die Fälle von chronischer Appendizitis im Kindesalter selten sind, aber
immerhin ist es geboten, an die Möglichkeit einer solchen Erkran¬
kung zu erinnern; auch glaube ich, dass wir bei den nach Appendek¬
tomien, manchmal auftretenden Magendarmblutungen öfter „Embolie“
annehmen als gerechtfertigt ist; denn die pathologisch-anatomische Er¬
klärung kann auch lauten: Lymphadenitis, Pfortaderstauung, Varix-
bildung und Varixblutung.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Qiessen.
(Direktor.: Geh. Rat Prof. Dr. Poppert.)
Dauerheilung des operierten Brustkrebses mit und ohne
prophylaktische Röntgenbestrahlung*).
Von Dr. med. Fritz v. d. Hütten, Assistent der Klinik.
Unter der günstigen Entwicklung der Röntgentherapie hat sich im
Laufe der letzten 10 Jahre beim Mammakarzinom radikale Operation
(Amputation mit Wegnahme des Pektoralis major und minor und Aus¬
räumung der Drüsen in der Achselhöhle) und nachfolgende prophylak¬
tische Röntgenbestrahlung als das Normalverfahren ausgebildet. Die
guten Resultate, die bei diesem Vorgehen erzielt wurden (F i s h c r,
Treber, Hoffman n, Lehmann und Scheven, Anschütz
u. a.) gaben dem Ausspruch von S t r a u s s die Bestätigung, dass die
Unterlassung der Nachbestrahlung als ein Kunstfehler anzusehen sei und
dem behandelnden Arzt zum Vorwurf gereiche. Loose, Seitz und
W i n t z u. a. verzichteten, einen Schritt weitergehend, auf die Opera¬
tion ganz und bestrahlten primär, wobei sie gute Resultate mitteilten.
Die Publikationen Looses verlieren jedoch von vornherein an Be¬
weiskraft durch das Fehlen von Zählen, Statistiken und Kranken-
*) Auszugsweise vorgetragen in der Med. Gesellschaft Giessen.
geschienten. Blieben Misserfolge und Versager der Röntgenbestrahlung
dem einzelnen Beobachter auch nicht verborgen, so kam den meisten
doch die Statistik von Perthes-Neher überraschend, nach der die
pestoperative Röntgenbestrahlung die Gesamtergebnisse nicht nur nicht
verbessert, sondern sogar verschlechtert hat; besonders die Bestrahlung
der letzten Jahre mit Apparaten neuesten Typs (Intensivbestrahlung)
hat einen erhöhten Prozentsatz an Metastasenbildung und lokalem Re¬
zidiv im ersten Jahre im Gefolge (nichtbestrahlte Fälle 28 Proz.,
intensivbestrahlte 41 Proz.). Dieselbe Erfahrung haben laut Veröffent¬
lichung von Tichy und Kästner die Marburger und Leipziger
chirurgische Klinik machen müssen (Rezidiv im 1. Jahr: nichtbestrahlte
Fälle 11,2 bzw. 33 Proz., intensivbestrahlte Fälle 45,5 bzw. 47,6 Proz.).
Ich habe auf diese sich wiedersprechenden Veröffentlichungen hin
auch das Material unserer Klinik einer Nachprüfung unterzogen, obwohl
die Zahl der prophylaktischen Nachbestrahlungen eine verhältnismässig
geringe ist. Wir haben uns nämlich bei den gelegentlichen Nach¬
untersuchungen einzelner Fälle immer wieder von dem absolut nega¬
tiven Erfolg der Bestrahlung überzeugen müssen, so dass wir die
Nachbestrahlung nicht systematisch durchgeführt haben. Die Zu¬
sammenstellung auch unserer bestrahlten und nichtbestrahlten Fälle
mag entscheiden, ob wir richtig gehandelt haben.
Unser Material setzt sich zusammen aus 197 Mammakarzinomen,
die von 1910 bis 1920 zur Operation kamen. Von 174 Fällen konnte ich
genaue Auskunft erhalten, 20 waren nicht aufzufinden oder die Angaben
so ungenau, dass ich sie nicht verwenden konnte. 2 Patienten kamen
am Tag der Operation infolge Herzschwäche zum Exitus, eine starb
am 8. Tag an Pneumonie. Das bei uns gebräuchliche Operationsver¬
fahren ist das bereits oben erwähnte. Von Ausräumung der Supra-
klavikulardrüsen unter temporärer Resektion der Klavikula oder gar
Resektion an der knöchernen Thoraxwand haben wir keinen Gebrauch
mehr gemacht; denn solche Fälle sind trotz radikalster Massnahmen
als aussichtslos zu betrachten.
Bei der Gegenüberstellung von bestrahlten und nichtbestrahlten
Fällen ist die Einteilung in Gruppen je nach der Schwere des klinischen
Befundes unbedingt nötig; nur dann geben die Veröffentlichungen, wie
ja auch eine Reihe vorliegen, ein klares Bild über den Wert der Rönt¬
genbestrahlung. Die Gesamt zahl der bestrahlten und nichtbestrahl¬
ten Fälle und das G e s a m t heilungsresultat in Prozenten können nie¬
mals als Unterlage für ein objektives Urteil gelten; sind z. B. in einer
der Gruppen viele Frühfälle, dagegen in der anderen weit vorgeschrit¬
tene, so kommt man zu falschen Resultaten.
Ich habe unsere Fälle nach dem modifizierten S t e i n t h a 1 sehen
Schema (An schütz) in 3 Gruppen eingeteilt, und zwar:
I. Ca. nicht über hühnereigross, gegen Haut und Unterlage frei ver¬
schieblich, keine Drüsen.
II. Ca. mit Haut oder Unterlage verwachsen, Drüsen in Achsel¬
höhle, aber nicht zu ausgedehnt.
III. Ca. ganze Brustdrüse einnehmend, ulzeriert, gegen Haut und
Unterlage unverschieblich, massige Drüsenaussaat, Supraklavikular-
drüsen.
Die Einteilung wurde mit aller möglichen Objektivität vor¬
genommen, ehe ich die Resultate der jetzigen Untersuchungen erhalten
habe (Fragebogen an die behandelnden Aerzte). Neben dieser Grup¬
pierung je nach Schwere des klinischen Bildes sind die Fälle noch ein¬
geteilt in A nichtbestrahlte, B unzulänglich bestrahlte und C. intensiv
bestrahlte.
Technik der Bestrahlung: Gruppe B: Triplexapparat von Siemens,
selbsthärtende Siederöhre, Funkenlänge am Induktor 35, an der Röhre 32 cm,
2.5 MA.. 150 000 V., HFA. 23 cm, 3 mm Aluminiumfilter, Belichtungszeit
10 — 15 Min.; pro Feld (3 — 4 Felder) ca. 40 x, alle 4 Wochen bis zu
20 Sitzungen.
Gruppe C: Ferngrossfelderbestrahlung. HFA. 50 cm im Durchschnitt, ge¬
legentlich höher, 1,0 mm Cu-Filterung. jedesmal im Bestrahlungsfeld die
regionären Lymphdrüsen einbegriffen, ev. 2 Felder. 1. Symmetrieapparat
von Reiniger, Gebbert & Schall, Siederöhre bzw. Elektronröhre
von Müller, parallele Funkenstrecke 37 cm. primäre Belastung 4 Ampere,
sekundäre 2,0 MA., Spannung 150 — 180 000 V. resp. Belastung, welche am
Sklerometer 100 — HO anzeigt. 2. Glühkathodenapparat von Siemens,
38 cm parallele Funkenstrecke. 150 000 V, 2,5 MA. Belastung bei primärer
Intensität von 4 — 5 Ampere, Glühkathodenröhre oder Coolidgeröhre oder
Müller sehe Siederöhre. Dauer der Bestrahlung pro Feld 12 Stunden in
einer Sitzung; im Bedarfsfall Wiederholung nach 3 Monaten.
Wenn ich zunächst die Fälle der Gruppe 1 in Betracht ziehe, so
umfasst diese 32 Patienten: eine kurze tabellarische Uebersicht mag
am schnellsten über das Heilungsresultat orientieren. In der Bezeich¬
nung verweise ich auf das vorher Gesagte.
I. 32 Fälle.
A. 23 Fälle:
nach 3 Jahren leben rezidivfrei von 19 Patienten 19 (100 Proz.)
„ 5 „ „ „ „ 12 „ 12 (100 „ )
,. 10 „ ,. „ .. 5 „ 4 ( 80 „ )
Rezidiv im ersten Jahr 0, 1 Rezidiv und Exitus nach 9 Jahren.
B. 3 Fälle:
nach 3 Jahren rezidivfrei von 3 Patienten 3 (100 Proz.)
„ 5 „ „ 2 ' „ 2 (100 „ )
Rezidiv im ersten Jahre 0.
C. 6 Fälle.
Die Zeit seit der Operation und der Bestrahlung ist für die 3 und
5 jährige Beobachtung zu kurz. 6 Patienten sind seit 1 Jahr, 3 seit
14
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
2 Jahren rezidivfrei; ein Rezidiv ist also bisher in keinem Fall ein¬
getreten.
Wir sehen die günstigen Resultate dieser Frühfälle; abgesehen von
dem einen Rezidiv nach 9 Jahren in Gruppe A. haben wir 100 Proz.
Heilung, einerlei ob die Kranken prophylaktisch bestrahlt wurden oder
nicht. Hervorzuheben wäre noch gegenüber anderen Beobachtungen,
dass die Intensivbestrahlung (6 Fälle) in keinem Fall das Rezidiv im
ersten Jahr, fern oder lokal, propagiert hat. Mit aller Vorsicht kann
ich mich also die Gruppe I betreffend dahin ausdrücken, dass die Heil¬
erfolge mit und ohne Bestrahlung gleich günstig sind, dass also die
prophylaktische Nachbestrahlung überflüssig ist, sie aber auch, soweit
die Kürze der Beobachtungszeit dies beurteilen lässt, nicht geschadet hat.
Es sei mir gestattet vor der Gruppe II die Gruppe III anzuführen.
III. 45 Fälle.
A. 39 Fälle.
rezidivfrei nach 3 Jahren von 35 Patienten 3 (8,6 Proz.)
„ „ 5 „ „ 23 „ 2 (8,7 „ )
„ „ 10 „ „5 „ 0(0 „ )
Rezidiv im ersten Jahr von 39 Patienten 28, also (71,8 Proz.), davon
lokal 7, fern 6.
B. 4 Fälle:
rezidivfrei nach 3 Jahren von 3 Patienten 0 (0 Proz.)
„ ,. 5 „1 „ 0 (0 „ )
Rezidiv im ersten Jahr von 4 Patienten 3 (75 Proz.), davon lokal 1,
fern 1.
1 weitere Patientin, deren Operation und Bestrahlung erst 2 Jahre vor¬
über ist, starb im 2. Jahr am Rezidiv.
C. 2 Fälle:
1 Patientin lebt nach 1 Jahr mit Rezidiv; 1 Patientin ist nach zirka
2 Jahren am Rezidiv gestorben. Rezidiv lokal 1, fern 1.
Ist die Heilungsziffer hier schon bei den nichtbestrahlten Fällen
eine schlechte, so wird sie absolut ungünstig bei den Bestrahlten, einer¬
lei ob ungenügend oder intensiv bestrahlt wurde. Keine dieser Kranken
ist länger als 2 Jahre rezidivfrei geblieben; eine Begünstigung der Meta¬
stasierung ohne Lokalrezidiv ist, soweit die ungenügenden Angaben
darüber zu erhalten waren, nicht festzustellen Von einer Besserung
durch die Röntgenstrahlen kann hier keine Rede mehr sein, doch
kann ich mich zur Annahme einer kausalen Verschlimmerung vorläufig
nicht entschliessen, denn bei dieser an sich ungünstigen Gruppe und bei
der geringen Zahl der Bestrahlungen ist ein Zufall nicht ausgeschlossen.
Dagegen glaube ich. dass in Gruppe II, der numerisch stärksten,
der Wert der Röntgenstrahlen sich festlegen lässt; denn in dieser ist
die Heilungstendenz keine so absolut schlechte wie in Gruppe III.
II. 82 Fälle.
A.
70 Fälle,
rezidivfrei nach
»» »»
»» >»
3 Jahren von 63 Patienten 31 (49,2 Proz.)
5 „ „ 46 „ 18 (39.1 „ )
10 „ „ 21 „ 4 (19,1 „ )
Rezidiv im ersten Jahr von 70 Pat. 31 (44,3 Proz.), davon lokal 6, fern 5.
B. 8 Fälle:
rezidivfrei nach 3 Jahren von 7 Patienten 1 (14,3 Proz.)
„ „ 5 „1 „ 0(0 „ )
Rezidiv im ersten Jahr von 8 Pat. 4 (50 Proz.), davon lokal 2, fern 3.
C. 4 Fälle:
1 Pat., vor 1 Jahr operiert und bestrahlt, ist gesund. Von 3 Pat., vor
2 Jahren operiert und bestrahlt, sind 2 am Rezidiv gestorben, 1 lebt und ist
gesund.
Rezidiv im ersten Jahr von 4 Pat. 2, davon lokal 1, fern ?
Das im Verhältnis zu anderen Statistiken relativ gute Resultat der
nichtbestrahlten Pat. (A n s c h ü t z 44 Proz. für 3 jährige und 35 Proz.
für 5 jährige Beobachtung, wir 49.2 bzw. 39.1 Proz.) erfährt eine auf¬
fallende Verschlechterung unter der Einwirkung der Röntgenstrahlen.
Während durch die Operation allein von 63 Pat. 31 = 4« ? pr^z. n-cb
3 Jahren, von 46 Pat. 18 = 39.1 Proz. nach 5 Jahren rezidivfrei leben,
bleiben von den prophylaktisch ungerügend nachbestrahlten Patienten
nur 14 3 Proz, (1 Pat. von 7) nach 3 Jahren rezidivfrei. Auch die Intensiv¬
bestrahlung hat von 3 Pat. in den ersten 2 Jahren nach der Be¬
strahlung 2 an Rezidiv als tot zu buchen. Ein Vergleich zwischen un¬
zulänglicher und Rezidivbestrahlung ist bei unserem kleinen Material
nicht möglich, aus demselben Grunde verbietet sich e;ne nrozmüHc
Gegenüberstellung. Doch können wir beim Ueberblick über die ein¬
zelnen Gruppen ganz allgemein sagen, dass die prophylaktische Rönt¬
genbestrahlung bei den Fällen der Gruppe I überflüssig ist, und die
Resultate der Gruppen II und III verschlechtert hat.
Auf die Rezidivbestrahlung will ich nur kurz eingehen. Von 8 Pat.,
die mit ungenügenden Röntgendosen beschickt wurden, lebt nach
3 Jahren nach der Bestrahlung noch eine, allerdings mit Rezidiv und in
elendem Allgemeinzustand. Die anderen sind tot, 5 starben im Jahre
der Bestrahlung.
Von den intensiv bestrahlten 8 Kranken kamen 6 im ersten Jahr
zum Exitus, eine lebt 1 Jahr, eine 2 Jahre nach der Bestrahlung
m i t Rezidiv. Geheilt worden ist also keine Pat. durch die Röntgen¬
bestrahlung.
Auf Grund ähnlicher Erfahrungen hat P a y r die prophylaktische Re-
strshlung eingestellt. Perthes will mit noch intensiveren Strahlen-
apnkkationen Weiterarbeiten. Tietze und Jüngling sagen, leider
mit Recht, dass wir uns mit den Röntgenstrahlen beim Mammakarzinom
noch im Stadium der Versuche befinden. Vielleicht liegen die Miss¬
erfolge nur an der falschen Dosierung; ob wir aber mit noch intensiverer
Bestrahlung Besseres erreichen können, scheint mir zweifelhaft.
Haendlys Untersuchungen sprechen eine zu beredte Sprache da¬
gegen. H a e n d 1 y hat 2 Serien bestrahlter Genitalkarzinome mikro¬
skopisch untersucht. Bei der ersten handelt es sich um 29 Fälle, bei
denen keine oder nur schwer geschädigte Karzinomzellen am primären
Sitz gefunden wurden. Von 22 Untersuchungen zeigten 21 am um¬
gebenden Bindegewebe und an der Muskulatur schwere Veränderungen:
Hyaline Degeneration, die bis zum Zerfall ging; die Gefässwandmusku-
latur war durch hyalin degenerierte Fibrillen ersetzt, die Intima ge¬
wuchert bis zur Abstossung des Endothels. Vielfache Thrombosen, ge¬
staute dilatierte Kapillaren bewiesen die hochgradige Nebenschädigung.
In einer zweiten Serie von bestrahlten Zervixkarzinomen stellte sich
heraus, dass trotz dieser Bindegewebs- und Gefässschädigungen 92 mal
Karzinomzellen noch vorhanden, ja sogar 62 mal lebensfrisch waren
und sich in mehr oder minder ausgedehnter Mitose befanden. Aehnlichc
Erfahrungen machte er mit den Schnitten vom Mammakarzinom. Dem
Bindegewebs-Gefässapparat müssen wir aber eine ausserordentlich
wichtige Rolle in der Vernichtung der Karzinomzelle zuschreiben
(Opitz, Theilhaber, Bier, Fränkel u. a.). dessen Schädi¬
gungen mit Applikationen immer grösserer Strahlendosen zunehmen
muss. Diese durch die pathologisch-anatomischen Untersuchungen
Haendlys neuerdings wieder gestützten Ueberlegungen (Teil¬
haber, Fränkel) finden in gewissem Grade ja auch in der Klinik
ihre Bestätigung: Perthes, Tichy, Kästner fanden mit steigen¬
der Intensität der prophylaktischen Nachbestrahlung eine Verschleebte-
rung der Resultate. Weiterhin haben Lazarus, Exner und Dö-
derlein bei Bestrahlung von geringer Intensität abnorm viel Fibro¬
blasten festgestellt, Rick er, die bei schwachen Dosen auftretende
Hyperämie durch starke in Anämie, Stase und Thrombose übergehen
sehen (Tierexperiment).
Besonders zu denken gibt noch der Fall Wetzeis aus der
Jenenser chirurgischen Klinik:
Ein Patient mit inoperablem Magenkarzinom, kommt 14 Tage nach der
zweiten Röntgenbestrahlung (Intensivreformapparat, Coolidgeröhre, 2 MA..
HFA. 23 cm, 3 mm AI-Filter. 20 Minuten Belichtungsdauer) zum Exitus. Der
Sektionsbefund des pathologischen Anatomen ergab: Eitrig-fibrinöse Peritoni¬
tis aus grossem Defekt an der vorderen Magenwand; fast perforierende
Nekrose des linken Leberlappens; die Einschmelzung am Magen verläuft
sowohl durch von Karzinom durchwachsenes, wie davon völlig freies Gewebe;
keine elektive Wirkung der Röntgenstrahlen, denn Karzinomzellen am Rande
der Nekrose zum Teil nicht vernichtet.
Wir dürfen eben über der lokalen Erkrankung das umgebende Ge¬
webe und seine Reaktion und besonders nicht den Aligemeinorganis-
mus vergessen. Auf F r ä n k e 1 s interessante Anregung, die Drüsen
mit innerer Sekretion durch Röntgenreizdosen mit zum Kampf gegen
den Karzinomherd mobil zu machen, möchte ich an anderer Stelle
eingehen.
Den Standpunkt, das Mammakarzinom nicht mehr zu operieren,
sondern primär zu bestrahlen, lehnen wir vollkommen ab ;_ meine obigen
Ausführungen machen eine weitere Begründung überflüssig. Erwähnen
will ich nur noch das damit erzielte Resultat der Freiburger Frauenklinik,
welches Opitz veröffentlicht hat: in Gruppe I (gutoperable Fälle)
von 17 Mammakarzinomen 2 geheilt = 14,28 Proz.!
Wir können vorläufig die Röntgenstrahlen in der Prophylaxe und
der Rezidivbehandlung der Mammakarzinome nicht als einen Gewinn
ansehen. müssen allerdings für die Intensivbestrahlung wegen der
Kürze der Zeit und der Kleinheit des Materials ein abschliessendes
Urteil noch zurückstellen. Vorläufig halten wir jedoch Frühdiagnose
und Frühoperation für den einzig richtigen Weg, der die betrüblichen
Gesamtresultate verbessern kann.
Literatur.
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Zbl f. Chir. 1920, 36, S. 1110. — 9. Haendly: Strahlentherapie 1921. 12. 1.
S. 1. — 10. Judt: Zbl. f. Chir. 1914. S. 1143. — 11. Käs.tner: Rruns’
Beitr. 1921, 121, 2, S. 413. — 12. Köhler: Zbl. f. Chir. 1920, S. 472. —
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18. Derselbe: M.m.W. 1918. Nr. 7. — 19. L o s s e n: M.m.W. 1921, Nr. 17.
S. 518. — 20. Müller: M.m.W. 1920, Nr. 20, S. 569. — 21. N e h e r: Bruns’
Beitr. 1920. 119, 1. S. 127. — 22. Opitz: Strahlentherapie 10, S 973. —
23. Röntgenkongr., Berlin 1921. April. — 24. Rodmann: Zbl. f. Chir. 1915.
S 568. — 25. S c h w a r z k o p f: Bruns’ Beitr. 80, 2, S. 317. — 26. S e i t z
und Wintz: M.m.W. 1920, Nr. 6. — 27. Steinthal: Zbl. f ''üir. 1911,
S 1482. — 28. S t r a u s s: M.K1. 1919. S. 343. — 29. T a r e k: Zbl. f. Chir.
1915. — 30. Tichy: 7bl. f. Chir. 1920. S. 470. — 3t. Theilhaber:
Strahlentberapie 11, 1. S. 208. — 32. Telemann: D.m.W. 1920. Nr. 17.
S. 457. — 33. Treber: Strahlentherapie 6. S. 193. — 34. Wetterer:
Strahlentherapie 10, S. 772. — 35. Wetzel: Strahlentherapie 12, 2, S. 585.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
15
Aus der Städtischen Krankenanstalt in Kiel.
(Prof. Dr. Hoppe-Seyler.)
Ueber die Kolloidnatur des Quecksilbers bei der intra¬
venösen Injektion von Neosalvarsan-Quecksilbersalz-
mischungen.
Von Dr. C. Toi lens, Oberarzt der Anstalt.
Die Originalmethode Linsers [ll, die Syphilis durch intravenöse
Injektionen eines Gemisches von Neosalvarsan und Sublimat zu be¬
handeln, ist nach vielseitiger Mitteilung ausgezeiclfnet in Anwendung
und Wirkung. Dennoch ist sie mannigfach abgeändert; und zwar be¬
stehen alle Modifikationen im Ersatz der Quecksilberkomponente —
des Sublimates — durch ein anderes Hg-Salz. Bruck \2] wählte
Novasurol, H e r b e c k [3] Embarin, Lenzmann [4l schlug Cyarsal
vor. Nach Mitteilung der betreffenden Autoren — auf Lenzmanns
Arbeit wäre unten noch einzugehen — sind die Modifikationen in
klinischer Wirkung und Beeinflussung des Wassermanns der ursprüng¬
lichen Linsermethode durchaus gleichwertig. Dazu sollen sie noch die
Vorteile der modernen Quecksilbersalze bieten. Ich persönlich habe nur
mit dem Neosalvarsan-Sublimatgemisch gearbeitet, und ich kann seine
Vortrefflichkeit nach zahlreichen Kuren, wie andernorts [5], so auch hier
hervorheben. Aber ich bin mit gutem Grunde ebenso überzeugt von der
Güte der Abänderungen.
Gibt es nun eine gemeinsame Grundlage, auf der
sich die gleichmässig gute Wirkung aller obigen
verschiedenen Behandlungsarten aufbaut?
Giesst man in eine etwa 10 proz. Neosalvarsanlösung eine Queck¬
silbersalzlösung — etwa 3 proz. Sublimatlösung — im ungefähren Men¬
genverhältnis von 5:1, so wie es in Wirklichkeit beim Zubereiten der
Injektionsflüssigkeit geschieht, so entsteht bekanntlich eine starke grau-
oder grünlichschwarze Trübung. Beim Sublimat und Novasurol läuft
dieser Vorgang schnell ab, beim Cyarsal langsamer. Mit Embarin habe
ich keine Versuche angestellt. Lenzmanns Angabe, das Cyarsal-
Neosalvarsangemisch bleibe klar, trifft nur für kurze Zeit zu, einige Zeit
nach der Mischung tritt die Trübung mit gelb-grüner Farbe ebenfalls ein.
Durch Biilow |6l und Roth mann \l] wissen wir, was dieser
Niederschlag beim Neosalvarsan-Sublimatgemisch ist. Da handelt es
sich ohne Zweifel um kolloidales Quecksilber. Ebendieselbe Kolloidbil¬
dung muss beim Novasurol und auch beim Cyarsal vorliegen. Beim
Novasurol tritt sie schnell ein. beim Cyarsal langsamer, aber aus bleibt
sie nicht. Dass der Vorgang beim Cyarsal langsamer geht, ist leicht
verständlich, weil das Cyarsal — Cyanmerkurisalizylsaures Kalium —
als komplexes Salz ohne dissoziierte Hg-Ionen und somit ohne deren
grosse chemische Aktivität nur schwer vom Neosalvarsan zu redu¬
zieren ist. Daher übrigens auch seine Reizlosigkeit auf die Venenwand
und seine verhältnismässig geringe Giftigkeit.
Für die kolloidale Natur des Niederschlags sprechen noch verschie¬
dene Beobachtungen. Die Untersuchungen konnte ich nach Angabe
Herrn Prof. Dr. Sch ad es, des Leiters der physikal.-chem. Abtei¬
lung der hiesigen med. Univ.-Klinik, unternehmen. Ich bin Herrn Prof.
Schade zu grossem Dank verpflichtet. Es ergab sich Folgendes:
Gute kolloide Lösungen von Schwermetallen, wie z. B. auch vom
Kollargol, haben 'meist eine schön leuchtend rote oder gelbe Farbe.
Ist die Metallverteilung nicht ideal fein, so wird die Farbe braun, oder
sonst irgendwie verändert, die Lösung bleibt aber noch klar. Erst wenn
die Metallteilchen noch gröber werden, wird sie trübe und schliesslich
schlägt die Farbe in Grau um. Analoge Phänomene lassen
sich bei den Quecksilbersalz-Neosalvarsanlösun-
gen beobachten. Beim Hineintropfen des Hg-Salzes in die Neo¬
salvarsanlösung entsteht zunächst für einen Augenblick ein klarer roter
Hof um den einfallenden Tropfen. Dann ein roter, dann ein gelber
Niederschlag, aus dem schliesslich die schwarzgrüne Injektionsflüssig¬
keit wird. Schon diese Farbenerscheinungen sprechen mit grosser
Sicherheit für das Auftreten kolloiden Quecksilbers während der Re¬
aktion. Und zwar lässt sich das Quecksilber im Zustande seiner gelben,
kolloiden Lösung eine geraume Zeit erhalten. Setzt man nämlich
reichlich Wasser zu, so erhält man eine lebhaft gelbe, leicht
opaleszierende, fast klare Flüssigkeit. Die ursprüngliche Sal-
varsanlösung ist jetzt viel zu sehr verdünnt, als dass ihr
Gelb noch nennenswerten Einfluss haben könnte. Die gelbe Farbe
des stark verdünnten Neosalvarsan-Quecksilbergemisches gleicht durch¬
aus der einer kolloidalen Silberlösung. Der Versuch gelingt
auf gleiche Weise mit der Novasurol- und mit der
Cyarsal-Neosalvarsanmischung. Ohne Zweifel ent¬
hält die gelbe Lösung also auch hier kolloidales
Quecksilber und daneben als Ursache der Opaleszenz gröbere
Quecksilberpartikelchen, die an der Grenze zum Kolloidalen stehen
mögen. Diese dickeren Quecksilberkügelchen sind unter dem Mikroskop
— mit Immersion — als schwarze, auffallend gleiche, runde, lebhaft
bewegliche Teilchen, etwa von der Grösse kleiner Kokken, gut erkenn¬
bar. Auch im Dunkelfeld lassen sie sich als runde, lebhaft bewegliche
Lichtpünktchett gut erkennen. Allerdings fällt die Lösung nicht immer
so klar und nur gering opalisierend aus. wie oben beschrieben. Manch¬
mal bleibt sie graugelb und man sieht mit blossem Auge eben sichtbare
Partikelchen in ihr herumschwimmen. Diese lassen sich dann abfil¬
trieren, während die zuerst beschriebenen sehr kleinen Ouecksilbertei!-
chen ohne weiteres die Poren des Filters passieren. Warum die Lösung
einmal fast klar ausfällt, das andere Mal nicht, vermag ich nicht mit
Sicherheit anzugeben. Ich glaube, dass man die Ursache in verschie¬
denen Verdünnungsverhältnissen suchen muss.
Wie schon gesagt, ist die kolloidale Quecksilberlösung nicht ideal.
Dazu müsste sie rot und klar sein. Es sind noch mikroskopisch sichtbare
Teilchen in Menge vorhanden. Aber diese sind so klein, viel kleiner
als rote Blutkörperchen, dass sie wohl kaum jemals Embolien verur¬
sachen können. Um so weniger liegt die Emboliegefahr vor, als augen¬
scheinlich die Teilchen niemals fest zusammenkleben, wenn sie auch
unter dem Mikroskop des öfteren in Haufen zusammenliegen. Anderer¬
seits muss in dieser kolloidalen Lösung die Gesamtoberfläche aller Teil¬
chen eine sehr grosse, somit sehr wirksame sein.
Lösliche Qu ecksilbersalze scheinen in den G e -
j mischen nicht mehr vorhanden zu sein. Mit ihnen be-
j schickte Dialysierschläuche — Fischblasen — Hessen wenigstens keine
Quecksilberverbindungen in das umgebende Wasser durchtreten, wäh¬
rend Sublimat allein, wenn auch nicht schnell doch allmählich hin-
durchdialysiert.
Somit ist meines Erachtens die Bildung einer brauchbaren kolloi¬
dalen Quecksilberlösung sowohl bei der Linserschen Original¬
methode, als auch bei ihrer Modifikation erwiesen. Es ist L i n s e r
also, soviel ich weiss 'zum ersten Male, gelungen, ein injektionsfähiges,
gutes Quecksilberkolloid herzustellen. Ein Vorgang, der sich bis vor
kurzem in der Technik nicht in gleicher Vollkommenheit hat erzielen
lassen. Die Ursache der Kolloidbildung ist die Reduktionswirkung des
Neosalvarsans, das dabei zugleich die Rolle des nötigen Schutzkolloides
spielt.
Mit diesem Nachweis ist die Frage nach der ge¬
meinsamen Grundlage der Linserschen Methode und
ihrer Modifikationen gelöst. Es ist eben die Bildung
und Injektion von kolloidalem Quecksilber zum Neo¬
salvarsan.
Auf die noch ungeklärte Frage, ob zur Syphilisbehandlung kolloi¬
dales Quecksilber oder Hg-Salze vorzuziehen seien, und auf das weitere
Schicksal des kolloidalen Quecksilbers im Körper sei hier nicht ein¬
gegangen. Jedenfalls haben Rothmann und Lenzmann darin
Recht, dass kolloidales Quecksilber die Venenwand nicht schädigt und
deshalb die wiederholte Injektion ermöglicht. Auch darauf sei hier hin¬
gewiesen, dass anscheinend die Injektionskur mit grauer Salbe das
Quecksilber dem Körper in kolloidaler Form einverleibt. Das eine
kann man wohl sicher sagen, wer geneigt ist, dem kolloidalen Queck¬
silber als solchem ein gut Teil der guten Wirkung der L i n s e r methode
zuzuschreiben, der muss die Verwendung eines Hg-Salzes anstreben,
aus dem durch Neosalvarsan-Einwirkung das Kolloid schnell und voll¬
ständig entsteht. Neben Novasurol erscheint Cyarsal geeignet, dessen
zweizeitige Verwendung auch Lenzmann, wenn auch aus anderen
Gründen empfiehlt. Am besten erscheint mir Sublimat, schon aus
Billigkeitsgründen.
Wenn es nun bei den verschiedenen Methoden doch darauf hinaus¬
läuft, kolloidales Quecksilber entstehen zu lassen und zu injizieren, so
liegt der Gedanke recht nahe, dem Neosalvarsan von vorn¬
herein kolloidales Quecksilber zuzusetzen. Zunächst
scheiterte dieser Wunsch am Mangel eines solchen Präparates. Ein
haltbares Quecksilberkolloid hatte die Technik bisher anscheinend nicht
herstellen können. Darum gerade scheint der gelungene Prozess beim
Salvarsan-Hg-Gemisch so interessant. In letzter Zeit ist mir aber doch
auf meine Bitte von der Firma Dr. Klopfer. Dresden-Leubnitz, ein
Hydrargyrum kolloidale zur Verfügung gestellt, das zwar auch noch
nicht ideal schön, aber doch recht brauchbar ist. Es ist ein schwarz¬
graues, feines Pulver mit einem Kohlehydrat als Schutzstoff. Der
Quecksilbergehalt beträgt 25 Proz. In reichlich Wasser löst sich das
Pulver noch grau mit einem gelblichen Schimmer. Mit wenig Wasser
gibt es eine trübe, schmutziggraue Flüssigkeit. Mikroskopisch sind, ähn¬
lich den obigen Lösungen, kleine runde' Teilchen zu sehen. Die Injek¬
tionslösungen sollen möglichst frisch hergestellt werden, die Haltbarkeit
ist aber ganz gut, dauert jedenfalls mehrere Tage. Beim Vermischen
mit Neosalvarsan scheinen beide Teile unverändert zu bleiben. Der
Farbe nach ist das Klopfersche kolloidale Quecksilber wohl nicht so
gut, wie das im Neosalvarsan-Sublimatgemisch entstehende, es müsste,
um dieses zu erreichen, eine gelbe Lösung geben. Es gibt aber einige
Umstände, welche zu Gunsten des Klopferschen Präparates sprechen,
und die vielleicht seine Unterlegenheit ausgleichen. Fügt man näm¬
lich zu der gelbeil aus Sublimat-Neosalvarsan entstandenen Lösung
physiologische Kochsalzlösung, oder, wie es den natürlichen Verhält¬
nissen besser entspricht. Serum hinzu, so schlägt die Farbe in Grau
um. ungefähr der des Klopferschen Präparates entsprechend. Dieser
Vorgang spielt sich vermutlich auch nach der intravenösen Tniektion
:m Blute ab. Das Klopfersche Hvdrarevrum kolloidale verändert seine
Farbe nicht merklich beim Zusatz von Serum. So ist denn auch wohl
praktisch der Erfolg der gelben und der grauen Lösung des Hydrar¬
gyrum kolloidale derselbe. Noch ein anderer, sehr gewichtiger
Umstand spricht für das Handelspräparat. Bei dem Zusatz
dieses Hydrargyrum kolloidale erfährt das Neo¬
salvarsan anscheinend keine Veränderung. Es wird
also gerade der Vorgang vermieden, vor dem schon Ehrlich warnt,
die Oxydation mit ihren giftigen Produkten. Wenn diese Produkte,
möge es sich um labiles Arsen handeln, oder um freie arsenige Säure,
bisher als unschädlich betrachtet werden dürfen, so kann das wohl nur
durch die minimale Menge ihres Auftretens bedingt sein.
Das Hydrargyrum kolloidale Klopfer lässt sich dementsprechend
in der Tat gut zur intravenösen Injektion verwenden. Es ist von uns
16
MÜNCHEN KR MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
viele hunderte Male angewandt, ohne dass wir je Schaden angerichtet
hätten. Zunächst begannen wir, der Neosaivarsanlosmg l ccm ein
? nroz Lösung zuzusetzen, angsam sind wir auf eine 6 pioz. Losung
gestiegen bei der wir stehen geblieben sind. Wir benutzen jetzt also
zu einer’ Injektion ca. 5 ccm Flüssigkeit. die.0,4 o^nrnz^nbifzu
und 0 08 g Hg kolloidale enthalten. Davon wöchentlich 2 Spritzen bis zui
Gesamt zahl v on 1 2 im Durchschnitt. Ein Unterschied L in .de, ^Wirkung
dieses Gemisches und der des Linserschcn ist nicht zu bemerken Die
Erfolge sind ebenso gut, Störungen kamen ebensowenig vor. Die Be¬
einflussung des Wassermann ist vorzüglich, ebenso scheint die Dauei-
" irkLefderUkommtS das Hydrargyrum kolloidale noch nicht in handlicher
Form in den Handel, wie z. B. das kolloidale Silber, dessen leichte,
bequeme Anwendungsmöglichkeit durch die Herstellung der in -
nullen eingeschmolzenen, injektionsfertigen Lösung gewährleistet wird.
Vorderhand muss die Injektionsflüssigkeit noch durch Auflösen des Pul¬
vers jedesmal hergestellt werden. Das ist. wenn es sich nur um eine
Injektion handelt, für den Praktiker zu zeitraubend und mühsam.. Für
ihn ist m. E. Sublimat das richtige Mittel. Wo cs sich aber, wie in
Krankenhausbetrieb, darum handelt, hintereinander viele Injektionen zu
machen, sodass man auf einmal eine grossere Menge kolloidmen
Quecksilbers in Lösung gebraucht, da scheint mir das neue Prapaiat
d Ur ° ich Smödi t e^ b ei dieser Gelegenheit auf eine weitere Verwendungs¬
möglichkeit des Hydrargyrum1 kolloidale hinweisen. Ich glaube, dass es
bei septischen Erkrankungen nicht ohne Wirksamkeit ist. Ich konnte cs
allerdings erst in recht wenigen Fällen anwenden, habe aber j^r den
Eindruck des Erfolges. Besonders gut war der Erfolg m einem Falle
von Lungenabszess mit septischen Erscheinungen bei dem
dahin kontinuierliche Fieber auf tägliche Injektion von 0,(L g Hg. ko 11.
in den ersten Tagen fast gesetzmässig einige stunden nach der Ein¬
spritzung zur Norm absank, zuerst um bald wieder anzusteigen spater
um allmählich zu verschwinden. Der Fall kam zur Heilung. Ebenso
glaube ich bei eiterigen Adnexerkrankungen, ferner namentlich bei Ge¬
lenkrheumatismus mit Endocarditis eine gewisse günstige Wirkung e -
kennen zu können. Ich glaube daher, bei aller gerade auf diesem Gebiet
gebotenen Skepsis, dass sich Versuche, hier das Hydrargyrum kol¬
loidale zu verwenden, lohnen könnten.
Literatur.
1. M.Kl. 1919 Nr. 41. — 2. M.m.W. 1920 Nr. 15 und 35. — 3. D.m.W.
1920 Nr. 48. - 4. M.Kl. 1921 Nr. 40. - 5. Ther. Halbmpnatsh 1921 H. 7.
6 Vortrag Bülow: M.m.W. 1920 Nr. 15. — 7. D.m.W. 1921 Nr. 3. -
s! Schades Lehrbuch der physik. Chemie in der inneren Medizin.
Ueber künstliche Erzeugung von akuter, allgemeiner
Anidrosis bezw. Oligidrosis durch Formaldehyd.
(Vorläufige Mitteilung.)
Von Rolf Griesbach, Giessen.
Selbstversuche: Juli 1921.
Wiederholte Formalinpinselung der Eüsse. . Schreib-
a\ Verrichtung der gewöhnlichen Arbeiten (Klinik, Laboratorium, o
tisch) Ergebnis: Keine Temperatursteigerung, keine subjektiven Storungen
des Allgemeinbefindens. Ausgesprochene Oligidrosis pedum, die 4 T g
anhält.
b)Ttor Stunden8 körperlich anstrengende Arbeit (Sport) in Nach-
mittagssonne. Ergebnis: allgemeine Oligidrosis /.. Z. der Betätigung.
Anidro sispedu m, Hitze- und Druckgefühl im Kopf. Temperatur 38,3.
8 Stunden anhaltend, langsam abfallend.
Q Körpediche'lRuhe. aber Belichtung des Körpers mit H olieji-
soniie bis zur leichten Dermatitis; anschliessend warmes Vollbad (39 O).
Ergebnis: wiederum allgemeine Oligidrosis, Temperatur 37,7, 4Ä Stun¬
den anhaltend.
Aus den vorliegenden Fällen glaube ich — allerdings vorläufig mit
allem Vorbehalt — die Schlüsse ziehen zu dürfen,
L dass vor allzukonzentrierter Formalinlösung zu therapeutischen
Zwecken gewarnt werden muss, „ ..
'y dass Temperatursteigerungen nach Applikation von Formalm
nicht"’ auf eine toxische Wirkung des HCOH im eigentlichen Sinne
zurückzuführen, sondern dass sie als die typischen Ausfallserschei¬
nungen von Oligidrosis aufzufassen sind, da sie scheinbar nur auf-
treten wenn der Organismus einer künstlichen Erwarmung (Sonne,
körperliche Arbeit, Bad usw.) ausgesetzt wird, und er an der selbst¬
tätigen, physikalischen Wärmeregulation durch Schweissabgabe ver-
liHd^dass bei lokaler Applikation von Formalinlösung das HCOH
' nur auf die Schweissdrüsensekretion der applizierten
Stellen sondern auch auf die des g e s a m t e n Organismus hemmend
wirken muss, was sich einerseits durch die auftretende allgemeine
Oligidrosis und andererseits durch die damit verbundene Hyper-
thermie kundtut. ...... . ^
Ich möchte hierbei noch bemerken, dass Individualität eine Kölle
zu spielen scheint, wie auch Patzschke und Plaut bei ihrem
beschriebenen Fall bezüglich der Einwirkung des Naphthalins oder
eines anderen Giftes eine prädisponierte Haut annehmen. _ „
Immerhin ist es von Interesse, festzustellen, ob Formalin ein Stoff
ist. welcher nicht nur durch oberflächliche Gerbung die Schweissdrusen-
sekretion an den applizierten Stellen reduziert, sondern auch durch
Svmpathikusbeeinflussung die Schweissdrüseninnervation allgemein zu
lähmen vermag. Ein derartiges Verhalten ist um so mehr m _ Er¬
wägung zu ziehen, als auch [nach Adamkiewicz )] bei sensibler
und Wärmereizung der Haut reflektorisch, unabhängig vom Kreislauf
die Schweissabsonderung vermehrt wird, und der Ort des Schwitzens
unabhängig von dem Orte des Hautreizes ist. .. ,
Ich " behalte mir vor, über die Ergebnisse der diesbezüglichen
Untersuchungen noch zu berichten.
Fälle von angeborener, allgemeiner und lokaler Anidrosis,
meist in Verbindung mit anderen konstitutionellen Anomalien des
Organismus, wurden mehrfach beschrieben (Q u i 1 f o r d, L i n s e r,
Schmid, Löwy, Wechselmann u. a.). Sie fuhren zu den
typischen Temperatursteigerungen, die infolge Mangels an Wärme¬
ausgleich durch Schweissabsonderung das subjektive Befinden stark
beeinträchtigen und die Leistungsfähigkeit des betroffenen Individuums
in hohem Masse herabsetzen können. ......
Ueber einen Fall von erworbener, allgemeiner Anidrosis durch
toxische Einwirkung — • allerdings sekundär auf dem Boden einer ein oh¬
mischen Dermatitis — berichteten nur W. Patzschke und R. Plaut
in Nr. 35 der M.m.W. vom 2. IX. 21. .
Im Anschluss an diesen Artikel möchte ich 2 Falle und einen
Selbstversuch von An- bzw. Oligidrosis nach Applikation von Formalin-
beschreiben, die für kufze Zeit die typischen Symptome der Anidrosis
zeigten
Formalin (35 Proz. Formaldehyd-lHCOHl-gehalt) ist in verdünnter
Form als Spezifikum gegen allgemeine und lokale Hyperidiosis (speziell
H. pedum) bekannt. ,
Bei lokaler Anwendung unverdünnter Formalinlosung
ergab sich folgendes;
Fall 1. Gefreiter A„ Ersatzbataillon. 20jähr.. kräftig gebauter Mann,
litt von jeher an leichter allgemeiner und starker Hyperidrosis pedum. Am
18 VII 1917 erstmalige Applikation unverdünnter Formalinlosung aut
Füsse und Achselhöhlen. Tags darauf fühlte er sich nach 4 ständigem Marsch
matt und klagte über starkes Benommensein, das sich mit der zunehmenden
Sonnenhitze erheblich steigerte. Die gesamte Schweissabsonderung war
im Gegensatz zu dem sonstigen Verhalten äusserst m i n l m a 1. . chwciss-
sekretion an Füssen und unter den Achseln fehlte völlig. Nur mit
Aufbietung energischen Willens wurde der Marsch durchgehalten. Fine stunde
nach Rückkehr in die Kaserne meldete er sich mit Schwindel- und Hitzegefuhl
krank. Temperatur 39,8. Die Hyperthermie hielt trotz strenger Bettruhe
3 Tage an. „ .
Fall 2. Herr B., Giessen. 22 Jahre; leidet an Hyperidrosis pedum
und hat schon des öfteren ohne irgendwelche Störungen des Allgemeinbe¬
findens verdünnte und unverdünnte Formalinlosung angewandt. Am
3 VI 1920 nach Pinselung der Füsse mit unverdünnter Formalinlosung an¬
strengendes Hockey-Wettspiel (lK> Stunden) in glühender Sonnenhitze. Abends
Temperatur 38,6. die 18 Stunden anhielt. In dieser Zeit hatte sich der
vorher eingetretene Mangel an Schwcisssekretion wieder behoben.
nicht
Die Grundlage der funktionellen Anpassung des Muskels
im Sport.
Von Dr. Deppe, Dresden.
Die charakteristische Eigenschaft der Organismen ist das Ver¬
mögen, sich selbst zu erhalten. In dieser Hinsicht ist als zweckmassig
anzusehen alles, was ihre Lebensdauer erhöht und, da die Lebens-
äusserungen sich der ■wissenschaftlichen Untersuchung als fcnergie-
vorgänge darstellen, der Besitz eines grossen Energievorrates, ent-
sprechend der räumlichen Ausdehnung des Körpers. Stellt sich diese
der freien Natur infolge der „notwendigen gegenseitigen Abweichung
der Funktionen des Organismus“ (Grub er) als eine ziemlich smiche
Grösse dar, so kann indes der Züchter die Stammform um das Mehr¬
fache vergrössern. und zwar durch Veränderung der Funktionen aut
Grund der Lebensweise, besonders der. Nahrung.. Die Energie¬
aufspeicherung, die durch bestimmte chemische Verbindungen ei folgt,
steht also in einem gewissen Verhältnis zur Körpermasse, resp.. zu.
Masse der Körperteile. Das Beispiel der Tierzucht zeigt, uns dabei be¬
sonders zwei Richtungen: Zucht zur Mast, z. B. Schweine, und Zucht
zur Arbeitsleistung, z. .B. Pferde, wenn auch immer daran festzuhalten
ist dass solcher Zucht verhältnismässig enge Grenzen gezogen sind.
Auch das Ziel der Leibesübungen kann als eine „Zucht zur Arbeits¬
leistung“ angesehen werden, wie ja der Sportler direkt von seinei
„Form“ spricht, die er sich durch Anpassung der Funktionen im
Organismus anerarbeitet hat. Und zwar bezieht sich diese Anpassung
einmal auf Zuwachs an Muskelmasse und Kraft, und zweitens, was noc.i
wichtiger ist, auf die — durch Uebung — immer mehr zunehmende
Unermüdlichkeit der geübten Muskeln, die wiederum „die Hauptursache
der gesteigerten Kraftentwicklung“ ist. Schon Kraus (Vorwort zur
„Hygiene des Sports“, herausgegeben von Dr. Weissbein, Leipzig,
Grethlein & Co.) weist darauf hin, dass die optimale Energie nur dann
in Wirksamkeit tritt, wenn die Leistung allmählich gesteigert wird . und
die Muskelnährstoffe genügend zugeführt werden. In diesem Sinne
spricht er direkt vom Training als einer „Nutritionsanspannung , er
hätte ebensogut „Nutritionsanpassung“ sagen können.
Wie nun die Erforschung der Entwicklungsmechanik unter Leitung
ven W. Roux mit den normalen gestaltenden Wirkungsweisen der
einzelnen Gewebsarten und Organe, sowie mit den Faktoren dieses
») Adamkiewicz: Die Sekretion des Schweisses. Berlin 1878.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
17
Wirkens sich beschäftigt, und u. a. zur Lehre von der funktionellen
Anpassung geführt hat, so scheint mir die Grundlage dieser letzteren im
Prinzip der „Lockerung“ zu liegen, das, wie ich in einem Aufsatze „Der
Begriff der Lockerung als Grundlage der Leibesübungen“ (Monatsschrift
für lumen, Spiel und Sport, voraussichtlich Dezemberheft 1921) dar¬
zulegen versucht habe, als ein Grundgesetz für die Methodik der Leibes¬
übungen überhaupt erscheint, wobei unter „Lockerung“ in negativer
Beziehung die Vermeidung alles Krampfhaften und das Freisein von
aller Anspannung und allem Zwang zu verstehen ist, so dass man in
positiver Hinsicht z. B. für Gliedmassen sagen kann: ein Glied ist als
locker zu betrachten, wenn es entspannt ist und sein Schwergewicht
empfunden wird.
Wenn wir daher versuchen, die Beziehungen zu prüfen, in der die
funktionelle Anpassung zur Lockerung steht, so wollen wir dabei unter
möglichster Berücksichtigung sportlicher Verhältnisse zunächst einmal
prüfen, wie sich die Skelettmuskulatur in dieser Hinsicht verhält.
Auch bei vollster Entspannung bleibt der lebende Muskel in einem
gewissen Spannungszustand, den wir als Muskeltonus kennen. Dieser
ist. indes keine sich stets gleichbleibende Grösse, sondern er ist z. B.
beim Dauergeher weit geringer, als beim Schnelläufer, wie überhaupt
der Tonus der Dauermuskeln, wenn wir so die für Dauerleistungen
tätigen Muskeln kurz bezeichnen wollen, viel geringer ist, als der Tonus
der Kraftmuskeln, d. h. der für- Kraftleistungen benötigten Muskeln.
Jeder Turner kennt jene als weicher, diese als härter. (Im Tätigkeits¬
bericht der Deutschen Hochschule für Leibesübungen vom Sommer¬
semester 1921 weist Dr. Ko hl rausch u. a. darauf hin, dass die
Muskulatur nach den. für das Sportabzeichen in nicht forciertem Tempo
gelaufenen 10 km auffallend weich war und erst in den folgenden Tagen
erheblich härter wurde, während beim 100-m-Lauf die Härte sofort
auftrat.)
Dass der Muskeltonus gewissermassen die „Widerstandsfähigkeit
des Muskels gegenüber Dehnungen in der Ruhe“ darstellt, ist, worauf
auch Lange1) (S. 30) hinweist, schon erkennbar z. B. an der Haltung
der Glieder bei manchen Berufsarbeitern, ebenso bei gewissen Sportlern,
die auf eine bestimmte 'Körperleistung trainiert sind. So werden bei
Arbeitern, die fest zugreifen müssen, in der Ruhelage die Finger ge-
krümmt gehalten, und bei Leuten, die mit Hilfe des Bizeps oft schwere
Gewichte heben, sieht man in der Ruhe das Ellenbogengelenk leicht ge¬
beugt. So meint Lange, den Tonus der Muskulatur geradezu am
besten an dem Widerstande prüfen zu können, den die erschlafften
Arme gegenüber passiven Bewegungen leisten.
Hiervon wird auch das Verhältnis des Muskeltonus zur Ermüdung
und zur Uebung berührt. Denn gelingt es, die Ermüdbarkeit herab¬
zusetzen, so sinkt meist gleichzeitig der Dauertonus. Durch die Herab¬
setzung des. Tonus wird ja gerade die Herabsetzung der Ermüdbarkeit
erreicht, weil dadurch die Glieder leichter in ihre Ausgangsstellung, also
in .den. Zustand der Lockerung zurückkehren können. Insofern lässt
sich die Lockerung auch definieren als der geringste Grad der An¬
spannungsfähigkeit des Muskels oder auch als der grösste Grad seiner
Abspannungsfähigkeit.
. Vergleichen wir ferner einen Muskel im Zustande der Zusammen¬
ziehung und der Erschlaffung, so sehen wir den zusammengezogenen
Muskel hart und verkürzt, so dass die in ihm laufenden Gefässe in ihrer
Ausdehnungsmöglichkeit beschränkt und — zumal die Venen infolge
ihrer nicht starren Wandung — zusammengedrückt werden. Daher
wenn auch der. Wechsel zwischen Anspannen und Erschlaffen als ein
baugsystem wirkt und so die vom Herzen aus durch Pressen im Sinne
einer Spritze erfolgende. Stromkraft des Blutes fördert und erhöht, so
1S* syderseits eine wirkliche Durchblutung des Muskels nur im
schlaffen, mindestens nicht angespannten Zustande möglich. Durch die
Lockerung, d. h. durch die Fähigkeit, die Muskeln so zu beherrschen,
dass sic nicht angespannt sind, bis auf die, die gerade gebraucht werden
wird daher vor allem erreicht: 1. Ausschalten von Muskeln, deren Mit-
Tätigkeit zur Erzielung der beabsichtigten Wirkung nicht erforderlich ist.
Durch das Ausschalten der Mitbewegungen wird also der Muskeltonus
im Nachbarmuskel möglichst niedrig gehalten. 2. Dadurch Ersparnis
von Nahrungsstoffen, die in den ausgeschalteten Muskelgruppen sonst
zur Arbeitsleistung gebraucht wären, und Ersparnis ihrer Verarbeitung,
also verminderte Zu- und Abfuhr von An- und Abbaustoffen. 3. Gleich¬
zeitig Ersparnis an Nervenimpuls zur Muskeltätigkeit und so Entlastung
des Zentralnervensystems.
. So steht die Lockerung in enger Beziehung zum Muskeltonus, den
sie unmittelbar beeinflusst. Nicht soweit der Tonus unter der Ein¬
wirkung der in den Muskel eintretenden Sympathikusfasern steht; denn
der ist zentraler. Art. Wohl aber, insofern der Muskeltonus von dem
Gesamtquerschnitt des Muskels, also von der Zahl seiner Fasern ab-
ha"gt- Ten,!? drer grössere Tonus kommt ja dem stärkeren Muskel zu;
und da die Kraft eines Muskels von seiner Dicke abhängt, so wird eine
dauernde Ionuserhöhung nur durch kräftige Uebungen erzielt, und
zwar wenn der Muskel in der Zeiteinheit unter grösserer Belastung
arneuet. . Je mehr es nun mit Hilfe der Lockerung gelingt jeden
Muskei tur sich arbeiten zu lassen, also möglichst ohne Beihilfe des
Nachbarmuskels, um so ausgiebiger wird die Kräftigung des Muskels
sein, und um so höher wird sein Tonus gehoben. Wirkliche Kräftigung
eines Muskels geht daher Hand in Hand mit Erhöhung seines Tonus
und mit der Lahigkeit zur Lockerung. Es spielt auch hier die Roux-
sctie Lehre von der trophischen Wirkung der funktionellen Reize hinein,
. ) Lange: Ueber funktionelle Anpassung, ihre Grenzen, ihre Gesetze
in ihrer Bedeutung für die Heilkunde. Berlin, 1917
Nr. 1.
wonach der funktionelle Reiz eines jeden Gewebes zugleich sein Bit¬
dungs- und Erhaltungsreiz ist.
Allerdings ist dabei nicht zu übersehen, dass der Einfluss der
Arbeit auf den Muskel hinsichtlich seiner Massenzunahme wechselt
je nach der Art der Arbeit, dass nämlich die Muskeln sich ganz ver¬
schieden verhalten, je nachdem Kraft- oder Dauerarbeit ihnen zu¬
gemutet wird, eine Tatsache, die dem so gern angeführten Vergleich
des Muskels, mit einer Maschine widerspricht.
Denn, wie Lange dargetan hat, besteht zwischen Reiz und Reiz¬
erfolg am lebenden Körper keine so einfache Beziehung wie an leb¬
losen, physikalischen und chemischen Systemen, und zwar in quanti¬
tativer Hinsicht, insofern eine kleine Energiemenge als Reiz eine
grössere Energiemenge als Wirkung entstehen lässt,' wie besonders in
qualitativer Beziehung, also hinsichtlich der Richtung: In der leblosen
Natur erlischt ein Reiz, sobald die Wirkung eingetreten ist; dagegen im
lebenden Muskel z. B. geht infolge der Tätigkeit seine Spannkraft nicht
verloren, sondern wird sogar erhöht; und ebenso wird ein Knochen
unter schwerer Belastung nicht kürzer und krümmer, sondern gerader
und länger. Muskel- und Knochengewebe passen sich also solchen
Reizwirkungen an. Diese funktionelle Anpassung bietet aber einen
Gegensatz zwischen dem Geschehen der organischen und der anorga¬
nischen Welt.
Was nun die (zweckmässige) Anpassung an vermehrte Tätigkeit
anlangt, so hat Roux 1879 zwei Grundgesetze der funktionellen An¬
passung aufgestellt, ein physiologisches und ein morphologisches Grund-
gesetz. Nach jenem ändert die stärkere Funktion den qualitativen
Charakter der Organe, indem sie ihre spezifische Leistungsfähigkeit
erhöht, so dass durch stärkere Tätigkeit die Leistungsfähigkeit erhöht
wird; der mehr gebrauchte Arm nimmt also nicht nur quantitativ, der
Masse nach zu, sondern auch qualitativ, der Leistung nach. Und nach
dem morphologischen Grundgesetz wird durch grössere Arbeit ein
Organ nicht in jeder Richtung vergrössert, sondern nur in der Richtung,
in der die Aibeit geleistet wird: z. B. eine Sehne, die nur der Länge
nach auseinandergezogen wird, nimmt auch nur in der Länge zu, nicht
auch in Breite und Dicke.
Also nicht jede vermehrte Arbeit bedingt eine Massenzunahme des
aibeitenden Organs, und nicht jede Zunahme der tätigen Substanz in¬
folge Mehrarbeit muss zweckmässig sein. Wenn z. B. ein Mensch,
der bisher Kraftarbeit geleistet hat, zu Dauerarbeit übergeht, so kann
trotz Zunahme der absoluten Arbeitsgrösse seine Muskelmasse ab-
nehrnen : infolge zweckmässiger Anpassung führt daher in diesem Falle
■ i»*r i Massenabnahme. Denn von den zwei Arten, in denen
ein Muskel Mehrarbeit leisten kann — durch grössere Kraft in der Zeit¬
einheit oder durch länger andauernde gleiche Kraft, also durch längere
JJau erarbeit ist eine Zunahme der Muskelmasse nur im ersten Falle
zu erwarten, sei es durch quantitative Vermehrung der Muskelfasern
im allgemeinen, sei es durch qualitative Verdickung der einzelnen Faser.
Irn zweiten Falle hat der Muskel ja nicht mehr Kraft nötig, er muss nur
längere Zeit a s vorher arbeiten, und bedarf dazu für diese Zeit nur
imd erhöhte Abfuhr der Ermüdungsstoffe. Die
Wichtigkeit, solcher Erkenntnisse für die Lehre von der Uebung als der
zweckmässigen Vorbereitung zu einer Höchstleistung ergibt "sich von
selbst.
Da nun, wie wir oben dargetan haben, durch das Prinzip der
„Lockerung durch Ausschalten unnötiger Muskeltätigkeit und dadurch
bedingte Ersparnis an Nahrungsstoffen und Nervenimpuls die eigent¬
liche Oekonomie der Muskelarbeit erst gewährleistet ist, so können
wir zusammenfassend sagen, dass die „Lockerung“ als die Grundlage
der funktionellen Anpassung des Muskels im Sport erscheint.
Zur Behandlung der Oxyuriasis.
Von Prof. Felix Franke, Braunschweig.
Von demselben Gedanken ausgehend wie Nordhof (s. Nr. 49
dieser .Wochenschrift) habe ich, nachdem ich gegen die Oxyuren die
verschiedenen reichlich angepriesenen Mittel versucht hatte, schon seit
etwa 5 Jahren auf alle innerlich zu reichenden Mittel verzichtet, ausser
den Gelon. Aluminii subacet, die ich in einzelnen Fällen verordne,
namentlich dann, wenn ich glaube, dass meine Belehrung über die
Krankheit und ihre natürliche Behandlung eines kleinen Adjuvans be¬
darf. Ich verfahre etwas strenger als Nordhof. Bei der Belehrung
der Kranken bwz. ihrer Angehörigen versäume ich nicht zu erwähnen,
dass innere Mittel oft deshalb nicht helfen, weil die Würmer gar nicht
selten im Wurmfortsatz sich aufhalten, wie ich selbst bei einer ganzen
Anzahl von Wurmfortsatzexstirpationengesehen habe (einmal fanden wir
96, ein anderes Mal 143 der Tierchen in ihm) und daher von dem Mittel
gar nicht getroffen werden.
Für die Behandlung fordere ich ausser sorgfältiger Reinigung des
Körpers auch eine solche des Bettes, da die als unsichtbarer feinster
staub in es geratenden Eier des Wurmes nicht nur in das Bettuch,
sondern wohl auch nicht selten auf das Inlet der Matratze oder des
Unterbettes sich verteilen. Also nicht nur Wechsel der Bettwäsche,
sondern auch sorgfältiges Reinigen der von ihr bedeckten Betteile
durch Bürsten und Klopfen womöglich im Freien! Ausklopfen auch der
Kleidung, namentlich von innen! Sodann empfehle ich Aufträgen der
grauen Salbe in die Afterfalte 2 — 3 mal am Tage, nach dem Stuhlgange
erst, nach vorhergehender sorgfältiger Reinigung der Aftergegend.
Weiter lasse ich eine Hemdhose Tag und Nacht tragen, die man sich ja
tur Kinder leicht durch Annähen des Höschens an das Leibchen her-
6
18
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT^
Nr. 1.
stellen kann; Erwachsene tragen auch nachts die Unterhose und
zwar unter dem Hemde. Dadurch wird eine Reinfektion wahrend des
Schlafes sicherer vermieden als durch die Badehose. Die Fingernagel
lasse ich nicht nur gründlich ausbürsten, sondern auch ganz kurz halten,
Diese Massnahmen werden einen Monat lang streng durchgefuhrt, wei
ch ?mmer befüTchtet habe, dass bei kürzerer Anwendung doch emma
Reinfektion eintreten könnte. Soweit ich habe feststellen können, hat
diese Kur nie versagt. _
Aus der Praxis des Herrn Dr. med. Ochseniusin Chemnitz.
Lymphatische Leukämie unter dem Bilde symmetrischer
Parotisschwellung.
Von Dr. Hans Langsch.
Die gekürzte Krankengeschichte zuvor:
Uneheliches Adoptivkind F. K., geboren 6. V. 1920. ohrsDeichel-
Am 2 VII 1921 sei beiderseits eine starke Schwellung der unrspeicnei
7esfies"il. worden, die als.Munrps andesehen wurde »n ™,e, e
snrechender Behandlung nicht zuruckging. Seit dem 10. Ml. wuraen /.dui
fleischblutungen blutunterlaufene Flecke an Kopf und Gliedmassen beme •
Das Kind würde immer blasser, matter, sei appetitlos erbräche, hatte ge-
■'esteigerte Temperatur, der Urin sei trüb, der Stuhl pechschwarz.
Befund am 18. VII.: Gelbblasses, kräftig gebautes Kind Erhebliche
derbeB scharfumgrenzte Schwellung beider Parotiden, die Haut darüber nicht
entzündlich gerötet, beide Ohrläppchen nach aufwärts und nach der -eite
verdrängt. Zahnfleisch blutig-nekrotisch. Hals- und sonstige Eymphdrus
kaum vergrössert. Systolisches Geräusch an der Herzspitze. Unterer Rand
der derben Milz in Nabelhöhe, Leberrand 3 Querfinger unter dem Rippe
bogen. Hautblutungen an Kopf und Extremitäten • RilltkörDer-
Blut: WaR. negativ. Starke Leukozytose. 105 000 weisse BiutKorper
chen 1 85 Milt, rote Blutkörperchen. Geringe Anisozytose. 20 Proz. Hg ■
I vmnhozvten 92 Proz , darunter Riederformen; Polynukleare: a) neutrophile
1 Prof b eosinophile 0,5 Proz.; Monozyten 6 Proz., Myelozyten 0,5 Proz.
Diagnose- Lymphatische Leukämie. Ueberweisung ins Kuchwald
krankenhaus (Leiter: Prof. Dr. C 1 e m e n s). Dort UI?.terT r®ml^ie2rw n y,?
Fipiipr his 59 8 schlechter Nahrungsaufnahme, Krafteverfall, Tod am 26. vll.
F“ DeS slkuÄSt, von Herrn Prof. Nauwerck gütigst überlassen,
Sd 0?erm Parotisschwellung beiderseits. filz vergpss^rt .^12 : b.^2,5,
vergrösser^'Lebe^’g^bbräunlRh.'1 di^erLäpSpchenzeichnung öfters auffallend
deutlich. Knochenmark dunkelrot bis schwarzrot, hämorrhagisch. M.kro-
^k-nnisrh- T eukämische (lymphozytäre) Infiltration in Milz, Niere, Leoer.
Das Bemerkenswerte dieses Falles akuter lymphatischer Leukämie sc iein
mir in spinen Anfangssymptomen, der symmetrischen Schwellung beider Paro¬
len zu Sem Selbsf noch am’ 18. VII. imponierte er zunächst durchaus als
Mumps, zumal grössere Lymphdrüsenschweltungen fehlten
auch in schweren Fällen von Parotitis epidemica sehr häufig . Scfwelhm*en
der Mil/ vor (Pf aun die r-Schlo s smann 1910). Stutzig tnacnie
allerdings die derbe Konsistenz und scharfe Abgrenzung der Parotis-
schwellungen. , . •
Nach Feer (Diagnostik der Kinderkrankheiten 1921) kann bei
lymphatischer Leukämie ausnahmsweise auch das Bilu der Miku
licz sehen Krankheit auftreten. v. P f a u n d 1 e r, bef“JjteA JjS lheir
Lehrbuch der Kinderheilkunde 1920) von der Seltenheit fukamisch
Infiltrate in Speichel- und Tränendrüsen. Ro em in gh liefert dazu
einen kasuistischen Beitrag (Referat in: Jb. f. Kindhlk. 1921, 95).
Kleinschmidt (B.kl.W. 1917) sah selbst an lymphatischer Leukämie
erkrankte0 Kinder mit der Diagnose Mumps Er stellt ate > Typus i der
akuten lymphatischen Leukämie im Kindesalter u. a den auf. der _untei
dem Miku licz sehen Symptomenkomplex auftritt. Die Hyperplasie
der Tränen- und Speicheldrüsen „erhält dadurch besondere Bedeutung,
dass sie schon frühzeitig, ja als 1. Symptom sich einzustellen Pheg •
Es beruht diese Schwellung der Parotiden auf einer Wucherung des in
ihnen enthaltenen lymphatischen Gewebes, gleichzusetzen den grossen
symmetrischen Organinfiltrationen in Niere und Hoden. mcf
Hingewiesen sei noch auf die Mitteilung R. Wagners (Rel.
Zbl. f. d. ges. Kindhlk. 9) über einen Fall von symmetrischer Parotis¬
schwellung. Milz- und Leberschwellung und Chloranämie. in d(* J^e
Wucherung des lymphadenoiden Gewebes der Parotis im Zusammen¬
hang mit einem Status lymphaticus angenommen wird. •
Es erschien nicht überflüssig, diesen Fall von akuter lymphatischer
Leukämie seiner Beziehungen zur Differentialdiagnose der Parotis-
schwellungen wegen zu erwähnen.
Bemerkungen zur Frage der Rachitis
(Kritik der Arbeit Müllers in Nr. 44, 1921 ds. Wchschr.)
von Privatdozent Dr. Fr. Schede, München.
Die Veröffentlichung Müllers in der Nr. 44 dieser Zeitschrift
hat wohl bei vielen Kopfschütteln und Widerspruch erregt, nicht so
sehr durch die Kühnheit der darin enthaltenen Behauptungen, als viel¬
mehr durch den gänzlichen Mangel an wissenschaftlichen Grundlagen.
Behauptung wird an Behauptung gereiht, ohne dass man auch nur den
Versuch einer Beweisführung entdeckt. Nach dieser Feststellung konnte
man die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen mit dem Ausdruck
des Bedauerns, dass die Dinge leider nicht so einfach sind. Aber das
Problem, um das es sich handelt, die Rachitis, ist gerade zur Zeit so
sehr im Fliessen und in der Neubildung begriffen, dass jedes Abweichen
von wissenschaftlicher Grundlage die Fragestellung umnebeln und die
Diskussion ins Uferlose führen muss. Nur aus diesem Grunde fühle
ich mich veranlasst, mich mit der Müll er sehen Arbeit kritisch
bcschüitis^^i
Müller hat ein unbestreitbares Verdienst um die Erkenntnis der
Muskelhärten verschiedenen Ursprungs und um die Ausbildung ihre
Behandlung durch Massage. Aber schon in seiner Massagelehre ver¬
lässt er den festen Boden des Erwiesenen und begibt sich auf den We.,
der ihn nun (meiner Auffassung nach) in die Irre geführt hat.
Schon hier begegnen wir dem Begriff des Hy pertonus unu
der hypertonischen Muskelerkrankung, die nunmehr auch der wesent¬
liche Faktor im Bilde der Rachitis sein soll. .
Müller nimmt ohne weiteres an, dass einer Muskelharte em
Hypertonus zugrunde liegt. Das ist aber nun ganz und gar nicht er¬
wiesen. Die Palpation einer resistenten Muskelpartie ; sagt uns noch
nichts über ihren Tonus. Es ist möglich, dass ein Hypertonus vor¬
liegt. ebensogut aber ist das Gegenteil möglich. Zum mindesten hatte
sich Müller in seiner letzten Arbeit mit den Ansichten Sch ad es
und Langes über die Natur der Muskelhärten (seiende Ge™nung
Stauung von Ermüdungsstoffen: diese Zeitschrift, 1921, Nr. 4 und U
auseinandersetzen müssen. Tonus ist der Erregungszustand
ruhenden Muskels; ein Hypertonus also eine Erhöhung des E -
regungszustandes. Ob die vermehrte Resistenz einzelner Muskelpartien
wie wir sie bei rheumatischen Erkrankungen, bei Arthritiden, bei
Rachitis etc. finden, durch eine Erhöhung des Erregungszustandes be¬
dingt ist, wissen wir nicht. Solange das aber nicht erwiesen ist, bleib
das ganze Ideengebäude Müllers in die Luft gebaut. Abgesehen
von dieser Frage muss ich im Folgenden auf Einzelheiten emgehen, da
Müller eine Reihe von verbreiteten und praktisch bedeutungs¬
vollen Symptomen willkürlich und nach meiner. Meinung falsch deutet.
Ich greife nur einige besonders auffallende Beispiele heraus.
Müller findet beim Rachitiker Härte, Spannung und Druck¬
empfindlichkeit in einem grossen Teil der Muskulatur und unterscheidet
dabei zwischen gedehnten und verkürzten Muskeln. Ich bestreite zu¬
nächst, dass die von Müller beschriebenen Befunde bei ledern Ra¬
chitiker vorhanden sind. Die Rachitis ist sehr vielgestaltig, sie befallt
die verschiedensten Organsysteme, und jeder, der viel Rachitiker sieht,
wird auch solche mit gesunder Muskulatur und ungestörter Beweg¬
lichkeit gesehen haben. Dass die Muskulatur Otter rachitisch ei-
krankt, als allgemein angenommen wird, soll nicht bestritten werden.
Aber unerwiesen und unwahrscheinlich ist es. dass die M u s Ke l -
härten irgendwie charakteristisch für die rachitische Muskel-
eikrDi«U geschilderte Druckempfindlichkeit und Härte der Adduktoren
z. B. findet sich bei jeder Coxa vara, bei jedem Schenkelhalsoruch,
bei jeder Arthritis des Hüftgelenkes, ebenso 'die des Glut. med. und
munmus-Dehnung einer Muskelgruppe und die Verkürzung ihrer Anta¬
gonisten finden wir bei jeder dauernden Haltungsänderung des
Rumpfes und der Extremitäten: Bei der Kyphose des Rachitikers
genau so wie bei der Alterskyphose oder beim, spondyhtischen Buckel,
bei rachitischen Beinverbiegungen genau so wie bei der Poliomyelitis.
Das Bestreben Müllers, alles auf seine Formel zu bringen, ver¬
führt ihn zu Beobachtungsfehlern und zu Gewaltsamkeiten. .
Er spricht z. B. von einer Schwellung des Ext. digitorum beim
Crus varum. Diese vermeintliche Schwellung ist in Wirklichkeit nur
eine Vorwölbung des Muskels infolge der Torsion des Unterschenkels,
die sofort verschwindet, wenn man die Torsion, beseitigt. Der Ext.
digitorum ist übrigens bei rachitischen Beinverbiegungen niemals ge¬
dehnt, häufig aber verkürzt.
Eine Reihe von Behauptungen steht in Widerspruch mit allen be¬
kannten Tatsachen der Muskel- und Gelenkmechanik und muss jedem
unverständlich sein, der sich jemals damit befasst hat.
Wie soll die „Schmalheit der Schultern“ beim rachitischen Kmd
durch den Zug der Adduktoren des Arms und des Schulterblatts en
stehen? Wie soll die willkürlich angenommene Verkürzung des Uua-
dratus lumborum eine Kyphose der Lendenwirbelsäule verursachen . 1 ic
Hühnerbrust und der Trommelbauch sollen nach Müller durch eine
Verkürzung der seitlichen Bauchmuskulatur entstehen. Welche
Anhaltspunkte hat Müller dafür, dass eine solche Verkürzung wir .ic.
besteht? Nach Jansens Untersuchungen entsteht die Hühnerbrust
durch den Zug des Zwerchfells am erweichten Thorax. Der liommel-
bauch wird allgemein als die Resultante der Darmerkrankung und der
Atrophie der gesamten Bauchmuskulatur angesehen. Ich kann mich
nicht erinnern, ein rachitisches Kind gesehen zu haben,, dessen 1 rom¬
melbauch sich nur nach vorn wölbte, seitlich dagegen eingezogen war.
Wie will Müller diese allgemein anerkannten Anschauungen wider-
leeen?
Der Zug der Adduktoren des Oberschenkels soll das Genu varum
verursachen. Wie kann er das, da er doch am Condylus femoris
• P 1 Q .
al'"! Solche Beispiele Hessen sich noch in dreifacher Zahl aus M ü 1 l.e r s
Arbeit beibringen. Die angeführten werden genügen, um zu zeigen,
wie Müller mit den bisherigen Forschungsergebnissen umspringt,
ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Behauptungen zu beweisen --
nur in dem Bestreben, das ganze, vielgestaltige Bild der Rachitis m
seine einfache Formel zu zwängen. .« n _ _
In noch stärkerem Masse lassen die folgenden Teile der M u l l e r -
schen Arbeit, in denen er sich mit der Rolle der Schilddrüse befasst,
alle und jede Kritik vermissen. Denn hier wird nun die — ebenfalls
willkürlich angenommene Kontraktur der Vorderhalsmuskeln plötzlich
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
19
6. Januar 1922.
■nicht als „primärer Hypertonus“ angesprochen, sondern als ein reflek¬
torischer Vorgang, der die druckempfindliche Schilddrüse entlasten
soll. Nachgewiesen müsste erst werden, dass die Schilddrüse beim Ra-
chitiker wirklich druckempfindlich ist, und warum. Die einfache Pal¬
pation ist hier sehr unzuverlässig. Nachgewiesen müsste ebenfalls
erst werden, dass die Schilddrüse durch Kontraktion der Vorderhals¬
muskeln wirklich entlastet wird, was kaum gelingen wird, da ja
Müller selbst sagt, dass die Tätigkeit dieser Muskeln die Schild¬
drüse auspressen soll. Immerhin wäre es möglich, dass es sich so
verhielte. • Die Folgerungen aber, die Müller nun an diese Hypothese
knüpft, dass nämlich dadurch eine Hypofunktion der Schilddrüse und
der Epithelkörperchen' entstehe und dass diese die eigentliche Ursache
der rachitischen Allgemeinsymptome darstellen soll, diese Folgerungen
sind denn doch als phantastisch zu bezeichnen. Es trifft sich gut,
dass kurz nach Müllers Arbeit in dieser Zeitschrift die Untersuchun¬
gen aus der S t ö 1 tz n e r sehen Klinik erschienen; vielleicht entnimmt
M_ü 1 1 e r aus diesen Untersuchungen, dass auf die Frage der Be¬
teiligung der Schilddrüse und der Epithelkörperchen bei der Rachitis
schon sehr viel sorgfältige Arbeit verwandt worden ist, dass bisher
eine .Unterfunktion dieser Drüsen nicht festgestellt werden konnte,
dass im Gegenteil eine Unterfunktion des Nebennierenmarks viel wahr¬
scheinlicher ist und dass überhaupt die innersekretorischen Vorgänge
nicht so einfach sind, wie Mülle r sie darstellt. Worauf stützt nun
Müller seine Behauptung?
Eine Aehnlichkeit zwischen Myxödem und Rachitis wird wohl
ausser Müller noch niemand gefunden haben.
Nun noch einige Worte über den Zusammenhang der Rachitis mit
dem Rheumatismus. Es liegen tatsächlich Anhaltspunkte dafür vor,
dass gewisse Zustände des erwachsenen Körpers; Schlaffheit der Mus¬
keln und Bänder, Bereitschaft für rheumatische Erkrankungen des Be¬
wegungsapparates, Neigung zu venösen Stauungen, neurasthenische
Symptome einen Komplex bilden, der der Rachitis wesensverwandt ist.
Ich selbst habe auf diese möglichen Zusammenhänge auf dem
Orthopädenkongress d. J. i(dem auch Müller beiwohnte) hin¬
gewiesen, habe'aber ausdrücklich betont, dass ich damit nur eine Ar¬
beitshypothese aufstellen wollte. Der Nachweis wird, wenn er über¬
haupt gelingt, noch viel Arbeit erfordern. Müller ist weniger be¬
denklich.
Ich. fasse zusammen: Die Müll ersehen Behauptungen beruhen
teils auf unerwiesenen Annahmen, wie das Bestehen eines Hypertonus
bei der Rachitis, das Fortbestehen eines Hypertonus beim erwachsenen
Rheumatiker und Neurastheniker, die Druckempfindlichkeit der Schild¬
drüse. Zum andern Teil stehen sie in direktem Gegensatz zu anerkann¬
ten Tatsachen der Körpermechanik und der Lehre von der inneren
Sekretion, und gehen ins Phantastische, ohne den Beweis auch nur zu
versuchen.
Ich kann nicht finden, dass die Entstehungsweise der Rachitis nach
der Lektüre der MüliersUm Arbeit „vollkommen durchsichtig“ ist.
Ich glaube vielmehr, dass Müller den ganzen Fragenkomplex in
hohem Masse verwirrt hat.
Probleme, die wie die Rachitis die wissenschaftliche Welt auf das
lebhafteste beschäftigen, sind stets gewissermassen von einer Atmos¬
phäre von Ahnungen umgeben, die von vielen gleichzeitig gefühlt wer¬
den. Wer Selbstkritik hat und nicht verblendet ist, der lässt sich
durch solche Ahnungen wohl auf neue Wege führen, aber er bemüht
sich zunächst, durch exakte Forschung feste Grundlagen zu schaffen,
ehe er mit Behauptungen an die Oeffentlichkeit tritt. Wer sich weniger
beschwert fühlt und Ahnungen als Tatsachen verkündet, der riskiert,
dfiss er über kurz oder lang widerlegt wird. Er kann aber auch, wenn
die exakte Forschung tatsächlich seine Ahnungen bestätigt, den Ruhm
ernten, seinen schwerfälligeren Mitarbeitern vorausgeeilt zu sein. Und
diese Lockung verführt immer wieder Einzelne. So war es mit man¬
chen homöopathischen Ideen, mit manchen sogenannten Naturheilmetho¬
den, so ist es auch mit den Müller sehen Behauptungen. Das ist
aber keine Arbeit, sondern Spiel. Und zwar ein Spiel, das
der exakten Forschung die Arbeit ausserordentlich erschwert und dem
Praktiker den Blick trübt.
Zum Andenken an die erste Totalexstirpation des
karzinomatösen Uterus.
(Ausgeführt Von Dr. Joh. Nep. Sauter in Konstanz.)
Der 28. Januar 1922 ist für die Gynäkologie ein Gedenktag ersten
Ranges, weil vor 100 Jahren die erste gänzliche Exstirpa¬
tion der karzinomatösen Gebärmutter ausgeführt
wurde mit dem Erfolg, dass die Kranke von der Operation genas
und danach noch 4 Monate lebte und nicht an einem Rezidiv, sondern
an einer interkurrenten Krankheit starb.'
Diese Operation ist heute alltäglich geworden. Die erste war
jedoch eine bahnbrechende Tat von kühnstem Mut. doch von dem
Arzt, der sie zuerst vollzog, kein Gelegenheitsstreich, sondern erst
nach jahrelangem Ueberlegen und Studieren aller vorausgegangeuen
Versuche unternommen worden.
Die Exstirpatio uteri totalis ist immer, auch heute noch, eine sehr
schwere und verantwortungsvolle Aufgabe; die Gefahr und die Mühe
wird jedoch durch die Krebskrankheit riesig erhöht und oft undurch¬
führbar gemacht; sie war vor Sauter schon versehentlich, aber auch
beim vor gefallenen karzinomatösen Uterus absichtlich von
Langenbeck ausgeführt und zwar unter Ausschälung aus dem Peri¬
toneum; bei Sauter jedoch wurde der Uterus in situ exstirpiert und
mit ihm ein Karzinom, das durch starke Blutungen und Schmerzen
die Kranke erschöpft, nachweislich schon über ein halbes Jahr bestanden
hatte und, wie die Abbildungen beweisen, zu einem grossen Blumen¬
kohlgewächs ausgewachsen war. so dass man den Mut und die Tat
Sauters um so mehr bewundern muss. Im Grunde genommen hatte
der Krebs in diesem Falle schon zu lange bestanden und klagte auch
schon damals Sauter in seinem Büchlein *) über die „r j z e p t ver¬
schreibenden und nicht untersuchenden“ Aerzte. weil
sie deswegen die Kranken zu spät zur Operation schicken.
Das kleine Büchlein, das der kühne Pfadfinder der Heilkunst
hinterlassen hat, legt nicht nur Zeugnis ab für die Leistung als Opera¬
teur. sondern auch für den seelenvollen Gemütsmenschen, der seit dem
Jahre 1817, wo er eine Frau mit Uteruskärzinom elend leiden und
sterben sah, die Literatur studierte und sich einen Plan zurecht machte,
wie man eine solche Gebärmutter vorkommendenfalls exstirpieren
könnte. Doch als der Fall 4 Jahre später kam, bedrückten ihn die
Bedenken so sehr, dass er von sich aus nicht den Mut fand, die Opera¬
tion vorzuschlagen und erst sich aufraffte, als die Frau, von heftigen
Schmerzen gequält, ihn fragte — wie die unglücklichen Kranken in
dieser _ Lage regelmässig fragen — : „Gibt es denn kein Mittel mehr,
um mir zu helfen?“ Und als er dies der Frau bejaht hatte und sie
soiort Zugriff und ihn beim Wort nahm, bangte er noch tagelang vor
dem Beginn und kämpfte in sich, ob er es wagen oder ablehnen sollte.
Nur der Gedanke, die Kranke in eine trostlose Verfassung zu versetzen
und sich selbst zu beschämen, trieb ihn, den geäusserten Vorschlag auch
durchzuführen.
Man sieht aus diesen Angaben, wie reiflich der Mann seine Tat
troti seiner langen 34 jährigen Erfahrung und Uebung überlegte. Wir
wollen auf die Einzelheiten nicht eingehen, nur so viel bemerken, dass
er die Ausschälung subperitoneal versuchte und mit dem Skalpellstiel
nach vorne schabte, aber nicht durchkam, dann das Peritoneum spaltete,
den Uterus vorn herauswälzte, aber keine einzige Unterbindung machte,
sondern zum Schluss nur aluminierte Scharpie in die Scheide füllte
wie seine Vorbilder Osi ander und Langenbeck auch getan
hatten. Durch das Schaben nach vorn scheint die Blase verletzt
worden zu sein, denn die Frau hatte Incontinentia urinae und bei der
Sektion einen Defekt der hinteren Blasenwand.
Wer in den Wissenschaften etwas tatsächlich Neues hervorbringt,
streut Samenkörner aus, die manchmal auf dürren, unfruchtbaren Boden
fallen und untergehen, manchmal aber fruchtbares Erdreich finden
und zu einem segenspendenden Baum der Erkenntnis auswachsen.
Für die Aussaat Sauters waren damals die Verhältnisse zu ungünstig.
Die Operation wurde zwar einigemal im gleichen Jahrzehnt wiederholt
und dann immer im Laufe des 19 Jahrhunderts vereinzelt gewagt, aber
fast immer mit schlechtem Ausgang. Die Zeit war nicht reif und musste
erst die Antisepsis erfunden werden, ehe diese schwere Operation
erfolgversprechend werden konnte. Aber was gut ist, findet doch
immer wieder seine Anerkennung. Das von Sauter ausgestreute
Samenkorn war in 50 Jahren nicht verdorrt und wurde von He gar
(1874) ausgegraben und darauf fussend ein Programm einer brauch¬
baren Totalexstirpation theoretisch begründet. Als dann W. A. Freu n^
(1878) seine abdominale Methode geschaffen, diese aber wieder anfangs
beti übend schlechte Erfolge aufwies, so dass man nahe daran war,
sie zu verlassen, griffen Czerny, Karl Schröder und Bill-
roth (1879) fast gleichzeitig auf die Sauter sehe Operation zurück,
die nun überraschende Erfolge zur Heilung des Gebärmutterkrebses
zeitigte und den Anfang einer neuen Aera bildete.
_ _ Zweifel- Leipzig.
Einige entbehrliche Fremdwörter im ärztlichen Sprach¬
gebrauch.
Der „Patient“
Wie der Petent, der Deliquent, der Inkulpat der Juristen, so sollte
auch der „Patient“ der Aerzte verschwinden. Aber viele scheinen in
dieses Wort geradezu verliebt zu sein. Da liest man dicht hinter¬
einander: „Patient“ war früher gesund. „Patient“ gab an, Magen¬
schmerzen zu haben, „Patient“ klagt über Kopfweh. Nicht einmal der
Artikel wird oft dem Armen zugebilligt! Warum in aller Weit nicht:
der Kranke und die Kranke?
AlsoniedermitdemPatienten, es lebe der Kranke!
Das „Individuu m“.
Auch das „Individuum“ könnte in rein ärztlichen Berichten allmäh¬
lich zu Grabe getragen werden.
Wozu: es handelt sich um ein kräftiges „Individuum“, oder um ein
lang aufgeschossenes „Individuum“, anstatt um einen kräftigen Mann
oder um eine kräftige Frau, oder um einen lang aufgeschossenen Knaben
oder ein lang aufgeschossenes Mädchen?
Daheim ist bekanntlich der Mensch im wörtlichen Sinne gar nicht
„unteilbar . Es können ihm Arme und Beine abgenommen werden.
Ausserdem hat die Bezeichnung „Individuum“ bekanntlich nicht
selten einen unangenehmen Beigeschmack. Man spricht zwar von
*) Die gänzliche Exstirpation der karzinomatösen Gebärmutter ohne selbst
entstandenen oder künstlich erzeugten Vorfall vorgenommen und glücklich
vollführt von Dr. Joh. Nep. Sauter, Grossherzogi. Bad. Medizinalrat und
Amtsphysikus in Konstanz. Mit Abbildungen in Steindruck. Konstanz 1822.
20
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
herabgekommenen Individuen, niemals aber von heraufgekommenen,
etwa gar bei einem Minister. Und es ist schon vorgekommen, dass ein
einfaches ungelehrtes Menschenkind das Wort „Individuum als Be¬
leidigung aufgefasst hat.
Das „ätiologische Momen t“.
Ein prachtvoll dahinrollendes Wortgebilde, etwa wie die ->amyo-
tronhische Lateralsklerose“, die sich übrigens schwerer ins Deutsche
übertragen liesse, als jenes, obgleich „Vorderhornseitenstrangschwund
auch ganz gut ist. Aber warum für das „ätiologische Moment nicht
einfach Ursache, oder Vorbedingung, oder Veranlassung, je nachdem.
Dazu kommt, dass „Aetiologie doch die Lehre von der Ursache, nicht
d'e Das^ weite Wort in dem schönen Wortgebilde, das »Moment
ist zwar recht beliebt, aber auch zum grössten Teile recht überflüssig.
Es kann durch „Umstand“. „Tatsache“ u. dergl sehr gut : ersetzt wer¬
den oder in seiner eigentlichen Bedeutung durch „Augenblick.
Aber wie gelehrt klingt es, wenn „noch ein weiteres Moment
in Betracht kommt, oder „ein weiteres Moment hervorgehoben wer¬
den muss. Möge auch einmal das „Moment“ in. Betracht gezogen
werden, dass das „Moment“ kein deutsches Wort ist.
Der „Prophylaktike r“.
Ein wahrhaft fürchterliches Wort! Es sollte doch eigentlich nur
der mit dem Worte bezeichnet werden, der verhütet, vorsorgt, wacht,
ebenso wie der Taktiker der ist, der stellt und nicht der, welcher
gestellt wird. So wird aber der Schwindsuchtsverdachtige oder der
mit der Anlage zur Schwindsucht Behaftete, oder gar der schon leicht
Kranke, also der, welcher geschützt werden soll als „ProphylakLker
bezeichnet Allerdings öfters schamhaft mit Gansefusschen.
Könnte man nicht „die Gefährdeten“ oder die „Veranlagten zum
richtigen Prophylaktiker, dem Arzte, senden, wobei ja frei lieh auch der
Beschützte zugleich sein Beschützer werden kann und soll.
Prof. Friedrich Schul tze.
Für die Praxis.
Die Behandlung des Magengeschwürs.
Von Friedrich M ü 1 1 e r - München.
Die Unsicherheit, welche sich in der Therapie des Magengeschwürs
geltend macht, ist hauptsächlich hervorgerufen durch die Unsicherheit
der Diagnose. Doch lässt sich nicht verkennen, dass die Diagnose des
Magengeschwürs in den letzten Dezennien an Sicherheit gewonnen
hat°und zwar einmal durch den Nachweis kleiner Blutmengen im Stuhl
und dann vor allem durch die Röntgendiagnostik. Freilich sind auch
diese beiden Methoden nicht ohne Fehlerquellen: derjenige Arzt, wel¬
cher bei jedem schwach positiven Ausfall einer Benzidinprobe genügt
ist die Diagnose auf Ulcus ventriculi zu stellen, wird oft genug eine
Fehldiagnose machen, und auf dieser dann allerdings eine sehr erfolg¬
reiche Therapie aufbauen. Es handelt sich weniger darum, die
proben immer mehr zu verfeinern, also darum : ihre Zu verl ass ig
keit zu erhöhen, und dazu ist erforderlich, dass die Kost vor An¬
stellung der Probe 3 Tage vollkommen fleischlos gewesen sein .muss
und dass die Untersuchung mit Guajak oder Benzidin im Aether-
e x t r a k t des mit Essigsäure angesäuerten Stuhls vorgenommen wird
wie dies mein damaliger Assistent Hermann W e b e r vorschlug - Auch
darf nicht vergessen werden, dass Blut im Stuhl und im Erbrochenen
nicht bloss von einem Magengeschwür herruhren kann. Es sind uns
mehrere Male Fälle vorgekommen, wo wir wegen schwerer Magen-
blutring ein Ulcus ventriculi annahmen und die Patientin sogar zur
Operation brachten, während dann die Sektion keine Spur eines ge-
schwürigen Prozesses, aber das Vorhandensein einer Schrumpfm i
nachwies. Auch wird bisweilen wegen konstanter kleiner Blutmeng
im Stuhl ein Magengeschwür angenommen, während die Blutung tat¬
sächlich aus dem Darm stammt, z. B. aus einem tub e r M'los^ r
karzinomatösen Darmgeschwür oder aus Hämorrhoiden. Die Röntgen¬
untersuchung kann dann den sicheren Beweis für ein Uicus liefern
wenn eine deutlich ausgesprochene Nische, namentlich an der kleinen
Kurvatur vorhanden ist. Auch wird eine an derselben Stelle der
grossen Kurvatur immer wieder sich zeigende ringförmige Einschnürung
berechtigten Verdacht auf ein Ulcus erwecken Aber in sehr vielen
Fällen von sicherem Ulcus ventriculi fehlen diese röntgenologischen
Anhaltspunkte, und gerade die Diagnose des Ulcus juxtapy oncum ent¬
zieht sich sehr häufig dem Nachweis durch Rontgenstrahlen. Es ist
jetzt wohl allgemein anerkannt, dass die Säureverhältnisse des Magens
keinen sicheren Schluss für das Vorhandensein oder Fehlen eines
Ulcus ventriculi gestatten. Eine ausgesprochene Superaziditat tinöet
sich nur in ungefähr 40 Proz. der Fälle. Doch ist es freilich selten,
dass in den Fällen von anhaltender hoher Superaziditat schliesslich bei
der Sektion oder der Operation kein Ulcus gefunden wird. _
Die Lokalisation eines Spontanschmerzes oder eines zirkumskripten
Druckschmerzes im Epigastrium und auch in der Pylorusgegend. also
am rechten Rand der Wirbelsäule, ist in ihrer diagnostischen Bedeutung
von James Mackenzie ernstlich in Frage gezogen worden, der
nachwies, dass der lokale Druckpunkt sehr oft gar nicht im Bereich
des Magens liegt. Findet sich jedoch eine konstante Druckempfindlich¬
keit, welche bei der Untersuchung unter dem Fluoreszenzschirm immer
einer bestimmten Stelle etwa der kleinen Kurvatur oder des Pylorus
entspricht so dürfte ein solches Verhalten doch wohl in hohem Grade
für das Vorhandensein eines Ulcus sprechen. ...
Kann somit die Diagnose des Ulcus ventriculi in einer sehr grossen
Zahl von Fällen mit einiger Sicherheit gestellt werden, so fehlt es doch
anderseits an Beweisen dafür, ob und wann ein solches Ulcus als
ausgeheU t zu betrachten ist. Die Tatsache, dass die Magen¬
geschwüre häufig ausheilen, ergibt sich nicht bloss aus zahlreichen Ob¬
duktionsbefunden, sondern ist neuerdings auch von Harald O e h n < :1 *
dadurch bewiesen worden, dass eine früher vorhandene Nische unter
der Behandlung allmählich verschwunden ist. Man wird sich aber hüten
müssen, aus dem Aufhören der Beschwerden und vor allem der
Schmerzen allein schon den Schluss auf die Ausheilung des Magen¬
geschwürs zu ziehen. Dieser Fehlschluss hatte früher zu der Annahme
verleitet, dass Patienten mit 'ausgeheiltem Magengeschwür sehr häufig
eine Neigung zur Entstehung neuer Magengeschwüre zeigten. Die
Obduktion hat aber in solchen Fällen gewöhnlich nur ein einziges altes
tiefgreifendes Geschwür ergeben, dessen Dauer auf Jahrzehnte zuruck-
datiert werden musste. Da wir also tatsächlich nur in seltenen Fa en
die wirkliche definitive Vernarbung eines Magengeschwüres feststellen
können, so werden wir uns darüber klar sein müssen, dass die 1 hera-
pie in der Hauptsache das Ziel ins Auge fasst, die vom Ulcus erzeugten
Symptome, also die Schmerzen wie auch die Blutbeimen¬
gungen im Stuhl auf längere Zeit zum Verschwinden zu bringen.
Zur Behandlung des Magengeschwürs stehen uns abgesehen von
den chirurgischen Eingriffen (die hier nicht erörtert werden sollen)
hauptsächlich drei Wege zur Verfügung: 1. die Ruhekur, 2. die Diätkur
und 3. die arzneiliche Behandlung.
Die von Ziems sen, Leube und vielen anderen eingefühlte Be¬
handlung durch mehrwöchige Bettruhe ist in neuester Zeit namentlich
von den schwedischen und amerikanischen Aerzten wieder in ver¬
schärfter Weise empfohlen worden, als unerlässliche Voraussetzung
für jeden definitiven Erfolg. Es kann auch gar keinem Zweifel unter¬
liegen, dass bei allen Patienten mit schweren Schmerzen, wie auch bei
solchen mit grösseren Blutungen, die mehrwöchige Bettruhe von ent¬
scheidendem Einfluss ist. Sicherlich spielt für ihren Erfolg die psychi¬
sche Beruhigung und die Fernhaltung von allen möglichen nervösen
Schädigungen eine Rolle. Anderseits aber lasst sich nicht verkennen,
dass die Mehrzahl der Patienten mit leichten Ulcusbeschwerden zu
einer so langwierigen Bettruhe nicht zu bewegen sind. Sie können
ihren Haushalt, ihren Beruf aus zwingenden Gründen nicht völlig aut-
geben, sie haben für eine solche Kur nicht die Zeit und nicht das Ge d,
und sie können tatsächlich auch ohne Liegekur unter geeigneter diäte¬
tischer und arzneilicher Behandlung beschwerdefrei werden. Voraus¬
setzung ist allerdings, dass die Patienten ein pedantisch geregeltes
Leben führen und dass sie nach jeder Mahlzeit eine Liegezeit von
mindestens Stunden durchführen. Ein wesentliches Hindernis für
die Behandlung solcher leichter Fälle liegt in der sog. ungeteilten Ar¬
beitszeit, welche den Bureaubeamten nach der Mittagsmahlzelt keine
Ruhepause gewährt.
Bei der d i ä t e t i s c h e n Behandlung wird man sich zunächst die
Fia^e vorlegen müssen, ob es nach frischen Blutungen erlauot ist,
zunächst einige Tage völligen Hungems zu verordnen oder ob die von
Lenhartz vorgeschlagene kühnere Behandlung mit sofortiger Nah¬
rungsaufnahme empfehlenswerter ist. Dass die Lenhartz sehe ei-
ordnung meist ohne Schaden vertragen wird, dürfte ■ wohl erwiesen
sein. Damit ist aber noch nicht gesagt, das sie auch von N u t z e n
sei und dass nicht ein mehrtägiger Hunger noch besser sei. Die
amerikanischen und skandinavischen Autoren schliessen sich dieser An¬
schauung an und jedenfalls muss betont werden, dass ein mehrlagiger
Hunger " nicht den geringsten Schaden herbeiführt Ja, man dar!
überhaupt beim Ulcus ventriculi in den ersten Wochen dien Kalorien¬
gehalt der Nahrung entschieden niedriger halten, als er dem tatsäch¬
lichen Verbrauch entspricht, nur darf sich die Unterernährung nicht
auf eine grosse Reihe von Wochen erstrecken. Will man aber den
Magen wirklich ein paar Tage lang durch Hunger ruhig stellen, dann
darf man den Patienten auch nicht das beliebte Schlucken von Eis¬
stückchen empfehlen, sondern man muss den Durst durch ein lropt-
klystier bekämpfen. ... . ,,,
Die diätetischen Verordnungen beim Magengeschwür gingen ur-
so''ün glich von theoretischen Vorstellungen aus: „der Sauregehalt des
Magens ist beim Geschwür erhöht, diesen gilt es herabzusetzen, indem
man die Säure bindet und nur ein Nahrungsmittel ist geeignet die Salz¬
säure zu binden, nämlich das Eiweiss“. Aus diesem Grunde haben
Leube und Ziemssen eine fleischreiche Kost empfohlen. Nun
haben aber die Untersuchungen von P a w 1 o w gezeigt, dass gerade
das Fleisch und seine Extraktivstoffe, also auch die Suppen und Saucen
in besonders hohem Grade die Eigenschaft haben, die Sauresekretion
des Magens zu steigern, und man wird desha.b auf Grund der Be¬
obachtungen von Pawlow ebenso gut zu dern gegenteiligen . er¬
schlag kommen können, nämlich zu demjenigen, Fleisch und rleisch-
produkte gänzlich zu verbieten. In diesem Dilemma wird sich der
Arzt hauptsächlich von den Angaben des Patienten leiten lassen, denn
dieser hat bei der Beurteilung des Erfolges doch schliesslich das letzte
Wort zu sprechen. Tatsächlich gibt es sehr viele Falle von Magen¬
geschwür und namentlich von Superaziditat, bei welchen sich eine
fleischfreie oder mindestens sehr fleischarme Kost von auffallendem
Nutzen bewährt; es gelingt bei diesen Patienten sehr leicht sie
zu Vegetariern zu erziehen und nicht wenige bezahlen eine Rückkehr
zur Fleischkost alsbald mit dem Neuauftreten ihrer Schmerzen. . Ein
Versuch mit fleischfreier Kost ist also jedenfalls erlaubt, und in jenen
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
21
Fällen, wo Fleisch ohne Beschwerden ertragen wird, wird man er-
fahrungsgemäss solche Fleischgerichte besser vermeiden, welche sich
schlecht zerkleinern lassen (Roastbeef) oder welche mit Fett stark
durchwachsen sind und somit der Auflösung im Magensaft Schwierig¬
keiten entgegen setzen. Kalter gekochter magerer Schinken hat sich,
wie die Karlsbader Erfahrungen zeigen, meist als zweckmässig er¬
wiesen, warmer Schinken und überhaupt fettes Schweinefleisch ist
nachteilig. Zwischen Kalbfleisch und Rindfleisch scheint kein nennens¬
werter Unterschied zu bestehen und die Warnung vor Wildbret dürfte
kaum begründet sein. Eher diejenige vor dem fetten Fleisch der
Gans. Natürlich sollten auch starke Fleischsuppen und Saucen ver¬
mieden werden. Hirn und Bries haben früher in der Diät der Magen¬
kranken eine grosse Rolle gespielt, vielleicht wegen ihrer weissen
„blanden“ Farbe. Tatsächlich gehören beide keineswegs zu den leicht
verdaulichen Speisen, wie schon C. V o i t gezeigt hat. — Die Eier,
denen der Laie meist einen übertrieben hohen Nährwert zuschreibt,
sollten nicht in zu grosser Menge genossen werden; sie verursachen
viel weniger Beschwerden, wenn sie zerquirlt in Milch oder in allerlei
Suppen und Mehlspeisen verkocht gereicht werden, als wenn sie roh
oder gar hart gesotten genossen weiden.
Im allgemeinen gilt die Regel, dass die Kost des Ulcuskranken
ziemlich arm sein soll an Fett, und die Erfahrung der meisten Magen¬
kranken zeigt, dass alle Gerichte, welche eine Hülle von Fett darbieten,
Beschwerden erzeugen. Das gilt nicht nur von den in Fett gebackenen
Fleisch-, Fisch- und Mehlspeisen, sondern auch von den gerösteten
Kartoffeln und von dem in Oel eingehüllten Salat. Ferner sind die
Magenkranken überaus empfindlich gegen alle Fette, welche nicht
von untadelhafter Beschaffenheit sind. Eine ranzige Butter kann ihnen
grosse Beschwerden verursachen, während frische Butter vertragen wird.
Am besten wird zweifellos das Milchfett vertragen, und der Rahm
erweist sich oft als besonders wertvoll und zwar nicht nur wegen
seines hohen Kaloriengehaltes, sondern geradezu als schmerzstillend.
Aber auch reines bestes Olivenöl ist bisweilen von grossem Nutzen,
namentlich in manchen Fällen von Pyloruskrampf, Nüchternschmerz
und Superazidität. Man kann zu einer richtigen Oelkur oder Rahmkur
schreiten, indem man z. B. früh morgens nüchtern oder nachts einen
Esslöffel Oel oder eine Tasse Rahm gemessen lässt.
Die Milchkur ist schon von Cruveilhier empfohlen worden,
der bekanntlich das Magengeschwür zuerst beschrieben hat, und das
regime lacte stricte gilt noch heute in Frankreich als die Kur des
Ulcus. Wohl nicht ganz mit Recht. Der Arzt, welcher an sich selbst
einen mehrtägigen Versuch mit reiner Milchnahrung gemacht hat, wird
sie nicht so leicht einem Patienten als längere Kur zumuten. Grössere
Mengen purer Milch werden von Magenkranken oft schlecht ver¬
tragen und es sollten nicht mehr als ein halber oder dreiviertel Liter
davon getrunken werden. Viel besser pflegt Milch vertragen zu werden,
wenn sie mit Amylaceen verkocht wird, in Breien, als Kartoffelpüree,
als Milchreis, mit Nudeln usw.
Die amylaceen haltige n Speisen stellen den wichtigsten
Bestandteil für die Ernährung der meisten Magenkranken dar. Zwie¬
back, Reis, Griess, Hafermehl, Graupen. Nudeln jeder Art, Makkaroni
usw., Kartoffelpüree, ja lockere Knödel, alles dies mit Milch zubereitet,
sind besonders empfehlenswert. Schwarzes Brot ist dagegen unbedingt
zu vermeiden. — Es müssen verboten werden : schwarzer Kaffee. Essig
und alle mit Essig zubereiteten Speisen, also z. B. Salate, ferner sauerer
Wein, und alle übersüssen Gerichte und Konditorwaren. — Schliesslich
sei erwähnt, dass die Rückkehr zur gewöhnlichen Kost erst nach einer
Diätkur von mindestens einem halben Jahr, wenn überhaupt, er¬
folgen darf.
Die arzneiliche Behandlung ist gegenüber der diäteti¬
schen bei uns vielfach zu Unrecht vernachlässigt worden; es kann gar
keinem Zweifel unterliegen, dass sie in vielen Fällen von grossem
Nutzen ist. Das Argentum nitricum ist ein altbewährtes Medikament,
namentlich in jenen Fällen, welche durch starke Schmerzen aus¬
gezeichnet sind. Man gibt es am besten in folgender Verordnung:
Argentum nitricum 0,2, Aqua dest. 150,0 morgens nüchtern einen Ess¬
löffel voll, in einer Tasse warmen Wassers getrunken. Diese Kur
kann 3 bis 5 Wochen lang fortgesetzt werden, freilich nicht ad infinitum,
wie dies früher manchmal geschah, mit dem Resultat, dass sich bei
den Patienten eine Argyrose einstellte. Im Anschluss an die Silberkur
kann das Wismut als subnitricum oder carbonicum für eine Reihe von
Wochen dargereicht werden; die Erfahrung hat gezeigt, dass die Auf¬
nahme einer grossen Wismutmahlzeit (zum Zweck der Röntgendurch¬
leuchtung) oft eine auffällige Beruhigung der Schmerzen zur Folge hat.
Das Wismut sollte in nicht zu kleinen Dosen gegeben werden, also
etwa in der Menge von einem guten Teelöffel und ebenso wie das
Silber des morgens nüchtern in einer Tasse warmen Wassers. — Durch
Riegel ist das Atropin eingeführt worden, um die Salzsäureproduktion
des Magens herabzusetzen. Es soll nicht geleugnet werden, dass das
Atropin in manchen Fällen sehr günstig wirkt, doch sollte es nicht in
grösseren Dosen als bis zu einem viertel oder halben Milligramm
pro Tag. gegeben werden, denn es hat die unliebenswürdige Eigen¬
schaft, bei längerem Fortgebrauch nicht bloss die lästige Trockenheit
des Rachens, sondern vor allem auch eine quälende psychische Unruhe
zu erzeugen. Viel wirksamer und dabei ganz unschädlich erscheint das
Atropinderivat Eumydrin, welches in der 10 fachen Dose gegeben
werden kann. Also etwa Eumydrin 0,1 auf 100 Pillen, zweimal täglich
2 Pillen, oder 0,1 zu 20,0 Wasser, zweimal täglich 10 — 21) Tropfen.
In dieser Form- hat sich uns das Eumydrin sehr bewährt; es wird ohne
Schaden und bei gleichbleibender Wirkung monatelang vertragen.
Beim Vorherrschen von schmerzhaften Pyloruskrämpfen ist das Papa¬
verin zu empfehlen, das auf den Magen eine viel stärkere Wirkung
zu entfalten scheint als auf die spastischen Zustände des Darms. Man
gebe vor der Zeit der erwarteten Schmerzen, also vielleicht 2 — 3 mal
im Tage,, ein Plätzchen zu 0,03 oder 0,04. Das Natron bicarbonicum
pflegt bei vielen Magenkranken die Schmerzen prompt zu beseitigen.
Man hüte sich aber davor, es zu häufig zu geben, und die Patienten
daran zu gewöhnen, sie können zu reinen „Natronisten“ werden. Es
scheint, dass durch den häufigen Natrongebrauch die Superazidität
durch Ueberkompensation geradezu grossgezogen wird.
Man muss sich darüber klar sein, dass eine Besserung der Magen¬
beschwerden niemals erwartet werden kann, solange jene spastische
Obstipation fortbesteht, welche das Ulcus ventriculi in der Regel
begleitet. Sie wird am besten durch Belladonna bekämpft und zwar
nach der alten Trousseau sehen Regel mit Pillen, welche je ein
Zentigramm Extractum belladonnae enthalten. Von diesen werden
meistens zwei, des abends vor dem Schlafengehen genommen, aus¬
reichen, um Stuhl zu erzeugen. Ist das nicht der Fall, so muss eine
kleine Menge Extractum aloes oder Rhel zugefügt werden. Also etwa:
Extractum aloes 2,5, Extractum belladonnae 0,6, fiant pilulae 60. 2 bis
3 Pillen des Abends.
Von der arzneilichen Behandlung der Magenblutung ist nicht viel
zu erwarten; selbstverständlich darf nicht etwa Adrenalin subkutan
oder intravenös eingespritzt werden, weil durch die Erhöhung des
Blutdrucks die Gefahr einer Blutung nachweislich gesteigert wird.
Aber auch die lokale Einführung von Adrenalin in den Magen, 3 — 5 mal
täglich 20 Tropfen der üblichen Lösung in etwas Wasser, hat uns keine
überzeugenden Erfolge gebracht. Vielleicht deswegen, weil die anfäng¬
lich erzeugte lokale Anämie bald von einer Hyperämie abgelöst wird.
Ebensowenig haben sich die Blutplättchenpräparate bewährt. Ob mit
Gelatine per os oder subkutan oder mit Kalksalzen eine Stillung der
Blutung befördert werden kann, ist unentschieden.
Bücheranzeigen und Referate.
L. K r e h 1: J. v.Meriings Lehrbuch der inneren Medizin. I. Band
mit 113 Abbildungen im Text. II. Band mit 204 Abbildungen im Text
und 8 Tafeln. 13. durchgesehene und vermehrte Auflage. Jena, Gustav
Fischer, 1921. 1490 Seiten. Preis 110 M.
Das im Laufe der Jahre immer mehr an die führende Stelle gelangte
Lehrbuch der inneren Medizin bildet sich jetzt zu einem „Jahrbuch“ aus.
Vor kaum Jahresfrist konnte ich in dieser Wochenschrift (1921 Nr. 6
S. 183) der zwölften Auflage das Geleit geben und schon liegt die drei¬
zehnte vor. So wird es dem Meisterwerk leicht, sich auf der erreichten
Höhe zu erhalten. Die Menge des neuen Stoffs ist bei der Kürze der
Pausen zwischen den Auflagen immer leichter zu bewältigen. Seit der
zwölften ist nicht mehr viel Neues hinzugekommen. Aber sehr an¬
erkennend möchte ich hervorheben, dass, meinem in der vorigen
Anzeige geäusserten Wunsche entsprechend, mit einer Verminderung
des Gesamtumfangs des Buches wenigstens der Anfang gemacht ist, in¬
dem die 13. Auflage 3 Bogen weniger hat. Zum Teil ist diese Ver¬
kleinerung durch Wegfall einiger weniger wichtiger Abbildungen er¬
reicht worden. Vielleicht wäre es möglich, in der nächsten Auflage
bei den Herz- und Lungenkrankheiten einige lehrreiche Röntgenbilder
einzufügen, die nicht viel Raum beanspruchen würden. Wenn es tun¬
lich wäre, auch meinen in der obenzitierten Anzeige ausgesprochenen
Wunsch nach leichter verständlicher Darstellung, insbesondere der Stoff¬
wechselkrankheiten und Neurosen, zu erfüllen, so würde sich das Lehr¬
buch unter den jüngeren Medizinern noch mehr Freunde erwerben.
Diese kritischen Bemerkungen haben natürlich nur den Zweck, dem
Buch zu immer höherer Vollkommenheit zu verhelfen. Dass es be¬
reits den höchsten Ansprüchen genügt, beweist der beispiellose Erfolg,
an dem ausser dem Herausgeber und den Mitarbeitern auch die Verlags¬
buchhandlung mit der tadellosen Ausstattung des Buches beteiligt ist. —
Die Anzeige kann ich nicht schliesseti, ohne des viel zu frühen Todes
meines lieben früheren Kollegen und Freundes D. Gerhardt zu ge¬
denken, dem der Herausgeber in der Vorrede einen tief empfundenen,
warmen Nachruf widmet. Mögen recht viele diese Worte lesen, damit
die Aerztewelt in »ihrer Gesamtheit erfährt, was unsere Wissenschaft
an D. Gerhardt verloren hat. P e n z o 1 d t.
Edward Mellanby: Experimental Rickets. London 1921. Publi¬
kation des Medical Research Council. 78 Seiten Text und 129 Ab¬
bildungen. Preis 4 Schilling.
Diese ausgezeichnete Schrift, die der Verfasser als „vorläufige Mit¬
teilung“ bezeichnet, berichtet über glänzend durchgeführte Fütterungs¬
versuche an fast 400 jungen Hunden. Radiographie, Bestimmung des
Kalkgehalts der Knochen und genaue histologische Untersuchung nach
den besten Methoden sind bei der Feststellung der Versuchsergebnisse
in weitestem Umfange herangezogen worden. Völlige Beherrschung
des schwierigen Stoffes, strenge Sachlichkeit des Urteils und klare
Darstellung machen die Lektüre zu einem seltenen Genuss.
Die vom Verfasser an seinen Versuchstieren erzeugte Rachitis
stimmt mit der menschlichen Rachitis vollkommen überein. Auf alle
Ergebnisse der Versuche einzugehen, ist im Rahmen eines kurzen
Referates unmöglich. Hervorgehoben sei, dass Verfasser die Identität
des antirachitischen Vitamins mit dem fettlöslichen Wachstumsvitamin
für wahrscheinlich hält. Zulage von Fleisch wirkt quoad Rachitis
günstig, grössere Mengen Brot dagegen sehr ungünstig. Auch Säure-
22
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
kasein wirkt ausgesprochen ungünstig, üabkasein dagegen nicht. Das
wirksamste diätetische ProphylaKtikum und Heilmittel bleibt der Leb
trau Die Bewegungsbeschränkung steht nach Mellanbys Lrgen
nissen hinter den diätetischen Faktoren an ursächlicher Bedeutung ent¬
schieden klassischen Untersuchungen Mellanbys, die ungeheure
Kosten verursacht haben müssen, bringen dem deutschen Leser die ve -
zweifelte Notlage unserer wissenschaftlichen Uistimte d°pP|^tn|c!irn|
lieh zum Bewusstsein. Stoeltzner-Ha •
Friedrich D i m in e r : Der Augenspiegel und die ophthalmoskopische
Diagnostik. Dritte, vollständig umvearbeitete u"d afn"d
633 Seiten. Mit 146 Abbildungen im Text und 16 Tafeln. Leipzig und
Wien, Franz Deut icke, 1921. Broschiert M. DO.—.
Das stattliche Werk ist zwei Meistern der Augenheilkunde ge¬
widmet, Ernst Fuchs zur Feier seines 70. Geburtstags und Hermann
v Helmholtz zur 100. Wiederkehr des semigen. Das in der früher
F u c h s sehen Klinik in diesem Sommer enthüllte prachtvolle Marrrim -
porträt. das Josef M ü 1 1 n e r geschaffen und das beim atzten Ophthai-
mologenkongress allgemein bewundert wurde, sowie eine von Jos
Tautenhayn gegossene Plakette von Helmholtz sind in schone
WkSKSL Ausgaben des Werkes nrehr für die Bedürf-
nisse des Anfängers berechnet und dementsprechend wenig umfang-
refch waren wollte Verfasser in diesem Buch das Thema vollständig
erschöpfen und auch dem Vorgeschrittenen als Basis für weitere For¬
schungen nutzbar machen. So sind den einzelnen Kapiteln Literatu -
hin weise beigefügt, die das wichtigste enthalten. Das Buch bringt zu¬
nächst eine optische Einleitung,, sodann ein Kapitel über die
des Augenspiegels, wobei auch die- nur für Spezialisten m Betracht kenn
menden reflexfreien elektrischen Augenspiegel nach . T h i or ne r,
Wolff Qullstraiid u. a. eingehend beschrieben und abgebildet
werden.' Auch die Gu 11s trän d sehe Nernst-Spaltlampe und die
Mikroskopie des Augenhintergrundes, welche unter J?rHnrn W^ kro^
unter Anwendung starker Vergrosserungen mit dem Ho™hautm kro-
skop vorgenommen wird, erfahren eingehende Berücksichtigung Dass
hier ein ganz neues und weites Gebiet für die ophthalmoskopische
Diagnostik erschlossen ist. dessen klinische Bedeutung freilich erst die
Zukunft wird abwägen können, wird immer einleuchtender.
Genauer geschildert wird auch die Photographie des Augenhinter¬
grundes, eine Methode, um die sich Verfasser durch Konstruktion eures
eigenen Apparates und gründliche Studien verdient gemacht hat. Von
den 16 dem Werk beigefügten Tafeln bringen 6 mikrophotographische
Aufnahmen zur Histologie des Auges, die übrigen 10 stellen ausnahms¬
los photographische Hintergrundsaufnahmen dar, die zweifellos dieprak-
tische Verwendbarkeit der Methode für wissenschaftliche und Unter-
richtszwecke dartun. Da je 15 Aufnahmen auf einer Tafel vereinigt
sind, handelt es sich um 150 einzelne Bilder, die sich auch vortrefflich
zur Projektion eignen. Gegenüber gewissen Nachteilen, die - diese Bil¬
der durch das Fehlen der Farben in gemalten Atlanten, aufweisen-, haben
sie unbestreitbare Vorteile durch die protokollarisch sicher .niedergeleg¬
ten Lokalisations- und Umrissverhältnisse. So eignen sie sich Ranz be¬
sonders auch zur Projektion im Augenspiegelkurs und m der Klinik
Der zweite, über */ 3 des Werkes einnehmende Teil ist ganz der
Diagnostik der bei der Augenspiegeluntersuchung sichtbaren Anomalien
gewidmet. Hier bot sich dem Verfasser Gelegenheit seine eigene
reiche Erfahrung auf diesem Gebiet zu verwerten. So ist ein originelles
Buch entstanden, das dem Studierenden, der tiefer eindringen- will, wie
dem wissenschaftlichen Forscher gleich gute Dienste leisten wird
Die Ausstattung durch den Verlag ist -eine sehr gute was bei den
jetzigen Verhältnissen — das Buch ist in Wien gedruckt — doppelt
anzuerkennen ist. S a 1 z e r - München.
spielen“, von ujrIassenden^Turnfeste^i^wie^sie^in^der^Schwe^Hcr-
ietzF^iach'dem uns Fjie allgemeine Wehrpflicht genommen ist, nur
S-SäS SS
susfehen E der DurcAIühnmg der „Deutschen Reichs-Jugendwett-
kämpfe“' ist ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung getan. Das
Büchlein ist aus der Praxis entstanden und soll die Veranstaltung von
Wettspielen und Wettkämpfen, soweit sie für Volks- und Jusend feste
in Bedacht kommen, erleichtern. Es gibt an praktischen .Beispielen
eine Fülle wertvoller Anregungen für die Anlage und Ausnutzung de.
Kampfplatzes die Zusammenstellung der Kämpfe, die Best{)n?"lpI1^gtt
H Pes bespricht die verschiedenen Gruppen der sportlichen Wett¬
kämpfe wie Laut Sprung, Wurf, Ringen, die Wettspiele die turne¬
rischen' Massenübungen; auch die Wettkämpfe scherzhafter Ar,
S uralten Bestandteil unserer Volksfeste bilden, sind berücksichtigt.
Grassmann - München
Prof. Dr. Max Joseph: Lehrbuch der Geschlechtskrankheiten
für Aerzte und Studierende. 8. Auf!. Mit 54 Abbildungen und 1 Tafe .
Leipzig 1921, Thieme. VII + 217 S.
Die neue Auflage des bekannten Lehrbuches lässt der Verfasser,
der Not der Zeit gehorchend, in erheblich gekürzter Form erscheinen.
Trotzdem sind alle wichtigen neuen Errungenschaften genügend ge¬
würdigt. so dass es dem Werke wohl gelingen wird? durch seine Vor¬
züge, besonders durch die gewandte und ungewöhnlich übersichtlich
Darstellung auch in dieser neuen Form seinen Platz unter den zahl-
reichen venerologischen Lehrbüchern zu behaupten. Ref. hatte nur den
Wunsch, dass die nongonorrhoischen Urethritiden entsprechend ihrer
grossen Bedeutung für die Praxis, etwas ausführlicher behandelt und
auch die liongonorrhoischen Komplikationen in den Kreis der Be¬
trachtung gezogen werden. Siemens- München.
F A Schmidt: W ettkämpfe, Spiele und turnerische Vorführungen
bei Jugend- und Volksfesten. 7., völlig umgearbeitete Auflage Mit
45 Abbildungen im Text und auf 4 Tafeln. Verlag von G. B. 1 e u b n e r,
Leipzig und Berlin, 1921. (116 Seiten.)
Wie bei ihrem ersten Erscheinen, so dient die kleine Schrift auch
diesmal vornehmlich der schönen Aufgabe, den Sinn für eine gesunde
Ausbildung des Körpers in allen Kreisen unseres Volkes, besonders
aber in der Schuljugend zu wecken. Durch Veranstaltung von sport¬
lichen Wettkämpfen und turnerischen Vorführungen grossen Stils soll
das Interesse für alle Arten körperlicher Uebung gefördert werden.
Der Verfasser tritt für die Einrichtung von „vaterländischen rest-
Zeitschriften-Uebersicht.
Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie.
Band 32. Nr. 5 (Auswahl).
R. T r o m m s d o r f - München : Zur Frage der Steigerung des Agglutin.n-
titers durch grosse Blutentziehungen. versuche berichtet in denen bei
Kaninchen AAS.' Ä«—»
iSntrnTÄ
“eVtÄrn"' “ ’ÄÄ « durch Krosse Bln.cn.zich.nKen
hc Kaninch“ eine namhafte Erhöh.»* da» Ajgl«.,mn.;ters r
Joseph Tannenberg- Marburg: Betrage zur Theorie und Praxis oer
Sachs-Georgi- und Wassermannreaktion. Reaktion einer Nach-
Verf hat verschiedene Ausführungsarten der S.-ü.- KeaKtion einer *
Prüfung1 unterzogen und dabei les.ges.ejli. jmjajWgjJ»
fraktionierten Extraktverdunnung wie .die E's*,ch^an Jer Spezifität der
iE
bSW W™e',bB'i2e b“ 1 Marburg. Exoerlmenielles -
Verf hat die von Petruschky angegebene Methode der LinreiDung
äktk st. $
Erb«
bei intrakutaner und subkutaner Anwendung, um die erste Reaktion
erreipe"t r u schky macht -demgegenüber in einer Antwort ^tend. da« die
Tierversuche für die Beurteilung der Schutzbehandlung des Menschen nicht
ausschlaggebend sein können. Er schlägt eine praktische Methodik vor.
E. Putter-Greifswald: Zur .Technik der Herzpunktion beim Meer-
SCh'V Neben "einigen anderen praktischen Fingerzeigen schlägt Verf. zur Herz¬
punktion eine neue Nadel mit ganz kurz abgeschrägter Spitze yor^ ah,1,,^ fder
Quincke sehen Lumbalpunktionsnadel. L. S a a t h o f f - Oberstclo .
Zeitschrift für Tuberkulose. Band 35. Heft 3.
Bruno Hey mann und Masaaki K o i k e - Berlin: Ueber die Be¬
schaffenheit der aus Schildkrötenbazillen hergestellten ^“berkulosemittel.
Dem Praktiker wird namentlich das von Wichtigkeit sein, dass in 39
gleichwertig signierten und richtig behandelten Friedmannampullen stark
schwankende Mengen von toten und lebenden Keimen
den verschiedenen Wertigkeitsangaben entsprechende Abstufung des Antigen
wurde häufig vermisst.“ Von 24 Baumampullen lau * Schluss-
giinstiger nicht besser von Chelomnampullen. „Die praktischen bc“luss
folgerungen aus diesen Ergebnissen möchten wir der Aerzteschaft und der
.Mcdi^mulverwaUung^ubM-lassem ^ f ^ _ Kön}gSberg: Weitere Untersuchungen
wie sich das Tuberkulin höheren Tempera¬
turen ge“ er verhalt ob die durch Tuberkulin und Proteinkörper beim
tuberkulösen Menschen verursachten Entzündungen gleichartig sind, ob das
T u b e r ku ü rf a 1 solches" oder erst durch im Körper entstandene Abbauprodukte
lirkt und endlich, ob im tuberkulösen Körper bei der Vere.mgung von tuber¬
kulösem Gewebe und Tuberkulin ein neuer Korner gebildet wird, der dann
erst die Entzündungsreaktion hervorruft, viele labeilen. _ , .
H. M a e n d 1 - Alland: Intravenöse Kalziumtherapie bei Lungentuber-
klll0SVerf11 wefst^nach. dass diese Injektionen besser als jedes andere Mittel
Blutungen zu stillen in der Lage sind. Bei Lungenblutungen gibt er alle
Geht Stunden 5 ccm einer zehnprozentteen Kalziumlösung bis zum Stehen
der Blutung und dann noch einige Tage täglich ..eine Spritze“ (also wohl
5 ccm) Aber auch sonst ist der Einfluss sehr günstig: das Sputum nimmt
ab, Darmschmerzen verschwinden; Fieber wird wenig beeinflusst, wohl aber
weichen die ■ hartnäckigen subfebrilen Temperaturen.
Eine kleine Bemerkung ist praktisch brauchbar Kommt die Einspritzung
neben die Vene, also ins Gewebe, so gibt es eine Nekrose. Man kann diese
verhüten, wenn man sofort die Flüssigkeit wegmassiert.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
23
E Peters- Davos: Viskoslinetrische und refraktometrische Serumunter-
suchungen und ihre Bedeutung für die Diagnose und Prognose der Lungen¬
tuberkulose.
, Diese Messungen ergeben ,,in ihren absoluten Werten keine Anhaltspunkte
iür Diagnose und Prognose der Lungentuberkulose“.
Wilhelm v. F r i e d r i c h - Pest: Kann die Milch das Alttuberkulin er¬
setzen?
Bei allem (Juten, was man von Milch- und ähnlichen Injektionen
(Caseosan) saven kann, darf man nicht vergessen, dass sie nicht, wie das
I uberkulin, auf Tuberkulose spezifisch wirken.
Heilst ättenbeilage.
Liebe: Kritisches zu v. Hayeks ..Tuberkuloseproblem“.
v. Hayek: Offene Antwort an Herrn Kollegen Q. Liebe.
Liebe- Waldhof-Elgershausen.
Archiv iür klinische Chirurgie. Bd. 116. Heit 2.
Siedamgrotzky: Spätresultate nach Nierensteinoperationen.
Statistischer Beitrag. Nachforschung über das Spätschicksal der wegen
Nierensteinen in den letzten 20 Jahren an der Klinik Hildebrands ope¬
rierten Patienten. 73 Operationen an 66 Kranken. In 85 Proz. einseitiges,
in 15 Proz. doppelseitiges Leiden. 26 Nephrektomien. 27 Pyelotomien und
12 Nephrotomien. Die .Pyelotomie wird bevorzugt, die Nephrotomie bedeutet
eine zu schwere Schädigung der Niere, trotz richtiger Auswahl des Schnittes,
trotz Naht und aseptischer Heilung.
Sgalitzer: Zur Röntgendiagnostik der Nierenkonkremente.
Zur Differentialdiagnose der Nierensteine gehören unbedingt Röntgenauf¬
nahmen in zwei Ebenen. In der seitlichen Aufnahme fällt der Schatten der
Konkremente auf den Körper des 12. Brust-, 1. oder 2. Lendenwirbels. Auf
diese Weise können verkalkte Mesenterialdrüsen. Kotsteine, Gallensteine
mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Das Zweiplattenverfahren orientiert
in erschöpfender Weise über Zahl, Lage und Form der Konkremente. Dadurch
werden alle anderen Hilfsmethoden, die nicht ganz ungefährlich sind, wie
z. B. Einführung eines schattengebenden Ureterkatheters usw. überflüssig.
M o s z k o w i c z: Die Dickdarmresektiou nach der Vorlagerungsmethode.
Im Ileusstadium soll -man niemals vorlagern, sondern den Dickdarm
oberhalb der Stenose eröffnen. Es wird die eigene, sorgfältig auszuführende
Technik, die eine Modifikation des Mikulicz sehen Verfahrens darstellt,
empfohlen. 8 Fälle, einer nach 3 Jahren gestorben.
K epp ich: Ueber den intraperitonealen Druck (Druckmessungen am
Menschen und Tierversuche).
1. Der intraperitoneale Druck ist unter normalen Verhältnissen meistens
vermindert ( ). kleiner als der auf den Bauchdecken von aussen lastende
atmosphärische Druck. Seine Grösse schwankt zwischen 0,5 — 3,4 cm Wasser¬
säule.
2. Bei pathologischen Veränderungen (Ulcus. Karzinom des Magens, Ver-
grosserung der Gallenblase) wurde in den meisten Fällen eine Druckver-
nunderung (~) von 0,2 7,0 cm Wassersäule gemessen.
3. Der intraperitoneale Druck ist ziemlich konstant, wird durch die
Atmung, Bauchpresse, Druck auf die Bauclniecken nur selten und unwesentlich
beeinflusst,, ebenso nicht durch Lageveränderungen.
■ , akuten entzündlichen Erkrankungen des Peritoneums war der
mtraperitoneale Druck bis zu 18 cm Wassersäule erhöht (+).
5. Nach dem künstlichen Pneumoperitoneum bleibt eine wesentliche
Drucksteigerung (~r) mehrere Tage lang bestehen.
6. Ein besonderer Zusammenhang zwischen Abdominalerkranklingen und
Grosse des mtraperitonealen Druckes kann nicht festgestellt werden.
frakturen*1 n n 6 7 U"d Schönbauer: Zur Behandlung der Schädelbasis-
48 ^1L^r0Z' ^orKtaIität‘ ,D.fr Krf.ste Teil dieser Fälle ist in den erste,,
a-gmt0iben‘ den übngen nacb Lesern Zeitpunkt Gestorbenen
tand sich die Todesursache meistens in verschiedenen Komplikationen The-
rapie soll konservativ sein. Trepanation nur bei Hirndruck durch Blutung
ns soll ihr aber die Lumbalpunktion immer vorgeschickt werden Bei un¬
veränderter Bewusstlosigkeit, starren Pupillen, erhöhtem Liquordruck und
Eiweissgehalt, die über 24 Stunden fortdauern. soll stets operiert werden
Anlegung eines Ventils an der Verletzungsstelle; wenn keine vorhanden ist
Dekompressivtrepanation nach Cushing.
täubung " k W': D'e Aberenzunfl' der allgemeinen und der örtlichen Be-
1921 VNrtria7 aUf dem 45' Chirurgenkongress- Referat für die M.m.W.
Rumpel: Ueber Zvstennieren.
1921,VNrtrii88: 2Uf dam 45' Chirurgenkongress- Referat für die M.m.W.
Pe r t h e s: Ueber die Strahlenbehandlung bösartiger Geschwülste
1921,VN°rrt?8K aUf d6m 45' Chirurgenk0ngress- Referat für die M.m.W.
. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 166. Band. 5.-6. Heft.
S a a m ' c-4 ' Mdnchen : °Ho v. Schjerning. Nachruf,
zur rphLBUdde: ^.'ne se,te"e Kn'egelenksmissbilduiig, zugleich ein Betrag
zur Lehre vom angeborenen Schienbeindefekt. (Aus der chirurgischen Uni
‘"Lk Koln-Lmdenburg. Dir.: Geh., Med.-Rat Prof. Dr. T ilmann)
3 K-it!3rfpSChseibUfng e\n£I- faf Ilaren Kmegelenlsmissbildung, die den Vater und
3 Kinder betraf und die besonders eine Gabelung des unteren Femurendes
Femur'enlUShderHLltFatUr fgibt sich’ dass die g,eiche Gabelung des unteJen
d a der r°rm des angeborenen Tibiadefektes vorkommt die auf
A.ussProssung und Verkümmerung des Tibiastrahls im Sinne der
rektIIhndhun^einQp g e n b a u r s beruht. Kommt es hierbei zu einer Kor-
cfullr dung Forrn. eiI(er nochmaligen Anlage des Tibiastrahls so Pnt_
- e t die erwähnte Missbildung des Kniegelenkes, die durch eine ' Spaltung
Aushiid Gren Femure',desL und eine Verbreiterung des Schienbeinkopfes mit
i dung z™eier Epmhysenkerne gekennzeichnet ist. Der Effekt ist ein
angeborenes Genu varum und eine Störung des Längenwachstums?
r a n k e 1. Bolzung von Amoutationsst"mofen, ihr Schicksal und ihre
Rat A B i e“r")e- ( ^ Universitäts-Klinik in Berlin Dir " Geh
darinDHS,bereitt 3Uf dem Chirurgenkongress 1920 mitgeteilte Verfahren besteht
d?n"nda.ss T? querer Durchbohrung des Knochens des Amputationsstumpfe
em Knochenbolzen meistens aus der Fibula in diesen- Kanal eingetdeben wird!
so dass seitlich je ein Knochenende des Bolzens mit Muskulatur gedeckt,
prominiert und somit Angriffspunkt für die modifizierte Prothese bildet, viel¬
fach wurde statt eines Bolzen jederseits einer verwendet, festerer Sitz und
Vereinfachung der Prothese bei Verringerung ihres Gewichtes und die Be¬
freiung der Nachbargelenke sind die für den Prothesenbau gewonnenen Vorteile
des Verfahrens.
S o n n t a g - Leipzig: Operierte Mondbeinverrenkung.
Eine isolierte volare Mondbeinverrenkung mit Rotation des Knochens um
etwa 90 bot typisch klinische (Vorsprung, Halbfauststellung der Finger,
nervöse Störungen) und röntgenologische Symptome und wurde durch Ex¬
stirpation des Knochens geheilt. Literatur.
Kurt Sch eye r: Zur Frage der Pyelo- oder Nephrolithotomie mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Röntgendiagnostik. (Aus der Chirurg. Abt.
d. israel. Krankenhauses zu Breslau. Primärarzt: Dr, G o 1 1 s t e i n.)
Von 1910 1920 wurden bei 46 Patienten 54 Operationen wegen Nephro-
lithiasis ausgeführt, darunter 34 konservative Nierensteinoperationen: 26 Pyelo¬
tomien, 3 Nephrotomien und 5 Urethrotomien. Die Pyelotomie genügt zu¬
sammen mit der Röntgenuntersuchung zur Auffindung der Nierensteine. Bei
freier Wegsamkeit des Ureters bleibt ganz unabhängig von Infektion oder
Naht keine Urinfistel zurück. Die Nephrotomie soll für die Fälle mit aus¬
gesprochenen Parenchymsteinen und mit fehlenden oder nicht darstellbaren
Nierenbecken reserviert bleiben.
Vorschütz: Die knöcherne Versteifung der Wirbelsäule bei Erkran¬
kung derselben. (Aus dem St. Josephs-Hospital Elberfeld.)
Bericht über 26 nach A 1 b e e operierter Fälle.’ Verf. machte mit dem
Verfahren gute Erfahrungen und empfiehlt es vor allem für die beginnende
Spondylitis.
Alexander Schüppel: Beitrag zur stenosierenden Tuberkulose des
Dünndarms. (Aus der chir. Abt. d. städt. Krankenhauses Altona. Direktor:
Prof. Dr. J e n c k e 1.)
1. Spastischer Ileus bei Dünndarmtuberkulose, Ausheilung. 2. Ulzeröse
Darmtuberkulose mit Fernspasmen des Magens, die zu der Diagnose eines
Karzinoms des Pylorus geführt hatten. 3. Strikturierende Tuberkulose des
Jejunum, die durch Enteroanastomose geheilt wurde. Die Enteroanastomose ist
in solchen Fällen der schonendste Eingriff mit guter Prognose.
Oswald Seemann- Dortmund: Bügel zur Streckbehandlung der Ver¬
letzungen des Handgelenkes.
Der Bügel wird geliefert von B. Braun- Melsungen.
A. Prikul: Ueber die Behandlung der Aktinomykose mit Röntgen-
strahlen. (Aus der chir. Fakultätsklinik in Dorpat. Dir.: Prof. K. K o n i k.)
Der Fall von ausgedehnter Warzen- und Halsaktinomykose kam lediglich
durch Röntgenbestrahlung (3 Serien zu je 6 und 7 Bestrahlungen 1—2 mm Al.
9 10 Wehnelt A E.D. auf jede Stelle) zur Ausheilung.
H. Flörcken - Frankfurt a. M.
Zeitschrift für orthopädische Chirurgie einschliesslich der Heilgym¬
nastik und Massage. XLI. Band. 6. Heft.
Gustav Eversbusch - München: Experimentelle Untersuchungen über
die Lähmungstypen bei der zerebralen Kinderlähmung.
alIsgedebrlten Untersuchungen an dem Material der orthopädischen
Klinik München-Harlaching kommt E. zu folgenden Resultaten: Nicht die Topo¬
graphie und die pathologisch-anatomische Eigenart der Hirnläsion sind bei
der Beurteilung der zerebralen Kinderlähmung allein massgebend für das
klinische Bild, sondern vor allem auch die Intensität des Reizes, der das
zentrale Neuron trifft. Schwache Reize lösen an der oberen Extremität
athetotische Bewegungen der Extensoren und Supinatoren aus und führen an
der unteren Extremität zu Spasmen der Plantarflexoren und Kniebeuger.
Starke Reize rufen an der oberen Extremität Spasmen der Flexoren und
Beuger, an der unteren solche der Plantarflexoren und Kniebeuger hervor.
Reize von schwankender Stärke lösen abwechselnd Beuger- und Strecker¬
krampf aus. (Vergl. auch M.m.W. 1921 S. 627.)
Fr. Dun ck er: Die operative Entfernung extraartikulärer tuberkulöser
Knochenherde.
Der Verfasser hat 17 Fälle von extraartikulären tuberkulösen Herden
operativ behandelt und mit Ausnahme von 2 Fällen sehr gute Dauerresultate
erzielt, sowohl bei geschlossener als abszedierter tuberkulöser Osteomyelitis.
Kontraindiziert ist die Operation bei Tuberkulose des Fussskeletts und aus¬
gesprochener Alterstuberkulose.
F. Mommsscn - Berlin-Dahlem: Ein neues Exartikulationsbein.
4 Abbildungen veranschaulichen die Konstruktion einer Hüftgelenks¬
feststellung, dei einerseits an die Unterfläche des Beckenteils der Prothese
nur wenig aufträgt, andererseits eine exakte Feststellung des Hüftgelenks
erreicht.
F. M o m m s s e n - Berlin-Dahlem : Muskelverhältnisse beim kurzen
Unterschenkelstumpf und ihre Beziehungen zum Prothesenbau.
Infolge höheren Ansatzes der Unterschenkelmuskulatur ist die Kraft der
kurzen Unterschenkelstumpfe im Gegensätze zu kurzen Oberschenkelstümpfen
nicht geringer als die der langen Unterschenkelstümpfe. Die Ausnutzbarkeit
der ganzen Stumpfkraft hängt von der Festigkeit der Verbindung zwischen
lebendigem Stumpf und toter Prothese ab. Weichteile bieten bei Beugung
und Stie^kung ebenso Schwierigkeiten, sowohl die vorderen wie die hinteren
Weichteile des Unterschenkels, wie die des Oberschenkels. Nach an sich
selbst ausgeführten Untersuchungen kommt M. zu interessanten Ergebnissen
der Muskelwirkung auf den kurzen Unterschenkelstumpf, aus welchen er die
Wirkung der Hoohlagerung des Kniescharnieres über die Knieachse folgert.
R. P ü r c k h a u e r.
Die Analyse der Hüftgelenksbewegungen am Lebenden, dargestellt an
Bewegungen in der Frontalebene. Ein Beitrag zur funktionellen Gelenk¬
diagnostik von Richard S c h e r b. Beilageheft der Zsclir. f. orthop. Chir. 4L
Die hochwissenschaftliche, auf genaue mathematische Berechnungen auf¬
gebaute Arbeit muss im Orginal nachgelesen werden. R. Pürckhauer.
Zentralblatt liir Chirurgie. 1921. Nr. 50.
Herrn. Kümmell jr.-Hamburg: Ueber eine Gruppenreaktion mit Blut¬
körperchen zum Nachweis aktiver Tuberkulose.
Ausgehend von der Eigenharnreaktion nach W i 1 d b o 1 z, deren Wesen
darin besteht, dass Urin von aktiv tuberkulösen Menschen auf 1/io seines
Volumens eingedampft und in minimaler Menge beim Spender intrakutan
injiziert ein Infiltrat an der Injektionsstelle hervorruft, hat Verf. weitere
24
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WÜCHENSCHRIEI .
Nr. 1.
Versuche gemacht; erbenützt 10 ^^CeS^sS^Bodens^z "et!
Blut versetzt wird; die Blutkörperchen s grossen Quaddel. Bereits
wird dann intrakutan injiziert bis zu Ausser dem Blutspender
SKÄ-Ä
««» Aumode» vo„ . .
tumoren bei der Trepanation durch f Verl, auf
■lkS;l£1“iTÄ!?ir£t ... «-«-* ■*»
•“MSÄ den“»”;,., konstruierten Apnarai, den Widerstand
im Hin, S Sirnf.i»or mittels de, W I, e ,, t s t o n e sehen Bracke zu he-
stimmen, r ,Landau; Beitrag zur Technik der Magenoperationen.
Ans 4 Abbildungen ist die Technik des Verfassers bei Magenulcus leicht
■ m ,-t, Resekt on des das Ulcus tragenden Magenteiles, Anastomosen-
b IduSg VerfchTuss des Duodenums ; zuletzt Ablösung des Qeschwürteiles von
Scktal Auch bef tÄÄm ufeus dUdeni sichert ein Serosalappen gut die
ÄM m““ - der
VeU 6hat 6jede,a Vuch^ schwer^Adtselhöhlenfurunkulose auf zweimalige
Röntgenbestrahlung In ^ Jochen abheilen
Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 50.
I H o f b a u e r - Dresden: Zur Klärung der Eklampsiefrage.
.|1lsfiihrlicher Weise nimmt Verf. zu allen die Eklampsiefiage be¬
wegenden ' strittigen Fragen Stellung. Immunisatorische Vorgänge hnden
unter dem Einfluss des Eintrittes von plazentarem Eiweiss nicht statt. da-
gegen treten im maternen Blut Abwehrfermente auf. Diese plazentaren
Fermentintoxikationen erklären die typischen Organverandei ungen Als ent-
Schutz ist die Erhöhung des Cholesterinspiegels im Blute anzu¬
sprechen. ^Difaltf AnLhauung, die Schwangerschaftsniere : auf eine ? renale
isrhurip zurückzuführen, wird wieder modern. Für den eklamptiscne
SvmntomenkoSex kommt die gesteigerte Hormontätigkeit des Hypophysen-
A d renal svstenis P zur Geltung. Diese vasokonstriktorischen Hormone sind die
Ursache der Angiospasmen bei Eklampsie und Nephropathie. Die Behandlui g
V” Eklampsie hat vor allem die Aufgabe, die Hypophysenwirkung auszu-
Salten Dahin gehören Aderlass. Choraldehyd und Luminal und Injektion
von Ovarialextrakt. Dass die Arbeit sich natürlich mit den modernen Autoren,
wie Zangemeister, Westermar , Oessner u. a. zum Teil
nolemischer Form auseinandersetzt, ist naturlicn.
poleimscner ro Aetiologie und Behandlung der Eklampsie
Verf berichtet über gemeinsam mit Ernst Schulz ausgefuhrte Versuche,
durch die in der Plazenta qin pankreatinähnliches Ferment nachgewmsen
i n i-nnntp Dip Pta7enta i st die Stelle, an der das eklamptische C j 1 1 1
gebildet wird Dass der veränderte Chemismus das Krankheitsbild bedingt,
fst durch exakte serologische, toxikologische und chemische Forschungen er¬
wiesen. Darum ist als Behandlung auch die Schnellentbindung zu fordern,
rinri'n Resultate statistisch sich als weitaus die besten erwiesen haben.
WGessn er- Olvenstedt-Magdeburg: Die badische Eklampsiestatistik
^ der Kriegsarbeit für die Frauen
und der Rückkehr von Ruhe in ihren häuslichen Verhältnissen die Eklampsie
wieder7 häufiger werden würde, hat sich in Baden bestätigt. Die Geburt n
und der Rückkehr von Ruhe in ihren nausucnen veriiuum»™ um. -‘-VE.“
wieder1 häufiger werden würde, tat eich in Baden bes«„2, Die Geburten
haben in Baden gegenüber dem Jahresergebnis von 1918 um rund 5U Rroz..
Sie Eklampsien um rund 250 Proz. zugenommen. Mit der Ernährung hat die
Eklampsie aber recht wenig zu tun. . _ ..
W. W i e g e 1 s - Schwerin i. M.: Ueber eineii besonderen Fall von
totalem Dammriss^ Jahren eine schwere Zangenentbindung
durchgemacht und war seitdem völlig inkontinent. Im Anschluss an das
zweite Wochenbett beseitigte W. ihr auf operativem Wege mit bestem Erfolge
den totalen Dammriss. Kombinierte Transversus-Levatornaht. , _
Archiv fiir Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoffwechsel¬
pathologie und der Diätetik. Heraus«. Piof. J. Boas. Band XXVIII.
Doppelhaft 3/4 .
Grote und S t r a u s s - Halle: Untersuchungen bei einem Fall ^chro¬
nischer Pankreatitis. (Aus der med. Universitätsklinik Halle. Pro .
h ' nie inchgewiesene, nur partielle Schädigung der Pankreassekretion, d. h.
Intaktheit der Amylaseabsonderung bei hochgradiger Lipasestorung, sei less
jedenfalls einen mechanischen Abschluss des Ausfuhrungsganges aus u d t
insofern von Bedeutung, als die Patientin demnach, trotz ^'^chter KosF
fast ausschliesslich vom Kohlehydratanteil lebt, so ^ sich
Setzungen im Körper vorausgesetzt werden ' n U S s e n A c 1 1 o 1 ° k i s c H c r k Ua t sich
die Möglichkeit einer gastrogenen Dyspepsie auf Onad d Heterochylie de!
Mageninhalts, doch ist auch an eine primäre Pankreaserkrankung zu denken.
Singer- Wien: Zur Pathogenese und Klinik des Duodenalgeschwürs.
Aus des Verfassers auf mehrere Jahre zurückreichendcn klinisch-anatomi¬
schen Befunden ergibt sich, dass die Entstehungsbedingungen des Zwolfnnger-
darmgeschwüres keinesfalls einheitliche si . Rolle der Vagusgenese
lösenden Momenten in Betracht kommt. Die uU$scr allem Zweifel und
des peptischen Magenduodenalgeschwurs s ’^'t ‘ ltuberkulöse Erkrankung der
im Zusammenhang damit eine ausg P rjSchen Symptomen im Vorder-
Lunge, teils mehr latenter Art, mit den i £ klinisch manifesten
grund der Erscheinungen teils *cm ®SieUb«en Geschwür«« des
Tuberkulose mit manifesten autoptisch ieSchwüren gibt es ausserdem
Magendarmtraktes. N eb e n d l e s e n n eu r o 1 1 sch e n ^ G esc h^/ur p p g p ^ Sepsis. Ver-
solche. bedingt durch Bleivergiftung, hluss tritt s noch der Frage
brennung, sowie auch durch Trauma. - äVmlirVien Ergebnissen, wie wir
ääSää * - —
Anwendung in einem Fall v®n “I^^onder^^ucFi* den Dickdarm diagnostischen
Um nicht nur den Dünndarm, sond5™ chen hat E. einen ge-
und therapeutischen Massnahmen zugangU Bes“hre;bung’er hier gibt, wobei
ShdmVchnaUerÄsdder Befürchtung nicht zu
Snf ZI" ÄÄ»— »“ -*
zutragen. M • Ueber den Einfluss des Kauaktes auf
v. Friedrich-Frankfurt a. m.. ueDerucii inneren
die Sekretion des Magens bei Ges“* ,, nd D [eS Prol. E h r m a n n.)
Abteilung des städt. Krankenhauses Neukollm rek Verdauungs¬
in vorliegender preisgekrönter Arbeit d« ,n|eJ Kauaktes und
und Stoffwechselkrankheiten untersucht F.^ ^ E^ ^ zunächst prü{t?, ob
zwar stellte er seine Versuche in ., • jviagensaftsekretion zu er-
die Kaubewegung allem bzw. der S.PelctE ‘ . uppe muSste die Nahrung
zeugen imstande sei? In einer zweiten versuchsgruppe sch,uck_
einmal tüchtig zerkaut werden, ein anderesms ^ ciner dritten Gruppe endlich
fertig gereicht unter Veimeidung des K< • , .. quer auch chemisch
wurden die verschiedensten Na Rurigs ’ ]ediglicFi kauen mussten
indifferente Stoffe gegeben, die dle Ju ^!ldPe dann jeweils exprimiert bzw.
ohne zu schlucken. Der Magemnh azidität und Fermente bestimmt,
aspiriert, gemessen, filtriert und HC 1. ' Gesamtazia tax u ß ^ herausgreifen
Aus den zusammenfassenden Ergebni M-.eensekretion hervorzurufen, auch
so. dass der Kauakt an sich genügt, um Magenseki re™re„d psychische Ein¬
scheint der Speichel dabei eine Rollt Wichtigkeit ist ferner, dass durch
flüsse anscheinend ohne Belang. erzielen ist als ohne Kauen, so
ausgiebiges Kauen eine derbere Kost von fester Konsistenz
dass es sich empfiehlt bei Subaziditat , ■ HvDerazidität mehr eine
länger kauen zu lassen u"d .*“nK zu vermeiden. Die verschiedenen
Pürierte Kost zu reichen, um d‘S und Gewürze verhalten
Nahrungsbestand teile, Eiweiss, KoUehydrate. «e Stoffe rufen nicht
sich verschieden, chemisch indifferen K dgr Sekretionsstärke
immer Magensaftsekretion hervor. Nach der Reiher E . , „ t Eier,
verlialten sich die einzelnen =
' rJÄt0,L! ’T ‘wteSSn,
nie im unmitteibaren ^Schluss a^ eme Ga^njenterostomie^_aufgeH
auffallend starke intestinale Dyspepsie war alter wa Salzsäure auf die
Fh! r m d fas t as e* W/. uz u s c h rei b e n ,b "ir' gen dw eich' e Störung der Pankreassekretion
War Me®??!!' 'n frTcM ’-Senhagen: Darmstriktur und perniziöse Anämie.
^Lmmenfass^n^lässtTch üScr den vorliejnd« ™
„tfSÄ nS^gülartiSTtJarrstri^
Geschwüren) entwickeln kann und zwar ^t striktur gelegenen
Anai0ea ss mann -Berlin: Zur Röntgendiagnose des Magenpolypen. (Aus
Trichobezniir differentialdnignostisch^ abzuerenzen. The<)rie ^ Technik de,
Aziditätsbestlminuna des M.kenlnhalis. (Bemerkungen an der Arbert von
W Haber, se« sieb hier
man sie nur richtig deutet.
Archiv Sür Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 64. Band. 1. und
2. Heft. 1921.
eit. \yc\. , . .
wird doch hi ihnen durch antisoziale Handlungen zum Ausdruck kommen.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
25
Auch wenn ihnen die Möglichkeit zur Aneignung und zum Festhalten von
Kenntnissen nicht fehlt, verhindert doch ihre grosse Ablcnkbarkeit eine für die
Allgemeinheit wertvolle und erspriessliche Tätigkeit. Im Gegensatz zur
Pseudodemenz der pathologischen Reaktion Hysterischer findet sich bei den
Degenerativen oft eine Pseudointelligenz. Ihre Willenstätigkeit ist durch die
Unfähigkeit zu determinieren aus der normalen Bahn gedrängt. Die Antriebs¬
fähigkeit, die sog. innere Peitsche fehlt ihnen. Sie wird bei den ver¬
brecherischen Jugendlichen meist von fremden Händen geschwungen.
Arthur S o n n e n b e r g - Wolfenbüttel: Ueber die inneren und äusseren
Ursachen des Jugeudirreseins unter besonderer Berücksichtigung der Kriegs¬
schädigungen. (Aus der Universitäts-Nervenklinik Halle a. S.)
Beiin Jugendirresein kann äusseren Momenten keine ursächliche,
höchstens eine auslösende Bedeutung beigemessen werden, d. h. ohne die
zahlreichen exogenen Schädigungen wäre die Psychose vielleicht nicht so
schnell und in nicht so ausgeprägter Form manifest geworden. Als alleinige
Ursache der Schizophrenie bleibt daher die Endogenität bestehen. Wir
müssen also eine schizophrene Anlage auch in allen denjenigen Fällen von
Jugendirresein annehmen, in denen keine anamnestischen Anhaltspunkte für
eine solche vorliegen.
W. Jacobi-Jena: Ueber die Beziehung des dichterischen Schaffens zu
hysterischen Dämmerzuständen, erläutert an der Art Goethe scher
Produktivität.
Im unbewussten Schaffen Goethes haben wir ein Aufströmen reif¬
gewordener, in bestimmter Richtung arbeitender Denkprozesse vor uns, eine
Entladung der Psyche in der Richtung der grössten Kraft. Es ist aber nicht
zu verkennen: es gibt Berührungspunkte zwischen dem unbewussten, zwang-
mässigen Schaffen Goethes und gewissen somnambulen Anfällen, traum¬
artigen Bewusstseinszuständen eigener Form, die plötzlich anfallsartig auf-
treten und deren Wurzeln aus Erlebnissen der Vergangenheit herauswachsen,
Zustände, die sowohl nachts kommen — und da wohl am besten als Steigerung
normaler Traumvorgänge aufzufassen sind — , aber auch ganz besonders am
Tage in die Erscheinung treten. Aber Goethe war nicht krank, er, ein
Mensph, uns Deutschen immer das Sinnbild innerer Kraft und Stärke, un¬
bezwingbar durch die tiefsten Erlebnisse persönlicher Art, besiegte sie durch
die Selbstbeherrschung seiner Natur. Der Psychopath dagegen kann sich
nicht selbst befreien, er krankt an seinen Erlebnissen, ist also krank.
Jul. Büscher: Störungen der Funktionen von Hypophyse und Zwischen¬
hirn bei Lues cerebri. (Aus der psychiatr. und Nervenklinik Kiel.) (Mit
2 Textabbildungen.)
Mit Wahrscheinlichkeit wird in einem ausführlich mitgeteilten sehr lehr¬
reichen Falle ein luetischer Prozess an der Basis des Gehirns mit vornehm-
licher Lokalisation im Bezirke der Hypophyse und des Zwischenhirns an¬
genommen, der sich vermutlich in Form einer umschriebenen Meningo¬
enzephalitis abgespielt hat.
H. Pette: Zur Symptomatologie und Differentialdiagnose der Kleinhirn¬
brückenwinkeltumoren. (Aus der Universitäts-Nervenklinik Hamburg.)
Der Arbeit liegen 7 Fälle von wirklichen Kleinhirnbrückenwinkeltumoren
und 3 Fälle, die unter ähnlichen Symptomen verliefen, zugrunde. Bei den
letzteren handelte es sich um ein intrapontines Sarkom, um multiple
Konglomerattuberkel und um einen Fall von Pseudotumor.
Wern. H. Becker: Paul M o r p h y, seine einseitige Begabung und
Krankheit.
Paul M o r p h y, der grösste Schachmeister, der je gelebt hat, war völlig
einseitig begabt, vielleicht sogar imbezill. Er wurde bereits in jungen Jahren
nach einer Glanzperiode von wenigen Jahren geistig insuffizient, versagte im
Kampf um das Dasein immer mehr und war in den letzten Lebensjahren vor
dem früh erfolgten Tode ein ausgesprochener, pflegebedürftiger Geisteskranker.
Eine genauere Diagnose seiner Geisteskrankheit lässt sich aus den vor¬
handenen Akten nicht mehr stellen. Es handelt sich jedenfalls bei ihm um
das frühzeitige Auftreten einer einseitigen Begabung mit Ausgang in psychische
Schwäche.
W. L o e 1 e - Hubertusburg: Struktur und Seele. Eine histologische Be¬
trachtung. (Mit 3 Textabbildungen.)
Heinrich Rüge: Kasuistischer Beitrag zur pathologischen Anatomie der
symmetrischen Linsenkernerweichung bei CO-Vergiftung. (12 Fälle.) (Aus
dem pathol. Institut des Stadtkrankenhauses Friedrichstadt zu Dresden.) (Mit
2 Textabbildungen und 9 Kurven.)
Bei der CO-Vergiftung sind es hauptsächlich die Gefässerkrankungen,
welche die Schädigung des Gehirns hervorrufen. Erst werden zunächst die
Nervenelemente getroffen, die sich infolge der nachfolgenden Schädigung der
Gefässe nicht wieder erholen können. Die Gehirn- und Gefässveränderungen
lassen vermuten, dass das CO ein spezifisches Nerven- und Gefässgift ist und
zwar scheint es besonders auf die Gefässe des, Gehirns im Bereich des mitt-
Ieren Linsenkernes zu wirken. Symmetrisch gelegene Erweichungsherde und
Gefässveränderungen im mattieren Teile des Linsenkernes sind für die CO-
Vergiftung typisch. Mikroskopisch findet sich in allen Fällen eine starke
Hyperämie im Erweichungsherd und seiner Umgebung. Die Gefässe zeigen
in zunehmendem Masse hyaline Degeneration und Verfettung und beginnen'
von der Media aus zu verkalken. Schliesslich kommt es soweit, dass man
überhaupt nur drei blaue Ringe sieht, welche die früheren Gefässwände ersetzt
naben. Dazu treten noch zahlreiche Blutungen. Bei den Veränderungen der
Gefässe spielt die Arteriosklerose eine grosse Rolle. Je stärker die Arterio¬
sklerose ist, desto schwerer sind die Gefässveränderungen.
Bruno Müller: Ueber einen Fall von Stirnhirnverletzung. (Aus der
psyclnatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.)
Durchschuss durch grosse Teile beider Stirnlappen. Folgeerscheinung-
grundlegende Veränderung der Psyche, ausgesprochene Hemmung, gänzliche
Aspontaneitat, hochgradiger Mangel an Willensantrieb bis zu stumpfem,
euphoristischen Hinbrüten mit stereotypem Lächeln und zeitweiliger Betonung
Usu,biek‘lven Wohlbefindens: Vortäuschung einer hochgradigen Demenz
irch den Mangel an Antrieb; Urteilsfähigkeit, besonders auch seinem eigenen
Zustande gegenüber, gestört; Gedächtnis und Merkfähigkeit lückenhaft, Asso¬
ziationen primitiv Der Fall bietet eine höchst wertvolle und anregende
Bereicherung des kasuistischen Materials der Stirnhirnaffektionen.
J. R ü 1 f: Zur Stellung der Dystrophia myotonica. Auf Grund eigener
Beobachtung. (Aus der Bonner Universitätsklinik für psychisch und Nerven-
kranke.)
Weitgehende Uebereinstimmung des vorliegenden Falles mit den bisher
ei14?;11 FaiIei?’ ,In welcher Form die supponierte zentrale Erkrankung
mit einer Stoffwechselerkrankung oder mit einer etwa vorliegenden innersekre¬
torischen Erkrankung in Verbindung gebracht werden könnte, darüber spricht
sich Verf. am Schlüsse zu weiterer Ueberlegung und Forschung anregend aus.
ßücherbesprechungeii. Germanus Flat a u - Dresden.
Berliner klinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51.
M. H. K u c z y n s k i - Berlin: Die Kultur des Fleckfiebervirus ausser¬
halb des Körpers.
Verf. ging bei seinen Versuchen von dem Gedanken aus, zum Zwecke
der Viruskultur das virulente Gewebe selbst zu züchten, zumal das betr.
Virus ein Parasit des endothelial-histiozytären Systems ist. Aus den im
einzelnen geschilderten Versuchen wurde die Ueberzeugung gewonnen, dass
das Virus des Fleckfiebers mit den von Rocha-Lima eingehend studierten
Parasiten der Fleckfieberlaus identisch ist. Durch die Kultur des Fleck¬
fiebervirus im Gewebe wurde erreicht, dass die Identität des Virus- mit der
Rickettsia Prowazeki endgültig sichergestellt ist.,
E. Tobias- Berlin: Ueber einen Fall von jugendlicher Claudicatio inter-
mittens non arteriosclerotica mit Raynaud sehen Erscheinungen.
Mitteilung über eine an einem 25 jähr. Patienten gemachte Beobachtung,
bei welchem es sich' nicht um eine gutartige angiospastische Erkrankung
handelte, sondern um eine maligne, indem es schon nach 2 jähr. Bestehen
zu Gangrän kam, die ständig fortschreitet.
H. L. Tetzner - Z'ttau: Ein Fall von Polyneuritis mit erhaltenen Knie¬
sehnenreflexen.
Bei dem mitgeteilten Fall von Polyneuritis könnte ursächlich ein tropisches
Virus in Betracht kommen, während Tabes ausscheidet. Krankengeschichte
des 39 jähr. Patienten.
P. M a n a s s e - Berlin : Ueber operative Behandlung des Schulter-
Schlottergelenks nach Schusslähmungen.
Aus der Zusammenfassung der gemachten Beobachtungen: die betreffen¬
den Schlottergelenke werden durch die Umpflanzung des M. pect, major an
die Stelle des M. deltoides völlig beseitigt, gleichzeitig wird eine aktive Be¬
weglichkeit mässigen Grades für den Oberarm nach allen Richtungen er¬
reicht. Orthopädische Stützapparate und Arthrodese sollten nur Anwendung
finden, wenn die Muskelumpflanzung aussichtslos erscheint.
Hammerschlag - Berlin-Neukölln: Ueber Abortbehandlung.
Aus Hunderten von Abortusfällen werden folgende therapeutische Leit¬
sätze abgeleitet: in geeigneten Fällen von Blutungen ist der Versuch zu
machen, die Schwangerschaft zu erhalten. In allen anderen Fällen ist zu¬
nächst die Spontanausstossung anzustreben. Inkomplette aseptische Aborte
sind aktiv zu beenden. Septische Aborte sind zunächst exspektativ zu be¬
handeln. Die digitale Ausräumung mit gelegentlicher Unterstützung durch
geeignete Instrumente ist das für den Praktiker beste Verfahren.
E. M e 1 c h i o r - Breslau: Ueber den heutigen Stand des Basedow¬
problems in Theorie und Praxis.
Verf. macht den Versuch, dem Praktiker eine Orientierung zu geben
über die z. T. noch ganz im Flusse befindlichen theoretischen Anschauungen
betr. der Pathogenese des Basedow, erörtert die M ö b i u s sehe Theorie,
die Basedowdisposition, für welche der Kropf unstreitbar eine prädisponierende
Rolle spielt und die Beziehungen zwischen Basedow und Thymus. Die
Vergrösserung dieser geht parallel der Schwere des Grundleidens (Capelle).
Beti. der klinischen Einteilung wird vorgeschlagen, die Fälle mit vorwiegen¬
der nervöser Komponente von den ausgesprochen thyreotoxischen Fällen zu
trennen. Ein sicheres interes Mittel gegen den Basedow gibt es nicht, auch
das Röntgenverfahren hat die Erwartungen nicht erfüllt. Verf. erörtert dann
besonders noch die Indikationen für einen operativen Eingriff, den Zeitpunkt
derselben. Die Erregungszustände vor und nach der Operation werden wirk¬
sam mit Adalin bekämpft.
A. Magelssen- Christiania: Genius epidemicus (in Berlin).
In diesem Teile des Aufsatzes werden die Zusammenhänge zwischen
Wetter und Ehe, Wetter und Geburten, Wetter und Lungentuberkulose bzw.
Scharlach an weiteren Kurven auseinandergesetzt. Es muss auf das Original
verwiesen werden.
M. S c h n e i d e r - Zittau : Der serologische Luesnachweis mittelst der
Flockungsreaktionen nach Sachs-Georgi und Meinicke und der
Wassermann sehen Reaktion.
An Hand seiner Untersuchungen kommt Verf. zum Schlüsse, dass die
Flockungsreaktionen, in erster Linie jene nach Sachs-Georgi, bei guter
Technik wohl imstande sind, die WaR. zu ersetzen. Spätpositiver, schwacher
Ausfall der S.-G.-R. muss mit Vorsicht verwertet werden. Jede der 3 Reak¬
tionen kann trotz sicherem klinischen Befund negativ ausfallen.
Grassmann - München.
Medizinische Klinik. Heft 50.
Nonne: Ueber einen klinisch und anatomisch untersuchten Fall von
Meningitis cerebrospinalis acuta syphilitica (mit positivem Spirochätenbefund)
im Frühstadium der Lues.
Die Blutzelleninfiltration und die Form der Gefässerkrankung, beides im
gesamten Zentralnervensystem, war bezeichnend, dazu charakterisiert durch
den Nachweis der Spirochaeta pallida. Auf Grund des klinischen Bildes ist
zu fordern, dass bei jeder akuten zerebrospinalen Meningitis auch an die
Syphilisätiologie zu denken wäre.
E. Ko Ile: Zur chemotherapeutischen Aktivierung der Salvarsan-
präparate mit besonderer Berücksichtigung der Metallsalvarsane und der
einzeitigen intravenösen Salvarsan-Ouecksilbertherapie.
Durch die bezeichnten Präparate gelang es auch in kleinen Dosen die
\\ukung des Arsens — im Tierversuch — wesentlich zu steigern durch eine
Umstimmung oder Aktivierung der Gewebe, welche der üblichen Protoplasma¬
aktivierung zu entsprechen scheint. Ganz anders wirken die echten Metall-
salvursane, denn sie sind stabile Verbindungen mit neuen chemischen Eigen-
schäften; daher ergibt sich hier eine Potenzierung von Silber mit Salvarsan.
H. Schlesinger: Zur Klinik und Therapie des intermittierenden
Hinkens.
Zusammenfassender Vortrag über Aetiologie, Klinik, Diagnose und
Differentialdiagnose sowie der Therapie. Empfohlen wird auf Grund bester
Erfolge die subkutane Injektion von Natrium nitrosum; 20 — 30 Einspritzungen,
/ - 1 com 0,2: 10,0 bilden eine einzelne Kur.
O. Fischer: Ueber die unspezifische Therapie und Prophylaxe der
progressiven Paralyse.
Paralyse ist nicht unheilbar. Luesspezifika scheinen therapeutisch und
prophylaktisch wertlos zu sein. Auffallende Erfolge ergab, je jünger das
Nr. 1.
Individuum und je kürzer die Krankheit dauerte desto sicherer, die Leuko-
iyt°s"ohe,Toe Ä”i U: Ä-”' Betau»«« der etadaliven Form von
SÄ Indikationen, anei, », Lnii-
IferTÄÄ M den it«, toten
Antwortern ^ ^ # Methodenwah, 5n der Röntgendiagnostik. Die unzweck-
rnässleen und die ,^*®kd,S1ijfh|"tz^ed^ Vielen aus dem Herzen gesprochen
s,„dD"ndr1ieAbd£hTei“mbaed«“keUSde? Fräse de, Rod.taditaos«
ithHglrclüarng beieuchtei; ^ Cymarintheraple. Digitalis
Fmnfehlune des Mittels zusammen oder an Stelle der Digitah. .
K Meyer' Ueber das Vorkommen von Diphtheriebazillen im Auswu .
r'p! Tuberkulösen fand sich auffallend oft (unter 100 Fällen 15 mal) im
E. Runge: Geburtshilfe der Unfallstation.
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 48.
bewiesen Die diagnostische Bedeutung der Farbstoffausscheidung : aus den
Nieren erfährt dadurch eine neue Einschränkung. Die Therapie der Qic .
von Geschoss-
c K“T“z»r «ooo der .oeontine.U,
urlnae. ^ Q ö b e j u S 1 5 c k e 1 sehen Pyramiden-Faszienplastik
namentlich auch für die Fälle von männlicher Epispadie mit totaler !"kontinenz.
aLedde rhose- München : Chirurgische Prak¬
tiker.
J. Fibiger -Kopenhagen: Virchows Reiztheorie und die heutige
experimentelle Geschwulstforschung. Schluss folgt.
H S t a h r - Danzig: Schusterdaumenkrebs. „ . , ,
Vom pathologisch-anatomischen und biologischen Gesichtspun
wird der verhornende Plattenepithelkrebs besprochen, der _ sich 1 nicht wfog
des Schusterpechs, sondern infolge vieler sich erbo lender Werner
mechanischer Schädigungen, quasi expenmen teil erzeugt, am linken uau
eines 17 jährigen Schuhmacherlehrlings entwickelt hatte. .. .
A. Mayer- Tübingen: Ueber die Wirkung der Lumbalanästhesie auf die
g'atte Muskulatur Lumbalinjektiorl konnte mehrfach Stuhlabgang gesehen
werden Der Grund dazu ist nicht sowohl in einer SphinktererscMaffung als
vielmehr in einer Ausschaltung der die Darmperistaltik hemme 'nd®n Su„e eines
711 erblicken Andererseits kam aber auch zweimal die Losung eine
spastischen Heus durch die Lumbalanästhesie zur Beobachtung Die nac
Lumbalanästhesie verhältnismässig häufige Harnverhaltung ist viel leicht Ü _ h
eine Ausschaltung des Parasympathikus (Pelvikus) und 1 damit bew: irk
Detrusorerschlaffung zu erklären. Im Widerspruch hierzu steht die
C'ithelin sehe Therapie der Enuresis mit Sakralanasthesie.
FH ä r t e 1 und v.Kishalmy- Halle a. S.: Chemotherapeutische Be¬
handlung akuter Eiterungen mit Morgenroths R'vanol. Weichteil-
6 Fälle von eitriger Bursitis praepatellans, 10 Falle von weicnxe 1
abszessen 1 paranephritischer Abszess, 4 Fälle von Mastitis puerperalis und
2 Fälle von mischinfizierten tuberkulösen Drüsenabszessen wurden durch
folgendes Verfahren geheilt: Mehrfache Entleerung des Eiters durch P“™*10"
und jeweilige Nachfüllung mit Rivanollösung 1 : 1000, nach Abheberung Stich-
inzisiom ' völlige Entleerung der Abszesshöhle; Nachbehandlung nötigenfalls
noch mit Heissluft, Saugglocke u. ä. Zweifelhaft gestalteten sich ^ Erfolge
bei Kniegelenksempyemen, Pleuraempyem, bereits inzidierten Abs*®sse *
Sehnenscheidenphlegmonen und vernähten Fisteln. Einstweilen scheint nur
d'e Behandlung^ geschlossener Höhlen Aussicht auf Erfolg zu bieten, wahrend
Spülungen im offenen Gewebe wirkungslos bleiben.
P. M a t z d 0 r f - Hamburg: Zur Kenntnis der klinischen Zeichen einer
Pvramidenerkrankung der oberen Extremitäten. , . , « d.
Der May er sehe Fingergrundgelenkreflex und der Ler ische na
Vorderarmreflex fehlen oder sind bedeutend herabgesetzt bei
läsionen des betroffenen Armes. Beide Reflexe verschwinden bei Bewusst-
e^F. Eisler und R. Lenk- Wien: Die Bedeutung der Faltenzeichnung
des Magens für die Diagnose des Ulcus ventriculi. .
Durch die gewöhnliche Kontrastfüllung des Magens geht die feinere Wand¬
zeichnung verloren. Es wird ein Verfahren angegeben, wie die Falten¬
zeichnung der Magenschleimhaut zu Gesicht gebracht werden kann Die
unter normalen Verhältnissen fast parallel den beiden Kurvaturen verlaufenden
Falten zeigen beim Vorhandensein eines Ulcus oder einer Ulcusnarbe einen
nach diesem Punkte hin konvergierenden Verlauf. Wo die konvergierenden
Falten zusammenstossen, sieht man gelegentlich das charakteristische B d
der U^cu|msche(. t e . Hang a g.: Versuche über Keimesänderung durch Inkret-
UDie Abkömmlinge von weissen Mäusen, die mit Thymusopton gefüttert
worden waren, zeigten deutliche Wachstumshemmungen im Gegensatz zu
Abkömmlingen von Tieren, die Jodothyrin erhalten hatten.
E. I s s e 1 - Berlin: Mischspritzen von Novasurol und Neosalvarsan bei
LUCt Die™ Kombination von Novasurol mit Neosalvarsan hat sich als sehr
wirksam sowohl auf die syphilitischen Erscheinungen als auf die WaK er¬
wiesen Jedoch mahnen 2 Todesfälle unter 188 Behandelten zur Vorsicht
C. Stern -Düsseldorf: Vergleichende Untersuchungen mit „amtlichen
Extrakten“ zur WaR«
Es ist -nicht der 'Extrakt allein, welcher entscheidend für den Ausfall der
Reaktion ist. Daher bürgt die Verwendung „amtlicher“ Extrakte durchaus
nicht für sicher einwandfreie Ergebnisse. Wesentlich ist vielmehr eine
dauernde Kontrolle, dass die verwendeten Reagentien für die im jeweiligen
Betriebe erprobte Versuchsanordnung auch richtig eingestellt sind.
E. P 0 h 1 e - Frankfurt a. M.: Der Einfluss der Wasserstoff lonenkonzen-
tration auf die Aufnahme und Ausscheidung saurer und basischer organischer
Farbstoffe im Warmblüterorganismus.
Die von B e t h e aufgestellte Behauptung, dass saure Zellen am besten
saure Farbstoffe, alkalisch oder neutral reagierende Zellen vorzüglich basische
Farbstoffe speichern, mit anderen Worten, dass von entscheidender Be¬
deutung für den Stoffaustausch zwischen Zelle und Umwelt die an den Grenz¬
flächen herrschende Wasserstoffionenkonzentration ist, wurde auch am Hunde
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 47 und 48.
Nr 47 M Lü'dni- Basel: Die Röntgentherapie in der inneren .Medizin,
verf sah guten Erfolg bei der chronischen Leukämie, aleukämischen
Lymphadenose, Polyzythämie (Bestrahlung sämtlicher Knochen), Basedow,
Drüsen- und Peritonealtuberkulose, Mediastinalsarkom.
Drusen und^ 1 . SchwaneerSchaft und Geburt nach Rontgenbe-
•«•BÄ’SSÄ’Ä 2« M» «ach der Myomb=s„,hl«»g mit
verzettelten"6 Dosen ein besonders kräitises, gesundes Kind geboren wnrde
Man muss annehmen, dass nicht alle Follikel gleich radiosensibel sind, dass
abe" fus den lebensfähig bleibenden sich später in der Regel normale Fruchte
entWZadnek- Berlin: Knochenmarkbcfunde am Lebenden bei kryptogeneti¬
scher perniziöser Anämie, insbesondere im Stadium der Remission.
Verf. hat durch Anbohrung des Knochens am Unterschenkel bei ’
von perniziöser Anämie Mark entnommen und fand, dass bei v£ber aad b.
weitgehender Remission das lymphoide Mark fehlt, g -®.1 b e * J^^Kt also
vorhanden ist Wie die anderen Symptome der perniziösen Anämie ist also
auch dieses Symptom rückbildungsfähig, woraus Verf. schhesst, dass das
Wesen derS Krankheit1 nicht in einer primären, spezifischen Knochen-
marksyeränderui^ be^k ^ Untersuchungen der Magenfunktionen ohne An¬
wendung der Schlundsonde. Schluss folgt. , föfipvinn«
Nr. 48. D i n d- Lausanne: Biologie de la Syphilis. Ouelques reflexions
sur la syphilis. son pronostic et la valeur biologique de ses ma”lfes*atj?"*"
L i 1 i e s t r a n d und Magnus: Versuche über die Wirkung der Kohlen-
säurebädeMn St.eMorltz.suchten, ob im kühlen COs-Bad bei gesteigerter
Wärmeabgabe chemische Wärmeregulation auftritt, also Zunahme des Saue
^Verbrauchs. Das ist nicht der Fall. Sie fanden beim Gesunden Ab¬
nahme der Körpertemperatur, Zunahme der Lungenventilation und Zunahm
des Minutenvolumens des Herzens um 52 Proz. und des Schlagvolume .
Der Blutdruck bleibt unverändert.
Demieville- Lausanne: Erytheme noneux et Tuberculose.
Um a n s k y - Bern: Die Pathogenese der Syphilis maligna.
Verf führt den eigenartigen Verlauf der Syph. maligna mit Ja
sohn, Naegeli u. a. auf eine allergische Reaktion zuruck; der Organis¬
mus bekämpft die Infektion im Zustande der Ueberempfindlichkeit.
C u s t e r - Berneck: Die Untersuchungen der Magenfunktionen ohne An-
wendune der Schlundsondc. (Schluss.) . . ,
Verf. hat -in vieljähriger Tätigkeit die von S a h 1 1 angegebenen Methode
bewährt gefunden und glaubt, dass sie viel zu wenig in der Praxis ange¬
wandt werden. Er beschreibt sehr* ausführlich die J'fetbylenb^u'J0J°f°am'
Salol- und Dermoidreaktion. L. J a c o b - Brem .
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 49. St. R u s z n y a k - Pest: Untersuchungen über die pharmako¬
logische Prüfung des vegetativen Nervensystems. Vpo-ntnnip“
Ergebnis: Pilokarpinüberempfindlichkeit bedeutet keine „Vagoton e ,
Adrenalinüberempfindlichkeit keine „Sympathikotome . Die Ueberempiindlich-
keit auf genannte Mittel schliesst sich gegenseitig nicht aus und erstickt
sich oft nur auf einzelne Organe. Da die funktionelle Diagnostik des g
tativen Nervensystems vorerst pharmakologisch nicht testzulegen ist, kan
nicht von Vago- oder Sympathikushypertonie im allgemeinen, sondern nur
von den Erscheinungen an einzelnen Organen gesprochen werden.
E. S e i d 1 e r - Wien: Ueber Perikarddivertikel.
Beschreibung eines Falles mit Obduktionsbefund.
L. Kotier und A. Perutz-Wien: Ueber die für den Arzt wichtigen
Identitätsproben des Neosalvarsans. „ _ _
Für den Arzt kommen neben der Prüfung der Packung, Kontro Inummer
und Signatur im wesentlichen nur die einfachen Proben mittels Silbernitrat
oder Eisenchlorid, ev. noch die Diazo- oder Wasserstoffsuperoxydreaktion in
Betracht •
4. Strassberg - Wien: Zur intravenösen Behandlung hartnäckig
juckender Hautkrankheiten. .
Bei Urtikaria und universellen nässenden Ekzemen haben Autoserum¬
injektionen oder S p i e t h 0 f f s Eigenblutinjektionen oft einen, wenn auch
öfters nur vorübergehenden Erfolg, ln hartnäckigen Fällen nützten denn öfters
auch Afenilinjektionen, auch Injektionen von 2 ccm einer 50 proz. 1 rauben-
zuckerfösung.^si- wien: innerhalb fünf Jahren zweimalige SyphUlsinfektion
nach Sterilisatio magna nach der ersten Erkrankung.
Krankengeschichte eines sicher festgestellten Falles.
Nr. 50. F. D e r e b s c h 0 k - Wien: Ein Fall von grossknotiger Milz-
tuberkulose mit Hirntuberkeln. .
Krankengeschichte, Obduktionsbefund, diagnostische Bemerkungen.
K J e 1 1 e n i g g - Graz: Darmlänge und Sitzhöhe.
J. fand im Gegensatz zu Henning als Durchschmttsverhaltms der
Sitzhöhe zur Darmlänge nicht 1:10, sondern 1:12 (Schwankungen von
1;8— 15). Demnach erscheint die allgemeine Aufstellung eines Durchschnitts
zur Berechnung der resorbierenden Darmfläche nicht angängig.
H. WeisspODpel - Wien: Beiträge zu den Kehlkopferscheinungen bei
Syringomyelie. ... ... „
Am häufigsten wird bei Syringomyelie eine meist einseitige Postikus¬
lähmung und anschliessend völlige Rekurrenslähmung, seltener auch verlang¬
samte und zuckende Bewegungen des Stimmbandes.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
27
F. Marchand - Leipzig: lieber Gallensteine und Krebs der Gallenblase.
Nach dem Material des Leipziger pathologischen Instituts (136 Fälle)
widerspricht M. entschieden der Auffassung v. A 1 d o r s (W.kl.W. Nr. 40),
dass der üallenblasenkrebs nicht zu den Komplikationen der Galleastein-
krankheit gehöre. Mit geringen Ausnahmen schliesst sich der Krebs an vor¬
handene oder vorhanden gewesene Gallensteine an, die also die indirekte
Ursache desselben sind. Die grosse Häufigkeit bei Frauen erklärt sich aus
der Art der Kleidung. B e r g e a t - München.
Amerikanische Literatur.
C. F. Craig: Ueber Träger pathogener Organismen infolge nicht er¬
kannter Infektionen. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 11.)
Bei den Iniektionskrankheiten, wie Diphtherie, Typhus abdominalis,
Malaria, Amöbiasis usw. kommen viele Fälle vor, die so atypisch verlaufen,
• oder bei denen die Symptome so leicht sind, dass sie von dem behandelten
Arzte nicht diagnostiziert werden. In manchen Fällen ist die Erkrankung so
leicht, dass gar kein Arzt zu Rate gezogen wird. Es ist daher ratsam in
allen Fällen, die unter Behandlung eines Arztes kommen, eine bakteriologische
Untersuchung des Blutes, der Fäzes usw. vorzunehmen, um einer zu grossen
Zunahme von Trägern pathogener Organismen vorzubeugen.
E. C. ,Rosenow: Die Beliandung der akuten Poliomyelitis durch
Pferdeserum. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 8.)
Das Immunserum wurde durch wiederholte Einspritzung von pleomorphen
Streptokokken von Poliomyelitiskranken bereitet. Bei der Behandlung der
Patienten wurde das Serum nicht intraspinal, sondern intravenös eingespritzt.
Experimente an Affen haben gezeigt, dass intraspinale Injektionen die Tiere
nicht gegen intrazerebrale Inokulationen des Virus schützen. 259 Patienten
wurden mit diesem Serum behandelt, wovon 189 vollkommen geheilt wurden.
37 Fälle, die Panilyse aufwiesen, erholten sich, wobei die Paralyse ver¬
blieb. 59 Patienten, die vor der Behandlung keine Paralyse aufwiesen, wurden
geheilt, aber mit Testierender Paralyse. 19 Fälle starben.
J. F. Yarbrough: Die Aetiologie der Hypertonie. (Med. Record,
j N. Y 1921, Nr. 9.)
Verf. ist der Ansicht, dass die wahre Ursache der Hypertonie in einer
Kohlehydratanämie besteht. In allen Fällen, die unter seine Beobachtung
kamen, bestand ein grosses Uebergewicht der Kohlehydratnahrung, be¬
gleitet von Azidämie. In allen Fällen sank der Blutdruck schnell, sobald eine
strenge Proteinnahrung befolgt wurde und zugleich alkalische Mittel genommen
wurden. In allen Fällen, in denen experimentell die Proteinnahrung durch
Kohlehydrate ersetzt wurde und die Alkalien ausgesetzt wurden, stieg
der Blutdruck sofort.
L. Freemann: Die Ursache und Verhütung zerebraler Störungen bei
der Unterbindung der A. carotis communis. (Ann. of Surgery, Phila., 74,
September.)
Die Annahme, dass die Ursache zerebraler Störungen in einer Anämie
als Folge eines mangelhaften Kollateralkreislaufes zu suchen sei, ist wahr¬
scheinlich unrichtig. Die Ansicht Perthes, dass sich an der Unterbindungs¬
stelle eine Thrombose mit nachfolgender Embolie entwickelt, ist viel rationeller.
Für diese Theorie spricht das plötzliche Auftreten der Symptome und der
grössere oder kleinere Zwischenraum der denselben vorhergeht. Das Ueber-
wiegen der Fälle nach dem mittleren Alter kann durch die grössere Brüchig¬
keit der Tunica intima erklärt werden, wodurch bei der Unterbindung Un¬
ebenheiten entstehen, die die Thrombose verursachen. Wenn diese Theorie
richtig ist, so wird die einfache Perthes sehe Unterbindungstechnik von
grossem Werte sein.
A. C a r r e 1 und A. H. Ebering: Die Vermehrung der Fibroblasten in
vitro. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, 34, Oktober.)
Die Tatsache, dass Gewebe, die im Plasma eines erwachsenen Tieres
kultiviert werden, nur während einer gewissen Zeit am Leben bleiben, ist in
den letzten Jahren genügend nachgewiesen worden. Kein Gewebe kann .
länger als 3 Monate am Leben erhalten werden, auch wenn dasselbe ge¬
waschen und in frische Nährböden gesetzt wird. Wenn jedoch dem Plasma
eines erwachsenen Tieres embryonischer Gewebesaft beigefügt wird, wird
die Zellteilung in hohem Masse befördert und die Gewebsmasse nimmt mächtig
an Umfang zu. Ein Fibroblastenstamm von einem kleinen Fragment eines
Embryoherzens hat während der letzten 9 Jahre dreissigtausend Kulturen her¬
vorgebracht und ist gegenwärtig ebenso lebenskräftig wie am Anfang. Wenn
dieser Stamm seinem freien Wachstum überlassen worden wäre, so würde
das Volumen der hervorgebrachten Gewebemasse grösser als die Erde sein.
Es ist gewiss, dass eine Mischung von Embryonalsaft und Plasma von
erwachsenen Tieren die Fähigkeit besitzt, die Zellvermehrung zu befördern,
aber die respektive Rolle der Bestandteile des Nährbodens bei dieser Zell¬
vermehrung ist noch immer unbekannt. Um die Herkunft der Substanzen,
welche von den Fibroblasten im Plasma erwachsener Tiere allein gebraucht
werden und welche Bestandteile im Plasma mit Embryonalsaft für die Zell¬
vermehrung verantwortlich sind, zu erforschen, wurden von den Verfassern
neue Experimente gemacht, welche zu den folgenden Schlüssen führen:
1. Die temporäre Vermehrung der Fibroblasten, die im Plasma eines er¬
wachsenen Tieres kultiviert werden, kann nicht dem Serum zugeschrieben
werden. Sie kann vielleicht das Resultat einer geringen Menge von Embryo¬
nalsaft im Gewebe sein. 2. Die unbegrenzte Vermehrung der Fibroblasten
m einem Nährboden bestehend aus Plasma von erwachsenen Tieren und
Embryonalsaft kann weder dem Serum noch dem Fibrin zugeschrieben wer-
den. Sie ist gänzFch von Substanzen, die im Embryonalsaft enthalten sind,
abhängig. 3. Es besteht ein bestimmter Zusammenhang zwischen der Schnel¬
ligkeit des Wachstums und der Konzentration des Embryonalsaftes im Nähr¬
boden.
W. H. M a n w a r i n g: Darm- und Leberreaktionen bei der Anaphylaxie.
(Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 1.)
1. Die anaphylaktische Reaktion bei Meerschweinchen und Hunden ist
charakterisiert durch eine explosive Bildung und Abgabe durch das Leber¬
parenchym von Substanzen, welche erschlaffend auf glatten Muskel ein-
wirken. <2. Diese Substanzen sind direkt, verantwortlich für die hepatische
Gefässerweiterung bei Hunden und entweder direkt oder indirekt verant¬
wortlich für die allgemeine Gefässerweiterung. 3. Bei Meerschweinchen
wirken diese Substanzen als ein anaphylaktischer Mechanismus mit dem Be¬
streben, die initialen Bronchial- und Gefässkrämpfe zu überwinden oder sie
zu verhindern, wenn die Proteininjektionen in die Mesenterialvenen gemacht
werden. 4. Die chemische Natur dieser Substanzen, welche eine erschlaffende
Wirkung auf den glatten Muskel ausüben, ist unbekannt. Soweit ist kein
Grund vorhanden, anzunehmen, dass sie Antikörper seien. Es liegen Gründe
vor, anzunehmen, dass sie nicht Spaltprodukte des spezifischen artfremden
Proteins sind. 5. Bei Hunden bestehen Gründe, zu glauben, dass die Leber¬
reaktion nach einer vorhergehenden Serumreaktion auftritt. 6. Die hämor-
rhagischen Darmläsionen, die bei Hunden Vorkommen, sind ein sekundäres
Phänomen, verursacht durch die lokale Wirkung von Darmenzymen.
B. M. Bernheim: Ganzbluttransfusion und Transfusion zitrierten
Gewebes. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 4.)
ln von 20 40 Proz. aller Fälle von Bluttransfusion zitrierten Blutes findet
eine mehr oder weniger schwere Reaktion statt. Es ist daher ratsam, die¬
jenigen Fälle, welche von einer gefährlichen Reaktion bedroht sind,’ aus¬
zuscheiden und bei denselben eine üanzbluttransfusion vorzunehmen. Es sind
vornehmlich 2 Gruppen von Patienten, bei welchen zitriertes Blut gefährliche
Reaktionen hervorruft: 1. Patienten, welche grossen Blutverlust erlitten haben.
2. Patienten mit primärer oder sekundärer Anämie, bei welchen die Blut¬
veränderung einen sehr hohen Grad erreicht hat.
A. M. Chesney: Eine immunologische Studie über den Influenza¬
bazillus. (Journ. Infect. Diseases, Chicago, 1921, 29, August.)
Die Untersuchungen wurden an 12 Stämmen des Influenzabazillus, welche
von Influenzakranken der letzten Epidemie gewonnen wurden, gemacht.
Agglutinationsreste und Absorptionsexperimente zeigten, dass von den
12 Stämmen 4 (33'A Proz.) in ihren immunologischen Reaktionen identisch
waren. Es konnten keine Beziehungen zu Stämmen anderer Herkunft nach¬
gewiesen werden. Der Influenzabazillus repräsentiert eine heterogene Gruppe
von Organismen, welche alle Hämoglobin zu ihrem Wachstum erfordern, die
aber in ihren antigenen Eigenschaften sich verschieden verhalten, obgleich
immunologisch identische Stämme bei demselben Patienten Vorkommen
können. Diese Resultate sprechen nicht für die Ansicht, dass der Pfeiffer-
sclie Bazillus der Erreger der Influenza sei.
F. D w e d d e 1 1 : Die Behandlung der Lungentuberkulose mit Schwefel¬
dioxyd. (Med. Record, New York, 1921, 100, Nr. 9.)
Verf. berichtet über günstige Resultate in Fällen von Lungentuberkulose,
die durch Einatmung von Schwefeldioxyd behandelt wurden. Das Gas soll
aber in starker Verdünnung angewandt werden. Wenn so gebraucht, ist es
nicht irritierend. Verf. rät, bei dieser Behandlungsmethode zuerst nur Fälle
in den Anfangsstadien auszuwählen.
L. Eloesser: Ein Symptom, das bei mit C h a r c o t sehen Gelenken
komplizierten Tabesfällen vorkommt. (Jouin. Am. Med. Assoc., Chicago
1921, 77, Nr. 8.)
Einige Tabiker weisen Analgesie des Knochens, aber nicht der Haut
auf. Dies kann festgestellt^ werden, indem man eine Nadel durch die Haut
auf den Knochen sticht. Solche Patienten können nach akut entwickeltem
C h a r c o t schem Gelenk Schmerz empfinden. Der Schmerz wird in der ge¬
streckten Haut und in den weichen Teilen, aber nicht im Knochen empfun¬
den. Diese Art Schmerz spricht gegen die Theorie, dass die C h a r c o t sehen
Gelenke durch Trauma und den Mangel des warnenden Schmerzgefühls ver-
ursacht werden. Schmerzfasern für Haut und Knochen haben wahrschein¬
lich im Rückenmark verschiedene Pfade.
L. Jackson: Ueber Negrikörper in den Speicheldrüsen und anderen
Organen bei der Wutkrankheit. (Journ. Infect. Diseases, Chicago, 1921, 29,
Genaue Untersuchungen der Speicheldrüsen normaler und wutkranker
Hunde zeigen, dass sie einen günstigen Boden bilden für das Wachstum ge¬
wisser Protozoen. Einige Entwicklungsformen dieser letzteren können von
den N e g r i sehen Körperchen gar nicht unterschieden werden. Es ist jedoch
sicher, dass in vielen Fällen von Wutkrankheit die Negrikörperchen mit
Sicherheit identifiziert werden können.
P. F. Orr: Studien über den Bacillus fcotulinus. (Journ. Med. Re¬
search, Boston, 1921, 42, Nr. 2.)
Die Toxine, welche von 10 verschiedenen Stämmen von B. botulinus
herrührten, verhielten sich ziemlich thermolabil. Bei 80 0 C wurden sie
innerhalb 5 Minuten vernichtet, bei 72 0 C innerhalb 18 Minuten. Die Erhitzung
irgendeines Nahrungsmittels bis zum Siedepunkt zerstörte alle Spuren der
Botulinustoxine. Der durchschnittliche Temperaturkoeffizient für die Vernich¬
tung der Toxine bei Erhöhung der Temperatur von 65° auf 72 0 C ist 5,2,
wahrend er bei einer Erhöhung von 72 u auf 80 0 C 4,2 beträgt.
. F. J. Taussig: In welchen Fällen erfordern Uterusfibrome noch immer
eine operative Entfernung? (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, 77,
Nr. 5.)
Sowie die Patienten lernen, frühzeitig den Arzt zu konsultieren, wird
die Strahlenbehandlung mehr und mehr an die Stelle der chirurgischen Be¬
handlung treten. Bei Negerfrauen jedoch, bei denen die Uterusfibrome sich
viel früher und viel schneller entwickeln, wird die chirurgische Behandlung
immer notwendig sein. Es gibt bestimmte Kontraindikationen für die Strahlen¬
behandlung und die Auswahl der Fälle sollte immer einem erfahrenen Gynäko¬
logen überlassen werden.
C. A. Mc Williams: Der Wert der verschiedenen Methoden der
Knochentransplantation nach den Ergebnissen von 1390 Fällen. (Ann. of Sur-
gery, Phila., 1921, 74, September.)
Günstige Resultate wurden in 82 Proz. aller Fälle erzielt. Die Resul¬
tate der verschiedenen Methoden sind folgende: Günstige Resultate mit
Knochenstiften 95,8 Proz., mit der osteoperiostalen Methode (D e lä¬
ge n i e r e) 87,3 Prcz., mit der End-zu-End-Methode (ohne Einlage) 82,5 Proz.,
mit der Einlagemethod.e 80,9 Pioz., mit der intramedullären Methode
(M u r p h y) 76,6 Proz. Das Periosteum, ob vorhanden oder fehlend, scheint
keinen Einfluss auf die günstigen Erfolge auszuüben. Die Erfolge mit und
ohne Periosteum waren ungefähr an Zahl gleich.
E. Reynolds und D. Macomber: Mangelhafte Nahrung als Ursache
der Sterilität. (Journ. Am. Assoc., Chicago, 1921, 77, Nr. 8.)
Eine Anzahl von Experimenten an Ratten führen Verf. zu folgenden
Schlüssen: Viele Fälle von Sterilität sind funktionell und können nicht auf
anatomische oder pathologische Ursachen zurückgeführt werden. Eine mässige
Verminderung der Fruchtbarkeit in beiden Individuen kann die Paarung gänz¬
lich unfruchtbar machen.
E. S. Judd: Die Beziehungen der Leber und der Bauchspeicheldrüse
zu Infektionen der Gallenblase. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921,
77, Nr. 3.)
Verf. ist der Ansicht, dass die Gallenblasenentzündung selten ohne Leber-
entzündung vorkommt. Die Entzündung im Lebergewebe ist oft so leicht,
dass sie übersehen wird. Die enge Verbindung der, Leber mit der Gallenblase
durch die Lymphgefässe erleichtert eine gegenseitige Infektion.
Pankreatitis kommt häufig mit Gallenblasenentzündung vor. Es ist
möglich, dass die Entzündung des Pankreas durch die Galle, welche in den
Ductus pancreaticus strömt, verursacht wird. Aber dies kommt selten vor.
Es ist wahrscheinlich, dass die Infektion meistens durch die Lymphgefässe
48
auf das Pankreas übertragen wird. Barch die Behandlung der Cholezystitis
verschwindet and, die P*““ d|e Rassel sei, ca Fachsinkörnerehca.
‘J»ur“ n'“™ ÄeScn 'sind das Prodnk, generativer
Veränderungen' im 'zell^rcdo'pl^loa, aber nicht im Zellkern. Ilrn Fhasma-
zelle wird hiebei am meisten betroffen, aber jede A“utv™,en ,faben keinen
eine solche Degeneration al'!^1S® 'hea Körperchen, da die mikroskopische
Anteil an der Bindung der Ru s s e I schen B,utz*ellen Qder Blutpigment
Untersuchung keinen Zusammenhang Körperchen bei der
und den Fuchsinkörperchen aufweist. . Auch S der Fall ist.
Gramförbung^stajk positiv, w.is epileptischer Ersclieinungen bei
Kindern vom Standpunkte der konstitutionellen Grundlage. (Med. Recor ,
n^DHrÄe^Ers^inungen «g.n d^
Resultat einer Dyskrasie welche selbst J‘e das endokrine, meta-
bokliscShe0dund hämopoietische System
SBffi? JÜBTÄB
Lebensbedingungen angewand werden. Uie piastiscne r j j a n n.
ist die günstigste Zeit für solche Massnahmen. A. A 1 1 e m a
Vereins- und Kongressberichte.
Aerztlicher Verein zu Danzig.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 17. November.1921.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 1.
r.;:T=f ä“ e^Ä^
ÄffA SÄ™1
weniger ^tnsseraIEntfernunlg telepathisch verbunden zu sein wähnen^ Nach
0Per,Sf gB;“en‘kr£i.a.e . bei
SSiS Mamrnakarzfnom! da hie, an dl. kegelte
«rsw säWST 5v
Tmd grössten Krebsinstitut Deutschlands. Einzig die ganz aus dem Rahmen
dem ^°®fne"n%eaDh,"Slder Kieler und Rostocker Klinik sprechen zugunsten
1deri * NÄehandS! De Glauben an eine Karzinomvernichtungsdosis ist
SÄS& nur durch die klinischen Erfahrungen, sondern naine^-
kannte “zelge^^ass^Mäustkarzbiome^seftst6 nach* Bestrahlung njit 2— 3 facher
Bindegewebsschutzes fiSPdTtoi Weg
derUdirekten Ca.-Vernichtung durch Verkupferung der Ca.-Zelle Melbewusst
weiter verfolgt. Wird das Krebsheilungsproblem letzten Endes nicht gelost,
bleiben immer noch die gewichtigen palliativen \orzuge der Röntgen
bestrahlung bestehen. Sie treten besonders beim Brustkrebs deutlich hervor,
rwtlirlip Rezidive lassen sich mit grosser Sicherheit beseitigen. Das Auf-
Seten von Fernmetastasen “das nach meinen Erfahrungen entschieden be¬
günstigt wird, ist ein Vorzug. Den Kranken wird dadurch ^ a s ( sch me r zh a f t e
Siechtum der äusseren ulzerierenden Karzinose erspart. Endlich sind d e
löntgenstrrahfen ein Anodynum von langer, bisher unerreichter Wirkungs-
dauen ^ Dia2I,ose des Chorionepithelioma uteri malignum.
Eine 26 jährige ll.-para erleidet in ihrer zweiten Entbindung im Juli 1920
starke Blutung in der Plazentarperiode. Schwieriger Crede Ver^®Ü.e
Involution mit lange anhaltendem blutigen Wochen J“5®; ^JÄm ze”über-
menorrhöe dann Polymenorrhoen, die ab Januar 1921 in Dauerblutungen uDer
gehen Die Uterusausschabung (25. IV. 1921) ergibt Schleimhautbrockel, die
sich makroskopisch nicht von einfacher Hyperplasie unterscheiden. Mikro¬
skopisch finden sich neben sehr spärlichen drüsigen Elementen grosse Ver¬
bände wuchernder Zottenepithelien. vorwiegend vom Typus der Langhans
zellen Im weiteren Verlauf schubweise erfolgende starke Blutabgang«.
Untersuchung ergibt tastbare und messbare Vergrößerung des Uterus. Bei
vorsichtiger Sondierung des Korpus profuser Blutabgang. Der Uterus wird
daraufhin exstirpiert (30. VII. 1921). An seiner Hinterwand findet s ch eine
breitbasig der Schleimhaut aufsitzende birnförmig-polypose Neubildung v n
blauschwarzer Färbung. Mikroskopisch: Zottcnektoblast in breiten Bändern
in die Muskulatur tief eingedrungen, diese streckenweise parzellierend^
Langhanszellen überwiegend. Lebhafte Kernfarbung. scharfe Zellgrenzen
sprechen gegen Retention chorioepithelialer Elemente, sichern vielmehr den
Untersuchung auch anscheinend ganz harmlosen Schabungsmaterials gi
n™t ich für solche Fälle, wo sich im Anschluss an einen wenn auch lange
z u rück Hege n d e-n Gestationsvorgang Menstruationsstörungen angeschlossen
haben Frühdiagnosen sind noch weit lohnender als beim Karzinom Man
darf beim Chorionepitheliom, wenn es früh erkannt wird, auf etwa 75 Proz. .
Dauerheilung rechnen. _ _ _ _
Gesellschaft für Natur- u. Heilkunde in Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 3. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r.
Schriftführer: Herr Grunert und Herr W c m m e r s.
Herr W. Weber: Ueber Aerztedeutsch. (Der Vortrag erscheint in
d'LSLA u\°sp r a c h e: Herr Panse möchte den dankenswerten Aus¬
führungen des Vortragenden noch hinzufügen, dass man sich auch gegen die
aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Worte zusammengesetzten Wortbil¬
dungen wie Bugra, und gegen die neuerdings üblich werdenden Abkürzungen
(Anfangsbuchstaben statt der ganzen Worte) in der Fachl.tteratur wenden
S<l'e'Hprr H. Weber: Der von den Aerzten in bedauerlichem Masse geübte
Gebrauch von Fremdwörtern beruht letzten Endes auf der zum Schlagwor
ausgearteten Behauptung, dass die Wissenschaft international sei. Jedoch
nicht international, sondern universal ist die Wissenschaft, d. h. sie erstreck
sc ebenso wie die Kunst, in ihren Strebungen und Wirkungen auf alle
Nationen ihre Wurzel aber und dir Wesen ruht durchaus im eigenen Volke.
Für eine allgemeine Verständigung nützen auch die blossen aus fremden
Sprachbestandteilen gebildeten Namen für Krankheiten, Heilverfahren u. dgl.
so gut wie nichts denn solche Wörter bedürfen in den weitaus meisten Fallen
erst einer Erklärung, da sich nur selten das Wort. rem sprachhch ge^ommen
mit dem Begriffe deckt, den es umfassen soll. Es ist auch irrtumiicn, zu
ivi hen dass ein medizinischer Begriff kürzer und t-reffender durch ein Fremd-
SSt "ÄÄ könne' nute deutsche : Wortbildungen wie die
Freud sehen Schöpfungen „Verdrängung , „Fehlleistung u. a. m„ be
weisen das Gegenteil. Zur Erzielung einer reinen und verständlichen medi¬
zinischen Kunstsprache und aus dringenden vaterländischen Notwendigkeiten,
denen sich die Aerzte nicht entziehen dürfen, muss gefordert werden, das
jeder insbesondere aber derjenige, der Aufsätze und Lehrbücher schreibt, und
dSu^ch auf weitere Kreise wirkt, sich nicht nur aller entbehrlichen Fremd¬
wörter enthält sondern den hohen Stand der deutschen medizinischen Wissen¬
schaft auch durch schöpferische Neubidung gangbarer und sprachlich guter.
Kunstausdrücke erweist. ; , ... .. <-<-1,™
Herr Hentschel: Gegen die Inversion nach „und hat sicn senon
Goethe gewandt in den Briefen an seine Schwester. . .
Herr H Haenel: Wenn auch mit den Eigennamen als Bezeichnung
von Krankheitszeichen vielfach in übertriebener Weise J Missbrauch get rieben
wird so kann doch, solange die Allgemeinverstandlichkeit nicht leidet, h er
bei der Grundsatz der Kürze gegenüber dem der Schönheit den Vorrang -
dienen- und kürzer ist es jedenfalls, vom B o a s sehen Punkte oder dem
Romberg zu sprechen, als das damit gekennzeichnete Symptom jedesmal
ausführlich zu beschreiben. Derartige Eigenworte sind Ja nicht nur in der
medizinischen Kunstsprache eingeführt — das Stückchen Ruhm, das dara
hängt kommt vielleicht auch der Sprache selbst wieder zugute.
Herr Weiser: Die Arzneimittelindustrie wird die besonderen Wort¬
bildungen für ihre Präparate nicht entbehren können wegen der leichteren
SchutzfaMgkedh r d t ^ ^ ^ erwähnten Fremdworten aus der Säug¬
lingskunde dass es mit der wörtlichen Uebersetzung eines Fremdwortes nicht
^ getan ist. Wer einen neuen Begriff aufstellt, will durch das selbst¬
gewählte, sonst nicht gebrauchte Fremdwort sich auch zugleich einen g
bestimmten Sinn dieses Wortes sichern (Trimenon). Die uns gelautige
deutschen Wörter lassen sich nicht so ohne weiteres hSSÄt ™ schaffen’
wenn der Urheber den Mut hat, ein ganz neues deutsches Wort zu senanen.
SS wird er aber meist zu bescheiden sei,,, Ae sieh eignet sieh die deutsehe
'Sprache sehr wohl hierzu, wie das Griechische, besonders zur Bildung zu¬
sammengesetzter neuer Wörter. Vielleicht sollte man solche doch öfters
wa™ Gute kurze neue deutsche Wörter brauchen wir bei der no gen
sozialhygienischen Aufklärung, da mit dem deutschen Wort a uch d: le Sa c he e.
oder ihre Kenntnis volkstümlich werden kann. So ist das Wort /.wie
milch seit über 10 Jahren unentbehrlich geworden. ,
Der Vorsitzende: Die verschiedenen Zweige der Heilwissenschaft
haben sich immer mehr besondere eigene Ausdrucke geschaffen, die setos
den Aerzten nicht mehr allgemein verständlich sind. Besonders d e jungen
Disziplinen haben diese Neigung.- Dagegen muss angekampft werden.
Kunstworte im Handel sind nicht zu beanstanden.
Herr W. Weber: Schlusswort.
Medizinisch-biolog. Abend der Universität Frankfurt a. M.
Sitzung vom-6. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Voss. Schriftführer: Herr G r a h e.
Herr Embden und Herr Lawaczek: Ueber Phesphorsäurebildung
bei der Kontraktion des Froschmuskels. (Mit Demonstrationen.)
Als Abschluss der zahlreichen von E. und seinen Schülern gemachter
Untersuchungen, aus denen hervorging, dass im t ä 1 1 * / e * ° s e "t° t"t
Muskel sich aus dem Azidogen (diesen Namen mochte E. jetzt anstatt
Laktazidogen anwenden) Phosphorsäure und Milchsäure gebildet hat, wird
eine Versuchsanordnung gezeigt, bei der ein Froschmuskel gereizt und wäh-
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
29
rend des Reizzustandes in flüssige Luft getaucht wird. Hierbei gelingt es,
die treie * hosphorsäure im tätigen Muskel nachzuweisen.
Herr Lange (nach Versuchen mit Herrn Simon): Ueber den Austritt
von Phosphorsaure bei der Belichtung der Netzhaut. (Mit Demonstrationen )
Ausgehend von den verschiedenen Anschauungen über die Theorie des
Sehens berichtet Vortr. über Belichtungsversuche an herausgeschnittenen
Augen und an isolierten Netzhäuten. Es kommt hierbei in der belichteten
Netzhaut zu einer Ausscheidung von Phosphorsäure, die reversibel ist. Diese
Reversibilität ist an die Gegenwart des Pigmentepithels gebunden. Die
Bildung der Phosphorsäure erfolgt in der Stäbchen- und Zapfenschicht Das
Azidogen ist nicht mit dem des Muskels identisch.
Aussprache: Herren Bethe, Lange.
Herr Law aczek (nach Versuchen mit Frl. Spitzer): Beitrag zur
Physiologie des Cholesterins.
Untersuchungen an roten und weissen Muskeln verschiedener Versuchs-
tiere haben ergeben, dass Muskeln mit einer grossen Dauerleistungsfähigkeit
einen hohen Cholesteringehalt aufweisen. Am Aufbau der Grenzschichten sind
Phosphorsaure und Cholesterin beteiligt.
in de^Schwangersch^t.1^ ^ ^ intermediären Kohlehydratstoffwechsel
An 20 Schwangere wurden je 100 g Lävulose verabreicht. Bei 6 fanden
sich normale Werte, bei den übrigen Störungen der Kohlehydratassimilation
(Leber) und der Kohlehydratausscheidung (Niere). Es besteht keine Ver-
zuse^en^' ^'e ^c^wanserscfia^ a's Pathologisch-physiologischen Vorgang an-
Aussprache: Herren Traugott, S e i t z.
J. E. Kayser-Petersen.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizielles Protokoll.).
Sitzung vom 3. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Rosenhaupt.
. Herr G o 1 d s t e i n: Klinische und anatomische Demonstration zur Frage
der Parkinson-ähnlichen Erkrankungen bei Encephalitis epidemica.
T1 demonstriert Diapositive von Präparaten von Fällen mit Parkinson-
ahnlicher Erkrankung bei Encephalitis epidemica. Er weist darauf hin dass
die amyostatischen Symptome, wenn sie auch schon im Frühstadium der Er¬
krankung auftreten können, sich gewöhnlich erst viel später, oft nach einem
manchmal langen Intervall scheinbarer Gesundheit einfinden. Das spricht
dafür, dass die Erscheinungen durch chronische und sekundäre Veränderungen
bedingt setn werden. Die anatomische Untersuchung hat gezeigt, dass sich
tatsächlich schwere Veränderungen in solchen Fällen finden, die einen
degenerativen Charakter haben. Die Hauptveränderungen, die G. gefunden
hat und demonstriert, liegen in der Substantia nigra. Diese ist im
ganzen stark geschrumpft, kolossal gliareich, die Ganglienzellen sind stark
reduziert, liegen viel dichter und sind fast alle verändert (geschrumpft, fast
ganz von Pigment erfüllt, von vielen Gliazellen umgeben, der Kern ge¬
schrumpft oder fehlend). Auch ausserhalb der Ganglienzellen findet sich viel
Pigment Die Gliazellen sind zum Teil ganz davon erfüllt. Wegen der starken
Schrumpfung ist es möglich, bei gleicher Vergrösserung einen viel grösseren
Bezirk als beim Normalen in einem Gesichtsfeld zu erfassen (wie die Photo¬
gramme zeigen).
Ausser in der Substantia nigra finden sich Veränderungen im roten Kern,
dessen Zellen ebenfalls chronische Veränderungen aufweisen. Weiter sind
aas Pallidum und Caudatum verändert, doch scheinen hier die Verände¬
rungen wesentlich geringer zu sein wie in der Substantia nigra. Die Unter-
suchung über die Bahndegeneration ist noch nicht abgeschlossen, erwähnen
mochte der Autor besonders eine Degeneration in der F o r e 1 sehen Faserung
V\J1 „“A. „?s.ern’ die In dle Substantia nigra einmünden und solche, die über
die Mittellinie dringen in der F o r e 1 sehen Kommissur
Die Untersuchungen werden fortgesetzt. Es ist zu erhoffen, dass durch
den genauen Vergleich des klinischen Bildes — es kommen ja recht ver-
schiedene Bilder vor mit dem anatomischen Befund gerade das Material der
Enzephalitis, das ja viel zahlreicher ist als das der anderen Erkrankungen
mit amyostatischen Symptomen, uns in der Erkenntnis der Anatomie des
myostatischen Apparates weiterbringen wird.
Diskussion: Herr Vohsen: Der Speichelfluss erklärt sich zwang¬
los aus dem weit offenstehenden Munde der Patienten und braucht nicht als
Herdsymptom aufgefasst zu werden. Verf. berichtet über einen 42 jährigen
Patienten, der wegen linkseitiger Influenzaotitis operiert wurde. Einen Monat
cau,-t , Operation trat amnestische Aphasie auf, die den Verdacht auf
schlafenlappenabszess nahelegte. Intensionstremor der Hände und Steigerung
der Kniereflexe. Der Kranke ging nach ca. 2 Monaten in völligem Stupor
an Intluenzaenzephalitis zugrunde.
... t.Herr L- Dreyfus bestätigt, dass die Heilung der Enzephalitis
häufig nur eine scheinbare ist und Rückfälle mit schwerem Siechtum folgen,
rherapeutisch leisten im akuten Stadium die Silberpräparate noch am meisten.
Im chronischen Stadium gibt es abgesehen von der Vakzination gegen die
neuritischen Beschwerden bisher kein Mittel, das auf den Krankheits-
prozess selbst wirkt. Gegen die Steifigkeit und das Zittern fand auch D
häufig das Hyoszin wirksam (3 mal täglich 3—10 Tropfen einer 1 prorn
' Losung.
• ^?err Hranz Wolf weist darauf hin, dass ein sehr langes Intervall
zwischen der eigentlichen Krankheit und ihren Spätfolgen liegen kann, so
dass die Prognose noch unsicherer wird. Er berichtet über einen vor
wenigen Tagen von ihm untersuchten Spanier, der schon itn Oktober 1918
eine Grippe mit 14 tägigem hohem Fieber und Schlafsucht überstanden hatte
und danach zunächst völlig gesund war. Ein Jahr später traten Schwäche¬
st?™6 in den Beinen auf und erst im Juni 1921 Schlafzustände, die sich
antallsweise 8 10 mal im Tage wiederholten, ohne Bewusstseinsverlust.
Der übrige geistige und der körperliche Befund boten nichts Anormales.
Herr Strasburger: Wenn man sich kräftig die Hand drucken lässt,
so kommt neben dem Rigor ein grober Tremor der Hand und des Armes
zum Vorschein. In 2 typischen Fällen konnte St. die hochgradige Steifig¬
keit durch Skopolamin sehr günstig beeinflussen.
Herr L. Auerbach: Die Prognose der Encephalitis epidemica wird
dadurch erschwert, dass es eine Form gibt, bei welcher sich nach an¬
scheinender Heilung Rezidive einstellen. Auch die Kombination dieser Ver¬
laufsart mit Parkinson-ähnlichen Erscheinungen kommt vor. Diese sind als
rolgezustand zweifellos recht häufig. A. weist noch auf ein in relativ vielen
rä len vorhandenes Symptom hin, bestehend in eigenartigen, in sehr rascher
Folge sich abspielenden klonischen Zuckungen im Levator anguli oris, den
Zygoinaticis und dem Risorius, die auch im Schlafe anhalten können.
Herr R a e c k e macht auf die nicht seltenen Verwechslungen mit De¬
mentia praecox und Hysterie aufmerksam. Wichtig ist ferner die Neigung
zu weitgehenden Remissionen und plötzlichen Rückfällen. Die Prognose der
protrahierten Fälle ist recht zweifelhaft.
Herr v. M e 1 1 e n h e i m weist auf die schlechte Prognose derartiger
Nachkrankheiten nach Encephalitis hin im Gegensatz zu der verhältnis¬
mässig günstigen Prognose der frischen Enzephalitis, deren Folgen beim
kindlichen Gehirn oft fast gänzlich ausgeglichen werden.
Herr Bernh. Fischer: Ueber Bestrahlungsnekrosen des Darmes.
Erscheint in „Strahlentherapie“.
Aerztlicher Verein in Hamburg.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 20. Dezember 1921.
Herr Rud. Kaiser stellt eine Patientin vor, bei der er das ganze
Mittelohr ausgeräumt hat, indem er ein Cholesteatom entfernte. Dieses hatte
alle Mittelohrräume ausgefüllt und dadurch auch zu einer Fazialislähmung
geführt. Wenige Tage nach der Ausräumung ging die Lähmung zurück.
Herr B i e m a n n berichtet über einen Fall von akuter syphilitischer
Meningitis. Junger Mann, der benommen eingeliefert wurde, hoher Liquor¬
druck, Wassermannreaktion im Blut und Liquor stark positiv. Trotz inten¬
siven Kuren mehrfach Rezidive.
Herr Oehlecker berichtet über den Verlauf einer Dystrophia adiposo-
genitalis. bei der er durch transethmoidale Entfernung eines Hypophysen¬
tumors für längere Zeit wesentliche Besserung, besonders der subjektiven
Symptome erzielt hat. Tod etwa 2lA Jahre nach der Operation.
Herr Fahr zeigt makroskopische und mikroskopische Bilder des Tumors,
der von den Hauptzellen der Hypophyse ausging, und bespricht die Auf¬
fassung der Dystrophie als einer Hypophysen- oder Mittelhirnerkrankung
Herr Trömmner stellt vor: 1. Einen Fall von Paralysis agitans,
der auch ohne die Kühl sehe Implantation von Epithelkörperchen wesentlich
gebessert ist. 2. Einen Knaben mit angeborenem Pes equinus und leichter
Muskelatrophie des rechten Beines bei Spina bifida (röntgenologisch festge¬
stellt).- 3. Ein 9 jähr. Mädchen, das nach Influenza psychische Störungen und
Charakterveränderungen im Sinne eines chronischen, submanischen Zustandes
aufweist.
Srr Much: Das Neueste über Wesen und Wert der Vakzinetherapie.
(Spezifische und unspezifische Reiz- und Organtherapie.)
Nach einigen Vorbemerkungen über Blut- und Zellimmunität erörtert
Vortr. das Wesen der Vakzinetherapie: sie versucht, den Körper zur selb¬
ständigen Bildung von Abwehrstoffen gegen Krankheitserreger zu reizen.
Man hat zu unterscheiden zwischen spezifischer und unspezifischer Immunität.
Erstere kann bei akuten Krankheiten durch die Vakzinetherapie nicht ge¬
steigert werden, weil bei Ueberschwemmung des Körpers mit Krankheits¬
keimen, die an sich schon als übermässige Reize wirken, die Vakzine noch zu
einer Summierung von Reizen führen würde.
Zur richtigen Ausführung der Vakzinetherapie ist eine zweckentsprechende
!r?Slejriln^’ eidorderhch, d'e man am besten durch Probeimpfungen der Haut
(Ouaddel nach Much, Salbeneinreibung nach Petruschky, Ritzung der
Haut und gleichzeitige Einreibung nach P o n n d o r f) prüfen kann. Muss
die Vakzinetherapie aus theoretischen Erwägungen bei akuten Infektionen
versagen, so leistet sie Vorzügliches bei chronischen, z. B. Tuberkulose.
Hier kommt es aber darauf an, Antikörper gegen alle Bestandteile der Bak¬
terien zu erzielen, nicht nur gegen das Eiweiss, sondern vor allen Dingen
gegen die Lipoidfettkörper.
• t .^^chronischen Erkrankungen (Koli-, Staphylokokken-, Gonokokken¬
infektion) leistet spezifische und unspezifische Vakzine Gutes. Letztere kommt
ausschliesslich in Betracht bei Erkrankungen, deren Erreger wir noch nicht
züchten können, oder noch nicht kennen, z. B. bei Neuralgien, Arthritiden,
Rheumatismen, Anämien, vielleicht auch bei malignen Tumoren: hierher gehört
die Proteinkörpertherapie (Serum, Milch, Kasein), Vakzineurin, Terpentin, und
als das Aussichtsreichste, weil am einfachsten in seiner chemischen Zu¬
sammensetzung. das Yatren.
• Anhangsweise, behandelt der Vortragende die Organtherapie, diese habe
nicht den Sinn, ein Organ, dessen Funktion im Körperhaushalt ausfalle, zu
ersetzen, indem man es dem Körper einverleibe, sondern sie wirke als
Reiztherapie bei Erschlaffung oder Ueberreizung einzelner Drüsen mit innerer
Sekretion durch Zufuhr gleicher oder verwandter Organpräparate.
Max Fraenkel - Hamburg.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
(Medizinische Sektion.)
Sitzung vom 2. November 1921.
Vorsitzender: Herr Sachs. Schriftführer: Herr Freudenberg.
Herr Sachs: Nachruf für Wilhelm Erb.
Herr Ernst: Der Geist der Zellularpathologie.
Sitzung vom 15. November 1921.
Vorsitzender: Herr Sachs. Schriftführer: Herr Freudenberg.
Herr Adam: Die Bedeutung der Eigenwasserstoffzahl der Bakterien.
Aussprache: Herren Sachs, Hofmann, Graefe und Ada m.
Herr Freund: Eiweissstoffwechsel, Nervensystem und Fieber.
Der gesteigerte Eiweisszerfall im infektiösen Fieber wird bisher ent¬
weder als „toxogen gedeutet oder (nach Grafe) rein energetisch als
Folge des gesteigerten Stoffverbrauches bei gleichzeitig herabgesetzter Nah¬
rungszufuhr. Die Allgemeingültigkeit der ersten Auffassung ist widerlegt
durch Versuche von Freund und Grafe, in denen gleiche und gleich ver¬
laufende Infektionen bei normalen Kontrollhunden hohes Fieber und Eiweiss¬
zerfall machten, bei künstlich poikilothermen fieberunfähigen Hunden dagegen
die tägliche Stickstoffausscheidung ganz unbeeinflusst Hessen. Gegen die
Nr. 1.
Ä &ÄS ÄS
im Gegensatz zu Chinin und Salizyli künstlich poikllothermen Kan-
nichtfiebernden Menschen ebenso wie^ ^lm^unst^ " uPd die stickstoffaus-
ninchen. lassen therapeutische Dü dagegen geht die Wärmebildung meist
Scheidung unverändert; beim Fjebernden dag g E _ herunter, in weit
etwas - entsprechend der eingeschränkt. Da vom
höherem Masse wird abtr dle . Antinvriii als nur am Nervensystem
pharmakologischen Standpunkte aus das ■ A py Neben¬
angreifendes Mittel aufzulassen .st erg, bj durch Anti¬
einander von Antipyrese und Herabsetzung^^ ^ Ein Zusammen-
pyrin von einem nervösen Nation und Eiweissstoffwechsel ist von
hang zwlfbf" chr^'aSfeerb^a™e^afiver Ausschaltung des Regulationsver-
mög^ns*1 m!f du^chscUenem
“TV’St9skrräSi="re
jTpro? ta der Norm). Die HalsmarkduichscbneidunE nahen also den
dem Verhalten a„h,™e,n T,ere -
r„reden *s
Glykogendepot in der Leber Kennen, s Fiweissstoffwechsel wesentlich
nervösen Regulationsmechanismus (Berg S t ü b e 1, Junkers-
durch neuere Untersuchungen erleichte t ... 1 „ : we; s s jn der Leber
Sen”neTvös» Mechanismus stdren. welcher den Elweiasst.fi-
Wechsel beherrscht. _ _ _ _ _ _ —
unternommen, weil Patientin unter allen Umständen von ihrem bisherigen
nassen Zustande befreit sein wollte.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 9. November 1921.
Demonstration. .
Herr Nicolas: Mammakarzinom beim Manne.
Herr^H n"k m a n n: Ueber den Komplementgehalt des Bllites- ,
Auf Grund von über 1000 Einzeluntersuchungen an «hezuOTO mensch¬
lichen Seren konnten folgende zusammenfassende patho-
1. Der Komplementgehalt menschlicher Seren ist auch unter pain^
logischen Verhältnissen ein weitgehend gleichmassige .
d„ die STJäU Komplement-, m.weile«
kombmiermn KompiememN und Nonmlandmeptorenrnan^e^aufweis^.^^
dmgt4.Z De'r'Komplementgehalt des Serums ist beim 'keimfreien Aufbewahren
im Prüfeglas hervorragend beständig. .o Stunden ist selten und
5. Komplementschwund innerhalb der ersten 48 Stunden ist seiten
diagnostisch ohne Wert ^ verschiedene Komplemente (sog. Pluralität).
Seru„ ^^fSSr^ÄuS^Ut^^eEä,i: muss vor jeder j
'widerstamdskraft1 *«- *£
bewahren ab und zwar rascher in 5 proz. Aufschwemmungen als ,n nahezu
fester Breiform. . .
Herr Engelhorn: Zur Myombehandlung.
Hprr r. n 1 e k e- Die Behandlung der Blasenektopie.
a stellt einen Fall von Blasenektopie bei einer 40 jährigen Frau vor
operative Eingriffe an der Flexura sigmoidea zu keinem befriedigenden -
ssassr int jsäkä ää ^ ~„
STT SS Sf'iSÄS’wJÄ 3!Ä1 Am»..)«
dauernde Fisteleiterung neben der E.nnahungsstelle Appendix unterme .
n-rnnrh vollständige Abhe ung. Blasenkapazitat, antangs zuu, geiu an
schlinge. Vorübergehende feine Urmfistel aus der Nahtste e. die sicn jctzi
geschlossen hat. Blasenkapazität jetzt 100 ccm. Patientin kann 1/- bis
2 Stunden den Urin halten, dann tritt Entleerungsbedurfms ein. Verlauf
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 15. Dezember 1921.
Herr Holzapfel: 1. VulvaverKhlu» durch Verbrennung. pl„tteisen
lSjähr. Virgo, fiel mit 3 Jahren rücklings f und weiter nach
Breite strahlige Narbe quer über den die’ Hintere Kommissur nach vorn
rechts ausstrahlend. Durch Narbenzug ; st d e t^t Vulvahälfte liegt
- *5 SS v“ Sisst Helium? durch Plus*, durch MM
erläutert. (Erscheint im Zbl. f. Gyn.)
2. Seltene Gynatresie. Mädchen nicht menstruiert. Vor
Gutentwickeltes, kräftiges 3l r,^r Harndrang. Vor 2 Monaten
4 Jahren schwere Masern Vor 8 Mowti längerer Zeit Kopfschmerzen, sonst
5& bSSÄ Ä
IS'IS'bc “eu bi',1 etwa 5 cm unicrhulh dm Lin» inn.mmina.,
hinabreiftend. Hymen verschlossen. Kmm |ewo j Fehlen uller Moiimima
Bei dem jugendlichen Alter der Kran Ken un u uei ‘ hUessen Andere
liess sich ein gynatretischer ^entzündlicher Grundlage waren in dieser
gynatretische Verhaltungstumoren auf /"^"^Sdnlich. dass in einem solchen
Grösse nicht beschrieben, auch war e Das Wahrscheinlichste war
Falle gar keine örtlichen Beschwerden best; L-men occlusus und Jugend) oder
nach dem Befunde Schwangerschaft (trotz y Untersuchung ergab keine
ein Ovarialtumor. Wiederholte sehr ^^C\eolErzur Eeststellung und
Anhaltspunkte für Schwangerschaft. - ... eröffnet und nachher die
nötigenfalls Entfernung des 1 ™s , anL^tomie ergab 3 cm lange Ovarien
Gynatresie beseitigt werden. Die Lp eitsansammlung in Scheide und
ohne jede Narbe, den Tumor als üss: «gkeitsan; äammm B ßei dem
Zervix, das Korpus in bekannter Weise il‘L,r d:;'s Abdomen zu schliessen
.unbekannten Inhalt des Tumors schien 2—21/’ mm dicke Hymen wurde
und den Tumor von unten dann d“ Scheidensack eröffnet,
™St S?umei,«cl.ung ergab Reinkultur von Strep.o-
to“S Ä » ÄÄJ4-«
Pyoelythrometra. H. nimmt an, c M-isemerkra-nkung. Bemerkens-
scheinlich mit der Eiterbildung wahrend ,. M gei an Beschwerden
wert ist die Grösse des Eitersacks der fast völlige jjanJtei^ { wurde durch
und das sehr langsame Wachsttm - { operationem war
g STÄt ftÄ Scbeidcnha.it. •
(Erscheint im Zbl. f. Gvn.)
3. Schwangerschaftszeichen. , {t recy,t frühzeitig die
H. beschreibt ein Zeichen, durch das ma Lockerung des Korpus
Schwangerschaft erkennen kann. tb -e Zeichen (1). Wenn man nach
und wird früher deutlich als das H e g , Korpus bis über den
der Betastung des Organs Zeigefinger und Hand an Jp nichtgravide
Fundus unter leisem Druck hingle.te, . lasst, so schne.it Kirschkern
Uterus „knapsend“ unter den P'ng® n .. tü'rlich mit etwas geringerer
sich zwischen 2 Fingern wegschnellen lasst naturheh mit et g
Uer,Ilt H-it'mai^sTh ÄeU— S^gdbt, so kann man
fn ^mdsllnTältefdie Schwangerschaft sehr S
der ‘u^erus0 gr'avid.kb ei ^d^tlich^^Kn'^sen wahrschemüch^ ^diwierig
die Beurteilung bei der Retroversio ' mit 5 3 1. ^uung ^erschemungen ^
für Schwangerschaft darstellt (s. Zbl. f. Gy .
Diskussion: Herr Linzenmeyer.
Harr r, ö h e 1 1 bespricht die Entstehungsweise der sog. Hernla d aphrag-
matlM'spurla nach Subussverletzung und Referiert über 2 selbst^beobachtctc
Danach erholte sich der Patient. “ * . , , j scheinbar vorhandene
wurde am IX 1919 eine Verbindung zwischen Colon transversum und
Colon ascendens hergestellt. Nach Heilung dieser Wunde wurde am 25. XI. 1919
der ^ i* s k \i* ^‘s^o n^ Hierig^Ca'p,pS^s' glaubt, dass noch ziemlich viele Krie^
“ild
E£ Ä
„der indere Störungen auftreten. insbesondere, wenn dabei Schulterschmer/,
vorhanden ist Bei der Operation im nichteingeklemmten Zustand empfiehlt
K sowohl von Pleura wie vom Abdomen aus zu operieren und vorher
den Phrenikus entweder mit Novokain oder Vereisung leitungsfahig zu machen.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
31
Für die Operation eignet sich sehr der von Kirsch ner angegebene Angel¬
hakenschnitt. K. weist noch auf -die Bedeutung des Pneumoperitoneum für
die Stellung der genauen Diagnose hin; allerdings kann das Pneumoperitoneum
möglicherweise Einklemmungen auslösen.
Herr G ö b e 1 1 stellt einen Verwundeten mit Granatsplittersteckschuss
ini Herzbeutel vor. Die fibrösen Verwachsungen des Herzbeutels hatten starke
Herzbeschwerden hervorgerufen. Die Kardiolysis mit Durchtrennung
der fibrösen Verwachsungen zwischen Perikard und Epikard und Entknochung
rcsp. Entknorpelung der Brustwand zeitigte ein sehr gutes Resultat.
Herr Göbell spricht über die Sphinkterplastik am Rektum und stellt
eine Patientin vor, bei welcher am 28. V. 1916 wegen Wirbelbruches und
Lähmungen beider Beine, von Blase und Mastdarm eine Laminektomie aus-
gefünrt worden war. Es hat sich danach die Motilität und Sensibilität der
Beine wieder hergestellt, nur bestand noch eine Incontinentia alvi. Es wurde
deshalb am 12 IX. 1918 eine Plastik ausgeführt, wobei beiderseits der vom
Nervus gluteus inferior versorgte Muskelabschnitt des Musculus glutaeus
maximus von seiner Insertion abgelöst, aber mit Gefässen und Nerven in
Verbindung gelassen wurde. Dann wurde das Steissbein exstirpiert, das
Rektum isoliert. Die beiden sehnigen Enden des Musculus glut. max. wurden
nach vorn vom Rektum gezogen und hier miteinander vernäht, es sollte
auf diese Weise der Darm nach hinten geknickt und dadurch eine Kontinenz
erzielt werden. Da eine Infektion in der mittleren Operationswunde auftrat,
wurde am 25. IX. 1918 ein Anus praeternaturalis an der Flexura sigmoidea
angelegt. Inzwischen war durch eine langdauernde Zystitis ein weiteres
operatives Vorgehen nicht möglich. Am 27. Mai 1920 ergab die Untersuchung,
dass der bisherige Eingriff zum Verschluss nicht genügte, es wurde deshalb
bei einer abermaligen Operation ein Stück Oberschenkelfaszie von hinten
zwischen den beiden Glutäen ausgespannt; auf diese Weise wurde erreicht,
dass das Rektum einmal nach hinten gezogen wurde, gleichzeitig durch eine
von den ülutäalsehnen und der freitransplantierten Faszie gebildeten Zwinge
komprimiert wurde. Am 21. VIII. 1920 wurde der Anus praeternaturalis ver¬
schlossen, danach zeigte sich, dass die Patientin imstande war, den Stuhl
zurückzuhalten. Der Zustand hat sich immer gebessert, so dass sie heiraten
konnte. Ein Verschluss für Winde besteht nicht.
Herr Göbell demonstriert ein von. einem neugeborenen Mädchen her-
| rührendes Präparat. Es handelt sich um eine tiefsitzende Duodenalstenose,
die durch zweimalige korkenzieherartige Drehung des Duodenums hervor¬
gerufen war. In diesem Falle hat Vortragender eine Gastroenterostomia
antecolica anterior mit nachfolgender Enteroanastomose ausgeführt. Es er¬
folgte aber keine Entleerung des Mageninhalts in den Darm, so dass das
Kind an ganz allmählicher Entkräftung zugrunde ging; früher ausgeführte
Tierversuche stimmten mit diesem Ausgang überein, während ein von li el¬
fe r i c h operierter Fall von erworbener, tiefsitzender Duodenalstenose
durch Gastroenterostomie geheilt wurde. Tiere, an denen ein künstlicher
Duodenalverschluss mit nachfolgender Gastroenterostomie ausgeführt war,
magerten stark ab und gingen zugrunde. Bei einem Neugeborenen mit
Duodenalstenose sind die Verhältnisse sehr ähnlich den Tierversuchen, weil
auch bei ihm die Stenose plötzlich, nämlich beim ersten Schluck Mutter¬
milch in Erscheinung tritt. Das Duodenum hatte in utero keine Gelegenheit,
sich der Stenose anzupassen. Es muss deshalb, wie W i I m s schon gefordert
hat, entweder die Operation an der Stenose angreifen oder eine Verbindung
zwischen Duodenum und Jejunum angelegt werden.
Diskussion: Herren Spiegel, Käppis, Linzenmeyer,
Hoppe-, Seyler. Göbell.
Med.-wissenschaftl. Gesellschaft an der Universität Köln.
(Offizielles, Protokoll.)
27. Sitzung vom 2. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr T i 1 m a n n.
Herr Thomas demonstriert 2 ältere Säuglinge, bei denen zur Ent¬
fernung von grösseren, nicht ganz oberflächlichen Angiomen die Vakzination
| mit gutem Erfolg angewandt worden war. Bei dem einen Kind waren
j gleichzeitig 2 Geschwülste vorhanden gewesen. Nach Entfernung der beiden
durch Vakzination ein Auftreten von zahlreichen ■ miliaren Angiomen in der
j Haut. Zunächst wird der Rand der Geschwulst von Impfstrichen einge-
1 fasst, sodann die Oberfläche selbst durch 2 sich kreuzende Liniensysteme
gefeldert. Kompression durch Tupfer. Aufträgen der Lymphe, welche sofort
! Gerinnung des austretenden Blutes verursacht. Nach Eintrocknung und Ab-
i stossung des Schorfes: Bildung eines tiefen Geschwürs, welches durch
i Narbenbildung heilt. Die aufgenommenen Säuglinge zeigen in neuerer Zeit
auffallend häufig als Nebenbefund Angiorne. Manchmal nehmen dieselben aus¬
gesprochen progressiven Verlauf, daher ist möglichst früh die Behandlung
vorzunehmen. Selbstheilungsprozesse laufen bei den progressiven Formen
nebenher. Diese nehmen oft den Ausgang von zufälligen Erosionen mit
Infektion, worauf lokale Verödungen des Angioms einsetzen. In 10 Fällen
wurde die Vakzination angewandt. 2 Rezidive. Neuerdings revidiert Th.
die Tiefe des Geschwürs nach Abstossung des Schorfes auf bläuliche Gefäss-
reste und kauterisiert sie. Die Vakzinationsmethode wurde früher offenbar
nur bei kleinen Angiomen verwendet.
Aussprache: Herren Tilmann, Dietrich, H a b e r 1 a n d t.
Herr Thomas (Schlusswort): Die Methode ist bei den Eltern beliebt.
Es wird ihnen gleichzeitig der Impfschein ausgehändigt.
Herr Hey: Ueber posttraumatische Degeneration im Rückenmark (Com-
motio spinalis).
Es werden zwei Fälle von Commotio spinalis berichtet, von denen der
eine nach 2, der andere nach 6 Monate langer Latenzzeit die ersten Symptome
aufwies. Exitus 25 bzw. 4-4 Monate nach dem Unfall. Fall I zeigt die Haupt-
iahmungserscheinungen im Bereiche der oberen, Fall II in dem der unteren
Extremität einschliesslich Blasenlähmung, entsprechend der Einwirkungsstelle
des Traumas auf Hals- und untere Brustwirbelsäule. Anatomisch keine Ver¬
letzungen der Wirbelsäule oder der Rückenmarkshäute nachweisbar. Der
histologische Befund ergab in Fall I im wesentlichen nur ausserordentlich
zahlreiche Fettkörnchenzellen, in Fall II vor allem stiftförmig das Rückenmark
duichsetzende, durch Resorption von nekrotischen Gewebsmassen entstandene
- palten neben ausgedehntem Markscheidenschwund. In beiden Fällen waren
von den Veränderungen graue und weisse Substanz diffus betroffen; bei
beiden zeigten die Gefässe ausser einer deutlichen Wandverdickung keine
Veränderungen; vor allem keine Blutungen oder Blutpigmente. — Bei der
kritischen Besprechung der Pathogenese der Commotio spinalis ergibt sich
zunächst, dass die meisten Erklärungen mit der langen Latenzzeit nicht ganz
in Einklang zu bringen sind, da nur ein Faktor in Betracht kommen kann,
der ganz allmählich eine steigernde, schädigende Wirkung auf das Rücken¬
mark äussert. Die einzelnen Theorien: „Direkte traumatische Nekrose“ der
Ganglienzellen, Quetschung durch Wirbeldistorsion, Zerrungen infolge der ver¬
schiedenen spez. Gewichte von grauer und weisser Substanz, Blut und
Liquor u. a. m. werden dieser Bedingung nicht gerecht. Da auch entzündliche
Prozesse auszuschliessen sind, wind für die wahrscheinlichste Erklärung die
folgende gehalten: Infolge des Traumas kommt es zunächst in einigen
Kapillaren zur Stase mit Lymphstauung; dadurch wird eine anfangs nur ganz
leichte Schädigung der nervösen Substanz in relativ kleinem Gebiete hervor¬
gerufen. Die dabei frei werdenden Abbauprodukte erschweren sowohl rein
mechanisch wie auch vielleicht toxisch die Blutversorgung weiter. Dieser
Circulus vitiosus führt dann nach kürzerer oder längerer Latenzzeit ■ — je nach
der Ausdehnung der zunächst betroffenen Gefässe und der Qualität der dadurch
zugrunde gehenden nervösen Elemente — bis zu den durch Resorption des
nekrotischen Gewebes entstandenen Spaltbildungen des II. Falles.
Aussprache: Herren Tilmann, Dietrich, Beltz, Hering.
Herr Arnold: Ueber Intrakutanreaktion mit unspezifischen Stoffen.
Um zu zeigen, dass die spezifische Intrakutanreaktion, besonders die mit
Tuberkulin, in ihrer Intensität nicht nur abhängig ist von dem immunbiologi¬
schen Vorgang, der die Reaktion bedingt, sondern auch von der jeweiligen
Hautbeschaffenheit, vornehmlich bei Fieber, Kachexie, Pigmentation, wurden
Intrakutanreaktionen mit osmotisch wirksamen Stoffen (Aqua destillata und
Kochsalzlösung 3 — 5 proz.) und mit 1 — 2 proz. Karbolsäure angestellt.
Normalerweise waren alle diese Reaktionen 5 — 7 ccm gross, mässig
infiltriert. Nur dann, wenn auch die Pirquet sehe Reaktion (7 Fälle))
stark ausfiel, war auch die unspezifische Reaktion verstärkt; ebenfalls einmal
bei einem neuropathischen Kinde.
Hypertonische Lösung (Kochsalz 3 — 5 proz.) wirkte schwächer als
hypotonisch« (Aqua destillata).
Abgeschwächt bis aufgehoben wurde die unspezifische Reaktion durch
Fieber, schlechte wasserverarmte, welke Haut, künstliche wie natürliche
Pigmentation. durch Bestrahlungshynerämie wie solche durch Rubefizientia
und endlich bei leichten Oedemen wie Präödemen. Bei all diesen künstlichen
lokal gesetzten Hautveränderungen ist um diesen begrenzten Raum eine
2 4 cm breite Zone, die die Reaktion gleichsinnig verändert.
Bei einer Röntgenbestrahlung, deren Strahlenmenge unter einer Erythem¬
dosis liegt, ist eine Abschwächung der Reaktion zu verzeichnen, wenn eine
selbst leichteste Hyperämie sichtbar wird, eine Verstärkung, wenn diese
ausbleibt.
Aussprache: Herren Ha'berlandt, Thomas.
Herr Beltz: Ueber Niereninsuffizienz und Blutplättchen.
Der Begriff der Hydrämie reicht zur Erklärung der nephritischen
Anämien in keiner Weise aus. Systematische Untersuchungen zeigten einen
erheblichen Plättchenmangel bei Urämie. 40 — 80 000 Plättchen bei mittel-
schweren Anämien wurden festgestellt. Danach werden bei Nephritiden von
den Elementen des hämatopoetischen Systems die Plättchen zuerst und am
erheblichsten in Mitleidenschaft gezogen. Die Beobachtung von Le S o u r d
und P a g n i e z, dass sich Blutdruck und Plättchen umgekehrt proportional
verhalten, konnte nicht bestätigt werden. Hingegen scheint der Grad der
Eiweissretention für die im peripheren Blut kreisende Plättchenmenge von
Bedeutung. Je grösser die Eiweissretention, um so geringer der Plättchen¬
wert. Es ergibt sich hier eine bemerkenswerte Analogie zu der Plättchen¬
verarmung nach Peptoninjektionen. Diese Hypothese von der urotoxischen
Thrombozytopenie wird durch die bisherigen Befunde bei Nephrosen, bei
denen es bekanntlich nicht zu Eiweissretention kommt, unterstützt. Hier
lagen die Plättchengewebe innerhalb der physiologischen Variationsbreite.
Sie dürfte — ihre weitere Bestätigung vorausgesetzt — auch geeignet
sein, die überaus komplizierten Beziehungen zwischen Niereninsuffizienz und
Blutzusammensetzung weiter zu klären.
Aussprache: Herren Hess, K ü 1 b s, Dietrich, Hering.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 15. November 1921.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Ebstein.
Herr A. v. Strümpell: Nachruf auf W. Erb.
Der Vortragende gibt eine ausführliche Darstellung von der Persönlichkeit
und der wissenschaftlichen Lebensarbeit des am 29. X. im Alter von fast
81 Jahren in Heidelberg verstorbenen WilhelmErb. Erb war 1880—1883
Professor in Leipzig und seitdem Ehrenmitglied der Leipziger medizinischen
Gesellschaft. Seine grossen und unvergänglichen Verdienste liegen durchweg
auf dem Gebiete der Neurologie. Gleich seine erste grössere wissenschaft¬
liche Arbeit (1868) war von grundlegender Bedeutung. E. erkannte zuerst
die anatomischen Grundlagen und die klinische Bedeutung der elektrischen
„Entartungsreaktion“ erkrankter Nerven und Muskeln. Im
Jahre 1875 entdeckte er die klinisch so ausserordentlich wichtigen Sehnen-
r e f 1 e x e, deren reflektorische Natur er auch zuerst richtig erkannte.
Während seiner Leipziger Zeit begann er seine Untersuchungen über die
„juvenilen Formen der progressiven Muskelatrophie“
und über den syphilitischen Ursprung der T a b e s, deren syphilogene Natur
anfangs vielfach bestritten, jetzt aber allgemein anerkannt ist. Die letzten
grösseren Arbeiten E r b s betreffen die sog. Thomsensche Krank¬
heit und die Dysbasia arteriosclerotica.
Alle Arbeiten E r b s zeichnen sich durch die grösste Genauigkeit und
Gründlichkeit aus. Erb war in seinem Urteil über Andere oft streng, aber
ebenso streng auch gegen sich selbst. Sein Einfluss auf die Entwicklung der
deutschen Neurologen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kann
gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er war eine edle, warm und tief
empfindende Persönlichkeit, die allen, die ihn gekannt haben, unvergesslich
bleiben wird.
Herr Georg Herzog bespricht zunächst zwei neuerdings, im September
und Oktober 1921, im pathologischen Institut zur Beobachtung gekommene
f alle von Encephalitis epidemica. Der eine von ihnen betrifft einen 4 wöchent¬
lichen Säugling, der die ersten Erscheinungen 48 Stunden vor seinem Tode
zeigte; mikroskopisch waren in diesem ganz akuten Fall einige gelappt-
32
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1.
S SÄ2rV r6 und 1 Jahr unter /^Symp^en^der
SgSSSfSäSs®^
KäÄÄde“. Dadurch und durch die erwähnte Lokalisation treten dte
beW He“"."“ Dl” m!5 ASSSÜTte Urobillnausscheiduntt. (Er-
scheint als Originalartikel.)
Sitzung vom 29. November 1921.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Huebschmann.
Herr March and: Pathologische Anatomie der Lungentuberkulose.
(Erscheint als erste Originalarbeit in der vorliegenden Nummer.)
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 23. November 1921.
ÄÄSrrÄ* <• s
ssasfÄ
satÄtu •*&&& Ätrssr.
aÄ Äiss »
Klärung zu streben. w r> c ^mprhriich wird die D i s -
Wegen Verhinderung des Herrn -Prof, bauerorucn
kUSHer°rnCreämKe r spricht über die Behandlung des Magengeschwürs.
nlrr K ecke über die chirurgische Behandlung des Magengeschwürs.
Siese beiden Vorträge werden im Wortlaut wiedergegeben werden.
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
" JJ ÄÄÄSSrÄ » «gj
wsimmmmsB
wesentlichen1 Steh das l.sfmmenrücken der */«“£" £5 “ i
stunden, während die postoperativen Skoliosen ^Vl’hll der Verbindung
der Konvexität nach der kranken Seite durch den Weg fall der Verbindung
ÄÄStrtss
konstitutionellen Veränderung etwas grundsätzlich anderes sei, nehme ihren
1 lr«nriimr von den Rippen aus. Wenn man einen gesunden jungen Menschen
S mfch vornrunrnach der Seite abbiegt, so kann man stets mehr oder
weniger deutlich das Auftreten eines hinteren Rippenbuckels auf der Konvex
reite bemerken Dieser entsteht dadurch, dass die hinteren Rippenabschnjtte
einerseits durch die sich ausbiegende Wirbelsäule, anderseits durch ^
stärkte Spannung in den seitlichen Thoraxabschnitten, unter vermehrten Druck
gesetzt werden Zu gleicher Zeit bewirkt die nun veränderte Stellung der
Rippen vor allem durch kräftigen Druck auf den Querfortsatz des Wirbels
eine Konvexrotation desselben. , p.minfes alle
Während sich beim Gesunden nach ,d?r, Aufr^“n^.f eu0^twut^nelier
diese Erscheinungen wieder restlos ausgleichen, kan wurde ruch
Veränderung des Knochensystems, wie sie oben gekennzeichnet wurde, auch
nach dem Aufrichten des Rumpfes eine anfangs m7I^l%^eh^rrbGsndäue?nd
hinteren Rippenabschnitte und damit eine Konvexiotation des Wirbels dauernd
Zurückbleiben Damit ist auch die Möglichkeit einer exzentrischen Belastung
derrUwSbeiegegeben ‘und wir sehen dann im Laufe von Monaten und Jahren
das Leiden von einer leichten Veränderung wn Relief des Rückens bis zu
den ausgeprägten Formen der Kyphoskoliose fortschreiten.
Dementsprechend scheinen heute die besten Angriffspunkte für eine
operative Behandlung der Skoliose die Rippen zu sein. ^ ersten OperaLonen
wurden in verschiedener Weise bereits ausgeführt. Zwar stehen voll be
friedigende Erfolge noch aus, doch zeigte essictl deutlich, dwfr hefsäule0 ein
Veränderung der' SpannungS.erhäUni»e »wischen »PP»
therapeutischer Einfluss auf die skoliotische Verbmgung. genomm ^
kann Für die Operation kommen nur versteifte Skoliosen
Nachbehandlung ist so wichtig wie die Operation selbst.
Herr Lange ist der Ansicht, dass schwere Kyphoskoliosen fast^tets
rachitischen Ursprungs sind, auch wenn, w e in M ul ^ ^ da$
andere ^tefe'radiitisc.ie'dchen'or allem den naschen ^enkranz.
*“ Fra"
5 1 de, Umstand, dass schwere Kyphoskoliosen nur in Länton vorkommem
S pläÄ^rSZ” )«Si£g»0»- , nie,." der Oebdr, meiern»
raschesten Wachstum befind^chen Teile also b.s zu ^ zwisch&1l
sf ss r r»
wmmmmm
Herr v Romberg glaubt entsprechend der alten Anschauung zwisc io
vom ÄS“ Richard M . y sehen Tafeln
schnitte von zwei Kyphosko hotikern wird ein e ÄÄÄ n und
•SäKiSSS^SSS
Serratus anticus major. So entsteht eine senr n°cngru s Druck-
Atmungsmechanismus und des Lungenkreislaufs D e durch i die DrucK
Steigerung in der Lungenarterie entstehende Hypertrophie der reenten Kamm
Ät wir hohe Grade Bisweilen wird durch ungenügende Kompensation
des HMdern sseS der Unke Ventrikel abnorm wenig gefüllt und atrophisch wie
Sei Mitralstenose (Carl Hirsch). Die Bronchitiden
Hip das äussere Bild des Krankheitsverlaufs beherrschen, wie nerr
Fr Müller mit Recht betonte, werden durch die vermehrte Belastui g
SrSteÄM stä-ä
WelSf)astUrteÜ' über die Herrtätigkeit kann sich bei der gewöhnlichen Ver¬
te,™“ S He, eens noch weniger als Sons, ,ut die perkutonsche BesUm-
JfflS'ÄSE Kamme;. S
AbwetbLgen^
Zvanose die bei der gewöhnlich abweichenden Form der Leber durch B
m ■ BnSe„er|°clfü“ vor T»£»lost'^”0.el!«ch angenommen wird verleiht
die ICyphoskohose'Ticht Neid’eri h.«e
lirtersuchung zu stellen. Der Mechanismus der Kreislaufstörung . den
Lungen bei' Kyphoskoliose entspricht nicht einer Stauung w.!® b®’ Mlt^a ‘
Hindernis ^liegMenseits^d^s0 'Lungenkreislaufs.611 BeT Kyphoskoliose ist es in
iieS:’:* ÄefS
durchflossen. Eine vermehrte Blutfüllung findet sich nur in den, Lunge
arterien.
Herr Borst meint, dass für die habituelle oder konstitutionelle Kypho¬
skoliose abnorme Belastung (schiefe Haltung), Schwache der Muskeln und
Bänder. Veränderungen der Knochensubstanz in Frage kamen . Das letztere
Moment erscheint ihm das wichtigste. Beziehungen zur Rachitis besteh
jedenfalls häufig Wenn nicht immer Auftreibungen an den Gelenkenden ge-
funden werdenf so muss man bedenken, dass es neben der enchondra en auch
eine periostale und endostale Rachitis gibt. Ferner kann die Rachitis aus
gelfei ft sein, die Difformität ist geblieben. In einem eigenen wahrscheinlich
hieher gehörigen Fall von habitueller Kyphoskoliose war mikroskopisch nur
eine sehr starke Atrophie der Knochensubstanz, nichts für Rachitis oder
SSÄ <£ rffST 1TÄJ
ä ir ÄSSicSÄ vDon ÄÄkSy»
rachitischer und osteomalazischer Kyphoskoliose, von Kyphose und e
, • r i Wirbelsäule bei Spondylitis deformans und bei Arthritis an
ÄfcÄÄ weil»» *••*« Knoche»., rophie aufwiesen.
6. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
33
Endlich wurde ein Fall von Skoliose in frühem Kindesalter bei Keilwirbel¬
bildung demonstriert.
Herr Pfaundler: Das Fehlen von Epiphysenschwellungen am Brust¬
korb und an den Extremitäten der vorgestellten Patientin beweist meines Er¬
achtens nichts gegen Rachitis. Selbst bei florider Erkrankung können ge¬
legentlich die Bedingungen für das Zustandekommen dieser Schwellungen
fehlen, wie das neuerdings insbesonders von Schiff ausgeführt wurde.
Aus anderen Gründen, insbesonders wegen des Fehlens aller sonstigen
Hinweise in der Anamnese, ferner nach dem Aussehen der Knochen im
Röntgenbilde, halte ich eine Rachitis solchen Grades, dass sie die bestehende
Wirbelsäulenverkrümmung hätte verursachen können, für ausgeschlossen; ich
kann mich auch der von orthopädischer Seite geäusserten generellen Meinung,
dass die schweren Formen von Kyphoskoliose durchweg rachitischer Natur
seien, nicht anschliessen.
Die vorgestellte Kranke bietet nebst dem Buckel noch drei sehr markante
Erscheinungen, nämlich eine hochgradige symmetrische und* universelle
Muskelatrophie, die nach ihrer Verbreitung sicher keine Folge eines
skoliotischen Spinalschadens sein kann, ferner eine ebenso verbreitete und
hochgradige Knochenatrophie, endlich eine sehr sinnfällige Progenie. Die
Gesamtheit dieser Zeichen ist uns an mehreren Krankheitsfällen der Kinder¬
klinik begegnet. Ich demonstriere hiervon den markantesten Fall, der später
an der II. medizinischen Klinik Aufnahme und in der Dissertation meines
damaligen Assistenten F. Börger Bearbeitung gefunden hat. Die pro¬
jizierten Bilder entstammen dieser Publikation; die Aehnlichkeit der beiden
Fälle scheint beachtenswert. In dem Börger sehen Falle handelte es sich
unzweifelhaft um einen Spätzustand bei progressiver Muskeldystrophie. Dass
diese mit Kyphoskoliose, ferner mit Progenie und mit Knochenatrophie einher¬
geht, ist von massgebenden Beobachtern (Lorenz, Oppenheim,
Friedreich, Schult z-e) festgestellt worden. Die beiden letzteren
legen in überzeugender Weise dar, dass die Knochenatrophie der Muskel¬
atrophie nicht oder nicht nur untergeordnet, sondern beigeordnet sei.
Es entsteht hiernach die Frage, ob progressive Muskelatrophie auch in
dem v. Müller sehen Falle vorliegt. Dies glaube ich nicht annehmen zu
dürfen. Das Fehlen aller Reste von Hypertrophie der Muskulatur würde
angesichts der bekannten Beobachtungen von Leyden und von Moe-
b i u s etc. ebensowenig beweisend sein, wie das scheinbar erratische Auf¬
treten, das ja nach ausführlichen Erhebungen von W e i t z in 3 von 4 Fällen
des Leidens konstatiert wird. Gegen progressive Muskeldystrophie spricht
aber vielleicht das Verhalten der elektrischen Erregbarkeit, ferner die
Lokalisation der Atrophie und insbesonders die auffallend geringfügige Funk¬
tionsstörung. Wenn auch sehr ermüdbar, ja durch leichte Arbeit und kurzes
Gehen erschöpft, ist die Patientin v. Müllers doch ganz agil, wie man es
in vorgeschrittenen Stadien der typischen Dystrophie nach 20 jährigem
Bestände des Uebels kaum je antreffen wird. Wenn ich mir erlaubt habe,
jenen Vergleichsfall trotzdem heranzuziehen, so egschah es, da es Fälle zu
geben scheint, in denen atypischer Weise die Funktionsstörung nicht über den
erkennbaren Muskelschwund hinausgeht und ferner da von S c h u 1 1 z e und
von Eulenburg höchst merkwürdige Beobachtungen über das Vorkommen
von einfachen Muskel- und Knochenatrophie bei den Geschwistern von
typischen progressiven Dystrophikern vorliegen. Man gewinnt den Eindruck,
dass es sich in diesen Familien um zwei gekuppelte Idiovariationen handelt,
die sich im Erbgange trennen, die gewissermassen „auseinandermendeln“
können. In einer derartigen evolutiven Variante, die sich in trophischen
Störungen an verschiedenen mesodermalen Systemen äussern, möchte ich
das Rätsel dieses Falles suchen. Die Mechanik der Entstehung der Skoliose
ist dadurch natürlich nicht geklärt, ebensowenig die scheinbar ganz spontane
Entstehung der Deformität in der Präpubertätsperiode, doch wären diese
Fragen auf das schon ausführlich behandelte Problem der Wirbelsäulen¬
verbiegungen und der gesetzmässigen Latenz bei der Gruppe der endogenen
Muskelatrophien zurückgeführt. Es müsste nach dem Gesagten nicht die
Muskulatur sein, deren Ausfall die Wirbelsäulenverkrümmung ermöglicht,
sondern die Ursache könnte auch im Knochen, etwa in einer abnormen Ent¬
wicklungstendenz oder in einer Ernährungsstörung gelegen sein.
Herr Sei t z zeigt an 300 Fällen von Wirbelsäuleverbiegungen aus der
Kinderpoliklinik, dass im ersten Lebensjahrfünft Kyphosen vorwiegen, während
vom 6. zum 15. Lebensjahr die Skoliosen ansteigen, ebenso die schwersten
Formen: die Kyphoskoliosen, deren Maximum ins 10.— 15. Lebensjahr fällt;
vorwiegend sind es hier weibliche Individuen, die fast stets auch asthenischen
Habitus zeigen. Unter 15 schweren Kyphoskoliosen fanden sich 3 Geschwist^r-
paare.
Herr H o h m a n n; Ausgebildete Kyphoskoliosen des späteren Alters
können sein solche, die zuerst im Pubertätsalter infolge Rachitis tarda ent¬
stehen, wo wir auch andere Erweichungsprozesse der Knochen entstehen
sehen, wie Coxa vara und Genu valgum. Bei Operation von Coxa vara in
irischen Fällen oft auffallend weiche Knochen, dünne Kortikalis, blutreiche
Spongiosa zu sehen, leichte Infraktionen bei Redression oder bei Trauma,
ähnlich wie bei florider kindlicher Rachitis. Oder auf der Grundlage kind¬
licher Rachitis stellt sich in der Pubertät plötzlich erhebliche Verschlimme¬
rung der Skoliose ein, wahrscheinlich infolge einer neuen Erweichung der
Knochen, einer Rachitis tarda. Hier fehlen oft Epiphysenverdickungen, oft
auch die sekundäre Eburneation. Oder wir sehen die Kyphoskoliose als die
tndform des Körpers nach einer kindlichen Rachitis, die in der Kindheit
vollständig abgelaufen ist. Diese Fälle sehen oft dem von Müller vorge¬
stellten Fall ganz ähnlich: Keine Spur von Epiphysenverdickungen, von Bein-
deformitäten, dagegen schwache Muskeln (Demonstration eines solchen Falles).
Die Rachitis und Spätrachitis befällt nicht immer alle Knochen, sondern mit
Auswahl: Wirbelsäule und Schädel, oder Schenkelhals, oder unteres Femur¬
ende usw. Der schiefe Gesichtsschädel des Müller sehen Falles ist statisch
zu erklären, als statische Anpassung an die seitliche Verbiegung der Wirbel¬
säule, ähnlich bei Schiefhals. Auch bei Spondylitis Anpassung des Schädels
an die anteroposteriore Deformität durch Verlängerung des Schädels im
anteroposterioren Durchmesser = Spitzkopf. Desgleichen hierbei, wie bei
Kyphoskoliosen Prognathie infolge der gleichzeitigen Halslordose. Die Hohl-
tussbildung sagt mir nichts anderes, als dass keine rachitische Verbiegung des
russskelelts in dem Falle stattgefunden hat. Die Muskelschwäche zeigt sich
bei allen Dyskrasien, bei der infantilen Rachitis mit Hypotonus der Muskeln,
bei Rachitis tarda ganz allgemein, siehe die schwachen Lehrlinge, an deren
erweichtem Skelett Belastungsveränderungen auftreten, X-Beine- Coxa vara,
Schreinerskoliose. Infolge ihrer Muskelschwäche, bzw. ihrer von Haus aus
schwachen Konstitution ergriffen sie leichten Beruf (Schneider- oder Sitz¬
beruf) und blieben Schwächlinge mit dünnen Muskeln und dünnen Knochen.
Sie erfuhren an sich nicht die konstitutionsstärkende Wirkung der körper¬
lichen Arbeit (siehe K a u p s Untersuchungen von Fortbildungsschülern). In
gleicher Weise zeigen auch die Spondylitiker im späteren Leben mit einer in
der Kindheit durchgemachten schweren Spondylitis und Deformität den
konstitutionsschwachen Typus. Wahrscheinlich handelt es sich in dem
v. Müller sehen Fall doch um eine Rachitis tarda. Die neuere Auffassung
von S c h m o r 1 u. a., dass es sich bei Rachitis, Spätrachitis und Osteo¬
malazie wahrscheinlich um die gleiche Dyskrasie, nur in verschiedenen Alters¬
stufen handelt, ist sehr einleuchtend. Die weitere Forschung hat darüber das
letzte Wort zu sprechen.
Herr Oberndorfer: Nach der alten Rokitansky sehen Lehre
sollte ein Ausschliessungsverhältnis zwischen Kyphoskoliose und pro¬
gredienter Tuberkulose erwartet werden, denn bei Kyphoskoliose zeigen die
Lungen die Zeichen schwerster chronischer Stauung; tatsächlich kommt aber,
wenn auch nicht sehr häufig, schwerste Phthise bei Kyphoskoliotikern mit
schwerer Stauung vor. Der Widerspruch ist aber ein nur scheinbarer: die
Teile der Lunge, die sich entfalten können, die also nicht unter der Kom¬
pression des deformierten Thorax stehen, bleiben in der Regel frei von Tuber¬
kulose, während stärkste tuberkulöse Veränderungen, oft kavernöse Umwand¬
lungen ganzer Lappen in den am stärksten zusammengepressten Lungenteilen
zu finden sind; diese Teile befinden sich aber eben wegen der Zusammen¬
pressung nicht im Zustand der Stauung, sondern sind dauernd extrem
anämisch.
Die Tuberkulose des Kyphoskoliotikers bildet somit einen fundamentalen
Beweis für den Antagonismus von Tuberkulose und chronischer Stauung.
Herr Drachter berichtet über ausgedehnte Versuche an Hühnern, die
er wegen ihrer einendig unterstützten Wirbelsäule für besonders geeignet hielt,
um den Einfluss statischer Momente auf die Wirbelsäule zu studieren. Er
zeigte an Skeletten des Haushuhnes — bei dem Rachitis nicht Vorkommen
soll — , dass hochgradige Kyphoskoliosen, die der menschlichen hinsichtlich
Rotation und Torsion recht ähnlich sind, spontan Vorkommen, dass hingegen
die experimentelle Auslösung derart hochgradiger Verbiegungen nicht gelingt.
Verkürzung eines Beins, einseitige Entfernung von Stammesmuskeln, Zu¬
sammenziehen der Rippen einer Seite, und andere Eingriffe Hessen Jahr
nach dem Eingriff Kyphoskoliose nicht entstehen. Die Kyphoskoliose des
Haushuhns dürfte also keinesfalls durch ausserhalb der Wirbelsäule gelegene
Kräfte allein zu erklären sein, vielmehr müssen die Voraussetzungen für die
Entstehung solcher Skoliosen beim Huhn in der Wirbelsäule selbst (oder den
ihr anliegenden Teilen des Beckens) gelegen sein. Vielleicht handelt es sich
um Vorgänge, wie sie zur Erklärung des Turmschädels von R i e p i n g heran¬
gezogen wurden, d. h. um Verschiebung und abnorme Verschmelzung von
Ossifikationszentren.
Herr Fr. v. Müller betont im Schlusswort, dass die Diskussion eine
Klärung des Problems der Kyphoskoliose nicht gebracht habe. Da sich die
Kyphoskoliose nur in ganz seltenen Fällen bis in das erste und zweite Lebens-
jahr zurück verfolgen lässt, so dürfte die kindliche (eigentliche) Rachitis dafür
kaum in Betracht kommen, und es erscheint recht zweifelhaft, ob man jene
eigentümlichen dystrophischen und rarefizierenden Knochenprozesse des
zweiten Lebensjahrzehntes mit der Rachitis des frühen Kindesalters
identifizieren darf. Diese Rachitis tarda ist es aber, welche bei der
Skoliose gefunden wird. Sie steht vielleicht in Beziehung zu der Coxa vara
und den Genu valgum desselben Lebensalters. Die von Herrn Borst
demonstrierten Präparate von Kyphoskoliose zeigen dieselbe enorme Ver¬
dünnung der Rippen und die poröse kalkarme Beschaffenheit der Wirbelsäule,
wie das von uns demonstrierte Röntgenbild. Es handelt sich also um eine
eigenartige Verarmung des Knochens an kalkhaltigen Knochenbälkchen, ins¬
besondere um eine grosse Verdünnung des Knochengewebes, und das Skelett
zeichnet sich infolgedessen durch ein auffallend niedriges Gewicht aus.
Gewiss zeigen auch die hier demonstrierten Fälle von Pott scher Kyphose
eine gewisse Verdünnung der Rippen, aber doch nicht jene extreme Knochen¬
dystrophie, welche bei der konstitutionellen Kyphoskoliose gefunden wird.
Es geht nicht an, die Verdünnung der Knochen und die Armseligkeit der
Muskulatur bei der Kyphoskoliose einfach als Folgeerscheinung der Thorax¬
verbiegung anzusehen. Aus den Erörterungen einiger Vorredner könnte man
entnehmen, dass die Patienten deswegen so dünne Knochen und Muskeln
haben, weil sie durch ihre Kyphoskoliose im normalen Gebrauch ihrer
Glieder gehindert sind. Ich glaube, man wird die Anschauung geltend
machen müssen, dass sie vielmehr kyphoskoliotisch geworden sind, weil ihre
Knochen und Muskeln dystrophisch waren und sind. Die Patientinnen werden
nicht deshalb kyphoskoliotisch, weil sie Schneiderinnen sind, sondern sie
müssen ihren fiüheren Beruf aufgeben und Schneiderinnen werden, weil sie
skohotisch und muskelarm sind. Gegenüber Herrn Drachter muss darauf
hingewiesen werden, dass bei Syringomyelie, Poliomyelitis anterior und
manchen anderen Rückenmarks- und Muskelerkrankungen Skoliosen aufzutreten
pflegen, deren Genese unbedingt auf eine einseitige Atrophie und Lähmung
der Muskulatur der Wirbelsäule zurückzuführen ist.
Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 8. November 1921.
Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr Mühlmann.
Herr Welcker: Vorstellung eines Falles von W i 1 s o n scher Krank¬
heit (Amyostase).
29 jähr. verheirateter Buchdruckmaschinenmeister. Beginn des Leidens
1915 mit epileptiformen Anfällen, deshalb als d. u. vom Militär entlassen.
Nach der Entlassung Schwäche in den Beinen, Schwindelanfälle und solche
epileptiformen Charakters. Grosse nervöse Reizbarkeit März 1920 Grippe.
Seitdem Aufhören der epileptiformen Anfälle, dafür aber heftige Neuralgien
im linken Bein und rechten Arm. Seit Herbst 1920 auffallende Verschlech¬
terung der Sprache, grosse Schwerfälligkeit der Zungen- und Kaumuskel¬
bewegungen. Erlahmung von Armen und Händen, erschwerter Gang. Kopf
sinkt nach vorn über, dauernder Speichelfluss. Februar 1921 Berufsaufgabe
6. X. 1921 Krankenhausaufnahme. Befund: Innere Organe o. B. Wassermann
negativ. Pat. liegt steif ohne Bewegung im Bett, Gesicht maskenartig starr.
Blick geradeaus gerichtet, seltener Lidschlag. Linker Mundwinkel leicht
hcrabgezogen. Dauernder Speichelfluss. Sprache monoton, leicht verwaschen.
Der Kopf sinkt vornüber. Dauerndes Zittern des Unterkiefers. Nacken-
34
Nr. 1.
Steifigkeit. Grosse Beweguii^rmut. Wände. Zu-
lenken überall deutlicher Widerstand. " (irosse Rigidität der Mus¬
greifen unmöglich. Deutliche Adudoc o ■ • ‘ Sensibilitätsstörungen,
kulatur. (lang schleifend deutliche Propu sion Kerne Se^a ss; ^
Augen. Ohren normal. Intel! ge nz . normal, sowie im
Elektrische Erregbarkeit
normak F,„
I”, f"m7e 1ÄÄSÄH
le«l inaethalh »enirrer M.naie bis Jahre^
tJisjx b i
2»äääSSä
^Ä«SSÄ«^ 'gMÄÄ
Ä^SÄrJÄ1»' v& äs
5Ä!fI.“^SblÄ-äÄ.m,,J.U.: Keine Fiste,, nornrale fc.
SS“'Q«^>«*.»>'t"“ ♦ Pl“d • , .
■sÄärtJsrvft!«?« &
ans «Meter Ste'luns a.irichleie, m.t Bdnen" «5lfaa«llnt.
Eisenkante, er fiel sotortumunowd der Scheitelhöhe befand sich
PilMiilÄ
*■1»!
Reflexe und ^lektrijche "de'uUiehe Fis^rHrüe Sn" l^mt-
ISSgs^-li-SSSi
Hals- bzw oberen Brustmark Vorgelegen hat. ... 1U
r‘ Herr Schallehn: Demonstration eines exstirpierten Uterus grav.dus
in sext. mens, einer 27 jährigen Frau mit Portiokarzinom.
HPrr N ei ss er- Ueber Hei ne- Med in sehe Erkrankungen.
Ein Dutzend Fälle, die im letzten halben Jahr beobachtet worden sind,
zeichnen sich aus durch das Vorwiegen aufsteigender, auch abst®lge"d®
L ährnungen Landry scher Paralyseformen, die mitunter noch nach Ablauf
desHeberhaiten Stadiums deleiät »e, lauten. Andere w.eto te.ch.en smh u„
.55
*«•••*»? w» di.
Säjkk ä WS K^ÄSÄ
Fnrm jpr Fnzenhalitis mit der Poliomyelitis auftreten. ...
F Gerade dieser letztere Umstand spricht dafür, dass alle diese infektiösen
Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die uns seit dem ersten Amtreten
der Influenza in den neunziger Jahren nicht verlassen haben zwar nicht
identische Krankheiten sind, aber auf gemeinschaftlicher Grundlage beruhen
Das jetzt wieder häufiger werdende Vorkommen von Infbienzabazillcn. auch
E? Gesunde!), gibt viefl.iclu einen Hinveis
A„«snrnche- Herr 0. Meyer: Ich stimme mit Herrn .n c 1 s s c 1
darin überein, dass Beziehungen zwischen der H e i n e - M e di n sehe n Er¬
krankung und der Encephalitis lethargica bestehen müssen. Dieser An nch
habe ich schon vor 2 Jahren auf der Tagung der P ’o m m e rsc he n
Neu ol ogis chen Gesellschaft und in dem Abschnitt : Ueber
Heine - NlVd ihn sehe Erkrankungen im S«V WeUk* le * e s
AuasdrJckUgCeJebenr Die histologischen Befunde' "sind "zwar nicht in allen, aber
. SäM ,‘ffr
Befunde in jedem Falle so charakteristisch wären, dass man daraus mit
Sicherheit die Diagnose Heine-Medin oder Encephalitis^
könnte Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen. Bedauerlich ist, dass wir
gegenwärtig, wo wir die beiden Erkrankungsformen in seliaufterein .Masse
SuÄ
Das 's p rieht nach meiner Ansicht, aber abgesehen davon dass die Zahl de
•ingestellten Tierversuche wohl nicht genügt, nur dafür, dass das Virus ,der
pSSeims St identisch ist, mit den, de, •
Demgegenüber fordert die Tatsache eine Erklärung, dass beide Erk
kungenim Anschluss an die grosse I nf 1 uen z a e pid eme
in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts und wiederum jetzt epi-
SÄ1 nichtKderCgiringstI' Üs für di{u Umber schuft ^Jnflue^abazmus
kun°gnenerWmuhsnste £*££1"*» «“f f“r % ^
lethfScn ein dem Poliomyelitisvirus nahe verwandter Erreger ,» Betracht
kommt, r s , „ „ „ 0 ?e, Umstand da« , di. 5™^® Ä.Ä
mmmm
d Die ersten Krankheitserscheinungen machen sich nicht nur im Halse und
den Respfrationsorganen. sondern bänlig in de» Verdannngsorganen d r B -
fallenen bemerkbar. Wenn man danach mit Eduard Mulle, einem ae
ssr äj? sw: =ar &£
sehr hinfällig, gegen Kälte ziemlich resistent. handelt sind Des.
Da es sich hiernach sicher um ein infektiöses Virus handelt, sind
infektionsmassnahmen am Krankenbett und auch nach Ablauf der Krankhe.t
an gezeigt. q Sch5ne erinnert an die Arbeiten von Eduard Mül ! er
Marburg und weist darauf hin. dass die meisten Epidemien bisher das , LanJ
mid dif kleineren Städte gegenüber den grossen Städten bevorzugt haben.
Audi sind die Epidemien im Winter meist stark zurückgegangen. Diese
mente S sind im Augenblick für Stettin von prognostisch günstiger Bedeutung.
Immerhin empfiehlt es sich strenge Vorsichtsmassregeln zu t reff ien.
Herr G Freund hat im letzten Vierteljahr 4 frische raue von
Poliomyelitis in der Privatpraxis gesehen. Er schlagt, um ein einheitliches
Vorgehen der Aerzte dem Publikum gegenüber zu ermöglichen, vor. die
Ansteckungsgefahr (Schulbesuch der Geschwister etc.) ebenso wie beim
Scharlach als 6 Wochen dauernd zu bezeichnen. ....
Beschluss eines Rundschreibens durch den Aerzteausschuss an die Aerzte.
In der Sitzung des wissenschaftlichen Vereins der Aerzte vom b No¬
vember ist die Anregung gegeben worden, dass sämtliche Falle von Ence-
nhalitis ’ethargica Poliomyelitis anterior (essentielle Kinderlähmung), auf-
steigender Lähmung und ähnlichen Erkrankungen dem Kreisarzt gemeldet wer¬
den Bei der Bedeutung der Erkrankung und bei der starken Beunruhigung
der Bevölkerung bitten wir, diesem Wunsche nachzukommen und auch die¬
jenigen Fälle namhaft zu machen, die im Laufe dieses Jahres in Ihre Be¬
obachtung gelangt sind.
Herr Schmidt: Ueber Morbus Basedow.
Referat nicht eingegangen. .. .
Herr Neisser: Ueber perniziöse Anämie.
Erscheint als Originalartikel.
Kleine Mitteilungen.
Ein neues Zahnradstativ zur Quarzlampe nach Prof. Kromayer.
Die Quarzlampengesellschaft Hanau a. M. stellt uns nachstehende Ab¬
bildung und Beschreibung eines neuen, Stativs zur Quarzlampe nach Kro¬
mayer zur Verfügung:
Das von Dr. C e m a c h -
Wien angegebene Stativ ist mit
Zahnstange und Zahnradtrieb zur
Feinverstellung in horizontaler
Richtung versehen. Die zarte
Verstellungsmöglichkeit ist ge¬
genüber der alten Stativanord¬
nung eine grosse Verbesserung.
Die Verstellung geschieht durch
die beiden Handräder. Das Ge¬
wicht des Mechanismus und der
Lampe ist durch ein im Innern
des Stativrohres gehendes Ge¬
gengewicht aufgehoben, wodurch
leichter Gang und Feststellen
ohne weiteres in jeder einge¬
stellten Höhe erreicht wird.
Feststellschrauben gestatten aus¬
serdem das absolute Feststellen
in der gewünschten Höhe. Be¬
sitzer von Kromayerlampen, die
mit dem Stativ alter Art ausge¬
rüstet sind, können das neue
Zahnradstativ nach Dr. Ce-
mach auch nachbeziehen; die
existierenden Lampen passen
ohne weiteres in das neue
Stativ. Es wird bei nachträg¬
lichem Bezug ein ganz neues
Stativ geliefert; die vorhandenen
Lampen und vorhandenen Wi¬
derstände (bei Gleichstrom)
bzw. Transformatoren (bei
Wechselstrom) können weiter¬
benutzt werden. Die Herstel¬
lerin ist die Quarzlampen-Ge-
sellschaft m. b. H„ Hanau am
Main.
6. Januar 1922.
35
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ueber eitrige Orchitis, durch den Micrococcus
m e I i t e n s i s verursacht, berichten Pierre L o in ba r d und Maurice
B e g u e t (Presse mddicale 1921 Nr. 76). Im Verlaufe des, durch den Micro¬
coccus melitensis verursachten Mittelmeerfiebers beobachtet man in etwa
5 6 Proz. der Fälle Komplikationen an den Geschlechtsorganen. Orchitis,
Orchi-Epidydimitis, die durch ihre kurze Dauer (2 — 3 Wochen) und durch
Gutartigkeit charakterisiert sind, nur ganz ausnahmsweise wurde Eiterung
beobachtet, wofür Verfasser ein Beispiel anführen und wo im Eiter der
Micrococcus melitensis im Reinzustand gefunden wurde und die Heilung sich
nach erfolgter Inzision so lange verzögerte, dass schliesslich Kastration vor¬
genommen werden musste. Die Diagnose dieser spezifischen Orchitis ist nur
durch den mikroskopischen Lokalbefund möglich und klinisch kämen be¬
züglich der Differentialdiagnose typhöse, paratyphöse, Meningokokken-, Para¬
meningokokken- und tuberkulöse Orchitis in Betracht. Zur rechten Zeit be¬
kannt., könnte die eiterige Melitokokkenorchitis in ihrem Zerstörungsprozesse
durch Serum- und Impfbehandlung aufgehalten werden; die bezüglichen Unter¬
suchungen von Ser ge nt und L’heritier haben sehr interessante Re¬
sultate ergeben, welche nicht nur verringerte Häufigkeit der eiterigen Kom¬
plikationen, sondern sogar Stillstand des schon vorhandenen Eiterungsprozesses
hoffen lassen. St
.Venenpunktion und Sterilisation der Stahlnadeln
in Chloroform-Paraffin behandelt Paul L e v y (Presse medicale
1921 Nr. 78). Die Lösung, welche L. zur Sterilisation der Stahlnadeln
empfiehlt, ist 3 proz. Chloroform-Paraffin, welches den Vorzug der Einfachheit
hat und das Metall im Gegensatz zur Sterilisation in der Hitze (Flamme oder
Dampf) nicht angreift; das Paraffin, das die Nadelöffnung nach Verdampfung
des Chloroforms umgibt, unterstützt in hohem Masse den Ablauf des Blutes
und ermöglicht, ganz feine Nadeln zu benützen, woher wiederum Leichtigkeit
und Schmerzlosigkeit des Einstichs und die Möglichkeit, mit Erfolg auch die
kleinen Venen bei Frauen, Kindern und Säuglingen zu punktieren. St.
Therapeutische Notizen.
Walter Jacobi - Jena teilt zur Frage der e n d o 1 u m b a 1 e n S a 1 -
varsantherapie mit, dass in der psychiatrischen Universitätsklinik in
Jena 2 Patienten im Anschluss an die endolumbalen Salvarsaninjektionen,
die mit allen von Genneri ch geforderten Vorsichtsmassregeln gemacht
wurden, zugrunde gingen. In beiden Fällen ergab die Sektion auffallend
starke Füllung der Piagefässe und in den Maschen der Pia stecknadelkopf-
bis linsengrosse Blutungen, neben denselben Leukozyten- und Lymphozyten¬
infiltrate.
Es besteht kein Zweifel, dass die endolumbale Injektion zu diesen
schweren Reizzuständen geführt hat und dass dieselbe als ein sehr schwerer
therapeutischer Eingriff zu bezeichnen ist. (Therapeutische Halbmonatshcfte
1921, 10.) H. Thierry.
Curt Wachtel- Breslau teilt aus dem dortigen pharmakologischen
Institut Versuche mit, die über die Giftigkeit der Lupinen gemacht
wurden. Das Tjerexperiment ergab, dass die per os genommenen Lupinen
vollkommen unschädlich sind, so dass ihrer Beimengung zum Brot kein Be¬
denken entgegensteht. (Ther. Halbmonatshefte 1921, 11.) H. T h i e r r y.
Studentenbelange.
Promotionsgebühren an den deutschen Universitäten.
Eine Umfrage über die Höhe der Promotionsgebuhren an den deutschen
Universitäten hat ergeben, dass diese im allgemeinen der durch die Geld¬
entwertung bedingten Preissteigerung noch nicht gefolgt sind. Die Gebühren
für den Liz. theol. schwanken zwischen. 185 M. (Berlin) und 600 M. (Giessen)
meist etwa 250- — 400 M„ die für den Dr. theol. zwischen 340 M. (Bonn) und 600 M.
(Giessen und Leipzig), meist ungefähr 450 M. Für den Dr. jur sind 340 M. (Bonn.
Frankfurt) bis 800 M. (Leipzig) zu zahlen, gewöhnlich ungefähr 350 — 500 M.
Die Kosten des Dr. rer. pol. schwanken zwischen 300 M. (Leipzig) und
600 M. (Giessen). Ein D r. me d. hat in Leipzig 320 M., in Giessen 600 M.
zu bezahlen, meist zwischen 350 und 500 M., ein Zahnarzt im allge¬
meinen etwa dasselbe oder etwas mehr als ein Mediziner. Teuer ist der
Dr. med. vet. : 400 M. in Hamburg, 960 M. in Leipzig. Dagegen ist der
Dr. phil. wieder billiger: Kiel: 200 M., Giessen 600 M., meist 250 — 400 M.
Ausländer zahlen teilweise noch denselben Betrag, teilweise bis zum drei¬
fachen, in Wiirzburg das Zehnfache. Da eine Ausgleichung wohl nur durch
Erhöhung der niedrigen Gebühren möglich wäre, ist sie vom Standpunkt des
Promotionsrechtes aus wohl nicht zu begrüssen. (Aus „Hochschulbeiiage der
Deutschen Ztg.“) v. V.
Studentische Selbstbesteuerung.
Auch an der Heidelberger Universität ist, wie in Tübingen, eine Selbst¬
besteuerung der Studenten durchgeführt. Das Ergebnis betrug im Sommer¬
semester 1921: 9654 M„ im Wintersemester 1921/22: 6158 M„ also 3496 M.
weniger als im vorigen Semester. v. V.
Herdergesellschaft in Riga.
An der Universität Dorpat werden noch verhältnismässig viele Vor¬
lesungen in deutscher Sprache gehalten, während die Regierung Lettlands
die kulturellen Belange der deutschen Minderheit nicht berücksichtigt. Die
Deutsch-Balten sahen sich daher genötigt, sich ein Institut zu gründen, das
im Rahmen einer Volkshochschule den Lehrgang der Universität in den für
die Deutsch-Balten besonders wichtigen Gebieten ergänzen sollte. Als jedoch
das Volkshochschulwesen der freien Verfügung der nationalen Minderheiten
entzogen wurde, wählte man, um nicht dem Chef des lettischen Bildungs¬
wesens unterstellt zu werden, die Form einer wissenschaftlichen Gesellschaft,
die in regelmässigen Kursen ihren Mitgliedern Gelegenheit gibt, sich auszu¬
bilden. In feierlicher, ernster Versammlung gründete man sich am 19. Sep¬
tember als „H erdergesellschaf t“, und diese jüngste deutsche ,, Uni¬
versität“ im Baltenlande zeigt, sowohl durch Auswahl des Lehrplanes als
durch Zahl de>' Hörer ihre Daseinsberechtigung. Unter dem Rektorate von
Exzellenz Prof. Dr. Sokolowski haben sich bisher etwa 300 Hörer ein¬
getragen. Im Vordergründe stehen die philosophischen Vorlesungen, be¬
sonders Theologie und Germanistik. Geplant ist eine Abteilung für neuere
Geschichte Osteuropas mit besonderer Berücksichtigung der baltischen Ver¬
hältnisse. Der Nationalökonomie dienen Vorlesungen über Agrarreform. Das
Semester begann am 19. September und dauerte bis Weihnachten. Das nächste
Semester beginnt am 25. Januar und geht bis zum 1. Mai. (Aus der „Deutschen
Hochschule“.)
Wir Reichsdeutschen können diese tapfere kulturelle Tat der Deutsch¬
balten nur mit grösster Freude und Bewunderung begrüssen. Wir lernen
daraus, was deutsche Tatkraft auch in Zeiten grösster Not vermag. Durch
die Agrarreform und die Unterdrückung deutschsprachigen Unterrichtes wurde
die Axt an das Deutschtum im Baltikum gelegt. Wir hoffen, dass das
Herderinstitut in Riga bei dem Wiederaufbau deutscher Kultur in den Ostsce-
provinzen eine kräftige Hilfe sein wird. v. V.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 3. Januar 1922 *).
In den Mitteilungen des Volksgesundheitsamtes (Wien) gibt der mit
der Leitung des österreichischen Unterrichtsamtes betraute Vizekanzler die
Einführung eines wöchentlichen obligaten Freiluft¬
nachmittags und eines monatlichen Wandertages an
den Mittelschulen (Gymnasien aller Arten, Realschulen und Mädchen¬
lyzeen) bekannt. Die Freiluftnachmittage sind von Hausaufgaben frei zu halten
und sollen während zweier Stunden dem Turnen, Schwimmen, Schneelauf und
Spiele gewidmet sein. Auf freudige Mitarbeit der Schüler ist grösster Wert
zu legen. Der monatliche Wandertag soll halb- und ganztägigen Lehrwande¬
rungen und Ausflügen dienen, die ebenso wie den, unterrichtlichen Erforder¬
nissen jedes Faches, so auch „reiner Wanderfreude und Wanderkunst“ und
solchen Leibesübungen Rechnung tragen sollen, zu denen ein ganzer Tag er¬
forderlich ist. Weite Fahrten mit hohen Kosten sollen zurücktreten hinter
dem Kennenlernen der engeren Heimat und zu Gunsten des erzieherischen
Wertes einfacher und bescheidener Lebensweise im Freien. Besonders betont
wird noch in dem Erlasse, dass einer Sport- und Wanderfreudigkeit der
Schulen über das festgelegte Mindestmass hinaus natürlich hiedurch keine
Schranke gesetzt werden, soll. — Der Erlass "scheint uns eines guten Geistes
zu sein und dürfte, richtig ausgeführt, bei der Jugend selbst frohen Anklang
finden, denn er betrachtet Natur und Leibesübung nicht nur als Mittel zu
irgendeinem mehr oder minder praktischen Zwecke, sondern er erkennt auch
den lebendigen Eigenwert von Körperkultur und Wandern, dem er den Rang
einer Kunst einräumt, die erlernt werden muss — so wie es der rechte
Wandervogel schon lange übt.
— Man schreibt uns aus Erlangen: Am 11. Dezember fand in der
Aula der Universität anlässlich der Eröffnung des erweiterten
zahnärztlichen Instituts und Unterrichts ein Festakt statt,
an dem die gesamte Universität sowie die zahnärztlichen Vertretungen aus
ganz Bayern und aus dem Reich, ferner Vertretungen der staatlichen und
städtischen Behörden und zahlreiche Gäste teilnahmen. Nach einer die Feier
eröffnenden Ansprache des Rektors der Universität hielt der Direktor des zahn¬
ärztlichen Instituts, Prof. Dr. R e i n m ö 1 1 e r, eine Rede über den zahn¬
ärztlichen Unterricht und die zahnärztliche Fortbildung. Insonderheit gedachte
er dabei der Verdienste seiner Vorgänger und teilte mit, dass ihm die Er¬
weiterung des Instituts durch die grosszügige Unterstützung seitens der Firma
R e i n i ger, Gebbert & Schall, besonders ihres Generaldirektors
Dr. Zitzmann ermöglicht worden sei. An den Stiftungen für das Institut
beteiligten sich ausserdem die Firmen Wienand t- Sprendlingen, Wagner-
Nürnberg, Grötsch und K ü n n e t h - Nürnberg. K ü g e m a n n - Nürnberg
und Zimmermann - München. Die im zahnärztlichen Bezirksverein Nürn¬
berg, Franken und Oberpfalz zusammengeschlossene Zahnärzteschaft stiftete
den Betrag von 100 000 M. Die Gesamthöhe der Stiftungen ü^ersteigt die
Summe von 800 000 M. Weitere namhafte Stiftungen für das Institut stehen
in Aussicht. Mit der Erweiterung des Instituts ist auch die Dreiteilung des
Unterrichts durchgeführt worden. In Anerkennung ihrer hervorragenden
Leistungen zur Hebung der wissenschaftlichen zahnärztlichen Ausbildung
wurden, wie schon gemeldet, die Zahnärzte Fr. L i n n e r t - Nürnberg und
G. W e i b g e n - Nürnberg zu Doktoren der Zahnheilkunde ehrenhalber er¬
nannt.
Kurz vor Jahresschluss ist die Frage der freien Arztwahl bei
den Bahnkrankenkassen in Bayern akut geworden. Die Mit¬
gliederversammlung des Vereins bayerischer Bahnärzte vom 27. November
v. J. in Würzburg hat einen Antrag auf Einführung der freien Arztwahl bei
diesen Kassen mit erheblicher Mehrheit abgelehnt, was zur Folge hatte,
dass die Bahnärzte des Direktionsbezirkes Nürnberg (mit einer Ausnahme)
ihren Austritt aus dem Verein erklärten und den Landesausschuss bayer.
Aerzte mit der Vertretung ihrer Interessen gegenüber den zuständigen Ver¬
waltungsbehörden betrauter!. Damit hat sich eine Spaltung in der Organi¬
sation der bayerischen Bahnärzte vollzogen. Der Landesausschuss seinerseits
hat in einem offenen Brief an den Verein bayer. Bahnärzte diesen daran
erinnert, dass sein Beschluss vom 27. November den Beschlüssen deutscher
und bayerischer Aerztetage entgegensteht, die die gesetzliche Festlegung
der organisierten freien Arztwahl gefordert hätten und dass seine Mitglieder
als Mitglieder der bayer. ärztlichen Standesorganisation an diese Beschlüsse
gebunden seien. Er spricht die Hoffnung aus, dass durch den Austritt mög¬
lichst vieler Bahnärzte aus dem Verein bayerischer Bahnärzte ersichtlich
werde, dass die bayerischen Kollegen in einer Stunde der Entscheidung ihrer
Standesorganisation die Treue halten. Er erkennt aber auch die Notlage einer
grossen Anzahl alter Balmärzte an, deren Sorge, bei Einführung der freien
Arztwahl ihre Existenz zu verlieren, begründet erscheint. Der Landesaus¬
schuss verspricht daher diesem bestehenden Notstand der alten bewährten
Bahnkassenärzte Rechnung zu tragen. — Nur die Erwägung, dass die Ein¬
führung der freien Arztwahl bei den Bahnkrankenkassen einer Anzahl älterer
Kollegen das sichere Brod, auf das sie angewiesen sind, rauben könnte,
ohne den zahlreichen an ihre Stelle tretenden jüngeren Aerzten eine ge¬
nügende Existenz zu bieten, hat viele Aerzte veranlasst, zur Frage der
freien Arztwahl bei diesen Kassen eine besondere Stellung einzunehmen. Wenn
es dem Landesausschuss gelingt, die Interessen jener Kollegen bei Einführung
der freien Arztwahl zu wahren, so kann er in der Tat hoffen, die gesamte
, *) Eines katholischen Feiertages wegen musste diese Nummer einen Tag
früher fertiggestellt werden.
36 _
Aerzteschaft bei seinem Eintreten für die freie Arztwahl, bei den Bahn-
krankenkasse^ hinter ^sich ^haben. ksverein München - St a d t hat
in seiner Sitzung vom 21. Dezember 1921 beschlossen, den Jahresbeitrag
dnschbesslich des Beitrags für den Invalidenverein (20 M) und für den
A e r 7 1 e v^r e i n sb und (10 M ) auf 50 M. zu erhöhen. Ausserdem wurde ein
besonderer Antrag auf Erhöhung des Beitrages für d len
bestehende Opposition vermochte ihre Kandidaten für die Stellen des 1.
II Vorsitzenden durchzusetzen; nachdem jedoch die gewählten Beisitzer d
Wahl ausschlugen verzichteten auch jene, so dass eine zweite Wahl, die im
Hnunr stattfinden soll! nötig ist. Die denkwürdige Sitzung zeigte, welche
Macht den jungen Kollegen im ärztlichen Standesleben zukommt, wenn sie
davon^ Gebrauch z^machen^wanschen.« b e , k u , 0 s e g , s „ t „ s soll dem-
klinik zu Düsseldorf, Moorenstrasse, eine Versammlung der Vereinigung
niederrheinisch-westfälischer Kinderärzte statt. Änrneidungen von Vortrage
und Demonstrationen werden erbeten an den Vorsitzenden Dr. Th. Hoff a,
Barmen, Wertherstrasse. i „ n t n n i vr,r
— In Haiti wurde ein Gesetz angenommen, das die I m p f p flieh t vor
schreibt. Jedes Kind muss innerhalb dreier Monate nach der Geburt geimpft
werden- die Impfung muss alle 7 Jahre wiederholt werden. .
_ ’ Zum Vorsitzenden der amerikanischen. Chirurgenvereinigung wurde
Hirvpv Cushing - Boston gewählt. „ .1
_ rjje dritte TagungfürVerdauungs-und Stoffwechsel¬
krankheiten wird ihre Sitzungen am 28. und 29. April in B a d Horn -
bürg abhalten Behandelt werden die beiden Themata: Gallensteinleiden
Snd Beziehungen zwischen Störungen der Kreislaufs- und Verdauungsorgane.
Anmeldungen zur Aussprache an den Vorsitzenden Herrn Geh. R<
v N o o r d e n. Frankfurt a. M„ Hans-Sachs-Str. 3.
‘ —Pest Italien In Torre Annunziata (Provinz Neapel) starb am
29. September ein Arbeiter eines Betriebes der sich mit der Verwertung
von Müllereirückständen befasst; die Leichenöffnung ergab Pest. Fe n
wurde am 24. Oktober in Catania 1 Pesttodesfall festgestellt.
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 11. bis
17. Dezember wurden 141 Erkrankungen festgestellt, und zwar in Frankfurt
a O 139 (bei Wolgadeutschen), in Stettin und Osternothafen (Kreis Usedom-
Wollin, Reg.-Bez. Stettin) je 1 (bei Heimkehrern). - Oesterreich Vom
27. November bis 3. Dezember 2 Erkrankungen in Oberosterreich (Stadt Linz).
— In der 49. Jahreswoche, vom 4. 10. Dezember 1921, hatten vo
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Wiesbaden
mit 25,0, die geringste Neukölln mit 6,2 Todesfällen pro Jahrv|!I{|d ^°Q0_^‘n"
wohner.
Hochschulnachrichten.
Erlangen. An der Erlanger Universität wurde eine funfgliedenge
Pressekommission gebildet, in die die med. Fakultät Herrn Prof Dr. Oskar
Schulz abordnete. — Der Assistent der psychiatrischen Klinik der Univer¬
sität Erlangen, Privatdozent Dr. Gottfried Ewald, ist zum etatsmassigen
Oberarzt daselbst ernannt worden, (hk.) „ ..
Greifswald. Prof. Hermann Straub, Vorstand der med. Poli¬
klinik Halle wurde zum Nachfolger von Prof. Dr. M o r a w 1 1 z als Vorstand
der medizinischen Klinik berufen. Die Liste lautete: Straub, 5tepp,
Grafe primo loco; Siebeck, Gross secundo loco; B 0 h m, Ass-
Heidelberg Den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät
der Universität Heidelberg, Dr. med. Erich Frhr v. R e d w i t z ^h’rurK'^
Dr. Hermann Freund (Innere Medizin und Pharmakologie), Dr. Heinrich
Eymer (Geburtshilfe und Gynäkologie), Dr. Viktor Frhr. v. W e 1 z s a c k e r
(Innere Medizin). Dr. Arthur Meyer (Chirurgie) und Dr. Ernst Freu d e n -
b e r g (Kinderheilkunde) wurde die Dienstbezeichnung ausserordentlicher ro-
fessor verliehen, (hk.) , . „ . „ D,.„t„cc„r
Würzburg. Der mit dem Titel und Rang eines a. 0. Professor
bekleidete Privatdozent und Konservator am physiologischen Institut der
Universität Würzburg, Dr. Dankwart Ackermann, ist vom 1. Januar 1922
ab zum etatsmässigen ausserordentlichen Professor der physiologischen
Chemie ebenda ernannt worden, (hk.) _
Wien Der Privatdozent der Universität Wien, Dr. Casar A m st e r,
hat einen Ruf als ordentlicher Professor für experimentelle Pharmakologie an
die neue lettische Universität Riga erhalten und zum Sommersemester 1922
angenommen.
Todesfälle. ,, ...... „
In Marburg starb am 27. Dezember 1921 Dr. Max L 0 h 1 e 1 n. Pro-
fessor der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie, als
ein Opfer seines Berufes im Alter von 44 Jahren. Der Verstorbene trat
im Jahre 1902 in das Pathologische Institut in Leipzig ein, dem er, mit
mehreren Unterbrechungen durch kürzere Aufenthalte in Berlin und in Paris
. zu Studienzwecken und einen längeren in Kamerun als Regierungsarzt, als
Assistent als Privatdozent und als ausserordentlicher Professor angehorte,
bis er einem Ruf als Prosektor am städt. Krankenhaus in Charlottenburg
folgte Während des Krieges war L ö h 1 e i n als Armeepathologe im Osten
tätig und wurde sodann an die Universität Marburg berufen. Sem Arbeits¬
gebiet betraf ausser bakteriologischen Untersuchungen hauptsächlich d.e patho¬
logische Anatomie der Nierenkrankheiten und der Infektionskrankheiten
(Dysenterie). Mit Löhlein ist einer der erfolgreichsten jüngeren Patho¬
logen und eine liebenswürdige Persönlichkeit vor der Zeit dahingeschieden.
In Düsseldorf verschied im Alter von 60 Jahren am 23. v. M. der
ärztliche Direktor der städt. Krankenanstalten, Generalarzt a. D. Dr. Wilhelm
C 1 a s s e n. (hk.) , , , , „ , _ ., ...
In Dresden starb am 14. Dezember 1921 hochbetagt Geh. Samtatsrat
Dr. O e h m e, ein in der Stadt sehr bekannter und beliebter Arzt.
(Berichtigung.) In der Arbeit von Weick sei: Ueber die
Lymphozytose in 1921 Nr. 51 d. W. ist auf S. 1643, II. Abschnitt, Zeile 7 8
statt hohe oder niedere L e u k 0 zytenzahl zu lesen L y m p h 0 zytenzahl
Korrespondenz.
Noch einmal : Untersuchungen über den Einfluss der schwedischen Spann-
beuge und der K I ap p sehen Tiefkriechstellung auf die Wirbelsäule.
Von Med.-Rat Prof. Dr. Müller, Preuss. Hochschule für Leibesübungen.
Herr Prof James Fränkel macht mich darauf aufmerksam, dass die
Folgerungen aus meinen Untersuchungen, mit denen er vöUiK “ber.einf™^
eine weitere Bestätigung seiner Ausführungen in seinen Arbeit er 1. „Lokali¬
sation der Umkrümmungen“ und andere „Forderungen n der bk°llose, b
handlang“ in Nr 5 der M.m.W. 1909 und „Ueber Mobilisierung des Brust¬
körbe!;“ in Nr 28 der M.m.W. 1909 sind. Meine kleine Studie sollte nicht
weiter in das orthopädische Fachgebiet eindringen, sonst hatte ich den her¬
vorragenden Anteil, den Prof. Fränkel am Ausbau des K 1 a p P sehen
Kriechverfahrens durch Anfügung der Tiefkriechübungen hat, auseinander-
geseu! AudT glaubte ich. dass dieser Anteil der Aerztewelt bekannt wäre
Nähere Aufklärung findet man in den erwähnten beiden Artikeln und
Klapp: Funktionelle Behandlung der Skoliose, 2. Auflage.
Weihnachtsgabe für arme Arztwitwen in Bayern.
8. Gaben Verzeichnis, zugleich Quittung.
Uebertrag: 50 591.75 M. und 1 Dollar.
Bez.-Verein Koburg 500 M. — D ü rr i n g -Feucht 20 M. — «ä nSs -
b a u e r - Nürnberg 20 M. — Hans G 1 u 1 1 n i - Kempten 50 M Landge^
Arzt H a u s 1 a d e n - Eichstätt 20 M. - Fr. H 0 f m a an - NmnbergJO M
Kassenarztverein Kissingen 250 M. ~ K r a 5 * ‘ P£ltlng,n10M M‘ M e v e r
K r e z - Reichenhall 50 M. - San.-Rat M a s u r- Koburg 20 M-Mey r
München 20 M. - Nu ssb au m- München 50 M. ^°*ienbacl^r
Fürth 30 M. — Ferd. R e n n e r -Deining 30 M. — O. R_e "n e r
10 M. — Bez.-Arzt S a u e r t e 1 g.- Nürnberg 100 M.
Törwang 50 M. — Scheel- Uebersee 20 M. — Schiffer - Ruhpolding
2(1 M. - Schmid- Altötting 50 M. — Graf v. Schonborn - WiesentheiJ
200 M. - Hofrat T h e i 1 e - Hof 30 M. — w ü r dl n ge r ‘ Haag 20 ^ _
Buff-München 50 M. - Prof. E i s en re 1 ch -München 100 M. _
Fries- Augsburg 25 M. — Bez.-Verein Furstenfeld.bruck 100 M.
Haube r-Arnstorf 50 M. — H e i d 1 0 f f - München 10 M. — San-R.
Hitzelberger - Kempten (abgel. Honor. d. H. Dr. L 0 r e n z - Obergünz-
burg) 50 M. — Le itn er -Erding 50 M. — J^ut®cH1er - Kempten 50 M.
— Peckert-Grafing 50 M. — Bez.-Arzt R a uh -Erding 30 M — Jos.
Schmid- Schongau 25 M. - Bez.-Arzt Sc h w ab - Schwabmunchen 25 M.
— Uebelhoer - Windsheim 20 M. — W 1 1 s c h e 1 - Nürnberg 15 M. _
B a y r - Wemding 30 M. — Geh.-R. Prof. Denk er -Halle 1 . .
Fromm- München 50 M. — San-R. G 1 e 1 s s n e r - Kissingen 50 M. —
Horn-München 20 M. — K a s p a r - Nürnberg 30 M — Martius-
Amberg 50 M. — M e r k 1 - Amerdingen 25 M. — Prof. Mutzer - München
100 M' — Hofrat S c h e i d e m a n d e 1 - Nürnberg 25 M. — Landger.-Arzt
Schultz-Bamberg 50 M. - T h 0 m s e n - Rüdenhausen 30 M. — Wilh.
Sehre in e r - Sitnbach 20 M. — A u g s b e r g e r - Schnaittach 20 M.
C e 1 1 0 - München 50 M. — D i r n h 0 f e r - Tauberzell 15 M. E c k -
Brückenau 50 M. — E r r a s - Kolbermoor 20 M. — G r a s r ein e r - Plancgg
100 M _ Hand wer c k - München 25 M. — M. H. in München 90 M.
— K 0 e r b e r - Bayreuth 50 M. — M a y e r - Sommerhausen IC I M. —
Muggenthaler - München 30 M. — Ob.-Reg.-R. R o h me r - Würzburg
50 M. - Rosenthal- Kempten 50 M. — S c h 1 1 r f - Heidingsfeld 20 M.
— Eleonore Schmidt- Augsburg 100 M. — W 1 m m e r - München 10 M.
— San.-R. A 1 1 w e i n - München 100 M. — Rieh. Beck- Nürnberg 40 M —
Bez.-Arzt C 1 e s s i n - Germersheim 100 M. — San.-Rat Eberter - Althus-
ried 20 M. — Arthur J. Hirsch- München 50 M. ^eTztl-, Pez,l
Hof 1095 M — Hübner - Passau 20 M. — Körner - Oberelsbach 20 M.
— Kraus- Regensburg 20 M. — Ob.-Med.-R. Maar- Kissingen 30 M —
Müller- Gerolshofen 25 M. — Munker- Grönenbach 30 M. — San.-Rat
Neger- München 20 M. — Prof. P o 1 a n o - 200 M. Bez.-Arzt R i t ter-
Neustadt a. WN. 20 M. — R o t h II - Bamberg 30 M. — Spieler - München
25 M. — Schoenhueb - Geisenhausen 20 M. — Ob.-Med.-R. Sch w e l n -
b e r g e r - Traunstein 25 M. — Stein- Prien 25 M. W o 1 1 er s - Unter¬
ammergau 20 M. — Z a n 1 1 - Nandlstadt 50 M. — C o r n e t - Reichenhall
200 M — Aerztl. Bez.-Ver. Erlangen 176 M. — Essig- Simmerberg 30 M.
— Förster- Schöllnach 25 M. — Griessmann - Nürnberg 50 M. —
Hofrat H e i n 1 e i n - Nürnberg (abgel. Honor.) 100 M. - Hintermaye r -
Grafing 50 M. — Ob.-Med.-Rat K u n d t - Deggendorf 50 M. — San.-R.
Lohrer- München 25 M. — San.-R. Heinr. Pinggera- München (abgel.
Kollegenhonor.) 30 M. — R e i c h o 1 d - Weissenborn 50 M. — Schnabel¬
mai r - Ortenburg 50 M. — Kassenarzt-Vereinigg. Schweinfurt 500 M. —
Ungenannt München (Honorarablösung für Prof. Böhm) 300 M. — Mich.
Wassermann - Bamberg 50 M. — Weber- Kirchheimbolanden 10 M.
— Käthe Weiner- Nürnberg 20 M. — Käthe Weiner- Nürnberg (abgel.
Honorar von Herrn Kennerknecht) 30 M. — Ob.-Med.-R W o h 1-
muth - München 20 M. — Alkan- Coburg 50 M. — Bank f. Hdl. u. Ind.
Augsburg ohne Namensnennung 30 M. — Hanns B a u e r - Landshut 10 M.
— Prof. Burkhardt -Nürnberg 500 M. — D e i d e s h e l m e r - Passau
100 M. — Hof.-R. D o e r f 1 e r - Regensburg 100 M. — Aerztl. Verein
Straubing 300 M. — San.-R. Döring- Bayreuth 30 M. — S t e i n b e r g e r-
Bayreuth 25 M. — S a c k - Bayreuth 50 M. — K e r n - Pirmasens 30 M. —
Kassen-Ver. Königshofen.Grabfeldgau 120 M. — Un^enannt-Rothenburg 50 M.
— J. P. -München 20 M. — v. Poschinger - München 50 M. — S t e r n -
München 50 M. — Wächter - München 100 M. — Prof. Weber- München
200 M. — Z e i 1 1 e r - Wörth a. D. 100 M. — Summa 59 717.75 M. und
1 Dollar.
Allen Gebern besten Dank.
Ueberraschend zahlreich flössen die Gaben, deshalb konnten bis zum
Fest alle gemeldeten 132 Witwen und Waisen mit je 400 M. bedacht
werden. Es kommen aber immer noch Nachzügler; deshalb bittet um weitere
Gaben durch Ueberweisung auf Konto Nr, 6080 Nürnberg
der Kassier der Witwenkasse
Dr. Hollerbusch, Fürth, Mathildenstrasse 1.
Verlag von ]. F. Lelnnann m München S.W. 2, Paul Hey.estr. 26. - Druck vo . E. Mühlthaler’s Huch- und Kunstdruckerei, München.
Preis der einzelnen Nummer 3.— Jt. • Bezugspreis in Deutschland
• • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. * • »
Anzeigenschluss Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Ar.iulfstr. 26 ( prechstunden 8'4—\ Uhr),
für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-strasse 26,
für Anzeigen: L.Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2 III.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
'
Nr. 2. 13. Januar 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Orthopädischen Anstalt der Universität Heidelberg.
(Direktor: Prof. v. Baeyer.)
Orthopädischer Ausgleich der Hypotonie und Tiefen¬
anästhesie bei Tabikern.
Von H. v. Baeyer.
Die Bedeutung der Hypotonie der Muskeln für die Bewegungen
des Tabikers ist mehrfach, am eingehendsten von 0. Foerster1)
untersucht worden. Dabei ist aber, soweit ich die Literatur kenne,
nicht näher auf die verschiedenen Arten von Muskeln, nämlich die ein¬
gelenkigen und mehrgelenkigen; eingegangen worden, obwohl diese
beiden Arten sich in bezug auf ihre gliedermechanische Wirkung be¬
trächtlich unterscheiden. Die mehrgelenkigen Muskeln sind, ohne sich
zu kontrahieren oder zu erschlaffen, imstande, Kräfte von einem Ge¬
lenk auf ein anderes zu übertragen (Transmission). Voraussetzung
hierfür ist, dass die Muskeln sich in einem Spannungszustand befinden.
Dadurch nun, dass die mehrgelenkigen Muskeln Übereinandergreifen
(ischiokrurale Gruppe zieht zum Unterschenkel, Gastrocnemius kommt
vom Femur) entsteht eine Kuppelung einer ganzen Anzahl von Ge¬
lenken eines Gliedes, die durch diese eigentümliche Anordnung in ihren
Bewegungen bis zu einem gewissen' Grad assoziiert werden. Be¬
sonders gilt dies für das Bein, das im allgemeinen nur gleichmässig
ablaufende Bewegungen zu machen hat, während der Arm in der ver¬
schiedensten Art gebraucht wird. Wenn wir z. B. beim Gesunden
das Hüftgelenk aktiv oder passiv beugen, so treten durch Vermittlung
der tonisch gespannten mehrgelenkigen Muskeln Kräfte auf, die das
Knie mitläufig beugen und den Fuss dorsalflektieren (Entspannung des
M. gastrocnemius und dadurch Ueberwiegen der Spannung der Fuss-
dorsalflektoren). Die sog. Transmission kann somit entweder mit¬
läufige Bewegungen auslösen oder, sie kann konträre Bewegungen
bremsen (z. B. das Vorschwingen des Unterschenkels beim Beugen des
Spielbeinoberschenkels im Gehen).
Die eigenartige Anordnung der mehrgelenkigen Muskeln be¬
günstigt ein geordnetes synchrones Zusammenspiel der einzelnen Glied¬
abschnitte, das nur soweit zentral bedingt ist, als der hiebei notwendige
Muskeltonus, der sich aber nicht zu ändern braucht, vielleicht doch eine
Funktion der Ganglienzelle darstellt. Es können also koordinierte Be¬
wegungen erfolgen, ohne dass besondere bewegunggebende Impulse
in die verschiedenen, die bewegten Gelenke versorgenden, Muskeln
fliessen oder dass Impulse sistiert werden (mechanische Koordination).
Dies Zusammenspiel der Gliedabschnitte, dessen Ordnung und
Zweckmässigkeit nicht durch koordinierte zentrale Impulse bedingt ist,
sondern seinen Grund in der anatomischen Anordnung der tonisch
erregten Muskeln hat, bezeichnete ich als muskuläre Koordi¬
nation2).
An einem Beinmodell (Fig. 1 u. 2), an dem die mehrgelenkigen
Muskeln und der M. tib. ant. durch gespannte Gummibänder dargestelit
sind, lässt sich das, was hier unter muskulärer Koordination verstanden
wird, nach den verschiedenen Richtungen hin, und zwar sowohl die
assoziiert bewegungsübertragende als auch bewegungshemmende Wir¬
kung besonders sinnfällig zeigen.
Fehlt nun wie bei der Tabes, der Tonus der Muskeln, so muss die
muskuläre Koordination gestört sein. Der Kranke hat den Bewegungen .
viel grössere Aufmerksamkeit zuzuwenden, weil der periphere, durch
die mehrgelenkigen Muskeln bedingte Automatismus versagt. Dies
äussert sich z. B. beim Gang beim Vorschwingen des Spielbeines;
normalerweise wird hiebei das Vorpendeln des Unterschenkels durch
die rasch zunehmende tonische Insuffizienz der ischiokruralen Muskeln
gebremst, beim Tabiker fehlt diese Dämpfung, daher wenigstens zum
Teil das übermässige Vorschleudern des Unterschenkels. Die Dämp¬
fung einer Bewegung durch die eingelenkigen Muskeln spielt eine viel
geringere Rolle, weil sie aus mechanischen Gründen viel langsamer
zunimmt.
Ein anderes Beispiel: Auf dem Fehlen der muskulären Koordination
beruht, wenigstens teilweise, wohl auch die mangelhafte Ueber-
einstimmung (Foerster) der Hiift- und Kniebeugung beim Knie-
Hacken- Versuch. Durch die mehrgelenkigen Muskeln sind die beiden
') 0. Foerster: Die 'Physiologie und Pathologie der Koordination. 1902.
') v. Baeyer: Zur Frage der mehrgelenkigen Muskeln. Anat. Anzeiger
1921, 54, Nr. 14/15.
Nr. 2.
Gelenke, wie schon ausgeführt, in ihren Bewegungen in gewissem
Grad voneinander abhängig; weist nun dieser Mechanismus Mängel auf,
so werden die Bewegungen auch abnorm verlaufen.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ein Teil der Koordinations¬
störungen beim Tabiker auf mechanischen Defekten beruht. Es lag
daher nahe, diese Defekte auch wieder mechanisch auszugleichen.
Diesen Zweck erfüllt eine Bandage (Tonusbandage, Fig. 3). die
aus zirkulären starren Bändern um die Taille, den Oberschenkel und
Unterschenkel besteht; diese zirkulären Bänder sind durch elastische
Züge etwa in der Anordnung der mehrgelenkigen Muskeln verbunden,
der eine oder andere eingelenkige Muskel muss auch
ersetzt werden. Im allgemeinen werden auf diese
Weise der M. rect. fern., die ischiokruralen Muskeln und
der M. gastroen. nachgebildet, ausserdem geben wir
einen Zug in der Verlaufrichtung des M. tib. ant. und
des M. glut. max. Im Bereich des Fusses endet der
vordere Zug am Stiefel in der Ballengegend und der
hintere an einem Sporn im Absatz.
Fig. 2 a.
Die spezielle Wahl und Zahl der Züge und die Stärke ihrer Span¬
nung hängt von der jeweiligen Bewegungstörung ab, die beim Ver¬
passen der Tonusbandage sorgfältig zu analysieren ist. Hier kommt
es auf die Beobachtungsgabe und das Geschick des Arztes sehr an. um
gute Resultate zu erzielen.
Der Tonusbandage kommt nun noch eine weitere Eigenschaft zu,
die dem Tabiker gestattet, die Bewegungen wesentlich exakter zu ge¬
stalten. Es fehlt dem Patienten bekanntlich die Tiefensensibilität;
dadurch ist ihm die Erkennung der jeweiligen Gelenkstellung erschwert,
ferner fällt dadurch der Teil des Muskeltonus, der reflektorisch bedingt
ist, mehr oder minder fort. Ermöglichen wir nun dem Kranken, durch
Substitution des verlorengegangenen Tiefengefühls durch noch funk¬
tionierende Hautsensibilität die Bewegungen und Stellungen bewusst
oder unbewusst zu erkennen, so wird er die Impulse wieder genauer
dosiern können und vielleicht stellt sich sogar, da die Grundlagen
für einen Reflexvorgang nunmehr wieder gegeben sind, der reflek¬
torische Teil des Muskeltonus auch wieder ein.
3
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. 2.
38 _ _ _ _ _
Frühere Versuche»), das Tiefengefühl durch die Hautsensibilität
höherer Segmente zu substituieren, brachten sehr gute Resultate, doc
bot die damalige Methode technische Schwierigkeiten, die wir nicht
eanz über windeif konnten und die einer weiteren Verbreitung der Mass¬
nahmen entgegenstanden. Der von F o e r s t e r angegebene sensible
Indikator 4) dient einem ähnlichem Zweck, doch übertragt er nicht die
Bewegungen auf entferntere Körperpartien und ist nur für das Huft-
gelenDurchStidTemTonusbandage sind nun die technischen Mängel der
Ataxieschienen überwunden und sie leistet ™“Jestens „Ä Zerrüngen
übermittelt die Bewegungen der peripheren Gelenke durch Zerrungen
der Haut zentraler Körperabschnitte, wo die Sensibditot meist wemger
„elitten hat als an der Peripherie. Der Patient erhalt also wieati
Zeichen von Bewegungen seiner Glieder und kann sich über die - tel-
lung der Gelenke informieren, ohne das Auge zuhilfe ziehen zu müssen.
Er "überblickt“ mittels das Hautgefühles die Bewegung seiner Extremi¬
tät ” Die Haut vermag diese Reize meist auch dort noch genügend deut¬
lich zu erkermei wo das Gefühl für die Hautverschiebung») schon völlig
gestört ist; dies hat seinen Grund darin, dass das Tastgefuhl eine andere
Kategorie von Sensibilität darstellt und bei der Tabes weniger in Mit¬
leidenschaft gezogen wird. Wraftcphln«« der
Die Tonusbandage bewirkt endheh noch einen Kraftschluss der
Gelenke und zwar auch wenn die Extremität frei schwingt. •
Zusammenschluss wird normalerweise vorwiegend durch den Tonus der
Muskeln hervorgerufen, wobei den mehrgelenkigen Muskeln auch wieder
eine besondere Rolle zufällt. Denn sie vermögen die von ihnen ver¬
sorgten Gelenke für die mitläufigen Bewegungen aneinanderzupressen,
ohne die Beweglichkeit wesentlich » hemme,,, während die e,n-
gelenkigen Muskeln durch Kontraktion irgendwelcher Art die Be¬
wegungen mit Ausnahme weniger spezieller Falle behindern.
Der Kraftschluss der Gelenke an der freischwingenden Extremität
scheint für den geordneten Ablauf einer Bewegung nicht ohne Be¬
deutung zu sein, er verhindert auch kleine Distraktionen, die, wenn
sie gehäuft auftretem, dem üelenkapparat auf die Dauer schädlich sein
mUSDte Tonusbandage bewährte sich bisher bei der Behandlung atak¬
tischer Gangstörungen sehr gut. Die Ataxie wurde fast augenblick¬
lich ganz beträchtlich gebessert, die Besserung nahm durch das Tragen
der Bandage zu. eine Gewöhnung trat nicht ein. Bei mittelschwerer
Ataxie gelang es innerhalb eines halben Jahres, die Storung so zu
bessern dass sie kaum mehr erkennbar war, die Sicherheit im Dunkeln
kehrte wieder, der Spazierstock konnte beim Gehen entbehrt werden.
Das Rombergsche Phänomen nahm an Intensität ab oder \ei-
schwand ganz. Recht schwere Fälle von Ataxie fühlten sich duich die
Bandage ebenfalls sehr erleichtert, ein derartiger Patient konnte nach
wenigen Wochen seinen Beruf als Buchbinder wieder auf nehmen.
Dort wo eine Uebungsbehandlung die Geh- und Stehvei suche ein
leiten musste, erwies sich die Bandage ebenfalls als ein sehr nützliches
Unterstützungsmittel. ,. . . , .
Liegt ein Genu recurvatum höheren Grades vor, so bietet leidet
die beschriebene Bandage nicht genügend Halt, hier muss auf Hulsen-
apparate, aber kombiniert mit der Tonusbandage zuruckgegriffen werd .
Zusammenfassung.
A Die ataktischen Bewegungen des Tabikers sind zum Teil eine
Folge der Hypotonie in den mehrgelenkigen Muskeln
B. Mittels einer Tonusbandage, bestehend aus zirkularen Bändern
und elastischen Zügen, angeordnet vorwiegend nach Art und Lage der
mehrgelenkigen Muskeln, kann man Ataktikern wesentlich nutzen.
1 Die Bewegungen der Beingelenke werden wieder inniger von
einander abhängig. Man ist somit imstande, einen Teil der fehlenden
muskulären Koordination wieder herzustellen.
2. Die fehlenden sensiblen Merkmale der Bewegungen kann man
durch Uebertragen der Bewegungen auf noch empfindliche Hautpartien
ersetzen (Substitutionstherapie). , . . u
3. Die Gelenke, denen infolge der Hypotonie der Zusammenhalt
mangelt, werden auch bei hängender Extremität wieder kraftschliissigei.
Aus der inneren Klinik des städtischen Krankenhauses
zu Münster i. W. (Prof. Dr. Arneth.)
Ueber die Art und Herkunft der Zellen des Eiters bei
Conjunctivitis und Urethritis gonorrhoica auf Grund ver¬
gleichender qualitativer Zelluntersuchung nach Arneth
Von Medizinalpraktikant Ludwig K r a u s - Münster.
Ueber die Herkunft der Zellen des Eiters, der Sekrete und Exkrete,
Transsudate und Exsudate bestehen noch die verschiedensten, sich viel¬
fach diametral begegnenden Ansichten. . pn„nt,r«„it(1r
In besonderem Masse ist das der Fall bei den im Gonorrhoeeiter
auftretenden Zellformen. , , „
Fast alle zytodiagnostischen Untersuchungen des Gonorrhoeeiters
geben nur Aufschluss über das quantitative und zum geringen teil auc
:1) v. Baeyer: Orthopädische Behandlung der Ataxie. 31. Kongress in
4) O. Foerster: Die Störungen in der Fixation des Knies und Beckens
bei Nervenkrankheiten. 9. Orthopädenkongress 1910
») v. B a e v e r: Ein neues Symptom bei der Tabes. M.m.W 19.4 Nr 2
Qualitative Verhalten der eosinophilen Zellen und Mastzellen. Einige
weni^, 'Autoren heben auch 0aS Verhalten der einkernigen ZellelOTen^e
hervor, während das prozentuale und vor allem genauere quali tat v
Verhalten der neutrophilen Leukozyten die geringste Beachtung g
IUndMete auf Veranlassung von Herrn Prol. Arneth ausgeführten
Untersuchungen betreffen 3 Fälle von Konjunktivitis und 2 Falle von
Urethritis gonorrhoica. F 2 Taee
Von den gonorrhoischen Konjunktivitiden wai der eine Fall 2 : lag
und der andere 3 Wochen alt. Zur Kontrolle wurde auch das eitrige
Sekret eines nicht gonorrhoischen Bindehautkatarrhs (des 3. Fall
einer vergleichenden Untersuchung unterworfen . n Fällen
Die Untersuchungen am Trippereiter wurden in 2 frischen Fallen,
die s und 6 Tage alt waren, ausgeführt.
Die uualitat i v e n Ei t e r z ellb 11 dun t e r s u ch ung en
wurden sämtlich erstmals nach der von Arneth1) m dm Hamatologm
eingeführten Untersuchungsmethodik gemacht und dann mit den tb
falls, und zwar immer gleichzeitig ausgeführten Blutbilduntersuchunge
vergüchen.h ^ Untersuchungen auf Neutrophile, Eosinophile, Mastzellen
und lvmphoide Zellen in gleicher Weise im Eiter wie .1™ e
ten, so sollte aus dem Vergleich der einzelnen qualitaüven Zelteüde
(in Fiter und Blut) ein Urteil zu gewinnen versucht werden, ob und
inwiefern auf Grund der gefundenen Verhältnisse in und ausserhalb der
Blutbahn Rückschlüsse auf die Herkunft der Zellen möglich sind, also
speziell ob ein morphologisch begründeter Zusammenhang zwischen den
7pllen des Eiters und Blutes besteht. _ .. _
Auch sollte festgestellt werden, ob und inwiefern unter den Zeilen
des eitrigen gonorrhoischen Sekretes etwa anders geartete Zellen -
wie sie sich bei gleichzeitiger Untersuchung im Blute vorfinden,
anZUEsfüessend’sich aber noch eine ganze Reihe anderer Ausblicke
gewinnen sowie Prüfungen der in der Literatur angeführten Hypo-
thesen ausführen, worauf am Schlüsse näher eingegangen ist.
Wenn auch die Zahl der untersuchten Fälle mit Rücksicht auf de
eingehenden Charakter der Untersuchungen eine beschrankte bleiben
musste, so geht doch aus der ausgezeichneten Übereinstimmung der
Befunde hervor, dass auch bei mehr Fällen schwerlich andere Resulta
zu erwarten gewesen wären.
1. Conjunctivitis gonorrhoica.
a) Q u a n t i t a ti v e s Blut- und Eiterzellenbild 0 ab. 1 .
in beiden Fällen (1 und 2) mit massigeren Leukozytosewerten
ergab die Differentialleukozytenzählung ungefähr gleiches Verhalten.
Wie es bei Kindern im Säuglingsalter (um solche handelte es sich
hier, s. Tab. 1) gewöhnlich anzutreffen ist (nach Ehrlich bis zu
70 Proz.), fand sich ein relatives Ueberwiegen der Lymphozyten
gegenüber der Norm, also eine relative Lymphozytose auf Kosten der
Neutrophilen : statt etwa 25 Proz. Lymphozyten deren 32 bis 33 Proz.
und statt etwa 65 bis 70 Proz. Neutrophile deren etwa 56 bis. 62 "oz-
Eosinophile, Lymphozyten und Monozyten sind ebenfalls in etwas
erhöhtem Prozentsatz vorhanden, bei der erhöhten Leukozytenzahl also
abS°Wenn wir mit dem Differential b 1 u t zellenbild (= Quant i -
tatives nach Arneth) das dazugehörige Differentiale i t er zell¬
bild in jedem Falle (Tab. 1) vergleichen, so springt die beträchtliche
quantitative Verschiebung zugunsten der Neutrophilen im Eiter vzirKa
90 Proz. gegenüber ca. 55 Proz. im Blute) sofort ins Auge.
Es ist das also der Fall, trotzdem im Blute eine relative Lympho¬
zytose gleichzeitig besteht. Wir würden, wenn wir den gleichen
Massstab im Blute wie im Eiter anlegen, sagen, dass es sich um
eine beträchtliche neutrophile Leukozytose 1 m Eiter
handelt (von ca. 90 Proz.). „
Die Lymphozyten sind nur zu ca. 10 Proz., die Eosino¬
philen zu 1 Proz. und weniger, die Mastzellen gar nicht ver¬
treten. Monozyten fanden sich etwa im Prozentverhaltms des
normalen Blutes. , _ . . „ „ •
Im Falle 2 und 3 fanden sich auch Reizunigsformen in
vermehrter Menge im Eiter. , , , . .
Es ist also eine elektive Ansammlung hauptsächlich der neutrophilen
Zellen und ein Zurücktreten der übrigen Zellelemente im gonorrhoischen
Eiter hervorstechend. , , ,
Es wird nun besonders wichtig sein, zu untersuchen, ob und wie
sich dabei auch die qualitative Zusam me nsetzun g (nach
Arneth) innerhalb der einzelnen Zellarten geändert hat.
b) Qualitatives Blut - und Eiterzellenbild.
Tabelle 1.
Es ergibt sich aus der nachstehenden Tabelle das überraschende Re¬
sultat, dass auch die Zellansammlungen des gonorrhoischen und/ ebenso
des nicht gonorrhoischen Bindehauteiters eine gleichmässige Durch¬
mischung der neutrophilen Zellmassen und Zellklassen auf weisen, wenn
bezüglich der Rubrizierung die gleichen Gesichtspunkte wie bei den
neutrophilen Zellen im Blute eingehalten werden.
Wie der Vergleich der Fälle ergibt, ist jedoch ein wichtiger Unter¬
schied zwischen den neutrophilen Zellbildern des Eiters und jenen dis
Blutes in einer stärkeren Entwicklung der Eiterzellbilder nach recht;;
= einer „Rechtsverschiebung“ gelegen.
*) Die qualitative Blutlelire.
h a r dt. 1920.
2 Bände. Leipzig, Dr. W. Klink-
13. Januar 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ta
b e 1
lei. Quantität
i v e s und
qua 1 i t a t
i v
s Blut
- u
n d
E i t c r z e 1
e n
b i 1 d.
Quantitatives Rluthild
Qualitatb es
neutrophiles Blutbild
Fall
1
ii
III
IV
V
u m. Kl.
Ues.-
Zahl
N
Eo
Ma
L
Mo
R
M
W
a | b
a
r
1 b
2K
2 S
1 K
IS
3 K
3S
2K
IS
2S
1 K
4K
4 S
3 K
IS
3S
1 K
2 K
2 S
2 K
3 S
3 K
2S
4 K
IS
5 K
I. Säugling
Conj. gon
Seit 2 Tagen
12700
56
5
—
33
6
—
—
— 2
—
4
8
10
12
16
4
18
14
2
_
4
6
_
_
_
6
30
5
L
u
II. Säugling
Conj. gon.
Seit 3 Woche i
13000
55
2
2
32
9
-
—
3 1 -
.
1
2
21
7
8
14
9
21
3
1
3
2
4
_
1
5
29
52
13
1
III. Säugling
Conj. non gon.
Seit 14 Tagen
14 800
62
3
—
31
4
0,2
-
i
2
3
12
7
8
5
21
24
1
3
4
5
3
_
-
1
_
22
58
16
1
Quantitatives Eiterzellenbild
Qualitatives neutrophiles Eiterzellenbild
I
88
—
—
9
3
—
- I
- 1 - 1
- 1
i
8 !
6
8
14 |
12 |
16 |
9
5
1
6
5
3
-
2
3
1
i
22
51
20
6
II
89
1
—
7
2
0,2
1
- 1
12
i
—
13
19
17 |
-
12 |
16
2
-
4
3
1
_
_
_
_
4
41
45
10
III
84
2
12
1
1
- -
-
2
4
6
7 1
4
14 |
16
7 |
3
10
8
4
2
5
4
4
'
—
12
41
32
13
N _ Neutrophile, Eo = Eosinophile, Ma = Ma,tzellen, L = Lymphozyten, Mo = Monozyten, R = Reizzellen.
Das trifft zu in ausgesprochenster Weise im Fall 1 und 3, beides
mehr akuten Fällen, während im Fall 2 ungefähr das gleiche Zellenver¬
hältnis in den neutrophilen Unterklassen besteht. Dafür fanden sich
aber in diesem Falle bei der Rubrizierung der neutrophilen Zel¬
len mit Gonokokkeneinschlüssen besonders viel zerfallene
Zellen, die eben deswegen nicht oder nicht mehr zum Blutbilde ver¬
wertet werden durften. Da es sich aber bei diesen Zellen nach den Rest¬
befunden immer um ausgesprochen höherklassige Zellen handelte, so
wird es sich auch im Fall 2 in Wirklichkeit mehr um eine leichtere
Rechtsverschiebung handeln. Es ist immerhin auffallend, dass es sich
in diesem Beispiele 2 um einen älteren Fall dreht, bei dem nur noch
wenige Gonokokken nachzuweisen waren.
Teleologisch gesprochen könnte man nach diesen Befunden sagen,
dass in den frischen Fällen hauptsächlich die ältesten, gereiftesten und
vollwertigsten Zellen zum Kampfe gegen die Gonokokken aus dem
Blute in den Entzündungsherd hinausgesandt bzw. in ihn angelockt
werden, weswegen sich auch das qualitative Eiterzellenbild in diesen
frischeren Fällen etwas mehr als das Blutzellbild in den älteren Fällen
nach rechts verschoben zeigt.
Die Rechtsverschiebung würde natürlich in dem Eiter der Fälle 1
und 3 noch bedeutender erscheinen, wenn alle bereits im Zerfall be¬
griffenen oder mehr oder weniger schwer geschädigten Zellexemplare
noch zum Zellbilde hätten verwertet werden können. Grundsätzlich ist
dies aber immer zu vermeiden.
Es wurde im Falle 1 weiterhin versucht, 100 neutrophile
Zellen mit Gonokokkenei n Schlüssen in einem be¬
sonderen Zellbilde anzulegen. Dasselbe ergibt (Tab. 2). dass
Tabelle 2. Qualitatives Zellbild der Neutrophilen mit
Gonokokkeneinschlüssen.
Fall
1. Kl.
2 Kl.
3
KI.
4.
Kl.
Gesamt¬
zahl
M
w
a | b
T
a | b
2 K
2 S
1 K
1 S
3 K
3 S
2 K
1 S
2 S
1 K
4K
4 S
1
_
_
_
_
_
22
8
20
25
8
12
4
100
Kern- oder Protaplasraavakuolen
besassen davon
:
56%
•
'
82%
2
Go-Zelien nicht differenz^erbar
da fast alle zerfallen.
es ausschliesslich die Zellen der 2. und 3. Klasse sind, also ausgesprochen
auf der Höhe der Entwicklung stehende, man könte sagen, in der Voll¬
kraft ihres Lebens sich befindende Zellen, die vom Organismus mit
diesem persönlichen Kampfe (Phagozytose) betraut werden.
Es ist dies ein Ergebnis, wie es in bester Weise zu den von
A r n e t h 1. c. entwickelten Anschauungen über die Leistungsfähigkeit
und Wertigkeit der neutrophilen Zellklassen auf Grund ihrer morpho¬
logischen Kernbeschaffenheit passt. Es finden sich weder ganz jugend¬
liche Zellen aus der Klasse I, noch ganz alte Zellexemplare vertreten;
letztere sind jedenfalls bereits im Kampfe gegen die Gonokokken zu¬
grunde gegangen = verbraucht worden und aus dem neutrophilen
Eiterbild verschwunden, die ersteren aber noch zu jung, um für den
direkten Kampf gegen den Erreger in erster Linie angelockt zu werden.
Die neutrophilen qualitativen Zellbilder des Blutes und des Eiters
zeigen in ihrem gegenseitigen, sich ergänzenden harmonischen Ver¬
halten beweisend, dass in der Tat alle neutrophilen Zellen
des konjunktivalen Gonorrhöeeiters ausgewanderte Blut¬
leukozyten sein müssen, da ihre innnere Organisation, wie sich
eben im qualitativen Zellbilde verrät, absolut die gleiche ist wie im
Blute.
Rundkernige, also jugendliche Neutrophile (Myelozyten
im eigentliche Sinne) wurden im Eiter von uns nicht gefunden, wohl
einige W-Zelien; dann waren sie aber auch im Blute vorhanden und
zwar wiederum in dem älteren Falle II.
Die geschilderten Verhältnisse liefern den Beweis, dass in der Tat
alle Zellen des normalen Blutes von der ersten bis zur letzten Klasse
vom Körper als zum Kampfe gegen die Gonokokken und ihre Gifte
geeignet befunden werden. Degenerierte Zellen können sich da un¬
möglich darunter befinden, wie mit Bezug zu V. Schilling, der auch
in der ersten Klasse „degenerative Stabkernige“ unterscheidet, zu be¬
tonen ist. Immer sind es die 2. und 3. Klassen, die am reichlichsten
vertreten sind. Um diese beiden Klassen gravitiert also das Eiterzell¬
bild wie auch das neutrophile Blutbild unserer Fälle.
Es wäre jedenfalls auch wichtiger, bei einem n i ch t normalen
neutrophilen Blutbilde, etwa einem stark nach links oder auch rechts
verschobenen, zu untersuchen, wie sich das qualitative Eiterzellenbild
bei Hinzutreten der Konjunktivitis oder Urethritis gonorrhoica verhält:
ob also bei entsprechender Zusammendrängung der neutrophilen Eiter¬
zellen in andere Klassen auch das Eiterzellenbild entsprechend mehr
nach rechts oder links verschoben ist. Bei der myeloischen und lym¬
phatischen Leukämie käme dieses natürlich ganz besonders zum
Austrag.
Ueber die in der vorstehenden Tabelle 2 noch enthaltenen
Vakuolenbefunde siehe im Zusammenhänge am Schlüsse.
Eosinophile Zellen mit Gonokokkeneinschlüssen
wurden niemals in allen Präparaten, und dies gilt auch für den Tripper¬
eiter, gesehen.
Der Vergleich der qualitativen eosinophilen Zellbilder im
Konjunktivaleiter und im Blute ergibt eine Rec'htsverschiebung der
qualitativen Blutbilder. Die erste Klasse, die sonst reichlicher be¬
völkert ist, ist so gut wie verödet.
Tabelle 3. Qualitatives eosinophiles ZellbiLd in Blut
und Eiter.
Fall
1. Kl.
2. Kl.
3.
Kl.
Gesamtzahl
M
a
V
b
a
r
b
2 K
2 S
1 K
1 S
3 K
3 S
2K
1 S
2 S
1 K
1
—
—
—
—
1
8
3
6
—
_
2
—
20 1
2
—
—
-
—
—
8
5
-
3
—
4
-
20 | Blut
3
—
—
—
—
—
7
1
5
6
-
1,
—
20 J
1
2
_
_
_
_
12
4
3
1
20 1 Eiter
3
—
—
-
—
11
4
2
3
-
-
—
20 )
Es passt dies wieder ausgezeichnet zu den Ar neth sehen Be¬
funden von dem Nichtbeteiligtsein der Eosinophilen bei zahlreichen In¬
fektionskrankheiten. z. B. der Pneumonie. Trotz gleichzeitiger grösster
Eesstätigkeit der Neutrophilen (s. o.) finden wir ja auch keinen ein¬
zigen intrazellulären Gonokokkeneinschluss bei den Eosinophilen: sie
werden also in der Peripherie nicht benötigt und so kommt es mangeln¬
den Bedarfes wegen zu einer Rechtsverschiebiing ihres Zellbildes.
Im Falle 1 fanden sich trotz 5 Proz. Eosinophiler im Blute über¬
haupt nur Reste von zerfallenen Eosinophilen im Eiter.
Auch Vakuolen fanden sich inden eosinophilen Zellen
nicht. (Nähere Angaben siehe bei den Gonokokkeneinschlusszellen mit
Vakuolen.)
Bemerkenswert ist immerhin, dass das qualitative eosinophile
Eiter zellenbild, obwohl selbst mitsamt den eosinophilen qualitativen
Blutzellenbildern nach rechts verschoben, doch wieder für sich eine
relativ grössere Linksverschiebung aufweist, und zwar konstant in
den beiden letzten Fällen, in denen überhaupt allein Eosinophile anzu¬
treffen waren.
3*
40
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
Sehr bemerkenswert gestaltete sich auch das Verhalten des quali¬
tativen Lymphozyten- und M o n o z y t e n z e 1 1 b i 1 d e s
( * Vor allem ist hier wieder deutlich die von A r n e t h behauptete und
in seinen Blutstudien bewiesene Zusammengehörigkeit der grossen
Lymphozyten und der Monozyten (Mononukleare + Uebergangszellen)
zu erkennen, weil sie in den Eiter- und Blutzellbildern in einem direk¬
ten biologisch-organischen Zusammengehorigkeits Verhältnis stehen.
' ln allen 3 Fällen handelt es sich nämlich, wenn wir zunächst die
Verhältnisse bei den grossen Lymphozyten und Monozyten im Zu¬
sammenhänge überblicken, im Eiter um Linksverschiebungen gegenüber
ihrem qualitativen Verhalten im Blute. Das besagt, dass in dem Eiter
reichliche grössere Elemente, also grosse Lymphozyten = die jugenü
liehen Vorstufen der Monozyten, vorhanden sind.
Das kindliche Blut — es handelt sich in den 3 Fallen um solches —
ist schon physiologisch durch eine gewisse Grosslymphozytose aus-
gezeichnet und daher von vornherein in dieser Hinsicht ein gutes Untei-
SUChEntsprechend dem zahlreichen Auftreten der jugendlicheren Vor¬
stufen im Eiter treten natürlich die M o n o nuk 1 e a r e n u n d Ueber¬
gangszellen selbst an Zahl zurück (übereinstimmend m allen
q Fällen')
Es handelt sich also hier im Eiterzellenbild um eine Linksverschie¬
bung des qualitativen Zellbildes der grossen Lymphozyten und gleich¬
laufend des der Monozyten gegenüber dem gleichzeitigen Verhalten
dieser Zellen im Blute selbst. f
Die Tendenz zur grosslymphozytaren Ansammlung im Eiter maci.t
sich aber auch in allen 3 Fällen eklatant bei den k lei n e n und
mittelgrossenLymphozyten geltend, und es ist überraschend,
wenn man hier konstant sieht, wie sich die einzelnen Befunde aus¬
einander ergeben und daher in sich begründet sein müssen. _
In allen 3 qualitativen Lymphozyteneiterzellbildern findet sich nam-
Eiterbildungen auf Grund ihrer qualitativen Analyse im innigsten kau¬
salen Zusammenhang mit dem Verhalten der Blutleukozyten stehe
müssen, dass eine lokale Entstehung in dieser Form^und Mannigfaltig¬
keit ganz ausgeschlossen erscheint, und dass ganz bestimmte funktio¬
nelle Gesetze für diese Zellansammlung bestehen.
Es wäre gekünstelt, eine andere Grundlage für diese Ansammlung,
Auswanderung oder Anlockung als die des Bedarfes an den Einbruch-
steilen der Infektion anzunehmen.
Wir sehen, dass alle Zellarten des Blutes angelockt werden, Nur
allein die Mastzellen fehlten. Auch Reizzellen waren in 2 Fallen nach-
ZlUS Wir'sehen aber auch, dass bei den granulierten Zellen (den Neutro¬
philen und Eosinophilen) andere Gesichtspunkte dabei massgebend sine
als bei dem lymphoiden Zellkomplex, und zwar fast gegensätzlicher Art
insofern, als die erster en eine Rechtsentwicklung des Zellbides dar¬
bieten die letzteren aber umgekehrt eine Linksverschiebung.
Es muss dies natürlich streng biologisch begründet sein, und haben
wir schon oben bezüglich der Neutrophilen und Eosinophilen unsere An¬
sicht ausgesprochen. .
Bezüglich der Lymphozyten ist wohl anzunehmen, dass bei den
kleinen Lymphozyten, die eine Veränderung in ihrer qualitativen Zu¬
sammensetzung eingehen, auch kein grösserer Bedarf vorhegt, dass da¬
gegen bei den mittleren- Lymphozyten, grossen Lymphozyten und
Monozyten mit einer gesteigerten Tätigkeit zu rechnen ist.
Die direkte persönliche Aggressivität gegenüber den Gonokokken
bleibt aber ausschliesslich den Granuloyzten, speziell den Neutrophilen
Vorbehalten, da wir niemals in eosinophilen, lymphozytären und den
Zellelementen Gonokokken auffinden konnten.
2. Urethritis gonorrhoica.
Die Untersuchungen, die zwei frische Gonorrhöefälle bei Erwach¬
senen betrafen, harmonieren in- ausgezeichneter Weise mit dem vor-
Fall
Qualitatives Lympliozyten-Zellblld
Klein
Mittel
Gross
Oes.- 1 R 1 W 1 T 1 P
Zahl 1 a | b | a | b | |
Ges.- 1 R 1 W 1 T 1 P
Zahl 1 a 1 b 1 a 1 b 1 |
Oes.- 1 R 1 W I t | p
Zahl ja 1 b 1 a | b 1 1
Monozytenbild
Oes.- 1 Mo j w
Zahl | *- I w
2K 2S
t
55
36
11
l
6
2
—
—
22
4
13
2
48
35
9
4
-
-
-
23
8
12
3
51
24
13
6
8
-
—
26
5
9
1
42
26
9
_
3
4
7
_
34
11
»
2
41
37
3
1
-
—
—
33
13
18
3
46
29
13
4
—
—
-
39
9
17
— 1
Fall
Quantitatives Blutbild
Zahl
N 1
Eo |
Ma
L
Mo 1
R
4. Mann,
Tripperselt
5 Tagen
8 400
]
66
2
1
25
6
-
5. Mann,
Tripper seit
6 Tagen
10800
6t
6
0,2
28
2
4
77
—
15
2
6
5
74
2
_
1
23
1
-
ualitative Blut-
u n
d Eiterzellenbilder.
Neutrophiles Zellbild
m|W|t
M | a 1 b 1 a 1 b
2 K
2 S
1 K
1 S
1K
3 S
2K
1 S
2 S
1 K
4 K
4 S
3 K
1 S
3 S
1 K
2 K
2 S
2 K
3 S
3 K
2 S
4 K.
1 S
5 K
B 1
u t
-
_ | — | 1 | — .| 2
12
5
6
9
IS
26
3
4
6
7
—
1
-
3°/o
17%
59%
20%
1%
_ | | , | _
3
5
5
7
2
18
21
11
1
10
4
11
1
—
-
—
l°o
13%
48%
37 »/0
1%
E i
t e
r
| | | i
2
1 3
3
16
4
18
12
8
2
12
4
o
1
4
2
2
1%
8%
50%
32»/„
^ 70
1 - 1 - _ 1 -
4
1 2
I 12
22
1 2
21
18
3
1 2
2
1 4
1 -
—
1 3
1 4
1 1
18»/
63%
11«/
° 70
•) Mo = Mononukleäre.
lieh eine Verminderung der kleinen Lymphozyten und ,ein(e c 4]1 n 2 quanüfattv^B Lu t Md^wteder diefbereits oben besprochene relative
dCr CSSTSr SÄsÄnÄ “ ie(Sdmcahbgeld Ä Ä Eiterzellen und die entsprechende Abminderung
eine n^cht1 unbedeutende VermehrungP (etwa 10 Proz.) erfahren haben, des lymphoiden Zellkomplexes (s. u.).
ist ebenfalls wieder eine weitere Verschiebung nach links — also eine
Verjüngung des Zellbildes deutlich (mehr Ra- und Rb-Zellen).
Bei den kleinen Lymphozyten ist dagegen keine Blutbildverschie-
bung deutlicher zu erkennen. . _. , ,
Das geschilderte Verhalten der verschiedenen Zellen im Blute und
im Eiter beweist, dass es sich bei den hier vorliegenden Zellansamm¬
lungen des gonorrhoischen und auch soweit dies auf Grund eines
Falles (3) möglich ist, nicht gonorrhoischen, entzündlichen Bindehaut¬
sekretes (Eiter) um einen sehr komplizierten und doch äusserst zweck¬
mässigen biologischen Vorgang handelt, dass derartige entzündliche
-) Die Blutbilder wurden bei den 5 Fällen durcheinander angelegt und
an die Zusammenstellung erst gegangen, nachdem alle Zahlungen und
Rubrizierungen völlig zu Ende geführt waren. Es handelt sich also um streng
objektive Aufstellungen, ln -der ausgezeichneten Uebereinstimmung der Vor¬
gänge bei den entzündlichen Eiterbildungen ist wieder ein Beweis für -die
Leistungsfähigkeit und Richtigkeit der Methodik, andererseits aber auch der
damit erhaltenen Resultate gegeben. Wie sich die Verhältnisse bei der
aseptischen Eiterbildung gestalten, wie die Zellansammlungen in serösen
Häuten beschaffen sind, wird noch weiter zu untersuchen sein. MU Bezug
auf unsere Fälle käme vor allen Dingen auch in Betracht, ob sich bei chro¬
nischer Gonorrhöe die Verhältnisse nicht beträchtlich verändern.
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
41
Das neutrophile qualitative Eiterzellenbild ist
wieder bedeutend nach rechts verschoben, was sich auch entsprechend
in dem qualitativen Zellbilde der Gonorrhöe-Fresszellen
geltend macht. Auch hier (Tab. 6) ist wieder ersichtlich, dass die Zellen
mit intrazellulären Gonokokken der 2., 3. und 4. Klasse angehören, also
den Klassen, die offenbar Zellen mit grösster phagozytärer Tätigkeit
enthalten.
Tabelle 6. Qualitatives Eiterzellbild der Neutro¬
philen, mit Gonokokkeneinschlüssen.
Fall
1. Kl.
2. Kl
3
Kl.
4.
Kl.
Gesamt¬
zahl
M
W
a | b
T
a | b
2 K
2 S
1 K
1 S
3K
3 S
2 K
1 S
2 S
1 K
4K
2K
2 S
4
_
_
_
_
_
17
2
22
29
18
8
4
100
Kern- od
. Pr<
toplasmavakuoien besessen :
51 %
68
°/o
97%
5
—
—
—
—
—
16
4
14
34
4
16
10
-
2
100
48%
61
°o
100%
Wir sahen, wie oben, wiederum keine Neutrophilen mit Gono¬
kokkeneinschlüssen in der 5. Klasse und auch der 1. Klasse, obwohl
doch genügend fünfklassige Zellelemente im Eiterzellbild verzeichnet
sind. Es ist dies also auch hier ein sehr bemerkenswertes Verhalten.
Ferner ist bemerkenswert, dass sich im vorstehenden neutro¬
philen Gonokokkeneiterbilde (Tab. 6) besonders viele zwei-
und dreikernige Zellen (= 2 K- und 3 K-Zellen) vorfinden, während
wir im Eiter- und noch mehr im Blutzellbilde deren viel weniger an¬
treffen. Ob dies mit der Anwesenheit der Kokken in den Zellen und
dadurch bedingter überstürzter Kernfragmentierung zusammenhängt oder
ob diese Art von Zellen mit mehr oder weniger zur Ruhe gekommener,
also fertiger Kernentwickelung besonders zur Phagozytose befähigt ist,
steht dahin. (Im Sputum bei Pneumonie usw. findet sich Aehnliches.) 1
Der 5. Fall bietet eine geringe Abweichung. Es finden sich zwar
in der I. Klasse des qualitativen Eiterzellbildes überhaupt keine
Exemplare und wir würden, wenn wir hier nicht die anderen Klassen
im einzelnen angelegt hätten, übersehen haben, dass hier lange keine
so grosse Rechtseinstellung der neutrophilen Eiterzellen besteht, wie
z. B. im Falle 4, dass vielmehr im Vergleiche zu dessen neutrophilem
Blutbilde innerhalb der II. — IV. Klasse sogar eine beträchtliche Links¬
verschiebung herrscht. Dabei finden sich aber immer noch 8 Proz.
in der 5. Klasse.
Die Verhältnisse bei den Eosinophilen sind dieselben wie bei
der Conjunctivitis gonorrhoica.
Intakte Eosinophile fehlten in dem Eiterzellbilde des Falles 4
ganz. Im Falle 5 ist ihr qualitatives Blut- und Eiterbild nach rechts ver¬
schoben.
Aus allen eosinophilen Blutbildern ist die überwiegende Menge
der Zellen der II. Klasse immer ersichtlich, wie dies A r n e t h auch
bereits betont hat (Tab. 7).
Tabelle 7. Qualitatives eosinophiles Zellbild in Blut
und Eiter.
Fall
1
II
III
Oesamtzahl
v\
V
a
V
b
1
a
r
b
2 K
2 S
1 K
I S
3 K
3 S
2K
1 S
2 S
1 K
4
5
—
-
-
—
13
14
—
5
4
2
?
-
—
-
20
20
, Blut
4
5
-
—
-
—
-
13
—
2
3
1
1
—
Lj
Eiter
Das Verhalten der lymphoiden Zellen (Lymphozyten +
Monozyten) ist genau dasselbe wie bei der Conjunctivitis gonorrhoica
und sind daher die obigen Ausführungen auch hier zutreffend. Der Ein¬
schlag ins Grosslymphozytäre ist im Falle 4 am bedeutendsten (Tab. 8).
Tabelle 9. Qualitatives Eiterreizformenbild bei Ure¬
thritis gonorrhoica.
Fall
Klein
Mittel
Gross
Ges-
Zahl
R
a | b
w
a | b
T
P
R
a | b
W
a | b
T
P
R 1 w
a | b | a | b
T
P
4
|
1 4
2 | 1
3
—
— | 11 | 3 | —
25
Fall handelt, bei dem auch im Blute und in ausserordentlicher Weise
im Eiter, wie bereits erwähnt, eine Vermehrung der Grosslymphozyten
bei entsprechendem Monozytenblutbild gefunden wurde (bei fast nor¬
malem quantitativen Gesamtblutbild!). Da sich im Blute eine
ausgesprochene Rechtsverschiebung bei den Neutrophilen vorfindet
(Tab. 5) und in noch höherem Grade im neutrophilen Eiterbilde, so
erscheinen genetische Beziehungen zwischen den Reizungsformen und
den Neutrophilen natürlich ganz ausgeschlossen. Es stimmt dies also
mit den Befunden Arneths bei der Influenza (im Blute) überein
(1. c. S. 297). Es liegt vielmehr auf der Hand, dass nach den engsten
Beziehungen, die auch hier zwischen den qualitativen Blut-Lymphoid-
zellen einerseits und den Eiterreizungsformen andererseits aus ihren
qualitativen Blutbildern zu erkennen sind, es sich nur um eine, Abstam¬
mung der Türk sehen Zellen, wie sie A r n e t h (1. c. S. 299) zur Ver¬
meidung von Missverständnissen genannt haben möchte, vom lym¬
phoiden System handeln kann.
Da im Blute des Falles keine und im Eiter reichlich Türk sehe
Zellen vorliegen, so ist ferner ersichtlich, dass die Entwicklung der¬
selben aus den lymphatischen Zellen auch ganz in der Peripherie, in
dem Eiter selbst, möglich sein muss.
Aehnlich wie E s t o r f 3) bei der Zerebrospinalmeningitis im Lumbal¬
punktat, haben auch wir in unseren Gonorrhöefällen 4 und 5 Aus¬
zählungen der Zellen mit Vakuolen vorgenommen (Tab. 2 u. 6).
Aus Tabelle 2 geht zunächst hervor, dass ein grosser Prozentsatz
der neutrophilen Eiterzeilen in der II. und III. Klasse (weit über die
Hälfte) Vakuolen enthielten. Dann zeigte sich, dass die Vakuolen¬
zellen zum überwiegenden Prozentsätze solche mit Gonokokkenein¬
schlüssen waren (Tab. 6).
Unsere Resultate decken sich auch qualitativ völlig mit denen von
Meyer-Estorf, der ebenfalls nur in Zellen der II. — IV. Klasse
(nicht der I. Klasse) des Lumbalsekretes Vakuolen fand. Es sind also
immer die leistungsfähigsten Zellen, nicht etwa jugendliche der I. Klasse,
die zu Vakuolenbildung befähigt sind, worin wir wohl wiederum eine
erhöhte Tätigkeit (phagozytäre bzw. sekretorische) im Kampfe gegen
die Gonokokken erblicken müssen.
M e y er-Estorf hat diese Befunde als wichtigstes Argument
gegen die Existenz der degenerativ Stabkemigen von V. Schilling,
die sich unter den T-Zellen der I. Klasse befinden sollen, ins Feld ge¬
führt. Wir möchten die Zellen mit Vakuolen jedoch nicht wie Meyer-
Estorf als degenerative auffassen. Da sie meist über die Hälfte
Gonokokkeneinschlüsse enthalten, muss im Gegenteil hierin ein Beweis
für ihre ausserordentliche Aktivität erblickt werden.
Zum Schlüsse seien noch einige bei der Durchmusterung der Prä¬
parate gemachte Beobachtungen, die mit den rein qualitativen Verhält¬
nissen nur in losem Zusammenhang stehen, erwähnt und auch auf einige
Gesichtspunkte eingegangen, die in der Literatur bereits angeführt sind.
Auch unsere Schlussfolgerungen sollen noch etwas präziser gegenüber
einigen Literaturangaben hervorgehoben werden.
1. Den Parallelismus zwischen den Neutrophilen im Eiter und im
Blute halten wir durch unsere Untersuchungen für erbracht.
2. Wir fanden nie Gonokokkeneinschlüsse bei den Eosinophilen
und bei denselben auch keine Vakuolenbildung. Wir glauben demnach,
dass, wo sich anscheinend intrazelluläre vereinzelte Gonokokken
vorfinden, besonders bei sonst grossem Gonokokkenreichtum der Prä¬
parate, es sich dabei um mechanische, vereinzelte Gonokokken-
a u f lagerungen handeln dürfte, die also nur intrazelluläre Gonokokken
bei den Eosinophilen Vortäuschen.
3. Auch den Parallelismus zwischen den Eosinophilen im Eiter und
Tabelle 8.
Qualitatives Lymphozyten-Zellblld
Monozytenbild
Klein
Mittel
Gross
Oes- R W T p
Zahl a | b a | b 1
Ges- R W T p
Zahl a | b a | b 1 r
Oes- R 1 W T p
Zahl a | b | a | b 1 1
Zahl' Mo W| afb 2K 2S ’K
Blut
4
41
23
14
4
-
- —
31
8
21
1
1
— -
11
1
3
6
1
— -
17
2
3
1
6
—
4
i
5
62
49
8
4
'
22
7
10
2
3
— ~
2
-
1
—
1
14
1
2
1
2
-
4
4
Elter
27
1
1
—
-
-
38
15
18
4 ~
1
—
23
—
11
9
2 1 — 1
8
1
3
2
1
-
1
36
11
2
-
-
—
32
9
16
2 ' 5
-
—
11
1
6
-
4 - -
6
-
1
2
—
-
2
Im Falle 4 fanden sich auch reichlich Reizungsformen (6 Proz.)
im Eiter, so dass die Anlegung eines Zellbildes derselben — also aus
dem Eiter — möglich war (Tab. 9).
Es liegt hier ein ausgesprochen grosszelligeres Reizungsformenblut¬
bild vor. Es ist besonders bemerkenswert, dass es sich gerade um den
im Blute halten wir durch unsere Untersuchungen für erwiesen. Immer
befanden sich Eosinophile im Blute und immer auch — event. nur als
Trümmer — im Eiter.
*) D.m.W. 1919 S. 1213. Siehe auch B.kl.W. 1920 S. 593.
42
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
Wo Eosinophile deutlich im Eiter vorhanden waren, fanden sie
sich auch im Blute. Ihre Blut- und Eiterbilder waren konstant nach
rechts verschoben, im Eiter immer relativ mehr. , .
Einkernige (= rundkernige) Eosinophile fanden wir niemals wie
andere, weder im Blute noch im Trippereiter. • .
4 Da wir Mastzellen im Eiter in unseren Präparaten me gefunden
haben, können wir natürlich nicht in eine Erörterung über den Para lelis-
mus dieser Zellen im Blute und Eiter eintreten. Wenn es aber einmal
der Fall sein sollte, dass Mastzellen sich im Eiter zeigen, dann durfte
auch diese Frage mit unserer Methode sich leicht entscheiden lassen.
Der Analogieschluss aus dem Parallelismus der anderen Zellen macht
natürlich von vornherein auch hier den Parallehsmus wahrscheinlich.
Ein etwa sogar vermehrtes Auftreten von Mastzellen im Eiter wurde
aus denselben Gründen wie unten bei den Lymphoidzellen nicht für
*r in, Eiter u„4 Blute vorhandener,
lymphoiden Zellen erscheint uns durch unsere Untersuchungen erbracht,
und damit dürfte allen anderen Spekulationen, die m cei LiteraUr mehr¬
fach dargelegt sind, der Boden entzogen sein. Es ist besonders he
merkenswert, dass es möglich war in das grosse Durc^e,,Jan1fierv^
hierhergehörigen Zellen mit Hilfe der Arneth sehen Methode .volle
Klarheit zu bringen. Etwaige Differenzen zwischen den Befunden im
akuten und chronischen Eiter wären noch zu klären.
Gonokokkeneinschlüsse in den grossen Mononuklearen und grossen
und anderen Lymphozyten wie überhaupt in einkernigen ^,;cn, v. ie
dies von Pappen heim erwähnt wurde, fanden wir me. Wir müssen
daher wiederum annehmen, dass es sich bei derartigen vereinzelten e-
obachtungen um zufällige Auflagerungen statt Einlagerungen hande.t.
Speziell sei dann noch zu einer anderen Anschauung
P a p p e n h c i m s, der darin, dass im Blute etwa 2— 4 Proz , im Eiter
aber io — 15 Proz. Monozyten vorhanden seien, den Gegenbeweis für
die Abstammung aus dem Blute und einen Beweis für deren Histio-
genese erblickt, bemerkt, dass wir darin keinen Gegenbeweis erblicken
können da doch mit dem funktionellen Momente der Anlockung bzw.
eines selbsttätigen Austretens aus dem Blute gerechnet werden muss.
Wenn weiterhin im chronischen Eiter wirklich mehr nm-
nukleäre Elemente, wie angegeben, auftreten sollten, wurde zu
untersuchen sein, ob dies vielleicht ganz andere Zellen sind und des¬
wegen als histiogen betrachtet werden müssen. Bei unseren Unter¬
suchungen akuterer Fälle. ist uns keine einzige Zelle begegnet, die sich
abweichend von den im Blute anzutreffenden Zehen verhalten hatte.
Die vorstehenden Unterscheidungen wären sicherlich nicht in dem
Umfange möglich gewesen, wenn wir nicht die ganz ausführliche und
daher zu wissenschaftlichen Untersuchungen unbedingt notwendige
Methodik Arneths zur Anwendung gezogen hätten. Arneth hat
dies erst kürzlich wieder Schilling gegenüber betont (D.m.W.
Wer von vornherein auf das Detail verzichtet, wird nicht erwaiten
dürfen in die Tiefen der Vorgänge im Blute und bei den peripheren
entzündlichen und exsudativen Prozessen einen Einblick zu tun.
Eine ausserordentliche Harmonie und Zweckmässigkeit eröffnet sich
da nach jeder Richtung. , .x .
Alle biologischen Probleme, die mit der Tätigkeit der Blutzeilen _
auf jeglichen Reiz hin, bezüglich ihres Verbrauches und Ersatzes, bei
Nichtbedarf aller oder einzelner Arten, bei Erschöpfung und Lähmung —
im Blute selbst, in den Geweben, in den Sekreten und Exkreten in Zu¬
sammenhang stehen, dürften so bei der Untersuchung nach Ar net ti¬
schen Grundsätzen einer wesentlichen Forderung entgegengebracht
werden können.. Dies zeigt auch wieder die vorliegende Studie.
Aus der III. medizinischen (Nerven)-Abteilung des Allgemeinen
Krankenhauses St. Georg in Hamburg.
(Oberarzt: Prof. Dr. Sa enger +■)
Ueber die Behandlung von Tumoren mit Salvarsan mit
besonderer Berücksichtigung der Hirngeschwülste.
Von Dr. Paul Matzdorff, Assistenzarzt.
Im Beginn der Salvarsanära wurde die Therapia sterilisans magna
von einigen Autoren auch bei den malignen Geschwülsten versucht
(Czerny und Caan [2], Zieler [8l). Der Einfluss des Salvaisans
auf Hirntumoren ist wohl infolge von Fehldiagnosen öfter beobachtet
worden, doch finden sich in der Literatur nur die Fälle von N o e t h e 15 1
und Jooss [3l (die Beobachtung 192 in Non n es Lehrbuch, 4. Aufl.
1921 ist wohl mit letzterem identisch) aus dem Jahre 1912. Die seit
dieser Zeit aufblühende Röntgenbestrahlung der Geschwülste scheint
das Interesse an dieser Frage völlig zurückgedrängt zu haben.
Ein Fall, den ich vor Kurzem beobachten konnte, veranlasste mich,
der Frage, ob Hirntumoren durch Salvarsan beeinflusst werden kön¬
nen, wieder näherzutreten. Zunächst die Krankengeschichte.
Q. Sch., 47 Jahre alt, Kellner.
Erste Krankenhausaufnahme am 19. II. 1921. Pat. ist mütterlicherseits
mit Tuberkulose belastet und selbst vor 11 Jahren in einer Lungenheilstätte
gewesen. Die Frau ist gesund, die Ehe kinderlos. Bisher ist Pat. angeblich
nie krank, insbesondere nie geschlechtskrank gewesen. Vor ca. 4 Wochen
ist er plötzlich bewusstlos umgefallen. Er fühlte sich danach einen I ag
lang schlecht, hatte aber sonst keinerlei zerebrale Beschwerden. Bis vor
8 Tagen völliges Wohlbefinden. Seit dieser Zeit ständig- zunehmende, nachts
exazerbierende Kopfschmerzen. Seit gestern einigemal? Erbrechen,
soinnolent.
an eine
Lues cerebri gedacht und eine Jod¬
wird mit einer Neosalvarsan-
Innere Organe ohne krankhaften Befund. Pat. ist stark
Kloufemufindlichkeit der ganzen rechten Schädelhallte. M .
PS“tatus fanden sich folgende Abweichungen von der Norm.
Herabsetzung des linken Kornealreflexes, linkseitige t^-'r e n " F a zial i S Die
setzung der Hörfähigkeit links. Schwache im linken un eren Jaaalis • £
linken Gliedmassen sind zeitweise etwas hypertonisch und le acht < atakt s _ .
«abinski und Oppenheim links zeitweise angedeutet. HirndrucK
Symptome insbesondere entsprechende Augenhintergrundsveränderungen
WareDieniCWaR0ima' BluT ist stark positiv. Die Lumbalpunktion des unruhigen
Patienten ergibt starke Druckschwankungen, etwa 230 cm Wasse
Pandy +, Globulin Phase I: Opaleszenz. Zellen 6: 3 — WaR. bis 1,0 aus
gewertet negativ.
Es wurde vorwiegend
Quecksilber-Kur begonnen.
Vom Verlauf interessiert: . .
4 IV. Beendigung der Schmierkur. Der Status hat sich in der
Zwischenzeit fast nicht geändert, nur die Schwäche im linken Arm ist deut¬
licher geworden. Eine erneute Lumbalpunktion ergibt fast den gleichen Be¬
fund wie bei der Aufnahme, nur die WaR. ist bei 1,0 "Ft.
Trotz differentialdiagnostischer Bedenken
kur begonnen (0,3).
9. IV. 0,45 Neosalvarsan.
13. IV. Der Pat., der vordem dauernd
gequält, stumpfsinnig im Bette lag, fühlt sich
sich für seine Umgebung zu interessieren. A 1
einer organischen Veränderung
System sind geschwunden. „„
27. IV. Inzwischen 3 mal 0,6 Neosalvarsan. Pat. ist seit 8 Tagen völl £
beschwerdefrei.
2. VI. Nach Beendigung der Neosalvarsankur
obiektiv geheilt entlassen. Gewichtszunahme 6,8 kg.
Aufenthaltes des Pat. im Krankenhause sank die Pulsfrequenz me unter
80 Schläge in der Minute. Auch sonst wurden ausser Kopfschmerz und
Erbrechen keine zerebralen Symptome beobachtet.
11. VI. Zweite Aufnahme im Krankenhause. Seit wenigen Tagen zu¬
nehmende Kopfschmerzen. Seit 2 Tagen Somnolenz. Körperlicher Befund
wie bei der ersten Aufnahme. Lumbalpunktion: Anfangsdruck 170cm n*u,
Pandy und Globulin Phase I stark positiv, Zellen bei fraktionierter Ent¬
nahme 8/3, 39/3 und 53/3. Queckenstedt +. WaR. im Blut und
Liquor negativ. Trotzdem erneute kombinierte spezifische Kur.
16. VI. Pat. macht einen bedeutend gebesserten Eindruck, verlangt zum
ersten Maie spontan zu essen. .
20. VI. Seit gestern Abend zunehmende Benommenheit, schneller Vertan,
nachmittags Exitus. n .
Sektion (Dr. B ö s 1 i n g, patholog. Institut des Krankenhauses. Prof.
Dr. Simmonds): Aortitis Iuica, tuberkulöse Herde in beiden Lungen¬
spitzen, faustgrosse Geschwulst im rechten Schläfenlappen von teils salziger,
teils weicher Konsistenz und braunrotem und gelbem Aussehen. Erwe'chu' g
von heftigsten Kopfschmerzen
auffallend wohler und beginnt
l e o b j
a m
ektiven Zeichen
Zentral n-erven-
(6.75 g) subjektiv und
Während des ganzen
T 1 m «roll ml rr
AA ilrr/vclrrvivicr^Vl • filinQJirk'n tYI
Kurz zusammengefasst handelt es sich um einen Patienten, der
4 Wochen nach einem aooplektiformen Anfall an allmählich zunehmen¬
der Somnolenz und linksseitiger Hemiparese erkrankte. Der positive
Ausfall der WaR. im Blut und die Vermehrung des Eiweissgehaltes im
Liquor legten die Annähme einer Lues cerebri vascularis nahe. Durch
Schmierkur und Joddarreichung wurde keine wesentliche Besserung
erzielt. Neun Tage nach der ersten (= vier Tage nach der zweiten)
Neosalvarsaninjektion fühlte sich Patient subjektiv bedeutend gebessert,
obiektiv waren keine krankhaften Störungen mehr nachweisbar. Vom
22. IV. bis zum 5. VI. d. h. für einen Zeitnum von 6 Wochen .st
Patient völlig Symptom- und beschwerdefrei. Nach dieser Zeit Wieder¬
einsetzen der früheren Symptome, die nach einer erneuten Salvarsan-
injektion eine vorübergehende Besserung erfuhren, dann aber schnell
zum Tode führten. Die Sektion ergab ein faustgrosses, stark erweichtes
GHosarkom.
E p i k r i t i s c h ist zu bemerken, dass nach der Lage des Falles
die Fehldiagnose erklärlich ist, und dass gerade um die Zeit der
stärksten Zweifel an der Diagnose Lues cerebri nach den ersten Neo-
salvarsangaben eine verblüffende Besserung eintrat, die an einen be¬
sonders guten Erfolg der Neosalvarsankur glauben liess.
Die zur Beobachtung gekommenen Herdsymptome sind durch Nach¬
barschaftswirkung des Tumors auf die innere Kapsel, die vorhandenen
Allgemeinbeschwerden als Hirndruckerscheinungen aufzufassen, sodass
das Krankheitsbild durch den Sektionsbefund vollauf klargestellt ist.
Schwieriger ist die Deutung des Krankheitsverlaufs. Dass Jod und
Quecksilber keine auffallende Besserung brachten, ist nicht erstaunlich,
obwohl unter dieser Therapie nicht zu selten auch nicht spezifische
Erkrankungen des ZNS. günstig beeinflusst werden. Die zweimalige,
ganz auffallende Besserung im Befinden des Patienten nach Salvarsan
kann man zwar als ein zufälliges Zusammentreffen der Therapie mit
einer spontanen Remission auffassen, doch halte ich diese Erklärung
nicht für richtig. Dass ausser dem Tumor noch luische Veränderungen
am ZNS. vorhanden waren, die an den Symptomen mitbeteiligt waren
und die durch die Therapie zum Verschwinden gebracht wurden, er¬
scheint unwahrscheinlich, da das ganze Krankheitsbild durch den Tumor
allein genügend erklärt ist und ein Ansprechen der krischen Veränderun¬
gen auf Quecksilber und Jod doch wohl zu erwarten gewesen wäre.
Das zweimalige Eintreten einer. Besserung auf Salvarsan und die von
anderer Seite gemachten Beobachtungen über den Einfluss des Sal-
varsans auf Geschwülste drängen doch zu der Annahme, dass eine di¬
rekte Beeinflussung des Tumors durch das Salvarsan stattgefunden hat.
N o e t h e. der 1. c. ein mit Salvarsan behandeltes ZylinderzQllen-Sarkom
des Stirnhirns beschreibt, beobachtete nach dieser Behandlung eine
vorübergehende Besserung und rät zu einer Nachbehandlung operierter
Fälle mit Salvarsan. Jooss berichtet i. c. über einen Patienten, der
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
43
wie unser Fall unter der Annahme einer Lues cerebri mit Salvarsan
behandelt wurde, bei dem sich später ein Angiosarkom des Gehirns
hcrausstellte. Bei diesem trat im Anschluss an die zweite Injektion
eine rapide Verschlechterung des Zustandes mit den Zeichen einer
plötzlich eintretenden Steigerung des Hirndrucks ein. Er kommt daher
zu dem Schluss, man müsse sich hüten, einen Hirntumor mit Salvarsan
zu behandeln. Es stehen miir noch zwei einschlägige Fälle zur Ver¬
fügung, die ich aber nur ganz kurz anführen will, weil die Salvarsan-
wirkung bei ihnen nicht so rein zum Ausdruck kommt. Bei dem einen
handelte es sich um einen von meinem damaligen Chef, Professor
Saenger, intra vitam diagnostizierten destillierenden Prozess der Vier¬
hügel, veröffentlicht in W i 1 b r a n d und Saenger „Die Neurologie
des Auges“, Bd. 8. 1921, S. 349 unten, bei dem wegen der Aussichts¬
losigkeit einer Operation an dieser Stelle sowie vor allem, weil here¬
ditäre Belastung vorlag, eine kombinierte antiluische Kur durch¬
geführt wurde, obwohl der serologische Befund keinen Anhalt für Lues
bot. Es trat unter dieser Behandlung eine deutliche, vorübergehende
Besserung auf, die aber hier nicht mit Sicherheit auf das Salvarsan
bezogen werden kann, weil ausserdem noch Jod und Quecksilber ge¬
geben wurden. Bei der Sektion fand sich ein ganz auffallend erweichtes
Gliom der Vierhügel. Der andere Fall verlief ähnlich wie der Von
J o o s s. Leider .wurde die Patientin trotz des bedrohlichen Zustandes,
in dem sie sich befand, von ihren Angehörigen aus dem Krankenhause
genommen, sodass eine Bestätigung .der Annahme eines Tumor cerebri
weder durch Autopsia in vivo noch in inortuo möglich war. Die
Patientin starb wenige Tage später.
Uebereinstimmend nehmen alle angeführten Autoren eine Beein¬
flussung der von ihnen beobachteten Tumoren durch Salvarsan an
und ich schliesse mich ihrer Meinung durchaus an. Während des
Lebens der Patienten kam die Wirkung in dem einen Teil der Fälle
durch gesteigerte Hirndrucksymptome, in dem anderen Teil durch
vorübergehende mehr oder minder vollkommene Besserung zum Aus¬
druck. Bei den zur Sektion gelangten Fällen fand sich stets eine auf¬
fällige, ausgedehnte Erweichung und Verflüssigung der Geschwulst¬
massen und auch mikroskopisch reichlich regressive Veränderungen an
den Tumorzellen, die über das übliche Mass hinausging. Zelldegenera¬
tion und Erweichungen findet man zwar bei fast allen unreifen Ge¬
schwülsten in mehr oder weniger grosser Ausdehnung, sodass man
schwer sagen kann, ob ein Teil derselben auf die Therapie zurück¬
zuführen ist, aber die übereinstimmende Beobachtung einer auffallenden
Stärke derselben nach Salvarsan ist doch eine auffallende Tatsache.
Die dissimilatorische Wirkung des Arsens auf manche pathologische
Neubildungen ist ja bekannt. H. H. Meyer \4] nennt namentlich
ausser dem syphilitischen Gumma auch das maligne Lymphom. Diese
Geschwulstform leitet nun klinisch und anatomisch von den entzünd¬
lichen Granulationsgeschwülsten zu den echten Tumoren über.
Czerny und Caan beobachteten die beste Beeinflussbarkeit durch
Salvarsan an Sarkomen, eine etwas schlechtere an Karzinomen. Dass
reife Geschwülste wie Fibrome. Lipome und Papillome, die von selbst
nicht zu Einschmelzungen neigen, auf Arsen oder irgendeine andere
interne Therapie ansprechen, ist mir nicht bekannt. Unter Berück¬
sichtigung dieser Tatsachen liegt es nahe, eine Parallele zu ziehen
zwischen der Arsen- und Röntgentherapie von Geschwülsten. Auch hier
schmelzen am leichtesten die entzündlichen Neubildungen ein, sowohl
das tuberkulöse, von dem es wohl allgemein bekannt ist, als auch das
syphilitische Gumma (vergl. Wett er er. Handbuch der Röntgen¬
therapie, 1908, S. 536). Energischer muss schon das maligne Granulom
bestrahlt werden. Die höchsten Dosen sind zur Behandlung echter
Geschwülste erforderlich. Von diesen reagieren auch nur die unreifen
Geschwülste und zwar die Sarkome leichter als die Karzinome. Reife
Geschwülste sind auch bei den höchsten Dosen, die das umliegende
gesunde Gewebe vertragen kann, nicht beeinflussbar. Es ist also bei
der Röntgeneinwirkung die gleiche Reihe vorhanden wie bei der Arsen¬
einwirkung: entzündliche Granulationsgeschwülste, malignes Lymphom,
Sarkom, Karzinom, reife Geschwülste, in dem Sinne, dass die zuerst
genannten am leichtesten, die zuletzt genannten am schwersten bezw.
praktisch gar nicht zu beeinflussen sind.
Wie man sich die Arsenwirkung vorzustellen hat, ist nicht sicher
zu sagen. Vielleicht handelt es sich vorwiegend um einen direkten Ein¬
fluss des Arsens auf die Tumorzellen, wie es Meyer 1. c. anzunehmen
scheint, vielleicht ist auch die von Ricker und Knape [7] nach-
gewiesene, Stase erzeugende Wirkung des Salvarsans dabei mit im
Spiele, sodass die Hyperämie als Heilmittel, wie sie Bier [1| auch
für Geschwülste annimmt, an der einschmelzenden Wirkung des Sal¬
varsans beteiligt ist. Unter allen Umständen glaube ich berechtigt zu
sein, anzunehmen, dass das Salvarsan die malignen Geschwülste elektiv
beeinflusst.
Nicht ganz einfach ist auch die Frage, warum der klinisch beobach¬
tete Erfolg so verschieden ist. Bei den Fällen mit vorübergehender
Besserung kann man sich vorstellen, dass die Einschmelzung des
Tumors auch zu einer Verkleinerung desselben geführt hat und so die
allgemeinen Hirndruck- und Nachbarschaftssymptome verringert worden
sind. Diejenigen Patienten, die mit stürmischen und vermehrten Hirn¬
erscheinungen antworteten, lassen eine ganze Reihe von Erklärungen zu.
Ich will sie nur kurz anführen. Die Salvarsan dosis kann zwar die
lebensschwachen Tumorzellen geschädigt und verflüssigt, auf die jungen
und kräftigen hingegen nur als ReizdosiS gewirkt haben, sodass ein
verstärktes Wachstum resultierte. Es ist aber auch möglich, dass die
Abbauvorgänge im Gehirn so rapide vor sich gingen, dass die damit
verbundene Hyperämie und seröse Durchtränkung der Umgebung zu
den erneuten Hirndrucksymptomen Anlass gaben. Schliesslich kann
man die Besserung und auch die Verschlechterung auf veränderte
Zirkulationsverhältnisse im Gehirn zurückführen wollen. Bei der man¬
gelhaften Kenntnis, die wir von ihnen haben, ist diese Meinung durchaus
nicht von der Hand zu weisen, besonders, da nach Meyer (1. c.) das
Arsen besonders auch auf die Zellen der Kapillaren wirkt.
Die klinische Wirkung des Salvarsans auf Hirntumoren scheint sich
ebenfalls mit derjenigen der Röntgenstrahlen zu decken. Auch hier
beobachteten einige Autoren eine Besserung. Von den wenigen, die
darüber berichten, erwähne ich nur Quick [6|. Ich konnte vor Kurzem
einen Patienten beobachten, der wegen eines in der Tiefe des linken
Temporalhirns wuchernden Glioms palliativ trepaniert worden war und
der nach einer Röntgenbestrahlung mit vermehrten Beschwerden infolge
verstärkter Hirndruckerscheinungen reagierte. Man hat also hier ebenso
wie beim Arsen klinische Besserung wie Verschlechterung zu ver¬
zeichnen.
Alle diese Beobachtungen veranlassen mich, zu glauben, dass
man in manchen Fällen von Tumoren mit Salvarsan einigen Nutzen
stiften kann. Von vornherein auszuschalten sind natürlich operable
Geschwülste, dann aber auch alle reifen Geschwülste, wie es z. B. die
Akustikustumoren zu sein pflegen, die manche wegen der hohen Mor¬
talitätsziffer bei der Operation auch zu den inoperablen zählen möchten.
Aber diffus wachsende unreife Geschwülste des Hirns sowie Fälle von
diffuser Karzinomatose der Hirn- und Rückenmarkshäute, die fast nur
mit Morphin behandelt werden können, ebenso vielleicht auch multiple
Krebsmetastasen könnte man vielleicht versuchsweise mit Salvarsan
behandeln und zwar, wie schon Czerny und Caan hervorheben,
lange Zeit und mit hohen Dosen. Dass in geeigneten Fällen die
Röntgentherapie nicht vernachlässigt werden darf, brauche ich wohl
nicht besonders zu betonen.
Literatur.
1. M.m.W. 1921 S. 415. — 2. M.m.W. 1911 S. 881. — 3. M.m.W. 1912
5. 1436. ■ — 4. Meyer und Gott lieb: Experimentelle Pharmakologie.
Urban & Schwarzenberg, Berlin-Wien 1920. — 5. M.m.W. 1912 Nr. 10. —
6. Ref. Zbl. f. d. ges. Neurol. 25. S. 326. — 7. Med. Kl. 1912 Nr. 31. —
8. Ref. M.m.W. 1912 S. 59.
Aus dem dermatologischen Ambulatorium.
(Dres Delbanco, Haas und Zimmern, Hamburg.
Erfahrungen mit Neosilbersalvarsan.
Von F. Zimmern.
Seit Februar 1920 sind wir in der Lage, das uns von Herrn Ge¬
heimrat Ko Ile in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellte neue
Präparat Neosilbersalvarsan in derselben Weise, wie früher das Silber-
salvarsan, bei einer grossen Zahl ambulanter Patienten zu verwenden.
Wir sind nun nach 1 yA jährigem Gebrauch des Mittels, nach Durch¬
führung von ca. 560 Kuren an etwa 470 Patienten mit weit über
5000 Injektionen in der Lage, uns ein Urteil über dies Präparat zu
bilden und dies der weiteren Oeffentlichkeit vorzulegen.
Eine genaue zahlenmässige Angabe, in welcher Zeit z. B. Spiro¬
chäten verschwinden, wieviel Injektionen bzw. Gramm zum Schwinden
von Erscheinungen und zum Negativwerden der Serumreaktion not¬
wendig sind, wollen wir nicht bringen. Solche Angaben sind nur mit
den Beobachtungen anderer Autoren zu vergleichen und sind, da
Dosierungen, Abstände der Injektionen, Art und Alter der klinischen
Erscheinungen, Härte und Breite der Serumreaktion immer variieren,
schwer auf einen Generalnenner zu bringen. Unserer Ansicht nach
genügt zur Beurteilung eines Salvarsanpräparats die Durchführung der
Behandlung mit dem Mittel durch längere Zeit hindurch. Klinische und
serologische Rezidive bzw. ein Freibleiben davon, ferner Spätschäden,
wie Ikterus, sind dann von ausschlaggebender Bedeutung und be¬
gründen den Wert oder Unwert des Mittels im Vergleich zu den bisher
erprobten fünf Salvarsanpräparaten.
Wir haben im ganzen 12 verschiedene Operationsnummern erprobt
und konnten bei den ersten fünf Nummern, zum mindesten in bezug
auf Verträglichkeit und Nebenwirkungen grössere Unterschiede fest-
stelleni So kamen bei einer Nummer bis zu 20 Proz. angioneurotische
Oedeme vor. die, wenn auch meist nur allerleichtester Art, zu einer
sofortigen Aufgabe dieser Nummer zwangen. Die Lösung dieses Prä¬
parates zeigte unter dem Mikroskop kleinste ungelöste Teilchen, welche
die bekannten Nebenwirkungen bei der Injektion leicht erklären.
Ferner zeigten die einzelnen Nummern Unterschiede im Grade und der
Art der Löslichkeit. Die einen lösten sich schnell, auf der Wasser¬
oberfläche schwimmend, andere sanken unter, klumpten und lösten
sich langsam. Die späteren Operationsnummern zeigten keine Unter¬
schiede mehr in der Art ihrer Lösung, der klinischen Wirkung und den
Nebenerscheinungen.
Ein ausserordentlich grosser Vorteil des Neosilbersalvarsans, der
es besonders für poliklinischen Betrieb bzw. für den viel¬
beschäftigten Praktiker geeignet macht, besteht darin, dass das Prä¬
parat gelöst ruhig einige Zeit, bis zu mehreren Stunden stehen kann,
ohne wie die früheren Präparate durch Oxydation an Giftigkeit
erkennbar zuzunehmen. Es wurde immer eine 10 proz. Stammlösung
angesetzt, mit L u e r scher Spritze jedesmal der den Dosen 0.2. 0,3,
0,4, 0,5 entsprechende Teil, also 2 bzw. mehr Teilstriche, entnommen
und destilliertes Wasser bis auf 10 ccm nachgezogen und eingespritzt.
Man soll im allgemeinen nicht zu schnell spritzen, doch wird man auch
44
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
bei einem Einlaufen der ganzen Menge in ca. 10—15 Sekunden keine
Schäden erleben. Infiltrate sind natürlich ebenso schmerzhaft wie bei
den anderen Präparaten. 1? T
Es wurden pro Kur 3 g in 10, seit Januar 1921 4-4,5 g n 12 ln
jektionen gegeben und zwar 0,2 ein bis zweimal, dann einmal L 0.3 u
nun immer 0,4 event. 0,5 bis zur beabsichtigten Gesamtdosis. Bei
Männern und Frauen wurden im allgemeinen dieselben Dosen gegebe .
Oefter wurde bei nicht glatter Verträglichkeit eine kleinere Dosis
zwischengeschaltet. Die Abstände zwischen den eiMelnen
während der Kur betrugen anfangs 3. dann 4—5, bei den letzten Injek¬
tionen etwa 6 Tage; also entsprechend unserer Dosierung bei Süber-
salvarsan Seit Februar 1921 etwa wurde Novasurol in Misch¬
spritze gegeben, meist nicht mehr als %—V*. ccm dieses Mittels. Diese
Mischspritzen nach Linse r. die sich ja in der ambulanten Praxis,
in der die Patienten nicht immer Schmierkuren bzw. Injektionskuren
mit wirksamen Präparaten durchführen können oder wollen. es
bei Sekundärfällen und bei Lues latens in Anwendung. üriitiare Lues
wurde, so lange die Serumreaktion negativ blieb rein mit Neosilber
behandelt, ebenso Tabes ohne Hg, aber mit reichlich Jod.
Es wurden im ganzen behandelt: ca. 470 Fälle:
Lues I. d. h. nur seronegative Fälle an 100
Lues I und II . “J’er }^0
Lues latens, darunter auch Lues cerebn über ISO
Tabes 33
Paralyse
Lues III wmde nur mit Hg und Jod behandelt. Ausgeführt worden
im ganzen 560 Kuren, von denen aber eine ganze Reihe, etwa 70— 80,
durch Ausbleiben der Patienten oder aus anderen Gründen nicht durch-
geführt werden konnten. ' ...
Die klinischen Wirkungen sind genau dieselben, wie bei bilber-
salvarsan Die grosse, dem Silbersalvarsam gebührende Bedeutung
braucht an dieser Stelle nicht von neuem beleuchtet zu werden J.
Die Erscheinungen schwinden^ da die Dosierung ja höher genommen
werden kann, schneller. Die klinischen und serologischen Rezidive
nach ungenügenden Kuren oder bei älterer Lues nach zu langen Pausen
zwischen den einzelnen Kuren entsprechen dem bei den früheren
Präparaten Gesehenen. Wir sahen also, wie sonst auch, eine Reihe
von Neurorezidiven, Meningorezidiven, Reindurationen, zweimal
chancriforme Papeln, einmal an der Stirn, einmal am Knie. Ferner,
worüber schon berichtet wurde, mehrere klinische Rezidive maligner
Art mit negativer Serumreaktion unmittelbar nach der Kur. Diese
Fälle kamen aber sowohl bei Behandlung mit Silbersalvarsan und Neo-
salvarsan als auch nach Hg-Kur vor. Hervorzuheben gilt, was ja auch
vom Silbersalvarsan bekannt ist, die ausserordentlich roborierende Wir¬
kung des Präparates und die gute Gewichtszunahme. Besonders mit
der Wirkung bei Tabes waren wir ausserordentlich zufrieden. Hier
sind die Erfolge wenigstens in bezug auf Rückgang der Beschwerden,
z. B. lanzinierende Schmerzen, sehr gut und schnell einsetzend. Ebenso
bei gastrischen Krisen, nur soll hier die Dosis 0,3 im allgemeinen nie. t
überschritten werden.
Von Nebenerscheinungen sahen wir, ausser den schon erwähnten,
bei einer Nummer gehäuft vorkommenden Angioneurosen, die üblichen,
bei allen Salvarsanpräparaten auftretenden Formen. Die Zahl der
Angioneurosen ist aber erheblich kleiner als bei Silbersalvarsan und bei
Neosalvarsan. Neosilber wurde fast immer von Patienten, die unter
Silbersalvarsan diese Erscheinung zeigten, gut vertragen besonders
wenn man sich mit kleinen Dosen wieder einschlich. Enzephalitis
oder ähnliche Symptome sahen wir nie. Idiosynkrasien gegen Sal-
varsan an sich, z. B. Fieber, Kopfschmerzen. Erbrechen, kurz eine
absolute Unverträglichkeit, auch bei kleinsten Dosierungen, kam, wie
bei jedem anderen Präparat, natürlich auch vor. Dagegen ist die Zahl
der Dermatitisfälle geringer als bei den anderen Präparaten. Wir sahen
im ganzen 7, darunter 4 ganz leichte, und 3 schwerere Fälle; die letzteren
erforderten 6 — 8 Wochen Krankenhausbehandlung und waren nach
je 3, 5 und 9 Injektionen aufgetreten. Diese unangenehmen Beigaben
der Salvarsantherapie lassen sich bei genügender Vorsicht so gut wie
völlig vermeiden, wenn man auf die Prodromalsymptome, wie Fieber,
gestörtes Allgemeinbefinden und leichteste Erytheme nur genügend
achtet. Wird dann die Therapie sofort ausgesetzt, kommt es selten zu
einer weiteren Ausbreitung und Schäden.. Wir haben niemals die, be¬
sonders bei Sulfoxylat vorkommenden, einige Zeit nach der Kur erst
einsetzenden, nie vorauszusehenden schweren Derrnatitiden gesehen.
Einmal wurde ein fixes Erythem beobachtet. Spätikterus sahen wir
im ganzen 10 ma' in der üblichen Weise verlaufend. In 2 Fällen zog
sich die Erkrankung über 4 Wochen hin. In allen Fällen wurde aber
später wieder Salvarsan anstandslos vertragen.
Es treten weniger Angioneurosen auf, als bei den anderen Prä-
PJia Dermatitisfälle sind seltener und scheinen, soweit es sich au
unserem Material übersehen lässt, leichter ^u v6^^- ^8 kann mit
allen Hg-Präparaten Sublimat, Novasurol, Cyarsal, Embarin in Misci
SPr" IVlmm Beherrschung der Inlektionstechnik mit dunklen Lö-
sungen ist es den bisherigen Präparaten vorzuziehen.
Aus der dermatologischen Klinik der Universität Leipzig.
(Direktor; Obermedizinalrat Prof. Dr. Rille.)
Zur Frage der endolumbalen Salvarsanbehandlung.
Von Dr. Tibor Benedek, Volontärarzt der Klinik.
Zusammenfassung.
Neosilbersalvarsan steht in seiner klinischen Wirksamkeit dem Sil¬
bersalvarsan gleich. Man kann aber bessere Erfolge damit erzielen,
da höhere Gesamtdosen gegeben werden können. .
Es kann mehrere Stunden gelöst stehen bleiben, ohne Schaden
zu verursachen. Die Stammlösung bietet einen grossen Vorteil für den
poliklinischen Betrieb.
*) D e 1 b a ii c o bittet mich an dieser Stelle mitzuteilen, dass nach seiner
Auffassung das Neosilber nicht ganz so spirillozid wirkt wie das Silber¬
salvarsan, dafür aber die grösseren Vorzüge einer geringeren Gefahrenzone ein-
schliesst. Je näher das Salvarsanpräparat dem Ideal der Sterilisatio magna
kommt, umsomehr wächst die Gefahr der Anbehandlung, der Meningo-
rezidive usw. (cf. Delbanco und Zimmern: M.K1. 1920).
Atu Anfang dieses Jahres trat Gennerich [ll mit einer zu-
sommenfassenden Darstellung seiner endolumbalen Salvarsanbehand¬
lung der Lues des ZNS.1) vor die Oeffentlichkeit der Syphilidologen
U'ld Während6 aber die Neurologen urid Psychiater (W e y g a>Ja e "
Jacob-Kafka [2], v. Schubert [3l, Schacherl 14J. Nae-
geli [5l Lewinsohn [6], Zadek [7l, Nonne [8], Jacobi [ I
u a.) im Verlaufe des vorigen Dezennium, durch die ersten erfolg-
ver'heissenden Mitteilungen von Gennerich U0, 11] angeregt, the a-
oeutische Versuche an einer kleinen Anzahl von Metaluetikern (Tabes
dorsalis. Taboparalyse, Paralyse) unternommen haben, liegen bisher
von Seiten der Syphilidologen. der Hautkliniken nur vereinzelte M t
tuhingen anor'therapeutischen Erfolgen und Dauerresultaten reiche
Gennerichsche Kasuistik lässt aber ganz klar erkennen, dass das¬
jenige Gebiet, wo sich die latente syphilitische Affektion des ZNS
schleichend und heimtückisch entwickelt und noch am aussichtsvollsten
anzugreifen ist, eben den Syphilidologen zufällt. Neurorezidive, histo¬
logische Meningorezidive, Meningitis luica, Syphilis cerebiospmali d ~
men fast ausschliesslich zu den Syphilidologen. der Neurologe dcr
Psychiater sieht erst meistens die beginnende Metalues, die vollent
wickelte Tabes und Paralyse. j ....... r m dpr
Durch systematische Liquorkontrollen der Syphilitiker kann der
Syphilidologe die zukünftigen Kandidaten der huschen und metaluischen
Erkrankungen des ZNS. noch rechtzeitig mit grosser Wahrschein¬
lichkeit erkennen und dieselben durch Assanierung des Liquors bzw.
der erkrankten Meningen mittels der endolumbalen Methode der voll¬
ständigen Heilung zuführen. Eine ganze Reihe von Autoren (Alt -
mann und Dreyfus[12], Fruhwald [13,14,15], Haupt-
m a n n [16]. Kyrie [17] u. a. m.) stellte schon die Forderung die anti-
luetische Behandlung nicht nur bis zum Verschwinden der kutanen
Syphilis bzw. bis zur negativen Blut-WaR. zu verfolgen, sondern bis
zur vollständigen Assanierung des Liquors durchzufuhren,
Gennerich bewies es an einem ganz grossen, systematisc
durchbehandelten und vielfach kontrollierten Material, dass die As¬
sanierung des Liquors bezw. der Meningen, fast ausschliesslich nur
durch die endolumbale Methode erreichbar ist. n
Angespornt durch die Erfolge und besonders durch die Dauer- I
resultate der reichhaltigen Gennerich sehen Kasuistik, habe ich an
dem hiesigen poliklinischen Material die ersten endolumbalen Be¬
handlungen unternommen. . , . .
Zur Ausführung der endolumbalen Behandlung habe ich mir ein
eigenes Instrumentarium zusammengestellt, durch dessen jetzige1 Aus¬
gestaltung ich manchem Mangel zu steuern geglaubt habe. Das In¬
strumentarium sichert eine glatte, einfache Ausführung der endolum-
balen Behandlung und es hat sich mir bei den bisherigen Behandlungen
in jeder Hinsicht recht praktisch bewährt.
Gennerich [11] empfahl seinerzeit eine möglichst f e i n e Lumbal¬
punktionsnadel ohne die zahlenmässige Stärke derselben anzugeben. U
ersten Punktionen wurden infolgedessen mit einer recht feinen Q .
sehen Punktionsnadel (innerer Durchmesser 0,5 mm) ausgeführt. Die Liquo -
entnähme ebenso wie auch das Infundieren dauerte unnötig lange zumal die
ersten zwei bis drei Infusionen in ..horizontaler Lage vorgenommen wo rde n
sind. Bei dieser Anordnung (dünne Nadel — horizontale Lage) brauchte mai
zur Entnahme und Infusion von etwa 60 ccm Liquor über t7* Stunden.
Sobald ich aber eine stärkere Punktionsnadel (äussere Starke 1,65 mm,
innere Stärke 0,85 mm, Abbildung) verwandt habe und dazu übergegangen
bin, die Sitzungen von Anfang bis zu Ende in i sitzender .Lage der
Patienten durchzuführen, habe ich erreicht, dass die Sitzungen bei der Ent¬
nahme von 75—90—150 ccm Liquor im Durchschnitt etwa 25 40 Minuten
in Anspruch genommen haben. Selbstverständlich wird inan zeithc le
Schwankungen bei den einzelnen Sitzungen auch bei derselben Person öfters
beobachten. Eine weitere Verkürzung der Sitzungsdauer ist aus dem Grunde
nicht mehr möglich, da den grössten Teil der Zeit die vorsichtige a n i g-
s a m e Liquorentnahme beansprucht, die Infusion dauert auch bei 80—90 ccm
Bei der Ausgestaltung der Büretten habe ich mir folgende Aufgaben
gestellt: 1. sichere Vermeidung des Eintritts von Luftblasen, in den Rucken-
markskanal ; 2. die bequeme Beseitigung eines ev. Blutgerinnsels aus dem
Bürettenschlauchsystem, das sonst zur Verlegung des Nadellumens bei der
Infusion führen kann; 3. eine einfache innige Mischung des Salvarsans mit
dem Liquor auch in den Schläuchen. . ....
Um diese Zwecke zu erreichen, arbeite ich mit zwei gleichartigen
Büretten Die Bürette (Abb.) ist 21 cm lang, mit einem Querschnittdurch¬
messer von 3,5 cm; unten in der Fortsetzung der Zylinderachse ist sie mit
J) ZNS. = Zentralnervensystem.
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
45
einem Auslaufshahn versehen und auf der dem Hahn entgegengesetzten Seite,
knapp oberhalb des Hahnes, mit einem kleinen konischen Glasansatz von
2,5 cm Länge, um hier den Gummischlauch anzuschliessen. Sie ist von unten
an kalibriert und fasst 150 ccm Flüssigkeitsmenge. Die Büretten sind noch
oben mit einer kleinen, entsprechenden Glaskappe versehen, die auf dem
nicht geschliffenen Oberrand der Bürette aufsitzt, um den Eintritt von
Staub etc. zu vermeiden und den Luftaustritt zu ermöglichen. Die beiden
Büretten werden mit einem entsprechend dünnen Schlauch von etwa je 40 cm
Länge verbunden, so dass sie vorne in ein Glasrohrdreieck zusammenlaufen.
Die beiden Schläuche sind noch genau in der Mitte durchgeschnitten und
daselbst ist ein Glasröhrchen von etwa 8 cm Länge eingeschaltet, um beim
Infundieren die Höhe der rucklaufenden Flüssigkeitssäule im Schlauchsystem
beobachten zu können. Am freibleibenden dritten Arm des Glasrohrdreiecks
kommt ein Stückchen Gummischlauch derselben Stärke von etwa 3 — 5 cm
Länge, um das ganze System mit dem Metallkonus der Punktionsnadel zu
verbinden. Hier möchte ich noch einfügen, dass dieser Metallkonus ebensoweit
durchgebohrt (die innere Lichte!) sein muss, wie die Nadel selbst, sonst
bremst ein dünner (feiner), gebohrter Konus trotz der passenden Nadelstärke
den Liquorstrom sehr stark ab. Die ganze Zusammenstellung des Instrumen¬
tariums geht aus der Abbildung
deutlich hervor 2).
Die Desinfektion des
ganzen Instrumentariums wird
in einer mit destilliertem
Wasser angefüllten, gewöhn¬
lichen Sterilisationspfanne vor¬
genommen. Nach der beendeten
Sterilisation werden die Instru¬
mente steril aus der Pfanne
herausgehoben und in einem
sterilen Tuche bis zum Ge¬
brauch aufbewahrt. Bevor man
noch das Bürettenschlauchsystem
an die Punktionsnadel ansteckt,
wird dasselbe mit steriler phy¬
siologischer NaCl-Lösung aus¬
giebig durchgespült.
In den ersten 2 — 3 Sitz¬
ungen habe ich die Patienten im
Liegen, in horizontaler Seiten¬
lage punktiert, da vor der sitzen¬
den Lage in der Literatur ver¬
schiedentlich gewarnt worden
ist. Bald kam ich aber zu der
Einsicht, dass die Seitenlage zu
einer Liquorentnahme über 20
bis 25 ccm vollkommen unge¬
eignet ist. Nach anfänglichem
guten Abfluss von 20 — 25 ccm
Liquor bleibt der Liquorstrom
stehen und da hilft weder das
Herumdrehen noch das Vor¬
oder Rückwärtsbewegen der Nadel: der Liquorstrom steht unentwegt
still. Man kann zwar .in diesem Falle, wie es Gennerich [l] vor¬
schlägt, den Patienten aufsetzen, damit der Liquorstrom wieder in Bewegung
kommt, um den Patienten hinterher wieder in Seitenlage zu bringen. Dieses
Vorgehen verursacht eine grosse Zeitvergeudung, strengt den Patienten an
und ist m. E. wegen der seitlichen Ausschwingung der Wirbelsäule nicht
ohne Gefahr: die Nadel kann dabei eventuell abbrechen.
Da mein Ziel war, nach Gennerich s Vorschlag soviel Liquor zu
entnehmen, wie der einzelne Rückenmarkskanal überhaupt abgibt, um mit
dem Sa-Liquorgemisch so hoch wie möglich bis zu den Hirnhäuten empor¬
zukommen, musste ich auf die seitliche Lagerung der Patienten bei den
zukünftigen Behandlungen aus den oben angeführten Gründen ein für allemal
verzichten.
Es ist bekannt, dass die „horizontale“ Liquordruckhöhe im
Durchschnitt etwa 120 mm Wasser beträgt, die zu 350 — 420 mm Wasser
emporschnellt, wenn der Patient in sitzende Lage kommt. Aus diesen ob¬
jektiven Zahlen geht es schon ganz klar hervor, dass man bei der horizontalen
Seitenlage während der Liquorentnahme über eine Liquorsäule hinaus, die
eben die Druckhöhe bei dieser Lage anzeigt, wird kaum hinauskommen können,
so dass nur der einzige richtige Weg, um das Ziel — die grösstmögliche
Liquorentnahme in der verhältnismässig kürzesten Zeit unter Scho¬
nung des Patienten — zu erreichen, allein die sitzende Lagerung
des Patienten in Betracht kam. Bei ca. 60 in der beschriebenen Weise aus¬
geführten endolumbalen Behandlungen habe ich niemals Herzkollaps oder
sonst irgendein stürmisches Vorkommnis erlebt, das mir diese Art der
Liquorentnahme im mindesten hätte widerraten können. Die ständige genaue
Pulskontrolle hat mir gezeigt, sogar bei Liquorentnahmen bis 150 ccm, dass
diese Methode bei Vorsicht und Pulskontrolle keine Gefahren innehat.
Bei der Ausführung der endolumbalen Behandlung sitzt also der
Patient am Rande seines rollenden Bettes, den Rücken dem Arzt zu¬
gekehrt.
Von einer genauen Beschreibung der Vorbereitungen zur Punktion selbst
(Desinfektion der Haut, Aufsuchen der Punktionslinie etc.) will ich hier ab-
sehen; diesbezüglich wird betreffs der Einzelheiten auf die einschlägigen
Monographien von Eskuchen [18], Kafka [19] hingewiesen.
Soll man vor dem Einstechen irgendeine Anästhese anwenden? Der
einzig schmerzhafte Punkt ist die Hautstichstelle. Als Anästhetikum wird im
allgemeinen Chloräthyl empfohlen. Ich wende es aber kaum an. Erstens sind
viele Leute (hyperästhetische Tabiker!) an der Stelle sehr empfindlich,
zweitens tut die Kälteeinwirkung mehr weh als der Stich selbst. Ferner wenn
man die gewählte Stelle in der Tat erfrieren macht, bekommt man einen
brettharten Hautfleck, wodurch jede Orientierung unmöglich gemacht, das
richtige Eindringen in Frage gestellt wird. Die an manchen Orten geübte
Skarifikation der Haut vor dem Einstechen halte ich für ganz überflüssig. Bei
sehr empfindlichen Patienten ist noch am besten, wenn man eine Schleich-
2) Das Instrumentarium wird nach meiner Angabe fabrikmässig bei
Riedel, Leipzig, Liebigstrasse 1 b hergestellt.
Nr. 2.
sehe Quaddel setzt. Ich steche meistens — ■ die Nadel ist immer scharf ge¬
schliffen — ohne jede Anästhesie ein, und ich habe deswegen von den
Patienten keine Klagen gehört.
Ich führe die Punktionsnadel immer ganz genau in der Sagittal-
ebene zwischen den Proc. spinös, ein und nicht etwa seitlich durch das
For. intertransvers. Hierbei sei noch auf die eminente Wichtigkeit einer
absolut richtigen Nadelführung hingewiesen. Von der richtigen
Nadelführung hängt es ab, wieviel Liquor man — ceteris
paribus — erhalten kann. Die Nadel soll am günstigsten etwas mit
nach oben gerichteter Spitze unter etwa 70 — 80 0 (Winkel nach unten) ein¬
gestochen werden. Als Einstichstelle wähle ich meistens die Spalte zwischen
den Proc. spinös, des 3. — 4. Wirbels. Es wurde aber bald die Erfahrung
gemacht, dass man im Interesse der glatten, ungestörten Liquorentnahme
dieselbe Einstichstelle im allgemeinen in zwei aufeinanderfolgenden
Sitzungen hintereinander nicht wählen darf. Wahrscheinlich liegen hier
bindegewebige Adhäsionen vor, die auf die Einwirkung des Ein¬
stiches zurückzuführen sind und die eine glatte Liquorentnahme mitunter
sehr erschweren. Aus diesem Grunde wechsle ich die Einstichstelle bei
jeder Sitzung, so dass ich bald zwischen dem 3. — 4., bald 4. — 5., oder sogar
dem 2. — 3. Lumbalwirbel eindringe und auf diese Weise konnte ich mir immer
eine glatte Liquorentnahme sichern. Wenn trotzdem im ersten Augenblick
kein Liquor hervortritt, so ändert man die Lage der Nadel durch Drehen,
Vor- oder Rückwärtsschieben.
Wenn nun die Punktionsnadel richtig eingestochen worden ist und beim
Herausziehen des Mandrins der Liquor erscheint, wird erst das notwendige
Quantum 6 — 8 ccm Liquor für Untersuchungszwecke aufgefangen. Jetzt stellt
man den Sperrhahn an der Punktionsnadel auf einen Augenblick ab, bis die
vorbereiteten, sterilen, mit physiologischer NaCl-Lösung ausgiebig durch¬
gespülten Büretten samt Schläuchen mittels des metallischen Konus an die
Nadel angesteckt sind. Durch das Verdrehen des Arretierungsstiftes am
Konus wird ein Herausrutschen desselben aus der Nadel verhindert. Der
Sperrhahn wird wieder aufgemacht, die Büretten, ohne an der Nadel zu
zerren, tief gesenkt und die Abflussgeschwindigkeit des Liquors durch das
entsprechende Verstellen des Hahnes in Grenzen gehalten. Gegen Ende der
Entnahme wird der Hahn ganz aufgemacht. Sind schon etwa 15 — 20 ccm
Liquor in den Büretten aufgefangen, so hebt man die eine Bürette — ohne
den Sperrhahn abzustellen — in die Höhe, dann umgekehrt, um durch das
Spiel zweier kommunizierenden Gefässe die Luft aus den
Schläuchen herauszutreiben. Auf diese Art ist absolut sicher verhütet, dass
Luftbläschen in den Rückenmarkskanal eintreten.
Bei einer event. lumbalen Venenplexusblutung kann man das Blut auf
die oben beschriebene Weise aus den Schläuchen heraustreiben. Sollte sich
trotz alledem ein Blutgerinnsel bilden, was bei einer stärkeren Blutung doch
Vorkommen kann, so sammelt sich das Gerinnsel unten in den Büretten ober¬
halb des Auslaufhahnes an und es kann durch denselben aus den Büretten
bequem entfernt werden.
Hat man schon 30 — 40 ccm Liquor entnommen, so melden die Patienten
im allgemeinen — einen ganz leichten Kopfschmerz. Falls die Kopf¬
schmerzen während, der Entnahme stärker werden, stellt man den Hahn
einfach ab, um nach ein paar Minuten mit der Entnahme fortzufahren. Ich
entnehme aus den am Eingänge gleich erwähnten Gründen die grösstmögliche
Liquormenge. Mit der Entnahme höre ich erst auf, wenn die Patienten zu
starke Kopfschmerzen bekommen oder ein Brechreiz sich meldet. Zu diesem
Zeitpunkt hat man aber schon ständig 80 — 90 — 140 ccm Liquor.
Hat man die erreichbare Liquormenge entnommen, so wird der Hahn
abgestellt. Der Patient wird vorsichtig in horizontale Lage gebracht
(Achtung auf die Beibehaltung der Rückenkrümmung wegen der Nadel!) und
bekommt eine Rolle unter das Gesäss, so dass der Kopf beim
Infundieren tiefer liegt. Dadurch wird die Infusionsdauer auf wenig — • 2 bis
3 Minuten — abgekürzt, ohne die Gefahr, durch dieses Vorgehen Druck¬
symptome hervorzurufen.
Von der eben zubereiteten Salvarsanlösung 3) wird erst jetzt das
notwendige Quantum zu dem Liquor mittels einer graduierten Pipette hinzu¬
gesetzt. Durch das abwechselnde paarmalige Heben und Senken der Büretten
strömt die ganze Liquormenge und auch der Inhalt der Schläuche von der
einen in die andere Bürette hinüber und auf diese Weise mischt sich das
Salvarsan mit dem Liquor durch und durch. Benützt man Salvarsannatrium,
so kann man die Vermischung an der leichten opaleszierenden Verfärbung
der ganzen Flüssigkeitsmenge erkennen. Ist die Mischung durchgeführt, so
werden beide Büretten in gleicher Höhe hochgehoben, der Sperrhahn wird
aufgemacht und der mit Salvarsan versetzte Liquor strömt in den Rücken¬
markskanal glatt wieder zurück bis auf etliche Kubikzentimeter, die in den
Schläuchen und event. in den Büretten Zurückbleiben und die horizontale
Druckhöhe des Liquors anzeigen. Durch leichtes Drücken an den Schläuchen
bringt man dann auch diesen Rest bis zum Glasröhrendreieck in den Kanal
hinein. Da stellt man den Hahn ab, die Nadel wird mit einem kurzen Ruck
herausgezogen, die Punktionsstelle mit steriler Gaze und Heftpflaster zuge¬
klebt. Nach beendeter Sitzung werden die Patienten in demselben rollenden
Bett in den Krankensaal hineingeschoben. Das Fussende des Bettes wird
durch Holzklötze — von der Dicke zweier Ziegelsteine — hochgestellt.
Pat. liegt horizontal auf dem Rücken, ohne Keilkissen 48 Stunden lang. Nach
2 Tagen verliessen die Patienten immer die Station. Die Sitzungen werden
in zweiwöchentlichen Abständen wiederholt.
Ueber die bisherigen klinischen Erfahrungen und Resultate soll
diesmal nur kurz zusammenfassend berichtet werden. Ein ausführlicher
klinischer Bericht sei nach Abschluss einer grösseren Anzahl von Be¬
handlungen für eine andere Mitteilung Vorbehalten.
Vor allem möchte ich darauf hinweisen, um diesbezügliche Be¬
fürchtungen zu zerstreuen, dass die endolumbale Salvarsanbehandlung
auch in der Krankenhauspraxis leicht durchführbar ist. Die Patienten
verweilen 2, höchstens 3 Tage auf der Station und so nehmen sie den
auch anderweitig notwendigen Bettbelag nicht zu lange in Anspruch.
Die Patienten unterwarfen sich ohne weiteres einer vielfach wieder¬
holten Punktion.
,!) Es wird Neosalvarsan, aber auch Salvarsannatrium verwendet. Nach
Gennerich wird die kleinste erhältliche Menge von 0,045 g NeoSa (Na-Sa)
in 10 ccm physiologischer NaCl-Lösung aufgelöst, wo 1/io ccm der Lösung
0,45 mg Salvarsan entspricht.
4
46
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.,
Nr. 2.
Bisher sind 13 Fälle mit etwa 60 endolumbalen Infusionen behan¬
delt worden. Nadh der Art der Affektion verteilen sich die Falle
1. Meningitis luica 3; 2. Lues cerebn 5; 3. Tabes dorsalis 5. Darunter
waren 10 Männer und 3 Frauen. ..
Von den Fällen sind 5 gleichzeitig auch intravenös, die übrigen
nur endolurnbal unter ständiger Serumkontrolle behandelt worden ie
nachdem das Blut im gegebenen Falle nach Wassermann positiv
oder negativ reagierte. Die simultane Behandlung störte das therapeu¬
tische Vorgehen nicht, da sich die Wirksamkeit der endolumbalen Be¬
handlung jederzeit, wenn auch nicht an der klinischen Besserung längs
bestehender Ausfallserscheinungen (Tabes), immerhin aber am V
halten des „Reaktionsspektrums“ im Liquor feststellen hess.
Von den verschiedenen Untersuchungsmethoden sind folgende
ständig ausgeführt worden: 1. vor Beginn der endolumbalen Behand¬
lung und während derselben 1-2 mal Blutwassermann; 2 WaR. im
Liquor nach der Auswertung von Hauptmann ; 3 von den Eiwe ss-
proben: a) Pandy, b) Nonne-Apelt Phase I, c) daneben zur
Kontrolle die Schichtungsprobe nach Ross-Ja me s und d) die
Weich brodtsche Sublimatprobe; 4. Gesamteiweissbestimmung
nach Nissl; 5. Zellzählung in der Kammer nach Fuchs-Ros en-
tha l ; es wurde immer die erste Liquorportion genommen, 2— 3 Kam¬
mern werden durchgezählt und als Wert das arithmethische Mi t-
Alle diese Reaktionen halte ich für notwendig, um auf möglichst
breiter Basis den Zustand des Liquors verfolgen zu können. Zur An¬
stellung der Reaktion braucht man ein paar ccm Liquor, wenig Zeit,
da sie einfach und schnell auszuführen ist. Die klassischen vie.
Reaktionen“ von Nonne (WaR. im Blut und Liquor, Phase 1 und
Zellzahl) sind zu wenig, um sich daraus ein klares Bild über den
Zustand des Liquors zu machen. .
Während der Sitzungen sind stürmische Erscheinungen (Herzkollaps
etc.) bisher nie beobachtet worden. Die Patienten halten die Sitzungen
recht gut aus. Beim Infundieren meldeten die Patienten hie und da
kurz anhaltende, rasch vorübergehende Paraesthesien. wie Kalte- und
Wärmegefühl, an den Glutaeen, penanal oder an den Oberschenkeln.
Bei Tabikern sind auch bei ganz vorsichtiger Dosierung leichte, lan-
zinierende Schmerzen beobachtet worden. Nach der Infusion fühlen
sich die Patienten recht wohl. Leichte Temperatursteigerungen bis
37 6° C kamen öfters an dem der Behandlung folgenden, tage vo .
Am zweiten Tage nach der Sitzung war die Temperatur wieder normal.
Eine sensible Spinalreizung kam zweimal zur Beobachtung, einmal
als eine leichte Detrusorschwäche, im zweiten Falle m rorm einer
perianalen, anästhetischen Zone, ln diesen Fallen haben die etwas
hohen Dosen — 1,8 mg Neosalvarsan dreimal hintereinander in zwe.-
wöchentlic'hen Abständen verabreicht — eine ch e m i s ch e Reizung
der sensiblen Ganglien hervorgerufen. Innerhalb 14 Tagen war die
spinale Irritation vorbei. Nach der Herabsetzung der Dosen auf 1,35 mg.
0 9 mg Neosalvarsan bei derselben Liquormenge ist keine chemiscne
Reizung mehr aufgetreten. Bei einem Tabiker dagegen, wo die von
Gennerich vorgeschlagene Dosierung von 1 mg Neosalvarsan um
i/4 _ i/„ mK übertreten worden ist, kam es zu länger anhaltender sen¬
sibler und motorischer Schwäche der unteren Extremitäten.
Bei einigen Patienten sind bereits ganz bemerkenswerte s ub-
j e k t i v e Erleichterungen durch die endolumbaie Behandlung herbei-
geführt worden: in Fällen, wo mit einer ganz starken kombinierten intra¬
venösen Kur (5—6 g Neosalvarsan + 30 Hgcyan!) gar keine subjek¬
tive Besserung zu erzielen war. Bei anderen ist das „Reaktions-
spektrum“ bereits vollständig negativ geworden oder ist auf dem Wege,
negativ zu werden. In manchen Fällen wieder (Tabes dors., Lues
cerebri) trotzt der stark positive Liquor der bisherigen Behandlung.
Im Durchschnitt sind 3—7 endolumbaie Infusionen bei den Patien¬
ten bisher ausgeführt worden unter genauer Beobachtung der von
Gennerich vorgeschlagenen Dosierungsmethode.
Bei der Zurückhaltung, der die Gennerich sehe Methode allenthalben
begegnet, muss ich hier noch zum Schluss eine Arbeit von Kohrs izuj aus
der Kieler Hautklinik kurz berühren. ti _ , .... Ro,
Abgesehen davon, dass ich an der Hand der bisherigen Behandlungs¬
resultate zu ganz anderen, entgegengesetzten Schlussfolgerungen kommen
würde als Kohrs an der Hand seiner 11 endolurnbal behandelten balle,
sehe ich mich gezwungen, dem genannten Autor in Bezug auf einige Funkte
seiner Arbeit entgegenzutreten. , J. _ , . .
Aus dem Spirochätennachweis und der durch die Sz ecsi sehe Uxydas -
reaktion erwiesenen hämatogenen Lymphozytose im Liquor scheint tur
den genannten Autor der Beweis erbracht zu sein, dass eine ausgiebige
kombinierte Hg-Sa-Kur den Liquor bzw. die erkrankten Teile des ZNS. zur
Genüge günstig beeinflussen kann. Mag das in manchen ballen auch
möglich sein, so kommt Gennerich [21) in seiner Arbeit über Liquorver¬
änderungen und an der Hand seines durchbehandelten und dauerbeobachteten
Materials (Erhebungen an tausenden von Fällen!) zu ganz anderen Schlüssen.
In der obigen, einfachen Beweisführung von Kohrs liegt ausserdem
noch ein weiterer Trugschluss. Er nimmt nämlich ohne weiteres an, dass
Arzneimittel, namentlich Hg, Sa, aus der Blutbahn ebenso schrankenlos und
in ausreichender Menge in den Liquor übertreten können wie Spirochäten
oder hämatogene Lymphozyten. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. So
wurde der N i c h t ü b e r g a n g der Quecksilbersalze in den Liquor bei ver¬
schiedener Form der Einverleibung von S i c a r d, v. Jaksch u. a. konsta¬
tiert. Bloch und S i c a r d haben zwar den Nachweis des Salvarsans
im Liquor in einigen Fällen nach intravenöser Applikation erbracht, allerdings
in verschwindend kleiner Menge. Sie stellten nämlich nach intravenöser
Injektion von 0,5 g Salvarsan einen Gehalt von 2 — 3 mg Arsen auf 1 Liter (1!)
Liquor fest! Demgegenüber hat Lewandowsky berechnet, dass 1 rag
Salvarsan intraspinal etwa der Wirkung von 2 g (!) Salvarsan intravenös
entspricht, wobei besondere Organafiinitäten, wie etwa die der Leber, welche
das Salvarsan abfangen und speichern, noch gar nicht berücksichtigt sind.
Diese objektiven pharmakologischen Feststenungen sprechen mehr u d
endolumbaie Einverleibung des Salvarsans als K o h r s Beweise für die &
länglichkeit einer auch noch so starken intravenösen Kur in bezug aut
ihre therapeutische Wirkung auf das ZNS «Kuhn
Mit solchen hohen intraspinalen Dosen (4— 6— 7 mg NaSa ) wie K -
arbeitet, hat man nur ganz am Anfang der endolumbalen Aera gearbeitet.
Damals hat man schwere irreparable sensible und motorische Be*
obachtet Allerdings vermisst man seine diesbezüglichen klinischen
obachtungen in seiner Mitteilung. Gennerich ist gleich am Anfang zu
ganz kleinen Dosen gekommen, und auf Grund der klimschen Beiibacht i K
und Erfahrung widerrät er dringendst Dosen von über 2 1 mg . Mi eine l
obachtungen sprechen auch dafüV, dass man nlcht
Rückenmark (z. B. bei Lues cerebri) Dosen von 1,8mg NeoSa (Nab> )
dreimal hintereinander in 14 tägigen Abständen geben darf, da man sonst
sofort verschiedene Störungen hervorruft. Die khmsch-emp^ische, vor¬
sichtige Dosierungsmethode von Gennerich hat „Berger I22j experi
mentel.1 im Tierversuch an Hunden nur vollauf bestätigen können-
Was die technische Ausführbarkeit der endolumbalen Methode betrifft,
bieten sich bei einiger Gewandtheit und richtigem Instrumentarium gar keine
äusseren Schwierigkeiten, die nach Kohrs’ Ansicht das Verfahren zuruck¬
steilen sollen.
Gennerich hat zur Genüge gezeigt, dass man im Gebiete des
ZNS. durch intravenöse Kuren höchstens nur vorübergehende Sehe i n -
erfolge erzielen kann, während eine frühzeitige endolumbaie Durc.i-
behandlung zu einer Dauerausheilung führt. In dem Streit der Meinun¬
gen über den Wert und die Wirksamkeit der endolumbalen Methode
können nur Statistiken vom Umfange der G e n n e r i ch sehen zu posi¬
tiven oder negativen Endergebnissen führen.
Anmerkung bei der Korrektur: Während der Drucklegung
ist eine Patientin im Anschluss an die 3. endolumbaie Behandlung gestonei.
Der Exitus letalis ist durch eine Komplikation entstanden, die mit der endo¬
lumbalen Methode als solcher in keinem Zusammenhang stand. Lieber den
Fall soll demnächst ausführlich berichtet werden.
Literatur.
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Nr 10 __ 13 Frühwald: Das Verhalten des Liquor cerebrospinalis bei
Syphilis. M.m.W. 1916 Nr. 9. — 14. Frühwald: Ueber Liquorverande-
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— 17. Kyrie: Ueber den derzeitigen Stand der Lehre von der Pathologie
und Therapie der Syphilis. Deuticke, Wien, 1918. — 18. Eskuchen: Die
Lumbalpunktion. Wien-Berlin 1919. — 19. Kafka: Taschenbuch der prakt.
Untersuchungsmethoden der Körperflüssigkeiten bei Nerven- und Geistes¬
kranken. Springer, Berlin 1917. — .20. Kohrs: Liquorbefunde bei be¬
handelter Syphilis. Derm. Zschr. 32, S. 71. Gennerich: Liquorver¬
änderungen in den einzelnen Stadien der Syphilis. Berlin 1913. 22. Be r-
ger: Neosalvarsan und Zentralnervensystem. Zschr. f. d. ges. Neurol.
1914, Orig.-Bd. 23. _
Aus der Provinzial-Hebammenlehranstalt Elberfeld.
(Direktor: Prof. Ed. Martin.)
Erfahrungen mit Buttermehlnahrung.
Von Dr. Hans Schlossmann.
In der Säuglin-gsabteilung unserer Anstalt haben- wir in steigendem
Masse seit 1% Jahren von der C z e r n y - Kl e i n s c h m i d t sehen
Buttermehlmahrung Gebrauch gemacht. Bisher erhielten 50 Kinder die
fettangereicherte Nahrung, einige von ihnen vom 10. Lebenstage an,
die meisten viele Monate hindurch.
Es handelt sich bei unseren Säuglingen zum grossen Teil um unter¬
gewichtige Kinder, die zu Hause nicht gediehen, oder um annähernd
normalgewichtige, die uns wegen mangelnder häuslicher Pflege zu¬
gewiesen wurden. Ferner haben wir Säuglingen, die wegen akuter Er¬
nährungsstörungen aufgenommen wurden, meist schon sehr bald nach
dem Äufhören der Durchfälle die Buttermehlnahrung gegeben.
Bei der Herstellung der B u 1 1 e r m e h 1 n a h r u n g sind
wir von der von Czerny und Klein Schmidt1) angegebenen
Methode etwas abgewichen. Wir haben die Butter- und Mehlmengen
nicht auf die Verdünnungsfliissigkeit, sondern auf die Gesamtflüssigkeit
berechnet. Die gebräunte und geröstete Einbrenne wurde mit Halb¬
milch + 5 Proz Zucker, bei Säuglingen innerhalb des 1. Lebensmonats
mit Drittelmilch + 5 Proz. Zucker versetzt. So brauchten wir z. B.
zur Herstellung eines Liters Bnttermehlnahrung 70 g Butter, 70 g
b Czerny und K 1 e i n s c h m i d t: Jb. f. Kindhlk. 1918, 87.
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
47
Mehl und 50 g Zucker, also fast das doppelte der von Czerny und
Kleinschmidt vorgeschriebenen Mengen. Unsere Buttermehl¬
nahrung enthielt 8—9 Proz. Fett, 14 Proz. Kohlehydrate, 1,5—2 Proz.
Eiweiss und damit etwa 1440 Kalorien pro Liter gegen 920 nach der
ursprünglichen Herstellungsweise. Wir sind uns natürlich darüber klar
gewesen, dass eine kalorisch so hochwertige Nahrung nicht voll aus¬
genutzt wird, und vom ökonomischen Standpunkt aus — wie schon
Lange 2) betont hat — wenig praktisch ist. S t o 1 1 e 3) hat aus Stoff¬
wechseluntersuchungen die Ausnützung des zugeführten Fettes bei der
üblichen 4 — 4M; proz. Buttermehlnahrung auf etwa 75 Proz. berechnet
gegenüber der fast quantitativen Verarbeitung und Resorption — von
mindestens 94 Proz. — des Frauenmilchfettes. Bei unserer über 8 Proz.
- enthaltenden Buttermehlnahrung wird die Ausnützung des Fettes rela¬
tiv noch geringer, absolut genommen aber immer noch sehr hoch ge¬
wesen sein. Die hochkalorische Nahrung wurde von den Säuglingen
im allgemeinen gut vertragen. Es ist dies ein Beweis dafür, dass auch
weit erheblichere Fettmengen, als man meist annimmt, Säuglingen
unbesorgt gegeben werden können, wenn nur durch die Zubereitung
das Fett zuträglich und bekömmlich gemacht wird. Zahlreiche frühere
Versi die mit unverändertem Milchfett als Zugabe zur verdünnten Milch
in der Form der Sahnemischungen haben verhältnismässig häufig Miss¬
erfolge gezeitigt. Die bessere Bekömmlichkeit der Buttermehlnahrung
wird s n Czerny und Kleinsichmidt auf die Befreiung des
Fettes von freien Fettsäuren durch Erhitzen zurückgeführt. Auch beim
Mehl kann die Verdaulichkeit durch den Röstprozess günstig beeinflusst
werden, wie Czerny und Klein Schmidt schon vermuteten und
neuerdings Aron4) sowie Plantenga5 *) besonders betonten. Jeden¬
falls wurden auch die 14 proz. Kohlehydrate unserer Buttermehlnahrung
gut genommen und vertragen.
Wir haben das beste Gedeihen dann gesehen, wenn wir unsere
Säuglinge nicht ausschliesslich mit Buttermehl ernährten, sondern zu
einer Zwiemilchernährung griffen. In den ersten Lebens¬
wochen gaben wir zur Frauenmilch, später zur Halbmilch Buttermehl¬
nahrung hinzu. Grösseren Kindern haben wir auch Buttermehlnahrung,
Brei und Gemüse gereicht. Im allgemeinen wurde nicht mehr als die
Hälfte des quantitativen täglichen Bedarfes durch Buttermehlnahrung
gedeckt, um eine übermässige Belastung mit der sehr kalorienreichen
Nahrung zu yermeiden. Auch von K 1 e i n s c h m i d t ß), St ölte,
Ochsenius7) und Türk8) ist gerade von der Zwiemilchernährung
mit Buttermehlnahrung Günstiges berichtet worden; nur Lange sah
auch hier häufig Misserfolge. Die Beobachtung F r i e d b e r g s 9), dass
die Buttermehlnahrung nur in verhältnismässig grossen Mengen gegeben
Erfolg habe, fanden wir nicht ganz bestätigt. Gaben wir manchmal zu
Beginn nur eine Buttermehlmahlzeit, so blieb zwar der erhoffte Erfolg
zuweilen aus und trat erst ein, wenn auch die 2. und 3. Flasche durch
Buttermehl ersetzt wurde. Gerade bei Frühgeburten lind sehr unter¬
gewichtigen Kindern aber sahen wir öfters schon bei ganz geringen
Buttermehlmengen überraschende Erfolge. Die täglich zugeführte
Flüssigkeitsmenge betrug, wenn wir wie im allgemeinen die Hälfte der
Nahrung als Buttermehlnahrung gaben, etwa 1h des Körpergewichtes,
bei stark untergewichtigen Kindern oft sehr viel mehr, die Kalorien¬
zufuhr 120 bis über 200 pro Kilogramm Körpergewicht.
Wir können die mit Buttermehlnahrung gefütterten Säuglinge in
drei Grupen einteilen:
1. Für 5 Frühgeburten mit einem Geburtsgewicht von 1250 — 2500 g
mögen 3 Fälle als Beispiel dienen.
Kind Ba., Geburtsgewicht 1250 g. aufgenommen mit 12 Tagen und 1400 g
wegen mangelnder häuslicher Pflege. Bekommt 8X40 Frauenmilch (F.M.).
Wiegt mit 5 Wochen 1900 g, bekommt 6X50 F.M., 2X50 B.M.N. Gewicht
mit 11 Wochen 2500 g, jetzt 3 X 80—120 Halbmilch und 3 X 80—120 B.M.N.
Wiegt mit 28 Wochen 5050 g.
Kind Be. Geburtsgewicht 1600 g, 'aufgenommen mit 7 Wochen und
1300 g, da es zu Hause nicht zunimmt. Bisher nur Brust. Bekommt
10X40 F.M. Mit 12 Wochen 1550 g, 9X40 F.M., 1 X 40 B.M.N. Mit
15 Wochen 1900 g, 10 X 40—50 F.M. Mit 18 Wochen 2000 g, 4X60 F.M.,
4X60 B.M.N. Mit 20 Wochen 2200 g, 6X70 B.M.N. Mit 23 Wochen
2350 g, 8 X 50 F.M. Mit 27 Wochen 2300 g, 4 X 50 Halhmilch, 3 X 60 B.M.N..
2 X 50 Gemüsebrei. Mit 34 Wochen 3100 g.
Kind Mö. Geburtsgewicht 2025 g, aufgenommen am 2. Lebenstage wegen
Tuberkulose der Mutter. Bekommt bis zum 17. Tage llX30 F.M. (trinkt
nicht mehr), wiegt dann 2100 g, von jetzt ab zur Hälfte Halbmilch, zur
Hälfte B.M.N. (200 steigend bis 360). Gewicht mit 10 Wochen 2350 g, in
gut 7 Wochen also 1250 g Zunthme.
Ein ähnliches Bild zeigen die beiden anderen Kinder. Die Butter-
mehlnahrung wurde sehr gut vertragen, nur in einem Falle sahen wir
uns veranlasst, wegen eines leichten Durchfalles für einige Tage die
Buttermehlnahrung durch Frauenmilch zu ersetzen. Interessant ist
der Fall Be., der bei reiner Frauenmilchernährung zuerst sehr wenig,
später gar nicht zunimmt, während die Zufütterung von Buttermehl¬
nahrung auch in der geringen Menge von 40 g täglich wenigstens
einen leidlichen Gewichtsansatz erzielte.
2. Ferner erhielten 23 erheblich unterernährte Kinder
Buttermehlnahrung, 12 von diesen waren jünger, 11 älter als 3 Monate.
Besonders gut war der Erfolg bei den ersteren.
-) Lange: Zschr. f. Kindhlk. 1919, 22.
3) St ölte: Zb. f. Kindhlk. 1919, 89.
4) A/on: Jb. f. Kindhlk. 1920, 92.
5) Plantenga: Jb. f. Kindhlk. 1920, 92.
ß) Klein Schmidt: B.kl.W. 1919, Nr. 29.
7) Ochsenius: M.m.W. 1919 Nr. 34.
8) Türk: D.m.W. 1919 Nr. 19.
Kind Sehe. Alter bei der Aufnahme 7 Wochen, Gewicht 2300 g. Be¬
kommt zuerst 8 Tage 10 X 45 F.M., wobei er nicht zunimmt, dann 5 X 60 F.M.,
3X50 B.M.N., wobei er in 4 Wochen 650 g zunimmt. Dann mit 3X 120 F.M.
und 3Xl20 B.M.N. Zunahme in 8 Wochen 1050 g, mit 3Xl30 Zweidrittel¬
milch und 3Xl30 B.M.N. in weiteren 7 Wochen 850 g.
Kind W. Alter bei der Aufnahme 3 Wochen, Gewicht 2550 g. Bisher
nur Brust. Auf den 1. Versuch mit Halbmilch reagiert er mit starkem Durch¬
fall, darauf wieder nur Frauenmilch. Wiegt mit 6 Wochen 2700 g. Nun
wird ein neuer Versuch zu Zwietnilch überzugehen mit B.M.N. gemacht, die
sehr gut vertragen wird. Zunahme in den nächsten 3 Wochen 575 g.
Nur bei 2 Kindern trat nach einer guten Zunahme am Anfang
nach kurzer Zeit doch wieder ein Gewichtsstillscand ein; erst bei
Zufüttern von Brei stellte sich die erhoffte gleichmassige Zunahme ein.
Von den 11 Kindern älter als 3 Monate bekam eines nach der ersten
Buttermehlnahrung starken Durchfall, so dass wir von einem weiteren
Versuch absahen. In einem anderen Falle wurde die Buttermehl¬
nahrung zwar gut vertragen, eine Zunahme trat aber nicht ein. Um
so besser war der Erfolg bei den übrigen 9 Kindern.
Kind Wü. 4 Monat, Gewicht 2950 g, atrophisches Kind, ausgedehnte
Furunkulose. Bisher Halbmilch. Bekommt 3 X 120 Halbmilch, 3 X 120 B.M.N.
Die Furunkulose heilt gut ab. Zunahme in 7 Wochen 1150 g.
Kind Kr. 9'A Monat, Gewicht 4150 g, stark atrophisch, spuckt nach
jeder Mahlzeit. Bekommt 5 X 90 Halbmilch, 5 X 90 B.M.N., nach 3 Wochen
3 X 120 Zweidrittelmilch, 3X 120 B.M.N., 2X 120 Gemüsebrei. Das Spucken
verliert sich fast vollständig, Zunahme in 9 Wochen 1400 g.
Ueber den Einfluss der Buttermehlnahrung auf habituelles Speien
haben auch Ochsenius sowie Friedberg9) Günstiges berichtet.
Die natürliche Immunität wird durch die Buttermehlnahrung nicht
merklich, jedenfalls nicht ungünstig beeinflusst. T h i e m i c h lu) spricht
geradezu von einer guten Wirkung auf Pyodermien, und unsere Be¬
obachtung des Falles Wü., dessen Furunkulose sehr gut abheilte, würde
damit übereinstimmen.
3. Sodann haben wir noch 22 annähernd normalgewich¬
tigen Kindern Buttermehlnahrung gegeben, von denen 15 jünger
als 3 Monate gewesen sind. Es waren durchweg Säuglinge, die bei
den üblichen Kuhmilchmischungen einen Gewichtsstillstand oder doch
nur geringe Zunahme zeigten. In 18 Fällen war der Erfolg gut, nur in
3 Fällen wurde auch mit Buttermehlnahrung kein Anstieg erzielt.
Die einseitige Einschätzung der Gewichtszunahme ist aber über-
hciupt kein richtiger Massstab für die Beurteilung eines Ernährungs-
erfolges, ebenso wichtig ist die Beobachtung des Allge¬
meinzustandes. Dieser entsprach bei unseren Säuglingen ganz
den Anforderungen, die man an ein gutes Gedeihen stellt.' Rosige
Hautfarbe, straffe Muskulatur, grosse Bewegungsfreudigkeit, guter
Turgor sprachen für die allgemeine gute Körperentwicklung und be¬
stätigten die Erfahrungen früherer Beobachter.
Es sei erwähnt, dass wir in dem letzten heissen Sommer unter
unseren Buttermehlkindern nicht eine einzige Ernährungstörung hatten,
auch ein Beweis für die gute Bekömmlichkeit der Nahrung. Nach
unseren. Erfahrungen hat sich die Buttermehlnahrung zur Aufzucht
von Frühgeburten, schwachgeborenen und untergewichtigen Kindern
durchaus bewährt. Für einen besonderen Vorteil gegenüber der
Butter- und Eiweissmilch halten wir es, dass die Buttermehlnahrung
auch im Privathause gut herzustellen ist. So kann manches Kind früher
der mütterlichen Pflege zurückgegeben werden, als es sonst im Inter¬
esse des Kindes möglich wäre.
Ueber die Verbreitung des Kropfes bei Schulkindern.
Von Dr. med. Johanna Kraeuter, Schulärztin an den
Städtischen Mittelschulen für Mädchen in München.
Als Schulärztin an den städtischen Mittelschulen für Mädchen in
München habe lieh im Laufe dieses Jahres Gelegenheit gehabt, eine
relativ grosse Anzahl von Mädchen in verschiedenen Altersklassen zu
untersuchen. Mein Untersuchungsmaterial besteht ausser den höheren
Mädchenschülerinnen im Aiter von 10 — 16 Jahren (Gymnastiastinnen bis
zu 19 Jahren), den Riemerschmidschen Handelsschülerinnen von 14 bis
16L? Jahren, den Frauenarbeitsschülerinnen von 14 — 19 Jahren, auch
noch aus den Kindern der beiden Kindergärten in Bogenhausen und am
St. Annaplatz im Alter von 3—6 Jahren.
Nicht vertreten ist also nur das Alter von 6—10 Jahren. Bei diesen
Untersuchungen machte ich nun verschiedentlich die Beobachtung, dass
es pathologische Zustände gibt, die fast nicht beachtet werden von den
Trägerinnen und deren1 Eltern und daher nur sehr selten zur Behandlung
kommen, dem Schularzt aber ihrer Häufigkeit wegen auffallen. Es
sind dies Krankheiten, die nicht direkt hindernd oder lebensbedrohend
sind, wie z. B. Adenoide, leichte Haltungsanomalien usw., und deren
Folgen die Eltern nicht kennen. Dazu gehören auch die Strumen.
. Zur Behandlung gelangt nur ein ganz geringer Bruchteil, und das
meist erst, wenn ernstliche Störungen von Seiten des Herzens oder
der Atmung eintreten, oder aber, wenn die Eitelkeit des jungen Mäd¬
chens erwacht. Und auch dann gehen die wenigsten zum Arzt, die
meisten lassen sich vom Apotheker oder gar vom Kurpfuscher irgend¬
eine mehr oder weniger schädliche Kropfsalbe geben.
Fragt man ein kropfbehaftetes Kind, wie lange es schon den „dicken
Hals“ hat, so erhält man zur Antwort: „schon immer“, oder das Kind
weiss überhaupt nichts von dessen Existenz.
n) Friedberg: Jb. f. Kindhlk. 1920. 93.
') Th ie mich: Med. Kl. 1919 Nr. 41.
4*
48
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT^
Nr. 2.
Sehr verbreitet ist noch immer die Ansicht, dass Singen. Turnen,
Schwimmen etc prädisponierende Momente zur Kropfbi düng seien, u
kommen au"s diesem Grunde immer wieder Kinder m,t kleinen Kropfcn
fnhne Erscheinungen von seiten des Herzens oder der Atmung;
Gesuchen um Dispens vom Turnen oder Singen, „damit der Kropf nie .
noch mehr wachse“. . . „ .ilf
Zur Uebersicht über die Kropfhäufigkeit lasse ich eine kurze Auf¬
stellung der von mir untersuchten 1840 Kinder, eingeteilt nach dem
Alter, folgen:
Zahl der untersuchten
Kinder
114 (Kindergärten) .
243 höh. Mädchensch.
94 „
224 „
69 ,,
543 sämtl Mittelsch. .
250 ., „
212 „
91
Im Alter
von
3-6 J
10-11 ].
11- 12 J
12- 13 J.
13- 14 1
14- 15 J.
15- 16 J.
16- 17 J.
17- 19 J.
J, <D
Q, Ol
o
22
43
25
84
24
102
49
45
9
47
26
62
8
217
61
74
50
O*
20
12
5
5
Pubertät
Präpubertät
»»
Pubertät
»I
Postpubertät
EnC.
i-S'2
3 *
30
90
51
148
32
339
125
124
64
In °/0
26
37
54
65
46
62,5
50
58
70
1726 Schülerinnen . |von 10— 19J.| 381 | 548 | 44 |
973 56
Diese 973 Schilddrüsenvergrösserungen waren meistens diffuse Par¬
enchymatöse Strumen, nodöse Kolloidstrumen fanden sich nur .
1,4 Proz. sämtlicher Strumen.
Hyperthyreosen fanden sich in 1,5 Proz.
Operiert waren 1,2 Proz., davon mit Rezidiv 0,7 Proz.
In Behandlung standen 1,6 Proz.
Kompressionserscheinungen machten 0,3 Proz. ., niipin
Sicherlich kann man sich nicht aus dieser kleinen Statistik alle n,
die ja auch nur einen Teil meiner 5 Schulen berücksichtigt, ein Bild
über die allgemeine Kropfverbreitung in München machen. Es mussten
alle Münchener Schulärzte ihr Material vergleichen.
Doch glaube ich nicht, dass bei Kindern weiblichen Geschlechtes
das Bild wesentlich anders sein wird. Mit Sicherheit geht Jedenfalls
hervor, dass die Strumen nicht nur an die Pubertätszeit gebunden sind,
sondern dass sowohl vorher als nachher sehr viele entstehen resp.
blel*Da die Eltern nur in den seltensten Fällen eine Behandlung an¬
streben im Beginn der Kropfbildung, so wäre zu erwägen, ob nicht von
seiten der Behörden eine prophylaktische Behandlung erngeleitet wer¬
den könnte, um die hier endemisch auftretende Krankheit zu be-
käm Mit1' gutem Beispiel ist uns da Amerika im Jahre 1917 und die
Schweiz 1919 vorangegangen. .
Die diesbezügliche amerikanische Arbeit ist mir leider im Original
nicht zugänglich gewesen, ich referierehiericdiglic^ ^as der Zürcher
Hygieniker R Kling er im Schweiz. Korrbl. 1919 H. 17 darüber sagt.
„Schon im Jahre 1917 hat der durch seine zahlreichen feiten über
Schilddrüsenphysiologie und -Pathologie bekannte amerikanische Forscher d
Western Reserve University in Cleveland (Ohio) D. Marine ) Versuche an
ca 1000 Mädchen der öffentlichen Schulen gemacht. Er liess diesen im tu -
Hng und im Herbst je 10 Tage lang Jodnatrium in Syrupform verabreichen
Vorherige und gleichzeitige, an unbehandelten Kontrollkindern ausgefuhrte
Untersuchungen hatten ergeben, dass in der, einem typischen endemische
Kropfgebiet angehörigen Gemeinde ca. 56 Proz. der Schulkinder (Mädchen
aller Jahrgänge^ des schulpflichtigen Alters) vergrösserte Schilddrüsen auf¬
wiesen. Es wurden bei jeder Jodkur im ganzen 2 g Jodnatrium Pro Kind
an 10 aufeinanderfolgenden Schultagen durch das L^rper?TraP<: To^fasst
somit 0,2 g pro die. Das Ergebnis des ersten Behandlungsjahres 1917 fasst
der Autor folgendermassen zusammen: -Das Auftreten von Drusenschwel-
lungen konnte durch die beschriebene Verabreichung von Jod verhindert
werden ; bei einem Drittel der Fälle mit leichten Strumen ^
z T vollständiger Rückgang zu normaler Drüsengrosse ein. Die Gefahr ein
Vergiftung (basedowähnliche Zustände etc.) besteht nicht Selbstverständlich
wurden diese Versuche unter strenger ärztlicher Kontrolle gemacht Spater
sollen gleich günstige Erfolge mit viel geringeren Joddosen erzielt worden
sein an vielen Tausenden von Schülern.
42 Proz. zurück, bei Kindern im Alter von 6—10 Jahren von 90 Proz,
auf . 28 Proz. „ , ..
Fs ypiete sich kein Fall von Jodismus.
Die Kinder nahmen die Tabletten sehr gern, nicht nur die Velir9r’ s0"d®
auch die Eltern, die man über das Wesen des Kropfes und selneBehandlug
aufgeklärt hatte, waren fast ohne Ausnahme für die Einführung der Behan
lung Ein Zwang wurde selbstverständlich nicht ausgeübt. f , .
ln einer der so behandelten Schulen zeigte sich noch em Erfolg in
anderer Beziehung. Dort waren die 13jährigen wahrend der Behandlung
' 7 9 cm in 15 Monaten gewachsen, während in früheren Jahren die nicht
mit Jod behandelten 13 jährigen Schüler nur um 4,3 cm gewachsen warem
Klinge r hat dann auch Versuche mit anorgamschem Natrium jodatum
gemacht. Der Erfolg war hier fast noch grosser, oder vielmehr schnelle .
Auch hier zeigte sich kein FalL von Jodismus.
Klinger folgert -daraus (ich zitiere wörtlich): „Wir nehmen ver¬
mutlich den grössten Teil unseres Jod®?..in,Fori£ enthalten lind"
bindungen auf, die in unserer vegetabilischen Nahrung enthalten sinü.
Es erhebt sich nun die Frage, ob bei den kropfigen ^lduen dies
lodverbindungen weniger ausgenutzt werden, d. h. dass aus innen
weniger Jod frei gemacht wird und zur Resorption gelangt. Dies
müsste sich darin äussern, dass die Jodverluste aus ,d K^m^NorrnSen' “
sehen .lodverbindungen beim Kropfigen grosser sind als beilm,N0,rma.1,en;fr
Durch die systematisch eingeführte prophylaktische Jodbehandlung
in kleinsten Dosen verspricht sich Klinger nicht nur das gänzliche
Verschwinden der Kröpfe, sondern auch der Krankheiten. die a™ ' d‘e
Erkrankung der Schilddrüse, als an eine Drüse mit innerer Sekretion,
SebUNachdemdnun bei uns in München die Kropfverhältnisse ähnlich
sind wie in Ohio und in der Schweiz, sollte man ernsthaft daran denken,
systematisch dagegen anzukämpfen. Da im Kmdesalter anscheinend
das Jod am besten vertragen wird, so sollte man die Bekamp ung do
einsetzen lassen. Am einfachsten wäre wohl die Behandlung der
Schulkinder im Alter von 6 — 14 Jahren nach einem bestimmten, überall
gleichen Verfahren. Ob diese Behandlung durch Privatärzte Poli¬
kliniken oder die Schulärzte überwacht und kontrolliert wird, bleibt sich
meines Erachtens gleich. Die Hauptsache ist, dass eine Behandlung
erfolgt nach einheitlichem Vorgehen. . , f
Die Art des Jodpräparates wäre an sich auch gleichgültig, nur darf cs
nicht zu schlecht schmecken, da man es mit Kindern zu tun hat, d e
es sonst einfach heimlich verschwinden lassen, so dass eine Kontrolle
unmöghehosis ^ Mal umj Woche würde ich wie Klinger 0,01 g Jod
CmP Wahrscheinlich würden wir damit erreichen, dass die herrin-
wachsende Generation Münchens die zum mindesten unnötigen Kropfe
verliert.
Aus dem pathologischen Institut der Universität München.
(Vorstand: Qeheimrat Prof. Dr. Borst.)
Die äussere und innere Eiüberwanderung.
Von cand. med. Hanns Baur.
Ganz ähnliche Versuche wurden dann in der Schweiz gemacht.
Der Hygieniker R. Klinger in Zürich beschreibt in seiner Arbeit:
„Prophylaxe des endemischen Kropfes“ in der Schweiz, med. Wschr
1921 H. 1 die Art und Weise, wie diese prophylaktische Behandlung
gehandhabt wurde auf seine Anregung hin.
Danach wurde Jod in Form von Jodostarintabletten, einem organischen
Präparat der Firma Hoffmann-La Roche angewandt; KlUnger ging dabei
von der Tatsache aus, dass das Jod in organischer Verbindung langsamer
vom Darm gespalten und resorbiert wird als in anorganischen, und dadurch die
Gefahr des Jodismus behoben wird. Diese Jodostarintabletten wurden in
verschiedenen Ortschaften in kropfverseuchten Gegenden an verschiedenen
Schulen gegeben. Und zwar erhielten über 1000 Schüler im Alter \on
6—14 Jahren während 15 Monaten (mit Ausschluss der Ferien) jeden Montag
je eine Tablette von 0,5 g, die ausser den 0,06 g Jodostarm 0,03 , °d’
Kakao mit Zucker enthielt. Später ging man sogar auf 0,01 g Jod pro Woche
herunter. Das Interessante ist, dass nicht nur Kropfbehaftete sondern auch
Kinder mit normalen Schilddrüsen diese Tabletten erhielten.
Die Kinder wurden häufig von einem Arzte kontrolliert Der Erfolg war
durchweg gut. Der grösste Teil der Kröpfe (auch grössere kolloide, knollige)
schwand ganz, nur ein kleiner Teil blieb, aber alle wurden wesentlich kleiner
Die Kropfzahl ging bei Kindern im Alter von 10—14 Jahren von 95 Proz. auf
*) D. Marine: Arch. of Internal Med. 1918, XXII.
Die vorigjährige Preisaufgabe der medizinischen Fakultät hatte die
Frage gestellt, ob ein Ei vom Eierstock der einen Seite durch die freie
Bauchhöhle hindurch zur Tube der anderen Seite gelangen könne.
Damit sollte diese Frage nach der äusseren Ueberwanderung des Eies,
die Leopold1) im Jahre 1880 für das Kaninchen experimentell an¬
gegriffen und in bejahendem Sinne gelöst hatte, neuerdings gepru
werden, da die Erfahrungen 2) mit der durch L e 0 P 0 [ d/eyb*en Fub^'
unwegsammachung inzwischen lehrten, dass diese Methode keine Gewahr
für die Undurchgängigkeit der mikroskopisch nicht untersuchten Tuben
bot. In einem Auszug aus der Bearbeitung der erwähnten Preisfrage )
konnte ich fünf Fälle veröffentlichen, bei denen am Kaninchen nach
Ovarektomie der einen Seite und Tubenunwegsammachung der anderen
Seite (beides mit mikroskopischer Nachuntersuchung) Schwangerschaft
in dem Uterushorn der ovarektomierten Seite (bis zu 10 Fruchten)
aufgetreten war. Damit war die Möglichkeit der äusseren Ueberwan-
^ifoch deckte’ sich trotz der gleichen Versuchsanordnung der Ausfall
meiner Versuche in einem Punkte nicht mit dem der L eop o ld sehen
Versuche. Leopold hatte nämlich stets in beiden Uterushornern
Gravidität erhalten, meine Tiere wurden ausnahmslos nur im Uterus¬
horn der ovarektomierten (und deshalb Tuben erhaltenen) ^.eite trächtig.
Die totale Ovarektomie Leopolds kann nicht bezweifelt werden,
weil sie autoptisch genau kontrolliert wurde. Die sämtlichen Eier in
beiden Hörnern müssen also von dem einen erhaltenen Ovar her¬
stammen und können nur entweder (bei Wiederherstellung der Durch¬
gängigkeit der unterbundenen Tube) durch jede der beiden Tuben
den entsprechenden Uterus gelangt sein, wobei dann für die ovar-
ektomierte Seite die äussere Ueberwanderung stattgefunden hatte,
oder diese sämtlichen Eier sind nur durch eine Tube in den einen
Uterus gelangt, und ein Teil davon wäre dann aszendieiend in den
anderen Uterus eingetreten, wie es Leopold auch annahm. _
Diese im Genitaltrakt sich vollziehende Ueberwanderung wird als
innere Ueberwanderung bezeichnet. B i s c h o f f *) hat uns diese innere
*) Leopold: Arch. f. Gyn. 16 (dort Literatur)
!) Nürnberger: Volkmanns Samml. klin. Vortr. 731/34.
s)'Baur: M.m.W. 1921 Nr. 35.
4) Bischof f: S. b. Leopold.
13. Januar 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
49
Ueberwanderung bei Meerschweinchen, Hund und Reh nachgewiesen
und den biologisch naheliegenden Schluss gezogen, dass auf diese
Weise bei den genannten Tieren, deren Uterushörner zu einem gemein¬
samen Teil verschmelzen, ehe sie in die (gemeinsame) Zervix über¬
gehen, bei Ueberfüllung des einen Uterushornes ein ausgleichender
Austausch von Früchten eintreten könne. Für den Menschen kann von
innerer Ueberwanderung analog dem Tierversuch eigentlich nur ge¬
sprochen werden, wenn das Ei, das durch die eine Tube ein tritt sich in
der anderen Tube einnistet. Solche Fälle sind auch in der Literatur
beschrieben worden. Weitaus schwieriger liegen aber die Verhältnisse
am Kaninchen, dessen Uterushörner getrennt mit 2 Zervizes in die
gemeinsame Vagina münden, bei dessen innerer Ueberwanderung das
Ei also die Vagina zu passieren hätte. So ergab sich die Frage, ob
Leopolds Annahme zu Recht besteht. Durch die grosse Güte von
Herrn Geheimrat Borst, dem ich hierfür meinen ergebensten Dank
ausspreche, war es mir möglich, diese Frage experimentell anzugreifen.
Dabei wurde von dem Gedanken B i s c h o f f s ausgegangen, dass
eine innere Ueberwanderung, falls sie möglich ist, dann auftreten
müsste, wenn das eine Uterushorn eine abnorm grosse Zahl von Eiern
zu beherbergen habe. Da ein Kaninchen durchschnittlich je nach
Rasse 3 — 8 Junge wirft, darf eine Füllung von 6 Jungen für ein einziges
Horn als eine maximale angesehen werden, über die hinaus sicher eine
Verteilung auf das andere leere Horn stattfindet, wenn sie möglich ist.
Zunächst wurden die früheren Versuche über äussere Ueber¬
wanderung (Tier I— V) herangezogen, da auch bei diesen Tieren
(Ovarektomie einerseits und Tubenunwegsammachung andrerseits) die
Eier nur bei einer Tube eintreten konnten. Dann folgen die eigent¬
lichen Versuche (Tier VI — XII), wobei die Tiere alle so operiert wurden,
dass auf der einen Seite der Eierstock entfernt, die Tube völlig reseziert
und der Uterus ganz am abdominalen Ende vernäht wurde. Dann wurde
\ ■ zu verschiedenen Zeiten der Gravidität eine Probelaparotomie gemacht.
In allen Fällen war das leere Horn völlig durchgängig, frei von Ver¬
wachsungen und Verklebungen und ebenso lang, wie das gravide Horn.
Die notwendigsten Zahlen folgen:
Tier I (mittelgross), op. 11. II. 21, freie Tube rechts, belegt 18. III. 21;
Probelaparotomie 6. IV. 21: 4 welschnussgrosse Fruchte im rechten Horn.
Tier II (gross), op. 24. II. 21, freie Tube links, belegt 18. III. 21; Probe¬
laparotomie 8. IV. 21; 3 erdnussgrosse Früchte im linken Horn.
Tier III (mittelgross), op. 25. II. 21, freie Tube links, belegt 19. III. 21;
Probelaparotomie 9. IV. 21: 1 kleinapfelgrosse Frucht im linken Horn.
Tier IV (mittelgross), op. 26. II. 21, freie Tube links, belegt 26. III. 21;
Probelaparotomie 15. IV. 21: 5 welschnussgrosse Früchte im linken Horn.
Tier V (gross), op. 26. II. 21, freie Tube links, belegt 3. IV. 21; Probe¬
laparotomie 12. IV. 21: 10 kirschgrosse Früchte im linken Horn.
Tier VI (mittelgross), op. 1. III. 21, freie Tube links, belegt 16. III. 21;
Probelaparotomie 14. IV. 21: 3 ausgetragene Föten im linken Horn.
Tier VII (mittelgross), op. 20. III. 21, freie Tube links, belegt 7. VI. 21;
Probelaparotomie 19. VI. 21: 10 kirschgrosse Früchte im linken Horn.
Tier VIII (gross), op. 17. VIII. 21, freie Tube rechts, belegt 28. IX. 21;
Probelaparotomie 7. X. 21: 4 kirschgrosse Früchte im rechten Horn.
Tier IX (gross), op. 18. VIII. 21, ft eie Tube rechts, belegt 28. IX.; Probe¬
laparotomie 8. X. 21: 8 kirschgrosse Früchte im rechten Horn; 2. Probe¬
laparotomie 22. X. 21: 8 ausgetragene Föten im rechten Horn.
Tier X (gross), op. 20. VIII. 21, freie Tube rechts, belegt 4. X. 21; Probe¬
laparotomie 25. X. 21: 10 kleinapfelgrosse Früchte im rechten Horn.
Tier XI (mittelgross), op. 22. VIII. 21, freie Tube rechts, belegt 8. X. 21;
Probelaparotomie 3. XI. 21: 6 ausgetragene Föten im rechten Horn.
Tier XII (klein), op. 24. VIII. 21, freie Tube rechts, belegt 12. X. 21;
Probelaparotomie 5. XI. 21: 10 kleinapfelgrosse Früchte im rechten Horn.
Die sämtlichen Versuche ohne Ausnahme zeigen ein eindeutiges
Ergebnis. Trotz oft enormer Ueberfüllung des einen Hornes, die in
5 Fällen die Zrhl 6 übertrifft, tritt nicht eine Frucht über ins andere
Horn, während dieser Vorgang schon bei viel geringerer Füllung bei
den Tieren mit gemeinsamer Zervix eintritt. Eine innere Ueberwande¬
rung kann also nur zustande kommen, wenn das Ei die Zervix nicht
zu durchwandern hat.
Leopolds Versuche sind also so zu- deuten, dass bei gleich¬
zeitiger Wegsamkeit der unterbundenen Tube auch äussere Ueber¬
wanderung zur anderen Seite stattgefunden hat.
Nach Ausschaltung der inneren Ueberwanderung des Kaninchen eis
vermögen wir aber eine weitere, mir gelegentlich zu anderen Zwecken
ausgeführter Probelaparotomien zur Beobachtung gekommene Tatsache
zu erklären. Es handelt sich um Tiere, die noch in keinerlei Versuch
standen:
Am 27. II. 21 Laparotomie einer graviden Häsin: r. Horn 5 Früchte,
1. Horn 3 Früchte, r. ovar. 2 corp. lut., 1. ovar. 6 corp. lut.
Am 5. X. 21 Laparotomie einer graviden Häsin: r. Horn 6 Früchte,
1. Horn 4 Früchte, r. ovar. 8 corp. lut., 1. ovar. 2 corp. lut.
Am 12. X. 21 Laparotomie einer graviden Häsin: r. Horn 3 Früchte,
1. Horn 3 Früchte, r. ovar. 2 corp. lut., 1. ovar. 4 corp. lut.
Diese Verteilung der Eier kann nur durch äussere Ueberwanderung
zustande gekommen sein.
So konnte dadurch, dass die innere Ueberwanderung für das
Kaninchen widerlegt wurde, sowohl durch die Leopold sehen Ver¬
suche als auch die eben genannten Beobachtungen ein neuer Beweis
für die äussere Ueberwanderung erbracht werden, und die damals aus¬
gesprochene Vermutung, „dass sie nötigenfalls als kompensatorischer
Faktor in Kraft treten kann“, hat durch diese Versuche eine neue Stütze
erhalten.
Aus dem Allgemeinen Krankenhaus Bad Homburg v. d H.
(Chefarzt: Prof. Dr. F. Bode.)
Erfahrungen mit „Kamillosan“, einer neuen Anwendungs¬
art der Kamille.
Von cand. med. Hans Kowalzig.
Seit langen Zeiten ist die Kamille ein oft angewendetes Mittel in
unserem pharmakologischen Heilschatz und besonders beim Volke viel
gebraucht und sehr beliebt in seiner Anwendung in Aufgüssen und
Kataplasmen infolge seiner schmerz- und krampfstillenden Wirkung.
Ebenso ist es uns längst bekannt, dass der Kamille nebenbei auch anti¬
septische Wirkungen zukommen.
Man nimmt an, dass der Träger dieser Wirkungen das in den
Blüten von Matricaria Chamomilla vorkommende ätherische Oel sei.
Dasselbe ist dickflüssig, von dunkelblauer Farbe, die durch die Ein¬
wirkung von Luft und Licht bald in schmutziggrün und braun übergeht,
und hat bei einem spezifischen Gewicht von 0,92 — 0,94 eine Löslichkeit
in 8 — 10 Teilen Alkohol. Doch dürfte ebenso dem neben dem äthe¬
rischen Oel vorkommenden Bitterstoff, wie auch dem Harz, Gerbstoff
und apfelsaurem Kalk eine gewisse Heilwirkung nicht abzusprechen
sein. Gerade diese Heilwirkung kam bisher bei der Anwendung von
wässerigen Aufgüssen weniger gut und wirkungsvoll zur Geltung.
Wegen des wechselnden Gehaltes der Kamillenblüten zu jenen spe¬
zifischen Bestandteilen je nach dem Standort, der Einsammlungszeit
und der Beschaffenheit des Materials, ist der Gehalt an wirkungsvollen
Stoffen in den wässerigen Aufgüssen durchaus ungleichmässig und bei
jedesmaliger neuer Bereitung qualitativ und quantitativ verschieden.
Die mit einem derartigen Aufguss erzielten therapeutischen Erfolge
müssen demnach ebenfalls ungleichmässig bezüglich der Wirkung ihrer
einzelnen Komponenten ausfallen.
In dieser Erkenntnis ist es zu begrüssen, dass es nunmehr nach
einem besonders geschützten Verfahren durch kombinierte Extraktion
und Destillation gelungen zu sein scheint, aus den Blüten von Matri¬
caria Chamomilla einen wirkungsvollen Extrakt herzustellen, der im
ürossbetrieb gewonnen annähernd gleichmässig die wirkungsvollen
Stoffe in sich vereinigt. Dieser Extrakt kommt unter dem Namen
„Kamillosan“ neuerdings in den Handel*), nachdem zuvor viel¬
fache Untersuchungen bezüglich seiner Heilwirkungen im Allgemeinen
Krankenhaus Bad-Homburg und anderen Stellen angestellt worden sind.
„Kamillosan“ stellt eine braune, stark nach Kamillen riechende
alkoholische Flüssigkeit dar, welche die wirksamen Bestandteile der
Kamille insgesamt enthalten soll. Wir haben seit etwa 6 Monaten
Chamillosanum liquidum wie auch Kamillosan-Salbe, welche Chamillo-
sanum liquidum an Salbengrundlagen in Friedensqualität gebunden
enthält, klinisch äusserlich und innerlich an einer Reihe uns geeignet er¬
scheinender Fälle erprobt und berichten im Nachstehenden in aller Kürze
über unsere damit erzielten Erfahrungen:
I. Chamillosanum liquidum kam zur Anwendung bei den verschie¬
densten Arten von katarrhalischen Darmerkrankungen, ferner bei einer
Anzahl von Dysenterie-Fällen, die uns aus einer kleinen Epidemie in
zwei benachbarten Orten zugingen. Die Anwendung wurde in Form
von Klysmen durchgeführt, welche im Vergleich zu den früher
üblichen wässerigen Kamillenabkochungen viel einfacher und jederzeit
in wenigen Minuten herzustellen waren, stark nach Kamillen dufteten
und jedesmal in gleichbleibender Konzentration dargestellt werden
konnten. Die Herrichtung der Klysmen geschah in der Weise, dass auf
1 Liter lauwarmen Wassers 1 Esslöffel Ch. liqu. zugesetzt wurde. Die
Wirkung war in allen Fällen eine entschieden prägnantere als bei den
gewöhnlichen Kamillen-Klysmen und zwar äusserte sie sich:
1. als beruhigend und schmerzstillend auf den Darm,
2. in der raschen Verminderung der schleimigen und blutigen Bei¬
mischungen in den Stühlen und dem schnellen Eintreten von geformtem
normalem Stuhlgang,
3. in einer überraschenden bakteriziden Wirkung, welche besonders
deutlich bei der Behandlung von Dysenterie-Kranken hervortrat. Am
deutlichsten war diese Wirkung erprobt bei nachfolgenden Ruhrfällen,
die, aus einer Reihe von Beobachtungen herausgegriffen, ausführlicher
mitgeteilt werden sollen:
Fall 1. Patient H., 32 Jahre alt, war im Felde 1916 wegen schwerer
Enteritis lange Zeit im Lazarett. Durch Diätbehandlung subjektive Besserung.
Pat. nahm rapide ab und sein Gewicht blieb dauernd knapp über 50 kg.
Bis Anfang dieses Jahres litt er an wechselnden Durchfällen, manchmal bis
zu 5 mal am Tag, ab und zu Schleim im Stuhl, mitunter Tenesmen ohne sub¬
jektive Beschwerden. Im März 1921 erkrankte seine Frau an leichter Ruhr
und zu gleicher Zeit aus demselben Hause eine Familie G., Mann, Frau und
3 Söhne, wovon letztere schwer erkrankt waren und 1 Sohn starb. Es wurde
nunmehr festgestellt, dass diese Ruhrfälle vom Patienten H. ausgingen, bei
dem nun anlässlich einer Untersuchung ebenfalls Bazillen gefunden wur¬
den. Während alle Patienten, die an einer akuten bzw. subakuten Form
der Shiga-Kruse-Ruhr erkrankt waren, durch, die gewöhnliche Therapie:
0,5 proz. Tannineinläufe, Seruminjektionen in 2 — 3 Wochen bazillenfrei und
geheilt entlassen werden konnten, war die chronische Form des Pat. H. durch
keine Therapie irgend welcher Art zu beeinflussen. Mitte Juni wurde des¬
halb eine Appendikostomie gemacht und durch diese das Kolon, an dem auch
röntgenologisch deutlicher Darmspasmus festgestellt werden konnte, mit
Tanninspülungen therapeutisch angegangen. Pat. blieb trotzdem wochenlang
Bazillenausscheider. Daraufhin Spülungen mit Kamillosan. Schon nach der
ersten Spülung gab Pat. an, dass er lange nicht den Druck und die quälenden
Tenesmen wie nach der Tanninspülung empfände, auch war sein Schlaf viel
) Herstellerin: Chemisch-pharmazeutische Werke Bad Homburg A. G.
ruhiger geworden. Der Kontrast zwischen Tannin und Kamillosan trat be- .
sonders in subjektiver Beziehung auf. als nach längeren Kamillosanspülungen
wieder eine Tanninspülung gemacht wurde. Der dauernd bakteriologisch
kontrollierte Stuhl wurde nach 2 — 3 wöchentlicher Kamillosanspiilung bazillen¬
frei und blieb dies auch, als nach 3 wöchentlicher weiterhin erfolgter pio-
phylaktischer Spülung die Appendikostomieöffnung verschlossen und versenkt
wurde. Pat. wurde Ende Juli als völlig geheilt entlassen und befindet sich
weiterhin völlig wohl und munter. ,
Fall 2. Frau W., 71 Jahre alt, erkrankte Ende August an rlexnerruhr
und kam in sehr elendem Zustand ins Krankenhaus. Sehr häufiger, mit Blut
und Schleim vermischter Stuhlgang, quälende Tenesmen. Häufig Eibrechen
und Appetitlosigkeit. Die ersten Jage Tannineinläufe und Tannalbintabletten
wie auch Bismut per os; strenge Diät. Bis zum 3. IX. kleine Besserung des
Allgemeinbefindens und etwas weniger Stuhlgang. Ab 3. IX. Einläufe mit
Kamillosan. Die nächsten Tage bedeutend weniger Stuhlgang. 2—3 mal am
Tage, von normaler Farbe und Beschaffenheit, Besserung des Befindens, gutes
Aussehen, keine Appetitlosigkeit. Die bakteriologische Untersuchung von
Stuhl und Blut vom 7. und 12. IX. ergab negatives Resultat. Patientin wurde
am 16. IX. als geheilt entlassen.
Auch bei Dysenteriefällen der Kinder haben wir Kamillosan-Klys-
men mit gutem Erfolg angewandt. Als besonders günstigen Umstand
möchten wir hervorheben, dass gerade bei den Kindern die Einläute
gut gehalten und auch im Anschluss an die Applikation die oft so
quälenden Tenesmen in verschieden verminderter Heftigkeit auftraten,
was wir bei andersartigen Arzneien nicht konstatieren konnten.
II. Kamillosan-Salbe und ihre Wirkung konnten wir auch bei chirur¬
gischen Fällen .in einer Anzahl von Haut- und Schleimhautaffektionen
erproben, insbesondere bei schlechtheilenden Wunden, Brandwunden,
parasitärem Ekzem und bei Wundsein von Säuglingen. Selbst in Fällen,
wo andere Salben schon längere Zeit erfolglos angewandt waren, kam
es unter Anwendung von Kamillosan-Salbe in überraschender Weise
zu guten und schnellen Heilerfolgen. In der Wundbehandlung stellten
wir fest, dass eine raschere Reinigung der Wunde stattfindet, lebhafte
Granulation eintritt und der Heilungsprozess durch zahlreiche, gute
Epithelbildung, selbst bei grösseren Hautdefekten und aufgeworfenen
Wundrändern, wesentlich abgekürzt wurde.
Aus unseren Erfahrungen mit Ch. liqu. und Kamillosan-Salbe geht
hervor: .
1. Die subjektiv beruhigende Wirkung des Kamillosans in allen
Anwendungsfällen bei Darmerkrankungen, insbesondere Herabsetzung
der Tenesmen.
2. Eine bakterizide Kraft der Kamillosaneinläufe, welche sie zur
milden Darmdesinfektion geeignet machen,
3. eine Beschleunigung der Heilungstendenz chronischer, oft tief¬
greifender Geschwüre der äusseren Haut, vielleicht auch der Darm-
schleimhaut.
4. Schmerzstillende Einwirkung auf offene Wunden.
Demnach scheint uns Kamillosan als Extrakt und Salbe ein thera¬
peutisch interessantes Präparat zu sein sowohl zur Wundbehandlung
wie auch besonders in seiner Anwendung als Klysma bei jeder Art von
Darmentzündungen. Daher dürften unsere Erfahrungen Veranlassung
geben, die in den letzten Jahrzehnten . immer mehr vernachlässigte
Kamillenanwendung in neuer Form wieder mehr in den Vordergrund
zu bringen, denn es ist durch Gebrauch von Kamillosan möglich, genau
dosierte Mengen der wirksamen Kamillenbestandteile zu verwenden
im Gegensatz zu den üblichen wässerigen Aufgüssen. Nicht unerwähnt
darf hierbei der hohe Preis der Kamillen, schon zur Herstellung von
Aufgüssen, bleiben, so dass auch nach dieser Richtung hin der hoch¬
wertige Kamillosanextrakt und die Kamillosansalbe einen Fortschritt
und eine Ersparnis bedeuten dürften.
Aus dem Laboratorium für Warenkunde der Hamburgischen
Universität.
Können die beiden fremdländischen Drogen Senega und
Ipekakuanha durch einheimische Arzneipflanzen voll¬
wertig ersetzt werden?
Von Dr. Clemens Grimme.
Der Weltkrieg und seine traurigen Folgen haben unsere Abhängig¬
keit vom Auslande in Bezug auf die Beschaffung der verschiedensten
Arzneidrogen immer schwerer fühlbar gemacht. War es zuerst die
Blockade, welche jede Einfuhr so gut wie unmöglich machte, so ist es
jetzt der kaum noch zu unterbietende Tiefstand unserer Valuta, wo¬
durch die Preise für früher allgemein verwandte Arzneimittel schier
unerschwinglich werden, sodass die Verwendung der Mittel fast ins
Bereich der Pharmacia elegans fällt.
Und dabei ist unser Vaterland eine wahre Fundgrube für hoch¬
wertige Drogen, welche den Vergleich mit der Auslandsware nicht zu
scheuen brauchen. Es heisst nur sie zu finden und unserem Arznei¬
schatze erneut zuzuführen. Denn verwandt wurden sie früher alle
schon einmal. Man braucht nur in den alten Kräuterbüchern unserer
alten Botanikerärzte, wie Bock, Brunfels, Fuchs, Tab er -
na e montan us und anderer, nachzuschlagen. Man muss seine
grösste Verwunderung darüber aussprechen, wie die Volksmedizin sich
der unscheinbarsten Kräutlein bei ihren Kuren bediente, wie sehr man
ihre Wirkung schon vor Jahrhunderten erkannt und erforscht hatte.
Doch kein Prophet ist geachtet in seinem Vaterlande. Mit dem Weiter¬
ausbau der medizinischen Wissenschaft, vor allem, seit die Mediziner
nur mehr Mediziner und nicht mehr wie früher auch Botaniker und
Nr. 2.
Kräuterkenner waren, dann aber auch durch Aufschliessung der Ueber-
seeverbindungen ging die Verwendung der in unserer heimischen I flan-
zenwelt schlummernden Arzneischätze immer mehr zurück, uer
Deutsche ist ja leider so geartet, dass er das, was er aus dem Aus¬
lande für teures Geld kaufen muss, bedeutend höher schätzt, als das,
was er bei sich zu Hause fast umsonst haben kann. Man braucht nur
einen Blick in das Deutsche Arzneibuch zu werfen Von 144 dort
auf geführten Drogen sind nur 53 = 37 Proz. deutschen Ursprungs,
während unser ohne weiteres gut verwertbarer deutscher Arzneiscnatz
mindestens das Zehnfache zählt. Dabei darf nicht ausser acht gdassen
werden, dass auch von den noch aufgeführten 53 deutschen Drogen
der allergrösste Teil höchstens noch vom Volke als Hausmittel benutzt
wird, die moderne Medizin kennt auch diese kaum noch.
Den grössten Schaden jedoch für unsere einheimischen Arzneipflanzen
bildete aber die ständig zur grösseren Entwicklung kommende Her¬
stellung synthetischer. Arzneimittel, welche teils auf Grund theoretischer
Erwägungen, teils auf Grund der chemischen Eiforschung dci
samen Drogenbestandteile aufgebaut sind. Für den Arzt war ihre
Verordnung relativ einfach. Er brauchte nur diese oder jene Tablette
zu verordnen, oder dieses oder jenes Pulver. Die Verordnung eines
regelrechten Rezeptes wurde immer seltener, sehr zum Nachteile des
Apothekers, welcher seine erlernte und bewährte Kunst kaum noch
verwenden konnte und nur noch in den meisten Fallen der Wieder¬
verkäufer dessen war, was die chemische Grossindustrie fabrizierte.
Dabei beobachtete man nicht die Tatsache, dass nicht das eine oder
andere auch in der Pflanzenwelt vorkommende chemische Individuum
der Träger der vollen Heilwirkung der betreffenden Droge war, son¬
dern dass gerade die Summe aller Bestandteile, wie sie im g.demscTcn
Präparate zur Anwendung kommt, erst die volle Wirksamkeit gewähr¬
leistete Ich gehe wohl in der Annahm® nicht fehl, dass in jeder Droge
irgendein noch nicht aufgefundener Körper vorhanden ist der bei der
Gesamtwirkung gleichsam als Katalysator wirkungsverstärkend ist so¬
mit bei dem reinisolierten Arzneimittel nicht mit zur Auswertung
kommt Musterbeispjel {ür den Werdegang einer deutschen Droge kann
wohl das Hirtentäschelkraut, die Capsella Bursa pastoris L. gelten, in
alten Zeiten kannte man seine blutstillende Wirkung sehr genau, wandte
es auch allgemein an. Dann sprach ihm H u s e m a n n jede hamatostyp-
tische Wirksamkeit ab, weil es keine Gerbsäure enthalte. Eist m
allerneuester Zeit hat es die bittere Not, als Sekate und Hydrastis un¬
erschwinglich wurden, wieder _ aus seiner Vergessenheit hervoigeho.t
und zu Ansehen und Würden' gebracht.
Zwei weitere ausländische Drogen, welche sich der grössten Be¬
liebtheit erfreuten, sind die Senega und Ipekakuanha. Beide stellten
ausgezeichnete Expektorantien dar, welche allgemein verordnet _ wur-
den Heute jedoch verbietet dieses ihr ins Unermessliche gesteigerte
Preis. Ihre Wirksamkeit beruht auf dem Gehalt an auswurflösendcm
Saponin bezw. emetisch wirkendem Alkaloid. Es lag nahe, dass man
sich nach vollwertigen deutschen Ersatzdrogen umsah, die man auch
bald in den Wurzeln unserer häufigsten Frühlingsblumen, dem Him¬
melsschlüssel und dem Veilchen fand. Beide stehen uns bei efniger-
massen systematisch betriebener Sammeltätigkeit in reichliche! Mengt
zur Verfügung. Durch geeigneten Anbau lassen sich die Voirate ms
Unermessliche steigern, da sie als typische Unkräuter wenig Anfor¬
derungen an Standort und Kultur stellen.
Im nachstehenden sollen unsere Kenntnisse über beide Drogen
eingehend gewürdigt werden. An erster Stelle steht die_ Primelwurzel.
Als erster berichtete über sie Joachim owitz 111, welcher die
Droge als sehr wirksames, angenehm schmeckendes und verhältnis¬
mässig billiges Expektorans empfiehlt. Ihre Wirkung beruht in der
Hauptsache auf dem Gehalte an Saponinen, welcher etwa ebenso gross
wie der der Quillajarinde und fünfmal so stark wie bei frischgetrock-
! neter Senegawurzel ist. .. .. ,
Was ick y \2] bestätigt diese Angaben vollständig. Nach seinen
| Versuchen ist die Wirkung, fünfmal so stark wie die von Radix Senegae.
1 _ 2 proz. starke Abkochungen haben sich in der Heilkunde bewährt.
Nach den erzielten Ergebnissen hält er die heimische Radix Primulae
dazu berufen, die teuren Auslands drogen zu verdrängen und sich be¬
sonders in der wichtigen Kassenpraxis gut einzubürgern.
In einer späteren ausführlichen Mitteilung { 3 J würdigt er noch¬
mals eingehend die Primelwurzel als vorzügliches, auswurfförderndes
Heilmittel bei Erkrankungen der Luftwege, hebt aber auch ihre aus¬
gesprochen harntreibende Wirkung hervor.
Die Pflanze entwickelt aus einem Wurzelstocke alljährlich neue
blühende Sprosse und Wurzelfasern. Der Wurzelstock mit den anhän¬
genden reichlichen Nebenwurzeln enthält sehr grosse Saponinmengen,
ungefähr 8—10 Proz., also genau so viel wie die Ouillajarinde, und
gehört somit zu den an Saponin reichsten Drogen. Die Blätter enthalten
auch Saponin, aber nur etwa 2 Proz. Am geeignetsten als Expektorans
sind somit die unterirdischen Teile der Primel. Die Aehnlichkeit in den
chemischen Verhältnissen der Senega und Primula und damit ihre Eig¬
nung für ihre gegenseitige Vertretung wird noch erhöht durch die An¬
wesenheit von Glukosiden, die bei der hydrolytischen Spaltung stark
riechende Derivate der Salizylsäure liefern, bei der Senega den
Methylsalizylsäureester, in der Primel das Methooxylderivat des glei¬
chen 'Esters und eines nahen Verwandten, des Resorzylsäureesters.
Letztere bedingen den angenehmen, an Anis erinnernden Geruch der
an der Luft getrockneten Wurzelorgane.
Man gewinnt die Droge „Radix Primulae“ durch Ausgraben der
bewurzelten Wurzelstöcke von Primula officinalis L„ Primula elatior L.
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
51
und Primula vulgaris L. Als praktischste Sammelzeit kommt das Früh¬
jahr, während der Blütezeit, in Frage, da so am ehesten Verwechselun¬
gen ausgeschaltet werden. Die geernteten Wurzeldrogen werden von
anhaftenden erdigen Verunreinigungen gereinigt und an der Luft ge¬
trocknet. Um die Rentabilität des Sammelns und einer eventuellen
Kultur zu steigern, könnte man auch die Blätter verwenden, entweder
.in der vierfachen Dosis wie die Wurzel als Expektorans „Folia Pri-
mulae“, oder Blätter und Wurzeln gleichzeitig als „Herba Primulae cum
radice“ in den Handel bringen. Ausserdem käme die Verarbeitung
der Blätter auf technisch verwertbares Saponin in Frage.
Kofler Ml lässt die Droge während der Blütezeit im April und
Mai sammeln. Auch er fand in der getrockneten Wurzel 8 — 10 Proz.
Saponin und spricht sie als vollwertigen, einheimischen Ersatz für Radix
Senegae, Cortex Quillajae, Radix Saponariae und teilweise auch für
Radix Ipecacuanhae an. Die auswuirffördernde und hustenstillende
Wirkung eines Dekokts 1,2 — 2,0 zu 90,0, Sol. Saccharin ad 100.0 ent¬
spricht derjenigen eines zwei- bis viermal so starken Dekoktes von
Radix Senegae.
Die gute Verwendbarkeit der Primelwurzel als Expektorans an
Stelle der Senega steht also einwandfrei fest. Es wäre zu verwundern
gewesen, wenn eine Droge, welche so wohlcharakterisierte und relativ
leicht isolierbare Inhaltsstoffe enthält, nicht schon genauer untersucht
w'äre. So findet man denn auch im Schrifttum eingehende Mitteilungen
über die einzelnen Inhaltsstoffe.
Der Saponinanteil wurde von M a s s o n [5] näher erforscht. Er
erhielt nach einem, von ihm näher beschriebenen Verfahren reichliche
Mengen Saponin, von ihm Primulinsäure genannt, welches wohl¬
definierte Salze gibt und durch Kochen mit» verdünnter Schwefelsäure
in Primuligen insäure und einen reduzierenden Zucker gespal¬
ten wird.
Die riechenden Bestandteile sind sehr eingehend von Goris und seinen
Mitarbeitern [6, 7, 8, 9, 10] untersucht worden. Die frischen Wurzeln der
meisten Primulaarten entwickeln beim Zerquetschen oder Trocknen
mehr oder weniger rasch einen zuerst an Anis, weiterhin an Salizyl¬
säuremethylester bezw. -Amylester erinnernden Geruch, dessen Trä¬
ger, der sog. Primula kämpfe r, jedoch in der frischen Wurzel nicht
präexistiert, sondern erst durch die Einwirkung des Enzyms Prim-
verase, eines nahen Verwandten der Betulase. auf die beiden Gluko-
side Prim verin und Primulaverin gebildet wird. Bei dieser
hydrolytischen Spaltung entstehen der stark riechende ß-Methoxy-
resorzylsäuremethylester und der sich ebenfalls durch an¬
genehmen Geruch auszeichnende m-Methoxysalizylsäure-
methylester neben einer Biose. welche bei stärkerer Hydrolyse
in Glukose und X y 1 o s e zerfällt. Diese Biose ist der einzige bis
jetzt bekannte zusammengesetzte Zucker, welcher Xylose enthält.
Wir haben also in der Primelwurzel nicht nur einen vollwertigen
Ersatz für Senega, sondern sogar noch eine erhöhter wirksame Droge,
welche in Bezug auf ihre wertbestimmenden Bestandteile bei fast voll¬
ständiger Identität jene nach Quantität bei weitem übertrifft.
Wie steht es nun mit der Ipekakuanha? Für diese kommt als
■wertbestimmender Faktor ausschliesslich das Alkaloid Emetin, der Trä¬
ger der emetischen Wirkung in Frage. Auch hier bietet uns unser
deutsches Vaterland einen brauchbaren Ersatz. Dies ist die Wurzel
unseres lieblichsten Frühlingsbliimleins. des wohlriechenden Veilchens,
Viola odorata L.
Bei den Alten war die ganze Pflanze (Wurzeln, Blätter, Blüten,
Samen) ein hochangesehenes Arzneimittel. Infolge ihrer brechen¬
erregenden Wirkung benutzte man sie zunächst als Brechmittel selbst,
dann aber auch in Abkochungen und Extrakten als Hustenmittel. Vor
allem war es die Wurzel, welche sich allgemeiner Anwendung erfreute.
Aeusserlich ähnelt die Droge sehr der Ipekakuanha, sodass sie zeitweise
sogar unter der Bezeichnung Radix Ipekakuanha alba im Handel war.
Ihr Geschmack ist anfangs süsslich, später reizend scharf und bewirkt
reichlichen Speichelfluss.
Schon im Jahre 1825 isolierte Boullay Till aus der Veilchen¬
wurzel ein scharfes, bitteres und giftig wirkendes Alkaloid, welches er
wegen seiner Aehnlichkeit mit dem Emetin des Ipekakuanha Veil¬
chen-Emetin oder V i o 1 i n nannte. Das Alkaloid findet sich
auch in allen anderen Pflanzenfetten, wenn auch in geringerer Menge
und ist dort an Apfelsäure gebunden.
Nach neueren Untersuchungen scheint das Boullay sehe Veil¬
chen-Emetin nicht rein gewesen zu sein, doch liegen genauere An¬
gaben über seine chemische Konstitution noch nicht vor. Es soll in
Wasser bedeutend leichter löslich sein als das Ipekakuanha-Emetin.
Ueber seine physiologische Wirksamkeit liegen Versuche von
Orfila ri2] an Hunden und von Chomel fl 3] an Menschen vor.
welche grosse Aehnlichkeit mit dem Ipekakuanha-Emetin ergeben. In
der Folgezeit finden sich ähnliche Angaben über die Veilchenwurzel.
ihre Bestandteile und Wirksamkeit in allen pharmakognostischen Sam¬
melwerken, doch scheint ihrer allgemeinen Einführung als Emetikum
bezw. Hustenmittel die nicht unbeschwerliche Einsammlung geschadet
zu haben, sodass im neuerer Zeit die Droge vollständig vom Markte
verschwunden war, bis vor zwei Jahren O. Linde [Ml wieder warm
für ihre Einsammlung und Verwendung anstelle der Ipekakuanha ein¬
trat. In seiner schönen Arbeit findet sich auch eine reiche Literatur¬
zusammenstellung über die Veilchenwurzel: Aus seinen Untersuchun¬
gen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, folgert er,
dass die ähnliche Wirkung der Veilchenwurzel gegenüber der Ipeka¬
kuanha nicht bezweifelt werden kann. Wenn sie auch kaum als
direktes Emetikum in den Arzneischatz Aufnahme finden kann, so bietet
sie als Expektorans einen guten Ersatz für die teure und schwer zu
beschaffende Ipekakuanha.
Ich glaube mit dem vorstehend Gesagten den bündigen Beweis
erbracht zu haben, dass es uns sehr wohl möglich ist, die beiden
fremdländischen Drogen Senega und Ipekakuanha durch leicht zu be¬
schaffende einheimische Pflanzenteile, die Primelwurzel bezw. Veilchen¬
wurzel vollwertig zu ersetzen. Es ist nur mit Freuden zu begriissen.
dass die Hamburger Firma E. Tos sei & Co. die Einsammlung und
Verwertung dieser deutschen Drogen energisch in die Hand genommen
hat. Seit kurzer Zeit bringt sie unter der Bezeichnung P r i m u 1 a t u m
T o s s e ein nach patentiertem Perextraktiv-Verfahren hergestelltes
Fluidextrakt aus beiden Drogen in den Handel, welches mir zur Unter¬
suchung Vorgelegen hat. Es stellt eine dunkelbraune, aromatisch rie¬
chende Flüssigkeit dar, welche bei der Analyse einmal den intre-
grierenden Primelanteil, das Saponin, in einer Mengte von 6.42 Proz.,
andererseits den Veilchenanteil, das Veilchen-Emetin, in einer Menge
von 0,49 Proz. ergab. Die vergleichende Untersuchung eines SenCga-
fluidextraktes (1 : 1) ergab dagegen nur 4,49 Proz. Saponin. Das Pri-
mulatum übertrifft somit bei weitem das Senegaextrakt und stellt da¬
durch eine äusserst glückliche Arzneizubereitung dar. welche die guten
Eigenschaften der Senega und Ipekakuanha in idealer Weise mit¬
einander verbindet und meines Erachtens dazu berufen ist. sich einen
geachteten Platz unter den Expektorantien zu erwerben, wobei ständig
zu berücksichtigen ist, dass es sich hier um ein Produkt handelt,
welches dazu ausersehen ist. uns vom Fremdmarkte frei zu machen
zum Nutzen und Frommen unseres armen deutschen Vaterlandes.
Es- sei noch hervorgehoben, dass Mischungen von 20—30 g Primu-
latum mit 200 g Wasser völlig klar bleiben; eine Ausfällung von Ballast¬
stoffen macht sich nicht bemerkbar. Kombinationen mit Liquor Ammon,
anisat.. Aqua amygd. amar. und Tinct. Opii benzoic. sind ebenso wie
bei den Senega- und Ipekakuanhazubereitungen möglich.
Literatur.
1. Robert Joachimowitz: W.kl.W. 1920, Nr. 33, S. 606. —
2. Richard Wasicky: Pharm. Post 1920, Nr. 53. S. 202. — 3. Richard
W a s i c k y: Heil- und Gewürzpflanzen, 1921. Nr. 4, S. 49. — 4. L. K o f 1 e r:
Zschr. d. Allgem. österr. Apoth. -Verein 1921, Nr. 59, S. 79. — 5. Georg
IVlasson: Bull. d. Sciences Pharmacol. 1912, Nr. 18, S. 699. — 6. A. Goris
und J. Du eher: Bull. d. Sciences Pharmacol. 1906. Nr. 13, S. 536. —
7. A. Goris und M. Masere: Comptes rendus 1910, 149, S. 947. —
8. A. Goris. M. Masere und Ch. Vischniac: Bull. d. Sciences
Pharmacol. 1912. Nr. 19, S. 577 und 648. — 9. A. Goris und Ch. Vich-
niac: Comptes rendus 1920, 169, S. 871. — 10. Dieselben: Comptes
rendus 1920, 169, S. 975. — 11. Boullay: Arch. d. Apotheker-Vereins
im nördlichen Deutschland 1825, Nr. 13, S. 173. — 12. Orfila: Memoires
de l’Acad. med. 1828, 410. — 13. Chomel: Memoires de l’Acad. med.
1828, 443. — 14. O. Linde: Apotheker-Ztg. 1919, Nr. 34, S. 37.
Die Ausflockungsreaktion zur Diagnose der Syphilis als
Allgemeingut des praktischen Arztes.
Von Dr. Richard Weiss, Freiburg i. Br.
Durch die Ausflockungsreaktionen nach Sachs-Georgi und
Me in icke, und insbesondere die Trübungsreaktion nach
Dold, ist die serologische Untersuchung auf Syphilis dem
praktischen Arzte möglich geworden. Dieses ist besonders
für den Landarzt wichtig, der oft das Untersuchungsmaterial
oder auch den Patienten selbst nach der Stadt schicken musste1, um
dort diese Untersuchung in einer Klinik oder einem Laboratorium aus¬
führen zu lassen., wenn er nicht sogar unter Umständen ganz auf dieses
wichtige diagnostische Hilfsmittel verzichten musste. Von noch
grösserer Bedeutung ist die Vereinfachung dieser Reaktion für den iso¬
liert arbeitenden Arzt im Auslände, der eo ipso auf sich allein an¬
gewiesen ist
Die Ausflockungsreaktionen können die Wassermann sehe Re¬
aktion, deren Ausführung für den praktischen Arzt gar nicht in Frage
kommt, nahezu ersetzen. Sie stimmen in ca. 90 Proz. mit der Wasser¬
mannreaktion überein. In den restlichen Fällen1 ist bisweilen die
Wassermannreaktion positiv bei negativen Flockungsreaktionen oder die
Wassermannreaktion negativ bei positiven Flockungsreaktionen. Be¬
sonders häufig ist das letztere der Fall bei primärer Lues. Die Wasser¬
mannreaktion ist den Flockungsreaktionen überlegen durch den Indi¬
kator, die Hämolyse, die auch geringe Hemmungen erkennen lässt,
während die Flockungsreaktionen technisch einfacher ausführbar sind.
Die Ausführung der beiden Reaktionen geschieht in dem speziellen
Besteck in folgender Weise:
Man bereitet sich zunächst die benötigte Extraktverdünnung, indem man
für jede Untersuchung 0,1 ccm Extrakt mit der fünffachen Menge 0,85 proz.
Kochsalzlösung verdünnt und sich eine gleichartige Alkoholverdiinnung her¬
stellt, indem man also für jeden Versuch 0,1 ccm 96 proz. Alkohol mit der
fünffachen Menge gleicher Kochsalzlösung verdünnt. Von diesen Verdün¬
nungen benötigt man für jeden Versuch 0,5 ccm. Ausserdem setzt man zu
gleicher Zeit noch eine Extraktverdünnung an. die als Extraktkontrolle dient,
sowie am besten auch bei der WaR. eine Kontrolle mit sicher positivem
und eine solche mit sicher negativem Serum an. Die genauere Ausführung
gestaltet sich also für die Sachs-Georgi sehe Reaktion folgendermassen :
Kochsalzlösung: Man löst 1 Tablette des Salzes in 10 ccm dest. Wasser.
Extraktherstellung: Man füllt Extrakt bis zur Marke 1,0 des Extrakt¬
verdünnröhrchens, schwenkt gut um und füllt noch weiter Kochsalzlösung bis
zur Marke 2,5 ccm oder aber, wenn mehr als vier Versuche zu gleicher
Zeit angestellt werden sollen, Extrakt bis zur Marke 1 ccm, Salzlösung erst
5?
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
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bis 2,0, dann nach kurzem Umschwenken bis zur Marke 5,0, setzt den
S'^sd^uf unj| mischt jutd»,,!,. ^ ^ ^ A,koho, Marke
0.5 ccm in das »Ikoholverdünnnnüsrohr und bei
mehr als vier Versuchen
Alkohol bis 1 ccm und
Kochsalzlösung bis 5 ccm
und mischt gut durch.
Blutentnahme: Man .
entnimmt ungefähr 5 ccm
Blut aus der gestauten
Armvene, die man direkt in
das dafür bestimmte Zen¬
trifugenglas füllt und einige
Stunden stehen lässt. Meist
hat sich dann das Serum
klar abgesetzt, ev. muss
man nach Ablösen des an
der oberen Glaswand fest¬
sitzenden Blutkuchens scharf
zentrifugieren. Nur klar
zentrifugieren. Nur klar ab¬
gesetztes Serum ist zu ver¬
wenden.
Ansetzen der Re¬
aktion: Man füllt von
diesem Serum 0,2 ccm mit¬
tels einer Vollpipette in das
Reagenzgläschen I und ein
gleiches Quantum in das
Reagenzgläschen I Kontrolle, nimmt die beiden Einsätze mit diesem
Gläschen heraus und stellt sie in ein Wasserbad, das eine halbe Stunde
lang auf einer Temperatur von 56° C erhalten werden muss. Dann werden
die Einsätze wieder herausgenommen und in jedes Gläschen 0,8_ccm Kocn-
Salzlösung hinzugefügt und dann in das Gläschen der unteren Reihe (Haupt-
versuch) 0,5 ccm Extraktverdünnung, in das Gläschen der oberen Reihe (Kon¬
trolle) 0,5 ccm Alkoholverdünnung. Dann stellt man die
Extraktkontrolle an, indem man in das betreffende Röhrchen
0,8 ccm Kochsalzlösung und 0,5 ccm Extraktverdünnung gibt, desgleichen die
2 Serumkontrollen, indem man obigen Hauptversuch mit je
einem sicher positiven und einem sicher negativen Serum anstellt. Die
schematische Ausführung zeigt nun folgendes Bild:
den. Es gehört auch etwas Uebung im Ablesen der Flockung zu einem
sicheren Erfolg. Man kann sich einer Lupe bedienen oder aber noch
besser des Agglutinoskopes nach K u h n und W o i t h e, mit welchem
man eine dreifache Vergrösserung erhält. Ein noch neueres Instru-
ment, welches die Tyndallbeleuchtung mit der Möglichkeit stärkerer,
nach Belieben zu variierender Vergrösserung
skoo nach D o 1 d. Es ermöglicht in einfacher Weise die Betrachtung
von Einzelteilchen kolloidaler resp. grobdisperser Flüssigkeiten bei
einer 10— 500 fachen Vergrösserung je nach Wahl der Vergrosserungs-
s\f s t cm c
Durch Oskar Skalier AG., Berlin, Johannisstr. 20/21 zu beziehen.
Hf f ■! 1 i i r
' i i ü rl r r
ciu m u u d. .
1 Haupt¬
versuch
1. Kontrolle
Extrakt-
Kontrolle
Sicher +
Sicher —
Serum 0,2 ccm
Salzlösung
0,8 ccm
Extrakt- Verd.
0,5 ccm
Serum '0,2 ccm
Salzlösung
0.8 ccm
Alkohol-Verd.
0,5 ccm
Salzlösung
0,8 ccm
Extrakt-Verd.
0,5 ccm
Serum 0,2 ccm
Salzlösung
0,8 ccm
Extrakt-Verd.
0,5 ccm
Serum 0,2 ccm
Salzlösung
0,8 ccm
Extrakt-Yerd.
0 5 ccm
Man schüttelt nun gut um und stellt das Gestell auf 12- 20 Stunden
in den Brutschrank oder in ein Wasserbad von 37 . Zur Not kann das
Gestell auch auf einen gleiohmässig warmen Platz über der Heizung autge-
stellt werden, jedoch leidet dann die Empfindlichkeit der Reaktion. Dann
werden die Gestelle aus dem Brutschrank herausgenommen und die Reaktion
abgelesen.
Bei den sicher syphilitischen Seren tritt in der klaren oder leicht
opaleszierenden Flüssigkeit eine deutliche Flockung auf, die sich mit
dem blossen Auge nur schlecht, mit einer Lupe aber ziemlich gut be¬
merken lässt, wenn man das Röhrchen gegenüber der schwarzen Glas¬
platte betrachtet, mit der Hand dreht und gleichzeitig durch die hupe
betrachtet.
Die Meinickesche Reaktion lässt sich mit demselben Besteck
ausführen und gestaltet sich ähnlich. Es wird hierbei jedoch statt einer
0,85 proz. Kochsalzlösung eine 2 proz. Lösung benützt, die man sich dadurch
herstellt, dass man 3 Tabletten Kochsalz in dest. Wasser in dem hierfür
vorgesehenen Röhrchen zur Auflösung bringt. Die verwendete Extraktmenge
ist wie bei der S.-G.-Reaktion 0,1 ccm sowohl für jeden Hauptversuch wie
für die Kontrollen. Man stellt die Verdünnung her, indem man zu der not¬
wendigen Extraktmenge die Hälfte destilliertes Wasser gibt, 1 Stunde stehen
lässt und nun schnell 2 proz. Kochsalzlösung in 7 facher Menge. Auch
für diese Erxtaktverdünnung ist ein spezielles Verdünnungsröhrchen vorge¬
sehen, in welchem man Extrakt bis zur Marke 0,5, dazu Wasser bis 0,75
gibt und dann vorsichtig umschwenkt, wobei eine leichte Trübung auftritt.
Dann fügt man nach 1 Stunde Salzlösung bis 3,5 oder aber Extrakt bis 1,0,
Wasser bis 1,5 und später Salzlösung bis 7 ccm zu. Nach der Original-
Vorschrift ist nach dem Zusetzen des Wassers 1 Stunde zu warten, was
aber keine Vorteile bietet. Von der Extraktverdünnung gebraucht man
0,8 ccm für jedes zu untersuchende Serum, und kann auch diese Menge
direkt aus dem Extraktverdünnungsröhrchen ausmessen.
Ausführung der Untersuchung: Man füllt 0,2 ccm gut ab¬
gesetztes, klares Serum in das Röhrchen und stellt es 20 Minuten lang in
ein Wasserbad von 56° . Dann wird der Einsatz herausgenommen und
0,8 ccm direkt aus dem Extraktverdü'nnungsröhrchen von dem Extrakt zuge¬
setzt. Weiter ist nur noch eine Extraktverdünnung nötig. Man füllt in das
Extraktkontrollröhrchen 0,8 ccm Extraktverdünnung ohne weiteren Zusatz.
Das stellt man auf ca. 20 Stunden in den Brutschrank und liest wie oben
ab Die Flockung ist gewöhnlich etwas gröber und leichter zu sehen, als
bei der S.-G.-Reaktion. Dagegen ist meist die ganze Flüssigkeit etwas
weniger klar. Feinste, eben sichtbare Flockung, die auch in der Extrakt¬
kontrolle vorkommt, ist nicht als positiv zu deuten. Ein sicher positives
und negatives Serum ist auch hier mit anzusetzen. Das positive Serum
muss deutlich grobe Flockung ergeben, das negative und die Extraktkontrolle
dürfen diese Flockung nicht zeigen.
Peinlich sauberes Arbeiten ist unbedingt nötig; es muss jede Ver¬
unreinigung der Pipetten, Gläser, Kochsalzlösung usw. vermieden wer-
Aus der Universitäts-Frauenklinik München.
(Direktor: Geh. Rat Prof. Dr. Döderlein.)
Ueber die schmerzlose Geburt.
Von E. Zweifel.
In einem längeren Artikel in der M.m.W. Nr. 42 spricht sich
Nassauer über die schmerzlose Geburt und über den Dämmer-
S dl 1 cif <lliS •
Die Forderung, die in der Tagespresse ausgesprochen worden ist,
dass jede Frau gesetzlich der schmerzlosen Entbindung teilhaft wer¬
den müsse, ist natürlich, wie auch Nassauer sagt, vollkommen
sinnlos denn zur Durchführung des Dämmerschlafs gehört eine beson¬
dere Uebung. die sich jede; Geburtshelfer erst erwerben muss und die
niemals Allgemeingut jeden Arztes werden wird. Natürlich kann man
mit Ausnahme von Kaiserschnitt und Hebosteotomie Jede geburtshilf¬
liche Operation im Privathause ebensogut wie in der Klinik austuhren.
Auch der Dämmerschlaf kann selbstverständlich im Privathause aus¬
geführt werden; er ist keineswegs das Monopol der Kliniken, aber er
erfordert die dauernde Kontrolle durch den Arzt. Das eben Gesagte
gilt nur für den Dämmerschlaf und das ist etwas ganz anderes als
eine Injektion von Laudanon-Skopolamm, die manchmal wohl eine ge¬
wisse Schmerzherabsetzung bringt, aber in vielen anderen Fallen gar
nichts nützt. Nie hat übrigens ein Kliniker den Dämmerschlaf für die
Kliniken reserviert haben wollen; jedenfalls habe ich diese Forderung
nirgends in der Literatur finden können. .
Wenn Nassauer die Geburt mit den dabei empfundenen
Schmerzen als „den Höhepunkt der Lebensbetätigung“ im Leben einer
Frau bezeichnet, so muss ich gestehen, dass ich. einigermassen über
diesen Ausspruch erstaunt war. Viele Frauen können gar nicht aui-
hören, von den Schmerzen bei ihrer ersten Geburt zu sprechen, das
erleben wir täglich. Sehr viele Frauen kommen doch erfahrungsgemass
mit dem intensiv geäusserten Wunsche zum Arzt, schmerzlos ent¬
bunden zu werden, darunter auch sehr viele Mehrgebärende. Und
wer von den Lesern denkt wohl gerne an überstandene Schmerzen
zurück! Diese Frage möchte ich auch Herrn Nassauer vorlegen.
Als Ziel des Dämmerschlafes gilt nach Krönig. Gauss u. a.
die Erreichung einer Amnesie über den Geburtsvorgang. Diese ist
nicht Selbstzweck, sondern sie dient lediglich dazu, die Erinnerung
an vielleicht noch verspürte Schmerzen vergessen zu machen Denn
Schmerzen, von denen man in der Erinnerung nichts, weiss. die sind
gewissermassen nicht vorhanden gewesen. Also, die vollkommene
Schmerzstillung erreicht man nur dann sicher, wenn man die Amnesie
herbeiführt. Es sei zugegeben, dass wir uns oft mit einer Schmerz¬
herabsetzung auch ohne Amnesie begnügen können, wenn diese nur
eine genügende ist. Wir brauchen also nicht unbedingt .Narkotika
weiterzugeben, wenn die Kreissende noch wach ist, aber nicht mehr
über Schmerzen klagt; aber wir werden dann oft erleben, dass
die stärkeren Schmerzen beim Durchtreten des Kopfes noch empfunden
werden und der Patientin in Erinnerung bleiben. Sie ist dann un¬
zufrieden und fühlt sich in ihrer Erwartung und in den ihr gegebenen
Versprechungen getäuscht. , .. ,
Nach dem schematischen Dämmerschlaf von Siegel mussten m
der Tat im Laufe einer Geburt 15—20 Einspritzungen gegeben werden.
Der schematische Dämmerschlaf ist bereits von Gauss u. a. ao-
gelehnt worden und auch Nassauer lehnt ihn ab. Auch wir. haben
uns nicht mit diesem befreunden können, vor allem weil wir eine
zweimalige Injektion von 0,00045 Skopolamin innerhalb einer Stunde
für zu hoch halten und mit weit geringeren Dosen immer recht gute
Resultate erzielt haben (vgl. E. Zweifel, Mschr. f. Geb. u. Gyn.,
1912, Bd. 36, Mschr. f. Geb. u. Gyn., 1913, Bd. 38, Prakt. Ergehn,
d. Geb. u. Gyn., Bd. 8). Gauss und ebenso auch wir haben gleich¬
falls ein Schema, aber mit viel geringeren Dosen, für den Dämmer¬
schlaf angegeben. Es sei aber ausdrücklich betont, dass das Schema
nur eine Anleitung für die Ausführung sein soll und dass selbstver¬
ständlich auf Grund dieses Schemas je nach Lage des Falles individuali¬
siert werden muss. „ . , . , , . , . ,
Die Ansicht von Nassauer, dass alle Opiumderivate gleich sind,
ist irrig. So ist das Pantopon unbedingt in seiner Wirkung wechselnd,
je nachdem welche Opiumsorte für die Herstellung verwendet worden
ist. Das Narkophin wirkt stärker muskelerschlaffend als das Mor¬
phium und das Laudanon. Einzelheiten über diese Mittel sind aus
den einschlägigen Arbeiten zu ersehen.
Wenn man die Gründe, warum von manchen Seiten der Dämmer¬
schlaf abgelehnt worden ist, kritisch betrachtet, so zeigt. sich, dass eben
manche dagegen angeführten Tatsachen nicht mehr richtig sind. Manche
Autoren haben auf einige Fehlschläge hin den Dämmerschlaf abgelehnt,
13. Januar 1922. • MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 53
— -
bei anderen mögen Fehler der Technik Vorgelegen haben; ein wirklich
stichhaltiger Grund, um den Dämmerschlaf a limine abzulehnen, be¬
steht jedenfalls nicht; übrigens erkennt ihn auch Nassauer für eine
Reihe von Fällen als eine empfehlenswerte Methode der Schmerz¬
betäubung an und sagt damit im Wesentlichen das Gleiche wie die
Anhänger des Dämmerschlafes, von denen nie einer verlangt hat, den
Dämmerschlaf wahllos bei allen Geburten auszuführen.
Wenn auch Siegel nach seinem Schema eine grosse Zahl von
Injektionen fordert, so ist doch Nassauer insofern ein Irrtum unter¬
laufen, als keineswegs immer zur Erzielung der Amnesie so viele
Injektionen nötig sind, geht doch aus einer Reihe von früheren Arbeiten
hervor, dass man oft mit 3, manchmal auch schon mit 2 Einspritzungen
eine gute Amnesie erzielen kann. Was den Zeitpunkt des B e -
g i n n s anlangt, so soll man dann mit der ersten Morphium-Skopolamin-
Injektion anfangen, wenn die Wehen regelmässig in Zeitabständen
von etwa 5 Minuten auftreten und der Muttermund etwa fünfmarkstück-
bis kleinhandtellergross ist. Zu diesem Zeitpunkt fängt meist die Pa¬
tientin an, über stärkere Schmerzen zu klagen. Natürlich kann man,
wenn es nötig ist, auch einmal früher anfangen und ebenso auch
später. Das hängt vom einzelnen Fall ab.
Wie steht es nun mit den Erregungszuständen? Ich
kann fast auf diese Frage antworten: „Wir kennen sie nicht mehr“
Und solche, wie sie von Nassauer geschildert werden, haben wir
überhaupt nie gesehen; wohl mehr öder minder starke motorische Un¬
ruhe. aber nicht in 20 Proz., sondern vielleicht in 2 Proz. Und man
gehe einmal den wahren Ursachen nach; in der Regel lag eine Ueber-
dosierung mit Skopolamin vor. Die Maximaldosis von Skopolamin be¬
trägt jetzt 0,5 mg; sie ist sehr niedrig, denn die Psychiater geben
weit höhere Dosen, bis 2 mg in einmaliger Injektion, zur Beruhigung
bei Aufregungszuständen. Das Skopolamin kann nun gelegentlich ein¬
mal erregend wirken und offenbar besonders leicht bei Kreissenden, die
sich ja bekanntlich in einem Zustand von herabgesetzter Toleranz
gegen Narkotika befinden. Kommt es zu einem Erregungszustand,
so weiss der Erfahrene, dass er ihn meist mit einer kleinen Dosis
Morphium, etwa 0,005 — 0,01 unterdrücken kann. Und je grösser die
Erfahrung mit dem Dämmerschlaf, um so seltener werden die Auf¬
regungszustände.
Als weiteren Gegengrund führt Nassauer an, dass ein wesent¬
licher Prozentsatz der Kinder unter den Nebenwirkungen des Däm¬
merschlafes leide und zwar dass 14 — 44 Proz. der Kinder „nicht lebens¬
frisch“ geboren werden. In der Wiener Klinik sollen gar 2 Proz. der
Kinder infolge des Dämmerschlafes tot geboren worden sein. Es geht
aus der Angabe nicht hervor, ob diese Zahl die ganze Geburtssterb¬
lichkeit der Kinder umfasst oder die Sterblichkeit infolge des Däm¬
merschlafes.
Die Frage nach der Wirkung auf das Kind ist die wichtigste.
Darüber sind sich mit Gauss wohl alle Autoren einig; „Der geburts¬
hilfliche Dämmerschlaf steht und fällt mit dem Kind“. Wie liegen denn
nun die Dinge in Wirklichkeit? Es kann gar keine Rede von einer
Kindermortalität von 2 Proz. sein.
Wir haben etwa 15 Proz. oligopnoische Kinder bei der Geburt
gesehen; aber dieser als Oligopnoe bezeichnete Zustand ist tatsächlich
harmlos und ich möchte dafür nicht den Ausdruck „nicht lebensfrisch“
gleich setzen. Meist genügt ein Anpusten oder ein Bespritzen mit
einigen Tropfen kalten Wassers und die Kinder fangen an, tief zu
atmen und Jaut zu schreien.
Bei den ersten 500 Fällen von Dämmerschlaf (1912) war nicht
ein einziges Kind am Dämmerschlaf verlorengegangen. Die Kinder¬
sterblichkeit war nicht grösser als sonst bei normalen Geburten; im
Gegenteil, sie hielt sich unter 3 Proz. und das ist ja die normale
Kindersterblichkeit. 1920 habe ich 353 Dämmerschlafgeburten mit II
Totgeburten zusammengestellt. Die Todesursache wurde in allen Fäl¬
len mit Ausnahme eines einzigen festgestellt; bei keinem einzigen der
Fälle war irgendein Zusammenhang mit dem Dämmerschlaf nach¬
zuweisen. Gauss (ZbL f. Gyn., 1920, Nr. 11) betont, dass an der
Freiburger Klinik die Kindersterblichkeit seit Einführung des Dämmer¬
schlafes erheblich zurückgegangen sei, eine Beobachtung, die
Aschoff gerade auf die das kindliche Atemzentrum abstumpfende
Wirkung des Morphium-Skopolamins zurückführt; dadurch werden offen¬
bar vielfach vorzeitige Atembewegungen verhindert.
Was nun die weitere Frage nach einem dauernden Schaden der
Kinder betrifft, so muss man diese heute unbedingt verneinen, kennen
wir doch eine ganze Reihe von Kindern, die vor 10 Jahren geboren
wurden und denen es heute genau so gut geht wie anderen Kindern,
die ohne Dämmerschlaf zur Welt kamen. Warum sollten auch durch
die verhältnismässig geringen Morphium-Skopolamingaben, von denen
nur eine minimale Menge auf das Kind übergeht, die Kinder dauernd
geschädigt werden? Sie müssten dann doch genau so gut durch Mor¬
phium- oder Veronalgaben während der Schwangerschaft, durch Al¬
koholgenuss oder durch eine Aether-Chloroform-Narkose während der
Geburt eine dauernde Schädigung bekommen.
Auf die Einwände von Gegnern des Dämmerschlafes, dass die
schädigenden Störungen erst zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr
in der geistigen Entwicklung sich zeigen würden, will ich nur die
Antwort Hoch es zitieren, der diese Einwände als widersinnig und
ernstlich nicht diskutierbar bezeichnet hat.
Eine wesentliche Verlängerung der Geburtsdauer
haben wir, abgesehen von einigen Versuchsfällen am Anfänge, nicht
feststellen können. Beim Laudanon scheinen die Wehen fast gar nicht
beeinträchtigt zu werden, schon eher in manchen Fällen beim Narkophin
und Pantopon. Im Durchschnitt glaube ich nicht, dass bei richtiger
Dosierung eine Verlängerung der Geburtsdauer von mehr als
11 2 — 1 Stunde in Frage kommt.
Auch die Gesamtoperabilität ist nicht höher gewesen wie
sonst bei normalen Geburten ohne Dämmerschlaf. Für unsere ge¬
samten Dämmerschlaffälle ergab sich eine Zangenfrequenz von
ca. 5,5 Proz. Es sei ohne weiteres zugegeben, dass die Zangen¬
häufigkeit eine hohe ist; das liegt aber daran, dass in zwei Serien
Pantopon-Skopolamin und Narkophin-Skopolamin gegeben wurden,
beides Mittel, die später wieder aufgegeben worden sind, weil sie
offenbar in manchen Fällen die Wehentätigkeit ungünstig beeinflusst
hatten. Das war allerdings meist nur vorübergehend und Hess sich
durch wehentreibende Mittel ausgleichen. Jedenfalls ist niemals ein
Schaden für die Mutter oder das Kind hervorgerufen worden. Kampfer
haben wir überhaupt niemals nach der Geburt geben müssen und
Sekale nicht öfters wie sonst bei normalen Geburten.
Was die anderen Mittel1 der Schmerzstillung anlangt, so ist
C'hloraethyl gewiss sehr gut, aber ich rate doch zur Vorsicht und
verwende es nur für den kurzen Rausch, z. B. beim Durchschneiden
des kindlichen Kopfes. Ein Mittel wie das Chloraethyl, das innerhalb
einer halben Minute eine Narkose herbeizuführen vermag, kann nicht
ganz ungefährlich sein, also ist immer Vorsicht dabei1 geboten. Für
längeren Gebrauch ist sicher Chloroform ä la reine oder Aether in ent¬
sprechender Verwendung weit ungefährlicher. Diese Anwendungsweise
ist so bekannt, dass hier darauf einzugehen nicht nötig ist.
Was die Ausführung des Dämmerschlafs anlangt, so muss man
natürlich auf Ruhe und Fernhalten aller äusseren Reize durch Ver¬
dunklung des Zimmers halten. Eine Injektion, wie sie Nassauer
zur Schmerzstillung empfiehlt, genügt nach unseren Erfahrungen nur
in seltensten Fällen. Man muss regelmässig nach 3U — 1 Stunde eine
zweite Einspritzung geben; mit1 dieser oder mit einer dritten Injektion
ca. 1 Stunde später wird man in der Regel für mehrere Stunden eine
genügende Schmerzherabsetzung, meist auch vollkommene Amnesie er¬
zielen können. Der Dämmerschlaf, der einmal begonnen ist, soll bis
zum Ende der Geburt fortgesetzt werden, also auch in der Aus¬
treibungsperiode.
Wehenmittel werden dann gegeben, wenn sie notwendig sind.
Chinin zu Beginn der Eröffnungsperiode, Hypophysin in der Aus¬
treibungsperiode. In den meisten Fällen von Dämmerschlaf kommt man
ohne diese Mittel aus. und wenn man sie braucht, dann ist meistens
nicht der Dämmerschlaf daran schuld. Es gibt natürlich Ausnahme¬
fälle; wenn eine Frau z. B. schon zu Beginn der Eröffnungsperiode
sehr über Schmerzen klagt und nach träger Wehentätigkeit unbedingt
den Dämmerschlaf verlangt, so führen wir ihn aus, geben aber gleich¬
zeitig mit der ersten Injektion Chinin per os oder in Form von
Injektion, um den Fortgang der Geburt zu fördern.
Irgendeine Giftwirkung durch die Kombination der verschiedenen,
hier erwähnten Arzneimittel ist nicht zu befürchten, im Gegenteil, sie
sind völlig harmlos, sodass wir, wenigstens für unsere Patienten, den
Vergleich mit einer giftdurchströmten Madonna ablehnen müssen.
Ueber Arteriotomie.
Von Prof. Th. Gluck-Berlin.
Habent sua fata, darf man nicht nur von Büchern sagen, sondern
auch die Methoden der praktischen Medizin haben ihre Schicksale.
Die Operation des Cauteriasmus, das Ferrum candens (cauterium
actuale) und die Moxa, sowie die Aetzmitte! (cauteria potentialia), das
Skarifizieren, das Schröpfen, das Blutegelsetzen, das Setzen einer
Fontanelle (fonticulus), das Ziehen eines Haarseiles bildeten Methoden,
die zwar zu der „petite Chirurgie“ im Sinne der Franzosen gehörten,
aber diese Operationen sind nach ihren Zwecken, durch die allgemeine
Art ihrer Anwendung, in früherer Zeit von besonderer Wichtigkeit ge¬
wesen. Hierher gehört auch der Schröpfstiefel (Blech- oder Glas¬
stiefel) von J u n o d und bildet das Prototyp eines Stauungsapparates.
Selbst die Trans- und Infusionen sind über 300 Jahre alte Methoden,
bei denen nicht nur Blut, sondern auch medikamentöse Substanzen zu
verschiedenen Zwecken intravenös infundiert wurden. Die Fontanellen
sollten materiae peccantes aus dem Körper ableiten und die Konstitution
umstimmen. Durch die Akupunktur und Elektropunktur sollte den
Teilen Nervenfluidum entzogen werden, die Nadeln sollten ein krank¬
haftes Neuroelektrikum entziehen, die schmerzstillende Wirkung sollte
in einer Hemmung von Nervenströmungen bestehen. Wie unwissen¬
schaftlich auch diese und ähnliche damalige autoritative Vorstellungen
uns heute erscheinen mögen, manche jener Mittel und Vorrichtungen,
die das Armamentarium chirurgicum der sogenannten kleinen Chirurgie
einer längst überwundenen Zeitepoche unseres Faches bilden, erleben
heute in rationeller, milder und modifizierter, aseptischer und präziser
Form, mit einem modernen wissenschaftlichen Gewände ausgestattet,
den Epigonen vielfach unbewusst, eine Auferstehung und erneute An¬
wendung in der Praxis. So scheint es auch dem altehrwürdigen Ader¬
lass zu ergehen, welchem ich eine kurze Betrachtung widmen möchte,
der ich historische Notizen über die Phlebotomie vorausschicken darf.
Die Geschichte des Aderlasses verliert sich in das graue Altertum;
nach Plinius II. sollen die Aegypter zuerst mit dieser Operation ver¬
traut geworden sein durch das Verfahren des Nilpferdes, welches
instinktmässig zu gewissen Zeiten sich die Adern aufbeissen soll.
Einen weiteren Beleg hierfür gibt Dieffenbachs polnisches Pferd.
Der geniale Berliner Chirurg schreibt Folgendes über die Phlebotomie:
„Der Aderlass ging nicht aus einer abstrakten Idee hervor, sondern aus
einem eigenen Instinkt, welcher unter Umständen den Menschen in
krankhaft gereiztem Zustande von Blutüberfluss zur Selbstverwundung
treibt. Nach der Blutung kehren Besonnenheit und Ruhe zuruck. Achn-
liches sehen wir bei Tieren. Ich besass ein polnisches Pferd, bei
grosser Sonnenhitze biss sich dasselbe die angeschwollenen Venen der
Seite auf, wenn cs viei Blut fühlte und dann wurde es wiedei ruhig.
Dergleichen Beobachtungen sind bei Pferden nicht selten.
Polidarius. der Sohn des Aeskuläp, liess bereits 1184 a. Chr. zur
Ader und zwar der Tochter des Königs Damaethus und erwarb sich
dadurch ein Königreich. Hippokrates, Galen und Celsus übten nach
genauer Indikationssteliung die Phlebotomie. Durch Bomfatius VIII.
Edikt gegen das Blutlassen von seiten der Geistlichen kam die Opera¬
tion in die Hände der Barbiere, welche man mit Recht als die schlauen
Väter der Chirurgie bezeichnet. . , , ,
Man kann natürlich jede oberflächlich gelegene sicht- oder fühl¬
bare Vene zum Aderlass wählen. Hauptsächlich haben aber schon die
alten Chirurgen nur die geeignetsten Stellen zum Aderlässen benutzt
und diese sind die Ellenbeuge, der Fussrücken. die vordere und die
SU 11 Zunächst handelt es sich um Venaescktionen. Erst Arctacus von
Cappadocien, 107 v. Chr., soll die Arteriotomie. geübt haben .später
Antvllus und Oribasius. Die Operation kam me recht n Aufnahme
und' wurde schliesslich gar nicht mehr geübt, auch findet sie sich m
keinem modernen Lehrbuche der Chirurgie mehr beschrieben. Di eff i -
buch widmet der Arteriotomie ein eigenes Kapitel. Nach ihm soll
sie schon Galen und Paul von Aegina bekannt gewesen sein. Bis
auf Ambroise Pare soll sie besonders häufig an der Arteria tempora s
ausgeführt worden sein, Rust und Philipp von Walter zogen sie aus
dem Dunkel der Vergessenheit, um sie bei agyptischei Augenkrankhe.t
anzuwenden. Dieffenbach war der Ansicht, dass die Arteno¬
tomie nicht mehr leiste als die Venaesektion Bei Cholera asiatica,
wo das Blut im asphyktischen Stadium in den Venen stockte, hat
er die Arteria radialis und brachialis geöffnet, aber ohne nachweisliche
Wirkung Auch bei entzündlichen Brustleiden ist sie von Martin
an der Arteria brachialis ohne nennenswerten Erfolg geübt worden,
v Lang enb eck der Aeltere erwähnt 1822 die Eröffnung einer
Schlagader und zwar der Arteria temporahs bei . Gehirnentzündung, um
eine 'schnelle Blutentleerung zu bewirken. Die Venaesektion macht
aber die Arteriotomie überflüssig, bemerkt hierzu der alte Göttinger
Professor der Chirurgie. ,
Als Kuriosum sei noch erwähnt, dass vom Baron Dupuytren
referiert wird, es sei im Jahre 1831 in Warschau gegen die Cholera,
allerdings ebenfalls ohne greifbaren Nutzen, die Acupunctura coidis
ausgeführt worden. , , ... ..
Die Operation des Aderlasses bestand also in früheren Jahr¬
hunderten in der kunstgemässen Eröffnung einer Vene oder Arterie,
um eine gewisse Menge Blut zu entleeren. Die Veneneroffnung
(Phlebotomie oder Venaesectio) war die gewöhnliche Art des Blut¬
lassens; seltener war die Schlagaderöffnung (Artenotomia). Die
Arteriotomie ist aus der modernen Chirurgie vo hg verschwunden.
In E ulenburgs Enzyklopädie der gesamten Heilkunde ist sie über¬
haupt nicht erwähnt und beispielsweise stellt in der therapeutischen
Technik für die ärztliche Praxis über den Aderlass nur folgendes: Der
Aderlass wird zurzeit noch ausgeführt .. .
a) als Vorbereitung für die intravenöse Kochsalzinfusion an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen (Tuffier). Es werden 500 g Blut für
P00 g zu infundierender Kochsalzlösung zwecks Erhaltung normaler
Tension und normalen Blutdruckes bei septischen Prozessen beispiels¬
weise entleert. .
b bei Ueberlastung des kleinen Kreislaufs, z. B. bei Pneumonie,
Eklampsie, Urämie, zwecks Herabsetzung der Herzbeschleunigung,
Vollerwerden des Pulses und Aufbesserung der Diurese. Vorbedingung
der Ausführung des Aderlasses ist eine intakte Nierenfunktion.
v. Bardeleben ist der einzige, der in seiner Chirurgie die
Arteriotomie an der Arteria temporalis beschreibt, erklärt, aber eben¬
falls dass eine Venaesektion am Arme oder an der Vena jugularis ex-
terna mindestens ebensoviel leistet, lehnt mithin auch die Aiterio-
tomie prinzipiell ab. Die Arteriotomie ist daher als vollkommen- ver-
gessen zu erachten. Nirgends in der gesamten modernen chirurgischen
Literatur wird sie noch erw'ähnt oder zur Diskussion gestellt. Um so
wuchtiger erscheint die Wiederempfehlung der Arteriotomie von autori¬
tativer Seite und auf Grund einwandfreier klinischer Beobachtungen.
In einer Veröffentlichung in der Münch, med. Wschr. vom 18. Nov.
1921 „Ueber Durchschneidung der Arteria radialis anstatt Venaesektion
bei Pneumonie und Lungenödem“ schreiben. A. Eckstein und
C. Noeggerath aus der Universitäts-Kinderklinik Freiburg i. B. u. a.
Folgendes: „ , . , ,
„Wir hatten bei mehreren Fällen den Eindruck eines lebens¬
rettenden Eingriffes bei Durchschneidung der Arteria radialis statt der
Venaesektion bei Pneumonie und Lungenödem dann, wenn infolge Er-
lahmens der Herzkraft die Venaesektion erfolglos blieb.
Ueber die so schönen Resultate aus der Freiburger Kinderklinik,
bei denen eine Arteriotomie an der Arteria radialis zur Ausführung ge¬
langte, vermag ich nur meine lebhafte Genugtuung zum Ausdruck zu
bringen und hoffe, dass es nunmehr gelingen wild, meiner vor fast
einem Vierteljahrhundert gegebenen Anregung entsprechend die Aiterio-
tomie in die praktische Medizin, in dem dieser Methode der Blutent-
zieliung zukommenden Masse einzubürgern. . .
In seinem Vortrage im Mai 1898 in der Berliner medizinischen Ge¬
sellschaft „Ueber allgemeine und örtliche Blutentziehung in der Kinder¬
heilkunde“ sagt Bagin sky: „Ich halte die Venaesektion für erlaubt
und sogar für geboten, wenn durch mechanische Hemmnisse im Blut¬
kreisläufe Lähmung des überfüllten Herzens droht.“
Bei einem 7 jährigen, masernkranken Kinde mit kapillaicr Bron¬
chitis „entschliesst man sich“, so berichtet er weiter, bei dem augen¬
scheinlich moribunden Kinde, nachdem die Eröffnung beider Venac
medianae nur wenige Tropfen Blut entleeren, zur Eröffnung der hnkei
Radialarterie. Der Erfolg war ein ausgezeichneter und. führte zu defini¬
tiver Heilung. Die Entlastung des Herzens und Wiederherstellung dei
Blutpassage wird mit Recht verglichen mit der Wiederherstellung der
Respiration durch Tracheotomie und Intubation bei Laryngos enose so
sehr tritt bei beiden gemeinschaftlich das rein mechanische Moment m
ln seinem Pariser Referate im Jahre 1900 „Ueber Indikationen und
Kontraindikationen des Aderlasses bei Kindern“ sagt B a g l n sky:
1 die Erstickungsgefahr bei überfülltem Herzen, 2. die Ueberladung ce.
Blutes mit chemischen Zerfallsprodukten geben -die Indikation zur
I ,llc^r°™reohe)lde Herzstillstand durch Hyperdilatatio cordis bedingt
Erstickungstod und direkteste Todesgefahr. Ist die Herzarbeit gehemmt,
das Blut von den Venen her im rechten Herzen angesammelt, ist
dasselbe dilatiert und droht letaler Herzstillstand, dann erscheint der
Aderlass und, wie ich persönlich hervorheben möchte, die Arteriotomie
dringendst geboten.
Eckstein und N o e g g e r a t ’h ist meine Arbeit unbekannt, denn
es kann ja begreiflicherweise den beiden hochgeschätzten Autoi ui
an sich gleichgültig sein, wer von beiden ob B a g i n sk y, ob G l.u c K
beim Versagen der Venaesektion die Eröffnung und zwar nicht wie die
Herren nach Baginskys Arbeit referieren, der Arteria radialis, son¬
dern wie es den Tatsachen entspricht, der Arteria cubitalis mit aus¬
gezeichnetem Erfolge im Jahre 1898 zuerst unternahm..
Die Freiburger Kliniker konnten sich nur an B a g l n s k y s eigene
Worte halten, der mich merkwürdigerweise weder in seinem Berliner
Vortrage, noch auch- 1900 in seinem Referat auf dem Pariser inter¬
nationalen Kongress mit einer Silbe erwähnte.
Soweit uns bekannt, schreiben die Freiburger Autoren weiter, hat
die Anregung Baginskys bisher keinen Anklang gefunden. Die
Anregung stammt aber von mir persönlich wie aus meinem^ Vortrage
über Arteriotomie in der Berliner medizinischen Gesellschaft, abgedruckt
in der B kl W 1898 Nr. 21, ohne weiteres erhellt. Ich entwickelte
damals einen Standpunkt, welchen ich auch heute noch in vollem
Umfange vertrete. . , , ....
Ich sagte damals, anknüpfend an Baginskys Ausfuhrungen,
folgendes:
„In bezug auf die augenblicklichen therapeutischen Effekte, die wir
bei der Venaesektion beobachtet haben, kann ich nur das bestätigen,
was der Herr Vortragende gesagt hat. Das Saigner coup sur coup
und Saigner a blanc, wie es u. a. von Br o u s s a i s und A n ü l a 1 (L •HO
geübt wurde, hat zur völligen Diskreditierung des Aderlasses geführt
und Niemanden fällt es heute ein. von einem Barbier, wie noch
Friedrich v Schiller tat, sich eine Ader schlagen zu lassen; es
gibt aber zweifelsohne Zustände, bei denen, wie Herr Bag in sky
sich ausdrückte, der Aderlass einen lebensrettenden Eingriff darstcl ,
etwa analog der Tracheotomie. ... l .
Was soll nun aber geschehen, wenn eine absolut indizierte und tech¬
nisch einwandfrei ausgeführte Venaesektion überhaupt kein oder nur
ein minimales Blutquantum liefert. Bei dem einen der von . Herrn
B a g i n s k y erörterten Fälle kam aus den loco classico angeschnittenen
Venae medianae cubiti basilicae des ödematös geschwollenen Armes
kaum ein Tropfen Blut, die Attacke war ungemein bedrohlich, das Kind
schien unter unseren Händen zu sterben. Bei Eröffnung der nunmehr
rasch freigelegten Arteria cubitalis entleerte sich tiefdunkles Blut in
genügendem Strahle und noch während des Ausfliessens (etwa 100 gj
seufzte das komatöse Kind tief auf und unter raschem Rückgänge dei
Symptome erklärte es nach Wiederkehr des Bewusstseins, nun fühle
es sich viel wohler; der augenblickliche Effekt war ein duichaus übei-
L'lch bin auf die Idee der Arteriotomie durch folgende kasuistische
Beobachtung gekommen: . _ „ . ... .
Vor Jahren wurde ich in der Nacht zu einem Patienten geholt, der
in schwerer dyspnoischer Attacke wegen Emphysema pulmonum und
Dilatation und Insuffizienz des Herzens ein Conamen suicidii gemacht
hatte. Ich unterband beide Arteriae radiales, die durchschnitten waren;
wir machten dem Kranken Vorstellungen, welche ihren Eindruck nicht
verfehlten; er sah sein Unrecht ein, erklärte jedoch, so wohl und frei,
wie nach dem Blutverluste augenblicklich, habe er sich in seiner ganzen
schweren Krankheit nicht gefühlt. An die unbeabsichtigte Wirkung
dieser Arteriotomie wurde ich erinnert, als bei dem vorerwähnten Falle
die Phlebotomie kein Blut lieferte, und der Effekt der. von mir nunmehr
ausgeführten Artenotomia cubitalis war in der Tat ein überraschender.
In der Leiche sind bekanntlich die Arterien leer und das Blut sammelt
sich aus mechanischen Gründen in dem Venensysteme an; daher
wurden neben der Luftröhre (Arteria aspera) diese Gefässe mit dem
Namen Arterien- von den alten Anatomen belegt. Intra vitam bei stark
gesunkener Herzkraft, Dilatatio cordis. und gleichzeitig vorhandenen
Oedemen der Extremitäten sind weder die vis a tergo, noch unsere
sonstigen mechanischen Hilfsmittel ausreichend, einer sachgemäss cr-
öffneten Vene schnell genügend Blut zu entziehen, um das Herz zu ent¬
lasten und anzuregen. Die Eröffnung einer Arterie, z. B. der Kubitahs,
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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würde, wie es scheint, dann immer noch Blut in genügendem Quantum
liefern können, um die gefahrdrohende Attacke überwinden zu helfen.
Ich empfehle daher auf Qrund dieser Ueberlegungen und Beobachtungen
am Krankenbett für bestimmte Fälle, die noch einer genaueren Prä¬
zision bedürfen, bei erfolgloser Phlebotomie das Freilegen unter asep¬
tischen Kautclen, z. B. der Arteria radialis oder cubitalis und deren
Arteriotomie in freier Wunde mit konsekutiver seitlicher oder zirku¬
lärer Ligatur.
In der amerikanischen Literatur soll ein Fall von Arteriotomie
an der Arteria iemporalis bei Meningitis beschrieben sein, er ist minde¬
stens sehr fraglich. Im wesentlichen jedoch ist bis jetzt eine Arterio¬
tomie zum Zwecke einer allgemeinen Blutentziehung und mechanischen
Entlastung des Herzmuskels bislang von keinem Arzte (in der modernen
Aera) in therapeutischer Absicht ausgeführt worden.
Das rein mechanische Moment tritt bei dem Erfolge der Operation
in den Vordergrund. So erklärt es sich denn auch, dass es in letzter
Linie erlaubt ist, dass man vom linken Herzen her den Gefässinhalt ent¬
leert, die Arterie statt der Vene öffnet in der Absicht, das übermässig
gedehnte Herz zu entlasten.
Begreiflicherweise kann bei den in Frage stehenden Zuständen
von einer tropfenweise am entferntesten Ende des menschlichen Kör¬
pers stattfindenden Blutentleerung ein Erfolg nicht erwartet werden
und nur die Arteriotomie kann unter derartigen Verhältnissen ein posi¬
tives Resultat noch ermöglichen. Es ist damit die ursprüngliche Ader¬
lassmethode der ältesten griechischen Schule, nämlich die Arteriotomie,
wieder in ihr Recht eingesetzt, welche unbegreiflicherweise in völlige
Vergessenheit geraten ist.
Wir Chirurgen aber haben angesichts der altehrwürdigen Ge¬
schichte der Arteriotomie und ihrer Schicksale allen Grund, uns an die
Worte zu erinnern, die Richard Wagner seinem Hans Sachs in den
„Meistersingern“ in den Mund legt: „Verachtet mir die alten Meister
nicht und schmäht nicht ihre Kunst.“
Zur pathologischen Anatomie und Nomenklatur
der Lungentuberkulose.
Von Prof. Felix Marchand in Leipzig.
(Schluss.)
M. H.! Ich komme nun zu der überaus wichtigen Frage der
Initialformen der Tuberkulose, in erster Linie bei den Säug¬
lingen und kleinen Kindern, da diese kindliche Tuberkulose in so vielen
Fällen der Ausgang der späteren Lungenphthise der Erwachsenen ist.
Hier ist also, mehr wie irgendwo das Wort „Principiis obsta“ am
Platze. Allgemein bekannt ist die im Vordergrund stehende Ver¬
käsung der bronchialen, mediastinalen, peritrachealen und zervikalen
Lymphknoten bei oft sehr kleinen isolierten, zuweilen auch mehrfachen,
nicht selten subpleuralen verkästen Herden in den mittleren und
unteren, seltener in den oberen Teilen der Lunge der Säuglinge und
kleinen Kinder, die schon Hasse33) 1840 bekannt waren. Die alte
Streitfrage, ob dabei die Lymphdrüsen oder die Lungen primär er¬
krankt sind, ist seit den wichtigen Untersuchungen von Par rot34)
(1876) und seinem Schüler Hervouet über das Gesetz der „Adeno-
pathie similair e“, sodann durch die gründlichen Beobachtungen
von G. Kuss35) an dem grossen Pariser Material unter H u t i n e 1
bis auf seltene Ausnahmen in letzterem. Sinne entschieden worden.
Von vielen Seiten war noch an der Ansicht festgehalten worden, dass
die Bronchialdrüsen zuerst durch Aufnahme von tuberkulösem Virus,
entweder von den Lungen aus durch Uebergang in die Lymphbahnen
ohne örtliche Veränderung der ersteren, oder durch Aufnahme von
der. Schleimhaut der Halsorgane, des Pharynx, der Tonsillen und
Weitertransport in die tieferen Drüsen, oder vielleicht sogar auf dem
Blutwege erkranken und von hier aus rückläufig auf dem Lymphwege
die Lungen infizieren 38).
Von späteren Autoren haben Orth (1887), E. Alb recht37),
33) K. E. Hasse: Spezielle pathologische Anatomie, anatomische Be-
l Schreibung der Krankheiten der Zirkulations- und Respirationsorgane. Leipzig
1841, S. 458. „Sterben skrofulöse Kinder an anderen Krankheiten, so findet
man nicht selten einzelne Tuberkel in den Lungen, nicht so konstant, wie bei
Erwachsenen in der Spitze, sondern auch in unteren Lappen, dabei
konstant die Bronchialdrüsen in hohem Grade tuberkulös.“
34) Parrot: C. r de la Soc. de Biol. 1876.
3B) Georges Kuss: De l’Heredite parasitaire de la tuberculose humnine.
These de doct. en med. Paris 1898.
3e) Vor ca. 40 Jahren nahm auch ich an (1. c. D.m.W. 1883 Nr. 15), dass
die Verkäsiing der Bronchialdrüsen bei Kindern aus den ersten Lebensmonaten
das erste und einzige Zeichen der Tuberkulose sei, als der erste Ausdruck
einer durch die Luft in den Organismus gelangten tuberkulösen Infektion,
hei der Schnelligkeit, mit welcher die Bronchialdrüsen die der Atmungsluft
beigemengten Teile in sich aufnehmen. Spätere Untersuchungen haben mich
belehrt, dass das Freibleiben der Lungen eine Ausnahme ist. In der Sammlung
des Leipziger Institutes/ habe ich etwa 1 Dutzend ausgewählter Präparate
von kindlichen Lungen mit primären Herden in allen Stadien bis zur Bildung
grosser Kavernen von Sektionen aus dem Jakobshospital stammender Kinder
aus den Jahren 1901 — 1912 aufgestellt. Auch seitdem ist wohl kein Semester
vergangen, in dem ich nicht mehrere Fälle von primären Lungenherden bei
Kindern, teils aus dem Jakobshospital, teils aus dem Kinderkrankenhaus mit
käsigen Bronchialdrusen und Folgezuständen in den Demonstrationskursen
besprochen hätte. (Projektion der Schnitte injizierter kindlicher Lungen mit
initialen käsigen und verbreiteten sekundären tuberkulösen Herden aus dem
Jahre 1891 aus Marburg.)
C o r n e t 38), dessen Lokalisationsgesetz dem Parrot sehen Gesetz
entsprach, ferner an einem grossen Material H. A 1 b r e c h t39),
Hedren40) und ganz besonders Ghon41) mit seinen Mitarbeitern,
sich um den Nachweis der primären Lungenherde und die Gesetze der
weiteren Verbreitung der Tuberkulose auf die regionären und weiter¬
entfernten Lymphdrüsen verdient gemacht, während Harbitz42) an
der „regelmässig sekundären“ Infektion der Lungen festhielt (s. u.).
Ranke43) hat den „primären Komplex“ (Lungenherd, Drüsentuber¬
kulose) zum Gegenstand genauer histologischer Untersuchungen und
zum Ausgang seiner Immunitätstheorie durch Annahme besonderer
histologischer Allergien gemacht.
Wenn L i e b e r m e i s t e r (1. c. S. 248, 250) sagt, dass darüber noch
nichts bekannt sei, unter welchem Symptomenkomplex das Primärstadium
der Tuberkulose verläuft, wie lang es dauert usw., so darf ich vielleicht auch
als Nichtpraktiker dazu ein Wort sagen. Ein ein- oder zweijähriges Kind
erkrankt unter den Erscheinungen einer leichten fieberhaften Lobulär¬
pneumonie; niemand denkt daran, dass es sich um Tuberkulose handeln
könne, da es sich nach baldiger Wiederherstellung vollständig normal weiter
entwickelt. Nach einer Reihe von Jahren erkrankt es von neuem nach Masern
oder Keuchhusten oder, einer Erkältung an mässigen pneumonischen und
pleuritischen Symptomen derselben Seite, die anscheinend ohne bleibende
Störung heilen. Würde man in diesem Stadium die Sektion machen, so würde
man wahrscheinlich einen käsigen, vielleicht schon teilweise verkalkten Herd
mit frischer Tuberkeleiuption in die Nachbarschaft, geschwollene, gerötete
Bronchialdrüsen mit älteren und frischeren Verkäsungen finden. Auch dieser
Zustand kann vorübergeheu. während ein andermal eine tuberkulöse Meningitis
schnell zum Tode führt. Während oder nach der Pubertätsperiode folgt eine
Zeit der Mattigkeit und zunehmender Abmagerung, vollständiger Anorexie;
man nimmt Chlorose oder sog. Pseudochlorose an und denkt vielleicht nicht
an Tuberkulose, bis eines Tages eine Hämoptoe oder wiederholte kleine
Blutungen auftreten; Sanatoriumbehandlung, geringe Besserung; plötzlich
tritt eine Pleuritis mit serösem Exsudat, sehr schwerem, fast zum Tode
führenden Verlauf ein; relative Heilung, jahrelange klimatische Behandlung:
die Röntgenplatte weist zahlreiche nodöse Herde, grösseren Hilusschatten an
der Stelle der anfänglichen Erkrankung nach, keine Zeichen stärkerer Infiltration
oder Höhlenbildung; zeitweilige Steigerung, zuweilen auch neue kleine
Blutungen, herabgesetzte Leistungsfähigkeit, relative Heilung. In anderen
Fällen kann sich der Verlauf wesentlich anders gestalten.
Die überaus grosse Häufigkeit der prirpären Tuberkulose in den ersten
Lebensjahren als der wichtigste Ursprung der späteren Lungenphthise findet
berechtigte Würdigung auch in dem ausgezeichneten Werk von Hamburger
(Die Tuberkulose des Kindesalters, 2. Auf!., 1912), welches leider erst spät
zu meiner Kenntnis kam. Es ist von grossem Interesse, dass die hier mit¬
geteilten statistischen Angaben im wesentlichen mit denen schon von Lom¬
bard mitgeteilten ubereinstimmen (siehe Andral: 1. c. I. 428).
Liebermeister hat sich zweifellos ein sehr grosses Verdienst er¬
worben durch den mühevollen Nachweis von säurefesten Bazillen auch in
solchen Fällen, in denen eine klinisch nachweisbare Lokalisation vermisst
wurde, sowohl in dem Latenzstadium nach einer früheren (nicht bekannten)
Infektion oder in dem sog. „tertiären Stadium“. In Fällen der ersten Art bei
jugendlichen Individuen lag der Gedanke nahe, dass der oft schwer kachek-
tische Zustand auf der Gegenwart von Toxinen aus einem unbekannten Herd
beruhen könne. Aus dem Nachweis von Bazillen im Blut (ohne bekannte
Lokalisation) auf eine allgemeine Krankheit „Tuberkulose“ als gewisser-
tnassen konstitutionelles Leiden zu schliessen, halte ich für durchaus nicht
berechtigt. Ferner ist es stets bedenklich, daraus auf eine tuberkulöse
Aetiologie der verschiedensten Krankheiten bei tuberkulösen Individuen zu
schliessen, wovon Liebermeister eine so grosse Zahl anführt. Diese
Deutungen kann ich nur in das Gebiet der Hypothese verweisen (die L. aus¬
drücklich ablehnt). Was soll man dazu sagen, dass das runde Magen¬
geschwür, das Ulcus callosum, Endokarditis, Polyarthritis und andere Krank¬
heiten eine tuberkulöse Aetiologie haben, weil sie sich bei einem tuber¬
kulösen Individuum finden? Auch die Behauptung L.s, dass Tuberkelbazillen
gelegentlich auch rein eiterige Entzündungen, wie eiterige Meningitis,
eiterige Perikarditis hervorrufen können, halte ich nicht für richtig (trotz
A s c h o f f s Zustimmung).
Hieran knüpft sich zunächst die weitere wichtige Frage, ob eine
primäre Infektion der kindlichen Lunge tatsächlich, wie vielfach an¬
genommen wird, durch Aspiration von Tuberkelbazillen aus der Luft,
worauf zunächst alles hinweist, oder auf andere Weise zustande kommt.
Die grosse Zahl expenmenteller Untersuchungen an Tieren, die seit den
berühmten Münchener Versuchen im Jahre 1877 44) [Lippl, Tap¬
peiner, Schweninger. später besonders durch v. B a u m -
garten und seine Schüler43), durch Bartel46) u. a.] angestellt sind,
37) Eugen Alb recht: Frankfurter Zschr. f. Path. 1907, 1.
3S) G. Cornet: Die Tuberkulose. 2. Aufl. Bd. L S. 144.
"9) Heinrich Alb recht: Tuberkulose des Kindesalters. W.kl.W. 1909.
22, 10.
4") G. Hedren: Zschr. f. Hyg. u. Infektkrkh. 1913, 73, S. 273.
41) A. Ghon: Der primäre Lungenherd bei der Tuberkulose des Kindes.
1912. — A. Ghon und Roman: Sitz.-Ber. d. K. Akad. d. Wiss. in Wien.
Math.-Nat. Kl. 122, Abt. III. — A. Ghon und G. Potot sehnig: Ueber
den primären tuberkulösen Lungenherd bei Erwachsenen usw. Beitr. z. Klin.
d. Tub. 40, S. 103. — A. Ghon: Einiges zum primären Komplex bei der
Tuberkulose. Zieglers Beitr. 1921, 69, S. 65.
4S) Fr. Harbitz: Untersuchungen über die Häufigkeit, Lokalisation
und Ausbreitungswege der Tuberkulose. Videnskabs Selzkabet Skrifter.
Math.-naturw. Kl. Kristiania 1905. Nr. 8, 1904.
43) K. E. Ranke: Primäraffekt, sekundäre und tertiäre Stadien der
Lungentuberkulose. I). Arch. f. klin. Med. 1916, 119, S, 201 und 1919, 129, S. 224.
44) Amtl. Bericht d. 50. Versamml. D. Naturf. u. Aerzte in München 1877,
S. 268.
’5) v. Baumgarten: Lehrbuch der pathogenen Mikroorganismen. —
Derselbe: I. c. Zieglers Beitr. 1921 S. 45.
48) J. Bartel: Experimentaluntersuchungen über natürliche Infektions¬
gelegenheit mit Tuberkulose. W.kl.W. 1907 Nr. 38. — Derselbe und
W. Neu mann: Pathogenese der Tuberkulose. Berlin-Wien 1918.
56
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
kann ich im einzelnen nicht eingehen. Während ein Teil der Forscher,
ganz besonders nachdrücklich Flügge und seine Schuter, so auch
Reichenbach (Zschr. I. Tuberk. 34. H. 7.8. 55». Sich für Infekt,™
der Lungenalveolen oder der Bronchiolen durch Aspiration von Ba¬
zillen. sei es direkt durch die Luft oder durch Vermittlung von Schleim-
tröpfchen aus der Mund- oder Rachenhöhle ausgesprochen hat, wird
von anderen diese Möglichkeit bestritten.
v Baumgarten bezeichnet die Annahme Bacmeisters ),
dass e- durch Inhalationsinfektion mit wenig Bazillen bei Kaninchen eine
Lungenspitzentuberkulose erzeugt habe, als sehr problematisch. „Denn
die experimentelle Inhalationstuberkulose der Lungen ist keine aerp-
gene (bronchogene). sondern eine hämatogene Lungentuberkulose.
Noch schärfer tat sich r t e n getan die Möglichen einer
aerogenen Infektion auf Grund der Versuche seiner Schüler Der e-
wenko und Hara in seinem Lehrbuch ausgesprochen, wo er das
Eindringen von spärlichen inhalierten Bazillen in die Alveolen für voll¬
ständig ausgeschlossen erklärt, während eine hämatogene Entstehung
der Lungentuberkulose durch Eindringen von Bazillen in die Schleim¬
häute oder auch von anderen Organen aus sicher nachzuweisen sei.
In ähnlichem Sinne hat sich auch Kretz«) ausgesprochen
Wenn dies auch für Tierversuche an Meerschweinchen und Kanin¬
chen leichter erklärlich sein mag. so darf man doch nicht aus den
Augen lassen, dass die Verhältnisse beim Menschen, besonders Lei
klefnen Kindern in den ersten Lebensjahren, aber auch spater wesent¬
lich anders liegen. Wenn man die tiefen gewaltsamen, ja krampfhaften
Inspirationen eines schreienden Kindes beobachtet, s° ka™ ™an
wohl vorstellen, dass bei den ersteren auch vereinzelte Bazi len oder
andere Körperchen ganz anders in die kleinen Bronchien bis in die
Alveolen hinein aspiriert werden können, als bei den ruhig durch die
Nase atmenden, ausserdem mit besseren Schutzvorrichtungen \e -
sehenen Meerschweinchen oder Kaninchen. Ausserdem kann manches
infizierte Tröpfchen mit der Atmungsluft aus der ^und- oder Rachen-
höhle denselben Weg nehmen. Bei einer hämatogenen Verbreitung
durch die Lungenarterie wäre das isolierte Vorkommen einzelner (oder
weniger) primärer Herde schwer verständlich..
Ich erwähne an dieser Stelle die ziemlich vergessenen Inhalationsver¬
suche von Ernst F r e r i c h s 40), die er im Anschluss an seine Statistik da
tuberkulösen Veränderungen der Organe im Jahre 1882 m Mar’ bürg anstellt .
Nach langdauernder Inhalation verstäubter phthisischer Sputa erhielt er bei
Hunden und Kaninchen verbreitete miliare Tuberkel der Lunge, _ wahrend
Inhalation der vorher durch Karbolsäure oder durch Kochen desinfizierten
Sputa ohne Folgen blieb.
H a r b i t z kommt bei seinen sehr eingehenden Untersuchungen und
sorgfältiger Berücksichtigung der einschlägigen Literatur zu dem Er¬
gebnis, dass die Lymphdrüsen durchgehends primär angegriffen werden,
und zwar zunächst die Drüsen längs der Trachea und i am : H'lus s von
denen aus die Lungen am häufigsten durch Durchbruche in die Bron
chien infiziert werden sollen (Projektion eines solchen Präparates von
einem Fall des Vortragenden aus Marburg), wenn auch H. eine retro¬
grade Infektion der Lungen auf dem Lymphwege nicht ausschhesst,
dagegen selten eine hämatogene Verbreitung annimmt (1. c. lUlU ).
^ Das Cornetsche Lokalisationsgesetz ebenso wie der
primäre Komplex Rankes ist keineswegs eine Eigentümlichkeit der
Tuberkulose, er findet sich fast genau in derselben Weise bei anderen
Infektionskrankheiten, ganz besonders übereinstimmend beim Typhus,
wo sich die Verbreitung der Infektion vom Darm auf die regionären
Mesenterialdrüsen in einem nach der Peripherie sehr deutlich abnehmen¬
den Grade so klar nachweisen lässt (auch hier hat man bekanntlich den
umständlichen Weg einer primären Infektion auf dem Blutwege bei sog.
typhöser Septikämie angenommen), während gleichzeitig eine sekun¬
däre Verbreitung der Infektionserreger auf dem Blutwege auf die Milz,
die Leber und andere Organe eintritt. Auch beim Milzbrand kommt
dasselbe vor, als eine ganz natürliche Folge der Funktion der Lymph-
gofässe und der Lymphdrüsen, welche bekanntlich die wichtige. Eigen¬
schaft der Immunisierung teilweise auf histologisch nachweisbarem
phagozytischem, noch mehr auf biochemischem Wege haben. Zu
den histologisch nachweisbaren reaktiven Veränderungen gehört die
sofort eintretende Wucherung des Retikumm und der Endothelzellen
der Lymphgänge (epitheloide Zellen der Tuberkel Typhuszellen) Ein
grosser Unterschied besteht aber gerade dann, dass bei der Tuberku¬
lose eine Vernichtung oder Unschädlichmachung der Bazillen in . en
Lvmphdrüsen (wie sie beim Milzbrand vorkommt) nicht stattfindet, dass
vielmehr die Bazillen trotz der histologischen Heilung durch .chronische
Induration (meist unter Mitwirkung der Anthrakose) doch ihre In e -
tionsfähigkeit, wie es scheint, fast unbegrenzt bewahren können Ich
bin schon längst zu der Ueberzeugung gelangt, dass die sämtlichen
schwarz indurierten, teilweise verkalkten, aber daneben auch o
schmierig erweichten Drüsen am Hilus und weit darüber hinaus, die
noch oft als einfach anthrakotisch induriert betrachtet werden, sämt¬
lich von alter Tuberkulose aus der Kindheit (seltener aus spaterer Zeit)
herrühren. In den Lungen finden sich dann nur noch, spärliche, oft
schwer nachweisbare Reste. So erklären sich die keineswegs sel¬
tenen Fälle von tuberkulöser Perikarditis bei alten Leuten, bei denen
sich fast ausnahmslos alte mdurierte Drusen in der Nachöar
schaft des Perikards finden, die leicht ubersehen oder fui unsehu' g
gehalten werden und daher zur Annahme ..einer neuen Spa infek
tion führen51). Dahin gehört z. B. der Fall eines 80jährigen, d
V i r c h o w s Erstaunen erregte, da man im ganzen übrigen Kö¬
per keine Spur eines skrofulösen Prozesses (einer skrofulösen D a-
these) nachweisen konnte; eine solche „ dauerhafte skrofulöse Dia-
these“ besteht tatsächlich, aber in der Form von latenten luberkel-
bazillen (oder Granula?), die gelegentlich auch andere schwer, er¬
klärliche Ueberraschungen (tuberkulöse Meningitis) zur Folge
Wie merkwürdig die Infektionsverbreitimg sich manchmal gestaltet,
zeigt u a. der von mir52) beschriebene Fall von scheinbar latenter
Verbreitung der Milzbrandbazillen bei einer Gravida, anscheinend v
einer Sporeninfektion vom Darm aus auf die Mesenterialdrusen und auf
den Ductus thoracicus, die kurz nach allgemeiner Blutinfektion schnell
zum Tode führte.
47) Bacmeister: Mechanische Disposition der Lungenspitzen. Mitt.
Grenzgeb. 1911. 22, S. 583 und: Entstehung der Lungenphthise. Mitt. Grenzgeb
Ich kann hier nicht unerwähnt lassen, dass die Ansicht, der sich
auch Huebschmann angeschlossen hat, eine vorgeschrittene
Lungentuberkulose schütze vor einer federen Verbreitung des -
zesses auf die Lymphdrusen. keinesfalls für alle Falle zutnfft. D‘- ,
Kindern auch bei umfangreichen Verkäsungen der Lungen die Tube
kulose der Lymphdriisen peripherisch unaufhaltsam fortschreiten kan
ist bekannt (wie Ghon und Roman gezeigt haben) Der Zerfall
wollte dass gerade am Tage nach dem Vortrag von H. im patho
logischen Institut die Sektion eines 11jährigen Mädchens neben einem
sehr umfangreichen käsigen Infiltrat des 1. Oberlappens eme au if fast
alle Lvmphdrüsen ausgedehnte schwere tuberkulöse Verkäsung, auss
dem zahlreiche kirschgrosse Milztuberkel und Lebertuberkel gefunden
wurden, so dass weder von einer Ab Schwächung. des Virus, n neu von
einer grösseren Widerstandsfähigkeit des Organismus die Rede sein
konntef aber auch bei älteren Erwachsenen mit alter, selbst schwe^
1 ungentuberkulose kommen zuweilen enorm grosse, zum 1 eil tn.cn
verkäste Drüsenpakete (deren Vorkommen bei Erwachsenen zuweilen
ganz bestritten wird) vor53). . , „ , .
In der Regel findet man bei alten Leuten rmt chronischer Tuberku¬
lose die Hilusdriisen meist induriert schwärzlich, bei jugendlichen oft
noch irisch verkäst, was wohl wieder auf eine geringere Widerstands¬
fähigkeit hinweist, ohne dass man im ersteren Falle ajJ
„histologische“ Allergie zu schlossen braucht (vgl. Ribbert,
Ta D^ "initialen Herde in der Lunge Erwachsener lassen sich
selbstverständlich nicht scharf von denen der Kinder abgrenzen, da
eine erste Infektion wohl in jedem Alter eintreten kann, ganz besonders
noch im späteren Kindesalter, im 2. und 3. Dezennium, wahrend ira
reiferen Alter die Gefahr der Infektion erfahrungsgemass abnimmt.
Worauf diese erhöhte Widerstandsfähigkeit beruht ob auf Immuni¬
sierung durch früher überstandene Infektion, die ja oft genug yorhegt,
oder auf anderen Ursachen, soll hier nicht erörtert werden. Ich ver¬
weise hierüber auf den Vortrag von Huebschmann, wenn ich auch
nicht in allen Punkten derselben Ansicht bin. Pathologisch-anatomisch
ist das Alter eines primären Herdes in den Lungen älterer Individuen
ohne genaue Anamnese meist schwer abzuschatzen (s. auch G h o n und
Pototschnig 1. c.). Bei Gegenwart älterer Herde spielt zweifellos
die „endogene Reinfektion“ (Orth) die Hauptrolle. wenn auch eine
exogene dabei keineswegs auszuschliessem ist. . Die Annahme -emer
durch frühere Erkrankung erworbenen G ew e b s i m m u n i t at scheint
mir nicht begründet (noch weniger allerdings das Gegenteil Man kann
das wohl aus Analogie mit den Verhältnissen bei der Hauttubertajge
schliessen, bei der eine lokale Immunisierung durch häufig wiederholte
Infektion nicht vorzukommen scheint5). (S. darüber Lieber¬
meister S. 403.)
* ' «Vr. Kretz: Ueber Phthiseogenese. Beitr. z. Klin. d. Tuberkulose
12’ ^ii) "Ernst Fr er ich s: Beitr. z. Lehre v. d. Tuberkulose. Marburg
(E ' 'so, pjir Verbreitung der Tuberkulose von den H.ilusdrüsen aus
nach der Lungenspitze oder nach anderen Stellen der Peripherie, wie sie von
manchen Seiten (ohne die erwähnten Durchbrüche) noch angenommen wird,
finden sich, abgesehen von direktem Uebergreifen auf die Lunge keine An¬
haltspunkte. Weleminsky leugnet jede Infektion, der Drüsen vom Ge¬
webe aus ganz! (ß.kl.W. 1905.)
51) Diese „Latenz“ der Tuberkelbazillen in alten Herden, besonders den
Lvmphdrüsen. hat selbstverständlich eine andere Bedeutung als die verbreitete
Annahme des latenten Vorkommens von Bazillen m .unvera"d,e!rtten “Singen
fach geschwollenen Lvmphdrüsen ; ich verweise darüber auf Untersuchungen
von Kuss, Bartel. Harbitz, Liebermeister « Milzbrand
02) F. Marchand: Ueber einen merkwürdigen Fall von Milzbrand
bei einer Schwangeren. Virchows Arch. 1887. 109, S. 86.
53) Präp 157 a b, L. Nr. 892/1912. Fr. v. 64 J. R. Lunge in allen I
3 Lappen grosse und kleine Knoten, mehrere grosse, alte Kavernen. Im
unteren Ileum ein isoliertes Geschwür, zwei amstgrosses Paket verkaster,
retroüeritonealer und ebensogrosses der Mesenterialdrusen, z. T. noch Irische
Knötchen Prlp 257/1901 Nr. 583, M. v. 40 J. Schwere käsige Tuber- 1
kulose der zervikalen, bronchialen, mediastinälen, retroperitonealen Lymp i
drüsen. dissem. Tuberkel d. Lungen, Leber. Niere, Milz, tuberkulöse Mernn-
gitis. Präp. 38/1912, Nr. 211, M. v. 65 J. Sehr grosse, stark anthrakotische
und verkäste Drüsen am Hilus, am Halse, um das Pankreas, u. retroperitoneal.
z T verkalkt. Pulm. nicht erwähnt. . . . . . , .
59) Ich kann darüber aus eigener Erfahrung berichten, da ich im Laufe (
der Zeit gewiss mehrere Dutzend von sog. Leichentuberkeln gehabt habe, die
oft Monate, selbst Jahre lang bestanden und dabei immer neuen Anlass i zu
Mischinfektionen mit Staphylokokken gaben. Eine Abschwachung der loka
Empfindlichkeit habe ich dabei nicht feststellen können; ob durch d e wieder¬
holte lokale Impfung eine allgemeine Immunisierung eintreten kann, ist schwer
zu sagen. Jedenfalls liegen die Verhältnisse bei der Tuberkulose ganz anders
wie bei anderen Infektionskrankheiten. Bei der Haut kommt dazu. dass, die¬
selbe zur Weiterverbreitung der Infektion offenbar sehr viel weniger geeignet
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
57
Ein gesetzmässiger Verlauf der Lungentuberkulose je nach den ver¬
schiedenen Stadien der Immunisierung, wie ihn Hayek53) annimmt
und ausführlich zu beweisen sucht, lässt sich aus den pathologisch¬
anatomischen Befunden nicht bestätigen.
Die nach Behrings Annahme nach enteraler Infektion im
Kindesalter noch erhaltene Disposition zur Reinfektion würde
sich wohl am einfachsten dadurch erklären, dass in solchen Fällen
sehr gewöhnlich noch infektionsfähige, d. h. nicht hinreichend abge¬
kapselte Herde vorhanden sind, von denen aus irgendeiner Ver¬
anlassung neue Infektionen ausgehen können.
Die Frage, ob eine hämatogene oder aerogene (bronchogene) In¬
fektion anzunehmen ist, ist auch bei den initialen Herden der Er¬
wachsenen widersprechend beantwortet worden, und es können wohl
sicher beide Fälle Vorkommen. Gar nicht selten findet man bei jugend¬
lichen Individuen die bekannten abgekapselten mörtelartig ein¬
gedickten oder ganz verkalkten Herde in den mittleren oder unteren
Teilen als Residuen einer kindlichen Infektion, die sich noch deutlich
an einen obliterierten Bronchus anschliessen und sich oft deutlich als
verödete, abgekapselte Kavernen erweisen. Die allem Anschein nach
erst später erworbenen Herde sind bekanntlich am häufigsten in einer
der Lungenspitzen lokalisiert; auch sie schliessen sich in der Regel
an einen verdickten kleinen oder mittleren Bronchus an, in dessen
Umgebung meist nach der Peripherie sich eine Eruption grauer Knöt¬
chen anschliesst: Der Bronchus ist an der Innenfläche ulzeriert, käsig,
zuweilen verlegt und in der Fortsetzung erweitert, mit käsigen Massen
erfüllt, das umgebende Gewebe geschrumpft. Diese Bilder sind all¬
gemein bekannt (sog. Lungenspitzenkatarrh). Eine etwas andere Form
hat Birch-Hirschfeld56) und nach ihm Schmorl57) eingehend
beschrieben; sie stellt in der Regel einen festeren käsigen Knoten dar,
der auf dem Durchschnitt ein enges Lumen einschliesst; auch diese
Knoten hängen deutlich mit grösseren Bronchien zusammen, die sich
zuweilen auf eine Strecke von mehreren Zentimetern verkäst und
ulzeriert erweisen. Birch-Hirschfeld und Schmorl erklären
diese nicht ganz selten vorkommenden Herde 'als zweifellos aerogen.
Sie fanden sie hauptsächlich in einem hinteren apikalen Bronchus.
Ganz ähnliche derbe, käsige Knoten kommen aber zuweilen auch in
anderen Teilen einer Lunge vor, in deren Oberlappen alte Kavernen
vorhanden sind, bei denen also eine bronchogene Entstehung am
nächsten liegt. In der Regel sind die käsigen Herde aber so weit vor¬
geschritten, dass ihre erste Entstehung histologisch schwer nachzu¬
weisen ist. (Die Annahme Aufrechts 58), dass solche Knoten ge-
wissermassen als tuberkulöse Infarkte im Anschluss an verschlossene
Arterien entstehen, ist durchaus unhaltbar. (Solche anämische tuberku¬
löse Infarkte kommen nicht ganz selten in der Milz im Anschluss an
verschlossene Arterien in tuberkulösen Herden vor. vielleicht auch in
den Nieren; König wollte in ähnlicher Weise die oft keilförmigen
tuberkulösen Knochenherde erklären, was jedoch sehr unwahrschein¬
lich ist.)
Abgesehen von jenen derben käsigen Knoten, die, wie es scheint,
einen chronischen Verlauf haben und sich abkapseln und verkalken
können, kommen bei jugendlichen Individuen sehr akut zum Zerfall
führende käsige, lobulär pneumonische Herde vor, die sich ebenfalls
an käsig ulzerierte Bronchien anschliessen, die in Zerfallshöhlen über¬
gehen und durchaus den Eindruck frischer Aspirationsherde machen.
Dahin gehören auch die bei Diabetikern oder an anderen erschöpfenden
Krankheiten Verstorbenen, gelegentlich sich findenden augenscheinlich
noch frisch entstandenen käsig-pneumonischen Herde in einem oder
beiden Oberlappen, die mit frisch ulzerierten Bronchien in Verbindung
stehen. (Von einem solchen Fall, einem 13 — 14 jährigen Knaben, der
lange Zeit wegen einer sehr eigentümlichen Nieren- und Blasenstein¬
erkrankung in der Chirurgischen Klinik in Marburg gelegen und an
Urämie gestorben war, werden Präparate der sehr gut erhaltenen, blau
injizierten Lunge projiziert.)
In seltenen Fällen kommen bei Erwachsenen in den hinteren
unteren Teilen der Unterlappen ausgedehnte konfluierende käsig-lobuläre
Herde vor, die in kurzer Zeit zum Tode geführt haben, ohne dass von
älteren primären Infektionen etwas nachzuweisen ist, deren Entstehung
daher schwer erklärlich ist (Aspiration reichlicher Bazillen?).
Auf die viel erörterte Frage, worauf die vorwiegende Disposition der
Lungenspitze für die Lokalisation der tuberkulösen Infektion bei Erwachsenen
beruht, kann ich an dieser Steile nicht näher eingehen. Einiges darüber ist
von Prof. Huebschmann in seinem Vortrag gesagt worden. Für sicher
halte ich, dass sie nicht oder jedenfalls nicht allein auf dem mechanischen
Moment der Engigkeit der oberen Thoraxapertur nach der bekannten An¬
schauung von F r e u n d und Hart beruht, wenn auch mechanische Momente
im Sinne von Tendeloo und Bacmeister (1. c.) indirekt dazu bei¬
tragen mögen. Um ein eigenes Urteil darüber zu gewinnen, habe icli
ist ais andere Organe oder Gewebe, ganz besonders die Lymphdrüsen. Docli
können auch diese zweifellos die Tuberkelbazillen abfangen und dauernd
einschliessen. Es scheint mir nicht nötig, in solchen Fällen mit Ranke
eine ungewöhnliche Art der Reaktion, eine besondere histologische Aller-
g i e anzunehmen, da hierzu die gewöhnliche reaktive Entzündung ausreichen
dürfte. Richtiger ist vielleicht die Annahme einer gesteigerten Reaktion —
einer Hyperergie nach Hamburger bei den sehr empfindlichen
Kindern. 55) Hayek: Das Tuberkuloseproblem. Berlin 1921.
) F. V. Birch-Hirschfeld: Ueber den Sitz und die Entwicklung
der primären Lungentuberkulose. D. Arch. f. klin. Med. 1899, 64, S. 58.
B7) G. Schmorl: Zur Frage der Genese der Lungentuberkulose.
M.m.W 1902 Nr. 33/ 34.
58) E. Aufrecht: Pathologie und Therapie der Lungenschwindsucht.
2. Aufl. 1913.
35 Rippenringe von der ersten Rippe von 28 tuberkulösen und 9 nicht¬
tuberkulösen Individuen verschiedenen Alters und Geschlechts gesammelt,
doch ist diese Zahl noch bei weitem nicht ausreichend; überdies sind die
Präparate noch nicht genau durchgearbeitet. (Die Präparate wurden in der
Sitzung vorgelegt.) Doch glaube ich schon nach der einfachen Vergleichung
die Ansicht aussprechen zu können, dass zwischen den beiden Arten keine
durchgreifenden Unterschiede bestehen und dass die oft vorhandene Asymmetrie
der Apertur bei Tuberkulose eher als ein Folgezustand länger bestehender
Schrumpfung der Lunge und der Adhäsionen anzusehen ist. Ist doch hin¬
reichend bekannt, welchen enormen Einfluss lange bestehende pleuritische
Schwarten auf die Gestalt des Thorax haben. Dass eine ganz allmählich
entstehende, selbst sehr tief eingreifende Furche oder Einschnürung der Lunge
keinen Einfluss auf die Lokalisation tuberkulöser Prozesse zu haben braucht,
geht aus dem fast völligen Fehlen solcher in den stark deformierten Lungen¬
teilen bei Skoliose hervor. Auch bei dem kongenital angelegten tiefen Ein¬
schnitt durch die Vena azygos, wodurch zwar keine Kompression von Bron¬
chien und Gefässen, aber doch eine Verlagerung entsteht, auf die Schmorl
mit Rücksicht auf die Entstehung der bronchialen Herde aufmerksam gemacht
hat 50), ist von einem solchen Einfluss nichts bekannt, noch weniger bei der
seichten Vertiefung durch die Art. subclavia oder die erste Rippe (Schmorl).
Auch der Verlegung der Lymphgefässe durch Retention des eingeatmeten
Russes kann ich keine besondere Bedeutung beimessen. Am meisten scheint
mir noch für die ungünstige Entfernung eingeatmeter Teile durch mangelhafte
Exspiration zu sprechen. Aber auch Zirkulationsverhältnisse können eine
Rolle spielen. Gegen die mechanische Ursache der Spitzentuberkulose haben
sich ausser S c h uj t z e ®5) u. a. besonders ausdrücklich R. Kretz61) und
Wenckebach61') ausgesprochen, ersterer auf Grund seiner bekannten An¬
schauung von der verschiedenen Verbreitung der Metastasen durch die Aeste
der Pulmonalarterien und der Entstehung der Lungentuberkulose auf dem
Blutwege, letzterer auf Grund seiner sehr zahlreichen vergleichenden Be¬
obachtungen der Thoraxformen in verschiedenen Gegenden.
M. H.l Trotz der ungeheuren Arbeit, die seit 100 Jahren im Gebiet
der Lungentuberkulose geleistet worden ist, stehen wir heute noch
in vieler Beziehung im Anfang der Erkenntnis der Vorgänge. Eine neue
Aera begann mit dem endgültigen Nachweis der ätiologischen Einheit¬
lichkeit der Tuberkulose als Infektionskrankheit gegenüber der bis
dahin noch herrschenden Anschauung von ihrer „konstitutionellen“
Natur. Daraus ergab sich mit Notwendigkeit die Erkenntnis der ent¬
zündlichen, reaktiven Natur der Gewebsneubildungen, die zusammen
mit den degenerativen Prozessen das anatomische Gesamtbild dar¬
stellen. Beide sind abhängig von der konstitutionellen Eigenart des
Organismus in seinem Verhalten gegenüber der spezifischen Einwirkung
der Tuberkelbazillen.
Schlussfolgerungen.
1. Ich stimme mit Asch off vollkommen darin überein, dass die
Lungentuberkulose oder die tuberkulöse Lungenphthise nicht nur ein
immunbiologisches Problem (nach Hayek), sondern von Anfang bis
zu Ende auch ein pathologisch-anatomisches Problem ist.
2. Eine durchgreifende Trennung der Lungentuberkulose in zwei
Hauptformen, eine eigentlich tuberkulöse oder produktive und eine
exsudative oder entzündliche Phthise, also eine Rückkehr zur Dualitäts¬
lehre Virchows halte ich trotz aller Anerkennung der morpho¬
logischen Unterschiede beider für keine Verbesserung, sondern für einen
Rückschritt. Der Ersatz der Bezeichnungen Tuberkulose durch Phthise,
phthisisch ist nachdrücklich abzulehnen.
3. Erstens ist die entzündliche Natur auch der produktiven Prozesse
also der tuberkulösen Knötchen gegenüber der Annahme einer blastoma-
tösen Natur zweifellos, zweitens fehlt es nicht an Uebergängen zwi¬
schen den produktiven und den exsudativen Formen, die oft untrennbar
mit einander verbunden sind.
4. Da die Lungentuberkulose somit eine chronisch-entzündliche
(Infektions-) Krankheit ist, werden wir sie nach den für diese gültigen
Grundsätzen zu beurteilen haben; als solche setzt sie sich zusammen
„aus den degenerativen Folgen der schädigenden Krankheitsursache
einerseits, den akuten und chronischen reaktiven Vorgängen an den Ge¬
fässen und am Gewebe, den proliferativen und reparativen Gewebs¬
veränderungen andererseits“ (March and 1. c.).
5. Unbestreitbar ist die grosse prognostische Verschiedenheit der
vorwiegend proliferativen und der vorwiegend exsudativen
Veränderungen bei der chronischen Phthise, da die ersteren unmittelbar
in die Heilungsvorgänge übergehen können, während die letzteren zur
Nekrose und Zerstörung führen. Nur in den Anfangsstadien scheint
eine Restitution durch Resorption exsudativer Infiltrate möglich zu sein.
6. Die Entscheidung der wichtigen Frage, wieweit diese Gewebs¬
veränderungen von den allgemein-biologischen Vorgängen der Immuni¬
sierung im Organismus und den Geweben abhängen, ergibt sich z. T.
aus dem zeitlichen Verlauf in Verbindung mit dem pathologisch-ana¬
tomischen Verhalten, doch lässt sich eine schematische (gesetzmässige)
Einteilung der Lungentuberkulose in verschiedene Stadien zurzeit
weder in ihrem Verlauf noch pathologisch-anatomisch durchführen, da
sich an die sekundären und sogar an die sog. ..tertiären“ und scheinbar
ausgeheilten Formen durch „endogene Reinfektion“ oft nach langjähriger
Latenzperiode stets wieder frische Prozesse anschliessen können.
7. Eine (lokale) Gewebsimmunisierung scheint auch durch oft wieder¬
holte Reinfektion nicht herbeigeführt zu werden. Die verkäsende pneu-
59) Schmorl: Zur Frage der beginnenden Lungentuberkulose. M.m.W.
1901 Nr. 50.
®°) Schul tze: Beitr. z. Kl. d. Tuberk. 1913, 26, S. 205.
61) R. Kretz: Spitzentuberkulose und Thorax phthisicus. W.m.W. 1918,
Nr. 14, S. 377.
*'’) K. F. Wenckebach: Spitzentuberkulose und phthisischer Thorax.
W.m.W. 1918, Nr. 14, S. 378.
58
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT-,
Nr. 2.
monische Infiltration hat nicht die Bedeutung; einer Abwehrfunktion
(Defensio nach A s c h o i i), sondern stets die eines de etären ' Vorgang
als Folge einer mangelhaften Widerstandsfähigkeit des Organismus, die
von sehr verschiedenen Umständen abhängt.
8 Eine erworbene Immunisierung der Lymphdrusen gegen lubei-
kulose dmch schwere Lungentuberkulose oder Ueber stehen .einer pri¬
mären Infektion ist im kindlichen Körper oft gar nicht. 1 ^‘ Erwachsenen
ki'ineswesrs resreimässig nachweisbar, vielmehr kommen auch bei diesen
chronisch? SgenSektlonen mit schweren fortschreitenden Drusen-
verkästingen nicht ganz selten vor. -rPniöcpn Fr
9 Die grössere Disposition der Lungenspitzen zu tuberkulösen Er
krankuneen bei Erwachsenen erklärt sich nicht allein durch .mechanische
Verhältnisse Engigkeit der oberen Thoraxapertur durch frühzeitige Vei-
knrtrhen.nl (Verkalkung) des 1. Rippenknorpels, die vielmehr ein
Folgezustand der Lungenerkrankung zu sein scheint oder unabhängig
10 Die initialen Lungenherde bei Kindern und Erwachsenen sind in
den meisten Fällen auf Infektion durch Aspiration zuruckzufuhren, doch
: t : ‘ hämatogene Entstehung nicht ausgeschlossen, bei endogener
SeinfdctiM™ ogar Swöhnlich. Eine Entstehung isolierter bronchialer
Tu her kul osehefde auf dem Wege der Pulmonalarterien ist jedoch wenig
wahrSheinüch leSer durch Vermittlung der Bronchialarter.en zu
erklären. h d Tuberkulose mit der Syphilis ist weder vom
imn unbiologischen, noch vom pathologisch-anatomi¬
schen Standpunkte aus durchzuführen. Das neuerdings als „tertiai
bezeichne!» Stadium der Tuberkulose — als Ausgang der chronisch-
entzündlichen Reaktion in Schwindsucht — entspricht, trotz manche
histologischen Aehnlichkeit des verkästen Tuberkels mit dem syphili-
üschen Qumma weder den nicht mehr infektiösen Stadien der sog
tertiären Syphilis, noch den sehr infektiösen Produkten der Syphilis des
Fötus und des Neugeborenen“).
Für die Praxis.
Das fingerlose Verbinden.
Von A. Kr ecke in München.
m* fingerlose Operieren ist vielen, wenn nicht allen
Chirurgen ;n Fleisch und Blut übergegangen. Man weiss, dass die
Finger die Hauptträger der Infektionsstoffe sind und am schwersten zu
sterilisieren sind Operiert man fingerlos, d. h. ohne die ringer m
Berülfrung mit der Wunde zu bringen, so schaltet man damit eine
sehr wichtige Infektionsquelle mit grosser Sicherheit aus.
Fhenso wichtig vielleicht noch wichtiger wie das fingerlose Ope-
• - vfrLiinlr r 1 0 se Verbinden. Zur Erzielung einer guten
Wundheilung ist für den Arzt nichts bedeutungsvoller als die so-
Wunanenung ist i Asepsis. Unter persönlicher Asepsis ver-
steln "min die Fernhaltung aller Infektionsstoffe von Händen und Fin¬
gern Je weniger lnfektionskeime man im täglichen Betrieb an seine
Finger hinbringt um so sicherer gelingt die Desinfektion der Fingei,
und um so gifnstiger muss sich der Verlauf der mit diesen Fingern
angelegten Operationswunden; gestalten. . , _
8 Eine einmal infizierte Hand ist nur ausserordentheh schwer wieder
aseptisch zu machen. Kein Chirurg wird eine aseptisct *? . ,
vornehmen wenn er vorher sich bei einer Abszesseroffnung infizier
hat Ueberall ist es wohl Vorschrift, die Eröffnung von Abszessen
nur unter dem Schutz der Gummihandschuhe vorzunehmen.
Eine Gelegenheit zur Infektion der Finger und Hände gibt aber
nicht allein die Eröffnung von Abszessen, Phlegmonen, Furunkeln und
dergleichen. Die tägliche Praxis bringt den Chirurgen andauernd m
Berührung mit Infektionskeimen. Wer weiss, mit wieviel Infektions¬
keimen che Hände der Patienten beladen sind, denen man täglich m der
Sprechstunde oder im Krankenhause die Hand geben muss.
“ P Der Chirurg sollte daher eigentlich immer Gummihands ch i uh e
tragen damit die mancherlei nicht erkennbaren Verunreinigungen der
“S'ÄÄer Gummihandschuhe insbesonders beim
Verbinden. Beim Verbinden sind die Gelegenheiten zur Verunreinigung
.ipr Hände des Arztes ausserordentlich viele.
Wenn man mit etwas kritischen Augen häufiger anderen Kollegen
beim Verbinden zusieht, so kann man dabei manchertei beobaciten.
Die einen Kollegen waschen sich vor einem Verbandwechsel m t gros¬
sem Eifer wie vor einer aseptischen Operation. Wenn sie sich ge
reinigt haben, so fassen sie mit den eben gereinigten Fingern die
schmutzigen, oft eitrigen Binden und Verbandstoffe an und machen da¬
mit die schönste Asepsis wieder zunichte. . .
Die anderen waschen sich überhaupt nicht, yi’lck.®ln, oh”e,B«^ ei'keo.
die Binden auf, nehmen mit ihren Fingern die Verbandstoffe weg,
tasten unbekümmert die Umgebung der Wunde ab und legen mit den
gleichen Fingern die von der Schwester ihnen mit aseptischer 1 in¬
zette gereichten Verbandstoffe wieder auf. Eigentümlich wirkt es da¬
bei, wenn die Vertreter dieser Gruppe sehr erregt werden, sobald der
Kranke nur den Versuch macht, mit seinen Fingern der Wunde na
Wieder andere waschen' sich ebenfalls nicht, nehmen ebenfalls
Verbandstoffe mit ihren ungeschützten Fingern ab, legen aber die
frischen Verbandstoffe mit steriler Pinzette auf und hüten sich, mit
ihren Findern an die Wunde tiinzukonrmcn. ... ,
Eine vierte Gruppe schliesslich wäscht sich auch nicht, lasst abci
die schmutzigen Binden und Verbandstoffe von einer Hilfsperson ab¬
nehmen und bringt die frischen Verbandstoffe mit steriler Pinzette a
d'e EsU^teke?nnZweifel, dass die Herren der ersten Gruppe die sich
erst waschen und dann wieder infizieren, ganz falsch handelt . bie
tun in keiner Weise besser wie diejenigen, die sich überhaupt nicht
waschen, da jede Berührung der schmutzigen Verbandstoffe die Asepsis
der Hände zunichte macht. Da sind vielmehr zu bben^ die Anhänger
der 4. Gruppe, die sich auch nicht waschen, aber jede Berührung
der Verbandstoffe sowohl wie der Wunden vermeiden.
Es ist selbstverständlich, dass sich der Arzt vor und nach jedem
Verband dieHände wäscht. Das gehört zu den einfachsten Pflichten
der Reinlichkeit, man möchte fast sagen des chirurgischen, ^nStandes.
Denjenigen Assistenten, die keine Neigung zeigen, diese 1 dichte
zu erfüllen pflege ich stets ernste Vorhaltungen darüber zu machen.
Ich weise sie darauf hin, dass es besser sei, wenn sie von mir zu
diesen Verrichtungen angehalten würden, als wenn das, wie ich es
schon in der Praxis erlebt habe, von Seiten des Patienten geschehe.
Einem hochstehenden Fachkollegen, der eine Wunde, ohne sich ge¬
waschen zu haben, abtasten wollte, sagte die frau tjes betreffenden
Patienten: „Bitte, Herr Professor, wollen Sie sich nicht erst die Hände
waschen“ ,
Es ist unmöglich, sich in chirurgischem Sinne vor jedem. Verband¬
wechsel zu desinfizieren. Dazu würde ja die Zeit nie ausreichen, und
bei einem einigermassen grossen Betriebe müsste man seine Arbeits¬
zeit vervierfachen. Ganz abgesehen davon, dass die stumpfsinnige c-
schäftigung des Waschens die Tätigkeit der Grosshirnrinde sehr bald
in empfindlichster Weise beeinträchtigen würde. Das Waschen zum
Zwecke der Asepsis des Verbandwechsels ist bei einem einigermassen
grossen Betrieb vollkommen unmöglich. Die Asepsis des Verband¬
wechsels lässt sich aber weit besser erreichen dadurch, dass man d i e
Finger mit den Verbandstoffen und der Wunde nicht
in Berührung bringt und zwischen Finger einer¬
seits und Verbandstoffe und Wunden anderseits
sterile Pinzetten ein schaltet.
8:!) Obwohl ich von den grossen Mängeln des vorstehenden Aufsatzes
selbst am meisten überzeugt bin und mich i damit . nicht unseren grossen
Tuberkubseforschernxui die Seite stellen möchte, halte ich mich doch auf
Grund langjähriger eigener Erfahrung für berechtigt, ein Urteil vom Stand
punkt der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie abzu¬
geben in der Hoffnung, dadurch etwas zur Klärung mancher strittigen Fragen
beizutragen.
Am einfachsten ist es natürlich, bei jedem Verbandwechsel Qumm1-
handschu'he zu tragen. Es wird das aber rein technisch wohl nicht
möglich sein, da zwischen den einzelnen Verbandwechseln vielfach
andere Dinge zu tun sind^ und da auch die dadurch entstehende Geld-
ausgabe unter den heutigen Verhältnissen zu gross werden wurde.
Bei dem gewöhnlichen Verbandwechsel sind die Gummihandschuhe
auch gar nicht erforderlich. Wer sich daran gewöhnt, stets mit Pin-
zetten zu arbeiten und weder Verbundstoffe noch Wunden zu berühren,
läuft nicht Gefahr, seine Hände zu infizieren oder Keime von einem
Patienten auf den andern zu übertragen.
Es scheint nicht unwesentlich, zu betonen, dass der Arzt, der die
eitrigen Verbandstoffe und Binden mit den Fingern abnimmt, auch sich
selbst in hohem Grade gefährdet. Eine solche Infektion gelegentlicli
eines Verbandwechsels hat schon ebenso häufig, zu schwelen Fallen
von Sepsis Veranlassung gegeben wie eine Infektion bei der Operation
eines Eiterherdes. Man versäume daher nicht in j e d e Hand eine
Pinzette zu nehmen, da die unbewaffnete Hand stets die Neigung hat,
die Verbandstoffe anzufassen.
Um das eben Genannte in die Praxis umzusetzen, geht man am
besten in folgender Weise vor: Eine Hilfsperson (Schwester, Wärter)
nimmt die Binden und die oberflächlichen Verbandstoffe ab. Der Arzt
entfernt mit 2 Pinzetten die auf der Wunde liegenden Verbandstoffe.
Jetzt erfolgt eine kurze Reinigung der Hände des Arztes am besten
mit Alkohol. Mit 2 Tupfern, die von 2 Pinzetten gehalten werden,
wird die Umgebung der Wunde schnell gereinigt (Benzin). Ein sanfter
Druck mit einem trockenen Tupfer stellt fest, ob sich Sekret aus
der Wunde entleert. Etwaige Fäden. Gummiröhren, Klammern wer¬
den entfernt und die Wunde sofort mit neuen Verbandstoffen bedeckt.
Ein Pflaster oder eine Binde befestigen die Verbandstoffe in ihrer Lage.
Die Hilfsperson, welche die schmutzigen Verbandstoffe zu entfernen
hat muss selbstverständlich auch vor einer Infektion geschützt wer¬
den. Auch die Hilfspersonen sind anzuhalten, alle eitrigen Verband¬
stoffe nur mit Hilfe von 2 Pinzetten wegzunehmen. Stark eitrig durch¬
setzte Binden werden am besten mit der Schere durchtrennt. Alle
Hilfspersonen müssen sich nach dem Berühren der schmutzigen Ver¬
bandstoffe sorgfältig wieder reinigen. Dass der Arzt sich nach jedem
Verbandwechsel die Hände zu reinigen hat, wurde schon oben hervor-
'VC hopf dem fingerlosen Verbinden, in dem Verbinden mit 2 Pinzetten,
liegt das grösste Geheimnis der persönlichen Asepsis. Solange der
junge Arzt nach der Berührung eines schmutzigen Verbandstoffes oder
einer eitrigen Wunde nicht das Gefühl hat, dass er etwas sehr Ge¬
fährliches und Ansteckendes angefasst habe, das er mit allen Mitteln
wieder von sich abwaschen muss, solange ist er in das Geheimnis
der persönlichen Asepsis noch nicht eingedrungen. Ich beurteile die
13. Januar 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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Asepsis eines Assistenten am liebsten darnach, wie er sich verhält,
wenn er mit einem Eiterkeim irgendwie in Berührung gekommen ist.
Solange er sich darnach nicht aufs gründlichste mit heissem Wasser
und Seife reinigt, so lange schätze ich seine Asepsis noch nicht hoch ein.
Als selbstverständlich sei nocheiumal hervorgehoben, dass die Pin¬
zetten. mit denen die Verbandstoffe weggenommen sind, nicht dazu
benützt werden dürfen, um frische Verbandstoffe auf die Wunde zu
legen. Dazu müssen natürlich frische sterile Pinzetten benützt wer¬
den. Man braucht auf diese Weise bei einem grösseren Betrieb immer
eine grosse Zahl von Pinzetten. Bei uns werden die sterilen Pin¬
zetten als Pinzetten 1 und die benützten Pinzetten als Pinzetten 2
unterschieden. Mit Pinzette 2 können selbstverständlich auch die Ver¬
bandstoffe von einer anderen Wunde ohne Bedenken abgenommen
werden. An der Wunde selbst dürfen stets nur Pinzetten 1 Ver¬
wendung finden. Es braucht nach dem Gesagten nicht besonders
hervorgehoben zu werden, dass der Arzt, der beim Verbinden Gummi¬
handschuhe trägt, sich ebenso jeder Berührung der Verbandstoffe zu
enthalten hat und auch stets mit Pinzetten arbeiten muss.
Soziale Medizin und nerztliche Standesangelegenheiten.
Einiges über die wirtschaftlichen Werte, welche eine
Heilanstalt hervorbringt.
Von Prof. Dr. L. G e 1 p k e , Chefarzt am Kantonsspital Baselland.
In Nr. 31 (August 1921) der Schweiz. Aerzte-Ztg. hat Verfasser
zum ersten Male, soweit aus der Literatur ersichtbar ist, die Frage
des wirtschaftlichen Nutzens der Heilanstalten aufgeworfen. Dabei
ist er durch Vergleichung einer Heilanstalt mit einer Anstalt für Unheil¬
bare (Pflegeanstalt für Altersschwache, unheilbare Geisteskranke u. a.),
ferner durch Schätzung der Arbeitswerte geheilter Unterleibsbrüche
und drittens durch Schätzung der durch absolut lebensrettende Opera¬
tionen erhaltenen Menschenleben zu recht überraschenden Ergebnissen
gekommen. Es ist daher in hohem Grade verwunderlich, dass wir
Aerzte bisher allzu stolz-bescheiden waren, unsere Heiltätigkeit ins
richtige Licht zu stellen.
Denn es ist jetzt schon über jeden Zweifel erhaben, dass eine
einigermassen gut ausgestaltete Heilanstalt ganz bedeutende Werte in
Gestalt von Arbeitskräften schafft, den Armenpflegen grosse Summen
spart, den Wohlstand des Landes und die Steuerkraft hebt und da¬
durch indirekt die Staatskasse wie wenig andere Einrichtungen füllt.
Eine Pflegeanstalt für unheilbare Geisteskranke oder für Alters¬
schwache ist im allgemeinen unproduktiv und eine Sache der Wohl¬
tätigkeit. Ganz anders die Tätigkeit einer Heilanstalt. In einer sol¬
chen für den Kulturstaat unentbehrlichen Reparaturwerkstätte werden
wertvolle Arbeitskräfte erhalten und wiederhergestellt.
Nehmen wir an, eine Anstalt mit 100—120 Betten heilt jährlich
im Durchschnitt 100 Unterleibsbrüche. Berechnet man nach Art der
Unfallversicherungsgesellschaften den Wert eines geheilten Bruches
mit 1500 Fr., so decken wir mit diesen Bruchoperationen allein oder
fast allein unsere ganze Jahresausgabe. Diese 100 Bruchoperationen
bedeuten aber nur etwa den 8 — lOten Teil der Jahresarbeit eines
Spitals mit 100 Betten. Das heisst mit anderen Worten, wir produzieren
an wirtschaftlichen Werten etwa 8 — 10 mal mehr — bescheiden ge¬
rechnet 5 mal mehr — als wir verbrauchen.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt man, wenn man nach Art der
Lebensversicherungsanstalten den Wert der durch sogen, absolut le¬
bensrettende Operationen (eingeklemmte Brüche, Krupp etc.) erhal¬
tenen Menschenleben berechnet. Danach ist die Heilanstalt eine
wahre Goldgrube für den Staat.
E. B i r ch e r hat nun die Frage mit erfreulichem Eifer und grosser
Energie aufgegriffen und kommt für die Aarauer Kantonale Kranken¬
anstalten (S. S. A. Z. Nr. 31 b. c.) zu Schätzungen, welche die unseren
bestätigen bezw. übertreffen; nämlich zu einer Summe von P/2 Mil¬
lionen pro Jahr für das Aarauer Krankenhaus.
Das bedeutet, dass diese Anstalt dem Staate mindestens 100 Proz.
einträgt; vielleicht aber noch wesentlich mehr.
Es sei zugegeben, dass die obigen Zahlen mehr auf Schätzungen
als auf genauen Berechnungen beruhen.
Um so mehr ist zu begriissen, dass unser Problem auch in den
Kreisen der Staatswirtschaftler und Nationalökonomen lebhaftes In¬
teresse geweckt hat und dass in Kürze genauere Berechnungen von
dieser Seite vorliegen werden.
Dabei ist zu bemerken, dass es ganz verkehrt wäre, diese neue
Anschauungs- und Bewertungsweise der ärztlichen Tätigkeit als eine
egoistische und materielle aufzufassen, wie es hier und dort ge¬
schehen ist.
Im Gegenteil, wenn wir trachten, zu beweisen, welch hohen
staatserhaltenden Wert die Arbeit der Heilanstalt, aber auch die Arbeit
des Privatarztes hat, so suchen wir darin nicht persönliche Vorteile
und persönliche Besserstellung, sondern wir wollen in den jetzigen
Zeiten des allgemeinen, nie dagewesenen Niederganges den Staaten¬
lenkern Goldgruben aufdecken, Quellen des Wohlstandes und der Wic-
dergenesung zeiget!.
Möge in diesem Sinne meine kurze vorläufige Mitteilung unter
Spital- und Privatärzten eingehende Prüfung finden und zu Rtick-
äusserung Anlass geben.
Bücheranzeigen und Referate.
M. H e i d e n Ii a i li : Ueber die teilungsfähigen Drüseneinheiten
oder Adenomeren sowie über die Grundbegriffe der morphologischen
Systemlehre. Zugleich Beitrag zur synthetischen Morphologie. Arch.
f. Entw.-Mech. d. Organe, 49. Bd., S. 1—178, 82 Abb., auch in Buchform
erschienen. Berlin, J. Springer, 1921. Preis 126 M.
M. Heiden ha ins gross angelegte Untersuchungen über die
Speicheldrüsen sind bewusst auf rein morphologische Gesichtspunkte
eingestellt und bilden ein Glied einer Reihe von wertvollen Unter¬
suchungen des Verfassers zur Teilkörpertheorie. Wie nicht anders zu
erwarten, ergaben die technisch vorbildlich ausgeführten, äusserst klar
geschilderten und ausgezeichnet illustrierten Untersuchungen eine
Fülle neuer Erkenntnisse; rein deskriptiv die Identifizierung der Halb¬
monde in gemischten Speicheldrüsen mit den serösen Azini, der Schalt¬
stücke mit den Schleimtubuli. Die letztgenannte Erkenntnis gibt eine
morphologisch sehr wertvolle Vereinfachung in der Schilderung des
Speicheldrüsenbaues; inan darf nicht mehr muköse und seröse End¬
stücke unterscheiden; vielmehr geht aus H.s Forschungen hervor, dass
die schleimigen Teile als verschleimte Schaltstücke aufzufassen sind.
Auf die Fülle weiterer Einzelheiten, die der analytische Teil des
Werkes bringt, kann hier nicht eingegangen werden. Von grosser Be¬
deutung in allgemein biologischer Beziehung ist der synthetische Teil,
auf den wir besonders hinweisen. Die Wachstumsprinzipien der
Drüsen werden hier ausführlich erläutert, die mannigfach wechselnden
Bilder zum Aufbau einer „Synthesiologie des Drüsenbäumchens“ ver¬
wandt. Wir halten den Nachweis für erbracht, dass bei den
Speicheldrüsen das Adenomer als Ganzes zur Spaltung befähigt
ist, dass also die am Aufbau des Adenomers beteiligten Zellen zu einer
höheren teilungsfähigen Einheit zusammengeschlossen sind. Diese Er¬
kenntnis mahnt neuerdings, die „Zelle“ nicht als einzige Einheit im
Organismus zu betrachten, sondern mehr Gewicht auf die plasmodialen
Zusammenhänge im Aufbau der Gewebe und Organe zu legen.
Heidenhain führt besonders dus, dass im Organismus eine Syste¬
matisierung in dem Sinne bestehe, dass allgemein kleinere Einheiten zu
grösseren zusammengefasst sind; die grösseren besitzen aber — und
darin besteht das Wesen der H.schen Auffassung — eine ähnliche Teil¬
barkeit wie die kleinen Einheiten. Die Ausführungen des Autors führen
weit in alle Gebiete naturwissenschaftlichen Denkens hinein; seine
Ansichten werden,- wie man sich auch im einzelnen dazu stellen mag,
reiche Anregungen geben bei der Beurteilung nicht nur normal bio¬
logischen, sondern auch pathobiologischen Geschehens.
v. Moellendorff - Freiburg i. Br.
G. Schmorl: Die pathologisch-histologischen Untersuchungs¬
methoden. 10. und 11. Auflage. Leipzig, Verlag von F. C. W. V o g e 1.
Preis 42 M., geb. 54 M.
In der 10. und 11. Auflage des Werkes, welche der Verfasser
Bostroem zu seinem 70. Geburtstag gewidmet hat, sind wieder ent¬
sprechend den Fortschritten der histologischen Technik während der
vergangenen Jahre verschiedene Kapitel teils ergänzt, teils einer Um¬
arbeitung unterzogen worden. So wurden in dem Kapitel „Das mikro¬
skopische Instrumentarium“ der Abschnitt über die Lichtquelle neu
bearbeitet, ebenso die Abschnitte über die Mallory-Heiden-
h a i n sehe Färbung und die Einleitung zur Untersuchung der Prä-
parate. Neu eingefügt wurden die Sublimat-Formalinfärbung, die
Gelatineeinbettung, die Bindegewebsfärbung nach Cur t i s und die
Markscheidenfärbung am Gefrierschnitt. Einige Abschnitte haben auch
leichte Kürzungen erfahren durch Fortfall überflüssig gewordener
Methoden. Mit Recht hat der Verfasser darauf hingewiesen, dass neben
dem gehärteten Präparat auch Schnitte des frischen Objektes unter¬
sucht werden sollen, da es nur so möglich ist, eine Vorstellung von
der Wirklichkeit zu bekommen.
Das vortreffliche Werk ist fast 25 Jahre in Gebrauch und längst
tür jeden, der sich ernstlich mit pathologisch-histologischen Arbeiten
beschäftigt, durchaus unentbehrlich geworden. Es gibt kein anderes
Werk, welches ihm an die Seite gestellt werden könnte. Dem Verfasser
gebührt für die unendliche Mühe und Sorgfalt, mit welcher er das
Werk stets auf der Höhe zu halten bestrebt war, ganz besonderer
Dank. Möge es ihm vergönnt sein, noch recht viele Auflagen seines
verdienstvollen Werkes zu erleben. G. Hauser.
L. Grebe: Einführung in die Physik der Röntgenstrahlen für
Aerzte. Verlag von Fr. Cohen in Bonn, 1921.
ln dem aus 5 Vorlesungen bestehenden Büchlein, die als Röntgen¬
kursus für Aerzte im Herbst 1920 vom Verfasser in Bonn gehalten
wurden, wird ein bei strenger Knappheit gut verständlicher Ueberblick
gegeben über Wesen, Erzeugung und Eigenschaften der Röntgen¬
strahlen.
Technisches wird nur insofern behandelt, als es zum rein physikali¬
schen Verständnis der X-Strahlen unentbehrlich ist.
H. M a r t i u s : Einführung in die Gynäkologische Strahlentiefen¬
therapie, Verlag von Fr. Cohen in Bonn, 1921.
Dem gleichen Fortbildungskurse wie das zuletzt referierte Büchlein
verdanken auch die hier niedergelegten 5 Vorträge ihr Entstehen.
Der Verfasser bespricht zunächst die wichtigsten Tatsachen der
physikalischen und biologischen Dosierung und schildert dann im
klinischen Teile Indikationsstellung und Technik der wichtigsten
Schulen bei den hauptsächlichen gynäkologischen Erkrankungen. Die
Darstellung ist stets knapp, hütet sich aber vor übermässigem
Schematismus zumal in biologischen Fragen. .
John Bluraberg- Dorpat: Leitfaden für die chirurgische Kranken-
pflege. Mit 54 Abb. 2., verb. Auflage. 133 S. Preis M. 27.—. \ er¬
lag: J. F. Bergmann, München und Wiesbaden. 1921.
In der operativen Chirurgie hat die De^e"^lisaJonr^!!5e™®1I't
d h die Besetzung der Krankenhäuser auch kleinerer Gemeinden mit
geschulten ÜDerateuren Da mag es oft nicht leicht sein, einen auf der
Höhe stehenden Pflegedienst zu beschaffen, das zur Verfugung stdiende
Hilfsnersonal wird erst geschult werden müssen. Für diesen Z.wecK
wird das alles Wesentliche umfassende Buch eine wertvolle Hilfe sein.
Die Abbi'dungen lassen allenthalben gut erkennen, worauf es ankommt.
Dass das Buch schon bisher einem Bedürfnis entgegengekommen ist,
beweist der Umstand, dass seine erste Auflage schon vor dem Welt¬
krieg vergriffen war. Für die nächste Auflage nur ein paar Bemer¬
kungen Warum wird bei den Bädern an der Messung nach Re au -
mur festgehalten? An Stelle der jetzt so teueren und dabei doch
kurzlebigen Eisbeutel kann man mit Vorteil ausrangierte Auto- un
Fahrradschläuche (z. B. für Eiskravatten) verwenden. Auf S. 61 muss
es natürlich heissen Talk statt Kalk. Unter den für die Kropfoperation
vorzubereitenden Instrumenten sollte für alle Fälle eine Trachealkanu e
nicht fehlen. ur' lN e g e r’
Vier Jahre in russischen Ketten. Eigene Erlebnisse von Helene
Hörschel mann. J. F. Lehmanns Verlag, München. I reis
12 ^DieseVrau!6 Witwe eines Arztes aus Livland, hat 4 Jahre ihres
I ebens als freiwillige Schwester unseren österreichischen Kriegs¬
gefangenen in Russland geweiht. Was sie erlebt und erlitten hat
in ihrem heiligen Drange, das Loos dieser Allerärmsten wenigstens ein
wenig lindern zu helfen, das hat sie auf diesen Blättern in erschüttern¬
den Skizzen zusammengestellt. Sie lassen uns einen Bhck bin in die
grauenhaften Zustände, unter denen Hunderttausende von Gefangenen
jahrelang, viele bis zum bittern Ende, zu leiden hatten, unter Qualen,
die man sich im immer noch geordneten Deutschland mit der buiger-
lichen Phantasie nicht vorzustellen vermag; sie geben aber auch einen
Begriff von der unermesslichen Kraft der aus Bluteinheit strömenden
Heldenhaftigkeit, von welcher diese Frau erfüllt war, als sie dort in den
Spitälern wirkte und in den Kerkern litt. Und noch eines setzen
sie ins hellste Licht: das ist das vorbildliche Deutschtum der Balten,
von dessen Tiefe und Zähigkeit der deutsche Philister — und es gibt
deren noch einige! — keinen Begriff hat. Möge dieses Buch'n recht
viele deutsche Familien gelangen und dort das Feuer der Vat r
landsliebe zu Flammen anblasen! Grassmann - München.
Brockhaus’ Handbuch des Wissens in 4 Bänden. 6. gänzlich
umgearbeitete und wesentlich vermehrte Auflage von Brockhaus
Kleinem Konversationslexikon. Mit 7500 Abbildungen und Karten im
Text und auf 160 einfarbigen und 80 bunten Tafel- und Kartenseiten
und mit 70 Uebersichten und Zeittafeln. Leipzig, F A. B r oc k Kaus,
1921. I. Bd. Subskriptionspreis Halbleinen 140 M.. Halbpergament
170 M., nach Subskriptionsschluss 160 bzw. 190 M.
Das Neuerscheinen des bekannten Werkes ist sehr zu begrussen,
liegt doch nach den Umwälzungen der letzten Jahre das Bedürfnis nach
Berichtigung und Ergänzung der alten Konversationslexikon vor. Der
Umfang von 4 Bänden erscheint den Zeitverhältnissen angemessen,
sie werden für weitere Kreise noch eben erschwinglich sein und sind
doch imstande, für die Anforderungen des häuslichen Lebens ausführlich
genug und lückenlos zu unterrichten. Dafür bürgt der Inhalt des vor¬
liegenden 1. Bandes (Buchstabe A— E). Text und Illustrationen _ sind
klar und übersichtlich. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen
Tabellen und statistischen Zusammenstellungen, die z B. bei Deutsch¬
land viele Seiten betragen und die vorzüglichen Bildtafeln, wie die
hübschen und charakteristischen Darstellungen zur Kunst und Archi¬
tektur des Barocks. Empirestils, Biedermeier und des Expressionis¬
mus, die naturkundlichen und nicht zuletzt die medizinischen Tafeln
mit Darstellungen der Bakterien, Entwicklungslehre und ersten No -
hilfe, die grösstenteils bekannten medizinische! Atlanten entnommen
sind und für den Laien einwandfreies Anschauungsmaterial darstellen.
oP.
Zeitschriften - U ebersicht.
Deutsches Archiv für klinische Medizin. 137. Band. 5. und 6. Heft.
E. Krauss: Studien zur B e n c e - J o n e s sehen Albuminurie. (Aus
der li. mediz. Klinik der Universität München.) F. ...
Aus dem Harn eines Kranken liess sich B e n c e - J ° r je s sches Eiwe ss
als Prismen und feine Nadeln zur Kristallisation bringen. Die Bildungsstätte
des B.-J. Eiweissstoffes ist in den Zellen der Neubildungen zu suchen Die
Menge des im Harn erscheinenden B.-J. Eiweisskorpers geht parallel der
Grösse des Eiweissumsatzes im allgemeinen und damit auch der ’ Eiwe ss-
einfuhr und dem Eiweissumsatz im Fieber. Die bei parenteraler Einverleibu g
des B.-.l. Eiweiss gemachten Beobachtungen entsprechen ganz denjenigen,
die bei Injektion von plasmafremdem Eiweiss gemacht worden sind, das B.-J.
Eiweiss ist für den Menschen plasmafremd, die toxische Wirkung im An¬
schluss an die Erstinjektion beim Menschen ist sehr intensiv und gleicht der
des sensibilisierten Kaninchens, bei dem sich mit dem B.-J. Eiweiss eine
allgemeine und eine lokale Anaphylaxie erzeugen lässt. Durch wiederholte
Injektion von B.-J. Eiweiss liess sich beim Kaninchen eine Nephrose er¬
zeugen, deren funktionelles und pathologisch-anatomisches Bild im Pi mzip
dieselben Züge aufweist wie bei dem Patienten mit B.-J. im Harn. Die
Erkrankung der Nieren bei B.-J. Albuminurie ist demnach wohl aufzufassen
qk toxische Wirkung des im Blut zirkulierenden B.-J. eiweiss, zum
kleineren als eine Folge der Schädigung durch den die Nieren passierenden
Eiweisskorper. ^ Verhalten des Blutzuckers bei Herzkranken
unter besonderer Berücksichtigung der therapeutischen Anwendung von Intra¬
venösen Traubenzuckcrlniusionen. (Aus der inneren Abteilung des städtischen
Krankenhauses zu Wiesbaden.) . , wpdpr das von
Bei Blutzuckeruntersuchungen von Herzkranken konnte weder
B ü1 dingen aufgestellte Krankheitsbild der Kardiodystrophia hypo
glykaerniea bestätigt werden, noch eine günstige Wirkung der Traubenzucke -
Infusionen durch eine elektive Speicherung von Traubenzucker bzw. Glykogen
im Herzmuskel in, Sinne der Theorie B ü d , n g e n s beobachtet werden
Immerhin liess sich bei Patienten mit kompensierten Herzfehlern, leichter
Angina pectoris oder beginnender Herzschwäche eine wesentliche Besserung
der Beschwerden feststellen, wobei natürlich auch der
solchen , .Ernährungstherapie des Herzmuskels mitspielt. Bei Erkrankungen,
die mit Kräfteverfall, starkem Blutverlust oder Wasserverarmung einher¬
gehen ist die intravenöse Infusion von 10-20 proz. Traubenzuckerlosung den
üblichen Kochsalzinfusionen zweifellos überlegen.
Fr. Demuth: Motilitätsprüfungen mit Eiweiss. Fett und Kohlehydraten
am kranken Magen. (Aus der mediz. Universitätsklinik in Heidelberg.)
Bei gleichgrossen Mahlzeiten ist die Entleerungszelt -derjenigen am
kürzesten, in der Kohlehydrate vorherrschen länger 4« einer ewwssreichen.
am längsten einer fettreichen Nahrung, Sauerkraut wurde noch langsamer als
Fett aus dem Magen entleert. Bei Anazidität ist die Verweildauer der Kohle¬
hydrate relativ zu der von Eiweiss und Fett herabgesetzt. Be, Karzinomen
(wahrscheinlich auch bei Magengeschwüren) war die Entleerungszelt von
Eiweiss erheblich verzögert, so dass sie die von Fett ubertrifft. Bei den
sonstigen Magenkrankheiten wird das Verhältnis der Entleerungszelten.
Kohlehydrate — Eiweiss — Fett ziemlich regelmässig eingehalten.,
Brösamlen: Die Adrenalinhyperglykämie. (Aus der mediz. Klinik
und Nervenkiinik Tübingen.) . „ . .... „„hpträpht
Subkutane Adrenalingaben rufen beim Gesunden eine nicht unbetracht
liehe Hyperglykämie hervor, die sich schon nach 10 Minuten bemerkbar macht
und nach i Stunde ihren Höhepunkt erreicht. Unmittelbar nach der Ein¬
spritzung treten Pulsbeschleunigung und Blutdrucksteigerung auf, die 'angst
ihren Höhepunkt überschritten haben, wenn die Blutzuckerkurve ihren Gip
erreicht. Nur 4 mal unter 35 Fällen war eine Adrenalinglykosurie ^ be¬
obachten. Beim Diabetiker zeigte die Blutzuckerkurve kein einheitliches Ver¬
halten, bei manchen fand sich ein leichtes, bei anderen ein starkes Steigen
des Blutzuckerspiegels, bei anderen wieder sank der Blutzuckerspiegel zu¬
nächst. um später leicht anzusteigen. Vielleicht ermöglicht die Adrenalm-
blutzuckerkurve eine Trennung der einzelnen Diabetesfälle in vorwiegend
pankreatogene und vorwiegend neurogene Formen.
R. Sieb eck: Lieber den Salz- und Wasserwechsel bei Nierenkranken.
(Aus der mediz. Klinik in Heidelberg.) .. . , . .
Die Untersuchungen erstreckten sich zunächst auf die Ausscheidung und
das Gleichgewicht bei 1 maliger Zulage von Salz, dann bei steigender Be¬
lastung in längeren Perioden. Während der gesunde Organismus sich sehr
rasch den wechselnden Bedingungen anpasst, erfolgt bei hydropischen
Nierenkranken nach 1 maliger Kochsalzzulage nur eine geringe Steigerung der
Mehrausfuhr, eine besonders langsame Einstellung auf dauernde Zulage. Diese
Trägheit der Einstellung ist das Wesentliche an der Funktion der kranken
Niere, die Breite der Anpassungsfähigkeit kann dabei noch viel besser er¬
halten sein. Auch auf die verminderten Anforderungen stellen sich die Nieren
träge ein, z. B. beim Uebergang von salzreicher zu salzarmer Kost, das gut
für Salz, Harnstoff und Wasser. Neben der Funktionsstörung der Nieren
besteht bei solchen Kranken auch eine Alteration des Stoffaustausches zwischen
Blut und Geweben, bei der Entstehung der Oedeme wirken renale und extra¬
renale Momente zusammen. Funktionsprüfungen der Nieren wie des Salz¬
wechsels durch 1 malige Zulagen sind von zweifelhaftem Wert, es muss viel¬
mehr geprüft werden, wie sich Organismus und Nieren auf eine dauernde
Koständerung einstellen. Für die Behandlung Nierenkranker empfiehlt es
sich, Wasser- und Salzzufuhr brüsk zu reduzieren; gerade durch die langsame
Anpassung der Nierenfunktion kann der Wasser- und Salzhaushalt einen
Anstoss erleiden, der für die Ausschwemmung der Oedeme oft bedeutungs-
0,1 R Neumann: Die Bedeutung des Katalaseindexes für die Diagnose
der perniziösen Anämie. (Aus der II. inneren Abteilung und dem bio¬
chemischen Laboratorium des städt. Krankenhauses Moabit.)
Unter Katalase versteht man ein in allen Geweben vorkommendes
Ferment, das H2O2 in Wasser und Sauerstoff zu spalten vermag. Der Katalase¬
gehalt der einzelnen roten Blutkörperchen ist bei Normalen ein ziemlich
konstanter, seine Durchschnittszahl betrug 4,16, schwankt zwischen 3,0 4,t>.
Bei einer Anzahl perniziöser Anämie fanden sich sehr hohe Werte des
Katalaseindex (KL), bis zum 3— 4 fachen des Normalen; diese hohen Zahlen
für KI fanden sich nur im schwersten Stadium, nicht in der Remissionszeit.
Wo also ein erhöhter Kl. sich findet, liegt perniziöse Anämie vor, der negative
Befund spricht jedoch nicht gegen perniziöse Anämie.
H. Hartz: Experimentelle Untersuchungen über Fehlerquellen bei der
klinischen Blutdruckmessung. (Aus der mediz. Poliklinik der Universität
Halle-Wittenberg.)
Bei der palpatorischen Bestimmung des maximalen Blutdrucks nacn
Riva-Rocci bedeutet das Verhalten des zwischen Manschette und last¬
stelle gelegenen Arterienstückes eine wesentliche Fehlerquelle. Der pal-
patorisch gemessene Maximaldruck ergibt wegen dieser Fehlerquelle stets zu
niedrige Werte. Die Grösse des Fehlers hängt vor allem von der Elastizität
der Arterienwandung des zwischen Manschette und Tastpunkt gelegenen
Gefässstuckes ab. Je entspannter die Arterie ist, desto grösser wird der
Fehler, vermehrte Spannung verkleinert die Fehlerbreite. Der Einfluss der
Gefässweite auf den Fehler der palpatorischen Blutdruckmessung tritt gegen¬
über dem Einfluss der Wandspannung zurück, weil es sich um ein durch die
Manschette abgesperrtes und deshalb unter niedrigem Druck stehendes
Arterienstück handelt, dessen Wandungen unter allen Umständen wegen des
niedrigen Binnendrucks einen ungünstig niedrigen Elastizitätskoeffizienten
haben
Ganter und van der Reis: Die bakterizide Funktion des Dünn¬
darms. (Untersuchungen mit der Darmpatronenmethode.) (Aus der mediz.
Klinik Greifswald und dem Hygieneinstitut.) (Mit 2 Abbildungen.)
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
61
Im menschlichen Dünndarm werden künstlich (durch sog. Darmpatronen)
eingebrachte, nicht darmeigene Kerne unabhängig vom Füllungszustand des
Darmes und der Diät abgetötet, in der Hauptsache durch die bakterizide Kraft
des Darmsaftes. Der Dünndarm enthält eine obligate Flora; es kann deshalb
nicht von einer Autosterilisation, sondern nur von einer Autodesinfektion des
Dünndarms gesprochen werden.
H. v. Ho esst in: Stoffwechselversuche an entwässernden Odematösen.
(Zugleich ein Beitrag zur Frage des zirkulierenden Eiweisses.)
Manches spricht dafür, dass das Oedeineiweiss ein leichter zersetzliches,
also labileres Eiweiss darstellt als das Organeiweiss, namentlich die geringe
Harnsäureausscheidung während der Entwässerung. Da die Zellbestandteile
(Kern und Protoplasma) bei Hunger und wohl auch bei Unterernährung in
gleichem Masse abnehmen, hätte man bei alleiniger Beanspruchung des
Körpereiweisses höhere Harnsäurewerte erwarten müssen, das gleiche gilt
für die Phosphorausscheidung. Auffallend niedrig ist fast in allen Versuchen
der geringe N-Umsatz, was vielleicht mit dem Zustande der ödematösen
Schwellung bzw. der Entwässerung in Zusammenhang steht.
Besprechungen. Bamberger - Kronach.
Archiv für klinische Chirurgie. Bd. 116. Heft 3.
König Fritz: Die operative Behandlung der chirurgischen Tuberkulose.
Vortrag auf dem 45. Chirurgenkongress. Referat für die M.m.W.
1921, Nr. 17.
Nordmann O. : Zur Operation der akuten Cholezystitis.
Vortrag auf dem 45. Chirurgenkongress. Referat für die M.m.W.
1921, Nr. 17.
Szenes; Zentripetale Narbenmassage.
Narben, die flächenhaft am Knochen fixiert sind, können durch die
zentripetale Narbenmassage gelöst werden. An Weichteilen fixierte Narben
werden erst nach längerer Massage und in geringerem Umfange gelockert.
Bei strangartigen Narben versagt das Verfahren. In Narben gelegene- Ge¬
schwüre können ausgeheilt werden. Es besteht die Notwendigkeit, dass die
Massage nur von ärztlicher Hand ausgeführt oder zumindestens von einem
Arzte strengstens überwacht werde.
Am reich und Sparmann: Die Behandlung des frischen, durch
Schussverletzung gesetzten, offenen Pneumothorax.
Der offene Pneumothorax muss primär verschlossen werden, womöglich
in den ersten 24 Stunden. Es besteht sonst direkte Lebensgefahr durch
Erstickung, durch Verblutung aus Thoraxwandgefässen und besonders aus
einer Lungenwunde, ferner ist die Gefahr der Infektion bei offenem Pneumo¬
thorax besonders gross. Es soll auch bei Unmöglichkeit, in Druckdifferenz
operieren zu können, der Eingriff ausgeführt werden. Er richtet sich immer
nach dem einzelnen Fall. Verfasser operieren in Chloroformtropfnarkose.
Sehr sorgfältige Nachbehandlung.
Israel: Ueber örtliche Infektion der Hand mit Maul- und Klauenseuche.
Ein Fall von infiltrierend hämorrhagisch-knotiger Form. Keine Spaltung! ■
Denn man stört damit die natürlichen Kräfte der Abwehr. In schwersten
Fällen Einspritzung von Neosalvarsan. Sonst Salbenverbände.
Büchner und Rieger: Können freie Gelenkkörper durch Trauma
entstehen?
Eine Gelenkmaus kann niemals durch Einwirkung äusserer Kräfte ent¬
stehen, da diese viel zu gross sein müssten, um eine derartige Wirkung
hervorbringen zu können. Die Entstehung der Gelenkmäuse lässt sich durch
einen Gefässverschluss infolge von Fettembolie erklären.
_ Reschke: Versuche über die Beeinflussung der peritonealen Resorption
durch hypertonische Lösungen zwecks Anwendung solcher Lösungen bei der
Peritonitis.
Die Versuche bewiesen, dass die hypertonischen Lösungen die Resorption
der Bakterien und ihrer Toxine einschränken. Allerdings dauert diese
Resorptionshemmung nicht sehr lange. Das Abhalten des Giftes für nur
wenige Stunden könnte jedoch den kranken Körper wieder zur Erholung
kommen und neue Kräfte sammeln lassen.
Brunner: Ueber den Einfluss der Röntgenstrahlen auf das Gehirn.
II. Der Einfluss der Röntgenstrahlen auf die Regenerationsvorgänge im
Gehirne mit besonderer Berücksichtigung der Neuroglia.
Die reifen Gliazellen des Tiergehirns sind gegenüber Röntgenstrahlen
ausserordentlich wenig empfindlich, und sie folgen, wenn sie durch einen Reiz
zu reparatorischer Wucherung angeregt werden, auch bei intensiver Ein¬
wirkung der Röntgenstrahlen diesem Reize. Das gleiche Verhalten zeigen die
Bindegewebszellen der Pia, was mit den Versuchsergebnissen Werners
übereinstimmt, der ebenfalls eine geringere Empfindlichkeit des Bindegewebes
der Haut gegenüber Radiumstrahlen nachweisen konnte.
E. Seifert: Zur Biologie des menschlichen grossen Netzes.
Beobachtungen an Flächenpräparaten menschlicher Netze. Während des
Fötallebens vorhandene, aus Wanderzellen bestehende primäre „Milchflecken“
wandeln sich nach der Geburt in Fettknoten um. Diese können wieder bei
Beanspruchung in sekundäre Milchflecken ubergehen, welche ebenfalls aus
Wanderzellen bestehen. Sie spielen eine ausserordentlich wichtige Rolle bei
akuten und chronischen Entzündungen des Peritoneums. Die Flächenbild¬
untersuchung bedeutet einen grossen Fortschritt für das Studium der Biologie
und Funktion des Omentum majus.
Nowak: Zur Technik der Duodenalresektion bei Ulcus duodeni.
Ausgiebige Resektion des Zwölffingerdarmes bis zur oberen Flexur
empfiehlt sich als Methode der Wahl bei Ulcus duodeni. Der Ductus chole-
dochus und pancreaticus muss unbedingt geschont bleiben. Die Gefahren der
Resektion (B i 1 1 r o t h I und II) sind kaum grösser als die der indirekten
Methoden, sie ist bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle anwendbar, die
indirekten Methoden lassen sich auf ein Minimum einschränken. Das Duodenum
kann nach sorgfältiger Abstopfung der Bauchhöhle ruhig eröffnet werden.
Drainage darnach ist nicht notwendig.
Der Stumpf kann 2 — 3 cm lang sein und bleibt gut ernährt. Eine aus¬
giebige Peritonisierung ist immer möglich.
Streissler: Erfahrungen mit der P r e g I sehen Jodlösung.
Gute Erfahrungen mit der von P r e g 1 angegebenen kolloidalen Jod¬
lösung. Die Anwendungsweise ist vielseitig. 1. äusserlich auf Schleim¬
häuten, 2. in Körperhöhlen (Empyem, Peritonitis), 3. subkutan oder intra¬
muskulär, 4. intravenös (Sepsis). Sehr günstige Erfolge auf dem Felde der
eitrig-akuten chirurgischen Infektionskrankheiten und in der Wundbehandlung;
weniger ermutigend bei allgemeiner Sepsis. Die chirurgische Tuberkulose
scheint dem Mittel weniger zugängig zu sein. Hohlbaum - Leipzig.
Zentralblatt für Chirurgie. 1921. Nr. 52.
K. H. B a u e r - Göttingen: Ueber die Exstirpation der Magenstrasse.
Nach dem Lokalisationsgesetz der Magengeschwüre haben alle typischen
Ulcera peptica ihren Sitz in der Magenstrasse. Lässt sich also mit der
Exstirpation der Magenstrasse auch wirklich die ganze Geschwürsregion ent¬
fernen? Zur Klärung dieser Frage entfernte Verf. bei Hunden radikal die
Magenstrasse mit folgendem Ergebnis: Die Exstirpation der Magenstrasse ist
ohne nennenswerte Bedeutung für Bau und Funktion des Magens; es bildet
sich aber wieder eine neue Magenstrasse; die mechanisch-dispositionellen
Momente sind also wieder von neuem gegeben. Theoretisch ist die Magen¬
strasse unter gewöhnlichen Verhältnissen der Lokalisationspunkt für die
Ulzera; unter besonderen Bedingungen kann aber auch an anderen Stellen
(Gastroenterostomiestelle, neue Magenstrasse) wieder ein Ulcus entstehen;
diese Ueberlegungen nötigen zu einer vorsichtigen Beurteilung der Möglichkeit
einer kausalen Therapie. Praktisch ist aber ein Fortschritt zu erwarte::,
wenn wir mit dem Ulcus auch die ulcustragende Magenstrasse exstirpieren ;
es entsteht eine neue, gesunde Magenstrasse mit guter Funktion und Entleerung
des Magens, ohne dass viel funktionierende Schleimhaut und Muskulatur ge¬
opfert wurde; freilich legt die Tatsache, dass wieder eine neue Magenstrasse
sich bildet, eine gewisse Reserve auf.
Fel. F r a n k e - Braunschweig: Zur Operation der eingeklemmten Hernia
obturatoria.
Verf. hat bei der Operation einer eingeklemmten Hernia obturatoria einen
Weg eingeschlagen, der der Kocher-schen Bruchsackversorgung ähnelt: er
näht den nach innen gestülpten und extraperitoneal emporgezogenen, straff
gespannten Bruchsack an den M. obliquus fest; gleichzeitig bildet er aus
dem M. pectineus einen Muskellappen, stopft diesen in den Bruchkanal hinein,
um die Möglichkeit eines Rezidives noch sicherer auszuschalten. Die Arbeit
verdient in der Originalarbeit studiert zu werden.
E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 51.
G. B e r t o 1 i n i - Alessandria: Anatomisch-pathologische Beiträge zur
weiblichen Genitaltuberkulose.
Zusammenstellung der Untersuchungsergebnisse an 55 Fällen, von denen
die Mehrzahl sich auf Peritoneum und Tube erstreckte. Die oft betonte
Schwierigkeit der makroskopischen Diagnose zeigte sich auch an diesem
Material.
R. Th. v. J a s c h k e - Giessen: Beitrag zur Frage: Herzfehler und
Schwangerschaft.
Bemerkungen zur gleichnamigen Arbeit von Paul Werner und Rud.
Stiglbauer im Arch. f. Gyn. 115, H. 1.
Kritische Korrektur der Mortalitätsziffer von Herzfehler (Mitralstenose)
bei Schwangerschaft.
E. A. B j ö r k e n h e i m - Helsingfors: Geburt, kompliziert durch einen
Ovarialtumor.
Der indizierte Kaiserschnitt wurde abgelehnt. Durch Forzeps gelang es,
das relativ kleine Kind zu entwickeln, nachdem der Ovarialtumor durch das
Rektum geboren war, ohne die Mastdarmwand zu verletzen.
A. C a 1 m a n n - Hamburg: Ueber die Art der Wehenanregung durch
Hypophysenextrakte und über das neue Mittel Physormon.
C. bestätigt die auch von anderen Autoren erzielten vortrefflichen Re¬
sultate mit Physormon.
R. Graf -Wien: Zur Collifixatio uteri.
Ergänzung zu der H a 1 b a n sehen Publikation über den gleichen Gegen¬
stand in Nr. 41 des Ztbl. f. Gyn. Werner- Hamburg.
Berliner klinische Wochenschrift. 1921. Nr. 52.
W. H i s - Berlin: Wesen und Formen der chronischen Arthritiden.
In seinem in Oeynhausen gehaltenen Vortrage gibt H. eine gedrängte
Charakterisierung der einzelnen Formen von Arthritis und erörtert die für
eine Einteilung derselben massgebenden Gesichtspunkte anatomischer,
klinischer und ätiologischer Natur, auf die vielen Schwierigkeiten hinweisend,
welche einer wirklich einwandfreien Gruppierung entgegenstehen. Die Rolle
von Konstitution und Infektion wird in diesem Zusammenhänge besprochen
und am Schlüsse eine Einteilung dieser so zahlreichen Erscheinungsformen
gebracht. Die Einsicht in die pathogenetischen Vorgänge muss die Therapie
bestimmen. Gicht und andere chronische Krankheiten müssen scharf aus¬
einandergehalten werden. Entfernung infektiöser Primärherde kann nur bei
entzündlichen Formen Besserung bringen, betreffs des Funktionszustandes ist
zu berücksichtigen, dass Inaktivität die Ankylose befördert. Die klimatischen
Einflüsse dürfen nicht zu hoch eingeschätzt werden.
E. Wulff- Reval: Zur Frage der Gegenanzeige des künstlichen Pneumo¬
thorax bei Lungenemphysem.
Verf. teilt einen Fall mit, wo es bei vorhandenem Lungenemphysem nach
Anlegung des künstlichen Pneumothorax schliesslich zum tödlichen Ausgange
kam. Das Zusammentreffen des Pneumothorax mit der Lungenblähung führt
zu einer schweren Störung der Herztätigkeit, so dass dieser Eingriff bei
Emphysem unbedingt zu unterlassen ist.
H. Pineas: Suglllationen bei Tabes.
Dieses Symptom wurde vom Verf. bei 3 Tabikern beobachtet. Es zeigten
sich bei ihnen in unregelmässigen Zwischenräumen in wechselnder Stärke
meist an den unteren Extremitäten, auch am Stamm mehr minder ausgebreitete
Hautblutungen. Es liegt nahe, diese Blutungen als eine luefische Gefäss-
schädigung aufzufassen.
E. W o 1 f f - Berlin : Ueber Zirkumzisionstuberkulose.
Mitteilung zweier Fälle. Die nach der Beschneidung auftretende Er¬
krankung war für Lues gehalten worden. Das eine Kind starb, das andere
kam zur Heilung.
E. Kuznitzky und W. Langner - Breslau : Ueber Salvarsan-
exantheme.
42 Beobachtungen sind der Mitteilung zugrunde gelegt. Verfasser er¬
örtern die Schwere der Erkrankung, Dosis des Salvarsans, Ursache und
Therapie. Die Prognose ist als zweifelhaft anzusprechen, mit Sicherheit
können diese Erkrankungen leider nicht vermieden werden.
Eugen Sagi und Adalb. S a g i - Pressburg: Ueber ein Verfahren zur
Herstellung von Lösungen in beliebigem Zeitpunkte.
Ist im Original einzusehen. Grassmann - München.
62
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
Medizinische Klinik. Heft 51.
q L Dreyfus: Prognostische Richtlinien bei isolierten syphilogenen
P"P,K;“”S:irpoSl„ve Kranke mit isolfcrt.» jSei
ÄÄirSÄÄÄ
scheinlichkeit die Hirnlues zum Stillstand gekommen. Sind sie seronegativ,
so bedürfen sie keiner Behandlung. _ . , .
ü Dorner: Das Auslöschphänomen bei Scharlach. . . .
Hs bildet sowohl in der passiven Anstellung der Probe als auch in du
aktiven Sn wertvolles Hilfsmittel in der Scharlachdiagnose. Verwendet wird
Normalserum, Rekonvaleszenten- und frisches Scharlachserum. Das Exanthem
darf bei Anstellung der Probe nicht schon im Abblassen begrirten sein,
darf bei Anstellung^ praktische Methoden in der Magen-
diagnostik^ikohoi probefrühstück hat vor dem üblichen eine Reihe von Vor¬
zügen aufzuweisen, denen wesentliche Nachteile nicht gegenuberstehen.
Resultate der Probe sind sicher und eindeutig.
Umfrage ^über Sde“' Röntgendiagnostik. Die unzweck-
«“die Anordnung de, Einzel.niersuchnng
(Durchleuchtung, Aufnahme). Auch hier wieder beherzigenswerte Winke, unter
anderem zum Kapitel des negativen Befundes usw.
A Dollinger: Grünfärbung eines Säuglings nach Spinatgenuss.
Grün waren vor allem die dem Licht ausgesetzten Hautstellen gefärbt.
Skleren blieben frei. Nach Aussetzen der Spinatnahrung verschwand langsam
die Grünfärbung.
L Isacson: Ueber ein neues Schnupfenmittel. .
Günstige Wirkungen werden von 5 proz. Lemgallol-Zinkpaste berichtet.
An Stelle der Salbe kann auch das 2^—5 proz. Pulver von Nutzen sein.
K. F. Winkler: Erfahrungen mit einigen neueren zur Luesdiagnose
angegebenen Methoden und Modifikationen. * . +
Trotz der grösseren Einfachheit der D o 1 d sehen Trubungsreaktion hat
sie im Vergleich zu anderen spezifischen Reaktionen doch eine Reihe von
Nachteilen, welche ihre praktische Verwendbarkeit wesentlich einschi a ikei .
A Fleisch: Ueber Gefässgymnastik (Selbstmassage der Gefasse).
Ais Protest erinnert Verf. an die Ergebnisse seiner eigenen ausgedehnten
Arbeiten, die dahin lauten, dass von aktiver Arterienarbeit bet der Forderung
des Blutstromes keine Rede sein kann.
E. Runge: Geburtshilfe auf der Unfallstation. s-
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 49.
F i b i g e r - Kopenhagen : V i r c h o w s Reiztheorie und die heutige
experimentelle Geschwulstforschung. (Schluss aus Nr. 48.)
Es ist nunmehr wiederholt und verschiedenen Forschern gelungen,
Karzinom und Sarkom willkürlich zu erzeugen. Hierher gehören die
metastasierenden Spiropterakarzinome im Vormagen bunter Ratten, das
transplantierbare Zystizerkussarkom bei Ratten, das bei Kaninchen und
weissen Mausen teils durch Einpinselung, teils durch Einspritzung erhaltene
Teerkarzinom. Wenn auch das Wesen der Wirksamkeit der genannter
Schädigungen noch der Klärung bedarf, ist doch auf diese Weise bei de
experimentellen Geschwulsterzeugung das schon v | r c h o w ange-
nommene Vorliegen einer Reizwirkung als sicher festgestellt. Auch der
Anilin-, der Röntgenkrebs u. a. sind solche auf dem Boden eines chronisch
einwirkenden Reizes sich entwickelnde Geschwülste. Dass für die Ent¬
stehung von Geschwülsten neben dem Reiz auch noch eine besondere Alt-,
Rassen- und individuelle Disposition, wie sie ebenfalls bereits von Virchow
angenommen wurde, eine wichtige Rolle spielt, hat die experimentelle Ge¬
schwulsterzeugung gleichfalls erwiesen. . „ .
H. Ziemann -Berlin: Zum Problem der Resistenz der Syphilisspiro-
ehäten und der Krankheitserreger überhaupt. ... . ~ .
Eine Resistenzsteigerung der Spirochäten ist einerseits durch Heiub-
minderung der allgemeinen Immunkräfte des Körpers, andererseits durch die
Verabreichung von zu schwachen Salvarsandosen denkbar. . .
H. D o l d - Marburg a. L. : Aufhebung der Reaktionsfähigkeit luischer
Sera durch Formaldehyd. , . . c .
Durcli Formaldehyd wird die normalerweise zwischen mischen Seren und
Extrakt erfolgende Präzipitation gehemmt oder aufgehoben. Diese Erschei¬
nung wird durch eine Beeinträchtigung der Quellungsvorgänge erklärt, die bei
der Präzipitation eine wichtige Rolle spielen. Sera, die zur Untersuchung auf
Lues bestimmt sind, dürfen daher nicht etwa durch Formaldehydzusatz
konserviert werden.. .
H. Hecht-Prag: Eine neue Flockungsreaktion bei Syphilis.
Technischer Ueberblick. Einzelheiten sollen an anderer Stelle erscheinen.
M. Rosenberg- Charlottenburg: Welchen Rückschluss gestattet die
Reststickstoffbestimmung des Blutes auf die tatsächliche Stickstoffretention
im Körper. ... j ■ „
Der Reststickstoff im Blut gibt kein absolutes Mass, sondern nur einen
Anhaltspunkt für die gesamte N-Retention im Körper, da er letztere nui zum
Teil anzeigt und ferner im Parallelismus zwischen Blut- und Oewebsretention
nicht besteht. Zur Beurteilung der Nieretiinsufuzienz ist daher neben der Be¬
stimmung des- Reststickstoffs auch noch die Retention von Harnstoff, Keratin
und Indikan festzustellen. ...
G. K n e i e r - Breslau: Ueber intrakardiale Adrenalininjektion bei akuter
Herzlähmung. . . ,
ln zwei Fällen wurde die intrakardiale Adrenalininjektion bei akuter
Herzlähmung infolge Erstickung angewendet, das eine Mal (Kompre.iSi jn der
Trachea durch ein Aortenaneurysma) ohne, das andere Mal (Kehlkopfexstir¬
pation in Lokalanästhesie) mit augenblicklichem Erfolg. Die nachfolgende
Obduktion konnte beide Male das Fehlen von Herz- oder Perikardschädigungen
durch die Kanüle nachweisen. Die Injektion soll nach Möglichkeit nicht später
als 3 Minuten nach dem letzten Atemzug gemacht werden.
E. V o g t - Tübingen: Anatomische und technische Fragen zur intra¬
kardialen Injektion.
Als Ort des Einstiches eignet sich am besten der 4. Zwischenrippenraum
(oberer Rand der 5. Rippe dicht am Brustbein), da dieser wesentlich breiter
als der 5. ist und hier eine Verletzung sowohl der A. mammaria interna
..is (ier pRura am sichersten vermieden wird; auf diese Weise \viid der
rechte Ventrikel punktiert. Die Punktion geschieht zweckmassig mit be’cit
aufgesetzter SpriUe*1 um bei etwaigem Anstechen der Pleura ein E.nstromen
von Luft zu verhütet Verletzung der Kranzgefässe oder Schädigung des
Reizleitungssystems ist bei Verwendung dünner Nadeln kaum zu ’’ef“rc‘lt
ABin g e 1 - Braunschweig: Zur Technik der intralumbalen Luft¬
einblasung. insbesondere zum Zwecke der „Enzephalographi ie .
Bei diesem neuen Verfahren werden zwei Kanülen eingestochen, von
denen d e eine dem Abfliessen des Liquors, die andere der Lüfte, nb asung dient
F Külz-Leipzig: Zur Frage des Ersatzes von Blutverlusten durch
U m Zusatz Sy on^6— 7 Cp"r oz. Gummi zur Kochsalzlösung verlangsamt ihre Aus¬
scheidung aus der Blutlxihn. .... ••
K. S c h o 1 1 - Kassel: Diagnostische Leitungsanasthesie.
a!' H /nTz e-VeHiiK^Teilexzision des Nagels bei Paronychie am Nagel-
KrlU1 Quere Durchtrennung des Nagels distal vom Entzündungsherd mit dem
Messer, und Entfernung des proximalen Nagelstuckes kürzt den
angenehmen nagellosen Zustand wesentlich ab.
(). G a n s - Heidelberg: Zur Biologie der Haut.
Für kurzen Bericht nicht geeignet. ' . .
B o e n n i n g h aus- Breslau: Kein Karbolparaffin statt Karbolglvzer n.
Karbol löst sich nicht im Parafiin, sinkt vielmehr ungelöst zu Boden
und kann, wie in dem hier beschriebenen Falle, schwere Verätzungen lieivo -
rufen .
H K r i t z I e r - Erbach: Unzuverlässige Fieberthermometer.
Staatlich nicht geprüfte Thermometer müssen mit einem geeichten
Thermometer verglichen werden. p .
G Ledderhose - München : Chirurgische Ratschlage für den Prak-
... Baum- Augsburg,
liker.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 29.
A Vogt-Basel: Die Katarakt bei mvotonischer Dystrophie.
Verf. beschreibt 4 Fälle der seltenen Erkrankung, die ein eigenartiges
Bild der Linse darboten, staubförmige, leicht glänzende Punkte, die aus¬
schliesslich der Rinde angehören und die in auffälliger Weise mit farbig
leuchtenden Kriställchen untermischt sind, die wahrscheinlich aus Cholesteann
bestehen. Er geht ausführlich auf den S t e i n e r t sehen Symptomenkomplcx
ein, auch auf die hereditären Verhältnisse und betont, dass die Katarakt
gelegentlich Generationen hindurch als anscheinend ganz isoliertes Symptom
uuftrrtt. j j e n tl a r d t _ Winterthur: Die Aetherbehandlung der Peritonitis.
Bericht über 51 Fälle aus der Literatur und 50 Fälle des Kantonspitals
Winterthur. Die Kombination von Aethcr mit Kampferöl hat sich nicht be¬
währt, dagegen ist die Wirkung reinen Acthers (nicht mehr als 100 g, bei
Kindern weniger!) gut, so dass die Mortalität bei diffuser Peritonitis nui
23,5 Proz. gegenüber 40 Pro,z. und mehr sonst betrug. Da relativ häufig
Adhäsionen eintreten, soll man die Methode nur bei schweren Fällen
anwenden, nicht prophylaktisch. Zu grosse Dosen lähmen und machen
Kollaps, besonders bei Kindern. .
P F Nigst-Bern: Hernienbeschwerden und Operationsindikation.
Von 1487 Patienten kamen ca. wegen Beschwerden zur Operation, die
übrigen aus mehr prophylaktischen Gründen. Nur 26 waren in ihrer Arbeits¬
fähigkeit gehindert, mehr als 54 trug während der ganzen Dauer des Be¬
stehens der Hernie oder nur eine Zeit lang mit Erfolg ein Bruchband.
L. Jacob- Bremen.
Vereins- und Kongressberichte.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 10. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: Herr: W e m rn e r s.
Vor der Tagesordnung:
Herr Haenel: Vorstellung eines Falles von Torsionsdystonie.
Im Jahre 1911 veröffentlichte Oppenheim eine Reihe von Fällen
eigenartiger Bewegungsstörungen, die er bei meist jugendlichen Individuen
jüdischer Rasse beobachtet hatte: tonische Krämpfe von wechselnder Intensität,
vorwiegend in den Beinen, dem Becken und Rumpfe, bestehend in Drehungen
und Verrenkungen bizarrer Art, Wechsel von Lordose und Kyphose; geringere
Beteiligung der Arme; Gesicht, Hirnnerven, Sprache, Intelligenz unbeteiligt;
progressiver Verlauf. Anatomie und Pathogenese unbekannt. Er nannte die
Krankheit Dystonia muscular. deformans. Fast zu gleicher Zeit beschrieben
Ziehen und Flat au ähnliche Bilder; ersterer sprach von einer tonischen
Torsionsneurose, letzterer von progressivem Torsionsspasmus. Von späteren
Beobachtern fand zuerst T h o m e 1 1 a 1919 bei einem Dystoniekranken eine
Erweichung im Putamen, A. W e s t p h a 1 in ähnlicher Weise, so dass
K M e n d e 1, der 1920 die bisherigen Fälle unter dem Namen Torsions-,
dystonie zusammenfasste. sie unter die extrapyramidalen Bewegungs¬
störungen einreihen und sie von den Neurosen abscheiden konnte.
Der vorgestellte Fall, ein 43 jähriger Maurer, erkrankte April 1920 nach;
einem „Schnupfen“ mit Schmerzen in den Beinen, Schultern, dem Rücken,
Sehstörungen und zunehmender Schwäche. Juni 1920 ins Krankenhaus; dort
hervorgehoben die Langsamkeit der Bewegungen, die schleppende Sprache,,
das Verharren in einmal eingenommenen Stellungen; an den Augen ein grob¬
schlägiger rotatorischer Nystagmus und eine Rötung der Papillen, beides als
angeborene Anomalien aufgefasst. WaR. im Blute negativ. Allmähliches
Schwinden der Starre, gebessert Oktober 1920 entlassen. Diagnose schwan¬
kend zwischen Hysterie und postenzephalitischem Prozesse. Februar 1921
neue ärztliche Untersuchung: Jetzt fielen Zwangsbewegungen in Bemen und
Hüften drehender Art. ein ungleichmässiger. eckiger „stachliger“ Gang,
rhythmische Zuckungen der Oberschenkel auf; der Fall wurde jetzt als
Neurose begutachtet. — Heute sehen wir bei dem Kranken eine leichte Ptosis,
die ihn veranlasst, die Brauen fast dauernd mit starkgefalteter Stirn hocli-
zuziehen; enge, sehr wenig, aber prompt reagierende Pupillen, keine Spur
von Nystagmus mehr, etwas verwaschene Optikusgrenzen. Sprache, Mimik,
obere Extremitäten ungestört. Am auffallendsten sind ununterbrochene
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
63
drehende, schiebende, lordotische Bewegungen im Bereiche des Beckens und
der unteren Wirbelsäule, die am kürzesten .und treffendsten mit einem un-
unterdrückbaren Bauchtanze verglichen werden können, in vermindertem
Masse setzen sie sich auch auf die Beine fort, die auch in der Rückenlage
nicht ruhig gehalten werden können; der Gang ist dadurch ungleichmässig,
mit nach Länge und Tempo ungleichen Schritten, Laufschritt ist unausführbar.
Keine Störungen der Kraft, der Sehnen- und Hautreflexe, der Sensibilität.
Muskeltonus schwer zu prüfen, aber weder dauernd erhöht, noch herabgesetzt.
Die gesamten Störungen sind in langsamer Besserung begriffen.
Der Fall ist in mehreren Beziehungen beachtenswert:
1. ist er eine neue Bestätigung dafür, dass die Torsionsdystonie nicht
auf das Jugendalter beschränkt ufid keine Neurose ist. Denn dass Patient
eine Enzephalitis durchgemacht hat geht zum mindesten aus dem Augen¬
befunde starker, nach 1 Jahre wieder geschwundener Nystagmus — un¬
zweifelhaft hervor;
2. zeigt er, dass hypo- und hyperkinetische Zustände nicht nur bei ver¬
schiedenen Enzephalitiskranken auftreten, sondern dass sie bei ein und dem¬
selben Individuum Vorkommen und ineinander übergehen können;
3. müssen wir aus dem Falle den Schluss ziehen, dass die Rumpf¬
bewegungen nicht nur in der Hirnrinde ihre bestimmte Lokalisation haben,
sondern dass auch in den Stammganglien, speziell im Linsenkern, die ein¬
zelnen Körperregionen von einander getrennt vertreten, d. h. lokalisiert sind;
4. gibt , er einen Hinweis darauf, dass die Prognose der Enzephalitis¬
folgen doch nicht immer so trübe ist, wie wir sie in der Regel erleben
müssen, und dass in dieser Hinsicht die hyperkynetischen Formen besser
gestellt zu sein scheinen als die hypokinetischen. (Eigenbericht.)
Tagesordnung;
Herr Weiser: Die Entwicklung der Röntgentherapie und Röntgen¬
technik im letzten Jahrzehnt. (Mit Krankenvorstellung und physikalischen
Demonstrationen.)
Verein der Aerzte in Halle a. 8.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 26. Oktober 1921.
Herr Kochmann: Wirkung des Kokains auf das Herz, ein Beitrag zur
Entstehung der Rhythmusstörungen.
; Kokain ruft in grossen Konzentrationen 1 : 2000 Mol. Lösung diastolischen
Herzstillstand hervor, und zwar zunächst der Ventrikel und erst später der
, Vorhöfe. Geringere Konzentrationen bis 1 : 20 000 Mol. bedingen Verlang¬
samung des Herzschlages, Verminderung der Systolengrösse und Ausfall von
Kammerkontraktionen bei gleichmässig fortschlagenden Vorhöfen. Noch
stärkere Verdünnungen rufen nur Verlangsamung der Schlagfolge und Ver-
| kleinerung der Systolengrösse hervor. Bei Konzentrationen von 1 : 160 000
können Amplitudengrösse und Frequenz vermehrt sein. Alle Erscheinungen
I sind durch giftfreie Ringerlösung reversibel zu gestalten. Auch am ganzen
j Frosch lassen sieh ähnliche Herzsymptome hervorrufen. Die Pulsverhng-
samung unter Kokainwirkung wird durch eine beginnende Lähmung der Reiz-
I erzeugung, die Verkleinerung der Amplitude durch eine Abnahme der Erreg-
I barkeit der Kammermuskulatur erklärt. Letzteres wird experimentell durch
j Reizversuche am stillgestellten Herzen bewiesen (erste Stanniusligatur). Der
Ausfall von Ventrikelkontraktionen ist auf eine Verlängerung der refraktären
' Phase zurückzuführen, da die Erregbarkeit des Ventrikels ihr Maximum noch
! nicht erreicht hat, wenn der normale Reiz von den Vorhöfen auf die Ventrikel
iibergelcitet wird. Die Restitutionsprozesse sind also ausserordentlich ver-
I langsamt. Dabei kann die Erregbarkeit unter Kokain die alte Höhe er-
; reichen wie beim nicht vergifteten Herzen. Eine Blockierung im H i s sehen
Bündel findet durch Kokain nicht statt, was sich unmittelbar auch daraus
I ergibt, dass nach der zweiten Stanniusligatur, bei der ja das H i s sehe
Bündel ausgeschaltet ist, und der Ventrikel autonom schlägt, dieslben Er¬
scheinungen unter Kokain eintreten, wie beim unverletzten Herzen.
Vortragender ist der Ansicht, dass auch klinisch die Verlängerung der
relativen refraktären Phase bei Pulshalbierungen und Ausfall von Kammer-
; systolen eine Rolle spielt, und ein Block im Bündel nur anzunehmen ist, wenn
anatomisch eine Verletzung des Bündels gefunden wird. Das Herz lässt sich
in verhältnismässig kurzer Zeit an Kokain gewöhnen, so dass es sich spon¬
tan, erholt und seine Füllung zur Zeit der Erholung für ein zweites Herz noch
toxisch ist. Ein solches Herz, das sich unter Kokain spontan erholt hat,
wird durch eine nochmalige Kokaingabe von gleicher Konzentration nicht mehr
oder nur wenig geschädigt. Vortragender macht auf die biologisch und
klinisch wichtigen Ergebnisse der Untersuchungen aufmerksam: 1. Umkehr
der Wirkung durch kleine Gaben, 2. Ausfall von Kammersystoten und Hal¬
bierung des Pulses infolge Verlängerung der relativen refraktären Phase,
3. Angewöhnung eines isolierten Organes an eine chemisch bekannte Substanz,
ein Vorgang, der in engen Beziehungen zu immunisatorischen Vorgängen steht.
Besprechung: Herr Straub weist auf die klinische Bedeutung der
von dem Vortragenden vertretenen Anschauungen über das Zustandekommen
des Systolenausfalls bei der Kokainvergiftung hin. Dieselbe Erklärung einer
verminderten Reizbarkeit durch Verlängerung der refraktären Phase zusammen
mit zunehmender Latenzzeit für schwache Reize hat Straub zum Ver¬
ständnis der Verhältnisse bei partiellem Vorhof-Kammerblock, bei interpolierten
ventrikulären Extrasystolen und bei partiellem Sinus-Vorhofblock des Men¬
schen gegeben.
Herr Beneke: Wenn ich die letzten Kurven bezüglich der Einwirkung
der zweiten Dosis Kokain nach vorheriger Ausspülung der ersten recht ver¬
standen habe, so ist der Effekt dabei ganz negativ, während man doch viel¬
leicht nach den Angaben über ganz minimale Dosen eine Steigerung
der Herzaktion hätte erwarten können; wenn der Herzmuskel sich an das
Gift allmählich gewöhnte, so müsste die zweite Dosis etwa gleichwertig
mit einer sehr geringen primären sein. Deshalb könnte das Ausbleiben
der Reaktion vielleicht eher als ein Ausdruck der inzwischen eingetretenen
Immunität aufgefasst werden, wobei es bedeutungsvoll sein würde, dass
hier der Erwerb einer Immunität i n n e r h a I b weniger Minuten er¬
folgt sein würde. Ich erlaube mir die Frage an den Herrn Vortragenden, ob
er dieser Argumentation zustimmen würde.
Herr Kochmann stimmt Herrn Beneke zu und betont die Schwie¬
rigkeit der Versuche.
Herr Buchholz: Abriss der Supraspinatussehnc.
Bericht über eine Schulterverletzung, welche in der Literatur bisher nur
wenig Beachtung gefunden hat. den Abriss der Sehne des Supraspinatus
nebst Zerreissung des Daches der Schultcrkapsel. Die Ursache dieser Ver¬
letzung, von welcher im Massachusetts General Hospital zu Boston 24 Fälle
zur Operation gekommen sind, ist entweder eine direkte, Fall oder Schlag
gegen die Schulter, oder eine indirekte, Fall auf die rasch vorgestreckte
Hand, schnelles Emporheben eines schweren Gegenstandes etc. In etwa
25 Proz. aller Fälle war der Sehnen- und Kapselriss nur Teilerscheinung
einer Luxation oder Fraktur des Oberarmes. Die Breite des Risses schwankt
zwischen wenigen Millimetern und mehreren Zentimetern, so dass in schwe¬
ren Fällen ein etwa talergrosser Defekt zustande kommt. Durch die freie
Kommunikation zwischen der Gelenkkapsel und der Bursa subakromialis wird
die spontane Heilung beeinträchtigt, ja es ist der Verdacht geäussert wor¬
den, dass es sich in Fällen von sog. Kalkablagerung in der Bursa um eine
ungenügende Heilung der zerrissenen Supraspinatussehne handelt.
Die wichtigsten Symptome sind Schmerzen in mannigfachen Variationen,
Druckempfindlichkeit und Dellenbildung direkt medial von dem Tuberculum
majus und vor. allem ein der Grösse des Abrisses entsprechendes Missverhältnis-
zwischen passiver und aktiver Abduktion, insofern als die letztere in schwe¬
ren Fällen vollständig, in leichteren teilweise, doch meist in sehr charakte¬
ristischer Weise behindert ist. auch wenn die passive Bewegungsfreiheit un¬
gestört ist. Die Differentialdiagnose gegenüber sog. funktioneller Lähmung
des Deltoideus kann gewisse .Schwierigkeiten machen. Auch bei veralteten
Fällen mit schwerer Versteifung des Schultergelenkes kann es im Anfang
schwer, ja bei unzulänglicher Anamnese unmöglich sein, die Diagnose zu
stellen, die erst bei längerer mediko-mechanischer Behandlung aufgeklärt
wird, wenn die Bewegungsfreiheit zwar passiv, aber nicht aktiv wieder¬
erlangt wird.
Die rationelle Behandlung ist die Naht, welche vbn einem von der vor¬
deren Ecke des Akromion herabziehenden, die Bursa subdeltoidea und sub-
acromialis freilegenden Schnitt aus vorgenommen wird. Bei ausgedehnter
Zerreissung ist es notwendig, das Akromion in frontaler Richtung zu durch¬
trennen, wodurch eine sehr gute Uebersicht gewonnen wird. 2 — 4 Nähte
werden durch mehrere durch das Tuberculum majus gelegte Bohrlöcher hin¬
durchgezogen und in voller Abduktion des Armes geknüpft, eine Stellung,
welche durch Gips oder Schienen für mehrere Wochen, in allen Fällen
mehrere Monate in langsam abnehmendem Grade erhalten wird. Bei der
Nachbehandlung, die von grosser Wichtigkeit ist, kommt es hauptsächlich
darauf an, dass der Arm erst dann in Adduktionsstellung übergeführt wird,
wenn die Abduktoren genügend erstarkt sind, um das Gewicht des Armes
vollkommen zu beherrschen. Dazu bedarf es in allen Fällen eines sorgfältigen
Drainierens des Deltoideus. Bei unvorsichtigem, zu schnellem Vorgehen be¬
steht die Gefahr, dass die Abduktoren niemals ihre frühere Kraft wieder¬
erlangen, während sonst die Prognose quoad functionem eine sehr gute ist,
allerdings mit Ausnahme der Fälle, bei denen sich gleichzeitig eine aus¬
geprägte Arthritis deformans findet.
Besprechung: Herr Grund.
Her Eisler: Die von den Vorrednern erwähnte Insuffizienz des Del-
toides beim Versuche, den Arm im Schultergelenk zu abduzieren. braucht
m. E. nicht auf einer wirklichen Schädigung des Muskels oder seines Nerven
zu beruhen. Es genügt schon eine durch halbbewusste Angstgefühle oder
unklare Koordinationsbestrebungen erzeugte fehlerhafte Innervation des Del-
toides. Denn sobald uei herabhängendem Arm der Muskel in seiner ganzen
Masse zur Kontraktion gebracht wird, kann eine Abduktion nicht eintreten,
weil die Muskelbündel teils oberhalb, teils unterhalb der etwa sagittal; stehen¬
den Abduktionsachse verlaufen. Die Arbeit des durchflochten erscheinenden,
d. h. stark domieltgefiederten und kurzfaserigen Mittelabschnitts des Muskels,
die für sich allein die Abduktion leistet, wird durch die gleichzeitige Tätigkeit
der schlicht- und langfaserigen ventralen und dorsalen Randabschnitte, die
ihrer Lage nach abduzieren müssen, unwirksam gemacht. Diese Rand¬
abschnitte vermögen entsprechend ihrem Verlaufe zur transversalen (Beuge-)
Achse des Schultergelenks bei Einzelarbeit den Arm ventral- oder dorsal-
wärts zu heben, entsprechend ihrem Verlaufe zur longitudinalen (Roll-) Achse
ein- oder auswärts zu rollen, den durch den Mittelabschnitt mehr oder
weniger obduzierten Arm ventral- oder dorsalwärts zu führen und ihn bei
gemeinsamer Arbeit in dieser Abduktion beliebig festzustellen.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 23. November 1921.
Demonstration.
Herr Nieden zeigt das Magenresektionspräparat eines 49 jährigen
Mannes, der von ihm vor 1 Woche wegen Ulcus peptic. jeiuni radikal operiert
wurde. Bei dem Pat. war vor 2 Jahren wegen Ulc. duodeni eine Gastro-
enterost. retrocol. post, mit Pylorusabschnürung durch Lig. teres vorge¬
nommen. Ein Jahr post op. erneute Beschwerden. Diesmal wurde Resektion
des ganzen pylorischen Abschnittes, Auslösung der Anastomose, End-zu-End-
Anastomose des Jejunum und antekolische Einpflanzung des Jejunums in den
unteren Teil des Magenquerschnittes vorgenommen, ausserdem Dickdarm¬
resektion mit Seit-zu-Seit-Anastomose. Der Sitz der beiden Jejunalulzera
seitlich von der Anastomose lässt Vortr. vermuten, dass eine Schädigung
durch den Druck der Darmklemme bei der Entstehung der Ulcera mitbe¬
teiligt ist.
Tagesordnung.
Herr Magnus und Herr Duken: Ueber Rachitisbehandlung.
Bei älteren Kindern, etwa vom 4. — 3. Lebensjahr, ist die Methode der
unblutigen Redression von A n z o 1 e 1 1 i und Röpke sehr brauchbar: die
verkrümmten Beine werden im „Erweichungsgipsverband“ für 6 Wochen
inaktiviert, sie werden weich und atrophisch und lassen sich manuell biegen
oder knicken, ohne dass die rohen Methoden maschineller Osteoklase nötig
werden. Im zweiten Gipsverband wird die korrigierte Stellung festgehalten
und durch Belastung der Extremität die Atrophie rückgängig gemacht, der
Knochen gefestigt. Die Methode wird für frische Fälle entbehrlich, sobald
man den Zeitpunkt genau fixieren kann, in dem die Rachitis abgelaufen ist
und die Erhärtung des Knochens beginnt. Gelingt es, diese Frage zu lösen,
dann kann man in diesem Augenblick korrigieren und die Knochen in guter
Stellung fest werden lassen. Die chirurgische Behandlung könnte unmittelbar
sich an die pädiatrische anschliessen. Der Ucbergang der Rachitis vom
floriden zum ausheilenden Stadium lässt sich röntgenologisch wie klinisch
sehr gut festlegen unter Erscheinungen, die an anderer Stelle ausführlich ge¬
würdigt werden sollen. Der geeignete Augenblick zur Korrektur der Ver¬
krümmungen ist das Stadium der Ausheilung. Aus klinischen Gründen er¬
scheint es nicht zweckmässig, die Korrektur in einem früheren Stadium vor-
64
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 2.
zunehmen. Der floride Rachitiker bekommt sehr leicht Pneumonien, deren
Behandlung bei Vorhandensein des Gipses erschwert ist, bedeutungsvoller
aber ist, dass die Narkose im floriden Stadium wegen der bestehenden
Pneumoniegefahr ein lebensgefährlicher Eingriff ist, der zurückzustellen ist
bis zu einem Zeitpunkt, wo er sich ohne grössere Gefahr durchfuhren lasst.
Dieser Augenblick ist im ausheilenden Stadium gegeben. Die Behandlung der
Rachitis mit künstlicher Höhensonne nach dem Vorschläge von Huld-
schinsky ermöglicht eine schnelle Heilung. Die Bestrahlungen haben
sofort im floriden Stadium zu beginnen und sind während und nach der
Korrektur weiter durchzuführen. Unter der Bestrahlung setzt der rachitische
Knochen während der Zeit der Eingipsung, also der Inaktivierung, seinen Kalk
tadellos an, er verhält sich darin anders als der normale Knochen, der
atrophieren würde.
Diskussion: Herr Ibrahim, Herr G u 1 e k e. ...
Herr Nieden fragt an, ob bisher Beobachtungen über Rezidive nach
Behandlung der floriden Rachitis mit ultravioletten Strahlen gemacht seien.
Ferner wünscht N. Auskunft über das Verhalten derjenigen rachitischen
Knochendeformitäten (obere Extremität, Schädel), die nicht mit korrig.erenden
Verbänden behandelt wurden. Falls hier Rückbildung zur Norm gesehen
wurde, würde man eventuell auch an den Beinen auf den Gipsverband ganz
verzichten und sich auf Höhensonne und mehrwöchentliche Bettruhe be¬
schränken können. , , , ,
Schlusswort: Die häufig übrig bleibende Coxa vara kann dadurch
bekämpft werden, dass die korrigierten Beine in Spreizstellung, also in
Abduktion, fixiert werden. Die theoretischen Erwägungen über Kalkabbau
und -anbau im Gipsverband sind in der Tat unbefriedigend. Rezidive wurden
nicht beobachtet, sind auch durchaus unwahrscheinlich. Schwere Knochen¬
deformitäten, die nicht korrigiert wurden, blieben meist unverändert bestehen.
Die Korrektur ist also eine Notwendigkeit.
Herr Klughardt: Die Grundlagen der Kieferorthopädie und ihre Be¬
deutung für die allgemeine Medizin.
Der Vortragende erläutert, dass sich die Kieferorthopädie nicht auf die
Korrektur einer anormalen Zahnstellung zu kosmetischen Zwecken beschränkt,
sondern dass sich die Aufgabe auf die Umformung der Kiefer und des
Gesichtsschädels erstreckt — sie leistet dem Spezialarzt wertvolle Hilfe bei
der Beseitigung der Nasenstenosen und der damit verbundenen Mundatmung.
Nach den Erfahrungen des letzten Krieges gilt sie für ein unentbehrliches
Hilfsmittel der Kieferchirurgie, ln der Einleitung wurden die Anomalien der
Zahnreihen und der Kiefer nach der von Angle geschaffenen Klassifikation
behandelt und die therapeutischen Massnahmen für die einzelnen Klassen be¬
sprochen. Dabei wurde die Extraktionsfrage einer kritischen Betrachtung
unterzogen. Im weiteren behandelte der Vortragende die neuen Methoden
der chirurgischen Orthodontie zur Behebung der Makrognathie. Sodann
wurde das A n g 1 e sehe System kritisch beleuchtet; der Leitsatz von der
normalen Einstellung des ersten bleibenden Molaren wurde durch zahlreiche
anormale Milchgebisse widerlegt, und der neue Weg für die Diagnose der
Kieferanomalien — die Messung — eingehend erläutert. Dabei fand die
Methode van Loons kurze Erwähnung: eingehender wurden die moderne
Gnathostatik Simons an zahlreichen Lichtbildern behandelt. Sodann ging
der Vortragende auf die neuen Ergebnisse der histologisch-experimentellen
Forschung über. Zum Schlüsse wurden die mit Kieferanomalien verbundene
Mundatmung und ihre den Gesamtorganismus schädigenden Einflüsse be¬
handelt; ausserdem besprach der Vortragende die Bedeutung der Kiefer¬
orthopädie für die Kieferchirurgie, so die orthodontische Apparatur für
Kieferresektionen, für die Behandlung der Kieferfrakturen und für die Nach¬
behandlung der plastischen Gaumenoperationen.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 17. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr J u n g b 1 u t h.
Herr A. Dietrich; Die Zellularpathologie Virchows und ihre
Weiterentwicklung.
Das Werk Rud. Virchows begann mit der Einführung naturwissen¬
schaftlichen Denkens und der empirischen Forschungsweise in die Medizin.
Das Zweite war die Weiterführung des anatomischen Gedankens, den Vir -
c h o w von Morgagni aufnahm und den er von den Organen auf die
Zellen übertrug. In den Zellen erkannte er die letzte Einheit des Körpers,
aus der sich alle Gewebe und Organe aufbauen, während andere Bestandteile
nur aus Leistungen von Zellen hervorgehen oder in Abhängigkeit von ihnen
stehen. Aber der dritte Punkt, den Virchow hinzufügte, war das Gesetz
von der Kontinuität des Lebens: Omnis cellula e cellula. Diese 3 Grund¬
lagen entwickelte Virchow in zwei Richtungen weiter: 1. in einer
Durchdringung des Verhältnisses von gesundem und krankem Leben und 2.
in der Aufstellung des Lokalisationsprinzips der Krankheit. Virchow
erkennt- keine Lebenskraft an. bekennt sich jedoch zu einem Vitalismus,
der die Einheit des Lebens in Form und Aeusserung begreift, aber sie nicht
einfach aufgehen lässt in physikalischen oder chemischen Kräften. Die Zelle
muss auch die Einheit der Krankheit darstellen. Krankheit ist verändertes
Zelleben oder Leben unter veränderten Bedingungen.
Die Aeusserungen des Lebens zerlegte Virchow in eine dreifache
Form der Reizung: funktionelle, nutritive, formative Reizung. Bei den
krankhaften Reizungen aber ist die Causa externa und die Causa interna
zu unterscheiden. Auch sind zu unterscheiden: das Leiden, ein veränderter
Zustand, von der Krankheit, die eine Tätigkeit, den Ablauf von Verände¬
rungen zur Voraussetzung hat. Die wichtigste Folgerung aber ist die An-
schauung, dass jede Krankheit eine Lokalisation habe, dass sie sich auf-
lösen lasse in Störungen grösserer oder kleinerer Summen der Lebenseinheiten.
Von diesem Punkte aus hat die Zellularpathologie ihre grösste Einwirkung auf
den Gesamtgang der modernen Medizin ausgeübt. Die Lokalpathologie rief
die Lokaltherapie hervor.
Da die Zellularpathologie kein festgefügtes System, kein Dogma, sondern
ein wissenschaftliches Prinzip darstellte, s.o konnte sie sich auch weiter
entwickeln, trotzdem durch den Gang der wissenschaftlichen Forschung sich
manche Grundlagen verschoben. Der Haupteinwand, dass die Zelle nicht
die letzte Lebenseinheit sei, sondern dass noch feinere Differenzierungen in
ihr, die Kernsubstanzen und die Granula, die Träger des Lebens seien,
konnte die Lehre Virchows ebensowenig beeinflussen wie die Erkenntnis.
dass auch den Zwischensubstanzen, sowie den Flüssigkeiten ein gewisses
Eigenleben zugesprochen werden muss. Immer bleibt Leben an Substanz
gebunden und die Zelle die wesentlichste Organisationsform Auf der
anderen Seite aber hat die histologische Forschung die Methode der Zer¬
legung (Analyse) in immer feinere Elemente verlassen und sich der zu-
sammenfassenden Betrachtung von Gewebseinheiten. einer Synthese mei¬
de n h a i n) zugewandt. Virchow sprach bereits von einem Organismus
sozialer Art in gegenseitigen Beziehungen und Wechselwirkungen der Ieile
Diese Auffassung ist noch viel mehr vertieft worden. Besonders sind
durch die Kenntnis der innersekretorischen Drüsen und ihres verwickelten
Zusammenwirkens die Wechselbeziehungen im Körper für Gesundheit und
Krankheit sehr in den Vordergrund gestellt worden. Aber auch jeder 1 eil
des Körpers zeigt etwas dem Körper Eigentümliches, Individuelles, wie die
Transplantationsversuche lehren. Man muss auch nach den Erfahrungen der
menschlichen Pathologie die Ganzheit des Körpers (Drisch) neben der
zellulären Zusammensetzung nicht vernachlässigen. .
Die Betrachtung des Körpers in seiner Ganzheit muss besonders bei der
Lehre von der Konstitution berücksichtigt werden. Virchow erkannte
bereits die Konstitution als die Summe der erblichen und erworbenen Eigen¬
schaften des Körpers. Die Konstitution zellulär zu fassen, ist nur in den
wenigsten Fällen gelungen. Aber die Durchdringung der Konstitutions¬
forschung mit dem anatomischen Gedanken wirkt sichtend und fordernd.
Auch der Vorwurf, dass die Zellenlehre die Krankheitsursache vernach¬
lässigt habe, ist hinfällig, denn Virchow hat auf den Unterschied von
Krankheitswesen und Krankheitsursachen ausdrücklich hingewiesen. Die
allzu scharfe Betonung der belebten Krankheitserreger hat bei vielen Krank¬
heiten einem' tieferen Verständnis der zusammenwirkenden Bedingungen
Platz machen müssen, z. B. bei der Tuberkulose. ,
Somit ist die Grundlage des Werkes von Rudolf V i rc h o w uner-
schü'ttert. Naturwissenschaftliche Forschungsmethode muss führen und der
anatomische Gedanke die Grundlage der Pathologie bleiben. Aber die Rich¬
tung des Ausbaues wird sich mehr dem Bestreben nach einem Verstehen
der Zusammenhänge zuwenden als einer Zerlegung der Einzelerscheinungen, j
Aussprache: Herr Moritz weist auf die grossen Fortschritte
hin welche seit Virchows Zeiten unsere Anschauungen über das physio-
logische und pathologische Geschehen im Organismus gemacht haben Ins¬
besondere sei es die nähere Erkenntnis der kolloidalen mtra- und extra-
zellulären Struktur des Körpers, die Licht in viele bisher dunkle Zusammen¬
hänge zu bringen anfange und ganz neue Perspektiven eröffne Die m ä«
Entwicklung begriffene „Kolloidpathologie“ liefere allgemeinere Betrachtungs¬
weisen die auf das Geschehen in und ausser den Zellen Anwendung finden
können. Die Ausführungen beleuchteten kurz das Wesen der kolloidalen Zu¬
stände und wurden mit Beispielen belegt. ... '
Herr F ü t h, der wegen der vorgeschrittenen Zeit sich nicht darüber
verbreiten kann, wie oft wir auch heute noch in der Geburtshilfe und
Gynäkologie auf Virchows Forschungen zuruckgreifen ), erwähnt nur
kurz, dass heute eine Anschauung wieder Boden gewinnt, die V l rchow
schon vor etwa 65 Jahren ausgesprochen hat, dass nämlich die Menstruation
ein pathologischer Vorgang sei.
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 6. Oktober 1921.
Herr Erich Meyer: Behandlung des chronischen Gelenkrheumatismus.
Vortr. berichtet' über die Erfahrungen, die mit neueren Behandlungs¬
methoden bei chronischen Gelenkerkrankungen an der Med. Klinik buden-
burg (Prof Schreiber) gemacht wurden, und teilt dabei die Ergebnisse
der Oeynhauser Tagung (23.-26. IX. 1921) mit. Er beschrankt . sich auf die
Besprechung der Fälle von chronisch-rheumatischer Polyarthritis, Arthritis
deformans und primär chronischer Arthritis. Erstere geht meist aus einer
akuten Polyarthritis hervor und wird häufig durch chronische Entzundungs-
prozesse an den Mandeln, den Nebenhöhlen der Nase oder am Zahnfleisch
(Alveolarpyorrhöe) unterhalten. Die beiden letzten Formen lassen sich klinisch
schwer unterscheiden, am besten noch auf der Röntgenplatte an den tur
Arthritis deformans charakteristischen Randwucherungen. Die Aetiologie
dieser beiden Formen ist noch sehr unklar. Es scheinen in manchen Fallen
innersekretorische Störungen eine Rolle zu spielen (Auftreten der Gelenk-
erkrankung in der Klimax. Zusammentreffen mit abnormer Fettleibigkeit),
vielleicht auch nervös-trophische Einflüsse, in anderen Fällen Intoxikationen
vom Darm aus (chronische Obstipation, Ruhr, Lambliainfektion). Eine ätio¬
logische Therapie gibt es bisher nicht. In der Behandlung stehen noch
immer an erster Stelle alle physikalischen Massnahmen, die darauf
hinzielen, den erkrankten Gelenken Wärme zuzuführen und den Gesamtston¬
wechsel anzuregen. Symptomatisch wirkt gegen die Schmerzen gut die Hoch¬
frequenz. Vom Radium als Emanation wurde kein Erfolg gesehen,
weder als Trinkkur, noch beim Baden, noch als Aufschläge. Die Therapie
der Protoplasmaaktivierung hat in manchen Fällen günstige Re¬
sultate gezeitigt; besonders geeignet scheinen Fälle mit Gelenkschwellung zu
sein Ein wesentlicher Unterschied zwischen Lac, Aolan, Kollargol wurde
nicht beobachtet. Vom Sanarthrit wurden nur wenige unsichere Erfolge ge¬
sehen. Die Wirkung desselben wird als Reizkörperwirkung aufgefasst. Das
Yatren-Kasein scheint nach den Mitteilungen aus der B i e r sehen Klinik ganz
besonders aussichtsreich zu sein. Versuche mit einer Schwefel¬
therapie, wobei kolloidale Präparate wegen der grossen Schmerzhaftigkeit
bei der Injektion bisher nur in kleiner Dosis gegeben wurden, blieben ohne
nennenswertes Ergebnis, im Gegensatz zu den auffallend günstigen Resultaten
der Göttinger Klinik. Vom Fibrolysin wurde in den Fällen, wo es zu
fibrösen Versteifungen gekommen war, mehrfach günstige Wirkung beobachtet.
Diskussion: Herren Habs, Steffens, Kretschmann.
Herr Bauereisen berichtet im Anschluss hieran über se.ne Erfah¬
rungen mit Yatren in der Gynäkologie. Bei chronischen Adnexerkrankungen
und bei Zystitis habe es sich gut bewährt. Bei Zystitis wurden 5— 10 ccm
einer 5 proz. Yatrenlösung in die Blase injiziert. Auch bei Angina sah er
gute Erfolge; das Yatren wurde hierbei in Substanz auf die Tonsillen ge-
*) Wer sich dafür interessiert, sehe einmal das Autorenverzeichnis in
Veits Handbuch der Gynäkologie und in W i n c k e 1 s Handbuch der Ge¬
burtshilfe ein. Er wird erstaunt sein, wie oft Virchow da noch zitiert
wird.
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
65
stäubt. Bei Sepsis hingegen versagte das Yatren oder war nicht besser als
die Silberpräparate.
F'räulein Bambach: Zur Salvarsanbehandlung der multiplen Sklerose.
B. bespricht zunächst kurz die älteren Anschauungen über die Patho¬
genese der multiplen Sklerose, um dann ausführlicher auf- die im letzten
Jahrzehnt durch pathologisch-anatomische, experimentelle und klinische For¬
schungen und Beobachtungen gewonnenen Ergebnisse einzugehen. Danach er¬
scheint die Annahme begründet, dass es sicli bei der multiplen Sklerose um
eine infektiöse Erkrankung handelt, bei der vermutlich Spirochäten eine
ätiologische Rolle spielen. Auf Grund solcher Erwägungen wurde, wie es
bereits auch von anderer Seite nach den Angaben der Literatur geschehen
ist. hier in der Med. Klinik Altstadt (Prof. O 1 1 e n) seit 1918 bei geeigneten
Fällen von multipler Sklerose die Salvarsanbehandlung durchgeführt. Unter
24 Fällen wurden Kranke nicht berücksichtigt, bei denen es sich um sehr
fortgeschrittene Stadien mit starken Kontrakturen usw. handelte. Bei den
Übrigen 16 Fällen wurde die Salvarsanbehandlung durchgeführt; es
wurde ausnahmslos Neosalvarsan gegeben, meist nicht mehr als 0,15 pro dosi.
einmal wöchentlich, in der Regel 10 Einspritzungen im Verlauf . einer Kur, die
bei mehreren Fällen nach K — >4 Jahr wiederholt wurde. Unter den 16 Fällen
wurde bei 12 Kranken eine entschiedene objektive Besserung der Symptome
erzielt, insbesondere bei frischen Fällen und bei solchen mit vorwiegend halb¬
seitigen Symptomen. Obgleich bei der Neigung der Krankheit zu Spontan¬
remissionen die bei der Salvarsanbehandlung eingetretenen Besserungen "mit
Vorsicht zu bewerten sind, erscheint es nach den bisherigen günstigen Er¬
gebnissen durchaus begründet, die therapeutischen Versuche fortzusetzen.
(Eine ausführliche Mitteilung erscheint an anderer Stelle.)
Diskussion: Herren Otten, Schreiber, Gold stein,
Voelsch, Sandmann, Lennhoff.
Herr Otten betont, dass die Salvarsantherapie wesentlich bessere Re¬
sultate zeitigte als die früher angewandte andersartige Arsenmedikation.
Jedoch sei ein endgültiges Urteil noch nicht möglich, da jahrelange Remis¬
sionen Vorkommen. Die Encephalitis epidemica zeigt zuweilen im Verlauf
Aehnlichkeit mit der multiplen Sklerose.
Herr S c h r e i b e r ist mit den Resultaten der Salvarsanbehandlung nicht
so zufrieden, was wohl zum Teil daran liegt, dass meist vorgeschrittene
Fälle behandelt wurden. Auch mit der Proteinkörpertherapie wurden Erfolge
erzielt.
Herr Gold st ein: Ausser mit Arsenpräparaten lassen sich auch mit
Fibrolysin zuweilen gute Resultate erzielen.
Herr Voelsch nimmt ebenfalls exogene Ursache für die Entstehung
an. Hinweis auf den perivaskulären Beginn der Erkrankung. Wahrschein¬
lich kommen verschiedene infektiöse oder toxische Ursachen in Frage.
Herr Sandmann: Bei der Beurteilung des Wertes einer Therapie bei
multipler Sklerose sollte Besserung der Augensymptome am besten ganz
ausser acht gelassen werden, da die flüchtige Natur besonders der Augen¬
muskellähmungen und Skotome direkt pathognomonisch sei.
Herr Lennhoff weist darauf hin, dass die spezifische Wirkung des
Salvarsans auf Spirochäten von ihm experimentell erwiesen sei.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzungvom 18. Oktober 1921.
Herr Herzog: Krankenvorstellung.
15 jähr. Junge erkrankte vor über 1/4 Jahren an Encephalitis epidemica
und zeigt nun den Symptomenkomplex des Parkinsonismus, ein Geschehen,
das Vortragender nun schon in 12 Fällen beobachtet hat. Patient zeigt
blöden Gesichtsausdruck, offenen Mund, fortwährend reichlichen Speichelfluss
und gleicht fast einem Mongoloiden. Herzog vergleicht das klinische
Bild mit den striären extrapyramidalen Lähmungen, der Wilson sehen
Krankheit und überlegt die Möglichkeit, dass es sich bei diesen Erscheinungen
der Encephalitis lethargica, wie bei der Wilson sehen Krankheit um
toxische Wirkungen handeln könnte; es bleibt in solchen Fällen das patho¬
logisch-anatomische Bild hinter den Erwartungen zurück; erhebliche Bes¬
serung der psychischen Erscheinungen (Apathie) wurde durch Hyoszin er¬
reicht. Vortragender betont ferner noch einmal die Verschiedenheit der klini¬
schen Erscheinungen in den Epidemien von 1889 und 1920/21 (vgl. B.kl.W.
1921 Nr. 10). Neben grosser Mannigfaltigkeit der Zustandsbilder der letzt¬
jährigen Epidemie fällt die typische, chronische Erscheinungsform des Par¬
kinsonismus auf.
Herr Herzog trägt vor über „Kopfschmerzen“ unter Hervorhebung von
4 Quellen falscher Diagnosen.
Diese 4 Quellen stellen sich folgendermassen dar;
a) Einstellung mancher Aerzte auf chronische Leiden, so dass sie
an Kopfschmerzen als Initialsymptom akuter Krankheiten (Typhus u. a.) nicht
denken.
b) Neigung, sich vorzeitig auf eine Diagnose festzulegen, z. B. auf
Migräne, die in ausgeprägter Form nicht selten Initialsymptom einer tuber¬
kulösen Meningitis ist; oder auf sog. Migräne-, .Aequivalente“ (ein böses
Kapitell); ferner auf chronische Nephritis bei gleichzeitiger toxischer, ortho-
tischer etc. Albuminurie, auf Arteriosklerose bei manchen toxischen Cephal-
algien (Tabak); auf einfache Gesichtsneuralgie bei Lues cerebri, progressiver
Paralyse, Ponserkrankungen usw.
c) Neigung mancher Spezialisten, einen Kopfdruck oder eine Pseudo¬
neuralgie mit leichten Anomalien ihres Gebietes (Stirnhöhlenkatarrh, Muschel¬
schwellungen und anderen Verengerungen der Nasenwege; Akkommodations¬
krampf, Insuffizienz der Interni, vorzeitiger Hyper- und Presbyopie, leichten
Refraktionsanomalien, Dysmenorrhöe, Zervixkatarrhen, Hyperaciditas hydro-
chlor. u. a.) ohne weiteres in ursächliche Verbindung zu bringen, obwohl beide
Dinge oft nichts mit einander zu tun haben oder koordinierte Symptome
eines Allgemeinleidens sind oder schliesslich das lokale Uebel nur ein ver¬
anlassendes Moment darstellt. Oft trägt hier auch der Rückschluss
,,ex juvantibus“ bei, indem manche (dann meist vorübergehende) „Heilung“ bei
Neuropathen und Hysterikern auf die intensive Beschäftigung mit der Persönlich¬
keit, bei anderen (Erschöpften) auf die mit der Ruhe- oder Dunkel- oder einem
etwaigen Eingriff folgende Liegekur zurückgeführt werden kann. Manche un¬
angenehme Korrektur der Diagnose erfolgt in solchen Fällen durch die (be¬
sonders nach Kokaininjektionen) in Erregungszustände versetzten queru¬
lierenden Psychopathen und reizbaren Schwächlinge in deutlicher Weise.
Gemeingut ist gewiss der Zusammenhang von Gesichtsneuralgien mit Zahn¬
leiden und Kopfschmerzen. Trotzdem fallen sicherlich dem Heilungsdrarg
einerseits noch viel zu viel gesunde Zähne zum Opfer, anderseits ist die
Diagnose der Pulpitis (auch manchen Zahnärzten) noch nicht genügend bekannt.
d) Die Unkenntnis des Bildes der „Kopfgicht“ (Rheumatismus der Kopf¬
schwarte mit Knötchenbildung), eines sehr dankbaren Objektes medikamentös¬
physikalischer Therapie.
Sitzung vom 25. Oktober 1921.
Herr Gg. B. Gruber: Vorweisung pathologisch-anatomischer Befund¬
stücke, unter denen die Beobachtung von Druckgeschwüren im Dickdarm
durch Massen liegen gebliebenen, verhärteten Eubaryts vor einer Stenose des
Darmrohres, die durch metastatische Lymphdrüsen bedingt war, erwähnens¬
wert ist; der betreffende Patient starb infolge Durchbruchs dieser Geschwüre
an Peritonitis.
Herr Gg. B. Gruber trägt im Rahmen einer Gedächtnisrede auf
Rud. Virchow aus Anlass der" 100. Wiederkehr seines Geburtstages
über unsere heutige Stellung zur Zellularpathologie vor. Kann das zellulare
Anschauungs- und Forschungsprinzip auch nicht in dem ursprünglich streng
lokalisierten Sinn des anatomischen Gedankens aufrecht erhalten werden,
so ist es doch auch heute noch ein guter Leitfaden der biologischen
Krankheitsforschung und steht nicht im generellen Widerspruch zur For¬
derung der physiologischen, funktionellen Fragestellung der modernen Medizin.
Die Zellularpathologie ist heute noch nicht überlebt, kann sie auch nicht auf
alle Fragen Antwort geben, die ihr, vielleicht in Verkennung ihrer Grenzen,
gestellt worden sind.
Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunue.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 9. Juni 1921.
Herr Schmincke demonstriert Präparate und Bilder von folgenden
Fällen:
1. 5 Monate altes Kind mit Ikterus und biliärer Zirrhose bei Aplasie der
grossen Gallengänge.
2. 4 Monate altes Kind mit erworbenem hämolytischem Ikterus: die
histologische Untersuchung der Milz ergab starke Blutfülle der Pulpa, inten¬
sive Eisenreaktion der Sinusendothelien ; in der Leber ausgedehnte Gallen¬
thrombenbildung.
3. 1)4 Jahre altes Kind mit Riesenzellenpneumonie nach Masern.
4. 4 Monate altes Kind mit sporadischem Kretinismus bei Hypothyreose.
Die Sphenookzipitalnaht zeigte Verschmälerung der Knorpelwucherungszone
und Verringerung der Knochenanbildung.
5. 10 Jahre altes Mädchen mit schwerer Rachitis und starker Anämie,
die durch fast universelle Vermauerung der Knochenmarksräume durch starke
Osteoidproduktion ihre Erklärung fand.
6. 2 Monate altes Kind mit Analprolaps und ulzeröser Proktitis des unter¬
sten Rektums, perforiertem Duodenalgeschwür und multiplen Magenge¬
schwüren. Tod an eitriger Peritonitis.
7. 1 Jahr altes Kind mit angeborener Blasenspalte.
8. Akzessorisches Pankreas in der Pylorusgegend des Magens bei einem
4 Monate alten Kind.
9. Marchand sehe Nebennierenbildung an beiden Samenleitern bei
einem Neugeborenen.
10. 9 Jahre altes Mädchen mit präsakraler gliomatöser Geschwulst bei
Spina bifida ant. sacralis und präanaler subkutan gelegener Dermoidzyste,
Vagina und Uterus duplex, Kommunikation des Rektums mit dem einen
Scheidenkanal.
11. 2 Fälle von angeborener kavernöser Lymphangiombildung bei einem
3 Monate alten Mädchen in der Schulterblatt- und bei einem 2 Monate alten
Mädchen in der Halsgegend.
12. Hochgradige Vergrösserung des Herzens bei einem Neugeborenen
durch diffuse Rhabdomyombildung. Mikroskopisch zeigte sich ein Aufbau der
Herzmuskelwandung aus embryonalem undifferenziertem Muskelgewebe.
Aussprache; Herren Reinach, Husler, Gött, Schmincke.
Herr K. E. Ranke spricht über die Entwicklungsformen der Tuber¬
kulose und ihre klinische Erkennung.
Aussprache vertagt.
Würzburger Aerzteabend.
, (Offizielles Protokoll.)
Sitzung des Aerztlichen Bezirksverein, s vom 13. De¬
zember 1921 im Luitpoldkrankenhaus.
Herr Morawitz demonstriert:
1. Endocarditis lenta. 35 jähr. Kriegsteilnehmer, der in der Kindheit
Chorea, aber vor seiner Erkrankung kein Vitium cordis gehabt hat. Am
Herzen die Erscheinungen der Aorten- und Mitralinsuffizienz, im Urin wenig
Eiweiss, einige Zylinder und Erythrozyten als Ausdruck einer embolischen
Herdnephritis. Aus dem Blute wurden keine Streptokokken gezüchtet. Es
wird besonders die Proteinkörpertherapie der Endocarditis lenta besprochen.
Im vorliegenden Falle trat Entfieberung und subjektive Besserung nach intra¬
muskulären Blutinjektionen (alle Woche 10 ccm Blut eines Gesunden) ein.
2. Parkinsonianismus nach Encephalitis lethargica. 42 jähr. Mann. Im
Sommer 1920 Enzephalitis, dann völlige Erholung, so dass der Kranke wieder
arbeitsfähig wird, seit dem Sommer dieses Jahres zunehmende Bewegungs¬
armut, Steifigkeit, geistige Unbeweglichkeit. Jetzt bietet der Kranke das Bild
der Paralysis agitans sine agitatione. Es geht daraus hervor, dass der
Parkinson sehe Symptomkomplex lange Zeit nach Ueberstehen der Enze¬
phalitis zur Entwicklung kommen kann.
3. L i 1 1 1 e sehe Lähmung, bei einem 25 jähr. Manne von Geburt an be¬
stehend. Im Sommer 1921 Enzephalitis. Seitdem choreatisch-athetotische
Bewegungen. Vielleicht hat die von Kindheit an bestehende Veränderung des
Grosshirns eine Disposition für die Enzephalitis abgegeben.
4. Lungengangrän. 48 jähr. Mann, bei dem sich Lungengangrän im An¬
schluss an eine nicht in Lösung übergegangene Pneumonie des rechten Ober¬
lappens entwickelt hatte. Recht guter Erfolg mit Salvarsan.
5. Perniziöse Anämie. 38 jähr. Frau. Im Sommer wurde nach unwirksam
gebliebener Arsentherapie die Milz exstirpiert (Geh. Rat König). Danach
66
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 2.
vorübergehende Remission. Die neuerdings wieder aufgetretene Verschlim¬
merung wird erfolgreich mit intravenösen und intramuskulären Blutinjektionen
behandelt. Ausführungen über die Therapie der perniziösen Anämie.
Herr König stellt die beiden Patienten mit Carcinoma linguae vor,
welche er vor 3 Wochen (Sitzung vom 22. XI. 1921) gezeigt hat. rau 1
verdächtig durch Wassermannreaktion auf Lues, ist inzwischen operiert.
Mikroskopisches Präparat deutliches Karzinom. Drüsen vergrössert ohne
Karzinom.
Fall 2: Demonstriert die Vorzüge des vor der Durchsagung des Unter¬
kiefers auf der linken Seite ausgeführten Hautschnittes, welcher die Fazialäste
gegenüber dem alten Verfahren schont und die gesamten Drusengruppcti
wirksamst freilegt. _
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 25. November 1921.
Herr H. UM mann: Experimentelle Transplantation von Papillomen.
Herr G. Hofer: Histologische Untersuchungen der Trachea nach
^^Die histologische Untersuchung ergibt 1. Epithelveränderungen, indem
das mehrmalige Zylinderepithel in geschichtetes Pflasterepithel übergeht.
2 Entzündung mit Exsudatbildung und Blutungen. 3. Zunehmendes Ver¬
schwinden der Drüsen. Die Ergebnisse der histologischen Untersuchung
klären die Komplikationen nach Tracheotomie auf. Zur Beseitigung der Be¬
schwerden hat Haslinger eine Befeuchtungskanüle konstruiert.
Herr H. Haslinger: Demonstration eines Befeuchtungsapparates für
die Tracheotomiewunde.
Herr M. Haiek: Larynxstenosen.
Der demonstrierte Pat. wurde (nach einer ersten 1 racheotomie im
Jahre 1913) 1920 wegen Versteifung der Gelenke ein zweitesmal tracheotomiert.
Die von C i t e 1 1 i vorgeschlagene partielle Entfernung der Stimmbänder wäre
aussichtslos gewesen. Pat. wollte nach der Tracheotomie seine Kanüle
absolut los werden und wollte sprechen. Pat. hat das nach Anweisung des
Vortr. auch erlernt. Vortr. ist seiner Zeit durch einen anderen Pat., der
seine Kanüle wegwarf, darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei
lockerem Hemdkragen und rückwärtsgeneigtem Haupt das Sprechen nach
Tracheotomie ganz gut möglich sei, weil der aus der Trachea kommende,
de norma gegen das Ligam. conicum gerichtete Luftstrom unter diesen Um¬
ständen gegen die Glottis gelenkt wird.
Pat. spricht zwar mit exspiratorischer Luftverschwendung. 2 — 3 Monate
wird es noch dauern, bis Pat. dekanuliert werden kann, weil dann die
Trachealwunde sich nicht verkleinern wird. Die gleichbleibende Grösse der
Kanülenöffnung ist aber notwendige Bedingung für das Dekanülement.
Herr K. Tschiassny: Drainage der peritonsillären Abszesse.
Herr K. Haslinger demonstriert einen 37 jährigen Landwirt mit einer
durch Kalkstiff Stoff erzeugten schweren Dermatitis und teilweisen Nekrose
der Haut.
Herr VV. S t e c k el: Irrtümer, Gefahren und Grenzen der
Psychoanalyse.
Aus ärztlichen Standesvereinen.
Neuer Standesverein Münchener Aerzte.
Sitzung vom 19. Dezember 1921.
Zu Beginn der Sitzung gedachte der Vorsitzende Herr Bergeat mit
ehrenden Worten der jüngst verstorbenen Mitglieder, Dr. Wuth und Hofrat
Heiss. Die Anwesenden erhoben sich zum Zeichen der Trauer von den
Sitzen.
Mit Bezug auf eine Bekanntmachung im Aerztlichen Vereinsblatt teilte
Herr Jordan mit, dass von den bayerischen F ortbildungskursen
Aerzte des befreundeten Auslandes wie vor dem Kriege Kenntnis erhielten
und dass solche auch an den Kursen teilnehmen.
Hierauf berichtete Herr Bergeat über den Hauptpunkt der Tages¬
ordnung : Revision der Verträge mit den Krankenkassen
bezüglich der Teuerungszuschläge. Schon auf der General¬
versammlung des Leipziger Verbandes in Karlsruhe konnte S t r e f f e r
nichts Günstiges über die zentralen Verhandlungen mit den Kassen berichten.
Trotz neuerlicher Verhandlungen und Schiedssprüche im Oktober und wieder
im November und Dezember wurde eine Einigung nicht erzielt, weil die
Kassen nicht wollten. Die Schiedssprüche haben aber auch gezeigt, dass an
der Pauschalbezahlung immer noch festgehalten werden soll. Die zentralen
Verhandlungen fürs ganze Reich sind nunmehr vom Leipziger Verbände preis¬
gegeben worden und es müssen örtliche Verhandlungen stattfinden, bei uns
wohl für ganz Bayern.
Befremdend sei es zu sehen, führte Ref. weiter aus, dass gerade die
Aerzte, wie kaum ein zweiter Stand, trotz ihrer Organisation nicht imstande
gewesen seien, eine zeitgemässe Bezahlung ihrer Berufsarbeit durchzusetzen.
Ueberall, wo sie in Verhandlungen stehen, bei den Krankenkassen, Berufs¬
genossenschaften, Versicherungsgesellschaften, Versicherungsanstalten, be¬
gegne man demselben Widerstand eines zähen Unternehmergeistes. Gerade
die Stellen, welche berufsmässig in sozialen Fragen arbeiten, zeigen ein
auffallend geringes Empfinden für die soziale Lage des Aerztestandes, auf
dessen Mitarbeit sie angewiesen seien. Während sie bezüglich der Ver¬
waltungsorgane willig der Teuerung folgen (s. Verwaltungskosten der Kassen),
scheine ihnen vielfach die Teuerungsnot für die Aerzte nicht vorhanden zu
sein. Auf diese Weise könne es nicht ausbleiben, dass die Aerzte zu Ab¬
wehr- und Druckmitteln greifen.
Herr V o c k e berichtete über ähnliche Verhältnisse bei der Versiche¬
rungsanstalt. Seit 8 Monaten strebe man das Honorar von 30 M. für das
Gutachten an. Trotzdem inzwischen der Geldwert wieder erheblich ge¬
sunken sei, werde dies nicht zugestanden mit der Begründung, es würde
den Ruin der Anstalt bedeuten. Unverständlich sei diese Stellungnahme,
nachdem doch die Versicherungsbeiträge gegenüber den früheren um das
Sechzehnfache erhöht worden seien. Sollte der Landesausschuss nichts er¬
reichen, so sei man auf örtliches Vorgehen angewiesen.
ln der D i s k u s s i o n, an der sich die Herren C r ä m e r, N o b i 1 i n g,
Krausen, Bergeat, Vocke, Spatz, Hoferer und Grass-
m a n n beteiligten, wurde besonders betont, dass nur der verloren sei, der
sich für verloren gibt und dass die Aerzte ihrer Macht sich mehr bewusst
sein sollten und dass einen Teil der Schuld an der bisherigen Erfolglosigkeit
die Schwerfälligkeit der Organisation trage. ■ .
Herr Bergeat ging noch kurz auf die von den Krankenkassen oc-
triebene gesetzliche Regelung der k a s s e n ä r z 1 1 ic h e nV e r¬
hält n i s s e ein. Der Vorentwurf der Reichsregierung (Nr. 43 der Aerzti.
Mitteilungen) berücksichtige in der Hauptsache nur die Wünsche der Kassen
und würde einer Verewigung des unglücklichen Berliner Abkommens gleich
sein. Von Aerztefreundlichkeit sei in dem Entwurf nichts zu finden.
Die Aerzte, die sich dagegen zur Wehr gesetzt hätten, seien an den
Reichstag verwiesen worden. Daraufhin habe der Leipziger Verband einen
Gesetzentwurf (Nr. 50 der Aerzti. Mitt.) herausgebracht, der unsere Forde¬
rungen ausspricht. Der Reichstag habe nun zu entscheiden; ob die Parteien
für die Bedürfnisse der Aerzte Verständnis zeigen würden, sei fraglich, ln
Bayern und Süddeutschland sei vorläufig eine Einigung erzielt, mit der wir
zufrieden sein könnten. Diese Verhältnisse mussten durch ein Zusammen¬
gehen der süddeutschen Aerzte mit aller Kraft verteidigt werden.
Unter Punkt „Anregungen“ wurde die neuerlich wiederholt erfolgte
Verleihung des Titels eines Justizrates an Rechtsanwälte besprochen,
während die Aerzte, welche doch ihrem Berufe nach mit den Rechtsanwälten
auf gleicher Stufe stehen, dauernd unberücksichtigt bleiben. Dieser Zustand
müsse von der Aerzteschaft mehr und mehr als eine peinliche Zurücksetzung
ihres Standes empfunden werden. .
Der Vorsitzende verwies auf die diesbezüglichen Ausführungen in Nr. 50
der Münch, med. Wochenschr. und die Versammlung erklärte sich voll¬
kommen mit denselben einverstanden.
Die nun folgenden Wahlen ergaben die Wiederwahl der bisherigen
Vorstandschaft (Bergeat, Lukas, K. Goertz, Kuchenbauei,
Jochner, Hoferer, Grassmann) und des Ehrengerichtes. Für
das Jahr 1922 werden nach dem Ergebnis der Auslosung die Herren
V ö 1 c k e r und Steinhäuser aus der Reihe der Mitglieder regelmässig
zu den Vorstandschaftssitzungen beigezogen.
Den Schluss der Sitzung bildete die Aufnahme von fünf neuen Mit¬
gliedern. K. Goertz.
Kleine Mitteilungen.
Therapeutische Notizen.
Behandlung der Lepra. Den Public Health Reports zufolge \
werden auf dem Lepraforschungsinstitut zu Kalihi (Hawai) und auf der .
Leprosenkolonie zu Kalaupapa neuerdings die Aethylester des Chaulmoograöls j
(oleum gynocardiae) mit recht gutem Erfolge therapeutisch angewandt. Sie I
stellen z. Zt. das wertvollste Mittel zur Bekämpfung der bisher als unheilbar
geltenden Lepra dar und sind dem einfachen Chaulmoograöl durch ihre Ver- .
wendbarkeit bei allen Patienten und die Möglichkeit einer schmerz- und
gefahrlosen subkutanen Applikation bei guter Resorption überlegen. Be¬
sonders gut ist die Wirkung bei jungen Leuten und in frischen Fällen. Bei i«
den Kranken der angeführten Stationen pflegten unter der Behandlung die
klinischen Erscheinungen zu verschwinden und die Krankheit zum Stillstand
zu kommen; ob jedoch diese Besserung von Bestand ist, kann erst längere
Beobachtungszeit lehren. Bisher haben 8 Proz. der Behandelten Rückfälle „•
erlitten.
Die totale Kolektomie, ihre Indikationen, Technik
und Zufälle bespricht Arbuthnot L a n e - London (Presse medicale 1921,
Nr. 62). Neben Karzinom des Kolon und Megakolon bilden schwere Fälle
von Kolitis, chronische Darmverhaltung (Stase) und gewisse chronische
Krankheiten, wie deformierender, tuberkulöser Rheumatismus usw. die Indi¬
kationen zur totalen Entfernung des Grimmdarms. Die Anzeige zur Operation .
bei Darmverhaltung ist gegeben, wenn neben den Verdauungsstörungen Er¬
scheinungen von Autointoxikation vorhanden sind und wenn man einen der
zahlreichen pathologischen Zustände, die als Ausgangspunkt die Darmstase
haben, feststellt: deformierender, tuberkulöser Rheumatismus, Addison -
sche Krankheit, Exophthalmus, Raynaud sehe Krankheit usw. Bei all
diesen Krankheiten muss man die radioskopische Untersuchung des Darmes
vornehmen und bei vorhandener Stase die Kolektomie ausführen. Man erlebt
bedeutende Besserung und Kräftigung der Patienten, besonders wenn die
Veränderungen nicht zu alte sind. Die Bedingungen eines Gelingens der
Operation sind folgende: es muss eine gute Technik, wie sie Verfasser unter
Beifügung von Abbildungen genau beschreibt, zur Anwendung kommen, nach¬
dem die Indikation natürlich auf das Gewissenhafteste gestellt ist und der
Kranke noch mehrere Monate nach der Operation überwacht werden, damit
die Darmfunktion geregelt wird. Der Arzt muss auch andere Folgezustände
der chronischen Stercorämie, wie Driiseninsuffizienz, Muskel-, Nerven- auch
psychische Störungen zu verbessern versuchen. Die grosse Mehrzahl der
Operierten sind nach den über 20 jähr. Erfahrungen L.s wie neugeboren: Kopf¬
schmerzen verschwinden, ebenso die Blässe der Haut, die Menstruations¬
störungen usw., die chronischen Krankheiten, wie deformierender, tuberkulöser
Rheumatismus, B r i g h t sehe Krankheit, bessern sich bedeutend oder ver¬
schwinden sogar, wenn der Fall am Anfang behandelt wurde. St.
Hans W e b e r - Zittau teilt 2 Fälle von Luminalexant he m mit, '-j
das mit Angina und hohem Fieber einherging. Das Exanthem liess in beiden
Fällen an Skarlatina denken, wenn nicht manche Punkte dagegen gesprochen ;
hätten; von diesen insbesondere das gute Allgemeinbefinden, das wenig ver- .
änderte Blutbild mit der fehlenden Leukozytose, die Albumenfreiheit des
Urins. Das Aussetzen des Luminals brachte sofort Heilung: in einem Falle 1
konnte das Luminal sogar weiterhin, ohne neue Störungen hervorzurufen, ;
angewendet werden. (Ther. Halbmonatshefte 1921, 15.) H. T h i e r r y.
Bund deutscher Assistenzärzte.
Rundschreiben Nr. 9 (Bericht über den diesjährigen Vertretertag) ist
zusammen mit einem Fragebogen, dessen statistisches Ergebnis einem
Standardtarifvertrag zugrunde gelegt werden soll, abgeschickt. Es wird •
dringend gebeten, den ausgefüllten Fragebogen spätestens innerhalb 14 Tagen,
an die Geschäftsstelle des B.D.A. einzuschicken.
In der Facharztfrage, deren Regelung jetzt vielerorts in Angriff ge¬
nommen wird, gibt der Bundesvorstand den Ortsgruppen folgende Richtlinien
an die Hand:
13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
67
1. Regelung der Facharztfrage ist wünschenswert, allerdings nicht auf
dem Wege des Gesetzes oder der Verordnung, sondern durch Ueberwachung
der Zulassung als Facharzt durch die örtlichen Aerzteörganisationen nach
gemeinsam mit den beteiligten Aerategruppen aufzustellenden Gesichtspunkten
(Fachärzteverband, Aerztevereinsbund, L.V. und B.D.A.). Alle Inter-
; essenten gruppen müssen gehört werden.
2. Für diejenigen Aerzte, die unter den bisherigen Bedingungen die
Ausbildung zuin Facharzt begonnen haben, besonders für Kriegsteilnehmer,
müssen Liebergangsbestimmungen getroffen werden.
3. Als Ausbildungszeit für die sog. „kleinen Fächer“ (Hals-Nasen-Ohren,
Dermatologie, Augen) hält der Bundesvorstand zwei Jahre für ausreichend.
4. Wo die vom Facharztverband angestrebte Ausbildungszeit von
4 Jahren für Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie in Widerspruch
steht mit einer kürzeren Befristung der Assistenzarztstellen, ist auf eine
entsprechende Abänderung der Befristung zu dringen. Unter allen Um¬
ständen muss gefordert werden, dass die Ausbildung zum Facharzt in einer
Stelle erworben werden kann.
5. Auf die Ausbildung bei geeigneten Fachärzten, auch wenn sie keine
Krankenhausabteilungen etc. leiten, kann bei dem heutigen Stellenmangel
nicht verzichtet werden.
6. Ausbildung in Volontärarztstellen ist anzunehmen, wenn in ihnen ge-
h nügend Gelegenheit gegeben war, sich in dem betreffenden Spezialfach aus-
|. zubilden.
7. Als Nachweis der Ausbildung sind Zeugnisse über Art und Dauer
i der Tätigkeit als genügend zu betrachten. Werturteile der ausbildenden
Aerzte dürfen nicht verlangt werden.
Die Veröffentlichungen des Bundesvorstandes werden von jetzt ab
ausser in den „Aerztlichen Mitteilungen“ auch in den medizinischen Wochen¬
schriften (M.m.W., B.kl.W., D.m.W., Med. Kl.) erscheinen, nachdem sich die
Schriftleiter dieser Wochenschriften zur Aufnahme bereit erklärt haben.
Zusendungen, Zuschriften oder Anfragen an die Geschäftsstelle des
B.D.A., worauf Antwort oder deren Rücksendung erwartet oder gewünscht
wird, ist mit Rücksicht auf die hohen Postgebühren künftighin Rückporto
von 2 M. beizulegen.
Alle Zuschriften etc. sind zu richten an die Geschäftsstelle des Bundes
Deutscher Assistenzärzte, Leipzig, Dufourstr. 18/2.
Der Vorstand:
1. A.: Dr. Kortzeborn, 1. Vorsitzender.
Studenten belange.
Der Kampf des Deutschtums in Südslawiien.
Die Bergakademie in Leoben hat die südslawischen Studenten von dem
Studium an ihrer Hochschule ausgeschlossen als Antwort auf das Verhalten
der südslawischen Behörden gegenüber den deutschen Hochschulern des
Banats, denen sie durch Passverweigerung das Studium an österreichischen
und deutschen Hochschulen unmöglich machen, ln der südslawischen Presse
herrscht grosse Entrüstung über dieses Vorgehen der Bergakademie in
Leoben; man macht dafür aber nicht die eigenen Behörden verantwortlich,
sondern den schwäbisch-deutschen Kulturbund in Neusatz (südslawischer
Banat).
Das Neusatzer „Deutsche Volksblatt“ gibt auf diese Anschuldigung u. a.
folgende Entgegnung: „Man müsste mit Blindheit geschlagen oder gänzlich in
nationaler Voreingenommenheit befangen sein, um darin, etwas anderes zu
erblicken als die Reaktion jugendlichen Ueberschwanges gegen die noch
immer vorkommende Behinderung schwäbischer Heimatgenossen am Besuche
deutscher Hochschulen, indem ihnen die Reisepässe unter den nichtigsten
Vorwänden vorenthalten werden. Wie weit man in dieser Hinsicht geht,
beweist die Tatsache, dass heute noch ein evangelischer Theologe vergebens
auf seinen Reisepass wartet, obwohl es in unserem Staate eine evangelisch¬
theologische Fakultät, an der er seinen Studien obliegen könnte, gar nicht
gibt. Und die Mediziner, die knapp vor einem Rigorosum stehen und
durch das Uebelwollen der Passbehörden zur Untätigkeit verurteilt sind,
während ihre slawischen Kommilitonen unangefochten arbeiten und ihre
Prüfungen ablegen können! Wir kennen einen serbischen Mitbürger, der,
selbst Arzt, genau weiss, warum er seinen Sohn nach Heidelberg schickt,
und wir freuen uns dieser Anerkennung der deutschen Wissenschaft und
deutschen Arbeit, ja wir wünschen nichts sehnlicher, als dass recht viele
serbische, kroatische und slowenische Akademiker nach deutschen Musen¬
sitzen pilgern, um aus eigener Anschauung deutsche wissenschaftliche Arbeit,
aber auch deutsche Kultur im Gegensatz zu westlicher Zivilisation kennen zu
lernen. Aber wir werden nie und nimmer zugeben können, dass es unseren
eigenen Söhnen nicht gestattet sein soll, ihre wissenschaftliche Ausbildung
dort zu holen, wo unsere slowenischen Staatsgenossen gastliche Aufnahme
finden.“ (Aus „Hochschulbeilage der Deutschen Zeitung“.)
Den Standpunkt der Neusatzer Zeitung können wir nur voll und ganz
teilen und dabei hoffen, dass das energische Eintreten unserer südslawischen
Kommilitonen bei ihren heimatlichen Behörden zur Beseitigung dieser unhalt¬
baren Zustände führt. Sollte dies nicht zum Ziele führen, wird die deutsche
Studentenschaft die weiteren Schritte unternehmen müssen. v. V.
Tagesgeschichtliche Notizen.
Münche n, den 11. Januar 1922.
— In London tagte Mitte Dezember eine vom Gesundheits¬
rat des Völkerbundes berufene Versammlung von Sachver¬
ständigen aus dem Gebiete der Serologie; auch nicht
dem Völkerbund angehörige Länder waren vertreten (Deutschland
durch Kolle und H. Sachs). Der Zweck der Tagung war die
Vereinheitlichung der in den einzelnen Ländern verschiedentlich darge¬
stellten und verschiedentlich wirksamen Sera. Vier Ausschüsse wurden ge¬
bildet. Der erste unter dem Vorsitz von L. Martin beschäftigte sich mit
dem Antidiphtherie- und dem Antitetanusserum. Für Diphtherie kommen
eigentlich nur 2 Sera in Betracht, das des Frankfurter Instituts für experi¬
mentelle Medizin und das des Sanitätsamtes in Washington; beide weichen
nicht wesentlich voneinander ab, es sollen nur Experimente zum genauen
Vergleich der beiden Sera gemacht werden, ihre Ergebnisse werden weiter¬
gegeben an das staatliche Seruminstitut in Kopenhagen und dort kontrolliert.
Tetanusserum wird von 4 verschiedenen Ausgangspunkten und in 4 ver¬
schiedenen Titren hergestellt, ihr gegenseitiges Verhältnis soll genau studiert
werden, die einzelnen Forschungsplätze sollen ihre Sera austauschen und
gegenseitig untersuchen, und so versuchen zu einer Vereinheitlichung zu
kommen. Auch hier wirkt das Kopenhagener Institut als Zentralstation.
Ein zweiter Ausschuss unter Dr. Dopters Vorsitz erörterte die Fragen
des Serum bei der Meningokokken- und Pneumokokkeninfektion, auch hier
sollen die einzelnen Präparate ausgetauscht und untersucht werden; die Frage¬
stellungen beziehen sich vorwiegend auf den besten Weg der Einführung
(subkutan oder peritoneal), auf die Titrierung des Serums, auf die prophy¬
laktische oder spätere Anwendung und auf die Monovalenz und Polyvalenz
der Seren.
Prof. Kolle führte den Vorsitz in einem dritten Ausschuss, der sich
mit dem Dysenterieserum beschäftigte; auch hier wird ein Austausch der
nach verschiedenen Prinzipien hergestellten und bemessenen Sera stattfinden,
Pferde sollen in den Experimenten nur mit dem Bacillus dysenteriae Shiga
geimpft werden, während die Sera von mit anderen atoxischen Stämmen ge¬
impften Tieren vorläufig unberücksichtigt bleiben sollen.
Ein vierter Ausschuss unter Prof. B u 1 1 o c h s Leitung beschäftigte sich
mit der Serodiagnose der Syphilis und kam zu folgenden Vorschlägen: in einer
Anzahl von Instituten soll die Wassermannreaktion mit den Methoden von
Sachs-Georg i, Meinicke und Dreyer-Ward verglichen werden
und zwar so, dass in jedem Institut 1000 Fälle von zweifelloser Lues und
1000 Fälle von möglichst sicher ausgeschlossener Lues geprüft werden sollen;
bei diesen Prüfungen soll das Serum von Kranken mit Syphilis des Zentral¬
nervensystems und der Augen besonders berücksichtigt werden, die einzelnen
Forscher sollen sich gegenseitig in ihren Instituten besuchen und die Arbeit
sollte in enger Beziehung mit den Kliniken durchgeführt werden. Gewisse
Kontrollmassregeln werden empfohlen und besonderer Wert wird gelegt auf
folgende Punkte: Verlässlichkeit des Verfahrens, Einfachheit der Technik,
Zeitdauer und Kosten der Bestimmungen, Leichtigkeit und Genauigkeit der
Beobachtung, Prozentsatz der zweifelhaften Fälle und schliesslich Erreich¬
barkeit quantitativer Ergebnisse; auch hier sollen die Einzelergebnisse dem
Kopenhagener Institut unterbreitet werden.
Somit ist zum erstenmal wieder ein internationaler Arbeitsplan für ein
grosses wissenschaftliches Werk festgelegt worden. Der gewandte Leiter des
englischen Gesundheitsamtes, Sir Alfred Mond (selbst deutscher Abkunft)
drückte bei dem Festmahl noch seine Genugtuung aus, auch Vertreter der
nicht dem Völkerbund ungehörigen Völker auf dem Kongress anwesend zu
sehen (es geht eben doch nicht ohne die deutsche Mitarbeit). In 6 Monaten
soll der Kongress sich wieder im Pasteurinstitut in Paris versammeln, während
die Ausschüsse in der Zwischenzeit Weiterarbeiten.
— Der preussische Landesgesundheitsrat hat seine Beratungen über den
Entwurf eines preussischen T uberkulosegesetzes abgeschlossen.
Das Wohlfahrtsministerium wird nunmehr den Gesetzentwurf fertigstellen und
ihn möglichst bald dem Staatsministerium zur Beschlussfassung vorlegen.
— Seit dem 4. Januar befindet sich der Aerzteverein Rostock mit der
grössten Krankenkasse, der Allgem. Ortskrankenkasse, im „Vertrags-
losen Zustan d“, weil diese Kasse mit über 18 000 Mitgliedern sich
weigert, den Aerzten das Honorar zu zahlen, das ihnen für die letzten
2 Quartale durch Entscheidung des Schiedsgerichts beim Oberversicherungs¬
amt zusteht; die Kasse hat Berufung an das — nicht bestehende - —
Reichsschiedsamt eingelegt. Die Aerzteschaft wird von den Direktoren und
Assistenten der Üniversitätspolikliniken wirksam unterstützt.
— Der Rostocker Aerzteverein, dessen Taxsätze wir in Nr. 49, S. 1608
d. Wschr. mitteilten, hat neuerdings folgende Honorarsätze für seine Mit¬
glieder als Mindestsätze verbindlich gemacht: Praktische Aerzte: Sprech¬
stunde: I. Kl. 15 M., 11. Kl. 20 M„ III. Kl. 30 M.; Besuch: I. Kl. 20 M..
II. KI. 30 M., III. Kl. 60 M. Fachärzte: Sprechstunde: I. Kl. 30 M., II. Kl.,
40 M„ III. Kl. 60 M.; Besuch: I. Kl. 40 M„ II. Kl. 60 M.. III. Kl. 80 M.
Professoren: Sprechstunde: I. Kl. 40 M„ II. KI. 60 M., III. Kl. 80 M.; Besuch:
I. Kl. 60 M., II. Kl. 80 M., III. Kl. 100 M. Bei gemeinsamen Beratungen
(Konsultationen) wird für jeden Beteiligten die Beratungs- und Hausbesuchs-
gebühr addiert.
— Ueber Wiener Arztpreise berichtet die Voss. Ztg. : Nach
einer Vereinbarung ihrer Berufsorganisation legen die Wiener Aerzte jetzt
den Patienten gedruckte Formulare zur Unterschrift vor, auf denen die im
Augenblick geltenden Preise vermerkt sind und bestätigt wird, dass der Arzt
mit dem Patienten kein Sonderabkommen getroffen hat. Das Honorar für den
Besuch der Sprechstunde bei einem einfachen Privatarzt ist auf 1000 Kronen,
beim Besuche des Arztes in der Wohnung des Patienten auf 2000 Kronen, für
die Teilnahme an einem Konsilium auf 3000 Kronen festgesetzt. Fachärzte
und insbesondere Chirurgen berechnen ein um durchschnittlich 100 v. H.
erhöhtes Honorar. Eine Operation wird unter dem tarifmässigen Preis von
100 000 Kronen nicht durchgeführt. Infolgedessen ist die Inanspruchnahme
der Privatärzte ganz ausserordentlich zurückgegangen, während in den
Ambulatorien der Spitäler der Andrang der Patienten sich verdoppelt hat.
Unter den Armen, die in den Spitälern behandelt werden und den Nachweis
ihrer Mittellosigkeit erbringen, befinden sich vor allem die Pensionierten und
Beamten, soweit sie nicht Krankenkassen angehören.
Aus der Marcel Benoist-Stiftung wird, wie im vorigen
Jahre, ein Preis von 20 000 Franken ausgesetzt für die nützlichste wissen¬
schaftliche Erfindung, Entdeckung oder Studie, vornehmlich einer solchen,
die für das menschliche Leben von Bedeutung ist, die ein schweizerischer
oder seit mindestens 5 Jahren in der Schweiz ansässiger Gelehrter während
des Jahres 1921 gemacht hat. Anmeldungsfrist bis 31. März 1922 beim
Sekretariat der Stiftung im eidgenössischen Departement des Innern in Bern.
— Auf der a. o. Tagung des Preussischen Hebammen-Verbandes in
Köln am 16. Dezember 1921 wurde einstimmig folgender Beschluss gefasst:
„Die 10. Hauptversammlung erblickt in der Werbearbeit der Firma Vollrath
Wasmuth in Hamburg für das Präparat R a d - J o ein marktschreierisches
Vorgehen für ein Geheimmittel, das erfahrungsgemäss in keiner Weise den
in den Drucksachen angepriesenen Wirkungen hinsichtlich der Erleichterung
der Geburt entspricht. Die preussische Hebammenschaft lehnt deshalb jeg¬
liche Verwendung des Rad-Jo ab.“ (Pharm. Ztg.)
— Mit Beginn des neuen Jahres trat San. -Rat Dr. P 1 e 1 1 n e r - Dresden
von seiner Stellung als leitender Arzt der chirurgisch-orthopädischen Ab¬
teilung der Kinderheilanstalt nach 20 jähriger ehrenamtlich versehener, erfolg-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 2.
68
reicher Tätigkeit zurück. Et wurde in Anerkennung seiner Verdienste zum
konsultierenden Chirurgen der Anstalt ernannt Als sein ^WeN mefs
vom Verwaltungsrat der Anstalt der Dresdner Chirurg Dr. Hans W e m m e r s
gewählt. (^eh MedRat pro5 Dr Friedrich Rinne in Berlin {eie[*e am
2. Januar seinen 70. Geburtstag. Er war bis zum vorigen Jahre Leiter der
chirurgischen Abteilung des Berliner Elisabeth-Krankenh luses.
— Vom 6.— 18. Februar findet in M a g d e b u r g ein L«“r*a*
aus dem Gebiete der Inneren Medizin statt. Die beiden
medizinischen Abteilungen, sowohl des Altstädtischen wie -Je s Sudentanier
Krankenhauses, werden für diese Zeit ganz in de“ Dienst beYund
Fortbildung gestellt. Die beiden Direktoren, Prof. Schreiber unu
Prof Ütten halten von 9 — 11 Uhr vorm, abwechselnd medizinische Klinik,
woran sich dann 2 Stunden Labora'toriumsarbeit anschliessen. Nachmittags
finden praktische Kurse und theoretische Vorträge der Kranken!« »«Oberärzte
und Assistenten statt. (Anmeldungen an Prof. S c h r e \ t l e sr - Sudenbu g.)
In ähnlicher Weise findet vom 20. Februar bis 4. März em Lehrgang
der Chirurgie statt, der von den Professoren H a b s und W e n ü e l
gemeinsam mit den Oberärzten und Assistenten der chirurgischen Abteilungen
abeehalTen w d Anmeldungen an Prof. Habs, Altstädtisches Krankenhaus,
abgetanen ° T der „freien Vereinigung für Mikrobiologie
soll in der Woche nach Pfingsten 1922 in Würzburg (Hygienisches Institut)
stattfinden Als Referate sind in Aussicht genommen: 1. Desinfektion einschl.
SwM« '!■ Theorie und Praxis
Anmeldungen von Vorträgen werden bis zum 15. Mai 1922 an den bchritt
tuhrei_erbeten.n^hste p Q r t b j i d u n g s k u r s für A e r z t e an d er
Staatlichen Frauenklinik zu Dresden findet vom 3.
.9. ^P_riljn19“en Nürnberger Fortbildungsvorträgen (Nr. 50,
S. 1641) wird am 21. Januar statt Prof. v. N o o r d e n O.-R.-M.-R. Mayer
sprechen. D_e yersammlung der Vereinig u in g n i e de r r heim sch-
westfälischer Kinderärzte (vergl. d. Wschr. Nr. 1 S. 36) findet
am 29. Januar (statt 22 Januar) statt.
— Am 15. Januar beginnt in Saragossa ein Kongress für Unfall¬
heilkunde. T „ ' ,
— Pest Italien. In Catania wurden vom 17.— 19. Oktober v. J. 3 tödlich
verlaufene Pestfälle bei Arbeitern einer Getreidemühle fes' gestellt; in Venedig
erkrankte am 27. Oktober 1 Arbeiter einer Muhle. A.uf der Insel Rhodus
wurden am 13. Oktober 3 Pesterkrankungen, davon 1 mit tödlichem Ausgang,
angezeigt. — Peru. Vom 1.— 30. September 45 Erkrankungen (und 22 Todes¬
fälle). — Britisch Ostafrika. Vom 1. — 31. Juli v. J. 41 Erkrankungen
und 30 Todesfälle in Uganda. ,,, . .„ 0A no
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 18. 24. De¬
zember wurden 30 Erkrankungen gemeldet, davon im Flüchtlingslager Heils-
berg (Reg.-Bez. Königsberg) 11, in Hamburg 1 und in Frankfurt a. O 18
(davon 17 bei Wolgadeutschen und 1 bei einer Krankenschwester). Nach¬
träglich wurden für die Zeit vom 4. — 10. Dezember noch 13 Erkrankungen
bei Heimkehrern und Kriegsgefangenen mitgeteilt. In Frankfurt a O wurden
bei einem am 6. Dezember eingetroffenen Transport von 386 Wolgadeutschen
bis zum 17. Dezember insgesamt 241 Erkrankungen und 16 Todesfälle an
Fleckfieber festgestellt. ,.tpn
— In der 50. Jahreswoche, vom 11. bis 17. Dezember 1921, hatten
von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit
Augsburg mit 34,7, die geringste Neukölln mit 6,6 Todesfällen pro Jahr
und 1000 Einwohner. , V° Wi-jt vY+Y
— In der 51. Jahreswoche, vom 18. bis 24. Dezember 1921, hatten
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die „grösste Sterblichkeit
von
Stuttgart mit 32,1, die geringste Neukölln mit 9,3
und 1000 Einwohner.
Todesfällen pro Jahr
Vöff. R.-G.-A.
Hochschulnachrichten.
Berlin. Prof. Dr. Franz K e i b e 1 in Königsberg hat den Ruf aut
den Lehrstuhl der allgemeinen Anatomie und Entwicklungslehre an der
Universität Berlin als Nachfolger Oskar Hertwigs angenommen, (hk )
— Folgenden Privatdozenten wurde die Dienstbezeichnung „ausserordent¬
licher Professor“ verliehen: Dr. Ludwig F. Meyer (Kinderheilkunde),
Dr Richard Weissenberg (Anatomie), Dr. med. et phil. Franz Hu b-
otter (Chirurgie, Geschichte der Medizin), Dr. Alfred Güttich (Ohren-,
Nasen- und Halsheilkunde), Dr. Maximilian W e i n g a e rt n e r (Nasen- und
Kehlkopfheilkunde), Dr. Paul Jungmann (Innere Medizin), Dr Friedrich
Munk (Innere Medizin), Dr. Hermann Z o n d e k (Innere Medizin), Dr. Arnt
Kohlrausch (Physiologie), Dr. Georg Joachimoglu (Arzneimittel¬
lehre). Dr. Johannes Guggenheimer (Innere Medizin), Dr Bernhard
Martin (Chirurgie), Dr. Hans Se eiert (Psychiatrie und Neurologie,
Dr. Eugen Kisch (Chirurgie), Dr. Friedrich Brüning (Chirurgie),
Dr Franz B 1 u m e n t h a 1 (Dermatologie), Dr. Otto K u f f 1 e r (Soziale
Medizin), Dr. Alexander v. Lichtenberg (Chirurgie), Dr. Edgar Atzler
(Physiologie), Dr. Franz S c h ü c k, Dr. Georg W alter höfer (Innere
Medizin), (hk.) „ B ..
Frankfurt. Dem Privatdozenten für innere Medizin, Dr.^ cmil
R e i s s wurde die Dienstbezeichnung „ausserordentlicher Professor1 ver¬
liehen. (hk.) . , , . .... . ,
Giessen. Die Universität weist im laufenden Wintersemester
1910 immatrikulierte Studierende, davon 105 Studentinnen, auf. Die medi¬
zinische Fakultät zählt 318 Studierende. Mit den 285 Hörern, Hörerinnen und
Hospitantinnen beträgt der Gesamtbesuch 2195. (hk.)
Halle. Im laufenden Winterhalbjahr zählt die Universität 3221 immatri¬
kulierte Studierende, in der medizinischen Fakultät 571, davon 55 Studierende
der Zahnheilkunde, (hk.) — Prof. Straub hat den Ruf nach Greifswald
als Nachfolger von Prof. M o r a w i t z angenommen.
Köln. Der Privatdozent für Anatomie Dr. med. Otto O e r t e 1 in
Köln wurde zum Abteilungsvorsteher der Abt. für topographische Anatomie
am pathologischen Institut der dortigen Universität ernannt, (hk.)
Marburg Die Zahl der Studierenden betrug im Wintersemester
1921/1922 2250 (im S.-S. 1921 2488). davon 1971 Männer, 279 Frauen (im
S.-S. 2175 und 313). Die medizinische Fakultät zählte 591 Männer und
51 Frauen (692 und 62).
W U r z b u r g. Den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät,
Dr. Ernst L e u p o 1 d (Allg. Pathologie und pathol. Anatomie), Dr. Wilhelm
Nonnenbruch (Innere Medizin), Dr. Walter V o g t (Anatomie) i und
Dr. Georg Ganter (Innere Medizin), bisher in Greifswald, ist der Titel
und Rang eines ausserordentlichen Professors verliehen worden.
Zu° denf ^bereits erwähnten (d. Wschr. 1921, Nr 52 S 1688) Tode
des Hygienikers Dr. Gärtner schreibt uns die im Seuchen- und Hunge
gebiet "Kasan (Russland) tätige sanitäre Hilfsexpedition des Deutschen R
KreUTiSeferschüttert melden wir den Verlust unseres Mitarbeiters .. des .Privat¬
dozenten der Hygiene an der Universität Kiel, Dr pWr°pilH schwere Fleck-
in treuester Pflichterfüllung zog sich Gärtner eine schwere riech
typhuserkrankung zu, der er trotz aufopferndster Pflege nach hinzugetretener
Nephritis und Pneumonie am 13. Tage der Erkrankung >m San.tatszuge der
Deutschen Hilfsexpedition am 10. Dezember 1921 erlag
Wolfgang Gärtner war geboren am 26. Juni 1890 zu Jena
Sohne des bekannten Hygienikers August G ä r tn e r
In edler Begeisterung für seinen Spezialberuf meldete er sich im
August 1921 sofort zur Hilfsexpedition für Russland und teilte seit 4 Monaten
mit seinen Karnernden Freud und Leid. . . , ,,
Wolf Gärtner fiel in unerschrockener Ausübung seines gefahrvollen
BelUSein Name wird unter den Heroen der deutschen Aerzteschaft unver¬
gesslich bleiben. r. u 1 ^ s-
In Berlin starb der frühere Direktor der Städtischen Irrenanstalt in
Dalldorf, Geh. Med.-Rat Dr. Wilhelm Sander im 84. Lebensiah tr tand
45 Jahre im Dienste der Berliner städtischen Irrenpflege, um deren Organi¬
sation er sich grosse Verdienste erworben hat.
(Berichtigung.) In der Arbeit des Prof. M “ 1 ’ 6
Einfluss der schwedischen Spannbeuge auf die Wirbelsäule in d wschr. 19-1
Nr. 47 sind Abb. 2 und 4 vertauscht worden. Die Unterschriften unter den
Abbildungen stehen am richtigen Platze.
Nr. 5187 a 1.
Amtlicher Erlass.
(Bayern.)
Staatsministerium des Innern.
1.
von
Weihnachtsgabe für arme Arztwitwen in Bayern.
9. Gabenverzeichnis, zugleich Quittung.
Verordnung über die Gebühren für ärztliche Dienst¬
leistungen bei Behörden.
Im Hinblick auf die fortdauernde Teuerung werden zu den Gebühren für j
ärztliche Dienstleistungen bei Behörden, Verordnung vom
17. November 1902 GVB1 S. 715\und deren Aniage,
4. August 1910, GVB1. S. 415 J
geändert durch die Verordnung vom 14. August 1920, GVB1. S. 407, folgende
Teuerungszuschläge gewährt.
Die Sätze der Verordnung vom 17. November 1902 GVB1. S. 715.
werden in § 3 Abs. 2 und 3 auf das Fünffache, in ö 11 Abs 2 aut
das Vierfache erhöht. Die Vergütung des Vertreters eines Amtsarztes
oder des Verwesers einer Amtsarztstelle bemisst sich nach § 9 Abs. 2
der Bek. vom 23. Januar 1912 über den bezirksärztlichen Dienst
MAB1. S. 153, und § 8 Abs. 3 der Bek. vom 22. Marz 1915 über
den landgerichtsärztlichen Dienst, MAB1. S. 45, IMAB1. S. 19, nach
Massgabe der im Hinblick auf die Teuerung bestimmten Erhöhungen.
Die entgegenstehenden Vorschriften des § 10 der Verordnung vom
17. November 1902 sind aufgehoben.
Die Vergütungen nach der Gebührenordnung (Beilage zur Verordnung
vom 17. November 1902) sind bei Ziff. 1, 4, 10 und 14 unter Zu¬
grundelegung des Sechsfachen, bei Ziff. 2, 3, 5, 6, 7, 8, 9, 12 und 13
unter Zugrundelegung des Vierfachen, bei Ziff. 11 unter Zugrundelegung
des Zweifachen zu berechnen.
Diese Verordnung tritt am 15. Januar 1922 in Kraft; die Verordnung
14. August 1920, GVB1. S. 407, tritt am 15. Januar 1922 ausser Geltung.
München, 7. Januar 1922.
gez. Dr. S c h w e y e r.
Uebertrag: 59 717.75 M. und 1 Dollar.
B e v e r - Kempten 25 M. — Robert Bing- Nürnberg 50 M.
Hering- Bayreuth 30 M. — O.St.A. Meier- München 20 M. —
Schreiner - Simbach 30 M. — Frau Hofrat Eisenreich - München
20 M. — H e i d - Tapfheim 30 M. — Ludw. Maier- Oberstaufen 20 M. —
Öbermed.-Rat M a r z e 1 1 - München 10 M. — P r i m b s- Waldmünchen
40M — Resch - Bad Tölz 200 M. — Risshausen - Reisbach a. Vits
50 M _ Schiff ne r - Nürnberg 30 M. — S c h i f f n e r - Nürnberg (ab¬
gelehntes Honorar) 20 M. — Schnabelmaier - Dorfen 30 M. — Kassen-
ärztl Abteilung des Bez.-Ver. Starnberg 50 M. — V e i t h, Kreisfürsorgearzt,
Kinderheim Wöllershof 25 M. — D i e 1 1 e n - Neuendettelsau (abgelehntes
Honorar des Herrn Dr. Jobst Krauss- Nürnberg) 50 M. — Eckhard-
Inzell 50 M. — San.-Rat Strecker- Bad Brückenau 100 M. — San.-Rat
Bergeat- München 50 M. — Bez.-Arzt Lauer- Schwabach 25 M. •—
Mohr- Nürnberg 40 M. — W e i n b e r g e r - Gabersee .20 M. — Diel¬
mann - Schweinfurt 30 M. — Max Hönigsberger - München 50 M. —
Wilh Pettenkof e r - München 100 M. — E. Z. in M„ auf Wunsch des
Herrn Dr. Rascher- München 120 M. — Neresheimer - München
50 M. — Obermed.-Rat D e t z e 1 - Rockenhausen (Pfalz) 50 M. — Jäger-
Geisenfeld 50 M. Summa: 61 182.75 M. und 1 Dollar.
Ausserdem erhielten wir: Vom Aerzteverband Bad Tölz 2536 M.; vom
Kassenärztlichen Verein Gemünden-Lohr 5000 M.; vorn Bezirksverein Hof
(Lokalverband Wunsiedel-Naila-Selb) 1275 M.
Allen Gebern besten Dank!
Der Kassier der Witwenkasse: Dr. H o 1 1 e r b u s c h - Fürth.
Druckfehlerberichtigung: Im letzten Gabenverzeichnis ist statt Herrn
Kennerknecht Fr 1. Dr. Kennerknecht zu setzen.
Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei, München.
Preis der einzelnen Nummer 3. — Jt. • Bezugspreis in Deutschland
• • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • • •
Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
i •
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Amulfstr. 26 (Sprechstunden 8K— 1 Uhr)
für Bezug: an], F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-'trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/I1I.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 3. 20. Januar 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält eich das ausschliessliche Eecbt der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Bemerkungen zur klinischen Diagnose der Entwicklungs-
formen der menschlichen Tuberkulose.
Von Dr. Karl Ernst Ranke.
Es ist in dieser Wochenschrift schon mehrfach über die Möglichkeit
berichtet worden, innerhalb des Formenkreises der menschlichen
Tuberkulose verschiedene Entwicklungsstadien zu unterscheiden1).
In den bisherigen Arbeiten ist, wie das für die eingehende Begründung
einer neuen Auffassung notwendig, das pathologisch-anatomische Ver¬
halten in erster Linie berücksichtigt worden. Es ist daraus vielfach
gefolgert worden, dass meine Auffassung im wesentlichen am Sezier¬
tisch entstanden sei, und dass für die Praxis das aufgefundene System
deshalb noch lange nicht verwertbar zu sein brauche. Es liegt mir
deshalb daran, festzusteFlen, dass der Gang der Entdeckungen gerade
der umgekehrte gewesen ist. In der klinischen Beobachtung war ich
an grossem Beobachtungsmaterial auf regelmässig wiederkehrende kli¬
nische Differenzen im Krankheitsbild der Tuberkulose gestossen, die
sich unschwer von einander hatten unterscheiden lassen und die ihrer¬
seits erst die Veranlassung geworden sind, die gleichsinnigen Differenzen
im pathologisch-anatomischen Substrat näher zu untersuchen, um auf
diese Weise noch tiefer in das Wesen der Unterschiede einzudringen.
Diese klinischen Differenzen haben sich mir in einem Zeitraum von
nunmehr 10 Jahren als für die Diagnose mit voller Zuverlässigkeit ver¬
wendbar bewährt. Ich habe trotzdem bisher mit der Besprechung der
klinischen Bilder gezögert, weil sie ungleich schwieriger treffend zu
beschreiben sind als das zugehörige pathologisch-anatomische Struktur¬
bild, das neben der Beschreibung noch durch schematische Abbildung
und Photographie unzweideutig gekennzeichnet werden kann.
ln der Zwischenzeit sind schon mehrfach von anderer Seite ein¬
zelne Teilgruppen aus dem grossen Gebiete aufgegriffen und klinisch
näher beschrieben worden. Die wichtigsten Differenzpunkte scheinen
mir dabei noch nicht genügend he rausgeh oben worden zu sein. Auch
in der Diskussion dieser Fragen mit zahlreichen Kollegen stellt sich
dem Verständnis immer die Schwierigkeit in den Weg. dass für die
Konzeption des allgemeinen Krankheitsbildes der Tuberkulose ihre
Spätstadien allzusehr als grundlegendes Vorbild benützt werden. Das
gilt namentlich für die leichten Formen der generalisierten Tuberku¬
lose, die so ungemein häufig sind, und deren richtige Beurteilung ge¬
rade für den praktischen Arzt von der allergrössten Bedeutung ist. Ich
möchte deshalb versuchen, im folgenden die wichtigsten Gesichtspunkte
für die klinische Diagnose der allergischen Entwicklungsformen der
Tuberkulose kurz zusammenzufassen. Es ist selbstverständlich, dass
dabei den pathologisch-anatomischen Schilderungen gegenüber nichts
wesentlich Neues zutage treten, sondern dass es sich lediglich um die
Erkennung der beschriebenen anatomischen Vorgänge am Lebenden
handeln kann.
Es hat sich gezeigt, dass für die Grundzüge der klinischen Bilder
die Kombination von vier verschiedenen Ausbreitungsweisen der
tuberkulösen Herderkrankungen im Körper unter sich und mit drei
deutlich unterscheidbaren Reaktionsweisen des befallenen Organismus
den Ausschlag geben. Als diese vier verschiedenen Ausbreitungs¬
weisen waren bezeichnet worden: 1. das Kontaktwachstum des Herdes,
also das unmittelbare Fortschreiten der Erkrankung von Zelle zu Zelle
innerhalb der Randzonen der Herderkrankung und 2. drei verschiedene
Formen der Metastasierung und zwar die Verschleppung auf dem
Lymphwege, diejenige innerhalb der Blutgefässe und schliesslich noch
diejenige im Lumen aller sonstigen im Körper vorgebildeten Hohlräume
und Röhrensysteme. Neben das Kontaktwachstum treten also die
lymphogene, die hämatogene und die von mir als intrakanalikulär be-
zeichnete Metastasierung. An Reaktionsweisen konnte eine primäre,
mit der die Erkrankung beginnt von einer späteren sekundären mit
;iusgesprochen anaphylaktischen Zügen und eine dritte mit deutlichem
Hervortreten einer eigenartigen Teilimmunität unterschieden werden.
Da gerade diese letztere Unterscheidung der Reaktionsweisen und ihrer
Strukturbilder — der histologischen Allergien — früher wenig beachtet
und von mir erstmals näher beschrieben worden sind, so sollen sie auch
hier jeweils bei der Schilderung der zugehörigen klinischen Bilder noch
einmal charakterisiert werden.
) M.m.W. 1913: Die Tuberkulose der verschiedenen Lebensalter; 1914:
Zur Diagnose der kindlichen Tuberkulose und 1917: Primäre, sekundäre und
tertiäre Tuberkulose des Menschen.
Für die Ausbreitlingsweisen gestaltet sich die Erkennung am
Lebenden sehr einfach. Die Verschleppung auf dem Lymphwege führt
ausser einer namentlich in der Lunge gelegentlich auf dem Röntgenbild
erkennbaren Veränderung der Lymphgefässe selbst vor allem zu
Drüsenerkrankungen. Es ist von Baumgarten mit Recht darauf
hingewiesen worden, dass Lymphdrüsen auch hämatogen erkranken
können. Das muss theoretisch zugegeben werden, kann aber schon
pathologisch-anatomisch höchstens im Experiment einmal sicher nach¬
weisbar sein. Am Lebenden werden wir gut tun, eine Lympndrüsen-
erkrankung praktisch als Zeichen einer lymphogenen Metastasierung
zu betrachten. Ganz sicher ist das überall da, wo, wie so ungeheuer
häufig in dem Frühstadium der Tuberkulose, sich in deutlicher Ab¬
hängigkeit von einem Organherd eine Erkrankung gerade der ihm
regionären Drüsen eingestellt hat. Die hämatogene Metastasierung
verrät sich ebenfalls unmittelbar durch den Sitz des Herdes. Ein
Tuberkel in der Retina, in der Nebenniere, im Nierenparenchym oder
sonst irgendwo an den zahlreichen Körperstellen, an die der Tuberkel¬
bazillus nur auf dem Blutwege hingelangen kann, wie im Knochen,
in den Gelenken etc., ist überall da, wo Kontaktwachstum und intra¬
kanalikuläre Verschleppung nicht in Frage kommen können, eben
hämatogen. Das gilt z. B. auch für die Mehrzahl aller Bindegewebs-,
Knochen- und Gelenktuberkulosen. Die intrakanalikuläre Verschlep¬
pung endlich ist durch die gleichen Beziehungen des Herdes zu Drüsen¬
gängen, inklusive ihrer weiteren Ausführungswege, also dem Genital-
trakt, dem Darmrohr, dem Bronchialbaum und ähnlichen Hohlräumen
gegeben.
Die klinischen Eigentümlichkeiten der vollausgesprochenen Haupt¬
formen sind in zahlreichen typischen Bildern dem praktischen Arzt seit
langem geläufig. Ihre grossen klinischen Unterschiede haben von jeher
zu einer Abtrennung der wichtigsten unter ihnen geführt. Das häufige
Vorkommen von Zwischenformen hat aber die praktische Unter¬
scheidung solange für die wissenschaftliche Bearbeitung der ganzen
Frage unbrauchbar gemacht, als es nicht gelungen war. in das eigent¬
liche Wesen des Unterschieds einzudringen.
Dass eine tuberkulöse Erkrankung, die ausschliesslich die Lunge
befällt, und hier in jahrzehntelangem Bestehen zu schwersten Zer¬
störungen und schliesslich zum Tode führt, ohne doch jemals auf andere
Gebiete des Körpers überzugreifen, etwas anderes ist als die zahlreichen
Tuberkulosen, bei denen in allen möglichen Organen und Geweben
tuberkulöse Herde aufschiessen. das ist schon sehr lange Allgemeingut
der ärztlichen Ueberzeugung. Erst die Entdeckung des Tuberkel¬
bazillus als einheitliche „Krankheitsursache“ hat ja die Vereinigung
dieser Formen unter einem einheitlichen Krankheitsbegriff zur Folge ge¬
habt. Ein Einblick in das Wesen dieser Differenzen ist aber dadurch
in hohem Grade erschwert worden, dass es neben diesen „isolierten
Phthisen“ zahlreiche Fälle von Lungentuberkulose gibt, bei denen auch
andere Organe mitergriffen sind. Das schien die Möglichkeit einer Ab¬
trennung einheitlicher Krankheitsbilder aus dem vielgestaltigen Ganzen
auszuschliessen, während doch wieder im ärztlichen Bewusstsein
Lungenschwindsucht und allgemeine Tuberkulose dauernd als Gegen¬
sätze empfunden wurden.
Der wichtigste Schritt zur Lösung der Hauptschwierigkeit scheint
mir in dem Augenblick getan, in dem wir bei der Beurteilung einer
| tuberkulösen menschlichen Erkrankung den Blick nicht mehr auf das
befallene Organ oder Organsystem’, sondern auf das Gesamtbild
der Erkrankung des Gesamtorganismus richten. Wir
werden also nicht mehr von Drüsentuberkulosen, Knochen- und Gelenk¬
tuberkulosen, oder von Weichteil’-, Haut- und Lungentuberkulose
sprechen, sondern wir werden zunächst vollkommen davon absehen
müssen, welches Organ von der Krankheit ergriffen ist Es wird sich
zunächst ausschliesslich darum handeln, festzustellen, welche Aus¬
breitungsweisen der Tuberkulose im Körper sich aus den Krankheits-
erscheinungen zu erkennen geben und auf welche Weise der befallene
Körper gegen die Krankheit reagiert.
Es bedarf also, wie schon erwähnt, für die klinische Erkennung der
Entwicklungsformen keiner neuen Gesichtspunkte. Es genügen die
pathologisch-anatomisch gewonnenen Teilvorgänge, und die Art ihrer
Zusammenstellung zu einem Gesamtbild der Erkrankung. Es ergeben
sich damit mehrere wohldefinierte und leichtkenntliche Krankheitsbilder.
Wir gewinnen aber auch Richtlinien, nach denen sich uns eine Be¬
urteilung der wesentlichen Eigenschaften auch der ganz atypischen
Tuberkulosen ermöglicht. Besonders wichtig ist, dass sich die sog.
. konstitutionellen Eigentümlichkeiten nun mit viel grösserer Deutlichkeit
! von einem breiten gleichmässigen Grunde abheben können und sich uns
70
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
die Aussicht eröffnet, auch noch innerhalb der rätselvollen Sammel¬
begriffe Konstitution und Disposition erkennbare Einzelvorgänge auf-
zufinden. _
Beginnen wir mit der isolierten primären Tuberkulose, so treffen
wir auf eine Reihe von Eigentümlichkeiten, die sie in gewissem Sinne
neben den luetischen Primäraffekt stellen. Wie bei diesem neben der
Initialsklerose die indolenten Bubonen zur Diagnose notwendig sind, so
ist beim tuberkulösen Primärkomplex die Zusammensetzung aus
Primärherd und regionären Drüsenveränderungen
das Massgebende. Der Primärherd pflegt sehr klein zu sein. Er kann
vor allem in der Lunge, zweifellos aber auch in den übrigen erst¬
infizierten Organen mehrfach vorhanden sein. Die Infektion kann
ferner auch in mehreren Organen zugleich Fuss fassen. Der Primär¬
herd selbst entzieht sich infolge des Fehlens einer intensiven peri¬
fokalen Entzündung im allgemeinen zunächst dem Nachweis, wenn es
sich nicht um Haut- oder Schleimhautinfektionen von nicht zu gering¬
fügigem Grade und an für die Erkennung günstig gelegenem Orte
handelt.
Wichtig für die Erkennung des Primärkomplexes ist dagegen die
Tatsache, dass die Drüsenveränderungen an Masse den Primäraffekt
stets beträchtlich übertreffen. Dadurch wird die Drüsen¬
erkrankung der leichter erkennbareT eil desPrimär -
komplexes. Das trifft besonders dann zu, wenn die Drüsen der Be¬
tastung und Betrachtung mehr oder weniger direkt zugänglich sind.
Das sind also in allererster Linie die verschiedenen Drüsengruppen
des Halses, in zweiter Linie diejenigen der Extremitäten^ inkl. der
Axillar- und Inguinaldrüsen; seit der Entdeckung der Röntgenstrahlen
auch die Lungenwurzeldrüscn, während bei den peritonealen Lymph-
drüsen meist erst beträchtliche Schwellungen oder Verkalkungen nach¬
weisbar werden.
Die typische Form der Heilung eines zunächst makroskopisch isoliert
bleibenden Primärkomplexes mit seiner Verkalkung macht ihn für die
Erkennung auf dem Röntgenschirm noch ganz besonders geeignet.
Kalkherde in Hilusdrüsen und im Lungengewebe sind seit der Vervoll¬
kommnung der Durchleuchtungstechnik heute ein alltäglicher Befund
geworden. Sie sind mit verschwindenden Ausnahmen als Reste tuber¬
kulöser Primärkomplexe anzusehen.
Wo der Primärkomplex isoliert bleibt, handelt es sich stets um
„leichte“ Erkrankungen. Seine Erkennung, die gewöhnlich erst in oder
nach der Abheilung erfolgt bringt uns deshalb meist wenig oder keine
Anhaltspunkte für die Einleitung irgendeiner Behandlung. Von viel
grösserer praktischer Bedeutung ist die Erkennung der Frühformen der
generalisierenden Tuberkulose. Hier handelt es sich nicht mehr um
eine lokale Veränderung, sondern um eine sehr ausgesprochene All¬
gemeinerkrankung. Das wichtigste Kennzeichen sind die Spuren
hämatogener Disseminationen. Sie gehen ausnahmslos Hand in Hand
mit toxischen Wirkungen, sei es, dass die Bazillen selbst erst im
Organismus verarbeitet werden, oder, was ja stets unvermeidlich ist,
dass ausser den Bazillen auch toxische Substanzen aus den bestehenden
Herden in die Zirkulation geraten. In den leichtesten Formen setzt sich
das Bild einer beginnenden chronisch generalisierenden Tuberkulose
zusammen aus einem nachweisbaren Primärkomplex, der diesmal sich
mit einer entzündlichen perifokalen Zone umgibt und einer Allgemein¬
erkrankung, die neben ganz allgemeinen Erscheinungen, wie Gewichts¬
abnahme, Störungen des Wohlbefindens, des Gewebsturgors und der
Körpertemperatur noch mehr oder weniger direkte Spuren der hämato¬
genen Aussaat erkennen lässt. Als solche sind neben dem Neuauf¬
treten dauernderer hämatogener Herderkrankungen vor allem die
Tuberkulide und die Phlyktänen zu nennen.
Eine ganz leichte Erkrankung der Art wird etwa unter dem fol¬
genden Bild verlaufen:
Ein gesund erscheinendes Kind zeigt eine positive Tuberkulin¬
hautreaktion. Bei sorgfältiger täglicher Beobachtung lässt sich nun in
wechselnder Reihenfolge das schubweise Auftreten von vielleicht nur
ganz vereinzelten Tuberkuliden, sowie von Drüsenschwellungen fest-
steilen. Die letzteren sind ausserhalb dieser Schubzeiten gewöhnlich
stabil, offensichtlich reizlos. Bei sorgfältiger Beobachtung des Kindes
zeigt sich aber, dass diese Drüsen gelegentlich anschwellen, schmerz¬
haft werden und dann nicht mehr so scharf für den tastenden Finger
von der Umgebung abgegrenzt sind. Die Temperaturmessung verrät,
dass diese Attacken in der Regel mit Fieber einsetzen und mehr oder
weniger lang von ihm auch begleitet sind. Durchsucht man nun die
Haut, so finden sich auch gerade in diesen Zeiten nicht selten Tuberku¬
lide ?). Nach einigen Tagen, in den leichten Fällen spätestens nach
einigen Wochen, ist alles abgeklungen. Die Schmerzhaftigkeit der
Drüse ist verschwunden. Die Drüse selbst bleibt im ungünstigen Falle
über den früheren Stand hinaus vergrössert, im günstigen bildet sie
sich zurück auf ihr früheres Volumen oder auch unter dasselbe. Aus
der unscharfen Begrenzung der Drüse, die zusammen mit der Schmerz¬
haftigkeit als Folge einer Randreaktion eines tuberkulösen Herdes nach
dem Typus der 2. Allergieform, d. h. also als akute perifokale Ent¬
zündung aufzufassen ist, entwickelt sich nun eine mehr oder weniger
*) Dieses Bild des akuten Anfalls ist meines Wissens erstmals beschrieben
worden von Ibrahim in: Prognose der tuberkulösen Infektion im frühen
Säuglingsalter. Beitr. z. Klin. d. Tuberk. 21, Heft 2.
deutliche bindegewebige Fixierung der nun schmerzlosen Drüse an ihre
Umgebung. , . . „ , _ ,
So verliert die Drüse allmählich ihre frühere
rundliche Kontur, sie verhärtet undwird mitder Um¬
gebung verlötet drei für die Diagnose einer ab¬
heilenden tuberkulösen Drüsenveränderung ganz
besonders charakteristische Symptome. Im Gegensatz
dazu sind die drei vorgenannten Erscheinungen: die entzündliche Re¬
aktion in der Drüse und ihrer unmittelbaren Umgebung, das Fieber und
das Auftreten von Tuberkuliden oder Phlyktänen als Zeichen eines
akuten Zwischenspiels einer aktiven, wenn auch chronischen, generali¬
sierenden Tuberkulose anzusehen. Wo Tuberkulide vorhanden sind,
steht es fest, dass es sich dabei um den klinischen Ausdruck einer Re¬
aktion auf einen Einbruch von Virus in ungelöstem oder doch nur
kolloidalem Zustand in die Blutbahn handelt.
Je schwerer die Erkrankung ist um so deutlicher werden die Er¬
scheinungen, die krankhaften Veränderungen immer sinnfälliger, die
Herd- und Herdrandreaktionen immer stürmischer, während die ge¬
setzten Einzelherde immer weiter wachsen. Dabei ist daran festzu¬
halten, dass die anaphylaktische Randreaktion ein Ausdruck eines
energischen Kampfes ist, also auch starke Abwehrkräfte erschlossen
lässt. Gelingt es dem Körper, die hämatogenen Disseminationen so weit
zu beherrschen, dass eine allgemeine Miliartuberkulose nicht auf-
kommen kann, so entsteht das jedem Praktiker bekannte Bild der
multiplen Drüsen-, Knochen- und Weichteiltuberkulose, mit ihren aus¬
gedehnten Einschmelzungen und Vereiterungen. Die hochgradige spe¬
zifische Ueberempfindlichkeit kann nun das Krankheitsbild beherrschen.
Wir haben dann die „skrofulöse“ Form der generalisierenden Tuber¬
kulose vor uns.
Es ist erstaunlich, welche ungeheueren entzündlichen Verände¬
rungen in diesem Stadium noch einer vollkommenen Heilung zugängig
sind. Das ist der Formenkreis, in dem die Sonnenbehandlung, vor allem
im Hochgebirge, ihre verblüffendsten Erfolge zeitigt. Jeder kennt aus
den Veröffentlichungen von Rolli er, Bäcker u. a. die Bilder von
Kindern in jämmerlichstem Ernährungszustand und mit verkrüppelten
Gliedmassen, aus denen unter der Einwirkung der Sonnenbehandlung
blühende gesunde Geschöpfe wurden, die aller ihrer Glieder mächtig
sind und nur mehr in zahlreichen, wenig störenden Narben die Spuren
des furchtbaren Kampfes tragen, den sie siegreich bestanden haben.
Jeder kennt aber auch die traurigen Endstadien, in denen nach oft jahre¬
langem, erstaunlich hartnäckigem Kampf der Organismus schliesslich
doch noch sehr häufig unter dem Bild der Miliartuberkulose — aber
auch dem der Erschöpfung und des Amyloids — erliegt.
Zwischen diesen beiden Extremen liegt das weite Feld derjenigen
Erkrankungen, in denen weder der Parasit noch der Organismus zu
einem endgültigen Siege gelangen.
Für die Erkennung des chronisch-aktiven Primärkomplexes in der
Lunge spielt die streng lokalisierte Bronchitis in dem Abflussgebiet
zwischen Herd und Lungenwurzel eine Hauptrolle. Bei jahrelangem
Bestehen derselben — wie es die meisten abheilenden chronischen
Fälle charakterisiert — wird der befallene Bronchus von Bindegewebs-
massen schliesslich geradezu erwürgt. Die Schleimhaut atrophiert bis
auf geringfügige Reste. Es entsteht so ein vergleichsweise sehr wenig
elastischer Strang mit grosser Neigung zur zentripetalen Retraktion.
Da ähnliche Vorgänge auch um die Blutgefässe herum stattfinden, hier
allerdings meist ohne die Durchgängigkeit des Blutgefässes zu alterieren.
so entsteht ein Strangsystem in dem von Toxin durchflossenen Lymph-
gefässgebiet, das den befallenen Lungenteil dauernd verändert Diese
Stränge sind also Bindegewebswucherungen, ausgehend von den Lymph-
scheiden um Gefässe und Bronchien und sind zum weitaus grössten Teil
als Wirkung der Virusdurchströmung bei bestehender histologischer Gift¬
überempfindlichkeit aufzufassen. Nur ein ganz geringer Teil der Ver¬
änderungen besteht aus echten Tuberkeln, verdankt also seine Aus¬
bildung der Ansiedlung einer bazillären Einzelkolonie.
Diese Stränge sind zunächst auf dem Röntgenbild gefunden worden,
auf dem sie ja auch ganz besonders in die Augen fallen. Die Ver¬
änderung in der Lunge macht aber auch auskultatorisch und per¬
kutorisch häufig sehr merkbare Erscheinungen : leichte Dämpfungen, oft
mit tympanitischem Beiklang infolge der Entspannung, Nachschleppen
bei der Atmung, chronische, mehr oder weniger streng
lokalisierte Bronchitis und nicht selten auch rauhes und leises
Atmen des von den chronisch veränderten Bronchien versorgten
Lungengewebes. Wer die schweren Veränderungen derartiger
Bronchien gesehen hat, begreift dass die von ihnen versorgten Lungen¬
gebiete teilweise oder ganz atelektatisch werden müssen. Die vollen
Atelektasen beschränken sich dabei gewöhnlich auf kleinere Einzel¬
gebiete, während die Entspannung und relative Luftleere je nach der Aus¬
dehnung des Primärkomplexes auch recht beträchtliche Partien eines
Lungenlappens befallen kann.
Tritt nun im Krankheitsablauf, wie bei der fortschreitenden Tuber¬
kulose in der Regel, eine schubweise Verschlimmerung auf, an der sich
derartige veränderte Lungenpartien beteiligen, so müssen notwendig
alle diese Erscheinungen sehr wesentlich verstärkt werden. Bei starker
seröser, entzündlicher Durchtränkung des ganzen Gebiets und ver¬
mehrter Sekretion in den befallenen Bronchien müssen die Erschei¬
nungen die Diagnose einer akuten Bronchopneumonie sehr nahelegen,
um so mehr, als das Allgemeinbefinden mit seiner schweren Störung und
dem oft sehr hohen Fieber in der gleichen Richtung zu deuten scheint.
Da das Ganze bei einem offensichtlich schwer tuberkulösen Kranxen
auftritt, so macht der Arzt sich und die Angehörigen auf das Aeusserste
1
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
71
gefasst und ist dann von dem nahezu völligen Verschwinden der alar¬
mierenden Erscheinungen bei Abklingen der Reaktion überrascht und
desavouiert.
Ganz ähnlich liegen die Erscheinungen bei den, sei es nun
hämatogen, lymphogen oder intrakanalikulär entstandenen sekundären
Manifestationen. Auch hier stehen die Erscheinungen einer geweb¬
lichen Allergie exsudativen Charakters durchaus im Vordergrund, nur
ist alles noch gröber, noch sinnfälliger, die anatomischen Zerstörungen
viel weitgehender, die Krankheitserscheinungen noch schwerer und
bedrohlicher. Infiltrationen und Einschmelzungen irreparabler Art
fangen an, im Krankheitsbild eine beherrschende Rolle zu spielen.
Neue Formen treten erst auf, wenn sich die Reaktionsweise des
Organismus noch einmal verändert.
Je weiter der allergische Entwicklungsgang der Erkrankung fort-
i schreitet, desto mehr tritt die histologische Ueberempfindlichkeit
; (Allergie II) und mit ihr bei der Tuberkulinanwendung die Stich¬
reaktion gegen die Bazillenstoffe und das „Tuberkulin“ in den
Hintergrund. Das macht sich auch in den klinischen Krankheitszeichen
bemerkbar. Ueberall wird die Natur des Kampfes zwischen Organismus
und Parasit verändert. Der Bewegungskampf und mit ihm die Meta¬
stasen treten auffallend zurück. Auch die gewaltigen Sturmangriffe der
■ ersten Kampfzeit flauen immer mehr und mehr ab. An die Stelle der
mächtigen aktiv entzündlichen Randzone mit ihrer starken ödematösen
Durchtränkung und den ungeheuren Lymphozytenansammlungen, zu¬
gleich aber auch dem massenhaften Untergang weisser Blutzellen in
weitausgedehnten, von feinem Kernschutt erfüllten Leichenfeldern, tritt
ein immer mehr versumpfender Grabenkrieg, ein Abriegeln der im
Angriff nicht mehr bewältigbaren feindlichen Positionen. Damit uitt
der eigentliche tuberkulöse Herd in den Krankheitserscheinungen immer
mehr in den Vordergrund.
Besonders deutlich ist das in der Lunge, in der sich das Spät¬
stadium der Tuberkulose so besonders gern festsetzt, dass die isolierte
Phthise, die Lungentuberkulose ohne humorale Metastasen, als ihr
Prototyp angesehen werden muss. Es treten nicht nur keine humoralen
Metastasen mehr auf, sondern es liegt in der reinen Form der tuber¬
kulöse Herd auch in einer vergleichsweise wenig veränderten Um¬
gebung. Die chronisch-pneumonischen Herderscheinungen werden
dauernd und stehen ganz im Vordergrund des klinischen Bildes. Sie
bleiben lokalisiert und sind nicht mehr von so weitreichenden chronisch-
bronchitischen Erscheinungen der näheren oder ferneren Uihgebung
begleitet. Man kann oft direkt neben einem grösseren tertiär-tuberku¬
lösen Lungenherd klares Vesikuläratmen aus vollkommen reizfreiem,
alveolär gebauten Gewebe hören und das gleiche auch auf dem Sek¬
tionstisch zu sehen bekommen. Dazu ist es nicht unbedingt notwendig,
dass ein solcher Herd bindegewebig abgekapselt ist.
Das krankhafte Geschehen spielt sich nun für die klinische Be¬
obachtung also vorwiegend im Herde selbst ab. So ist das „Trocken¬
werden der Herde“ und das Zurücktreten frischer Entzündungserschei¬
nungen im Herde selbst auch klinisch das wichtigste Zeichen dafür, dass
der Kampf sich, wenigstens momentan, zu gunsten des Organismus ge¬
wendet hat. Umgekehrt ist das Auftreten einer entzündlichen Reizung
im Herde — - auskultatorisch also Zunahme der Sekretion, das Feuchter¬
und Zahireicherwerden der Geräusche — nicht mehr als einfache, viel¬
leicht heilsame Randreaktion, sondern meist als Zeichen eines Fort-
schreitens der Erkrankung zu bewerten.
Bei allen diesen Veränderungen des tertiären Befundes ist aber
charakteristisch, dass sie im allgemeinen sehr langsam erfolgen und im
Vergleich zu den Aenderungen des zweiten Stadiums geringfügiger
sind, dass eine Rückbildung in so weitgehendem Masse wie bei den
rein reaktiven Veränderungen der generalisierenden Tuberkulose nie¬
mals vorkommt, eben weil das tuberkulös zerstörte Gewebe selbst hier
die augenfälligsten klinischen Erscheinungen verursacht. Die vor¬
wiegende Heilungsform ist nun nicht mehr die Verkalkung wie beim
Primärkomplex oder eine rasche Einschmelzung und damit eventuell
Ausstossung oder Resorption des Herdes, wie bei den typisch sekun¬
dären Herden, sondern die Abkapselung und bindegewebige Vernarbung.
In der Lunge allerdings, in der die Krankheit ein sehr zartes zer¬
störungsfähiges Gewebe befällt, bleiben Einschmelzungen noch lange
möglich. Sie scheinen hier zum Teil unter dem Einfluss von Misch¬
infektionen zustande zu kommen, wie das auch für die akut-pneumo¬
nischen Erkrankungen der voll entwickelten tertiären Form die Regel
ist. Bei dem dauernden Zusammenhang zahlreicher Lungenherde mit
der Aussenwelt, ist eine Mischinfektion auf die Dauer ebenso unver¬
meidbar, wie bei der Darmtuberkulose. Es ist aber stets daran fest¬
zuhalten, dass die Verflüssigung des tuberkulösen Produktes auch in
den Spätformen der Tuberkulose nur z u r ü c k t r i 1 1 und seltener
wird, nicht aber vollkommen ausbleibt.
Da die tertiären Tuberkulosen in einem vergleichsweise hochgradig
immunen Körper liegen und sich ausbreiten müssen, ist es selbstver¬
ständlich, dass gerade sie zu ihrem Zustandekommen lokal oder all¬
gemein günstiger Nebenbedingungen bedürfen. Im allgemeinen gilt die
Regel, dass je „schwerer“ die Infektion, um so rascher der Verlauf der
üesamterkrankung ist und um so geringfügiger der Einfluss von Organ¬
disposition und Konstitution1, die beide für den Verlauf und ganz be¬
sonders für die Entstadien der ganz chronischen Formen geradezu aus-
, schlaggebend sind.
Es verdient beachtet zu werden, dass die echt tertiären Erkran¬
kungen so gut wie ausschliesslich in der Lunge, also in einem der
Infektion von aussen gegenüber ganz besonders empfänglichen Organ
Nr. 3.
beobachtet werden. Abgesehen von der Lungentuberkulose, den Haut¬
tuberkulosen, der Darmtuberkulose entstehen alle übrigen Organ¬
tuberkulosen notwendig hämatogen oder doch auf dem Zirkulations¬
wege. So häufig nun die Inhalationstuberkulose der Lunge ist, so gibt
es selbstverständlich doch auch zahlreiche hämatogen entstehende
Lungentuberkulosen. Ihr Prototyp ist aber die Miliartuberkulose, wo¬
bei nicht nur die ganz akuten allgemeinen Miliar¬
tuberkulosen im Auge behalten werden dürfen. Wir
finden in der Lunge neben multiplen kleinknotigen und den subakuten
grossknotigen auch ganz chronische, weniger ausgebreitete hämatogene
Tuberkulosen. Eine sehr auffällige Eigenart mancher nicht unmittelbar
das ganze Organ befallender, aber doch schwerer, fortschreitender
hämatogener Lungentuberkulosen ist das vorwiegende Befallen de¬
zentralen Partien. Zahlreiche kleinknotige Herde im hilusnahen Lungen¬
gewebe sind deshalb meist der röntgenologische Ausdruck einer ganz
besonders gefährlichen Form des Beginnes in der Lunge.
Die Inhalationstuberkulose ist in ihrer typischsten Form durch den
Primärkomplex vertreten. Viel verwickelter ist der Ablauf im schon
früher infizierten, mehr oder weniger immunen Individuum. Hier treten
die Hiluserscheinungen mit der ausbleibenden lymphogenen Ver¬
breitung und ebenso die perifokale Bronchitis sehr stark in den Hinter¬
grund. Die Ausbreitung geschieht von vornherein vorwiegend intra-
bronchial und richtet sich gerade in diesen Fällen in der bekannten
typischen Weise spitzenwärts. Hier gilt also das allgemein aus¬
gesprochene Gesetz noch einmal im besonderen innerhalb der Lunge,
dass in den tertiären Formen die Lokaldisposition zu einem ausschlag¬
gebenden Faktor wird.
Ganz besonders eindrucksvoll wird der Unterschied, der hier für die
Lungentuberkulosen kurz skizziert wurde, bei den beiden Hauptformen
der Kehlkopftuberkulose, der typischen Kehlkopfphthise als Teil¬
erscheinung einer isolierten tertiären Lungenerkrankung und der
durchaus nicht ganz seltenen primären Kehlkopf- und Trachealtuberku-
lose. Im ersteren Falle steht der eigentliche Krankheitsherd durchaus
im Mittelpunkt des krankhaften Geschehens. Sein Sitz, seine Grösse,
seine Beschaffenheit verursachen unmittelbar als solche die krankhaften
Erscheinungen. Hustenreiz, Heiserkeit, Schluckbeschwerden sind die
wichtigsten Kennzeichen. Auch der Druckschmerz beim Umgreifen
des Kehlkopfes und der ausstrahlende Schmerz in die Ohrtrompeten
und das Mittelohr gehören zu solchen direkten Herdsymptomen. Eine
Erkrankung in den regionären Drüsen fehlt aber oder
ist auf das eben noch erkennbare Minimum der
typischen abortiven Metastasen beschränkt. Ganz
anders ist es bei den primären und frühsekundären derartigen Er¬
krankungen. Hier treten die Erscheinungen der Kehlkopferkrantumg als
solche nicht selten geradezu in den Hintergrund, während die oft un¬
geheuren Drüsenpakete zu beiden Seiten des Halses und eventuell auch
die Folgen einer schweren hämatogenen Aussaat mit ihrem Bild einer
schwersten infektiösen Gesamterkrankung durchaus im Vordergrund
stehen.
Für den Praktiker ist es wichtig, dass die Reaktionsweise der ver¬
schiedenen Entwicklungsformen der Tuberkulose auch dem Tuberkulin
gegenüber die gleichen Grundzüge wieder erkennen lässt, hier sogar sie
ganz besonders deutlich zeigt. Die frühsekundären Tuberkulosen zeigen
bei kräftiger Gegenwirkung des befallenen Körpers eine sehr hohe Alt-
tuberkulinempfindlichkeit in der Form der Stichreaktion. Ausgedehnte
sehr schmerzhafte Infiltrate mit erysipelatöser Rötung der darüber
liegenden Haut in noch grösserem Umfang, auch Blasenbildung in der¬
selben, sind hier das Gewöhnliche. Ich habe in einem solchen Fall auf
0,3 mg Alttuberkulin eine Schwellung und erysipelatöse Rötung des
ganzen Armes von den Fingerspitzen bis über das Schultergelenk
hinaus beobuentet, die jede Bewegung des Armes unmöglich machte
und auch nach 3 Wochen noch nicht vollkommen abgeklungen war.
Dieselbe Kranke zeigte bei einer ca. 34 Jahr späteren Wiederholung
noch auf ein Millionstel Milligramm eine starke Stichreaktion. Als sie
6 Jahre später mit dem Beginn einer tertiären Lungentuberkulose
wieder vorübergehend zur Beobachtung kam. wurde zwar die Tuber¬
kulininjektion in Erinnerung an die früheren Erlebnisse verweigert, aber
eine Hautimpfung nach Ponndorf gestattet*. Dieselbe wurde mit
purem Alttuberkulin vorgenommen und ergab trotzdem nur eine
massige Rötung und Schwellung der Impfschnittränder ohne wesent¬
lichen Hof Dabei war die Kranke aber nicht anergisch, denn sie über¬
wand die neue Attacke, der Krankheit in wenigen Wochen.
Bei der echten Phthise, dem Prototyp der tertiären Lungenerkran¬
kung, tritt nun regelmässig die Stichreaktion, d. h. also der Ausdruck
der allgemeinen geweblichen Anaphylaxie in den Hintergrund, während
die Reaktionsformen, die bei der sekundären Tuberkulose zurücktreten,
nun überwiegen. So hatte die oben erwähnte Kranke in der Zeit der
ungeheueren Stichreaktion eine Temperatursteigerung, die nicht höher
als 37,4 in recto im Maximum an den 3 Tagen nach der Einspritzung
kam. Allerdings war die Temperatur vor der Injektion und nach den
3 Reaktionstagen nicht höher als 36,9 im Maximum gewesen. Die
Allgemeinerscheinungen wurden von ihr mit dem Gefühl einer leichten
Influenza beschrieben, lassen sich also auch nicht annähernd mit dem
Grad der Stichreaktion vergleichen. Bei der echten Phthise sehen wir
zwar Giftempfindlichkeit ganz ähnlichen Grades, aber veränderten Typs.
Ein Millionstel Milligramm Alttuberkulin kann jetzt eine deutliche
Fieberreaktion und eine dem Kranken sehr schwer fühlbare Allgemein¬
reaktion auslösen, während von einer Stichreaktion dabei vielleicht
überhaupt nichts gesehen werden kann. Es ergibt sich daraus, dass
nicht die Giftüberempfindlichkeit schlechthin die generalisierenden
3
72
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
tuberkulösen Formen charakterisiert, sondern gerade die histologische
Allergie nach dem sekundären Typ, die uns als akute exsudative Ent¬
zündung unmittelbar an der Stelle der Einverleibung des üiftes en ¬
gegentritt, dieses hier iesthält, lokalisiert, vielleicht absattigt. Damit ,
wird es wahrscheinlich, dass die Tuberkulintherapie sich diesen Ver¬
hältnissen anpassen und davon vielleicht auch einigen Vorteil tur di
Behandlung ziehen kann. _ _
Verfolgen wir diesen Unterschied in der Reaktionsweise gegenüber
dem Alttuberkulin noch etwas weiter, so sehen wir, dass die starke
Stichreaktion der sekundären Formen sich vollkommen innerhalb des
Kreises der als Anaphylaxie beschriebenen Erscheinungen halt. Die Re¬
aktion ist eine allgemein entzündliche. Man kann ihr hei der ausseren
Betrachtung nicht ohne weiteres ansehen, mit welchem Stott sie aua-
gelöst wurde. Erst die mikroskopische Untersuchung wurde unter Um¬
ständen den typischen histologischen Bau einer tuberkulösen Gewebs¬
veränderung im Zentrum des künstlichen Herdes nachweisen können.
Im Gegensatz dazu verrät die Wirkung kleinster Tuberkulinmengen bei
den schweren fortschreitenden tertiären Lungentuberkulosen eine aul¬
fallende Aehnlichkeit mit der von Behring entdeckten spezifischen
Giftüberempfindlichkeit hochimmunisierter Tiere gegen das zur Immuni¬
sierung verwendete Toxin (Diphtherie und Tetanus). Es darf deshalb
wohl nicht als Zufall angesehen werden, dass die Verstärkung der mehr
oder weniger spezifisch tuberkulotoxischen Wirkungen gerade beim
Phthisiker, also ebenfalls wieder dem Träger einer nachweisbaren weit¬
gehenden Immunität, angetroffen wird. Wir gewinnen von hier aus
einen Ausblick auf Verständnismöglichkeiten für das rätselvolle Krank¬
heitsbild der isolierten Phthise, die mir heute sehr weitreichend er¬
scheinen wollen, und zweifellos auch für die Praxis verwertbar gemacht
werden können. Schliesslich sei nicht unerwähnt, dass es sich auch bei
der Tetanus- und Diphtherieimmunität nicht um eine vollständige und
vollkommene, sondern um eine Teilimmunität — hier gegen ein echtes
Toxin — handelt. Wir werden daraus den Schluss ziehen, dass es auch
in bezug auf die Immunität noch allerhand Dinge zwischen Himmel
und Erde gibt, die wir nicht vorschnell als ausreichend bekannt ansehen
dürfen. Auch die Immunität ist, wie jede grosse wissenschaftliche
Intuition ein antizipierter Begriff, zunächst nur in der allgemeinsten
Fassung berechtigt, im Detail aber nur auf Probe bis zur Bewahrung
unserer jeweiligen Vorstellungen an der Erfahrung aufgestellt.
Bleiben wir also auch für unser spezielles Forschungsgebiet des
schönen Satzes von Karl Ernst v. Baer eingedenk: „Die Wissen¬
schaft ist ewig in ihrem Quell, unermesslich in ihr e.m
Umfang, endlos in ihrer Aufgabe, unerreichbar in
ihrem Ziele.“ _
Aus der II. medizinischen Klinik der Charitee Berlin.
(Direktor: Geheimrat Prof. Dr. Kraus.)
Die Behandlung der Lungentuberkulose durch Anregung
des Kreislaufs.
(Mit einer Bemerkung über Eukupin.)
Von W. Arnoldi, Assistent der Klinik.
Im Jahre 1892 berichtete Bruno Alexander über die Behandlung
der Lungentuberkulose mit subkutanen Kampferinjektionen. Fast zu
gleicher Zeit teilten auch Huchard und Faure-Miller günstige
Ergebnisse dieser Behandlungsmethode mit Alexander ging in fol¬
gender Weise vor: An 4 aufeinanderfolgenden Tagen wird 1 ccm Oleum
cbmphoratum mite injiziert. Dieser Turnus wird mehrfach, mit 8 bis
10 tägigen Zwischenpausen wiederholt. Das gilt für fieberfreie Kranke,
bei Temperaturerhöhung gibt man dagegen nur 0,1 ccm im Anfang,
und wenn diese Dosis gut vertragen wird, späterhin mehr. Die besten
Erfolge sah der Autor bei älteren Fällen von Phthise mit Kavernen. Aus¬
drücklich wird betont, dass nicht immer die Wirkung eine günstige war
und zuweilen Misserfolge, ja sogar Verschlimmerungen vorkamen Es
handelt sich also durchaus nicht um ein unbedingt harmloses Verfahren,
und zu seiner Anwendung ist eine genügende klinische Erfahrung not¬
wendig. In geeigneten Fällen schwinden nach Alexander Nacht-
schweisse, Auswurf, Fieber, hebt sich der Appetit, und die Leistungs¬
fähigkeit, sowie auch das Aussehen werden gebessert. Hämoptoe bil¬
dete keine Kontraindikation, eine Angabe, der später v. Criegern
widerspricht in seinem Bericht über die Erfahrungen mit der Kampfer¬
behandlung in der Klinik von Hoff mann in Leipzig. Hier fand man
keinen Einfluss bei unkomplizierter Tuberkulose. Bei älteren Fällen
dagegen mit Kavernen erwies sich der Kampfer unbedingt als nützlich.
Unter der Behandlung stieg der Blutdruck; auf die Atemnot, den Husten¬
reiz die Schmerzen und mitunter auch den Schlaf wirkte der Kampfer
nicht förderlich ein, wohl aber auf die Arbeitslust, die Leistungsfähigkeit,
die Nachtschweisse und den Auswurf. Nach jahrelangem Gebrauch
lässt die Wirkung nach.
Als ich vor 3 Jahren, ebenso zufällig wie Alexander, und ohne
seine Arbeiten zu kennen, die Kampferbehandlung aufgriff, machte ich
bald die gleichen Erfahrungen wie dieser Autor.
Der erste Kranke war ein Mann von 33 Jahren mit ausgedehnter Tuber¬
kulose beider Lungen (Röntgenplatte), der sich weigerte, in eine Heilstätte
zu gehen, oder auch nur seine anstrengende berufliche Tätigkeit einzu¬
schränken. Er klagte über grosse Schwäche, Nachtschweisse, starken Husten
und mässig starken Auswurf. Sein Gewicht hatte in den letzten 6 Jahren
um 45 Pfund abgenommen. Die Temperatur ist nachmittags ein wenig erhöht.
Im Auswurf befinden sich zahllose Tuberkelbazillen.
Behandlung: Jeden 2. Tag 1 ccm Ol. camph intramuskulär Ferner
Dürkheimer Maxquelle. Schnelle Besserung aller Erscheinungen, Gewichts¬
zunahme in 3 Monaten 15 Pfund, dann weiter 5 Pfund Sputum wmd bazillen-
frei. Seit 2 'A Jahren Wohlbefinden, keine weitere Behandlung erforderlich.
Dieser Erfolg ermutigte mich, die Methode auch bei anderen Fällen
anzuwenden. Neben dem Kampfer verordnete ich, je nach den Um¬
ständen, Phosphorlebertran, Kalzium oder Arsen zeitweilig. Ging eine
Hämoptoe kurz voraus, so leitete ich die Behandlung mit Adonigen
ein 3 mal 5—8 Tropfen. Ich werde auf dieses Praparat spater noch
zurückkommen. Die Fieberkurve I mit Anmerkungen über die Ver-
Es handelt sich um einen JO jährigen Mann mit ausgedehnter Lungen¬
tuberkulose, der vor 14 Tagen plötzlich Blutauswurf bemerkte, ferner Nacht¬
schweisse, Husten usw. Ihm war bis dahin nichts über sein]
Durch die Behandlung rapider Gewichtsanstieg bis auf 40 Pfund, aus Ke
zeichnete Besserung aller Erscheinungen and Wiedererlangen der vollen
Arbeitsfähigkeit. „ . . , , . , ......
Bei manchen Kranken war mehr Geduld und Ausdauer erforderlich,
andere sprachen schneller auf die Behandlung an. Im Durchschnitt
betrug die Dauer der Behandlung etwa Jahr, wie es auch Alexan¬
der angibt. Die Höhe der Dosis, wie auch die Länge der Zwischen¬
pausen, sind stets den besonderen Verhältnissen des Einzelfalles an¬
zupassen. Als Richtschnur für die Beurteilung gelten neben dem Unter¬
suchungsbefund die subjektiven Empfindungen der Kranken ). Leichte
Benommenheit, Kopfschmerzen oder dergl. treten am läge der ln"
jektion zuweilen auf. Das ist unbedenklich, wenn am folgenden läge
die Kranken sich Wohlbefinden. Ferner richte man sich nach der lern-
peratur. Es darf nicht zu einer längerdauernden Fiebersteigerung
kommen Das Gewicht muss genau kontrolliert werden und soll bei
abgemagerten Personen bis zu einem normalen Werte ansteigen.
Viel schwieriger als bei den Fällen mit subfebrilen oder noimalen
Temperaturen gestaltet sich die Behandlung Lungentuberkulöser mit
stärkerem Fieber. Unter solchen Umständen habe ich den Kampier
oder das Adonigen mit Eukupin kombiniert. Vorbehaltlich der Bestati-
gung durch andere Untersuchungsmethoden und von seiten anderer Be¬
obachter möchte ich annehmen, das das Eukupin sich nicht nur bei
der Behandlung von fiebernden Tuberkulösen bewährt, sondern auch
zur Entscheidung der Frage beitragen kann, ob das Fieber durch den
tuberkulösen Prozess als solchen, oder durch eine Mischinfektion hervor¬
gerufen wird. , . , , , ....
Fall II betrifft einen 59 jährigen Kranken mit ausgedehnten alteren
und frischeren Lungenveränderungen.
Seit dem 22. Lebensjahr tuberkulös. Im Auswurf keine Tuberkelbazillen.
Atemnot und leichte Zyanose bei der Aufnahme. Lungenschwarte, Bronchitis
und Peribronchitis chronica. Aus der Kurve ist ersichtlich, wie günstig die
kombinierte Behandlung mit kleinen Dosen Adonigen, Kampfer und Eukupin
. . T7 _ — _ ^ r, , M TT .... \r t AM I T OTT71 PntC.
Zunahme 20 Pfund.
Die geschilderte Behandlungsmethode war wirkungslos bei einer
Reihe von Kranken mit schwerer, vorwiegend exsudativer Lungen¬
tuberkulose im letzten Stadium. Auch bei ausgeprägten thyreotoxischen
Erscheinungen ist der Kampfer nicht angebracht, viel eher das. Adonigen,
dessen Wirkung eine mildere und auch andersartige ist. Es ist ratsam,
bei jedem fiebernden Kranken vorsichtig „tastend“ die Behandlung zu
beginnen, zunächst mit Adonigen, dem in kleinen Dosen und unter Um¬
ständen grösseren Zwischenpausen Kampfereinspritzungen folgen.
Gelingt es dann, ohne Schaden, zu höheren Dosen Kampfer über¬
zugehen, so ist diese Behandlung wirkungsvoller, als die mit Adonigen
Nicht selten sieht man nach Injektionen von Kampferöl allgemeine,
sowie Herdreaktionen auftreten, die durchaus denen gleichen, die nach
Tuberkulininjektionen beobachtet werden. Ich verweise auf Kurve I
und führe eine weitere Fieberkurve II an, die von einem desolaten
Falle von Lungentuberkulose im letzten Stadium der Erkrankung
stammt. Die Fiebererhöhung am Tage nach der Injektion von 0,5 ccm
Ol. camphor. ist deutlich.
Alexander untersuchte bereits andere Kreislaufmittel in ihrer
Wirkung auf die Tuberkulose. Nur das Coffein, natr. benzoic. erwies
*) Die Angaben der Kranken über subjektive Beschwerden (Magen¬
schmerzen!) sind fast so wesentlich wie die Temperaturmessung.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
n
20. Januar 1922.
;icti ihm als wirksam, wenn auch in geringerem Grade als der Kampfer.
2s war diesem Autor entgangen, dass bereits in der älteren Literatur
Beobachtungen ähnlicher Art niedergelegt sind. Focke berichtet
leuerdings über Angaben der englischen Aerzte aus dem 18. und
19. Jahrhundert über die Wirkung der Digitalis. Sanders erwähnt
1808 dabei auch schon den Kampfer. Ich selbst habe zuweilen Digitalis-
iräparate in kleinen Dosen nicht unwirksam gefunden, ebenso Koffein,
n neuerer Zeit gebe ich dem aus Adonis vernalis hergestellten und
/on C i t r o n experimentell genau untersuchten Adonigen als einem
nilden, gut verträglichen und wirksamen Präparat den Vorzug. Die
<umulierung tritt nicht so bald ein, wie bei Digitalis. Es fehlt die
/agusreizung, soweit man aus den bisherigen klinischen und experimen-
ellen Untersuchungen einen Schluss ziehen kann. Gerade letzteres
st bei den an sich schon häufig „vagotonischen“ Lungenkranken von
/orteil. Die Indikationen, sowie die Art der Anwendung wurden
rereits geschildert.
Der Behandlung mit den genannten, sowie mit anderen Kreislauf¬
nittein, ist die Förderung der Zirkulation und wohl auch eine Auto-
nokulation mit dem eigenen Tuberkulin des Körpers gemeinsam. Man
vird deshalb auch die gleiche Wirkung auf ganz andere Weise erzielen
cönnen, z. B. durch methodische Gymnastik (Inma n) oder Tief-
itmungsiibungen (H o f b a u e r).
Eine sorgfältige und wenn möglich spezialärztliche Untersuchung
ind Behandlung der oberen Luftwege (Rachenmandel), ist in jedem
7all erforderlich. Alle Entzündungsprozesse daselbst, ja schon ein ein-
acher Schnupfen, kann alle Erfolge durch eine neue Verschlimmerung
runichte machen.
Gegen Beschwerden von seiten des Magendarmkanals hat sich mir
Uropin (Sol. Atrop. sulf. 0,01/10 3 mal täglich 5 — 8 Tropfen) aus¬
gezeichnet bewährt. Durch das Nachlassen der Schmerzen wird die
Nahrungsaufnahme gebessert. Bei Durchfällen ist die Kombination von
Uropin mit Opium, bei Obstipation die mit Senna. zweckmässig2).
Zusammenfassung.
1. Bei vorgeschrittenen Fällen von beiderseitiger
Lungentuberkulose wird die Behandlung mit intramuskulären
njektionen von Ol. camphor. mite, jeden 2. Tag 1 ccm, als
virksam empfohlen.
Bei fiebernden Kranken ist eine Vorbehandlung
;nit einem milderen Kreislaufmittel, z. B. Adonigen,
atsam. Dann erst kann ein vorsichtiger Behandlungsversuch mit
deinen Dosen Kampferöl unternommen werden.
2. Nach den ersten Kampferinjektionen treten mitunter a 1 1 g e -
neine und lokale Herdreaktionen auf, die den mit
fuberkulin hervorgerufenen Reaktionen gleichen. Später setzt dann
neist der Kampfer die erhöhte Temperatur herab. Das Verhalten ist
Verschieden, je nach der Dosis (grössere Mengen können leichter
'ieber erzeugen) und nach dem Einzelfall.
Es dürften Beziehungen bestehen zwischen der hier mitgeteilten
Behandlungsmethode und der spezifischen Therapie mit Tuberkulin, in-
ofern durch die Anregung des Kreislaufs im Körper vorhandenes Tuber-
ulin mobilisiert und in den Kreislauf geworfen wird. Die Folgen
vären dann die genannten Reaktionen.
Neben den erwähnten Kreislaufmitteln dürften auch noch andere
eeignet sein, und endlich werden wahrscheinlich ähnliche Effekte
nrch die physikalische Therapie, etwa dosierte Muskelarbeit oder
iefatmung erzielt werden können. Auch hierbei treten zuweilen Re¬
ktionen, allgemeiner und lokaler Art, auf.
3. Zur Behandlung des Fiebers bei Lungentuberkulose eignet sich
as Eucupin. b i h y d r o c h 1 o r i c. oder basic., 3— 4 mal täglich
,25 g in Oblaten nach den Mahlzeiten verabfolgt, sofern das Fieber
n wesentlichen durch eine Mischinfektion hervorgerufen wird.
4. Bei fiebernden Tuberkulosekranken wird man mit der Verordnung
rösserer Dosen von Kreislaufmitteln vorsichtig sein müssen. Der
'rozess kann leicht ungünstig beeinflusst werden; es können Reaktionen
on längerer Zeit auftreten, offenbar dadurch, dass erhebliche Mengen
on Tuberkulin aus den erkrankten Partien in den Kreislauf gelangen
nd die Reaktionen ausiösen.
5. Zur Sicherung des Heilerfolges ist in jedem Fall eine sorgfältige
«ntersuchung und, wenn nötig, Behandlung der oberen Luftwege er-
nderlich.
6. Bei Beschwerden von seiten des Magendarmkanals bewährt sich
ie Verordnung kleiner Mengen von Atropin, unter Umständen mit
inem sehr geringen Zusatz von Opium.
Anmerkung: Seit vielen Jahren bereits habe ich bei nicht tuber-
ulösen Lungenerkrankungen, z. B. hartnäckigen Bronchitiden, mit grossem
putzen kleine Mengen von Kreislaufmitteln verwendet. Namentlich eignen
ich dafür asthenische, vagotonische und lymphatische Personen. Bei diesen
ann ein chronischer Lungenkatarrh durch eine Kreislaufschwäche mitver-
chuldet werden. Aber auch bei beginnenden tuberkulösen Prozessen unter-
tützt ein derartiger vorsichtiger Behandlungsversuch die Heilstättenkur.
donigen bewährt sich hier deshalb recht gut, weil es anscheinend nicht über
en im Reizzustand befindlichen Vagus seine Wirkung auf den Kreislauf
usübt.
Adonigen wird an de.i chemisch-pharmazeutischen Werken Hom-
urg v. d. H. hergestellt.
?) Z. B. als Sennatropin und Opatropin Silbe. Kaiser-Friedrich-Apotheke.
erlin, Karlstr. 20 a.
Aus der Frauenklinik der Universität Leipzig.
Der Nabelschnurvorfall und seine Behandlung*).
Von Prof. Dr. Bernhard Schweitzer.
Der Nabelschnurvorfall kann nur als ein äusserst gefahrvolles
Ereignis für das in der Geburt begriffene Kind gewürdigt werden.
Beim Durchgehen der Geburtswege entrinnt es nur selten der Er¬
stickung. Die bisherigen Resultate der Behandlung können noch
keineswegs voll befriedigen. Wenn auch Verluste an kindlichem Leben
bei der Natur dieser Komplikation nie ganz ausgeschaltet werden
können, so wird doch jeder Geburtshelfer dann an der dringend er¬
wünschten Besserung der Sterblichkeit mitwirken, wenn er, auf dieses
allerdings nicht allzu näufige Ereignis immer eingestellt, im Augenblick
des Geschehens die notwendige Hilfe nicht .vermissen lässt. Wie diese
in Klinik und Haus am besten sich gestaltet, will ich an dieser Stelle
darlegen.
Um meine Ausführungen genügend fundieren zu können, habe ich
die in der Leipziger Klinik beobachteten Fälle vom 1. Januar 1908 bis
1. Mai 1921 durchgearbeitet.
In dieser Zeit kamen auf 18 934 Geburten 214 Fälle von Nabel¬
schnurvorfall, was einer Häufigkeit von 1,13 Proz. entspricht.
Somit kommt hier ein Nabelschnurvorfall auf 88 Geburten, eine im
Vergleich zu anderen Mitteilungen grosse Häufigkeit, die wohl nicht
zuletzt auf Kosten der in Sachsen besonders reichlich vertretenen, dis¬
ponierenden engen Becken zu buchen ist. In einer kleineren Statistik
hat T h u m s t ä d t e r an der hiesigen Klinik eine Häufigkeit von
1,09 Proz. berechnet.
Unter den 214 Fällen meiner Zusammenstellung hatte sich der
Nabelschnurvorfall ereignet bei 142 Kopflagen (139 Hinterhaupts-,
2 Stirn- und 1 Gesichtslage), ferner bei 42 Beckenendlagen (37 Fuss-
und 5 Steisslagen) und bei 30 Querlagen.
Die bekannten Ursachen der zu besprechenden Komplikation,
welche einen mangelnden Abschluss des unteren Uterusabschnittes
durch den vorliegenden Kindsteil bedingen, treten in folgendem zutage:
Die Mehrgebärenden (150) waren in Ueberzahl gegenüber den
Erstgebärenden (64) vertreten, jedoch lange nicht in dem von Seitz
und S t o e c k e 1 betonten Verhältnis. Der relativ grössere Anteil Erst¬
gebärender liegt wohl darin begründet, dass, wie bereits erwähnt, die
engen Becken hier in grösserer Zahl als anderswo in Frage kommen.
Die schmale Beschaffenheit und falsche Einstellung des vor¬
liegenden Kindsteils als Ursache des Nabelschnurvorfalls zeigt sich in
der verschiedenen Beteiligung der Kindslagen. Nach Thumstädter
kam 1 Nabelschnurvorfall bei Kopflagen auf 129, bei Steisslagen 1 auf
77, bei Fusslagen 1 auf 8 und bei Querlagen 1 auf 9 Fälle. Es erhellt
hieraus, dass mit den in erster Linie begünstigenden Querlagen die
Fusslagen konkurrieren und dass die Steisslagen, welche weitaus sel¬
tener sind, jedoch nicht an die Seltenheit der Kopflagen heranreichen,
eine gesonderte Stellung gegenüber den Fusslagen einzunehmen ver¬
dienen.
Um Zwillinge hat es sich 5 mal gehandelt, um Armvorfall bei Kopf¬
lage 6 mal.
Enge Becken (112) waren in 52 Proz. vorhanden und zwar
rachitisch platte ersten Grades 81, zweiten Grades 18, dritten Grades 5
und allgemeinverengte ersten Grades 6, zweiten Grades 1, dritten
Grades 1. Bei Erstgebärenden war das Becken 34 mal verengt, also in
über der Hälfte der Fälle. Wo es sich bei Erstgebärenden um nor¬
males Becken handelte, war die Ursache für den Nabelschnurvorfall
12 mal in Beckenend- bzw. Querlage zu sehen.
Von dem Kopf den Eintritt ins Becken verwehrenden Geschwülsten
war 1 mal ein Ovarialkystom vorhanden.
Placenta praevia war 9 mal gleichzeitige Komplikation.
Die in 78 Proz. länger als 50 cm gefundene Nabelschnur hatte in
nur 18 Proz. zentrale Insertion, während sie sonst seitlich und speziell
in 44,2 Proz. am Rande bzw. in den Eihäuten eingepflanzt war.
Hydramnion war in 2 Fällen festgestellt. (Entbindungsversuche
ausserhalb waren 8 mal vorausgegangen.)
Abgesehen von diesen immer schon genannten ätiologischen Mo¬
menten muss ich auf eine Gelegenheitsursache, die jedenfalls nach
unseren Erfahrungen Beachtung verdient, noch besonders aufmerksam
machen, ln 17 Fällen haben wir den Nabelschnurvorfall nach
Metreuryse entstehen sehen. Wenn nach vorzeitigem Blasen¬
sprung die Wehentätigkeit, die Erweiterung und Retraktion zu wün¬
schen übrig lässt, pflegen wir von dem Einlegen eines Hystereurynters
gern Gebrauch zu machen. War der Ballon gross, so ist das Ereignis
des Nabelschnurvorfalls im allgemeinen ohne schlimmere Folgen, weil bei
Ausstossen des Ballons ein handdurchgängiger Muttermund erreicht ist
und die Therapie weiterhin auf keine besonderen Schwierigkeiten stösst.
Anders bei dem Vorkommen nach kleinem Ballon, nach dessen Aus-
stossung eine schnelle Entwicklung des Kindes sich verbietet.
Auf alle Fälle muss der Grundsatz gelten, nach dem Ausstossen
jedes Metreurynters sofort aufmerksam auf Nabelschnurvorfall zu unter¬
suchen, um gegebenenfalls sofort helfen zu können.
Die Häufung des Nabelschnurvorfalles nach Metreuryse bei diesem
oder jenem Assistenten legt den Gedanken nahe, dass gewisse Um¬
stände beim Einlegen des Metreurynters begünstigend wirken müssen,
die vielleicht unbewusst von anderen vermieden werden. Man hat ge-
wiss eine allzugrosse Lockerung oder Verdrängung des eingestellten
*) In der Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Leipzig
am 17. Oktober 1921 gehaltener Vortrag.
3*
74
1 *.]'<*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
Kindteils zu vermeiden. Auch wird man gut daran tun, den Metieu-
rynter auf der Rückenseite des Kindes hochzuführen, damit der nach der
Bauchseite ausweichende Kindsteil der Nabelschnur eher den Weg vei-
legt.
Die Gesamtsterblichkeit der Kinder war bei Berück-
sichtigung aller 214 Fälle 56,5 Proz., denn 121 endeten mit Iotgeburten.
Um die Zufälligkeiten des Materials auszuschliessen und einen
besseren Vergleich mit anderen Statistiken zu ermöglichen, hebe ich
noch folgende Sterblichkeitsziffern hervor.
Wenn wir alle kurz als lebensunfähig bezeichneten Kinder mit
einem Geburtsgewicht unter 2000 g ausser Betracht lassen, ohne
Rücksicht darauf, ob sie lebend oder tot geboren wurden, so ergibt
sich folgende Gesamtmortalität der sog. lebensfähigen Kinder.
Von 191 lebensfähigen Kindern kamen 104 tot zur Welt == 54,5 Pioz.
Mortalität. Diese Zahl zeigt uns die Höhe der Gefahr des Nabelschnur¬
vorfalls für lebensfähige Kinder ohne nähere Berücksichtigung einei
rechtzeitigen oder verspäteten Behandlungsmöglichkeit. Je nach Lage
war die Gefahrenhöhe folgende:
von 134 Kopflagen wurden totgeboren 73 = 54,5 Proz. Mortalität,
„ 4 Steisslagen „ 2 — 50,0 ,. „
„ 29 Fusslagen „ ,» 17 — 58,6 ,. »
„ 24 Querlagen „ 12 50,0 ,. »
Aus diesen Zahlen ergibt sich, falls wir die durch Ungleichheit
der Grundzählen vielleicht bedingten Fehlerquellen ausser acht lassen,
dass im Endeffekt die lebenvernichtende Wirkung des Nabelschnur¬
vorfalls annähernd gleich hoch ist, gleichgültig in welcher Lage das Kind
sich befindet, wenn auch die Mortalität der Lage an sich durch den
Nabelschnurvorfall in verschiedenem Grade erhöht wird (vergl.
Zangemeister).
Es ist vielleicht nur auffallend, dass die Fusslagen, bei welchen
der Druck der Nabelschnur annehmbar weitaus geringer wirken sollte,
nicht besser im Enderfolg abschneiden als die übrigen Lagen, spezie 1
die Kopflagen, mit sicher grösster Druckwirkung. Dieser Widerspruch
kommt noch mehr zum Ausdruck, wenn wir allein die Moitalität an-
sehen, welche bereits vor Uebernahme der Behandlung sich ergeben
hatte.’ Dabei kommt die den Lagen sowieso eigene Lebensgefahr noch
nicht voll in Betracht und auch das Moment des ärztlichen Eingriifs
spielt noch keine etwa einflussreiche Rolle.
Von 134 Kopflagen kamen schon abgestorben in Behandl. 34 -= 25,4 Proz. Mort.,
„ 4 Steisslagen „ ,, », « 1 ~ 25,0 „ „
„ 29 Fusslagen „ „ „ .. » 11 H3'.’9 ” ”
„ 24 Querlagen „ „ „ >> » 5 — 20,8 ,, „
Die bisher genannten Sterblichkeitsziffern können aber nicht dazu
dienen, den Wert einer sachgemässen Behandlung darzulegen. Um
das tun zu können, müssen wir, wie immer schon geschehen, alle die¬
jenigen Fälle ausscheiden, welche der Therapie von vornherein nicht
mehr zugängig, nämlich schon bei Aufnahme in die Klinik verloren
waren. Wollen wir ermessen, was unsere Behandlung
zu leisten imstande ist, so dürfen wir nur die mit noch
lebendem Kind übernommenen Fälle allein be¬
trachten.
Von 140 lebenden und lebensfähigen Kindern wurden durch unsere
Behandlung gerettet 87, wurden totgeboren 53 = 37,9 Proz. Mor¬
talität. Und zwar
von 100 Kopflagen
„ 3 Steisslagen
„ 18 Fusslagen
„ 19 Querlagen
Hier zeigt sich nun
wurden totgeboren 39 — 39,0 Proz. Mortalität,
„ „ 1 = 33,3 ,, „
„ „ 6 — 33,3 „
„ „ 7 = 36,8 „
die schlechtere Aussicht für die Kopflagen.
Therapie.
Ueber die ratsamste Behandlung des Nabelschnurvorfalls ist durch
das neuerschienene Handbuch von D ö d e r 1 e i n, durch die neuen
Lehrbücher von S t o e c k e 1 und v. Jaschke-Pankow und Auf¬
sätze von E. Zweifel, v. Franque und Zangemeister die
Diskussion wieder in Gang gebracht worden.
1. bei Kopflagen: Die Reposition der vorgefallenen
Nabelschnur, sofern sie nicht vor der Vulva liegt, wäre an sich das
in erster Linie gegebene, einfachst erscheinende Verfahren. Oft bleibt
es aber bei einem vergeblichen Versuch, die Nabelschnur an ihren
physiologischen Platz über den vorangehenden Kindsteil zurück¬
zubringen, auch wenn man die unterstützende Beckenhochlagerung in
Seitenlage oder Knieellenbogenlage hinzunimmt. Misslingt die Re¬
position bei weitem Muttermund, so ist zur Rettung des Kindes immer
noch die schnelle Entwicklung möglich; ist der Muttermund jedoch eng,
so ist erstens die Reposition selbst sehr schwierig und zweitens ist
nach den langen Versuchen das Kind meist verloren. Auch trotz der
erzielten Reposition stirbt das Kind nicht selten ab. Die Reposition,
wobei wir von Instrumenten keinen Gebrauch gemacht haben, wurde
öfter versucht als in unseren Protokollen ausdrücklich vermerkt. Ge¬
lungen ist sie in 12 Fällen mit dem Erfolg, dass 9 Kinder lebend
kamen = 25 Proz. Mortalität. An diesem Resultat hat aber, wie ich
betonen muss, nicht die Reposition allein Anteil, denn der weitere Ver¬
lauf war nur 2 mal spontan mit 1 toten Kind, 2 mal wurde dagegen
noch die Entwicklung mit der Zange notwendig, jeweils mit lebendem
Kind ferner veranlassten 3 Rezidive des Nabelschnurvorfalls noch die
innere Wendung und ganze Extraktion (1 totes Kind). Auch die von
Bumm, v. Franque, Runge, Schmidt, Stoeckel, Zange¬
meister, Zweifel u. a. für diese Geburtskomplikation empfohlene
Metreuryse haben wir anschliessend an die Reposi-
t i o n und zwar in Fällen von engem Muttermund angewendet im ganzen .
5 mal. 4 Kinder konnten gerettet werden — 20,0 Proz. Mortalität.
Von anderen Dilatationsmethoden haben wir nur selten Gebrauch
gemacht. Bei digitaler Erweiterung haben wir kein lebendes Kind erzielt.
In einem Falle habe ich durch vaginale Hysterotomie mit an- j
schliessender Zange ein lebendes Kind entwickelt. Sonst war die
vaginale schneidende Methode nicht eingebürgert.
Sicherlich verdienen im Hinblick auf die Besserungsbedurftigkeit
der Mortalität die Metreuryse nach Reposition und die vaginale
Hysterotomie viel mehr angewendet zu werden. Gerade durch das
schneidende Verfahren sind wir, in der Klinik wenigstens, in die Lage
versetzt, binnen kurzem uns die Entwicklungsmöglichkeit des
zu schaffen, wo sie uns infolge mangelhafter Erweiterung des Hals- ;
Kanals noch verwehrt ist und dies auch ohne die nicht so zuvei lässige j
Methode der Reposition. Auf die Metreuryse nach Reposition wird,
zumal in der Hauspraxis, der Facharzt häufiger hinauskommen müssen,
wenn er nicht oft auf das kindliche 'Leben verzichten will; denn die
sonst in Frage kommende kombinierte Wendung vermag doch nur
einen Zufallserfolg zu versprechen. Uns hat die vorzeitige innere Wen¬
dung, 3 mal angewendet, 3 mal vollkommen im Stich gelassen. Iheore-
tisch hofft man zwar, dass nach hergestellter Fusslage der Nabel¬
schnurdruck nicht mehr totbringend sich geltend mache, m der 1 raxis
zeigt sich aber, dass sowohl die kombinierte Wendung selbst, als auch
der nachfolgende Weichteildruck bei der spontanen Ausstossung zu
oft schädlich wirken. Denn daran müssen wir unbedingt fest-
halten, dass die Extraktion bei unvollkommener Eröffnung des Hals¬
kanals wegen der Rissgefahr mit Rücksicht auf die Mutter un¬
erlaubt ist.
Becken ausgeführt mit lebendem Kind.
Auch die abdominelle Schnittentbindung verdient bei der gebühren¬
den Einschätzung des kindlichen Lebens in einer weitaus grösseren
Anzahl der klinischen Fälle angewendet zu werden. Die Indikation
dürfte gleichzeitig durch das so häufig kombinierte enge Becken un¬
schwer gegeben sein, vor allem in Fällen von Erstgebärenden und von I
engem Weichteilbefund, weil hier die Entwicklung zu grossen
Schwierigkeiten begegnen kann, ln keiner geringen Anzahl von Fällen ]
hätte das Kind durch den Kaiserschnitt wohl gerettet werden können,
wie wir bei nachträglicher kritischer Beurteilung der Fälle sehen; j,
aber es schien unter dem Eindruck der grossen Gefahr des Nabel¬
schnurvorfalls die Gefahr des engen Beckens nicht genügend gewürdigt.
Einfach und aussichtsreich gestaltet sich die , Behandlung des j
Nabelschnurvorfalls und -druckes, wenn er erst bei vollkommener oder
nahezu vollkommener Eröffnung des Muttermunds sich ereignet. Dann ;
ist die innere Wendung mit an geschlossener ganzer
Extraktion die beste Methode, ln 51 Fällen haben wir so ver-
fahren mit einem Verlust von 10 Kindern = 19,6 Proz. Mortalität.^
Zur richtigen Einschätzung dieses Ergebnisses muss aber ergänzend
hinzugefügt werden, dass 6 tote Kinder auf zum Teil hochgradig ver¬
engte Becken entfallen. Es waren Fälle, die zu sicherem Erfolg dem
Kaiserschnitt hätten zugeführt werden müssen. Sofort wird das Re¬
sultat fraglicher, wenn wir mit der Extraktion zurückhaltender sind.
Bei halber Extraktion nach innerer Wendung kamen in 3 Fallen
2 Kinder tot, bei Spontanverlauf in 1 Fall tot.
Bei der Anwendung der Zange bei schnell ins Becken ein¬
getretenem Kopf hatten wir verhältnismässig viel Glück. Dass hierbei
nur schnelles Operieren einen Erfolg versprechen kann, ist klar, wenn
wir bedenken, dass wir nur bei feststehendem Kopf dieselbe angelegt
haben. Von 19 Fällen sind 15 gut verlaufen mit lebendem Kind
= 21 Proz. Mortalität. Bemerkenswert dabei ist, dass die atypische
Zange (15 Fälle mit 2 toten Kindern = 12,7 Proz.) besser abschnitt als
die typische (4 Fälle mit 2 toten Kindern = 50 Proz.). Das erklärt ,
sich wohl ungezwungen so, dass bis zum typischen Zangengerecht- i
stand des Kopfes tief im Becken natürlich eine grössere Schädigung I
des Kindes durch längeren und intensiveren Nabelschnurdruck sich :
geltend gemacht hat als bis zum eben erreichten hohen Querstand. ;
Auch die K i e 1 1 a n d sehe Zange hat an dem Erfolg mitgewirkt.
In 9 Fällen, in welchen das Kind schnell abstarb, kam die Per¬
foration zur Ausführung, in 6 anderen derartigen haben wir die
Spontangeburt abgewartet.
Ueber die Therapie bei den übrigen Lagen fasse ich mich kurz: I
2. bei Fusslagen: Ganze Extraktion 10 mal: 1 tot, halbe
Extraktion 5 mal: 3 tot, spontan 3 mal: 2 tot.
3. bei Steisslagen: Ganze Extraktion lmal: 0 tot. halbe1
Extraktion 2 mal: 1 tot.
4. bei Querlagen: Innere Wendung und ganze Extraktion
12 mal: 4 tot, innere Wendung und halbe Extraktion 2 mal: 1 tot. kom- ;
binierte Wendung 2 mal: 2 tot, Kaiserschnitt 3 mal: 0 tot.
Der Kaiserschnitt wurde hierbei wegen gleichzeitiger
Beckenverengerung ausgeführt und zwar zweimal bei ganz engem
Muttermund, wo dieser Weg der Entbindung unzweifelhaft fürs Kind
der sicherste war.
Für die Aussicht auf Erhaltung des kindlichen Lebens ist unstreitig
von grosser Bedeutung die Weite der Muttermundsöffnung
im Augenblick des Vorfalls der Nabelschnur. Um diesen Einfluss zahlen-
mässig zu erforschen, habe ich die Sterblichkeit der Kinder für jede
Muttermundsweite errechnet. Massgebend war die Weite zur Zeit der
Diagnose.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
75
Muttermund weite
Kopflagen
Becken¬
endlagen
Querlagen
Handteller bis vollkommen . . .
28,3 o/o
21,4%
36,4% _
2 Querfinger bis Kleinlinndteller
55,0%
57,1%
50,0%
Ist der Muttermund enger als handtellergross, so steigt die Sterb¬
lichkeit ganz auffallend.
Wollen wir die Sterblichkeit bessern, so müssen wir, wie schon
gesagt, von den schnellen Erweiterungsverfahren mehr Gebrauch
machen oder, den zervikovaginalen Weg ganz umgehend, die abdominale
Schnittentbindung ausführen.
Beim vollendeten Nabelschnurvorfall mit bereits erkennbaren
Druckerscheinungen wird unsere Behandlung — abhängig von nicht
unwesentlichen Begleitumständen (enges Becken, Weichteilschwierig¬
keiten, zu späte Diagnose etc.) — - stets mit Misserfolgen rechnen
müssen. Anders ist es, wenn wir den Fall im Vorstadium bereits in
Behandlung bekommen, wenn es sich um Vor liegen der Nabel¬
schnur handelt. Hier haben wir die Situation wesentlich günstiger.
Bei Kopflagen war Vorliegen der Nabelschnur in 22 Fällen
i erkannt; 2 Kinder starben = 9,1 P r o z. Mortalität. Die Be¬
handlung bestand darin, dass das Erhaltensein der Fruchtblase bis zur
vollkommenen Eröffnung des Muttermundes angestrebt wurde, um
dann die entbindende Operation sofort anzuschliessen. Dies wurde
i erreicht durch die Schutz-Kolpeuryse in 6 Fällen. 5 mal
wurde danach durch innere Wendung und ganze Extraktion das Kind
lebend entwickelt; 1 mal starb es noch ab und kam spontan. Ferner
diente in 3 Fällen mit nur lebendem, gewendetem und extrahiertem
Kind die Schutz-Metreuryse. Die innere Wendung und ganze Ex¬
traktion konnte in 8 Fällen zur rechten Zeit gemacht werden mit
vollem Erfolg.
Die Zange konnte von 4 Kindern 3 retten.
Der einmal ausgeführte Kaiserschnitt brachte ein lebendes Kind.
Bei Fusslagen war 3 mal und bei Querlagen 1 mal Vorliegen der
Nabelschnur mit jeweils extrahiertem lebenden Kind gesehen.
Eine Beobachtung muss ich noch besonders hervorheben. Wir
haben 12 Fälle erlebt, in welchen, trotzdem die Nabelschnur
zur Zeit der Ausführung der Behandlung bereits puls los war. das
Kind noch lebend entwickelt werden konnte. Ent¬
scheidend für das Leben des Kindes waren uns die Herztöne. Dies
betonen auch Runge, v. Jaschke-Pankow, Baisch u. a. Ich
I halte diese Beobachtung für ausserordentlich wichtig, weil sie uns die
Warnung gibt, allein auf das Fehlen der Pulsation hin von einer
Therapie Abstand zu nehmen, vielmehr uns dringend ermahnt, in jedem
Falle nur die Herztöne entscheiden zu lassen und unbekümmert um
! die erloschene Pulsation alles für das Kind zu tun. Ja. ich möchte
sogar in Fällen, wo nachweislich eben erst auch die Herztöne ver¬
klungen sind und die Entwicklung des Kindes ohne schneidende Me¬
thoden augenblicklich möglich ist, raten, so zu handeln, wie wenn das
Kind noch lebte.
Die Gesundheit der Mutter wird nur indirekt beim Nabel¬
schnurvorfall in Mitleidenschaft gezogen. Neben der Infektionsgefahr
besteht die Hauptgefahr in Nebenverletzungen vor allem des Hals¬
kanals, wenn, ohne künstliche Erweiterung vorausgeschickt zu haben,
auf gut Glück das Kind schnell entwickelt wird. Dabei gelingt es in der
Regel nicht einmal, das kindliche Leben zu retten.
Das Wichtigste der Therapie des Nabeschnurvorfalles lässt sich in
folgende Leitsätze zusammenfassen:
Das frühzeitige Erkennen der Lageanomalie der Nabel¬
schnur ist vor allem anzustreben. Bei allen zu Nabelschnurvorfall dis¬
ponierenden Geburtskomplikationen muss an die Möglichkeit gedacht
werden. Die Kontrolle der kindlichen Herztöne und das Suchen nach
dem Nabelschnurgeräusch ist schon bei stehender Blase wichtig. Die
Herztöne pflegen bei Nabelschnurdruck in jeder Wehenpause sich nur
langsam zu erholen.
Bei Vorliegen der Nabelschnur gilt es, die Fruchtblase
bis zur vollkommenen Eröffnung des Muttermundes zu erhalten. Dies
kann am besten durch Einlegen eines Schutzballons in die Scheide ge-
: schelien. Beckenhochlagerung oder entsprechende Seitenlagerung der
Frau kann unterstützen.
Ist die Entfaltung des Halskanals vollendet, so wird sofortige innere
Wendung bei stehender Blase und anschliessend ganze Extraktion das
Kind am sichersten retten. Höchstens bei einer Erstgebärenden wird
man wegen der zu erwartenden Weichteilschwierigkeiten an das Ein¬
pressen des Kopfes unter gleichzeitiger Reposition der Nabelschnur
denken können. Bei engem Becken wird man in der Klinik den Kaiser¬
schnitt in Erwägung ziehen.
Um den Vorfall der Nabelschnur rechtzeitig zu erkennen,
muss grundsätzlich sofort nach Blasensprung aufmerksam vaginal
untersucht und eine exakte Kontrolle der kindlichen Herztöne durch¬
geführt werden. Besonders wichtig ist dieser Brauch, wenn zuvor
der vorangehende Kindsteil noch nicht feststand.
Bei Vorfall und engerem als handtellergrossem Muttermund sind in
der Klinik bei Missverhältnis zwischen Becken und Kopf oder bei zu
erwartenden grossen Weichteilschwierigkeiten die abdominelle Schnitt¬
entbindung, sonst die vaginale Zervixspaltung mit sofort angeschlossener
entbindender Operation oder die Reposition der Nabelschnur mit nach¬
folgender Metreuryse die aussichtsreichsten Verfahren. In der Haus¬
praxis wird neben der anzustrebenden Reposition mit Metreuryse, im
Falle der Undurchfiihrbarkeit die kombinierte Wendung, jedoch ohne
sofortige Extraktion, gewählt werden müssen.
Bei mindestens handtellergrosser Eröffnung des Muttermunds ist
in Anstalt und Haus die innere Wendung mit angeschlossener ganzer
Extraktion die beste Methode; in einzelnen Fällen von schnellem Ein¬
treten des Kopfes ins Becken auch die Zange.
Selbstverständlich darf eine durch Beckenverengerung gegebene
Indikation zum Kaiserschnitt nicht übersehen werden.
Bei Steisslagen wird man möglichst bald einen Fuss herunterholen
und am besten nach Reposition, um sobald als möglich und nötig die
Extraktion anschliessen zu können.
Bei Fusslagen wird man eher zunächst abwarten können und ein-
greifen, wenn das Kind in Gefahr kommen sollte.
Bei Querlagen ist schon durch die regelwidrige Lage der Weg der
Behandlung vorgezeigt.
Um Zeit zu gewinnen für die rite auszuführende Desinfektion bzw.
für das Herbeirufen des Arztes und die Vorbereitung zur Operation
ist der Hebamme oder assistierenden Person anzuraten, in Beckenhoch¬
lagerung oder Seitenlage der Gebärenden den vorangehenden Kindsteil
sachte vom Beckeneingang wegzudrängen, um den Nabelschnurdruck
möglichst auszuschalten.
Bei sicher abgestorbenem Kind verlangt der Nabelschnurvorfall
keine Behandlung. Entscheidend für den Tod des Kindes sind die
Herztöne und nicht der Nabelschnurpuls, da trotz fehlender Pulsation
am Nabelstrang nicht selten ein lebendes Kind entwickelt werden
konnte.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Jena.
(Direktor; Professor Dr. Henkel.)
UeberZerreissungen desTentoriums und der Falx cerebri
unter der Geburt.
Von Privatdozent Dr. Robert Zimmer mann,
Oberarzt der Klinik.
Das klinische Interesse an den intrakraniellen Blutungen bei Neu¬
geborenen wurde von Beneke (M.mW. 1910 S. 2125) und durch die
bekannten Arbeiten von S e i t z geweckt. Seitdem ist die ätiologische
Bedeutung der dem Pathologen schon lange bekannten (Virchow;
Ges. Abhandl. Bd. 2, S. 878) Tentoriumrisse aufgedeckt. Seitz
glaubt die Hälfte aller intrakraniellen Blutungen auf Tentoriumzer-
reissungen zurückführen zu können, während Beneke in ihnen die
häufigste Ursache erblickt. Die praktische Bedeutung der Tentorium-
zerreissungen wird dadurch beleuchtet, dass z. B. Benthin (Mschr. f.
Geburtsh. 36, S. 309) sie unter 78 Sektionen von Neugeborenen 8 mal,
Leopold Meyer (Verh. d. D. Ges. f. Gyn. 1911 S. 766) unter 64 Sek¬
tionen 28 mal bei 1200 Geburten fand, in 12 von L. Meyers Fällen
war die Tentoriumzerreissung die Todesursache, d. h. 1 Proz. aller
Neugeborenen gingen daran zugrunde. Die grosse Häufigkeit des ge¬
fährlichen Ereignisses wurde erst bekannt, seitdem Neugeborene nach
der von Beneke angegebenen Technik seziert werden. Diese be¬
steht bekanntlich darin, dass die Grosshirnhemisphären zur Sichtbar¬
machung des unberührten Tentoriums abgetragen werden.
Pott (Zschr. f. Geburtsh. 1911, 69, S. 674) teilte die Tentorium-
zerreissungen in 3 Grade ein. 1. Es blutet zwischen die Blätter des
Tentoriums; das ist die leichteste und zugleich häufigste Form. 2. Ein¬
riss der oberen Tentoriumplatte, wobei die Gefässplatte des Ten¬
toriums mit lädiert wird und die Blutung sich vorwiegend oberhalb
des Tentoriums ausbreitet. 3. Querrisse durch die freien Tentorium-
kanten, oft doppelseitig; sie stellen die schwerste Form dar, es blutet
meist nach ober- und unterhalb des Tentoriums.
Die Ausbreitung der durch Tentoriumriss entstandenen Blutungen
ist nach Sitz und Menge demnach verschieden. Sie können selbst die
ganze Grosshirnoberfläche einseitig oder doppelseitig umspülen.
Unterhalb des Tentoriums ergossene Blutmengen verbreiten sich über
die Kleinhirnoberfläche usw. und können sogar bis in den Rücken¬
markskanal Vordringen. Dass die Blutung oft bedeutenden Umfang am¬
nimmt, wenn die grossen Blutleiter angerissen werden, ist begreiflich.
Blutungen in die Hirnsubstanz selbst werden nur selten beobachtet.
Nach dem Sitze teilt Seitz die intrakraniellen Blutungen ein in:
supra- und infratentoriale und in Mischformen. Die meisten Autoren
nehmen diese Einteilung an, nur Esch (Zschr. f. Gyn. 1916 S. 324)
erhebt Bedenken. Da meistens die trennende Tentoriumplatte ein¬
gerissen ist, überwiegen die Mischformen, und die reinen supra- oder
infratentorialen Blutungen gehören zu den Seltenheiten.
Bei rein supratentorialen Blutungen ergeben sich je nach Mächtig¬
keit des Ergusses verschieden stark ausgeprägte und symptomreiche
Krankheitsbilder : Spannung oder Vorwölbung der grossen Fontanellen,
stärkeres Klaffen der Lambdanaht auf der betroffenen. Seite; daneben
Allgemeinsymptome, wie Unruhe, Schreien, Blässe der Haut, Reiz-
und Lähmungserscheimmgen am Fazialis, Hypoglossus, den Extremi¬
täten usw.
Demgegenüber stehen bei rein infratentorialen Blutungen Stö¬
rungen des Atemzentrums im Vordergründe mit Zyanose, blassblauem
Aussehen1; daneben bestehen Spinalreizerscheimmgen, wie Nacken¬
starre, Opisthotonus, Starre der Glieder usw. Rindensymptome und
Vortreibung der Fontanellen können späterhin durch Rückstauung und
Gedern hervorgerufen werden; sie sind dementsprechend bilateral.
76
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Die Miscliformen vereinigen die Symptome der reinen Formen
in den verschiedensten, von den Verhältnissen im Einzelfalle abhängigen
Ausmassen.
Die Bedeutung einer solchen Einteilung in diagnostischer und
therapeutischer Hinsicht liegt auf der Hand. Es ist daher Esch an
sich beizustimmen, wenn er die weitere Forderung nach einer örtlichen
Lokalisation aufstellt. Es fragt sich nur, ob diese Forderung erfüllbar
ist. Bei dem auch von ihm betonten Unterschiede zwischen dem
Gehirn des Erwachsenen und dem unentwickelten Gehirn des Neu¬
geborenen, welches sich gegen Druck und Blutstauung so wenig emp¬
findlich zeigt, wird eine genaue Lokalisation des Ergusses auf der
Hirnoberfläche diagnostisch nur selten möglich sein. Wir werden uns
zufrieden geben müssen, wenn es uns gelingt, rein einseitige und supra-
und infratentoriale Blutungen zu diagnostizieren. Bei der Kleinheit der
Verhältnisse im kindlichen Schädel deckt zudem ein Erguss von nur
wenigen Kubikzentimetern einen grossen Teil der Hirnoberfläche. Das
Ueberwiegen der Mischformen zieht auch in der Mehrzahl der Fälle
allen Bestrebungen nach genauer topographischer Diagnosestellung eine
schwer überwindbare Grenze.
Wenn im folgenden unsere Erfahrungen auf diesem Gebiete mit¬
geteilt werden, so findet das seine Berechtigung schon in der prak¬
tischen und forensischen Bedeutung der Tentoriumzerreissung.
Ausserdem hatten wir Gelegenheit, bei rein infratentorialer Blutung
einen merkwürdigen Symptomenkomplex zu beobachten, auf den weiter
unten näher eingegangen werden soll.
Fallt. Nr. 33/1919. Querlage mit Nabelschnurvorfall. Becken normal.
Geburtsverlauf: Wendung, Extraktion. $ 3750 g, 56 cm, blass, scheintot.
Sektionsbefund: Im hinteren Teile der Konvexität Blut in reichlicher Menge,
besonders über dem Tentorium. Im Tentorium zahlreiche Dehiszenzen in den
Faserlagern, die teilweise durchblutet sind. — Grosse Thymus.
F a 1 1 2. Nr. 36/1919. II. dorsoanteriore Querlage. Tiefsitzende Pla¬
zenta. Becken normal. Geburtsverlauf: Wendung, Extraktion. 2 2200 g,
48 cm, blass, scheintot, einige schnappende Atembewegungen. Sektionsbefund:
Infra- und supratentoride Blutung. Zahlreiche Einrisse und Durchsetzung mit
Blutungen im Tentorium. Hypertrophie der Schilddrüse. Unreife.
Fall 3. Nr. 54/1919. I. dorso-anteriore Querlage mit Vorfall des Armes
in die Klinik eingeliefert. Keine Herztöne. Becken normal. Wendung, Ex¬
traktion. $ 3000 g. 51 cm, totfaul. Sektionsbefund: Im Tentorium r. eine
blutige Stelle im hinteren Teile, ohne Einriss.
F a 1 1 4. Nr. 325/1920. Luetische Frühgeburt, M. IX, 1. Schädellage.
Becken normal. Geburtsverlauf: spontan. 2 2150 g, 47 cm, nicht asphyk-
tisch. t am 3. Tage. Luftwege frei; zeitweise starke Zyanose; geringe
Nahrungsaufnahme. Am 3. Tage zunehmende Atemstörungen, L . Sektions¬
befund: Keine Deformitäten am Schädel; massige Blutungen, wahrscheinlich
aus Tentoriumrissen, auf den hinteren Abschnitten beider Grosshirnhemi-
sphären; alle Ventrikel strotzend mit Kruor ausgefüllt. Im Tentorium eine
streifenförmige Blutung links. Pneumonie aller Lungenlappen. Nekrose und
Blutungen der Nebennieren.
Fall 5. Nr. 283/1920. Frühgeburt M. VII, 11. Steisslage. Becken nor¬
mal. Geburtsverlauf spontan. $ 1410 g, 40^4 cm, wimmert, atmet regel¬
mässig; am 2. Tage +. Sektionsbefund: Im Tentorium rechts flächenhafte
Blutung; kein Riss. Unreife.
Fall 6. Nr. ??/ 1921. Uterusruptur (in Kaiserschnittsnarbe, nach weni¬
gen Wehen). Kind in Bauchhöhle ausgetrieben. Becken plattrachitisch, all¬
gemein verengt 1°. Geburtsverlauf: Laparotomie. 2 Blauer Scheintod.
Wiederbelebung. + nach 36 Stunden an Atemstörung. Keine Konfiguration.
Ueber der rechten Hemisphäre reichlich Blut, ebenso links. Tentorium beider¬
seits mit Blut bedeckt. Tiefer Riss vom Tentorium zur Falx. Auch unter dem
lentoiium Blut. Fötale Endokarditis. ♦
Fall 7. Nr. 179/1921. I. Schädetlage. Becken allgemein verengt, platt¬
rachitisch 11°. Geburtsverlauf: Sectio caesarea. $ 3310 g. 50 cm, apnoisch
mit gut pulsierender Nabelschnur entwickelt. Schwere Atemstörungen,
Wiederbelebung erfolglos. Starke Konfiguration des Kopfes. Sektionsbefund:
Riss durch die Falx cerebri nach der Höhe des Scheitels, Eröffnung des
Längsblutleiters. Weiche Hirnhäute stark blutgefüllt.
F a 1 1 8. Nr. 140/1920. I. Schädellage. Becken plattrachitisch I n. Ge¬
burt: spontan. Herztöne beim Durchschneiden des Kopfes 120 — 140. Nabel¬
schnur pulsiert nach Geburt des Kindes. 2 3460 g, 52 cm, asphyktisch,
atmet einmal; Erlöschen der Herzaktion, +■ Grosse Kopfgeschwulst. Sek¬
tionsbefund: Riss im Tentorium rechts mit Blutung in die weichen Häute des
Kleinhirns und (geiinger) die Hinterhauptslappen.
Fall 9. Nr. 170/1920. I. Schädellage. Hydramnion. Becken: allgemein
verengt, platt 1°. Geburtsverlauf: Forzeps wegen plötzlicher Verschlechterung
der Herztöne (96 — 88). $ 3000 g. 53 cm. Nach der Geburt macht das Kind
einen Atemzug, darauf Atemstillstand und schnelles Verschwinden des Herz¬
schlages. Starke Konfiguration. Sektionsbefund: Blutung in die weichen Hirn¬
häute an der Oberfläche des Kleinhirns. Kleine Blutung im Tentorium und
hanfkorngrosser Riss desselben neben dem Sinus rechts. Am Grosshirn nichts
Besonderes. III. Ventrikel frei.
Fall 10. Nr. 25/1920. I. Schädellage. Eklampsie. Keine Herztöne.
Becken normal. Geburtsverlauf: Forzeps. 2 reif und ausgetragen; tot¬
geboren. Sektionsbefund: Ausserordentlich starke Durchblutung der weichen
Häute des Gehirns. Fragliche Risse in der Falx (unsichere Technik).
Fall 11. Nr. 324/1921. II. Schädellage. Becken normal. Geburtsverlauf:
spontan. 2 2530 g. 47)4 cm: asphyktisch (blau) geboren. Wiederbelebung. Nach
12 Stunden Exitus unter Atemstörungen. Sektionsbefund: Ausgedehnter Riss
der Falx cerebri. Haematocephalus externus. Parenchymatöse Blutungen des
Magens, Aspirationsblutungen der Lunge, Blutungen der Haut im Bereiche der
Mamillen und des Brustbeins. Blutungen des parietalen Peritoneums.
Meckel sches Divertikel.
Fall 12. Nr. 4/1921. I. Schädellage. Becken allgemein verengt, platt II .
Geburtsverlauf: spontan. Herztöne beim Durchschneiden des Kopfes 120.
$ 3260 g. 54 cm. asphyktisch. Nabelschnur um den Hals geschlungen, pulsiert.
Eine Atembewegung,, danach unter Aufhören der Herztätigkeit Exitus.
Nicht seziert.
Fall 13. Nr. 402/1920. I. Schädellage. Kreissend, mit einschneidendem
Kopfe eingeliefert. Becken allgemein verengt, platt I". Geburtsverlauf:
snontan, unmittelbar nach Einlieferung. Herztöne beim Durchschneiden 110.
2 2320 g, 49 cm, totgeboren. Nicht seziert.
Zur Raumersparnis wurde das Material in tabellarischer Weise
geordnet. Es umfasst 8 Fälle mit Tentoriumverletzung und 3 Fälle
mit Zerreissung der Falx cerebri. Die Läsionen wurden durch Obduk¬
tion festgestellt; die Einzelheiten des Befundes sind in der letzten
Spalte kurz angegeben. Ausserdem sind 2 Fälle angefügt (Nr. 12
und 13), bei denen aus äusseren Gründen die Sektion nicht ausgeführt
werden konnte. Die Symptome waren aber auch hier eindeutig ge¬
nug, um die Diagnose zu gestatten. Die Beobachtungen verteilen sich
auf 1050 Geburten. Die Häufigkeit des Ereignisses steht im Einklang
mit den Erfahrungen anderer Autoren. 4 Kinder waren Frühgeburten,
bei denen die Ursache der Verletzung mit grösster Wahrscheinlichkeit
in der geringen Widerstandsfähigkeit des Gewebes lag und bei deren
Geburt Gewalteinwirkungen keine Rolle spielten. In 8 Fällen war
die Verletzung des Tentoriums die einzige Todesursache (Fall 1. 2,
4, 6, 7, 8, 9, 11) wahrscheinlich, aber nicht durch Sektion bewiesen,
auch im Fall 12 und 13. so dass bei Einrechnung derselben diese Zahl
sich auf 10 erhöht. Sicher nicht die Todesursache, sondern nur ein
mehr weniger belangreicher Nebenbefund war die Verletzung des Ten¬
toriums in Fall 3, 5, 10. In diesen letzteren und im Fall 4 handelte
es sich um Läsionen 1. Grades, alle anderen waren Formen, 2. bis
3. Grades (Pot t).
In 6 Fällen erfolgte die Geburt spontan, dabei handelte es sich
3 mal um normale und 3 mal um in mittlerem Grade verengte Becken.
Die übrigen Entbindungen erfolgten durch Kunsthilfe.
Die Fälle 1, 2, 6 und 10 betrafen Mischformen, bei denen die Aus¬
breitung des Blutergusses sowohl unterhalb als auch oberhalb des Ten¬
toriums erfolgt war.
Bei Fall 1 handelte es sich bei normalem Becken und grossem
Kinde um Wendung und Extraktion wegen Querlage mit Nabelschnur¬
vorfall. Ohne Zweifel war das Kind schon durch die Komplikation ge¬
schädigt. Nach der Geburt gab es keine Lebenszeichnen, die Wieder¬
belebungsversuche blieben erfolglos. Bei dieser Sachlage konnte die
intrakranielle Blutung nicht erkannt werden. Der Tod des Kindes
wurde zunächst auf die Nabelschnurkomplikation bezogen. Beim Durch¬
leiten des Kopfes durch den Muttermund waren zwar einige Schwie¬
rigkeiten entstanden, doch wurden diese schnell und ohne grosse Ge¬
waltanwendung überwunden. Trotzdem ist anzunehmen, dass hierbei
die Läsion des Tentoriums eingetreten ist.
Im Gegensätze hierzu war das Kind II unreif und klein, und von
einem Missverhältnis konnte nicht die Rede sein. Bei der leichten
Operation war Kraftanwendung überhaupt nicht nötig. Die Entwicklung
erfolgte mit W i e g a n d - A. Martin schem Handgriffe nach Inzision
des Muttermundes. Man kann nicht annehmen, dass der Druck der
äusseren Hand, der bei den geringen Widerständen nur unbedeutend
war, die Schuld trägt. Die Ursache ist wohl eher in der Zerreisslich-
keit des Gewebes zu suchen, die in der Unreife des Kindes ihre Er¬
klärung findet.
Ebenso war der Befund einer intrakraniellen Blutung im Falle 6
überraschend. Bei der Frau war 1918 der Kaiserschnitt ausgeführt
worden, 1919 hatte sie spontan geboren (Kind lebt). Auch jetzt schien
kein Missverhältnis vorzuliegen, welches die spontane Entbindung in
Frage gestellt hätte, die vordere Konvexität des Kopfes sprang jeden¬
falls nicht über die Symphyse vor. Nach schwacher Wehentätigkeit
erfolgte der Blasensprung bei handtellergrossem Muttermunde. Da
aber der Kopf beweglich über dem Becken blieb, so wurde innerlich
untersucht und eine Plazenta praevia marginalis an der Hinterwand
festgestellt. Ohne dieses Hindernis wäre der Kopf sicher ohne grosse
Schwierigkeiten in das Becken eingetreten. Bei Umlagerung der Frau
erfolgte ohne irgendwelche Vorzeichen die Ruptur der alten Kaiserschnitt¬
narbe des Uterus. Das Kind trat in die Bauchhöhle aus und die Herz¬
töne verschwanden. Durch sofortige Laparotomie wurde es in blauem
Scheintode entwickelt, ging aber nach 36 Stunden unter allgemeinen
Konvulsionen und Atemstörungen zugrunde. Der Kopf des Kindes zeigte
nicht die geringste Konfiguration, er trug nicht einmal eine Kopf¬
geschwulst, und trotzdem diese schwere Zerreissung des Tentoriums.
Der Uterus wurde exstirpiert, die Mutter genas. Der Tod des Kindes
ist einwandfrei auf die intrakranielle Blutung zurückzuführen.
Im Fall 10 war das Kind infolge der Eklampsie intrauterin ab¬
gestorben. Die Entwicklung des toten Kindes mit der Zange ver¬
ursachte erst die intrakranielle Blutung.
Um rein supratentoriale Blutungen handelte es sich in Fall 4. 7
und 11. Das Kind 4 wurde im 9. Schwangerschaftsmonate von der
luetischen Mutter geboren; dem entsprach sein Reifezustand. Nach
der Geburt zeigte es zunächst nichts auffallendes, dann erfolgten anfalls¬
weise auftretende Atemstörungen mit starker Zyanose. Die Nahrungs¬
aufnahme war gering; Unruhe, Krämpfe usw. wurden nicht beobachtet.
Unter zunehmenden Atemstörungen erfolgte am 3. Tage der Tod. Der
Schädel war nicht konfiguriert, trotzdem war bei der Spontangeburt
der kleinen Frucht eine Tentoriumzerreissung eingetreten, aus der
heraus die zunehmende Blutung erfolgte. Wiederbelebungsversuche
waren nicht gemacht worden. Trotz der beträchtlichen Komplikationen
seitens der Lungen und Nebennieren ist mit grösster Wahrscheinlichkeit
in der intrakraniellen Blutung die Hauptursache des Todes zu erblicken
Die Symptome entsprechen den allgemeinen Erfahrungen.
In Fall 7, Kaiserschnitt bei plattrachitischem Becken 2. Grades
war der Kopf sehr stark konfiguriert, die Läsion durch die gewaltige
Wehentätigkeit erklärt. Die Zerreissung der Falx mit Eröffnung des
Längsblutleiters macht die rein supratentoriale Blutung verständlich
1 Das Kind wurde mit gut pulsierender Nabelschnur entwickelt, atmete
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
77
aber nicht. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Fall ist
eindeutig.
Im Falle 11 war die spontane Geburt bei normalem Becken zum
erwarteten Termine erfolgt, das Kind jedoch nicht ganz reif. Die
Gesamtgeburtsdauer betrug 42% Stunden. Die Konfiguration des
Kopfes hielt sich in durchaus massigen Grenzen; ein Missverständnis
bestand nicht. Man könnte geneigt sein, der langen Geburtsdauer die
Schuld für den grossen Riss in der Falx beizulegen, die grössere Wahr¬
scheinlichkeit spricht jedoch dafür, dass eine abnorme Zerreisslichkeit
des kindlichen Gewebes, insonderheit der Gefässe, bestand, was aus
den zahlreichen Blutaustritten an anderen Stellen hervorgeht. Das Kind
war asphyktisch zur Welt gekommen und wiederbelebt worden, starb
aber nach 12 Stunden. Die Symptome einer supratentorialen Blutung
waren ausserordentlich deutlich, besonders die Vortreibung der Fonta¬
nellen und das starke Klaffen der Nähte. Lambda- und Koronarnaht
klafften rechts stärker als links.
Um Tentoriumzerreissungen 1. Grades handelte es sich in Fall 3
und 5, in denen eine Blutung auf die Gehirnoberfläche nicht erfolgt
war. Kind 3 war totfaul, Kind 5 unreif und lebensunfähig. Die Ver¬
letzung kommt in beiden Fällen nicht als Todesursache in Frage.
Reine Formen von infratentorialen Blutungen stellen Fall 8 und 9
dar. Im ersteren war zwar auch eine geringe Blutung noch oberhalb
des Tentoriums erfolgt, sie war aber so gering, dass sie das Symptomen-
bild nicht beeinflusste. Das Kind war gross und musste ein enges
Becken passieren, die Herztöne gaben aber niemals zu Besorgnissen
Veranlassung und wurden noch unmittelbar vor dem Durchschneiden
des Kopfes kontrolliert. Das Kind kam asphyktisch zur Welt und
wurde sofort abgenabelt. Nach dem Abnabeln machte es einen
einzigen spontanen Atemzug, die Atmung stand
danach vollständig still, und die Herztätigkeit er¬
losch. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.
Auch im Fall 9 handelte es sich um ein reifes Kind bei engem
Becken. Aus kindlicher Indikation (verlangsamte Herztöne) wurde die
Zange aus Beckenmitte gemacht. Das Kind wurde mit gut pulsierender
Nabelschnur geboren und sofort abgenabelt. Wie im vorhergehenden
Falle machte es einen einzigen spontanen Atemzug, dann stand die
Atmung vollkommen still, bald auch das Herz. Wiederbelebung er¬
folglos. In beiden Fällen starke Konfiguration des Schädels.
In beiden Fällen waren die Risse am Tentorium unbedeutend und
die Blutung infratentorial. Beide Male setzte die Atmung spontan ein;
es erfolgte ein kurzer schnappender Atemzug, dem unmittelbar der
Tod des Kindes folgte.
Während supratentoriale Blutungen auch bei grosser Ausdehnung
über die Hirnoberfläche häufig genug nur geringe Symptome auslösen,
oder erst später, im Verlaufe von Stunden und Tagen, schwerere Er¬
scheinungen veranlassen, ist bei unseren beiden Fällen von infra-
tentorialer Blutung im unmittelbaren Anschluss an den ersten Atem¬
zug der Tod eingetreten. Die Zirkulation war auch bei und nach der
Geburt im Gange. Auch das Atemzentrum sprach auf die physiologi¬
schen Reize am Die mit dem ersten Atemzuge einsetzende Kata¬
strophe ist nur so zu erklären, dass die bei der Geburt entstandene Ver¬
letzung zunächst nicht zu einem Blutaustritte unter das Tentorium
geführt hatte, der genügend gross war, um eine Beeinträchtigung des
Atemzentrums herbeizuführen. Erst durch die Strömungsveränderungen
im Kreisläufe des Kindes im Gefolge des ersten Atemzuges wurde ein
stärkerer Erguss in den Raum unter dem Tentorium verursacht, der
bei der straffen Ausspannung des Tentoriums sehr schnell zu dem ver¬
derblichen Drucke auf die lebenswichtigen Zentren führte.
Fall 12 und 13 kamen aus äusseren Gründen nicht zur Sektion.
Wir halten uns aber nach den Erscheinungen, die sich vor und noch
der Geburt boten, und bei dem Fehlen jeder anderen Todesursache,
für berechtigt, auch bei ihnen auf Grund unserer Erfahrungen eine infra-
tentoriale Blutung infolge von Tentoriumverletzung anzunehmen. Be¬
merkenswert ist in dieser Hinsicht auch Fall 2. der unter denselben
Symptomen zugrunde ging und bei welchem die Sektion zahlreiche
Einrisse und Blutaustritte im Tentorium aufdeckte. Das Tentorium
trennte jedoch den supra- und infratentorialen Bluterguss. Es besteht
die Wahrscheinlichkeit, dass hier die supratentoriale Blutung von unter¬
geordneter Bedeutung war, und dass der plötzliche Tod nach dem ersten
Atemzuge in Analogie zu den anderen Fällen auf den infratentorialen
Bluterguss zurückgeführt werden muss.
Für einen Teil der infratentorialen Blutung besteht mithin die
Möglichkeit der Diagnose an Hand der geschilderten Erscheinungen.
Fiir ihr Zustandekommen scheint mir von Belang zu sein, dass der
Erguss unter dem Tentorium von diesem unter Spannung gehalten wird.
Voraussetzung hierfür ist, dass keine offene Verbindung durch das
Tentorium hindurch mit den oberen Abschnitten des Schädelraumes
besteht.
Blutungen in die Gehirnsubstanz wurden in keinem unserer Fälle
beobachtet.
Nachtrag bei der Korrektur;
Inzwischen hat sich unser Material noch vermehrt.
1. Nr. 387/1921. II. Schädellage, vorzeitige teilweise Lösung der richtig
sitzenden Plazenta. Becken normal. Spontangeburt im 10. Monat. Herztöne
dauernd kontrolliert, 112 — 140. Kind 2, 2600 g. 47.5 cm, blau scheintot.
Wiederbelebungsversuche erfolglos. Sektionsbefund: reichliche infratentoriale,
geringe supratentoriale Blutung, flüssiges Blut im Rückenmarkskanal. Unter¬
fläche des Tentoriums stark durchblutet.
(Es handelt sich also um eine Mischform bei Tentoriumverletzung I. °.)
In zwei weiteren Fällen traten ebenfalls bei leichten Spontan¬
geburten, einmal handelte es sich um den II. Zwilling, das andere Mal
um vorzeitige Lösung der richtig sitzenden Plazenta, subdurale Blu¬
tungen auf, ohne dass die Blutungsquelle gefunden werden konnte.
Falx und Tentorium waren in beiden Fällen intakt. Bei dem einen Falle
war ante partum intrauteriner Fruchttod (durch die Plazentarlösung)
erfolgt, bei dem anderen (II. Zwilling) war die Blase gesprengt und
die Austreibung durch K r i s t e 1 1 e r sehe Handgriffe wegen schlechter
Herztöne beschleunigt worden. Sie erfolgte ohne Schwierigkeiten in
kürzester Frist. Das Kind (2, 2650) kam schwer asphyktisch, Wieder¬
belebungsversuche waren erfolglos.
Aus der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses München-
Schwabing. (Chefarzt: Privatdozent Dr. Robert Dax.)
Zur Kenntnis der akuten Perforation des Ulcus ventriculi
aut duodeni.
Von Dr. Theodor Brunner, Assistenzarzt.
In den ersten zehn Jahren des Bestehens der chirurgischen Ab¬
teilung des Krankenhauses München-Schwabing (Geh. Sanitätrat
Dr. Franz Brunner) wurden dort insgesamt 23 akut perforierte
Magen- und Duodenalgeschwüre beobachtet, davon in den Jahren vor
dem Krieg nur einzelne, dann steigend mehr. Vom 1. VIII. 1920 bis
1. VIII. 1921 kamen 14 zur Aufnahme, nebst einer unter demselben
Bilde verlaufenden Karzinomperforation. Eine Mehrung, die mit der
Zunahme sonstiger operativer Fälle in gar keinem Verhältnis steht.
Ueber eine ähnliche Beobachtung berichtet auch Rosenthal bereits
1918, W. Reinhard 1919. Eine erhebliche Zunahme der überhaupt
zur chirurgischen Behandlung kommenden Ulzera verzeichnet
v. E i s e 1 s b e r g auf dem deutschen Chirurgenkongress 1920 und dem
bayerischen Chirurgentag 1921. Er führt das auf für Ulcuskranke
besonders ungünstige Ernährungsverhältnisse der Kriegs- und Nach¬
kriegszeit zurück. Die Mehrung des Vorkommens der für den Kranken
verderblichsten Komplikation des Ulcus rotundum, der akuten Per¬
foration in die freie Bauchhöhle, die in München in früheren Jahren
relativ selten vorkam, veranlasste uns, an Hand unserer Fälle den
Praktiker, von dem oft in hohem Masse das Schicksal des Kranken
abhängt, neuerdings darauf hinzuweisen.
Es ist eine heute allgemein bekannte Tatsache, dass die Behand¬
lung des perforierten Ulcus nur eine operative sein kann. Ebenso
sicher bestätigen die zahlreichen Veröffentlichungen über diesen Gegen¬
stand, dass die Operation, je früher ausgeführt, desto aussichtsvoller
ist. Bis zu 12 Stunden post perforationem ist die Prognose der Opera¬
tion gut, darüber hinaus wird sie rasch schlechter. Fälle, die durch
Operation am 2. Tage post perforationem und später noch gerettet
wurden, sind Ausnahmen, die meist nur unter bestimmten Voraus¬
setzungen möglich sind. Ausserdem bietet die Frühoperation Aussicht
auf ein kurzes Krankenlager und die Möglichkeit der Befreiung von
Ulcusbeschwerden überhaupt, zum mindesten Besserung derselben.
Bei der Spätoperation bei oft ausgesprochener eitriger Peritonitis und
ihren Folgen ist, wenn sie überhaupt zu Heilung führt, ein langes
Krankenlager und ein schlechterer Enderfolg zu erwarten. Sie muss
dann häufig als reine Notoperation ausgeführt werden, wobei nicht auf
die Beeinflussung des Ulcus selbst Rücksicht genommen werden kann,
wovon später zu sprechen sein wird, und ein mehr oder weniger
grosser Narbenbruch nicht zu vermeiden sein wird.
Die frühzeitige Diagnose der Perforation hat jedenfalls eine über¬
ragende Bedeutung über die Technik der Operation, die wiederum
von jener weitgehend abhängig ist. Für das frühzeitige Erkennen des
Durchbruchs bietet schon die Anamnese, deren Erhebung allerdings
durch den schwerleidenden Zustand häufig recht erschwert sein kann,
die wichtigsten Anhaltspunkte. Aus ihr kann in der grossen Mehrzahl
der Fälle der Zeitpunkt des Eintrittes der Perforation genau bestimmt
werden. Meist handelt es sich um Kranke, die schon längere Zeit,
oft schon jahrelang mehr oder weniger schwer magenleidend waren,
teilweise unter typischen Ulcusbeschwerden. Dies trifft für unsere
sämtlichen Fälle zu, mit Ausnahme von Fall 3, bei dessen desolatem
Zustand eine ordentliche Anamnese nicht mehr erhoben werden konnte.
Der Perforation geht meistens eine kürzere oder längere AnfalPneriode
voraus (Fall 4 mit 14). Doch sei betont, das zahlreiche Fälle be¬
schrieben wurden, in denen die Perforation vorher anscheinend völlig
Gesunde betraf. Das Ereignis der Perforation selbst wird begleitet
von einem ganz plötzlich einsetzenden ausserordentlich heftigen
Schmerz im Leib, der verschieden oder gar nicht lokalisiert, häufig in
die Oberbauch- und Magengegend verlegt wird. Seine Beschreibung
ist in alle Lehrbücher übergegangen. In mehr oder weniger charakte¬
ristischer Form wird er so gut wie immer angegeben. Er kann so
stark sein, dass ein kräftiger Mann dabei zusammenbricht (z. B. Fall 6).
Ein Schmerz von solch augenblicklicher Heftigkeit kommt wohl kaum
bei einer anderen abdominalen Erkrankung vor. Er kann in die rechte
oder linke Schulter ausstrahlen. Erbrechen kann den Eintritt der Per¬
foration begleiten.
Der Befund bei der frischen Perforation eines Ulcus ventriculi
aut duodeni in die freie Bauchhöhle ist der des schwersten peritonealen
Schocks. Das eingefallene Gesicht ist blass, die Lippen sind blutleer,
manchmal ist zyanotische Blässe vorhanden, die Augen sind umrandet,
die Nase und die Extremitäten kühl, manchmal mit kaltem Schweiss
bedeckt. Die Atmung ist beschleunigt, kostal. Der vor Schmerzen
stöhnende Kranke macht einen schwerkranken Eindruck. In über¬
raschendem Gegensatz dazu steht oft der relativ langsame, volle, regel-
78
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
massige Puls. Die rektale Temperatur ist meist nicht erhöht. Der Leib
ist oft eingezogen, jedenfalls nicht särker aufgetrieben, bretthart ge¬
spannt, besonders die Rekti und insbesondere die Oberbauchgegend,
häufig auch die rechte Unterbauchseite äusserst druckschmerzhaft. Die
abdominale Atmung ist infolgedessen ganz ausgeschaltet. Daim-
geräusche sind meist nicht mehr zu hören. Stuhl und Winde sind an¬
gehalten. Abnorme Dämpfung und Nachweis freier Flüssigkeiten
kommen nur bei Austritt sehr grosser Flüssigkeitsmengen in Frage.
Das Verschwinden der Leberdämpfung, das früher als wichtiges Zeichen
gewertet wurde, hat keine besondere diagnostische Bedeutung. Es ist
abhängig von der ausgetretenen Gasmenge, die häufig fehlen kann und
wird ebenso hervorgerufen durch Blähung des Kolons in der. liegend
der Flexura hepatica in anderen Erkrankungsfällen (L i e b 1 e i n, F l n-
s t c r c r).
Der peritoneale Schock wird zurückgeführt auf die plötzliche Ueber-
schwemmung des intakten Peritoneums mit fremden Stoffen (Fin¬
sterer). Man könnte annehmen, dass dann der Schock und sein
primäres Symptom, der initiale Schmerz, desto, heftiger wäre., je aus¬
giebiger diese Berührung stattfände, also im gleichen Verhältnis stünde
zur Menge der ergossenen Flüssigkeit und der Grösse der Oeffnung,
wie Reinhard angab. Aus unseren Fällen kann man das kaum
ableiten. Wenn wir die bis 4 Stunden post Perforationen! operierten
Fälle betrachten, bei denen anzunehmen ist, dass das ursprüngliche
Bild noch am wenigsten durch sekundäre Exsudation des Peritoneums
verändert ist, so finden wir:
Schwerer Initialschmerz und viel Exsudat 1 mal (Fall 8).
Schwerer Initialschmerz und wenig Exsudat 3 mal (Fall 6, 7. 10).
Geringerer Initialschmerz und viel Exsudat 1 mal (Fall 11).
Es handelt sich in allen Fällen um kleine, stecknadelkopf- bis blei¬
stiftdicke Perforationen, deren grösste sich allerdings bei Fall 8 findet.
Besonders zu betonen ist die erwähnte Beschaffenheit des Pulses,
die auf Vagusreizung zu rückgeführt wird. Den von den meisten Beob¬
achtern beschriebenen kleinen oder über Hundert beschleunigten Puls
haben wir nur bei je einem Frühfall gesehen (Fall 8 und 6). Petren
hat wohl mit der Bewertung des Pulses zwischen 80 und 100 als gün¬
stiges prognostisches Zeichen insofern recht, als eine darüber hinaus-
gehende Pulsbeschleunigung als Anzeichen von Peritonitis zu betrachten
ist, die schon nach wenigen Stunden einsetzen und das ursprüngliche
Bild verändern kann. Für den peritonealen Schock ist bei herzgesunden
kräftigen Menschen der volle, relativ langsame, rege.l- und gleich-
mässige Puls typisch, der nicht zu Irrtiimem in der Diagnose Anlass
Meist dauern in den nächsten Stunden die heftigen, häufig im .Ober¬
bauch lokalisierten Schmerzen fort, die durch kein Mittel wirklich zu
beseitigen sind. Ein eigentliches Ruhestadium nach dem des
Schocks (Symmonds; nach Wetterstrand) haben wir nicht
beobachtet, wenn man nicht Fall 9 hier anziehen will. Die. alte War¬
nung vor der Morphiuminjektion (per os ist es weniger schlimm, da es
doch nicht zur Resorption kommt), wegen ihrer die Diagnose gefährlich
verschleiernden Wirkung (Lennander, Petren), bedarf nach
unserer Erfahrung der Wiederholung.
Der Zustand des Schocks geht mehr oder weniger langsam und
fliessend in einigen Stunden in das bekannte Bild der diffusen Peri¬
tonitis über. Die Schnelligkeit dieser Entwicklung ist abhängig von
der Virulenz der eingedrungenen Erreger und der Menge der ergossenen
Flüssigkeit, auch von Sitz und Grösse der Perforation. Diagnostisch
wertvoll ist, dass ein langes Bestehenbleiben der harten Bauchdecken¬
spannung im Oberbauch nach Eintreten meteoritischer Auftreibung des
Leibes häufig zu beobachten ist (Finsterer).
Die Perforation betrifft meist ältere Ulzera, was in unserer Be¬
obachtungsreihe nach Anamnese und autoptischen Befund ausnahmslos
der Fall war. Wie viele Ulzera perforieren, ist schwer zu schätzen.
Dementsprechend schwanken die Angaben der Autoren (1 — 18 Proz.,
Literatur bei Finsterer) Wann ein Ulcus durchbricht, ist ausser¬
ordentlich verschieden. Viele perforieren jedenfalls im Schlaf. Ein
Trauma spielt als Entstehungsursache nur gelegentlich eine Rolle
(Thiem). Auch die Füllung des Magens ist von untergeordneter ur¬
sächlicher Bedeutung. Auch bei leerem Magen kommt . der Durch¬
bruch vor. Die Perforation kann in jedem Lebensalter eintreten, bei
7 jährigen Mäddhen und 80 jähriger Greisin wurde sie beobachtet
(Brentano: nach Finsterer). 70jährige wurden mehrfach ope¬
riert und geheilt (Amberger). Zweifellos am häufigsten ist sie in
Ten kräftigsten Lebensjahren.
In unseren Fällen:
bis 20 Jahre 1 mal
20 — 30 Jahre 2 mal
30 — 40 ., 5 mal
40—50 „ 2 mal
50 — 60 ,. 4 mal.
Bei der einzigen Frau (57 Jahre) unter unseren Fällen lag keine
Perforation in die freie Bauchhöhle, sondern ein Abszess der Bursa
omentalis vor (Fall 14). Auffallend ist, dass zahlreiche Beobachter
der neueren Zeit das Ueberwiegen des männlichen Geschlechtes sahen
(Amberger, C i t r o n b 1 a 1 1, D e m m e r, Finsterer, Petren,
Wetterstrand u. a.). während Konrad Brun n e r (nach Wetter-
Strand) das Verhältnis der Frauen zu den Männern gleich 4 zu 1
angibt.
Die Prädilektionsstelle der Perforation ist beim Magen die Vorder¬
wand des Pylorus und dessen Umgebung in der Nähe der kleinen Kurva¬
tur (Fall 1 mit 8, 10, 11, 12); beim Duodenum die Vorderwand der
Pars horizontalis superior (Fall 9 u. 13). Der einzige Durchbruch an der ^
Magenhinterwand, den wir sahen, führte zur Abszedierung in der Bursa
omentalis und im subphrenischen Raum. Auch an anderen Stellen I
kommen Durchbrüche vor, selten ausserhalb der Magenstiasse (Kardia, I
kleine Kurvatur, Pylorus), wo eben die nichtheilenden alten Geschwuie |
vorzugsweise ihren Sitz haben. Bei 3 Fällen (10, 11, 12), bei denen I
die Perforation am Pylorus selbst sass. konnte bei der Operation nicht
entschieden werden, ob sie dem Magen oder Duodenum angehörte. I
Zu fühlen ist das in dem kallösen und entzündlich infiltrierten Gewebe I
nicht. Die als Grenze anerkannte Pylorusvene ist infolge des dicken I
Fibrinbelages meistens nicht zu sehen. Das Herausfliessen von Galle j
würde in einem solchen Falle für Duodenalperforation sprechen, d. h. I
wenn der Pylorus verschlossen ist. Ein bei der bekannten Multiphzrtat 1
der Ulzera nicht seltenes Vorkommnis ist die Perforation von 2 Ge¬
schwüren. Wir haben einen Fall (9) durch eine wahrscheinlich erst
nachher eingetretene Perforation eines zweiten Geschwürs an der Hin-
terwand der Pars horizontalis superior duodeni verloren, gegenüber j
der übernähten an der Vorderwand. Es gibt auch eine Beobachtung
über gleichzeitigen Durchbruch von 3 Geschwüren (Jaboulay; nach 1
W e 1 1 e r s t r a n d). Die Form der Perforation ist meist rund, scharf- 1
räudig. Ihre Grösse schwankt: 5X8 und 6 X 6 cm wurden schon j
gesehen (W e 1 1 e r s t r a n d). Meist ist das Loch bis etwa erbsen¬
gross Wir sahen 4 grössere, bis zu Zehnpfennigstückgrösse (Fall 2, j
5 8, 14). Das Exsudat ist von typischer Beschaffenheit, ähnelt dem j
gewöhnlichen Mageninhalt, ist trübe, schleimig, fibrinreich, von säucr-
lichem Geruch. Es wird manchmal durch Getränke oder Nahrung ge- |
färbt oder enthält grobe Nahrungsbestandteile (Reste von Pilzen Fall 2 j
und 5). Es setzt sich zusammen aus dem ergossenen Mageninhalt ,
und der Ausschwitzung des gereizter. Bauchfells. Später wird es j
eitrig, erst sehr spät jauchig und übelriechend. Gas, d. h. verschluckte j
Luft findet sich manchmal und sichert beim Ausströmen aus der La- ,1
parotomiewunde sofort die Diagnose.
Der Weg, den nach den Untersuchungen von Mikulicz, Len-
n a n d e r u. a. (zit. nach L i e b 1 e i n, Melchior) die aus der Perfo- ,
ration ausströmende Flüssigkeit nimmt, ist von grosser praktischer Be- j
deutung. Beim typischen pylorusnahen Ulcus des Magens oder Duo- I
denums fliesst die aus der ja meist nur kleinen Oeffnung langsam i
ausströmende Flüssigkeit in der Rinne des schwach geneigten Meso¬
colon transversum nach rechts ab, aussen am Colon ascendens herunter i
und sammelt sich in der Fossa iliaca. Dieser Umstand lässt begreiflich j
erscheinen, dass dann sehr frühzeitig der Hauptsitz der Schmerzen,
Spannung und Druckempfindlichkeit in der rechten Unterbauchseite
gefunden wird, wo sie Veranlassung zur häufigsten Fehldiagnose, der |
der Appendizitis, geben. Von hier aus strömt der Erguss in das kleine
Becken herab, bei kurzer Anheftung des Colons ascendens schon
weiter oberhalb dieses überkreuzend. Bei rascherem Ausströmen von
Magen- oder Darminhalt oder einem Hindernis irgendwelcher Art
auf der Strecke des beschriebenen Weges zur Flexura hepatica, läuft
die Flüssigkeit vorne über das Netz herunter. Dies erklärt, dass das •
Netz frühzeitig ausgeprägte Entzündungserscheinungen aufweist,
während der Dünndarm weniger rasch ergriffen wird. Beim hochsitzen- •
den Magengeschwür entspricht der Weg nach links zur Flexura lienalis 1
und am Colon descendens dem der rechten Seite. Bei der selteneren J
derartigen Lokalisation des Durchbruchs kommt er weniger in Frage.
Bei grosser Oeffnung und grossen Mengen erfolgt . die Ausbreitung
rascher und regelloser. Beim Durchbruch an der Hinterwand kommt
es leichter zu abgesackter Peritonitis (Fall 14), da hier die peri- f
gastritischen Verwachsungen beim alten Geschwür weit häufiger und
umfangreicher sind als vorne, wo sie nur sehr selten zur Anheftung des
Magens an der vorderen Bauchwand führen.
Die Infektion des Peritoneums nimmt meist keinen stürmischen .
Verlauf, da die Zahl der pathogenen Keime im Magen und Duodenum
an sich geringer ist als in unteren Darmabschnitten (z. B. Appendix),
und der saure Magensaft die Virulenz herabsetzt (Konrad Brunner j
nach L i e b 1 e i n).
Eine besondere Abart der Perforation ist die gedeckte Perforation, ,
die mit der subakuten öfters zusammengeworfen wird. Klarer wäre
es, von subakuter Perforation nur in Fällen zu sprechen, in denen sie |
sich langsamer vollzieht, vielleicht durch peritonealen Reiz angekündigt j
wird (Moynihan, V i 1 1 a r d und P i n a t e 1 1 e nach Petren) oder
auch zu weniger stürmischen Initialsymptomen führt. Die Bezeichnung ;
„gedeckte Perforation“ sollte nur für die Fälle angewendet werden, I
in denen der Durchbruch zwar akut eintritt, aber sekundär eine Deckung I
der Oeffnung stattfindet, sei es durch Fibrin, Netz, Leber, Gallenblase,
oder vordere Bauchwand. Schnitzler hat ihr eine ausführliche 'j
Beschreibung gewidmet. Derartige Fälle haben schon vorher F i n -■
stere r, Petren u. a. gesehen ohne sie besonders zu bewerten.
Ersterer hat neuerdings einen Fall gesondert beschrieben. Die Deckung |
wird nur möglich sein bei kleiner Oeffnung, geringer Füllung des |
Magens oder Duodenums, so dass nur kürzere Zeit Inhalt ausfliesst,
reichlicher Fibrinbildung, die entweder selbst das Loch verstopft oder
die Verklebung mit dem Nachbarorgan besorgt, 'und bei besonders i
geringer Virulenz und Menge der ausgetretenen Keime, so dass cs i
nicht oder doch erst spät zur Eiterung, allenfalls Abszessbildung kommt.
Ihr Vorkommen gibt die Erklärung für manche Fälle, bei denen bei der
Operation das Loch in den dicken Fibrinpelzen (Petren) nicht ge¬
funden wurde, und für den milden Verlauf, der die Rettung von aus¬
gesprochenen Spätfällen durch Operation ermöglichte (Fall 12. 42 Stun¬
den post perf. operiert und geheilt, Finsterer) und für Fälle. die :
ohne Operation in Heilung ausgingen. Nach Schnitzler soll bei der
I 20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
gedeckten Perforation nach den ersten stürmischen Symptomen Er¬
holung beobachtet werden. Bei unserem Fall traf das nicht zu. Dass
auch diie gedeckte Perforation, selbst wenn sie diagnostiziert wird
(Finsterer; möglichst frühzeitig operiert werden muss, bedarf bei
dei Unsicherheit eines derartigen Verschlusses wohl kaum besonderer
Hervorhebung.
. Eei voller Ausprägung des Bildes könnte die Frühdiagnose sicher in
j dreivieitel der Fälle, bei denen der Arzt rechtzeitig gerufen wird,
gestellt werden. Die Frühdiagnose ist jedoch keineswegs so häufig,
lni weiteren Verlauf, bei schon eingetretener diffuser Peritonitis ist die
, 'asiiose wesentlich schwieriger. Doch kann auch hier der typische
| lnitialschmerz den richtigen Weg weisen. Praktisch ist hier die Er¬
kennung dei ülcusperforation als solcher zunächst von geringerer
Bedeutung, denn mit Ausnahme von ganz desolaten Fällen wird die
' Behandlung immer eine operative sein. Meistens wird die Fehldiagnose
i Appendizitis gestellt. Dies hat seinen Grund in einer gewissen Aelm-
■ lichkeit der Anamnese. Auch in der Appendizitisanamnese spielen oft
angebliche Magenschmerzen eine Rolle. Doch ist der Perforations-
| schmeiz bei. ihr wohl nie ein derartig heftiger. Die erwähnte Aus-
ei tungs weise des Exsudats erschwert weiter die Differentialdiagnose.
i Ausgedehnte Druckempfindlichkeit und Spannung auch in der Ober-
: bauchgegend werden bei frischer Appendizitis auch im Fall der Per-
I selten Vorkommen. Diese Verwechslung hat noch keine dele-
i tare Bedeutung, wenn sie nur zur sofortigen Operation führt Bei
1 dieser gibt die Beschaffenheit des Exsudats Aufklärung. Auch uns sind
i LS,, o e Fa eu b®SeSnet?. ein Frühfall (Fall 8, geheilt), ein Spätfall
irall 2, gestorben). Im übrigen gibt es wohl keine akute abdominale
Erkrankung, mit der die ülcusperforation nicht schon verwechselt wor-
1 den wäre. Die Karzinomperforation kann dasselbe Bild wie die des
I V leus rotundum zeigen, wie auch unser Fall 15 beweist, der erst bei
der mikroskopischen Untersuchung des Sektionspräparates als Karzinom
, aulgedeckt wurde. Schlecht abzugrenzen sind anderweitige sel¬
tenere Darmperforationen (Meckelsches Divertikel. Darmtuberkulose,
i yphus ambulans). .Geplatzte Zysten des weiblichen Genitales führen
; zu Erscheinungen, die meist von den unteren Bauchabschnitten aus-
j sehen und dort am stärksten ausgeprägt sind, abgesehen von der
j anamnestischen Verschiedenheit. Die geplatzte Tubargravidität zeigt
i ausserdem die Symptome der intraabdominellen Blutung. Vor der Ver-
wechslung mit Pneumonie oder tabischer Krise schützt eine ein¬
gehende Untersuchung.
' „ ,Ein,en Fall sog. Scheinperforation (P e tr e n) haben wir beobachtet.
| Es. handelte sich um einen 34 jährigen Mann, der vor 15 Jahren einen
1{ Deichselstoss auf den Bauch mit nachfolgenden langen und schweren
I Krankenlagern erlitten hatte. Er wies alle diagnostisch wichtigen
1 änamuestischen und Befundsmcrkmalc einer akuten Ülcusperforation
I d],e rv* Euchhöhle auf, so dass an der Diagnose kein Zweifel be-
I ,fnd- Die ,obere mediane Laparotomie ergab ausser ausgedehnten
alten Verwachsungen, die den Einblick sehr erschwerten, nichts. Auch
die zugänglich gemachte hintere Magenwand zeigte keine Spur eines
Ulcus. Die Gallenblase war in Ordnung. Vom Pararektalschnitt aus
wurde eine Appendix entfernt, deren Wand etwas verdickt war und
deren Schleimhaut punktförmige Blutungen aufwies. Mikroskopisch
j zeigte die Subserosa. leichte entzündliche Infiltration. Darnach wTird
! niäii' sie kaum als Ursache anschuldigen können. Der Heilungsverluf
war ein völlig glatter und rascher. Aufklärung brachte er in keiner
Richtung. Tabische und hysterische Zeichen fehlten vollständig.
Alle zur Aufnahme gelangten Fälle von ülcusperforation wurden
operiert. Dass der Schockzustand kein Grund zur Aufschiebung der
Operation sein kann, ist klar, wenn man weiss, dass er in diffuse Peri¬
tonitis übergeht.
Der Gang der Operation war grundsätzlich folgender: supra-
umbilicale mediane Laparotomie, Naht der Perforationsstelle, erst durch¬
greifend, dann ein- bis zweifache Serosatibernähung allenfalls mit Heran¬
ziehung von Netz. Ausgiebige Spülung der ganzen Bauchhöhle mit
körperwarmer physiologischer Kochsalzlösung unter Eventration des
Dünndarms. und möglichster Beseitigung von Belägen. Gastro-
enterostomia retrocolica posterior. Völliger Verschluss der Bauchwunde
uurch Schichtnaht, ausser bei ausgesprochen diffus eitriger Peritonitis,
ohne Rücksicht auf zurückgelassene Spülflüssigkeit.
Die blosse Naht der Perforation genügt jedenfalls, die Exzision des
Uicus als Verfahren der Wahl hat nur noch wenig Anhänger (D e a v e r).
••ii, Uie Sestielte Netzplastik wurde nur ausgeführt, wenn die Serosa-
nahte allein nicht sicher genug schienen. Anderes Material zu ver¬
wenden, hatten wir keine Veranlassung (z. B. Ra ab e, freie Peritoneal¬
transplantation).
Die von Rehn eingeführte Spülung mit Eventration des Dünn-
*nlSVT^ie ei(ien a^en Streitpunkt in der Peritonitisbehandlung dar-
steht (Deutscher Chir.-Kongr. 1909) hat in ihrer Anwendung bei der
'Viagen- und Duodenalulcusperforation in neuerer Zeit sicher Freunde
gewonnen, die ihre guten Erfolge darauf zurückführen (Amberger,
Demmer, Nötzel [alle R e h n sehe Schule], Bircher Eberl e,
v. Eiseisberg, v. Haberer, Hohlbaum [Payrsche Klinik],
wrogius, Körte u. a.). Gegenöffnungen anzulegen haben wir nicht
*.4)" gehalten. Jedenfalls muss die Spülung ausgiebig sein (30 bis
p Fiter) und richtig von der Tiefe heraus ausgeführt werden. Mit
Keinhar d glauben, wir, dass es ein Verdienst der Spülung ist, wenn
Sen me ’n^ra‘lbdom'na^en Abszesse in der Nachbehandlung beobachtet
Die Ausführung der Gastroenterostomie beim perforierten Magen-
und Duodenalulcus ist eine sehr umstrittene Frage (Rovsing) Ihr
Nr. 3.
Zweck ist zunächst der, eine Entlastung des Magens durch rasche Ent¬
leerung und Schutz der Naht beim pylorusnahen oder Duodenalulcus
durch Umgehung des Pylorus zu erreichen. Darüber hinaus soll sie
ausserdem das Ulcus in der Folge heilend beeinflussen. Letzteres liegt
ausserhalb des Zieles der Operation bei der Perforation, die bei dem
schweren Zustand des Kranken rasch gemacht werden muss. Je nach-
dem dei Chiruig die erste Absicht etwa auf eine andere Weise besser
verwirklichen zu können glaubt (z. B.Salzman n) und je nach seiner
Wertschätzung der Gastroenterostomie in der Ulcusbehandlung über¬
haupt, die ja eine sehr verschiedene sein kann (v. E i s e 1 s b e r g.
Deutsch. Chir.-Kongr. 1920), und je nach der Einschätzung der Wieder¬
standskraft, des Kranken und der eigenen Technik wird er die Gastro¬
enterostomie nicht oder nur unter bestimmten Voraussetzungen oder
gi undsätzlich anwenden. Bei vor oder durch Operation entstandener
Pvlorussteno.se hat sie jedenfalls zahlreiche Anhänger (Arnberg er
Finsterer, Petr ein, Wagner, Wetterstrand u. a.). Wir
haben die Gastroenterostomie in unseren sämtlichen Fällen freier
Perforation ausgeführt, mit Ausnahme von Fall 3, wo die Operation
wegen des desolaten Zustandes abgebrochen und deshalb auch nicht
gespult wurde, und in Fall 8, wo sie unterblieb, weil die Operations¬
dauer nach vorausgegangener Appendektomie und bei Ausschluss der
btenosegefahr ohne zwingende Gründe nicht weiter verlängert werden
iNeuerdmgs haben Chirurgen, die in der Ulcusbehandlung überhaupt
zu radikaleren Methoden hinneigen, im Vertrauen auf ihre Technik in
günstig gelagerten Frühfällen Resektionen (Billroth 2 und 1. Quer-
resektion) beim perforierten Ulcus mehrfach ausgeführt und 'Erfolge
berichtet (Eberl e, Eu nicke, v. Haberer, Massari, Petren)
Lhe Resektion ist jedoch immer ein grosser und nicht einfacher Eingriff.
Vur glauben, dass es wichtig ist, die Operation möglichst abzukürzen.
Eine Resektion kann, wenn nötig, später nach Erholung des Kranken
mit grosserer Ruhe und Sicherheit ausgeführt werden.
Im Notfall, bei Unmöglichkeit des Nahtverschlusses der Oeffnung,
nat man sich auf Tamponade mit oder ohne Gastroenterostomie be-
schrankt, die schon Fälle gerettet hat (W e 1 1 e r s t r a n d). Auch die
Fl?ria i Uerf°raFon in die Bauchwunde wurde erfolgreich aus-
gefuhrt (Bur k).
Auf Drainage haben wir in Frühfällen verzichtet und den Verschluss
der Laparotomiewunde möglichst ausgedehnt anzuwenden gesucht.
Auch dort, wo wie in Fall 12 und 13 das Ziel einer festen Narben-
bhdung ohne Bruch nicht erreicht wurde, hat sie einen anderen
bchaden nicht angerichtet. Zugegeben ist. dass in diesen beiden Fällen
die Vernärbung bei Anwendung einer Drainage (Rehn sehe Schule)
vielleicht eine bessere geworden wäre. Breite Tamponade leistet wohl
nicht mehr wie Drainage und führt sicher zum Narbenbruch, der doch
nicht ganz gleichgültig sein kann.
Wir hatten unter 13 Fällen freier Perforation:
8 Frühfälle (bis 12 Stunden p. perf.)
davon bis 6 Stunden p. perf.
6 — 12 Stunden p. perf.
5 Spätfälle
davon 12 — 24 Stunden p. perf.
2. Tag p. perf.
3. Tag p. perf.
4. Tag p. perf. . „ ^
Von den Frühfällen erlag einer einer Pneumonie (Fall 1), einer
fp1 nf ni eriD0ni jS ^°lge Perforation eines zweiten Ulcus duodeni
irali 91. Bei den Spätfällem war die Todesursache Peritonitis. Diese
spielt m der Statistik der Todesursachen der Perforation weitaus die
grösste Rolle. Sehr häufig sind auch Lungenkomplikationen tödlich
(Pneumonie, Gangrän, Empyem).
Komplikationen bei Fällen mit glücklichem Ausgang sahen wir:
Bronchitis i mM (Fall 13); Pneumonie 2 mal (Fall 6, 11); Aszites 1 mal
(Fall 4); Ueuserscheinungen 1 mal (Fall 11); tiefer Abszess am Ober¬
schenkel 1 mal (Fall 11); doppelseitige eitrige Parotitis 1 mal (Fall 12).
Ueber die Nachbehandlung ist besonderes kaum zu sagen, sie unter-
scheidet sich nicht wesentlich von der anderer schwerer Magen- und
abdominaler Operationen. Wert legen wir auf Schutz vor Abkühlung
und gute Durchlüftung der Lunge, geben auch frühzeitig und reichlich
nerzmittel. Von Tropfeinläufen machen wir ausgiebig Gebrauch.
6
geh.
2
gest.
6
5
geh.
1
gest.
2
1
geh.
1
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2
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3
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2
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1
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I
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geh.
1
gest.
iw u ji k c u ^ e s c n i c n i e n.
E N. G., Mann, 40 Jahre. 5. VIII. 1920.
Alte, im Felde verschlimmerte Versteifung der rechten Hüfte. Seit einem
Jahr wiederholte Magembeschwerden, die jetzt seit mehreren Wochen an-
aauern und ganz unabhängig von der Nahrungsaufnahme sind. Zuweilen
saures Aufstossen, nie Erbrechen. Appetit gut. Stuhl stets regelmässig.
Früher starker Biertrinker. Heute vormittag 9 Uhr erkrankte er bei der
Arbeit nach dem Genuss von einem Rollmops und einem Glase Bier plötzlich
mit äusserst heftigen Schmerzen im Leib und mehrfachem Erbrechen Liess
sich sofort ms Krankenhaus bringen. Befund: Schwer krankes Aussehen.
Massiger Ernährungszustand. Blass, trockene Lippen, umrandete Augen
Zunge feucht, wenig belegt. Temperatur 37,2 rektal. Puls 96, regelmässig!
von mittlerer Füllung und Spannung. Herz und Lunge o. B. Leib mässig
aufgetrieben, Bauchdecken gespannt. Starke Druckempfindlichkeit, besonders
im Oberbauch, rechts stärker als links, weniger rechte Unterbauchseite
Keine Darmgeräusche. Sofortige Operation: 6)4 Stunden post perf. Lap. med!
supraumb. Am Magen, Vorderwand dicht am Pylorus, nahe kleiner Kurvatur
erbsengrosse Perforation. In der Umgebung in Zweimarkstückgrösse Fibrin-
belage. Geringe Exsudatmenge, in der Nähe der Perforationsstelle
starker eitrig, mit Flocken durchsetzt. Darm injiziert. Zweifache
Naht der Perforation. Dann wird noch ein Netzzipfel darauf genäht.
Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Verlauf: Während die peri-
4
80
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
srs, »TÄÄg j
reste an Nahtstelle und unterem Dünndarm. Multiple Ulzera Um magemunuu
2. A. M„ Mann, 54 Jahre. 22. IX. 1920. ^c-hmerzen im
Vor 18 Jahren Krankenhausbehandlung wegen heftige ^
Leib. Sonst angeblich immer gesund. Am 19. IX. nach m Untergauch>
(Schwämme) mit sehr heftigen Leibschmerzen, besonders Tagen
SÜch erkrank,. Zunahme de, iuhJtr ».Ih S
mit Erbrechen dunkelbrauner Massen 21. IX. T abends erfolgte
der Bahn von Neumarkt nach München. Am selben Tag erfüWung
sd ^,iSe,;:chl sä' sä hsfÄSTfü;
schnitt rechts Reichliche dunkelbraune nicht stinkende Flüssigkeit, ln
sich vereinzelt Teile der Pilzmahlzeit finden. Serosa des Dünndarms gerötet,
SaumfeAnmder ktoteü Kurt, tu?
mittein ist der Radialpuls nicht mehr fühlbar. 9 Uhr 15 Min. abends Exitus.
FrüTie^ant^Uch^stet gesund ^ Am 30L X. mittags habe er sich nach dem
5^rSr1k,xr12Sn^S^ÄÄ'ÄhÄSf;
Befund- Puls fadenförmig, fliegend, Atmung schwer, beschleunigt, ausg
sprochene Facies abdomF Na,.' und Extremität» kahl Leib
aiifgetrieben stark druckempfindlich. Keine Darmgerausche. Irotz
infausten Zustandes Operation: 3. Tag post perf. Lap. med. supraumb. Dünn¬
darm hochgradig gebläht, eitrig belegt. Grosse Menge . ^ngp”’lorus Übe5
riechenden Exsudates. An der kleinen Kurvatur nahe beim Pylorus ube
erbsengrosse Perforation, aus der massenhaft bräunlicher, schaumiger, säuer¬
lich riechender, mit wenig festen Bestandteilen gemischter Mageninhalt aus¬
strömt. Doppelte Naht wegen der erheblichen Auflockerung der schmierig
belegten Serosa schwierig. Einlegen von 3 dicken Streifen. Bauchdecken¬
schichtnaht 2. XL mittags Exitus. Sektion: diffuse eitrige Peritonitis.
Lungenödem. Thrombose beider Venae femoralis. Multiple, altere Ulcera
rotunda des Magens.
4. J. H., Mann, 58 Jahre. 5. XI. 1920.
Seit 20 Jahren magenleidend, mit typischen Ulcusbeschwerden. Vor einer
Woche setzte ein ungewöhnlich schwerer Anfall ein. Stuhl seit 28. A. a -
gehalten Seit 30. X. täglich 1—2 mal Erbrechen wässeriger Massen Starkes
Aufstossen. Vergangene Nacht setzten ganz plötzlich, so dass « - davon er¬
wachte, sehr heftige Leibschmerzen ein, die in der Lebergegend besannen un<
sich dann über den ganzen Leib ausbreiteten. Befund: Schwächlich gebauter,
abgemagerter Mann. Schwerkranker Eindruck. Facies abdominalis. Zunge
weiss belegt, trocken. Leib eingezogen, bretthart. Ueberall ausserst druck¬
schmerzhaft. Sofortige Operation: Etwa 12 Stunden post perf. Lap. med
supraumb. Am Magen nahe dem Pylorus an der kleinen Kurvatur kleine
Perforation. Reichlich Mageninhalt in der Bauchhöhle. Darmschlingen teil¬
weise fibrinös belegt. Zweifache Naht der Perforation. Netzdeckung. Ga E.
post. Spülung. Bauchdeckenschichtnaht bis auf 3 dicke Streifen. In der
Folge erhebt sich die Temperatur nie über 38,1 rektal, der Puls nicht über 110.
Stuhl am 4. Tage post operationem. Langsame Erholung. Am 27 XI. noch
Aszites nachweisbar. Bei Entlassung am 20. XII. noch Knöchelodem. Ge¬
wicht 40 kg, Grösse 158,5. Nachuntersuchung 3. IV. 1921. Gewicht 49 kg,
guter Allgemeinzustand. Keine Beschwerden. Kann mit Ausnahme schwerer
Speisen alles essen. 10. X. 1921: Sieht gut aus. Mager Beschwerdefrei.
Bei vorsichtiger, geregelter Lebensweise voll arbeitsfähig (Beamter).
5. B. Fr., Mann, 30 Jahre. 9. XI. 1920.
Seit 4 Jahren magenleidend mit häufigen krampfartigen Schmerzanfallen.
Seit Januar 1919 erhebliche Verschlechterung. Häufig heftige Magen¬
schmerzen, Appetitlosigkeit. Nach künstlich hervorgerufenem Erbrechen Er¬
leichterung. Stuhl häufig angehalten mit Durchfällen wechselnd. . Am 4. XI.
neuerdings starke Schmerzen, so dass er ins Bett musste, häufiges massen¬
haftes Erbrechen, bräunlich-übelriechend. 6. oder 7. XI. schwarzer Stuhl.
Am 8. gegen Mittag ging er aus. Auf der Strasse brach er plötzlich mit
heftigen Schmerzen im Leib zusammen, bekam keine Luft mehr. Zu Hause
dauerten die heftigen Schmerzen fort, bis er nachts ins Krankenhaus gebracht
wurde. Befund: Kräftig gebauter Mann. Facies abdominalis. Zunge trocken,
dick belegt. Kostale Atmung. Puls 112, regelmässig, klein, Temperatur 38,3.
Leib flach, bretthart gespannt, überall sehr druckempfindlich. Keine Darm¬
geräusche. Operation: Etwa 18 Stunden post perf. Lap. med. supraumb.
In der Bauchhöhle reichliche graugrünliche Flüssigkeit, die Reste einer Pilz¬
mahlzeit enthält. Darmschlingen injiziert, Magen gebläht. An der kleinen
Kurvatur eine etwa pfenniggrosse Perforation, deren Umgebung in gut Fünf¬
markstückgrösse derb kallös ist. Zweifache Naht. Spülung. Ga.E. post.
Bauchdeckenschichtnaht bis auf 3 Streifen. Während der Operation Kollaps,
der trotz NaCl-Infusion, reichlicher Herzmittel usw. nicht behoben wird. Der
Radialpuls wird nicht mehr fühlbar. Wohl hauptsächlich durch Strophanthin
wird Exitus bis 10. XI. nachmittags 4 Uhr hinausgeschoben. Sektion: Eitrig¬
fibrinöse Peritonitis, ausgehend von Ulcus callos. perf. des Magens. Oedem
und Hypostase beider Lungen.
6. N. G., Mann, 33 Jahre. 20. XI. 1920.
Seit längeren Jahren magenleidend. Vor 2 Jahren deswegen im Kranken¬
haus. Zeitweise schwarzer Stuhl, saures Aufstossen, Schmerzen in Magen¬
gegend. Vor 4 Tagen traten wieder Magenschmerzen auf. Arbeitete weiter.
Heute vormittag 9% Uhr stand er an einer Maschine und wollte eben eine
Anordnung treffen, als ganz plötzlich äusserst starke Schmerzen einsetzten,
so dass er zu Boden sank und starke Atemnot litt. Sofortige Verbringung ins
Krankenhaus. Befund: Kräftiger Mann. Blass, etwas zyanotisch. Schwer¬
krankes Aussehen. Krümmt sich vor Schmerz. Atmung 26, Puls 112. Leib
eingezogen, gespannt, überall, besonders in Magengegend druckschmerzhaft.
Operation: 2 /* Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Am Magen an der
kleinen Kurvatur vor dem Pylorus erbsengrosse Perforation in weisslich-
strahlender Narbe. Wenig Exsudat. Serosa überall glatt und glänzend.
Dreifache Naht. Spulu.a . Oa.E POSE, Xt««“ »Ä“' '
Glatte Heilung bis auf kleine Eiterung am ee eins?tzend, rasch abklingend. J
pneumonie beider Unterlappen, am 2. ^ ^ erholt.
9. XII. Entlassung. Nachuntersuchung 8. X. 1921. “ *„ach un- I
Arbeitet ständig fühlte sich wohl bis vor Nikotingenuss häufig morgens
.ÄÄflSh m!
Shssssää
;rem^raf,tUT^igerZtgenkontrolle X 1*920 «gib rasche Entleerung des
bis 80, 6 Tag) Röntgenkontrolle tu. ai^ ^ ^ def Kranke neUerdings
wflmSKatarfhes 'der SerenVuft’wege und allerlei nervöser Beschwerden im
Krankenhaus Nach 4er Operation halten hie «Unbeschwerte» aane auf-
gehört. Zuletzt wieder etwas saures Aufstossen.
Schon" 1 ä ii' g er e 11 Z e i t 9 Mage nie sch werde n . Vor X Jahr deswegen in ärzt¬
licher Behandlung. Am 31. XII. 1920 traten QUSeu”
Oberbauch auf, erstreckten sich auch in die rechte Unterbauchseite, neu ^
nachmittags 4 Uhr bei der Arbeit plötzlich '™efsen ’ Er¬
dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Hat mittags noch gegessen, r-r
brechen nachmittags auf künstlichen Reiz. Gegen Abend eingeliefert,
fund Junger wenig entwickelter, kleiner, schlanker Mann. Augenscheinlich
grosse Schmerzen." Angaben unsicher langsam Blasses Gfcht JUss,
Lippen, Augen umrandet, Zunge feucht, kaum belegt. Hände und Fusse kuh .
P ik klein um 80. Temperatur 36,4 rektal. Leib eingezogen, bretthart Sehr
grosse Druckempfindlichkeit, Spannung und Druckschmerz am stärksten m
der rechten Unterbauchseite, wo auch spontan jetzt die ärgsten Schmerzen
angegeben werden. Keine abnorme Dämpfung. Diagnose: Appendicitis perf
Operation: 3/2 Stunden post perf. Pararektalschnitt .\0.rllnege"derK°u""dnar"u
auffallend feucht, gestaut. An der Appendix nur Injektion ein Kotstein
fühlen Typische Appendektomie. Lateral des Zoekums und Golo
ascendens Ansammlung reichlich stark getrübten und mit durch¬
setzten Exsudates. Bauchdeckenschichtnaht. Lap. med. supraumb. Mage
gebläht, stark gefüllt, an der Vorderwand nahe der kleinen Kurvatur da™ea‘
breit vom Pylorus ein Bleistiftdicke haltendes Loch in weisslich narbiger
Umgebung, aus dem fortwährend Mageninhalt abfliesst. Weiter kardiawarts
an der Vorderwand eine kleine, weissliche, strahlige feste Narbe. Dreifaches
Uebernähen der Perforation unter Heranziehen eines Netzzipfels. sPulu"S-
Von Ga.E. wird mit Rücksicht auf die längere Operationsdauer, den schweren
Zustand und die gute Durchgängigkeit des Pybrus abgesehen. Bauchdecke -
schichtnaht. Verlauf: Beide Wunden heilen p. p. Heilverlauf glatt. Röntgen
kontrolle 4. II. 1921 ergibt gute Entleerung des leicht verzogenen Magens.
12. II. entlassen. Nachuntersuchung 17. X. 1921. Hat sich kräftig entwickelt.
Frisches Aussehen. Volles Gesicht. Fühlt sich gesund. Isst alles. Vo
5 Wochen einmal leichtes Magendrücken. Trinkt und raucht nicht. Narben
fest mit Keloidbildung.
9. Kö. A., Mann, 23 Jahre. 5. II. 1921.
Während des Krieges 1 Jahr Soldat. Wegen Anfällen mit Bewusstsein*-
verlust, Schreien und Krämpfen entlassen. Vor einem Jahr erlitt er einen
Schlag mit einem schweren Hammer auf die Stirn. °er Vater behauptet,
seitdem sei sein Sohn „nicht mehr ganz richtig“. Seit 3—4 Monaten dumpfe
Schmerzen in der Magengegend, hauptsächlich vor dem Essen. Oft braun¬
schwarzes Erbrechen. In der letzten Woche fühlte er sich recht unwohl
Frösteln, starker Durst, Appetitlosigkeit. Nachmittags A 5 Uhr spurte er auf
der Strasse einen Riss durch die Brust und den Oberbauch. Darauf konnte
er sich nur noch kriechend in ein Geschäft schleppen, wo er ganz zusammen¬
brach Kein Bewusstseinsverlust. Reichlich Erbrechen, das sich mehrfach
wiederholte. Winde und Urin seither angehalten. Wird um 9 Uhr abends
eingeliefert. Befund: Gibt nur zögernd und schwerfällig Auskunft. Ruhig.
Blass. Lippen rot. Foetor ex ore. Zunge leicht belegt, feucht. Puls 88,
gut gefüllt, mässig gespannt, regel- und gleiohmässig. Temp. ax. 36,8. nerz,
Lunge o. B. Leib leicht eingezogen, im ganzen gespannt, besonders die
Rekti Druckempfindlichkeit rechts auf der ganzen Seite mehr als links, doch
nirgends erheblich. Flanken frei. Rechts im Unterbauch Dämpfung. In den
nächsten 2 Stunden zweimal galliges Erbrechen. Hat etwas geschlafen, fühlt
sich wohler. Sieht nicht verfallen aus. Puls und Temperatur unverändert.
Der Kranke ist ruhig, macht einen etwas stumpfen Eindruck. Er setzt sich im
Bett allein auf. Leib leicht eingezogen, Rekti deutlich gespannt, keine erheb¬
liche Druckempfindlichkeit. In der rechten Unterbauchseite leichte Dämpfung
Die Leberdämpfung ist in ganzer Ausdehnung von Tympame überlagert
Rektal leichte Druckempfindlichkeit des Douglas. Diagnose: Ulcus ventricu
aut duodeni perf.? Operation: 6. II. 1921 8 Stunden post perf. Lap. med
supraumb. Sofort Vordringen von schmierigem Exsudat. An der Vorderseite
des Pylorus erbsengrosse Perforation, aus der etwas Galle fliesst. Zweifache
Naht. Dünndarmserosa überall getrübt, injiziert, reichlich Skybala. Ga.E
post. Bauchdeckenschichtnaht. Verlauf: In den nächsten Tagen zunächs
Rückgang der peritonealen Symptome. Am 10. II. 1921 rasche Verschlech
terung. 12. II. 3 Uhr morgens Exitus. Sektion: 1. Ulcus an der Vorderwani
der Pars Ihoriz. sub. duodeni genäht. 2. Ulcus an der Hinterwaiid perforiert
Jauchige Peritonitis.
10. Sch. G„ Mann, 33 Jahre. 16. III. 1921.
Seit 1910 magenleidend. Hat den ganzen Krieg im Feld mitgemacht
Letzte Nacht hatte er heftige krampfartige Magenschmerzen. Als er heut
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
81
1214 Uhr mittags spazieren ging, bekam er plötzlich einen stechenden Schmerz
im Magern der zum Nabel und zur linken Schulter ausstrahlte. Er fühlte ein
schnelles Schwinden seiner Kräfte. Befund: Aussehen verfallen. Zunge kaum
belegt, feucht. Puls 85, voll, regelmässig. Kostale Atmung. Leib nicht auf¬
getrieben, hart gespannt, starker Druckschmerz, am meisten im Epigastrium,
nach abwärts allmählich abnehmend. Keine Dämpfung, keine Darmgeräusche.
Operation: 3 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Sehr spärliches
Exsudat. Magen prall gefüllt. An der Pylorusvorderwand hirsekorngrosse
Perforation in derber Umgebung. Zweifache Naht und Netzdeckung. Spülung.
Qa.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Glatter Verlauf. Wunde p. p. geheilt.
Röntgenkontrolle 31. III 1921 ergibt gute Entleerung des Magens. Stauung
im Duodenum.
11. Sch. J., Mann, 36 Jahre. 3. IV. 1921.
Seit 1916 magenleidend. Im Januar d. J. wegen Magengeschwür in
Krankenhausbehandlung. Heute vormittag X>9 Uhr plötzlich Schmerzen im
Bauch, etwas Erbrechen. Nach einigen Minuten konnte er weitergehen, musste
sich aber bald wieder hmsetzen. Befund: Kräftiger, gut genährter Mann.
Leichte Zyanose. Pupillen klein (vorher Mf.). Puls 90, regelmässig, kräftig.
Temperatur 37,4 rektal. Oberbauch besonders rechts bretthart gespannt.
Rechts neben Medianlinie stärkste Druckempfindlichkeit. Unterbauch frei.
Spärliche Darmgeräusche. Operation: Etwa 4 Stunden post perf. Lap. med.
supraumb. Entweichen von Gasen. Diffuses Exsudat. Erbsengrosse Per¬
foration an der Pylorusvorderwand. Zweifache Naht. Spülung. Ga.E. post.
Bauchdeckenschichtnaht. Der weitere Verlauf war durch eine Pneumonie des
rechten Unterlappens, grössere Fadeneiterung in der Wunde, einen aus¬
gedehnten tiefen Abszess am rechten Oberschenkel und leichte Ileuserschei-
nungen kompliziert. 14. V. 1921 entlassen. Bericht vom 11. X. 1921: Fühlt
sich ganz wohl und arbeitsfähig. Kann alles essen.
12. B. J., Mann, 29 Jahre. 21. V. 1921.
Seit 1917 magenleidend. Während des Krieges zweimal wegen Nerven-
und Magenleidens vom Militär entlassen. Vor 14 Tagen neuerdings heftige
Schmerzen in der Magengegend, Erbrechen, konnte nur noch Milch trinken.
Vorgestern nachmittags wurde ihm im Bureau so übel, dass er heimgehen
musste. Auf der Strasse konnte er nicht mehr weiter. Ein Herr half ihm.
Zu Hause ging er mit heftigen Schmerzen ins Bett. Als er um L>4 Uhr auf¬
stehen wollte, war es ihm „als ob sich unter äusserst heftigen Schmerzen der
Magen plötzlich in den Darm entleerte", wobei er zusammenbrach. Aerzt-
liche Behandlung brachte keine Linderung. Kein Erbrechen. Stuhl und Winde
angehalten. Als Appendizitis eingewiesen. Befund: Schlanker, wenig kräftiger
Mann, Facies abdominalis, Lippen trocken. Zunge feucht, stark belegt. Leib
etwas aufgetrieben. Am Oberbauch, besonders median starke Spannung und
Druckschmerz. Beides auch auf der ganzen rechten Seite vorhanden, doch
nicht so stark wie in der Mitte oben. Links ist Eindrücken etwas möglich.
Sofortige Operation: 42 Stunden post perf. Lap. med. supraumb. Vor dem
geblähten Magen wenig stark getrübtes Exsudat. Auf der Vorder wand des
Pylorus liegt die Leber an. Dazwischen dicker Fibrinbelag, unter dem nach
einigem Suchen vorne oben am Pylorus ein stecknadelkopfgrosses Loch ge¬
funden wird. Zweifache Naht. Trübes, nicht übelriechendes Exsudat haupt¬
sächlich in der rechten Bauchseite und im kleinen Becken angesammelt. Netz
hochgradig gerötet. Dünndarm gebläht, gestaut, trübe. An rechts gelegenen
Schlingen Fibrinauflagerung. Im Colon descendens und sigmoideum Skybala.
Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschichtnaht. Der Verlauf war kompliziert
durch schwere doppelseitige, eitrige Parotitis, die beiderseits inzidiert werden
musste und Eiterung an der Operationswunde, wo der Faden der fortlaufenden
Peritonealnaht in toto zur Abstossung kam. Am 30. VI. 1921 hatte sich der
Kranke im ganzen sehr gut erholt, war ibeschwerdefrei, konnte entlassen
werden. Beginnender Narbenbruch.
13. S. J., Mann, 54 Jahre. 21. VII. 1921.
Seit mehreren Jahren magenleidend. 6. — 11. Juli täglich heftige
Schmerzanfälle mit Erbrechen und Schlaflosigkeit. Am 20. morgens Lcib-
schimerzen, weswegen er gegen Mittag zu Bett ging. Als er nachmittags
ruhig dalag, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob im Oberbauch etwas
durchrisse. . Er stiess einen lauten Schrei aus. Gegen die heftigen Schmerzen
waren ärztlich verordnete Medizin und Mf. -Injektionen wirkungslos. Befund:
Vorgealterter Mann, mager, Gesicht eingefallen, blass. Stöhnt und jammert
über heftigste Leibschmerzen. Temp. 37,8, Puls 100, mässig gefüllt. Leib
etwas aufgetrieben, stark gespannt,' überall sehr druckschmerzhaft, besonders
m der Mitte der Oberbauchgegend und rechts davon. Keine Darmgeräusche
Sofortige Operation etwa 18 Stunden p. perf. Lap. med. supraumb. Gas
und reichlich stark trübes, galliges Exsudat. An der Vorderwand der Pars
horiz. sup. duodeni erbsengrosses Loch, aus dem Galle ausfliesst. Zweifache
Naht. Netz stark gerötet. Dünndarm in den oberen Teilen gebläht, trübe
mjmert Einzelne Fibrinbeläge. Spülung. Ga.E. post. Bauchdeckenschicht-
naj b- er Heilverlauf wurde gestört durch eine schwere eitrige Bronchitis
und Eiterung in der Wunde, die ganz auseinanderwich. Am 10. X 1921
war er noch in ambulanter Behandlung. Verspürt noch Druck in der Magen¬
gegend. Beginnender Narbenbruch.
14. M. B„ Frau, 57 Jahre, 14. I. 21.
Früher ganz gesund. Seit Mai 1920 immer heftiger werdende Magen¬
beschwerden. Vor 10 Tagen wurde sie infolge plötzlich einsetzender heftiger
Schmerzen im Oberbauch ohnmächtig. Seither mehrfach Erbrechen übel¬
riechender Massen, Auftreibung des Leibes, Stuhl und Windverhaltung, die
nach einigen Tagen wieder behoben werden konnte. Der zugezogene Arzt
empfahl Krankenhausaufnahme, welchem Rat Sie erst heute folgt. Befund:
^-tark abgemagert. Verfallenes Aussehen. Blass. Zunge trocken, graubraun
belegt. Temp. 37,8 rektal. Puls 104, klein, regelmässig. Leib im ganzen
stark aufgetrieben. Reflektorische Bauohdeckenspannung nur in der rechten
Oberbauchgegend. Keine abnorme Dämpfung, Leberdämpfung regelrecht. Leb¬
hafte Darmbewegung unterhalb des Nabels sichtbar. Diagnose: Neoplasma
ventriculi? Operation: 5. I. 1921, 12 Tage post perf. Lap. med. supraumb.
Man stösst auf einen zwischen Leber- und Zwerchfell liegenden Abszess,
aus dem stinkendes Gas entweicht und der dünne, trübe Flüssigkeit enthält.
Leber mit Colon transversum fest verklebt. An der gegen den Magen zu
sehenden Abszesswand quillt aus einer sondendünnen Oeffnung am Leberrarid
trübe, stinkende Flüssigkeit vor. Nach Erweitern der Oeffnung gelangt man
U? die Bursa omentalis. Nach Austupfen der Jauche erkennt man an der
ugenhinterwand an der kleinen Kurvatur ein etwa zehnpfennigstückgrosses
Loch. Naht. Gazestreifen an Perforationsstelle und Abszesshöhle, Verkleine¬
rung der Bauchwunde durch Schichtnaht. Die Kranke erholt sich nicht mehr,
6. I. 1921 2 Uhr morgens Exitus. Sektion: Ausser Bestätigung des Operations¬
fundes weiche Milz. Thrombose beider Venae fetnorales, iliacae und der
unteren Hälfte der Kava.
15. R. M„ Mann, 43 Jahre. 9. V. 1921.
Seit mindestens 2lA Jahren (in englischer Kriegsgefangenschaft) Magen¬
schmerzen. 8. V. 1921 morgens 4 Uhr erwachte er infolge starken Magen¬
drückens, das auf heisse Leibwickel wieder so weit zurückging, dass er
einschlief. Gegen 7 Uhr, kurz nachdem er aufgestanden war, befiel ihn ein
so heftiger Schmerz in der Magengegend, dass er sich auf das Bett sinken
Hess und sich ganz krümmte. Durch Arzt vormittags verordnete Pulver
konnten die dauernd fortbestehenden heftigen Schmerzen nicht lindern. Be¬
fund: Massiger Ernährungszustand. Facies abdominalis. Zunge belegt,
trocken. Puls mässig bescleunigt, regelmässig, kräftig. Temp. 38,5. Leib
aufgetrieben, hart gespannt, äusserst druckempfindlich, Oberbauch am meisten.
Keine Peristaltik. Sofortige Operation. 32 Stunden post perf. Lap. med.
supraumb. Gas und stark trübes Exsudat. Unter dem sehr grossen linken
Leberlappen an der vorderen Magenwand, etwa in deren Mitte, erbsengrosses
Loch in dicken Fibrinbelägen. Umgebung in Dreimarkstückgrösse kallös.
Zweifache Naht. Darmserosa überall trüb injiziert. Spülung. Ga.E. post.
Bauchdeckenschichtnaht. 12. V. 1921 Exitus an Peritonitis. Sektion: Diagnose
' Karzinom erst mikroskopisch gestellt.
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d. Nordisch. Chir. Vereins z. Christiania 1919. — Salzmann: M.m.W.
1921, Nr. 40, S. 1294. — Schnitzler: Verhdlg. d. D. Ges. f. Chir. 1912!
41, I, S. 189. — Thiem: H. d. Unfallerkrankungen 1910, 2, 2 Teil —
Wagner: D. Zschr. f. Chir. 1913, 120, H. 5 u. 6. — Wetterstrand'
D. Zschr. f. Chir. 1913, 121, H. 5 u. 6
Ueber Bronchotomie bei tiefen unheilbaren Ver¬
engerungen der Luftröhre.
Von Aurel Rethi-Pest.
Die im unteren Drittel der Trachea sitzenden Stenosen sind zu
therapeutischen Zwecken im allgemeinen schwer zugänglich. Der
grösste Teil ist sogar unheilbar. Die Stenose ist zumeist ein Folge¬
zustand der Kompression durch mediastinale Tumoren und Aneurysmen,
nicht selten sehen wir hochgradige narbige Stenosen, ja sogar bös¬
artige Tumoren der Trachea. Das Sklerom kann auch Erstickungstod
herbeiiiihren durch tiefsitzende Stenosen.
Während im oberen Teil der Trachea befindliche Stenosen gewöhn¬
ter1 durch Tracheotomie beeinflussbar sind, können wir bei tiefsitzen¬
den Stenosen durch die Tracheotomie meistens kein besonderes Re¬
sultat erhoffen. Zur Illustration sollen folgende Krankengeschichten
dienen:
C7 ... V März 1916 wird auf die Univers.itäts-Nasen-Kehlkopfklinik eine
57 jährige Patientin aufgenommen, bei der ausserordentliche Atembeschwerden
j).es^ten- . tracheotomiere sofort, aber das Atmen bessert sich trotz der
Kanüle nicht, sondern es verschlechtert sich. Deshalb appliziere ich eine
lange, spiralige König sehe Kanüle, die durch die Stenose durchdringend
der Patientin das Atmen sichert. Pat. atmet ruhig. Der interne und Röntgen¬
befund, der jetzt schon ruhig erhoben werden konnte, war Aneurysma aortae
Nach 4 Tagen verblutet Pat. durch die Trachea infolge Arrosion des
Aneurysma.
2. Am 20. Dezember 1916 wird ein 46 jähriger Patient von der I. Medi¬
zinischen Klinik auf die Laryngologische Klinik mit der Diagnose Aneurysma
aortae transferiert. Die Atembeschwerden sind sehr erheblich. Ich mache
sofort die Tracheotomie und lege eine lange, spiralige K ö n i g sehe Kanüle
em. Das Atmen ist gut, aber Pat. verblutet nach 5 Tagen durch die Trachea.
3. Im Dezember 1915 machte ich eine untere Tracheotomie bei einem
Patienten, der im Bereiche der Bifurkation eine narbige Stenose infolge von
Lues hatte. Die lokalen Dilatationsversuche waren erfolglos geblieben Pat
starb nach 4 Monaten.
In den genannten Fällen war ich dem voraussichtlichen Krankheits¬
verlaufe gegenüber gänzlich machtlos. Deshalb lenkte ich meine Auf¬
merksamkeit auf die von Glück empfohlene Bronchotomie, welche
uns in solchen Fällen allein ermöglicht dem Kranken Hilfe zu leisten.
Den Sinn der Operation bietet die Erscheinung, dass der Patient durch
eine bronchiale Fistel bei geschlossenem Mund und Nase atmet. Die
Luft geht also nicht durch den Kehlkopf zu den bronchialen Endästchen,
sondern in retrograder Richtung vom Bronchus zur Trachea (retro¬
grade Atmung).
Glück empfahl ursprünglich die sog. Bronchotomia
postica, deren Sinn darin besteht, dass man, neben dem Rückgrat
euidringend, nicht die Pleurahöhle eröffnet, sondern die Pleura parie-
talis oberhalb der Wirbelsäule abhebt und so den extrapleural auf-
gesuchten Hauptbronchus eröffnet. Dieser Weg ist aber nicht zweck-
4*
82
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
»lässig, denn er birgt wegen der Infektion des Mediastinums und dei
Nähe der grossen Gefässe eine eminente Gefahr in sich, denn letztere
werden sehr leicht infolge langer Kanüle arrodiert. Dieser Weg ist also
aussichtslos. , . , ,
Viel ermutigender ist es, den Hauptbronchus im Lungengewebe
aufzusuchen und eine ständige perpulmonale bronchiale Fistel anzulegen.
In diesem Falle müssen wir natürlich die Pneumothoraxbildung verhin¬
dern können. Hochdruck darf nicht angewendet werden, da, wie ein
Fall mich lehrte, der hohe Druck einen derartigen Positionswechsel
des Aneurysmas verursacht, dass eine vollständige Kompression dei
Trachea entstehen kann. Es ergab sich also als eine wichtige Erfahrungs¬
tatsache, dass man bei dieser Operation keinen hohen Druck anwenüen
darf.
I. Teil (Pneumopexie). Der Zweck ist die Verhinderung des
Pneumothorax durch Anbringung einer, die Verwachsung hervorrufen¬
den Naht. Hautschnitt verläuft parallel zur Wirbelsäule, von der
Medianlinie 4 cm entfernt, beginnt an der 4. Rippe, setzt sich bis
unter die 9. Rippe fort und endet am oberen Ende in einem kurzen,
am unteren Ende in einem ungefähr 10 cm langen Querschnitt. Wir
legen die 5., 6., 7. und 8. Rippe frei, und während wir von der 8. Rippe
entsprechend der Wunde das grösste Stück entfernen, geschieht dies
bei den oberen Rippen stufenweise weniger. Die interkostalen
Arterien werden unterbunden, und die interkostalen Weichteile werden
von der Pleura parietalis behutsam entfernt. Bei intensiver Beleuch¬
tung schimmert die entsprechend der Atmung bewegte marmorierte
Oberfläche der Lunge durch. Hernach umstechen wir mit einer fort¬
laufenden Naht am Rande der Wunde die pleuralen Blätter (Fig. 1).
Es ist eine feine Nadel und feine Seide notwendig, und beim Nähen
müssen wir darauf achten, dass wir beim Ausstechen die Pleura nicht
mit der Nadel nach vorwärts drücken und so den Stichkanal erweitern.
Als Naht wird allgemein die sog. Roux sehe Rückstichnaht gebraucht.
Ich fand es in meinen Versuchen viel entsprechender mit einer wellen¬
artigen, doppelten, in den Durchstechungspunkten sich treffenden Naht
zu arbeiten (Fig. 2), welche viel sicherer schliesst als die Roux sehe;
war Deshalb versuchte man die Anwendung chemischer Irritantien,
u a. taucht Karewsky die Seidenfäden in Terpentinöl und ver¬
sucht durch dessen irritative Wirkung eine Verwachsung hervor-
zurufen. , ,
Den eigentlichen Zweck des ersten 'leiles der Operation, und zwar
die Verwachsung, erreiche ich auf ganz einfache Weise. Da die Ver¬
wachsung der beiden intakten Pleuraflächen durch die Naht nicht voll¬
ständig gesichert ist, entferne ich nach der Naht die Pleura parietalis
(Fig. 3) im Bereiche der Naht. Dadurch erreiche ich, dass die die Lunge
bedeckende Pleura mit der Wundfläche des Mautlappens in Berührung
kommt, wodurch eine rasche Verwachsung zustande kommt, wir
müssen jedoch daran denken, dass wir auf den Hautlappen jene Linie
bezeichnen, in welche wir beim zweiten Hautschnitt eindringen. Des¬
wegen legen wir beim Zurückschlagen des Hautlappens an zwei
Punkten, oben und unten, je eine, den Lappen nicht durchstechende,
oberflächliche kleine Naht an, deren Spur zwei kleine Narben, den
oberen, bzw. den unteren Endpunkt des zur II. Phase gehörenden
Hautschnitts, darbietet (Fig. 4). Dadurch sind wir dagegen geschützt,
dass wir den Schnitt auf nicht verwachsenes Gebiet fortsetzen. Die
Entfernung zwischen den zwei Punkten muss mindestens 8 cm
betragen. Der Hautlappen wird mit Knopfnähten fixiert.
II Teil. (Die eigentliche Br onchotomie.) Zwischen
den bei der ersten Operation mit je einer Naht bezeichneten zwei
Punkten eindringend und die Haut durchschneidend, durchbrennen wir
entsprechend der Schnittwunde den oberflächlichen Teil des Lungen¬
gewebes in einer Tiefe von 2 — 3 cm mit dem Theimokauter; nachher
ist es am besten, mittels 2 anatomischen Pinzetten stumpf fort¬
zuarbeiten. Richtung sagittal. Oft finden wir ein kleines bronchiales
Aestchen auf, dem wir folgen müssen, nachdem es unbedingt in den
Hauptbronchus des Lappens führt; wir erleichtern die Orientierung,
wenn wir auf einen Moment in das Bronchusästchen eine Sonde ein¬
führen. Es ist aber ratsam, vorläufig den kleinen Bronchus nicht zu
eröffnen, bis wir zum Hauptbronchus des Lappens gelangen, damit ein
eventuell verletztes üefäss nicht in den Bronchus hineinblutet. Wenn
ein grösseres Gefäss uns im Wege liegt, so wird es im vorhinein um¬
stochen; jedoch können wir in tieferen Regionen nicht knüpfen. Des¬
halb lassen einige in Bedarfsfällen die Pinzetten durch einige Tage in
der Wunde. — Das ist überflüssig, und ich benütze statt dessen ein
ganz einfaches Verfahren. Ich wertde nämlich nach der Umstechung
die von mir vor Jahren konstruierte und als Ersatz der Knüpfung tief e i
Nähte empfohlenen Plomben an (Fig. 5). Die zwei Fäden wenden durch
die Plombe gezogen. Die Plombe wird auf die entsprechende Zange
angebracht; nach dem beliebigen Zusammenpressen des beiliegenden
Teiles schliesse ich die Zangen, worauf die Plombe die Fäden sicher
fixiert. Bei Umstechung ist es am richtigsten, mit einem Doppelfaden
zu umstechen und ein Fadenpaar von der _ Pinzette, das andere
hinter der Pinzette abzuplombieren. Natürlich darf man die
freien Fäden nicht abschneiden, damit die Plomben nach einigen
Tagen mit Hilfe dieser Fäden entfernt werden können. Ls
ist von grosser Wichtigkeit, dass das Operationsgebiet genügend
übersichtlich sei, und deshalb soll man nicht in einer engen Rinne
arbeiten. Wenn wir den grossen Bronchus eröffnet haben, so fuhren
wir eine Königsche Kanüle ein und tamponieren die Wunde rings
um die Kanüle locker aus; später müssen wir eine entsprechende,
spiralige Kanüle mit ganz offenem Endteil anfertigen lassen.
Schliesslich muss ich betonen, dass wir den ersten Teil der Opera¬
tion erledigen müssen, so lange der Kranke noch in einem vollkommen
guten Zustande und die Stenose nicht derart hochgradig ist, dass beide
Teile der Operation wegen der Gefahr der Suffokation in einer Sitzung
ausgeführt werden müssen, weil in diesem1 Falle die Prognose wegen
der Gefahr des Pneumothorax nicht so gut ist.
Die Gebrauchsfähigkeit der Operation will ich mit folgendem
charakteristischen Beispiele demonstrieren:
Am 14. April 1919 wird K. K., 50 jähriger Hotelangestellter, aui unsere
Abteilung aufgenommen, von dem wir erfahren, dass er seit 3 Monaten schwer
atmet, dass sich sein Zustand ständig verschlimmert und zeitweise auch Lr-
stickungsanfälle eintreten. Vor 20 Jahren hatte Pat. ein Geschwür. Das
Atmen ist bei unserem abgeschwächten Pat. stridorös und die Aktion der
Hilfsmuskeln gesteigert. Durch direkte Tracheoskopie erblicken wir im Be¬
reiche der Bifurkation ein flach hervorgewölbtes, stark pulsierendes, tumor¬
artiges Gebilde, welches den grössten Teil des Tracheallumens ausfüllt.
Der Zustand des Pat. verschlimmert sich, weshalb ich mich zur per¬
pulmonalen Bronchotomie des rechten, unteren Lappens entschliesse. Den
ersten Teil dieser Operation erledigte ich am 23.. Juni 1919, die Wunde heilte
per primam. Von nun an beobachtete ich ruhig die Ereignisse, denn falls
beim Pat. eine schwere Dyspnoe eintreten sollte, könnte ich sofort die
Bronchotomie machen, ohne der Gefahr des Pneumothorax ausgesetzt zu sein.
Die Atembeschwerden steigern sich in der 3. Woche nach der Operation.
Am 16. Juli Erstickungsanfall mit Zyanose. Bronchotomie. Die Zyanose ver¬
schwindet rasch, der Kranke atmet gut durch die bronchiale Fistel. Pat. ver¬
lässt baldigst sein Bett. Er nimmt an Körpergewicht zu, sein Atmen ist gut.
Entsprechend der Kanüle bildet sich ein in den Bronchus führender Schlauch,
welcher sich langsam zu epithelisieren beginnt. Wenn wir, 4 Monate nach
der Operation, die bronchiale Wunde zuhalten, atmet Pat. verhältnismässig
gut durch den Mund. Die Erklärung liegt darin, dass die am unteren Lappen
rings um die Mündungsstelle gebildete Narbe einen Zug nach rechts hervorrief,
durch den die Trachea vom Druck der Aneurysma befreit wurde, wodurch
die Kompression der Trachea vermindert wird. Pat. geht tagsüber spazieren,
die Nahrungsaufnahme ist gut, Gesichtsfarbe befriedigend, an Körpergewicht
Zunahme. Am 30. November 1919 wird Pat. auf die laryngologische Abteilung
des St. Rochusspitals aufgenommen, wo er tadellos behandelt wird. Der in
gutem Zustande befindliche Pat. wird wegen Platzmangel auf die laryngo¬
logische Abteilung des Zitaspitals transportiert.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
83
Ohne den Fall kritisch zu behandeln, möchte ich nur
einige Angaben zur Krankengeschichte beilügen. Ohne mich
zu verständigen wurde auf obengenannter Abteilung die
Kanüle entfernt und an der Wunde ein gut schliessender Verband
angelegt. Patient atmet wohl durch seinen Mund, wie ich das zuvor
erwähnt habe, aber der Speichel konnte mangels Kanüle nicht ex-
pektoriert werden, sondern verursachte die Vereiterung des gebildeten
Schlauches. Beim Patienten traten Temperaturerhöhungen ein, wes¬
halb er die Entlassung vom Spital verlangte. Patient wurde auf die
Abteilung des'Prof. Po ly ak im neuen St. Johann-Spital aufgenommen,
aber das Fieber dauerte — trotz sorgfältigster Behandlung — andauernd
an. Patient wird schwächer und der Exitus tritt am 5. September 1920
ein. Die Obduktion bestätigte die Diagnose. Der Patient lebte also
14 Monate und 12 Tage, trotzdem er am Tage der Operation in ultimis
war. Es ist höchst wahrscheinlich, dass der Exitus nicht eingetreten
wäre, wenn man die Kanüle nicht entfernt hätte, um so mehr, als das
Wachstum der Aneurysma Stillstand. In dieser Hinsicht besteht die
Bedeutung der Operation darin, dass die Ueberanstrengung der Herz¬
tätigkeit, welche durch das langsame und forcierte Atmen, sowie auch
durch die Lungenhyperämie bedingt war, eliminiert wurde.
Von ausserordentlicher Wichtigkeit ist, dass bei Aneurysma,
welches am häufigsten die tiefe Stenose verursacht, der Internist —
falls Atembeschwerden auftreten — zwecks Untersuchung zur rechten
Zeit den Kranken zum Laryngologen verweist, nachdem der Grad und
die Art der Stenose durch direkte Tracheoskopie sicher feststellbar ist.
Auf diese Weise können wir dem Kranken viel Qual ersparen und
sein Leben beträchtlich verlängern.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik zu Frankfurt a. M.
(Direktor: Prof. Dr. Q. v. Bergmann.)
Azetonurie und experimentelle Adrenalinglykämie bei Ruhr.
Von Dr. Butten wiese r, Assistent der Klinik.)
Bekanntlich treten im Hungerzustande oder bei einseitiger Be¬
schränkung der Kohlehydrate in der Nahrung sehr rasch Azetonkörper
im Urin auf. Seit den Untersuchungen von Embden und Isaac fll
haben wir die Vorstellung, dass in der Leber zwei chemische Reak¬
tionen miteinander konkurrieren. Normalerweise bildet sich dort aus
dem Glykogen und dem einströmenden Nahrungszucker Milchsäure.
Falls dieser Prozess durch Verarmung der Leber an Glykogen, durch
Fehlen der Kohlehydrate im Leberblut oder durch eine pankreas¬
diabetische Stoffwechselstörung unterbunden ist, tritt in der Leber ein
zweiter Vorgang verstärkt hervor: die Azetessigsäurebildung aus
niederen Fettsäuren und Aminofettsäuren. Wenn die Kohlehydrat¬
karenz einige Tage anhält, gewinnt die Leber die Fähigkeit, auch aus
Eiweiss und vielleicht auch aus Fett (Geelmuy den \2\) Glykogen
zu bilden, so dass die Azetonkörperbildung wieder zum Verschwinden
kommt oder abnimmt. Nur bei schwerem Diabetes ist auch die
Glykogenbildung aus Eiweiss behindert, so dass dauernd Azeton im
Urin ausgeschieden wird.
Bei der diesjährigen Ruhrepidemie in Frankfurt a. M. kamen auf
die Ruhrstation der Medizinischen Klinik sehr viele Patienten, die in
den ersten Tagen im Urin Azeton und zum Teil sogar Azetessigsäure
ausschieden. Es ist nach der E m b d e n - 1 s a a c sehen Auffassung
zu erwarten, dass eine Glykogenverarmung der Leber vorliegt. Aus
Untersuchungen von Herter, Richards, Blum, Ringer [3] u. a.
wissen wir, dass bei Glykogenschwund der Leber in Tierversuchen die
nach Adrenalininjektionen konstant einsetzende Hyperglykämie aus¬
bleibt. Widersprechende Angaben über Adrenalininjektionen bei
Hungertieren von Noel-Paton, Fr oe lieh u. a. RI können zum
Teil damit erklärt werden, dass bei diesen Tieren nach längerem Hunger
die Leber die Fähigkeit gewonnen hat, aus Eiweiss und Fett Glykogen
zu bilden, so dass bei diesen Experimenten kein vollständiger Glykogen¬
schwund der Leber vorliegt.
In Tab. 1 sind die Befunde für die Blutzuckerwerte von 7 Ruhrpatienten
mitgeteilt, bei denen 1 mg Adrenalin subkutan injiziert wurde. Der Blut¬
zucker wurde kurz vor der Injektion, eine halbe Stunde, *■ 1 Stunde und
2 Stunden nach der Injektion bestimmt. Die Untersuchungen wurden mit
der neuen Mikromethode von Bang [4l ausgeführt (cf. 2. Aufl. „Mikrometho¬
den zur Blutuntersuchung“). Es fand stets eine Doppelbestimmung statt, die
Differenzen betrugen höchstens 0,009. In der Tabelle werden die Mittelwerte
angeführt. In Tab. 2 sind 3 Kontrollversuche bei Ruhrpatienten angestellt,
deren Urin azetonfrei war. In Tab. 3 wurde bei den 2 Patienten der Tab. 1,
bei denen nach Adrenalininjektionen eine Hyperglykämie ausblieb, am folgen¬
den Tage, wo beide noch Azeton ausscheiden, erneut Adrenalin gespritzt, nach¬
dem sie eine halbe Stunde vorher 100 g Dextrose per os zu sich genommen
hatten.
Aus Tabelle 1 geht hervor, dass nach Adrenalininjektionen bei
2 Patienten tatsächlich die Hyperglykämie ausbleibt. Auch bei den
5 andern Patienten kommt es zu einem bedeutend geringeren Anstieg
der Glykämie als bei den 3 azetonfreien Patienten der Tabelle 2. Auch
Tomaszewski [5l fand bei seinen zahlreichen Versuchen mit
Adrenalininjektionen ebenfalls stets höhere Werte. In Tabelle 3 kommt
es nach Darreichung von 100 g Dextrose bei nachfolgender Adrenalin¬
injektion zu einem bedeutenden Anstieg der Glykämie.
Meine auf Anregung von Prof. Katsch unternommenen Unter¬
suchungen sprechen einerseits für die heute ja fast allgemein vertretene
Ansicht, dass die Wirkung des Adrenalins in bezug auf Einsetzen einer
Hyperglykämie die Anwesenheit von Glykogen in der Leber voraus-
Tabelle 1.
Blutzucker
Name
Alter
Diagnose
Vor der
Adren.-
Injekt.
- 4)
o3
«tn
Nach
1 Stde.
1 Nach
j 2 Stdn.
Urin
1
Do. Wei.
46 J.
Dysenterie
0,120
0,121
0,116
0,118
Azeton \ , ,
Azetessigs. j ' “
2
Ba. Lin.
69 J.
19
0,087
0,09
0,088
0,082
Azeton | , _ ,
Azetessigs. ) "1 '
3
Ev. Hö.
19 J
ft
0,093
0,141
0,148
0,125
Azeton -R- (-
Azetessigs. 0
4
Oe. Och.
27 J.
ft
0,078
0,152
0,143
0,135
Azeton -f— h
Azetessigs. +
5
An. Rü.
22 J.
ft
0,086
0,139
0,151
0,142
Azeton -| — (-
Azetessigs. -)-
6
An. Slro.
28 J.
ft
0,096
0,156
0,155
0,143
Azeton -j-
Azetessigs. 0
7
Js. Wa.
36 J
ft
Ta
0,102
bell
0,158
e 2.
0,160
0,132
Azeton +
Azetessigs. 0
1
Cla. Ou.
27 J.
ft
0,108
0,163
0,198
0,145
2
Chr. Eck.
57 j.
ft
0,098
0,179
0,209
0,165
Azeton ) n
Azetessigs. /
3
Cla. Ack.
56 ]
ft
0,122
0,198
0,206
0,174
Tabelle 3. (‘A Stunde vor der Adrenalin Injektion 100 g
Dextrose per os.)
1
Do. Wei.
46 J.
ft
0,092
0,166
0,288
0,146
Azeton \ , .
Azetessigs. / ' “
2
Ba. Lin.
69 J.
ft
0,083
0,175
0,204
0,159
Azeton +-
Azetessigs 0
setzt und bekräftigen andererseits die Anschauung, dass ein Auftreten
von Azetonurie auf einen Glykogenmangel der Leber hinweist
(Embden und Isaac).
Zusammenfassung.
1. Bei 7 Ruhrpatienten, die Azeton im Urin ausschieden, trat nach
Adrenalininjektion in 2 Fällen keine, in 5 Fällen eine nur geringe Hyper¬
glykämie auf.
2. Nach vorheriger Darreichung von 100 g Dextrose steigt bei
Adrenalininjektion die Hyperglykämie bei Ruhrpatienten mit Azetou-
ausscheidung beträchtlich an.
Literatur.
1. Embden und Isaac: Bildung von Milchsäure und Azetessigsäure
in der diabetischen Leber. Zschr. f. physiol. Chemie 1917, 99. — 2. Oeel-
muyden: Ueber den Gehalt des Blutes an Fett und über den Gehalt der
Leber an Fett und Glykogen. Acta rnedica Scandinavica 1920. Lit. n. Kon-
gresszbl. f. inn. M. u. Grenzgeb., 20. Sept. 1920. — 3. Zitiert nach Bang:
Der Blutzucker. 1913, Verlag Bergmann, Wiesbaden. — 4. Bang: Mikro¬
methoden zur Blutuntersuchung. (2) 1920. — 5. Tomaszewski: Beiträge
zur Kenntnis der Adrenalinglykosurie bei Menschen. D. Arch. f. klin. M.
1918, 124.
Ueber die Brauchbarkeit von Meinickes D. M.
Von Prof. Ruete, Marburg.
In der Literatur findet man im Vergleiche mit den Arbeiten über
die von Sachs und Georgi angegebene Reaktion nur verhältnis¬
mässig wenige, die sich mit der von M e i n i c k e angegebenen „Li¬
poidbindungsreaktion“ (und hier besonders mit der dritten, vereinfach¬
ten Modifikation) beschäftigen, so dass man gewissermassen den Ein¬
druck hat, als seien die meisten Untersucher durch die von M e i n i c k e
angegebene zweizeitige Methode, seine Kochsalz- und Wassermethode,
kopfscheu gemacht worden. Diese Methoden, die infolge ihrer Zwei-
zeitigkeit und ihrer genauen Titriermöglichkeit gewiss manches für
sich hatten, waren für den praktischen Gebrauch reichlich umständlich,
so dass es verständlich ist, dass sie in vielen Laboratorien für die laufen¬
den Untersuchungen nicht durchgefuhrt wurden. Erst mit seiner
dritten Modifikation (D.M.) brachte Me in icke eine Methode, die,
ebenso wie die andern, einzeitig auszuführen ist, daher äusserst ein¬
fach und nach den vorliegenden Resultaten zum mindesten ebenso zu¬
verlässig ist wie die andern als Ersatz des Wassermann angegebenen
Methoden.
Da über die Brauchbarkeit einer derartigen Reaktion nur an der
Hand eines grösseren Zahlenmaterials entschieden werden kann, habe
ich die in der Literatur gefundenen Zahlen zusammengestellt, denen
ich die von uns gefundenen Werte gleich angeschlossen habe. Ueber
besondere von uns gemachte Erfahrungen sei am Schlüsse kurz be¬
richtet.
Es haben untersucht:
Blasius 1182 Fälle
Gaethgens 1018 ,,
Hübsch mann 2800
Schmitt und Pott 1333
W i r 4796 .,
Alle Autoren kommen ungefähr zu demselben Resultat, dass D.M.
äusserst einfach, brauchbar und für Lues spezifisch sei. dass sie aber,
ebenso wie die anderen Reaktionen, nicht imstande sei, die WaR. voll
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
84
und ganz zu ersetzen, da immer noch Unterschiede mit der WaR. auf-
treten.
Leider lässt sich nach den bisherigen Angaben noch nicht mit
voller Sicherheit angeben, ob dieser Unterschied mit der WaR. zu¬
gunsten oder ungunsten der D.M. ausfällt.
Nach Prozenten berechnet fanden
1. Uebereinstimmung:
Blasius
üaethgens
Hiibschmann
P P C P h
Schmitt u. Pott
Wir
in 83,9 Proz.
in 92,4
in 83,0 „
in 96,4 „
in 94,5
in 95,2 ,,
2. Differenzen:
Blasius
Qaethgens
Hübschmann
Pesch
Schmitt u. Pott
Wir
in 16,1 Proz.
in 7,6
in 17,0
in 3,6 „
in 5,5
in 4,8 ,,
verteilten sich auf:
Von diesen Unterschieden
a) WaR. +, D.M. — :
bei Blasius 2,54 Proz.
bei Q a e t h g e n s 5,0
bei Hübschmann 5,0 „
bei Pesch 1,85
bei Schmitt u. Pott 3,9 ,,
bei Uns 2,77 „
b) WaR. — . D.M. +:
bei Blasius 4,49 Proz.
bei Qaethgens 0,78 „
bei Hübschmann 12,0
bei Pesch 1,80 „
bei Schmitt u. Pott 1,65
bei Uns 2,03 „
Aus diesen Tabellen entnehmen wir einerseits, dass die Ueber¬
einstimmung zwischen WaR. und D.M. recht erheblich ist, ander¬
seits, dass die Prozentzahlen der einzelnen Autoren bei Angabe der
Differenzen sehr stark auseinandergehen.
Qaethgens und Hübschmann können leider nicht angeben,
um was für Fälle es sich gehandelt hat, bei denen beide Reaktionen
differieren. Bei Blasius finden wir genauere Aufzeichnungen, da die
Patienten, von denen das Blut stammte, ihm meistens bekannt waren.
In allen differierenden Fällen handelte es sich um sichere Lues.
Primäraffekte gaben in der gleichen Anzahl Differenzen; bei je
6 Fällen war D.M. +, WaR. — und umgekehrt D.M. — und WaR. +•
Bei den andern differierenden Fällen handelte es sich um Lues
latens und um Fälle kurz nach der Behandlung.
Wägt man den Wert der D.M. gegen die WaR. nach den Angaben
von Pesch ab, so findet man, dass unter 102 divergenten Fällen
40 mal die D.M. dem Wassermann überlegen war, da bei WaR. — ,
D.M. + 23 mal behandelte Lues, 3 mal alte Lues, 1 mal luetische Drü¬
senschwellung, 1 mal Alopecia und 1 mal Periostitis luetica vorlag.
Einmal gab es eine unspezifische Reaktion, und zwar bei einem Falle
von Lungentuberkulose. Umgekehrt war der Wassermann in 10 Fällen
der D.M. überlegen. Dafür ergab die WaR. 15 unspezifische Resultate
gegen 1 bei der D.M.
Etwas anders liegen die Verhältnisse bei Schmitt und Pott.
Von 74 divergenten Reaktionen fallen 52 zugunsten des Wassermann
aus. Von diesen 52 Fällen betreffen 17 solche mit klinisch sicherer
Lues, 6 Fälle waren ohne Angaben und 6 mit nur unsicheren Angaben.
In 20 Fällen trat Eigenhemmung auf und 3 mal handelte es sich um
einen unabgestimmten Wassermann, da Lues auszuschliessen war.
Zugunsten der D.M. fallen 22 Fälle aus. Von diesen hatten 11 eine
sichere Lues, einer einen PA. mit positivem Spirochätenbefund. In
den anderen Fällen konnte Lues nicht mit Sicherheit angenommen
werden. Die Diagnosen waren folgende: Polyneuritis, Myokarditis,
Kopfschmerzen mit Schwindel, sekundäre Anämie, Gallenblasentumor
mit Ikterus, Tbc. pulmonum gravis, perniziöse Anämie, Diphtherie,
Icterus catarrhalis und Pyelitis. In allen diesen Fällen soll die Aus¬
flockung äusserst gering gewesen sein.
Bei der ersteren Gruppe können wir gleich eine ganze Anzahl
von Fällen abziehen; denn Fälle ohne oder mit nur unsicherer. Angabe
können wir unmöglich zugunsten der WaR. rechnen, noch weniger die¬
jenigen, in denen eine Lues auszuschliessen war.
Es bleiben dann nur 17 klinisch sichere LuesfäWe übrig, bei denen
die D.M. versagt hat. Ihnen gegenüber stehen 12 ebenfalls einwand¬
freie Fälle, in denen die D.M. der WaR. überlegen war. Bei den
anderen unspezifischen Ausfällen der D.M. soll es sich nur um eine
äusserst minimale Ausflockung gehandelt haben. Leider wird nicht
angegeben, wie diese Flockung war; denn eine sehr fein verteilte Aus¬
flockung, die man nicht als positiven Ausfall rechnen kann, bekommt
man öfter zu sehen.
«
Zusammenfassung.
1. Nach den bisher vorliegenden Arbeiten, die 11 129 Fälle um¬
fassen, finden wir eine durchschnittliche Uebereinstimmung zwischen
WaR. und D.M. in 94,2 Proz.
2. Eine Ueberlegenheit der Wa.R. über die D.M. ergibt sich im
Durchschnitt in 3,60 Proz.
3. Eine Ueberlegenheit der D.M. über Wa.R. ergibt sich im Durch¬
schnitt in 3,88 Proz.
4. Zahlenmässig lässt sich eine Ueberlegenheit der einen Reaktion
vor der anderen nicht nachweisen D.M. bietet insofern Vorteile, als
bei ihr keine Eigenhemmung zu verzeichnen ist.
Ueber die an unserer Klinik gemachten Erfahrungen sei kurz
folgendes gesagt. Die Reaktion wurde stets so ausgeführt, wie sie
von Mein icke angegeben wurde; 0,2 ccm unverdünntes Serum,
das Vi Stunde inaktiviert worden war. wurde mit 0,8 ccm Extrakt
in der vorgeschriebenen Verdünnung zusammengebracht, d. h. eine
bestimmte Menge Extrakt wurde mit M> Vol. Aq. dest. gemischt,
1 Stunde bei Zimmertemperatur stehen gelassen und ihm dann das
siebenfache Vol. 2 proz. NaCl-Lösung schnell zugesetzt. Als Extrakt
benutzten wir den Originalextrakt nach M e i n i c k e. den wir aus der
Adlerapotheke in Hagen i. W. bezogen. Der Extrakt arbeitete stets
tadellos. Wir haben uns mit Absicht stets an die genauen Vor¬
schriften gehalten, und nicht versucht, irgendwelche Veränderungen
der Methode vorzunehmen, da nur so der Wert der Reaktion nach¬
geprüft werden konnte. .
Die Resultate wurden mit blossem Auge, der Lupe und im
Agglutinoskop abgelesen. Dabei macht man die Erfahrung, dass viele
Sera eine diffuse Körnelung, die ich mit einer gleichmässigen Bakterien-
aufschwemmung vergleichen möchte1, aufweisen. Derartige Sera, die
bei Betrachtung mit dem blossen Auge oder der Lupe keine Flockung
aufweisen, bezeichnen wir als negativ. Bei positiven Seren tritt eine
mehr oder weniger stark ausgesprochene Agglutination auf, die sich
schon dem blossen Auge, besser noch unter der Lupe oder im Ag¬
glutinoskop als deutliche Flockenbildung darstellt.
Die Sera selbst sind so rut wie immer brauchbar; ob sie schon
längere Zeit gestanden haben, ob sie chylös. leicht hämorrhagisch
oder ikterisch sind, beeinflusst den Ausfall der Reaktion nicht. Dieser
Punkt ist dann besonders angenehm, wenn es sich um Seren handelt,
die bei der Wassermann sehen Reaktion eine Eigenhemmung
ergeben. . -
Manchmal kommt es vor, dass Sera nach 24 ständigem Aufenthalte
im Brutschrank nach D.M. ein negatives, nach Wassermann aber
ein positives Resultat aufweisen. Viele Sera werden dann nach
12 ständigem Stehen bei Zimmertemperatur schwach positiv.
Die stark positiven Sera fallen nach 24 ständigem Stehen derart
aus, dass in der Kuppe des Reagenzglases ein deutlicher Bodensatz zu
sehen ist; bei nur schwach positiven ist das nicht der Fall. Diese
Eigenschaft könnte vielleicht als Gradmesser für die Bezeichnung
der Stärke des Ausfalles benutzt werden, obgleich wir die Erfahrung
gemacht haben, dass keine absolute Norm dafür aufgestellt werden
kann, welche Reaktionen als ganz stark positiv und welche als weniger
stark positiv (z. B. H — h) bezeichnet werden sollen. _ Wir fanden
nämlich, dass an manchen Tagen der am stärksten positive Ausschlag
der D.M. nur so stark war, wie wir ihn an anderen Tagen mit d F
bezeichnen würden. Man muss daher sämtliche Resultate der einen
Serie mit einander vergleichen und kann nur nach dem Vergleiche
die definitive Bezeichnung angeben.
Wodurch diese, allerdings nur sehr geringfügigen Schwankungen
hervorgerufen werden, können wir nicht angeben. Von der Annahme
ausgehend, dass sie unter anderem vielleicht auch von Temperatur¬
unterschieden im Raum ausgehen könnten und unter der ferneren Vor¬
aussetzung, dass durch ' diese Temperaturunterschiede am meisten die
im Zimmer stehende Kochsalzlösung beeinflusst würde, haben wir die-
D.M. mit erwärmter, bei Zimmertemperatur gehaltener oder durch
Eis abgekühlter Kochsalzlösung angesetzt. Es fanden sich aber keine
Unterschiede im Ausfall der Reaktion.
Beschleunigen lässt sich die Flockung, wie wir an einer grösseren
Anzahl von Seren feststellen konnten, durch die Zentrifugiermethode
von Gaethgens. Wir gingen dabei so vor. dass wir frische und
ältere Meinickeansätze zentrifugierten*. Die Ansätze, die schon eine
Zeitlang gestanden hatten, oder vorher in den Brutschrank gebracht
waren, flockten im Uebermass und unspezifisch. Die frischen Ansätze
dagegen, die sofort nach der Bereitung Vs Stunde lang zentrifugiert
wurden, flockten spezifisch. Wir erhielten jedoch einige vom Haupt¬
versuch abweichende Flockungen. Aus diesem Grunde können wir die
Zentrifugiermethode für die Praxis nicht empfehlen, da sie mehr un¬
spezifische Resultate ergibt. Benutzt man sie jedoch, so soll man nur
ganz frische Ansätze zentrifugieren, also nie mehr bereiten, als die
Zentrifuge Einsätze hat. Auch scheint es, als ob nicht jeder Extrakt
gleichmässig gute Resultate beim Zentrifugiern ergibt. Kleine Diver¬
genzen in der Zusammensetzung und Einstellung können grosse Ab¬
weichungen beim Zentrifugieren ergeben. Durch das Zentrifugieren
wird die Neigung des Ansatzes zur Flockenbildung vermehrt und das
nicht immer zugunsten spezifischer Resultate. Wir halten die Zentri¬
fugiermethode jedoch theoretisch für bedeutsam, da sie vielleicht dazu
beitragen kann, unsere physikalischen Vorstellungen über das Wesen
des Flockungsvorganges zu verbessern.
Die Wassermann sehe Reaktion wurde stets nach der Original¬
vorschrift mit 3 Extrakten, darunter einem staatlich geprüften, gemacht.
Unter diesen Bedingungen wurden nun beide Reaktionen neben
einander angesetzt. Ueber die Prozentverhältnisse wurde schon be¬
richtet. Die Zahlenwerte sind folgende:
Qesamtzahl der untersuchten Fälle 4796
Uebereinstimmung 4587
D.M. +, WaR. — 71
D.M. — , WaR. + 138.
Von der Gesamtsumme der divergierenden Sera müssen wir 40
abziehen, die uns von der Frauenklinik gesandt waren, und diese kurz
einer gesonderten Besprechung unterziehen. Ein grosser Teil des
betreffenden Blutes, das kurz vor der Geburt, während und nach der
Geburt entnommen war, wies ganz eigenartige Verhältnisse auf, die
noch dringend einer Klärung bedürfen. Ich möchte diese Eigentümlich¬
keiten. auf die schon Opitz, Esch u. a. aufmeritsam gemacht haben,
nur ganz kurz streifen, da Herr Prof. Esch diese Angelegenheit aus¬
führlicher zu bearbeiten gedenkt.
Von den 40 divergierenden Fällen, deren Krankengeschichten wir
genau kennen, ergaben 4 WaR. — , D.M. + und 2 WaR. — , D.M. ±.
Bei 4 von diesen Fällen war nichts von Lues zu finden. Die Kinder
kamen lebend zur Welt; ihr Gewicht schwankte zwischen 3400 und
3690 g und ihre Länge zwischen 50 und 51 cm. Es waren also durchaus
normale Kinder. Ganz interessante Verhältnisse gibt ein Fall wieder,
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
85
bei dem das Blut während der Geburt WaR. — , D.M. + war, das
Nabelschnurblut WaR. — , D.M. — , während beide Reaktionen 9 Tage
später einen stark positiven Ausschlag gaben. Von Lues war klinisch
nichts zu finden; eine weitere serologische Reaktion konnte bisher
noch nicht vorgenommen werden. In 2 Fällen lag eine sichere Lues
vor. Beide waren nach Eintritt der Gravidität infiziert, hatten eben
ihre Behandlung beendigt und gebaren durchaus normale Kinder.
In 34 Fällen war WaR. teils schwach, teils stark positiv, während
D.M. negativ war. Unter diesen 34 Patientinnen waren 4 Frauen mit
Lues II, die alle 4 auffälligerweise nur einen ganz schwach positiven
Wassermann aufwiesen, trotzdem ein Kind am 2. Lebenstage an Lues
starb, während ein anderes am 29. Tage einer phlegmonösen Unterhaut¬
zellgewebsentzündung erlag.
Bei den andern, zum Teil mit stark positivem Wassermann, war
nichts von Lues zu finden; die Kinder lebten und waren normal mit
Ausnahme von zweien, von denen das eine 2410 g wog, 48 cm lang
war und einen Hydrops hatte, während das andere wenige Stunden
nach der Geburt starb.
Ob bei diesen Patientinnen eine Vermehrung der Globuline, bei
den andern vielleicht eine solche der Lipoide stattgefunden hat, oder
durch welche Umstände sonst die Umstimmung der Reaktionen erfolgt
ist, lässt sich zurzeit noch nicht entscheiden. Für den praktischen
Gebrauch dürfte daraus zu schliessen sein, dass bei Schwangeren oder
Wöchnerinnen aus der Seroreaktion allein kein Schluss auf Lues ge¬
zogen werden kann; eine Frage, die vielleicht einmal bei der Annahme
einer Amme von grosser Wichtigkeit werden kann.
Ziehen wir diese Sera und noch eine Anzahl von uns von auswärts
gesandten, zu denen wir keine Diagnose erhalten konnten, ab, so
verbleiben 26 Fälle von WaR. — und D.M. + und 30 Fälle von
WaR. + und D.M. — , bei denen wir die Diagnosen und den Zeitpunkt
der Entnahme genau kennen.
Von diesen 56 Seren entfielen 12 auf unspezifische positive Re¬
sultate bei der WaR., während D.M. negativ war. Diese Fälle verteil¬
ten sich auf Asthma bronchiale (2), Migräne (2), Obstipation (1), Darm¬
leiden (1), Magenbeschwerden (1), Pityriasis versicolor (1), Gonor¬
rhöe (1). Bei 2 Fällen wurde keine genaue Diagnose angegeben, nur
betont, dass es sich nicht um Lues handele; ein weiteres Mal handelte
es sich um einen Säugling, bei dem wir, ebenso wie bei seiner Mutter,
keine Spuren von Lues finden konnten. Bei der Pityriasis versicolor
war die WaR. anfangs H — K nach 14 Tagen — , während die D.M.
immer negativ war.
Umgekehrt hatten wir 2 unspezifische positive Resultate bei der
D.M., und zwar einmal bei einer Thrombose und einmal bei einem
Fall, bei dem ebenfalls nur angegeben wurde, dass es sich nicht um
Lues handele
Bei Primäraffekten war WaR. — , D.M. + 3 mal (vor der Kur),
WaR. +, D.M. — 3 mal (nach der Kur).
Bei Lues III war 1 mal WaR. +, D.M. — .
In den übrigen Fällen handelte es sich um Lues II, teils vor, teils
nach der Behandlung. Sie verteilten sich folgendermassen:
Es fanden sich: Vor der Kur:
WaR. — . D.M. + 12 mal
WaR. +, D.M. — 11 mal.
Nach der Kur:
WaR. — . D.M. + 7 mal
WaR. +, D.M. — 4 mal.
Einmal fanden wir WaR. — , D.M. + bei einem Säugling mit
einwandfreier Lues, wobei die Diagnose durch den Befund bei der
Mutter erhärtet wurde.
Bei den Fällen von Lues II, in denen M e i n i c k e s D.M. der
WaR. überlegen war, handelte es sich z. T. um solche Fälle, die ent¬
weder seit längerer Zeit nicht, oder um solche, die nur un¬
genügend behandelt waren. In anderen Fällen handelte es sich
um Patienten, die mit Erscheinungen gekommen waren, die an Lues
maligna erinnerten und früher schon sehr energisch behandelt worden
waren. Bei solchen Fällen, bei denen D.M. am Schlüsse der Kur
noch positiv war, behandelten wir weiter, da wir die Beobachtung ge¬
macht hatten, dass sonst sehr schnell Rezidive eintraten.
Um ähnliche Fälle handelte es sich auch bei den Seren, bei denen
die WaR. der D.M. überlegen war, so dass beide Reaktionen in dieser
Beziehung als gleichwertig anzusehen wären, wenn nicht die Zahlen
(19 D.M. + gegen 15 WaR. +) zugunsten der D.M. sprechen würden.
Bei Lues III finden wir einen positiven Wassermann gegen einen nega¬
tiven Meinicke, während bei Lues I die D.M. in 3 Fällen früher posi¬
tiv ausfiel als die WaR., wogegen in 3 Fällen die WaR. länger positiv
blieb. Bei diesen 3 Fällen gaben beide Reaktionen vor der Behandlung
einen gleichmässig positiven Ausschlag. Für die Sicherung der Dia¬
gnose wird aber in vielen Fällen der frühere positive Ausfall der D.M.
von grosser Wichtigkeit sein, das längere Anhalten der WaR. ein wich¬
tiger Fingerzeig, nicht zu früh mit der Behandlung aufzuhören.
Bei der Untersuchung von Lumbalflüssigkeiten finden wir eine
starke Ueberlegenheit der WaR. Von 54 untersuchten Liquoren waren
nach WaR. 18 positiv, nach D.M. nur 10. Es ergab sich, dass die D.M.
nur dann einen positiven Ausschlag ergibt, wenn bei der Auswertung
nach Hauptmann, die WaR. in fast allen Verdünnungen positiv ist.
Schlusssätze.
1. D.M. ist äusserst bequem, einfach und zuverlässig.
2. D.M. ergibt weniger unspezifische Resultate wie WaR.
3. D.M. ergibt bei Lues mehr positive Resultate als WaR.
4. Ergeben WaR. oder D.M. am Schlüsse der Behandlung noch
ein schwach positives Resultat, so soll die Behandlung, wenn irgend
möglich, bis zum völligen Negativwerden fortgesetzt werden. Ein
negatives Resultat der WaR. allein genügt nicht.
5. D.M. ergibt nur bei stark positiven Spinalflüssigkeiten ein posi¬
tives Resultat. In allen andern Fällen ist die WaR. bedeutend über¬
legen'.
6. In manchen Fällen ergibt die WaR. ein positives Resultat, wo
D.M. negativ ist. Um möglichst viele Luesfälle zu erfassen, ist es da¬
her unumgänglich notwendig, nicht nur die eine oder andere Reaktion
auszuführen, sondern mindestens alle beide anzuwenden.
7. Bei Auswahl von Ammen darf man sich nicht ohne klinische
Untersuchung nur auf den Ausfall der Seroreaktion verlassen, da diese
häufig in der Geburtsperiode unspezifische Resultate ergibt. In diesen
Fällen ist die D.M bedeutend spezifischer als die WaR.
8. Bei Benutzung der Zentrifugiermethode nach Gaethgens nur
ganz frische Ansätze benutzen, da ältere leicht umspezifische Flockungen
ergeben!
Aus der Universitäts-Hautklinik in Bonn a. Rh.
(Direktor: Prof. E. Hoff mann.)
Bemerkungen über die Flockungsreaktionen nach Sachs-
Georgi und Meinicke (III. Modifikation) und die
Trübungsreaktion nach Dold.
Von Dr. Rudolf Strempel, Assistent der Klinik.
Nach Einführung der Wassermann sehen Reaktion war das Be¬
streben einer Anzahl Autoren darauf gerichtet,' eine Serodiagnose der
Syphilis zu finden, die mit spezifischem Verhalten einfacheres Arbeiten
verband und weniger kostbares Material verlangte als die Komplement¬
bindungsmethode. Keine der zahlreich angegebenen Methoden hat
sich einbürgern können. Erst Sachs-Georgi und Meinicke ge¬
lang es, sog. Ausflockungsreaktionen auszuarbeiten, die tausendfacher
Nachprüfung standgehalten und infolge ihrer Einfachheit und vor allem
wegen ihrer Spezifität für Lues in ausgedehntem Masse Eingang in die
Praxis gefunden haben. Es hat sich weiter herausgestellt, dass diese
Flockungsreaktionen teilweise der WaR. überlegen sind, da sie in man¬
chen Fällen von Lues feineren Ausschlag geben als diese. Nachdem ich
mich bereits früher mit der Nachprüfung dieser Methoden beschäftigt
und auch darüber berichtet habe [1], habe ich neuerdings mein Augen¬
merk auf vergleichende Untersuchungen der dritten Modifikation von
Meinicke (D.M.) und der Reaktion von Sachs-Georgi mit
WaR. bei klinisch bekannten Luesfällen gerichtet und dabei ebenfalls
eine Zunahme der serologisch positiven Resultate gegenüber der alleini¬
gen Anwendung der WaR. erzielt. Die Ausflockungsreaktionen wurden
genau nach Angabe der Autoren angestellt. Zur D.M. wurde nach An¬
gabe Meinickes hergestellter Extrakt aus der Adlerapotheke in
Hagen bezogen, zur SGR. wurde nach Vorschrift der Autoren angefer¬
tigter und genau geprüfter Extrakt herangezogen. Für diese Reaktion
wurde die Brutschrankmethode gewählt. Die WaR. wird im Labora¬
torium der Hautklinik in der üblichen Weise mit 2 Extrakten angestellt.
Auf die D.M. möchte ich angesichts der verhältnismässig wenigen aus
der Literatur ersichtlichen Nachprüfungen nochmals hinweisen. Zwi¬
schen beiden Flockungsreaktionen besteht ein weitgehender Parallelis¬
mus hinsichtlich der Ergebnisse, vorausgesetzt, dass genaues Arbeiten
und richtige Verwertung der Ablesung erfolgt. Die D.M. ist empfind¬
licher als die SGR. Sie gibt häufiger neben WaR. allein positiven Be¬
fund, während SGR. negativ ausfällt. Was die Ausflockung bei D.M.
betrifft, so ist sie bei dieser Reaktion meist stärker und grobkörniger
als bei der Schwesterreakti'on. Eine feine, im Agglutinoskop nur
schwache Flockung ist bei D.M. nur bedingt zu verwerten, da auch
bestimmt negative Sera nicht selten eine feine Ausflockung zeigen. Bei
dem Mangel einer Kontrolle fällt dieser Faktor sehr ins Gewicht. Die
SGR. gibt daher ein sichereres Gefühl der Beurteilung und hat deshalb
auch mehr Anwendung gefunden. Dem Vorschlag G u t f e 1 d s [2],
der die Anstellung einer Serumalkoholkontrolle neben den Versuchs¬
röhrchen für die D.M. empfiehlt, ist daher nur zuzustimmen. _ Was nun
den Vergleich beider Reaktionen mit der WaR. betrifft, d. h. in welchen
Grenzen sich die Unterschiede der einzelnen Methoden bei behandelten
und nichtbehandelten Luesfällen bewegen, so hat sich bei über 1000
Seren eine Uebereinstimmung sämtlicher 3 Reaktionen in über 90 Proz.
ergeben. Das untersuchte Material stammte fast durchweg von be¬
kannten Luespatienten aller Stadien. Die Differenzen machten sich
in der Hauptsache bei behandelten Fällen bemerkbar. Hier sind die
Flockungsreaktionen ohne Zweifel überlegen, da sie länger positiv blei¬
ben. Im Primärstadium der Lues, bei Primäraffekten, sind diese Vor¬
teile geringer, wenn sie auch öfters eher den Beginn des seropositiven
Stadiums anzeigen als die WaR. Anderseits gibt es, wenn auch selten,
Versager bei positiver WaR. und klinisch sicherer Syphilis, so dass
keine strenge Gesetzmässigkeit im Ausfall der Reaktionen zu erkennen
ist. Gegenüber der WaR. versagt die SGR. öfters als die D.M. In
folgender Tabelle habe ich einige Ergebnisse zusammengestellt:
SGR.
D.M.
WaR.
Lues I (Primäraffekt)
+
+
—
Lues I (Primäraffekt)
+
+
—
Lues I (Primäraffekt)
—
—
++++
Lues I (Primäraffekt)
+—
+—
++++
86
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
Lues II (gegen Ende der Kur)
SQR.
++
D.M.
++
WaR.
Lues II (gegen Ende der Kur)
++
++
—
Lues III (gegen Ende der ersten Kur)
++
++
—
Lues latens (während der Kur)
++
■i — H
—
Lues III (während der ersten Kur)
—
+
—
Lues II (nach Beendigung der ersten Kur)
—
++
. —
Lues III (vor der Kur)
—
—
+++
Lues II (vor der zweiten Kur)
—
++
++++
Lues II (vor der ersten Kur)
—
++++
Lues II (nach der ersten Injektion)
—
++
++++
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich beide Reaktionen sehr
bewährt haben. Neben der WaR. ausgeführt, zu ihrer Ergänzung und
Verschärfung, sind sie eine grosse Bereicherung der serologischei?
Luesdiagnostik und geben auch in klinisch unklaren Fällen mit posi¬
tiver WaR. ein grösseres Gefühl der Sicherheit. .Die Reaktionen ver¬
langen erfahrene Untersucher im Laboratorium, für den praktischen
Arzt sind sie in ihrer jetzigen Form nicht geeignet.
Vor kurzem ist von Dold [3] eine sog. Trübungsreaktion zum sero¬
logischen Luesnachweis empfohlen worden, die infolge ihrer einfachen
Technik auch uns zur Nachprüfung veranlasst hat. Gegenüber der WaR
besitzen die Flockungsreaktionen den Nachteil, das sie erst einen Tag
später abgelesen werden können und auch die Ablesung selbst wesent¬
lich umständlicher und zeitraubender ist als bei der WaR. Dold
wurde von der Erwägung geleitet, dass den Flockungsreaktionen wie
auch der WaR. primär der gleiche Reaktionsvorgang, eine Präzipitation,
zugrunde liegt. Der sichtbaren Flockenbildung nach Mischung ge¬
eigneter Extraktverdünnungen mit luetischen Seren läuft ein kolloidales
Stadium voraus, das sofort nach Zusatz der Extraktverdünnung zum
positiven Serum einsetzt. Dieses Anfangsstadium suchte Dold sicht¬
bar zu machen. Durch Zusatz geeigneter Extraktverdünnungen werden
Luesseren getrübt, während normale Seren nach Extraktzusatz nur die
leichte Opaleszenz des Extraktes erkennen lassen. Als Extrakt benutzt
Dold alkoholischen cholestearinierten Rinderherzextrakt, wie er bei der
SGR. Verwendung findet. Abgesehen von der Aenderung der Mengen¬
verhältnisse entspricht die Versuchsanordnung genau der SGR. Zu
0.4 ccm unverdünntem, eine halbe Stunde bei 55° inaktiviertem Serum
werden 2 ccm eines 1: 10 mit physiologischer Kochsalzlösung verdünn¬
ten Extraktes zugefiigt. Daneben wird eine Serumkontrolle mit 2 ccm
einer gleichartig hergestellten Verdünnung 96 proz. Alkohols mit
0,4 Serum angesetzt. Ausserdem eine Extraktko’ntrolle mit 0.4 Kochsalz
plus 2.0 ccm Extraktverdünnung. Nach zweistündigem Aufenthalt der
Versuchsgestelle im Brutschrank und weiterem zweistündigem Stehen¬
lassen bei Zimmertemperatur wird abgelesen. Nach diesen Angaben
wurden in letzter Zeit im Laboratorium der Hautklinik eine grössere
Zahl Sera geprüft. Im Gegensatz zu Pöhlmann [4], der einzigen mir
bisher bekannten Nachprüfung, habe ich mich von der Brauchbarkeit
dieser Methode überzeugen können. Die Gesamtzahl der nach Dold
neben der WaR. untersuchten Blutproben beläuft sich auf 515. Mit
426 dieser Seren wurde daneben auch die SGR. und D.M. angestellt.
Dabei -ergab sich eine Uebereinstimmung zwischen WaR. und Dold
in 92 Proz., und zwar reagierten übereinstimmend positiv mit WaR.
131 Sera, übereinstimmend negativ 343 Sera, divergent verhielten sich
41 Sera. Bei den übereinstimmenden Fällen lässt sich erkennen, dass
die Stärke der Trübung sehr oft dem Grade der Hemmung parallel geht,
jedenfalls häufiger, als dies bei den Flockungsreaktionen der Fall ist.
Die nach WaR. und Dold1 schwach positiven Fälle sind es allerdings
auch, die die meiste Schwierigkeit in der Beurteilung machen, da sich
die schwache Trübung von starker Opaleszenz oft nur schwer unter¬
scheiden lässt. Bei stark positiven Seren dagegen ist die Trübung leicht
zu sehen. Zu Beginn der Untersuchungen war mir die Unterscheidung
der positiven und negativen Seren nicht ganz leicht. Doch schärft sich
das Auge rasch für die Erkennung der Trübung. Abgelesen wurde
nach Angabe Dolds nur bei gutem Tageslicht gegen das Fensterkreuz
auf einige Meter Entferung. Hierbei lassen die negativen Sera gleich
den Kontrollen das Fensterkreuz klar und ungetrübt erscheinen,
während positive Sera einen deutlichen einem Nebel ähnlichen Schleier
über dem Kreuz zeigen. Ich bin insofern von den Angaben des Ver¬
fassers abgewichen, als ich sofort nach dieser Betrachtung die Röhr¬
chen einer Durchsicht im Kuhn-Woithe sehen Agelutinoskop unter¬
warf. Ich war erstaunt, auch hier eine deutliche Differenz zwischen
positiven und negativen Proben zu sehen. Die positiven Gemische
zeigten auch hier starke Trübung, die sich zur Wolke, ja bis zur flok-
kigen Wolke oder feinen Flockenbildung steigerte, während die nega¬
tiven Sera klar und durchsichtig erschienen. Daher dürfte eine Kom-
bination der Betrachtung gegen das Fensterkreuz mit Durchsicht im
Agglutinoskop am sichersten sein. Trübe oder hämolytische Sera lassen
sich nur bedingt verwenden. Ein leichterer Grad von Trübung macht
keine Schwierigkeiten in der Beurteilung, da die positiven Seren eben
stärker getrübt sind, stark getrübte oder stark hämolytische Sera sind
von der Untersuchung auszuschliessen. Die Untersuchung bei künst¬
lichem Licht oder gegen einen dunklen Hintergrund hat sich nicht so
bewährt. Hierbei spielen zu viel subjektive Momente mit. Es emp¬
fiehlt sich, für jedes Versuchsröhrchen und die dazugehörige Kontrolle
gleichweite Röhrchen von gleichmässi’g glattem Glase zu verwenden.
Der verschiedene Ausfall zwischen Wassermannreaktion und Dold-
rcaktion ergibt sich aus nachstehender Tabelle.
WaR. — + — -f
Dold-Rcaktion + — + +
Zahl der Fälle 15 19 2 5
Die 15 nach Dold positiven, nach WaR. negativen Sera rühren von
bekannten Luespatienten her. In der Mehrzahl waren es äitere Fälle, .
die bereits längere Zeit in Behandlung standen. Ein nach WaR. sero¬
negativer Primäraffekt zeigte positiven Befund nach Dold in Ueber¬
einstimmung mit SGR. und D.M. Bedeutsamer ist das folgende Ergeb¬
nis, das negative Verhalten der Doldreaktion bei positiver WaR. Diese
19 Blutproben stammten gleichfalls von luetischen Personen, teils vor
teils in Behandlung stehend. Auffallend war, dass es sich um frischere
Syphilis handelte. Diese Versager sind nicht ohne weiteres zu deuten. •
Sie lassen den Schluss zu, dass die quantitativen Verhältnisse zwischen
Serum und Extrakt für die angegebene Versuchsanordnung nicht immer
die optimalen Bedingungen darstellen.
Der Vergleich der Trübungreaktion mit SGR. und D.M. fällt etwas
besser aus. Von den 426 gemeinsam untersuchten Seren zeigten gleich-
mässigen Ausfall 399 Proben, also Uebereinstimmung in 93,7 Proz. .
Bei behandelten Luesfällen werden nach Dold im Verein mit SGR. und
D.M. mehr positive Resultate erzielt als nach WaR., während anderseits I
die erwähnten Fehlschläge bei den Flockungsreaktionen in diesem
Masse ausbleiben. Einwandfrei negativer Befund nach Dold ergab
öfters positiven Ausschlag bei allen drei übrigen Methoden.
Zur weiteren Prüfung der Ergebnisse wurden die Versuchsgestelle ■
über Nacht auf den Brutschrank gesetzt und am nächsten Tage erneut !
abgelesen. In den meisten Fällen war in den positiven Röhrchen
Flockenbildung eingetreten, doch eine ganze Reihe bei Ablesung gegen ;
das Fensterkreuz deutlich getrübter Sera liess auch jetzt nur Trübung
oder Wolkenbildung ohne Flockung im Agglutinoskop erkennen. Zu¬
sammenfassend zeigen die Versuche, dass die von Dold angegebene ,
Trübungsreaktion weitgehende Uebereinstimmung mit den übrigen sero¬
diagnostischen Luesmethoden zeigt und zu weiterer Nachforschung
berechtigt. Die Heranziehung von Sera anderer Krankheitsgruppen
zur Untersuchung nach Dold, ev. die gleichzeitige Verwendung mehre- <
rer Extrakte im Versuch dürfte lehrreich und zur Beurteilung wichtig •
sein. Sehr zu denken gibt der negative Ausfall der Doldreaktion bei posi- j
tivem Befund der übrigen Reaktionen und klinisch sicherer Lues. Ueber
weitere Nachprüfungen soll später berichtet werden.
Literatur.
1. Med. Kl. 1921 Nr. 3. — 2. D.m.W. 1921 Nr. 43. — 3. Med. Kl. 1921
Nr. 31. — 4. M.m.W. 1921 Nr. 42.
Aus dem allgemeinen Röntgeninstitut des Eppendorfer
Krankenhauses in Hamburg.
Ueber einen eigenartigen Zwischenfall bei der Anlegung
eines Pneumoperitoneums.
Von Privatdozent Dr. Alexander Lorey,
Oberarzt für das Röntgenfach.
Gelegentlich eines Besuches im Eppendorfer Krankenhaus im Jahre
1912 demonstrierte Jakobäus die von ihm angegebene Methode ;
der Laparoskopie. Zu diesem Zweck wird ein Troikart in das Abdomen >
eingestossen, der Aszites abgelassen und dafür Luft eingeblasen, und
nun durch den Troikart ein zystoskopartiges Instrument eingeführt, mit
dem man sich das Innere der Leibeshöhle betrachtet. Es interessierte
mich nun zu sehen, welche Veränderungen die in der Bauchhöhle zu¬
rückgebliebene Luft im Röntgenbild hervorruft. Als ich einen zuvor
laparoskopierten Mann mit Leberzirrhose und Aszites vor den Rönt¬
genschirm stellte, bot sich mir ein eigenartiges Bild. Die Luft hatte
Leber und Milz vom Zwerchfell abgedrängt, so dass deren Konturen,
soweit sie nicht in dem mit horizontalem Niveau sich einstellenden
Aszites untergetaucht waren, scharf zu erkennen waren. Ich habe
dieses Bild auf dem Röntgenkongress im Jahre 1912 demonstriert und
auf die diagnostische Bedeutung der Luftfüllung der Bauchhöhle zur
Erkennung von Erkrankungen in der oberen Hälfte der Bauchhöhle hin¬
gewiesen. Ich habe dann bei einer Reihe von Patienten, zunächst bei
solchen mit, dann auch ohne Aszites ein Pneumoperitoneum angelegt
und darüber in der Sitzung der Biologischen Abteilung des Aerztlichen
Vereins in Hamburg am 18. XI. 13 berichtet und mehrere Fälle in der
Festschrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens des Eppendorfer Kran¬
kenhauses im Jahre 1914 mit Abbildungen veröffentlicht. Ich empfahl
damals in der Mittellinie unterhalb des Nabels in Lokalanästhesie eine
kleine, etwa 2 cm lange Inzision zu machen und das Peritoneum mit
einer stumpfen, vorne geschlossenen Kanüle, wie sie Brauer bei der
Anlegung des Pneumothorax nach seiner Schnittmethode benutzt, zu
durchstossen. Ich selber war damals allerdings bereits dazu über¬
gegangen die Punktion des Abdomens mit einer spitzen Kanüle ohne
vorherige Inzision auszuführen, scheute mich jedoch noch, diese Me¬
thode allgemein zu empfehlen, da ich befürchtete, dass bei unsach-
gemässer Ausführung der Punktion ev. eine Darmverletzung oder
Luftembolie eintreten könnte, wenn die Spitze der Kanüle unglück¬
seligerweise in eine Vene gelangte. Leider war das Material, welches
mir zur weiteren Erprobung der Methode zur Verfügung stand,
ein relativ kleines, da ich keine eigene Krankenabteilung habe,
und die Leiter der Abteilungen, die mir die Kranken zur
Röntgenuntersuchung überweisen, sich ziemlich ablehnend ver¬
hielten, da ihnen dieser Eingriff zu gewagt vorkam. Durch
Beginn des Krieges und meine Einziehung zum Heeresdienst
wurden diese Untersuchungen dann gänzlich unterbrochen. Um
so mehr freut es mich, dass durch die Arbeiten von Rautenberg
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
87
und besonders Qoetze, die von mir zuerst angegebene Methode
weiter ausgebaut ist und allgemeine Verbreitung und Anerkennung
gefunden hat. Namentlich Qoetze hat durch zahlreiche, an einem
grossen Material systematisch ausgeführte Untersuchungen die In¬
dikation für die pneumoperitoneale Röntgendiagnostik erweitert und
gezeigt, dass dadurch nicht nur die Diagnostik der Organe in der
oberen Hälfte des Abdomens bereichert wird, sondern dass das
Pneumoperitoneum auch bei Erkrankungen der übrigen Bauch- und
sogar der Beckenorgane mit Erfolg angewendet werden kann. So
bildet denn heute die pneumoperitoneale Röntgendiagnostik eine wert¬
volle Bereicherung der Untersuchung der Bauchorgane mit Röntgen¬
strahlen, wenn ich allerdings auch nicht verschweigen möchte, dass die
diagnostischen Ergebnisse derselben heute von manchen Seiten etwas
überschätzt werden und diese Untersuchungsmethode nur da angewandt
werden sollte, wo erfahrungsgemäss eine Förderung der Diagnose, die
auf anderem Wege nicht zu erzielen ist, erwartet werden kann. Denn
eine gewisse Belästigung ist für den Patienten fast immer damit ver¬
bunden, so das Gefühl des Aufgeblähtseins und vor allem der manch¬
mal recht lästige Schulterschmerz. Diese Beschwerden lassen sich aller¬
dings erheblich mindern, wenn man nach der Untersuchung die Luft
wieder möglichst ablässt und darauf achtet, dass die Patienten einige
Tage absolute Bettruhe einhalten und sich auch im Bett nicht auf¬
richten.
Im übrigen gilt aber heute die Anlegung des Pneumoperitoneums
bei sachgemässem Vorgehen und Einhalten der von mir bereits in
meiner ersten Arbeit angegebenen Kontraindikationen (frisch entzünd¬
liche oder eitrige Prozesse in der Bauchhöhle, wozu noch schwere
Kreislaufstörungen und schwere Erkrankungen der Atmungsorgane
kommen) und bei Beachtung der von Qoetze beschriebenen Kau-
telen bei der Ausführung desselben, als ein relativ harmloser Eingriff.
Dass jedoch auch bei sachgemässer Ausführung einmal recht un¬
angenehme Komplikationen auftreten können, beweist folgender Fall,
den ich der Oeffentlichkeit um so weniger vorenthalten möchte, als
meines Wissens ein derartiger Zwischenfall noch nicht beschrie¬
ben ist.
Eine 53 jährige Patientin mit Ikterus und Lebertumor wurde wegen
Verdacht auf malignen Tumor zur Anlegung eines Pneumoperitoneums und
Röntgenuntersuchung überwiesen. Das Pneumoperitoneum gelang mühelos, es
wurden 2 Liter Luft eingeblasen. Die Patientin wurde darauf in Bauch-,
Rücken- und Seitenlage, sowie im Stehen durchleuchtet, ohne dass sie
ausser Schulterschmerz irgendwelche Beschwerden äusserte. Es w'urde
dann eine Aufnahme im Liegen angefertigt, der eine im Stehen angeschlossen
werden sollte. Kaum stand die Patientin auf den Füssen, als sie plötzlich
hochgradig unruhig und erregt wurde und rief: „Mein Hals platzt, ich er¬
sticke“. Als ich die Patientin wenige Minuten später sah, machte sie einen
höchst bedrohlichen Eindruck. Sie war ausserordentlich unruhig und rang
heftig nach Luft. Das Gesicht war etwas gerötet, der Puls klein und fre¬
quent. Bei der Betrachtung sah man, dass der Hals in den seitlichen Partien
über den Schlüsselbeinen geschwollen war, die normale Höhlung der
Schlüsselbeingruben war durch ein Polster ausgefüllt, welches beim Be¬
tasten deutliches Knistern zeigte. In kurzer Zeit breitete sich die Schwel¬
lung und das Knistern bis zu den Kieferwinkeln aus. Es hatte sich also
in kürzester Zeit ein Hautemphysem am Halse entwickelt, während am
übrigen Körper nicht das geringste von Emphysem nachzuweisen war.
Durch kräftige Morphiumdosen gelang es ziemlich schnell die grosse Un¬
ruhe der Patientin zu beheben. Am nächsten Tage hatte sich das Emphysem
verteilt, es reichte nach oben bis zu den Schläfen, nach unten bis zum
Rippenbogen. Die Atemnot war verschwunden, der Puls wieder regelrecht.
Nach 2 weiteren Tagen war von dem Emphysem nichts mehr nachzuweisen.
Wenn wir uns fragen, wie das Emphysem zustandegekommen sein
kann, so ist natürlich der am nächsten liegende Gedanke, dass durch
den Stichkanal Luft ausgepresst und im subkutanen Gewebe des Ab¬
domens und des Thorax nach oben gewandert war. Dies konnte je¬
doch durch die sofort vorgenommene Untersuchung ausgeschlossen
werden. Denn es war lediglich in den Oberschlüsselbeingruben und
den direkt oberhalb gelegenen seitlichen Partien des Halses Emphysem
nachzuweisen. Die Luft musste sich vielmehr längs der grossen Ge-
fässe oder der Speiseröhre einen Weg nach oben gebahnt haben. Nun
ist der Peritonealraum aber ein abgeschlossener Sack, aus dem, so¬
lange er unverletzt ist. Luft nicht austreten kann. Wir müssen also
annehmen, dass das Peritoneum an einer Stelle eingerissen war. Diese
Annahme bereitet der Erklärung m. E. keine Schwierigkeiten. Durch
das Einblasen der Luft in die Bauchhöhle werden Milz und Leber von
dem Zwerchfell abgedrängt. Wenn der betreffende Patient nun auf¬
rechte Körperstellung einnimmt, so baumein diese Organe gewisser-
massen an ihren Aufhängebändern. Durch den Zug dieser schweren
Organe, namentlich der Leber, deren Volumen und Gewicht in unserem
Fall noch durch Schwellung derselben vermehrt war, kommt es zu einer
Dehnung dieser Bänder (Lig. suspens. hepatis, Lig. coronar.), und man
kann sich leicht vorstellen, dass dadurch das dünne Peritoneum ein-
reisst. Nun hat die Luft freie Bahn, und vielleicht noch unterstützt
durch Erhöhung des intraabdominellen Druckes infolge Anspannung
der Bauchmuskeln beim Aufrichten, ist sie durch diesen Riss gepresst
worden und hat sich in dem lockeren Bindegewebe um den Oeso¬
phagus herum einen Weg durch das Zwerchfell und hintere Mediastinum
nach oben geoahnt. Leider war die Patientin nicht dazu zu bewegen,
sich nochmals durchleuchten zu lassen, man hätte sonst vielleicht das
mediastinale Emphysem nachweisen •können.
Wenn auch der anfangs recht drohend aussehende Zwischenfall
für die Patientin ohne dauernde Folgen geblieben ist, so muss uns doch
dieses Vorkommnis zur Warnung dienen. Wir müssen möglichst ver¬
meiden bei Patienten mit Pneumoperitoneum Bewegungen auszu¬
führen, bei denen die Aufhängebänder gezerrt werden. Wir können
allerdings nicht darauf verzichten, die Patientin in allen möglichen
Durchleuchtungsrichtungen zu untersuchen und müssen sic dazu auch
oft aufrechte Körperstellung einnehmen lassen, da in einer Reihe von
Fällen die Untersuchung in dieser Körperstellung uns besonders wert¬
volle Aufschlüsse gibt. Wir müssen aber peinlich darauf achten, dass
die Patienten keine schnellen Bewegungen ausführen, bei denen die
Lage der Leber und Milz sich schnell ändert, und dürfen nicht zu¬
lassen, dass die Patienten sich aus eigener Kraft aufrichten, sondern
verlangen, dass sie dabei unterstützt werden.
Aus dem Zentralröntgenlaboratorinm des Allgemeinen Kranken¬
hauses in Wien. (Vorstand: Prof. Dr. G. Holzknecht.)
Röntgenbehandlung der Perniones.
Von Dr. Robert Lenk.
Die grosse Menge von Publikationen für und gegen die Strahlen¬
behandlung des Karzinoms hat die Autoren und Leser der Röntgen¬
literatur derart in Anspruch genommen, dass die ganze Reihe der übri¬
gen, zum grossen Teil ausgezeichneten Indikationen zur Röntgen¬
bestrahlung Unverdientermassen in den Hintergrund traten und der
Vergessenheit anheimzufallen drohen. Der Praktiker, in dessen Hand
ja die Indikationsstellung gelegen ist, kennt sie nicht oder nicht mehr,
sehr zum Schaden vieler Patienten, denen dadurch ein wichtiges Heil¬
mittel vorenthalten wird.
Im folgenden sei an eine sehr aktuelle, anscheinend in Ver¬
gessenheit geratene Röntgenindikation erinnert.
Die Perniones, diese so sehr verbreitete, gewiss nicht gefähr¬
liche, aber äusserst unangenehme Affektion ist durch die meisten ge¬
bräuchlichen, zum grossen Teil umständlichen Behandlungsmethoden
sehr schwer beeinflussbar. Hingegen bringt in den allermeisten, auch
in den schwersten, mit Blasenbildung und Exfoliation einhergehenden
Fällen eine einzige schwache BestrahlungWerschwinden, das den Win¬
ter über oder mindestens mehrere Wochen anhält. Eventuelle Rezi¬
dive durch neuerliche Kälteeinwirkung lassen sich dann fast immer
wieder rasch beseitigen.
Wirkungsmechanismus: Beeinflussung der geschädigten
Gefässe.
Dauer der Behandlung: Erfolg meist kurze Zeit nach einer
einzigen Bestrahlung; selten Wiederholung nach 14 Tagen notwendig.
Verlauf: Mitunter nach rasch vorübergehender Exazerbation
schwindet der Juckreiz innerhalb 1 — 2 Tagen, Rötung und Schwellung
wenige Tage später. Rezidive kommen vor, reagieren immer wieder gut.
Unterstützende Behandlung: Bei etwas stärkerer Früh¬
reaktion wechselwarme Bäder.
Technik: Harte Therapieröhre, 0,5 mm Al.-Filter, % — % Ery¬
themdosis.
Aus dem Krankenhaus Wattwil.
(Direktion: Chefarzt Dr. E. Bau mann.)
Ueber die traumatische Nierenzyste.
Von Dr. Erwin Bau mann.
Die traumatische Nierenzyste ist eine äusserst seltene Erkrankung.
In manchen Werken der Unfallmedizin ist sie nicht einmal erwähnt,
in den grössten meist nur mit einem Satze abgetan. Daher mag die
Mitteilung eines kürzlich beobachteten Falles einer grossen trauma¬
tischen Nierenzyste gerechtfertigt sein.
M. H., 6 jähr., K.-G. 752/20. Aus der Anamnese: Das früher stets
gesunde Mädchen fiel am 8. X. 1920 in einer Scheune ca. 9 m hoch auf
einen Zementboden herunter und blieb dort bewusstlos liegen. Der herbei-
gerufene Arzt konstatierte starke Blutunterlaufungen beider Augen, besonders
links, mit Bewusstseinstrübung während eines Tages. Keine Ausfallserschei¬
nungen seitens des Zentralnervensystems. Ueber dem linken Hiiftbeinkamm
seitlich ebenfalls starke Sugillationen, die sich bis zur untersten Rippe in der
linken Axillarlinie ausdehnen. Nie Temperaturerhöhungen, nie beschleunigter
oder verlangsamter Puls. Urin stets normal. Seit dem 8. Tage nach dem
Unfall klagte Pat. stets über ziehende und drückende Schmerzen in der
linken Oberbauchgegend. Ausser einer leichten Schwellung daselbst, wenig
druckempfindlich, fand der Arzt stets normale Verhältnisse. Am 30. X.,
23 Tage nach dem Unfälle, konstatierte der Arzt zum ersten Male in der
Gegend des Colon descendens eine stark druckempfindliche, innerhalb kurzer
Zeit rasch gewachsene Vorwölbung. Da damit ziemlich rascher Kräfteverfall,
motorische Unruhe, Temperaturerhöhungen und Erbrechen eintrat, wies der
behandelnde Arzt das Kind als Notfall in das Krankenhaus ein.
Eintrittsbefund am 2. XI. 1920: a) S t a t. univers.: Stark
anämisches, mageres, schwer leidend aussehendes Kind. Augen blauschwarz
umrändert, Lippen trocken, blass, borkig belegt. Atmung oberflächlich,
frequent, kostal, r. > I„ mit exspiratorischem Glucksen. Strabismus con-
vergens. Sensorium teilweise getrübt. Schmerzstöhnen. Extremitäten blass,
kühl; Finger- und Zehennägel zyanotisch. Stuhl und Urin angehalten. Tem¬
peratur 38,2°, Puls 104, schwach, unregelmässig, Herztöne leise, rein, frequent.
Lungen o. B. b) S t a t. 1 o c a 1. : Abdomen in toto aufgetrieben. Der linke
Rippenbogen ist vorgewölbt. Unter ihm tritt eine längsovoide, kugelförmige
Vorwölbung zu tage, die, kindskopfgross, die ganze linke Beckenhälfte ein¬
nimmt. Kein freier Erguss, keine Darmzeichnung. Ueber dem ganzen Ab¬
domen sind die Bauchdecken straff angespannt, diffus druckempfindlich, mit
Defense musc. auf der linken Seite und Entlastungsschmerz. Ueber der Vor¬
wölbung brettharte Spannung, so dass eine genaue Palpation unmöglich ist.
Der Tumor scheint glatt, prall-elastisch zu sein. In der Flanke und Lumbal-
88
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
gegend besteht absolute Dämpfung; vorne relative Dampfung, jedo.ch mit deut¬
lichem Beiklang von Darmschall. . , , ,. „ _ .. „
Trotz des desolaten Zustandes wird in Aethernarkose die Operat
frir R a u m a n n) vorgenommen; Probelaparotomie durch kleinen, ca.
tanK» l“n”sschnniu °.,aL,ek,al i» Nab.lhtte Bel.nd:
ändert Es liegen stark kollabierte Darmschlingen vor. Der pa pierenae
Fincer gelangt auf einen retroperitoneal liegenden prallelastischen fluktuieren¬
den Tumo ""von der unveränderten Milz bis ins kleine Becken reichend
Die I aee des unverschieblichen Tumors weist auf die linke Niere hin. Nach
Verschluss des Probeschnittes wird in rechter Seitenlagö
tomieschnitt nach Bergmann angelegt und die linke Nrnre ^eig gt
Nach Durchtrennung der nur mässig adharenten äusseren Nierenkap sei liegt
eine blauschwarz durchschimmernde Zyste vor, aus der sich nach der Inzismn
im Strahl ca. lH Liter klare, gelb hohe Flüssigkeit entleert D e äussere
Wnrid der 7vste liegt in der Kortikalis un>d ist nur ca. 2 3 mm dicK. men
EnBernung eines Teiles derselben konstatiert die eingeführte Hand eine
grosse glattwandige Höhle, deren Wand von einer dickschleimigen, teils
rosa, teils schokoladebraun gefärbten Detritusmasse beschlagen ist. D e
Wand selber besitzt kein eigentliches Epithel, sondern setzt sich a
Elementen der Rindenschicht zusammen. Mikroskopisch lassen sich in de
Zyste keine morphologischen Bestandteile, bakteriologisch keinfe Mikroorgam -
men nachweisen. Im Detritus ist Blutfarbstoff vorhanden.
Die Zyste wird locker mit Pyoktaningaze austamponiert und die Wunde
teilweise verschloSfoigt erstmals Urinabgang, der nicht blau gefärbt ist; die
Höhle kommuniziert also nicht mit den Ausführungsgängen der Niere. Das
Allgemeinbefinden bessert sich zusehends und rasch. Die Temperatur kehr
nach der Operation zur Norm zurück, die Höhle sezermert sozusagen g
nicht Unter Kürzung der Blaugaze granuliert sie üppig und rasch zu
25 Tage nach der Operation ist sie fest geschlossen und am 4. XII. wird
das Kind als vollständig geheilt mit blühendem Aussehen bei normalem Urin-
befund aus dem Krankenhause entlassen.
Im vorliegenden Falle hat also ein 6 Jahre altes Mädcnen durch
einen 9 m hohen Sturz von der Tenne auf den Zementboden eine
linksseitige Wz Liter Inhalt fassende Nierenzyste erlitten. Die ausser¬
ordentlich seltenen traumatischen Nierenzysten müssen streng von
der sog. Zystenniere getrennt werden. Letztere kommt nicht so sel¬
ten vor und betrifft häufiger beide als nur eine Seite. Wahrscheinlich
ist sie stets angeboren und beruht meist auf einer Entwicklungsstomn?.
Pathologisch-anatomisch wird sie von der Mehrzahl dei Autoren für
Retentionszysten gehalten, die durch Entzündungsvorgänge (Vi r ch o w,
Dur lach Thorn, Arnold u. a.) oder aber durch Missbildungen
(Kaufmann, R i b b e r t, H i 1 d e b r a n d, Meyeru. a.) verursacht
werden. Hieher gehören auch die sog. vereinzelten Zysten der Niere,
die bei sonst unveränderter Niere eine beträchtliche Grösse erreichen
können und nach Braun warth nur quantitativ von der eigentlichen
Zystenniere abweichen. Die Höhle ist in allen diesen Fallen von
Pflasterepithel ausgekleidet, der Inhalt kann serös, durch Hamorrhagien
auch rot oder bräunlich gefärbt oder bei pathologisch veränderten Zellen
kolloid sein. Im Gegensatz zu diesen primär epithelial umgrenzten
Hohlräumen steht die eigentliche N i e r e n z y s t e, ein Hohlraum
im Nierengewebe, die ohne eigene Zystenwand von. Nierenparenchym
umgrenzt ist (wie in unserem Falle), das dann allerdings bei längerem
Bestehen allmählich durch Untergang der Organzellen zu einer Art
von Hülle degenerieren kann. Diese traumatische Nierenzyste entsteht
ohne Zweifel so, dass im Rindengebiet der Niere oder zwischen den
Kapselschichten infolge eines Sturzes oder einer Quetschung eine
Blutung stattfindet, die dann zur Zystenbildung führen kann. Der peri¬
phere Sitz der Blutung bedingt es, dass die häufigste Erscheinung einer
traumatischen Nierenverletzung, das Blutharnen, ausbleibt.
Tritt also bei einer subkutanen Läsion der Nierengegend, sei es
durch ein direktes oder durch ein indirektes Trauma, ohne Blutharnen
eine schmerzhafte Schwellung auf, so muss man neben einer Blutung
in das pararenale Gewebe stets an die Möglichkeit einer geschlossenen
Nierenblutung denken. Die sichere Diagnose wird, wie in unserem
Falle, oft erst unter dem Messer gestellt werden können.
Zwanck- Schi Hing sehe Hysterophor mit zwei schmetterlings-
fliigelartigen Platten und für ganz schwere Fälle die gestielten Pessare,
die nach Art des alten S c a nz on i - Modelles durch einen Beckengurt
getragen werden, wie z. B. der La ve da n- Hysterophor.
Alle diese Pessare greifen jedoch die Scheidenwände nicht fläch^u-
haft an und machen daher Druckerscheinungen. Selbst die harmlose¬
sten Pessare können tief einwachsen, wenn sie längere Zeit nicht ge¬
wechselt werden. Beim Zwanck sehen Pessar sind sogar tiefe Per¬
forationen in Blase und Mastdarm beschrieben. Ausserdem sind die
bisher genannten Pessare nicht imstande, die Scheidenschleimhaut voh-
ständig zurückzuhalten; diese pflegt vielmehr meistens über die Pessar¬
bügel hinweg mehr oder weniger stark wieder nach aussen zu pro-
la hipren
Aus diesem Grunde werden seit den ältesten Zeiten Pessare ver¬
sucht, die die Scheide möglichst ausfüllen. Wie Schröder in seinem
Lehrbuche der Gynäkologie erzählt, hat schon Soranus durch zweck¬
mässige Lagerung der Frau den Prolaps reponiert und /^Pessare
aus Wolle in die Scheide eingeführt. Oskar Frankl (die physika.i-
schen Heilmethoden in der Gynäkologie) berichtet, dass nach Busen
die Naturvölker Schwämme, Nüsse, Granatäpfel und zusammengerolltc
Stoffstücke und nach A b u 1 c a s im (10. bis 11 Jahrhundert in Cordova)
auch aufgeblasene tierische Membranen als Pessare verwandt haben.
In südlichen Ländern werden noch heute Zitronen und Orangen a s
Pessare eingeführt, die gleichzeitig durch die Form und durch ihre
chemische Eigenart wirksam sind. Breisky (Prager med. Wochen¬
schrift, 1884, Nr. 33) wählte eiförmige Pessare aus Hartgummi deren
Handhabung aber wegen des starren Materials nicht leicht ist Neuer¬
dings empfiehlt D u r 1 a c h e r - Ettlingen (M.m.W 1921, Nr 44) Gummi¬
ballons, die in einen Schlauch mit Ventil auslaufen und durch ei
Handluftpumpe in der Scheide selber gefüllt werden. Die Patientinnen
sollen das Wechseln selber vornehmen und zwar täglich. Du rlacti e r
nennt den Apparat Luftkissenpessar. Diese Methode ist m. E. für
die Patientinnen auf die Dauer zu umständlich. Jedenfalls sehe ic
nicht den geringsten Vorteil gegenüber der einfachen Methode, die
vor etwa 20 Jahren von Leopold L a n d a u angegeben ist; diese
besteht darin, dass gewöhnliche, glatte Gummibälle als Pessare ver¬
wandt werden. Diese Bälle sind verhältnismassig billig und leicht
einzusetzen; sie machen durchaus keine Druckerscheinungen und halten
die Scheidenschleimhaut gut zurück. Ein zu kleiner Ball springt, ohne
zu verletzen, aus der Scheide heraus; und hat man einen zu grossen
Ball gewählt, so merkt dies die betreffende Patientin sofort daran,
dass die Urinentleerung erschwert oder gar unmöglich wird, und wird
von selber die schleunige Herausnahme des Balles verlangen. Die
gebräuchlichsten Grössen sind Bälle von 5 — 10 cm Durchmesser, ^e re
Stauungen hinter dem Ball treten nicht ein. Ich hege daher auch keine
Bedenken, den Ball bei ulcerierten Prolapsen sofort einzusetzen und
finde stets, dass die Dekubitalulcera ohne sonstige Behandlung hinter
den Bällen abheilen. Alle 6 Wochen soll der Ball gewechselt werden.
Dies geschieht in der Weise, dass auf dem Zeigefinger der einen
Hand eine Kugelzange an den Ball herangeschoben und in diesen ein¬
gehakt wird; beim Anziehen entweicht die Luft, und der Ball kann
wie ein leerer Sack aus der Scheide herausgezogen werden.
Ich habe diese Ballmethode in der L a n da u sehen Klinik in Berlin
und in meiner Privatpraxis seit Jahren in grösserem Umfange duren-
gefiihrt und möchte sie auf Grund guter Erfolge empfehlend in Er¬
innerung bringen. _
Natur und Entstehung diastatischer Fermente.
(Eine Erwiderung zu Prof. Biedermanns Bemerkungen
in dieser Wochenschrift 1921, Nr. 44.)
1 T _ TT» * _ L A _ TW-
Literatur.
Arnold: Beitr. z. path. Anat. 1890, 8. — Braun warth: Ueber
Nierenzysten. Virch. Arch. 1906, 186. — Dur lach: Ueber Entstehung der
Zystenniere. Diss. Bonn 1885. — H i 1 d eT> ran d : Lange nb eck s Arch.
1884, 48. — Kaufmann: Ueber sog. fötale Rachitis. 1892. Kretsch¬
mer: Solitary cysts of the Kidney (mit Literatur). Journ. of urology Vol. IV.
N 6 1920 —Meyer: M.m.W. 1903 Nr. 18. — Reichmann: Nieren-
zf stell. Hb. d. ges. Ther. 3. - Riblxsrt: Verh. d. dtsch patlu Qes.
1899. — Rovsing: Zystenniere, im Lehrb. d. Chir. 3. 1 niem. no.
d. Unf. -Erkrank. 2, 2. — Thorn: Beitr. z. Genese d. Zystenniere. Diss.
Bonn, 1882. — Virchow: Ges. Abh. 1856.
Die Ballbehandlung der Prolapse.
Von Dr. Siegfried S am s o n - Hamburg.
Genitalprolapse jeglichen Grades sind operative Fälle. . Es bleiben
aber noch eine ganze Reihe von Fällen übrig, bei denen die Operation
abgelehnt wird oder wegen hohen Alters oder wegen gleichzeitig be¬
stehender anderweitiger Erkrankung zeitig oder dauernd nicht in frage
kommt. Und schliesslich gibt es eine Reihe von Prolapsen, die selbst
nach den weitgehendsten Fixationsmethoden wieder rezidivieren.
Für diese Fälle sind seit Ambroise Pa re Pessare der verschie¬
densten Formen konstruiert. Am meisten gebraucht werden das
H o d g e pessar, dann das Pessar von Thomas, das May e r sehe
Ringpessar, Schultzes Schlittenpessar, das Schatz-Prochow-
n ick sehe Sieb-Schalenpessar, das Menge sehe Keulenpessar, der
Durch die Bemerkungen auf meinen Artikel über dieses Thema
(d. Wschr. 1921, Nr. 43) macht Prof. Biedermann aus der von
mir sachlich gehaltenen wissenschaftlichen Differenz eine unliebsame
Polemik. Hätte Prof. Biedermann meine ausführliche Arbeit, die
gleichzeitig mit genanntem Artikel an die „Fermentforschung abging,
vorerst gelesen, und das konnte ich deshalb erwarten, weil auf dieselbe
ausdrücklich verwiesen war, so würde er billigerweise nicht dazu ge¬
kommen sein, mir Leichtfertigkeit im wissenschaftlichen Vorgehen in
bezug auf Kenntnisnahme der Originalliteratur sowie der Vcrsucas-
technik vorzuwerfen. Hingegen muss ich konstatieren, dass die An¬
nahme Biedermanns, ich hätte für meine Versuche eine amylo¬
pektinreiche Stärkelösung verwendet, eine unrichtige
Supposition ist, da ich in dem Artikel dieser Zeitschrift unter dem
Verweise auf die detaillierte; Arbeit gar keine methodischen Angaben
machte. Aus letzterer aber geht hervor, dass in allen meinen Versuchen
stets eine amvlopektinfreie Amyloselösung zur Unter¬
suchung gelangte. Damit fällt das Hauptargument Bieder¬
manns gegen meine Versuchstechnik u n d ebenso
seine darauf gestützten Scnlüsse. Diese Lösung bereitete
ich durch Erwärmen der Stärke in 1 proz. Lösung während 1 Stunde
bei 80°, weil die Resultate ganz Identisch waren mit jenen Versuchen,
wo die Stärke nur auf 80 0 erwärmt wurde. Dies in voller Ueberem-
stimmung mit der Angabe von Biedermann1), wo er die starke
während Va Stunde kochte und der Versuch ebenso glatt verlief!
J) Biedermann: Fermentforschung 1916, Nr. 5, S. 388.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
89
Was den Zeitfaktor anlangt, so zitiere ich Biedermann2): „Auch
wenn man noch so sehr auf möglichste Gleichartigkeit der Ver¬
suchsbedingungen achtet, so fallen doch die Zeiten der Umsetzung
an den verschiedenen Tagen keineswegs ganz gleich aus. sondern sind
beträchtlichen Schwankungen unterworfen, die sich unter
Umständen über Stunden erstrecken können.“ Die Auffassung
Biedermanns über die Thermostabilität diastatischer Fermente
sei durch folgende zwei Zitate charakterisiert: „Für den Speichel ergab
sich sogar, dass gekochte Proben, welche stundenlang ohne Stärke¬
zusatz stehen blieben, dabei nicht nur nicht an diastatischer Kraft ge¬
wannen. sondern im Gegenteil bei nachträglichem Zusatz von Stärke
sehr bedeutend verlangsamt wirkten“ . . 3). Ferner : „Dass
die Thermostabilität der organischen Grundlage diastatischer Fermente
nur eine partielle und relative ist, das Erhitzen von Speichel oder
reinen Fermentlösungen bis zum Kochen nur schwache Spuren von
Wirksamkeit hinterlässt, die erst nach langem Stehen (unter Toluol¬
schutz) wieder etwas zu nimmt etc.“4). Das ist seine These
und seine Antithese.
Wenn nun das ganze Problem der „Autolyse“ der Stärke, dieses
an sich wichtige Fermentproblem, neuerdings für Biedermann5)
nur noch geringes Interesse geniesst, so kann ich nicht umhin, die
Ursache in dem mehrfach gelieferten Beweis der Nichtexistenz der¬
selben zu suchen. Sollte ich schliesslich Biedermann davon nicht
überzeugen können, so ist das auch nicht meine besondere Absicht,
sondern ich warte mit Zuversicht das entscheidende Urteil vom un¬
befangenen Fachkreise ab.
Ich habe nicht die Absicht, mich mit Herrn Dr. R o t h 1 i n in
weitere Erörterungen über die von mir nachgewiesene Stärkeautolyse
einzulassen und werde auch meinerseits das Urteil eines Fachmannes
abwarten, der unbefangen meine überaus einfachen Versuche gena u
nach Vorschrift nachgeprüft. Biedermann.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt a. M.
(Direktor: Geh. Hofrat Prof. Dr. Seitz.)
Nochmals die Frage der Gasvergiftung im Röntgenzimmer.
(Erwiderung an Herrn Friedrich Lönne.)
Von Dr. med. et phil. Heinrich Guthmann, Oberarzt
der Klinik.
In Nr. 47 der Münch, med. Wochenschrift teilt Lönne mit, dass er
die von mir zur Bestimmung des Ozons in der Röntgenluft benützte
Methode1)2), die sich auf die E r 1 w e i n - W e y 1 sehe Reaktion
gründet, nicht für geeignet halte. Lönne bezweifelt vor allem die
Spezifität der Erlwein-Weyl sehen Reaktion und findet eine Farb¬
bildung der alkalischen Metaphenylen-Diaminlösung auch bei Zusätzen
von Wasserstoffsuperoxyd und Natriumnitrit Diese Angabe ist sicher
falsch. Ich kann nur auf Grund meiner vielen exakten und unvor¬
eingenommenen Untersuchungen immer wieder darauf hinweisen, dass
die Reaktion, natürlich in bestimmten, genau festgestellten Grenzen,
spezifisch ist, vorausgesetzt, dass absolut reine Reagentien be¬
nützt werden, was bei den Beobachtungen von Lönne
sicher nicht der Fall gewesen ist, sonst hätte er diese Re¬
aktionen nicht bekommen können. Die gelbbraunrote Farbe, die das
alkalische Metaphenylen-Diamin bei der Reaktion mit Ozon bildet, ist
ja zwar etwas unstabil, jedoch gelingt es bei entsprechender Technik
sehr leicht eine Vergleichsfarblösung, wie von mir angegeben, inner¬
halb einer Zeit herzustellen, bei der die Veränderung der Farbe des
Reagens unmessbar klein ist. Durch lange Beobachtung habe ich fest¬
stellen können, dass die Farblösung in 2 Stunden eine nur sehr geringe
Nuancenänderung zeigt und habe den Zeitraum von einer Viertel¬
stunde nur gewählt, um absolut sicher zu gehen. Die Empfindlichkeit
der Reaktion ist eine derartige, dass es sehr leicht ist, 0,08 mg Ozon in
der Luft nachzuweisen. Als Hauptargument gegen die Methode wendet
Lönne ein, dass man zum Durchleiten der 1000 Liter Luft, wie er
schreibt, eine Zeit brauche, die so gross sei, dass das Reagens sich
in seiner Farbe wieder verändere. Das wäre auch der Fall, wenn es
nötig wäre, mit soviel Luft zu arbeiten. Lönne übersieht aber, dass
man, um die zur Messung ausreichende Farbtönung zu erhalten, höch¬
stens 100 Liter Luft durch die Reagenzlösung leiten muss, und dass
dies in einer Viertelstunde möglich ist, muss sogar Lönne zugeben.
Lönne gibt weiter an, dass die gewöhnliche Luft ebenfalls fast die
gleiche Reaktion gibt. Wie war diese Luft gereinigt? Im weiteren Ver¬
lauf der Mitteilung kommt Lönne auch zu meiner Meinung, dass die
Kaliumiodidmethode zum Nachweis der äusserst geringen Menge von
Ozon und nitrosen Gasen nicht geeignet sei. Nichtsdestoweniger be¬
nützt er die Methode, wie er einige Zeilen weiter unten schreibt, zu
Messungen und kommt mit deren Hilfe zu Werten, die so gering sind
(0,2 mg Ozon, salpetrige Säure etc. in 1 cbm Luft), dass nach diesem
Ergebnis von einer Vergiftungsmöglichkeit überhaupt nicht gesprochen
weiden könnte. Trotzdem aber glaubt Lönne daran, dass das Ozon
f) Biedermann: Fermentforschnng 1916, Nr. 5, S. 427.
■') Biedermann: Fermentforschung 1916, Nr. 5, S. 423.
4) Biedermann: M.m.W. 1921, Nr. 44, S. 1428.
5) Biedermann: M.m.W. 1921, Nr. 44, S. 1428.
4) Sitzungsberichte der Phys.-med. Sozietät in Erlangen 1918/19. 50 — 51.
') Strahlentherapie 12, Heft 1.
, mit an der „Gasvergiftung im Röntgenzimmer“ beteiligt sei. Ich
betrachte dies als eine stillschweigende Anerkennung der allein und zu¬
erst von mir durch genaue quantitative Messungen gewonnenen Zahlen.
I Die Schlussbemerkung, dass sich beim Betrieb von Quecksilberdampf¬
lampen Ozon bildet, ist ja auch nichts Neues, und ist es von jeher
üblich gewesen, in solchen Räumen für gute Ventilation zu sorgen.
Für die Praxis.
Die Behandlung des Ulcus corneae serpens.
Von Bruno Fleischer, Erlangen.
Die eitrigen Hornhautentzündungen sind für jeden praktischen Arzt,
der nicht in der Lage oder gewillt ist, diese Fälle ohne weiteres dem
Spezialisten zuzuweisen, eine der wichtigsten Augenerkrankungen —
wegen der Zahl dieser Fälle und wegen der schweren möglichen Fol¬
gen, die eine nicht sachgemässe Behandlung nach sich ziehen kann,
einerseits und wegen der günstigen Erfolge, die eine frühzeitige und
sachgemässe Behandlung anderseits erzielen kann. Aus der grossen
Menge der verschiedenen eitrigen Hornhautentzündungen greife ich
in der heutigen Besprechung das Ulcus corneae serpens heraus,
wegen der besonders grossen Verantwortung, die der behandelnde Arzt
übernimmt, und wegen der Fortschritte, die die Diagnose und Therapie
desselben gemacht hat.
Die Diagnose des Ulcus serpens lässt sich vielfach aus dem
äusserlichen klinischen Befund stellen. Meist handelt es sich um die
Folge leichter oberflächlicher Verletzungen, die eine geringfügige Schür¬
fung der Hornhaut zur Folge haben, vielfach im landwirtschaftlichen Be¬
trieb, so infolge von Verletzungen mit Stengeln von Pflanzen, Stroh,
kleinen Aestchen, Steinchen usw. Der Sitz ist sehr häufig nahe dem
Zentrum der Hornhaut. Die Patienten kommen meist erst einige Tage
nach der Verletzung zum Arzt, wenn die durch die Verletzung ent¬
standene Erosion nicht glatt verheilt ist und Beschwerden, vielfach
stärkere ausstrahlende Schmerzen auftreten, infolge der durch die In¬
fektion entstandenen eitrigen Entzündung. In diesem ersten Stadium
ist das klinische Bild vielfach noch kein charakteristisches und kann
in einer geringfügigen' weisslich-gelblichen Infiltration bestehen, meist
mit bereits vorhandener starker Injektion des Auges und nicht selten,
aber nicht immer, mit bereits vorhandenem kleinen Hypopyon und
begleitender Iritis* Dieses Stadium gibt für die Behand¬
lung noch günstige Prognose und es muss jeder derartige
Fall sofort in sachgemässe Behandlung genommen werden; gefährlich
ist blosses Abwarten und nichtspezifische Behandlung nur mit Atropin
und Verband. Die Infektion erfolgt in der Mehrzahl der Fälle
vom1 Tränensack aus, aus einer vorher bereits bestandenen
Dakryozystitis infolge einer Stenose der Tränenwege. Es muss daher
in jedem Fall durch Druck mit dem Finger auf die Tränensackgegend
darauf untersucht werden; die Möglichkeit des Ausdrückens von patho¬
logischem Inhalt aus dem Tränensäcke, eitriger, eitrig-schleimiger,
schleimiger, schleimig-wässeriger oder wässeriger Natur, unter Um¬
ständen nur in geringer Menge, lässt die Diagnose stellen. Zweck¬
mässig ist auch das Durchspülen des Sackes im Fall des Fehlens von
pathologischem Inhalt, wodurch unter Umständen noch ein durch
Ausdrücken nicht festzustellender pathologischer Inhalt erkannt werden
kann. — Die Feststellung einer Dakryozystitis indiziert im allgemeinen
die sofortige Behandlung derselben, am zweckmässigsten durch Ex¬
stirpation des Sackes, um die Infektionsquelle auszuschalten. Es wird
daher der Kranke in diesem' Fall im allgemeinen dem Spezialisten
zu überweisen sein, wenn zwar auch zuweilen eine Heilung der Horn¬
hautentzündung bei bestehender Dakryozystitis zu beobachten ist. Da die
Ueberweisung der Patienten an den Spezialisten aber doch mehr oder
weniger lange Zeit in Anspruch nehmen kann, so wird trotzdem sofort
auch das Ulcus zu behandeln sein.
Für die Behandlung ist die Art des Infektions¬
erregers von grösster Wichtigkeit und der Versuch der
Diagnose desselben unbedingt zu machen. Dies ist im allgemeinen
leicht möglich durch einen Abstrich von dem eitrigen Ulcus
auf ein Deckglas oder einen Objektträger: mit kleinem sterilen Spatel
(oder Nadel), wie er zum Fremdkörperentfernen auf der Hornhaut be¬
nützt wird, nach vorheriger Einträufelung von Kokain (2 — 4 proz.) wird
von der infiltrierten Partie, am besten mit dem Instrument unter dem
Epithel1, das ja meist erodiert ist, hervorschabend, eine geringe Menge
des erweichten Gewebes abgestrichen und auf dem Objektträger ver¬
strichen; dabei Schonung des gesunden Gewebes, nach Trocknung
Fixieren durch zweimaliges Durchstreichen über der Flamme; Färbung
am besten mit abgekürzter Grammethode: Herstellung der ver¬
dünnten Färbeflüssigkeit für denjenigen, der nicht häufig zu färben hat,
am besten selbst unmittelbar vor dem Färben, da die verdünnte
Lösung nicht längere Zeit hält; aus einer konzentrierten alkoholischen,
vorrätig zu haltenden Lösung von Gentianaviolett oder Methvlviolett
ein Teil (Tropfen) und 2lA proz. Karbolwasser. 9 Teile; darauf Färben
25 Sekunden, Abspülen mit Wasser; zwecks Beizung Aufträufeln von
Jod-Jodkalilösung 1:2:300 und Beizung damit 15 Sekunden, ohne
Abspülen. Entfärben in 96 proz. Alkohol, bis keine Farbstoffwolken
mehr abgehen. Nachfärben mit rotem Farbstoff, am besten Safranin,
5 proz. wässerige Lösung; Abspülen, Trocknen, Untersuchen unter
Immersion.
Das Ulcus serpens kann durch verschiedene Erreger hervorgerufen
werden: in erster Linie durch Pneumokokken, dann Diplo-
90
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
b a z i 1 1 e n, viel seltener durch andere Bakterien, die im allgemeinen
nicht das typische Bild machen (Staphylokokken, Streptokokken, Bac.
pyocyaneus, Schimmelpilze). Die Diagnose ist aus dem Abstrich daher
im allgemeinen leicht zu stellen: Pneumokokken Gram-positiv, paarig,
häufig' mit Kapsel, lanzettförmig mit der Spitze aneinander zugekehrt;
Diplobazillen paarig, plumpe, wurstförmige, Gram-negative Stäbchen.
Die bakterielle Diagnose ist so wichtig wegen der verschiedenen
Behandlung, die die verschiedenen Erreger verlangen: Wahrend früher
meist bei allen Formen kauterisiert wurde, hat sich neuerdings die
Behandlung mit chemischen Mitteln bewährt und ist wirksam ins¬
besondere in frühen Stadien: die chemische Behandlung ist viel weniger
eingreifend, da sie kein gesundes Gewebe zerstört, was bei der zen¬
tralen Lage der Ulcera besonders wichtig ist. Optochmum hydrochlor.
ist Spezifikum für Pneumokokken, Zinc. sulfuricum für Diplobazillen.
Und die chemische Behandlung ist deswegen von so grosser Wichtig¬
keit für den Praktiker, weil sie kein besonderes Rüstzeug verlangt.
Die Optochinbehandlung des Pneumokokkengeschwüres
hat sich mir durchaus bewährt, was ich gegenüber manchen anderen
Erfahrungen hervorheben möchte. Wichtig ist allerdings die Art der
Behandlung: Man kann von dem Mittel nur eine Wirkung erwarten,
wenn es mit den Pneumokokken unmittelbar in Berührung kommt und
wenn die Lösung frisch und genügend konzentriert ist Daher An¬
fertigung der Lösung selbst stets vor Gebrauch: 2 proz. Losung talso
Vorrätighalten von abgewogenen Mengen [0,2 g zu 10 ccm Wasser],
Lösung erfolgt leicht). Mit der 2 proz. Lösung kleines mit Watte um¬
wickeltes (Glas-) Stäbchen tränken und damit das Geschwür nach
Kokainisierung 2 Minuten lang (Uhr in der Hand) betupfen ; zweck¬
mässig ist in der 2. Minute eine Art Ausreiben oder Auswischen des
Geschwürs mit dem Wattestäbchen, um auch die unter dem Epithe'
gelegenen Infiltrationen zu treffen; die Behandlung verursacht etwas
Brennen, aber keine erheblichen Beschwerden. Die Betupfung bewirkt
leichte weissliche Verätzung des Geschwürs, eventuell des benach¬
barten Epithels. Darnach Verband. Behandlung der Iritis mit geringen
Mengen Atropin (1 proz., bis die Pupille weit wird). Nachsehen am
selben Tag oder am nächsten Morgen; meist quellen der Geschwürsgrund
und die Ränder etwas auf, was den Eindruck einer stärkeren Infiltiation
machen kann. Bei günstiger Wirkung dieser einmaligen Behandlung
keine weitere Progression. Zweckmäsig ist am nächsten Tag Ein¬
streichen von 1 proz. Optochinsalbe, um Neuinfektion zu verhüten.
Heilung in beginnenden Fällen auf diese Weise meist in wenigen
Tagen unter Zurückbleiben einer kleinen oberflächlichen Narbe; Nach¬
behandlung mit gelber Augensalbe u. a. Schreitet das Geschwür fort,
eventuelle nochmalige Betupfung am folgenden oder übernächsten
Tage. Tritt kein Stillstand ein, sofortige Ueberweisung an den Spe¬
zialisten. Tägliche, womöglich 2 mal tägliche Nachschau, ist dringend
erforderlich! , , , .
Diese Behandlung gibt gute Erfolge auch noch dann, wenn das
Geschwür schon das charakteristische Bild bietet: progressiver wall¬
artiger Rand meist nach einer Richtung hin, grösseres Hypopyon —
wenn es nur noch oberflächlich und für das Mittel zugänglich ist. Es
wird also auch dann noch vom praktischen Arzt in Behandlung ge¬
nommen werden können, bzw. vorbehandelt werden können.
Viel schwieriger liegen die Verhältnisse, wenn die Infiltration
schon nach der Tiefe fortgeschritten ist — was leider vielfach der Fall
ist, da die Leute zu spät zum Arzt gehen — oder nicht zeitig sach-
gemäss behandelt wird. Man kann zwar auch in diesen Fällen noch
recht gute Wirkung von energischer Optochinbehandlung sehen, aber
sie ist unsicher und die Nachbehandlung auch bei günstiger Wirkung
schwieriger und langwierig, wegen der Folgen der schwereren Iritis,
des Hypopyöns, der eventuellen Perforation — auch bei guter Wirkung
des Mittels — , des Sekundärglaukoms. Es wird also in solchen Fallen
rascheste Ueberweisung an den Spezialisten unbedingt indiziert sein.
Ergibt die bakteriologische Untersuchung Diplobazillen, so
ist Behandlung mit Zincum sulfuricum angezeigt und ergibt —
auch in fortgeschritteneren Fällen — noch gute Erfolge und zwar m
Form von Bädern (mit „Augenbadewanne“) oder mit häufigen Emtraut-
lungen von XA proz. Lösung: 1 — 2 stündlich einen Tropfen: darauf meist
Rückgang der Infiltration, Verlieren des eitrigen Charakters derselben
in 2—3 Tagen, langsamer Uebergang in Vernarbung. Unterstützung
der Tropf enbehandlung mit Einstreichen von Zinc. sulf.-Salbe (/* bis
1 proz.) nachts und Nachbehandlung mit dieser Salbe.
Bei Mischinfektion von Pneumokokken und Diplobazillen, oder bei
negativem Ausstrich kombinierte Behandlung mit Optochmbetupfung
und Zinkeinträufelung. Doch sind letztere Fälle, da die ätiologische
Diagnose nicht sicher ist, bei geringster Progression besser m spe-
zialistische Behandlung zu übergeben.
Dasselbe ist bei andersartigem Befund — da hier spezifische che¬
mische' Behandlung nicht möglich ist — , insbesondere bei bösartigem
Charakter der Infektion, starker Injektion, Iritis und Hypoyon, indiziert.
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, rede ich der chemischen Be¬
handlung in Anfangsstadien das Wort — insbesondere, da diese Be¬
handlung sofort und ohne Instrumentarium von jedem praktischen Arzt
ausgeführt und gute Erfolge haben kann, was bei den schweren Opfern,
die das Ulcus serpens auch heute noch fordert, von grossem Nutzen
sein könnte. Denn viele Augen gehen dadurch zugrunde, dass mit dei
Behandlung in Anfangsstadien' gezögert wird, in denen allein ein fast
sicherer Erfolg ohne wesentliche Beeinträchtigung der Funktion des
Auges möglich ist. In solchen Anfangsstadien führen freilich auch andere
Verfahren zum Ziel, so der Wessely sehe Dam p f k a u t e r (durch
strömenden Dampf erhitzte Metallspitze), der keine Zerstörung gesun¬
den Gewebes zur Folge hat, oder die Iontophorese (Einleitung
von Metallionen ins Gewebe durch schwachen galvanischen ^trom).
Letztere Therapie leistet auch bei versagender chemischer Behandlung
noch manchmal Gutes und sie ist noch in weitem Masse ausbaufähig.
Auch wird in beginnenden Fällen eine kleine Galvanokausis den
Herd leicht beseitigen können, aber sie zerstört Gesundes und macht
intensivere Narben. Diese Behandlungsmethoden verlangen aber be¬
sonderes Instrumentarium, das nicht sofort und überall zur Hand ist
und daher meist dem Spezialisten zu überlassen sein _ werden, wie
schliesslich die schweren Fälle, wo vielleicht noch chirurgische Be¬
handlung, Spaltung des Geschwürs nach Saemisch c.cn
Prozess zum Stillstand' bringen kann oder wo Behandlung des
Sekundärglaukoms durch entsprechende Massnahmen noch
manche Augen retten kann oder wo Konjunktivaiplastik nach
K u h n t gelegentlich noch Rettung bringt. ,
Wesentlich, von allergrösster Bedeutung ist die sofortige Behand¬
lung der ersten Stadien des Geschwürs und da könnte der praktische
Arzt viel Segensreiches stiften. Schliesslich ist aber noch die vor-
b e u g e n d e B e h a n d 1 u n g d e r T r ä n e n k a n a 1 - u n d Tränen¬
sackerkrankungen zu erwähnen; jede Dakryozystitis soll spe-
zialistisch behandelt werden; die chirurgische Behandhing der Tranen-
sackentzündung radikal durch die Exstirpation des Sackes, unter
Erhaltung der Tränenabfuhr durch die Schaffung eines neuen Weges
in die Nase mit vollständiger oder partieller Resektion der nasalen
Tränensackwand, der knöchernen Wand, der Fossa lacrimalis und der
Nasenschleimhau, (von aussen oder ev. von der Nase aus) bringt m
allgemeinen die pathologischen Keime (Pneumokokken zum Verschwin¬
den, die sonst in den allermeisten Fällen die Ursache der Homnaut-
infektion werden!
Bücheranzeigen und Referate.
Handbuch der vergleichenden Physiologie, unter Mitarbeit zahl¬
reicher Fachgelehrten herausgegeben von Hans W i n t e r s t e i n. Jena,
Gustav Fischer. Lieferung 48—51, je M. 15.—.
Dieses für alle naturwissenschaftlichen Kreise wichtige Handbuch,
das schon bei Ausbruch des Krieges seiner Vollendung nahe war. hat
mit den vorgenannten 4 Lieferungen sein Erscheinen wieder aui-
genommen und soll nunmehr rasch zu Ende geführt werden
Lieferung 48 und Bogen 1—3 der Lieferung 50 bringen mit Seite 919
bis 1052 die 2. Hälfte des I. Bandes zum Abschluss und enthalten die
Atmung der Vögel (Schluss) und der Säugetiere, bearbeitet von
F B ab äk. Gegenüber der ausschliesslich auf den Menschen und einige
wenige Säugetiere zugeschnittenen Darstellung der Atmung in den ge¬
bräuchlichen Lehr- und Handbüchern der Physiologie ist die hier ge-
gebene Einführung in die Mannigfaltigkeit der den besonderen Lebens¬
bedingungen angepassten, aber überall der gleichen Aufgabe dienenden
Einrichtungen hCchst bemerkenswert.
Lieferung 49 und Bogen 3—6 der Lieferung 50 fuhren mit Seite 641
bis 784 die 2. Hälfte des II. Bandes weiter und enthalten die Exkretion
der Crustaceen (Schluss) von B u r i a n und M u t h, der Tracheaten von
Ehrenberg, der Wirbeltiere (anatomisch-histologischer Teil) von
Noll. Die durch zahlreiche Abbildungen erläuterte Darstellung legt
bei den niederen Tieren, dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse ent¬
sprechend, das 'Schwergewicht auf die morphologischen Verhältnisse,
mit dem Uebergang zu den höheren Formen gewinnen aber auch die
funktionellen und chemischen Vorgänge mehr und mehr an Bedeutung.
Lieferung 51 eröffnet mit Seite 461 — 556 die zu den Aufgaben der
1 Hälfte des I. Bandes gehörige Darstellung der zirkulierenden Körper¬
säfte durch Bottazzi, die bis zu den Würmern fortschreitet. Bei
der Vertrautheit dieses wie der vorgenannten Darsteller mit den von
ihnen übernommenen Gebieten gewinnen die ausführlichen Literatur-
nnniiurfiiep k p p r Wert M. v. Frey- Wtirzburg.
Handbuch der inneren Medizin. Herausgegeben von L. Mohr (t)
und R. Stähelin. Springers Verlag 1919. VI. Band Grenz¬
gebiete, Vergiftungen, Generalregister. Weiss broschiert 56 M.,
geb. 80 M. , .
Mit dem VI. Band ist der Abschluss des gross angelegten Werkes
erschienen. Der eine der Herausgeber, der erfolgreiche Forscher und
Arzt L. Mohr, hat das Erscheinen des von ihm gegründeten Werkes
nicht mehr erlebt. Auf der Rückkehr aus dem Felde ist er einer heim¬
tückischen Krankheit erlegen. Auch mancher der Mitarbeiter des VI.
und der früheren Bände ist nicht mehr, und wehmutsvoll gedenken wir
beim Durchblättern des vorliegenden Werkes der herben Verluste die
die deutsche medizinische Wissenschaft in den letzten Jahren erfahren
hat Die Arbeit dieser Männer aber bleibt in der Geschichte der
inneren Medizin ein Markstein. Würdig reiht sie sich an die grossen
älteren Werke, so an das klassische, aber in den meisten Banden
heute veraltete Nothnagel sehe Handbuch an. .
Der VI. Band ist eine Ergänzung der vorangehenden; in seiner
Zusammenstellung ein Novum überhaupt, das besonders dankbai auf¬
genommen wird. ' Eingeleitet wird der Band durch grosszügig ergebnis¬
artig abgefasste Artikel über chirurgische Eingriffe bei inneren Krank¬
heiten. Der Baseler Chirurge Hotz hat eine _ ausserordentlich wert¬
volle Zusammenfassung der chirurgischen Eingriffe bei Erkrankung der
Thoraxorgane, W. K o t z e n b e r g - Hamburg die chirurgischen Ein¬
griffe bei Erkrankungen der Abdominalorgane und bei solchen der
Drüsen mit innerer Sekretion, sowie bei Nervenkrankheiten verfasst..
20. Januar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
91
In allen diesen Aufsätzen, aus denen die grosse eigene Erfahrung
spricht, ist auf engem Raum das zusammengestellt, was den prak¬
tischen Arzt interessieren muss. Jede Abschweifung und alles zu
Detaillierte ist mit Recht vermieden. Man erlebt beim Durchlesen die
grossen Wandlungen1, die die Beziehungen der inneren Medizin zur
Chirurgie durchgemacht haben und lernt fast auf jeder Seite.
Ein Aehnliches gilt von dem Gebiet, das K r ö n i g, Schneider,
Pankow, Schlimpert und B u m c k e bearbeitet haben. Das so
überaus wichtige und interessante Kapitel der Beziehung der weib¬
lichen Sexualorgane zu den Erkrankungen der übrigen Organe be¬
handelt viele Einzelfragen, die täglich an den Arzt herantreten. Es
gibt kaum eine Frage, über die man sich hier nicht gern und mit
Erfolg Rat holt. Die Krankheiten des Ohres in ihrem Zusammenhang
mit internen Leiden sind von Wittmarck, die des Auges von
Bach und Knapp bearbeitet. Die recht grossen und tiefgehenden
Darstellungen sind eine Fundgrube für jeden praktisch oder wissen¬
schaftlich arbeitenden Arzt. Es finden sich hier auch Hinweise der
sonst nicht leicht zugänglichen Spezialuntersuchungen, so dass die
Bibliothek des Nichtspezialisten schon allein durch diese Kapitel auf
das wertvollste ergänzt wird. In dem VI. Band sind weiterhin die
Vergiftungen von C 1 o e t ta - Zürich, Faust- Würzburg, Hübener-
Berlin, Zangger - Zürich dargestellt. Eingeleitet werden diese Kapi¬
tel durch eine allgemeine. Uebersicht von Zangger, die entsprechend
der überragenden Bedeutung dieses universellen Forschers mehr bietet,
als der Titel sagt. Aus derselben Feder stammt die Bearbeitung der
anorganischen und organischen Gifte, die sich in vorteilhafter Weise
von den älteren Darstellungen durch die moderne Erfassung des chemi¬
schen Problems unterscheidet. Die Alkaloide und andere Pflanzen¬
stoffe sind von Cloetta, die Vergiftung durch tierische Gifte von
Faust in übersichtlicher und umfassender Weise dargestellt. Be¬
sonders wichtig ist das für den Praktiker so bedeutsame Kapitel der
Nahrungsmittelvergiftungen, das in Hüben er einen berufenen Be¬
arbeiter gefunden hat.
In allen Abschnitten finden sich ausführliche Literaturzusammen¬
fassungen, aus denen der wissenschaftlich arbeitende Leser sich rasch
über die einschlägigen Arbeiten orientiert. So reiht sich auch dieser
Schlussband würdig an die vorangehenden an. Er ist ein weiterer
Beweis für den hohen Stand, auf dem allen Verkleinerern zum Trotz
die deutsche Wissenschaft steht. Möge das Werk, dessen buchhänd¬
lerischer Erfolg für seine Schätzung spricht, recht bald neue Auf¬
lagen erleben, nachdem die früheren Bände zum Teil schon vergriffen
und kaum mehr beim Antiquar aufzufinden sind.
Erich Meyer- Göttingen.
W. v. G a z a - Göttingen: Grundriss der Wundversorgung und
Wundbehandlung. Berlin, S p r i n g e r, 1921. Preis M. 61.60
Ein inhaltsreiches Buch, das man jedem chirurgisch tätigen Arzte
und somit jedem Praktiker dringend empfehlen möchte. Verfasser hat
ganz recht, wenn er im Vorwort schreibt, dass in der Praxis die Grund¬
sätze der ersten Wundversorgung und Wundbehandlung nicht genügend
bekannt sind. Um diese Kenntnisse sich zu erwerben, muss man sich
zunächst einen guten Einblick in die feineren Vorgänge bei den Ver¬
letzungen und bei der Wundheilung verschaffen. Verf. bringt darum im
ersten Teil seines Buches eine sehr klar geschriebene Darstellung der
Wundheilung und Wundinfektion, in welcher auf die Stoffwechselvor¬
gänge der Wunde und auf die verschiedenen Stadien des Heilungsver¬
laufes besondere Rücksicht genommen ist. Nach diesem ersten theo¬
retischen Abschnitt werden in den weiteren mehr praktischen Teilen
zunächst die allgemeinen Grundsätze der Wundversorgung und Wund¬
behandlung entwickelt: Umschneidung der Wunden, Sorge für Sekret¬
abfluss, Ruhigstellung und Lagerung, orthopädische Wundnachbehand¬
lung. Nach sehr bedeutungsvollen Bemerkungen über die Asepsis des
Arztes folgen dann die Vorschriften über die Behandlung der Zufalls-
wunden und der infizierten Wunden. Daran schliessen sich Regeln für
die Behandlung der geschlossenen Infektionsherde (Panaritium, Furunkel,
Abszesse, Phlegmone), die Behandlung der tuberkulösen Eiterung, die
Behandlung des Milzbrandes, des Rotzes, der Maul- und Klauenseuche,
des Ulcus cruris, des Brandes und der Infektion bei Diabetes. Im letzten
Abschnitt werden die einzelnen Wundmittel (Verbandstoffe, Wund¬
pulver, Antiseptika, Oele, Salben, Pasten, Wundplomben) besprochen.
Besondere Kapitel sind der Blutstillung, dem feuchten Verband, der
Protoplasmaaktivierung, der Wundverklebung, der Hyperämiebehand¬
lung gewidmet.
Diese kurze Uebersicht möge dem Leser zeigen, wie ausserordent¬
lich wichtig und mannigfaltig der Inhalt des G.schen Buches ist. Man
kann keine Seite des Werkes aufschlagen ohne eine für die Praxis be¬
deutungsvolle Anregung über Dinge anzutreffen, denen man sonst in
der chirurgischen Literatur nicht oder wenigstens nicht in dieser voll¬
kommenen Zusammenstellung begegnet. Gut gewählte Beispiele sind
überall in den Text eingestreut und erläutern namentlich die Vor¬
schriften für die Behandlung der frischen Wunden. Wer das G.sche
Buch immer und immer wieder mit Eifer und Andacht liest, wird davon
für sich und seine Kranken hohen Gewinn davontragen. K r e c k e.
Verhandlungen der zweiten Tagung über Verdauungs- und Stoff¬
wechselkrankheiten, 24. — 26. IX. 1920. Im Aufträge des Vorstandes
herausgegeben von dem Schriftführer der Tagung. Berlin 1921. Verlag
von S. Karger. 210 S. Preis 28 M.
Trotzdem die zweite Tagung über Verdauungs- und Stoffwechsel¬
krankheiten schon über Jahresfrist hinter uns liegt und zufolge der
Verhältnisse die Verhandlungen erst vor kurzem der Oeffentlichkeit
übergeben werden konnten, stehen die im September 1920 behandelten
Themata auch heute noch im Brennpunkt unseres Interesses und zwar
nicht nur des engeren Fachkollegen, sondern jedes wissenschaftlichen
Arztes überhaupt. Allen voran die drei Reierate von Suttner-
Berlin, S c h m i e d e n - Frankfurt a. M„ Schwarz- Wien über das
Ulcus duodeni, seine chirurgische Behandlung, sowie seine röntgeno¬
logischen Symptome, bieten besonders auch durch die ausgiebige Dis¬
kussion und die dadurch bedingte Beleuchtung der Materie von den ver¬
schiedensten Seiten soviel des Wissenswerten und Neuen, dass
schon allein um deswillen den Verhandlungen weiteste Verbreitung zu
wünschen wäre. Weitere nicht minder aktuelle Referate befassen sich
mit der Frage des Diabetes im Krieg, Prof. R i ch t e r- Berlin, der
diagnostischen Bedeutung der Lehre von der inneren Sekretion iur
die Klinik der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, B i e d 1 - Prag,
sowie schliesslich der Folgezustände der Ruhr vom diagnostischen und
therapeutischen Standpunkt, Strauss - Berlin. Zusammenfassend
lässt sich wohl sagen, dass vorliegende Verhandlungen eine Fülle von
Anregung und Belehrung jedem zu bieten vermögen, der nicht nur
gewohnt ist, oberflächlich in solchen Tagungsberichten zu blättern.
A. Jordan - München.
W. A. Collier: Einführung in die Variationsstatistik. 72 S. Ber¬
lin 1921. Springer. 33 M.
Mehr ein Kompendium als eine „Einführung“. Leider sind die
Methoden Fechners, die m. E. nicht weniger gut begründet als die
Pearsons, dabei abei erheblich einfacher sind, nicht berücksichtigt.
Aus der Besprechung der „Zuverlässigkeitsbestimmungen“ wird der
Anfänger kaum entnehmen, dass es sich dabei um Berechnungen des
mittleren Fehlers der kleinen Zahl handelt. An mehreren Stellen ist
die Ausdrucksweise nicht glücklich, an einzelnen scheint es sich um
Missverständnisse des Verf. zu handeln. L e n z - München.
F. D e 1 i t a 1 a: GH apparecchi ortopedici. Con 248 Illustrazioni.
Bologna (Cap p eil i) 1921.
Das Buch bringt eine kurze Beschreibung der üblichen orthopädi¬
schen Apparate. Leider haben die vielen, in Deutschland während des
Krieges entstandenen Neukonstruktionen noch keine Berücksichtigung
finden können. F. Lange- München.
R. Fürstenau, M. Immelmann und J. S c h ü t z e - Berlin:
Leitfaden des Röntgenverfahrens für das röntgenologische Hilfspersonal.
4. vermehrte und verbesserte Auflage. 1921, Verlag Enke, Stuttgart.
Preis geh. 102 M.
Das vor 7 Jahren erstmals erschienene Buch hat sich in seinen
rasch folgenden Auflagen den Fortschritten der Technik immer ange¬
passt; es bildet einen vollständigen Lehrgang für Röntgenlaboranten,
ist das einzige in seiner Art und erfüllt seinen Zweck ausgezeichnet.
Es vermittelt physikalische, technische, anatomische, photographische
Kenntnisse und gibt praktische Anleitung für diagnostische und thera¬
peutische Arbeiten, ohne den Lernenden zu verleiten, in das dem Arzt
vorbehaltene Gebiet hineinzudringen. G.
Schridde und Nägeli: Die hämatologische Technik. Zweite
umgearbeitete Auflage. Jena, Gustav Fischer, 1921. Preis 28.60 M.
Die zweite Auflage des bewährten Buches sei hier kurz empfohlen.
Das Gebiet der physikalisch-chemis'chen Methoden ist beträchtlich er¬
weitert worden. Praktisch weniger wichtige Färbemethoden des Blut¬
ausstrichs sind nicht mehr berücksichtigt, da die panoptische May-
Giemsafärbung alle anderen überflügelt hat. Kämmerer - München.
Dr. Carl Hochsinger: Gesundheitspflege des Kindes im Eltern¬
hause. 5. Auflage. Franz Deu ticke, Leipzig und Wien, 1921.
270 Seiten. Preis broschiert 32 M.
Auch in der neuen, vermehrten und verbesserten Auflage bewährt
sich das bekannte Buch als umsichtiger und höchst bestimmter, das will
sagen, manchmal reichlich subjektiver Ratgeber in allen Fragen der
häuslichen Hygiene des Kindes. G ö 1 1.
Zeitschriften - Uebersicht.
Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie einschliesslich
Balneologie und Klimatologie. 1921. H. 11.
August Bier zum 60. Geburtstag gewidmet.
Kirchberg: Zu August Biers 60. Geburtstag.
A. M a 1 1 w i t z: Die Leibesübungen als Lehr- und Forschungsfach.
Jede wissenschaftliche Hochschule in Deutschland muss sich in den
nächsten Jahren um eine den örtlichen Verhältnissen angepasste Lösung
dieser Frage, um Einrichtung gymnastischer Abteilungen, Vorlesungen über
Leibesübungen etc. bemühen, wie es in Berlin, München, Giessen, Leipzig
schon begonnen ist. Der praktische Arzt steht diesen Fragen meist noch
hilflos gegenüber, ein Zeichen dafür, wie notwendig die praktische und
theoretische Ausbildung auf diesem Gebiet während der Studienzeit ist.
A. Zimmer: Zur Bäderreaktion.
Verf. zieht eine Parallele zwischen der Wirkung der Bäder, wie sie be¬
sonders Schober für Wildbad beschrieb und der Reizkörpertherapie, aus¬
führlich auf die Allgemein- und Nebenwirkungen der letzteren eingehend,
wobei er auch die Reaktionen nach Röntgen- und Radiumbestrahlung mit zum
Vergleich heranzieht. Die Reizkörpertherapie hat ein weiteres Anwendungs¬
gebiet und ist leichter dosierbar, macht aber die Bäderbehandlung nicht über¬
flüssig, da man nacheinander mit beiden Methoden oft mehr erreicht und durch
die Reizkörpertherapie wertvolle Anhaltspunkte für die Reaktionsfähigkeit
der Kranken gewinnt, so dass man die Bäder besser dosieren kann.
02
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3. 1
K oh 1 r a u s c h - Berlin: Auffällige Beherrschung willkürlicher und Be- '
einflussung unwillkürlicher Muskulatur. „ . ...
Beschreibung eines in Kliniken viel gezeigten „Muskelmannes , der will¬
kürlich verschiedene Extremitätenmuskeln. Rumpfmuskeln, die Unke Zwerch¬
fellhälfte kontrahieren kann, einseitige PupiLlenveränderung durch geringe
Kon- oder Divergenzbewegungen hervorruft, auch Temperaturdifferenzen der
Haut, Aussetzen des Pulses über 5 Sekunden.
Goldscheider: Heilgymnastischer Unterricht für körperlich minder¬
wertige Schulkinder. , ,
Ebenso wie besonderen Unterricht für Minderbegabte brauchen wir 1 urn-
unterricht für körperlich Minderwertige. Vorschläge zur Organisation.
L. Jacob- Bremen.
Archiv für Iflinische Chirurgie. Band 117. 1. Heft.
Guleke: Objektives und Subjektives im Krankheitsbild der Arthritis
deformans^m Besteher) von iauten Gelenkgeräuschen bei Bewegungen darf
nicht ohne weiteres auf Arthritis deformans geschlossen werden. Auch beim
Gelenkrheumatismus kommen derartige Geräusche in gleicher Intensität vor.
Sie entstehen durch Verschiebung der zottig gewucherten Synovialis, die bei
beiden Erkrankungen vorkommt. Trotz dem Fehlen von Gelenkgerauschen
kann eine Arthritis deformans vorhanden sein. Die subjektiven Beschwerden
zeigen oft grosse Abweichungen vom objektiven Befunde.
ü 1 u c k: Ueber Osteoplastik. „ „ ...... ia
Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921. In dieser Zeitschrift Nr. 1»
bereits referiert.
Frangenheim: Angeborene Ostitis fibrosa als Ursache einer intra¬
uterinen Unterschenkelfraktur. .. , ... 1S
Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921. In dieser Zeitschrift Nr. ls
bereits referiert.
Brüning: Die Bedeutung des Neuroms am zentralen Nervenende für
die Entstehung und Heilung trophischer Gewebsschäden nach Nerven¬
verletzung. , , . , ,■
Narbendruck und Neurombildung am zentralen Nervenende sind die
hauptsächlichsten Ursachen für trophische Gewebsschädigungen nach Nerven¬
verletzungen. Zur Beseitigung des Reizzustandes wird die Neurolyse resp.
Resektion des Neuroms und Nervennaht empfohlen. Bei neuerlicher Neurom¬
bildung Entfernung desselben und Versorgung, des Nervenstumpfes _ in der
bei Amputationen üblichen Weise. Versagen diese Verfahren, ist die peri-
arterielle Symathektomie nach L e r i c h e und erst nach erfolgloser Er¬
schöpfung aller dieser Massnahmen die Amputation indiziert.
Habe rer: Die Bedeutung des Pylorus für das Zustandekommen des
postoperativen Jejunalulcus.
Vorgetragen auf dem Chirurgenkongress 1921.
bereits referiert.
In dieser Zeitschrift Nr. 17
Kelling: Ueber die Beziehungen zwischen Pylorusausschaltung und
peptischem Jejunalgeschwür und über die Berücksichtigung der Gefäss-
versorgung bei Magenoperationen. .
Individualisierendes Verfahren empfiehlt sich in der chirurgischen Be¬
handlung des Magengeschwüres. Im allgemeinen ist die Resektion zu bevor¬
zugen. Das Wesentlichste zur Verhütung des peptischen Geschwüres ist in
einer sorgfältigen Rücksichtnahme auf eine gute Gefässversorgung des Magen-
stumpfes zu erblicken. Bei der Resektionsmethode nach K r ö n 1 e i n werden
peptische Geschwüre besonders häufig beobachtet, da bei diesem Verfahren
die Jejunalschlinge ungünstig beansprucht wird. In der Nachbehandlung Ist
vor allem zur Ernährung Milch zu empfehlen, alle stärker gewürzten und
gesalzten, sowie grob-mechanischen Speisen zu verbieten.
Keysser: Das Versagen der Röntgentiefenbestrahlung und die Be¬
deutung der biologischen Prophylaxe für eine erhebliche Verbesserung der
operativen Behandlung bösartiger Geschwülste.
Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 15.
Hinz: Die unmittelbaren und Dauererfolge der Cholezystektomie.
Die besten Dauererfolge geben die akuten auf die Gallenblase be¬
schränkten Entzündungen. Nur in 5 Proz. dieser Fälle waren postoperativ
noch Beschwerden vorhanden. Ungünstiger sind die Resultate bei den
chronischen Gallensteinleiden und noch ungünstiger bei den akuten Gallen¬
blasenentzündungen mit Mitbeteiligung des Choledochus. Bei diesen ergab
die Nachuntersuchung in 24 resp. 25 Proz. der Fälle ungünstige Resultate.
Die postoperativen Beschwerden sind nur zum geringen Teile in operativ
bedingten Adhäsionen und Narbenbildungen zu suchen, sondern zum grössten
Teile in Narbenveränderungen, die vor der Operation infolge der langen Dauer
des Leidens schon bestanden haben. Frühzeitige Gallensteinoperation ist das
einzige Mittel, die Dauererfolge günstiger au gestalten.
Klose: Die reine Synechie und der plastische Ersatz des Herzbeutels.
I. Chirurgisch-experimenteller Teil.
Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 16.
Lorentz: Pseudarthrosen unter besonderer Berücksichtigung der
Kriegsbeschädigten.
Vorgetragen Chirurgenkongress 1921. Referiert in dieser Zeitschrift Nr. 18.
Breitner: Zwerchfellhernien.
An Hand 4 selbstbeobachteter Fälle von traumatischen Zwerchfellhernien
und der darüber in der Literatur niedergelegten Beobachtungen wird der Ein¬
klemmungsmechanismus, Symptome und Behandlung des Leidens besprochen.
Ist das Zwerchfell an einer Stelle derart verletzt, dass ein Prolaps des
Magens in den Thorax möglich ist, so tritt dieser unmittelbar nach der Ver¬
letzung ein und bleibt dauernd bestehen. Der Magenprolaps kann ein
partieller (L i 1 1 r e sehe Magenhernie) oder ein Totalprolaps sein, letzterer
ist stets mit einer Drehung um seine Längsachse verbunden. Diese erste
Torsion bedingt an sich noch keine Okklusion. Erst die zweite Drehung um
die Vertikalachse des Körpers durch eine gewaltsame Lageveränderung des
Magens infolge schwerer körperlicher Anstrengung führt zu völligem Ver¬
schlüsse. Diagnostisch bedeutungsvoll ist vor allem die sorgfältige Be¬
urteilung der Art und Richtung des ehemaligen Traumas — Rekonstruktion
der Schussrichtung. Besonders wichtig ist es, an das Vorliegen einer Zwerch¬
fellhernie zu denken. Operative Behandlung unbedingt indiziert.
Hohlbaum - Leipzig.
Archiv iiir orthopädische und Unfallchirurgie. Band 18. Heft 3 u. 4.
Heft 3. E r 1 a c h e r - Graz: Ueber die Endergebnisse der direkten Ver¬
letzungen der grossen Gelenke. .
An dem grossen Kriegsverletztenmaterial Spitzys in Wien mit 1539 1
untersuchten Fällen bespricht E. die verschiedenen Verletzungen der einzelnen ■
grossen Gelenke: 12 Proz. aller Amputationen im Anschluss an direkte Ge- I
lenkverletzung, davon die Hälfte wegen Knie-, 30 Proz. wegen Fussver- 1
letzung. Fast die Hälfte aller Gelenkverletzungen heilte mit knöcherner
Ankylose. lYi Proz. mit Schlottergelenk aus. Am Handgelenk stört an sich '
Ankylose oder Kontraktur, wenn in guter Stellung, nicht allzuviel, jedoch
hindert schwer die Aufhebung der Drehung. Ellenbogengelenk: Resektionen
hinterlassen schwere Schlottergelenke. Versteifung im Winkel von etwa 90
gibt relativ gute Brauchbarkeit. Schultergelenk: Nach Resektionen und Zer-
trümmerungen Schlottergelenke mit schwerer Schädigung der Brauchbarkeit. 1
Sprunggelenk: Versteifung im rechten Winkel erlaubt relativ gutes Gehen. 9
Kniegelenk: Resektion bedingt entweder schweres Schlottergelenk mit un¬
brauchbarem Bein oder Ankylose, die bei Strecksteilung nicht ungünstig ist. |
Hüftgelenk: Bei Zertrümmerung oder Resektion Schlottergelenk oder Ankylose.«
Bei letzterer bedeutet starke Ab- und Adduktion schlechten Gang.
W a g n e r - Magdeburg: Ueber Osteochondritis def. cox. iuv. und coxa
vara adol., zugleich ein Beitrag zur Pathogenese dieser Erkrankungen.
Erkennt das Trauma als Hauptursache an und glaubt 2 Fälle von Goxa
vara adol. als Folgezustände juveniler Osteochondritis ansehen zu sollen. (
M eye r -Göttingen : Das Verhalten der Epiphysenlinie bei der Coxa vara.
Die angeborene Coxa vara lässt sich nur mit Vorbehalt auf dem* j
Röntgenbild erkennen, wegen Aehnlichkeit mit Rachitis. Die nach kongeni¬
taler Luxation erinnert an die Perthes sehe Krankheit. Die rachitische
ist sehr charakteristisch. Die Statica wird als osteomalazischer oder
rachitischer Prozess erklärt.
W i e d h o p f - Marburg: Erfahrungen mit der Arthrodesenoperation der
Schulter zur Behandlung von Schlottergelenken nach Schussverletzungen mit
Betrachtungen über den nach der Operation wirksamen Gelenkmechanismus.
Die Operation bringt für den durch Zerstörung des Schultergelenkes
schwer geschädigten Arm eine wesentliche Verbesserung der Funktion. Aller- |
dings sind nicht alle Bewegungen des normalen Schultergelenkes wieder her¬
zustellen: Z. B. die Erhebung des Armes genau nach vorn, die vertikale
Erhebung, die Rückwärtserhebung sagittal und die Kreiselung, dagegen ist j
die Erhebung seitlich in der Frontalebene' möglich und die Rückwärts¬
bewegung um 10 — 20° auch in der Frontalebene, wenn der Arm bei der i
Operation, wie zweckmässig geschehen soll, um 20 0 vor diese gestellt wird, j
F i e b a c h - Königsberg: Ein Beitrag zur Kasuistik der traumatischen
Kniegelenksluxationen.
Ausser den Kreuzbändern und der hinteren Kapsel zerreisst unbedingt
das innere Seitenband, das äussere ist weniger gefährdet. Bei der Repo¬
sition bei Luxation nach vorn muss grosse Rücksicht auf die Poplitealgefässe i
genommen werden. _
G a u g e 1 e - Zwickau : Ueber isolierte Luxation des Kahnbeins am Fuss
nach unten.
Von dieser seltenen Verletzung (nur ein Fall von T h i e m) sah G. einen i
Fall mit vollständiger Luxation nach innen und unten durch Aufschlagen
mit dem rechten Fuss auf einen am Boden stehenden Gerüstbock beim Sturz
von 3 m Höhe. Anscheinend indirekte Gewalteinwirkung, indem Pat. mit
Vorderfuss aufsprang, wodurch das Kahnbein bei übermässiger Dorsalflexion
nach unten herausgesprengt wurde.
P f r a n g - Würzburg: Anatomische Beschreibung des Skeletts und der
Weichteile eines angeborenen Klumpfusses.
Im Original zu lesen. Das Wichtigste ist die mächtige Entwickelung
der Peronei und die Schwäche der Achillessehne, ferner die starke Ent¬
wickelung der Fibula als hinterer und lateraler Standknochen zum Stützpunkt
des abnormen Fussgewölbes, die Bewegung des Fusses in einem neugebddeten
Gelenk zwischen Tibia und Kalkaneus und in dem gegen die Norm erheblich
freieren Gelenk zwischen Kuboid und 5. Metatarsus, alles Folgen der funk¬
tioneilen Anpassung.
B r i x - Flensburg: Eine seltene Strecksehnenverletzung am Finger.
Schnitt mit einem Glas an der Streckseite des Fingers. Die beiden End¬
glieder stehen in Beugestellung, können aktiv nicht gestreckt werden. Werden
sie passiv gestreckt, kann Pat. die Strecksteilung halten. Will er dieselben
beugen, so schnellen sie in starke Beugestellung. Operation bestätigt An¬
nahme der Spaltung des Streckapparates in der Längsrichtung. Die Hälften
waren seitlich am Finger heruntergerutscht und verwachsen. Lösung und
Zusammennähung über dem Gelenk bringt volle Heilung.
Heft 4. Anton-Halle: Was bedeutet die Ent Wicklungsmechanik von
W. Roux für den Arzt?
Würdigung der Forscherpersönlichkeit R o u x s anlässlich seines 70. Ge¬
burtstages, als des Schöpfers der Ursachenlehre des Werdens, der Gestalt
und Struktur mit Hilfe experimenteller Arbeiten, wobei die Selbstregulierung,
die funktionelle Anpassung entdeckt wurde. Die Orthopädie verdankt ihm
für ihr Fach vieles, da es sich bei ihr zumeist um die Ausnutzung der
funktionellen Anpassungsfähigkeit der Gewebe handelt.
W i r t z - Aachen : Periostale Ossifikation.
Kommt zu dem Resultat, dass es eine Myositis ossificans traumatica
nicht gibt, sondern dass es sich um Abriss und Verlagerung des Periosts
handelt, welches einen Kallus bildet.
M e y e r - Göttingen: Schein- oder Hiifsbewegungen bei der Radialis-
lähmung.
Erklärt die Tatsache, dass bei manchen Kriegsverletzten mit Radialis-
lähmung eine Streckung der Hand sowie Streckung und Abduktion des
Daumens bis zu einem gewissen Grad trotz vollkommener Lähmung der
Streckmuskeln möglich ist. Dieselbe hängt ab von der Dehnbarkeit der ge¬
lähmten Sehnen und Muskeln, dem Hebelarm an Hand- und Fingergelenken,
der Schwere der Hand, der Kraft der Interossei und einem Geschick des
Verletzten, Interossei und lange Fingerbeuger so miteinander in Funktion zu
setzen, dass nacheinander End-, Mittel- und Grundphalangen gebeugt werden.
Kazda - Wien: Brüche des Fersenbeins.
Beschreibung der verschiedenen Formen, Entstehungsart. Symptome,
Therapie und Prognose. (Biegungs-, Zertrümmerungs- und Rissbruch und
ihre Kombinationen.)
Uebersichten:
Magnus- Jena: Aus dem Gebiete der allgemeinen Lehre von den
Knochenbrüchen und ihrer Behandlung.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
93
Wiemann-Würzburg: Narkose, örtliche Betäubung. Leitungsanästhesie.
M e y b u r g - Plauen: Amputationen und Prothesen.
Bettmann - Leipzig: Spezielle Frakturformen.
Bettmann - Leipzig: Luxationen.
HL B 1 e n c k e - Magdeburg: Orthopädische Verbandtechnik und Appa-
ratotherapie.
B e 1 1 m a n n - Leipzig: Heilgymnastik und Massage.
S c h 1 e e - Braunschweig: Die Fortschritte in der sozialen Fürsorge für
die Gliederbehinderten.
D e b r u n n e r - Berlin: Bericht über XV. Kongress der D. orthopädi¬
schen Gesellschaft.
W a r s t a t - Königsberg: Verstümmelnde und konservative Extremitäten¬
operationen.
Wiemann-Würzburg: Ueber die operativen Verfahren zum Ersatz
des Daumenverlustes. Hohmann - München.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1921. Nr. 52.
M. Trancu R a i n e r - Bukarest: Ein Fall von Netzlymphangiektasien als
Begleiterscheinung eines erweichten Uterusflbroms.
Es handelt sich um ein ausgedehntes, nekrotisches, fibröses Myom, dessen
Blut- und Lymphgefässe sehr erweitert sind, als Begleiterscheinung chronische
Reizung des Netzes und ungewöhnlich starke Netzlymphangiektasien. ^ Einer¬
seits besteht eine starke Blutzufuhr durch die so sehr erweiterten Gefässe,
mancherseits Lymphstauung, die sowohl durch die starke Entwickelung des
Netzbindegewebes, wie auch durch ein Hindernis im Abfluss der Lymphe
begünstigt wird. Durch Exstirpation des Tumors und Resektion des Netzes
wurden andere Zirkulationsstörungen verursacht, die sich durch nacheinander
an verschiedenen Körperteilen auftretende Oedeme kundgaben. bis zuletzt der
normale Zustand wieder hergestellt war.
H. H e 1 1 e n d a 1 1 - Düsseldorf: Zur Behandlung entzündlicher Adnex¬
erkrankungen mit Terpentineinspritzungen.
Weiterer Bericht über 30 mit Terpichin behandelte Fälle. Die Resultate
sind ungünstig. Weitere Versuche anzuraten. Werner- Hamburg.
Zeitschrift für Kinderheilkunde. 29. Band. 5. u. 6. Heft. 1921.
M. Pfaundler- München: Ueber die Indizes der Körperfülle und über
„Unterernährung“.
Legt die sehr einleuchtenden Gründe dar, warum die Auswahl speisungs¬
bedürftiger Kinder (Quäkerspeisung) nach Indizes, die vom mathematischen
Standpunkt einwandfrei die Körperfülle auszudrucken gestatten, so oft nicht
gelingt, ja nicht gelingen kann. In den Fällen, wo die Indexwerte brauch¬
bar sind, lässt sich die Unterfülle einfacher durch Vergleich des tatsächlichen
Gewichtes mit dem Längensollgewicht feststellen. Unterfülle beweist aber
nicht Unterernährung; es gibt mehrere Typen von „satten Untervollen“, denen
also mit vermehrtem Nahrungsangebot nicht zu helfen ist.
J. D u k e n und A. Weingartner - Jena: Klinischer und pathologisch-
anatomischer Befund bei einem Fall von frühinfantiler, progressiver, spinaler
Muskelatrophie (W erdnig-Hoffmann).
Stellten in einem angeborenen Fall von W erdnig-Hoffmann neben
schweren Zerfallserscheinungen an Glia und Ganglienzellen auch einige Fehl¬
bildungen fest (Heterotopie weisser Substanz, Versprengung von Ganglien¬
zellen), woraus sie auf Resistenzlosigkeit des Nervensystems gegen funktio¬
nelle Inanspruchnahme schliessen.
Kurt S c h e e r - Frankfurt a. M.: Ueber die Ursachen der Azidität der
Säuglingsfäzes.
Stärker säurebildend als die Gram-negative Flora des unteren Dünn-
und oberen Dickdarms ist die Gram-positive des unteren Dickdarms (Bifidus);
der bakteriellen Säurebildung wirken entgegen neben dem Kalk vor allem
die Darmsekrete und die fäulniserregenden Bakterien.
Hans E i t e 1 - Charlottenburg: Kongenitale Stenose des oberen Je¬
junums, unter dem Bilde einer Atresie verlaufend (Ventilverschluss).
Interessante Kasuistik.
Fritz H o f s t a d t - München: Ueber Spät- und Dauerschäden nach Ence¬
phalitis epidemica im Kindesalter.
Unterscheidet im klinischen Verlauf der epidemischen Enzephalitis, die er
als Krankheit sui generds auffasst, die akute Erkrankung (1. Teil) und die
Spätschäden und Endzustände (2. Teil). In beiden Teilen manifestiert sich
das Leiden in verschiedenartigen Erscheinungsformen, die Verf. an grossem
Material schildert und die hier nur aufgezählt werden können. Im akuten
Stadium erwähnt er: 1. Rein enzephalitische Bilder (choreatische, myoklonisch-
lethargische, choreatisch-athetotische Unterformen). 2. Unter dem Bilde der
Lan dry sehen Paralyse verlaufende, tödlich endende Formen. 3. Menin-
gitische. 4. Enzephalitische. 5. Abortive Formen. In dem auf dieses erste
Stadium nach kürzerem oder längerem Intervall folgenden 2. Teil ist die
häufigste und kennzeichnende Form die Agrypnie, aber auch als chronische
Chorea, als amyostatischer Symptomkomplex, als psychische Störungen, viel¬
leicht auch als adiposogenitaler Komplex tritt der Spätschaden nach Enze¬
phalitis in Erscheinung.
A. A d a m - Heidelberg: Ueber Darmbakterien. III. Ueber den Einfluss
der H-Ionenkonzentration des Nährbodens auf die Entwicklung des Bacillus
bifidus.
Die Art der Darmflora ist abhängig von der Wasserstoffzahl des Darm¬
inhaltes, diese wiederum vom Angebot säure- oder basenbildender Nahrung
und von der Produktion von Neutralisations- und Puffersubstanzen.
Walter K a h n - Dortmund: Ueber die Dauer der Darmpassage im Säug¬
lingsalter.
Sie schwankt zwischen 4 und 20, beträgt im Mittel 15 Stunden.
L. Wacker und F. K. B e c k - München : Untersuchungen über den
Fett- und Cholesterinstoffwechsel beim Säugling.
Massgebend für die Cholesterinbilanz ist die Fettausscheidung im Stuhl;
sie ist um so schlechter, je niedriger die Fettresorption.
H. B e u m e r - Königsberg: Ueber den Verlauf intravenöser Zuckerinjek¬
tionen bei Säuglingen.
Gesunde und ernährungsgestörte Säuglinge vertragen relativ grosse
Mengen intravenös einverleibten Zuckers ohne Schaden; bei einigen Atro¬
phien und Toxikosen konnten sogar geradezu gute Erfolge durch solche In¬
jektionen erzielt werden.
Otto J a c o b i - Greifswald : Beitrag zur Frage des ätiologischen Zu¬
sammenhanges zwischen Varizellen und einzelnen Fällen von Herpes zoster.
Kasuistik. Gott.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 1 u. 2.
H. Rasor: Ueber den Einfluss des Milchzuckers auf die Dünndarm-
peristaitik. (Aus der Heidelberger Kinderklinik.)
Röntgenologische Beobachtungen bei Säuglingen unter Verfütterung von
Baryum-Milchzucker und Rohrzuckerbrei. Bei M.-Z.-Brei erfolgte der Eintritt
in den Dickdarm durchschnittlich um 3 Stunden früher als bei R.-Z.-Brei.
Dementsprechend zeigte sich der erste Baryumstuhl bei M.-Z.-Brei in sehr
viel kürzerer Zeit als bei R.-Z.-Brei. Die Versuche lassen also vermuten,
dass der M.-Z. tatsächlich in spezifischer Weise die Dünndarmbewegungen
beschleunigt und somit dem M.-Z. als solchem eine physiologische Reiz¬
wirkung auf die Dünndarmperistaltik zuzuerkennen ist.
E. Freudenberg und P. György: Zur Pathogenese der Tetanie.
(Aus der Heidelberger Kinderklinik.)
Wertvoller Beitrag zum Tetanieproblem, jedoch zu kurzem Referat un¬
geeignet.
Hans Opitz: Weiterer Beitrag zur Frage der aktiven Immunisierung
gegen Diphtherie beim Menschen. (Aus der Universitätskinderklinik zu
Breslau. Dir.: Prof. Dr. S t o 1 1 e.)
Die Dosis immunisatoria minima für Diphtherietoxin ist beim Menschen
grösser als 1 Ln-Dosis. Fünffach überneutratisierte Toxin-Antitoxingemische,
die im Tierversuch weder Toxoid- noch Toxonwirkung erkennen lassen,
wirken in gleicher Weise aktiv immunisierend wie reine Toxinlösungen.
Daraus folgt, dass nicht ein etwaiger kleiner Toxinüberschuss der immuni¬
sierende Faktor ist, sondern dass in vivo Toxin aus seiner Bindung mit
dem Antitoxin wieder frei werden muss. Die Bindung Toxin-Antitoxin ist
also reversibel.
Erich Krasemann: Zur Theorie der Buttermehlnahrung. Vorläufige
Mitteilung. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in Rostock. Dir.: Prof. Dr.
H. Brüning.)
Bei Untersuchungen über die Blutalkaleszenz bei gesunden und kranken
Säuglingen nach dem R o h o n y sehen Verfahren konnte Verf. nach Zusatz
von Fett zur Nahrung regelmässig eine Verminderung der Blutalkaleszenz
feststellen, einige Male wurden sogar azidotische Werte gefunden. Bei Ver¬
abreichung von Buttermehlnahrung blieb die erwartete Herabsetzung der
Blutalkaleszenz aus, meistens erfolgte sogar ein geringer Anstieg. Nach
Krasemann ist die Ursache hierfür in dem Prozess des „Einbrennens“
zu suchen, wie er durch Verfütterung „gebräunter“ Butter feststellen konnte.
O. Zschocke: Ueber die Scheinverkrümmung der unteren Glied¬
massen des Neugeborenen.
Eine Verkrümmung der Tibia mit der Konkavität nach einwärts besteht
in Wirklichkeit nicht, wie das Skelettpräparat zeigt; sie wird vorgetäuscht
durch die im Verhältnis zur Schmalheit der Diaphyse bedeutende Dicke der
Gelenkenden, durch die Retroflexion des Tibiakopfes, durch die Auswärts-
kreiselung des Unterschenkels bei gleichzeitiger Adduktion und durch den
Einfluss der Gesamthaltung des Beines. — Ursache für die dem Fötus und
Neugeborenen eigentümliche Haltung der unteren Gliedmassen ist das Be¬
harren in der Urform, Gegeneinanderwendung der Fusssohlen als die eines
Klettertieres nach K 1 a a t s c h.
Fritz Thoenes: Ueber Muskeluntersuchungen an Neugeborenen mit
besonderer Berücksichtigung der kongenitalen Lues. (Aus dem pathol.-
auatom. Institut am Stadtkrankenhaus Dresden-Friedrichstadt. Dir.: Geh.
Med. -Rat Dr. S c h m o r I.)
Da ohne Zusammenfassung zu kurzem Referat nicht geeignet; vergleiche
die Originalarbeit.
E. Freudenberg und O. Heller: Ueber Darmgärung. Dritte Mit¬
teilung: Der Einfluss verschiedener Zuckerarten, des Fettes sowie der
Nahrungskonzentration auf die Gärung.
Die Bedeutung der Korrelation Eiweisskalk : Milchzucker für die Darm¬
gärung, die stärkere Gärungsförderung durch Milchzucker gegenüber Rohr¬
zucker, der Einfluss resorptionshemmender Massnahmen (Brennen des Rohr¬
zuckers) lassen sich sehr sinnfällig durch fortlaufende Bestimmungen der
PH-Werte im Stuhl zur Anschauung bringen. — Störung der Fettspaltung und
Fettresorption führt zur Degeneration der Bruststuhlflora bei Brusternährung.
Ebenso wird diese geschädigt, wenn die Frauenmilch vor der Aufnahme der
Lipolyse unterworfen wird bei gleichzeitiger Einengung. Die Konzentration
des Nahrungsgemisches hat keinen Einfluss auf die Gärung.
Josef Langer- Prag: Bromoderma congenitum.
Kasuistischer Beitrag dieser seltenen Hauterkrankung.
Josef Langer: Ueber symptomatische Paralysis agitans bei Kindern
nach Encephalitis epidemica. (Aus der deutschen Universitäts-Kinderklinik
im deutschen Kinderspitale in Prag.)
Kasuistische Mitteilung dreier Fälle von Paralysis agitans im Anschluss
an „Grippe“. Da pathologisch-anatomische Befunde über die betreffenden
Fälle nicht vorliegen, dürften nach Analogie ähnlicher Fälle Gefässalteration,
Blutungen, Untergang von Nervengewebe und Verkalkungen wohl die Faktoren
sein, die bei dem vorliegenden Krankheitsbild bestimmend mitwirken.
Erwin Freundlich: Zur Kenntnis der Gallensteinbildung im frühen
Kindesalter. (Aus dem patholog. Institut der Universität Berlin. Dir.: Geh.
Med.-Rat Prof. Dr. Lu bar sch.) Kasuistische Mitteilung.
Albrecht Peiper: Die Minderwertigkeit der Kinder alter Eltern. (Aus
der Universitäts-Kinderklinik in Berlin.)
Lesenswerte Arbeit, welche erkennen lässt, dass mit zunehmendem
Geburtsalter der Eltern die Minderwertigkeit der Kinder im Verhältnis stark
zunimmt. Ohne weitgehende rassenhygienische Forderungen auf Grund der
gefundenen Tatsachen aufzustellen, redet Verf. doch mit Ploetz der
„Frühehe“ (besonders beim Manne) das Wort.
Erwin Thomas: Ueber einige Wirkungen der Soorbestandteile. (Aus
der Kinderklinik der Universität Köln [Lindenburg]. Leiter: Geh. Rat Prof.
Dr. S i e g e r t.) Zu kurzem Referat nicht geeignet.
Literaturbericht, zusammengestellt von R. Hamburger- Berlin.
Buchbesprechungen. 0. Rommel- München.
Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 72. Band. 5. — 6. Heft.
F. E d e 1 m a n n - Dresden: Ein Beitrag zur Vergiftung mit gasförmiger
Blausäure, insbesondere zu den dabei auftretenden Gehirnveränderungen.
Bei der Sektion eines an subakuter Blausäurevergiftung zugrunde ge¬
gangenen Mannes fanden sich im Gehirn ausgedehnte Blutungen und Er¬
weichungsherde im Bereich der Linsenkerne. Durch die histologische Unter¬
suchung Hess sich feststellen, dass diese zum grossen Teil im unmittelbaren
94
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
Zusammenhang mit Blutgefässen standen, deren Wandungen stark geschädigt
waren. Auch Thrombenbildung war in ihnen zu beobachten. Sonst war das
Gehirn, ausser einer allgemeinen akuten Ganglienzellenerkrankung, nicht be¬
troffen. ... 1.1
L. B c li ed e k - Klausenburg: Auftreten von Sklerodermie im Anschluss
an psychogene funktionelle Störungen. Ein einschlägiger Fall.
P. Schröder - Greifswald: Encephalitis epidemica und Wilson sches
Krankheitsbild. „ , .... ,
3 Fälle, bei denen sich nach vorausgegangener Encephalitis lethargica
und einem 5— 7 monatigen, völlig beschwerdefreien Intervall das Bild einer
Pseudosklerose herausbildete. In einem 4. Fall ging die hyperkinetische Form
der Enzephalitis voraus, dann folgte eine Apoplexie und erst spater zeigte
sich das Wilson sehe Syndrom, aber ohne Augensymptome. Milz und
Lebererscheinungen. Skopolamin wirkte in allen Fallen prompt in der Dosis
von 2 mg pr. d.
W. P a r r i s i u s - Tübingen: Kapillarstudien bei Vasoneurosen.
Auf Grund ausgedehnter kapillarmikroskopischer Beobachtungen bei
Vasoneurotikern wird die innere Verwandtschaft der ausserordentlich zahl¬
reichen, auf konstitutioneller Grundlage entstehenden Gefässneurosen darge¬
legt Die alte Einteilung in vasokonstriktorische und vasodilatatonsche
Neurosen wird verlassen. Es zeigt sich, dass ähnlich wie am Verdauungs-
traktus rein spastische und rein atonische Zustände doch nur ausnahmsweise
verkommen, dass vielmehr bei einem und demselben Kranken nicht nur zu
verschiedenen Zeiten, sondern zugleich sowohl spastische wie atonische
Phänomene beobachtet werden. Die Gefässneurose erscheint somit unter dem
allgemeinen Gesichtspunkte einer Disharmonie zwischen sympathischen und
autonomen Einflüssen. Morphologisch lässt sich der Uebergang von leicht
spastisch-atonischen Kapillarveränderungen bis zu den schwersten ZirkulaFons-
störungen mit lokalem Gewebstod oder bis zur Anhäufung grosserer Blut¬
massen im venösen Anteil des üefässsystems verfolgen. Das Krankheits¬
bild der bekannten klagereichen Patientin wird durch die vorliegenden Be-
obachtungen aus einem rein funktionellen zu einem organischen. Wer die
zahlreichen Hautkapillaraneurysmen dieser Patienten sieht, wird verstehen,
dass sie ernstliche Beschwerden hervorzurufen imstande sind. Durch das
häufige Zusammenfallen dieser vasoneurotischen Konstitution mit Geschwürs¬
bildungen im Magendarmkanal und am Unterschenkel wird die Frage ange¬
schnitten, ob diese Defekte nicht in ähnlicher Weise erklärt werden können
wie die Raynaud sehe Gangrän.
A B i n g e 1 - Braunschweig: Intralumbale Lufteinblasung zur Höhen¬
diagnose intradnraler. extramedullärer Prozesse und zur Differentlaldiaguose
gegenüber intramedullären Prozessen.
„ln 2 Fällen von intraduralen extramedullären Rückenmarksprozessen
löste "die Einblasung von Luft in den Lumbalsack Schmerzen aus, die einen
Schluss auf den Höhensitz zuliessen. In einem Falle von völligem Abschluss
des Duralsackes Hess sich der Rauminhalt des Duralsackes von der Höhe
der Kanülenmündung bis zum Abschluss exakt bestimmen, es konnte daraus
ein Schluss auf die Höhe des unteren Abschlusses gezogen werden. In
2 Fällen von intramedullären Prozessen löste der Durchtritt der Luft durch
den Duralsack keinerlei Empfindungen aus, dagegen traten Kopfschmerzen
auf, als Zeichen dafür, dass die Luft in das Gehirn eingedrungen war.“
Penner- Augsburg.
Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 91. Band.
3., 4. u. 5. Heft.
J. Schüller und F. A t h m e r - Leipzig: Ueber den Antagonismus der
Lokalanästhetika gegenüber Veratrineffekt am Muskel.
Der Veratrineffekt am quergestreiften Muskel lässt sich durch die ver¬
schiedensten Lokalanästhetika aufheben, ohne dass man bisher entscheiden
kann, wo die Anästhetika angreifen und ob die Verkürzung tonisch oder
tetanisch ist. ....
Cor i- Wien: Untersuchungen über die Ursachen der Unterschiede in
der Herznervenerregbarkeit bei Fröschen zu verschiedenen Jahreszeiten. Ein
Beitrag zur Frage des peripheren Antagonismus von Vagus und Sympathikus
und zur Beeinflussung der Herznerven durch Schilddrüsensubstanzen.
Verf. konnte einen peripheren Regulationsmechanismus zwischen Vagus
und Sympathikus nachweisen derart, dass wie im Zentralnervensystem eine
Steigerung der Erregbarkeit des einen Systems die Erregbarkeit des anderen
herabsetzt und umgekehrt. Die in der wärmeren Jahreszeit beim Frosch
fehlende Vaguswirkung bzw. die verstärkte Tendenz des Herzens auf den
Sympathikusreiz anzusprechen, hängt mit der Funktion der Schilddrüse zu¬
sammen, vielleicht in der Weise, dass die im Winterschlaf eingetretene
Involution der Schilddrüse sich wieder ausgleicht und die normale Funktions¬
höhe wieder erreicht wird. Die Schilddrüsensubstanzen wirken auf die sym¬
pathischen Nervenendigungen des Froschherzens erregbarkeitssteigernd.
J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Weitere Erfahrungen über Digitalis.
Digitalistinktur zeigte nach einjähriger kühler Aufbewahrung keine Ab¬
nahme ihrer Wirksamkeit. Die Auswertung der Digitalispräparate am Frosch
ergab im Hochsommer wegen der veränderten Reaktion der Tiere zu geringe
Werte. Ausser den Herzglykosiden fanden sich keine für Frösche giftige
Substanzen in den Digitalispräparaten.
F. Re ach- Wien: Weitere Untersuchungen über den Choledochus-
Sphinkter.
In früheren Versuchen hatte Verf. gezeigt, dass der Choledochus-Sphinkter
bei Magenfullung sich schliesst, bei Magenentleerung sich öffnet. Er fand das
gleiche Verhalten beim Meerschweinchen nach der Dekapitation, also nach
Ausschaltung des Gehirns.
H. R h o d e - Göttingen: Untersuchungen über lokalanästhetische Wirk¬
samkeit bei Antipyretizis, Opiumalkaloiden und Salzen.
W. Nonnenbruch - Wurzburg: Untersuchungen über die Blutkonzen¬
tration. 1. Mitteilung: Intravenöse Salzwassereinläuie mit und ohne Gummi-
(Gelatine-)-Zusatz.
Tierversuche zeigten, dass die gewöhnlich benützte 6 proz. Gummi-
arabicum-Ringerlösung (Baylisslösung) keinen besonderen Vorteil zur
Auffüllung des Gefässsystems vor der gewöhnlichen Ringerlösung hat, da die
injizierten Kolloide selbst bald in die Gewebe gehen und damit ihr wasser¬
bindender Einfluss im Blut wegfällt. Nach der Entnierung erfolgte bei Ka¬
ninchen ein starker Einstrom von Wasser, Kochsalz und Eiweiss in die Ge-
fässbahn, eine hydrämische Plethora. Vielleicht ist auch die Anämie bei
chronischer Nephritis teilweise auf eine solche zurückzuführen.
Rosenthal und M e i e r - Breslau: Ueber den Reaktionstypus des
Gallenfarbstoffs und über die quantitativen Verhältnisse von Bilirubin und
Cholesterin im Blut bei verschiedenen Itkerusformen. ,.
Beim Ikterus der Neugeborenen ist das Cholesterin nicht vermehrt, die
direkte Diazoreaktion stark verzögert, ähnliches Verhalten fanden die Ver¬
fasser bei der Phenylhydrazinanämie des Hundes. Ikterus nach loluylen-
diamin und Phosphorvergiftung zeigte dagegen beim Hunde den lypus
cholämischer Blutbeschaffenheit mit Cholesterinvermehrung und direkter posi¬
tiver Diazoreaktion.
H. Freund -Heidelberg: Studien zur unspezifischen Reiztherapie.
Verf. hatte in früheren Untersuchungen gezeigt, dass im Blut ausserhalb
der üefässbahn wirksame Substanzen durch Zellzerfall (beim denbrinierten
Blut hauptsächlich durch Blutplättchenzerfall) entstehen, die ähnliche Wir¬
kungen entfalten, wie man sie bei den Proteinkörperinjektionen sieht. F„r
fand nun, dass diese wirksamen Substanzen extrahierbar sind. Beim nor¬
malen Kaninchen und Menschen fehlen sie im Frischblutextrakt, jedoch ge¬
lingt der Nachweis dieser hormonartigen Stoffe („Zellzerfallshormone ) bei
unspezifischer Reiztherapie. Stoffe von ähnlicher Wirkung entstehen auch bei
der Organfunktion, wie Versuche am tätigen, isolierten Froschherzen zeigten.
O. Hess-Köln: Die Wirkung intraarterieller Adrenalininjektion auf den
arteriellen und venösen Blutdruck beim Menschen.
Nach intraarterieller Injektion des Adrenalins (in die Art. radial, oder
cubital ) war die Blutdrucksteigerung wesentlich geringer als nach intra¬
venöser oder subkutaner, auch die typischen Veränderungen der Leukozyten¬
kurve waren nicht deutlich oder fehlten. Man muss also bei Untersuchungen
des Adrenalingehaltes des Blutes beim Menschen arterielles Blut benützen.
N o t h m a n n - Breslau: Die galvanische Erregbarkeit des menschlichen
Skelettmuskels nach intravenöser Zufuhr hochkonzentrierter Kalziumlösungen.
Es war nach Injektion von 25 ccm 10 proz. CaCte-Lösung beim Cie-
sunden eine starke Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit nachzuweisen,
die nach 15 — 20 Minuten am stärksten ist und einige Stunden anzuhalten
sc]iejnt L. Jacob- Bremen.
Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 1921. 94. Band.
2. und 3. Heft.
Bruno L a n g e - Berlin: Untersuchungen über Superinfektion.
Wenige Tage nach der ersten Infektion eines Tieres tritt vielfach bere.ts
ein Schutz gegen eine nachfolgende Superinfektion auf. Das ist aber nicht
bei allen Infektionen in gleichem Masse der Fall. Bei der Hühnercholera
der Meerschweinchen scheint er nur schwach vorhanden zu se:n, er war
auch gering bei Mäusetyphus und Gärtnerinfektion. Ein hoher Impfschutz
zeigte sich aber bei Streptokokken- und Pneumokokkeninfektion der Ka¬
ninchen. In den Fällen, wo der Schutz nicht vorhanden ist, sind die Be¬
dingungen gegeben, um die Zustände einer chronischen, latenten oder rezidi¬
vierenden Infektion entstehen zu lassen.
H. M u n t e r - Berlin: Ueber Abspaltung bakteriolytischer und hämo¬
lytischer Ambozeptoren.
Wieder freigewordene Bakteriolysine Hessen sich im Tierexperiment und
auch in vitro nachweisen, ebenso gelang die Feststellung abgespaltener hämo¬
lytischer Ambozeptoren. Die Anwesenheit frischer, unbeladener Blutkörper¬
chen ist dabei nicht unbedingt erforderlich.
J. Morgenroth und L. A b r a h a m - Berlin: Depressionsimmunität
bei intravenöser Superinfektion mit Streptokokken.
Nach einer Anzahl von Versuchen kommen die Verfasser zu folgenden
Schlussfolgerungen: 1. Nach subkutaner, intraperitonealer und intravenöser,
chronisch verlaufender Vorinfektion mit Streptokokken tritt bei Mäusen
innerhalb 1—3 Tagen eine Immunität gegen die akut verlaufende intravenöse
Nachinfektion mit Streptokokken ein. 2. Diese Immunität (Depressions¬
immunität) führt zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Verzögerung oder
auch zum Ausbleiben des Todes.
Selma M e y e r - Düsseldorf : Ein experimenteller Beitrag zur Frage der
Pathogenität klinisch virulenter und klinisch avirulenter Diphtherlebazillen.
In 29 schweren und leichten Diphtheriefällen und auch von Bazillenträgern
wurden Tierexperimente angestellt. In den schweren Fällen stimmten die
Tierversuche mit der hohen Pathogenität, die sich beim Menschen gezeigt
hatte, uberein. Leichtere Erkrankugnen lieferten nicht immer Bazillen mit
gleicher Virulenz, vielfach waren letztere hochvirulent. Die Erreger, die man
aus Bazillenträgern oder Rekonvaleszenten isolierte, waren durchschnittlich
sehr pathogen, so dass für die Praxis diese Kranken etwa noch 8 Wochen lang
als Infektionsquellen angesehen werden müssen.
Willführ und W e n d 1 1 a n d t - Berlin: Ueber Massenerkrankuugen
durch Ratinkulturen.
In einer brandenburgischen Schul- und Fürsorgeerziehungsanstalt er¬
krankten 95 Insassen mit Fieber, Erbrechen und Durchfall, nach Art einer Para¬
typhusinfektion. Trotz mehrerer ernsteren Erkrankungen ist glücklicherweise
Niemand gestorben, wenn auch die Rekonvaleszenz länger dauerte. Die
Infektion ist zurückzuführen auf Reinkulturen von Ratinbazillen, die
aus der dortigen’ Apotheke entnommen waren und in der Anstaltsküche zu
Ködern für die Ratten verarbeitet worden sind. Auf diese Weise gelangten
die Bakterien in die für die Mahlzeit zugerichtete Hauptspeise. Von 69 Serum¬
proben der Erkrankten agglutinierten 84 Proz. mit dem homologen Ratin¬
bazillenstamm. Mit verwandten Stämmen war die Agglutination viel
schwächer. Es war also damit die Infektion, mit dem Ratinbazillenstamm
erwiesen. Diese Fälle mahnen zur Vorsicht, weil immer noch angenommen
wird, dass die Rattenvertilgungsbakterien nicht menschenpathogen wären.
A. Luger, E. Landa und E. Silberstein - Wien: Das Krankheits¬
bild der experimentellen herpetischen Allgemeininfektion des Kaninchens.
Bei 13 Kaninchen, welche mit dem Inhalt der Bläschen von Herpes
f e b r i 1 i s auf die Kornea geimpft worden waren, entwickelte sich die charak¬
teristische Keratitis und es starben an der Infektion 7 Tiere. Die Inkubations¬
zeit dauerte im Mittel 7 — 14 Tage. Währenddessen zeigte sich Unruhe, Erreg¬
barkeit, Zittern und Fieber bis 38 °. Die Allgemeinerscheinungen dauerten
1 — 5 Tage, dann trat der Tod ein. Eine Infektion mit Gehirn-Rückenmarks¬
emulsion von verstorbenen Tieren gelang sowohl bei intravenöser wie sub¬
duraler Einverleibung Bei der Allgemeinerkrankung konnte eine protrahierte
Attacke und ein paroxysmaler Anfall unterschieden werden, obwohl auch alle
Uebergänge zu sehen waren. Mit dem Blut, Gehirn und Milzpulpa ver¬
storbener Tiere liess sich eine herpetische Impfkeratitis an der Kornea hervor-
rufen.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
95
A. I.ug er und E. La n da- Wien: Ein Beitrag zur Frage der Ueber-
tragbarkeit des Herpes zoster auf das Kanineben.
Im Gegensatz zum Herpes febrilis führte die Ueberiinpiung von
Biäscheninhalt des Herpes zoster auf der Kornea des Kaninchens zu
keiner charakteristischen makroskopischen Reaktion. Die Kornea wird auch
nicht immun gegen eine neuerliche Impfung mit Herpes febrilis. Auch eine
Allgemeininfektion konnte nach der Impfung mit Herpes zoster nicht erzielt
werden, ganz gleichgültig, ob mit Bläscheninhalt oder Lumbalflüssigkeit oder
Serum geimpft wurde. Die Zosterkörperchen von L i p s c h ii t z konnten
nur in den Zosterbläschen 'der Haut nachgewiesen werden.
Fritz S i e k e - Frankfurt a. M.: Phenolbildung durch Bakterien.
Unter den bei Gesunden und Kranken häufig auftretenden Kolibakterien
fanden sich zwei anscheinend voneinander verschiedene Stäbchen, die
Phenol bilden. Später zeigte sich auch die Phenolbildung bei Hühner¬
cholera und bei Ozaena. Die phenolbildenden Kolistämme sind B a c t. coli
phenologenes und Bact. paracoliphenologenes genannt
worden. Um solche phenolbildende Kolistämme leichter zu gewinnen, wurden
Nährboden mit Tyrosinzusatz hergestellt, aus denen die Bakterien das
Phenol abspalten. Bei der Agglutinationsprüfung ergab sich, dass das Coli
phenologenes-Serum nur den homologen Stamm agglutinierte und einen Teil
der anderen Coli phenologenes-Stämme.
Hans Reiter und Hermann Osthoff - Rostock: Die Bedeutung endo¬
gener und exogener Faktoren bei Kindern der Hilfsschule.
Die Verfasser haben 400 Kinder einer Rostocker Hilfsschule untersucht
auf die Einflüsse für die Entstehung des jugendlichen Schwach¬
sinns. Sie sind dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Vererbung
der grösste Einfluss zuzuschreiben ist. Bei weitem weniger kommen in Frage
Geburtstraumen, konstitutionelle und andere Erkrankungen; auch für Tuber¬
kulose und Syphilis finden sich keine besonderen Anhaltspunkte. Das Milieu
spielt vielleicht zwar eine Rolle, aber ein entscheidender Einfluss konnte nicht
machgewiesen werden. In Bezug auf die wirksame Verhütung des Schwach¬
sinns sprechen sich die Verfasser sehr pessimistisch aus. Die Besserung der
sozialen Verhältnisse und die Bekämpfung der verschiedenen Krankheiten
dürften kaum eine wirksame Prophylaxe gegen den angeborenen. Schwach¬
sinn sein.
P. Schmidt und H. Hoppe-Halle: Weitere experimentelle Studien
zur Anaphylaxiefrage.
Im Anschluss an seine früheren Untersuchungen, hat Schmidt neue
Versuche mit einem nach Kl ostermann völlig eiweissfrei gemachtem
Agar angestellt und fast regelmässig tödliche anaphylaktische Schocks aus-
lösen können, bei Anwendung inaktiver Sera blieb dagegen jede Wirkung aus.
Berkefeldfiltration macht das Agaranaphylatoxin wirkungslos, es ist also wahr¬
scheinlich nicht völlig gelöst. Die Wirkung lässt sich am wahrscheinlichsten
so erklären, dass ein Gefässspasmus eintritt infolge der von den Endothelien
adsorbierten Agaranaphylatoxinteilchen. Der Tod im anaphylaktischen Schock
ist ein ausgesprochener Erstickungstod, kein Herztod.
K 1 o s t e r m a n n - Halle: Ueber eiweissfreien Agar-Agar.
Dem Verf. gelang es nach dem modifizierten Verfahren von M a y r -
h o f e r, der die Stärke eiweissfrei machte, auch den Agar von Eiweiss zu
befreien. Solcher Agar gibt keine Ninhydrin-, B'iuret- und Xanthoprotein¬
reaktion mehr, auch nicht die Reaktion nach Lassaign e.
Eduard R e i c h e n o w - Hamburg: Untersuchungen über das Verhalten
von Trypanosoma gambiense im menschlichen Körper.
Nachdem in der sehr ausführlichen Arbeit eine grosse Zahl interessanter
Einzelbeobachtungen, die leider hier nicht Platz finden können, beschrieben
sind, werden auch Angaben über die Beziehungen von Trypanosoma
gambiense und Spirochaeta pallida zum Zentralnervensystem
gemacht und dabei die Uebereinstimmung zwischen beiden Parasiten betont,
die darin liegt, dass sie im Laufe der ersten Krankheitsmonate die Zerebro¬
spinalflüssigkeit befallen. Da beim Vorhandensein der Spirochäten im Liquor
keine Erscheinungen von seiten des Zentralnervensystems aufzutreten
brauchen, was auch bei der Schlafkrankheit der Fall ist, so haben wir es in
beiden Fällen mit einem Latenzstadium zu tun, aus dem im einen Falle die
schweren Symptome der Schlafkrankheit, im anderen Falle Tabes oder
Paralyse hervorgehen können. Die Unterschiede in beiden Infektionen be¬
stehen darin, dass bei der Zerebrospinalsyphilis das latente Stadium die Regel
ist, bei der Schlafkrankheit aber die Latenz seltener eintritt, ausserdem ist
die Latenzperiode bei der Syphilis viel länger.
Fr. B a u m g ä r t e 1 - Giessen: Untersuchungen über gattungsspezifische
Partialfunktionen des Typhusimmunkörpers und ihren Einfluss auf die Biologie
der Paratyphusbazillen.
Masaaki K o i k e - Berlin: Die Lebensdauer der Schildkröten- und
Trompetenbazillen im Meerschweinchen und ihr kulturelles und biologisches
Verhalten bei Tierpassagen.
Im Gegensatz zu den vielbesprochenen Beobachtungen Kollos,
Schloss bergers u. a., wonach Kaltblutertuberkelbazillen im Organismus
des Tieres durch Passagen die Pathogenität von echten Tuberkelbazillen er¬
reichen könnten, hat der Verf. durch seine Versuche festgestellt, dass dies
weder bei den Friedmannschen Schildkrötenstämmen
noch mit sog. Trompetenbazillen der Fall ist. Interessenten dieser
Frage werden schon wegen der verschiedenen Resultate zwischen den
Forschern nicht umhin können, die belangreiche Arbeit genau zu studieren.
Sie bietet ein reiches Material.
G. S c h r ö d e r - Schömberg: Bemerkungen zu der Arbeit von
B. Lang e: Weitere Untersuchungen über einige den Tuberkulosebazillen ver¬
wandte säurefeste Saprophyten. Band 93, Heft 1. 1921.
Bruno L a n g e - Berlin: Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen
Schröders. R. O. Neumann - Bonn.
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 50.
F. Kraus und S. G. Z o n d e k - Berlin : Zur Lehre vom Aktionsstrom.
Zu kurzem Bericht nicht geeignet.
A. H o f f ni a u n - Düsseldorf: Ueber Herzschmerzen.
Der Herzmuskel selber scheint unempfindlich zu sein im Gegensatz zum
Perikard. Echte Herzschmerzen finden sich, soweit sie nicht psycho-
neurotischer Natur sind, in der Hauptsache bei Lues der Aorta und Arterio¬
sklerose der Kranzarterien. Sonst können sie vorgetäuscht sein durch Er¬
krankungen der Thoraxwand (Interkostalneuralgie, Erkrankungen der Rippen
und des Rippenfells) oder des Mediastinums (Drüsenschwellungen, Senkungs¬
abszesse) oder veranlasst sein durch Hochdrängung des Zwerchfelles infolge
irgendwelcher Veränderungen der benachbarten Bauchorgane.
V. Schilling- Berlin: Ein „Hämatologisches Besteck fiir die Praxis“
mit einigen Neuerungen für einfache Blutuntersuchung.
Beschreibung des Bestecks und der erforderlichen Technik; statt der
Thoma-Zeiss sehen Zählkammer wird die von B ü r k e r empfohlen.
Beigegeben ist ein „Zählfenster“ für Blutplättchenzählung nach F o n i o.
J. Bauer- Wien: Die hämoklastische Krise.
Der nach Einverleibung von 200 — 300 g Milch im nüchternen Zustande
im Laufe von 20 Minuten bis \XA Stunden zu beobachtende Leukozytensturz
gibt einen wichtigen Anhalt für eine Insuffizienz der Lebertätigkeit oder einer
Teilfunktion der Leber; sein Fehlen ist jedoch kein Beweis gegen eine Leb :r-
ir.suffizienz.
S. G. Z o n d e k - Berlin: Untersuchungen über das Wesen der Vagus-
iind Sympathikuswirkung.
Vortrag, gehalten am 24. X. 1921 im Ver. f. Inn. Med. u. Kindhlk. in
Berlin (Bericht in Nr. 44 der M.m.W.).
W. S c h o 1 1 z und C. R i c h t e r - Königsberg: Ueber die Wirkung intra¬
venöser Traubenzuckerinjektionen auf die Haut und ihre Erkrankungen.
Intravenöse Traubenzuckerinjektionen, 16 — 30 ccm einer 50proz. Lösung
(— S — 15 g), bewirken einen Flüssigkeitsstrom von den Geweben nach den
Blutgefässen, sowie eine Leistungssteigerung in den Körperzellen. Sie sind
empfehlenswert bei Pemphigus, ferner bei frischen Ekzemen und Dermatitiden
(auch Salvarsan- und Hg-Exantheme), welche der lokalen Behandlung trotzen,
auch bei Ekzemen, welche starke Neigung zur Ausbreitung haben.
Steinberg - Königsberg: Ueber die Erhöhung der spirilloziden
Wirkung des Salvarsans in Verbindung mit Traubenzucker.
Die Kombination des Salvarsans mit Traubenzucker zur intravenösen
Injektion erzielt eine nahezu doppelt so starke Wirkung auf Spirochäten, als
Salvarsan allein.
E. W. T a sc he n be rg - München: Zur stomachalen Kampfertheraoie.
Camphochol, ein neues Kampferpräparat.
3 — 5 mal täglich eine Camphocholtablette (1 Tablette = 0,028 Kampfer)
wurden bei Herzinsuffizienzen, bei Angina pectoris und bei Infektionskrank¬
heiten, Pneumonien, Sepsis, Erysipel und hochfiebernden Lungentuberkulosen
gegeben. Die Wirkung war im allgemeinen günstig, wobei einstweilen dahin¬
gestellt bleiben muss, wieweit sie das Herz selber oder das Hirn samt Vaso¬
motorenzentrum betrifft. Rasch beseitigt wurde die Digitalisbradykardie.
P. B o r i n s k i - Berlin: Gesundheitsschädliche Stempelfarben.
Zwei neue Fälle von Säuglingsvergiftung durch anilinhaltdge Wäsche¬
stempelfarbe lässt die Vermeidung derartiger Farben für Säuglingswäsche
notwendig erscheinen.
H. R o g g e - Lübeck: Das Kochsalz in der Wundbehandlung.
Hochprozentige Kochsalzlösungen wirken zwar keimwidrig, aber auch
stark reizend. Sie sind daher nicht zweckmässig bei frischen, bereits
infizierten, noch nicht granulierenden Wunden, bei älteren Wunden mit ver¬
letzter Granulationsdecke und Neigung zu lokaler oder allgemeiner Infekt'on,
bei trophischen und varikösen Geschwüren sowie bei septischen oder
pyämischen Wunden. Für gewöhnlich genügen 0,5 — 2 proz. Lösungen.
A. L i s s a u e r - Münsterberg: Eine Aenderung des Perkussionshammers.
Verlängerung des Stieles auf 30 — 35 cm; Erörterung der daraus ab¬
geleiteten Vorteile.
O. S t r a u s s - Berlin : Ueber postoperative Bestrahlung des Karzinoms.
Verf. bekennt sich als Anhänger der prophylaktischen Nachbestrahlung,
die möglichst bald nach der Operation beginnen, "U der Hauteinheitsdosis
nicht überschreiten und nach der 6. Sitzung für Vi Jahr ausgesetzt werden
sollte.
G. L e d d e r h o s e - München: Chirurgische Ratschläge für den Prak¬
tiker. Baum- Augsburg.
Medizinische Klinik. Heft 52.
A. Bum: Die Mobilisierung in der Extremitätschirurgie.
In der mobilisierenden und immobilisierenden Behandlung der Extremi¬
tätenverletzungen ist eine sorgfältige Individualisierung Erfordernis; es gibt
keine Universalmethode. Nicht ohne Bedeutung ist auch hier die kritische
Verwertung der Radiologie, da anatomische und funktionelle Heilung nicht
immer zusammenfallen.
F. Reiche: Zur Behandlung des Keuchhustens nach V i o I i.
Die Behandlung des Keuchhustens mit dem Serum vakzinierter Kälber
hatte in der Untersuchungsreihe des Verfassers keinen Einfluss auf die Zahl
und Schwere der Anfälle oder auf den Ablauf der gesamten Erkrankung.
Nacke: Seltener Schwangerschafts- und Geburtsverlauf bei im kleinen
Becken festgewachsenem Uterus myomatosus.
5/4 Monate vor der (3 Wochen vor Schwangerschaftsablauf) einge-
leiteten Frühgeburt Laparotomie und Reposition des Uterus durch manuelle
Lösung der Verwachsungen. Später verlief die Wendung auf den Fuss und
die Geburt ohne wesentliche Störung. Mutter und Kind am Leben. Tumor
macht jetzt kaum Beschwerden.
F. Po r des: Methodenwahl in der Röntgendiagnostik. Die unzweck¬
mässigen und die zweckdienlichen Wege.
Ausführliche Erläuterung zu dem aufgeführten Schema und für die Zu¬
sammenfassung des' gewonnenen Befundes. Die beherzigenswerte Arbeit ver¬
dient ausgedehnte Berücksichtigung.
L. Strauss: Ueber vergleichende quantitative Fermentuntersuchungen
im Duodenalsaft und den Fäzes, zugleich eine Kritik der Fermentuntersuchungs-
methoden im Stuhl.
Kritische Bemerkungen und Vorschriften für die Untersuchung auf
Trypsin, Diastase und Lipase.
E. Runge: Geburtshilfe der Unfallstation. S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 49.
E. B o s c h - Zürich : Beitrag zur Kasuistik der zentralen Hüftgelenks-
luxation.
Verf. beschreibt 13 Fälle des seltenen Krankheitsbildes, die fast alle
später nachuntersucht werden konnten.
H. Brun-Luzern: Bemerkungen zu der Publikation von Dr. R. Gla¬
ser: „Die Gallensteinkrankheit und die Kolloidschutzlehre von L i c h t w i t z
— Cholsanin“.
Es ist bisher kein Beweis geliefert, dass Cholsanin Gallensteine auflöst.
Einen der Fälle G läse r s, bei dem auf Grund der Röntgenuntersuchung
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
Heilung angenommen war. hat Verf. später wegen sehr zahlreicher ■ Steine
operieren lassen. Gallensteine sind auf der Röntgenplatte leichter darzustellen,
wenn man das Kolon vom Anus her aufbläht, so dass der rechte obere
Quadrant der Bauchhöhle aufgehellt wird.
J. S t r e b e 1 - Luzern: Phonometrische Ermüdungsmessungen.
Zu kurzem Referat nicht geeignet.
de Reynier - Leysin: Nouveau releveur de 1 eplglotte.
J L. Jacob - Bremen.
Oesterrelchische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 51, 1921. B. L i p s c h ü t z - Wien: Zur Frage der experimentellen
Erzeugung der Teerkarzinome. ,
In Bestätigung der Untersuchungen anderer konnte L. durch leerpinse-
lungen bei Mäusen (45 Proz.) Neoplasmen erzielen, welche die Struktur
teils von Karzinomen, teils von Sarkomen aufwiesen und sich in einzelnen
Fällen subkutan auf gesunde Tiere transplantieren bessern Ausserdem traten
ungewöhnlich geformte Pigmentflecke auf, welche nicht durch direkte leer-
wirkung zu erklären sind. Auch das Auftreten miliarer Zysten in der Haut
wurde in einem Fall beobachtet.
H Haar- Wien: Ueber den diagnostischen Wert der Globulinver-
mehruiig im Liquor cerebrospinalis bei Erkrankungen des Kindesalters.
H. fand im wesentlichen folgendes: Bei urämisch-eklamptischen und be-
sonders gehäuften spasmophilen Krämpfen erreicht der Globulingehalt des
Liquor dieselbe Höhe wie bei Meningitis tuberculosa. Bei funktionellen
Krämpfen ist er im Krampfstadium am höchsten und sinkt nach Ablauf der
Krämpfe während er bei Meningitis tuberculosa vom Reizstadium bis zum
Tode ständig ansteigt. Bei einer Reihe von Erkrankungen des Zentral-
nervensystems ist der Globulingehalt ebenso hoch wie bei der Meningitis
tuberculosa. Daher ist der diagnostische Wert der P a n d y sehen Reaktion
für die Meningitis tuberculosa zwar bei negativem Ausfall ziemlich beträcht¬
lich, in differentialdiagnostischer Hinsicht aber beschränkt und hauptsächlich
der’ kontinuierliche Anstieg der positiven Reaktion von Bedeutung.
O. Sachs -Wien: Weitere Beiträge zur Anatomie und Histologie des
weiblichen Urethralwulstes. . .....
F. H ö g 1 e r - Wien: Ueber perineurale Antipyrininjektionen bei Ischias.
Die perineurale Antipyrininjektion nach Heidenhain hat in 21 Fällen
rasche Heilung herbeigeführt, nur sind grössere Dosen notwendig (4—5 g
Antipyrin auf 10 ccm Aq. destill. mit Zusatz von 0,5 1 ccm einer 0,5 1 prom.
Novokainlösung, arn schmerzhaftesten Druckpunkt des Ischiadikus am Gesäss
mit langer Nadel auf einmal einzuspritzen). B e r g e a t - München.
Wiener medizinische Wochenschrift.
Nr. 50. Klimatotherapie.
K. H e 1 1 y - Wien: Licht, Luft und Volksgesundheit.
K. Biehl-Wien: Höhenklima und Ohr.
F. Glas- Wien: Die Sonnenbehandlung bei Kehlkopftuberkulose.
F. H a n s y - Semmering: Die Indikationen für Höhenkuren.
V. H e c h t - Semmering: Ueber Mastkuren im Höhenklima.
O. H o v o r k a - Gugging: Unterschied zwischen Luft- und Sonnen¬
bädern. , , .
N. Jagic und G. Spengler: Zur Klinik des Klimakteriums.
P. L i e b e s n y - Wien: Kapillarkrelslaufbeobachtungen im Höhenklima.
A. P e t ö - Semmering: Die Intrakutanmethode im Rahmen allgemeiner
Tuberkulosetherapie.
A. Pilcz-Wien: Klimatotherapie und Nervenkrankheiten.
L. Rethi-Wien: Die Bedeutung der Höhenkurorte für die Stimme.
J. Schütz- Baden b. Wien: Höhenklima und Nierenleiden.
G. Singer- Wien: Höhenkuren und Krankheiten der Verdauung.
H. Spitzy-Wien: Die Krankheitserscheinungen und die Behandlung
der Knochen- und Gelenkstuberkulose.
J. Sorgo-Wien: Methodik der Behandlung der Lungentuberkulose mit
Sonnenlicht und künstlichem Licht.
Nr. 51. M. H e i 1 1 e r - Wien: Beeinflussung des Pulses resp. des
Herzens durch die normalen Funktionen des Organismus.
Der Puls und das Herz reagieren in der feinsten Weise auf die ver¬
schiedenartigen Sinnes- und psychischen Eindrücke, Körperbewegungen,
Funktionen des Magens, des Darmes und der Blase, Denken, Sprechen usf.,
und zwar durch Grössenzunahme des Pulses und gleichzeitige Verkleinerung
der Herzdämpfung oder Kleinerwerden des Pulses und Vergrösserung der
Herzdämpfung. In ähnlicher Weise reagiert die Zahl des Pulses. Angabe
zahlreicher Beobachtungen im einzelnen.
Nr. 52. G. S c h e r b e r - Wien: Die Behandlung der Skabies mit Mitigal.
Ohne wesentlich teuerer zu sein als andere Mittel und bei gleicher Heil¬
wirkung und Reizlosigkeit hat das Mitigal den Vorzug, die Berufstätigkeit
des Kranken in keiner Weise zu beeinträchtigen. B e r g e a t - München.
Im Druck erschienene Inauguraldissertationen.
Universität Rostock. 1921.
Pierchalla Ludwig: Myasthenia pseudoparalytica mit Thymushyper-
plasie. . . . ,
Rohden Ludwig: Ueber Syphilis congenita und ihre Beziehungen zur
Peritonitis fetalis.
Schmeertmann Fritz: Ein Fall von Bulbärparalysc bei rachitischem
Zwergwuchs.
Sch oop Erich: Myotonische Dystrophie mit Tetanie.
Schultz Wilhelm: Die Lehre von den Doppelbildungen.
Seidel Franz: Ueber verlagerte Zähne und ihre chirurgische Bedeutung.
Soeken Gertrud: Zur Methodik der Säureuntersuchung in der Scheide
und einige Resultate.
Timm Heinr. Aug.: Ein Fall von Tumor des linken Schläfenlappens.
Vahlensieck Carl: Ernährungserfolge im 2. Lebensjahre bei gesunden
und kranken Kindern.
Vogelsang Hildegard: Ueber die zystische Entartung der Myome, zu¬
gleich ein Fall von zystischem Riesenmyom.
Weber Hanns: Basedow-Krankheit mit Bronchitis fibrinosa.
Westphal Fritz: Ueber das leukozytäre Blutbild, insbesondere die
Eosinophylie bei der Tuberkulose im Kindesalter.
Wieling Paul: Ein Fall eines gutartigen Epithelioms der Haut.
Vereins- und Kongressberichte.
Aerztiicher Verein zu Danzig.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 1. Dezember 1921.
Herr Vorderbrügge: Ueber Diagnose und Behandlung der Finger-
r Uebersichtsvortrag. Hinweis auf die Wichtigkeit frühzeitiger Diagnose
der einzelnen Formen der Panaritien und die Bedeutung ihrer funktions
erhaltenden Heilung. Die altbewährte chirurgische Behandlung der Panaritien
kann durch neue Methoden (Stauung, Proteinkörpertherapie etc.) nicht ersetzt,
sondern nur unterstützt werden. Das Sehnenscheidenpanaritium gehört in
klinische Behandlung und soll von geübter Hand mit dem Ziel der Erhaltung
der Fingerbeweglichkeit operiert und nachbehandelt werden. Beim Knochen-
panaritium soll nach Entleerung des Eiters die Sequestrierung abgewartet,
nicht primär reseziert werden. Der beste Schutz für uns Aerzte vor der
gefährlichen Operationsinfektion ist subjektive Asepsis und antiseptische Ver¬
sorgung jeder kleinsten Verletzung.
Herr Hermann Stalir: Ueber die Milz bei Lymphogranulomatose.
In einer übersichtlichen Tabelle wird erläutert, welche Stellung die
Lymphogranulomatose im System der Hämoblastosen einnimmt. Klarheit
konnte nur durch Vermeidung der immer noch gebräuchlichen Ausdrucke:
Pseudoleukämie, Hodgkin und Lymphosarkom erreicht werden, deren Ge¬
brauch nun nicht mehr zeitgemäss ist. Die jetzige Einteilung beruht auf der
feineren histologischen und zytologischen Diagnostik. Unter 10 eigenen
Fällen, die demnächst in der „Medizinischen Klinik“ eine ausführlichere Dar¬
stellung finden werden, sind 6 Sektionen enthalten. Ausser den Veränderungen
an den Lymphknoten, die besprochen und demonstriert werden, .ist am
wichtigsten die spezifische Erkrankung der Milz, die in 5 unter 6 Sektions-
fällen festgestellt werden konnte und zwar 2 mal die grossknotige Form
(Präparate). Am Sektionstisch kann des öfteren nur vorerst die Diagnose
Hämoblastose gestellt werden. Einzig die Erkrankung der Milz liess es zu,
dass bei einem erst vor kurzem erkrankten 42 jährigen Manne mit einer \ er-
änderung der grossen Gallengänge (Photographie), die makroskopisch an
Karzinom denken Hess, frühzeitig Lymphogranulomatose diagnostiziert werden
konnte Eosinophilie im histologischen Bilde wurde bei Spätformen fast ganz
vermisst, wenn sie nicht durch Streptokokkeninfektion kompliziert waren.
Des öfteren war die Leber, einmal die Lunge beteiligt. Die Milz braucht
keineswegs jedesmal miterkrankt zu sein. Ebenfalls Angaben, die für mass¬
gebend gehalten werden, widerspricht es, dass 5 (unter 10) Patienten das
5. Dezennium erreicht hatten, ein Mann war sogar 56 Jahre alt.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 17. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r.
Schriftführer: Herr G r u n e r t und Herr W e m m e r s.
Tagesordnung.
Herr H i 1 1 e r
epidemie. , , .
H. berichtet von 10 Fällen epidemisch auftretender Myelitiden mit
besonderer Bevorzugung des Rückenmarksgraus, die bis auf einen Fall seit
Februar 1921 auf der I. inneren Abteilung des Krankenhauses Dresden-
Friedrichstadt (Prof. Dr. P ä s s 1 e r) beobachtet worden sind. Alter der
Erkrankten 54—16 Jahre, nur ein 6 jähriges Kind. 6 Fälle von Polio¬
myelitis ant., 3 diffuse Poliomyelitiden mit leichter Be-
teiligung der weissen Substanz, eine spinale Blasenlähmung. Aus Gründen
der Epidemiologie, des Alters, fehlender Prodrome, der Eigenart und des
Verlaufs der Lähmungen erschien eine Einordnung unter die n e 1 n e -
M e d i n sehe Krankheit nicht den Tatsachen gerecht zu werden. _ Der
Charakter der Erkrankung zeigte hingegen Analogien zur Encephalitis
epidemica. Unter Hinweis auf die nicht seltenen Uebergänge von
Enzephalitis und Myelitis (insbesondere Poliomyelitis):
„Enzephalomyelitide n“, sowie auf analoge spinale Erkran¬
kungen der Literatur unserer und der früheren Influenzaepidemien wird die
ausgesprochen, dass die mitgeteilten Fälle mit der Ence-
epidemica eine ätiologische Einheit bilden. Ein Zusammen-
Erkrankung mit der Influenza wird als sehr wahrscheinlich an-
Es wird schliesslich darauf hingewiesen, dass die nicht geringe
Fälle von Heine-Medin scher Krankheit bei Er-
Zeiten von Influenzaepidemien beobachtet wurden, Fälle
(a. G.): Ueber epidemische Myelitis bei der Grippe-
Vermutung
p h a 1 i t i s
hang dieser
genommen.
Zahl sporadischer
wachsenen, die zu
der mitgeteilten Art gewesen sind. Die Schwierigkeit der Differentialdiagnose
könnte ihre Erklärung möglicherweise in der Verwandtschaft der fraglichen
Krankheitserreger finden (Ed. Müller, Levaditi). Mancherlei spricht dafür,
dass eine nicht geringe Anzahl auch der spontanen Hämatomyelien
der Literatur akute Myelitiden (Myelitis apoplectica Leyden) der gleichen
Aetiologie gewesen sind. . , i ^ ... ... ..
Aussprache: Herr Arnsperger berichtet über gleichartige
Krankheitsfälle. Bei einem derartigen Kranken war bemerkenswert, dass er
mehrere Jahre vorher genau die gleiche Erkrankung durchgemacht hatte mit
Ausgang in völlige Heilung. Ein anderer Kranker hat angegeben, dass in
seiner Wohnung dauernd Gasgeruch bemerkbar gewesen wäre und führte
seine Erkrankung auf chronische Leuchtgasvergiftung zurück. Ganz abzu¬
lehnen ist die Möglichkeit nicht, da wir ja wissen, dass die Gasvergiftung
auch Bilder machen kann, die der epidemischen Enzephalitis gleich sind; es
wäre die Möglichkeit zuzugeben, dass auch tnyelitische Veränderungen gleicher
Natur durch die Gasvergiftung zustande kommen können. Bei einem weiteren
Kranken wurde eine antiluetische Kur trotz Fehlens des Nachweises der
luetischen Aetiologie angewandt. Auffallend war, wie auf die Kur das bis>
dahin nicht zur Heilung neigende Krankheitsbild sich änderte und die Besse¬
rung bis zu fast völliger Heilung rasche Fortschritte machte. Bei dem ge¬
häuften Auftreten der disseminierten Myelitis, wie sie der Vortragende sah,
ist die Annahme des Zusammenhanges mit der Encephalitis epidemica völlig
berechtigt, namentlich da ja dieser Zusammenhang bei ähnlichen tödlich ver¬
laufenden Krankheitsfällen durch die pathologisch-anatomischen Unter¬
suchungen gestutzt wird.
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
97
Herr Pässler: Die Hauptfrage, welche sich an unsere Beobachtungen
knüpfte, war natürlich die, ob die Myelitisepidemie von dem Virus der
Heine-Medin sehen Krankheit oder von dem Virus der jetzt während
der Grippeepidemie aufgetretenen Enzephalitis erzeugt wurde. Wenn sich
auch keine grundsätzlichen Abweichungen unserer Fälle von dem bei Heine-
Medin scher Krankheit Möglichen nachweisen Hessen, so war doch vieles
für letztere Krankheit ungewöhnlich (vorwiegende Erkrankung von Er¬
wachsenen, in einigen Fällen blitzartiges Auftreten ohne nachweisbare Vor¬
läufer, häufige starke Beteiligung der Blase, überaus lange fortschreitende
Besserung) so dass wir uns bis auf weitere Klärung der ganzen Frage für
berechtigt halten, die Myelitis bei Grippe von der gewöhnlichen epidemischen
Kinderlähmung (Heine-Medin sehe Krankheit) zu trennen.
Herrn Brückner ist aufgefallen, dass in den letzten vier Wochen
besonders viel Fälle von frischer Poliomyelitis in der Kinderheilanstalt zu¬
gegangen sind.
Herr A. Schanz: 'Die Fälle, welche der Herr Vortragende geschildert
hat, sieht man in der orthopädischen Praxis mit gewisser Regelmässigkeit.
Um die Zeit des Kriegsbeginnes bekam ich auffällig viele in die Hände, ich
hatte damals den Eindruck einer Art Epidemie.
Herr H i 1 1 e r (Schlusswort).
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 17. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser.
Herr v. Bergmann: Ueber essentielle arterielle Hypertonie.
v. B. stellt sich auf den Standpunkt, dass die Abgrenzung einer sog.
„essentiellen“ Hypertonie klinisch deshalb berechtigt sei, weil zahlreiche
Fälle von Blutdruckerhöhung Vorkommen, bei denen kein Anhaltspunkt für
eine genuine arteriosklerotische Schrumpfniere oder eine allgemeine Arterio¬
sklerose vorliegen. Die Nierenfunktion ist in solchen Fällen intakt und der
Schluss, dass obwohl funktionell keine Nierenstörung vorliegt, dennoch die
Blutdruckerhöhung Folge einer am Lebenden nicht nachweisbaren Nieren¬
erkrankung sei, in keiner Weise zwingend. Denn erstens fehlt trotz aller
Theorien noch immer eine einleuchtende Erklärung wie die Schrumpfniere
zum Hypertonus führt und zweitens ist die Feststellung, dass Menschen, die
jahrzehntelang eine Blutdruckerhöhung haben, schliesslich beim Tode Ver¬
änderungen der Niere zeigen, die oft so geringfügig sind, dass sie sich nur
mikroskopisch nachweisen lassen, kein Beweis für die These: Hypertonie ist
Schrumpfniere.
v. B. meint in Uebereinstimmung mit vielen Autoren, dass der erhöhte
Blutdruck zunächst funktionell nur Folge der Enge der Arteriolen sei. (Der
Ausdruck Spasmus der Arteriolen ist nicht ganz glücklich.) Folge dieses
erhöhten Vasotonus ist schliesslich Abnutzung der Gefässe, anatomische Ver¬
änderung der Arteriolen (J o r e s). So entsteht erst in vielen Fällen die
primäre Schrumpfniere als Folge essentieller Hypertonie. Ja die funktionelle
Enge der Gefässe spielt auch noch während der Schrumpfniere wohl eine
wesentliche Rolle. Die Enge der Arteriolen kann erklärt werden durch
chemischen Einfluss auf die peripheren feinsten Gefässe, adrenalinoide
Wirkung (das Adrenalin selbst ist es nicht), oder durch erhöhte Reizbarkeit
im neuromuskulären Apparat der kleinsten Gefässe ohne Vermittlung eines
chemischen Agens, auch an physikalisch-chemische Faktoren, an Ver¬
änderungen in der Beziehung Kapillaren und interzellulare Flüssigkeit wäre
zu denken. Wieweit die Peripherie primär die Arteriolenenge bedingt, bleibt
ganz hypothetisch. Dagegen lässt sich schon heute für eine veränderte Vaso¬
motoreneinstellung vom Zentrum aus manches wahrscheinliche anführen. Das
Vasomotorenzentrum bedingt beim Normalen die konstante Einstellung des
Blutdrucks, seine Lähmung, z. B. Bakterientoxine, bedingt Blutdruck¬
senkung, seine Reizung Blutdruckerhöhung, dauernd erhöhter Reizzustand des
Vasomotorenzentrums bewirkt durch Arteriolenkontraktion den Hypertonus,
ganz analog etwa wie beim Fieberzentrum das erhöhte Niveau der Febris
continua. Misst man mehrmals täglich den Blutdruck der Hypertoniker, so
ist eine Hypertonie vom Kontinuatypus nicht häufig, immerhin bei ausge¬
sprochener Arteriosklerose und Schrumpfniere öfters zu finden. Dagegen
Schwankungen so, dass abendlich Erhöhungen, morgens Erniedrigungen be¬
stehen (ganz wie bei der Regulation des Wärmezentrums), das häufigste
Vorkommnis. In Praxis und Krankenhaus sind die üblichen Vormittags¬
messungen geeignet, viele Fälle von Hypertonie glatt übersehen zu lassen. Grosse
intermittierende Schwankungen stützen ebenfalls die Lehre vom reizbaren
Vasomotorenzentrum. (Demonstration zahlreicher Beispiele an Kurven.)
Angst vor einem kleinen Eingriff, psychische Emotion, sofort beantwortet
durch steilen, gelegentlich ganz kurzen Blutdruckanstieg, sprechen neben
anderen dafür, dass nicht immer die Gefässkrise den Schmerz bedingt, dass ;
auch der Schmerz psychisch den Hypertonus auslöst. Die grosse Bedeutung
der von Affekten ausgelösten Erregung des Vasotonuszentrums ist weit mehr
zu beachten wie bisher, gerade auch unter therapeutischem Gesichtspunkt.
Psychische und körperliche Ruhe senkt bei diesen Kranken den Blut- 1
druck, ebenso wie gelegentlich die Narkotika des Vasomotorenzentrums.
Symptom atolo gisch wird bei Hypertonikern auf schwerste
Schwindelanfälle hingewiesen, die zerebellaren Eindruck machen. Auch
Schmerzzustände nicht nur am Herzen und im Abdomen („Angina pectoris“,
„abdominis“), auch in den Beinen, im Kreuz, einseitig in der Hüfte, lumbago¬
ähnlich und im Hinterhaupt. Offenbar alles lokalisierte Angiospasmen, zu
denen der Hypertoniker disponiert ist; auch die sog. pseudourämischen
Aequivalente V o 1 h a r d s gehören hierher.
Ob die essentielle Hypertonie als Krankheitseinheit gelten darf, bleibe
dahingestellt. Ob sie nur als pathologische Reaktion des Vasomotoren¬
zentrums aufzufassen ist, bleibt ebenfalls zweifelhaft. Auch die Ursachen
dieser Erregbarkeit können mannigfach sein. Zunächst scheint dem Vor¬
tragenden aber ein Fortschritt gegeben, wenn gerade durch das Studium
ständiger Blutdruckkurven bei der Hypertonie das Interesse sich auf die
Zustände im Vasomotorenzentrum konzentriert und die Hypertonie in ihrer
klinischen Symptomatologie wie in ihrer Pathogenese und nach therapeuti¬
schen Gesichtspunkten ausgebaut wird, als wäre sie ein Leiden sui generis,
als dessen Folgen Arteriolosklerose und Schrumpfniere erscheinen.
Analogien zur Lehre vom Fieber als der veränderten Einstellung der
Wärmeökonomie vom Wärmezentrum aus und zur Lehre vom Diabetes, als
der geänderten Kohlehydratmobilisierung vom Zuckerzentrum aus (Claude
B e r n a r d), ja der Auffassung des Diabetes insipidus als einer Störung in
der zentralen Regulation, werden auch das Problem der zentral erfassten
Hypertonie fördern.
Aerztlicher Verein in Hamburg
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 3. Januar 1922.
Herr Gross zeigt a) einen Patienten mit operativ geheilter Gallen¬
fistel, b) einen Heftpflasterverband, der bei Rippenfrakturen den Thorax in
Insprirationsstellung fixieren soll.
Herr D r e i f u s s stellt einen Fall vor, bei dem er eine Hernla encystlca
operiert hat. Wie meist in diesen Fällen, konnte die Diagnose erst bei der
Operation gestellt werden.
Herr Könitz zeigt einen Fall von chronischer gutartiger Hyperthyreoidie
Hertoghe. Die Erkrankung begann im Jahre 1892, und bis vor wenigen
Wochen konnte der Kranke noch seinem Beruf als Maschinenbauer nachgehen.
U. a. zeigte der Kranke erhöhte Zuckertoleranz, psychische Verlangsamung,
erheblich unter der Norm gelegenen Grundumsatz, verzögerte Flüssigkeits¬
ausscheidung beim Wasserversuch, schlechtes Konzentrationsvermögen. Be¬
sonders an den beiden letztgenannten Erscheinungen konnte der Erfolg der
Schilddrüsentabletten ziffernmässig demonstriert werden.
Herr Embden zeigt einen Fall von Manganvergiftung bei einem
Braunsteinmüller. Seit seiner ersten Publikation waren infolge der
gewerbehygienischen Massnahmen solche Vergiftungen nicht mehr vorge¬
kommen. Jetzt wird statt des südrussischen der stark staubende brasi¬
lianische Braunstein verarbeitet, wodurch wohl das neuerliche Vorkommen
eines solchen Falles bedingt ist. Erstes Symptom war Stottern; daran
schlossen sich an Paralysis agitans erinnernde Symptome, Aktionstremor be¬
sonders bei Verrichtungen mit erhobenen Armen, Mikrographie. Berufs¬
wechsel verhindert zwar das Fortschreiten der Krankheit, die vorhandenen
Symptome werden aber nicht beeinflusst.
Herr Schottmüller berichtet über die neuerliche Influenzaepidemie.
Influenzabazillen wurden nur in einem Teil der Fälle gefunden. Das Blut war
stets steril. Der Erreger dürfte ein filtrierbares Virus sein, das die An¬
siedlung von Strepto- und Pneumokokken und von Influenzabazillen be¬
günstigt.
Herr Schmilinsky berichtet über einen Fall von Oesophago-
Duodenalfistel infolge von Syphilis. Der betreffende Kranke hat gelernt, durch
bestimmte Körperhaltung beim Essen das Hineingelangen der Speisen in die
Luftwege zu vermeiden. Bei gelegentlichem Erbrechen gelang ihm dies nicht.
Besprechung des Vortrags des Herrn Much: Das Neueste über
Wesen und Wert der Vakzinetherapie.
Herren Dreifuss, Matthae i. E. F. Müller, Richter,
Wichmann, Delbanco. Barfurth, Peiser.
Fr. W o h 1 w i 1 1 - Hamburg.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 7. Dezember 1921.
Herr Biedermann: Die Behandlung der Zwerchfellhernien.
Vortragender operierte vor 1/4 Jahren eine Hernia diaphragmatica trau¬
matica falsa, die nach Schussverletzung entstanden war. Vorstellung des
geheilten und beschwerdefreien Patienten. Operation erfolgte vom Bauche
aus. Schnitt nach Marwedel. Durch eine für die Faust durchgängige
Lücke im Zwerchfell waren 21 3 vom Magen, die Milz, Dickdarm und ein
Netzzipfel hindurchgetreten. Naht mit Seidenknopfnähten. Zur Entspannung
der Naht Rippenresektion und Infraktion des Rippenbogens. Dauererfolg.
Drei Diapositive.
Herr Co bet: Ueber die therapeutischen Eingriffe bei Pleuraerkran¬
kungen.
Erscheint in der Med. Kl.
Herr Giese: Ueber gerichtsärztliche Kunstfehler.
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 20. Oktober 1921.
Herr Brandt demonstriert einen Patienten, bei dem ein eitriger Bubo
inguinalis mit Hilfe des W e 1 a n d e r sehen Verfahrens (Sticheröffnung und
Injektion von Arg. nitric. 3: 1000 in die Eiterhöhle) in 10 Tagen ohne Berufs¬
störung zur Heilung gebracht wurde und empfiehlt, dieses praktische und
bequeme Verfahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Herr Rahnenführer: Ein Fall von Brown-Sequard scher
Halbseitenläsion infolge Schussverletzung des Halsmarks.
Der Med. Klinik Altstadt (Prof. O 1 1 e n) wurde ein ehemaliger Soldat
zur Begutachtung überwiesen, der August 1917 durch Granatsplitter an beiden
Armen und am linken Unterschenkel verwundet war. Gleichzeitig war eine
schlaffe Lähmung beider Arme und Beine aufgetreten, die sich allmählich
zurückbildete. Bei der jetzigen Untersuchung, 4 Jahre nach der Verletzung,
fand sich : Herabsetzung der Schmerz- und Temperatur¬
empfindung auf der rechten Körperhälfte von der Höhe der 3. Rippe
resp. 2. Brustwirbels an abwärts, in der Mittellinie scharf begrenzt; keine
Störung der Berührungsempfindlichkeit; Motilität und Re¬
flexe rechts normal. Auf der linken Seite stark gesteigerte Periost-,
Patellar- und Achillessehnenreflexe, Fussklonus und positiver Babinski; ferner
Parese des linken Armes mit Beugekontraktur der Finger und Lähmung des
linken Fusses. Dazu Pupillendifferenz und neuerdings Anfälle von Be¬
wusstlosigkeit und Krämpfen. Aus den Schussverletzungen an beiden Armen
und am linken Unterschenkel liess sich der neurologische Befund nicht er¬
klären.
Die Kreuzung der sensiblen und motorischen Lähmung wies vielmehr
auf eine Brown-Sdquard sehe Halbseitenläsion des Halsmarkes hin.
Deshalb Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule, die einen linsengrossen, drei-
98
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
eckigen Granatsplitter in Höhe des 5—6. Halswirbels im Bereiche des . Hals-
markes selbst erkennen Hessen. (Demonstration der Röntgenaufnahme .)
Der kleine Splitter hatte vermutlich eine so geringe äussere Verletzung
verursacht, dass sie von den Untersuchern ganz übersehen wurde und auch
dem Patienten von einer solchen Verletzung nichts bekannt wai.
dem Als Ursache der ursprünglichen Tetraplegie war früher eine Verletzung
des Rückenmarkes durch Sturz auf den Rücken angenommen worden. Von
einer Extraktion des Splitters wurde jetzt Abstand genommen, da es schwer
sein dürfte, den kleinen Splitter ohne eine neue Läsion von Nervenbahnen zu
entfernem die Wichtigkeit einer rechtzeitigen radiologischen
Untersuchung bei unklaren Erkrankungen des Rückenmarkes, wenn ana¬
mnestisch ein Trauma in Betracht kommt.
Herr Böge: Echinokokkus der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
B. berichtet über einen Fall von Echinokokkus der Wirbel saule bei einem
4» iähr Mälzer, der am 18. IV. 1921 in die Medizinische Klinik Altstadt (Prof.
Otten) kam. Es bestand bei dem schwer kachektischen Kranken eine in
wenigen Wochen entstandene spastische Paraplegie beider Beine und
Steigerung der Sehnenreflexe: Babinski beiderseits positiv, Sensibilität t fu
alle Qualitäten vom 6. Dorsalsegment ab vollkommen aufgehobem ^"ho
alvi et urinae. Elektrische Untersuchung an den Beinen o B . KLop a
lichkeit des 6—9. Brustwirbeldornfortsatzes, ausserdem Defekt m der 8 Rippe
in der linken vorderen Achsellinie, aus dem sich die Lunge wie eine Hernie
vorwölbte. Auf dem Röntgenbild der Wirbelsäule zeigt sich unscharfe B -
grenzung der Umrisse des 5.-7. Brustwirbels mit tedweiser Zerstörung der
Brustwirbelkörper. Thoraxaufnahme zeigte links in Hohe der 6 9. R I pp
dichten, breiten Schatten, der sich vom Hilus zur Peripherie hinzieht. Exitus
^Nach dem klinischen und radiologischen Befund wurde angenommen:
teilweise Zerstörung des 5.-7. Brustwirbelkörpers durch bösartige Neu¬
bildung, Zerstörung des Brustmarkes durch Kompression oder Tumormassen
in Höhe des 6. Dorsalsegmentes. Metastase in der linken Thoraxwand mit
Zerstörung der 8. Rippe. Sektion: Bestätigung des klinischen Befundes nur
hinsichtlich der Aetiologie jetzt erst völlige Klärung: Unter der Pleura
deV 6—9 Rippe von der Achsellinie bis zur Wirbelsäule grosse Hohle mit
zahllosen Echinokokkusblasen verschiedener Grösse Teilweise Zer¬
störung des 5. und 6. Wirbelkörpers durch Echinokokkusblasen ipi 7 und
9. Brustwirbelkörper je eine pfennigstückgrosse Fistelöffnung m den Wirbel-
kanal hinein. Kompression des Rückenmarkes an diesen Stellen durch
Echinokokkusblasen mit Nekrose und Leukozyteninfiltration der weissen und
grauen Rückenmarkssubstanz. Infektionsmodus nicht ermittelt. (Demon¬
stration der Röntgenbilder und einer Skizze des Sektionsbefundes.)
Herr Otten: Zur Diagnose und Therapie der Herzklappenfehler.
O. beginnt eine Vortragsreihe über Diagnose und Therapie der flerz-
klappenfehler mit einer Besprechung der Untersuchungsmethoden, die uns
über dieürösse. LageundFormdesHerzen s Aufschluss geben.
Nach einer kritischen Würdigung der Perkussions methoden erörtert O.
eingehender Technik und Bedeutung der Orthodiagraphie und re r n -
Photographie für die Untersuchung des gesunden und kranken Herzens.
Verwertbare Ergebnisse erhält man mit der Orthodiagraphie nur bei voller
Beherrschung der Methode und wenn es gelingt, die Herzumrisse möglichst
vollständig, insbesondere die oft im Zwerchfellschatten liegende Herzspitze
darzustellen. Die bei der Ausmessung des Orthodiagramms gewonnenen sog.
Normalzahlen sind wegen der von verschiedenen Bedingungen abhängigen
Schwankungen kritisch zu verwerten. Technisch einfacher und objektiver ist
die Herzfernphotographie in 2 m Abstand. Gegenüber diesem
Verfahren, das nur ein Momentbild liefert, gestattet die Orthodiagraphie gleich¬
zeitig die Betrachtung des tätigen Herzens. Ebenso wichtig wie die Be¬
stimmung der Herzgrösse und der Lage des Organs im Thorax, ist dei duicli
beide Verfahren gewährte Aufschluss über die Herz form, sowohl im
Frontalbild wie in den verschiedenen Durchleuchtungsrichtungen. O. führt im
Lichtbild eine Reihe von orthodiagrapliischen und Herzfernaufnahmen vor und
weist besonders auf die für verschiedene Herzklappenfehler und
andere Herzerkrankungen charakteristischen Formveränderungen hin.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Gemeinsame Sitzung mit der Rhein, naturforschenden
Gesellschaft Mainz am 2. November 1921.
Herren S c h m i d t g e n und Gg. B. G r u b e r sprechen über innere
Sekretion, speziell über das Steinach sehe Verjüngungsproblem.
Schmidtgen erklärt zunächst den Begriff „innere Sekretion ,
schildert dann ihre Bedeutung hinsichtlich der Keimdrüsen und der sekun¬
dären Geschlechtsmerkmale, wie sie sich aus Kastrations- und Wieder¬
einpflanzungsversuchen im Experiment dargetan hat. Hier sind von be¬
sonderem Interesse die Steinach sehen Experimente über Maskulimerung
und Feminierung an Meerschweinchen, desgleichen die G o o d a 1 e sehen Vei-
suche an Hähnen. Steinachs Verjüngungsversuche an Ratten zeigen,
dass gewisse Erscheinungen des Alters auf die Atrophie oder Degeneiation
von endokrinen Drüsen und damit zusammenhängender Verminderung der
Hormonbildung zurückgeführt werden, dass ausserdem diese sexuellen
Ausfallserscheinungen für einige Zeit durch erneute Hormonbildung behoben
werden können. Durch Ligatur des Samenabführungsweges beim Männchen
oder durch Implantation lebensfrischer Keimdrüsen wurde solche neue
Hormonisierung erreicht. Schleid t hat am S t e i n a c h sehen Ratten¬
material gezeigt, dass der Effekt solchen Vorgehens komplizierter Natur ist,
insoferne es sich um eine Beeinflussung der Korrelation verschiedener
inkretorischer Drüsen handelt. Auch die Harms sehen Versuche an
Hunden werden gewürdigt, welche für die Steinach sehe Deutung der
Verjüngungsexperimente eine Beschränkung auf die Sexualsphäre gezeigt
haben. Vortragender vertritt die Anschauung, dass durch Steinachs
Versuche nur eine partielle Verjüngung bei Ratten bewiesen ist, nämlich
soweit die Alterserscheinungen tatsächlich Folge eines Ausfalls endokriner
Drüsenfunktion sind. Trotz dieser Einschränkung sind die Steinach sehen
Forschungen für die Kenntnis der Biologie der Inkretion von grossei Be¬
deutung. , , _ , . . ,
Gg. B. Gr über bespricht die Deutung, welche Steinach und
Kämmerer den Rattenverjüngungsversuchen gegeben haben. Leider lassen
Steinachs Ausführungen einen Mangel in der histologischen Befun -
darstellung erkennen; noch mehr: sie bringen Behauptungen über histologische
Details besonders der weiblichen Keimdrüsen, welche von histologischer und
pathologisch-histologischer Seite nicht als richtig aner^"nt J a"c h s
Dies echt sowohl aus der S t i e v e sehen Kritik der Deutung Steinach,
hervor als aus den Bekundungen der verschiedensten Pathologen, auf der
Jenaer’ Pathologentagung 1921. Die Zwischenzellen des H°^.ns .sl^t ^
die Träger der Inkretion der Sexualhormone. Sie wirken, wohl als nutntive
Flemente mit den Zellen des generativen Bodenanteils zusammen. Von der
Anwesenheit und Beschaffenheit und Regenerationsfähigkeit des Keimepithels.
b/w von der Resorption seiner Stoffwechselprodukte mögen jene Erschei¬
nungen abzuleiten sein, welche sich imSteinach sehen Rat enverjungungs-
versuch zeigten. Besondere weibliche „Zwischenzeiten entsprechend den
L e v d i g sehen Zellen des Hodens sind unbekannt. Es gibt eben keine
Pubertätsdrüse. Ein Vorkommen dieser fraglichen Zellen im Homosexuellen¬
hoden ist nicht bestätigt worden. Die Schlüsse über Homosexualität, 'welche
allzu differenziert aus Steinachs interessanten Arbeiten und aus
L chtensterns Hodentransplantation auf Homosexuelle gezogen worden
sind mü’ssen auf ihre Berechtigung noch sorgfältigst geprüft werden. Die
Kämmerer sehen Ausführungen über Anwendung des Ver!U,1^u”^'
gedankens auf den Menschen sind verfrüht. Die Mitteilungen S t e l n a c h s
über erfolgreiche derartige Operationen bei Männern können völlig zwanglo.
find näherHegend erklärt werden; hier muss weitere Erfahrung abgewartet
werden an Beobachtungen, die eindeutiger sind Die Anwendung des
Problems auf das Weib mittels Röntgenbestrahlung hat ja schon S t e i n a c h
nur ganz vorsichtig angedeutet. Auch ihr Ergebnis ist mehrdeutig und zudem
fraglich, ja nicht ungefährlich. Die Ovarientransplantation ist mangels Ueber-
oflanzungsmaterials praktisch kaum in Frage zu ziehen. Der Kämmerer
sehe Hinweis auf erfolgreiche amerikanische heteroplastische Ovarien-
hnpbntation von der Ziege auf den Menschen, deren Erfo g. wie er sich in
der Diskussion eines in Mainz gehaltenen populären Vortrages ausdrucktt
nur eine Frage der chirurgischen Geschicklichkeit und Asepsis sei, ist in
jeder Richtung höchst fragwürdig. Eine Lebensverlangerung bautet .^e{
St ein ach sehe „Verjüngung“ wohl kaum. S t e l n a ch s Verdienst auf
dem Gebiet der inkretorischen Keimdrüsentätigkeit muss durchaus anerkannt
werden’ aber die Deutung, die er und seine Schule dem experimentellen
Effekt gegeben haben, ist offenbar irrtümlich, die Verheissung einer Lebens¬
verlängerung durch Anwendung der Experimente auf den Menschen ^un¬
bedingt verfrüht. _ _ _
Aerztlicher Verein zu Marburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 23. November 1921.
Herr Schwenkenbecher: Keuchhusten bei Erwachsenen.
Vortragender berichtet über eine kleine Keuchhustenendemie in seiner
Familie, deren Entstehung er in längerer Reihe verfolgen konnte. Habei
zeigte es sich, dass die Erkrankung eine auffallend grosse Anzahl von E
wachsenen befallen hatte. . i, *,.«««., al« im
Der Keuchhusten der Erwachsenen war und ist. sicher häufiger als im
Allgemeinen vermutet wird. Zeitweilig aber scheint sich auch sein Uharakter
zu verändern, so dass aus der sonst zumeist auf das Kindesalter beschrankten
Infektion eine epidemieartige Erkrankung wird, die auch Erwachsene in
grosser Zahl ergreift, sofern diese sich noch nicht durch eine uberstandene
Pertussis eine dauernde Immunität gesichert hatten.
Herr R u e t e: Demonstration der Hofiraann sehen Leuchtbildmethode.
R geht kurz auf die Ausdehnung der Dunkelfelduntersuchungen auf ge¬
färbte Ausstriche und Schnittpräparate ein, erläutert die Wichtigkeit der Ein¬
fügung der halbgeölten Mattscheibe, erwähnt die B e r e k sehen Unter¬
suchungen (nicht Fluoreszenz, sondern selektive Beugung) und dl®
schichte der Leuchtbildmethode (Arinng, S i e d e n topf, O e 1 z e).
Darauf werden die Vorzüge der Beobachtung im farbigen Licht durch Ein¬
schieben von farbigen Filtern, durch die der Untergrund bei richtiger An¬
wendung vollkommen zum Verschwinden gebracht werden kann, besprochen.
Die Methode hat sich bis jetzt bei der Untersuchung auf Tuberke 1-
bazillen, die nach Zieht gefärbt und mit blauem Filter betrachtet, auf voll¬
kommen dunklem Grunde grünlich hell aufleuchten, bewahrt. Ferner leistet
sie gute Dienste bei der Untersuchung auf Spirochaeta pallida. sowohl im
Schnitt nach L e v a d i t i wie im Ausstrich nach Schaudinn, F o ntan a,
G i e in s a usw gefärbt. Die Methode ist von Wichtigkeit zur Fruherkennung
der Syphilis, da der praktische Arzt jetzt nur auf Objektträger ausgestrichenes
Reizserum einzusenden braucht, das, gefärbt im Dunkelfeld, mehr Spirochäten
erkennen lässt als im Hellfeld.
Nach B e r e k eignet sich die Methode besonders gut zu Unterrichts-
und Demonstrationszwecken, da durch Einschieben geeigneter Filter das Nicht¬
gewünschte zum Verschwinden gebracht werden kann, so dass nur das, was
gezeigt werden soll, übrig bleibt. Durch Einschalten des Hellfeldes kann
dann das Objekt leicht erkannt werden. Demonstration von Präparaten.
Diskussion: Herr Kein in g: Die Demonstration wird im Gegen¬
satz zur herrschenden Meinung beweisen, dass fixiertes, gefärbtes
Material brauchbare Dunkelfeldbil de r gestattet, nicht
jedoch, dass man in geeigneten Fällen mehr sieht. Nur eigenes
Erproben der Methode unter Wahrung günstiger optischer Be¬
dingungen kann diesen Beweis erbringen. Einen grossen Fort¬
schritt für das Leuchtbild bedeutet die F ar bi ilt er metho de
nach Berek. Sie gestattet nicht nur eine befriedigende Erklä¬
rung der optischen Phänomene im farbigen Dunkelfelde, sondern bedeutet
gleichzeitig auch eine wesentliche Bereicherung unserer
Mikroskopietechnik. Dem Kliniker und Naturwissenschaftler wer¬
den neue Wege für zahlreiche Spezial untersuch u n g e n er¬
öffnet Die für das Dunkelfeld brauchbaren Farbstoffe können
spektral analytisch ausgesucht werden, während sie früher durch
wahlloses Probieren gefunden werden mussten. F ar blösungen
mit scharfgetrennten Absorptionsstreifen im Sjrektrum er¬
möglichen deutliche Koutrastfärbungen im Dunkelfeld. Bei
verschleierten resp. teilweise übereinandergelagcr-
ten Absorptionsstreifen mancher Farbstoffe können durch Zwischen-
Schaltung passender farbreiner Filter mit trennenden
Absorptionsstreifen deutliche Kontraste erzielt werden. Durch ent-
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
99
sprechende Filter können Farbkomponenten des farbigen
Dunkelfeldleuchtbildes ausgelöscht resp. verstärkt werden, so dass
man objektive Rückschlüsse auf die selektive Färbbar¬
keit eines Gewebes oder Gewebselementes ziehen kann.
— Das Ausgeführte wird an Hand der Demonstrationsobjekte von Herrn
R u e t e praktisch vorgeführt.
Herr W eckesser: Vorführung dermatologischer Fälle.
Fall I: Pemphigus vegetans. Typische Lokalisation an Genitale und
Aftergegend, in der linken Achselhöhle, Lippen und Mundschleimhaut; be¬
sonders bemerkenswert drüsige, plateauartige Erhebungen auf dem Kopf.
Dunkelfelduntersuchungen, die verschiedensten Spirochätenfärbungen, Kul¬
turen und Tierversuche lassen nichts Besonderes finden. Besserung nach
Behandlung mit Anästhesinsalbe und Salvarsan.
F a 1 1 II. B o ec k sches Sarcoid. Hühnereigrosser, ovaler Tumor auf dem
linken Schulterrand von Hautgefässen durchzogen, im Zentrum etwas einge-
dellt. Ein gleicher Tumor, etwas flacher, an der Innenseite des rechten
Unterschenkels. Typisches histologisches Bild. Erhebliche Besserung nach
Röntgentherapie.
Fall III. Erythema exsudativum multiforme. In batikmusterartiger An¬
ordnung über die ganzen unteren Extremitäten. Heilung nach einigen Tagen
durch Salizyl.
Fall IV. Naevus sebaceus. Angeboren, bei 18 jähr. Mann, kleine bis
erbsgrosse, aneinandergereihte Tumoren vom linken Schulterblatt bis über
die Mitte des linken Oberarms linienförmig ziehend.
Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock.
Sitzung vom 10. November 1921.
Vorsitzender; Herr Peters. Schriftführer: Herr Triebenstein.
Herr Schwarz: Ueber Röntgenbehandlung von Sarkomen.
Herr Sch. berichtet über 4 Fälle von Sarkom, die durch Röntgenbestrah¬
lung geheilt wurden (retroperitoneale Metastasen eines erfolgreich operierten
Rundzellensarkoms des Hodens, Spindelzellensarkom des Fusses, Riesen¬
zellensarkom des oberen Tibiaendes, Sarkom der Schädelbasis), weiter über
einige Fälle von Mediastinaltumoren mit Demonstrationen der Röntgenbilder
vor und nach der Bestrahlung.
Aussprache: Die Herren E h r i c h, Müller, Pol, Müller,
v. Brunn.
Herr Eggers: Gelenkplastik des Kniegelenks nach Payr bei
Pyarthros.
Herr E. stellt ein 17 jähr. Mädchen vor, bei dem er eine Kniegelenks¬
mobilisation mit Einlagerung eines Faszienstreifens nach Payr ausgeführt
hat. Das Knie war infolge eines Pyarthros, der mit Drainage im Jahre 1920
behandelt war, fast vollständig versteift. 8 Monate nach der Operation
besteht jetzt gute Gehfähigkeit, aktive Streckung bis 180°, Beugung bis 80 u.
Leichte seitliche Wackelbewegungen werden durch einen leichten Zelluloid¬
hülsenapparat mit Gelenk beseitigt.
Herr M e t g e: Ueber Splanchnikusbetäubung.
Kurzer Ueberblick über die Entwicklung der Splanchnikusbetäubung nach
Käppis aus der Paravertebralanästhesie und über unser Wissen über die
viszerale Sensibilität der Bauchhöhle überhaupt. Bericht über die 53 bisher
an der Klinik in Splanchnikusanästhesie ausgeführten Operationen. Durchweg
gute Anästhesien, z. T. erhebliche Blutdrucksenkungen. Besondere Hervor¬
hebung der Todesfälle: eine Embolie der Art. fern, aus Thrombose der
Bauchaorta, ein Kollaps beim Zusammentreffen starker Blutdrucksenkung mit
schwierigen, blutreichem Eingriff (Magenresektion, Ca.). Im allgemeinen
mildert die Splanchnikusbetäubung den Operationsschock bzw. lässt ihn
schneller überstehen.
Herr Eifel dt: Ueber Wasserversuche in rder chirurgischen Nieren¬
diagnostik.
Herr E. berichtet über Wasser- und Konzentrationsversuche an chirurgi¬
schen Nierenkranken. Die zugrundelegenden Befunde erscheinen demnächst
als ausführliche Arbeit in den Grenzgebieten für innere Medizin und Chirurgie.
Herr Schwarz: Ueber primäre Speicheldrüsenaktinomykose.
Herr Sch. berichtet über einen von ihm beobachteten und untersuchten
Fall von primärer und isolierter Speicheldrüsenaktinomykose, in dem die
Infektion der Speicheldrüse auf dem Wege des Speichelganges zustande ge¬
kommen war. In der Speicheldrüse fand sich zentral ein kleiner Abszess mit
Getreidegranne und ihr aufsitzenden Aktinomyzesdrusen.
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
Sitzung vom 12. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Brösamlen.
Herr Jüngling: Ostitis tuberculosa multiplex cystica und ihre Be¬
ziehungen zum Lupus pernio.
Der Vortragende demonstriert das Krankheitsbild an Hand von 4 Fällen
(zum Teil veröffentlicht in den Fortschritten auf dem Gebiet der Röntgen¬
strahlen Bd. 27). Die stets multipel auftretende Erkrankung bevorzugt die
Phalangen, Metakarpen bzw. Metatarsen, kommt aber auch in anderen
Knochen vor: Handwurzelknochen (Fall 1), Nasenbein (Fall 3), Epicondylus
humeri (Fall von Albers-Schönberg), Malleolus internus und
Kalkaneus (Fraenkel). Röntgenologisch tritt sie in zwei inein¬
ander übergehenden Erscheinungsformen auf: im floriden Stadium ist unter
Umständen der grösste Teil des Knochens von wabigen, konfluierenden Auf¬
hellungen durchzogen. In älteren Fällen während der Ausheilung ziehen sich
die Aufhellungen immer mehr in den Köpfchen der Phalangen bzw. Metakarpen
zusammen, wo sie rundliche bis kartenherzförmige, wie mit dem Locheisen
ausgestanzte Defekte erzeugen. Periostitische Reizerscheinungen fehlen voll¬
ständig, die Gelenke sind primär nicht befallen. Klinisch zeichnet sich
die Erkrankung aus durch sehr langsamen Verlauf, Beginn meist in der
Pubertät. Weiterhin ist charakteristisch die Kombination mit Weich¬
teil Prozessen und zwar in Gestalt von Knotenbildung in den Sehnen¬
scheiden, den Schleimbeuteln, dem Unterhautzellgewebe und der Haut selbst.
Fälle mit diesen gleichzeitigen Weichteilveränderungen werden von den
Dermatologen als Lupus pernio bezeichnet. Die Weichteilveränderungen
können sekundär sein, indem der im Knochen beginnende Prozess in die
Weichteile, ja bis durch die Haut (Fall 2 und 4) durchwuchert. Meist be¬
stehen aber die Knochen- und Weichteilprozesse koordiniert neben¬
einander, eine sekundäre Arrosion des Knochens von den Weichteilen her
dürfte wohl nicht Vorkommen. Histologisch sind die Prozesse
identisch: Knötchen vorwiegend aus Epitheloidzellen bestehend, am Rande
wenige Lymphojzyten, meist keine Langhans sehen Riesenzellen, im
Schnitt keine Tuberkelbazillen (Bericht von O p p e n h e i m - München).
Analoge Fälle sind in der letzten Zeit von Muster, Gans, Hosemann,
F r ä n k e 1 bekanntgegeben worden. In einem der vorgestellten Fälle
(Fall 4), sowie im Fall Gans ist der Tierversuch auf T uberkulose
positiv ausgefallen, was insofern bemerkenswert ist, als dieser bei Lupus
pernio im allgemeinen negativ zu sein pflegt. (Auch in Fall 2 der vor¬
gestellten Fälle negativ; der Patient ist an Lungen- und Wirbelsäulentuber¬
kulose zugrunde gegangen.)
Von der landläufigen Knochentuberkulose unterscheidet sich die
O. t. m. c. ganz wesentlich, vor allem durch das völlige Fehlen der Nekrosen;
Sequesterbildung ist nie beobachtet. Bricht der Prozess nach aussen durch
die Haut durch (Fall 2 und 4), so wird er nicht fistulös, sondern es ragen
einfach trockene Granulationen aus der Perforationsöffnung der Haut heraus.
Die Weichteilveränderungen bei dem sog. Lupus pernio rechnet die Mehrzahl
der Dermatologen zu den Tuberkuliden. Im selben Sinne könnte man die
O. t. m. c. als Tuberkulid des Knochens bezeichnen in Analogie zu
tuberkuliden Prozessen, die auch in anderen Organen Vorkommen (Lewan-
d o w s k y). Differentialdiagnostisch kommen für das Röntgenbild Enchon-
drom, Ostitis fibrosa, Lues (mal perforant) in Betracht. Aus Röntgenaufnahme
+ klinischem Bild ist die Diagnose wohl immer mit Sicherheit zu stellen.
Röntgenbehandlung hat in den meisten Fällen versagt.
Diskussion: Die Herren Schmidt, Mönckeberg, John
Miller, Stock, Jüngling.
Herr Scheerer: Krankenvorstellung. 1. Fall von fulminierender Er¬
blindung. Klinisch typischer Fall, der aber ophthalmoskopisch auch Synechien,
Glaskörpertrübungen und einen grossen peripheren Netzhautherd aufwies.
Alle Erscheinungen verschwanden spurlos, der Visus wurde anscheinend
wieder normal (3 jähr. Knabe). Aetiologie unbekannt, 4 Wochen vor Er¬
blindung wirkungslos genommenes Wurmmittel als Ursache unwahrscheinlich.
2. Röntgenbestrahlung bei Iristuberkulose. Ein anscheinend verlorenes
Auge wurde innerhalb 5 Monaten zweimal mit je etwa 14 HED. bestrahlt und
erholte sich jedesmal überraschend von den vorher bestandenen Reizzuständen
(Knötchenbildung, grosses organisiertes Kammerexsudat, Sekundärglaukom).
Der Fall ist nicht rein, da ausserdem operiert wurde, was aber anscheinend
ohne nachhaltige Wirkung blieb, ermuntert aber doch zu weiterer Anwendung
des Verfahrens.
3. Demonstration der Seidel sehen Fluoreszinprobe auf Fistulation
nach E 1 1 i o t scher Trepanation an einem beiderseitigen juvenilen Glaukom.
Die auf einer Seite versuchte plastische Deckung gelang bisher nicht.
Diskussion: Herr J ü n g 1 i n g, Herr Stock.
Herr K. Alpers: Beitrag zum Veronalnachweis in Leichenteilen.
Der Vortragende hatte Leichtenteile auf Veronal und andere Gifte zu
untersuchen. Die Teile stammten von einer Frau in mittleren Jahren, welche
im 6. Monate schwanger war; sie war unter Vergiftungserscheinungen am
4. Juli nachmittags erkrankt und etwa 24 Stunden darauf gestorben. Die
Teile kamen 8 Tage nach der Beeerdigung zur Untersuchung. Es steht nach
dem Verlauf der Krankheit und nach Zeugenaussagen fest, dass die Frau am
Nachmittage des 4. Juli 10 g Veronal eingenommen hat. Ausserdem wurde
die Vermutung ausgesprochen, dass die Verstorbene in selbstmörderischer
Absicht oder in der Absicht, die Leibesfrucht abzutreiben, vielleicht noch
anderes Gift genommen haben könnte. Flüchtige und Metallgifte waren nicht
nachzuweisen. Die Prüfung auf Veronal wurde aufs sorgsamste in dem
schwach schwefelsauren Auszug von 0,5 kg des fein zerschnittenen Magen¬
darmkanals vorgenommen. Es wurden jedoch nur 3 mg einer Substanz ab¬
geschieden, die folgende für Veronal bezeichnende Reaktionen gab: Sie zeigte
saure Reaktion und Kristallform des Veronals, die sublimierte unzer-
setzt; sie war schwer in Wasser löslich und gab mit salpetersaurem Queck¬
silberoxyd noch in grosser Verdünnung Niederschläge. Versuche, die für die
Reaktionen benutzte Substanz wieder zu gewinnen und für die Schmelzpunkt¬
bestimmung zu reinigen, misslangen. Es kann aber angenommen werden, dass
die isolierte Substanz Veronal gewesen ist. Bei der Prüfung auf Alkaloide
wurden Spuren Koffein gefunden. Es wurde später aus den Akten festgestellt,
dass der Arzt der Kranken Koffeininjektionen gegeben hatte. Der Vortragende
hält es für unwahrscheinlich, dass zur Zeit des Todes, also etwa 24 Stunden
nach Einnahme von 10 g Veronal, sich nur noch einige Milligramme desselben
im Magendarmkanal vorgefunden haben, sondern glaubt vielmehr, dass nach
dem, was wir über die Resorption des Veronals und seine Abscheidung
durch den Harn wissen, bedeutend mehr Veronal als aufgefunden zur Zeit
des Todes in dem Darm vorhanden gewesen sein muss, dass aber eine Zer¬
setzung des Veronals in den acht Tagen, die seit der Beerdigung verstrichen
waren, vor sich gegangen ist. Der Harn der Verstorbenen stand nicht zur
Verfügung, er war von dem Arzte der Kranken kurz vor ihrem Tode zu
diagnostischen Zwecken abgenommen worden.
Herr Alpers: Ueber die Verschlechterung des Nähr- und Geldwertes
der Wurstwaren während und nach dem Kriege auf Grund der Untersuchungen
des Hygienischen Institutes.
Es gelangten etwa 80 Proben Wurst, die in Metzgereien Tübingens und
Hohenzollerns vertraulich angekauft waren, zur Untersuchung auf Asche-,
Wasser-, Fett- und Proteingehalt bzw. Gehalt an organischem Nichtfett nach
Feder, sowie auf verbotene Konservierungsmittel und stärkehaltige Binde¬
mittel. Aus Fett- und Proteingehalt wurde der Kalorienwert der Würste
berechnet. Aus den tabellarisch zusammengestellten Ergebnissen sei folgen¬
des hervorgehoben:
Es fällt ein bedeutender Rückgang des Fettgehaltes während der Kriegs¬
und Nachkriegszeit auf. So zeigte z. B. Schinkenwurst 1914 22,43 Proz..
1916/19 8,55 Proz., 1921 (Januar bis April) 8,81 Proz. mittleren Fettgehalt.
Die Metzger sind also bei der während des Krieges angenommenen Gewohn¬
heit, aus dem Fettgewebe der Schlachttiere das Fett gesondert zu gewinnen,
auch in der Nachkriegszeit geblieben. Während der letzten Kriegsjahre war
allerdings auch die Schwierigkeit, fette Schlachttiere aufzuziehen, an der
Fettverarmung der Wurst schuld. Der absolute und relative Wassergehalt
der Würste ist gegenüber der Friedenszeit durchweg erhöht. Die Erholung
100
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 3.
ist zum Teil auf die Fettverarmung, zum Teil auf Streckung der Wurst mit
WaS Die 'wurstwaren sind gegenüber den meisten anderen Nahrungsrnitteln
einseitig verteuert, wie folgende Zahlen zeigen. Manjrhiel für eine : Mark ^an
Kalorien (sog. Reinkalorien): Schinkenwurst: 1914 - 1131^ 19UI19 JW.
1921 = 47. Gewöhnliche Leberwurst: W14 - 1797, 1916/19 2b2r\9l\_ •
Bessere geräucherte Leberwurst: 1914 - 2223, 1917 447^19
Blutwurst (schwarzer Schwartenmagen): 1914 JJ67> 19"n eeen‘ Erbsen;
Presswurst: 1914 — 1582, 1917 377, 1921 ■ g_
1914 = 10 344 1921 = 827, Kartoffeln: 1914 — 10 712, 1921 y52-
Der Rückgang des Kaloriengehaltes ist besonders durch die Fettve -
armung bedingt.
Nachtrag zum Offiziellen Protokoll der Sitzung vom
4. Juli 1921.
Vorsitzender: Herr Mönckeberg. Schriftführer: Herr B r o s a m 1 e n. .
Herr Weitz spricht über die Vererbung bei Muskeldystroplne.
Dem Erbgang der Muskeldystrophie wird an Hand von 15 genealogisch
genau durchforschten Familien, in denen die Krankheit beobachtet wurde und
eines grossen, aus der Literatur gesammelten Materials nachgegangen. Na_h
dem die Möglichkeit, dass bei der Erkrankung ein dominanter, ein einfach
rezessiver ufid ein geschlechtsgebunden-rezessiver Erbgang nebeneinander
vorkommt ventiliert ist, und nachdem weiter festgestellt ist, d£ss so das
starke Ueberwiegen der männlichen Erkrankten und die sicher beobachtete
Vererbung der Krankheitsanlage durch gesunde Frauen hindurch auf weibliche
Personen nicht erklärt werden kann, wird die Hypothese aufgestellt, dass „die
Krankheitsanlage durch Mutation entstehe (im männlichen und weiblichen
Geschlecht wahrscheinlich gleichhäufig), dass sie dem dominanten Erbgang
folge, und im männlichen Geschlecht, ein gewisses Alter des Erkrankte
vorausgesetzt stets die Krankheit bewirke, dagegen im weiblichen Geschlecht
nur bef einem gewissen Teil, und dass die Eigentümlichkeit des Weibes, das
Leiden trotz bestehender Anlage nicht zu bekommen, sich in manchen Fal cn
stärker zeige als in anderen.“ Unter den durch Mutation krank gewordenen
Personen kommen nur die leichter Erkrankten zur Fortpflanzung und werden
die Stammväter oder Stammütter der Familien mit dominantem Erbgang, die
übrigen bilden isolierte Fälle. Die gesunden Frauen mit Kr^nk^‘tsan'^seeV^'
erben die Anlage im Durchschnitt auf die Hälfte ihrer Kinder. Diese er¬
scheinen, wenn mehrere erkranken, als sog. familiäre Falle. Wenn m eine
Geschwisterreihe ausser Erkrankten gesunde weibliche Personen mit der
Krankheitsanlage Vorkommen, welche die Krankheit auf Deszendenten ve -
erben, so wird, wenn nur männliche Personen erkranken, ein geschlechts¬
gebunden-rezessiver Erbgang vorgetäuscht.
Das Bestehen eines Gesetzes der Anteposition und eines progressiven,
schwer degenerativen Charakters der Muskeldystroplne innerhalb einer
Deszendentenlinie wird abgelehnt nach genauer Darlegung der fa’schen
Schlüsse, durch die die gegenteilige Ansicht gestutzt scheint. Auf das nicht
seltene Vorkommen von Homologie und Homochrome bei Aszendenten und
Deszendenten wird hingewiesen. Das häufige Vorhandensein der Homo-
chronie und Homologie unter Geschwistern wird bestätigt.
Die Erscheinungen der Homochrome und Homologie und das nicht seltene
Vorkommen der Anteposition werden durch das Vorhandensein von vererb¬
baren Modifikationsfaktoren, welche den Grundfaktor, die Krankheitsanlage,
beeinflussen, zu erklären gesucht. .... . „
Der Auffassung, dass reine Fälle von Muskeldystroplne ausserst selten
seien und dass zahlreiche Uebergänge zu anderen endogenen Krankheiten die
Aufstellung der Krankheit „heredofamiliäre Degeneration* erfordern, wird
widersprochen. „ , , • ■ v . , Ä „
Das Vorkommen mehrerer endogener Erkrankungen bei einem Kranken
wird durch die Annahme erklärt, dass das schädigende Agens in dem Keim,
aus dem das kranke Individuum hervorging, mehrere Krankheitsanlagen ver-
ursacht habe
Diskussion: Die Herren Hoffman n, Gaupp, Lehmann,
Prell, Weitz. _ _ _ _
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg.
(Eigener Bericht.)
1. Sitzung vom 12. Januar 1922.
Herr M. Meyer: Ueber das Karzinom des Siebbeines.
M. hat 5 Fälle von Siebbeinkarzinom klinisch und anatomisch untersucht
Er bespricht besonders die Knochenbildung an 4 der Geschwülste. Es findet
ausser Umbau mittels Osteoblasten und Osteoklasten am praformierten
Knochen Knochenneubau im Geschwulststroma selbst statt und zwar auf
neoplastischem und metaplastischem Wege, auf dem Umwege über Knorpel
und schliesslich an schleimig degeneriertem Tumorstroma durch Kalk¬
ablagerungen, aus denen schliesslich Knochen entsteht. 2 Geschwülste zeigten
z. T. hochgradige schleimige Degeneration. 3 mal handelte es sich um
Adenokarzinome, 1 mal um ein Carcinoma solidum, 1 mal um ein 1 latten-
epithelkarzinom. .
Herr W. Schmitt: Untersuchungen zur Physiologie der Plazentar-
gcfässc
Experimentelle Untersuchungen an den Gefässen des fötalen Blutkreis¬
laufes in der Plazenta. Bestätigung der Angabe, dass die Gefasse der
Plazenta und Nabelschnur nervenlos sind an mit der Natronlauge-Silber¬
methode nach Schultze-Stöhr gefärbten Präparaten. Die Richtigkeit
dieser anatomischen Befunde vorausgesetzt sind diese Gefasse die einzigen
ohne Innervation und eignen sich zur Untersuchung der viel umstrittenen
Frage nach dem Ursprung des peripheren Gefässtonus und nach dem Angriffs¬
punkt peripher wirkender Reize. Methodik: 1. Künstliche Durchströmung
ganz frischer Plazenten, 2. Gefässstreifenmethode nach M a c W i 1 1 i a m und
v. Frey. Die Plazentargefässe reagierten auf diejenigen Reize, welche an
den Gefässmuskeln angreifen (Histamin, BaCb, Pituglandol) in gleicher oder
ähnlicher Weise, wie dies von den Gefässen der übrigen Organe des Warm¬
blüters bekannt ist. Adrenalin dagegen wurde nahezu regelmässig wirkungs¬
los gefunden, was für die Annahme L a n g 1 e y s spricht, dass Adrenalin
an den Nervenendapparaten in der Gefässwand und nicht an der Gefäss-
muskulatur angreift. Eine besonders hohe Empfindlichkeit zeigten die Pla¬
zentargefässe gegenüber dem Sauerstoff. Auf Zuleitung von Sauerstoff in
den Versuchszylinder wurden Verkürzungen des Gefässstreifens um 40 bis
50 Proz. der ursprünglichen Gefässlänge erzielt; es Hess sich
eine bestimmte Sauerstoffkonzentration eine bestimmte Qe^ssweite her
ruft Bei Einleitung eines Gasgemisches von 4,7 Vol.-Proz. Sauerstoff
ginnt die Kontraktion. Bei Zuleitung von Gasgemischen von hohe^emK^aV^'
stoffgehalt traten stärkere Gefässkontraktionen auf Zul®>tun«
säure oder Stickstoff erschlaffte die Gefasse wieder. Nach diesen Unter¬
suchungen ist es wahrscheinlich, dass auch im lebenden Organismus die
Gefässweite in der Plazenta von dem Sauerstoffgehalt des Blutes abhängt.
Die Plazenta stellt das Atemzentrum des Fötus dar. ....
Aussprache: Herr P. Hoffmann weist auf eine Arbeit von
Sleisch (unter Hess) hin, welche sehr geringen Änderungen des Pa.,
welche den im Blute liegenden entsprechen, einen starken .^‘^“^ehau oten
Regulation der Gefässweite zuspricht. Angaben von A t z 1 e r behaupte
aber das Gegenteil. Die Untersuchungen von Schmitt sprechen für
Sleisch (Stickstoff macht Erstickung). . ,
Herr v. Frey stimmt der Ansicht vom peripheren Atemzentrum in aer
Plazenta zu. Daneben haben auch die Gefässe des Fötus ihrerseits Anteil.
Er stellt die Frage, wann die Gefässnerven beim Embryo entstehen.
Herr Braus berichtet über amerikanische Arbeiten, welche eine enge
(1 mm) und eine lange spiralige (10 cm) Wicklung der parmmuskulatur nach¬
wiesen, deren Kontraktion Verengerung resp. Dilatation macht Beispiel,
dass Reiz auf Muskulatur allein ohne Nerv verschiedene Wirkung haben kann.
Herr Schmitt: Bei den Rindergefässen macht elektrischer Reiz, be¬
sonders bei den dünnen Gefässen, meist Verlängerung. Mikroskopisch findet
sich vorzugsweise Ringmuskulatur. Bei den Plazentargefassen erfolgt Ver¬
kürzung. Mikroskopisch ist die Längsmuskulatur starker. N.
Verein deutscher Aerzte in Prag
(Eigener Bericht.)
Dezember 1921.
Jaksch-Wartenhorst: 1. Fall von Chorea Huntington. Der
Stammbaum ergibt, dass das Leiden bereits in der 3 Generation vorkommt
und auch eine Tochter der Pat. zeigt nervöse Erscheinungen. 2. Fall von
Chorea postgripposa, geheilt durch Injektion von 100 ccm Grippeserum.
H. H. Schmid bespricht 2 Kranke mit retropentonealen Tumoren,
die beide durch Operation geheilt wurden. Der eine war ein retroperitoneales
Fibrosarkom, der andere ein unreifes Spindelzellensarkom.
Schubert stellt einen Fall von echten leukämischen Tumoren der Haut
vor. Sämtliche Lyinphdrüsen des Körpers waren stark vergrossert. Sub-
leukämischer Blutbefund: 4,5 Millionen Erythrozyten, 19 000 weisse Blut¬
körperchen, darunter 78,8 Proz. Lymphozyten und 18,8 Proz. Leukozyten.
Elschnig demonstriert zum ersten Male 9 ophthalmologische rilme.
Ghon: Zur Altersbestimmung der Kindertuberkulose. Kmd mit kongeni¬
taler Lues, das sich von seiner Mutter überdies mit Tuberkulose infizierte, am
Ende der 17. Lebenswoche an allgemeiner Miliartuberkulose starb. Käsiger
Primärherd in der Lunge, Lymphadenitis der regionären Lymphknoten, Anfang
der 13. Lebenswoche intradermale Tuberkulinreaktion negativ, Ende der 15.
positiv. Der tuberkulöse Prozess war aerogen erworben, 4 5, höchstens
7 Wochen alt. , , , ..
Stark enstein: Pharmakologische Beeinflussung der Flusslgkeits-
abgabe. Atophan steigert gewisse Formen der Diurese, ohne selbst auf die
normale Harnsekretion Einfluss zu nehmen. Atophan bringt nicht an und
für sich im Körper deponiertes Wasser zur vermehrten Ausscheidung, sondern
nur solches, das der Niere zur Disposition gestellt wird. Diese Vorbedingung
ist bei jeder Hydrämie gegeben, aber auch dann, wenn durch ein Diuretikum
(Xanthinderivate) mehr Wasser als in der Norm der Niere zugeführt wird.
In diesem Falle steigert dann Atophan die Wirkung des Diuretikums Die
Wahl des Diuretikums ist von der jeweiligen pathologischen Ursache der
Wasserstauung abhängig. Der Angriffspunkt dieser Atophanwirkung liegt in
der Niere und dürfte durch die Lähmung einer Hemmung (Sympathikus t)
bedingt sein, während die eigentlichen Diuretika extrarenal angreifen.
Pribram: Klinische Beobachtungen über die Einwirkung des Atophans
auf die durch Diuretika bewirkte Harnausscheidung. Es werden Kurven
demonstriert, die zeigen, dass die durch entsprechende Diuretika (Digitalis
mit Koffein bei inkompensierten Vitien, Theobromin und Kalium aceticum bei
Nephropathien) bedingte Diurese nach Atophanverabreichung unter Umständen
einer wesentlichen Steigerung fähig ist.
B e n d a berichtet über Austritt der Fettmassen aus dem Innern einer
Dermoidzyste des' Ovariums (mikrochemischer Nachweis), teils durch die
Lymphgefässe der Zystenwand, teils zwischen den Bindegewebslamellen hin¬
durch. , . . . . .
Wodak und M. H. Fischer haben eine neue, bei jeder Art von
Vestibularisreizung auftretende Reaktion, die sie als Arm-Tonus-Reaktion
bezeichnen, gefunden. Sie beobachteten nämlich eine durch die Vestibularis¬
reizung entstehende Aenderung der subjektiven Schwereempfindung. Lässt
man in dieser Phase die Versuchsperson beide Arme horizontal vor sich
hinhalten, so tritt eine Differenz in der Höhe auf, der Arm der subjektiv
schweren Körperhälfte sinkt, der andere steigt. Dieses Phänomen dauert
etwa Vi — 34 Stunde und zeigt je nach Art der Reizung rascheren oder lang¬
sameren häufigen Umschlag.
F. P i c k: Es hat sich herausgestellt, dass der Fall von Huntington -
scher Chorea, den Jaksch vorgestellt hat, die Tochter eines Mannes ist,
den P. 1895 wegen des gleichen Leidens sah und er demonstriert den damals
aufgestellten Stammbaum.
L u c k s c h demonstriert Zellelnschlüsse bei Encephalitis epidemica, die
den von J o e s t bei der Borna sehen Krankheit der Pferde gefundenen
sehr ähnlich sehen.
Kleiner: Alveolarpyorrhöe. Zusammenfassender Ueberblick über den
derzeitigen Stand der Aetiologie, Klinik, Diagnostik iund Therapie dieser
Krankheit. Es wird auf die Wichtigkeit der Röntgenuntersuchung hinge¬
wiesen. Als Therapie wird Schleimhautaufklappung in Verbindung mit medi¬
kamentöser Behandlung (60 proz. Acid. lact.) empfohlen, als Befestigungsmittel
die Rhein sehe Schiene.
W o t z i 1 k a - Aussig: Nasen- und Mundatmung. Der Atemstrom findet
in der Nase grösseren Widerstand als im Munde, daher sind die Atem¬
bewegungen des Thorax und Zwerchfells bei Nasenatmung grösser als bei
Mundatmung. Die Weite der Nasenöffnung wird durch das Spiel der Nasen¬
flügel, die des Nasenlumens durch den Füllungsgrad der Corpora cavernosa
20. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
der Nasenmuscheln verändert. Mit zunehmender Verengerung der Nase wer¬
den die Thoraxbewegungen kleiner, die Zwerchfellbewegungen grösser. Die
intrapleuralen Druckschwankungen nehmen in kaudaler Richtung zu, gehen
den Atembewegungen, besonders des Zwerchfells, parallel und sind bei Nasen¬
atmung grösser als bei Mundatmung. Der Atemstrom jeder Nasenseite führt
möglicherweise in die gleichseitige Lunge.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 3. Dezember 1921.
Herr S. Ehrmann stellt einen Mann mit Lepra tuberosa vor.
Herr A. T h i e m e (aus München) demonstriert Uvachrombilder von
Dermatosen und Reproduktionen von Uvachrombildern in Farbendruck.
Herr M. H a j e k demonstriert ein Mädchen nach Dekanulement nach
Tracheotomie.
Die Kranke kann ohne Kanüle sehr gut sprechen und sogar etwas singen,
weil eine Art Ventilverschluss dadurch hergestellt wird, dass die Mm. sterno-
cleidoinastoidei und die Mm. sternohyoidei sich gleichzeitig kontrahieren.
Herr Q. Pleschner: Fremdkörper ln der Urethra.
Herr P. Llebesny: Untersuchungen mit dem von O. Müller an¬
gegebenen Kapillarmikroskop.
Herr A. Fei sch und Herr A. Schüller: Tuberkulöser Kopfschmerz.
Die meisten Pat. sind nicht spitalsbedürftig. Die Kopfschmerzen haben
meist den Typus der neurasthenischen Kopfschmerzen. Therapeutisch hat sich
die Lumbalpunktion gut bewährt, ebenso Tuberkulin in grossen Dosen.
Sitzung vom 9. Dezember 1921.
Herr K. Fleischmann demonstriert eine Frau mit Ovarientransplan¬
tation.
Die Frau litt an Amenorrhoe und an Kinderlosigkeit. Es wurde ihr rechts
und links in den M. obliquus externus je ein halbes Ovarium einer anderen
Patientin implantiert. Der Uterus hat sich vergrössert, Blutungen mit dem
Typus der Menses sind aufgetreten; in der linken Tubenecke sitzt ein Tumor.
Herr F. D e m m e r demonstriert ein 3 Monate altes Kind, das mit einer
halbeigrossen, nicht reponiblen Geschwulst in der Nabelgegend zur Auf¬
nahme kam.
Die Operation ergab, dass es sich um ein Darmstück handelte; das
Mesenterium fehlte sektorenförmig. Es wurde eine Anastomose zwischen
dem oberhalb der Atresiestelle erweiterten Dünndarm und dem Colon
ascendens angelegt.
Herr G. Riehl: Starkstromwirkungen an der Haut.
Bei Verbrennungen spielt die Höhe der Temperatur und die Dauer der
Wirkung eine Rolle. Der Starkstrom kann hingegen alle Gewebe bis auf die
Knochen zertrümmern; dagegen sind bei Starkstromverletzungen die Haut¬
veränderungen nur mit Verbrennungen 3. Grades zu vergleichen. Exitus wird
durch die Summe der Veränderungen an den inneren Organen durch die
Joule sehe Wärme bedingt. K.
Kleine Mitteilungen.
Ueber eine neue Betäubungsmanie, die „C h 1 o r o d i n - S u c h t“ in
England, berichtet die Pharm. Ztg.
Chlorodin übt ähnliche Wirkungen aus wie Morphium und Kokain. Die
Mengen, die bisher davon im freien Verkauf zu erhalten waren, wirkten
so stark, dass sie bei längerem Gebrauch die Gesundheit völlig untergruben.
Der Chlorodindämon hat besonders Frauen ergriffen; er scheint zunächst
von aus den Tropen Zurückgekehrten eingeführt worden zu sein, die dort
Chlorodin gegen Ruhr erhielten und sich die Droge dann nicht mehr abge-
wöhnen konnten. Die englischen Behörden haben nun in Apotheken den
Verkauf nur noch auf ärztliche Rezepte hin gestattet.
Es dürfte sich um das in dem British Pharmaceutical Codex aufgeführte
Chlorodyne handeln, das als wesentliche Bestandteile 0,5 Proz. Morphium
hydrochloricum, 6 Proz. Chloroform, 3 Proz. Tinct. Cannabis Indicae enthält.
Therapeutische Notizen.
Zur Impfbehandlung der akuten gonorrhoischen
Urethritis bringt Demonchy (Presse medicale 1921 Nr. 76) eine
kurze Zusammenfassung sowohl über die Darstellung des Impfstoffes wie
über seine praktischen Erfahrungen. Er hält es nicht für absolut notwendig,
dass dem zur Reinkultur dienenden Nährboden (gewöhnliche Peptone des
Handels, zu 2 Proz. in Bouillon gelöst) ein vom Menschen oder Tier stammen¬
des Serum (Aszitesflüssigkeit, Serum, defibriniertes Blut) zugefügt wird,
sondern es genüge, ein an Aminosäuren reiches Pepton zu wählen und nicht
zu stark zu alkalisieren. Die zu injizierende Dosis der Vakzine muss um so
geringer sein, je ausgesprochener die Kongestionserscheinungen sind. Bei der
Irischen akuten Urethritis, wenn der Ausfluss erst 2—3 Tage mit zahlreichen
extrazellulären Gonokokken besteht, injiziert man anfangs % cg, wenn er älter
ist, genügen 1—2 mg; bei subakuten Formen, die 25—30 Tage zurück¬
datieren und noch nicht behandelt worden sind, muss man anfangs 1 — 2 cg
injizieren, um eine beträchtliche Allgemeinreaktion hervorzurufen. Bei allen
akuten oder subakuten Komplikationen (Orchitis, Prostatitis) verfährt man
ähnlich. Die Zahl und Folge der weiteren Injektionen richtet sich nach dem
klinischen Bilde und den mikroskopischen Veränderungen des Ausflusses (Zahl
der Gonokokken im Verhältnis zu den Leukozyten). Die besten Resultate
werden erzielt, wenn man der Vakzinetherapie eine Anzahl (7) täglicher
Spülungen folgen lässt. Wenn man hingegen von Anfang an mit der Lokal¬
behandlung einsetzt, so sollten nur Spülungen des vorderen Teils der Harn¬
röhre gemacht und alle 3 Tage Dosen von 2 — 5 mg injiziert werden; die Dauer
der Behandlung wird im allgemeinen eine längere sein, aber die Komplikationen
sind seltener, wenn man die grossen Spülungen und die höheren Dosen erst
m der Periode der Besserung anwendet, als wenn man erstere schon von
Beginn an vornimmt. Im letzteren Falle ist es vorzuziehen, die Vakzine im
Endstadium erst anzuwenden; man erzielt zahlreiche Erfolge, wenn man auf
Dosen von 2 5 mg eine starke Dosis von 2 — 5 cg folgen lässt. Diese
beiden Methoden: Impfung, dann Spülung oder umgekehrt geben gleicherweise
101
gute Resultate mit den Vakzinepräparaten, welche D. nach seiner Technik
herstellen liess. Die zweite hat den Vorzug der leichteren Anwendbarkeit,
aber erstere jenen, rascher zu wirken und verdient daher unsere spezielle
Aufmerksamkeit. St.
Franz Amon- Erlangen erprobte das von der Firma Bayer & Co.,
Leverkusen hergestellte Antiskabiosum „M i t i g a 1“, eine organische
Schwefelsäureverbindung, an der Erlanger dermatologischen Klinik. Bei
allen 60 njit dem Mitigal behandelten Fällen trat ein voller Erfolg ein. Bei
über 90 Proz .der Fälle war der Juckreiz bereits nach der 2. Einreibung des
Oels verschwunden; die objektiven Erscheinungen waren oft schon nach der
ersten Einreibung im Rückgänge. Ein Rezidiv wurde nicht beobachtet. Das
Mittel erwies sich als vollkommen unschädlich auch für die kindliche Haut
(der jüngste Patient war 10 Wochen alt). Es ist in der Anwendung sauber
und beschmutzt die Wäsche nicht. Der Preis für eine Flasche, die für eine
Kur genügt, beträgt 12 Mark. (Therapeutische Halbmonatshefte 1921, 11.)
H. T h i e r r y.
W. Rieder- Frankfurt a. M. berichtet über eine Kombination
von Skopolamin mit Laudano n, wie sie bei Röntgentiefenbestrah¬
lungen in der Schmieden sehen Klinik gegeben wird. Durch eine Ver¬
abreichung von 0,04 g Laudanon zusammen mit 0,0004 g Skopolamin, das in
sterilen Ampullen erhältlich ist, konnten auch die sensibelsten Patienten die
stundenlang dauernden Bestrahlungen aushalten. Sie wurden dadurch in
einen Dämmerschlaf versetzt, der 7 — 8 Stunden anhielt; bei noch länger
dauernden Bestrahlungen musste noch eine halbe bis eine ganze Spritze
nachgegeben werden. Unangenehme Nebenwirkungen der Injektion wurden
nie beobachtet bei den über 200 bisher damit behandelten Fällen.
Auf Grund der günstigen Erfahrungen rät R. zur Anwendung dieser
Kombination auch im Operationssaal und bei der Ausführung des Pneumo¬
peritoneums. (Therapeutische Halbmonatshefte 1921, 11.) H. T h i e r r y.
Studentenbelange.
Reichsbund der Kriegsteilnehmer.
Der Verband der Kriegsteilnehmer deutscher Hochschulen erlässt einen
Aufruf, in dem er die Notlage der akademischen Kriegsteilnehmer darstellt
und betont, dass grosse Mittel erforderlich sind, um die von ihm begonnene
Nothilfe fortzusetzen. Er will durch Gewährung von Darlehen und Unter¬
stützungen den bedürftigen studierenden Kriegsteilnehmern die Ablegung des
Examens ermöglichen und ihnen nach dem Examen den Eintritt in das
Berufsleben erleichtern. Im November 1921 wurden zum ersten Male
600 000 M. an Unterstützungen ausgegeben. Einzahlungen sind zu leisten
auf das Postscheckkonto München 13 921 oder auf das Bankkonto 230 der
Städtischen Sparkasse München. (Aus Hochschulbl. d. Voss. Ztg.) v. V.
Zum Verfassungskampf in der deutschen Studentenschaft.
Im Allgemeinen studentischen Pressedienst ist folgende Bekanntmachung
des Vorstandes der deutschen Studentenschaft erschienen;
„Am Freitag, den 9. und Sonnabend, den 10. Dezember 1921 tagte in
Göttingen der Spruchhof der reichsdeutschen Studentenschaft, der sich mit
den schwebenden Verfassungsfragen zu beschäftigen hatte. In der Presse
sind bereits die widersprechendsten Gerüchte aufgetaucht über die angeblich
gefällte Entscheidung. Wir warnen davor, weiterhin mit diesen meist recht
tendenziös gehaltenen Ausführungen, die in keiner Weise den Tatsachen
entsprechen, die studentische Oeffentlichkeit zu beunruhigen. Der Entscheid
des Spruchhofes wird der Oeffentlichkeit sofort bekanntgegeben, nachdem
er Rechtskraft erhalten hat.“
Es ist zu wünschen, dass die Entscheidung des Spruchhofes in dieser
wichtigen Frage möglichst bald der Oeffentlichkeit bekanntgegeben wird,
damit endlich Klarheit herrscht über die Verfassung der deutschen Studenten¬
schaft. v. V.
Bund deutscher Assistenzärzte.
L Die in Nr. 2, 1922 der „Aerztl. Mitt.“ veröffentlichten und den
medizinischen Wochenschriften zur Veröffentlichung eingesandten Richtlinien
betreffs der Facharztfrage wurden in ausführlich begründeter Form auch
dem Vorstand des Verbandes der Fachärzte Deutschlands übermittelt.
Gleichzeitig wurde dieser gebeten, seiner Forderung, dass die Fachärzte ihre
Assistenten zeitentsprechend besolden sollen, durch Einwirkung auf seine
Ortsgruppen und durch erneuten Hinweis in den Fachärztl. Mitteilungen
Nachdruck zu verleihen. Die z. Z. oft noch recht unzeitgemässe Bezahlung
der Privatassistenten wurde dabei besonders betont. Die Frage des vom
diesjährigen Vertretertag angeregten Kartells des B.D.A. mit dem V.d.F.D.
ist in die Wege geleitet.
2. Die Veröffentlichung der Notizen des B.D.A. in den medizinischen
Wochenschriften bietet nunmehr die Möglichkeit, weitere Kreise mit den
Bestrebungen des B.D.A. bekannt zu machen. Die Ortsgruppen sind zur
Mitarbeit eingeladen. Etwaige Beiträge müssen Rücksicht nehmen auf die
Kostbarkeit des Raumes und sind an. die Geschäftsstelle einzusenden, wo sie
redigiert werden.
3. Beitritt zum B.D.A. erfolgt durch Anschluss an die nächste Ortsgruppe.
Voraussetzung ist die Mitgliedschaft zum L.V. Der B.D.A. hat keine Einzel¬
mitglieder, sondern setzt sich zusammen aus Ortsgruppen und bildet als
Ganzes eine Sondergruppe des L.V. Ortsgruppenverzeichnis befindet sich im
Neudruck und kann demnächst von der Geschäftsstelle bezogen werden.
4. Abzüge vom Gehalt für freie Station dürfen nach Beschluss des dies¬
jährigen Vertretertages höchstens 25—33% Proz. betragen.
5. Beschleunigte Rücksendung des Fragebogens ist geboten, ausführliche
Berichte über die gegenwärtige Lage bei den Ortsgruppen sind sehr er¬
wünscht.
Anfragen etc. unter Beifügung von 2 M. für Rückporto an die Ge¬
schäftsstelle des B.D.A., Leipzig, Dufourstr. 18, 2.
Der Vorstand:
Dr. Kortzeborn, 1. Vorsitzender.
102
mHNCHFNER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _
Nr. 3.
Tagesgeschichtliche Notizen.
t. _ — IC Toninr
München, den 18. Januar 1922.
Die
— (iewerbeärzte, wie sie in anderen Ländern sich bereits be-
Ctet ^ - Zur ^ Unterstützung der technischen Gewerbeaufsichtsbeamten in ge-
ääss satg ”Hr
sä £1 . ä
“s* vr i,°ä s,nsn m *äk5
r SÄST Är»Ä d”f
*ns Bä
Prüfung und Fortbildung der Gewerbearzte erlasst der Minister für Volks
Wohlfahrt Qesetz betreffend Wochenhilfe und Wochenfür¬
sorge vom 28. Dezember 1921 bringt gegenüber der bisherigen ^chtslage
nach zwei Richtungen wesentliche Aenderungen. Einmal wird der Betrag des
Stillgeldes erhöht und zwar gleichmässig für die Versicherten-Wochenh l
die F unilien wochenhilfe und die Wochenfürsorge von bisher 1.50 M. täglich
auf LsS M täglich. Ferner wurde die sog. .^nderbemittelu «
der Wochenfürsorge, welche letztmals durch Alt. I I ZifL 2 des Gesetzes
vom 29 Juli 1921 auf 10 000 M. erhöht wurde, nunmehr auf 15 000 M. neraut
gesetzt. Bei dem Erhöhungsbetrag von 500 M. für jedes vorhandene Kind
unter 15 Jahren ist es auch diesmal verblieben. Das neue Gesetz ist .
am 5^Janimr ds. J^n -^Leipsdg hat aus Gesundheitsrücksichten sein
Mandat zum vorläufigen Reichswirtschaftsrat niedergelegt. An seiner Stelle
wurde * Herr Herzau- Berlin als Ersatzmann gewählt und berufen Auch
in der Schriftleitung der „Aerztlichen Mitteilungen lasst sich Herr Ha
In ann zurzeit (von Herrn Dippe) vertreten. Die Nachricht von der Er¬
krankung ihres erprobten Führers erfüllt die Aerzteschaft mit ernster Sorge.
Dass er den wir schlechterdings nicht entbehren können, uns bald in voller
Kraft wiedergegeben werden möge, ist der aufrichtige und allgemeine Wunsch
der ^non^rnzt^urde ein Arzt wegen angeblich schlechter Behandlung
einer Femurhalsfraktur, entgegen dem Gutachten der sach¬
verständigen Aerzte, die die Behandlung für genügend erklärt hatten, zur
Zahlung einer hohen Entschädigung verurteilt. Die Jury gründete ihren
Spruch vornehmlich darauf, dass der Arzt es unterlassen hatte
Röntgenaufnahme zu machen.
— Die Universum-Film-Aktiengesellschaft Berlin, Kothenerstr. 1 4 (Ufa),
hat unter Benutzung amtlichen Materials eine Reihe weiterer medi¬
zinischer Volksbelehrungsfilme herausgegeben. Es sind er¬
schienen bzw. stehen vor der Vollendung die Filme: Säuglingspflege.
Krüppelnot und Krüppelhilfe; die Pocken, ihre Gefahren und deren Be¬
kämpfung; die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit, ein
Tuberkulosefilm; Hygiene des häuslichen Lebens Andere Filme s'emher A
sind in Vorbereitung. Ein Erlass des preuss. Ministers für Volkswohlfahrt
ordnet an. die Vorführung auch dieser Volksbelehrungsfilme nach Möglichkeit
zu fördern, insbesondere auch die Kreismedizinalrate auf die Filme auf¬
merksam zu machen und ihnen ihre Verwertung für Vertragszwecke zu
empfehlen. g Deut$che ä r z 1 1 i c h e Gesellschaft für St r a h 1 e n-
therapie veranstaltet vom 6. März bis L April einen 4 wöchentlichen
Fortbildungskurs, welcher unter Leitung von Prof. Dr. V . S c h m le d e n
in den Kliniken und Instituten der Universität Frankfurt a M. ab
gehalten wird. Der Kurs soll hauptsächlich der praktischen Ausbildung
der Teilnehmer in der Röntgentiefentherapie
wird vom 2. bis 5. April in Hamburg an der Universitats-Hautklinik
(Direktor- Prof. Dr. A r n i n g) und in der Lupusheilstätte eine Vortragsreihe
für D e r m a t o 1 o g e n, Vbm 24. bis 29. April in Tübingen unter Leitung
von Prof Dr Perthes ein Vortragszyklus über das Gesamtgebiet der
Strahlentherapie mit Demonstrationen und praktischen Uebungen und vom
29. April bis 1. Mai eine Radiumtagung der Gesellschaft in B ad Kreuz¬
nach stattfinden. Anmeldungen für das Praktikum in Frankfurt a. M. sind
zu richten an Dr H. H o 1 f e 1 d e r, Chirurgische Universitätsklinik, für den
Kurs in Hamburg an Priv.-Doz. Dr. Hans R i 1 1 e r, Krankenhaus St Georg,
für den Vortragszyklus in Tübingen an Priv.-Doz. Dr. O. Jüngling,
Chirurgische Klinik und .für die Radiumtagung an Dr. W Engel mann.
Bad Kreuznach, Ludendorfstr. 12. Beitrittserklärungen für die Deutsche
Gesellschaft für Strahlentherapie nimmt entgegen der Schriftführer I rof. Hans
Meyer, Bremen, Parkallee 73.
— Die nächsten Ferienkurse der Dozentenverei n l g uns f u r
ärztliche Ferienkurse in Berlin finden vom 2. bis 29. Marz
statt. Monatskurse werden jeden Monat veranstaltet. Sämtliche Disziplinen
finden Berücksichtigung. Programm durch die Geschäftsstelle Berlin NW. 6,
Luisenplatz 2—4 (Kaiserin-Friedrich-Haus).
— In den Nürnberger Fortbildungsvortragen sind
folgende weitere Aenderungen nötig geworden: Am 28. Januar spricht nicht
Oberarzt S c h e i d e m a n d e 1, sondern Geh.-Rat v. Noorden und am
11. Februar spricht statt O.-R.-M.-R. Mayr O.-A. Scheidemandel.
— Der 38. Baineologenkongress, der vom 15.— 18. Marz 1922
unter dem Vorsitz von Wirkl. Geh. Ob. -Med. -Rat Prof. Dr. Dietrich m
Berlin (Kaiserin-Friedrich-Haus, Luisenplatz 2—4) tagen wird, wird in der
Hauptsache die Beeinflussung des Stoffwechsels und der Stoffwechselkrank¬
heiten durch die Baineologischen Heilfaktoren behandeln. In dem allgemeinen
Teil werden Geh.-Rat Strauss und Prof. Bickel über den Einfluss der
Bade-, Klima- und Trinkkuren auf den Stoffwechsel, Prof. Franz Müller
über Balneologie und Stoffwechselfragen früher und jetzt, und Prof. Erich
Müller über die Stoffwechselkrankheiten im Kindesalter sprechen,
einzelnen S.oBweeLeJtankhelte» werten i« dnreh enien , n, ecken Vortrnn
eingelcitet. Die Einleitung über Diabetes hat Geh -Rat M ink o w s k i ub
nommen, über Gicht Geh.-Rat Hl s, über Fettsucht Prof. Dr. P. E K • C J
t e r, über innere Sekretion Geh.-Rat Franz, Pro . S c h 1 a y u
Prof. Mansfeld. Auskunft über den Kongress erteilt der stellve tr . Ue
neralsekretär der Baineologischen Gesellschaft Dr. Hirse h, Charlottenburg,
Fraunhof^str.A16v zt)iche Handbuch für Bayern, das infolge der
schwierigen Verhältnisse seit 1914 nicht mehr erscheinen konnte, wid»
mehT Anfang April durch die Fr. Bassermannsche Verlagsbuchhandlung
in München neu herausgegeben werden. Wn„h- vnm , b;s
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom l. ms
7. Januar wurden in Frankfurt a. O. bei einem aus dem russischen Hunger¬
gebiet eingetroffenen Transport von 171 deutschstämmigen Flucht g
57 Fleckfieberfälle ermittelt. Nachträglich wurden noch mitgeteilt iur die
Zeit vom S. Dis 24. Dezember v. 1 8
Kriegsgefangenen in Osternothafen (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez Stettin),
vom' 25. bis 31. Dezember v. J. 17 Erkrankungen —darunter 1 £rankenpflege-
nerson — in Frankfurt a. O. — Polen. Vom 11. September bis 8. Oktober
v. J. 693 Erkrankungen (und 53 Todesfälle), davon in der Stadt Warschau
ix (\) in den Bezirken Posen 6 und Pommerellen 1.
— In der 52. Jahreswoche, vom 25. bis 31. Dezember 1921, hatten ^ von
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Wies¬
baden mit 36,9, die geringste Neukölln mit 7,4 Todesfällen pro Jahr un
1000 Einwohner. Voff‘ K.-U.-A.
Hochschulnachrichten. . |
Erlangen. Der Hofzahnarzt Dr. med. dent. et phil. Christian j
üreve, vormals in München, ist unter Verleihung des Titels und Ranges 1
eines ausserordentlichen Professors als Privatdozent für Zahnheilkunde in die j
medizinische Fakultät der Universität Erlangen aufgenommen worden j
Dr G r e v e ist als Abteilungsvorstand in das Erlanger zahnärztliche Institut j
eingetreten und hat zugleich einen Lehrauftrag für konservierende Zahnheil- j
künde erhalten, (hk.) .... ]
Freiburg i. B. Den Privatdozenten an der Universität Freiburg j
Dr. Karl A m e r s b a c h (Laryngo-, Rhino- und Otologie), Dr. Hans B o k e r
(Anatomie, vergl. Anatomie und Entwicklungsgeschichte) und Dr. Paul
L i n d i g (Geburtshilfe und Gynäkologie) wurde die Dienstbezeichnung
ausserordentlicher Professor verliehen, (hk.) / +ot.v,oihiahr
Heidelberg. Die Universität weist an diesem Winterhalbjahr I
2424 immatrikulierte Studierende auf, davon in der medizinischen Fakultät 3
638, darunter 136 Studierende der Zahnheilkunde, (hk.) . . . !
Kiel Prof Dr W. Berblinger wurde vom Preuss. Ministerium ]
für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mit der Vertretung des durch das j
Ableben von Prof. Löh lein erledigten Ordinariats für allgemeine Patho¬
logie und pathol. Anatomie an der Universität Marburg für das Winter¬
semester 1922 beauftragt. ... ' „ .
München. Habilitiert: Dr. Max Nadoleczny für Sprach- und
Stimmstörungen. Habilitationsschrift: Untersuchungen über den Kunstgesang
Probevortrag: Phonetik und Heilkunde. — Habilitiert: Dr. med. Paul
Martini, Assistent der II. med. Klinik, für innere Medizin. Vortrag: Ueber
den Muskeltonus. Ferner Dr. med. Johannes L a n g e, Assistent der -
psychiatrischen Klinik, für Psychiatrie. Probevortrag: Ueber Gewohnungs-
schwäche und krankhafte Gewohnheiten. ... , .
Münster. Für das neugegründete Extraordinariat der Zahnheilkunde
ist der beauftragte Dozent und Direktor des zahnärztlichen Instituts Prof.
Max A p f e 1 s t a e d t ausersehen, (hk.) _ , , .3
Würzburg. Die medizinische Fakultät der Universität Wurzburg hat
in ihrer Sitzung vom 21. XII. 1921 den Dr. Josef Schneider-Preis für die
beste Arbeit auf dem Gebiete der Erforschung und Bekämpfung der tuber¬
kulöse während der letzten 10 Jahre einstimmig dem a. o. Prof. Dr. Karl
Ernst Ranke in München zuerkannt. Die nähere Begründung lautet: „Sie
haben durch Ihre verdienstvollen anatomischen Untersuchungen über _ den
Primärkomplex und das sekundäre Stadium der Tuberkulose das klinische
Verständnis für den Beginn der Tuberkuloseinfektion vertieft und damit die
Brücke geschlagen, um auf dem Boden der pathologischen Anatomie die
Anfänge der Tuberkulose -klinisch besser zu verstehen. Da der Kampf gegen
die Tuberkulose in erster Linie ein solcher sein wird, der sich mit den ersten-
Stadien befasst, so kommt Ihren Untersuchungen eine grosse praktische Be¬
deutung zu.“ Mit dem Preise, der hiermit zum ersten Male verteilt wird, ist
die Zuweisung von M. 5460. — aus den Zinsen der Dr. Josef Schneider-
Theresiastiftung verbunden. — Die medizinische Fakultät hat den Rinecker-
Preis (eine silberne Medaille nebst 1000 M.) dem früheren langjährigen ord.
Professor an der Strassburger Universität Dr. Franz Hofmeister, jetzt
Honorarprofessor für physiologische Chemie in Würzburg, zuerkannt, (hk.)
Todesfall. ^ u u t <
In Berlin starb am 2. ds. der bekannte Verlagsbuchhändler Geh. notrat
Alfred K r ö n e r. 60 Jahre alt. K r ö n e r s Verlag war im wesentlichen
ein philosophischer, er pflegte aber auch die Naturwissenschaften und ist be-
kannt als Verleger der Werke Wundts, Darwins und H a e c k e 1 s.
Lebhaft interessierte er sich für die junge Wissenschaft der Vererbungslehre,
zu deren Förderung er 1913 bei der Bayerischen Akademie der Wissen¬
schaften eine Stiftung von 30 000 M. machte.
Korrespondenz.
Kostenfreie Lieferung von Sonderdrucken.
Wie früher mitgeteilt wurde, haben die Verleger der grossen medi¬
zinischen Wochenschriften wegen der unverhältnismässig hohen neuen Druck-
und Papierpreise die früher übliche kostenfreie Lieferung von Sonderdrucken |
von Originalarbeiten eingestellt und dafür eine entsprechende Erhöhung des |
Verfasserhoinorars eintreten lassen. Da diese Abmachung von seiten ariderer
Verleger nicht eingehalten und sie dadurch hinfällig geworden ist, wild der
Unterzeichnete Verlag in Zukunft, wie früher, von Originalarbeiten aut
Wunsch 25 Sonderdrucke kostenfrei liefern, gleichzeitig aber, um diejenigen
Verfasser, die keine Sonderdrucke beziehen, nicht schlechter zu stellen, diesen
einen den Herstellungskosten von 25 Sonderdrucken entsprechenden Zuschlag
zum Honorar gewähren. L F. Lehmanns Verlag.
Verlag von J. F. L eh m ann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. - Druck von E. Mühlthaler’s Buch- und Kunstdruckerei, München.
Preis der einzelnen Nummer 3. - 1. • Bezugspreis in Deutschland
• • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. ...
Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richten
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Nr. 4. 27. Januar 1922. Schriftleitung: Dr. B. Spatz. Arnulfstrasse 26.
_ ' Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich daa ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Medizinischen Klinik Kiel.
(Direktor: Prof. Dr. Schittenhelm.)
Ueber cholämische Lipämie.
Von Max Bürger.
ln der Erörterung der Pathogenese der Cholelithiasis ist der Ur¬
sprung des Gallencholesterins vielfach diskutiert worden. Nach der alten
N a u n y n sehen Anschauung ist der Gehalt der Galle an Cholesterin
nahezu konstant und rührt in erster Linie von den Mauserungsvor¬
gängen der Epithelien der Gallengänge her. Noch neuere Autoren sind
für diese Anschauung eingetreten. W e i n t r a u d 0 glaubt, dass die
Leberzellen weder als Bildungsstätte noch als Ausscheidungsorgan für
das im Blute dauernd vorhandene Cholesterin anzusehen seien. Auch
Hoppe-Seyler2) schliesst sich dem an. Demgegenüber haben
A s c h o f f und seine Schüler, vor allem B a c m e i s t e r 3), der Leber
eine wichtige Bedeutung im Cholesterinhaushalt zugeschrieben, ln
eigenen 4) mit B e u m e r durchgeführten Untersuchungen sind wir zu
der Ueberzeugung gekommen, dass die Leber als ein Ausscheidungs¬
organ für das Cholesterin anzusehen ist, und dass ein behinderter Gallen¬
abfluss eine Riickstauung von Cholesterin im Blute zur Folge haben
muss. Wir wiesen bereits 1913 darauf hin, dass es bei Cholämie
infolge Gallenabflussbehinderung zu einer Vermehrung des Cholesterins
bis auf das Vierfache des normalen Wertes kommen kann,
j Unsere damaligen Mitteilungen fanden von verschiedenen Seiten
Bestätigung und unsere Auffassung der Leber als Ausscheidungsorgan
des Cholesterins Zustimmung [Hueck und Wacker5), Rosen-
t h a 1 und Holzer5), E p p i n g e r 7), L i c h t w i t z 8), R e t z 1 a f f 9)].
Gleichzeitig wurde damals eine erhebliche Vermehrung des Gesamt-
fettgehaits des Blutes der Ikterischen von uns festgestellt, die ohne
sichtbare Trübung des Serums einhergeht (latente Lipämie), und zwar
fand sich diese Erscheinung trotz fettarmer Kost der untersuchten Fälle.
Eingehender hat sich F e i g 1 10) mit unseren Resultaten beschäftigt.
Er bestätigt an grösserem Material die cholämische Hypercholesterinämie,
findet Erhöhungen bis zum Fünffachen der Norm. Die starke Ver¬
mehrung des Gesamtfetts wird von ihm gleichfalls festgestellt; auch
er vermisst eine Trübung bei dieser Form der Lipämie, gebraucht statt
des von uns eingeführten Ausdrucks „latent e“, die Bezeichnung „mas¬
kierte“ Lipämie. Auch die später noch zu erörternde geringe Ver¬
esterung des Cholesterins bei cholämischer Hypercholesterinämie wird
von ihm nach dem Bloorschen Verfahren bestätigt.
Diese Befunde regen in mehrfacher Hinsicht zur Weiterarbeit an.
Einmal wurde durch die gleichzeitige erhebliche Vermehrung der Blut¬
fette, Lipoide und des Cholesterins bei behindertem Gallenabfluss ein
helles Schlaglicht auf die Beziehungen des Cholesterins
zum intermediären Fettstoff Wechsel geworfen. Anderer¬
seits ist durch die jetzt gegebene Möglichkeit, das Bilirubin im Blute
quantitativ zu bestimmen, die Frage der Erörterung zugänglich geworden,
ob sämtliche Formen von Ikterus mit einer der Bilirubinvermehrung ent¬
sprechenden Steigerung des Blutcholesterins einhergehen. Nachdem ich
das bereits 1913 getan, ist neuerdings wieder (u. a. von R o s e n t h a 1 und
Holzer) darauf hingewiesen worden, dass der mechanische Stauungs-
ikterus bei Verlegung der Gallenwege durch Steine, Karzinome, Nar¬
ben oder geschwollene Drüsen von einer Rückstauung sämtlicher
Gallenbestandteile ins Blut begleitet Ist, während beim dissoziier¬
ten Ikterus der französischen Autoren11) lediglich eine Vermehrung
D Weint raud: v. Noordens Handb. d. Patli. d. Stoffw. (2) 1, 741.
2) Hoppe-Seyler: Quincke-Hoppe-Seyler, Die Krankheiten der
Leber, Wien-Leipzig 1912 (2) S. 53.
*) Ba'cmeister: Bioch. Zschr. 1910, 26. 223.
) Bürger und Beumer: B.kl.W. 1913 Nr. 3. — Dieselben:
Arch. f. exp. Path. u. Pharm. 1913, 71, 311. — Dieselben: Zschr. f. exp.
Path. u. Pharm. 1913, 13. — Dieselben: Ebenda 13. — Dieselben:
Bioch. Zschr. 1913, 56, 446.
5) Hueck und Wacker: Biochem. Zschr. 100, 93.
”) Rosen thal und Holzer: D. Arch. f. klin. M. 1921. 135, 257—280.
) Eppinger: Die hepato-lienalen Erkrankungen, Berlin 1920, S. 146.
8) Licht witz: Klin. Chemie, Springer, 1918, 248.
®) Retzlaff: D.m.W. 1921 Nr. 28.
) Joh. F e i g Ii: Ueber das Vorkommen und die Verteilung von Fetten
und Lipoiden im menschlichen Blutplasma bei Ikterus und Cholämie. Bioch.
Zschr. 1918, 90, 1.
“) Literatur bei Br ul 6: Ictires, 2. Ed., Paris 1920, Masson.
) Bürger: Verh. d. D. Kongr. f. inn. M. 30, 331.
Nr. 4.
des Gallenfarbstoffs oder der Gallensäuren, nicht aber eine solche
des Cholesterins im Blute stattfindet.
Der pleiochrome Ikterus zeigt nun eine einseitige Ver¬
mehrung des Bilirubins im Blute ohne gleichzeitige Vermehrung des
Blutcholesterins. Ich fand in einem Falle von hämolytischem Ikterus,
über den ich auf dem Deutschen Kongress für innere Medizin, Wies¬
baden 1 9 1 3 12) berichtete, folgende Werte:
1000 g Serum enthalten
Trockensubstanz 83,985
Eiweiss 69,631
Totalextrakt 5,349
freies Cholesterin 0,129
Cholesterin als Ester 1,547
Gesamtcholesterin: 1,676
Das Serum ist intensiv gelb gefärbt und gibt die G m e 1 i n sehe
Probe.
In einem neuerdings in meine Beobachtung gekommenen Fall
von hämolytischem Ikterus fanden sich folgende Werte:
Totalcholesterin 1,710
davon freies Cholesterin 0,55
gebundenes Cholesterin 1,160
in 1000 g Serum.
Das Serum enthält nach Hymans van den Bergh 0,136 Prom.
Bilirubin.
In diesen beiden Fällen besteht eine hochgradig ikterische Ver¬
färbung des Serums mit erheblicher Vermehrung des Bilirubins, ohne
dass die Werte des Cholesterins entsprechend wesentlich erhöht sind,
sie liegen in beiden Fällen noch an der oberen Grenze der Norm.
Tabelle 1 Hämolytischer Ikterus.
1000 g Serum enthalten :
Gebund.
Cholest.
in 0/„ v.
Total-
cholest.
Fall
Nr.
Autor
Bilirubin
Oesamt¬
fett
Gesamt-
cholest.
Freies
Cholest.
Ester-
cholest.
Gehalt
in % v.
Totalfett
1
Bürger1) (1913)
sehr reich 1.
5,349
1,676
0,129
1,547
92,3
31,3
2
Bürger (1921)
0,136
1,710
0,55
1,160
67,8
2 a
Rosenthal und
Holzer (1921)
18 Zeiteinh.
-
1,100
—
-
—
—
1000 g Blut enthalten :
3
Eppinger2) (1920)
5,434
0,906
0,491
0,415
45,8
16,6
4
Eppinger (1920)
6,327
1,167
0,854
0,313
26,5
18,4
') Bürger: Kongress für in iere Medizin 1913. S. 331.
-) Eppinger: Die liepatolienalen Erkrankungen. 146. Springer, Berlin 1920.
Auf Tab. 1 sind die von mir, von Eppinger, von Rosen thal
und Holzer untersuchten Fälle von hämolytischem Ikterus zusammen¬
gestellt. Die von Eppinger übernommenen Werte sind nicht ohne
weiteres mit den meinen vergleichbar, da sie sich auf Gesamtblut be¬
ziehen, nicht auf Serum wie die meinen. Alle Daten zeigen überein¬
stimmend, dass das üesamtfett jedenfalls nicht über die Norm erhöht
ist. Besonders hervorheben. möchte ich, dass das Serumcholesterin
meiner Fälle zu einem hohen Prozentsatz verestert ist, ganz im Gegen¬
satz zu dem Verhalten beim mechanischen Ikterus. Die entsprechen-
denZahlen liegen bei Eppinger niedriger, weil bei ihnen das Chole¬
sterin der Blutkörperchen eingezogen ist, welches wie unsere 13) alten
Untersuchungen am Menschen erwiesen und wie Wacker und
Hueck für das Tier mehrfach bestätigt- haben, nur freies Chole-
I StG rin enthalten.
Wir haben demnach hier das Recht, von dissoziiertem Ikterus irn
Sinne der französischen Autoren zu sprechen.
Gegenüber diesen Formen von hämolytischem Ikterus, die ohne
oder ohne wesentliche Hypercholesterinämie einhergehen, wohl aber
mit einer gewaltigen Vermehrung des Bilirubins (pleiochromer Ikterus)
stehen die Fälle mit behindertem Gallenabfluss, die eine starke Steige¬
rung der BIutcholesterinwert\ mit sich bringen.
Es muss in diesem Zusammenhänge aber bemerkt werden, dass die
von Grigaut und seinen Schülern14) und meist auch von Rosen-
13) B e u m e r und Bürger: 1. c„ speziell Arch. f. exp. Path. u. Pharm.
1913. 71, 316 ff.
”) Grigaut: Le cycle de la cholesterinemie, Steinheil, Paris 1913.
104
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
t h a 1 und Holzer geübten kolorinietrischen Cholesterinbestimmungs-
verfähren besonders bei stark farbstoffhaltigen Seren unzuverlässig
sind, worauf ich mit Reinhardt13) in anderem Zusammenhänge
hingewiesen habe (Xanthosis diabetica). Eine exakte Reststellung des
dissoziierten Ikterus ist nur mit der von piir und Beumer ) in die
Klinik eingeführten Windaus sehen Cholesterinbestimmung des
Blutes methodisch möglich. ,
Das Bilirubin wurde nach Hijmans vandenBergh ) bestimmt.
Die Modifikation von Thannhauser und Andersen ). die eine
wesentliche Verbesserung der Methode bedeutet, konnte noch keine
Berücksichtigung erfahren. ,
Das Gesamtiett wurde nach Ausfüllung des Serums mit der zehn-
fachen Menge Alkohol, Auswaschung des Koagulats mit Alkohol und
Aether bis zur Fett- und stets kontrollierten Cholesterinfreiheit, Ab-
destillieren des Filtrats und Aufnahme des Rückstands in Petroläther
gewogen. Es wird in getrennten Portionen des Filtrats einmal das
freie, in einer zweiten Portion nach energischer Verseifung das Ge¬
samtcholesterin bestimmt. Man findet bei diesem Vorgehen ca. 5 g
ätherlöslichen Gesamtextrakt in 1000 ccm Serum, ein Wert, der sich
mit den bei früheren Untersuchungen gefundenen, gut deckt. Ich gebe
zunächst eine Uebersicht sämtlicher von mir bei Ikterischen gefun¬
denen Werte, aus welcher hervorgeht, dass mit Ausnahme eines Falles
von acholurischem Ikterus eine beträchtliche Vermehrung der Gesamt¬
fette des Serums sich findet. Die Zahlen erreichen im Maximum das
Vierfache der Norm, liegen im allgemeinen 2— 3 mal so hoch als unter
physiologischen Bedingungen. Trotz dieser erheblichen Zunahme ist
das Serum in allen diesen Fällen klar und nicht milchig, wie bei den
übrigen Formen der manifesten Lipämie. Zum Unterschied zu jenen
bezeichne ich diese bei Ikterischen beobachtete Blutfettanhäufung als
latente cholämische Lipämie. (Tab. 2.)
Tabelle 2. Cholämische Lipämien*).
Lfd. Nr.
Spez. Diagnose
Dauer
des
Ikterus
1000 ccm
Serum enth
g Totallett
Lfd Nr.
Spez. Diagnose
Dauer
des
Ikterus
1000 ccm
Serum entli
g Totalfett
1
Normal
—
4,020 1
10
Karzinom der Gallen¬
wege (Sekt.-Befd.)
?
11,438
Karzinom der Gallen-
wege (.Sekt.-Befd.)
? Mon
22,395 1
2
11
Choledochusverschl.
(Stein)
?
9,893
Katarrhal. Ikterus
16,701
3
12
Duodenalulcus (Ikt.)
24Ta.e
11,050
Katarrhal. Ikterus
12Tasie
15,783
4
13
Sepsis (Hämolytisch.
Streptokokken)
?
10,237
5
Katarrhal. Ikterus
4 Woch
13,633
6
Hypertroph. Leber-
? Mon.
12,551
14
Hepat. Ikterus
14 Tage
9,166
zirrhose
15
Hypertroph. Leber¬
zirrhose
lOTage
8,987
1
Pankreaskarz. Leber-
4 Woch.
11,625
metastas. (.Urämie
Sekt.-Betd.)
16
Cholelithiasis
? Mon.
9,092
7a
Katarrhal. Ikterus
lOTage
9,66
17
Akute gelbe Leber-
a rophie 1
6 Tage
10,80
Katarrhal. Ikterus
lOTage
11,422
8
18
Akute gelbe Ltber-
5 Tage
13,100
9
Chron. Cholangitis
?
11,479
atrophie 11
*) Ausführlich mitgeteilt in einer Dissertation von Hans Krämer: „Lieber Cholelipämie“.
Kiel ly20.
Diese Erscheinung ist nach zwei Richtungen hin interessant. Ein¬
mal erscheint es paradox, dass bei geringer Fettzufuhr und der durch
den Gallenschluss resp. verminderten Zufluss zum Darm erheblich ver¬
schlechterten Resorption die Fette im Blut vermehrt werden und auf¬
fälligerweise die festgestellte Fettvermehrung nicht wie sonst nach
der Verdauung oder unter pathologischen Bedingungen, z. B. beim Dia¬
betes, durch milchige Trübung des Serums sichtbar wird. Ich bin
geneigt, das letzte Phänomen, wie es schon in der mit B e u m e r ge¬
meinsam verfassten Mitteilung geschah, mit der Retention aer gallen¬
sauren Salze in Beziehung zu bringen. Bekanntlich können die Cholate
erhebliche Fettsäuremengen in Lösung halten. Von Ochsengalle werden
4 — 5 Proz. Oelsäure, von den Fettsäuren des Schweineschmalzes
3,5 Proz. aufgenommen. Vielleicht spielen bei dem Lösungsvermögen
noch andere Derivate der Cholsäure eine Rolle, z. B. Choleinsäure, die
ein Kombinationsprodukt aus Desoxycholsäure und Fettsäuren ist
IW i e 1 a n d 19)J. Sicher scheint, dass die Retention solcher Gallen¬
bestandteile und ihr Uebertritt ins Blut dort der Emulsionsbildung des
Fettes entgegenwirkt.
Warum wird nun das im Blut in vermehrter Menge zirkulierende
Fett nicht in die Zellen aufgenommen resp. in die Depots abgeführt?
Hier bewegen sich alle Erklärungsversuche auf hypothetischem Gebiet.
Zunächst ist im Auge zu behalten, dass die Zellen offenbar auf die Auf-
1B) Bürger und Re in hart: Z. f. ges. exp. M. 1918, 7, 119. —
Dieselben: D.m.W. 1919 Nr. 16.
1B) Bürger und Beumer: 1. e., Z. f. exp. Path. u. Ther. 1913, Kapitel
Ikterus und Choiämie.
1 ‘ ) Hijmans v. d. Bergh: Der Galienfarbstoif im Blute. Leipzig 1918.
18) Thannhauser und Andersen: D. Arch. i. klin. M. 1921,
137, 179.
,n) Wieland: Zschr. f. phys. Chemie 97, H. 1.
nähme des in Form der Hämokonien feinverteilten Rettes eingestellt
sind. Die Emulsion bedingt eine starke Oberilachenvergrosserung und
bereitet den lipolytischen Zellfermenten eine grössere Angriffsfläche.
Bleibt die Emulgierung aus, wird deren lätigkeit erschwert. Die
Fettaufnahmefähigkeit der Zellen soll nach neueren Untersuchungen
von Lombroso durch ein inneres Sekret des 1 ankreas unterstützt
werden, welches die Blutfette resorptionsfähig macht. Nun werden
gerade die höchsten Werte für das Blutfett bei Choledochusverschluss
gefunden, und es ist bekannt, wie häufig bei diesem Zustand das Fan-
kreas mitaffiziert wird (Q u i n c k e - H o p p e - S e y 1 e r, S. 242) ; durch
eine Beeinträchtigung der innersekretorischen Pankreasfunktion beim
wiirripn dip Rlutfette für die Zellen mehr
oder minder unangreifbar. , . . 1
Ein dritter Erklärungsversuch gründet sich auf die über den mter- 1
mediären Fettstoffwechsel von Hu eck und Wacker*) entwickel- 1
ten Vorstellungen. Sie glauben, dass der Abbau der Fette über das |
Lezithin, entweder direkt zu den Endprodukten der Oxydation oder I
über die Kohlehydrate führe. Sie denken sich die Phosphatide aus I
Triglyzeriden durch Austausch eines Fettsäurerestes mit einem mit j
Phosphorsäure gekuppelten Cholinradikal entstanden. Verbindet sich j
die aus dem Triglyzerid abgestossene Fettsäure mit Cholesterin, so 9
wäre neben der Vermehrung des Cholesterinesters gleichzeitig die-
jenige des Lezithins erklärt. Durch Mangel an Cholin soll die Lezithin- 1
bildung verzögert werden, und auf diesem Umwege eine Stagnation des 1
Fettabbaus eintreten, die sich in einer Lipämie äussert. Die Vor- .
Stellung, dass generell der Abbau der Glyzeride über die Phosphatide j
geht, wird sicher auf- Widerspruch stossen. Soviel erscheint nach dem
vorliegenden experimentellen Material gewiss, dass zwischen deml
Cholesterin und den Lipoiden einerseits und den Glyzeriden ander¬
seits innige Wechselbeziehungen bestehen. Es gelang Sakai*-)|
durch reichliche Zuführung von Nahrungsfett den Cholesterinspiegel m
die Höhe zu treiben. Anderseits ist das Cholesterin befähigt, den Spie-
ge 1 der Gesamtlipoide des Blutserums auf das 4 — 4/4 fache zu erhöhen,
wie Hu eck und Wacker29) am Kaninchen zeigten. Interessanter¬
weise trat diese Vermehrung in manchen Rällen ein, ohne dass es]
zur milchigen Trübung des Serums kommt, also dieselbe Er-,
scheinung, die wir als latente Lipämie bei Ikterischen aufianden. I
Die Analogie, die alimentäre Hypercholesterinämie bei den Füt-
terungsversuchen und die Retentionshypercholesterinämie der Ikte¬
rischen, ist also nur insoweit gewahrt, als es in beiden Fällen zu
einer Vermehrung der Gesamtlipoide nach Anreicherung des Chole¬
sterins im Blute kommt. Aber gerade dasjenige Ereignis, welches
Wacker und Hu eck als erklärendes Moment für die Vermehrung
der üesamtblutfette anführen können, die mehr oder weniger intensive
Veresterung des freien Cholesterins, das also eine grosse Menge Fett¬
säuren an sich gerissen hat, versagt für die cholämische Lipämie, da
hier eben die Veresterung ausbleibt. Nach meiner Auffassung spielei
neben den von Hu eck und Wacker gewürdigten chemischen Un
Setzungen, die freilich, wie die Autoren selbst zugeben, noch rein
hypotetischer Natur sind, physikalische Verhältnisse der
Lösung des retinierten freien Cholesterins' eine
wesentliche Rolle.
Für diese Auffassung spricht auch die durch uns und später durch
E p p i n g e r 24) festgestellte Tatsache, dass es beim hämolytischen
dissoziierten Ikterus trotz grosser Bilirubinmengen im Blute nicht zu
einer Vermehrung der Gesamtfette gekommen ist. Die Anreicherung
der Gallenfarbstoffe und ihrer Derivate im Blute steht also offenbar
in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Vermehrung der Ge¬
samtfette beim Ikterus, sondern diese ist eine zwangsläufige Folge der
Zurückhaltung von freiem Cholesterin im Blute.
Als letzter Punkt, der in diesem Zusammenhänge interessiert, steht
die Frage nach dem wechselseitigen Verhalten der
Bilirubin mengen einerseits und der Gesamtcholesterin¬
menge andererseits beim abklingenden Retentionsikterus und weiter¬
hin das wechselseitige Verhalten des veresterten,
zum freien Cholesterin unter diesen Bedingungen 26). Ich
habe an einem grossen Material dieses Problem seit längerer Zeit ver¬
folgt und kann nach den bisher vorliegenden Erfahrungen an unseren
Fällen sagen, dass bei wiedereinsetzendem Gallenabfluss die Bilirubin¬
werte im allgemeinen rascher zur Norm zurückkehren als die Chole¬
sterinwerte. Ich gebe dafür ein Beispiel in Tabelle 4.
Eine feste zählenmässige Beziehung zwischen Bilirubin- und
Cholesterinwerten habe ich auch beim mechanischen Ikterus nicht
auffinden können.
Gelegentlich kommt eine Steigerung des Cholesteringehalts beim
totalen Choledochusverschluss, wie Stepp zuerst betont hat, nicht zu¬
stande, das liegt meines Erachtens an der vollkommen darniederliegenden
Nahrungsresorption und der bei Karzinomatösen bekannten Deponierung
des Cholesterins in den Retikulumzellen der Milz und des Knochenmarks.
Ein ganz paradoxes Verhalten beobachtete ich in zwei Fällen, in denen
bei sinkenden Bi l i r u bin werten die Cholesterinwerte
im Serum noch ansteigen:
2f<) Lombroso: Ann. di chir. med. 1921 (11), H. 2, 109 — 116.
21) Hueck und Wacker: Biocli. Zschr. 1919, 100, S. 84.
22) Sakai: Biochem. Zschr. 1914, 62, 287.
23) Hueck und Wacker: Ebenda 1919, 100, S. 84.
24) Ep p in g er: Die hepatolien. Erkrankungen. Berlin 1920.
25) Die erste Frage ist von Rosenthal und Holzer 1. c. stu¬
diert worden: sie finden bald eine zeitliche Koinzidenz der Abnahme von
Bilirubin und Cholesterin beim abklingenden mechanischen Ikterus, bald sinkt
das Cholesterin, bald das Bilirubin rascher ab.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
105
Fall 22 der Tabelle 3. Seit 14 Tagen Ikterus „kath.“.
Datum
1
00 g Serum enthalten:
n °/oo
Bilirubin
Total-
cholest.
Fre es
Cholest.
Gebund.
Cholest
Geb. Chol
in % vom
Totalch 1
28. VI.
1,600
1,230
0,370
23,1
0,062
9. VII.
1,870
0,370
1,500
80,2
0,232
21. VII.
2,100
0,870
1,130
56,5
0,023
11. VIII.
2,100
0,620
1,480
70,4
1
0,007
Schur. Nr. 21 der Tabelle 3. Seit 8 Tagen Ikterus „kath.“.
2. VII.
1,370
0,910
0,460
33,5
0,068
12. VII
1,120
1,080
0,240
21,4
0,103
21. VII.
2,370
1,350
1,020
43,0
0,031
17. VIII.
•1,430
0,710
0,720
50,3
0,005
Solche Beobachtungen bieten dem Verständnis einige Schwierig¬
keiten. Offenbar geht die Bilirubin und Cholesterinabscheidung in der
Leber nicht an der gleichen Stelle vor sich. Mehr kann man
vorsichtigerweise nicht sagen. Es ist ja verlockend nach den histo¬
logischen Untersuchungen von A s c h o f f 20), den K u p f f e r sehen Stern¬
zellen eine besondere Rolle im Lipoidstoffwechsel zu vindizieren.
Asch off sah bei Retentionsikterus in diesen Zellen eine hochgradige
Lipoidspeicherung. Aber die chemische Untersuchung der ganzen
Leber ergab in solchen Fällen keine grossen Ausschläge 27). Ich glaube,
man kommt mit folgender Erklärung gut aus: Bei wiedereinsetzendem
Gallenabfluss ist die Cholesterinabscheidung noch relativ behindert.
Die Anwesenheit der Galle im Darm begünstigt nun schon die Fett-
und Cholesterinresorption zu einer Zeit, in der die normalen Abfluss¬
bedingungen für das Cholesterin aus der Leber noch nicht gegeben
sind; es summieren sich die Faktoren wiedereinsetzender Resorption
und relativer Abflussbehinderung und es resultiert Erhöhung der
Cholesterinwerte bei sinkendem Bilirubin. Dass dem so ist, zeigte
auch die relative Zunahme des Estercholesterins bei steigenden Werten
für das Gesamtcholesterin, während bei Gallenabschluss vom Darm die
Komponente des freien Cholesterins dauernd überwiegt, wie ich Im
folgenden zeigen werde:
Tabelle 3. Uebersicht.
1000
g Serum enthalten:
Z
Spezielle Diagnose
Dauer des
Ikterus vor der
—i. 17)
£ f
° I ^
<
Untersuchung
o o
H -=
CJ
ü. •=
u
<L» <U
V) *Q
w Je
u
0^0
t>°«
in “V oo
1
la
2
3
4
5
6
Normal
Normal
Hämolyt. Ikterus
Hämolyt. Ikterus
Ikterus katarrh.
Hypertr. Leberzirrh.
Cholelithiasis
Pankreaskar/ .Leber¬
metastasen (Sekt )
Ikterus katarrh.
Ikterus katarrh
Ikterus bei Ulcus
duodeni
Ikterus katarrh.
Salvarsan-Ikterus
Karz. d Gallenwege
Sepsis
Diabetes, Ikterus
Diabet Saiv. -Ikterus
Ikterus katarrh.
Salvarsan Ikterus
•kterus katarrh.
Ikterus katarrh.
Ikterus katarrh.
Ikterus katarrh.
Uterus katarrh.
Salvarsan-Ikterus
Ikterus katarrh.
Ikterus katarrh.
Ikterus katarrh.
Uterus katarrh.
Salvarsan-Ikterus
Akute gelbe Leber¬
atrophie (Sektion) I
Akute gelbe Leber¬
atrophie II
Seit 7 Jahren
Seit der Kindheit
4 Tage
19 Tage
Monate
10 Tage
10 Tage
24 Tage
12 Tage
4 Wochen
Monate
?
4—6 Wochen
20 Tage
1 Vt Monate
3 Wochen
ca 8 Wochen
8 Tage
14 Tage
8 (?) Tage
8 Tage
14 Tage
8 Tage
4 Wochen
6 Tage
1,465
0,943
'1,676
1,710
2,068
2,218
2,125
2,106
1,442
1,735
1,165
1,529
1,487
3,854
1,055
2,320
2,760
1,500
2,540
2,560
5,160
1,3/0
1,600
1,590
1,970
1,720
2,570
2,100
2,060
2,130
1,506
0,645
0,385
i ,129
0,55
0 831
1,186
1,2' 4
1,318
1,320
1, t 94
0,95S
1,156
1,293
2, J69
0,798
1,830
2,120
1,230
1,680
1,340
4,540
i ,910
1,230
0.7 0
1 180
1,5 1
1,730
1,240
1,850
1,110
0,960
1,490 1,070
0,820
0,558
1,547
1,160
1,237
1,1 >32
0,921
0,788
0,1 2
0,641
0,207
0,373
0,194
1,385
0,257
0,490
0,640
0,270
0,860
1,220
0,670
0,460
0,370
0,8’3
0,790
0,210
0,840
0,860
0,210
1,030
0,546
0,420
56
59.2
92.3
67.8
59 8
46.5
43.3
37.4
8,5
36.9
17.7
24.4
13,0
35.7
24.3
21.3
23,2
18,0
33 8
47.6
12.9
33.5
23.1
54.9
40.1
12.2
32.6
40.9
10,2
48,3
36.2
23.2
0,002
0,002
Stark Termciirt
0,136
0,0011
0,0043
0,0191
0,0239
0,0502
0,0601
0,0873
0,1054
0,i219
Stark erkühl
Mark erhebt
0,164
0,061
0,1 24
0,034
0,096
0,090
0,068
0,(62
0,070
0,046
0,0402
0,0167
0,0411
0,0444
0,232
0,220
ringen Retentionen von Gallenbestandteilen gekommen, Der höchste
Wert der Tabelle (Fall 20) beträgt etwa das Vierfache der Norm Das
Serum enthält hier 5,16 g Totalcholesterin. Es handelt sich um ein
Kind von 12 Jahren mit schwerstem katarrhalischen Ikterus, Leber¬
und Milzschwellung.
Ihm folgt Fall 13, ein seit Monaten bestehender vollkommener
Verschluss des Choledochus durch Karzinom der Qallenwege. Der
darauf folgende Wert von 0,267 g ist kein Fall von reinem Ikterus
sondern durch einen leichten Diabetes kompliziert. Im allgemeinen
scheinen die Werte mit zunehmender Dauer des Choledochusver-
schlusses anzusteigen. Werden die Gallenwege wieder frei, so wird
das Blutcholesterin relativ rasch auf seinen Normalbestand reduziert.
Dafür gebe ich folgendes Beispiel: Bei einem alten Patienten mit
schwerem Salvarsanikterus werden gefunden in 1000 Serum:
Tabelle 4.
Datum
Total-
cholest
Freies
Cholest.
Gebund
Cholest.
Geb Chol,
in % von
fr. Chol
Bilirubin
23. 5.
?
1,150
?
—
0,053
4. 6.
2,510
1,680
0,860
33,8
0,034
30. 6.
1,550
1,210
0,340
21,9
0,004
1,370
0,370
1,000
72,9
0,002
Am 23. V. und 4. VI. ist der Stuhl acholisch, am 30. VI. ist Sublimat¬
probe wieder positiv. Die Werte für das Gesamtcholesterin sind am
letzten Untersuchungstage, an welchem auch das Serumbilirubin den
Normalwert wieder erreicht hat, im Bereich der physiologischen Schwan¬
kungen angelangt. Es besteht offenbar die Tendenz, bei allen Formen
von mechanischem Ikterus, sobald die Gallenwege wieder frei werden,
die im Blut zurückgehaltenen Cholesterinmengen auf dem Wege über
die Leber mehr oder weniger rasch zu eliminieren. Bemerkenswerter-
weise ist in einem Fail von akuter gelber Leberatrophie eine Erhöhung
des Cholesterinwerts nicht eingetreten, obwohl hier weitaus die grösste
Menge Bilirubin im Serum gefunden wurde (Fall 30). Auch dieser
Fall lehrt, dass Cholesterin und Bilirubin in der Leber nicht die gleichen
Wege gehen.
Besonders interessant sind die Verhältnisse der Veresterung
des zurückgestauten Cholesterins. Während normaler¬
weise beim Menschen und beim Tier gut zwei Drittel -des Gesamt¬
cholesterins in gebundener Form im Blute zirkulieren, zeigt die
Tabelle 3, dass bei der cholämischen Lipämie die Dinge sich umgekehrt
verhalten, d. h. der grössere Teil des Cholesterins in unverestertem,
also freiem Zustande sich befindet. Fast den niedrigsten Wert fand
ich bemerkenswerterweisc gerade in dem Falle, in welchem der höchste
Wert für das Gesamtcholesterin gefunden wurde (Fall 20). 87,1 Proz.
des Cholesterins fanden sich hier im freien Zustande, doch sind auch
Fälle, bei denen eine starke Vermehrung des Cholesterins bisher nicht
eingetreten ist, mit sehr niedrigen Esterwerten in der Tabelle vertreten,
z. B. Fall 8, Fall 12. Soweit ich bisher sehe, scheint die Veresterung
des Cholesterins um so schlechter zu sein, je länger der Ikterus besteht
und je vollkommener der Abschluss der Galle vom Darm ist. Das ist
durchaus erklärlich. Mit zunehmender Dauer des Ikterus liegen Appetit
und Nahrungsaufnahme darnieder. Die zugeführten Fettmengen werden
infolge diätetischer Vorschriften sehr niedrig gehalten. Die Resorption
derselben ist nach den bekannten Erfahrungen besonders von
F. Müller29) erheblich verschlechtert. Eine Möglichkeit zur Ver¬
esterung des zurückgestauten freien Cholesterins der Galle ist daher
erheblich eingeschränkt oder vollkommen aufgehoben.
Dass diese Erklärung das Richtige trifft, zeigen vor allem laufende
Untersuchungen, bei denen in Abständen von 12—14 Tagen die Be¬
stimmungen wiederholt werden. In dem angeführten Beispiel sind die
prozentischen Werte für gebundenes Cholesterin anfänglich sehr niedrig
(33,8 resp. 21,9 Proz.). Sobald aber die Galle wieder freien Abfluss
hat, wird der Normalwert von 72,9 Proz. veresterten Cholesterin wieder
erreicht. Die gleiche Erfahrung habe ich bisher in 6 weiteren Fällen
machen können.
Es unterscheidet sich der mechanische Ikterus vom pleiochromen
Ikterus ohne Störung des Gallenabflusses, also nicht nur durch die Er¬
höhung des Gesamtcholesterins im Serum, sondern auch durch die
andersartige Verteilung von ungebundenem und freiem Cholesterin.
Die von mir untersuchten Fälle von hämolytischem Ikterus hatten 92,3
resp. 67,8 Proz. gebundenes Cholesterin, Werte, welche von keinem
der übrigen Fälle der Tabelle 3 auch nur annähernd erreicht werden.
Man wird in differentialdiagnostisch unklaren Fällen diese Verhältnisse
für die Sicherung der Diagnose mit heranziehen können.
Auf der Tabelle 3 sind 29 verschiedene Fälle von Ikterus wech¬
selnder Aetiologie zusammengestellt, und die Werte für Totalcholesterin,
freies und gebundenes Cholesterin eingetragen. In der letzten Spalte
ist das gebundene Cholesterin in Prozenten vom Totalcholesterin er¬
rechnet. Die beiden Fälle mit hämolytischem Ikterus der Tabelle 1
sind hier noch einmal aufgeführt. •
Die Werte für das Totalcholesterin liegen bei 3 Fällen durchaus
Bereiche der Norm (Fall 10, 14 und 21). Im Falle 10 und 14 handelt
es^sich nicht um einen totalen Verschluss, es ist hier zu relativ ge-
> A sc ho ff: Verh. d. Naturf.-Ges. zu Freiburg, Dezember 1913.
') Grigaut: Le cycle de la Cholestdrindmie.
Zusammenfassung.
L Bei Fällen von mechanischem Ikterus findet sich eine latente
Iipämische Cholämie, worunter eine Vermehrung der Gesamtserumfette
einschliesslich der Lipoide ohne Trübung des Serums durch Hämokonien
verstanden wird.
2. Bei Fähen von hämolytischem Ikterus fehlt sowohl die Ver¬
mehrung des Gesamtfettes wie die des Cholesterins.
28) Stepp: Z. f. Biol. 69, H. 10 u. 11. — D e r s e 1 b e: M.m.W. 1918
Nr. 29 S. 781.
20) F. Müller: Untersuchungen über Ikterus. Zschr. f. klin. Med.
12, 45, 1887.
3*
106
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT-.
Nr. 4.
3. Bel der cholämischen Lipämie ist die
mit Cholesterin das Primäre, die Vermehrung der Olyzeride die Folge
Mit zunehmender Dauer des Uterus und zunehme^erVo^
ÄSSLS* eSÄfÄÄ Ikterus r von r^ängerer
BluTholesterins65 scWechter Bei mechanischem Ikterus von längerer
ÄTalS weniger als ein Drittel des Cholesterins in
gebundener Form vorhanden, beim hämolytischen Ikterus sind wie
der Norm zwei Drittel oder mehr vom Gesamtcholesterin verestert.
5 Bei wiedereinsetzendem Gallenabfluss sinken die vorher -
höhten Werte des Blutcholesterins rasch zur Norm ab und der ver¬
eiterte Anteil des Blutcholesterins steigt auf den physiologischen Wert
V °" 6° In ^eitenen Fällen kommt es bei wiedereinsetzendem Bilirubm-
abfluss zum Darm mit fallenden Serumbilirubinwerten zu einei vorib
gehenden Steigerung der Blutcholesterinwerte.
Ueber den Gehalt der Hypophysenhinterlappen-Extrakte
an uteruserregenden Substanzen.
Von Paul Trendelenburg in Rostock i.
M.
sss särzsssü, ÄeE. r„r“DeÄÄ
mdft verwendeten Handelsextrakte aus Hypophysenhinterlappen au
ihren Gehalt an wirksamer Substanz zu prüfen. Angesichts d r
verschiedenen Forschern nachgewiesenen grossen Empfindlichkeit der
wirksamen Substanzen gegen Alkali und Sauerstoff und ihrer leichten
A&7erbarkei waren von vorneherein gewisse Schwankungen der
Wirksamkeit zu erwarten-, aber unsere Versuchsergebnisse ubertrafen
die Erwartung bei weitem und wiesen eine ausserordentlich auftal igt
Minderwertigkeit der vorhandenen Handelsextrakte aut.
Das Ideal einer Wertbestimmung der wirksamen Substanzen des
HypoPhysenh nteZppens würde ihre chemische Isolierung und Wägung
sS Trotz der umfassenden chemischen Arbeiten der verflossene
Jahre ist es jedoch bisher noch nicht gelungen, die reinen Körper mit
Sicherheit zu gewinnen oder gar quantitativ aus dem Drusenmaterial
in reiner Form darzustellen. Das, was die chemische Methode zur
Zeit nicht leisten kann, vermag — wenn auch nicht . s0 do
in oraktisch genügender Schärfe der pharmakologische Nachweis zu er¬
setzen. Denn am ausgeschnittenen Uterus des Meerschweinchens lassen
sich die Extrakte auf ihre Wirksamkeit auswerten. Wie bei allen sol
chen pharmakologischen Titrierungen ist die Fehlerbreite jeder Be¬
stimmung eine weit grössere als bei exakten chemischen Analysen,
und selbst bei einwandfreier Methodik
beträgt die Genauigkeit einer Bestimmung
höchstens ± 20 Proz. Immerhin leistet die
pharmakologische Auswertung das, was
der Praktiker von ihr erwarten darf: sie
gibt Auskunft darüber, ob ein Handels¬
extrakt den nach den Angaben der Firmen
über die Konzentration desselben zu er¬
wartenden Wert, wie ihn ein in ent¬
sprechender Konzentration hergestellter
Auszug aus frischem Drüsenmaterial auf¬
weist, wirklich annähernd besitzt.
Ueber die einzelnen Punkte, auf die bei Hypophysenauswertung
besonders zu achten ist, wurde an anderer Stelle ) ausfühl lieh ge¬
richtet. Hier sei nur kurz erwähnt, dass die Versuche am ausgeschmt-
tenen in geeigneter Salzlösung aufgehängten Uterushorn des Meer-
schweinchens in der Weise ausgeführt werden, dass zunächst die einer
bestimmten Menge Hypophysenhinterlappensubstanz entsprechende
Menge eines mit allen notwendigen Vorsichtsmassnahmen selbst be¬
reiteten Extraktes in die Salzlösung zugegeben wird; sobald der Uterus
die der zugesetzten Menge entsprechende Zusammenziehung, die gra¬
phisch registriert wird, ausgeführt hat, wird mit frischer Salzlösung
ausgespült und sobald in wenigen Minuten der Uterus wieder er-
schiafft ist, wird die der ersten Dosis entsprechende Hintedappen-
menge in Form des zu untersuchenden Extraktes zugegeben. Dip Ex¬
traktmenge wird dann in neuen Versuchen weiter gesteigert, bis der
Ausschlag mit dem durch den Standardextrakt bewirkten uberein-
stimmt. ..
Zur Untersuchung gelangten folgende Präparate:
Coluitrin von Dr. Freund und Dr. Redlich, Berlin:
Hypophysal von Dr. A. Bernard Nachf., Berlin,
Hypophysenextrakt Schering, Berlin;
Hypophysin der Höchster Farbwerke:
Pituglandol der Chemischen Werke Grenzach;
Pituitrin von Parke, Davis & Co., London;
Physhormon von Queisser & Co., Hamburg.
Von allen Präparaten wurden verschiedene, durchweg frisch von
den Firmen oder aus Apotheken bezogene Proben (Pituitrin erhielten
wir frisch aus der Schweiz) geprüft. Bei dem Vergleich dieser Han¬
delsextrakte mit selbstbereiteten Extrakten erwiesen sich alle als we¬
sentlich z T. als ausserordentlich unterwertig. Um am ,^u,sKgesotr[“1.1*:
tenen Uterus die durch 0,1 mg frische Drüse (als selbstbereiteter
Extrakt zugegeben) hervorgerufene Kontraktion zu erreichen. -mussten
bieder Regel nicht weniger als 5 mg Drüse in Form der Hände ls-
extroktc zugesetzt werden. D. h. es war meist nur etwa W, der zu
—wartenden wirksamen Substanzen vorhanden! . ,
Vum Beleg seien einige Kurven wiedergegeben. Bei dem in dei
Abbildung 1 wiedergegebenen Versuch wurden 3 Handelsextrakte (der
Firmen 4 C F.) mit Extrakten aus 4 Rinder'hypophysenhinterlappen,
die wir selbst bereitet- hatten, verglichen. Von letzteren wurde je¬
weils die 0 1 mg Drüse entsprechende Menge zugegeben und diese
Menge genügte jedesmal 'zur starken Kontraktionserregung Dagegen
hatte' o 1 mg Drüse in Form der Handelsextrakte gar keine, die
lü-fache Menge erst eine minimale Wirkung und selbst das 50-fache
wirkte tu einem Fall noch schwächer als 01« der fnschen Druse
Ganz ähnliche Ergebnisse sind in Abbildung - und 3 wiede
gegeben: 2 weitere Handelsextrakte hatten in der 5 mg resp. 2 mg
Drüse entsprechenden Menge eine schwächere Wirkung als 0,12 mg
frischer Drüse. Also auch hier eine sehr starke Minderwertigkei .
Schon aus den mitgeteilten Versuchen folgt, dass die Handels¬
extrakte nicht nur von herabgesetzter Wirksamkeit sind, sondern
weiter auch, dass zwischen den einzelnen Präparaten sehr eriiebhche
Unterschiede festzustellen sind. Diese ergeben sich noch klarer aus
einer in der Tabelle angeführten Versuchsreihe, in der die Wertigkeit
der Extrakte genauer, als es in den wiedergegebenen Versuchen ge¬
schah bestimmt wurde und zwar durch Vergleich der Extraktwirkung
mit der eines chemisch reinen Körpers, des Histarnins, das in ahnlic
Weise wie die Hypophysenhinterlappensubstanz den isolierten Uteru
erregt
Wirksamkeit von 1 g feuchter Hinterlappensubstanz als Handelsextrakt,
, in Milligramm Histamin-HCl ausgedrückt. .
Firma A: = 0,8 mg Histamin-HCl
Firma B: = I
Firma C: = 0,25 mg
Firma D: (2 Proben) = 4 und 3 mg
Firma E:
Firma F: (3 Proben)
Firma Q:
Firma H :
= 1,5 mg
= 8, 0,5 und 0,6 mg
4 mg
7 mg
Demnach liegt der Durchschnittswert bei 2,8 mg Histamin für
1 g feuchte Drüsensubstanz. Die Schwankungen nach oben und unten
sind sehr grosse, bis 8 mg und 0,25 mg. In gleicher Weise wurde
die Wirksamkeit frisch bereiteter Hinterlappenauszuge mit Histamin-
lösung verglichen. Da ergab sich als Durchschnittswert von 12 ver¬
schiedenen' Extrakten: 1 g feuchte Hinterlappensubstanz wirkt wie
170 mg Histamin-HCl, also auch in dieser Versuchsreihe stellten wir
eine ausserordentlich auffallende Minderwertigkeit der Handelsextraktc
fest (durchschnittlich ist die Wirksamkeit nur le « derjenigen, welche
Abb. 1.
nach der Deklaration verlangt werden könnte!). Ueber die Grunde für
d;e Minderwertigkeit der Handelsextrakte lassen sich nur Vermutungen
äussern, da die Herstellung derselben nicht genau bekannt ist. Ver¬
mutlich werden zur Enteiweissung unzweckmässige Verfahren ein¬
geschlagen sodass durch Adsorption Verluste entstehen. Auch durfte
/
J
r
0,1*.
0,1 Aj
0,1 X.
o.v
°S
i,S A« r-°
Abb. 2.
QB
l.o
Abb. 3.
i.O
i) p. Trendelenburg und E. Borgmann: Biochem. Zschr.
1920, 106, 239.
die Reaktion der Extraktionsflüssigkeit eine grosse Rolle spielen und
schliesslich weist eine Angabe Fühne r s ) darauf hin, dass möglich
weise das Ausgangsmaterial schon minderwertig wan Denn F u hne
stellte fest, dass bei der Isolierung der wirksamen Körper aus einem
Hinterlappenextrakt nach, dem Verfahren, wie es die Höchster Farb¬
werke bei der Hypophysindarstellung anwenden, keine Verluste ein-
treten. Nun ist aber eine Hypophysinlösung, die einem 20 prozentigen
Extrakt entspricht, nach meinen Messungen nicht annähernd so wirk¬
sam, wie ein aus ganz frischem Material gewonnener gleich starker
Extrakt, demnach entstand der Verlust schon vor (oder wahrend) der
Extraktbereitung. Bisher haben alle Finnen ihre Extrakte auf bestimmte
-) H. Fühner: Biochem. Zschr. 1916, 76, 232.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
107
Menge Ausgangsmaterial eingestellt. Meist entspricht 1 ccm des Ex¬
traktes 0,2 g, in einigen Fällen 0,1 g frischer Hinterlappensubstanz.
Nach unseren Versuchsergebnissen ist diese Form der Einstellung un-
zweckmässig und zu ersetzen durch eine pharmakologische Einstellung.
Auf meine Veranlassung stellen die Chemischen Werke Grenzach ihr
Hinterlappenextrakt Pituglandol neuerdings nicht mehr auf das Aus¬
gangsmaterial, sondern mit der geschilderten Uterusmethode auf einen
bestimmten und, soweit die Methode dies ermöglicht, konstanten Wirk¬
samkeitswert ein. Ich bin überzeugt, dass ein solcher Extrakt, bei dem
durch geeignete Zusammensetzung der Extraktionsflüssigkeit zudem
der beim Lagern der Ampullen eintretende Wirksamkeitsverlust auf ein
Minimum herabgedrückt ist, in der Praxis gleichmässigere Wirkungen
haben wird, als sie die bisher angebotenen Handelsextrakte haben
konnten.
Lieber Proteinkörpertherapie.
Von Prof. Dr. Wolfgang Weichardt, Erlangen.
Die Grundlagen der Proteinkörpertherapie liegen weit zurück.
Schon die alten Transfusoren hatten, wie A. Bier nachweist, oft eine
erstaunlich richtige Einstellung auf die Erfordernisse derselben erreicht.
Immerhin, die Protemkörpertherapie beschänkte sich, von den Trans¬
fusionen älterer Aerzte abgesehen, auf Versuche, die meist einen
inneren Zusammenhang vermissen lassen und gewöhnlich bald wieder
aufgegeben wurden, jedenfalls keine grössere Verbreitung gewannen.
Man kann an der Hand der Literatur leicht nachweisen, dass die
neue, so intensive und fruchtbringende Bearbeitung dieses Gebietes
erst einsetzte, nachdem ihm eine einheitliche Grundlage
gegeben worden war.
Die Betrachtung unter dem Gesichtswinkel der Leistungssteige¬
rung1) hat sich praktisch sehr bewährt. Von diesem Prinzipe aus
können alle Symptome sowohl wie die experimentellen Untersuchungen
über den Wirkungsmechanismus einheitlich zusammengefasst werden.
Es kann von einer bewussten Therapie mit Proteinkörpern erst ge¬
sprochen werden, seitdem die Beurteilung von einem Symptom aus
verlassen worden ist und die Gesamtheit der Wirkungsmöglichkeiten
in Betracht gezogen wird. Zahlreiche Autoren stellten sich in der letz¬
ten Zeit auf diesen Standpunkt und teilten wertvolle Neuauffin¬
dungen mit.
In dieser Wochenschrift habe ich im Jahre 1918 eine Arbeit über
| die Proteinkörpertherapie folgendermassen beendet:
„Es gibt wohl fast kein Gebiet, auf welchem nicht Hilfsmittel für
die Weiterforschung nach dieser Richtung gefunden werden können,
um so grösser ist die Gefahr, dass die einheitliche Auffassung wieder
verloren geht. Die zweite Gefahr besteht darin, dass Teilresultate zu
rasch für praktische Zwecke herangezogen werden.“
Wie die neueste Literatur zeigt, ist es durch unsere mannigfachen
Bemühungen in der gekennzeichneten Richtung gelungen, nunmehr die
Einheitlichkeit aufrecht zu erhalten. Die Arbeiten, welche die Protein¬
körpertherapie von einem Symptom aus beurteilen, erscheinen nur noch
in verschwindender Anzahl. Es ist das zweifellos ein Fortschritt. Da¬
gegen scheint mir die zweite Befürchtung durchaus noch nicht gegen¬
standslos zu sein. Noch unfertige Teilresultate der experimentellen
Forschung werden bereits als Grundlage für die ganze Therapie an¬
genommen, ja sogar zur Namengebung für diese Thera¬
pie in ihrer Gesamtheit herangezogen. (Kolloidoklastische
Therapie, Kolloidtherapie, Osmosetherapie, Reiztherapie u. v. a. m.)
Meines Erachtens ist kein Name aufzufinden, welcher der Viel¬
heit der Wirkungsmechanismeu bei der Proteinkörpertherapie gerecht
werden könnte. Man kann diese höchstens im einzelnen studieren
und sie durch treffende Definierungen und Benennungen für sich
charakterisieren. Nach der Klarstellung im einzelnen gewinnen wir ein
Bild des Gesamteffektes. Das eine ist auf diesem Gebiete bisher ganz
sicher, dass es prinzipiell falsch ist, eine einzige Ursache für die Vor¬
gänge der Proteinkörpertherapie verantwortlich zu machen, genau so,
wie es prinzipiell falsch war, sie von einem Symptom aus (Leukozytose,
Antikörperbildung, Fieber, Entzündung usf.) beurteilen zu wollen.
Die Proteinkörpertherapie hat sich als leistungssteigernde
Massnahme praktisch als wertvoll erwiesen. Was wir bei ihr
sehen oder wenigstens in den meisten Fällen erreichen wollen, ist
lediglich eine Leistungssteigerung des Organismus nach einer be¬
stimmten oder nach den verschiedensten Richtungen hin.
Dass bei jedem Eingriff die Kolloide des Körpers verändert werden
können, wird niemand bezweifeln. Die ganze Therapie aber deshalb
Kolloidtherapie zu nennen, scheint mir kein wesentlicher Gewinn.
Lediglich das experimentelle Studium der Art der Veränderung im ein¬
zelnen fördert unsere Erkenntnis. Unter Kolloidtherapie verstand man
zuerst die Behandlung mit kolloidalen Mitteln (Luithlen).
Ein wesentlicher Anteil bei der Proteinkörpertherapie ist zweifellos
Reizwirkung. Ich habe in meinen früheren experimentellen Stu¬
dien über Aktivierung das genügend gekennzeichnet. An zahlreichen
Stellen ist, wo es mir angebracht schien, direkt das Wort „Reiz“ ge¬
braucht. Noch niemand hat wohl unter dem Ausdruck Aktivierung
4) Siehe die Arbeiten über uuspezifische Leistungssteigerung in M.m.W.
1921 Nr. 2 u. 12; 1920 Nr. 4 u. 38; 1919 Nr. 11; 1918 Nr. 22; 1915 Nr. 45.
D.rn.W. 1921 Nr. 31; B.kl.W. 1921 Nr. 31; B.kl.W. 1907 Nr. 28; s. ferner
Erg. d. Hyg. etc. 5. S. 275 u. a. a. O. Leistungssteigerung der Funktion
hemmender Nerven kann sich natürlich in einer Leistungsminderung eines
Organs auswirken und wünschenswert sein.
etwas anderes verstanden oder wenigstens verstehen sollen, als eine
Reizung der Zelle oder ihrer Bestandteile 2).
Nachdem nun aber neuerdings die Begriffe auf diesem Gebiete
schärfer herausgearbeitet worden sind, sollte man es meines Erachtens
vermeiden, für die Leistungssteigerung des Gesamtorganismus nach den
verschiedensten Richtungen hin den Reiz als einzige Ursache anzusehen.
Den Reiz bezeichnete ich mit aktiver Leistungssteigerung,
um damit zum Aufdruck zu bringen, dass es noch eine andere gibt,
welche mit dem Reiz an sich absolut nichts zu tun hat, die passive.
In Nr. 4 dieser Wochenschrift 1920 sind auf S. 91 beide Arten der
Leistungssteigerung durch Gegenüberstellung charakterisiert.
Die Leistungssteigerung ist also der übergeordnete Be¬
griff, es ist auch meines Erachtens unrichtig, sie ohne weiteres mit
Erregung gleichzusetzen.
Die Grenzen der aktiven Leistungssteigerung, also des Reizes, sind
früher in dieser Wochenschrift mehrfach von mir gekennzeichnet. So
auf S. 91, 1920 folgendermassen:
„Sind die Wirkungen, welche man mit derartigen aktivierenden
Mitteln hervorzubringen vermag auch gewöhnlich an sich viel hoch¬
gradiger als bei der passiven Steigerung, so ist doch zu bedenken,
dass es sich um organotrope Mittel, um Reize3) handelt,
welche sich bei der Wiederholung abschwächen 4) und vor allem bei
erschöpften Organen versagen können.“
Es ist also nicht nur die schwierige Dosierungsfrage, durch die uns
sehr bald Grenzen gezogen sind. Wie früher mehrfach ausgeführt, ist
gross und klein hier ein besonders relativer Begriff, der ganz von dem
Zustande des jeweilig zu beeinflussenden Organes abhängt5). Ja es
gehört oft eine gewisse experimentelle Kunst dazu, die Anregung mit
Proteinkörpern zur Anschauung zu bringen. Der Experimentator trifft
häufig Organe, bei denen die geringste Zustandsänderung, die sonst
leistungsteigernd wirkt, in jedem Falle lähmt.
Vor allem haben auch gewisse Eiweissspaltpro¬
dukte durchaus nur lähmende Wirkung. In meinen
früheren Arbeiten ist ausdrücklich von höhermolekularen Eiweissabbau¬
produkten die Rede, welche in kleinen Dosen anzuregen, in grossen zu
lähmen pflegen. Das jetzt viel genannte A r n d t - S ch u 1 z sehe Ge¬
setz sollte meines Erachtens nicht in der Verallgemeinerung, wie es
gewöhnlich geschieht, ausgesprochen werden, wenn es den experimen¬
tell festzustellenden Tatsachen entsprechen soll.
Der aktiven Leistungssteigerung (i. e. Reiz) ist also durch den
jeweiligen Zustand des Organes sehr bald eine Grenze gesetzt.
Dabei versteht es sich von selbst, dass die Wichtigkeit der
Virchow sehen Reizlehre, wie sie in besonders eindringlicher und
klarer Weise von B i e r in dieser Wochenschrift 1921, Nr. 46 dargestellt
worden ist, durchaus nicht verkannt werden soll. Die Bemühungen, die
praktische Dosierungsfrage nach dieser Richtung zu orientieren, sind
sehr zu begriissen. In der letzten Zeit finden sich besonders in den
Arbeiten von Zimmer6) darüber wertvolle Angaben.
In Anbetracht der vielfach ausschliesslichen Betonung des Reizes
scheint es mir jedoch nötig, auf die anderen Seiten der Beeinflussungs¬
möglichkeiten der Proteinkörpertheraoie wieder hinzuweisen7):
Hierzu gehören alle humoralen Reaktionen, die zweifellos bei der
Proteinkörpertherapie ebenfalls eine Rolle spielen. Auch hiernach ist
die ganze Therapie meines Erachtens bereits in verfrühter Weise ge¬
nannt worden-, so kolloidoklastische Therapie „wegen- der
günstigen Veränderung, die- diese Substanzen in dem kolloidalen Gleich¬
gewicht unserer Säfte hervorbringen“ [Widal und Mitarbeiter8]).
Diese Vorstellungen sind freilich ohne experimentelle Begründung vage.
Wie ich früher ausgeführt habe, scheinen zwar viele Symptome,
die bei der Proteinkörpertherapie ausgelöst werden, durch Erhöhung
der Antikörperbildung, verstärkte Leukozytentätigkeit. Reizung des
bindegewebigen Abwehrapparates u. a. m. erklärlich, nicht aber der
plötzliche Umschlag, der oft nach parenteraler Proteinkörperinjektion
oder auch während des natürlichen Verlaufes einer Infektion als Krise
in Erscheinung tritt, die plötzliche Ueberlegenheit des Körpers dem
Infektionsprozess gegenüber, welche den Infektionserreger in keiner
Weise mehr aufkommen lässt. Eine geradezu ideale, fast mit absoluter
Immunität vergleichbare Abwehr einer kurz vorher noch schweren In¬
fektion.
Ich suchte experimentell das Wesen dieser Immunität zu ergrün¬
den. Man kann in der Tat alkohol- und wasserlösliche Extrakte aus
dem Tierkörper ausziehen, welche in geringer Menge das Wachstum
-) Vergl. A. Bier: M.m.W. 1921 S. 1524.
:>) Im Original nicht gesperrt.
4) Wenn kein sensibilisiertes Organ vorliegt.
5) Ein gutes Beispiel sind die Froschherzen, die man im ermüdeten Zu¬
stande durch auf bestimmte Weise frisch hergestellte höhermolekulare Eiweiss¬
spaltprodukte im Sinne der Leistungssteigerung beeinflussen kann (s. M.m.W.
1915 S. 1526). Die gleichen Dosen, welche im Herbste gleich nach dem
Fange anregen, pflegen später zu lähmen.
6) M.m.W. 1921 S. 539 und B.kl.W. 1921 S. 508.
7) Wenn auch die Wege, welche die Forschung nach diesen neuen Rich¬
tungen geht, vorläufig noch unsichere und wenn auch manche der tastenden
Versuche noch vieldeutig und die Ansichten angreifbar sind, so sollte man
sie doch nicht kurzweg ablehnen, lediglich, weil uns ältere Vorstellungen
vertrauter scheinen. Wenn es auch verfehlt ist, die Proteinkörpertherapie
als Ganzes nach ihnen zu beurteilen oder sie gar nach ihnen zu benennen,
so beruht -doch m. E. ein gutes Stück Therapie der Zukunft auf diesen Be¬
einflussungsmöglichkeiten. Es wird aber, das muss freilich betont werden,
noch viel Einzelarbeit, besonders nach chemischer und physikalischer Seite
bedürfen, um hier sichereren Boden unter den Füssen zu haben.
8) Presse med. 1921 Nr. 19.
108
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. A.
ausgesprochener Parasiten, d. h. solcher Infektionserreger, die sich in
bezug auf ihre Fermenttätigkeit ganz dem lebenden Körper angepasst
haben, befördern, sie in grösserer Merge aber hemmen, ja vollkommen
unterdrücken 9). Zur Demonstration eignen sich am besten gewisse
Streptokokkenstämme, die in bezug auf ihr Wachstum auf künstlichen
Nährböden wählerisch sind. In kleinen Mengen regen diese Extrakte
aus dem Organismus die Fermenttätigkeit der Streptokokken deutlich
an, so dass sie jetzt auch einfachere organische Substanzen, wie Natrium
asparaginicum und Glyzerin zu verwerten vermögen.
Die Hemmung des Wachstums derartiger Parasiten in grössei e n
Konzentrationen dieser Extrakte ist m. E. am ungezwungensten
auf p h y s i k a 1 i s c h e Vorgänge zurückzuführen, denn es erfolgt eine
Hemmung, obgleich für den chemischen Aufbau genügend geeignete
Gruppen vorhanden sind. .
Am wahrscheinlichsten scheinen mir Fällungsvorgänge, die in den
klar filtrierten Extrakten bei Streptokokkenwachstum reichlich' zu be¬
obachten sind Machen sich solche Fällungen in den Randpartien des
Bakterienplasmas geltend, so müssen sie eine Verminderung der Dis¬
persität und infolgedessen des Bakterienstoffwechsels bedingen. Die
Vermehrung der Infektionserreger würde dadurch erheblich hint-
angehaUen Ausser physikalischen Prozessen kommen zweifellos noch
andere mit in Betracht. Jedenfalls können sich derartige Vorgänge
rein humoral abspielen und eine gesteigerte Abwehr eines Infektions¬
prozesses istauchohneReizung der Körperzellen mog¬
ln einer sehr interessanten Abhandlung aus dem Jahre 1901 „Die
Transfusion von Blut, insbesondere von fremdartigem Blut und ihre
Verwendbarkeit zu Heilzwecken von neuen Gesichtspunkten betrach¬
tet“ spricht A. B i e r bei seinen therapeutischen Versuchen über Trans¬
fusion von Lammblut von „Aenderung der Zusammensetzung des Blu¬
tes, welche möglicherweise auf gewisse Bakterienarten tötend oder
abschwächend wirken könnte“ (d. Wschr. 1901 Nr. 15 S. 569).
Ohne Reizung der Körperzellen ist ferner noch eine andere Art
von Leistungssteigerung möglich, die Absättigung lähmender Gruppen,
lieber diesen Begriff siehe die bereits genannte Veröffentlichung in
dieser Wochenschrift 1920 Nr. 4 S. 91.
So wichtig also auch der Reiz auf die Körperzellen bei der Protein¬
körpertherapie ist, es wäre m. E. verfehlt, sich jetzt schon auf diesen
Wirkungsmechanü mus allein festzulegen, er schliesst durchaus nicht
alle anderen Wirkungsmöglichkeiten, deren Resultat Leistungssteige¬
rungen im Gesamtorganismus sind, in sich ein.
Für die Praxis der Proteinkörpertherapie kommt die Absättigung
lähmender oder unerwünscht wirkender Gruppen durch chemisch de¬
finierbare Körper m. E. vorerst in Frage, wenn es sich darum handelt,
besser wirkende Proteinkörperpräparate herzustellen. Wir hätten dann
bis zu einem gewissen Grade ein chemisches Analogon zur sog. Simul-
tanimmunisierung der Immunitätsforschung, in diesem Falle eine Aus¬
schaltung lähmender oder unerwünscht wirkender Gruppen aus dem Ge¬
misch der höhermolekularen Ei weissabbauprodukte. Auf diesem Wege
bieten sich gerade der Proteinkörpertherapie noch aussichtsvolle Aus¬
baumöglichkeiten l0), ferner nach der Richtung, dass uns die spezifische
Wirkung der einzelnen Spaltprodukte besser bekannt wird11).
Aus den angeführten Gründen halte ich auch den Ausdruck „orale
Reiztherapie“ für verfrüht, solange nicht durch quantitative Stoffwechsel¬
untersuchungen am Gesamtorganismus und quantitative Untei-
suchungen am isolierten Organe die Art der Wirkung des jeweils an¬
gewendeten Mittels sichergestellt worden ist12) (vergl. auch A. Schi t-
tenhelm: diese Wochenschrift 1921 S. 1478). Bis dahin sollte eine
derartige Therapie nach dem angewendeten Mittel und nicht nach dem
angenommenen Wirkungsmechanismus genannt werden.
Man treibe also wie bisher Proteinkörpertherapie und
betrachte sie unter dem Gesichtswinkel der Leistungssteigerung. Eine
solche kann beruhen auf:
1. organotroper Wirkung
a) unspezifischer Art (beim sensibilisierten Organe oder beim
spezifisch eingestellten mit spezifischer Auswirkung).
b) spezifischer Art (durch Gruppen mit spezifischer Wirkung);
2. humoraler Wirkung
a) unspezifischer Art (Zustandsänderungen der Körpersäfte),
b) spezifischer Art (Absättigung lähmender Gruppen) 13).
Den höhermolekularen nicht oder schwer dialysablen Eiweissabbau-
produkten ist eine Sonderstellung zuzuweisen, wie ich das von jeher
getan habe:
1. wegen ihrer physikalischen Beschaffenheit und
2. wegen der Vielheit der beim Abbau auftretenden Gruppen, welche
für die Gesamtwirkung ein wesentlicher Faktor ist.
9) Erg. d. Hyg. etc. 5, S. 307. Bei Milchsäurebehandlung, Infektion
mit Friedländer etc. wurden diese, das Streptokokkenwachstum befördernden
Spaltprodukte im Organismus vermehrt. Zu diesen Versuchen gehört eine
sehr gute bakteriologische Zähltechnik.
10) Mir scheinen manche Produkte der inneren Sekretion in diesem
Sinne zu wirken und es wäre zu untersuchen, ob nicht Präparate, wie die
Milch, ihre besondere Wirkung bei der Proteinkörpertherapie dem Vorhanden¬
sein solcher Gruppen verdanken.
u) Siehe A. S c h i 1 1 e n h e 1 m: Zur Frage der Proteinkörpertherapie.
M.m.W. 1921 S. 1476.
12) Ueber die sekundäre Abspaltung leistungssteigernder Gruppen nach
der Einführung differenter Substanzen und nach elektrischer Reizung s.
M.m.W. 1918 S. 583/84. Nach neueren Versuchen von O. L o e w i am Herzen
können bereits durch die Nervenreizung allein spezifische Substanzen, die
im Sinne der Nervenreizung wirken, entstehen.
Im allgemeinen lässt sich die begreifliche Absicht mancher neuerer
Forscher, eine möglichst umschriebene originelle Ursache für die Wir¬
kung der Proteinkörpertherapie zu finden, nicht verkennen; so sollen
nach einer neueren Arbeit von Rosenthal und Holzer ) 1 ara-
sympathikus- resp. Sympathikusreize von ausschlaggebendem Einfluss
sein, andere sehen wieder in der entzündeten Zelle oder den Leukozyten
den Angelpunkt.
Ich möchte diesen Erklärungsversuchen gegenüber auf Grund lang¬
jähriger Erfahrung zunächst eine sehr skeptische Stellung einnehmen.
Die Verhältnisse auf diesem Gebiete sind zweifellos viel komplizierter,
als dass eine einheitliche Ursache angenommen werden könnte.
In der Tat konnte L ö h r 15) an der Med. Klinik in Kiel die Resultate
von R o s e n t h a 1 und Holzer nicht bestätigen.
Was den Entzündungsbegriff anbetrifft, so wird in der letz¬
ten Zeit gegen die Bezeichnung Heilentzündung von D i e t r i c h ) gel¬
tend gemacht, dass ein mystischer Zweckbegriff eingeführt würde. Es
wird nach diesem Autor ein Erfolg in den Begriff hineingebracht, der
in einem wunderlichen Lichte erscheint, wenn die entzündlichen Ei schei-
n ungen selbst den Untergang bringen, z. B. bei Pneumonie.
March and17) sieht in einer zu weiten Ausdehnung des Ent¬
zündungsbegriffes auf die allgemeinen Abwehrreaktionen des Organis¬
mus eine Verwechslung des lokalen reaktiven Vorgangs mit einer
Krankheit (Infektion), an der der ganze Organismus mehr oder weniger
teilnimmt 18}. , .
Einigkeit über den Entzündungsbegriff besteht keineswegs.
Für die praktischen Zwecke der Proteinkörpertherapie ist m. E.
der Begriff der Sensibilisierung massgebend.
Die sensibilisierten Zellen oder die sensibilisierten Organe verhalten
sich anders als die normalen. Sie reagieren hochgradig bei spezifischer,
weniger stark bei imspezifischer Beeinflussung. Eine sensibilisierte
Zelle ist chemisch oder physikalisch anders als die normale.
Diese Veränderungen des sensibilisierten Organs äussern sich oft so,
dass von einer Entzündung gesprochen werden kann. Das braucht
aber durchaus nicht der Fall zu sein.
Der Einfluss gewisser Lichtarten auf den gesteigerten
Blutdruck.
Von Dr. Adolf Kimmerle, leit. Arzt des Institutes für
physikal. Therapie des Krankenhauses Eppendorf-Hamburg.
Gelegentlich von Beobachtungen über das Verhalten des Blutdrucks 1
nach Bogenlampenlichtbestrahlungen fand ich bei einigen Fällen mit
beträchtlich erhöhtem Blutdruck eine merkliche Blutdrucksenkung. Be¬
zogen sich die ersten Untersuchungen lediglich auf solche Fälle, welche
annähernd normalen Blutdruck, eher etwas subnormale Werte zeigten,
so lag der Gedanke nahe, bei krankhaft gesteigertem Blutdruck thera¬
peutisch diese zunächst mit Recht als schädlich erachtete Blutdruck¬
senkung zu gebrauchen. Waren für anämische Zustände, bei welchen
von uns die Bogenlampenlichtbestrahlung vor allem aus therapeutischen
Gründen in den letzten Jahren angewandt wird, Blutdrucksenkungen
eine stets überflüssige, ja meist schädliche Beigabe, so konnte sie
andererseits bei hypertonischen Zuständen vielleicht nützlich sein. Man
war dazu um so mehr berechtigt, als es ja nach unseren Erfahrungen
bei der Behandlung der Anämie und den dabei gemachten Beobach¬
tungen über das Verhalten des Blutdrucks ohne und mit Einatmung
der Lampenluft, andere Einflüsse als die der durch blosse Wärme ent¬
standenen Hyperämie sein müssen, welche den Blutdruck herunter¬
setzen. Es müssen in der Lampenluft Stoffe enthalten sein, welche,
eingeatmet, auf das Herz und das Gefässsvstem, vermutlich seine
nervösen Apparate, einwirken. Wie dabei die Blutdrucksenkung zu¬
standekommt, ist noch unaufgeklärt, wie auch über das Entstehen des
erhöhten Blutdrucks bei den verschiedenen Veränderungen des Ge-
fässsystems, der Nieren usw., die Ansichten noch geteilt sind. Man
könnte aber denken, dass nach Einatmung der Bogenlampenluft ge¬
wisse lähmende Einflüsse sich geltend machen, welche auf irgendeine
Weise, wahrscheinlich auf chemischem Wege, den Tonus herabsetzen;
es sei dahingestellt, ob es eine direkte oder reflektorische E'nwirkung j
auf die Vasokonstriktoren oder Vasodilatatoren ist. Die Blutdruck¬
senkung könnte bedingt sein durch eine Reizung der Vasodilatatoren, ,
aber ebensogut könnte sie als eine reflektorische Hemmungswirkung
auf das Konstriktorenzentrum in der Medulla oblongata aufgefasst
werden. — Als reflektorische Reize z. B. wirken ausser Kälte und
Wärme auch gewisse Gifte. Bestimmtes lässt sich darüber erst dann
aussagen oder wenigstens schliessen, wenn man weiss, woraus das
Gasgemisch der Bogenlampenluft besteht. Es gibt ja Mittel, welche,
per os genommen, oder ins Gewebe injiziert, den Blutdruck herab¬
setzen, so das Nitroglyzerin, das Vasotonin, das Papaverin, aber nie
in dem Masse, wie ich dies in manchen Fällen von Hypertonien nach :
der Einatmung der Bogenlampenluft beobachtet habe. Gewisse Nitrit¬
verbindungen, Nitroxylverbindungen werden in der Bogenlampenluft
sicherlich enthalten sein. Am nächsten käme dieser Verbindung das 2
13) Oder von Gruppen mit unerwünschter Wirkung.
14) Rosen thal und Holzer: B.kl.W. 1921, Nr. 25, S. 675.
15) Ther. Halbmonatsh. 1921. H. 12, S. 303.
16) M.m.W. 1921 S. 1071. 17) D.m.W. 1921 S. 1197.
18) Ueber die Entzündung s. vor allem R. Virchows Trennung der
Frage nach dem Wesen der Entzündung von derjenigen nach den Symptomen.
L. Asch off: D.m.W. 1921 S. 1187.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nitroglyzerin, dessen blutdruckherabsetzende Wirkung bei manchen Zu¬
ständen benützt wird. Bei der künstlichen Höhensonne habe ich sowohl
bei der Hypertonie als auch bei anderen Fällen diese Wahrnehmung nie
gemacht, nie Blutdrucksenkungen in diesem Umfange beobachtet. Mit
der Erfahrung nach Bogenlampenlichtbestrahlung decken sich auch die
Beobachtungen, welche manche Badeärzte bei der Behandlung chro¬
nischer Nephritiden mit natürlichen Sonnenbädern gemacht haben.
Selbstverständlich muss die Anwendung des Sonnenbades sehr vor¬
sichtig abgestuft werden und eignen sich lange nicht alle chronischen
Nephritiden dazu. Im folgenden kurz die Krankengeschichten einiger
Fälle. Aus leicht ersichtlichen Gründen kann ich nicht alle Fälle hier
anführen, sondern ich muss mich darauf beschränken, einzelne mar¬
kante Fälle hcrauszugreifen.
Wir verwenden stets Gleichstrombogenlampen von 40 — 50 Amp.,
wie wir sie auch zur Behandlung der Anämie benutzen, setzen den
Patienten in 40 — 50 cm Abstand vor die Bogenlampe — grössere Ab¬
stände verringern die Wirkung, näher heranzugehen ist nicht erlaubt,
wegen der zu grossen Hitzeentfaltung; der Schutz der Augen durch
schwarze Gläser ist selbstverständlich.
1. Fall. Frau Anna Gr., 67 .Jahre alt, selbst nie ernstlich krank ge¬
wesen. Am 15. V. 1921 wurde sie schwindelig, verspürte Kopfschmerzen.
Bei der Aufnahme Befund einer ausgebildeten Arteriosklerose, verstärkter
2. Aortenton, Blutdruck 190 mm Hg (R i v a - R o c c i). Bei der Aufnahme
hatte man den Eindruck, dass ein leichter apoplektischer Insult voraufgegangen
war. Mit Rücksicht auf die Angaben der Patientin darf man annehmen, dass
unter anderm auch eine Arteriosklerose der Gehirnarterien vorliege. Der
erhöhte Blutdruck war in den mehr oder weniger arteriosklerotisch ver¬
änderten kleineren und kleinsten Gefässen zu suchen. Der Wasserversuch
und Konzentrationsversuch bestätigten die Vermutung, dass es sich um
eine Nephrosklerose handelte. Patientin erhielt seit dem 25. V. 1921 salz¬
arme Diät, Bettruhe. Die Beschwerden, der Blutdruck blieben unverändert;
am 9. VII. 1921 wurde mit der Bogenlampenbestrahlung begonnen, zunächst
mit 10 Minuten Dauer bei 50 cm Abstand. Am 11. VII. 1921 dauerte die Be¬
strahlung und somit die Einatmung bereits 40 Minuten, der Blutdruck ging
von 193 auf 93 mm Hg zurück; 15 Minuten nach Beendigung der Bestrahlung
war der Blutdruck schon wieder 128 mm Hg. Am 12. VII. 1921 erreichte man
in der gleichen Zeit eine Blutdrucksenkung von 206 auf 88 mm Hg. Jetzt,
es war zudem ein sehr schwüler und heisser Tag, fühlte Patientin das Be¬
dürfnis sich hinzulegen. 20 Minuten nach Beendigung der Bestrahlung war
der Blutdruck wieder 130 mm Hg, 50 Minuten später bereits 175 mm Hg.
Nun wurden die Bestrahlungen wochenlang fortgesetzt, nachdem Patientin sich
daran gewöhnt hatte, diese auch ganz gut vertragen. Die Patientin gab
spontan an, dass sie keine Kopfschmerzen mehr habe, sich besser fühle. Der
Blutdruck war am 18. VFI. 1921 vor der Bestrahlung 163 mm Hg. am 15. IX.
1921, also 16 Tage nachdem die Bestrahlung ausgesetzt war, 167 mm Hg.
Es war somit eine Blutdrucksenkung erreicht worden, die anfangs
sich stets wieder rasch ausglich, nach wochenlanger Bestrahlung aber
konstant blieb. Die anfänglich erzielten Ausschläge waren ungewöhn¬
lich gross, später, nach Adaption, schwankte der Ausschlag im Mtttel
zwischen 167 — 137 mm Hg.
2. Fall. Wilhelm Ha., 72 Jahre alt. Früher Pneumonie, Typhus. Im
Krankenhause vom 3. VIII. 1920 bis 1. IV. 1921. 3 Monate vor der Ein¬
lieferung starke Zahnfleischblutung, ietzt perniziöse Anämie, Hämoglobin¬
gehalt 27 Proz., Blutdruck 195 mm Hg Am 1. IX. 1921 Begin der Bogen¬
lampenbestrahlung zur Behandlung der Anämie.
Bei diesem Falle fielen die grossen Schwankungen auf (183 — 150 mm Hg,
191 — 148 mm Hg). Die näheren Untersuchungen ergaben das Vorhanden¬
sein einer Nephrosklerose. Im Laufe der Behandlung, die bis zum 23. XII.
1920 fortgesetzt wurde, stieg der Hämoglobingehalt bis auf 80 Proz., ob prop-
ter hoc oder post hoc, lasse ich dahingestellt. Gleichzeitig wurde auch der
Blutdruck niedriger, so dass am 13. XII. 1920 ein Blutdruck von 150 mm Hg,
am 6. I. 1921 ein solcher von 180 mm Hg und am 21. I. 1921 ein solcher von
155 mm Hg notiert wurde.
Auch hier eine Blutdrucksenkung von der Dauer einiger Wochen;
die Anämie wurde gebessert. Es kann also die Blutdrucksenkung nicht
auf die zunehmende Anämie zurückgeführt werden, zudem war der
Blutdruck am höchsten als der Hämoglobingehalt am niedrigsten war.
3. F a 1 1. Friederike L., 56 Jahre alt, sonst gesund. Jetzt Diabetes und
Arteriosklerose. Im Krankenhaus seit 16. VII. 1921. Blutdruck 200 mm Hg.
Seit 10. IX. 21 Bestrahlung mit der Bogenlampe. Am 14. IX. 1921 waren
die Ausschläge 1 93 H 73 mm Hg. am 15. IX. 1921 205/150 mm Hg, am 17. IX.
1921 183'160 mm Hg, am 22. IX. 1921 192/167 mm Hg.
Da hier gleichzeitig ein Diabetes vorlag, handelte es sich nicht aus¬
schliesslich um eine Nephrosklerose, sondern auch um nephrotische Ver¬
änderungen. Die einzelnen Ausschläge waren jedenfalls ziemlich gross,
doch reagierte der Fall nicht so prompt und so nachhaltig, wie die
beiden ersteren.
4. Fall. Claus D., 58 Jahre alt. Im Krankenhaus seit 5. VII. 1921;
mit 14 Jahren Pneumonie, 1883 Lues, Hg-Kur. 1884 Gonorrhöe, 1914 Krampf¬
zustände in beiden Armen. Seit Januar 1920 zunehmende Mattigkeit und
Kurzluftigkeit. Im Urin damals kein Eiweiss.
Status praesens: Geringe Oedeme der Unterschenkel, Haut mässig gut
durchblutet, Aorteninsuffizie.iz, Blutdruck 250 mm Hg. Durch Diät und Ruhe
ging der Blutdruck ruf 180 mm Hg zurück (am 25. VIII. 1921). Nach Wasser¬
versuch, Konzentrationsversuch und der klinischen Beobachtung Annahme
einer chronischen Glomerulonephritis. Am 31. VII. 1921 Beginn der Bestrah¬
lung; 195 '175 mm Hg, am 7. VI. 1921 Aussetzen der Bestrahlung, am 14. IX.
1921 Wiederbeginn der Bestrahlung, am 17. IX. 1921 Schwankung
180/160 mm Hg nach 40 Minuten. Die Kurve lässt hier vielleicht die Ver¬
mutung zu, dass jedesmal, nachdem die Bestrahlung einige Zeit lang aus¬
geführt war, die Diurese anstieg und umgekehrt bei Aussetzen nachliess.
Hier liegt eine Kombination mit einer Aorteninsuffizienz vor. Es ist
nach der Anamnese nicht ausgeschlossen, dass die früher überstandene
Lues teilweise die jetzige Nierenveränderung bedingt hat. Die klini¬
schen Beobachtungen lassen ja auch eine Glomerulonephritis annehmen,
wahrscheinlich schon mit Uebergang zur Indurativform, der sog. sekun¬
dären Nephrosklerose.
109
Während die beiden ersteren Fälle sich in der Aetiologie ähnlich
waren — bei ihnen lag wohl sicher eine reine Nephrosklerose vor — ,
handelt es sich bei den beiden letzteren Fällen nicht nur um reine
sklerotische Veränderungen, sondern es waren auch andere Erschei¬
nungen im Vordergründe, so im letzten Falle die einer chronischen
Glomerulonephritis mit Uebergang in die sekundäre Indurativform.
Die ersten 3 Fälle verhielten sich der Behandlung gegenüber mehr
oder weniger einheitlich, die Blutdrucksenkung war deutlicher und
ständiger, im letzteren Falle war die Blutdrucksenkung nicht so offen¬
kundig, auch nicht so anhaltend.
Die Folgerung aus diesen Fällen könnte sein, dass die durch reine
Gefässveränderungen (Arteriosklerosis) bedingte Biutdrucksteigerung
durch das Einatmen der Lampenluft günstig beeinflusst werden kann.
Der Vorgang wäre so zu erklären, dass das Gefässsystem selbst beein¬
flusst wird, vielleicht geschmeidiger, oder vorübergehend elastischer
gemacht wird. Dabei werden auch die peripheren Widerstände ver¬
mindert, der Angriffspunkt wäre dann also das veränderte Gefässsystem.
Ueber das Zustandekommen des hohen Blutdrucks bei Nephrosklerose
besteht noch keine einheitliche Ansicht: Die meisten Autoren stellen
bei diesem Zustande die Nieren mehr oder weniger in den Mittelpunkt
der Betrachtungen, dabei nehmen die einen, z. B. v. Romberg,
Fahr u. a. an, dass die Entstehung der Hypertonie von den Vor¬
gängen in den Nieren selbst abhängig sei, während andere, wie Fried¬
rich v. Müller, A s c h o f f u. a. eine Erkrankung der Nieren nicht
unbedingt für notwendig halten. Bei dieser letzten Ansicht liegt der
Gedanke an eine Systemerkrankung nahe, indem mehr oder weniger
eine über den ganzen Körper verbreitete Arteriosklerose der kleinsten
Arterien angenommen werden dürfte. Zur Hvpertonie kann es nur
dann kommen, wenn die Erkrankung der Gefässe sehr ausgebreitet
ist, die Mehrzahl der Gefässchen verändert ist. Nach der klinischen
Beobachtung sind die beiden ersten Fälle reine Nephrosklerosen, also
jene Form der Nierenerkrankung, die ohne vorausgegangene Nephritis
entstanden ist und prinzipiell von den entzündlichen Prozessen zu unter¬
scheiden ist; es sind also rein arteriosklerotische Veränderungen am
Gefässapparat, infolgedessen auch an den Nieren, welche den hohen
Blutdruck bedingen. — Diese beiden Fälle haben am besten und zwar
dauernd reagiert. Wenn also Fälle mit reinen Gefässveränderungen
für diese Art der Behandlung die dankbarsten Obiekte sind, dann darf
man andererseits schliessen, dass die blutdrucksenkende Wirkung
darauf beruht, dass in erster Linie auf den Gefässapparat direkt ein¬
gewirkt wird. Wie es kommt, dass anscheinend gut und noch praktisch
gesunde Gefässapparate weniger stark reagieren, als gerade die
arteriosklerotisch veränderten Gefässe, ist allerdings sehr merkwürdig.
Bei der Glomerulonephritis oder bei Parenchymschädigungen der
Nieren, auch bei den Mischformen, tritt keine so entschieden nach¬
haltige Wirkung auf, weil die oben erwähnten Angriffspunkte mehr
oder weniger fehlen und es sich nicht um reine primäre Gefäss-
schädigungen in dem Nierenapparat handelt; die zu überwindenden
Widerstände sind also anderer Natur. — Weitere Beobachtungen
werden nach der einen oder anderen Seite hin Aufschluss geben. Wenn
der Einfluss des Bogenlampenlichtes dazu verwendet werden könnte,
den erhöhten Blutdruck dauernd zu senken, so wäre dies jedenfalls eine
verhältnismässig einfache Methode. Die Kr'anken brauchten der Be¬
strahlung gar nicht direkt ausgesetzt zu werden, sondern man könnte,
wenn die nötigen Einrichtungen dafür vorhanden sind, die Lamnenluft
absaugen und die Patienten, die dabei in- einen anderen Raum gesetzt
werden können, direkt diese Luft einatmen lassen. Man würde dadurch
die manchmal sehr unangenehme und lästig sich bemerkbar machende
strahlende Wärme ausschalten können, da es ja nicht nötig ist, letztere
auf den nackten Körper einwirken zu lassen, sondern es auf die Ein¬
atmung der in der Luft enthaltenen Gase ankommt. Wenn nämlich die
Einatmung dieser Gase verhindert wird, z. B. durch Anlegen einer
Maske im Anschluss an einen Saugapparat, welcher frische Aussenluft
zur Atmung liefert, dann bleibt auch bei der Hypertonie die Blutdruck¬
senkung aus. — Um eine dauernde Wirkung zu erzielen, halte ich
es aber für nötig, dass lange genug und in den ersten Wochen kon¬
sequent Tag für Tag behandelt wird, Unterbrechungen der Behandlung
machen den Erfolg häufig illusorisch. Aehnlich wie bei anderen chro¬
nischen Krankheiten sind auch hierbei Wiederholungen der Behandlung
von Zeit zu Zeit nicht zu umgehen. — Unangenehme Nebenerschei¬
nungen habe ich bisher nie beobachtet.
Aus der Universitäts-Frauenklinik in Innsbruck.
lieber Konstitution und Vererbung erworbener Eigen¬
schaften.
Von P. Mathes.
Kliniker und Pathologen mühen sich in gleicher Weise program¬
matisch ab, die Konstitution zum Gegenstand exakter Forschung zu
machen. Es ertönt der Ruf nach einer eigenen Konstitutionspatho¬
logie, nach einer eigenen Methodik sie zu betreiben: wenn schon die
„Gesamtkonstitution“ nicht zu erforschen ist, so sollen es doch wenig¬
stens die „Partialkonstitutionen“ sein (Kraus, T o e n i e s s e n).
Schon mischen sich in diese Rufe Töne, die wie Misstrauen und
Resignation klingen; so be! Roessle1). wenn er sagt: „Gibt denn
die heutige Konstitutionspathologie auf die Fragen nach dem ,Wie?‘
‘) M.m.W. 1921 Nr. 40.
110
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 4.
und , Warum?“ eine Antwort? Nein, denn es gibt noch fast keine Kon-
stitutionspatholcgie“ — und später: „Jedes Gebiet erfordert seine
eigene Methodik, eine solche ist für die Konstitutionsforschung nicht
vorhanden“. So auch bei Toenniessen2): „Wenn wir aber ....
nur die rein ererbten Eigenschaften als konstitutionell gelten lassen ....
dann schrumpft der Begriff der Konstitution auf einen so klemen Be¬
zirk zusammen, dass er bedeutungslos und überflüssig wäre. Miss¬
trauen und Resignation sind hier am Platze. Eine Pathologie
der K. wird es nie geben, weil Konstitution nur ein
B e g r i f f i s t.
Wir denken mit Begriffen; wir bilden die Begriffe, indem wir aus
möglichst vielen Einzelerscheinungen möglichst viele gemeinsame Merk¬
male abziehen (Abstraktionen) und sie gedanklich vereinigen (Resyn-
these); wir geben den Begriffen Namen, um uns mittels dieser über
äussere und innere Erlebnisse zu verständigen.
Aus den vielen Einzelfällen, dass die Jungen den Elterntieren glei¬
chen, haben wir den Begriff der Keimanlage abstrahiert. Der
Begriff hat zum Inhalt, dass eine Keimanlage der anderen jedesmal
zum mindesten sehr ähnlich sein muss, dass sie, wenn auch nicht Glei¬
ches, so doch immer Aehnliches hervorbringen muss, dass sie von
innen durch Teilung und durch Paarung nur wenig, von aussen gar
nicht veränderlich ist; wohlgemerkt: nur die Anlage, nicht das,
was später daraus wird.
Auf die menschliche Pathologie bezogen, habe ich im Jahre 1912
vorgeschlagen 3 4), den eben erörterten Begriff mit dem Namen Kon¬
stitution zu belegen. Ein Name, der bis dahin für die verschieden¬
sten Begriffe gebraucht worden ist (wie es auch heute wieder ge¬
schieht, Toeniesse n). Es ist Tandler mit seiner Rede auf dem
Anthropologenkongress 1913 gelungen, diesem Vorschläge Eingang m
die Literatur zu verschaffen, wenn er dabei auch die scharfe Begriffs¬
abgrenzung durch Zutaten wieder verwischt hat.
K. -Forscher werden nun jene Beobachter genannt, die bei der
Deutung ihrer Befunde dem Gedanken Raum geben, dass diese Befunde
mit der imaginären Keimanlage (mit der Anlage; deren vermeintliches,
materielles Substrat, die Chromosomen, wollen wir aus dem Spiele
lassen) in Beziehung stehen. Es ist unbillig, von diesen Forschern zu
verlangen, dass sie sich bei ihren Untersuchungen besonderer Methoden
bedienen1): denn K. bedeutet alles und sie bedeutet nichts; sie
bedeutet alles, denn das Sein des Untersuchungsobjektes allein ist
schon konstitutionell. Gezeugtwerden und die Fähigkeit, zu zeugen,
sind in der Anlage bedingt, sind erblich und vererbbar 5). Die K. be¬
deutet für die Untersuchung nichts, denn das Objekt der Untersuchung
ist auch für die K -Forscher das alte: Der gesunde oder kranke Mensch,
das Einzelindividuum, lebend im Kranken — tot im Seziersaal.
Der Methoden für Untersuchung haben wir genug; wir müssen sie
nur richtig anzuwenden und ihre Ergebnisse zu deuten verstehen. Es
wird nie möglich sein, an einem solchen Ergebnis den k. Anteil etwa
so festzustellen, wie man den Säuregehalt einer Lösung durch Titration
bestimmt. Die K. ist nichts Körperliches, nichts etwa wie ein
feines Gespinst, das das ganze „Soma“ durchzieht, wie es sich
Toeniessen offenbar vorstellt, wenn er sagt: „So lange eine solche
Somaschädigung anhält, ist der k. Zustand des betreffenden Organes
verdeckt und nicht exakt .festzustellen (sonst ja? d. V.) - erst wenn
die Somaschädigung verschwindet, tritt die k. Eigenart des Organes
wieder unverändert hervor.“ Umgekehrt! Die Reaktion auf Reize ist
ja gerade das, was uns am besten zeigt, von welcher Art das Einzel¬
organ oder das Einzelindividuum ist. Das gerade Gegenteil werden wir
anstreben. Wir werden trachten, das Einzelindividuum unter den ver¬
schiedensten Bedingungen beobachten zu können. Sind die Be¬
dingungen von selbst nicht verschieden genug, so werden wir sie
künstlich möglichst verschieden gestalten: das ist ja gerade das Wesen
der funktionellen Prüfungen (man kann sie auch biologische nennen),
es ist die Methodik der experimentellen Pathologie.
Erst wenn das fertige Untersuchungsergebnis vorliegt, werden wir
darüber nachzudenken anfangen können, ob und wie weit sich das be¬
obachtete, spezielle Ergebnis von dem nach den bisherigen Erfahrungen
zu erwartenden unterscheide, was also dabei durch die Anlage des unter¬
suchten Objektes bedingt sein mag. Dass es . so ist, liegt in der
Definition des K. -Begriff es. Das Wie? und Warum? rührt an die letzten
Fragen nach dem Wesen des Lebens überhaupt.
Welche Erwägungen können dazu nun angestellt werden? Jede
Erwägung ist überflüssig, wenn nachgewiesen werden kann, dass die
2) M.m.W. 1921 Nr. 42.
3) Es geschah dies in einer Monographie mit dem schlecht gewählten
Titel „Der Infantilismus, die Asthenie und deren Beziehungen zum Nerven¬
system.“ Sie hätte besser genannt werden sollen: „Das Konstitutionsproblem
beim Weibe.“ Nebenbei bemerkt ist Toeniessen der Einzige, der dieser
geschichtlichen Tatsache Erwähnung tut. Ich glaube aber annehmen zu
können, dass auch ihm das Original nicht Vorgelegen hat, weil er sagt, dass
ich diese Ansicht nicht näher bewiesen und gegen die anderen Auffassungen
nicht gestützt hätte. Zu beweisen ist an einer solchen Denkhandlung so wenig
wie an irgendeiner motorischen Handlung, und andere Auffassungen waren
damals nur wenige vorhanden. Soweit sie aber vorhanden waren, habe ich
sie in dem 5 Seiten langen Abschnitt über „Konstitution und Disposition“
eingehend erörtert.
4) Das Experiment der Züchtung ist auf den Menschen nicht anwendbar.
Familientafeln werden uns in ausreichender Menge und Genauigkeit nie zur
Verfügung stehen.
s) Diese Erkenntnis ist nicht so alt und nicht so allgemein, als es den
Anschein hat; den Australnegern fehlt sie auch heute noch (Sem o n: Irrt
australischen Busch); der Zusammenhang von Geschlechtsakt und Fort¬
pflanzung ist ihnen nicht bekannt.
in Frage stehende Veränderung in der Aszendenz oder Deszendenz vor¬
gekommen ist, ein in der menschlichen Pethologie wohl nicht allzu
häufig vorkommender Fall. Für die meisten Fälle wird nur das übrig
bleiben, was R o e s s 1 e so treffend „jenes künstlerische Erraten, die
spezifische Intuition“ genannt hat.
Um uns nicht wieder zu verlieren, ist es notwendig, klar zu de¬
finieren, was mit dem Worte Intuition benannt werden soll. Wenn
der geniale Pflanzenzüchter Luther Burbank auf einem Spaziergange
im südlichen Frankreich eine wildwachsende, unscheinbare Prunusai't
findet, deren Samen nicht in eine steinige Hülle eingeschlossen ist.
wenn er vermutet dass diese Eigenschaft vererbbar ist und nun daran
geht, diese Prunusart mit anderen hochgezüchteten, wertvollen, grossen
Pflaumen zu kreuzen, so war das J. Dass er richtig „erraten“ hat,
beweisen die herrlichen, steinlosen Pflaumen, die seine Kreuzungs¬
versuche ergeben haben. Wenn Billroth in der vorantiseptischen
Zeit findet/dass peinliche Sauberkeit bei Vornahme von Operationen
deren Resultate günstig beeinflusst, so war das J.; wenn es auch ein
Irrtum war, deshalb die Antisepsis abzulehnen, die mit besseren Gründen
zur modernen Asepsis geführt hat.
Intuition können wir die Fähigkeit nennen, mittels gering¬
ster äusserer oder innerer Wahrnehmungen, die nicht einmal klar
ins Bewusstsein zu treten brauchen, Zusammenhänge, zwischen Tat¬
sachen oder Ideen gewissermassen nur zu fühlen, nicht einmal klar
zu erkennen. Darin liegt der Kern des schöpferischen Tuns überhaupt j
und so ist es auch in der medizinischen Wissenschaft und Praxis.
Darin liegt offenbar auch die Macht des wahren Naturheil-„Künstlers“,
nicht des gewöhnlichen Naturheil-. .Kundigen“, denn die „Kunde“ muss
erst erworben werden.
Wenn wir nicht wollen, dass schöpferisches Laienempfinden den j
Sieg über den Professionalismus davon trage, dann müssen wir aka¬
demischen Lehrer bei unseren Schülern die Gabe der J. zu wecken
versuchen: durch unmittelbare Anschauung am Krankenbette, nicht
durch Instanzenverschiebung ins Laboratorium mit Mikroskop und I
Reagenzglas; diese Fähigkeiten lassen sich leicht nebenher erlernen.
Wir müssen unsere Schüler lehren, den ganzen Menschen in seiner
individuellen Beschaffenheit zu erfassen, die V er-
schiedenheiten in der Beschaffenheit der einzelnen Kranken mit einander j
zu vergleichen; die Abweichungen sind im ganzen und grossen ja immer I
nur ein Zuwenig oder ein Zuviel in derEntwicklung. seltener desQanzen, I
öfters seiner Teile. Dasist dasZielund derSinnder söge- I
nannten Konstitutionsforschung im einzelnen. Wenn I
diese Erkenntnis als Niederschlag der vielen wohl recht fruchtlosen
Erörterungen über den K.-Begriff erhalten bleibt, so waren diese nicht |
umsonst; vielleicht war aber umgekehrt das Interesse für diese Er- j
örterungen schon ein Zeichen dafür, dass diese Art der Betrachtung I
der, einzelnen kranken Menschen sich durchzusetzen angefangen hat 3
gegen die frühere Art, die vor allem das Ziel hatte, abstrakte Diagnosen- I
begriffe zu formulieren. Es wäre zu überlegen, ob es nun nicht auch 1
besser wäre, das viel umstrittene und viel gedeutete Wort K. wieder I
ganz- fallen zu lassen und ein anderes an desen Stelle zu setzen; j
Bauer spricht von Körperverfassung, Toeniessen schon
besser von Körperzustand. Kretschmer") von K ö r r> e r h n u. j
ich gebrauche gerne die Wendung „seit jeher“ oder „anlage-
g e m ä s s“. _
Nach diesen Ausführungen wird es leicht sein, sich über die zweite 9
Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften zu !
einigen.
Der direkten Vermehrung bei Einzelligen durch Teilung':'
wird die der indirekten Vermehrung bei vielzelligen Organismen
durch Keimzellen begrifflich gegenüber gestellt. Im ersten Falle ;
wird das gesamte Einzelindividuum durch den Vorgang aufgebraucht, -
im zweiten Falle beteiligt sich an dem Vorgänge nur eine kleine Gruppe
von Zellen; diese haben sich in frühesten Entwicklungsstadien abge¬
sondert (Weismanns Keimbahn), verharren in einem wenig differen¬
zierten, aber omnipotenten Zustand und stehen damit in einem scharfen j
Gegensatz zfi den Körperzellen, die die verschiedensten Arten von
Differenzierungen durchgemacht haben, aus denen sie in ihren früheren
Zustand nicht wieder zurückgeführt werden können: sie beher¬
bergen die Keimzellen schon da wie einen selbstän¬
digen Organismus. Dabei müssen wir uns aber dessen be¬
wusst bleiben, dass wir mit dieser Begriffsbildung zwei Extreme aus
einer natürlichen Reihe künstlich ausschneiden. In diesen Be¬
griffen findet nicht mehr Platz die Vermehrung durch Knosmmg und
noch weniger die Tatsache, dass bei einzelnen Formen beide Arten
der Vermehrung nebeneinander Vorkommen, ja. dass wie z. B. bei
Aszidien die ausgeschnittenen Keimzellhaufen aus Somazellen wieder
ersetzt werden können. \
Solchen Tatsachen gegenüber nimmt nun der biologische
Forscher einerseits und der Praktiker anderseits einen ganz
verschiedenen Standpunkt ein. Der biologische. Forscher
wird bestrebt sein, möglichst viele solcher Zwischenstufen in den Kreis
seiner experimentellen Beobachtung zu ziehen. So hat Kämmerer
z. B. Aszidien das Ernährungsrohr gekürzt und den Tieren dann die
Ovarien entfernt: Ovarien sind aus dem übrigen Körperbestand nach¬
gewachsen und die aus diesen hervorgeangenen Jungen hatten auch
ein kürzeres Ernährungsrohr. Man braucht die Richtigkeit dieser Be¬
obachtungen gar nicht anzuzweifeln: die neu entstandenen Keimzellen
sind eben keine Keimzellen im Sinne der früheren
®) Körperbau und Charakter. Berlin, Springer, 1921.
7. Januar 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
111
»efinition Ovarien im Sinne unserer Begriffsbildung ersetzen
ich nicht wieder aus Somazellen, ein solches verloren gegangenes
ivariuin bleibt verloren; dagegen ist es wohl begreiflich, dass die
omazellen, die sich bei K.s Versuchen zu Keimzellen zurückver-
andelt haben, etwas von dem korrelativen Einfluss der früher erlittenen
erstümmelung in ihre neue Funktion der Vermehrung mit hiniiber-
enommen haben. Die Versuche sind somit kein Experimentum crucis
ir die Vererbung erworbener Eigenschaften überhaupt, wie Kam-
lerer behauptet.
Der praktische Tierzüchter, der Eugeniker, der Arzt
erden trotzdem auch weiterhin dem biologischen Forscher
egenüber an ihrer Ansicht festhalten, dass die Keimzellen der Objekte,
üt denen sie es zu tun haben, erfahrungsgemäss dem Einflüsse der
ussenwelt und damit auch der Somazellen entrückt sind, was die Er-
altung ihrer ihnen eigentümlichen Entwicklungsrichtung anbelangt;
ie werden sich dagegen sträuben, dass der biologische Forscher seine
rfahrungen verallgemeinert, wie dies in so weitgehendem Masse Kam-
lerer getan hat, als er jüngst in einem Vortrag behauptete, dass
lies, was wir zur Vervollkommnung unseres Geistes und Charakters
in, auf dem Wege der Vererbung unseren Nachkommen zugute
omme. Solche Behauptungen haben vielleicht ethischen und erzieh-
chen, aber sie haben keinen wissenschaftlichen Wert. Was wir für
ie Vervollkommnung unserer Selbst tun und erstreben, kommt nur
nseren Mitmenschen zugute, unseren Nachkommen nur, soweit sie
uch unsere Mitmenschen sind.
ots dem Mütter- u. Säuglingsheim (O.-Arzt Prof. Dr. Schoedel)
er staatl. Frauenklinik (Direktor Prof. Dr. Krull) Chemnitz.
Subjektive und objektive Beeinflussung der Laktation.
Von Johannes Schoedel.
So oft Steigerung der Milchdrüsentätigkeit einerseits Arzt und
■lütter erwünscht erscheint, beinahe ebenso oft begegnet man ander-
eits nicht nur bei der Mutter, sondern auch beim Arzt Irrtümern über
ie Grenzen der Beeinflussungsmöglichkeit.
Will man hier auf sicherem Grunde fussen, so ist zunächst einmal
in zuverlässiges Bild über die Stillfähigkeit unserer Bevölkerung er¬
wünscht. Erfahrungen der Fürsorgestellen sind in dieser Frage un-
uverlässig, solche der Entbindungsanstalten zu kurz. Mütterheime
nit ihrer länger währenden Belegung können hier tiefere Einblicke
:ewähren :
Vollkommener Milchmangel wurde wie anderwärts so auch in der
intbindungsabteilung der hiesigen Frauenklinik nie beobachtet. Trotz¬
dem wäre es falsch, von 100 Proz. Stillfähigkeit zu reden. Jeder
uzt weiss, dass der Sekretfluss allein zur Stillfähigkeit nicht genügt,
lass ohne weiteres schwerkranke Mütter ausscheiden und dass auch
•ei einem Tel von Bildungsfehlem der mütterlichen Brust wie der
indlichen Saugwerkzeuge alle Mühe vergebens ist. Geht schon
o ein Teil der 100 Proz. Stillfähigkeit verloren, so gibt es noch
us vielen anderen Gründen im täglichen Leben zahlreiche Versager
m Stillgeschäft, sodass ein grosser Teil der Kinder nur vorübergehend,
mr Tage oder Wochen an der Brust erhalten wird. Fragen wir
m allgemeinen nach der Stillfähigkeit einer Bevölkerung, so ver¬
teilen wir darunter eine auf Wochen und Monate ausgedehnte Lak-
ation. In diesem Sinne fand sich im Jahre 1904 in Chemnitz durch
Jmfrage bei Impfterminen eine Stillfähigkeit von 32 Proz. Unter dem
Einfluss der allgemeinen Aufklärung, besonders aber unter der Ein¬
wirkung des Gesetzes über Wochenhilfe und Wochenfürsorge hat sich
lies Zahlenverhältnis bedeutend gebessert sodass man nach den Er-
ährungen der hiesigen Fürsorgesprechstunden wohl mindestens
>ü — 70 Proz. rechnen darf. Doch auch diese Zahl ist noch nicht bewei¬
send für die obere Grenze der Möglichkeit. In der Familie ist diese
;aum zu erreichen, nur bei Loslösung der Mutter aus dem Kreise
ler Familie und der sozialen Bedrängnisse wird diese Höchstgrenze
ersichtlich werden. Deshalb spiegelt sich die Stillfähigkeit der hie¬
sigen Bevölkerung am besten in den Stillzahlen des Mütterheimes
wieder. Hier stillten in den Jahren 1919 und 1920 1 — 3 Monate lang
ausschliesslich 80 Proz.,
teilweise 16 Proz.
'Nur 4 Proz. stillten in der Beobachtungszeit ab.
Wie wurden diese hohen Stillzahlen erreicht? Am leichtesten
relingt das, wo die subjektive Beeinflussung wirksam ist,
1. h. dort, wo die Mutter selbst unsere Absichten unterstützt und
'^r Suter und fester Wille unseren Wünschen entgegenkommt,
wie weit der Wille der Mutter das Stillgeschäft fördert, dafür fol¬
gende Beispiele:
Es gilt im allgemeinen der Lehrsatz, dass alleiniges Abdrücken
;der Abpumpen der Brust unter Wegfall des kindlichen Saugreizes
ne Absonderung der mütterlichen Brust auf die Dauer nicht unter¬
sten kann. Dagegen ermöglichte unter unseren Augen eine Mutter
’ Monate lang den Fortgang der Laktation durch unentwegtes Ab-
Irücken, deren Kind durch umfangreiche Abszessbildung monatelang
ichwerst geschädigt war und infolgedessen zum Trinken an den voll¬
ständigen Hohlwarzen der mütterlichen Brust unfähig war. Eine an-
lere Mutter erhielt 6 Monate lang ihre Brust für ihr Kind, eine Früh¬
geburt, durch Abdrücken im Gange, als dieses zunächst wegen Flach-
varzen in seiner Schwäche nicht trinken wollte und später bei wach¬
enden Kräften nicht mehr an die Brust zu gewöhnen war.
Nr. 4.
Es wird weiterhin oft auf die ungünstige Beeinflussung der Milch¬
sekretion durch Erschütterungen der mütterlichen Gesundheit hinge¬
wiesen. Dass auch 'dies Hindernis bei Willigkeit zu überwinden ist,
bewies uns eine Mutter, die am 2. Tage nach schwerer Laparotomie
ihr Kind wieder an die Brust nahm und bereits nach 8 Tagen — sie
war von graziler Gestalt — ausschliessliche Brusternährung erzwang.
Dass mangelnde Energie der Mutter gegenteilig wirkt, ist allgemein
bekannt und könnte mit zahlreichen Beispielen belegt werden. Sehr
lehrreich war in dieser Beziehung folgender Fall: Wegen Verheimlichung
ihrer unehelichen Schwangerschaft und Geburt vor dem Vater be¬
stand bei einer Insassin des Mütterheimes zunächst der Wunsch bal¬
digen Abstillens, um das Kind schnell anderwärts in Pflege geben
zu können. Nach anfangs sehr erfolgreicher Laktation ging die Milch¬
menge jetzt schnell zurück. Als durch Vermittlung der Mutter Rück¬
kehr ins Vaterhaus mitsamt dem Kinde in Aussicht gestellt wurde,
stieg die Tagestrinkmenge binnen wenigen Tagen wieder auf beach¬
tenswerte Höhe. Noch beweisender war das folgende Erlebnis: In
der Fürsorgestelle fiel ein skelettös abgemagertes Brustkind und
gleichzeitig die gegenüber diesem Zustand merkwürdige Gleichgültig¬
keit der Mutter auf. Nach ihrer Aufnahme ins Mütterheim erwies
sie sich als hochgradig dement. Unter der Einwirkung ihrer Umgebung
hatte sie zu Hause gestillt; das Kind war dabei an der Brust fast
buchstäblich verhungert, weil, wie sich in der Klinik erwies, die Mutter
in ihrer Geistesschwäche Sinn und Technik der Brusternährung in
keiner Weise begriff.
Die Erklärung für diese subjektive oder eigentwillentliche Be¬
einflussung des Milchflusses geben zum Teil die Bechterewschen
Tierversuche, wobei es durch Reizung sensitiv-motorischer Rinden¬
gebiete gelang, die Milchsekretion des Mutterschafes zu beeinflussen.
Es bestehen also nervöse Verbindungen zwischen Zentralnervensystem
und Brustdrüse. Neben dieser unmittelbaren nervösen Beeinflussung
wirken wohl aber in allen Fällen subjektiver Beeinflussung zwei wei¬
tere Kräfte begünstigend mit:
1. Die instinktiv geschickte Unterstützung des Trinkaktes durch
die Mutter und
2. die bewusst genaue Ausführung aller von dritter Seite gegebenen
Vorschriften, also die vom Willen unterstützte Ausnutzung der
objektiven Beeinflussung.
Wollen wir diese ergründen, so müssen wir uns zunächst mit den
Kräften befassen, die Wachstum und Sekretion der Brustdrüse hervor-
rufen. Zwei eindrucksvolle Entwicklungsphasen durchläuft die ur¬
sprüngliche Anlage der weiblichen Brustdrüse, eine unbedeutendere
unter dem Einfluss des Pubertätsimpulses und eine bedeutsame und
ausschlaggebende unter der Einwirkung des Schwangerschaftsimpulses.
Ob nun diese letztere durch Hormone, die riaCh H a 1 b a n dem
plazentaren Chorionepithel entstammen, oder durch endokrine Reize,
die vom Fötus ausgehen, ausgewirkt werden, das bleibe dahingestellt.
Eine Tatsache ist jedenfalls festzuhalten: Dieser Reiz, der Schwan¬
gerschaftsimpuls, ist nur ein Wachstumsreiz, der die Drüse im anato¬
mischen Bau bis zur Vollendung führt, der aber keinen Milch f 1 u s s
erzeugt. Für ihn, der nach Beendigung der Geburt einsetzt, kommen
diese chemisch-serologischen Einflüsse nicht mehr in Frage. Ihn be¬
wirken fast ausschliesslich ganz anders geformte Reize, nämlich die
mechanischen Reize des Saugaktes. Diese Kenntnisse müssen wir im
Auge behalten, wenn wir sekretionsfördernd wirken wollen. Denn
immer wieder werden chemische Reize versucht und doch ist man
damit auf dem Holzweg. Deshalb ist die Darreichung von Laktagol
und anderen sogenannten Laktagoga, wie Sanatogen, Somatose, Malz-
tropon u. s. f. immer wieder erfolglos. Erfolgreich sind sie höch¬
stens durch ihre suggestive Wirkung: Wir gewinnen bei ihrer Ver¬
wendung oft die Zeit, die nötig ist, den kindlichen Saugreiz voll zur
Auswirkung kommen zu lassen. Falsch und wirkungslos ist aus dem¬
selben Grunde auch der jüngste Versuch auf diesem Gebiet, die Pro¬
toplasmaaktivierung des Milchdrüsenepithels durch Injektion von
Frauenmilch und Eiweisspräparaten (Caseosan, Aolan). Durch Eigen¬
versuche haben wir uns davon überzeugt. In etwa 20 Fällen haben
uns intramuskuläre Injektionen von 2 — 5 ccm Muttermilch keinen Er¬
folg gebracht. Wir haben Milch der Mutter selbst verwandt, aus¬
gehend von dem Gedanken der reinen Protoplasmaaktivierung und
haben — ohne Erfolg — diese Versuche als Einzelinjektionen und
in Wiederholungen angestellt. Wir haben aber auch von reichlich
sezernierenden Ammen Milch bei milcharmen Müttern eingespritzt, aus¬
gehend von der Auffassung, dass vielleicht doch bei milchreichen
Müttern reichliche Mengen biologisch oder chemisch wirksamer Reiz¬
stoffe vorhanden sein möchten. Die Ergebnisse waren bei uns ebenso
ungenügend wie andernorts. Den einen oder anderen Scheinerfolg
haben auch wir erlebt, so vorübergehend wie gelegentlich auch ohne
solche therapeutische Anstrengungen unvermittelte Steigerungen der
Tagestrinkmengen von einem Tage zum anderen zu beobachten sind;
damit ist nicht gesagt, dass man solche Einspritzungen nicht ebenfalls
gelegentlich suggestiv verwenden könnte.
Unmittelbare Beeinflussung auf chemischem Wege ist unmöglich.
Mittelbar — aber nur bei gleichzeitiger Einwirkung des mechanischen
Reizes, des Saugreizes — ist in bescheidenem Umfange eine Be¬
einflussung der Güte und Menge der Milch wohl möglich, dann nämlich,
wenn wir die Lebensverhältnisse der Mutter so gestalten, dass sie ein
Lebensoptimum ergeben. Wir heben dann alle Leistungen des mensch¬
lichen Körpers, wir heben also auch die Leistungen der Milchdrüse.
Das sind aber, was wir nicht vergessen dürfen, sicher in Bezug auf
Güte und Menge der Muttermilch keine allzugrossen Erfolge, jedenfalls
4
112
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
keine so grossen, dass wir damit allein Milchmangel und Unterernäh¬
rung des Säuglings je beheben könnten. Thiemich fasste in der
Frage des Einflusses guter oder mangelhafter Ernährung auf die Lak¬
tation in der Nachkriegszeit sein Urteil vorsichtig dahin zusammen,
dass „bei der knappen Kriegsernährung schwergehende Brüste schwäch¬
licher Mütter schneller versiegen als früher“. Damit werden alle
die häuslichen, oft genug aber auch noch ärztlich verordneten Versuche
hinfällig, erhöhte Milchproduktion durch erhöhte Kostzufuhr (Milch,
Mehlsuppen, Malzbiere u. s. f.) zu erzielen, ebenso hinfällig wie die
volkstümlichen Anschauungen über milchvermindernde und -verschlech¬
ternde Einwirkungen von Zwiebel, sauren Gerichten, frischem Obst,
Salat u. s. f. Unsere guten Erfolge sind mit völlig gemischter Haus¬
mannskost erzielt, wobei neben 1 Liter Milch täglich alles und jedes
gegeben wird, was auch sonst auf dem bürgerlichen Tische steht.
In der Hauptsache erzielen wir aber unseren Erfolg nicht auf
diesem Wege, sondern weil wir die mechanische Beein¬
flussung durch den Saugreiz als den weitaus wichtigsten
Grund erhöhter Laktation betrachten und auswerten. An dem Satz
ist nicht zu deuteln : Der kindliche Saugreiz bringt den
Milchfluss in Gang. Diesen Reiz muss man deshalb in seiner
Wirkung kennen und ausnützen, wenn man vollen Erfolg haben will.
Glücklicherweise ist er unter Umständen vielseitig zur Wirkung zu
bringen bezw. zu ersetzen. In Kenntnis und Anwendung dieser Viel¬
seitigkeit liegt bei schwacher Veranlagung der Drüse oft der ärztliche
Erfolg, sobald man mit der Gutwilligkeit der Mutter rechnen darf.
Diese Reizabwandlungen bewegen sich in folgenden drei Richtungen :
In der Häufigkeit, der Mechanik und der Dauer des Reizes.
Einige Bemerkungen zur Häufigkeit der Reiz Wirkung:
Wir sind jetzt ärztlich so erzogen, dass wir das 5-, höchstens 6 malige
Anlegen des Kindes für das Ideal ansehen, weil wir damit bei dem
Kinde grosse Appetenz, bei der Mutter das jeweilige Leertrinken
der Brust erreichen. Das ist und bleibt sicher das Ideal. Wir dürfen
aber nicht vergessen, dass hier nicht immer nur die Appetenz des
Kindes, sondern auch seine Saugkraft in Rechnung zu stellen ist
und dass im Anfang, ehe die Brust in Gang kommt, oft ein häufiger,
wenn auch schwächerer Reiz wirksamer ist als ein seltener stärkerer.
Deshalb ist die Regel nach unseren Erfahrungen besser so zu
fassen: Zunächst Versuch mit 5 — 6 maligem Anlegen; bei geringen
Trinkergebnissen in den ersten Wochen jedoch alsbald 7 — 8 Mahlzeiten
und erst nach Eintritt guter Leistungen der mütterlichen Brust —
dann allerdings schnell und energisch — Rückgang auf 6 und 5 Mahl¬
zeiten. Durch starres Festhalten an geringer Zahl der Darreichungen
kommt manche schwergehende Brust nie in Gang, manche spärlich
fliessende nie in Fluss. Hier ist hinzuzufügen, dass man in solchen
Fällen mangelhafter Milcherzeugung sogar gelegentlich von der gol¬
denen Regel nur einseitigen Anlegens beim einzelnen Trinkakt für
kurze Zeit abweichen und zu doppelseitiger Brustdarreichung über¬
gehen kann. Diese Summation der Reize ist manchmal in unaus¬
giebigen Fällen recht vorteilhaft. Regel muss dann natürlich bleiben,
dass die erste Seite ganz leer getrunken wird und dass bei dem
nächsten Anlegen die zu zweit gereichte Seite zuerst gegeben wird.
Was die Mechanik des Saugens betrifft, so ist die Ent¬
leerung der Brustdrüse nicht etwa der Erfolg einer inspiratorischen
Leerstellung der Mundhöhle, wie man gemeinhin annimmt. Sie hat
mit der Inspiration wohl sehr wenig zu tun. Die Entleerung der Brust
vollzieht sich vielmehr durch zwei andere Kraftkomponenten: 1. durch
eine Saugwirkung, die infolge Herstellung eines negativen Druckes
in der durch Senkung von Unterkiefer und Zunge erweiterten Mund¬
höhle entsteht; 2. durch eine Druckwirkung auf die Sinus galactiferi
und Milchausführungsgänge bei dem folgenden Kieferschluss. Durch
gleichzeitige Darreichung der Mamilla und des benachbarten Warzen¬
hofteils, nicht nur der Mamilla, wie es fehlerhafter Weise noch oft
geschieht, sind wir in der Lage, beide Wirkungen zu verbessern.
Dies ergibt dann einmal dichten Mundschluss bei der Kiefersenkung
und zum anderen gute Druckwirkung bei dem Kieferschluss.
Die Streitfrage, ob der Saugreiz des Kindes für die Entleerung
der Brust als fortgesetzt wirksam oder nur als auslösende Kraft
anzusehen ist, sei hier nur gestreift. Für manchen Forscher ist es
nicht unwahrscheinlich, dass der Saugreiz nur ein auslösendes Moment
ist, auf dessen Einwirkung hin die Milchdrüse sich selbstständig ent¬
leert. Man denke nur an den häufig gleichzeitig einsetzenden un¬
freiwilligen Milchabfluss auf der Gegenseite. Sicher sind Reflex¬
wirkungen im Spiel und in gewissem Grade hat Pfaundler recht,
wenn er sagt: „Nicht der Säugling, sondern die Mutter entleert die
Milch aus der Brustdrüse“. Hier liegt vielleicht das Geheimnis der
leicht und schwer gehenden Brust, sei es, dass wir es im Einzelfall
mit einer leichten oder schweren Auslösung dieser Reflexe zu tun
haben.
Einige Worte über die Dauer der Saugwirkung. Sie ist eigentlich
Angelegenheit des Kindes: Es trinkt, solange es Appetit und Kraft hat.
Bei gesundem Kinde und gut gehender Brust ist das die einfache und
gute Lösung. Von diesem Kinde wissen wir, dass es nicht mehr als
15 Minuten zum Satttrinken braucht: in dieser Zeit trinkt es die
Brust leer. Doch nicht immer hat man es mit saugkräftigen und
gesunden Kindern zu tun und deshalb darf man sich an diese Regel
nicht unbedingt halten. Es gibt zwei Ausnahmen: Erstens das saug¬
schwache Kind, das Neugeborene, das Früh- und Schwachgeborene, das
Geburtsgeschädigte. Ihnen muss man unter Umständen mehr Zeit zu¬
billigen. 20, höchstens 25 Minuten Dauer bedeutet natürlich für seine
Mutter eine Anstrengung, die durch entsprechende Körperrühe, im Not¬
fälle durch Anlegen im Liegen wettgemacht werden muss. Zweit« j
das verwöhnte Kind; hat man bei Saugschwachen nachzugeben, j
hat inan hier erzieherisch zu kürzen, sonst gefährdet man unnj
die Gesundheit der Mutter.
Wir mögen nun den Saugreiz entweder nach Häufigkeit oder n<
Dauer oder nach Art der Ausübung beeinflussen, Endziel aller ,
serer Bemühungen, objektiv die Mildidrüse in ihrer Tätigkeit zu st
gern, muss immer eins sein: Das Leertrinken der jeweils gereich i
Seite. Denn so wahr der Satz ist: „Die Brust kommt nur;
Gang bei Einwirkung des Saugreizes“, so wahr ist der zweite Sa!
„Die Brust bleibt nur in Gang bei jedesmaligem gründlichem Lei
trinken“. Das ist das zweite Geheimnis weitestgehender Steigen |
ihrer Tätigkeit. Aus diesem Grunde müssen wir immer wieder baldij
auf 5, höchstens 6 Trinkzeiten zukommen. Denn nur so erziehen '
bei dem Kinde die nötige Trinklust. Dort, wo wir diese vollständ:
Entleerung der Brust wegen Mangelhaftigkeit des Kindes nicht
reichen können, dort müssen wir zu den Hilfsmitteln greifen, die i
für solche Fälle zur Verfügung stehen, nämlich zu
1. dem Ersatzkind, dem kräftigen Zieher,
2. dem manuellen Entleeren: dem Abmelken oder Abspritzen,
3. dem maschinellen Entleeren: dem Abpumpen.
Das letztere ist das mangelhafteste Verfahren. Dafür benützen \i
das biaspiratorische Saughiitchen (Teterelle) oder eine IVUlchpurri
(z. B. von Jaschke).
Warum die vollständige Entleerung nötig ist, das entzieht sj
noch in seiner tiefsten Begründung unserer Beurteilung. Am besil
greifen wir hier wohl auf das Gesetz der Erfolgssteigerung duij
Uebung funktioneller Tätigkeit zurück. Die vollständige Entleeru
des Milchbaumes gibt immer wieder die Möglichkeit reichster Na
bildung des Sekrets; sie verhindert jedenfalls weitgehendst Innendri
in der Drüse, der ihr Parenchym, ihren Blut- und Lymphzufluss l|
heiligt.
Endziel ist aber nicht nur grösste Ergiebigkeit, sondii
auch Ergiebigkeit von Dauer. Können wir die Dauer (
Milchflusses beeinflussen? Theoretisch ist sie unbegrenzt. Es g
Südseeinsulaner, die 10 Jahre, nordamerikanische Indianer, die 12 Jal;
und Eskimos, die 15 Jahre stillen. Es gibt bei uns Anstaltsamrm
die über 2 Jahre dienen. Das sind jedoch nicht die Grenzen, ij
denen in praxi zu rechnen ist. Hier spielen im Volksleben die v«
schiedensten Gründe abkürzend mit. Nicht zu unterschätzen ist k
turell-degenerative Funktionsschwäche, wie sie geschlechterlang
Grossstadtleben mit sich bringt. Bunges sicher übertriebene ^
schauung von der verheerenden Wirkung des Alkohols, wie die Set'
digungen der Siedlungs- und Wohnungsdichte, der Bewegungsmanj
und der Lufthunger, der Vitaminmangel des Grossstädters gehör
hierher. Bei dieser Abart von Frau und Mutter 'hoher und niedeij
Gesellschaftsklassen versagt trotz besten Willens die Brust sehr fri
Mit 4, 6 und 8 Wochen ist sie nicht selten am Ende ihrer Leistum
fähigkeit. Wie können wir hier, wo Degeneration die Ursache v
Misserfolgen zu werden droht und wo der gute Wille der Körpt
schwäche erliegen will, helfend eingreifen?
Hauptmassnahmen bleiben auch hier die bekannten zwei: Kräftig
und richtig angewandter Saugreiz und regelmässiges Leertrinken. Do
hier kommt noch eine dritte Massregel hinzu, d. i. die Verordnui
körperlicher und seelischer Ruhe. Für körperliches Ai
ruhen sorgen wir im Mütterheim, besonders für die erst kurze Z
entbundenen Wöchnerinnen, in ausgiebiger Weise. Die tägliche
beitsleistung wird beschränkt und dem Kräftemass angepasst; ai
giebige und rechtzeitige Nachtruhe, Mittagsruhe und sogar gelegen
liehe Bettlage im Laufe des Vormittags sind Selbstverständlichkeit«
So gelingt es oft, diese körperlichen Schwächeperioden zu üb«
winden. Ich erwähne den Fall einer kümmerlichen Mutter, die z
nächst nur unter Zwiemilchernährung ihr Kind fördern konnte, langsa'
aufblühte, mit 8 Wochen ausschliessliche Brusternährung durchfuhr
und mit 4 Monaten als Anstaltsamme angeworben wurde.
Die seelische Ruhe braucht man im Mütterheim seltener zu b
denken, da die Mutter hier häuslichem Zwiespalt mehr oder wenig
entrückt ist. Im Privatleben ist auf solche Betonung des seelisch«
Gleichgewichtes sicher ausserordentlicher Wert zu legen. Die „ze
rende“ Sorge ist sicher kein leerer Wahn, und psychische Erschüttern
gen, Schmerz. Schreck und Aufregungen aller Art können den Milc
fluss beschränken, ja sogar vorübergehend zum Stillstand bringen. D
Arzt darf aber nicht vergessen, dass es sich hier nur um vorübe
gehende Zustände von Stunden- und höchstens Eintagsdauer hande
die bei zielbewusstem Vorgehen stets zu überwinden sind. Audi ui
stehen Beispiele zur Verfügung, wo nach operativem Eingriff die Milc
Sekretion für 24 Stunden fast Stillstand und nach Trauernachricht d
Tagesmenge um die Hälfte sank.
Halten wir jetzt noch weitere Umschau nach hier gebraucht«
Massnahmen, so wären von physiologischen Hilfen nur noch die passh
und aktive Hyperämie zu erwähnen. Passiv lassen wir bei ungenüge«
der Leistung 2 mal am Tage 5 — 10 Minuten die Bier sehe Saugglocl
wirken; aktive Blutüberfüllung suchen wir durch Föhnwirkung zu e
zielen. Ein verlässliches Urteil über den Erfolg abzugeben, ist nie
möglich, da wir diese Mittel nicht ausschliesslich, sondern neben de
genannten anderen Hilfen gebrauchen.
Und nun zum Schluss noch zwei Klippen, an denen nicht in d«
Klinik, aber ausserhalb die Brusternährung scheitert:
Einmal: Der Praktiker soll nicht vergessen, dass das Verlass«
des Wochenbettes der Mutter oft die bis dahin gestellte Hilfe nimn
27. Januar 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
113
und sie wieder verantwortlich macht für alle Arbeit und Sorge des
Haushaltes. Hier muss fürsorgerisch entlastend, besonders bei der
schwächlichen Mutter, eingegriffen werden, denn das ist der Grund
weswegen viele Frauen nur 2 und 3 Wochen stillen können.
Zum anderen: Das Wochengeld wird in der 6. Woche post partum,
das Stillgeld in der 12. Woche zum letzten Male gezahlt. Dem Für¬
sorgearzt ist bekannt, wie oft um diese Zeitgrenze die Mutterbrust
plötzlich versiegt. Hier liegen nicht physiologische Gründe für das
Versagen vor, sondern suggestive Einflüsse, die sich, auf Gewinnsucht
und Begehrlichkeit gründen. Hier müssen unsere Bestrebungen auf
Hebung der völkischen Ethik gerichtet sein, um den guten Willen zum
Stillen an diesem Zeitpunkt wieder herzustellen.
Aus der Universitäts-Frauenklinik in Hamburg, Eppendorfer
Krankenhaus. (Prof. Dr. Heynemann.)
Provokation latenter Gonorrhoe bei der Frau.
Von Dr. Hans Nevermann, Assistenzarzt der Klinik.
Die Erkennung, ob eine Gonorrhöe sicher geheilt ist, und mehr noch
der Nachweis von Gonokokken bei einer latenten Gonorrhöe gehören
bei der Frau zu den allergrössten Schwierigkeiten. Wir verfügen daher
! über eine grosse Zahl von Provokationsmassnahmen. Diese zerfallen
in zwei grosse Gruppen: in solche, die lokal angewandt werden (mecha¬
nische, chemische, thermische), und solche, die auf dem Umwege über
| das Blut und die Abwehrkräfte des Körpers wirken wollen. Dass
den lokal angreifenden Methoden, bedingt durch den anatomischen Bau
; des weiblichen Urogenitaltraktus, oft in ihrer Anwendung Grenzen
gesetzt sind, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Und für die
, Sprechstundenpraxis trifft dies noch mehr zu als für die Klinik. Aber
auch die intravenöse Provokation kann bei den oft recht schlecht sicht-
und erreichbaren Venen der Frau auf Schwierigkeiten stossen, ab-
i gesehen davon, dass die intravenöse Einverleibung der Provokations¬
mittel doch auch nicht ganz gefahrlos ist. Ausgehend von dem Wunsch,
j einerseits ein in der Anwendungsweise möglichst einfaches und gefahr-
: loses, andererseits ein möglichst zuverlässiges Provokationsmittel für
die Gonorrhöe bei der Frau zu finden, stellten wir Untersuchungen an
ob die intrakutane Injektion verschiedener Mittel zum Ziele führe!
Denn die intrakutane Injektion ist wegen ihrer einfachen und wenig
i zeitraubenden Technik die Methode, die von allen gebräuchlichen
Vertahren für Arzt und Patientin am angenehmsten ist.
Bei unseren Untersuchungen über die Brauchbarkeit dieser Methode
und der verschiedenen Mittel gingen wir so vor, dass zunächst morgens
vor dem Urinieren aus Urethra und Zervix Abstriche gemacht wurden.
Dann wurde die intrakutane Impfung vorgenommen. Am folgenden
Moigen, zur gleichen Zeit und unter den gleichen Bedingungen, wurden
wieder Abstrichpräparate angefertigt, ln einer grossen Anzahl von
ballen wurden am 3. Tage noch weitere Abstriche vorgenommen. Die
sämtlichen Präparate eines jeden Falles wurden zusammen gefärbt
und dann die Präparate vor der Injektion jeweils mit denen nach der i
Injektion verglichen.
Angeregt durch die Veröffentlichung von E. F. M ü 1 1 e r 1), welcher
fand, dass Aolaninjektionen bei der Gonorrhöe des Mannes eine Aus-
rlussvermehrung hervorriefen, und dass man mit intrakutaner Einver-
eibung geringer Mengen dieses Mittels die gleiche Reaktion bekommen
könne, wie mit der 50 — 100 fachen Dosis bei subkutaner oder intra¬
muskulärer Anwendung, wählten wir zunächst zu unseren Versuchen
das Aolan. Ueber die günstigen Ergebnisse dieser Versuche habe ich
bereits früher, ausführlich berichtet2). Das Verfahren wird auch, wie
ich aus der Literatur ersehe und aus persönlichen Mitteilungen weiss,
bereits vielfach geübt.
Nach Lin di g3) soll der wirksame Faktor im Aolan und bei der
Milchtherapie überhaupt das Kasein sein. Dieses ist als Caseosan
Handel und bekannt. Wir dehnten daher unsere Untersuchungen
über intrakutane Gonorrhöeprovokationsmittel auf das Caseosan aus.
Bevor ich über diese Untersuchungsresultate berichte, möchte ich meine
Ergebnisse bei der intrakutanen Aolaninjektion noch einmal kurz hier
wiederholen.
Aolan.
L Bei sicher Gesunden waren die Präparate vor und nach der Imp-
iung gleich.
Bei sicher Gonorrhöekranken war der Ausfluss nie vermehrt. Das
Hräparat zeigte aber stets eine Vermehrung der frischen, d. h. gut färb-
üaren, scharf begrenzten Leukozyten und eine Vermehrung der Gono¬
kokken.
, Be* wahllos aus den Kranken der Abteilung herausgegriffenen
rallen konnte in 25 Proz. von 28 registrierten Fällen nach der Impfung
ane Gonorrhöe festgestellt werden. Stets war nach der Impfung die
£ahl der etwa schon vorher vorhandenen anderweitigen Bakterien
vermehrt und ebenso die der Leukozyten. Ausserdem war eine Ans¬
chwemmung frischer Leukozyten erfolgt. Etwa bestehender Ausfluss
■var nicht verändert worden. Das Allgemeinbefinden der Patientinnen
•vurde niemals durch die Injektion beeinflusst. Bemerkenswert ist
erner, dass sich bei einem grossen Teil der Gonorrhöekranken an der
mpfstelle eine durch Rötung, Schwellung, Infiltration und Jucken
*) B.kl.W. 1919, Nr. 34, S. 801.
-) M.m.W. 1921, Nr. 5, S. 141.
3) M.m.W. 1919, Nr. 33, S. 921.
j charakterisierte Reaktion zeigte, welche nach 1—2 Tagen wieder ab¬
klang. Bei nicht Gonorrhöekranken sahen wir diese Reaktionen niemals.
Caseosan.
Beim Caseosan war ebenfalls nach der Impfung bei Gesunden keine
Aenderung im Präparat festzustellen.
Bei sicher Gonorrhöekranken verhielt sich in der Hälfte der Fälle (8)
das Präparat vor und nach der Impfung gleich. In der anderen Hälfte
der Fälle hatten wir eine Vermehrung der frischen Leukozyten zu ver¬
zeichnen; eine vermehrte Ausschwemmung von Gonokokken konnten
wir ein einzigesmal feststellen.
Bei allen übrigen mit Caseosan Geimpften (55 Patientinnen), meist
f yosalpingen, Adnextumoren, Beckenperitonitiden, hatten wir nur in
60 Proz. der Fälle eine zelluläre Aenderung im Präparat, bestehend
in einer Vermehrung und Ausschwemmung frisdher Leukozyten
und mitunter auch vermehrter Ausschwemmung sonstiger Bakterien.
Nur in 4 Proz. der Fälle wurde das Auftreten von Gonokokken im vor
der Impfung negativen Präparat, also eine erfolgreiche Provokation, fest¬
gestellt. In 40 Proz. der Fälle dagegen war das Präparat nach der
Caseosanmjektion genau dem vor der Injektion gleichgeblieben. Der
vor der Impfung vorhanden gewesene Ausfluss war durch die Injektion
12 mal etwas vermehrt, 4 mal verringert. Ein Zusammenhang zwischen
quantitativer und qualitativer Ausflussveränderung bestand nicht. Eine
Herdreaktion, erkennbar an stärkeren Schmerzen im Unterleib, war nur
ein einzigesmal zu beobachten; in diesem Falle waren aber die Prä¬
parate gleichgeblieben, ln allen anderen untersuchten Fällen war
weder eine Herd- noch jemals eine Allgemeinreaktion aufgetreten.
Auffallend war dagegen, dass stets, ganz gleich, ob es sich um
sicher Gesunde, sicher Gonorrhöekranke oder um andere Patientinnen
handelte, eine Reaktion an der Impfstelle auftrat. Diese äusserte sich
in Rötung, Schwellung, oft auch geringer Infiltration an der Einstich¬
stelle. In einem 1 eil der Fälle war die Berührung der Impfstelle ein
klein wenig schmerzhaft, in einem anderen Teil der Fälle trat an der
Impfstelle ein mehr oder weniger starkes Jucken auf. Wie schon
gesagt, fanden wir diese Reaktion stets. Sie hielt 1—3, meist 2 Tage
an- Dabei war das Vorhandensein von Gonokokken ohne jeden
tinrluss auf Dauer und Stärke der Hautreaktion.
Vielleicht ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung von
Interesse, die ich aus einigen Probeinjektionen an mir selbst gemacht
habe, und die mir auch von zwei Schwestern unserer Klinik, die sich
zur Erprobung der Hautreaktion zur Verfügung gestellt hatten, bestätigt
wurde, dass nämlich die Injektion des Caseosans schmerzhafter und
daher unangenehmer ist als die des Aolans.
Diese von der intrakutanen Aolanimpfung recht abweichenden Er¬
gebnisse lassen erkennen, dass das Kasein keineswegs der allein wir¬
kende Faktor im Aolan ist.
Pferdeserum.
Im Bestreben, ein möglichst indifferentes Mittel bei unseren Ver¬
suchen zu verwenden, machten wir bei einer Reihe von Patientinnen
intrakutane InjeKtionen mit einfachem normalen Pferdeserum. Leider
ist hier die Zahl unserer Beobachtungen nur gering, da wir bereits
nach 10 Fällen diese Versuche abbrachen. Der Grund des Aufgebens
dieses Mittels war der, dass wir zweimal nach den Injektionen eine
teils mehr, teils weniger schwere Serumkrankheit auftreten sahen.
Da die Ergebnisse aber auch dieser wenigen Injektionen nicht ohne
Interesse sind, soll hier über sie berichtet werden. Es waren nur
Pyosalpingen und Beckenperitonitiden, die mit Pferdeserum intrakutan
gespritzt wurden.
Einmal war eine Herdreaktion in Form von stärker auftretenden
Schmerzen im Unterleib zu verzeichnen. Ein anderes Mal war der
schon bestehende Ausfluss nach der Injektion vermehrt. Nur bei diesem
Fall sahen wir auch eine zelluläre Aenderung im Präparat nach der
Impfung, nämlich ein vermehrtes Auftreten frischer Leukozyten. In
allen anderen Fällen waren die Präparate nach der Impfung vollkommen
unverändert.
Eine Reaktion an der Impfstelle trat in sämtlichen Fällen auf, und
zwar schon wenige Stunden nach der Injektion. Sie äusserten sich in
mehr oder weniger starkem Jucken, zweimal auch in Brennen, sowie
in Rötung, Infiltration und geringer Schwellung an der Injektionsstelle,
11 klagten die Patientinnen auch über ein starkes Hitze¬
gefühl an der Impfstelle. Die Reaktion war aber meist nur von kurzer
Dauer; teils war sie schon am gleichen, teils am nächsten Tage ver¬
schwunden. Einmal hielt sie allerdings auch 6 Tage an.
Arthigon.
Hatten wir bisher mit unspezifischen Mitteln versucht, die Gono¬
kokken bei der latenten Gonorrhöe zu provozieren, so wandten wir
uns nun den spezifischen Mitteln zu. Unter ihnen sind die bekanntesten
das Arthigon und das Gonargin. Ich berichte zunächst über die intra¬
kutanen Injektionen mit Arthigon.
Bei Gesunden fanden wir keine Aenderung im Präparat.
Bei sicher Gonorrhöekranken war in etwa der Hälfte von 7 Fällen
(56 Proz.) das Präparat vor und nach der Impfung gleich. In der
anderen Hälfte hatte eine Ausschwemmung frischer Leukozyten statt¬
gefunden, während eine vermehrte Ausschwemmung von Gonokokken
nur einmal zu beobachten gewesen war. Bei allen übrigen mit Arthigon
Geimpften (33 Patientinnen) konnten wir in 18 Proz. ein Auftreten
von Gonokokken im vorher negativen Präparat feststellen. Eine zellu¬
läre Aenderung im Präparat, ohne dass aber Gonokokken erschienen,
fanden wir in 37 Proz. der Fälle; sie äusserte sich durch Auftreten
4*
114
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
bzw. vermehrte Ausscheidung von irischen Leukozyten und Bakterien,
ln den restlichen 48 Proz. der Fälle war das Präparat vor und nach der
Impfung gleich. Eine Herdreaktion wurde viermal festgestellt in Form
von ziehenden Schmerzen im Unterleib und Kreuz, einmal auch ausser¬
dem in einer geringen Temperaturzacke. Bei zweien dieser Falle war
die Provokation gelungen. Der bestehende Ausfluss war in wenigen
Fällen etwas vermehrt nach der Impfung, ohne dass er aper qualitativ
verändert war. Im allgemeinen war er unverändert geblieben..
Eine Reaktion an der Impfstelle war fast in allen Fällen deutlich vor¬
handen. Nur einmal war die Impfstelle ganz, viermal iast ganz reak¬
tionslos. Sonst fanden wir stets eine Rötung, Schwellung und Infiltra¬
tion an der Impfstelle; mitunter waren die Stellen etwas schmerzhaft
oder sie brannten. Nach 1, längstens aber 2 Tagen waren diese Er¬
scheinungen wieder geschwunden.
Ich möchte an dieser Stelle einfügen, dass nach unserer Beobachtung
die intrakutane Anwendung des Arthigons der intravenösen zum Zwecke
der Provokation entschieden vorzuziehen ist. Ganz abgesehen von der
einfacheren Technik, wie ich bereits erwähnte, ist doch schon der Um¬
stand, dass wir nach intrakutaner Anwendung keinen Schüttelfrost
und keinen Fieberanstieg sahen — die eine kleine Fieberzacke ist ganz
belanglos gewesen — ein Vorteil vor der intravenösen Applikation.
Ferner sahen wir viel häufiger nach intrakutaner Injektion die Pro¬
vokation von Erfolg gekrönt, als nach intravenöser Injektion, wo uns
die Provokation nur ganz ausnahmsweise einmal gelang.
Einmal konnte ich nach vergeblichen Provokationsversuchen mit
intrakutaner Arthigoneinspritzung durch eine intrakutane Aolanimpiung
Gonokokken ins Präparat bringen.
Gonargin.
Einen wesentlich geringeren Einfluss übte merkwürdigerweise
das Gonargin aus. , , , , T _
Bei sicher Gesunden waren die Präparate vor und nach der imp-
fung gleich.
Bei sicher Gonorrhöekranken war in 82 Proz. von 11 untersuchten
Fällen das Präparat dem vor der Impfung gleich. Nur in 18 Proz.
fanden wir eine Vermehrung der frischen Leukozyten; eine vermehrte
Gonokokkenausschwemmung konnte dagegen nie beobachtet werden.
Eine Provokation mit intrakutaner Gonargininjektion gelang uns
niemals bei den von uns untersuchten übrigen 32 Fällen. Wir konnten
auch nur in 30 Proz. derselben eine zelluläre Aenderung im Praparat
nach der Impfung feststellen, während in 70 Proz. die Präparate nach
der Gonargininjektion vollkommen denen vor der Injektion glichen.
Auch eine Herdreaktion wurde nie beobachtet. Ebenso blieb der Aus-
fluss in seiner Intensität unbeeinflusst.
Stets dagegen konnten wir eine ziemlich intensive Hautreaktion
an der Impfstelle feststellen. Und diese Hautreaktion war in allen
Fällen die gleiche. Sie dauerte 2—3 Tage, ganz vereinzelt 4 Tage,
und äusserte sich stets in Rötung, Infiltration, Schwellung und Druck-
Schmerzhaftigkeit an der Impfstelle. Dies trat am auf die Impfung
folgenden Tage am stärksten in Erscheinung, um dann allmählich wieder
abzuklingen. Von einem Teil der Patientinnen wurde diese Reaktion
als unangenehm empfunden.
Vergleichende Zusammenstellung.
Vergleichen wir unsere Resultate miteinander, so steht am gün¬
stigsten das Aolan da mit 25 Proz. gelungener Provokation; dann folgt
das Arthigon mit 18 Proz., weiter das Caseosan mit 4 Proz. und
schliesslich, vom Pferdeserum mit 0 Proz. abgesehen, das Gonargin mit
0 Proz. Auch wenn wir die zelluläre Aenderung im Ausstrichpräpaiat
als Kriterium für die Wirksamkeit betrachten, kommen wir zu ähnlicher
Reihenfolge. Beim Aolan war stets eine Beeinflussung des Urethra-
und Zervixsekretes zu verzeichnen, also in 100 Proz., beim Caseosan
in 60 Proz. beim Arthigon in 37 Proz., beim Gonargin in 18 Proz. der
Fälle. Die Untersuchungen über Pferdeserumimpfungen ziehe ich nicht
mit zum Vergleich heran, da ihre Zahl zu klein ist.
Auffallend ist, dass gerade im umgekehrten Verhältnis eine Re¬
aktion an der Impfstelle auftritt: beim Gonargin und Caseosan in
100 Proz., beim Arthigon in 85 Proz., beim Aolan in 18 Proz. der Fälle.
Vielleicht gibt uns das einen Anhaltspunkt, Rückschlüsse auf die
Brauchbarkeit der Mittel und auf die Wirkungsweise der lntrakutan-
impfung überhaupt zu ziehen. Je körperfremder ein einverleibter Stoff
ist, desto grössere und intensivere Abwehrerscheinungen ruft er am
Ort seiner Deponierung hervor. Ferner ist bekannt, dass gleiche
Mengen gleicher Mittel bei subkutaner Einverleibung ohne jede Wir¬
kung sein können, während sie bei intrakutaner Injektion erhebliche
Wirkungen ausüben können1). Dadurch ist bereits eine in ihrem
Wesen noch nicht näher zu umgrenzende Funktion der Haut nach¬
gewiesen, welche imstande ist, an anderen erkrankten Organen und
Gewebsteilen Zustandsänderungen hervorzurufen.
Nach meinen Beobachtungen werden diese Zustandsänderungen an
anderen erkrankten Organen, hier also am Urogenitaltraktus der Frau,
in einem viel höheren Prozentsatz der Fälle durch die Mittel ausgelöst,
die sich beim gesunden Organismus ohne entzündliche Reaktion in¬
jizieren lassen. Ferner geht aus meinen Untersuchungen hervor, dass
diese Wechselwirkung zwischen Haut und einem anderen erkrankten
Organ, die wohl als Immunitätsreaktion aufzufassen ist, durchaus nicht
immer zustande kommt. Sie tritt in erhöhtem Masse nur dann ein,
wenn wir zum Reiz ein Mittel verwenden, welches auch die kleinste
Schädigung des Hautgewebcs durch die Impiung vermeidet, wie wir das
aus den Reaktionen am gesunden Körper erkennen können. Man sieht
schon aus diesen kurzen Andeutungen, dass hier wichtige Fragen der
spezifischen und unspezifischen Immunität eine grosse Rolle spielen, zu
deren Klärung auch derartige praktische Beobachtungen, wie sie sich
aus meinen Untersuchungen ergeben, nicht ohne Wert sind. Dies hier
näh^r vn prnrto.m würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgenen^
Praktische Ergebnisse.
Praktisch haben meine Untersuchungen ergeben, dass die intra¬
kutane Injektion zur Provokation latenter Gonorrhöe bei der iau
ein technisch einfaches, bequemes und gefahrloses Mittel ist Am
besten eignet sich hierzu das Aolan. Weniger wirksam ist das Arthigon,
während Caseosan und Gonargin, weil nur ganz gering wirkend, nicht
zu empfehlen sind. , . . „ ...
Irgendwelche Rückschlüsse auf das Vorhandensein einer Gonorrhoe
lassen sich aus den Reaktionen an der Injektionsstelle nicht ziehen.
Höchstens könnte vielleicht beim Aolan eine vorhandene Hautreaktion
eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Untosuchen der bekretpraparate
gebieten. Man darf sich aber aus dem Ueber^chätzen einer solchen
Hautreaktion beim Aolan nicht zum Stellen der Diagnose auf Gonorrhoe
verleiten lassen.
Aus der Frankfurter Kuranstalt Hohe Mark i. Taunus.
Ueber Mittel und Wege, die Wirksamkeit des Salvarsans
auf das erkrankte Nervensystem zu verstärken ).
Von Dr. Fritz Kalberlah.
Schon bald nachdem das Salvarsan in die Therapie durch Eh r-
1 i c h eingeführt war. setzten die Bemühungen der Kliniker ein die
praktische Brauchbarkeit des Mittels zu erhöhen, die heilende Wirkung
zu vertiefen und nachhaltiger zu gestalten, da nach der ersten Be¬
geisterung sehr bald der Rückschlag kam und die Erkenntnis, dass
wir weder die erhoffte Therapia magna sterilisans im Sinne Eh r-
lichs im Salvarsan erhalten hatten, noch aucn häufig selbst durch
längere grosse Kuren einen befriedigenden Heilerfolg sahen. Vor
allem enttäuschten die Fälle von sog. Metalues des Nervensystems, die
Tabes und Paralyse, so dass lange Zeit viele Kjmiker sich dieser
Behandlung gegenüber sehr ablehnend verhielten. Man hatte und hat
noch heute bei diesen Erkrankungen entschieden den Eindruck, dass
das Salvarsan nur ungenügende und unzureichende Angriffspunkte :m
nervösen Gewebe zu gewinnen imstande ist, also nicht in ausi eichender
Menge und Konzentration die Krankheitsherde erreicht, um hier die
Bedingungen zum Untergang der Spirochäten zu schaffen. Um in der
Sprache Ehrl ich s zu reden, es fehlte beim Schuss die Zielsicherheit
nach dem Herd. Schon Ehrlich war sich dessen bewusst und
unermüdlich bemüht, das Mittel zu verbessern und wirksamer aus¬
zubauen, verfolgte auch alle dahin gerichteten Untei suchungen der
Kliniker mit grösstem Interesse, so auch die Versuche, über die ich
heute kurz berichten möchte, und die ich schon zu E h r 1 1 c h s Leb¬
zeiten begonnen hatte. , _ , ..
Das Problem, die therapeutische Kraft des Salvarsans allgemein
und besonders im Hinblick auf das erkrankte, aber für Mittel schw er
zugängliche Zentralnervensystem zu verstärken und zu vertiefen, kann
auf die mannigfaltigste Art und von den verschiedensten Seiten aus
in Angriff genommen werden. Ehrlich hat, nachdem er von der
Arsanilsäure, dem sog. Atoxyl, durch Reduktion über das Diamido-
arsenobenzol zum Altsalvarsan gelangt war, den aussichtsreichen Weg
weiter verfolgt, immer mit dem planmässigen Bemühen, _ die pharrna-
kodynamische Wirkung zu erhöhen und die pharmakotoxische zu ver¬
mindern, und K o 1 1 e hat die Arbeiten im gleichen Sinn in glucklichstei
Weise aufgenommen und weiter gefördert durch Ausbau der vor
Ehrlich schon begonnenen Versuche, dem Salvarsan Metalle, z. d
Gold Kupfer und Silber anzukuppeln, von denen besonders das Silber-
salvarsan eine grosse praktische Bedeutung gewonnen hat. ohne das;
aber dadurch bisher für die Erkrankungen des Zentralnervensystem:
wesentlich mehr erreicht worden ist.
Als sich zeigte, dass in vielen Fällen Salvarsan allein nicht ge¬
nügend wirkte, kombinierte man es mit anderen schon bekannten spe
zifischen Mitteln, vor allem mit Quecksilber und mit Jod, indem mai
anfangs diese Mittel neben- oder nacheinander anwandte und in letzte
Zeit auch intravenös gleichzeitig. Ich erinnere Sie an du
L i n s e r sehe Sublimat-Salvarsaninjektion, an die Kombination mi
Novasurol, an die neuerdings vorgeschlagene Auflösung des Salvarsan
in Jod-Jodkalilösungen etc.
Alle diese Wege sollen heute nicht Gegenstand unserer Be
trachtung sein. , ..... , ., ,
Auch nicht die technische Frage der Applikation des Mittels selbsi
ob die intramuskuläre oder die intravenöse Injektion die wirksamer
und nachhaltigere bei nervösen Fällen ist und wie weit es möglic
ist, das Artilleriefeuer des Salvarsanangriffes durch die Einspritzun
des Mittels in die Carotis oder intrakraniell oder endolumbal vit
wirksamer auf das Zentralnervensystem zu konzentrieren.
Uns sollen heute zwei Möglichkeiten beschäftigen, das Salvarsa
in verstärktem Masse im Zentralnervensystem als den uns hier besor
*) Nach einem in der Vereinigung Frankfurter Neurologen gehaltene
Vortrag (15. X. 1921).
“) E. F. M ii 1 1 e r: M.m.W. 1921, Nr. 29, S. 912.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
115
ders interessierenden Krankheitsherd zur Wirksamkeit kommen zu
lassen, nämlich einmal der Versuch, das Salvarsan mit anderen Mitteln
zu kombinieren, die an sich durchaus unspezifisch für die lulsche Er¬
krankung- sind, aber infolge ihrer ausgesprochenen Neurotropie bahnend
auf das Spezifikum einwirken könnten, und dann der Weg, der darin
besteht, dass wir auf irgendeine Weise dem Salvarsan den Eintritt
in das nervöse Parenchym öffnen und frei machen, indem wir die
Durchlässigkeit der Zellmembranen erhöhen.
Schon Ehrlich hat auf die Möglichkeit hingewiesen, dass viel¬
leicht manche Substanzen mit ausgesprochener Organotropie auch auf
andere gleichzeitig verabreichte Mittel bahnend und richtunggebend
wirken könnten, oder wie er in der ihm eigentümlichen Art plastischer,
bilderreicher Darstellung sich ausdrückte, dass sie gleichsam als Gleit¬
schienen oder als Transportvehikel das Pharmakon an den gewünschten
Ort zu dirigieren imstande seien. Solche Körper würden also gewisser-
massen Schlepperdienste im Organismus versehen, ohne selbst am
Heilprozess beteiligt zu sein. Wir kennen nun mehrere derartige
Substanzen aus der Anilinfarbstoffreihe, die sehr ausgesprochen neuro-
trop und dabei sowohl für den tierischen wie menschlichen Organismus
bei intravenöser Einverleibung unschädlich sind, ich erinnere nur an
das Methylenblau, das Bismarckbraun und das Chrysoidin. Besteht
diese Auffassung zu Recht, dann muss man auch im Tierversuch im
Gehirn höhere Arsenmengen finden, wenn man Salvarsan mit solchen
neurotropen Substanzen vereint gibt, als wenn man es allein verab¬
reicht. Ich habe nun derartige Untersuchungen vor einiger Zeit vor¬
genommen und möchte Ihnen kurz darüber berichten.
Die Versuche wurden in der Weise angestellt, dass Kaninchen in
die Ohrvene 0,1 Neosalvarsan entweder allein oder mit einem der
oben genannten neurotropen, natürlich zuverlässig arsenfreien Farb¬
stoffe kombiniert erhielten. Die Tiere wurden dann nach 1 — 3 Stun¬
den, nach 3 — 24 Stunden oder nach mehreren Tagen durch Verbluten
getötet, das völlig blutleere Gehirn in toto herausgenommen, genau
gewogen und dann nach May-Hurter verascht, um die Arsen¬
mengen genau quantitativ bestimmen zu können 1).
Es ergab sich nun folgendes Bild:
In der Gruppe I (getötet nach 1 — 3 Stunden) betrug der Arsengehalt,
umgerechnet auf 10 p- frische Gehirnmasse:
bei Salvarsan allein im Durchschnitt 0,056 mg (2 Tiere)
bei Salvarsan und Methylenblau 0,071 mg (2 Tiere)
bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,157 mg (2 Tiere).
ln der Gruppe II (getötet nach 3 — 24 Stunden):
bei Salvarsan allein nicht messbare Spuren As. (1 Tier)
bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,023 mg As. (3 Tie e)
bei Salvarsan und Chrysoidin 0,028 mg As. (2 Tiere).
Und bei Gruppe III (getötet nach mehreren Tagen):
bei Salvarsan allein Spuren As. (2 Tiere)
bei Salvarsan und Bismarckbraun 0,023 mg As. (3 Tiere)
bei Salvarsan und Chrysoidin 0,026 mg As. (2 Tiere).
Die Versuche zeigen also, dass es durch die Kombination des
Salvarsans mit neutropen Substanzen möglich ist, dem Gehirn eine
grössere, zum Teil doppelt bis dreifach so grosse Menge Arsen zu¬
zuführen, als bei der Applikation des Salvarsans allein, ausserdem aber
auch, was mir noch wichtiger erscheint, dass es dadurch gelingt, das
Arsenik länger und in deutlich erheblicherer Menge dort festzuhalten,
so dass es zu einer Zeit noch quantitativ einwandfrei nachzuweisen
ist, in der bei isolierter Salvarsaninjektion bereits keine messbaren
Spuren mehr vorhanden sind; wodurch die therapeutische Einwirkung
vertieft und nachhaltiger gestaltet werden könnte. Wie sich im ein¬
zelnen1 der Vorgang abspielt und wie wir uns eigentlich die Schlepper¬
dienste der neurotropen Substanzen zu denken haben, darüber können
wir uns vorläufig keine klaren Vorstellungen machen, vielleicht so,
dass die Fähigkeit dieser Stoffe, in grosser Menge in das nervöse
Parenchym einzudringen, die Zellmembranen vorübergehend durch¬
gängiger und dadurch dem Heilmittel, dem allein diese Eigenschaft
nicht zukommt, den Weg frei macht. Es würde sich dann um Vor¬
gänge handeln, auf die ich später noch zu sprechen komme. Die
neurotrope Substanz würde dann im Sinne Ehrlichs tatsächlich die
Funktion einer Gleitschiene, mehr als die eines Transportvehikels,
übernehmen.
Ich bin mir natürlich klar, dass aus unserer Versuchsanordnung
und ihren Resultaten noch keine einwandfreien Schlüsse auf die tat¬
sächlich therapeutische Brauchbarkeit dieser Kombination gezosren. und
dass das Ergebnis nicht ohne weiteres auf die menschliche Pathologie
übertragen werden kann, aber immerhin erscheint mir der Versuch er¬
laubt und begründet, beim erkrankten Menschen, vielleicht zuerst bei
Paralytikern, diese kombinierte Behandlungsform anzuwenden.
Von ähnlichen Vorstellungen gingen übrigens Morgenrot h,
Berlin u. a. aus, wenn sie vorschlugen, mit dem Salvarsan Stoffe
wie Aethylhydrocuprein, Salizylsäure, Fibrolysin und ähnliches als Un¬
terstützungsmittel zu verbinden. Für unseren besonderen Fall scheinen
aber diese Substanzen nicht geeignet.
Der zweite oben bereits geäusserte Gedanke, dass das Salvarsan
dadurch wirksamer in Aktion treten könnte, wenn es uns gelingen
würde, ihm den Weg durch die sperrenden Zellmembranen der Gefässe
und des nervösen Gewebes überhaupt zu öffnen, knüpft an die Lehre
von der Permeabilität der Plasmagrenzschichten, besonders auch an
die Untersuchungen Embdens über den Phosphorstoffwechsel an.
*) Die Versuche habe icli im Physiologischen Universitätsinstitut (Pro¬
fessor E m b d e n) ausgeführt, die Arsenbestimmungen wurden im Labora¬
torium des Prof. Popp gemacht.
Embden konnte nämlich bei seinen Versuchen zeigen, dass unter
ganz bestimmten Bedingungen die in den Zellen vorhandene Phosphor¬
säure aus den Zellen (Muskeln, Retina) entweder durch Zunahme der
Permeabilität der Grenzschichten austreten oder durch Absperrung in
den Zellen festgehalten werden kann, woraus zu folgern ist dass die
mehr oder weniger grosse Durchlässigkeit der Zellwände auch von
wesentlicher Bedeutung für die Möglichkeit sein muss, einem Organ
ein Heilmittel zuzuführen resp. dort wirksam werden zu lassen.
Wir wollen nun in Folgendem untersuchen, welche Wege uns
zu diesem Ziele offen stehen.
In erster Linie ist es die Tätigkeit, die die Zellwände durch¬
gängiger macht. Es ist dies für den arbeitenden Muskel, die belichtete
Retina, übrigens auch für das Rückenmark im Institut von Prof.
Embden nachgewiesen. Für die Therapie würde es demnach darauf
ankommen, einen erhöhten Tätigkeitszustand der Zellen des zu be¬
handelnden Organs, hier also des Zentralnervensystems, künstlich her¬
vorzurufen, was praktisch allerdings auf Schwierigkeiten stossen dürfte.
Speziell bei Paralytikern dürfte es wohl schwer sein, eine erhöhte
geistige Tätigkeit der Salvarsaninjektion vorangehen zu lassen. Die
Tatsache übrigens, dass stumpf gehemmte Patienten sich dem Mittel
gegenüber nicht unzugänglicher zeigen wie manisch erregte geistig
produktive Kranke, lässt es nicht gerade aussichtsvoll erscheinen, auf
diesem Wege mehr zu erreichen wie bisher. Das gleiche gilt wohl
für die Steigerung der motorischen Funktionen. Am günstigsten wür¬
den die Bedingungen beim Paralytiker vielleicht nach oder bei einem
paralytischen Krampfanfall liegen, der theoretisch wenigstens einen
Zustand höchster Zelldurchlässigkeit bilden muss.
Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass E n t z ü n -
dungsvorgänge in den Zellen und Fieber überhaupt die Durch¬
lässigkeit der Zellmembranen steigern, wodurch sich auch der erhöhte
Stoffwechsel bei diesen Zuständen erklären lässt. Es wäre das ge-
wissermassen eine Selbsthilfe der Natur, die mit der Erkrankung zu¬
gleich auch der Hilfe den Weg freimacht. Dass solche Vorgänge tat¬
sächlich eine Rolle spielen, sieht man daran, dass man in tuberkulös
erkrankten Organen einen erhöhten Jodgehalt gefunden hat. Hoefer
weist mit Recht darauf hin, dass das Auftreten von Komplement und
Normalambozeptor im Liquor bei Paralyse und Meningitiden und der
Durchtritt aktiv erzeugter Agglutinine eine Zunahme der Permeabilität
der Meningen etc. bei solchen Erkrankungen erkennen lassen. Das
luetisch erkrankte Nervensystem wäre demnach also schon an sich dem
Mittel zugänglicher als das gesunde. Allerdings wird die Permeabilität
bei den chronisch entzündlichen Prozessen wie bei der Paralyse und
Tabes wahrscheinlich weniger gross sein als bei frischen akuten Fällen,
also bei der eigentlichen Syphilis des Nervensystems. Vielleicht be¬
ruht ja die akute Hirnschwellung, wie sie gelegentlich bei der Behand¬
lung der Lues nach Salvarsan auftritt, darauf, dass die akut entzündlich
affizierten Gefässendothelien und dann die stark durchlässig gewor¬
denen Nervenzellenmembranen das Salvarsan plötzlich in bedrohlich
grossen Mengen durchlassen.
Praktisch würde für die Behandlung in erster Linie die Hervor-
rufung eines künstlichen Fiebers (durch körperfremdes Eiweiss irgend¬
welcher Art. Infektionen mit Rekurrens. Mährin etc.) zugleich mit Ver¬
abreichung von Salvarsan auf der Höhe des Fiebers in Frage kommen.
Natürlich müsste man mit den Dosen sehr vorsichtig sein. Immerhin
findet sich hier vielleicht ein gangbarer Weg.
Dahin gehört auch der Vorschlag Hoefers, diese vermehrte
Permeabilität des erkrankten Zentralnervensystems einerseits und eine
aktiv hervorgerufene Steigerung der Liquorabsonderung aus dem sal-
varsangeschwängerten Blute anderseits dazu zu benützen, das Heil¬
mittel in grösserer Menge an die im Gewebe gelagerten Spirochäten
heranzubringen. Zu diesem Zweck nimmt er kurz nach der intravenösen
Salvarsaninfusion eine recht grosse Liquorentleerung durch Lumbal¬
punktion vor, um durch den dadurch erzeugten, dem intrakraniellen
Blutdruck gegenüber negativ gewordenen Druck im Liquorsystem, der
wahrscheinlich auch bis in die feinsten Lymphba'hnen und Gewebsliicken
hineinreicht, ein schnelleres Ausströmen des Gewebesaftes in die
Linuorräume und damit einen vermehrten Uebertritt von gelösten
Substanzen aus den Blutgefässen hervorzurufen. Die nach der Punk¬
tion entstandene Hyperämie des Gehirns unterstütze dabei den ge¬
steigerten Saftstrom und die Möglichkeit einer erhöhten Zufuhr des
Heilmittels, wobei die Liquorabsonderung durch intravenöse Kochsalz¬
infusionen oder Pilokarpin ausserdem1 noch künstlich angeregt werden
könnte. Erfahrungen über die Brauchbarkeit dieser Methode liegen
allerdings noch nicht vor.
Eine weitere Möglichkeit, die Permeabilität der Zellen zu erhöhen,
ist die lokale Asphyxie, die Erstickung allgemein gesprochen.
Embden hat mit Recht daran erinnert, dass Bier mit seiner
lokalen Stauung auf diese Weise Jod in erheblich grösserer Dosis
an den Herd heranführen1 und dort intensiver in Wirksamkeit treten
lassen will. Wegen der besonderen anatomischen Verhältnisse wird
dieses Hilfsmittel der Stauung bei der Behandlung des zentralen Ner¬
vensystems wohl kaum in Frage kommen, wohl aber eventuell bei
nerioheren Prozessen und den Gelenkerkrankungen luetischer Genese
(Arthropathien).
Besonders aussichtsreich erscheint es, unser Ziel durch künstliche
Zufuhr solcher Substanzen zu erreichen, die in ausgesprochenem Masse
die Fähigkeit haben, die Zellwand durchlässiger zu machen.
Ich habe oben schon darauf hingewiesen, dass vielleicht die Orga¬
notropie auf dieser Fähigkeit, die Zellwände ganz bestimmter Organe
leichter zu durchdringen, beruht, auf jeden Fall gibt es chemische
1 16
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Körper, die die Fähigkeit, die Permeabilität der Grenzschichten zu
erhöhen, in sicher nachgewiesenem Masse 'haben, während andere,
z. B. Kalzium, ausgesprochen sperrend wirken.
Kennen wir erst mehr derartige Körper, die diese Eigenschaft in
zuverlässiger Weise und vielleicht möglichst weitgehend elektiv für
das nervöse Gewebe besitzen, dann hätten wir die Möglichkeit, das
Heilmittel erst sehr ergiebig in das erkrankte Nervensystem eintreten
und dann dort durch nachträgliche Sperrung möglichst lange festhalten
zu können. Vielleicht finden wir ein solches Mittel am idealsten unter
den hochkomplizierten Substanzen, wie sie die Sekrete innerer Drüsen,
die Hormone, darstellen. So wissen wir z. B., dass das Schilddrüsen¬
sekret die Zellwände öffnet, Adrenalin dagegen abschliesst. Möglicher¬
weise wird es auch Hormone geben, die diese Aufgaben elektiv für das
Nervensystem zu erfüllen geeignet sind. Jedenfalls sehen wir hier
ein weites Feld der Forschung und experimentellen Prüfung vor uns,
das vielleicht einmal praktisch verwertbare Früchte bringt.
Schliesslich bleibt noch die Betäubung resp. Narkose, wo¬
durch ebenfalls die Zellmembranen eröffnet werden, zu erwähnen
übrig. Doch liegen die Verhältnisse hier, wenigstens bei der Nar¬
kose, anscheinend dadurch komplizierter, dass dabei anfänglich sogar
eine Sperrung eintritt. Das ist bereits aus anderweitigen Unter¬
suchungen bekannt, fand sich auch bei 2 Tierversuchen, die ich vor¬
nahm, bestätigt. Bei einem mit Alkohol betäubten Kaninchen fanden
sich nach der Salvarsaninfusion nur ganz geringe Spuren Arsen, bei
dem mit Urethan narkotisierten Tier überhaupt kein Arsen im Gehirn.
Wie es sich jedoch bei länger anhaltender Narkose verhalten hätte,
ob dann eine beträchtlichere Anreicherung mit Arsen eingetreten wäre,
hatte ich keine Gelegenheit mehr zu untersuchen. Sollte es der Fall
sein, so würde sich daraus die praktische Möglichkeit ergeben, dem
Gehirn während eines tiefen und langen Betäubungsschlafes, wie er
durch Hyoszin oder ein starkes Schlafmittel zu erreichen wäre, das
Heilmittel in grösserer Menge zuzuführen.
Damit wären wohl die Wege im wesentlichen vorgezeichnet, die
uns dem Ziel, die Wirksamkeit des Salvarsans auf das Gehirn zu
erhöhen, näherbringen könnten.
Aus der Medizinischen Klinik der Universität Hamburg,
Krankenhaus Eppendorf. (Direktor: Prof. Brauer.)
Praktische Anwendbarkeit des Auslöschphänomens
bei der Differentialdiagnose des Scharlachs.
Von Dr. Q. Haselhorst.
Bei der Differentialdiagnose des Scharlachs stehen uns eine Reihe
von Kriterien zur Verfügung: prodromales Erbrechen, akuter Beginn,
Exanthem, Angina, Himbeerzunge, periorale Blässe, Urobilinogenreak-
tion, Rumpei-Leede, Döhle sehe Leukozyteneinschlüsse. Trotz
dieser Fülle von Symptomen ist die Diagnose in einigen Fällen' äusserst
schwer zu stellen. 1917 wurde von Schulz und Charlton1) ein
neues Hilfsmittel, das sogenannte Auslöschphänomen angegeben, wel¬
ches später von Paschen2) und Neumann8) nachgeprüft und be¬
stätigt wurde.
Zunächst kurz das Wesentliche der von Schulz und Charlton
entdeckten Erscheinungen :
1. Normales Serum, ebenso Scharlachrekonvaleszentenserum (bei
uns nach dem 25. Krankheitstag entnommen und kurz Spätserum ge¬
nannt). einem' Patienten mit Scharlach-Exanthem intrakutan injiziert,
erzeugt an der Injektionsstelle eine Auslöschung, einen weissen Fleck,
und zwar frühestens nach 6 — 8 Stunden.
2. Scharlachfrühserum (bei uns in den ersten 5 Krankheitstagen
entnommen), einem Patienten mit Scharlachexanthem intrakutan inji¬
ziert. verursacht an der Injektionsstelle keinerlei Veränderung.
3. Die Auslöschung durch Normal- und Spätserum tritt nur bei
Scharlachexanthem, nicht bei anderen Exanthemen ein.
Wir haben nun, um ein Urteil über die differential-diagnostische
Verwertbarkeit dieses Phänomens zu erhalten, dasselbe an einer grös¬
seren Reihe von Fällen und zwar sowohl bei sicherem Scharlach als
auch bei zweifelhafter Diagnose angewandt, mit folgender Versuchs¬
anordnung:
Es wurden 3 verschiedene Sera, Normal-, Scharlachspät- und Früh¬
serum durch Venenpunktion gewonnen, inaktiviert und in Ampullen
zu 1 ccm steril eingeschmolzen (Bakteriologisches Institut Prof. Much).
Bei jedem Falle wurden alle 3 Sera intrakutan injiziert und zwar an
der Stelle des bestausgebildeten Exanthems, gewöhnlich auf der Brust,
aber auch am Bauch, an den Ober- und Unterschenkeln. Es sei be¬
merkt, dass Fehler bei der Herstellung der Sera und der Methodik des
Injizierens ausgeschlossen sind, da Aufzeichnungen erst nach mehr¬
monatlichen Vorversuchen gemacht wurden.
Es seien zunächst die an 50 sicheren Scharlachfällen gewonnenen
Ergebnisse mitgeteilt:
Aussparung
schwach +
deutlich
negativ
1. Normalserum
14
16
20
2. Spätserum
13
27
10
3. Frühserum
0
0
50
Die Zusammenstellung ergibt, dass Frühserum in allen 50 Fällen
keine Aussparung erzeugt hat. Spätserum hat 10 Versager, Normal-
*) Zschr. f. Kindhlk. 1917. 2) Derm. Wsehr. 1919 Nr. 22.
s) D.m.W. 1920 Nr. 21.
serum sogar 20. Auffallend war, dass der weisse Hof um die In¬
jektionsstelle bei Spätserum fast stets deutlicher war als bei Normal¬
serum. In 3 Fällen, in denen bei allen 3 Seren keine Aussparung ein¬
trat. handelte es sich bei hochrotem Exanthem um sehr trockene, mit
feinsten Miliarien übersäte Haut.
Ausser diesen 50 sicheren Scharlachfällen wurden noch 13 Fälle
mit toxischem, Arznei-, Masern-Exanthem, Pityriasis rubra scalatiformis
squamiformis, sowie Fieberröte und Erythema solare gespritzt. In
keinem Falle trat eine Aussparung ein. Ergebnis:
1. Friihserutn löscht niemals aus.
2. Nur Scharlachexanthem wird ausgelöscht und zwar von Spätscrum in
80 Proz., von Normalserum in nur 60 Proz. der Fälle.
Wenn wir auch die besseren Resultate bei Verwendung von Schar¬
lachrekonvaleszentenserum zu Grunde legen, so ergibt sich immer noch
ein negativer Ausfall von 20 Proz.. eine Zahl, die mit Rücksicht darauf,
dass sie bei klinisch sicherer Diagnose gewonnen wurde, sehr hoch ist.
Bedenken wir ferner, dass in all den Fällen, die nur ein kurz dauern¬
des Exanthem zeigen, oder die erst bei dessen Abklingen eingeliefert
werden, das Verfahren nicht anwendbar ist, so erfährt dadurch die
praktische Brauchbarkeit eine erhebliche Einschränkung.
Es ergibt sich noch eine weitere Folgerung: Entnimmt man einem
zweifelhaften Falle Serum und injiziert dasselbe einem Patienten mit
sicherem Scharlachexanthem zugleich mit Spätserum und löscht dann
letzteres aus, ersteres dagegen nicht, so handelt es sich im Zweifels¬
falle um Scharlach. Das erfordert jedoch erstens viel Zeit und schei¬
tert zweitens gewöhnlich daran, dass selbst auf grösseren Infektions¬
abteilungen nicht stets frische Fälle mit noch deutlichem Exanthem
vorhanden sind.
Während einer Beobachtungszeit von mehr als einem Jahre er¬
hielten wir den Eindruck, dass gerade in den differential-diagnostisch
schwierigen Fällen mit geringem Fieber, ohne typischen Rachenbefund,
mit schwachem, häufig etwas fleckigem, schnell vorübergehendem
Exanthem uns das Auslöschphänomen gewöhnlich ebenfalls im Stich
liess.
Hier sei nur ein Fall aus der ersten Zeit unserer Versuche an¬
geführt :
Fräulein H.. 23 Jahre alt, wurde wegen einer Verletzung der Kopf¬
schwarte durch Steinwurf eingeliefert. Auf der Mitte des Kopfes befand sich
eine 3 cm im Durchmesser messende, bis auf den Knochen reichende, ver¬
schmutzte und ziemlich stark sezernierende Wunde. 2 Tage später plötzlicher
Temperaturanstieg auf 40,3°, diffuse Hautrötung, mässige Röte des Rachens,
Zunge etwas weisslich belegt, nicht himbeerfarben und -gezeichnet, geringes
Krankheitsgefühl, keine Milzschwellung, Rumpei-Leede zweifelhaft, Uro-
bilinogen 0.
Differentialdiagnose: Von der Kopfwunde ausgehende Allgemeininfektion ?,
Angina ?, Scharlach ?.
Das Auslöschphänomen fiel negativ aus; die Diagnose Scharlach wurde
damit abgelehnt. In den nächsten Tagen fiel die Temperatur schnell zur Norm
ab. Die Kopfwunde heilte schnell; keine Drüsenschwellung, keine Schuppung,
kein Urinbefund, so dass Patientin 2 Wochen später entlassen werden konnte.
Nach 10 Tagen wurde sie von dem sie behandelnden Arzt zurückgeschickt mit
deutlicher Schuppung vom ausgesprochenem Typus der Scharlachschuppung.
Es lag also doch Scharlach vor. Der negative Ausfall des Auslösch¬
phänomens hatte uns -irregeführt. In einem anderen Fall ging es uns ähnlich.
Trotzdem bleiben einzelne Fälle übrig, in denen das Hilfsmittel
seinen Zweck erfüllt. Wir empfehlen und wenden folgende Methode an:
Auf der Aufnahmestation wird Scharlachspätserum in Ampullen
zu 1 ccm vorrätig gehalten. Jeder zweifelhafte Fall erhält 2 Injektionen
zu je 0,5 ccm. um Fehler beim Injizieren sicher auszuschliessen. Tritt
nun Aussparung ein, so handelt es sich um sicheren Scharlach. Zeigen
die Injektionsstellen mit Ausnahme einer geringen Rötung des Stich¬
kanals keine Veränderung, so spricht das mit gewisser Wahrscheinlich¬
keit gegen Scharlach. Sichere Schlüsse können wir daraus nicht ziehen.
Bemerkungen: Einen Grund dafür, dass Rekonvaleszenten¬
serum besser auslöscht als Normalserum, wissen wir nicht anzugeben.
Es ist anzunehmen, dass der Immunitätsgrad gegen Scharlach ein ver¬
schiedener ist, je nachdem jemand früher oder später oder noch gar-
nicht scharlachkrank war. Wahrscheinlich wird der Titer auch bei
Leuten, die zwar klinisch noch keinen Scharlach überstanden, aber
längere Zeit auf Scharlachstationen gearbeitet haben, durch Summation
geringster spezifischer Infektionen ein hoher sein. Wir sind der Ansicht,
dass solche immunbiologisch sehr interessanten Fragen mittels des
Auslöschphänomens, wobei Ausdehnung und Intensität der Aussparung
die Grundlage für die Beurteilung abgeben, geklärt werden können.
Wir möchten jedenfalls die Anregung geben, auch andernorts Versuche
in dieser Richtung anzustellen.
Aus der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde
der Universität Berlin.
Darstellung der Hämochromogenkristalle nach
Takayama.
Von Dr. Georg Strassmann, Assistent der Anstalt.
Um das Vorhandensein von Blut in forensischen Fällen an Gegen¬
ständen festzustellen, genügt im allgemeinen der mikrospektroskopische
Nachweis des Hämochromogens oder des Hämatoporphyrins. Zweck¬
mässig aber kann es sein, wenn neben dem mikrospektroskopischen
Blutnachweis auch die mikroskopische Darstellung von Blutkörperchen
oder Blutkristallen gelingt. Auf die Bedeutung der Hämochromogen-
. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
117
stalle, die gleichzeitig das charakteristische Hämochromogenspektrum
ben, für den forensischen Blutnachweis ist mehrfach hingewiesen
orden [Puppe-Kürbitz1), Heine2) Leers3) u. a.]. Meist
rd dazu das Blutpartikelchen mit einem Tropfen Pyridin und frischem
hwefelammonium versetzt [B ü r k e r *), Lochte 5)1 oder mit Pyri-
1 und Hydrazinsulfat [Heine2), de D o m i n i c i s “)] oder Hydrazin-
drat [M i ta 5)] und erwärmt. Auch andere Reagentien sind an¬
geben worden. Nur die Konservierung der bei Luftzutritt sehr ver-
nglichen Kristalle macht Schwierigkeiten, wenn sie auch bisweilen
durch gelingt, dass man die Flüssigkeit vorsichtig verdunsten' und
inadabalsam zufliessen lässt [Puppe-Kürbitz1), Kalmus 5)].
Prof. F u j i w a r a machte mich auf eine Arbeit von Takayama,
: in der japanischen Zeitschrift für Staatsarzneikunde 1912 er-
lienen ist, aufmerksam, worin er zur Darstellung der Hämochromogen-
stalle für den forensischen Blutnachweis 2 Reagentien empfahl, die
Japan allgemein gebraucht werden, bei uns anscheinend weniger be-
nnt sind. Das erste lange haltbare Reagens besteht in 5 ccm io proz.
aubenzuckerlösung, 10 ccm 10 proz. Natronlauge, 65 ccm destilliertem
asser und 20 ccm Pyridin. Von dieser Mischung werden zu dem
atpartikelchen einige Tropfen auf dem Objektträger zugesetzt und
:ses vorsichtig über einer kleinen Flamme erwärmt, bis die erst grün-
ien Blutschiippchen sich rosarot färben. Nach einigen Minuten bilden
h Hämochromogeukristalle, die an Zahl immer mehr zunehmen, und
: sich in der Lösung ohne jedes Konservierungsmittel mehrere Tage
ten. Nach vorsichtiger Umrandung mit Deckglaskitt kann man sie
ichenlang konservieren, noch länger nach Umranden mit Kanada-
Isam, doch können dabei eine Anzahl Kristalle allmählich ver¬
winden.
Noch wirksamer erschien mir das zweite Reagens, das in 10 proz.
tronlauge, Pyridin und Traubenzucker zu gleichen Teilen ää 3 und
üilliertem Wasser 7 besteht. Hier bilden sich bereits ohne Erwärmen
:h einigen Minuten zahlreiche Kristalle. Bei sehr altem Blut dauert
bisweilen 20 Minuten oder noch länger, ehe sie entstehen. Auch
r halten sich die Kristalle ohne Zusatz mehrere Tage bis 1 Woche,
:h Umrandung mit Kitt oder mit Kanadabalsam erheblich länger.
2s Reagens verliert nach 2 — 3 Wochen an Wirksamkeit und muss
ui neu hergestellt werden.
Mir scheinen die beiden Reagentien den sonst für die Darstellung
Hämochromogenkristalle üblichen überlegen zu sein.
Noch an 20 Jahre altem, eingetrocknetem Blut gelang mir auf diese
eise die Kristalldarstellung.
Der Vorteil der Mischung ist hauptsächlich der. dass sich ohne
les Konservierungsmittel die Kristalle tagelang halten. Es beruht
; wohl auf dem Zusatz des Traubenzuckers. Auch scheinen die Kri¬
lle mir an Zahl und Grösse besser herstellbar zu sein, als mit den
ichen Methoden.
Ist das Blut durch chemische Einwirkung in so hohem Grade ver-
iert, dass die Kristalle mit keinem der gebräuchlichen Reagentien
:eugt werden können, so misslingt auch meist die Methode von
k a y a m a.
Sie kann in forensischen Fällen mit geringsten Blutspuren an-
itellt werden, da zum mindesten stets eine Umwandlung des Blut-
bstoffes in Hämochromogen erfolgt, so dass selbst dann, wenn
ne Kristalle sich bilden sollten, was aber in den meisten Fällen se¬
icht, der mikrospektroskopische Blutnachweis stets mit Hilfe dieser
sungen möglich ist.
Ich glaubte daher, wegen der bequemen Anwendbarkeit auf die
thode der Hämochromogenkristalldarstellung von Takayama auf-
rksam machen zu sollen.
!wei Fälle von chronischer ankylosierender Wirbel¬
versteifung.
Von Dr. med. J. Brennsohn, Riga.
Aus der grossen Gruppe der chronischen Entzündungen der Wirbel-
rie, die zur Ankylose derselben führen und die früher unter dem
inkheitsbegriff „chronischer Rheumatismus der Wirbelsäule“ zu-
nmengefasst wurden, sind in den letzten Jahrzehnten ein paar Krank-
tstypen abgesondert worden, die eine Sonderstellung einnehmen und
e Nomenklatur, wie die genaue Schilderung zweien Nervenärzten, den
ifessoren v. Bechterew und v. Strümpell verdanken, obgleich
sich im Grunde genommen gar nicht um eine Nervenkrankheit
idelt. Zwar nimmt Bechterew auf Grund eines Sektionsbefundes
e Primärdegeneration der weissen Hinter- und S eiten -
irkstränge an, welche die Veränderungen der Wirbelsäule zur
ge habe, gleichwie die Syringomyelie zur Skoliose führe. Andere
toren schliessen sich dieser Ansicht nicht an und nehmen eine in
an Ursachen noch unaufgeklärte besondere Form der Gelenkerkran-
ig an, die sich auf die Wirbelsäule und die grossen Gelenke be-
iränke und auf die bereits Strümpell im Jahre 1884 in seinem
rannten Lehrbuche mit einigen Zeilen hingewiesen hat. Im Jahre
*) Med. K I i ii . 1910 Nr. 38 und Aerztl. Sachverstand. -Ztg. 1909 Nr. 7.
') V. {. ger. Med. 43, 1912.
3) Die forensische Blutuntersuchung. Berlin, J. Springer, 1910.
) M.tn.W. 1909 Nr. 3.
') V. f. ger. Med. 1910, 39 (Supplement).
6) B.kl.W. 1909 Nr. 36.
1892 beschrieb Bechterew gleichzeitig im W ratsch und Neurol. Zbl.
zwei Fälle dieser Krankheit. Weitere Veröffentlichungen von
ihm (1897), Strümpell, Pierre Marie (1898) u. a. folg¬
ten, aus deren Vergleich man zwei Typen aufstellte, die
in bestimmter Weise voneinander abwichen — den Bech¬
terew sehen und Strümpell-Marie sehen. Bei dem ersten
handle es sich um eine Steifigkeit, die auf die Wirbel¬
säule allein beschränkt bleibe, in den oberen Teilen der Wirbelsäule
beginne, sich allmählich nach unten ausbreite, also deszendierend
sei. zu einer Verkrümmung im Brustteil führe, mit Schmerzen beginne,
eine Anzahl nervöser Symptome aufweise und in deren Aetiologie
Heredität, Trauma, zuweilen Syphilis eine Rolle spielen.
Bei der Strümpell-Marie sehen Form befalle die Steifigkeit
nicht allein die Wirbelsäule, sondern auch die Hüftgelenke, zuweilen
auch die Schultergelenke. Die Krankheit verlaufe ohne nennenswerte
Schmerzen, führe zu keiner Verkrümmung der Wirbelsäule, die im
Gegenteil eine abnorme Geradheit aufweise, und als ätiologische
Momente seien Infektionskrankheiten, in erster Linie Gonorrhöe, dann
auch Tuberkulose, akuter Gelenkrheumatismus und Lues zu beobachten.
Die seltenen Sektionsbefunde typischer Fälle haben bis jetzt über
das Wesen der Krankheit keine vollkommene Aufklärung gebracht.
Die Deutung, die Bechterew der von ihm beobachteten Degenera¬
tion der Hinter- und Seitenmarkstränge gab, wird von anderen Autoren
nicht geteilt, die der Meinung sind, dass diese Degeneration sich auch
bei anderen chronischen, zum Marasmus führenden Krankheiten finde
und dass sie in keiner Beziehung zur typischen Steifigkeit stehe; bei
demselben, später an Pneumonie zu Grunde gegangenen Kranken fand
Bechterew auch einzelne Wirbel völlig miteinander verbacken und
verwachsen, die Zwischenwirbelscheiben atrophisch oder ganz ge¬
schwunden, wodurch es zur Verwachsung der sich berührenden knö¬
chernen Wirbelteile gekommen war. Andere Autoren (Marie, Schle-
s i n g e r u. a.) fanden Ossifikation des kurzen Bandapparates an den
Wiirbelgelenken und zwischen den Bögen und Dornfortsätzen, Osteo-
phytenbildung und Exostosen, Bildung von Knochenbrücken, Knochen¬
platten und -Spangen an den Wirbelkörpern, namentlich an den seit¬
lichen Partien derselben. Auch an einem gleichzeitig befallenen Hüft¬
gelenk fand Marie bei Gelegenheit der Resektion desselben Ver¬
knöcherung der Bandmassen. Durch die Atrophie der Knorpelscheiben
einerseits, wie durch die Knochenwucherung an den Gelenken und
Wirbelkörpern andererseits werde die Steifigkeit resp. die Verkrümmung
der Wirbelsäule hervorgerufen.
Was die Aetiologie betrifft, so nimmt Bechterew unter
anderm auch traumatische Ursachen an. Jedoch bei der Häu¬
figkeit von Traumen und der Seltenheit dieser Krankheit kann man
kein grosses Gewicht auf dieses ätiologische Moment legen. Bei den
Fällen des S t r ii m p e 1 1 - M a r i e sehen Typus werden Infektions¬
krankheiten, besonders Gonorrhoe, als Ursachen angenommen. Wir
werden bei der Schilderung unserer beiden Fälle sehen, ob wir die in
ihrer Anamnese erwähnten ätiologischen Momente nach der oben ge¬
nannten Richtung hin verwerten können.
1. Der erste Kranke, dessen Krankheitsbild mehr dem Bechterew¬
schen Typus entspricht, hat ausser vielen andern Nervenärzten auch die
beiden konsultiert, die dieser Krankheit den Namen verliehen haben,
v. B e c h t e r e w und v. Strümpell. Eine Röntgenaufnahme dieses Falles
war hier nicht zu ermöglichen, da der Kranke an den Rollstuhl gefesselt
war. Durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. v. Strümpell, der
eine Röntgenaufnahme dieses Kranken in
Leipzig im Jahre 1910 anfertigen diess, be¬
sitze ich einen Abzug derselben; doch zeigt
derselbe ausser einer Knochenspange nichts
Charakteristisches. Dagegen charakterisieren
ein paar photographische Aufnahmen den
Fall und zeigen namentlich das stetige Fort¬
schreiten des Prozesses in prägnanter Weise.
Die Aufnahme des ganzen Körpers links fand
in der Heilstätte Zehlendorf bei Berlin -im
Herbste 1910 statt und verdanke ich sie der
Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Laehr;
die beiden anderen sind von mir im Winter
1911 in der Wohnung des Kranken ange¬
fertigt worden.
Es handelt sich um einen (im Jahre 1913)
23 jähr. jungen Mann, dessen Mutter etwas
„nervös“ war und 41 J. a. an einer chro¬
nischen Nephritis starb. Sein Vater, sein
Bruder, seine ganze Verwandtschaft väter¬
licher- und mütterlicherseits sind vollständig
gesund. In der ganzen Aszendenz finden
sich keine Knochen- und Gelenkerkran¬
kungen, keine konstitutionellen Krankheiten,
kein Alkoholismus. Er wurde rechtzeitig ge¬
boren, begann rechtzeitig zu gehen und be¬
kam ebenso rechtzeitig seine Zähne. Er war
ein zwar zartes, aber gesundes Kind; nur als er in das geschlechtsreife
Alter kam, begann sich die nervöse Anlage von seiner Mutter her be¬
merkbar zu machen; er bekam Anfälle von Migräne und Flimmern vor den
Augen, die sich in regelmässigen 2 — 4 wöchigen Zwischenräumen wieder¬
holten, mehrere Jahre andauerten und sich dann allmählich verloren. Er
hielt sich schlecht und musste oft an das Einnehmen einer bessern
Haltung gemahnt werden. Masern und Scharlach überstand er leicht und
ohne Folgen. Im Jahre 1907, als er 18 Jahre alt war, bezog er die Dor-
pater Universität, wo er sich viel mit Paukiibungen beschäftigte.
Schmerzen, die sich am rechten Schultergelenk und am
rechten Arm einstetlten, bezog er auf diese Uebungen und gab die
letztem daher eine Zeitlang auf. Nachher bildete sich aber ohne nentiens-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
118
werte Schmerzen eine Schwäche des rechten Armes aus, . den
er nicht mehr erheben, nicht einmal um geringes abduzieren konnte, während
das Ellbogen- und Handgelenk, sowie die Fingergelenke vollkommen frei
blieben. Bald nachher fand sich eine geringe Empfindlichkeit im Rücken ein,
die er wenig beachtete. Aber fast 2 Jahre später, im Frühjahr 1909, bekam
er heftige Schmerzen in den mittleren und unteren Par¬
tien der Wirbelsäule, die nach tfen Seiten und vorn hin ausstrahlten
und in der Nacht besonders quälend waren. Er hatte auch ein ausgesprochenes
G ü r t e 1 g e f ü h 1, a's ob ein eiserner Reifen ihm um den Leib gelegt wäre.
Zugleich war schon damals eine Steifigkeit der Wirbelsäule wahrnehm¬
bar. Auch im linken Hüftgelenk hatte er schon damals zeitweise Schmerzen,
jedoch ohne Beeinträchtigung seiner Gehfähigkeit. Eine Badekur im Schwefel¬
bade Kemmern im Sommer 1909 brachte keine Linderung, eine Röntgenauf¬
nahme in Riga führte zu keiner sicheren Diagnose; ein Stützkorsett ver¬
ringerte nicht seine Beschwerden. Den Winter 1909/10 verbrachte er in
St. Remo ohne nennenswerte Erleichterung. Unterdes machten die Ver¬
steifung der Wirbelsäule und die Schmerzen im linken Hüftgelenk weitere
infauste Fortschritte. Er konnte noch längere Spaziergänge ausführen, aber
nur kurze, kleine Schritte machen. Im Frühjahr 1910 konsultierte er
v. Bechterew und v. Strümpell und unterzog sich dann 1910/11
verschiedenen physiko-therapeutischen und orthopädischen Kuren in Zehlen¬
dorf bei Berlin und in der Berliner chirurgischen Universitätsklinik.
Schon im Jahre 1913 befand sich der Kranke in einem bedauernswerten
Zustande. Die Steifigkeit und Unbeweglichkeit der befallenen Teile — der
Wirbelsäule, Hüftgelenke und des rechten Schultergelenkes - — war schon
damals derartig, dass alle diese Teile eine zusammenhängende, zum Teil
starre Masse bildeten. Frei beweglich sind nur die linke untere Extremität,
vor^ der rechten oberen die Finger und Ellbogen- und Handgelenke und von
den beiden unteren Extremitäten die Zehen und Fussgelenke. Die geringen
ihm verbliebenen Bewegungen kann er nur so ausführen, dass er den Körper
als Ganzes ein wenig dreht und bewegt. Den Kopf hält er weit vor¬
geschoben. Beim Liegen stehen der Kopf'und die Halswirbelsäule weit vom
Lager ab und der grosse Zwischenraum zwischen Kopf, Nacken und Unter¬
lage muss durch untergelegte Kissen ausgefüllt und der Nacken dadurch
gestutzt werden.
Die Wirbelsäule ist, mit Ausnahme einer geringen Beweglichkeit
im Halsteil, vollständig versteift. Die Dornfortsätze des 10. bis 12. Brust¬
wirbels, sowie des 1. und 2. Brustwirbels prominieren leicht, bilden einen
flachen Gibbus, die Lendenlordose ist ganz aufgehoben. An beiden S y n -
Chondros es sacro-iliacae finden sich Exostosen, an der rechten
von Haselnuss-, an der linken von Walnussgrösse. Die frühere spontane
Schmerzhaftigkeit der Wirbelsäule besteht nicht mehr, die Processus spinosi
sind jedoch noch bei Beklopfen schmerzhaft. Die Wirbelsäule als
Ganzes bildet eine nach hinten konvexe Krümmung, im Brustteil in Form
einer bogigen Kyphose. Die Muskulatur des Rückens ist- dünn und mager.
Die von anderen Autoren angeführte Derbheit der Rückenmarksmuskulatur
ist hier nicht bem’.rkbar. Mit besonderen Kunstgriffen wird er von seinem
Lager auf den Rollstuhl und von diesem wieder zurück aufs Lager gebracht.
Das rechte Hüftgelenk ist noch in geringem Grade beweglich, das
linke in einem stumpfen Winkel fixiert, so dass er nicht auf den Nates auf¬
sitzt, sondern auf den mittleren Partien der Oberschenkel und der freie
Zwischenraum wieder durch Kissen ausgefüllt wird. Im linken Hüftgelenk
ist nur eine minimale, etwa 1 cm weite Adduktion und Abduktion möglich.
Zu Zeiten war die Schmerzhaftigkeit in diesem Gelenk eine so hochgradige,
dass die leiseste Erschütterung irgendeines Körperteils, wie beispielsweise
das Reichen der Hand zur Begriissung, eine ausserordentlich schwere
Schmerzattacke auslöste. Dabei hatten die Schmerzen zeitweise ganz den
Charakter einer Ischias, verliefen in den Bahnen des Ischiadikus, ohne dass
der Nerv selbst auf den bekannten Druckpunkten druckempfindlich war. Die
ganze Figur des Kranken lässt sich mit einem lateinischen Z vergleichen,
worauf schon Pierre Marie hingewiesen hat, wobei der obere Schenkel
des Z von der Wirbelsäule, der mittlere Teil von den Oberschenkeln und
der untere Teil von den Unterschenkeln gebildet wird, die sich ebenfalls
in flektierter Stellung befinden.
Die Brust ist tief eingefallen und abgeflacht; der frontale und sagittale
Durchmesser sind stark reduziert, die Zwischenrippenräume. vertieft, das
Abdomen wölbt sich kugelig vor. Die Atmung ist vornehmlich abdominal,
das Abdomen wogt förmlich auf und ab. während die kostale Atmung stark
zurückgetreten ist, ohne jedoch ganz aufgehoben zu sein, wie von einzelnen
Autoren berichtet wird. Auffallend flatterndes Inspirium ist vorn
rechts hörbar, an den übrigen Teilen normales Atmen.
Am Herzen kein pathologischer Befund. Die Muskulatur des
ganzen Körpers ist entsprechend der Inaktivität schlecht entwickelt, mässig
atrophisch. Absoluter Schwund der Muskeln, wie etwa im Gefolge der
Heine-Medin sehen Krankheit finden wir nirgends, auch nicht an der
rechten Schulter, die eine Parese aufweist, aber keine wesentliche Ver¬
steifung. Das linke Bein ist dünner und magerer als das rechte.
Das Nervensystem: Von seiten der Gehirnnerven ist nichts Be¬
sonderes zu sagen; Geruch. Gehör, Geschmack sind normal; Pupillen mittel¬
weit, reagieren träge, Gesichtsfeldbeschränkungen nicht vorhanden. Sensi¬
bilität der Haut normal. Die Patellarreflexe wesentlich gesteigert, besonders
links, desgleichen die Fusssohlenreflexe, von denen wieder der linkseitige
der stärkere ist. Die elektrische Erregbarkeit etwas herabgesetzt, aber keine
Entartungsreaktion. Das rechte Schultergelenk paretisch. a>Die nur massige
Atrophie der rechtsseitigen Schultermuskulatur steht in gar keinem Verhältnis
zur Funktionsstörung. Der Appetit meist gut. Stuhl etwas erschwert,
jedoch regelmässig. Harn normal. Die Temperatur war leicht erhöht, zeit¬
weise bis 38,0.
Gegenwärtig (1921), ist der Prozess vollständig zum Stillstand gelangt.
Schmerzen sind bereits seit langer Zeit gewichen. Unbeweglichkeit und
Steifigkeit, wie oben beschrieben. Der Kranke verbringt den Tag im Roll¬
stuhl, zur Nacht wird er mit Hilfe auf das kunstvoll zubereitete Lager ge¬
bracht. Geistig hat er gar nicht gelitten; er beschäftigt sich mit juristischen
Arbeiten.
In diesem Krankheitsbilde interessieren uns mehrere Fragen. Ab¬
gesehen von der pathologisch-anatomischen Stellung, die wir bereits
kurz berührt haben, in erster Reihe die Aetiologie. Von1 heredi¬
tären Momenten könnte in unserem Falle nur die „Nervosität“ der
Mutter in Betracht kommen. Wir finden dieses Moment in seiner neu¬
rotischen Anlage, in seinen Anfällen von Migräne, in seiner grossen
Reizbarkeit und Ueberempfindlichkeit. Für die Entwickelung seiner
Grundkrankheit kommt aber alles dieses nicht in Betracht. Aehnlic
verhält es sich bei unserem Kranken mit dem Trauma, auf welche
Bechterew so grosses Gewicht legt. Ohne die ätiologische Be
deutung des Traumas für viele Krankheiten herabsetzen zu wollen, i;
doch zu bedenken, dass im Leben jedes Menschen mehr oder wenige
schwere Traumen Vorkommen, ohne irgendwelche Störungen zu hit
terlassen. Auch bei1 unserm Kranken finden wir ein Trauma. Ai
einer Schlittenfahrt vor Beginn seiner Krankheit wurde er durch da
ruckweise Anziehen des Pferdes mit dem Rücken gegen die Schütter
lehne geworfen. Er klagte darnach einige Zeit über schmerzhaft
Empfindungen im Rücken. Sind wir berechtigt, ein solches Traum;
wie es im Leben fast jedes Einzelnen vorkommt, für die Entstehuri
dieser Krankheit verantwortlich zu machen? Marie und Asti
fanden in einigen Fällen die beiden Momente „Heredität“ un
„Trauma“ so ausgeprägt, dass sie darnach dieses Krankheitsbi
„erblich-traumatische Kvphose“ nannten. Auch die in d^r Aetjolog
dieser Krankheit eine Rolle spielende „Erkältung“ dürfte kaum in ui
serem Falle verwertet werden. Der Kranke gibt an, als Student i
einem kalten Zimmer, wo er beständig fror, gewohnt zu haben. Abt
auch dieses alltägliche Vorkommnis kann für die Aetiologie unsert
Falles nicht in Betracht kommen. Noch weniger sind infektöse U:
Sachen hier nachweisbar: keine Lues, keine Gonorrhoe, keine It
fluenza. keine Angina. A e t i o 1 o g i s c h bleibt dieser Fall g a n
unaufgeklärt Noch ist die Frage zu erörtern, welchem von be
den Typen dieser Fall zuzuzählen ist. Unser Kranker zeigt sowoi
die Symptome des Bechterewschen, wie des Strümpell
Marie sehen Typus. Mit Bechterew hat er die ausserordentlid
Schmerzhaftigkeit bei Beginn der Erkrankung gemeinsam, ebenso d
ausgesprochene Verkrümmung der Wirbelsäule, die den Fällen dt
Strümpell-Marieschen Typus fehlt, dagegen ist ihm mit Striimpel!
Marie gemeinsam auch das Befallensein der Hilft- und Schulte
gelenke, die zur Nomenklatur der „chronisch-ankylosierenden Entzüi
düng der Wirbelsäule und der Hüftgelenke“ und zur Bezeichnung „Spoi
dylosis rhizomelica“ (von spondylos = Wirbel und rhiza = Wurzel
der Erkrankung der Wirbelsäule und der Wurzelgelenke (Hüfte, Schn
ter) Veranlassung gegeben hat.
II. Ein Pendant zu diesem Falle bildet der folgende, den ich seit N'
vember 1920 zu beobachten Gelegenheit hatte und der ganz dem S t r ü m
p e 1 1 - M a r i e sehen Typus entspricht. Es handelt sich um einen 58 jährigt
Mann von grosser Statur und
symmetrischem Körperbau. Er
geht mit nach vorn gebeugtem
Oberkörper, mit kurzen schlei¬
fenden Schritten, wobei er mit
den Vorderteilen der Füsse
auftritt. Dieser Gang prägt
sich auch an den Sohlen seiner
Stiefel aus, indem gerade die
vorderen Teile abgenutzt sind
und an diesen Stellen oft ge¬
flickt werden müssen. Das
rechte Bein zieht er nach.
Auffallend ist die Gerade¬
stellung der Wirbelsäule,
indem die physiologischen an-
tero-posterioren Krümmungen
aufgehoben sind. An Stelle
der physiologischen Lenden¬
lordose ist eine flache Gib-
bosität der Lendenwirbel zu
konstatieren, und an Stelle
der physiologischen Brust¬
kyphose eine flachvertiefte
Lordositätderselben. Man sieht
eine lange, vertiefte Furche an
der Brustwirbelsäule, auf deren
Grund die Processus spinosi
fühlbar sind. Die Verkrüm¬
mung des Rumpfes ist nur eine
scheinbare, indem der Kranke
j beim Gehen die Hüftgelenke
gebeugt hält. Er vermag wohl
seinen Rumpf gerade aufzu¬
richten, verliert aber dabei das
Gleichgewicht und fällt hin,
i was ihm ohnehin häufig beim
Gehen passiert. Der Prozess
! ist hier ein aszendieren-
j der, hat an den unteren Par-
] tien der Wirbelsäule begonnen >
1 und steigt allmählich höher Fall 2.
hinauf, was auch aus dem
Röntgenbild ersichtlich ist. Die unteren Partien der Wirbelsäule sind verstei
während die oberen noch mehr weniger beweglich sind. Die Wirbelsäule ist jet
spontan wenig empfindlich, das Beklopfen der Processus spinosi verursac
i überhaupt keinen Schmerz. Ausser der Wirbelsäule sind auch die beid'
Hüftgelenke befallen. Sie sind schmerzhaft, versteift, die Bewegungen de
' selben wesentlich verringert, besonders die Abduktion. Im Frühjahr 19
stellten sich auch Schmerzen und Bewegungstörungen in der rechten Schult
ein, was darauf schliessen lässt, dass der Prozess nun auch auf die Schulte
gelenke überzugehen beginnt. Diese Affektion der Wirbelsäule, der Hü
: und Schultergelenke veranlasste Pierre Marie, .die Krankheit als Spondylot
rhizomelica zu bezeichnen.
Ferner weist unser Patient eine Reihe nervöser Symptome a
Das rechte Bein ist atrophisch und paretisch. Die Reflexe beider Beine si
gesteigert, insbesondere der linken unteren Extremität. Es bedarf n
' einer leichten Beklopfung der Quadrizepssehne, um eine heftige Aeusseru
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
110
27. Januar 1922.
des Reflexes hervorzurufen. Ebenso ist der Fussklonus gesteigert, wieder
links stärker. Das ßabinskiphänomen ist an beiden Füssen festzustellen,
namentlich links schön ausgeprägt. Auch der Bauchreflex ist gesteigert.
F.r leidet auch an Parästhesien. Er hat das Gefühl eines fremden Körpers
zwischen den Fusssohlen und dem Boden. Die Pupillen sind ungleich, die
inke ist etwas weiter. Beide reagieren träge gegen Licht.
Diese nervösen Symptome hat unser Fall mit dem Bechterew¬
schen Typus der Krankheit gemeinsam, während sie bei Pierre
Marie und Andre L e r i nicht hervorgehoben werden.
Die A e t ä o 1 o g i e unseres Falles entspricht aber vollkommen dem
Pierre Marie sehen Typus, indem Gonorrhöe mit der grössten
Wahrscheinlichkeit als Ursache seiner Krankheit anzunehmen ist. Er
hat vor 16 Jahren zum dritten Male eine rezidivierende Gonorfhöe
durchgemacht. Fast unmittelbar daran schloss sich eine Gonitis gonor¬
rhoica dextra, die ziemlich rasch und günstig verlief, keine Versteifung
des Kniegelenkes, wohl aber eine Atrophie des rechten Beines, welches
an verschiedenen Stellen 2 — 4 cm dünner als das linke ist, zurückliess.
An die Gonitis schloss sich, wie der Patient sich ausdrückt, ein
allgemeiner Gelenkrheumatismus, auch der kleinsten Gelenke, der sich
vollständig zurückbildete, aber Schmerzen in der Lumbo-sacro-
coccygeal-Gegend und den Hüften zurückliess. Diese Erkrankung aller
Gelenke ist als eine gonorrhoische aufzufassen und entspricht ganz der
Schilderung bei Andre L e r i im 2. Band von Lewandowskys Hb.
jd. Neurol. S. 524 — 550. Die Schmerzperiode dauerte bei unserem
Kranken sehr lange Zeit. Erst seit 2—3 Jahren aber sind die schweren
Gehstörungen, unter denen er jetzt leidet, eingetreten und haben sich
besonders im Laufe des letzten Jahres gesteigert. Nicht nur das Gehen
fällt ihm schwer, sondern auch das Sichniedersetzen und das Sich-
umdrehen im Stehen und Liegen.
Was die Diagnose dieses Falles betrifft, so kann von einer
Verwechslung mit einer anderen Krankheit kaum die Rede sein. Die
Aetiologie, der Verlauf, das Befallensein der Wirbelsäule und der Hüft¬
gelenke, zugleich die nervösen Symptome lassen eine andere Deutung
gar nicht zu. Jeder Zweifel wird aber beseitigt durch die Röntgen¬
aufnahme dieses Falles. Das Röntgenogramm zeigt in deutlichster
Veise die Verknöcherung des Ligamentumsupraspinale,
des sog. Ligamentum apicum, welches die Spitzen der Pro¬
cessus spinosi miteinander verbindet, zugleich die Verknöcherung der
antersten Zwischenwirbelscheiben der Lendenwirbel und eine Osteo¬
porose der Wirbel, die, wie gewöhnlich, so auch hier, von
ler Peripherie zum Zentrum fortschreitet. Dieses Rönt-
;enogramm stellt vielleicht ein Unikum dar.
Es zeigt das Charakteristische und Wesentliche dieses Pro¬
zesses, die Verknöcherung des Bandapparates, in
prägnanter Weise. Es ist eine Verknöcherung ohne Hyperostose,
ühne Osteophytenbildung. Dies ist um so bemerkenswerter, als alle
andern vertebralen Erkrankungen rheumatischer, luetischer, traumati¬
scher und tuberkulöser Natur von der Bildung umfangreicher Osteo-
phyten begleitet sind. In der Röntgenliteratur, soweit sie mir bis jetzt
zugänglich war, habe ich ein so schönes Bild einer zusammenhängenden
Verknöcherung des Bandapparates nicht gefunden.
Erwähnenswert ist noch aus der Anamnese, dass zugleich mit
ler letzten Gonorrhöe auch ein „Ulcus molle“ (?) bestand. Er wurde
deshalb auch einer Salvarsanbehandlung in Petersburg unterworfen,
trotzdem Wassermann negativ war. Auch eine gegenwärtig in
Riga ausgeführte Wassermann - Reaktion verlief negativ. Am
Herzen ist ein langgezogenes diastolisches Geräusch an der Herz¬
spitze nachweisbar. Zu erwähnen ist noch, dass sein einziges Kind,
rin Töchterchen von etwa 9 Jahren, geistig in der Entwicklung zurück¬
geblieben ist.
i .. Von Interesse ist die Deutung der nervösen Symptome, die beiden
Fällen gemeinsam sind und die Bechterew zur Annahme einer pri¬
mären Erkrankung des Rückenmarkes veranlasst haben. Sie lassen sich
.inschwer aus der Reizung, denen die austretenden Rückenmarkswurzeln
durch die verknöcherten Bandmassen (Ligam. intercruralia u. flava)
ausgesetzt sind, erklären. Die Osteoporose, die Entknöcherung,
die wir an dem Röntgenbild des zweiten Falles beobachten, soll nach
Andre L e r i das Primäre sein und auf infektiösen Ursachen beruhen.
Da nun die Knochen infolgedessen sich abplatten und zusammen¬
fallen würden, so komme es zu einer Verknöcherung des Bandapparates
als sekundärer Vorgang, gewissermassen als eine funktionelle Anpas¬
sung, als ausgleichender Prozess. Das verknöcherte Ligam. apicum
halte demnach die Wirbel zusammen, gleichwie die Einsetzung einer
Knochenspange zwischen die Processus spinosi der tuberkulös er¬
krankten Wirbel nach A 1 b e e das Zusammenstürzen der Wirbel ver¬
hindert.
Therapeutisch Hessen sich beide Fälle in keiner Weise beein¬
flussen. Bei der Schilderung des ersten Falles erwähnte ich bereits
■ler Fülle von therapeutischen Massnahmen, denen sich der Patient
Jahre lang unterwarf. Hinzufügen will ich noch, dass ich ihn auch
mehrere Zyklen einer diätetischen Kur, eine kalkarme Diät, durch¬
machen Hess. Auch im zweiten Fall wurden antisyphilitische. anti-
rheumatische und verschiedene physikalische Kuren unternommen,
Antigonokokkenserum injiziert. Vorübergehend trat bei der Galvanisa¬
tion des Rückens mit grossen Plattenelektroden, durch Massage und
Uebungsbehandlung der Beine eine Besserung des Ganges ein1, die
iber nach einigen Wochen dem Status quo ante wich.
Zum Schluss noch die Frage, ob wir es mit zwei verschiedenen
Krankheiten oder mit zwei Typen derselben Krankheit zu tun haben?
Ich glaube, mich der letzteren Annahme anschliessen zu dürfen und
meine, dass es zu einer Kyphose kommt, falls die Entknöcherung der
Nr. 4.
Verknöcherung der Bandmassen sehr vorauseilt, dagegen die Gerad¬
heit der Wirbelsäule zustande kommt, falls die Verknöcherung der
Bandmassen mit den Folgen der Osteoporose der Knochen gleichen
Schritt hält.
Aus der orthopädischen Universitäts-Poliklinik München.
(Direktor: Geh. Huirat Prof. Dr. Fritz Lange, Oberarzt:
Privatdozent Dr. Franz Schede.)
Eine neue Fixationsschiene bei Verletzungen der Finger¬
strecksehne.
Von Dr. Flerbert Alfred Staub, Assistenzarzt.
Der Abriss der Fingerstrecksehne ist in den letzten Jahren häufiger
beschrieben worden. K o e n i g erwähnte ihn in seinem Lehrbuche
der Chirurgie und nimmt in dieser Arbeit Bezug auf eine früher von
Busch erfolgte Veröffentlichung. In neuester Zeit haben Selb erg
und Graf auf das Zustandekommen des Fingerstrecksehnenabrisses
hingewiesen. Der Mechanismus für das Zustandekommen ist nach
Schöning, der Versuche an der Leiche zu Grunde legte: ein
starker Druck auf den Finger am Nagelgliedansatz bei in Extension
fixiertem Interphalangealgelenk.
Nach Graf kommt er durch forcierten Druck oder Schlag auf die
gebeugten Endglieder bei gestreckten oder häufiger noch halb¬
gestreckten Grundgliedern zustande.
Graf hat sich eine derartige Verletzung beim Hineinschlüpfen mit
der Hand in den Aermel eines Operationsmantels aus derber Leinwand
wand zugezogen.
Ich selbst erlitt eine Fingerstrecksehnendurchtrennung durch Einklemmung
des Ringfingers der rechten Hand beim Oeffnen einer Trambahntüre (Anfang
Juni d. J.). Unmittelbar nach dem Unfall, der verhältnismässig schmerzlos
verlief, stand das Endglied des Ringfingers gegen das Mittelglied in halbem
rechten Winkel, eine Beobachtung die auch Graf gemacht hat. Bei dem
Versuche, den Finger aktiv zu strecken, verspürte ich einen ausserordentlich
starken, blitzartigen Schmerz, der wohl mit dem Auseinanderweichen der
durchtrennten Sehnenenden zusammenhing. Darauf stand das Endglied gegen
das Mittelglied etwa im Winkel von 110° gebeugt. Eine vorgenommene
Röntgenaufnahme zeigte eine stecknadelkopfgrosse Knochenabsprengung von
der radialen Partie des Endgliedes, dicht oberhalb des Gelenkspaltes.
Geheimrat Ledderhose, den ich konsultierte, riet von einer
Sehnennaht ab mit der Begründung-, dass die Sehnenenden sicherlich
völlig aufgefasert seien — eine Ansicht, die nach dem Berichte G r a f s
auch L e x e r geäussert hat — und empfahl Fixierung in Hyper¬
extension. Ich Hess mir darauf eine dorsale Schiene aus Duranabronze
anfertigen, wie sie in der nachstehenden Abbildung dargestellt ist.
Fig. 1 veranschaulicht das ausgeschnittene Duranablatt vor dem
„Treiben“, die Zunge d wird so getrieben, dass sie gegen den Körper f in
der punktierten Linie e in einem Winkel von etwa 170° gestellt ist. Die
Oeffnung c liegt über dem Gelenkspalt und ist so weit zu wählen, als etwa
die Sehnendiastase beträgt. Die Flügelpaare a a und b b werden zu Ringen
umgebogen, ohne jedoch an der volaren Seite miteinander vernietet zu werden.
Die Flügelenden, die als Federn wirken, berühren sich nicht. Die ganze
Schiene wird konkav getrieben, der Rundung des Fingers entsprechend.
Auf eine ausreichende Konkavität ist — zur Vermeidung von Druck be¬
sonders bei dem über dem Nagel gelegenen. Anteil d zu achten.
Fig. 2 veranschaulicht die fertige Schiene im Profil.
Diese Schiene habe ich während 2 Monaten getragen. Ich habe
die Schiene beim Waschen, auch bei feineren manuellen Verrich¬
tungen (Gipsabgüssen und Verbänden) heruntergenommen. Ein Her¬
unternehmen wie Wiederanziehen der Schiene vollzog sich stets ohne
jegliche Beschwerden. In den ersten Tagen der Benutzung des Appa¬
rates bestand in den unter dem Ausschnitte c gelegenen Weichteil¬
anteilen eine leichte Stauung, die jedoch nicht schmerzhaft war. Ich
bin der Ansicht, dass infolge dieser Stauung die darunter gelegenen
Sehnenenden zur Proliferation gereizt wurden und so eine Regeneration
der durchtrennten Sehne in die Wege geleitet wurde. Das funktionelle
wie kosmetische Resultat ist vorzüglich. Ich habe eine volle aktive
Streckung des Fingers erhalten. Nur eine ganz geringe Auftreibung
am radialen Teile des Gelenkes (Gegend der Knochenabsprengung) lässt
sich bei genauester Betrachtung feststellen. Nach etwa einmonatlichem
Tragen der Schiene bagann ich täglich mit Massage und aktiven Beuge-
und Streckübungen, die ich etwa einen Monat lang fortsetzte. Die
von mir angegebene und erprobte Schiene hat gegenüber anderen
120
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Methoden: Lex er: Bindenzügel vom Ellenbogengelenk her nach dem
nach oben gebeugten Finger. Busch: Gipsverband in Extension. Sel-
berg: Däumling mit Schieneneinlage, Walter: Cramerschiene auf
Hohlhand, vorn die Fingerkuppe weit überragend, von diesem Ende
aus Heftpflasterextension an dem verletzten Finger, Ziegler:
Aluminiumrinne mit breitem Ansatz zur Befestigung in der Hohlhand,
den Vorzug grösserer Unbehinderung der übrigen Finger sowie der
Möglichkeit einer leichten Abnähme beim Waschen.
Die von Graf angegebene Schiene: drei Metallringe durch seit¬
liche Metallbänder miteinander fixiert (der unterste Ring liegt an der
Grundphalanx, der mittlere an Mittelphalanx, der oberste umfasst das
verletzte Endglied und zwar so, dass es in stärkerer Hyperextension
gehalten ist), ist für den Praktiker schwerer anzufertigen. Ich habe
die Graf sehe Schiene in der Schede sehen Modifikation: Halbring
unter Grundglied, Halbring über Mittelglied, Hohlrinne unter Endglied
bei einem Kollegen, der 6 Wochen nach einem Strecksehnenabriss am
kleinen Finger der rechten Hand, den er sich durch Sturz auf die Hand
beim 1 ennisspielen zugezogen hatte, angewandt. Es bestand eine sehr
schmerzhafte beginnende Beugekontraktur von etwa 136 Grad. Infolge
der Beugekontraktur war ein Hineinschlüpfen in die eingangs be¬
schriebene Schiene beschwerlich — hierdurch ergibt sich gleich eine
Einschränkung in der Indikation meiner Schiene, die ich nur bei
frischen Verletzungen angewandt wissen möchte.
Das bei dem Kollegen, der sich noch in meiner Behandlung befindet,
in 6 Wochen erreichte Resultat ist eine aktive Beugung im End¬
glied bis 150 Grad, aus dieser Stellung aktive Streckung bis 180 Grad.
Literatur.
Graf: Ueber den Abriss der Fingerstrecksehnen am Endglied. Naturw.-
med. Gesellschaft Jena 17. XII. 1919. M.m.W. 1920, Nr. 7, S. 200. *
Koenig: Lehrbuch der speziellen Chirurgie. 3, S. 317. — Selber g:
M.m.W. 1906 Nr. 14. — C. Walter: Vereinfachter Fingerstreckverband.
M.m.W. 1915, Nr. 8, Feldärztl. Beil. — Ziegler: Zur Behandlung der
Fingerfrakturen. Schweiz. Korr. Bl. 1918 Nr. 13.
Aus der II. inneren Abteilung des Auguste-Viktoria-KrankerT
hauses Berlin-Schöneberg. (Dirig. Arzt: Prof. Dr. Q las er.)
Ist die Glyzerinreaktion nach Gabbe ein Indikator des
Lipoidgehaltes im Blute nach Injektion körperfremder
Stoffe?
Von Dr. med. Bruno Engelmann,
Assistenzarzt des Krankenhauses.
In Nr. 43, 1921 der M.m.W. hat Gabbe [l] Mitteilungen gemacht
über regelmässige Veränderungen der Lipoidmenge des Blutes nach
Injektion körperfremder Stoffe und zu ihrer Bestimmung eine Probe
angegeben, deren Bedeutung der sog. Kla u s n er sehen Reaktion [2]
entsprechen soll, die als Globulinfällung aufgefasst wird. Man über¬
schichtet 0,5 ccm aktives, frisches Serum mit 0,5 ccm 5 proz. Glyzerin¬
lösung und liest nach 24 stündigem Aufenthalt im Brutschrank bei 37 0
ab. Die positive Reaktion zeigt sich in einer mehr oder weniger deut¬
lichen Trübung in der Ueberschichtungszone (Ringbildung). Nach G.
sollen nun intravenöse Injektionen von Kollargol, Argoc'hrom, Pferde¬
serum etc. in Dosen, die keine oder nur sehr geringe Temperatur¬
erhöhungen hervorriefen, regelmässig eine Verstärkung der Reaktion
oder Umwandlung einer negativen in eine positive zur Folge gehabt
haben. Dagegen sollen Injektionen mit anschliessendem hohen Fieber,
Schüttelfrösten etc. eine Abschwächung der Reaktion bewirkt haben
mit Negativwerden einer vorher positiven Reaktion, event. mit nach¬
folgender Verstärkung der Reaktion über die ursprüngliche Stärke hinaus.
Verfasser gibt am Schlüsse seiner Arbeit der Hoffnung Ausdruck,
diese Probe werde sich zur Kontrolle der therapeutischen Wirkung
und zur Feststellung der geeigneten Dosierung der für die „Reiz¬
therapie“ empfohlenen Mittel eignen.
Bei dem Bedürfnis nach einer Massmethode, das sich bei den
mannigfachen und immer zahlreicher werdenden Anwendungsmöglich¬
keiten der Reiztherapie immer bemerkbarer macht, nahmen wir diese
Anregung an und machten nun unsererseits diesbezügliche Versuche.
Die Angabe Gabbes, dass die Ernährung am Injektionstage
knapp und fettarm gehalten wurde, veranlasste uns zunächst zu einer
Reihe von Versuchen, die in naher Beziehung zu Untersuchungen
standen, die auf der hiesigen Abteilung schon vorher längere Zeit
betreffend Trübung des Serums nach oraler Fettzufuhr angestellt
worden waren. Wie schon vorher angenommen und durch Versuche
im Dunkelfeld [3l bestätigt wurde, beruhte diese Trübung auf Anhäufung
massenhafter, feinster Fettstäubchen im Blutserum.
Wir entnahmen im nüchternen Zustande Serum, gaben dann eine
Fettmahlzeit mit 30 — 50 g Fett und entnahmen nach 2 — 3 Stunden aber¬
mals Serum. Mit beiden Sera nahmen wir dann die Ueberschichtungs-
probe vor. Von den 23 Fällen mit den verschiedensten Krankheiten
(Angina, Erysipel, abgelaufener Scharlach, Diphtherie. Lues II, Gonor¬
rhöe, Pleuritis) war bei 16 das Resultat klar und eindeutig. Das
in nüchternem Zustande entnommene Serum war völlig klar, das Serum
nach der Fettmahlzeit deutlich, mehr oder weniger, getrübt. Bei dem
klaren Serum war die Glyzerinreaktion einwandfrei negativ, bei dem
trüben zeigte sich an der Grenzschicht von Serum und Glyzerin eine
deutliche Trübung.
In einem Falle fiel der Versuch negativ aus, in 3 Fällen wurde
durch Hämolyse die Kontrolle erschwert.
Beachtenswert sind die 3 letzten Fälle; hier handelte es sich um
ikterische Kranke. Vor und nach der Fettmahlzeit waren hier die Sera
klar und bei allen fehlte bei der Ueberschichtungsprobe jede Ring¬
bildung. Der Grund ist einleuchtend: Die gestörte Fettverdauung und
-resorption.
Blieben wir unter der oben genannten Fettmenge, etwa 20 g und
weniger, so blieben Trübung und positive Glyzerinreaktion aus.
Im Anschluss an diese Versuche gingen wir, uns genau an die An¬
gaben von Gabbe haltend, dazu über, das Verhalten der Serumschicht¬
probe nach Injektion körperfremder Stoffe zu prüfen.
Wir haben die Probe 75 mal angestellt und zwar nach Injektionen
von 2 ccm 2 proz. Kollargol und 3—5 ccm 3 proz. Kollargol intravenös
10 ccm 10 proz. Kochsalzlösung, Milch 5—10 ccm intramuskulär.
10—15 ccm Pferdeserum intravenös, Yatren-Kasein (stark) 1—5 ccm
intramusk., Caseosan 0,5 — 1 ccm intravenös, Fulmargin 1 ccm intravenös.
Die Einspritzungen wurden bei den verschiedensten Krankheiten vor¬
genommen, bei Angina, Erysipel, Skarlatina, Diphtherie, Ruhr, Basedow,
Paralysis agitans, Ischias, Enzephalitis, Kokainvergiftung, Tuberculosis
pulmonum, Pleuritis exsudativa. Urtikaria, Impetigo, Ekzem, Skabies,
Furunkulose, Pneumonie, Paranephritis, Zystitis, Pyelitis, Vitium cordis,
Cholelithiasis, Ikterus, Gonorrhöe. Lues I und II, Monarthritis gonor¬
rhoica, Polyarthritis rheumatica, Stomatitis, Arthritis deformans. Con¬
junctivitis phyktaenulosa, Kohlenoxydvergiftung.
Die Versuchsanordnung war folgende:
In den ersten Versuchsreihen wurde in jedem Fall vor und 2 bis
3 Stunden nach «der Injektion Serum entnommen und mit beiden Sera
die Reaktion angestellt; bei den folgenden blieb zwecks weiterer Kon¬
trolle die Entnahme vor der Einspritzung fort und statt dessen fanden
noch weitere Serumentnahmen nach 4 — 18 — 24 Stunden nach der In¬
jektion statt. Die Patienten blieben am Tage der Injektion, bis zur
letzten Serumentnahme, nüchtern oder erhielten Tee. Nur bei den
Serumentnahmen nach 24 Stunden bekamen die Patienten Tee und
Schleim, die Blutentnahme erfolgte am anderen Morgen nüchtern.
Die Nahrung war also immer fettfrei, nicht „fettarm“, wie bei den
Versuchen von Gabbe.
Im einzelnen wurden die Serumentnähmen wie folgt vor-
genommen: Bei den 34 Kollargolinjektionen, darunter 2 mit 3
und 5 ccm 3 proz. Kollargol, 20 mal 2 — 3 Stunden, 14 mal 4 resp
24 Stunden nach den Einspritzungen, bei den 22 Injektionen von
Yatren-Kasein (stark) 4 mal 2 und 4 Stunden, 3 mal 24 Stunden nac
denselben, sonst immer 2—3 Stunden nach der Injektion. Bei allen
anderen Einspritzungen immer 2 — 3 Stunden nach diesen.
Wir gelangten so zu folgendem Ergebnis: In 4 Fällen war die
Glyzerinreaktion deutlich positiv, in 3 Fällen schwach positiv, 4 mal
wegen Hämolyse und anderweitig bedingten Trübungen des Serums
zweifelhaft, ln allen anderen Fällen fiel die Ueberschichtungsprobe mit
Glyzerin einwandfrei negativ aus, d. h. die Ueberschichtungszone blieb
von Trübung völlig frei, es bildete sich kein Ring.
Erhöhte Temperaturen und Allgemeinreaktionen fehlten zum Teil,
zum Teil waren sie nur in geringem Masse vorhanden,
Nur in 8 Fällen traten stärkere Allgemeinreaktionen, Temperatur¬
anstiege bis 40,4 und Schüttelfröste auf. Einmal nach 5 ccm Yatren-
Kasein (stark) intramuskulär bei Erysipel, 2 mal nach 3 und 5 ccm
3 proz. Kollargol bei Angina, die übrigen Male nach 2 ccm 2 pro
Kollargol bei Nephrolithiasis, Polyarthritis rheumatica, Pneumonie,
Pyelitis und Erysipel.
Von den oben genannten 4 positiven Reaktionen waren 2 unter
diesen eben angeführten Fällen. In dem einen, einem Erysipel, war das
Serum vor der Injektion von 5 ccm Yatren-Kasein (stark) völlig klar,
4 Stunden nach derselben, nach Temperaturabfall, war dasselbe deut¬
lich getrübt und zeigte deutliche Ringbildung.
In dem anderen Falle, einer Polyarthritis rheumatica, war das
Serum vor der Injektion von 2 ccm 2 proz. Kollargol deutlich, die 2 und
4 Stunden nach der Einspritzung entnommenen Sera waren leicht ge¬
trübt, bei den beiden letzteren bildete sich in der Ueberschichtungszone
deutliche Trübung.
Bei den 6 übrigen Versuchen fand die Serumentnahme 1 ma
ca. 3 Stunden nach der Einspritzung statt, 1 mal K Stunde nach dein
Schüttelfrost, die anderen Male nach abgefallener Temperatur und
Rückgang der Allgemeinerscheinungen. Stets waren alle Sera klar und
bei keinem liess sich eine positive Reaktion erzielen.
Auch in allen anderen Fällen waren die Sera, ob vor ob nach der
Injektion, klar, mit Ausnahme von 2 Versuchen, wo nach 2 ccm 2 proz
Kollargol die Sera leicht getrübt, aber keine positive Glyzerinreaktion
aufwiesen.
Zusammenfassung.
1. Nach Fettmahlzeit mit 30 — 50 g Fett wird das Serum trübe und
zeigt bei der Ueberschichtung mit Glyzerin an der Grenzzone einen
deutlichen Ring.
2. Nach Injektion körperfremder Stoffe bei fettfreier Kost tritt fast
niemals eine positive Glyzerinreaktion auf.
3. Es ist als sicher anzunehmen, dass die positive Glyzerinreaktion
mit der Fettaufnahme zusammenhängt, also nicht als Indikator für den
wechselnden Lipoidgehalt im Serum gelten kann.
4. Die Ueberschichtungsprobe mit 5 proz. Glyzerinlösung ist dahe
als Dosierungsmethode nicht anwendbar.
Literatur.
1. Gabbe: M.m.W. 1921 Nr. 43. — 2. Klausner: Biochem. Zscln
1912 Nr. 47. — - 3. Br ule und Lu mi er re: Soc. medical, des hbpit.
de Paris, 1910, 23. Dez.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Aus der psychiatrischen Klinik in Heidelberg.
lieber eine neue Spirochätendarstellung im Gefrierschnitt.
Von Q. Steiner.
Out in Formol fixiertes Material wird 1 Stunde in fliessendem
Wasser ausgewaschen und Gefrierschnitte von 10 — 20 Dicke her¬
gestellt. Die Schnitte werden in destilliertem Wasser ausgewaschen
und kommen dann einzeln in ein Schälchen mit 10 proz. alkoholischer
(angesetzt mit 96 proz. Alkohol) Mastixlösung. Die Mastixlösung darf
nicht trübe sein und soll nicht zu jung sein. Von dem Schnitt
gehen in der Mastixlösung weisslich-wolkige Schlieren ab. die sich
in der Mastixlösung wieder vollkommen lösen müssen. Der Schnitt
darf keine Flecken haben, und muss überall durchscheinend sein. In
dieser Mastixlösung wird der Schnitt höchstens 1 — 2 Minuten gelassen,
kommt dann in eine grosse Schale destillierten Wassers, wird in dieser
etwas hin- und hergeschwenkt und sofort in eine weitere Schale destil¬
lierten Wassers, die nicht mehr milchig getrübt sein darf, gebracht.
Derartig vorbehandelte Schnitte kommen in eine 0,1 proz. Silber¬
nitratlösung auf 24 Stunden in den Brutschrank bei 37 °. In die Schale
mit Silbernitratlösung können einige Schnitte, aber nicht mehr als 6 zu¬
sammen verbracht werden. Kurzes Auswaschen in heissem destil¬
lierten Wasser (2 Minuten). Die Schnitte kommen in eine Mastix¬
lösung, die jedesmal folgendermassen hergestellt wird: Von der obigen,
10 proz., alkoholischen Stammlösung entnimmt man mit der Pipette
1 ccm, gibt 10 ccm 96 proz. Alkohol dazu und fügt nun langsam tropfen¬
weise 20 — 30 ccm destillierten Wassers hinzu. Die Lösung muss dick-
milchig aussehen, man stellt sie am besten in einem Messzylinder her.
In dieser Lösung bleiben die Schnitte 10 Minuten. Kurzes Auswaschen
in destilliertem Wasser. Uebertragen in eine 5 proz.. unmittelbar
vorher hergestellte filtrierte Hydrochinonlösung. Die Lösung des
Hydrochinons muss mit kaltem destillierten Wasser gemacht
werden. In der Hydrochinonlösung bleiben die Schnitte 4 — 6 Stunden.
Gründliches Auswaschen in mehrfach gewechseltem destillierten
Wasser. Ansteigende Alkoholreihe — Einbettung in Kanadabalsam.
Kurz zusammengefasst gestaltet sich daher die Methode wie folgt:
1. Einlegen für 1 — 2 Minuten in 10 proz. alkoholische (96 proz.)
Mastixlö'sung.
2. Kurz destilliertes Wasser 1 mal gewechselt.
3. Einlegen für 24 Stunden bei 37 0 in 0,1 proz. Silbernitratlösung.
4. Kurzes Auswaschen in heissem destillierten Wasser.
5. Einlegen für 10 Minuten in eine milchige Mastixlösung (1 ccm
Stammlösung + 10 ccm 96 proz. Alkohol + 20 — 30 ccm dest.
Wasser.
6. Kurzes Abspülen in destilliertem Wasser.
7. Einlegen für 4 — 6 Stunden in eine frisch bereitete, 5 proz.
Hydrochinonlösung.
8. Gründliches Auswaschen in mehrfach gewechseltem destillierten
Wasser.
9. Alkoholreihe. Karbolxylol, Xylol. Kanadabalsam.
Bei der Ausarbeitung der Methode hatten mich in dankenswerter
Weise Herr cand. med. Strauss und Frl. Hof, Laborantin, unter¬
stützt.
Aus der Klinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen.
(Prof. Gau pp.)
Die Anthropologie und ihre Anwendung auf die ärzt¬
liche Praxis1).
Von Privatdozent Dr. Ernst Kretschmer.
Naturwissenchaftliche Probleme können mehr mit anschaulich¬
beschreibenden oder mehr mit mathematisch-berechnenden Methoden
angefasst werden. Für die morphologische Systematik in Botanik und
Zoologie ist bis heute vorwiegend die anschaulich-beschreibende Me¬
thode üblich. Ebenso ist die medizinische Diagnostik von vornherein
vorzugsweise auf der anschaulichen Beschreibung aufgebaut. Malende
Ausdrücke, wie „hebender Spitzenstoss“, „schabende Geräusche“, „fass¬
förmiger Thorax“ bilden ihr Grundgerüst. Sie sind prägnant genug für
den, der geschulte Sinnesorgane hat. Man berechnet die Krankheiten
nicht, sondern man beschreibt sie.
Nun sind wir bei der Frage: Wie kommt es, dass die Anthropo¬
logie trotz ihrer grossen Wichtigkeit, trotz der vorbildlichen Gründ¬
lichkeit und Sorgfalt ihrer Vertreter bisher bei den klinischen Medi¬
zinern so wenig Aufnahme gefunden hat? Hier müssen wir dasselbe
Zitat heranziehen, das neulich W. Scheidt hier in seinem Aufsatz
über „Anthropometrie und Medizin“ verwendete: „Wenn jemand von
Mathematik und Physik nicht mehr beherrscht, als die einfachen tri¬
gonometrischen Funktionen und das Hebelgesetz, darf er es nicht
wagen, mit Mass und Zahl an die Analyse eines Organismus hcrau-
zutreten.“ Bei diesen Worten sehen wir. wie es in den Kreisen der
klinischen Mediziner sich bedenklich lichtet. Denn ihre Erinnerungen
an die Trigonometrie sind meist etwas verschwommen.
Also: wer der Anthropologie Boden in der klinischen Medizin
gewinnen will, darf die Mathematik nicht an den Eingang" stellen.
Der klinische Konstitutionsforscher tritt an das Körperbauproblem
1) Zu dem Aufsatz von W. Scheidt: Anthropometrie und Medizin.
M.m.W. 1921 S. 1653.
121
mit seinen gewohnten ärztlichen Methoden, also von einer ganz anderen
Seite heran: er will sehen und tasten, er beobachtet und beschreibt
dann mit Worten, möglichst anschaulich und genau. Er unterschätzt
daneben den Wert von Mass und Zahl durchaus nicht. Aber die
Messung ist für ihn nicht der Ausgangspunkt für mathematische Be¬
rechnungen, die nur der anthropologische Spezialist leisten kann; son¬
dern sie ist für ihn hauptsächlich Kontrolle dessen, was er zuerst ge¬
sehen und getastet hat. Annäherungswerte genügen ihm für diese
Kontrollmessungen, so wie sie ihm für die Aufzeichnung seiner per¬
kutorischen Herz- und Lungengrenzen auch genügen.
Dazu kommt ein weiteres: der psychiatrische Praktiker könnte die
anfhropometrische Messtechnik nicht einfach für seine Zwecke über¬
nehmen, auch wenn er dies wollte. Wir sehen hier ganz von dem
Kostenpunkt ab, der heute viele Privatärzte, kleinere Institute und
Heilanstalten bestimmt von Körperbauuntersuchungen abhalten würde,
wenn man ihnen zuerst die Beschaffung eines vollständigen anthropo¬
logischen Bestecks zumutete; auch solche Gesichtspunkte muss der¬
jenige berücksichtigen, der das Interesse für Körperbauuntersuchung
in weitere ärztliche Kreise bringen will. Vor allem aber verlangt die
Eigenart des psychiatrischen Krankenmaterials nach Vereinfachung des
Instrumentariums. Wenn man stundenlang allein in unruhigen Wach¬
sälen arbeiten muss, so kann man nicht beständig über mehrere Instru¬
mente wachen, damit sie nicht zu Selbstmord, Zerstörung oder Unfug
missbraucht werden; andere Patienten wieder werden schwierig und
misstrauisch, wenn sie ein grösseres Instrumentarium sehen; sie ver¬
bitten sich, dass man sie „zum Versuchskaninchen verwendet“. Des¬
halb wurden meine Untersuchungen zu „Körperbau und Charakter“ 2)
nur mit Tasterzirkel und Bandmass ausgeführt, was verschiedene tech¬
nische Modifikationen notwendig machte. Genauere Anleitung für die
Masstechnik wurde vermieden, vielmehr nur das nötigste in Stich¬
worten angedeutet. Der Leser soll nicht anthropologische Technik
aus dem Buch lernen, sondern sie in den einschlägigen Fachbüchern,
speziell dem bekannten Hauptwerk von Martin selbst studieren.
Es soll nur in den flüchtigsten Umrissen angedeutet werden, in wel¬
chen Stücken der psychiatrische Praktiker die offizielle anthropologische
Technik für seinen klinischen Gebrauch zweckmässig modifizieren und
ergänzen kann; deshalb wurde in der Hauptsache nur auf die Technik
der anschaulichen Beschreibung etwas näher eingegangen, weil sie in
der anthropologischen Literatur vom Standpunkt des Klinikers aus
oft viel zu kurz kommt; denn die Reichweite der wörtlichen Beschrei¬
bung ist viel grösser, als die der Messung. Im übrigen handelt das
Buch nicht von der Technik, sondern von den Problemen selbst.
Es sei aber ausdrücklich betont, dass unsere klinische Art der
Köroerbauuntersuchune ilner ganzen Anlage nach nicht für subtile Be¬
rechnungen und Vergleichungen bestimmt ist. Wir sind vielmehr mit
Scheidt der Ansicht, dass man sich hierfür grundsätzlich streng
an das anthropologische Schema halten soll. Wir hoffen auch, dass es
auf Grund unserer klinischen Vorarbeiten bald möglich werden wird,
für die konstitutionelle Typenforschung exaktere zahlenmässige Formu¬
lierungen zu finden; dies kann aber nur unter freundlicher Mithilfe der
Fachanthropologen geschehen.
Wir benutzen also diese Gelegenheit, nicht um gegen die Anthropo¬
logie zu polemisieren oder gar sie gering zu schätzen, vielmehr jeden
für klinische Konstitutionsprobleme Interessierten nachdrücklich auf
sie hinzuweisen. Für die Technik ist das Lehrbuch von R. Martin
grundlegend. Aber auch die anthropologischen Probleme selbst, vor
allem die Rassen- und Rassenkreuzungsprobleme werden von dem
klinischen Konstitutionsforscher immer mehr in seinen Gesichtskreis
gezogen werden müssen; wir erinnern hier nur an die hochinteressan¬
ten Untersuchungen von Eugen Fischer über die Rehoboter Bastards,
auch an seinen gedrängten Üeberblick über die anthropologische Rassen¬
lehre in der Erblichkeitslehre und Rassenhygiene von Baur-
Fischer-Lenz.
Die Wissenschaft vom Menschen ist ein zu zentrales und um¬
fassendes Problem, als dass wir sie durch Rivalitäten zwischen den
Einzeldisziplinen oder durch zunftniässige Einzelkritik in ihrem Auf¬
blühen hemmen möchten. Zusammenarbeit aller, unter einem weiten,
biologischen Gesamthorizont muss unser Leitgedanke sein.
Aus der chirurgischen Universitätsklinik Rostock.
(Direktor: Geheimrat M ü 1 1 e r.)
Zur Kritik der Tiefendosimetrie.
(Zugleich eine Entgegnung auf die Publikationen der Herren
Mühlmann und Stettner in Nr. 41 und 48, 1921 ds. Wschr.)
Von Privatdozent Dr. Lehman n- Rostock:
In Nr. 41/1921 der M.m.W. beschreibt Mühl mann eine Zelluloid¬
schablone zur genauen Auswertung der Tiefendosis; in Nr. 48 empfiehlt
Stettner auf Grund seiner Erfahrungen mit einem gleichartigen
Modell die M ü h 1 m a n n sehe Methode angelegentlichst.
Vor fast 2 Jahren habe ich in Nr. 14/1920 dieser Wochenschrift ganz
genau dieselbe Schablone für den gleichen Zweck bereits beschrieben.
Fast gleichzeitig, 2 Tage nach Erscheinen meiner Publikation, brachte
Holfelder auf dem Röntgenkongress seinen Felderwähler heraus,
der — ebenfalls eine Schablone — mit den bekannten, sehr originellen
Hilfsmitteln ausgestattet, dem beabsichtigten Zweck, einer möglichst
~) Berlin, Springer 1922 (2. Aufl.).
5*
122
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
genauen Feststellung der Tiefendosis, zweifellos am besten gereclit
wird. Meiner Schablone gegenüber hat er nur den Nachteil, dass er
ungleich komplizierter herzustellen ist. Der Gedanke, mit Hilfe solcher
Schablonen die technischen Schwierigkeiten in der Erfüllung der von
Freiburg und Erlangen ausgehenden Regeln der Tiefentherapie zu über¬
winden, lag also damals in der Luft.
Wie ich aus den Abbildungen in Holfelders Arbeit in Band 12
der Strahlentherapie schliessen darf, hat er den ursprünglichen Fehler,
dass er die Abnahme der Tiefendosis nach dem Rande des Strahlen¬
kegels zu nicht berücksichtigte, inzwischen beseitigt. In Mühl-
manns Abbildungen taucht der Fehler erneut auf. Wenn man sich
bemüht, technisch so genau wie möglich zu dosieren, muss aber auch
dieser Fehler vermieden werden; er kann zu Unterdosierungen führen.
Die von Stettner empfohlenen Gradmesser am Röhrentopf
haben wir zugleich mit der Strahlenkegelschablone eingeführt. Ohne
diese Vorrichtung wird die Genauigkeit der Berechnung auf der Skizze
illusorisch. Es wäre daher gut, wenn die betreffenden Firmen ihre
Röntgenstative gleich mit solchen Gradmessern ausstatteten. An der
Gabel des normalen Wintzstativs von Reiniger, Gebbert & Schall ist
es bereits geschehen.
Leider steht — gestehen wir es ehrlich — diese ganze mühevoll
aufgebaute Exaktheit in der technischen Durchführung der Tiefen¬
therapie auf noch recht schwankendem Boden: Der menschliche Körper
ist eben kein vierkantiges Wasserphantom aus einer homogenen Masse
mit geraden Begrenzungsflächen.
Die Gynäkologen haben es da noch am leichtesten: ihr Objekt
kommt tatsächlich den Verhältnissen des Wasserkastens am nächsten.
Vielleicht ist das einer der Gründe ihrer Erfolge. Die unebenen Be¬
grenzungsflächen, die exzentrische Lage bei den chirurgischen Tumoren
lassen sich z. T. durch entsprechende Paraffinstücke, die wir mit Papp¬
hülsen einfach dem Bestrahlungstubus aufsetzen, oder durch Bolus¬
säckchen korrigieren. Viel bedenklicher sind aber die Unregelmässig¬
keiten, die starre Lufträume (Kehlkopf und Luftröhre, Lungen, Gas¬
blasen der Intestina) in die Rechnung hineintragen. Gelegentliche ionto-
quantimetrische Stichproben am Lebenden zeigten mir ganz erhebliche
Abweichungen von unserer Rechnung.
Mangel an Zeit hinderte mich bisher, diesen Fehlern genauer nach¬
zugehen, denn die Iontoquantimetermessungen am Lebenden sind sehr
umständlich und zeitraubend; sie müssen aber gemacht werden. Aber
selbst wenn auch diese Schwierigkeiten überwunden wären und wir
wirklich exakt dosieren könnten, wäre das Problem der Tumoren¬
bestrahlung nicht annähernd gelöst. Biologische Objekte lassen sich
nun mal leider nicht nach den schönen klaren Gesetzen der Physik be¬
handeln. Das ist eine Tatsache, die manchem Mediziner immer und
immer wieder gesagt werden muss — nicht bloss in der Strahlen¬
therapie! Und die Strahlentherapie ist doch letzten Endes kein physi¬
kalisches, sondern ein biologisches Problem. Karzinom- und Sarkom¬
dosis waren ein schöner Traum, den wohl die Mehrzahl der chirur¬
gischen Strahlentherapeuten längst ausgeträumt hat. Die Feststellung
dieser Tatsache ist kein Novum, sie ist aber erst recht kein Freibrief
für ein sinnloses Drauflosbestrahlen. Nur die exakte Tiefendosierung
kann uns den sicheren Boden geben, auf dem weitere Fortschritte in
der Klärung der biologischen Fragen der Tumortherapie zu erstreben
sind. Wieviele unserer Hoffnungen wir dann zu Grabe tragen werden,
wie oft das Karzinom und nicht wir Sieger bleiben, müssen wir ab-
warten. Es gehört aber nicht viel Prophetengabe dazu, um zu sagen,
dass wir unsere Hoffnungen in recht bescheidenen Grenzen halten
müssen.
Aus dem hygienischen Institut der Universität Graz.
(Vorstand: Hof rar Prof. Dr. W. Prausnitz.)
Ueber Komplementkonservierung.
(Zu dem Artikel von Dr. K a r 1 K 1 e i n in Nr. 45, 1921 ds. Wschr.
Von Priv.-Doz. Dr. phil etmed. JohannHammerschmidt
Zu dem Vorschlag (M.m.W. 1920 Nr. 48), Ersparungen bei der
Durchführung der WaR. durch Konservierung des Komplementserums
mittels Zusatz von 10 Proz. Natrium aceticum zu erzielen, verhält sich
Klein ablehnend, da nach seinen Untersuchungen, trotz erhaltener
lytischer Fähigkeit des konservierten Komplements im Vorversuch,
beim Hauptversuch manchmal 1. Neigung zu negativem Reaktions¬
ausfall bei positiven Kontrollseren. 2. Neigung zu unspezifischer Hem¬
mung bei über 7 Tage altem Komplement zu konstatieren sei. Ersteres
erklärt er sich durch bakterielle Verunreinigung des konservierten Kom¬
plements und dadurch zustande kommende, vom Komplement un¬
abhängige Wirkung, letzteres durch einfachen Komplementschwund.
Wir haben in unserer Untersuchungsstelle seit mehr als einem Jahre
die erwähnte Komplementkonservierung mit vollkommen zufrieden¬
stellendem Erfolge in Gebrauch; wir sind dadurch in der Lage, in jeder
Woche einen zweiten Untersuchungstag einzuschalten, ohne ein neues
Meerschweinchen opfern zu müssen. Die von Klein erwähnten
Uebelstände konnten wir trotz eingehender Beobachtung vor der Ein¬
führung der Neuerung und auch während des einjährigen Gebrauches
niemals konstatieren, weder sehen wir jemals Neigung zur Hämolvse
bei den natürlich entsprechend zahlreichen positiven Kontrollseren, noch
einen Komplementschwund; letzteren würde uns übrigens der nach der
K au p sehen Methode mit Serum und Antigen ausgeführte Vorversuch
sofort signalisieren. Allerdings entnehmen wir das Komplementserum
unter sterilen Kautelen und bewahren es steril auf. so dass bakterielle
Verunreinigungen möglichst ausgeschlossen sind; ein „oftmaliger Ge¬
brauch eines und desselben Serums“ ist natürlich nicht beabsichtigt.
Anderseits wird, wie erwähnt, dieses konservierte Komplement noch
innerhalb einer Woche verwendet, in welcher Zeit auch Klein keiner¬
lei Komplementschwund feststellen konnte.
Nachtrag zur „Behandlung der Zervixerkrankungen
mit Hilfe von Zelluloidkapseln“.
Von Dr. W. Pust-Jena.
Das Interesse, welches sich für diese neue Methode kundgibt, ver¬
anlasst mich zu folgenden kurzen Ergänzungen: Die Kapseln dürfen
nicht länger als 3 — 4 Wochen hintereinander angewandt werden. Als¬
dann empfiehlt sich eine Pause von 1 — 2 Tagen, damit sich der Ring
um die Portio erholt, welcher sich durch die Saugwirkung bildet.
Ausserdem steigert sich die Hyperämie der Schleimhaut — gleichzeitig
mit der Heilwirkung — durch die fortgesetzte Saugwirkung dann so,
dass sie bei Berührung leicht blutet. Statt Höllensteinlösungen kann
zur Aetzung der Erosionen mit noch schnellerem Effekt ein Stift benützt
werden. Die Beobachtung, dass die Kappen trotz der Periode liegen
bleiben, hat sich ausnahmslos bestätigt, so dass sie nunmehr als ge-
setzmässig anzusprechen ist. Das ist wegen der Ansteckungsgefahr
und Aussaat auf die Scheide gerade zu dieser Zeit von erhöhtem Wert.
Nachteile sind bisher in keiner Weise hiervon beobachtet.
Herr Dr. Ignaz S au d e ck - Brünn hat in seiner Arbeit: Ueber
das Okklusivpessar als Schutzmittel gegen die männliche Gonorrhöe“
(M.K1. 1921, Nr. 29) bereits auf den hohen prophylaktischen Wert dieser
Methode hingewiesen. Auch er kommt — allerdings ohne eigene Be¬
obachtungen — zu der Vermutung, dass die Zervixerkrankungen durch
Ruhigstellung günstig beeinflusst werden dürften.
Ueber Versuche mit künstlicher Befruchtung mit Hilfe der Zelluloid¬
kapseln wird demnächst berichtet werden.
Lehrer und Schüler. Lehren und Lernen.
Rede anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Moritz-Köln,
gehalten von Prof. Dr. Schott, I. Oberarzt der Klinik.
Akademischem Brauch folgen wir heute, wenn wir im Rahmen der
Klinik den 60. Geburtstag unseres Chefs mit einer schlichten Feier
begehen, ihm unsere Glückwünsche darbringen und die Gelegenheit
benutzen, um ihm unseren Dank zu sagen für das, was er als Lehrer
uns gibt. Es wird ja im allgemeinen im Verhältnis zwische'n Lehrer und
Schüler nicht viel von Dankbarkeit gesprochen; es liegt im Wesen der
Lehrtätigkeit als Beruf so drinnen, dass sie als etwas Selbstverständ¬
liches vom Lehrer gegeben, vom Schüler genommen wird. Und viel¬
leicht ist das auch gut so, es strafft sich das Band, das Lehrer und
Schüler umschliesst, am besten dann, wenn am wenigsten die Rede da¬
von ist. Es sind zarte Fäden in grosser Zahl, aus denen dies Band
sich zusammensetzt und es wäre schade um jeden einzelnen von ihnen,
der bei unbefangenem Geschehenlassen erhalten bliebe, durch grüb¬
lerische Analyse aber zerreissen könnte. Das Nachdenken über alle
Beziehungen zwischen Menschen führt ja in die Tiefe, ja bis an die
Grenzen unserer Erkenntnis, dahin wo das Unfassbare beginnt, wo es
ein Bekenntnis der Weltanschauung werden müsste, wenn man sich
darüber äussern wollte, ob man glaubt, dass die gegenseitige Beein¬
flussung zwischen zwei Menschen mit freiem Willen, aus freier Per¬
sönlichkeit heraus erfolgt oder ob sie anderswoher gewollt, in ihrer
Richtung gelenkt wird.
Gewiss aber darf der Alltag der Selbstverständlichkeiten gelegent¬
lich einmal durch einen Festtag unterbrochen werden, und als einen
solchen lassen Sie uns den heutigen Tag ansehen und erlauben Sie mir
daher ein paar Bemerkungen über Lehren und Lernen, über Lehrer und
Schüler.
Mannigfach und wechselnd sind die Beziehungen, welche zwischen
Lehrer und Schüler im Laufe des Lebens bestehen. Auf der Schule
bildet das Eintreten in einen ganz bestimmten Kreis die Regel;
Schulen und Lehrkörper der Heimatstadt nehmen wahllos alle die¬
jenigen in ihren Kreis auf, welche zufällig am gleichen Ort wohnen.
Ein Wechsel der Schule, ein Wechsel der Lehrer gehört zu den seltenen
Ausnahmen. Der Schüler wird eingezwängt in den geistigen Bann¬
kreis, in den er an Ort und Stelle wie zufällig bestimmt wird. Manches
Gute mag daraus entspringen, manche unsoziale Eigenheit mag ab¬
geschliffen werden dann, wenn der Schüler selbst nicht aus gar zu
hartem Holz geschnitten ist. Oft genug aber und gerade dann, wenn es
sich bei Lehrer und Schüler um besonders ausgeprägte Persönlichkeiten
handelt kann es hart auf hart gehen, zu Konflikten führen und so kommt
es, dass mancher Lehrer an den Schüler, mancher Schüler an den
Lehrer nur mit bitteren Gefühlen zurückzudenken vermag.
Wie anders ist das Verhältnis auf der Universität! Gewiss sind
es auch da manchmal Aeusserlichkeiten, welche Lehrer und Schüler am
gleichen Orte zusammenführen; und gerade unsere Zeit bringt mit
der Gründung der Grossstadt-Universitäten diese Möglichkeit besonders
nahe. Aber im grossen Rahmen betrachtet, bleiben das doch Aus¬
nahmen. Sehr viel häufiger wählt der Schüler seine Universität aus
eigenem Ermessen nach dem Ruhm der Fakultät, nach dem Rufe, der
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
123
den Lehrern der Universität vorangeht. Je grösser der Ruf des Lehrers,
je weiter sein Wort, sein Rufen im abstrakten Sinne reicht, desto
grösser die Zahl der Schüler. Es kommt dazu die akademische Freiheit.
Je mehr der Lehrer seine Schüler fesselt, um so häufiger kommen sic
zu ihm; um so häufiger kommen solche in sein Kolleg, die nicht nur
des Examenszwanges wegen kommen, sondern um des Lehrers und
um seiner Lehre willen. Um so weniger wird Gebrauch gemacht von
der Möglichkeit, ohne Ahndung dem Unterricht fern zu bleiben. So
wird, schon ganz äusserlich betrachtet, das Verhältnis zwischen Uni¬
versitätslehrer und -Schüler ein sehr viel persönlicheres als auf dem
Gymnasium.
Und nun gar das Verhältnis des Lehrers zu denjenigen, welche
des Meisters Schüler im engsten Sinne werden sollen! Hier ist zu
gedeihlicher Zusammenarbeit so ausserordentlich viel nötig von per¬
sönlichem gegenseitigen Verständnis, von gleichgerichtetem Streben,
Wollen und Können, bis jenes Fluidum hergestellt wird, das Meister und
Schüler auf ein Leben hinaus verbinden kann. Der polygame Ehebund
zwischen Chef und Assistenten ist oft genug schwer zu schliessen,
schwierig ist das richtige Zusammenleben, die richtige Auswahl zu
treffen, unter denen, welche des Meisters Schüler werden wollen, den¬
jenigen, welche der Lehrer zu sich ruft, damit sie seine Gesellen werden
— und schwieriger ist es oft auch noch, dass die Ehe auf Dauer eine
glückliche bleibt.
Was heisst das denn, wenn man sagt, es bildet der Lehrer eine
Schule um sich, herum? Es gibt in allen Fächern und vornehmlich
auch in der inneren Medizin eine Unmenge von Dingen, die direkt
lehr- und lernbar sind. Vieles lässt sich lehrbuchmässig darstellen und
aus Büchern erlernen. Es gibt weiter, wie überall so auch in der
inneren Medizin vieles rein mechanische, das einer vom anderen ab¬
sieht, das in einer bestimmten Schule typisch übernommen wird —
kleine Eigenheiten, die aber manchmal schon die Angehörigen einer
Schule charakterisieren. Soweit dieser Kreis reicht, werden die ein¬
zelnen Schulen und ihre Angehörigen sich nicht in grossen Grundsätzen
unterscheiden.
Aber das, was man in der Lehre schon einmal zu sehen bekommen
hat, was der Schüler schon unter der Aufsicht des Lehrers einmal aus¬
geführt hat, das bildet doch nur einen Bruchteil, in mancher Beziehung
sogar einen geringen Bruchteil dessen, was das Leben dem späterhin
selbständig Arbeitenden an Aufgaben gegenüberstellt. Das ist bei
jedem Handwerk so, wo jeder Auftrag nicht fabrikmässig, sondern
individuell, gestaltet wird. Das ist in allen Einzelfächern der Medizin
ganz ähnlich und das ist vor allem so in der inneren Medizin. Ich
meine, nirgendwo kommen so viele Varianten vor, nirgendwo spielt
die Individualität eine so grosse Rolle, die subjektive Empfänglichkeit
gegen Krankheit, die individuell verschiedene Reaktion des Kranken
auf Heilmittel, die verschieden gute Beeinflussbarkeit der Erkrankungs¬
form des einzelnen Menschen durch therapeutische Massnahmen wie
gerade in der inneren Medizin. Auskultieren und Perkutieren, mikro¬
skopisch und chemisch und physikalisch zu untersuchen, das können
wir direkt lernen. Nicht lernen, sondern nur in der Art des Denkens
allmählich beeinflusst werden können wir in allem, was darüber hinaus¬
geht. Wir lernen in der inneren Medizin vom Lehrer nicht das
Aeussere, nicht das „Räuspern und Spucken“, sondern es werden un¬
bewusst Richtlinien in uns eingepflanzt, nach denen wir in den so
ausserordentlich variabeln Einzelfällen dann handeln. Differential¬
diagnose und Therapie sind die Punkte, in denen der Internist nicht
lehrbuchmässig mehr lernen und handeln kann, sondern wo das ein¬
setzt, was ihm für die. Praxis des alltäglichen Handelns durch die Schule
eingepflanzt worden ist, durch welche er ging. Hier vor allem zeigt
es sich, wenn der Meister eine grosse Persönlichkeit ist, wenn er nicht
mehr wie ein Repetitor das Lehrbuchmässige übermittelt, sondern als
Lehrer im akademischen Sinne den Geist und das Wesen des Lern¬
stoffes überlegen beherrscht und damit die ganze Denkrichtung seiner
Schüler beeinflusst. Und darin, dass die ganze Richtung des Denkens
und Handelns im Einzelfall beim- Internisten vom Lehrer auf den
Schüler übergegangen sein muss, wenn er des Lehrers sich würdig
erweisen will, liegt — gerade beim Internisten — die unvergleichliche
Bedeutung der Schule, durch die er gegangen ist.
Noch viel mehr gilt das, was hier für die Schule der Praxis gesagt
wurde, "für die Schule der Forschung. Fast noch grösser wie der Ein¬
fluss auf das praktische Handeln ist beim Internisten in der Bildung
seiner Schule sein Einfluss auf die Art der Forschungsrichtung, auf
die Art der Erfolge in der Forschung. Es wirkt der Lehrer im all¬
gemeinen und ganz besonders wieder in der inneren Medizin befruch¬
tend auf den Schüler. Er gibt oft genug der Forschung einer Anzahl
von Schülern die. Richtung. Es helfen die Schüler den Bau aufrichten,
dessen Grundsteine der Lehrer gelegt hat und dessen Architektur von
ihm erfunden wurde. Gewiss ist die Individualität des Schülers dabei
nicht zu vergessen, der sein eigen Teil beiträgt zur Aufrichtung des
Baues. Aus der Gesamtheit von Lehrern und Schülern ersteht die
Schule als solche,, aus deren Arbeiten und ihrem praktischen Handeln
sich schliesslich nicht mehr übersehen lässt, wieviel aus eigenem Den¬
ken erstanden, wieviel auf die Befruchtung durch den Meister zurück¬
zuführen ist — so wenig wie beim Kinde durchschnittlich die Eigen¬
schaften der Eltern im einzelnen sich feststellen lassen, und so wenig
wie oft im chemischen Endprodukt die Merkmale der einzelnen Be¬
standteile des Reaktionsgemisches noch nachweisbar sind. Welches
die. glücklichsten Ausgangsmaterialien dabei sind, ob möglichst gleich¬
gerichtetes Denken und technisches Können die beste Schulleistung
verbürgen, oder ob aus verschiedenen, wenn nicht gar entgegengesetzt
gerichteten Komponenten zwischen Lehrer und Schüler das grössere
hervorgeht — das wird im Einzelfalle sehr verschieden sein.
Eine Frage, die uns in der inneren Medizin immer ganz besonders
bewegt, ist die: Wo kommen grössere Leistungen heraus, bei alles
umfassendem Wissen, wo das Eindringen in Spezialkenntnisse ein ge¬
ringeres bleiben muss; oder bei intensivstem Studium und Kenntnis
eines Spezialgebietes innerhalb der inneren Medizin und dabei ver¬
hältnismässig geringerer Kenntnis der übrigen Teile? Auch dies ist
ein Punkt weitgreifender Unterschiede zwischen den einzelnen Schu¬
len. Je weiter umfassend aber der Blick des Lehrers ist und seine
Kritik, um so erspriesslicher die Arbeit.
Einstmals beherschte ein Arzt das Gesamtgebiet der Medizin; in eine
ganze Reihe von Sonderwissenschaften ist heute die Medizin auf¬
gesplittert. Vergleicht man das medizinische Wissen mit einem Baume,
so ist die innere Medizin als Stamm von dem die gesamte Medizin
in Praxis und Forschung beherrschenden Arzte übrig geblieben. Immer
grösser wird die Zahl der Aeste, die als Stecklinge aus eigener Kraft
sich w.eiterentwickeln. Immer weiter aber dehnen sich die Spezial-
kenntnisse in den einzelnen Kapiteln auch innerhalb der inneren Medi¬
zin selber aus, immer grösser wird die Zahl der Fächer, die für sich
allein als spezialistisches Können und Wissen erachtet werden. Man
möchte meinen, einmal müsste es jetzt Einhalt geben für die Absonde¬
rung noch werterer Zweige, und als die vornehmste Aufgabe für uns
alle in dieser Richtung erscheint es, dafür Sorge zu tragen, dass nicht
auch ein Gebiet noch abgesplittert wird, wofür jetzt eine grosse Ge¬
fahr mir zu bestehen scheint; ich meine die Neurologie, ohne deren
Spezialkenntnis ein erfolgreiches Wirken für den inneren Mediziner
mir undenkbar erscheint.
Es kann für diejenigen, welche zurzeit noch zum engsten Kreise
des Lehrers gehören, nicht die Aufgabe sein, und es geziemt sich nicht
für sie,. die Frage zu beantworten, ob unsere Schule ihre Ziele erreicht
und wieweit sie es tut. Freilich, wenn wir es unternehmen, von
unserer Schule zu sprechen* dann kann es ja nur aus der Ueberzeugung
heraus geschehen, dass sie in etwa den Zielen gerecht wird, wie sie
vorhin gezeichnet sind. Es kann auch nicht meine Befugnis sein,
eine Würdigung unseres Lehrers in seinem Wirken zu geben, unsere
Verehrung soll darin schon zum Ausdruck kommen, dass wir zur Feier
Sie zusammenbaten. Ich habe zu Beginn gesagt, dass es einem aka¬
demischen Brauch entspricht, wenn wir den 60. Geburtstag unseres
Lehrers mit einer Feier begehen. Ganz gewiss aber ist es nicht nur die
Tradition, die uns hier uns versammeln lässt, nicht nur der akademische
Brauch einer zeremoniellen Huldigung, sondern es sind von Herzen
kommende Wünsche, die wir ihm darbringen wollen. Wir wollen ihm
danken für all das, was er uns als Kliniker, als Lehrer und Mensch gab
und gibt, wir wollen das Versprechen ablegen, dass wir die Gesinnung
fortpflanzen werden, die aus seinem Murde klingt, wenn er von seinem
Lehrer v. Ziemssen spricht, und wir wollen der Hoffnung Ausdruck
verleihen, dass noch viele sich weiterhin seine Schüler werden nennen
dürfen, noch viele und ad multos annos.
Für die Praxis.
Ueber Placenta praevia.
Von A. Döderlein.
Noch immer reiht sich die Placenta praevia mit 20 Proz. mütter¬
licher- Mortalität, wie sie verschiedene Landesstatistiken, so die von
J. F ü t h für den Regierungsbezirk Koblenz und die von v. S e u f f e r t
für das Königreich Bayern aufweisen, den gefährlichsten geburtshilf¬
lichen Komplikationen an. Demgegenüber steht in den geburtshilflichen
Anstalten nur eine Sterblichkeit von höchstens 10 Proz. Es steht fest,
dass die Anstaltsgeburtshilfe auch hier, wie bei so manchen anderen
Komplikationen, viele, mindestens die Hälfte der sonst verlorenen
Mütterleben zu retten vermag. Wenn eine Statistik eine eindringliche
Sprache redet, so ist dies hier der Fall, und es ergibt sich daraus der
vielleicht von manchen bedauerte, aber unwiderlegliche Schluss, der
smh in allen Veröffentlichungen der neueren Zeit wiederholt, dass mit
Placenta praevia behaftete Schwangere oder Kreissende einer grossen
Lebensgefahr entgehen, wenn sie in Anstalten verbracht werden. All
die Gründe hiefür aufzuführen, verbietet schon die Raumrücksicht wäre
auch eine heikle, undankbare Aufgabe. Einen Teil der Schuld tragen
die Frauen selbst durch zu späte Zuziehung der Aerzte; viel auch mag
der Umstand beitragen, dass die hausärztliche Geburtshilfe hier wie bei
so vielen anderen Dystokien auf Behelfsmassnahmen angewiesen ist
und grössere, unter Umständen aber allein lebensrettende chirurgische
Eingriffe aus äusseren und inneren Gründen unausführbar sind. Zur
Aufmunterung der Geburtshelfer mag die Tatsache angeführt werden,
dass besonders geschulte Fachärzte auch unter den ärmlichsten Ver¬
hältnissen des Piivathauses günstige Resultate zu erzielen vermögen,
konnte doch S i g w a r t in der Berliner Poliklinik von 71 mit Placenta
praevia behafteten Kreissenden mit kombinierter Wendung nach
Braxton Hicks 70 retten und darunter befanden sich sogar 33 Fälle
von Placenta praevia centralis.
Auch die Kindersterblichkeit weist in der Länderstatistik mit rund
50 Proz. eine etwa doDpelt so hohe Mortalität auf wie diejenige in den
Anstalten, verzeichneten wir doch in der hiesigen Frauenklinik in den
Jahren 1907 — 1921 bei 316 Fällen von Placenta praevia bei einer
mütterlichen Mortalität von 9 Proz. eine kindliche von 26,3 Proz. bei
124
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Einrechnung auch der bereits bei Einlieferung der Mütter abgestorbenen,
wie der lebensschwadien und lebensunfähigen Kinder.
Zwei Todesursachen beherrschen hier das Feld. Zwei Drittel der
Frauen sterben den Verblutungstod, ein Drittel erliegt der Sepsis.
Dass der Verblutungstod die grössere Gefahr darstellt, liegt m der
Natur dieser Komplikation, ist aber insofern© von besonderer Be¬
deutung als ihn zu verhüten mehr in die Hand des Geburtshelfers ge¬
geben ist als die der Sepsis, deren Fernhaltung zumal im Privathause
bei diesen so vielerlei Eingriffe notwendig machenden Geburten ein
ganz besonders schwieriges Problem ist. Hält sich der Arzt bei det
Behandlung einer mit Placenta praevia komplizierten Geburt diese
beiden Gefahren bei all seinem' Tun und Handeln stets vor Augen, so
wird er sie um so eher bekämpfen können und es muss seinen Ehrgeiz
auf das äusserste reizen, das so schwer bedrohte Leben zu letten,
handelt es sich doch nur um eine augenblickliche Gefahr, nach deren
Ueberwindung die Frau wieder blühend gesund ihrer Familie zuruck¬
gegeben werden kann. Es gibt nicht leicht eine mühevollere, aber auch
dankbarere Aufgabe für den Arzt, bei derer zeigen kann, was er zu
leisten vermag, wenn sein Können und Wissen auf der Hohe der Ent¬
wicklung steht.
Es muss bluten! Denn die Plazenta liegt vor dem Wege und an
einer Stelle, die. sobald der Uterus gegen Ende der Schwangerschaft
durch die insensiblen Kontraktionen in Bewegung gerät und damit
durch Retraktion und Distraktion der innere Muttermund auseinander¬
zuweichen beginnt, die Ablösung der Plazenta einleitet. Andei e An¬
lässe zu Blutungen in dieser Zeit der Schwangerschaft, wie auch zu
Beginn der Geburt sind demgegenüber so selten, dass schon die erste
Blutung die Diagnose nahezu sicherstellt, auch wenn der objektive
Befund das Plazentargewebe über dem inneren Muttermund wegen
mangelnder Zugänglichkeit noch nicht nachweisen. lässt. Mit dieser
Annahme muss sich 'der Arzt darüber klar sein; dass mit fort-
schreitender Schwangerschaft und Geburt die Gefahr sich immer mehr
steigert, da diese Erweiterung und Ablösung, auch wenn sie längere Zeit
zum Stillstand gekommen ist, wieder einsetzen muss. Unser ganzes
Handeln ist von Anfang an darauf einzustellen, der kommenden (jefahr
begegnen zu können.
Es ist deshalb davor zu warnen, solche Schwangere im Privat¬
hause einfach mit Bettruhe und sedativen Mitteln .zu behandeln in der
Hoffnung, dass die Blutung sich nicht wiederholt. Die Erfahrung lehrt,
dass bei solchen Frauen jeden Augenblick eine sehr profuse Blutung
eintreten kann, so dass sie, bis der erst dann herbeigerufene Arzt zur
Stelle ist, schon in grösster Lebengefahr schweben oder unrettbar ver¬
loren sein können. Befindet sich eine mit Placenta praevia behaftete
Schwangere in einer Anstalt, wo jede Minute geeignete Hilfe .zur Ver¬
fügung steht, so liegen die Dinge anders. Hier kann wohl auch im
Interesse des Kinders zugewartet werden und darauf beruht wohl zum
Teil auch der geringe Kinderverlust in den Anstalten. Für die haus¬
ärztliche Geburtshilfe muss aber der Rat gegeben werden, die Schwan¬
gere sobald wie möglich durch Einleitung und Beendigung der Geburt
diesen präliminaren Blutverlusten zu entreissen. ohne Rücksicht auf die
weitere Entwicklung des Kindes zu nehmen. Wird dies gewünscht,
dann muss unbedingt die Frau unter dauernde Anstaltsobhut gestellt
werden, wenn anders sie nicht selbst um ihres Kindes willen grosser
Lebensgefahr entgegensehen will. .
Wenn auch diesen Schwangerschaftsblutungen meistens keine
direkte Lebensgefahr innewohnt, so ist doch zu bedenken, dass wochen-
und vielleicht sogar monatelang anhaltende Blutungen bei zeitweisen
stärkeren Ergüssen um so verhängnisvoller wirken, als diesen Frauen
eine katastrophale Geburt bevorsteht, die zu überstehen sie in dem
Masse um so weniger geeignet sein werdeh, als sie eben vorher
anämisch wurden. Gerade in dieser Summierung der Schädlichkeiten
liegt eine besondere Gefahr, die verhütet werden kann, wenn man
diesen Blutungen in der Schwangerschaft nicht tatenlos zusieht. Dabei
kommt nicht nur der besonders in der Nachgeburtsperiode zu fürchtende
Blutverlust in Betracht, sondern auch die grössere Gefahr nachträg¬
licher septischer Erkrankung, gegen die sehr ausgeblutete. Frauen er-
fahrungsgemäss viel weniger widerstandsfähig sind. All dies macht es
zur Pflicht, vom ersten Augenblick an alles zu tun. um diesen Gefahren
vorzubeugen. Die Behandlung der mit Placenta praevia behafteten
Schwangeren muss unter dem Motto stehen: „Spare in der Zeit, so
hast du in der Not.“
Die Verhütung der sicher vorauszusehenden Wiederholung der Blu¬
tung in der Schwangerschaft wird am besten durch ihre alsbaldige
Unterbrechung gewährleistet Dabei ist es dann mehr als bei irgend¬
welchen anderen Geburtsvorkommnissen Pflicht des Arztes, bis zur
vollen Beendigung der Geburt anwesend zu sein: denn nur so kann
er den jeden Äugenblick drohenden Blutungen tatkräftig und rechtzeitig
entgegenwirken.
Zur Einleitung der Geburt empfiehlt sich die Punktion der Blase,
gegebenenfalls durch die Plazenta hindurch. Das Entleeren des Frucht¬
wassers und die dadurch bedingte Entspannung des Uterus bewirkt am
promptesten die Wehen. Die Durchbohrung des Eies mit einem
dünnen Troikart, nicht etwa mit stumpfer Gewalt durch Kornzange, wo¬
durch die Plazenta in weiterem Bereich abgelöst werden könnte, birgt
keine Gefahr.
Zur Bekämpfung der Blutung bei Placenta praevia in der
Schwangerschaft und beim Beginne der Geburt steht dem Arzt ein
ebenso wirksames als leider nicht ungefährliches Verfahren zur Ver¬
fügung, das, wenn richtig ausgeführt, viel Unheil verhüten könnte- das
ist die feste Tamponade der Scheide mit steriler, antiseptischer Gaze.
Zu ihrer Ausführung ist die Frau äusserlich und innerlich zu des¬
infizieren, ins Querbett zu legen mit zuriickgesc'hlagencn Beinen; die
Scheide wird mit einem ausgekochten Entenschnabelspekulum entfaltet,
der Muttermund eingestellt und mit Hilfe eines Stopfinstrumentes die
Scheide von ihrem Grunde bis zum Scheideneingang fest ausgestopft
Die Benützung eines Spekulums ist nötig, weil sonst die Einführung
der Gaze am Introitus durch Reibung so heftige Schmerzen erzeugt,
dass es kaum möglich wäre, so viel Gaze nacheinander in die Scheide
hinaufzuschieben, als zu deren Füllung notwendig ist, eine ungenügende
Tamponade aber ist wirkungslos. ...
So schätzenswert diese zuverlässige Wirkung der Tamponade ist,
so gefürchtet muss sie andererseits werden', denn sie ist die Trägerin
der zweiten Todesursache bei Placenta praevia, der Sepsis. Deshalb
darf diese Tamponade nur ein augenblicklicher Notbehelf sein, um Zeit
zu weiteren Taten zu gewinnen. Ein längeres Verweilen dieser Gaze
als gerade nötig, bis höchstens 6 Stunden, bringt auch bei aller Anti¬
sepsis und Vorsicht die unvermeidbare Gefahr der Bakterienentwicklung
in dem Tamponadematerial mit sich.
Es ist deshalb wohl verständlich, wenn gegen diese lamponade-
behandlung übehhaupt Front gemacht wird; aber wenn man nicht in
der Lage ist, alsbald entbinden zu können, dann schwebt die Frau eben
ohne Tamponade in der Verblutungsgefahr, und wenn es sich darum
handelt, Zeit zu gewinnen, etwa zum Transport in eine Anstalt oder
zur Vorbereitung der operativen Entbindung durch Herbeiholung wei¬
terer ärztlicher Hilfe, Instrumente usw., so ist die für einige Stunden
vorgenommene Schutztamponade nicht zu umgehen und unter den ge¬
nannten Vorsichtsmassregeln wohl kaum so zu fürchten.,, dass man sic
grundsätzlich zu verwerfen bräuchte. Natürlich ist eine. nie tamponierte
Schwangere und Kreissende weniger in Gefahr, septisch zu werden.
Nur in den seltensten Fällen, in meinem Material von 316 nur in 3,
verlief während der kurzen Zeit der Tamponadebehandlung die Geburt
spontan. Ein Kind war tot; die anderen 2 wie die 3 Mütter blieben
am Leben. Man sieht also, dass es ja wohl auch nicht unmöglich ist mit
der Tamponadebehandlung in dieser Einschränkung einen glatten Ver¬
lauf zu erleben; doch darf man sich nie auf diese Ausnahmen verlassen,
so wenig etwa wie auf Spontangeburt bei Querlage eines ausgetragenen
Kindes. .
Unter den sonst für die hausärztliche Geburtshilie in Betracht
kommenden Behandlungsmethoden steht der Blasensprung als die un¬
gefährlichste obenan. Leider ist sie aber an Voraussetzungen ge¬
bunden, die auch nur in einer kleinen Minderheit. von Fällen gegeben
sind, nämlich dann, wenn zur Zeit des Eingriffes der Muttermund
mindestens fünf markstückgross und nur an einer Stelle auf der Seite
Plazentarrand zu fühlen ist, sonst überall die glatte Fläche der Eihäute,
also Placenta praevia marginalis. Hier kann man hoffen, dass nach
Eröffnung des Eies die Plazenta mit dem Uterus zurückweicht, der Kopf
dann eintreten kann und die Geburt spontan vor sich geht Wesentlich
unterstützen kann man die Wirkung des Blasenstiches, der ja als
solcher schon wehenfördernd ist, durch die so schätzbaren neueren
Wehenmittel aus der Glandula pituitaria, die gerade hier eine sehr
dankenswerte Bereicherung unseres Arzneischatzes bilden. In meinem
Material wurden 38 Fälle auf diese Weise erledigt; von diesen starben
2 Mütter. 2 Kinder wurden« tot geboren, 5 Kinder waren bereits bei
Einlieferung der Kreissenden abgestorben.
Das Verfahren der Wahl muss für die hausärztliche Geburtshilfe
nach dem heutigen Stande unserer Wissenschaft die im Jahre 1860 von
dem« Londoner Geburtshelfer Braxton Hicks für Placenta praevia
empfohlene kombinierte Wendung genannt werden, für deren Verbrei¬
tung in Deutschland sich besonders Hofmeier und A. Martin
verdient gemacht haben.
Die neuere Sammelstatistik ergibt, dass, unter 1266 klinisch mit
kombinierter Wendung behandelten Fällen die mütterliche Mortalität
5,45 Proz. und die kindliche 79,3 Proz. betrug. In meinem Material
finden sich 50 so behandelte Fälle, unter denen 5 Mütter und 24 Kinder
M41UCIL #
Die Ausführung dieser kombinierten Wendung wird nicht sehr ge¬
schulten Geburtshelfern oft erhebliche Schwierigkeiten bereiten, ist es
doch nötig, durch einen für zwei Finger durchgängigen Muttermund
den Fuss des Kindes in der Eihöhle zu fangen und dann herunter¬
zuziehen. Beides ist nicht leicht. Zum Erfassen des Fusses muss die
äussere Hand der inneren gut helfen. Um die zwei Finger durch den
Muttermund möglichst hoch hinaufführen zu können, ist es nötig,, die
ganze Hand in die Scheide einzuführen, so dass man die ganze Länge
der Finger vom Muttermund ab zur Verfügung für den Uterus hat. Bei
eben für zwei Finger durchgängigem Zervikalkanal ist dann auch das
Herunterleiten des Fusses durch den Muttermund oft mit Schwierig¬
keiten1 verknüpft, zumal1 die glatte Oberfläche des Gummihandschuhes
hier etwas hinderlich wird. Ich helfe mir in diesen Fällen durch Fassen
des Fusses entweder mit der gefensterten Abortzange oder auch mit
einer Krallenzange; selbst bei lebendem Kind würde dieser Krallenbiss
im Fuss des Kindes keine bedenkliche Verletzung bedeuten. Man führe
dann den Fuss mit der Spitze der Zehen voran durch den Muttermund.
Da man ja in der Regel bei stehender Blase wendet, ist die Umdrehung
des Kindes leicht. Den heruntergezogenen Fuss belaste man dann mit
einem Gewichte von 1— VA Pfund, damit er nicht zurückschlüpfen
kann.
Die Wirkung dieser Wendung ist eine frappante; denn vom Augen¬
blick an. wo das Kind nun im Muttermund steckt, und mit seinem Steiss
die Plazenta andrückt, steht die Blutung vollkommen. Eindringlichst
muss nun davor gewarnt werden, nach vollendeter Wendung die
27. Januar 1922.
Münchener medizinische Wochenschrift.
125
Geburt etwa im Interesse des sterbenden Kindes beschleunigen zu
wollen oder gar zu extrahieren. Es ist dies ein verhängnisvoller Fehler,
der noch nicht ganz ausgemerzt ist. Unabänderlicher Grundsatz muss
für jeden Geburtshelfer sein, das Kind nach der Wendung seinem
Schicksal zu überlassen, denn es zu retten, bedeutet die mit Recht so
gefürchtete „gewaltsame“ Entbindung („Accouohement force“). Ein¬
risse in der Zervix sind dabei unvermeidlich und1 hier bei dem Blut¬
reichtum der Plazentarstelle ganz besonders zu fürchten. Die Extrak¬
tion würde also die Mutter in eine hohe Lebensgefahr bringen und
höchst wahrscheinlich das Kind doch nicht zu retten vermögen, da es
nicht möglich ist, bei nicht erweiterter Zervix das Kind so rasch zu
extrahieren, wie es die Erhaltung seines . Lebens nötig macht. Die
Geburt sollte im Gegenteil nach vollendeter Wendung verzögert werden,
denn dies ist der Zeitabschnitt, der zwischen den vorausgegangenen
Blutungen und den kommenden eine willkommene Erholungspause ein¬
schaltet. Das im Muttermund sitzende Kind übt einen genügenden
Reiz auf die Uterusnerven aus, um die Wehentätigkeit nicht erlahmen
zu lassen. Wir müssen cs also geradezu begrüssen. wenn die Geburt
hier nicht zu rasch vor sich geht. Etwas anderes ist es natürlich, wenn
man einen erweiterten Muttermund antrifft, der dann den Vorteil bietet
die „rechtzeitige innere“ Wendung ausführen zu können, an die man
dann gleich die Extraktion anschliessen kann.
Ich verzeichne 25 derartige Fälle mit 3 mütterlichen und 13 kind¬
lichen Verlusten. Zu den kindlichen Verlusten bemerke ich hier, dass
alle Kinder eingerechnet sind, sowohl die zur Zeit unserer Hilfe bereits
intrauterin abgestorbenen, wie die totgeborenen, wie auch die in den
ersten Tagen nach der Geburt etwa an Lebensschwäche zugrunde-
gegangenen.
Die neuerdings von verschiedenen Seiten empfohlene, mit der
kombinierten Wendung konkurrierende intraamniale Metreuryse lehne
ich für die praktische Geburtshilfe ab und zwar aus dem Grunde, weil
ich die bei der Einlegung des Metreurynters durch das Ei auftretenden
Blutungen aus eigener wie Anderer Erfahrung fürchte. Verhältnis¬
mässig leicht wäre es noch, den Metreurynter extraamnial einzulegen,
wie ja auch empfohlen worden ist; aber schon aus theoretischen
Gründen halte ich dies für falsch, denn es muss ja der zwischen Plazenta
und Uterus eingelegte Gummiballon zur weiteren Ablösung der Plazenta
führen. Anders natürlich ist die Wirkung, wenn der Metreurynter wie
der Steiss des Kindes nach der kombinierten Wendung vom Eiinnern
aus die Plazenta gegen die Uterusw7and drückt. Zugegeben, dass hier
die Blutstillung in gleich günstiger Weise erfolgt und auch zugegeben,
dass damit das kindliche Leben naturgemäss mehr geschont wird, so
überwiegt dieser Vorteil doch nicht den mit der Einführung des Metreu¬
rynters durch das Ei hindurch verbundenen Nachteil der schweren
Blutung. Auch ist die Einführung selbst keineswegs so einfach, wie
man vielleicht denken könnte; ich habe erlebt, dass mit der ersten Be¬
rührung der Plazenta mit dem Pol des Metreurynters eine vehemente
Blutung eintrat, die sofort zu raschem Handeln zwang und zeigte, dass,
wenn man die Metreuryse erzwingen wollte, man die Mutter unter den
Händen verbluten Hesse und Gleiches hörte ich auch von Praktikern,
die mit grosser Scheu von der Metreuryse sprachen.
Ich habe deshalb nur 6 Fälle von Metreuryse in meinem Material
zu verzeichnen, darunter keine Mutter verloren; 3 Kinder waren
lebend, 3 tot.
Damit sind die Behandlungsmethoden der Placenta praevia für die
hausärztliche Geburtshilfe erschöpft.
Bemerkenswert ist, dass in 26 Fällen meines Materials bei Fehlen
bedrohlicher Erscheinungen die Spontangeburt abgewartet werden
konnte oder schliesslich nach Erfüllung aller Vorbedingungen eine
typische Zangenoperation ausgeführt wurde. Von diesen 26 natürlich
besonders günstig gelagerten Fällen verloren wir nur 2 Mütter und
8 Kinder.
Zusammenfassend würde ich raten:
1. Wegen Placenta praevia blutende Schwangere sollen entweder
einer klinischen Beobachtung zugeführt oder aber sobald als mög¬
lich entbunden werden.
2. Die Tamponade ist unentbehrlich, aber gefährlich und unter allen
Umständen zeitlich eng zu begrenzen.
3. Zum Eihautstich geeignete Fälle sind sorgfältig auszuwählen;
wehenfördernde Mittel sind hier sehr wertvoll.
4 Das beste Verfahren für die hausärztliche Geburtshilfe ist auch
heute noch die kombinierte Wendung nach Braxton Hicks.
Streng zu beachten ist, dass die Extraktion nicht augeschlossen
wird, die Geburt darnach mit Opferung des Kindes spontan vor
sich geht.
5. Wenn die „rechtzeitige“ Wendung möglich war. kann die Extrak¬
tion angeschlossen werden.
6. Die Metreuryse ist kein für die hausärztliche Geburtshilfe ge¬
eignetes, ungefährliches Verfahren.
Von den chirurgischen Eingriffen, vaginalem und abdominellem
Kaiserschnitt, sehe ich in dieser Abhandlung ab, da ich sie ausschliess¬
lich den Anstalten Vorbehalten wissen möchte.
Unter 161 mit vaginalem Kaiserschnitt von mir behandelten Fällen
starben 15. Mütter, wobei auch hier keinerlei Abzug gemacht wurde,
trotzdem ein solcher wohl berechtigt wäre. So starb z. B. eine Frau
an einem weit fortgeschrittenen Rektumkarzinom am ersten Tage nach
oer Geburt und eine andere 8 Tage später an progredienter Tuber¬
kulose. Die kindliche Mortalität betrug 40 = 17 Proz.
Die Hauptgefähr droht nun den mit Placenta praevia behafteten
Kreissenden in der Nachgeburtsperiode. Ich empfehle deshalb, gleich
nach der Geburt des Kindes die Nachgeburt herauszubefördern, ent¬
weder durch Cr ehe sehen Handgriff oder auch durch Herausholen mit
der Hand. Ich sage hier absichtlich nicht „manuelle Lösung“, denn
darunter verstehen wir die Ablösung der Placenta accreta von der
Uteruswand, und diese Fälle sind grundsätzlich von jenen zu scheiden,
bei denen die Plazenta nicht wegen Adhärenz gelöst werden muss,
denn hier ist sie nur locker anhaftend und ein einziger Griff fördert sie
sofort zutage. Nach Lösung der Plazenta hat sofort eine feste Utero-
Vaginal-Tamponade nach D ü h r s s e n stattzufinden und hier ist für die
segensreiche Erfindung Dührssens ein besonders dankbares Feld,
das ich je länger, um so mehr schätzen gelernt habe. Die rasche Auf¬
einanderfolge dieser Massnahmen, Entbindung, Plazentarexpression,
Tamponade bildet ein Ganzes, ein Behandlungssystem getreu dem
Grundsätze, in jedem Augenblick der Placenta praevia-Geburt so blut¬
sparend wie möglich zu handeln.
Die Tamponade wirkt besonders auch durch die Beförderung der
Uteruskontraktion; sie versagt bei grösseren Rissblutungen, spritzenden
Arterien, oder auch, wenn sehr grosse blutende Flächen im nicht
kontraktilen Teile, also der Zervix, vorhanden sind und hiezu gehören
jene besonders gefürchteten Fälle von Placenta praevia cervicalis.
Verstärkt kann die Tamponadewirkung in diesen verzweifelten Fällen
noch dadurch werden, dass das Tamponadematerial mit Liquor ferri-
sesquichlorati getränkt wird. Die früher dabei gefürchtete Verätzung
kann nach P. Zweifel durch Verwendung von säurefreiem Liquor
verhütet werden 1).
In Anstalten kommt letzten Endes noch in jenen Fällen, bei denen
die Blutstillung schliesslich nicht anders als durch die grossen operativen
Eingriffe möglich ist, Totalexstirpation des Uterus, Unterbindung oder
Abklemmung seiner zuführenden Gefässe nach P. Z w e i f e 1 in Betracht.
Soziale Medizin und oerztiiche standesangeiegenheiten.
Die Einrichtung von sporthygienischen Untersuchungs¬
und Beratungsstellen und ihre Aufgaben.
Von Dr. med. K- A. Worringen, Stadt- und Sportarzt
in Dortmund.
Volksgesundheitspflege ist heute Trumpf. Fürsorge- und Beratungs¬
stellen wachsen wie Pilze aus der Erde. Man predigt Abbau des ins
Uferlose angeschwollenen Verwaltungsapparates und gründet dauernd
neue Aemter. Man könnte lächeln bei all den Erscheinungen und
Resultaten, wenn die Sache nicht so furchtbar ernst wäre. Wir haben
sie nämlich nötig: die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, in der Schule
die schulärztliche Fürsorge, die bis in die Fortbildungsschule hinein¬
reichen muss. Dann aber ist es mit der ärztlichen Auisicht zu Ende —
und gerade im Alter der stärksten Entwicklung, zwischen 16 und 21.
,,..?rülier gab es !a im 20- Lebensjahre durch die Aushebung zum
Militär nochmals eine Untersuchung der ganzen männlichen Be¬
völkerung.
Nun ist mit der Auflösung der deutschen Armee die körperliche
Ausbildungsstätte itir jährlich 300 000 junge Männer verloren gegangen.
Soll das deutsche Volk nicht körperlich verkümmern, dann müsste ein
Ersatz geschaffen werden. Und er ist im Begriffe zu entstehen. D i e
Turn - und Sportpflicht der Jugend soll gesetzmässig fest¬
gelegt werden. Darnach wird „jeder deutsche Reichsangehörige (Frauen
und Männer) in der Zeit vorn der Vollendung des schulpflichtigen Alters
bis zur Volljährigkeit zur körperlichen Uebung verpflichtet. Die Erfüllung
dieser. Pflicht erfolgt einmal in. öffentlichen Unterrichtsanstalten, ferner
aber in Turn- und Sportvereinen, die von der oberen Verwaltungs¬
behörde als dem öffentlichen Volkswohl dienend anerkannt sind.“ So
sehr dieses ganze Gesetz zu begrüssen ist, so fehlt ihm doch eins —
die Festsetzung einer ärztlichen Auslese, wie wir sie früher in der
Musterung hatten und eine genaue ärztliche Beaufsichtigung, gerade
für diese Zeit der wichtigsten Enwicklungsperiode des Körpers.
Ueberhaupt steht der Arzt bei dem ganzen Betrieb der Leibes¬
übungen noch viel zu sehr im Hintergrund.
Die Jugendämter werden nur von Pädagogen verwaltet und
doch ist schon oft lebhaft die Frage besprochen worden, ob zur Leitung
eines Jugendamtes ein Arzt oder ein Pädagoge geeigneter sei.
Die Städte wollen durch das Jugendamt für das Gedeihen eines ge¬
sunden Nachwuchses sorgen, und dazu gehört eine kritische, bessernde,
einheitliche medizinische Leitung ebenso gut wie eine päd¬
agogische.
Gewiss haben auch die Städte an die ärztliche Bearbeitung sachlich¬
medizinischer Fragen beim Jugendamt gedacht, aber über die Art ärzt¬
licher Versorgung haben sie sich nicht ausgesprochen. Bei den hier
auitauchenden medizinischen Fragen ist jedoch ein in diesem Gebiet
bewanderter Arzt notwendig. Ein blosser guter Praktiker genügt hier
nicht; werden doch schon an Schulärzte besondere Anforderungen
gestellt. „Ein Jugendamt für körperliche und geistige Ertüchtigung der
Jugend ohne Arzt kommt mir so vor, als ob man eine schöne Orgel¬
kirche baut, einen oder mehrere Geistliche anstellt, aber keinen Or¬
ganisten“ (Dr. Landau- Berlin).
*) Diese besondere Lösung oder das hiezu zu verwendende Ferrum
sesquichlorati, wovon 10 g auf 50 g Wasser zu lösen, wären, ist vorrätig
in der Sonnenapotheke des Dr. Hiendlraayer, München, Karlsplatz 17.
126
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Beim Jugendamt ist also ein ständiger Arzt notwendig, der ver¬
eint mit dem Pädagogen die speziellen, die körperliche, pädagogische
Ertüchtigung der Jugend betreffenden Fragen beraten muss. Es ist
um so wichtiger, diesen immer dem Pädagogen zur Seite zu stellen,
als er sich zusammen mit ihm in die Materie einarbeiten und dem
ganzen Amt die Richtung geben muss. Es soll sich also um eine täg¬
liche ständige Mitarbeit mit dem Pädagogen handeln, um mit ihm die
jeden Tag in grosser Fülle eingehenden Entscheidungen zu treffen,
und zwar sofort. Man denke nur an die Verschleppung, die not¬
gedrungen erfolgen muss, wenn das Jugendamt in allen medizinischen
Fragen genötigt ist, den Rat des Medizinalamts in Anspruch zu nehmen.
Grosse prinzipielle Fragen müssen natürlich dem Medizinalamt, welches
keine verwaltende, sondern nur eine beratende Behörde sein soll, Vor¬
behalten bleiben.
Diese ganze Frage, die schon oft lebhaft besprochen wurde, wäre
nun auf das einfachste gelöst, wenn eben die Einrichtung einer sport¬
hygienischen Beratungsstelle als Nebenabteilung des Jugendamtes die
Vermittlung zwischen Jugend- und Medizinalamt hersteilen würde.
Kurz möchte ich die Wahl des Namens „Sporthygienische Unter-
suchungs- und Beratungsstelle“ rechtfertigen. Ich bin mir wohl be¬
wusst, in vielen Kreisen mit diesem Ausdruck auf Widerstand zu
stossen. Wir könnten sagen „Untersuchungsstelle für Turnen und
Sport“ oder „Leibesübungen“. Sie werden mir aber zugeben müssen,
dass mit diesen Worten nicht das Richtige ausgedrückt werden kann.
Es ist schwer, einen für alle Volkskreise richtig verständlichen All¬
gemeinbegriff zu finden, der aber zugleich die Hauptbegriffe Turnen.
Spiel, Wandern, Schwimmen und Sport umfassend zum Ausdruck bringt.
Aber auch für alle diese soll die sporthygienische Untersuchungs- und
Beratungsstelle da sein, und ich glaube der Ausdruck „Sporthygiene“
hat sich auch bereits so fest eingebürgert, dass er schwer umzuändern
sein dürfte.
Ich habe oben die Forderung nach der ärztlichen Untersuchung
bei der Turn- und Sportpflicht der Jugend erhoben. Diese Untersuchung
und die genaue ärztliche Aufsicht würde auch in das Aufgabengebiet
der sporthygienischen Untersuchungsstelle fallen. Denn nur durch eine
solche genaue Beaufsichtigung können wir körperlichen Schädigungen
durch die ungewohnte körperliche Arbeit Vorbeugen.
Erst recht ist eine sportärztliche Untersuchung vor Beginn des
eigentlichen technischen Trainings unerlässlich; auch während und
nach seiner Beendigung ist ein ärztliches Urteil über den Gesundheits¬
zustand wünschenswert. Ja, der Berliner Fussballehrer Knesebeck
verlangt sogar, dass der Uebungsleiter oder, wie wir früher sagten,
Trainer, heute am besten Arzt sein müsste, um immer genauestens auf
die Körpertätigkeit seiner Schützlinge achten zu können.
Das ist natürlich heute noch ausgeschlossen. Wenn aber unsere
Jugend mit gesunden Organen unter Aufsicht des Sportarztes in der
sporthygienischen Beratungsstelle richtig trainiert, so genügt das als
Voraussetzung zu ausgiebigem Betrieb von Körperübungen aller Art,
um irgendwelche gesundheitlichen Ueberraschungen nach den bisherigen
Erfahrungen so gut wie auszuschliessen.
Dann ist es aber unumgänglich notwendig, dass bei diesen gesund¬
heitlichen Sportuntersuchungen nicht nur einige wichtige Körpermasse
zu nehmen sind, sondern auch die Funktionsfähigkeit des jugendlichen
Organismus zu messen ist. Und durch Feststellung der Leistungs¬
grenzen müssen die vorhandenen Gefahrenkomplexe erkannt und aus¬
geschaltet werden. Infolge einer ganzen Reihe heute noch unaufklär-
barer Umstände ist es ganz und gar ausgeschlossen, aus einigen Körper¬
massen abschliessende Urteile über Körpereigenschaften gewinnen zu
können. Sehr gute Dienste leisten bei diesen ganzen sportärztlichen
Untersuchungen die Frage- und Untersuchungsbogen, die von der
Deutschen Hochschule für Leibesübungen herausgegeben sind und von
derselben gern als Muster abgegeben werden. Auf einige Beispiele,
welche die Untersuchung der Funktionsfähigkeit erläutern, werde ich
weiter unten nochmals zurückkommen.
Ein besonders wichtiges Kapitel der sporthygienischen Unter¬
suchungsstelle ist auch die Befreiung der Kinder vom Turnunterricht.
An Stelle der bisherigen Atteste über Befreiung vom Turnunterricht
müssen solche treten, in denen begründet ist, für welche Leibes¬
übungen ein Kind nicht befähigt ist, aber welche anderen zur Hebung
seiner Gesundheit nun erst recht notwendig sind. So ist z. B. für Kin¬
der mit hohlem Rücken der Turnunterricht dringend erforderlich, sie
müssen aber alle Uebungen vermeiden, die das Kreuz zu sehr durch¬
drücken, wie das „Nest“ und ähnliche Biegungen über die Rückenseite.
Derartige Fälle Hessen sich noch zahlreich anführen.
Dass die sporthygienische Untersuchungs- und Beratungsstelle sich
auch derjenigen annimmt, die Verletzungen im Sport davongetragen
haben, ist wohl ganz selbstverständlich. Ich brauche deshalb darauf
nicht mehr einzugehen. Ich möchte nur noch hervorheben, dass es nach
Aussage der wenigen Fachärzte selbst, ohne Einblick in den praktischen
Betrieb der Leibesübungen und ohne die Erfahrungen mit Sportver¬
letzungen sehr schwer ist, rjchtige Diagnosen zu treffen. Natürlich kann
eine Behandlung in der Untersuchungs- und Beratungsstelle nicht statt¬
finden. Es würde sich nur darum handeln, die Verletzung richtig zu
erkennen und, falls ärztliche Behandlung erforderlich ist, dieselbe in rich¬
tiger Weise zu vermitteln.
Dass für eine genaue Untersuchung auch ein Röntgenapparat in
eine gut eingerichtete sporthygienische Untersuchungs- und Beratungs¬
stelle gehört, ist wohl selbstverständlich. Doch glaube ich, dass man
im Anfänge auch ohne einen solchen und überhaupt mit sehr beschei¬
denen Mitteln auskommen kann.
Ein weiteres Tätigkeitsfeld der sporthygienischen Untersuchungs¬
und Beratungsstelle ist die Psychologie des Sports, mit anderen Worten
die Seele im Sport. Sie beschäftigt sich mit der Feststellung der
Eignung für bestimmte sportliche Leistungen und mit der Methode der
Leistungssteigerung. Nach dem Grundsatz: „Der rechte Mann am rech¬
ten Platz“ prüft sie die Befähigung des einzelnen für besondere An¬
forderungen. Es erhellt, dass sie dadurch noch bei der Berufswahl,
hauptsächlich bei technischen Berufen, wie z. B. dem des Kraftfahrers,
Fliegers, von grösster Wichtigkeit ist. Sie untersucht den Sinn für
die feine Abstufung der Muskelkraft beim Boxer, den Treffsinn des
Fussballspielers, den Taktsinn des Ruderers, überhaupt die Sinnes¬
tüchtigkeit. Weiter erforscht sie das Vorstellungsleben (AufmerKsam-
keit, Konzentration) und geht dem Wesen des Gefühlslebens nach, in¬
dem sie Mutproben macht, Schreckhaftigkeit beobachtet. Das Willens¬
leben ist ein nicht minder bedeutsames Versuchsfeld. Hier wird die
Entschlusskraft oder, wie der Volksmund sagt, die kurze oder lange
Leitung auf die Probe gestellt. Die Versuche der Leistungssteigerung
erstrecken sich auf die Aeusserungen der Kraft, Geschicklichkeit,
Schnelligkeit und Ausdauer. Für die Prüfung dieser Eigenschaften sind
ganz einfache und billige Apparate im Handel zu haben (konstruiert von
Dr. S c h u 1 1 e - Berlin), die man sich aber auch leicht selbst her¬
steilen kann.
Die Leistungsfähigkeit z. B. wird durch Hochziehen an einem Kraft¬
messer geprüft. Bei guter Durchbildung stellt sich dabei ein Verhält¬
nis von Leistung zu Körpergewicht von ungefähr 2: 1 heraus. Ein
Mensch von 80 kg Körpergewicht zieht an dem Kraftmesser 160 kg,
während der noch nicht Ausgebildete bei etwa 83 kg Körpergewicht es
meist nur auf 140 kg Leistung bringt. Eine regelmässige Durchführung
dieser einfachen Prüfungsart, ermöglicht es, während eines Trainings
jede Leistungsstörung sofort festzustellen. An demselben Apparat lässt
sich in ähnlich einfacher Weise ohne weiteres feststellen, ob z. B.
jemand besser zum Schnelläuier über kurze oder zum Dauerläufer über
lange Strecken geeignet ist. Durch Anwendung solcher Prüfungs¬
methoden konnte z. B. bei einem Schnelläufer festgestellt werden, dass
die bisherigen Mängel seiner Leistung nicht auf einem Mangel an
Uebung, sondern an Körperkraft beruhten. Nachdem er daraufhin einige
Zeit ausschliesslich Kraftübungen gemacht hatte, stiegen seine Lauf¬
leistungen derart, dass er seitdem in den grössten Wettbewerben zahl¬
reiche erste Preise erringen konnte.
Wir kommen nun zu der Frage, wer soll eine solche sporthygie¬
nische Untersuchungs- und Beratungsstelle verwalten. Der Leiter
eines solchen Amtes muss aus naheliegenden Gründen der Sportarzt
sein, der mit den verschiedenen Zweigen der Leibesübung auf Grund
eigener Ausübung praktisch vertraut ist. Gegen die Zuständigkeit der
Aerzte kann geltend gemacht werden, dass der praktische Arzt bei
seiner dauernden Beschäftigung mit Kranken allzu leicht einen Mass¬
stab für die Leistungsfähigkeit der Gesunden verlieren kann, und dass
er dann im Gefühl seiner Verantwortlichkeit vor allem das „nil nocere“
(nur nicht schaden) im Auge behalten wird. Prof. Du Bois Rey-
m o n d, der bekannte Physiologe an der Berliner Universität sagt zu
dieser Frage: „Während in Deutschland fast alle Aerzte, die sich über
Leibesübungen äussern, aufs ängstlichste vor sportlichen Uebertrei-
bungen warnen, sind in England, wo doch der Sporteifer viel heftiger
ist, als bei uns, Leute, die ihre Gesundheit durch Ueberanstrengungen
ruiniert haben, durchaus nicht häufig.“
Das eine bleibt unumstösslich bestehen, was Dr. M a 1 1 w i t z, der
bekannte Vorkämpfer der Sportärzte in Berlin sagt: „Wir Aerzte haben
die Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Segen der sich mit Macht aus-
dehnenden Sportbewegung nicht in sein Gegenteil umgekehrt wird,
denn die Zahl derjenigen, deren Gesundheit Schaden leidet, weil sie
Leibesübungen gar nicht oder in ungenügendem Masse betreiben, ist
unermesslich viel grösser als die Zahl derjenigen, die durch Ueber-
mass der Leibesübungen ihre Gesundheit schädigen.“
Wo haben wir nun bereits sporthygienische Untersuchungs- und
Beratungsstellen? Berlin ist mit seiner Hochschule für Leibesübungen,
die bekanntlich zunächst von privater Seite eingerichtet wurde, ton¬
angebend. In Hannover ist etwa vor 2 Jahren und in Hamburg etwa
vor 1 Jahr aus privater Initiative eine sporthygienische Untersuchungs¬
und Beratungsstelle vom Ausschuss für Leibesübungen eingerichtet
worden. In Gelsenkirchen und in Dortmund sind sie im Entstehen be¬
griffen. Staat und Gemeinden, denen die körperliche Ertüchtigung der
Jugend besonders am Herzen liegen sollten, hinken wie immer hinter¬
her. Darum aber wird es höchste Zeit, sie aufzuwecken und sie an ihre
Pflicht zu erinnern. Die Kosten für die Gemeinden würden sich auf
ein paar Tausend Mark beschränken, da sich eine solche Beratungs¬
stelle zunächst mit ganz einfachen Mitteln (Blutdruckapparat, Spiro¬
meter) einrichten lässt. Sollten die Gemeinden ihre Pflicht verkennen,
so appelliere ich allein an die Verbände und Vereine für Leibesübungen;
denn an der finanziellen Schwierigkeit soll die Einrichtung nicht schei¬
tern und zur Ueberwindung derselben würden Verbände und Vereine,
glaube ich, gern beisteuern.
Zum Schluss die Aufgaben der sporthygienischen Untersuchungs¬
und Beratungsstellen nochmals kurz Umrissen:
1. Beratung und Erledigung aller medizinischen und ärztlichen
Fragen des Jugendamtes.
2. Aerztliche Untersuchung (eine Art Musterung) und gesundheit¬
liche Beaufsichtigung bei der gesetzlich zu regelnden Turn- und
Sportpflicht der Jugend, insbesondere auch Untersuchung und
Beratung aller Sportsleute, die sich einem regelrechten Training
unterziehen.
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
127
3. Befreiung der Kinder vom Turnunterricht.
4. Beratung und ev. Ueberweisung in fachärztliche Behandlung
derjenigen, die beim Sport Verletzungen davongetragen haben.
5. Eignungsprüfungen für bestimmte sportliche Leistungen und
Methoden der Leistungssteigerung.
Literatur.
Mallwitz: Jugendpflege durch Leibesübungen vom fachärztlichen
Standpunkt. 1919. (Veröffentl. d. Medizinalverw. 9. Bd„ 8. Heft.) —
Schulte: Leib und Seele im Sport (Voikshochschulverlag, Charlottcnburg,
1921). — Turnen, Spiel und Sport 1921 (Veröffentl. d. deutschen Hochschule
für Leibesübungen).
Fortmidüngsuorträge und ueherslchtsreferate.
Aus der Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechts¬
krankheiten der Universität München. (Direktor: Professor
Dr. Leo Ritter von Zumbusch.)
Liquorveränderungen bei Frühsyphilis.
Von Dr. Julius K. Mayr.
Statistische Erhebungen über Häufigkeit und Art von Liquorverän¬
derungen in den Frühstadien der Syphilis sind in grösserem Umfange
erst innerhalb des letzten Dezenniums vorgenommen worden. Der Grund
dazu mag vor allem darin liegen, dass wir klinisch manifeste Symp¬
tome bei den ersten Erscheinungsformen der Syphilis, wenn wir viel¬
leicht von den Kopfschmerzen absehen wollen, in stärkerem Ausmasse
doch nur selten zu sehen bekommen und den meningitisdien Prozessen
eine grössere Bedeutung nicht zugesprochen wurde. Ferner wurden
die Untersuchungsmethoden der Cerebrospinalflüssigkeit gerade in dem
letzten Jahrzehnt (Goldsolreaktion 1912) um einige sehr empfindliche
Reaktionen vermehrt, die imstande sind, eine Reihe von Veränderungen
im Liquor aufzudecken, die uns bei der bisherigen Untersuchung ent¬
gangen waren.
Wollen wir zunächst die Frage erörtern, welche Reaktionen zur
Liquordiagnose notwendig sind, so finden wir fast bei allen Autoren
die gleichen Methoden angewandt. Es ist klar, dass wir bei statistischer
Verarbeitung eines Materials den Ausfall der Reaktionen nicht ver¬
werten können, deren Beweiskraft an sich noch nicht feststeht. Aus
der grossen Zahl der Methoden, die uns Aufschluss über Liquorver¬
änderungen überhaupt geben, eignet sich daher nur ein Teil. Auch
diesen Reaktionen ist eine Spezifität für die Syphilis nicht zuzuerken¬
nen, abgesehen von der Wasser mann sehen Reaktion und viel¬
leicht, wenigstens bei einer ausgebildeten Zacke, der Goldsolreaktion.
Der sich aus dieser Unspezifität ergebende Missstand in der Beurteilung
der Befunde wird dadurch in seiner Wirkung gemildert, dass sich der
ursächliche Zusammenhang zwischen Lues und Liquorveränderungen
wohl nicht allzu schwer hersteilen lassen wird, unter dem Ausschluss
anderer ebenfalls den Liquor beeinflussender Prozesse. Dieser letzte
Punkt bedarf indes einer gewissen Einschränkung. So konnten nämlich
eine Anzahl von Autoren bei Dermatosen, Gonorrhoe und Ulcus molle
positive Liquorbefunde erheben, also bei Patienten, die als liquorgesund
zum Vergleiche herangezogen wurden. Die Prozentzahlen bewegen
sich nach S c h ö n f e Id bei der Phase I auf etwa 8 Proz., beim Pandy
auf 42 Proz. Ferner konnten Stern, Schmidts und andere bei
luesfreien Fällen Zell- und Eiweissvermehrung feststellen. Handelt es
sich bei diesen Befunden auch nicht um sehr ausgeprägte Ergebnisse,
so scheinen sie doch wegen der sich aus ihnen ergebenden Rück¬
schlüsse mehr Beachtung zu verdienen, als ihnen gegeben wird. Sie
können bei statistischer Verwertung, namentlich an Prostituiertem-
Materlal, das meist kombiniert erkrankt ist. unter Umständen das
richtige Ergebnis verschleiern. Sie auf mangelnde Untersuchungs¬
technik zu schieben oder die Luesfreiheit dieser Fälle anzuzweifeln,
dürfte dabei abzulehnen sein. Die vier Reaktionen Non n es. Zell¬
zählung, Phase I und Gesamteiweissbestimmung sowie der Wasser¬
mann, reichen heute zur Liquordiagnose nicht mehr aus. Zu ihnen
muss noch mindestens eine der kolloidalen Reaktionen treten. Der
Ausfall der einzelnen Reaktionen ist hinsichtlich seiner Bewertung
nicht übereinstimmend betont. Es macht sich bei den sogenannten
schwach positiven Befunden, die bei' dem ganzen untersuchten Material
eine nicht unbedeutende Rolle spielen, eine verschiedene Beurteilung
geltend. So werden z. B. von einer Anzahl von Autoren, unter ihnen
auch Nonne, nur Zellzahlen bis 5 als normal angesehen, im Gegen¬
satz zu anderen, wie Gennerich (bis 8), Schönfeld (bis 10).
Französische Autoren erachten im Gegensatz dazu bereits 2 Zellen
als pathologisch. Bei der Gesamteiweissbestimmung nach N i e s s 1
werden wohl allgemein Werte über 0,02 Proz. als krankhaft bezeichnet.
Der Ausfall der Phase I wird verschieden gewertet, je nachdem er
Spuren von Opaleszenz oder schwache Opaleszenz zeigt, indem er
in dem ersteren Falle als negativ und im zweiten als positiv gebucht
wird. Die Pandy sehe Reaktion wird von einer Reihe von Autoren
als zu empfindlich abgelehnt. Wir vermissten ihren positiven Aus¬
fall niemals, wenn irgendeine andere Reaktion positiv war. Unter
den kolloidalen Reaktionen ist das wichtigste das Goldsol. Ihre grosse
Empfindlichkeit hat den Nachteil, dass sie uns möglicherweise Andeu¬
tungen eines positiven Befundes gibt, in Fällen, wo ein solcher nicht
vorhanden ist. Da nun die horizontale Linie bei graphischer Dar¬
stellung des Befundes fast zu den Seltenheiten gehört (K y r 1 e). so
dürfte es sich als zweckmässig erweisen, geringe Farbdifferenzen,
die nur bis rotviolett gehen, als negativ anzusprechen, was von einigen
Autoren, aber nicht allen geschieht. Es kommt auch hinzu, dass die
Herstellung der Goldlösung trotz purpurroter Farbe nicht immer gleich-
mässig gelingt, wie wir besonders an Blutseren gezeigt haben, wobei
sich herausstellte, dass die Intensität der Rötung bei verschiedenen
Lösungen die gleiche war, obwohl dieselben eine andere Empfindlichkeit
besassen. Nur ein Ausfall, der deutliche Zackenbildung aufweist, darf
als einwandfreier positiver Befund verwertet werden. Neben der
Goldsolreaktion treten die übrigen kolloidalen Reaktionen in den Hin¬
tergrund. Sie geben zum Teil, wie vor allem die Mastixreaktion,
ähnliche Resultate, ohne in irgendeiner Weise erstere zu übertreffen.
Die W e i c h b r o d t sehe Sublimatreaktion, die von einigen Autoren
zur Diagnose in ausgedehntem Maasse herangezogen wurde, scheint
wegen einer gewissen übergrossen Empfindlichkeit keine besondere
praktische Bedeutung zu erlangen, Schönfeld konnte sie bei den
oben genannten „Normalfällen“ in 50 Proz. positiv finden. Ueber die
biologischen Reaktionen, wie die Hämolysinreaktion nach Kafka und
Weil, liegen grössere Untersuchungsergebnisse nicht vor. Bei der
Wassermann sehen Reaktion ist es nach Hauptmann-
N ö s s 1 i nötig, bei steigenden Konzentrationen von 0,2 bis konzen¬
triert auszuwerten. Auch schwach positive Befunde sind im Sinne
einer luetischen Veränderung zu deuten. Die Frage der Druckmessung
bedarf noch einer besonderen Erwähnung. Die Durchschnittshöhe des
Druckes wird ganz verschieden angegeben, verschieden beim Liegen
und beim Sitzen, nach Kopfhaltung, verschieden bei den einzelnen
Autoren. Ein grosser Teil von letzteren hat mit Rücksicht auf die
Unsicherheit der Druckmessung davon Abstand genommen, wenigstens
bei den frühsyphilitischen Stadien. Diese begnügen sich mit der Fest¬
stellung, mit welcher Intensität der Liquor heraustropft. Wir haben
ebenfalls aus den oben erwähnten Gründen späterhin auf eine Messung
zichtet. Blutbeimengung zum Liquor, die sich in manchen Fällen nicht
eventueller Drucksteigerung durch das Quincke sehe Steigrohr ver-
vermeiden lässt, macht diesen für die meisten Reaktionen unbrauchbar,
so vor allem für die Goldsolreaktion. Die Zellzählung hat sofort nach
der Entnahme des Liquors zu geschehen. Desgleichen muss die Gold¬
solreaktion möglichst sofort nach der Entnahme ausgeführt werden,
da längeres Stehen bezw. vor allem Lagerung im Eisschrank die Reak¬
tionsfähigkeit des Liquors beeinträchtigen kann. Die letzteren beiden
Untersuchungsmethoden können demnach nicht, wie von einigen Seiten
gefordert wird, von einer Zentralstelle vorgenommen werden.
Der Liquor kann einen verschiedenen Ausschlag geben, je nach
der Liquorportion, in der er vorgenommen ist. Diese Möglichkeit, die
besonders nach neueren Untersuchungen (W eigelt) nicht von der
Hand zu weisen ist, wurde bisher so gut wie ausschliesslich vernach¬
lässigt. Weinberg, der die einzelnen Liquorportionen fraktioniert
untersucht hat, mit Rücksicht darauf, ob sich diese in den einzelnen
Abschnitten identisch verhalten, fand zum Teil ziemlich bedeutende
Unterschiede. Während er beim normalen Liquor keine grösseren Dif¬
ferenzen beobachten konnte, zeigte sich bei manchen pathologischen
Verhältnissen, dass solche bei der Vornahme in drei Portionen zum
Teil in sehr starkem Maasse bestehen. Besonders deutlich waren die
Verhältnisse beim Zellgehalt, die von hoher Vermehrung in der ersten
bis zu normalen Werten in der dritten Portion gingen, bei Zwischen¬
zahlen in der mittleren. Desgleichen fanden sich Differenzen im
Globulingehalt. Sogar die Wassermann sehe Reaktion hat stufen¬
weise Unterschiede. Es ist dringend nötig, diese Ergebnisse an grös¬
serem Material nachzuprüfen. Wir selbst haben darüber keine Er¬
fahrung, wie eine solche auch der Mehrzahl der Autoren zu fehlen
scheint. Da bei Punktion in Seitenlage der Liquor von allen Seiten
Zuströmen kann, im Gegensatz zur Liquorentnahme im Sitzen, können
auch hieraus verschiedene Zusammensetzungen des Liquors resultieren.
Es ist leider nicht absolut möglich, die Untersuchungsergebnisse
der einzelnen Autoren von einer gemeinsamen Basis aus zu betrach¬
ten, da nach verschiedenen Voraussetzungen und nach verschiedener
Fragestellung untersucht worden ist, ohne dass erstere immer deutlich
genug angegeben wären. Es ist daher nicht gestattet, aus den Befunden
gleichsam das Mittel zu nehmen und das Ergebnis daraus als Durch¬
schnittswert zu proklamieren. Es ist klar, dass wir verschiedene
Zahlen bekommen müssen, wenn wir z. B. bei der Lues I ohne Rück¬
sicht auf negativen oder positiven Wassermann untersuchen oder den
Begriff der Frühsyphilis von zwei auf fünf Jahre ausdehnen. So finden
wir in den Untersuchungen, auch noch der letzten Jahre, obwohl das
Material identisch genannt wurde, Differenzen zwischen 10 und 86 Proz.
Wir müssen bedenken, dass die Schwankungen in den Prozentzahlen
in Gründen liegen, die wir, wenigstens zum Teil, kennen. Diese sind
verschiedene Einschätzung sogenannter schwach positiver Befunde,
die unterschiedliche Punktion im Liegen oder Sitzen, die Möglichkeit
von Schichtung des Liquors, die Differenzen im Infektionsalter der
Punktierten, die Verschiedenheiten etwa vorausgegangener Therapie,
ein eventuelles Vorkommen positiver Liquorbefunde bei Nichtsyphiliti-
kern, unterschiedliches Auffassen in der Dauer der einzelnen Stadien
usw. Wie immer ist es selbstverständlich, dass wir prinzipiell einem
positiven Befund mehr Beweiskraft schenken, als einem negativen.
Die wenigsten Untersuchungen liegen über die primäre Lues vor.
Im seronegativen Stadium fand Gennerich Veränderungen in
7 Proz., K ö n i g s t e i n in 5 Proz., während Rost und Kyrie in
keinem Falle einen positiven Befund erheben konnten. Es ergibt sich
also die Tatsache, dass bereits in diesen frühen Stadien Infektionen
des Liquors Vorkommen. Bei einem Umschlagen des Wassermanns
1 28
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
gehen die positiven Befunde in die Höhe, indem hier bereits Fleisch-
ni a n n 56 Proz. und Fu'hs und Schallinger 64 Proz. positive
Befunde erheben konnten. Es handelt sich dabei um durchwegs un¬
behandelte Fälle. Die Veränderungen bestanden, abgesehen von Druck¬
steigerung, in Zellvermehrung bis zu 125 Zellen, in meist schwach
positivem Nonne und in Beeinflussung der Goldsollösung. Sehr inter¬
essant sind die Ergebnisse bei Fleischmann, der bereits bei
seronegativer Lues I bei 3 Proz. positiven Liquorwassermann sah.
Bei sämtlichen Fällen war es bereits zu einer sichtbaren Skleradenitis
gekommen, es dürfte sich demnach wohl um die Zeit des Umschlagens
des Wassermanns gehandelt haben. Aehnlich hohe Befunde von
Liquorwassermann bei negativem Blutwassermann der Lues I, der
auch von anderen Autoren vereinzelt gefunden wurde, sind in der
Literatur nicht mehr angegeben. Der ebengenannte Autoi fand hei
seropositiver primärer Lues in 7 Proz. den Liquorwassermann positiv.
Objektiv nachweisbare Nervenschädigungen sind im ersten Stadium
der Syphilis bisher noch nicht beobachtet. Die Ergebnisse _ bei pri¬
märer Lues beweisen uns, dass der Liquor etwa um die gleiche Zeit
infiziert werden kann, in der die Spirochäten ins Blut übertreten.
Ueber Untersuchungen bei sekundärer Syphilis liegen umfangreiche
Berichte vor, die sich zum Teil auf mehr als tausend Fälle stützen
können. Die Differenzen bei; den einzelnen Autoren, die bei der
primären Lues sich in durchaus erträglichem Masse halten, sind hier
sehr hoch. So fanden z. B. Rost Veränderungen in 12 Proz.,
Frühwald in 48 Proz., Behring in 69 Proz., Altmann und
D r e y f u s s in 78 Proz., Wechselmann in 86 Proz. Es handelt
sich bei diesen Zahlen um Fälle mit und ohne bisherige Behandlung,
also um Material, das unter sich sehr verschieden ist. Unsere eigenen
Untersuchungen (Mayr und Harlsse). die sich auf gegen hundert
Fälle (fast ausschliesslich Frauen) belaufen, entsprechen den Befunden
bei denjenigen Autoren, die die spärlichsten Veränderungen fanden.
Soweit detaillierte Berichte über die Zeitdauer der Infektion ange¬
geben sind, sehen wir bei einigen Autoren, dass die Prozentzahlen in
den ersten beiden Jahren mit der Dauer der Infektion weiter steigen,
so bei Rost von 12 auf 28 Proz., bei Kohrs von 54 auf 65 Proz.,
bei Kyrie von 40 auf 67 Proz. Diese Ergebnisse stimmen nicht
ganz mit denjenigen von Königstein und Goldberger über¬
ein, die bei sekundärer Lues ein Steigen der Liquorveränd'erungen nur
bis zum 10. Monat nach der Infektion beobachteten, nach diesem Termin
ist nach ihnen ein Rückgang zu verzeichnen. So fanden sie im
6. Monat 44,2 Proz., im 8. 51,7 Proz., im 10. 57,9 Proz., im 12. ein
Fallen auf 46,5 Proz. und nach dem ersten Jahre 32 Proz. Da die
von den erstgenannten Autoren angegebenen Befunde über ein Steigen
bis zum zweiten Jahre keine näheren Angaben darüber enthalten, ob
zu Beginn oder Ende des zweiten Jahres untersucht ist, werden sich
möglicherweise die aus beiden Berichten ergebenden Differenzen den¬
noch auf eine gemeinsame Basis bringen lassen. Wir dürfen diese
Zahlen ja doch nicht als unverrückbare Schemata betrachten. Sie kön¬
nen uns immer nur einen gewissen Massstab geben. Als regelmässige
pathologische Reaktionen fanden sich bei der sekundären Syphilis
Pleozytosen z. T. sehr hoher Grade, meist deutliche Opaleszenz bei
der Phase I, typische Lueszacke beim Goldsol. Die Wassermann -
sehe Reaktion war nach Fleischmann etwa in 16 Proz. positiv,
also nicht häufiger als bei seropositiver primärer Lues. Es handelte
sich ausschliesslich um unbehandelte Fälle. Untersuchungen über die
Häufigkeit der Liquorveränderungen bei bestimmten Exanthemformen
im Verhältnis zu dem ganzen Material, die von einigen Autoren erhoben
wurden, so von Königstein, der bei papulösen Ausschlägen 45 Proz.
und bei makulösen nur 34 Proz. fand, und von Gennerich, der bei
Lues maligna so gut wie keinen Liquorbefund beobachtete, blieben im
Allgemeinen resultatlos. Dagegen war die Alopecia spezifica häufiger,
als dem Durchschnitt entsprechen würde, mit stark positivem Liquor
kombiniert. So berichten Gennerich über 90 Proz., Frühwal1 d
über 56 Proz., Königstein über 73 Proz. und Fuhs und Schal¬
linger über 95 Proz. Ueberblicken wir die positiven Liquorbefunde
bei der sekundären Lues, so sehen wir eine sehr hohe Beteiligung des
Liquors an der Infektion als Ausdruck eines fortschreitenden Prozesses.
Nicht nur die Häufigkeit an sich hat zugenommen, sondern auch die
einzelnen Reaktionen geben stärkere Ausschläge. Mehr lässt sich
zunächst aus dem vorliegenden Material nicht ableiten.
Die Untersuchungen bei latenter Lues lauten sehr verschieden.
Wir finden hier häufig keine näheren Angaben darüber, ob es sich um
Früh- oder um Spätlatens handelt. Wir finden im Durchschnitt etwa
folgende Zahlen: Altmann und Dreyfus 23 Proz.. Genne¬
rich 33 Proz., Fleischmann 35 Proz., Kyrie 50 Proz. und
Kohrs 54 Proz., im allgemeinen niederere Zahlen als bei der mani¬
festen Frühlues. Die Veränderungen waren auch hier in der Haupt¬
sache Pleozytosen, Eiweissvermehrung, positive Goldsolreaktion und
vereinzelt positiver Wassermann. Letzterer wird bis 30,2 Proz.
bei ungenügend behandelten Fällen angegeben (F 1 e i s c h m a n n).
Wir finden demnach, dass bei der latenten Lues die Prozentzahlen an
positiven Liquorbefunden im allgemeinen bei den Autoren wieder ab¬
genommen haben, zunächst ohne näheres Eingehen darauf, ob eine
Behandlung vorausgegangen ist. Die Prozentzahlen sind fast gleich bei
Wassermann-negativer bezw. -positiver latenter Lues.
Untersuchen wir das ganze Material daraufhin, ob behandelt ist
oder nicht, so ergibt sich die Tatsache, dass sich gleich hohe Pro¬
zentzahlen bei behandelten und unbehandelten Fällen finden. Bei
einigen Autoren schwanken sogar die diesbezüglichen Zahlen zu un-
gunsten der behandelten Fälle, so bei Kohrs von 37 auf 54 Proz.,
bei Fleisch mann von 33,4 auf 66,9 Proz., bei Schäber von
13 auf 15 Proz. G e n n e r i ch hat besonders auf die grossen Unter¬
schiede hingewiesen, die sich bei reiner Quecksilberbehandlung und
solcher mit Quecksilber und Salvarsan finden. Die Differenzen be¬
tragen nach ihm unter Umständen bis 54 Proz. zu ungunsten der kom¬
biniert behandelten Fälle. Gennerich schliesst aus diesen Tat¬
sachen, dass seit Einführung des Salvarsans eine Zunahme der Ner-
vensyphilis in der Frühperiode verzeichnet werden muss. Den Grund
sieht auch er nicht in dem Salvarsan an sich, sondern in einer un¬
genügenden Salvarsanapplikation bezw. in einer alleinigen An¬
wendung des Mittels. Auch Nonne erwähnt, dass eine stärkere
Zunahme der syphilitischen Nervenerkrankungen erfolgt ist. Auf
die sich aus diesen Tatsachen ergebenden Folgerungen wollen wir
weiter unten näher eingehen.
In welchem Verhältnis steht die Zahl der positiven Liquorbefunde
zu der der klinisch manifesten Nervensymptome? Nach dieser Seite
hin sind ebenfalls grössere Erhebungen angestellt worden. Nicht
selten fehlen trotz kompletten Liquorbefundes jegliche Symptome am
Zentralnervensystem (Frühwald, Gutmann, Kyrie, Nonne,
Schönfeld u. a.). Wie nun nicht alle positiven Liquor¬
befunde demnach mit klinisch manifesten Erscheinungen einher¬
gehen, so finden sich auch nicht bei allen klinischen Erscheinun¬
gen, die auf eine Mitbeteiligung des Zentralnervensystems schliessen
lassen, positive Liquorbefunde. Trotz sicherer Erkrankung des Zen¬
tralnervensystems können alle Reaktionen negative Werte ergeben.
Es erhebt sich nun die Frage: werden die Liquorveränderungen
bezw. die klinischen Nervenbefunde durch die Therapie beeinflusst?
Verfolgen wir das Schicksal der Fälle mit positivem Liquor, so zeigt
sich nach der Zusammenstellung von Brandt und Mras, dass Ver¬
änderungen, die die Sekundärperiode überdauern, ziemlich resistent
erscheinen, dass jedoch die Befunde aus der Latenzzeit gegenüber
denen bei manifester zweiter Lues fast um die Hälfte Zurückbleiben.
Da ein Rückgang der Veränderungen auch ohne jede Behandlung ein-
treten kann, ergibt sich die Möglichkeit von Spontanheilungen bezw.
-Besserungen. Im Gegensatz dazu kann trotz, nach unseren jetzigen
Begriffen ausreichender Behandlung ein anderer Teil zu metaluetischen
Prozessen führen. Es erscheint zunächst hoffnungslos, die Therapie
in Zusammenhang mit einer Sanierung des Liquors zu bringen, da
wir ja gleich hohe Prozentzahlen von Liquorveränderung bei behan¬
delter und unbehandelter Lues vorgefunden haben.. Trotzdem ist eine
ausreichende Therapie, über deren Höhe freilich die Meinungen
noch weit auseinander gehen, imstande, den Liquor zu bessern oder
negativ zu machen. So führt S c h ö nf e 1 d eine Reihe von mehrmals
punktierten, genau untersuchten Fällen an, bei denen eine prompte
Beeinflussung der Befunde erzielt wurde (Herabsetzung des Zell¬
gehaltes, Negativwerden der Phase I des Wassermanns). Dagegen
konnte ein Zurückgehen sämtlicher Befunde nicht erreicht werden.
Auch die vorhandenen klinischen Erscheinungen erwiesen sich als der
Rückbildung zugängig. Wie aus allen Untersuchungen hervorgeht,
sinkt die Beeinflussungsmöglichkeit mit der Dauer des Prozesses. Es
scheint ferner zu den Ausnahmen zu gehören, wenn ein einmal negativ
gewordener Liquor, sei es nach Behandlung oder nach Spontanheilung,
wieder umschlägt. Die einzelnen Liquorveränderungen sind verschieden
leicht zu beeinflussen. Am Günstigsten scheinen die Verhältnisse bei
den reinen Pleozytosen zu liegen, die auch am häufigsten Spontan¬
heilungen ergeben. Eine ziemlich bedeutende Resistenz zeigen fast
ausschliesslich der Wassermann und die Goldsolreaktion. Von einigen
Autoren wird letzterer überhaupt jede Beeinflussbarkeit abgesprochen.
Geringfügige positive Befunde, wie Grenzwerte von Zellzahten, Spuren
von Opaleszenz können sich der Behandlung gegenüber in manchen
Fällen kaum weniger resistent erweisen als komplette Befunde.
Welche Behandlung wird sich am geeignetsten zur Liquorsanierung
erweisen? Es .erweckt vielleicht zunächst den Anschein, als ob einer
reinen Quecksilberbehandlung der Vorzug zu geben wäre, im Hinblick
darauf, dass seit Einführung des Salvarsans eine Vermehrung der
Liquorbefunde beobachtet wird. Ist diese Tatsache geeignet, das Sal¬
varsan zu diskreditieren? Wohl nur dann, wenn wir die Dosen zu
gering nehmen. Es wäre nicht zu verantworten, auf ein so wertvolles
Mittel wie das Salvarsan zu verzichten, nür aus dem Grunde, weil
es durch ungenügende und zu geringe Dosierung Verschlechterung
eines Prozesses nach sich ziehen kann, der bei entsprechender Be¬
handlung mit dem gleichen Mittel günstig beeinflusst wird. Dass
aber eine rein symptomatische Salvarsanbehandlung. die nur bis zum
Verschwinden der klinischen Symptome fortgesetzt wird, bei sekun¬
därer Lues keine ausreichende Dosierung darstellt, zeigen die Beo¬
bachtungen. dass diese Fälle fast durchwegs eine Verschlechterung
aufwiesen. Nonne stellt für die Gesamtbehandlung der Lues mit
besonderer Berücksichtigung der Nervenlues Quecksilber und Jod in
den Vordergrund, betont besonders den Wert einer energischen Schmier¬
kur. während er die grosse Bedeutung des Salvarsans besonders mit
Rücksicht auf dessen symptomatische Verwendbarkeit voll anerkennt.
Da sich nun nach den Erfahrungen einiger Autoren (bes. Brandt und
Mras) Fällen, deren Blutwassermann sich als resistent gegenüber
jeglicher Behandlung erweist, auch häufig eine geringere Beeinflussbar¬
keit der Liquorveränderungen zur Seite steht, so ist diesen erhöhte
Aufmerksamkeit zu schenken und wenn es sich mit der Kur irgendwie
verträgt, diese bis zum Negativwerden des Blutwassermanns, der ja
schliesslich bis zu einem gewissen Grade auch nur ein Symptom der
Lues darstellt, fortzusetzen. Es besteht ein Widerspruch darin, wenn
wir auf der einen Seite das Verschwinden von Liquorerscheinungen
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
129
>7. Januar 1922,
ils ein erstrebenswertes Ziel hinstellen, während auf der anderen
Seite einem positiven Blutwassermann nicht die gleiche Bedeutung
uerkannt wird. Kräftige Schmierkuren scheinen besonders geeignet,
len Liquor zu sanieren. Die endolumbale Salvarsanbehandlung, die
on Qennerich bekanntlich, übrigens immer im Verein mit intra¬
venöser Injektion, auch bei den Frühstadien der Liquorlues (N a s t)
efordert wird, ist bisher in ausgedehntem Maasse eigentlich nur von
tim selbst in Anwendung gebracht worden. Von der Mehrzahl der
vutoren, unter ihnen auch Nonne, wird die endolumbale Behandlung
ehr vorsichtig gewertet, bzw. ihr jeder Erfolg abgesprochen (Kohr s).
ton einigen Seiten (Wa g n e r- J a u r e g g, Brandt und Mras)
vurde versucht, die kombinierte Kur mit einer Fiebertherapie zu Unter¬
hitzen durch parenterale Gaben von Milch, Kasein und dgl. Wir
aben bereits oben darauf hingewiesen, dass es Veränderungen des
Zentralnervensystems gibt, die frei von Liquorerscheinungen sind, da
dcht jede Affektion des ZNS. auch zu einer gleichzeitigen Erkrankung
einer Häute führen muss (Ros t). Es besteht daher die Möglichkeit,
lass beide Prozesse getrennt vorhanden sind, dass die Behandlung
vohl die meningealen Symptome zum Schwinden bringen kann, ohne
lass auch die zerebralen Erscheinungen den gleichen Rückgang zeigen.
)enn es finden sich Fälle, bei denen trotz Rückgangs der Liquorverän-
lerungen ein Fortschreiten des Prozesses beobachtet wird. Bei an-
leren Fällen kann trotz nach unseren Anschauungen ausreichender
Behandlung sich, sogar unter der Behandlung, aus einem schwach posi-
iven Befund ein kompletter entwickeln, bzw. können Veränderungen
iberhaupt erst in Erscheinung treten. Möglicherweise handelt es sich
iei diesen Fällen um eine Erscheinung, die analog dem Auftreten
on Liquorveränderungen bei unzureichender Salvarsanbehandlung ist,
udem die ersten Salvarsandosen im Sinne eines Reizes wirken, ohne
lass die durch diese erzeugten Veränderungen sofort wieder durch die
veitergehende Therapie beeinflusst werden.
Die prognostische Bedeutung der Liquorbefunde ist sehr schwie-
ig. Ohne dass es zu irgendwelchen klinischen Manifestationen kom¬
men muss, kann ein Liquor über Jahre und vielleicht dauernd positiv
lileiben. Ob damit gesagt ist, dass diese Liquorbefunde oder ein Teil
ron ihnen für den Träger deshalb mehr oder weniger irrelevant sind,
nuss nach den Erfahrungen K y r 1 e s angezweifelt werden, der bei
ositivem Liquor 10 mal häufiger auch positive Nervensymptome fand,
ls beim Fehlen von pathologischen Veränderungen. Nach Drey-
us bedeutet ein positiver Liquor trotz 12 monatlicher energischer
Behandlung (er gab bis zu 10 g Salvarsannatrium) ein sehr un-
iinstiges Zeichen. Desgleichen ist eine deutliche, ausgeprägte Gold-
olreaktion nicht gleichgültig, weil sie in der Regel1 irreversible Ver-
nderungen anzeigt. Wir unterscheiden am besten bei der Frage der
prognostischen Bedeutung zwei Momente: Können wir erstens erwar-
en, den Liquor negativ zu machen und zweitens, welche Aussichten
jiestehen für den Träger eines anscheinend nicht beeinflussbaren
Jquors. Die erste Frage fällt mit der der Therapie zusammen. Die
weite ist durch alle Untersuchungen nicht gelöst. Nach wie vor hat
ie Diskussion, warum nur wenige Prozent der Syphilitiker an Metalues
rkranken, warum trotz starker Liquorlues keine Nervenlues besteht,
u keinem eindeutigen Ergebnis geführt. Solange alle diese Fragen
icht gelöst sind, scheint den prognostischen Deutungen der rechte
Irund zu fehlen. Man wird sich zunächst wohl am besten dem Ans¬
pruch N o n n e s anschliessen, der sagt, man müsse sich hüten, den
■rognostischen Wert positiver Liquorreaktionen im ungünstigen Sinne
u überschätzen. Von einer regelmässig vorzunehmenden Punktion,
vie manche Autoren bereits Vorschlägen, kann für den Praktiker schon
us rein äusseren Gründen gar keine Rede sein, abgesehen davon,
ass wir prognostisch nur aus den Ergebnissen mehrmaliger Punktion
'chlü'sse ziehen können. Für ihn kann es sich in der Hauptsache
lur darum handeln, die sich aus den Liquoruntersuchungen ergebenden
torderungen hinsichtlich der Therapie bei jeder Lues zu ziehen, und
war vom Anfang der ganzen Behandlung an. Dieses therapeutische
landein wird sich in der Regel auch dann nicht anders verhalten
:önnen, wenn ein positiver Liquorbefund bekannt ist. Aus der Zähl
nd Grösse der vorangegangenen Kuren wird sich bei Patienten, die bis-
er durch eine andere Stelle behandelt worden sind — es dürfte sich
rnpfehlen, dass jeder Arzt dem Patienten Aufschluss, am besten
■chriftlich über die Art und Dosierung der durch ihn vorgenommenen
(uren gibt — auch ein gewisser Wahrscheiolichkeitsbefund über den
-iquor feststellen lassen. Die Resistenz eines Blutwassermanns kann
ms ja, wie oben erwähnt, auch einen gewissen Anhaltspunkt dafür
eben. Die Kuren haben intermittierenden Charakter zu tragen und
war derart, dass zu Beginn der Erkrankung der Zwischenraum nicht
ber 2 bzw. 3 Monate beträgt. Die Gabe von 3 g Salvarsan bei den
rsten Kuren erscheint uns zu niedrig. Sie wird am geeignetsten gegen
g betragen und mit den entsprechenden Mengen Quecksilber, die sich
us der Zeitdauer der Salvarsanbehandlung ergeben, kombiniert. Das Fehlen
ines Wassermanns im Blute kann, wenn die Lues noch als bestehende
ugenommen werden muss, auf Grund der vorausgegangenen Behand-
ung niemals eine Kontraindikation für eine Behandlung geben, da uns
a auch wieder die Liquoruntersuchung durch die Möglichkeit von Ver-
nderungen trotz negativen Blutwassermanns die Grenzen der
.eistungsfähigkeit der W a s s e r ma n n sehen Reaktion betreff der
■uesdiagnose gezeigt hat. Es wird dadurch in solchen Fällen, wo die
Vahrscheinlicbkeit der Ausheilung eines luetischen Prozesses bewie-
en werden soll, eine solche nur nach einem negativen Liquorbefund
eben. Gennerich hat vorgeschlagen, bei diesen Fällen vorher
'rovokatorisch Salvarsan zu geben und erst im Anschluss daran die
Punktion vorzunehmen. Uns erscheint dieser Vorschlag nicht un¬
bedenklich, wenn man überblickt, dass möglicherweise die durch diese
Provokation hervorgebrachten Liquorveränderungen auch durch sofort
einsetzende Therapie nicht mehr zurückgebildet bzw. erst später, als
die Punktion erfolgt, manifest werden, ohne dass in diesen Fällen sofort
behandelt wird. Wir werden vielleicht überhaupt die ganze Provokation,
auch die zum Positivwerden eines Blutwassermanns, nicht mehr als
unbedeutenden Eingriff bewerten dürfen, besonders da die etwa ein¬
geleitete Behandlung doch erst nach 10 bis 14 Tagen erfolgt und
sich das Auftreten von Liquorveränderungen nach den vorliegenden
Untersuchungen durch Repunktionen bereits in kürzerer Zeit einstellen
kann. Die Liquoruntersuchung wird stets dann gefordert werden müs¬
sen, wenn irgendwelche Nervensymptome auf eine Beteiligung des
Zentralnervensystems hinweisen. Die endolumbale Behandlung wird
für die Praxis nicht in Frage kommen. Es ist zu hoffen, dass durch
die durch Plaut angegebene Methode der Punktion beim Kaninchen,
die es ermöglicht, wiederholt bei demselben Tier durch Einstechen
der Punktionsnadel durch das Ligamentum obturatorium in das Foramen
magnum Zerebrospinalflüssigkeit zu entnehmen, durch systematische
Untersuchungen am Experiment eine Reihe schwebender Fragen einer
näheren Durchforschung unterzogen werden. Die bisher vorliegenden
Ergebnisse von Plaut und M u 1 z e r, die bei syphilitischen Kaninchen
unter 43 Punktionen in 27 Fällen positive Liquorbefunde erheben
konnten, sprechen in diesem Sinne. Diese Untersuchungsmöglich¬
keiten, die uns natürlich wegen der Verschiedenheiten von Menschen-
und Kaninchensyphilis niemals die Beobachtungen am Menschen er¬
setzen können, werden uns voraussichtlich bei Fragen der Liquor¬
syphilis eine wertvolle Unterstützung geben, vor allem deshalb, weil
wir genau über das Alter der Infektion unterrichtet sind. Wir können
hier auch wirklich identische Fälle . miteinander vergleichen. Diese
Aussicht ist deshalb umso erfreulicher, weil noch über so vielen
Fragen betreffs Verhältnis von Syphilis und Liquorveränderungen ein
Schleier liegt.
Bücheranzeigen und Referate.
J. S a I p e t e r - Wien: Einführung in die höhere Mathematik für
Naturforscher und Aerzte. 2. Auflage. 385 Seiten mit 153 Figuren
im Text. Verlag von G. Fischer, Jena 1921. Preis M. 70, gebunden
M. 80.
Immer wieder wird von Mathematikern der Versuch gemacht, ihre
hehre, aber auch durch ihre unerbittliche Strenge in mancher Hinsicht
herbe Wissenschaft den Aerzten zugängig zu machen. Die Vielfältig¬
keit dieser Versuche beweist aber, dass bei aller anerkannten Not¬
wendigkeit, das Ziel zu erreichen, die Bemühungen doch als nicht hin¬
reichend angesehen werden. Auch das vorliegende Buch ist aus dem
Grunde entstanden, weil der Verfasser kein Lehrbuch fand, das seinen
Anforderungen sowohl in bezug auf die Behandlung als auch in bezug
auf die Auswahl des Stoffes gerecht wurde.
Was die Behandlung des Stoffes betrifft, so will Verfasser
die Strenge und Exaktheit der Definitionen und Beweisführungen auf
das gerade notwendige Mass beschränken und nur die „vernünftigen
Funktionen“ in den Kreis der Betrachtung ziehen, wobei er ausgiebigen
Gebrauch von der „naiven geometrischen Anschauung“ machen will.
Dass dabei vielfach andere Wege als in den gangbaren Lehrbüchern
der Infinitesimalrechnung eingeschlagen werden, erhöht den Wert des
Buches.
Die Auswahl des Stoffes wurde so getroffen, dass der Leser
sich das Wesen der mathematischen Behandlung naturwissenschaft¬
licher Probleme an vielen Beispielen klarzumachen vermag.
Der erste Teil des Buches bringt die Differential-, der zweite die
Integralrechnung, der dritte Unendliche Reihen und Reihenentwick¬
lungen von Funktionen. In einem Anhang werden noch stetige und
unstetige Funktionen behandelt.
Vom Standpunkte des die Mathematik liebenden Mediziners — und
nur um diesen soll es sich hier handeln — muss die Darstellung als
sehr anziehend, förderlich und durch die vielfältigen Anwendungen sehr
lehrreich bezeichnet werden. An manchen Stellen wäre freilich er¬
wünscht, wenn dem vom Gymnasium her mit recht wenig Vorkennt¬
nissen ausgestatteten Mediziner eine grössere Atempause gegönnt
würde, denn die Fülle der mathematischen Gesichte ist an solchen Stel¬
len eine recht grosse. Vorbildlich erscheint in dieser Beziehung dem
Referenten das Lehrbuch von F. Autenheimer. Sehr nützlich sind
in dem Salpeter sehen Buche auch die überall den einzelnen Kapiteln
angefügten Uebungen. K. Bürker- Giessen.
Arbeiten aus dein Pathologischen Institut der Universität Helsingfors,
herausgegeben von E. A. H o in e n und Axel W a 1 1 g r e n. Neue Folge.
Zweiter Band. Drittes und viertes Heft. 6 Tafeln. Jena, Gustav
Fischer, 1921.
1. E. A. Homen: Experimentelle und pathologische
Beiträge zur Kenntnis der infektiös-toxischen,
meningealen Veränderungen nebst einem bakterio¬
logischen Anhang von C. N y b e r g.
Die Arbeit stellt eine Fortsetzung der im ersten Hefte erschienenen
Untersuchungen über die infektiös-toxische, nicht eitrige Enzephalitis
dar. In ausführlicher Weise wird der Verlauf der Menigitis bei ver¬
schiedenen Infektionserregern im histologischen Bilde geschildert. Die
Untersuchungen führen zu bemerkenswerten Schlüssen: Von grösster
130
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 4.
Bedeutung für dis gewebliche Reaktion in den Meningen bei ihrer
Infektion ist ihre Affinität zu den betreffenden Infektionserregern, wenn
auch Virulenzgrad, Menge, momentane Disposition des Individuums
wichtige Unterfaktoren bilden. Der Staphylococcus aureus hat fast
keine Affinität zu den Hirnhäuten, die von ihm passiert werden, ohne
dass er sich ansiedclt und ohne eigentliche meningitische Veränderungen
hervorzurufen; zum Gehirn hingegen hat der Staphylococcus aureus
grosse Affinität. Aehnlich verhalten sich Typhus- und Kolibazillen.
Schwache Affinität zu den Meningen besitzt der Streptococcus pyo¬
genes, der Diplococcus pneumoniae und der Streptococcus mucosus.
Wenn sie auch für gewöhnlich nur unerhebliche Veränderungen in den
Meningen auslösen, können sie bei starker Virulenz oder bei abge-
schwächter Widerstandskraft des Individuums schwerere leukozytäre
Exsudationen hervorrufen. Die Bakterien finden sich dabei frei im
Gewebe, zum Teil in grösserer Menge in thrombosierten Gefässen.
Grosse Affinität zu den Meningen kommt den Meningokokken, den
Influenzastäbchen, der Spirochaete pallida zu; bei ihnen setzt das Ex¬
sudat auffallend frühzeitig ein. Der histologische Ablauf der Infektionen
hat, wenn auch graduell ausserordentlich verschieden, bei den ein¬
zelnen Gruppen grosse Aehnlichkeit: den das Bild zuerst beherrschen¬
den Leukozyten mengen sich allmählich mehr und mehr Lymphoid-
zellen, dann grössere Lymphozyten und Plasmazellen bei; verschieden
ist die Neigung zur Fibrillenbildung im entzündeten Gewebe; bei Svm-
biose der hauptsächlich Meningitis erregenden Bakterien mit Anaero¬
biern ist der meningitische Prozess meist stärker ausgebildet, bei
Toxinämien ohne Anwesenheit von Bakterien ist die Meninxreaktion
ausserordentlich gering.
Im Anschluss an Homens Untersuchungen beschreibt C. Ny¬
berg die bakteriologische Identifizierung der bei menschlicher Menin¬
gitis gefundenen Infektionserreger.
2. Ludwig I. Lindström; Studien über maligne
Nierentumoren.
An reichem Beobachtungmaterial wird die histologische Struktur
der malignen Nierentumoren eingehend erörtert, darnach werden die
Nierengeschwülste eingeteilt in Mischgeschwülste, in Nierensarkome, in
Nierenkarzinome, in Nierenbeckenkarzinome, in Grawitzsche Tu¬
moren. Mischgeschwülste wie Grawitzsche Tumoren werden von
embryonal aberrierten Zellen abgeleitet. Die Nierensarkome der
Kinder stehen den Mischgeschwülsten nahe, während die der Er¬
wachsenen auch von entwickeltem Bindegewebe ausgehen können.
Ableitung der Grawitzschen Tumoren von versprengten Neben¬
nierenkeimen wird abgelehnt. Matrix für sie sind Nierenelemente.
Der Name Grawitzsche Tumoren ist beizubehalten, da unter ihnen
die überaus mannigfaltigen histologischen Bilder der Geschwulstgruppe
zusammengefasst werden können.
Die anatomische Einteilung der Nierengeschwülste ist klinisch kaum
zu verwenden, da die Symptome bei den verschiedenen Typen völlig
gleich sein können. Der Verlauf ist auch verschieden bei Kindern
und bei Erwachsenen. Die Therapie kann nur eine operative _ sein;
ausserordentlich schlecht ist die Prognose bei Operation von Kindern
unter 15 Jahren; alle erlagen innerhalb 9 Monaten nach der Operation.
Bei Erwachsenen kann man auf eine Heilung von % bis LS der
operierten Fälle rechnen. Eine unterschiedliche Prognose bei den ver¬
schiedenen Geschwulsttypen aufzustellen, ist nicht berechtigt. Im |
allgemeinen verlaufen anablastische Geschwülste rascher und bösartiger
als mehr differenzierte.
3. W. Kankaanpää: Experimentelle Beiträge zur
Kenntnis der Lymphdrüsen Veränderungen- bei ver¬
schiedenen Infektionen.
Als Infektionserreger wurden verwendet Bacillus pyocyaneus,
Staphylococcus aureus, Bacillus typhi, Streptocccus longus. Die Ver¬
änderungen, die sie in Lymphdrüsen setzen, verlaufen ausserordentlich
ähnlich. Der Infektionsmodus ist also hiefür ziemlich gleichgültig. In
den ersten Stunden tritt stärkere Blutüberfüllung in den Lymphdrüsen
auf, mit Blutaustritten in die Sinus und die Rindenknötchen. Diesem
Stadium folgt eine stärkere Proliferation der Lymphozyten, besonders
in den Knötchenzentren (zahlreiche Mitosen). Auch granulierte, aus den
Blutgefässen stammende Zellen treten häufiger auf; sie sind aber
ausserordentlich labil; Degenerationserscheinungen stellen sich
rasch ein. Die Bakterien verschwinden im allgemeinen verhältnis¬
mässig rasch aus den Drüsen, lassen sich beim genesenden Tier nicht
mehr nachweisen, finden sich dagegen reichlicher bei schwer krankem
oder agonalem Zustand. Die Proliferation der Lymphozyten dauert
2 — 3 Wochen. In ganz schweren Fällen tritt die Lympho¬
zytenproliferation gegenüber regressiven Metamorphosen zurück. Aus¬
gedehnte Nekrosen treten auf. Lymphozytenzahl ist stark vermindert,
granulierte Zellen fehlen in diesen Fällen vollständig.
Oberndorfer - München.
R. Weiss: Die schnellsten und einfachsten qualitativen und
quantitativen Untersuchungsmethoden zur klinischen Diagnostik. Berlin.
Fischers mediz. Buchhandlung H. Kornfeld', 1921. Zweite ver-
grösserte Auflage. Preis 24 M.
Ausarbeitung und Zusammenstellung einer Reihe einfacher prak¬
tischer Methoden zur schnellen Ausführung qualitativer und quanti¬
tativer chemischer Bestimmungen, wie sie sich für den Kliniker eignen.
In die zweite, wesentlich erweiterte Auflage wurde unter Mitarbeit von
Dr. Engelen eine Anzahl weiterer Untersuchungsmethoden aufge¬
nommen. Man findet Untersuchungsmethoden des Harns, des Magen¬
inhalts. des Stuhls, des Blutes, der Spinalflüssigkeit, der Nieren- und
Leberfunktion, sowie bakteriologische Färbungen. Auf eine grosse
Anzahl billiger und einfacher Apparate und volumetrischer Glasgefässe
zur Ausführung der Bestimmungen wird hingewiesen. Ob wirklich alle
angegebenen Methoden den Anforderungen auf Exaktheit, die auch der
Kliniker stellen muss, in gleicher Weise genügen,^ möchte ich dahin¬
gestellt sein lassen, das muss durch zahlreiche Einzeluntersuchungen
entschieden werden. Jedenfalls ist das Buch für jedes klinische
Laboratorium empfehlenswert, besonders in der jetzigen Zeit, in der
man so sehr mit Chemikalien sparen muss und das Anschaffen kost¬
spieliger Apparate meist unmöglich geworden ist.
Kämmerer - München.
Pincussen (II. med. Klinik Berlin) : Mikromethodik. Leipzig 1921.
Georg Th i e me -Verlag. Preis 14.40 M. ' .
Während das oben besprochene Weiss sehe Büchlein den Haupt- !
nachdruck auf Einfachheit und Schnelligkeit legt, ist hier der Kernpunkt
die kleinste notwendige Menge des Untersuchungsmaterials. Verf. be¬
tont mit Recht, dass aber nur solche Mikrobestimmungen Wert haben,
deren Ergebnisse denen der üblichen Makrobestimmungen durchaus <
gleichwertig sind. Für die Blutuntersuchungen sind grossenteils, aber
nicht ausschliesslich, die Bang sehen Mikromethoden beschrieben, auch |
auf die kolorimetrischen Methoden, das Arbeiten mit der Torsionswage
und die Nephelometrie geht Verf. ein. Ein letztes Kapitel beschäftigt !
sich mit der Blutuntersuchung durch Gasanalyse, in einem Anhang;
ist die Michaelis sehe Indikatorenbestimmung der Wasserstoffionen¬
konzentration dargestellt. Auch dieses Buch wird dem klinisch¬
chemischen Untersucher gute Dienste leisten.
Kämmerer - München.
Deutsche Orthopädie. Herausgegeben von Hermann Gocht
4. u. 5. Band. F. Enke. Stuttgart. 1921.
Es ist als ein Zeichen ungebrochenen Mutes zu begrüssen, dass!
die Ergebnisse der während des Krieges geleisteten wissenschaftlichen
Arbeit' für die Zukunft festgehalten werden, deshalb erwerben sich die;
Verfasser, der Herausgeber und der Verleger der vorliegenden Bände;
ein besonderes Verdienst. Stoffel hat die reichen Erfahrungen in
Muskel- und Sehnenoperationen, die er während des Krieges gemacht
hat. in vortrefflicher Form niedergelegt. B 1 en ck e hat die. Amputabons-I
Stümpfe, Morn ms en Kontrakturen und Ankylosen, Möhring die
Uebungsbehandlung und P e 1 1 e s oh n und Singer die hysterischen
Deformitäten bearbeitet. Eine wahre Fundgrube von guten Beobach¬
tungen bringt die Darstellung der Nervenoperationen von Spitzy,
Wien.
In einem gesonderten Band berichtet Georg Hohmann über
die Behandlung der Pseudarthrosen und die durch Knochendefekte ent¬
standenen Schlottergelenke. Wichtig für die allgemeine Praxis ist. dass
vor der frühzeitigen Entfernung von Splittern bei komplizierten
Knochenbrüchen dringend zu warnen ist, weil eine grosse Anzahl von
Pseudarthrosen auf dieser Grundlage entstehen. Für Pseudarthrosen
im Humerus und Femur empfiehlt Hohmann gründliche Anfrischung.
Im Vorderarm und im Unterarm zieht er in der Regel die Einpflanzung
eines Knochenspanes vor. F. L a n g e - München.
Spätfolgen der Unfallverletzungen. Ihre Untersuchung und Be¬
gutachtung. Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. G. Ledderhose in
München. Stuttgart. Verlag von F. Enke. 1921. Seitenzahl 186
Die naheliegende Frage, ob neben den bekannten grösseren Werken
über Unfallmedizin, Begutachtung etc. ein knapper gestaltetes Werk,
wie das vorliegende, eine Existenzberechtigung für sich beanspruchen
könne, darf auf Grund näherer Kenntnis der hier gegebenen Darstel¬
lung der Materie mit gutem Gewissen bejaht werden. Denn es ent¬
hält tatsächlich eine Fülle sehr schätzbarer, aus reichster persön¬
licher Erfahrung des Verfassers messender Ratschläge und Gesichts¬
punkte. Die einleitende Zusammenfassung der wesentlichsten gesetz¬
lichen Grundlagen für die ärztliche Begutachtung im Gebiete der RVO.
bringt in knappster Form das Notwendige, was der Gutachter unbedingt
wissen muss, wenn seine Arbeit im Spruchverfahren etwas nützen soll,
also die Bestimmungen vornehmlich über Krankenbehandlung Unfall-,
verletzter, Wartezeit, Rentengewährung, Gewöhnung, Wiedergewäh-
rung von Renten etc., auch das Wichtigste aus den Bestimmungen
der' RVO. für die Krankenversicherung. (Die Invalidenversicherung is!
nicht berücksichtigt.) In den allgemeinen Kapiteln über Gutachten und
Untersuchung wendet sich L. mit Recht (ob aber mit Erfolg?) gegen
die Prozenten-Fuchserei', welche dem Gutachter sehr wider seinen
Willen von den Versicherungsträgern und Spruchbehörden so oft auf¬
gehalst wird. Aus den eigenen wissenschaftlichen Beiträgen des Ver¬
fassers ist besonders das Studium und die praktische Auswertung
über Arthritis deformans und die nach L. damit zusammenhängend-.
Erkrankung der Palmarfaszie zu erwähnen. In der Simulationsfragt
nimmt Verfasser mit Recht einen Standpunkt ein. den man als einer
..affektfreien“ bezeichnen und schätzen darf1. Betreffs der Symp¬
tomatologie der Unfallneurosen pflückt L. manches Blättlern weg, da;
man gewöhnt war, als nicht ganz unwesentlich für die Diagnose z>
betrachten, z. B. das Verhalten von Reflexen, den Dermographismus
die ehedem hochgeschätzte konzentrische Gesichtsfeld-Einengung um
dergl. Die Oppenheim sehe Lehre von der traumatischen Neurosr
ist ia nicht mehr anerkannt. Aus dem speziellen Teil der Unfallfolger
an den verschiedenen Regionen des Körpers soll hier nichts heraus¬
gehoben werden, als z. B. die Darstellung über die Untersuchung um
Begutachtung betr. der Hernien, wo L. einen in mancher Hinsicht vor
der Spruchgewohnheit des RVA. abweichenden Standpunkt einnimmt
dann die besonders verdienstlichen Ausführungen über das Kapitel de
27. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
131
„Rückenschmerzen“, endlich die Auseinandersetzungen über Osteo¬
myelitis, Tuberkulose, Arthritis deformans, über die Methoden des
Messens an den Extremitäten, über die Bedeutung der Schwielen, die
Erkennung der Rechts- oder Linkshändigkeit. Die praktisch dienlichste
Form der Untersuchung bei Bewegungsstörungen, z. B. der Fuss-
gelenke, welche durchaus nicht als Gemeingut aller Begutachter gelten
kann, findet eine sehr anschauliche und instruktive Darstellung. Hand¬
griffe und Finessen mancher Art finden sich da verzeichnet, welche
sich nur dem langjährigen Untersucher von Rentenbewerbern nach
und nach auftun, aber jedem Begutachter nützlich sidh erweisen wer¬
den, wenn er sie nur einmal erfahren hat. Durch den völligen Ver¬
zicht auf Bilder und Literatur ist in dem nicht umfänglichen Werke
eine Unmenge sehr wissenswerten Erfa’hrungs- und Lehrstoffes auf¬
gehäuft, so dass es sicher auch kein Erfahrener aus der Hand legen
wird, ohne etwas Neues daraus gelernt zu haben.
Grassmann - München.
Heinrich Marzeil: Neues illustriertes Kräuterbuch. Mit Beiträgen
von Apotheker Dr. Hugo Ziegenspeck, Dr. med. K. K a h n t und
Prof. Dr. Heinrich M a r z e 1 1 senior. Reutlingen, Ensslin und
Laib lins Verlagsbuchhandlung. Ladenpreis M. 32. — .
Das 711 Seiten starke Buch bietet eigentlich viel mehr als der Name
sagt. Es will den botanischen Laien in die Kenntnis der in Mittel¬
europa wildwachsenden und der angebauten Gewächse einführen und
ihm deren praktische Verwendung, in erster Linie in der Heilkunde,
dann im Haushalte, in der Industrie, Technik usw. darlegen. Das Auf¬
suchen („Bestimmen“) einer Pflanze geschieht in sehr einfacher, ge¬
schickter und origineller Weise, und zwar nicht nach der althergebrach¬
ten Art der sonst allgemein üblichen Bestimmungsschlüssel, die alle
mehr oder weniger auf den feineren Blütertbau Rücksicht nehmen, son¬
dern nach leicht erkennbaren Merkmalen (Wuchsform, Blütenfarbe) und
vor allem nach dem Standort der Pflanze (Wiese, Wald, Moor, Wasser,
Ackerland, Sandboden usw.). Diese Anordnung ermöglicht es _ denn
auch dem Nichtfachmanne, sich verhältnismässig leicht zurechtzufinden.
Die botanischen Kunstausdrücke sind in einem kurzen, den Bau und
das Leben der Pflanze behandelnden Teile erklärt. Ganz besondere
Beachtung hat der Verfasser den deutschen Volksnamen und der
Pflanze im Volksglauben gewidmet, auf welchem Spezialgebiet
Dr. Mar zell seit Jahren bekanntlich erfolgreich schöpferisch tätig ist.
Kein anderes Kräuterbuch enthält so viel Volksnamen (gegen 6000) aus
allen Teilen des deutschen Sprachgebietes. Weitere Kapitel beschäfti¬
gen sich mit den Ersatzstoffen für Drogen, Genussmittel, Faserstoffe,
andere mit dem Einsammeln und der Aufbewahrung der Heilpflanzen,
mit der Zubereitung und den Bezugsquellen der Drogen, mit dem Pflan¬
zenschutz usw. Ein wertvolles Literaturverzeichnis und ein umfang¬
reiches alphabetisches Register schliessen das sehr vielseitige, zuver¬
lässige und kritisch durchgearbeitete Buch, das auch grösseren An¬
sprüchen gewachsen ist. Das Buch enthält 32 prächtige Farbentafeln
von dem wohlbekannten naturwissenschaftlichen Zeichner Prof. Morin
in München, ausserdem noch eine grosse Anzahl Textabbildungen. Mit
Rücksicht auf die heutigen Verhältnisse ist die Ausstattung des Buches,
das für jeden Pflanzenliebhaber eine reiche Fundgrube bietet, eine vor¬
treffliche. Gustav Hegi.
Carl Posner: Rudolf Virchow. 3. Auflage. Rikolaveriag,
Wien, Berlin, Leipzig, München 1921. 91 Seiten 8 °. Mit einem Bildnis.
Wer einen Führer durch die Lebensarbeit des Phänomens Rudolf
Virchow braucht — und jeder Arzt sollte einen solchen besitzen — ,
der sei auf dieses kleine, mit Verständnis und Herzenswärme ge¬
schriebene Büchlein aufmerksam gemacht. Die schöpferischen Lei¬
stungen V i r c h o w s auf dem Gebiete der Pathologie und medizini¬
schen Theorie, die einem halben Jahrhundert den Stempel aufdrückten,
sind klar herausgearbeitet, aber auch die sehr interessante Tätigkeit
Virchow s auf anderen Gebieten, vor allem auf politischem Gebiete,
nicht übersehen. Das Heft ist das erste Bändchen einer^ von Neu¬
burger herauszugebenden Serie „Meister der Heilkunde“.
Kerschenstein er.
Pharmazeutische Rundschau.
Von Oberapotheker Dr. Rapp in München.
Es sind 11 Jahre verflossen, seitdem das letzte deutsche Arznei¬
buch (5. Auflage) erschienen ist. Wie berichtet wird, arbeitet man
bereits an der neuen Auflage, jedoch soll deren Herausgabe noch
längere Zeit beanspruchen. Es dürfte daher nicht zu spät sein, einige
Kapitel des Arzneibuches vom medizinischen und pharmazeutischen
Standpunkte aus zu besprechen. Ich habe als Thema der vorliegenden
Rundschau „1. Maximaldosen und 2. Dosierung der neueren Arznei¬
mittel“ gewählt; andere Kapitel sollen im Laufe des Jahres folgen.
In den 26 existierenden Arzneibüchern haben 21 Staaten _ Listen
für Höchstgaben oder Maximaldosen aufgenommen und zugleich 'be¬
stimmt, dass die Maximaldosen nur dann überschritten werden dürfen,
wenn der Arzt die höheren Gaben ausdrücklich durch Beifügen eines
Ausrufzeichens (!) verlangt.
Nur in den Arzneibüchern von 5 Staaten fehlen die Höchstgaben,
und zwar in den Pharmakopoen von England, Spanien. Portugal und
den Vereinigten Staaten Nordamerikas.
Die Anzahl der aufgenommenen Maximaldosen schwankt zwischen
1153 und 54 Aufzeichnungen. Die festgelegten Dosen der verschiedenen
Staaten weichen oft stark, bis zum 3 — 4 fachen, voneinander ab. Die
Maxiinal-Einzelgabe zur Maximal-Tagesgabe verhält sich meist 1:2,
nicht selten beträgt der Unterschied das 3 — 4 fache, vereinzelt das
5 und 10 fache.
Ueber den Wert der Maximaldosen seien folgende im Schrifttum
verzeichnete Aeusserungen mitgeteilt:
Die Bearbeiter der portugiesischen Pharmakopoe heben hervor,
dass es nichts Zufälligeres gäbe als die Grenzen der Unschädlichkeit
der Arzneimittel. Diese hängen ab von den Krankheiten, von den
Kranken, vom Alter und Geschlecht, von der Idiosynkrasie, von der
Immunität, von der Rasse und von der Konstitution der Patienten.
Was heute eine „Dosis tberapeutica“ wäre, könne morgen schon eine
„Dosis toxica“ sein. Eine Gabe, die vielen Kranken verderblich sei,
würde bei Alkoholismus oder Starrkrampf oft wirkungslos sein.
Die Bearbeiter der Arzneibücher von Argentinien, Spanien und den
Vereinigten Staaten erwähnen die Höchstgaben überhaupt nicht; auch
in der englischen Pharmakopoe fehlt ein Hinweis hierüber. In Eng¬
land besteht nur die Bestimmung, dass der Apotheker die vom Arzte
verordneten Gaben aller, auch der schwach wirkenden Mittel prüfen
muss, ob sie nicht ungewöhnlich gross sind. Welche Richtlinien hiebei
einzuhalten sind, darüber schweigt sich das englische Arzneibuch aus.
Dazu ist zu bemerken, dass die Maximaldosen ihren Zweck, vor¬
übergehend Schädigungen der Kranken oder gar Vergiftungen zu ver¬
hüten, überhaupt nur beschränkt erfüllen können; denn einerseits ist
jede derartige Tabelle unvollkommen, da nur ein Teil der Mittel Auf¬
nahme finden kann, und anderseits werden sich die Ansichten der
Kommissionsmitglieder, welche die Maximaldosen festlegen, auf Grund
der Erfahrungen in der Praxis im Laufe der Zeit immer wieder ändern.
Die Bearbeiter der 21 Arzneibücher, welche Maximadosen in diesen
aufnähmen, haben sicher alle obigen Gesichtspunkte in Betracht ge¬
zogen; die Zweckmässigkeit der Tabellen war für sie das ausschlag¬
gebende Moment. Harnack sagt ganz richtig, in einem Vortrage zur
Verbesserung der Gewichtsbezeichnung auf Rezepten (D.m.W. 1912
S. 1842): „Wo es sich um Geld handelt, auf Wechseln, Quittungen usw.,
hält man es für selbstverständlich, sich nicht nur auf Ziffern zu be¬
schränken, wo es sich um die viel wertvollere Gesundheit handelt, er¬
scheint eine Ergänzung der Zahlen noch in Worten als überflüssige
Vorsicht! Das Weglassen einer Null bedeutet stets die 10 fache Dosis
und die 10 fache der wirksamen ist nicht selten die tödliche. Wie viel
Unglücksfälle durch die eine zu irrig gesetzte Null schon entstanden
sind, das ist gar nicht zu berechnen.“
Weit grösser dürfte wohl — wie mir jeder Kollege bestätigen
kann — die Zahl der Fälle sein, in welchen durch das rechtzeitige Ein¬
greifen des die Arznei anfertigenden Apothekers weiteres Unheil ab¬
gewendet worden ist. Und damit kommen wir auf den Kernpunkt der
ganzen Frage.
Nicht als Polizeivorschrift dürfen die Maximaldosen aufgefasst
werden, sondern als Schutzdosen, um Arzneischädigungen oder
gar Vergiftungen zu verhüten, die durch irrige Verschreibweise in den
Kommastellen entstehen können. Nicht die ärztliche Freiheit im Ordi¬
nieren soll durch Aufnahme von Maximaldosen geschmälert werden,
sondern vielmehr die Sicherheit der Kranken vor Schädigung soll unter
allen Umständen gewahrt bleiben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass
man sowohl beim Mediziner als auch in der Pharmazie grossen Wert
legt auf das absolute Vertrautsein mit den Maximaldosen. Der Zweck
ist ein doppelter. Für den Arzt sind die Maximaldosen Rieht linien
über Höhe der Dosen von starkwirkenden Arzneimitteln: dem Apo¬
theker sollen es Warnungssignale sein, bei ihrer Ueberschreitung ohne
besonderes ärztliches Merkzeichen vorsorglich beim Arzte Er¬
kundigung einzuziehen.
Die Wichtigkeit dieser Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apo¬
theker dürfte am besten durch folgende Erwägungen klar werden. Nach
der deutschen Gesetzgebung, insbesondere infolge der Haftpflicht, kann
der Arzt nicht nachdrücklich genug auf die Gefahr hingewiesen werden,
die eine fehlerhafte Verschreibweise nicht nur für den Patienten, son¬
dern auch für den haftpflichtigen Arzt selbst zur Folge haben kann.
Es wird immer noch zu wenig beachtet, dass die ärztlichen Verord¬
nungen nach der Entscheidung des Reichsgerichts vom 12. Oktober 1888
als Privaturkunden gelten und bestimmt sind, als Belege rechtserheb¬
licher Tatsachen zu dienen. Der Arzt haftet nicht bloss für den
Schaden bei fehlerhafter Verschreibweise, sondern auch für jeden
Schaden bei ungenau gegebener Gebrauchsanweisung. Diese Haftpflicht
kann dem Arzte, der die Verschreibweise von Rezepten auf die leichte
Schulter nimmt, teuer zu stehen kommen.
Unter diesen Umständen haben Arzt und Apotheker das grösste
Interesse daran, dass in der neuen Auflage des deutschen Arzneibuches
die Maximaldosen beibehalten werden. Sie müssen weiterhin für Ver¬
besserungen im Arzneibuche eintreten, dahingehend, dass auch Höchst¬
dosen für Kinder festgesetzt werden und eine Erweiterung der Maximal¬
dosen erfolgt auch für eine möglichst grosse Anzahl nicht offizineller,
viel verordneter Arzneigifte. Zweckmässig wäre auch die Aufnahme
einer Vorschrift, dass bei Verordnung aller starkwirkenden Arzneimittel
stets vom Arzte eine genaue Gebrauchsanweisung zu geben ist und
die Gewichtsmengen auf Rezepten ausser in Zahlen auch in Worten zu
verzeichnen sind.
Als Unterlagen für Kinderdosen kann ein Referat von G ö p p e r t -
Göttingen dienen, mitgeteilt in den Therapeutischen Halbmonats¬
schriften, Januar 1920, das sich speziell auf Dosierung der Beruhigungs¬
mittel im Säuglings- und Kindesalter erstreckt und die Dosen für stark¬
wirkende Mittel in tabellarischer Anordnung bringt.
132
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Ebenso müssen ausser der verhältnismässig kleinen Anzahl von
Maximaldosen der offizineilen Mittel die Maximaldosen nicht offizineller
Mittel in einer Tabelle Aufnahme finden. Letztere Mittel werden heute
fast häufiger wie erstere verordnet.
Auch findet sich im Arzneibuch keinerlei Hinweis über die Auf¬
nahmefähigkeit der Einnehmelöffel (Ess- resp. Kaffeelöffel) für flüssige
Arzneien nach Grammen berechnet; ebensowenig über genaue Eichung
der Arzneispritzen für subkutane, intramuskuläre und intravenöse In¬
jektionen und Dosierung der hiefür in Betracht kommenden Mittel
(Salvarsan, Quecksilberalze u. dgl. m.). Auch diese Punkte verdienen
bei einer Neubearbeitung des Arzneibuches entsprechende Berück¬
sichtigung.
Ein derart verbessertes und erweitertes Arzneibuch brächte dem
Arzte manche Erleichterung und würde für ihn ein wertvolles Nach-
schlagebuch sein, wenn event. noch die genaue Dosierung und das
Indikationsgebiet für die einzelnen Arzneimittel angegliedert werden
könnte.
Vorbildlich in dieser Beziehung hinsichtlich Anordnung des Stoffes
sind, wie ich das schon anderwärts betonte, die grossen wissenschaft¬
lichen Broschüren über neuere Arzneimittel unserer chemisch-pharma¬
zeutischen Grossindustrie. Es ist wohl zu erwarten, dass das neue
Arzneibuch auch eine grössere Anzahl bewährter neuer Präparate be¬
rücksichtigen wird, die sich im Laufe der letzten Jahre eingebürgert
haben und als Bereicherung des Arzneischatzes gelten können.
Durch ein neues Arzneibuch mit Maximaldosen für Erwachsene und
Kinder, mit Höchstgaben von nicht offizineilen Mitteln, mit Angabe
genauer Dosierung von neueren Arzneimitteln, würde nicht nur dem
Apotheker Freude bereitet, sondern auch für den Arzt, der das Arznei¬
buch bisher zu wenig kannte, ein wertvolles Nachschlagewerk ge¬
schaffen werden.
Neuere Arzneimittel, Geheimmiittel, Spezialitäten,
zusammengestellt von April bis Oktober 1921.
Die in den letzten Monaten einsetzende Hausse auf dem Arznei¬
mittelmarkt hat auch die Spezialitäten mitergriffen. Die Arzneimittel
sind leider im neuen Staatswesen gleichfalls Spekulationsartikel ge¬
worden. Wir haben heute bereits die exorbitant hohen Preise, wie
sie im Frühjahr 1919 waren, zu verzeichnen und dabei ist noch kein
Ende der Aufwärtsbewegung zu erkennen. Neuere Arzneimittel sind,
wie nachfolgende Zusammenstellung zeigt, in reichlichem Masse be¬
kannt geworden, von denen ich wie bisher nur eine kleinere Anzahl
aufnehmen konnte.
1. Als Antipyretika, Antineuralgika sind zu nennen:
Aspochin — azetylsalizylsaures Salz des azetylsalizylsauren Chininesters
mit 48,4 Proz. Chinin und 51,6 Proz. Azetylsalizylsäure, empfohlen bei
Neuralgie des Trigeminus, bei allen Formen von Migräne, bei An¬
fällen von Bronchialasthma. Fabrikant: Prof. Dr. H. Gold-
Schmidt- CharLottenburg 5.
Novalgin = Methylmelubrin. Fabrikant: Farbwerke vorm. Meister,
Lucius & Brüning-Höchst a. M.
Novazetyl = azetylsalizylsaures Magnesium mit 94 Proz. Azetylsalizyl¬
säure. Darsteller: Chem. Fabrik Joh. Kayser & Co., G.m.b.H.-
Braunschweig.
II. Als Antirheumatika, Gichtmittel sind zu erwähnen:
Jod-Dermasan = starkes Jod-Ester-Dermasan. Darsteller: Dr. R. Reiss-
Berlin-Charlottenburg.
Rheumakesin = enthält Terpene, Camphene, ätherische Oele, geringe
Mengen Jod und ein Gleitmittel. Darsteller: Dr. Ivo Deiglmayr-
München 25.
III. Als Hypnotika sind mitzuteilen:
Somnifen „Roch e“ = 20 proz. Lösung der Diäthylaminsalze der
Diäthyl- und Dipropylbarbitursäure. Fabrikant: Hoffmann La-
Roche-Basel.
Somnospasmosan *= nach Prof. v. Noordens Angabe Natr.
diaethylbarbituric., Pyrazolon, Kodein, Bromalkalien, Kalzium-
glyzerophosphate. Fabrikant: Chem. Fabrik Dr. R. und Dr. O. Weil-
Frankfuit a. M.
IV. Als Sedativa sind zu nennen:
Extr. Valeria nae aromaticum ,,Dr. Schmitz“ = ein neues
alkoholfreies Fluidextrakt mit hohem Extraktgehalt und aromatischen
Zusätzen. Hersteller: Fabrik pharmazeutisch-chemischer Präparate
Dr. K. Schmitz- Breslau 7.
Hypotonin = Anlinoverbindung der Isovaleriansäure. Hersteller: Prof. Dr.
H. Goldschmidt-Charlottenburg 5.
V. Kardiaka, Diuretika, Gefässmittel. Hierher gehören:
Adonigen = enthält die wirksamen Bestandteile von Herba Adonidis
vernalis in stets gleichbleibender Zusammensetzung ohne störende
Nebenstoffe. Fabrikant: Chem.-pharmaz. Werke A.-G.-Bad Homburg.
D i g i t r a t „Kahlbau m“. Durch Extraktion der Droge mit absolutem
Alkohol hergestellte, titrierte Digitalistinktur, von unangenehmen
Nebenwirkung freies Präparat. Fabrikant: Chem. Fabrik Kahlbaum-
Adlershof.
D i g i t y 1 = auserlesene Digitalisblätter-Bestandteile in der gleichen natür¬
lichen Lagerung wie in der lebenden Pflanze. Hersteller: Präpa-
ratengesellschaft m.b.H.-Berlin-Schöneberg.
Lobelin hydrochloric. cryst. — salzsaures Salz eines neuen, beständigen
Alkaloids der Lobelia inflata als Erregungsmittel des Atemzentrums
empfohlen. Fabrikant: C. H. Böhringer Sohn-Nieder-Ingelheim a. Rh.
VI. Mittel bei Erkrankung des Digestionstraktes.
Es sind zu erwähnen:
Als Magen- und Darmmittcl.
A 1 1 i q u i d i n = ein alkoholisches Zwiebelextrakt, empfohlen bei Sub¬
azidität und infektiösen Durchfällen. Hersteller: Löwenapotheke
Landeshut (Schlesien).
Artopon — Resorcinylkarbinol mit kolloidgebundenem Wasser bei Durch¬
fällen und Ruhr angezeigt. Fabrikant: Chem. Fabrik Reisholz- j
Reisholz bei Düsseldorf.
Ichthysmut : Bismuth. subsulfoichthyolic. bei Magen- und Darmerkran¬
kungen. Hersteller: Dr. Ermer und Dr. Busch-Nürnberg.
Als Gallensteinmittel.
F e 1 a m i n = besteht aus Hexamethylentetramin und dem wirksamen Prinzip i
der Ochsengalle. Hersteller: Chem. Fabrik vorm. Sandoz-Busei.
Als Wurmmittel.
Santoveronin = ein Präparat, das nach Untersuchung von Dr. Bo-;
dinus (Pharm. Ztg. 1921 Nr. 66) 54,7 Proz. Kupfer enthält. Her- j
steiler: Chem. Fabrik joh. Kayser & Co., G.m.b.H. -Braunschweig.
VII. Nähr- und Blutpräparate (Tonika, Roborantia).
Hier sind zu nennen:
Albucitin = Nervennähr- und Kräftigungsmittel, enthält Trockenmilch, ;
eilezithinreiches Biskuitmehl, Eisen usw. Darsteller: Ackermann &
Ochs-Elbing.
G e r i 1 — ein Nährpräparat, das als ideales Diätetikum, Stomachikum, i
Neurotonikum, Roborans für Eisen-, Phosphor-, Kalk-, Lezithinkuren j
empfohlen wird. Hersteller: Geril G.m.b.H., Berlin O. 27.
K i n d e r n a h r u n g „A p o t h. D r. Zivis“ = 50 proz. sterilisierte, ent- I
fettete Alpenmilch mit leicht löslichem phosphorsaurem Kalk und i
Nährsalzen. Hersteller: Gebr. Eppstein-Freiburg i. Br.
Milo ein malz- und dextrinhaltiges, diätetisches Nährmittel ohne Milch-
und Zuckerzusatz. Hersteller: Nestld Gesellschaft-Vevey.
O s s a = Dr. med. Baumgartens Kalknährmittel = milchsaurer, phosphor¬
saurer und glyzerinphosphorsaurer Kalk, Kalziumchlorid und Zucker.
Hersteller: Erich Otto-Stuttgart, Bismarckstr. 36.
Perl-Eiweiss — Nährpräparat mit 92 Proz. Gesamteiweissstoffen. Her- ■
steiler: R. Haberer & Co. -Osterwick a. Harz.
Vitaminose — Tabletten ohne Erhitzung aus frischem Spinat und schluin- I
mernden Getreidekörnern hergestellt. Fabrikant: Dr. Volkmar
Klopfer-Dresden-Leubnitz.
Arsaniontabletten stellt nicht der M.B.K.-Betrieb her, wie irrtümlich i
aus anderen Zeitschriften übernommen wurde. Der M.B.K.-Betrieb ,
fabriziert nach wie vor nur Astonin-Ampullen.
VIII. Dermatika, Hautmittel. Hieher gehören:
Kupfer-Dermasan = a) mit Tiefenwirkung (0,3 Proz. Kupfer), b) mit
Oberflächenwirkung (0,15 Proz. Kupfer). Hersteller: Dr. R. Reiss- i
Berlin-Charlottenburg.
Makabrin = Name für 1 proz. Sozojodolquecksilbersalbe. Hersteller:
Chem. Fabrik H. Trommsdorf-Aachen.
M i 1 a n o 1 = Salbe, die als wirksamen Stoff basisch trichlorbutyl-malonsaures
Wismut enthält. Hersteller: Athenstaedt & Redeker-Hermelingen.
Nohaesasalbe = Hämorrhoidaisalbe nach Vorschrift von Geh. Rat
v. Noorden-Homburg aus Campfer-Chloral-Menthol bestehend. Her¬
steller: Chem. -pharm. Werke-Bad Homburg A.G.
Novitan = neutrale Salbengrundlage mit hoher Wasseraufnahmefähigkeit. !
Fabrikant: Präparatengeseilschaft m.b.H.-Berlin-Schöneberg.
S u 1 f u 1 a n „C a s e 1 1 a“ = früher Prosulfan ist xanthogensaures Natrium.
Fabrikant: L. Casella & Co.-Frankfurt a. M.
Terpestrol — ein gutes, granulationsfähiges Wundstreupulver, bestehend
aus Milchpulver, Elaeosaccharum Ol. Terebinthinae 5 Proz. und
Hexamethylentetramin 10 Proz. nach Vorschrift von Prof. Dr. Heinz-
Erlangen. Fabrikant: Chem. Fabrik Dr. Ivo Deiglmayr-München.
Z e r g a 1 i n = basische Verbindung der Cer-Erden mit Gallussäuren zur
Behandlung oberflächlicher Hautleiden. Fabrikant: Chem. Fabrik
C. A. F. Kahlbaum-Berlin-Adlershof.
IX. Als Antisyphilitikum ist zu erwähnen:
M i r i o n = eine organische Jodverbindung mit 1,7 Proz. Jod. Es soll die
Jodspeicherung im syphilitischen Gewebe in weit grösserem Umfange
stattfinden als bei den bisher gebrauchten Jodpräparaten. Fabrikant: ■
Suchywerke A.G., Pharm. Abt., Wien I.
X. Antiseptika, Desinüzientia. Hieher gehören:
Allactol = milchweinsaures Aluminium. Hersteller: Pharmax G.m.b.H.-
Berlin.
A p h 1 o g o 1 = eine Mischung von kristallisierter Karbolsäure und Kampfer.
Hersteller: Kaiser-Friedrich-Apotheke-Berlin NW. 6.
J u n i j o t = ein weingeistiger Perkolatauszug von einer in Deutschland
wildwachsenden Cupressinee, der nach dem Verdunsten ein dünnes
Häutchen auf der Haut zurücklässt. Hersteller: A.G. für medizinische
Produkte-Berlin.
M i a n i n = p. Toluolsulfomonochloramidnatrium mit einem Gehalte von
25,2 Proz. aktiven Chlor. Hersteller: Saccharinfabrik A.G. vorm.
Fahlberg, List & Co. -Magdeburg Südost.
XI. Mittel bei Erkrankungen der Atmungsorgane und Tuberkuloseheilmittel sind:
Heufieber polyvalentes Nr. 312 = aus den Pollen von Roggen und
Gräsern hergestellt, hat den Vorzug der höchstmöglichen Reinheit.
Hersteller: Chem. Fabrik Dr. Brunnengräber-Rostock.
1 e r o 1 i n = Lebertranemulsion der Firma Riedel A.G.-Berlin-Britz.
Proteogen Nr. 3 = ein amerikanisches Tuberkuloseheilmittel. Für
deutsche Aerzte durch Züpplin-Cincinnati V.St.A. zu erhalten.
XII. Organotherapeutische Präparate. Hierher gehören:
Anitnasa = eine aus der Innenhaut der Aorta junger Tiere gewonnene
fermentative Substanz als Mittel gegen Arteriosklerose. Fabrikant:
Organotherap. Werke-Neuenkirchen b. Oldenburg.
27. Januar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
133
Asthmaitrin = Asthmamdttel, aus Physormon, Nebennierenhormon und
Papaverin bestehend. Fabrikant: Queisser 6c. Co. G.m.b.H., Organo-
Abt., Hamburg.
Eatan — Hydrolysate tierischer Eiweisskörper und Organe. Hersteller:
Eatinon G.m.b.H. -München. Karolinenplatz 3.
Gefässpräparat-Heilner — enthält alle physiologischen Wirkungs¬
werte der Gefässwand in bestimmter Verarbeitung zusammengefasst
und soll die stetige fermentative Erneuerung des darmederliegendcn
lokalen Gewebsschutzes der Gefässwände bewirken. Hersteller:
Luitpoldwerke-München 41.
Hypernephrin = das synthetische Hormon des Nebennierenmarkes.
Hersteller: Ges. für Fein-Chemie m.b.H. -Berlin NW. 7.
Physormon = Hypophysenextrakt der Firma Oueisser 6c Co. G.m.b.H.,
Organo-Abt., Hamburg.
Plazentaopton — ein nach Abderhalden aus Plazenta hergestelltes
Organpräparat. Hersteller: E. Merck, chem. Fabrik, Darmstadt.
XIII. Bakteriotherapeutisches Präparat.
üripkalen = Grippeimpfstoff „Kalle" aus dem Pfeifferschen Bazillus nach
besonderer Methode hergestellt. Hersteller: Kalle 6c Co. A.G.-
Biebrich a. Rh.
XIV. Zur parenteralen Therapie.
A b i j o u = ist der jetzige Name für Ophthalmosan, ein keimfreies Milch¬
präparat. Fabrikant: Sächsisches Serumwerk-Dresden.
A 1 b u s o 1 = ein Eiweisskörper, der rein chemisch-physiologische Wirkung
enthalten, keine örtliche Reaktion, keine Anaphylaxie verursachen
soll (M.m.W. 1921 Nr. 24). Hersteller: Chem. Fabrik Dr. Ivo Deigl-
mayr-München 25.
Yatren -Casein stark = mit 5 Proz. Casein und 2,5 Proz. Yatren.
Hersteller: Westlaboratorium-Hamburg, Billrookdeich 42.
Zeitschriften- Uebersicht.
Zeitschrift für Tuberkulose. Band 34. Heft 1 *).
Selter und N e h r i n g - Königsberg: Einfluss der Ernährung auf die
T uberkulosesterblichkeit.
Unter Beigabe mehrerer Kurven wird dargetan, dass zwar die Bedeutung
der Wohnung für die Ausbreitung der Tuberkulose nicht verkannt werden
darf, dass aber die Ernährung zweifellos der wichtigste soziale Faktor für
die Tuberkulosesterblichkeit ist.
Franz I c k e r t - Stettin: Ueber die Tuberkulose der Kinder und Jugend¬
lichen nach den Sterblichkeitsziffern der Kriegsjahre.
Die Sterblichkeit der Kinder und Jugendlichen an Tuberkulose hat im
Kriege in Deutschland und in Holland wesentlich zugenommen, in Deutsch¬
land aber 10 mal mehr als in Holland. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit
sehr energischer Bekämpfung der Kindertuberkulose. Die bisherige Fürsorge
ist auszubauen; die Heilungstendenz der Schulaltertuberkulose kommt dabei
günstig in Frage. Im Kleinkindesalter ist besonders die Expositions¬
prophylaxe zu vergrössern. „Die Schaffung von einwandfreiem Milieu und
von einwandfreier Pflege für die Kleinkinder scheint sich als das A oder O
der Tuberkulosebekämpfung herauszukristallisieren.“
Kurt E i c h w a 1 d - Berlin: Konstitutionelle Anomalien bei Tuberkulose.
Unbeschadet der anatomischen Kennzeichen einer Tuberkulose muss man
auch versuchen, dem Konstitutions- und Dispositionsprobleme auf immun¬
biologischem Wege beizukommen.
Heinrich F e i b e s - Düsseldorf : Ueber spezifische Tuberkulosebehand-
lung unter besonderer Berücksichtigung des MTbR.-Verfahrens nach
Deycke-Much.
Schädigungen sind .bei dieser Behandlung nicht beobachtet worden.
MTbR. kann aber Alttuberkulin nicht in allen Fällen ersetzen.
Karl Dietl-Wien: Allgemeine und kutane Tuberkulinallergie.
„Wir sind vielleicht berechtigt, der innersekretorischen Funktion des
Hautorgans in den Abwehrbestrebungen des Organismus gegen die Tuber¬
kulose eine wichtige Rolle einzuräumen. Dann bedeutet aber eine lebhafte
kutane Allergie nicht allein einen Indikator für das Vorhandensein reichlicher
Antikörpermengen, sie stellt auch ein Zeichen eines überhaupt kräftig
funkt.ionierenden Hautorganes dar. Dass die kutane Allergie von der Be¬
schaffenheit der Haut bis zu einem gewissen Grade abhängig ist, geht wieder
aus den Untersuchungen Karczags hervor, der nachweisen konnte, dass
die Allergie der weissen Meerschweinchen zwar grösser ist als die der
farbigen, dass sie aber mit dem Fortschreiten des Krankheitsprozesses ab¬
nimmt, während die Allergie der farbigen Tiere eine Zunahme zeigt. Wir
können uns vorstellen, dass die Haut, geradeso wie sie auf das von aussen
zugeführte tuberkulöse Gift, auf das Tuberkulin, kräftig reagiert und es da¬
durch abzubauen bestrebt ist, auch auf die in den kranken Lungenherden ent¬
stehenden Gifte in ähnlicher Weise einzuwirken vermag. Die Tuberkulin¬
therapie ist dann nicht nur eine spezifische Antigentherapie, sie scheint auch
imstande zu sein, durch kutane Leistungssteigerung die Progredienz des
tuberkulösen Lungenprozesses zu bekämpfen.“
H. H a u p t - Dresden : Die staatliche Bekämpfung der Rindertuberkulose
im Deutschen Reiche.
Heft 2.
Wilhelm S t e p h a n - Mannheim: Lungentuberkulose im Rückbildungs¬
alter mit besonderer Berücksichtigung der Kriegseinflüsse.
„Die verhängnisvollen Folgen des Krieges zeigen sich auch in einer
erheblichen Zunahme der Todesfälle an Lungentuberkulose im Rückbildungs¬
alter, die bei den Frauen sogar stärker ist als die durchschnittliche Zu¬
nahme der Todesfälle an Lungentuberkulose aller Altersklassen. Gleichzeitig
können wir einen schnelleren Verlauf der Erkrankung beobachten.
Im klinischen Bilde ist besonders auffallend der niedrige Blutdruck, der
auf toxische Einflüsse zurückgeführt werden muss, welche die blutdruck¬
steigernden Momente paralysieren.
Als Reaktion einer Hypertonie (Nierensklerose), die im Laufe der chro¬
nischen Lungenerkrankung ihr Hauptsymptom, die Blutsteigerung, einbüsst,
ist die auch autoptisch recht häufig nachweisbare Hypertrophie und Dila¬
tation des linken Ventrikels anzusehen (Herztod).
*) Verspätet, da anscheinend die betr. Handschrift verloren ging. L.
Die Therapie bei Alterstuberkulo.se bedarf gewisser Modifikationen. Be¬
sonders zu warnen ist vor kritikloser Anwendung von Kaltwasserprozeduren
wegen der herabgesetzten Wärmeersatzfähigkeit im Rückbildungsalter.“
August O fi r e m - Honnef a. Rh.: Zur Methodik der Tuberkulinbehand-
lung. (Ein Beitrag zur Frage der Ueberempfindiichkelt.)
„Die Ueberempfindlichkcitserscheinungen bei der Tuberkulose werden
wahrscheinlich hervorgerufen durch zu langsamen Abbau der Endotoxine bzw.
der künstlich zugeführten Antigene (Tuberkulin) infolge zu geringen Bestandes
an Antikörpern, so dass giftige Zwischenprodukte entstehen, die zu Mattig¬
keit, Fieber, Herdreaktionen führen.
Der Zustand der Ueberempfindlichkeit kann über lange Zeit bestehen
bleiben, wenn die Antigenmengen (Endotoxin, Tuberkulin) dauernd zu klein
sind, als dass sie über die Ueberempfindlichkeitserscheinungen hinaus eine
Anregung der Zellen zur Luxusproduktion von Antikörpern hervorzurufen ver- -
möchten. Es zeigt sich dies besonders bei den prognostisch günstigen
Initialfällen.
In diesen Fällen ist am ehesten durch eine konsequent gesteigerte
Antigenzufuhr eine Ueberwindung der Ueberempfindlichkeit zu erwarten.“
E. L i e b h a r d t - Nürnberg: Der Nachweis aktiver Tuberkulose durch
die Eigenharnreaktion von W i 1 d b o 1 z.
Die Eigenharnreaktion ist eine spezifische Reaktion bei Menschen, die
an aktiver Tuberkulose erkrankt sind. Die Reaktion ist von zu geringer
Intensität; sie ist ferner zu inkonstant, um für die praktische Verwertung in
ihrer jetzigen Form grössere Bedeutung zu besitzen.
R. L u b o j a c k y - Gewitsch (Mähren): Ein neuer Apparat zur Durch¬
führung des künstlichen Pneumothorax.
H. M a e n d 1 - Alland: Nachtrag.
Weitere interessante Mitteilungen über Spontanpneumothorax.
G. S c h r öd e r - Schömberg: Ueber neue Medikamente und Nährmittel
zur Behandlung der Tuberkulose.
Der bekannte Schröder sehe zusammenfassende Bericht. Dass der
Verf. ihn dazu verwendet, einen ganz unwissenschaftlichen und darum weite
Kreise umsomehr irreführenden Aufsatz von Prof. Lindner über Heil¬
wirkung des Alkohols im „Kosmos“ in aller Schärfe zu widerlegen, verdient
die grösste Anerkennung, ganz gleich, wie sich der Einzelne zur Verwendung
des Alkohols im besonderen Falle stellt.
Die Heilstätten beilage enthält einen Jahresbericht über
Scheidegg von K 1 a r e. Liebe- Waldhof-Elgershausen.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie.
Band 34, Heft 2. Jena 1921, Gustav Fischer.
Naunyn: Nachruf auf Wilhelm Erb.
G r o e d e 1 - Frankfurt a. M. : Röntgensymptomatologie des Ulcus
duodeni.
Kritik der röntgenologischen Symptome; im Zusammenhang mit Ana¬
mnese und klinischem Befund lässt sich die Diagnose in der Mehrzahl der
Fälle stellen. G. bevorzugt die Durchleuchtung und Aufnahme im Stehen
mit leichter Kompression durch Anpressen des Kranken an die Kassette.
Allenfalls ist noch eine Aufnahme in schräger Bauchlage hinzuzufügen.
Max Rosenberg: Der Wert der A m b a r d sehen Konstante als
Methode der Nierenfunktionsprüfung. (Aus der 1. inneren Abt. d. Stadt.
Krankenhauses Charlottenburg- Westend.)
A m b a r d hat 1911 den Harnstoffgehalt des Blutes und die Harnstoff¬
ausscheidung im Harn in Beziehung zueinander gesetzt und eine Normal¬
formel angegeben. R. findet zwar, dass bei richtig durchgeführtem Wasser-
und Konzentrationsversuch jede Störung der Harnstoffelimination manifest
werden muss, findet die Konstante aber tauglich als kurzfristige Unter¬
suchungsmethode, besonders für ambulante Beobachtungen. Nur ist zu be¬
rücksichtigen, dass bei normaler Konstante schwere Funktionsstörungen nicht
ausgeschlossen sind.
Th. E. Hess Thaysen: Die Koloptose als Ursache der Obstipation.
(Aus der Med. Universitätsklinik Kopenhagen.)
Die normale Lage des Transversum im Stehen wechselt von Nabelhöhe
bis 13 cm tiefer. Die Form der rechten Flexur ist bei Aszendensobstipation
nicht häufiger als bei normalen Menschen spitzwinklig, ebensowenig die linke
Flexur bei Transversumobstipation. Es erscheint Verf. sehr zweifelhaft, ob
die „Koloptose“ Bedeutung für die Entstehung der Obstipation hat. Auch
das klinische Bild der habituellen spricht gegen eine rein mechanische
Ursache. Wahrscheinlicher ist funktionelle Störung. Fixierte spitz¬
winklige Flexuren infolge Adhäsionen geben mechanische Hindernisse ab.
0. Winterstein: Zur Phrenikuslähmung bei Lähmung des Plexus
brachialis. (Aus der Chir. Klinik Zürich.)
6 fremden Beobachtungen fügt W. eine eigene hinzu. Plexuslähmung
infolge Sturzes mit der linken Schulter auf einen Stein. Neurolyse besserte
nur die Parästhesien. Die am Ansatz frakturierte 1. Rippe war kaudalwärts
disloziert, auch Wirbelfortsätze schienen fräkturiert. Die linkseitige
Phrenikuslähmung, welche keinerlei subjektive Störung verursacht hatte,
wurde durch Röntgendurchleuchtung 'sichergestellt, welche diesen Befund bei
traumatischer Plexuslähmung häufiger aufdecken dürfte.
Rieh. Stephan: Polyperiostitis hyperaesthetica. (Aus der Med. Klinik
des St. Marien-Krankenhauses Frankfurt a. M.)
Mit obigem Namen bezeichnet St. ein an 5 weiblichen Kranken genau
studiertes Krankheitsbild: eine Systemerkrankung des gesamten Periostes,
sehr chronisch in Perioden mit subfebrilen Temperaturerhöhungen verlaufend,
anfangs umschrieben, später generalisiert. Den sehr schmerzhaften peri-
ostitischen Herden entsprechen — im Sinne Head scher Zonen — Gebiete
starker Hauthyperästhesie, wobei das Unterhautbindegewebe ausserordentlich
stark auf subkutan injizierte Medikamente (Trypaflavin, Tuberkulin) reagiert.
Aetiologie dunkel. Keine Beziehung zu Tuberkulose oder Lues. Thera¬
peutisch wirkten nur lokale kleinste Röntgendosen.
W. Löhr: Die Senkungsgeschwindigkeit der roten Blutkörperchen als
diagnostisches Hilfsmittel bei chirurgischen Erkrankungen. (Aus der Chir
Universitätsklinik Kiel.)
Die Blutsenkungsbeschleunigung geht bei allen Krankheitsgruppen pro¬
portional der Grösse des Zellzerfalls und der Resorption der Zellzerfalls¬
produkte. Die Methode gestattet eine differentialdiagnostische Abgrenzung
der Entzündungen gegenüber nichtentzündlichen Prozessen, aber nicht gegen¬
über Tumoren, z. B. bei Knochenerkrankungen. Tritt bei klinisch und
röntgenologisch einigermassen sicherem Ulcus pylori oder duodeni beschleu¬
nigte B.S. auf, so sind Entzündungen im Spiele. Die Reaktion ist so fein,
M
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
dass sie auch einen Gradmesser für Grösse und Heftigkeit des Zellzerfalls
abgibt.
R. Schräder: Ueber Veränderungen im Verhalten der Dichte der
Kapillarwandung und deren Nachweis durch das Endothelsymptom. (Aus der
Med. Klinik des St. Marien-Krankenhauses Frankfurt a. M.)
Das von Rumpel und L e e d e zunächst bei Scharlach gefundene,
dann von Stephan bei Grippe und Rachitis tarda beobachtete Endothel¬
symptom besteht darin, dass nach Anlegung einer Gummibinde für 5 Minuten
am Oberarm feine Hautblutungen unterhalb der Binde, besonders in der
Ellenbeuge, auftreten. Verf. berichtet über weitere Beobachtungen und Unter¬
suchungen. Die vermehrte Durchlässigkeit der Kapillarwandungen wird her¬
vorgerufen durch bestimmte Gifte (Grippetoxin, Salvarsan, Spirochätenstoff¬
wechseltoxine, Chloroform, Anaphylatoxin u. .a), welche elektiv schädigend
auf die Zellstruktur des Endothelapparates wirken, ferner bewirken Störungen
im endokrinen Gleichgewicht (Menstruation, Basedow, Klimakterium u. a.)
sekundär über die Milz beträchtliche Schwankungen im Tonus der
Epithelzellen. G r a s h e y - München
Archiv für klinische Chirurgie. Bd. 117. 2. Heft.
Klimm eil: Zur Operation des Kardiospasmus und des Oesophagus¬
karzinoms. Chirurgenkongress 1921. Referiert Nr. 17.
Kir schner: Zur Radikalbehandlung des chronischen Pleuraempyems.
Chirurgenkongress 1921. Referiert Nr. 17.
Bleichsteiner: Der Einfluss der Alkoholanästhesie des Ganglion
Gasseri auf die Kautätigkeit.
Durch Ausschaltung des motorischen Trigeminus treten, nach Alkohol¬
injektionen in das Ganglion Gasseri Störungen der Kauarbeit auf. Die
Oeffnungsbewegungen des Unterkiefers gehen nicht mehr in sagittaler Richtung
vor sich, sondern infolge Lähmung einzelner Muskelgruppen tritt eine Ver¬
schiebung des Kinnes nach der Injektionsseite bei Oeffnung des Mundes auf.
Die Patienten benutzen die nicht gelähmte Seite zum Kauen, dabei wird der
Unterkiefer von der gelähmten Seite zur nicht gelähmten hinübergezogen und
so wieder die Okklusion erreicht. An Stelle der sagittalen Oeffnungs¬
bewegungen sind also komplizierte Drehungsbewegungen getreten. Trotz
dieser bedeutenden Veränderungen gegenüber der Norm sind die subjektiven
und objektiven Folgen nur sehr geringe und erheischen kaum eine Behandlung.
Hadda: Totale Emaskulation bei ausgedehntem Peniskarzinom.
Mitteilung eines selbst beobachteten solchen Falles und Zusammen¬
stellung sämtlicher in der Literatur bekannt gewordenen Fälle. Die totale
Emaskulation ist stets indiziert bei sehr vorgeschrittenem Peniskarzinom, das
die Grenze des Penis überschritten, auf Skrotum und seinen Inhalt über¬
gegriffen hat. Psychische Störung nach Entfernung beider Hoden ist
bisher nicht beobachtet worden. Der Eingriff ist technisch einfach, die Erfolge
ermutigend.
Wechsler: Zur Sternumspaltung.
Die mediane Sternumspaltung ist als Voroperation bei rein intrathora¬
kalen Strumen indiziert und kommt als Palliativeingriff bei allen thorakalen
Tumoren in Betracht, wenn es sich darum handelt, die Luftwege von einer
erheblichen Kompression rasch und wirksam zu befreien. Mitteilung von 4
einschlägigen Fällen.
Pick: Zur Diagnose der Fremdkörperperitonitis.
Auseinandersetzung der Schwierigkeiten, die die Differentialdiagnose
zwischen tuberkulöser Peritonitis und Fremdkörperperitonitis bereiten kann
an Hand eines selbstbeobachteten Falles. Durch vorgenommene Tierexperi¬
mente konnte der Autor den Nachweis erbringen, dass die Entwicklung von
Fremdkörperknötchen nur bei länger dauerndem Fremdkörperreize auf das
Peritoneum und bei nichtresorbierbaren Fremdkörpern stattfinden kann.
Erd heim: Anatomische und klinische Untersuchungen über Primärge¬
schwülste vortäuschende Metastasen, insonderheit solcher des Adenokarzinoms
der Schilddrüse.
Mitteilung von einigen Fällen, bei denen eine Metastase das einzig klinisch
nachweisbare Krankheitssymptom darbot, während der Primärtumor symptom¬
los bestanden hatte oder zur Zeit überhaupt nicht resp. erst längere Zeit
später nachweisbar war. Vorzugsweise handelt es sich um Metastasen nach
Hypernephrom, Schilddrüsen- und Prostatakarzinom. Die operative Ent¬
fernung solcher solitärer Metastasen mit womöglich gleichzeitiger Entfernung
des Primärtumors ist indiziert.
K e y s s e r: Weitere Untersuchungen über experimentell nach Einimpfung
von menschlichen Karzinomen und Sarkomen entstandene Mäusegeschwülste.
Durch entsprechende Auswahl und Vorbehandlung (Reizzustand, Sensi¬
bilisierung) ist es möglich, menschliche Geschwülste auf weisse Mäuse zu
übertragen, so dass an der Einpflanzungsstelle auch böartige Geschwülste ent¬
stehen. Die Entwicklungsdauer solcher übertragener Geschwülste beträgt im
Durchschnitt 10 Monate. Die erste Impfausbeute ist gering (2 Proz.), kann
aber durch weitere Impfung in Generationen bis auf 30 Proz. gesteigert
werden. Ob diese Beobachtungen im Sinne einer infektiösen Aetiologie des
Karzinoms zu verwerten sind, bleibt noch dahingestellt.
Nie den: Beitrag zur Aetiologie der akuten Magenlähmung.
Klinische, pathologisch-anatomische und experimentelle Studien haben
den Autor zu folgender Auffassung dieses Krankheitsbildes geführt. Die Ur¬
sache der akuten Magenlähmung ist in einer individuellen nervösen Dispo¬
sition zu suchen. Experimentell gelingt es nicht, eine akute Magenlähmung
hervorzurufen. Doppelseitige Vagusdurchtrennung hat auf die Peristaltik des
Hundemagens nur einen sehr geringen Einfluss. Dagegen tritt eine Ausweitung
des Magens im Fündusteile und eine erhebliche Verzögerung der Austreibungs¬
zeit durch Herabsetzung des Tonus der Magenwand auf. Ausschaltung der
sympathischen Nervenversorgung des Hundemagens ändert Motilität und Ent¬
leerungsdauer desselben nicht wesentlich. Morphiumgaben hatten nach Aus¬
schaltung des Vagus, sowie nach gleichzeitiger Ausschaltung von Vagus und
Sympathikus eine erhebliche Verzögerung der Austreibungszeit zur Folge. Bei
intakter Vagusinriervation hat Morphium keinen Einfluss auf die Magen-
motilität. Bei postoperativen Magenstörungen und Magenlähmungen ver¬
bietet sich die Verabreichung von Morphium. H o h 1 b a u m - Leipzig.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 167. Band. 1. — 2. Heft.
Eugen Polya-Pest: Beiträge zur Kenntnis der retrograden In¬
karzeration.
Weitere eigene 9 und 6 Fälle aus der ungarischen Literatur, die Zahl der
veröffentlichten Fälle steigt damit auf über 100. Des Verfassers Ansicht,
dass es sich bei der rertograden Darminkarzeration immer um die Ein¬
klemmung des Verbindungsschiingenmesenteriums handle, wird durch die Ge- ?
samtliteratur bestätigt. . , . ,
Entweder steigen 2 oder 3 Darmschlingen durch eine breite Bruchpforte
in den Bruchsack hinab oder es wandert die Kuppe des im Bruchsack
befindlichen Darms in die Bauchhöhle zurück. Die Einklemmung des Ver-
bindungsschlingenmesenteriums entweder durch die Verengerung infolge der
Passage der 4 Darmlumina anstatt zweier oder durch Einbeziehung der nach
oben geschlagenen Verbindungsschlinge in den Bruchring. Die Ernährungs¬
störung der Verbindungsschlinge ist grösser als die der Bruchschlinge.
Durch Blähung der Verbindungsschlinge kann ihr Mesenterium aus dem '
Bruchringe herausgerissen werden, wodurch eine partielle oder totale Lösung
der Inkarzeration bewirkt werden kann.
Die grosse klinische Bedeutung der retrograden Inkarzeration liegt darin,
dass trotz gar nicht oder wenig veränderter Schlingen im Bruchsack eine
Nekrose einer intraabdominellen Schlinge bestehen kann. Die Häufigkeit der
retrograden Inkarzeration beträgt nach dem Material des Verf. 2/4 Proz.
der Fälle. Auffallend ist der grosse Prozentsatz bei den Nabelbrüchen, unter
27 eingeklemmten Nabelbrüchen waren 3 retrograd inkarzeriert.
Diagnostisch wichtig sind: Disharmonie zwischen schweren Allgemein¬
symptomen und kurzer Zeit der Inkarzeration, palpable harte Schlinge oder
Resistenz im Bruch über der Inkarzerationsstelle, asymmetrische Bruchge¬
schwulst.
Alfred Schubert: Die Ursachen der angeborenen Schlefhalserkran-
kungen. (Aus der chir. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr. Direktor:
Prof. Dr. K i r s c h n e r.)
Heredität, falsche Regeneration, Schädelasymmetrie und Mitbeteiligung
der benachbarten Muskeln und faszialer Scheiden an der Degeneration des
Kopfnickers machen die Annahme einer primären, zentralen, nervösen Störung
wahrscheinlich, die alle Symptome des Krankheitsbildes zu erklären vermag.
Conrad Blaesen: Kongenitale, mediale und laterale Halsfisteln. (Aus ;
der Chir. Klinik der Universität Bonn. Direktor: Geh. Med. -Rat Prof.
Dr. G a r r ö.)
9 Fälle kongenitaler Halsfisteln, die allein erfolgreiche Behandlung ist
die Radikaloperation.
R. R. Niemeyer: Ueber die Hypertrophie der Vorsteherdrüse. (Aus _
dem pathologisch-anatomischen Institut der Universität Köln. Direktor: Prof.
Dr. A. D i e t r i c h.)
Bei geringgradigen Veränderungen ist eine kompensatorische Hyperplasie
auf dem Boden seniler Involution anzunehmen, die schweren Fälle sind als
echte Geschwulstbildungen (Fibromyoadenome, Fibromyom) aus dem Gebiet
der Innendrüse aufzufassen. Weder entzündliche Vorgänge noch die Athero- .
Sklerose sind die Ursache der Erkrankung.
Arthur Lukowsky: Ueber die diffuse Fibromatose der Mamma und
ihren Uebergang in Karzinom. (Aus dem pathologischen Institut der Uni- a
versität Köln. Direktor: Prof. Dr. A. Dietrich.)
Die diffuse Fibromatose der Mamma (Mastitis chron. cystica) ist ein
chronischer Reizzustand mit lebhafter Bindegewebshyperplasie, die die
primäre Veränderung darstellt. Zystenbildung und Epithelproliferation sind
sekundäre Erscheinungen. Unizentrische und pleuriatrische Karzinoment¬
wicklung auf dem Boden der Fibromatose ist nicht selten, ihre Diagnose ist
aus dem destruierendem Wachstum leicht zu stellen.
W. Noetzel: Zur Operation des perforierten Magengeschwürs. (Aus
der chir. Abteilung des Biirgerspitals zu Saarbrücken.)
N. betont gegenüber S c h ü 1 e i n (161. Bd. d. D. Zschr. f. Chir.), dass
er (vgl. Bruns Beitr. 110) nicht mehr die Exzision des Geschwürs, sondern
die Uebernähung möglichst mit G.E. als Normalverfahren bei der Behandlung
des perforierten Ulcus ausführt. Ferner wird die Nahtstelle nicht mehr
tamponiert, wenn nicht die morschen Ränder dazu zwingen. Die Spülung
wird so ausgefü’hrt, dass durch einen Knopflochschnitt unterhalb des Nabels
ein Drain ins Becken kommt und dann durch die Operationswunde gespült
wird. Ausserdem Drainage des subhepatischen Raumes rechts. Möglichst
baldiges Verbringen des Operierten in einen Sessel. Von 26 seit 1911
operierten Fällen starben 10. Die Resektion beim perforierten Geschwür
als Normalverfahren wird mit v. R e d w i t z abgelehnt.
Adolf Sohn: Zur Kasuistik des Darmverschlusses infolge innerer
Einklemmung in einer Mesenteriallücke und über den Volvulus des Sanduhr¬
magens. (Aus der chir. Abt. des Städt. Krankenhauses zu St. Georg in
Leipzig. Leit. Arzt: Prof. Dr. Heller.)
Bericht über einen Fall von Dünndarminkarzeration in eine Mesen¬
teriallücke kurz oberhalb der B a u h i n sehen Klappe, Resektion, Ileozoeko-
stomie, Heilung.
In dem 2. Fall war der pylorische Teil eines Sanduhrmagens durch eine
Mesokolonlücke nach unten getreten und hatte eine Achsendrehung um 180 0
erfahren. Detorsion, G.E., Exitus.
Der häufige Befund eines Ulcus bei Mesokolonlücke ist wohl durch Zirku¬
lationsstörungen am Magen zu erklären. Hinweis auf die Arbeit von Feder- I ;
Schmidt (D. Zschr. f. Chir. 118).
Kurtzahn: Verfahren einer Erzielung der Kontinenz bei Anus praeter¬
naturalis. (Aus der chir. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr. Direktor:
Prof. Dr. M. Kirschner.)
Der Vorschlag des Verf., durch Kompression des Darmendes zwischen
einen Hautschlauch und der äusseren Haut eine Kontinenz bei Anus iliacus ;
zu erzielen, wurde 2 mal von Kirschner praktisch erprobt (technische
Einzelheiten im Original), dabei ergab sich als bestes Verfahren, in den
Hautschlauch einen Gummischlauch einzuführen und dagegen eine kompressive
und federnde Bruchbandpelotte auszuüben. Es wurde eine vollständige
Kontinenz ohne Beschwerden erzielt. H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 1.
E. P a y r - Leipzig: Ueber eine keimfreie, kolloidale Pepsinlösung zur
Narbenerweichung, Verhütung und Lösung von Verklebungen.
Verf. berichtet ausführlich über seine Versuche mit keimfreien Pepsin,
dessen peptische Kraft nicht abgetötet wurde, Narben zu lösen und zu er¬
weichen, Adhäsionen vorzubeugen oder zu bekämpfen; er bespricht ein¬
gehend die Bedingungen, Anwendungsgebiete, die Technik und die Erfolge
bei der Anwendung seiner sterilen Pepsinlösung. Um eine wasserklare
Lösung und sichere Keimfreiheit bei Erhaltung der peptdschen Kraft zu
erzielen, löst er reinstes Pepsin Merck in der P r e g 1 sehen isotonischen
Jodlösung; er stellt eine 1 proz. Lösung her, die klar und schwach alkalisch
ist, den Zusatz von Novokain-Adrenalin verträgt; 1 — 2 Tropfen 5 proz. Milch-
7. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
135
iure auf 5 ccm der Lösung genügen, um eine saure Reaktion hervorzurufen
nd die verdauende Wirkung der Pepsin-Pregl-Lösung zu erhöhen. Die
i/irkung des Pepsins im Organismus erklärt sich dadurch, dass bei un-
enügender Blutversorgung eines Gewebes oder Wundgebietes eine ver¬
ehrte Säurebildung, eine Säurestauung auftritt, die auf das einverleibte
epsin aktivierend einwirkt, wodurch die Gewebskolloide der Resorption zu-
inglich gemacht werden. Mit dieser Narbenerweichung geht einher eine
ändige Gewebsdesinfektion, da durch die in den Geweben vorhandenen
äuren immer Jod abgespalten wird. Ein Aufflackern einer alten Infektion
t demnach nicht zu befurchten. Die einzelnen Anwendungsgebiete werden
inn aufgezählt, die Technik der Einspritzung und ihre Erfolge besprochen,
ie vorzügliche Arbeit verdient eingehendes Studium, da das neue Verfahren
denfalls eine grosse Zukunft hat.
Ed. M e 1 c h i o r - Breslau: Zur ScHnittführung bei der Brauer sehen
ardiolyse.
Da Verf. bei der Bildung des typischen türflügelartigen Lappens 2 mal
ekrosen des Lappenrandes bzw. eines Lappenteiles beobachtete, empfiehlt
; einen ausgiebigen Längsschnitt über die V. Rippe zu machen, der be-
uemen Zugang zum Herzen verschafft und gleichzeitig die erwähnten Wund-
örungen vermeidet.
A. H. H o f m a n n - Offenburg: Regenerationsfähigkeit des Colon
•rcendens und transversum.
An 4 Röntgenbildern zeigt Verf. das Bestreben des Kolons, nicht bloss
perativ geschaffene Lücken auszufüllen, sondern auch die verloren ge¬
angenen Teile direkt zu ersetzen. Die Haustren erscheinen durch den Druck
er Darmgase ausgezogen, abgeflacht und bedingen dadurch eine Ver-
ngerung des ganzen Darmes oder ein Auswachsen des Kolons.
E. G 1 a s s - Hamburg: Nachtrag zu meiner Mitteilung in Nr. 12 des Zbl.
on 1920: Ein selten grosser „freier Körper“ in einer Hydrocele testis. Zur
rage der Entstehungsmöglichkeiten.
Verf. fand kürzlich in einem Hydrozelensack eine derbe, kugelige, nur
ji einer dünnen Stelle mit dem Hodentiberzug verwachsene Geschwulst, die
1s Fibrom anzusprechen war; wahrscheinlich hat sich dieser Tumor all-
lählich mehr und mehr abgeschnürt und war im Begriff, sich zu einem freien
ydrozelenkörper zu entwickeln. Mit 1 Abbildung.
William Levy- Berlin: Bild der Trommlerlähmung (Ausfall der Funktion
es Extens. pollic. long.) durch typischen Radiusbruch.
Verfasser beobachtete kürzlich 2 mal nach Radiusbruch den Ausfall der
unktion des langen Daumenstreckers. Dieser Defekt ist bekannt als
rommlerlähmung und bedingt durch eine Zerreissung dieser Strecksehne
ach entzündlichen Veränderungen. Wodurch die Trommlerlähmung in den
eiden vom Verf. beobachteten Fällen zustande kam. kann Verf. noch nicht
hgeben; möglich wäre, dass das Tuberculum radii (Henke) bei seiner Ver-
tzung die lange Daumenstrecksehne mit zerreisst.
E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 1.
C. M e n g e - Heidelberg: Das Korpusadenom der Matrone.
Bei dem Korpusadenom der Matrone handelt es sich um ein Gebilde,
as seiner anatomischen Struktur nach vollkommen gutartig ist, welches
ladurch als echtes Neoplasma charakterisiert ist, dass es sich erst mehrere,
rweilen sogar viele Jahre nach eingetretener Matronenatrophie des Genital-
pparates durch eine planimetrisch angelegte Epithelproliferation aus einem
;hon mehr oder weniger atrophisch gewordenen Schleimhautmutterboden
ieschwulstartig heraushebt. Die Entfernung mit der Eihautzange ist leicht,
ezidive bleiben aus. 8 Fälle.
F. L i c h t e n s t e i n - Leipzig: Zehn Jahre geburtshilflich ab wartender
klampsiebehandlung.
L. nimmt in einer eingehenden kritischen Besprechung und Statistik
10 Seiten!) Stellung zu den zur Zeit modernen Eklampsietheorien und An-
chten und gibt eine Zusammenstellung, die das therapeutische Vorgehen
er Zweifelschen Schule: Aderlass, Narkotika als berechtigt erscheinen
issen. Diese geburtshilflich abwartende Behandlung hat sich in 10 jähr.
nwendung .bewährt. Sie verdient den Vorzug vor der Schnellentbindung,
'eil damit 1. viele Eklampsien interkurrent heilen und dieser Verlauf wissen-
chaftlich fördernd ist, 2. keine tödlichen Verletz/ungen (Verblutung, Infektion)
esetzt werden, 3. keine gesundheitsschädlichen Verletzungen für Ueber-
:bende vorhanden sind (Fisteln, Zervixnarben), 4. die Mortalität der Mütter
nd Kinder auf etwa die Hälfte gegen früher herabgesetzt ist, 5. der auf
ich selbst gestellte praktische Arzt die Eklampsie zweckmässiger behandeln
ann als mit grossen Operationen.
H. K ü's t e r - Weisser Hirsch (Dresden): Ein Vorschlag zur Verminde-
nng der Abortgefahr bei Operationen an der schwangeren Gebärmutter.
Die Infiltration der Zervix mit 1 proz. Novokain-Suprareninlösung setzt
en durch die am Uterus erfolgende Operation gesetzten Reiz herab und
erhindert die Entstehung des Aborts. 2 Fälle.
W. S. F 1 a t a u - Nürnberg: Eine Verbesserung der intrauterinen Radiuiti-
nwendung.
Angabe eines neuen Radiumträgers, der den gleichzeitigen Abfluss des
itrauterinen Sekrets während des Tragens des Radiums ermöglicht: Breit
efensterter Hohlzylinder aus Neusilber. Verfertiger: Paul W a 1 b - Nürnberg.
Erich Färber-Prag: Ein einfacher Beckemnesser für alle erreichbaren
»istanzen des weiblichen Beckens. Werner- Hamburg.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 3 u. 4.
Hans Mautner: Beiträge zur Entwicklungsmechanik, Pathologie und
linik angeborener Herzfehler. (Aus dem Karolinen-Kinderspital in Wien,
’rimarius: Prof. Dr. W. Knöpfelmacher in Wien.) (Mit 10 Ab-
ildungen.) Zur Entwicklungsmechanik (die S p i t z e r sehe Theorie der
ransposition).
Die eingehende und wertvolle Arbeit ist zu kurzem Referate nicht ge-
ignet. Auch die verfeinerten klinischen Methoden lassen nach M. meist nur
ie Diagnose auf „Vitium congenitum“ stellen. Ein ausführliches Literatur-
erzeichnis erhöht den Wert der Arbeit.
; # Marcus A. T s o u m a r a s - Athen: Ueber eine paragonokokkisch-
pidemische Vulvovaginitis.
Kasuistische Mitteilung ohne wesentlich neue Gesichtspunkte.
' P. Hoff mann und S. Rosen bäum: Zur Pathogenese der akuten
limentären Ernährungsstörungen. Dritte Mitteilung: Die Magenzuckerkurve
nd ihre Bedeutung. (Aus der Universitäts-Kinderk'^k in Marburg.)
Nach 50 bei Säuglingen jeden Alters vorgenommenen Versuchen ergab
sich eine Abnahme der Konzentration irrt Ausgeheberten, sobald der Eiweiss¬
gehalt den der Frauenmilch überschreitet; diese Erscheinung erklärt sich
aus einer dem Säuglingsmagen eigentümlichen „Verdünnungssekretion“ gegen¬
über eiweissreicheren Nahrungsgemischen als Frauenmilch. Nach den Ver¬
fassern dürfte die Bestimmung der „Magenzuckerkurve“ bei Nahrungen mit
einheitlichem Kohlehydrat eine brauchbare Methode zur Bestimmung der
Magensaftsekretion darstellen.
J. Z e i s s 1 e r und R. K ä c k e 1 1: Die ätiologische Diagnose des Nabel¬
tetanus beim Neugeborenen. (Aus der Kinderklinik der Universität in Ham¬
burg [Prof. Kleinschmidt] und dem Bakteriologischen Untersuchungs¬
amt der Stadt Altona [Dr. J. Z e i s s 1 e r]).
Kasuistischer Beitrag eines einschlägigen Falles mit Sicherung der Dia¬
gnose durch Züchtung des Starrkrampferregers in Reinkultur, morphologischer,
kultureller und biologischer Prüfung, sowie durch Tierversuch an Mäusen.
Karl Benjamin: Der Wassergehalt des Blutes bei hydropischer Kon¬
stitution. (Mit 7 Abbildungen.) (Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Berlin.)
Bei Kindern mit hydropischer Konstitution ist der Blutwassergehalt
höher und wahrscheinlich auch labiler als bei gesunden Kindern gleichen
Alters. Während bei Neugeborenen das Blut am Wasserhaushalte des Ge¬
samtorganismus lebhaft beteiligt ist, wird seine Konzentration mit fort¬
schreitendem Alter zunehmend stabiler, damit nimmt auch die Möglichkeit,
den Wassergehalt des Gesamtorganismus besonders aber denjenigen des
Blutes durch die Nahrung zu beeinflussen, mit zunehmendem Alter ab. Die
Zusammensetzung der Nahrung (Kohlehydratreichtum) und ihr kalorischer
Wert sind von grösserer Bedeutung für den Wasseransatz als die zugeführte
Wassermenge.
Richard L e d e r e r - Wien: Die chronischen nichttuberkulösen Atmungs¬
erkrankungen des Kindesalters.
Auch diese Arbeit eignet sich nicht zu kurzem Referat, doch sei ihre
Lektüre im Original angelegentlich empfohlen. Sie zeigt so recht die dia¬
gnostischen Schwierigkeiten der Krankheiten der Atmungsorgane im Kindes¬
alter. In Bezug auf die Aetiologie hebt sie mehr als dies bislang geschehen
ist, schwere protrahierte Geburt, Prophylaxe gegenüber Infektion durch „er¬
kältete“ Personen in der Pflege des Neugeborenen hervor. Auch familiäre
dispositioneile Momente werden gebührend hervorgehoben. In der Unter¬
haltung der Erkrankungen spielen, nach Lederer, weniger eine bestehende
exsudative Diathese eine Rolle (? Ref.) — als das Bestehen von Rachitis,
interkurrente Infekte, und feuchte und kalte Wohnung (auch Grossstadt- und
Schulschädigungen Ref.). Ob die von L. gewählte neue Einteilung der Er¬
krankungen der Luftwege allgemeine Anerkennung finden wird, erscheint
zweifelhaft. In Bezug auf Therapie lobt der Verf. für die Fälle rezidivierender
Bronchitis die Bestrahlung mit künstlicher Höhensonne, während er in Bezug
auf den kurativen Erfolg der Adenotomie einen vorsichtig zurückhaltenden
Standpunkt einn.immt und die Entfernung der Wucherungen nur dann für ge¬
boten hält, wenn wirklich ein mechanisches Hindernis besteht. (In Bezug auf
Therapie liesse sich wohl noch manches sagen — wie Atemgymnastik, Klima¬
behandlung, Ca-Darreichung — Ref.)
Sitzungsbericht der Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunde.
Literaturbericht. O. Rommel- München.
Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 91. Bd.
6. Heit.
Dresel und F r e u n d - Heidelberg: Studien zur unspezifischen Reiz¬
therapie. 2. Mitteilung: Ueber die experimentelle Steigerung der Anthrako-
zidie im Blut.
Nach der Entdeckung von G r u b e r u. a. enthalten die Blutplättchen
von Kaninchen, Ratte und Pferd bakterizide Stoffe gegen den Milzbrand¬
bazillus. Es gelang nun den Verfassern durch Caseosan, Typhusimpfstoff in
kleinen Dosen, wiederholte Aderlässe, Röntgenbestrahlung in kleinen Dosen
eine recht erhebliche Steigerung dieser Stoffe beim Kaninchen hervorzurufen,
die im Plasma, Serum und Frischblutextrakt nachweisbar war. Das ist eine
neue Stütze für die Theorie von Freund, dass die Proteinkörper und die
unspezifische Reiztherapie zum Teil auf dem Umwege über den Plättchen¬
zerfall wirken. Es kann aber guch menschliches Serum, das normalerweise
nicht anthrakozid wirkt, milzbrandfeindliche Kraft erlangen. So fanden die
Verfasser bei Frauen in den letzten Wochen der Schwangerschaft grosse
Mengen dieser Stoffe, ebenso beim Menschen nach kleinen Caseosangaben,
bei nichtbehandelten Luetikern.
N o n n e n b r u c h - Würzburg: Untersuchungen über die Blutkonzen¬
tration. 2. Mitteilung: Ueber die Wirkung der Diuretika der Purinreihe auf
den Stoffaustausch zwischen Geweben und Blut.
Bei Theocin, Theophylin, Euphyllin erfolgte zunächst ein Abstrom von
Wasser aus dem Blut, dem bald ein oft überschiessender Einstrom folgte.
Das Serumeiweiss nahm oft durch absolute Vermehrung erheblich zu, auch
beim entnierten Tier. Für die Purindiurese ist neben dem Zustand der Niere
vor allem die Füllung des üewebsdepots mit Wasser und Salzen und die
Bindung des Wassers im Blut und den Geweben bestimmend.
O. R i e s s e r und .1. M. Neuschloss - Frankfurt a. M. : Physio¬
logische und kolloidchemische Untersuchungen über den Mechanismus der
durch Gifte bewirkten Kontraktur quergestreifter Muskeln. I. Ueber die
durch Azetylcholin bewirkte Erregungskontraktur des Froschmuskels und ihre
antagonistische Beeinflussung durch Atropin, Novokain und Kurare.
Das kennzeichnende Merkmal der Azetylcholinwirkung ist die Erregung
bestimmt lokalisierter, nervöser bzw. „neuromuskulärer“ Apparate des
Muskels. Die Azetylcholinkontraktur ist als das Paradigma einer tonischen
Funktion des Muskels zu betrachten, d. h. einer nicht durch zentral¬
motorische, sondern durch andersartige nervöse Erregungen vielleicht vegeta¬
tiver Natur ausgelösten Dauerwirkung. Der nervöse Erregungsapparat
dieser tonischen Funktion gehört vielleicht dem parasympathischen
System an.
G e s s 1 e r - Heidelberg: Ueber die Gewebsatmung bei der Ent¬
zündung.
Verf. hat an exzidierten Hautstücken vom Schwein nach der War-
b u r g sehen Methode den Sauerstoffverbrauch bestimmt und dabei normales
und entzündetes Gewebe verglichen. Er fand immer Steigerung des Sauer¬
stoffverbrauches in der Peripherie des Entzündungsherdes, und zwar um
36 57 Proz. je nach Stärke der Entzündung und Zeitpunkt der Entnahme.
Damit ist also eine Steigerung des Stoffwechsels in der Peripherie des
Entzündungsherdes bewiesen. L. Jacob- Bremen.
I.%
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 4.
Medizinische Klinik. 1922. Heft 1.
M. Kirschner: Die chirurgische Behandlung der Kriegsverletzungen
der peripheren Nerven und ihre Heilungsmöglichkeit durch operative Eingriffe.
Als Richtpunkte zur Indikationsstellung seien aus dem zusammenfassenden
und übersichtlichen Vortrage folgende hervorgehoben: Im ersten Monat nach
einer Schussverletzung gibt die Nervenlähmung an sich keine Veranlassung
zur Operation. Freilegung ist hingegen im weiteren Verlaufe dann geboten,
wenn die Lähmung ungebessert oder gar verschlechtert fortbesteht, wobei
sowohl die elektrische Untersuchung als vor allem auch der klinische Befund
berücksichtigt werden muss. Drei Jahre nach der Verletzung sind die Aus¬
sichten einer Nervennaht nur noch gering, fünf Jahre darnach sind sie als
erloschen zu betrachten. Gewisse Kontraindikationen gegen den Eingriff
sind zu beachten; zu ihnen gehört aber nicht die Tatsache vorausgegangener
erfolgloser Operationen. ......
R. Schmidt: Zur Kenntnis der Aortalgien (Angina pectoris) und über
das Symptom des anginösen linkseitigen Plexusschmerzes.
Klinische Abhandlung mit bemerkenswerten Befunden und Erörterungen,
zu kurzem Bericht nicht geeignet.
A. Kühn: Ueber Kieselsäureinjektionen.
Aeusserst vorsichtige Schlussfolgerungen aus günstigen Resultaten und
Untersuchungsbefunden (Blutbild) bei längerer Anwendung der Kieselsäure¬
therapie bei Tuberkulose. Jedenfalls ein wertvoller Beitrag zu dem noch
wenig geklärten Problem. „
E. Stransky und E. Schiller: Beiträge zur Klinik der Lues
congenita. ,
Klinischer und pathologisch-anatomischer Beitrag durch Mitteilung zweier
E. Langer: Die Behandlung der gonorrhoischen Gelenk- und Sehnen¬
scheidenentzündung. .„ . , _.
Die Behandlung ist eine kombinierende: Ruhe, Wärme (Heissluft, Stau¬
ung, Sonne, Packung, Bäder), dazu immunotherapeutische Massnahmen ver¬
schiedener Art und Stärke. Wichtig ist die Nachbehandlung nach Abklingen
der akuten Erscheinungen (Massage, Bäder, Elektrizität usw.).
A. Gross: Die Blutbehandlung der Anämien.
Die Therapie wirkt durch Protoplasmaaktivierung des zugeführten
Serumeiweisses und durch die parenterale .Eiseneinverleibung. Die Art des
verwendeten Blutes scheint gleichgültig zu sein. Bei schweren Anämien
empfiehlt sich zuerst eine grosse Zitratbluttransfusion, dann Nachbehandlung
mit Injektionen kleiner Mengen.
J. R. Thim: Ein neues Fläschchen nach Hinz-Thim zur sterilen
Aufbewahrung von Medikamenten und direkten Entnahme derselben mit der
Rekordspritze.
Hilgermann, Lauxen und Shaw: Bakteriologische Unter¬
suchungsbefunde bei Encephalitis lethargica.
3. Mitteilung über die von den Verfassern gesehenen Entwicklungs- und
arterhaltenden Formen parasitischer Protozoen.
K. Blühdorn: Die akuten Magen-Darmerkrankungen.
Für die Praxis der Ernährungsstörungen des Säuglingsalters. S.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51.
J e n t z e r - Genf : Des Operations endo-craniennes contre la Nevralgie
Faciale Retelle.
W y r s c h - Zürich: Zur Frage der geographischen Verbreitung und poli¬
klinischen Behandlung der Epilepsie.
Statistische Bearbeitung von 618 Fällen, Vergleich der Verbreitung in
Unterwalden und Zürich. Konsequente ambulante Behandlung mit Sedobrol
oder Brom und salzarmer Kost ergab 78 Proz. Besserungen. Mehr als ~ls
der Fälle, die auf Brom allein ungenügend reagierten, besserten sich mit
kombinierter, kochsalzarmer Brom-Luminaltherapie. Durch 0,05 — 0,1 Luminal
pro die kann 1,5— 2 g Brom gespart werden. Vorsicht bei Luminal ist ge¬
boten wegen der toxischen Wirkung.
0 p p r e c h t - Zürich: Ein Beitrag zum Morbus Banti.
lljähr. Kranker mit dem Symptomenbild des III. Stadiums, durch
Splenektomie vor 6 Monaten geheilt.
S e i 1 e r - Interlaken: Wirkung von Orangenschalendestillat auf Gallen¬
steinaffektionen.
Wesentliche Besserung in einem Fall, bei dem andere Massnahmen er¬
folglos waren. L. Jacob- Bremen.
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 1. A. E i s e 1 s b e r g - Wien: Ueber die Behandlung der Tetania
parathyreopriva.
Siehe M.m.W. 1921 S. 1540.
V. Blum- Wien: Ist die Verjüngung nach der Prostatektomie als
„Steinach-Effekt“ aufzufassen?
Durch die Prostatahypertrophie (besser das prostatische Adenom)
werden die Ductus ejaculatorii verdrängt und komprimiert; der Theorie nach
müsste also hierdurch eine Steinach-Verjüngung erfolgen. Der körperliche
und psychische Aufschwung, welcher der Prostatektomie zu folgen pflegt,
beruht gerade auf der wiedereintretenden Wegsamkeit der Ductus ejaculatorii
und dem Schwinden der chronischen Urotoxämie und wahrscheinlich auf der
Wiederherstellung der normalen Sekretion und Innensekretion der Prostata.
L. Rethi-Wien: Untersuchungen über die Schalleitung in der Nase
und über den Einfluss der Nasenweite namentlich auf die Singstimme.
R. H o f f m a n n - Wien: Ueber das Novatropin.
Das Novatropin (Nitrat des methylierten Homatropins) ist bei 30 — 50 mal
geringerer Giftigkeit dem Atropinsulfat therapeutisch ganz gleichwertig. Der
Wegfall zentraler Reizerscheinungen erleichtert wesentlich die einschlägige
Therapie, wobei die grössere, Dosierungsbreite und die Möglichkeit der intra¬
venösen Anwendung von Vorteil sind. «
H. Kahler- Wien: Ueber Veränderungen des Zuckergehaltes in der
Zerebrospinalflüssigkeit bei inneren und Nervenerkrankungen.
Kurzes Ergebnis: Bei Spinalprozessen fast durchgehends normale Liquor¬
zuckerwerte. Häufige Erhöhung bei Blutdrucksteigerung und fast ausschliess¬
lich bei essentieller Hypertonie infolge eines Reizzustandes des Vasomotoren¬
zentrums. Liquorzuckervermehrung bei normalem Blutzuckergehalt scheint
besonders bei Reizzuständen des Gehirnes vorzukommen, z. B. bei der
bulbären Form der essentiellen Hypertonie.
K. F i s c h e r - Wien: Ueber Behandlung der Krampfadern mit Sublimat¬
injektionen nach L i n s e r und über Behandlung der Beingeschwüre.
Die von Z i r n (M.m.W. 1919 Nr. 14) beschriebene Sublimatbehandlung
hat sich bei Varizen und den dadurch bedingten Geschwüren sehr gut be¬
währt. Bei schmierigen Geschwüren dient eine 10 proz. Terpentinemulsion
mit Wasser (Ränder mit Zinkpaste bestreichen, über das Ganze Billrothbattist)
zur raschen Reinigung; dann Ausheilung nur unter Billrothbattistbedeckung.
W. L o e w - Franzensbad : Ueber Schwankungen des Komplementgehaltes
bei Meerschweinchen.
H. Zweig: Ueber einen atypisch verlaufenden Fall von lyphus
abdominalis. _ , . ,
Vom Darm ausgegangene aber ohne wesentliche Darmerscheinungen ab¬
laufende sekundäre typhöse Septikämie. Obduktionsbefund.
M. R o s e n s t e i n - Mähr. Ostrau: Jodinjektionen (Mirlon) bei Keratitis
parenchymatosa und Lues hereditaria.
Günstige Erfolge. B e r g e a t - München.
Im Druck erschienene Inauguraldissertationen.
Universität Marburg. 2. Halbjahr 1921.
Feuer riegel Otto: Proteinkörpertherapie mit Berücksichtigung des
Aolans.
Henze Ludwig: Kasuistisches zur Spätrachitis.
Levy-Sonneborn Ludwig: Ueber Volvulus der Flexura sigmoidea,
insbesondere die schwere akute Form mit Gangrän der Flexur.
Moog Otto: Die Serumbehandlung des Scharlachs und ihre Beziehung zur
Proteinkörpertherapie. (Habil. -Schrift.)
Querfeld Erwin: Ein Fall von paranephritischem Abszess, zugleich ein
Beitrag zur Frage seiner Verwechslungsmöglichkeit mit Koxitis.
Schmiemann Erna: Ueber die Anwendung von Eukupin-Terpentin-
injektionen bei entzündlichen Adnextumoren und Parametritis exsudativa.
Seeger Wilhelm: Zur Differentialdiagnose des Ulcus pepticum oesophagi.
Wiedemann Helene: Die sog. Idiosynkrasien. Klinisches Bild, Wesen
und Behandlung.
Vereins- und Kongressberichte.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Januar 1922.
Tagesordnung:
Herr Paul Rosen st ein: Erfahrungen mit der Pneuino-Radiographit
des Nierenlagers. (Mit Demonstrationen und Lichtbildern.)
Vortragender führt zunächst aus, dass ihm die Priorität gegenübei
C a r r e 1 1 i zukommt. Die Methode hat zum Ziele, die Niere durch Um¬
hüllung mit Gas, im speziellen mit Sauerstoff, in ihren Grenzen sichtbar zv
machen. Man kann dies ohne das Peritoneum zu beschädigen, erreichen
indem man von der Lendengegend aus in Seitenlage in den Rückenwuls
unterhalb der 12. Rippe einsticht. Unter Benutzung des Brauer schei
Pneumothoraxapparats werden bis 500 ccm Sauerstoff eingelassen. Bei Re
achtung dieses Vorgehens ist die Gefahr einer Luftembolie ausgeschlossen
Nach dem Einstich muss man darauf achten, ob nicht Harn oder Blut aus de
Nadel ausfliesst. Ersteres um bei Hydronephrose, bei welcher das Verfahrei
kontraindiziert ist, die weitere Ausführung des Eingriffs zu unterlassen
Ebenso ist die Anwendung der Methode bei akuten Prozessen kontraindiziert
Einstich in den Psoas hat unangenehme Schmerzen, die bis in den Unter
Schenkel ausstrahlen, so dass dieses Vorgehen zu vermeiden ist. Die Methode
ist eine Ergänzung der übrigen Untersuchungsmethoden, die bei der Röntgen
durchleuchtung und stereoskopischen Aufnahme dann Aufschlüsse gibt.
Aussprache: Herr Ziegler: Durch die Methode ist der ober
Nierenpol sichtbar zu machen, was mit anderen Methoden nicht gelingt. Ar
wichtigsten ist die Ausführung der Durchleuchtung, welche man' in den ver
schiedensten Körperstellungen, im Liegen und Sitzen, vornehmen muss. I
Herr Joseph spricht über die Anwendbarkeit der Methode bei Hydro
nephrosen. wobei es oft zu Auftreten septischen Fiebers kommt.
Herr Hirschberg möchte die Methode Pneumo-Aktinographie benann
wissen.
Herr B e n d a macht darauf aufmerksam, dass die Nähe der Vena cav
die Gefahr der Luftembolie bietet, was besonders bei dem Verfahren vo
C a r e 1 1 i in Betracht kommt. Herr Kraut dagegen leugnet, dass dies
Gefahr besteht.
Herr Nagelschmidt: Ueber die Praxis der Röntgentiefendosierum
Die Dosierung ist bekanntlich bei der therapeutischen Anwendung vo
Röntgenstrahlen das notwendigste, und die von ihm hier verwendete Methr
dik setzt er auseinander.
Aussprache: Herr B u c k y hebt hervor, dass die physikalische Do
sierungsarbeit sehr weit entwickelt sei, während die biologische Ausarbeitur
noch im argen läge. An diesem Punkt hat die weitere Arbeit einzusetzei
Herr S c li u h m a c h e r: Ueber die Wirkung der Silbcrsalze auf di
Zelle. (Mit Demonstration.)
Die Wirkung der Schwermetallsalze beruht auf der Anwesenheit dt
Mstallions. Die Substitution war bisher unbekannt, und er weist nach, da1
sie mit den Nukleinsäuren erfolgt. Als Gesetz der Desinfektion bezeichn
er die Tatsache der Affinität zu den Nukleinsäuren und bezeichnet Desinfel
tionsmittel als solche, welche diese Affinität haben.
Aussprache: Herr Ben da weist auf die Verschiedenheit in de
Bindungsverhältnissen des toten und lebenden Gewebes hin. W.
Sitzung vom 18. Januar 1922.
Vor der Tagesordnung stellt Herr Homburger ein 9 jähriges Kii
mit plötzlicher hysterischer Erblindung vor. Das Kind fixierte vorgehaltei
Finger, die Pupille reagierte.
Herr W. Li ep mann: a) Neue Instrumente und ihre Anwendung
der Geburtshilfe.
An Stelle des stumpfen Hakens empfiehlt er eine Schlinge, die an ein'
Seite mit Kupferdraht montiert ist und alle Vorzüge des stumpfen Hakens ohi
seine Nachteile besitzt. Er empfiehlt, zur Verminderung des Drucks rr
2 Schlingen zu arbeiten. — Bei hochstehendem Kopf ist die von B u m
empfohlene Achsenzugzange zur Vermeidung der Symphysenreibung nicht .
Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
137
, behren. Er ersetzt den Achsenzug durch 2 Schnüre, die an der gewölin-
len Zange zu montieren sind. Die Richtung des Zuges wird durch eine
Spatel vom Damm aus reguliert. — Drittens: eine elastische zweckmässige
' ichenbettsbinde.
b) Der hohe Gradstand. Vortr. glaubt, dass der Kopf meist durch völ¬
ligen Blasensprung in die Lage emgestrudelt wird. In einem solchen Falle
i ang die Entbindung eines lebenden Kindes nur durch zervikalen Kaiser-
■ initt. Aether ist bei Geburten vorzüglich, da es wehenerregend und riach-
: lurtfördernd wirkt. Die Kinder werden sehr frisch geboren. Ein zweiter
nloger Fall von hohem Gradstand Hess sich mit seiner modifizierten Achsen-
::zange extrahieren.
Aussprache: Herr Sachs zeigt die Zangemeister sehen
Iken. deren Wirkung er für besser hält. Er glaubt, dass in praxi bei fest-
ihendem Steiss die beiden Schläuche sich nicht einführen lassen werden.
Herr Po eich au: Ueber die Methoden der Messung der Körpertem-
r atur und ein neues Verfahren der Schnellmessung.
Voitr. empfiehlt die Messung der Temperatur des Harnstrahls. Er be¬
sieht vergleichend die Messungen in axilla, im Mund, im Darm. Die Urin-
t iperatur entspricht der Körpertemperatur genau (Engländer und
( i i n c k e).
Aussprache: Herr Fürbringer: Die Harnmenge in der Sprech¬
ende genügt oft nicht, ebensooft nicht die Technik des Kranken. Der Arzt
r ss bei dem Akt selbst Zusehen, was bei Damen nicht geschehen kann.
Herr Kraus begrüsst die Aussprache eines Praktikers über einen ein-
i hen, aber wichtigen Punkt.
Herr Rosenthal, über neueste Bestrebungen der Hodenüberpflanzung,
sicht über die Berechtigung, die er für die allermeisten Fälle ablehnt,
tmoplastische Ueberpflanzungen sind schon trotz Zustimmung des Spenders
blenklich, wenn auch nicht vom juristischen Standpunkt . Mit Hoden ist ge-
r ezu schon Kettenhandel getrieben worden.
Aussprache: Herr Stabei gibt eine Uebersicht über vorliegende
fcibachtungen und bestreitet, dass bei Homosexuellen eine Aenderung der
lebrichtung durch Hodenüberpflanzung herbeigeführt werden kann.
Herr Rosenthal: Schlusswort. Wolff-Eisner.
k rein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin.
Pädiatrische Sektion.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 16. Januar 1922.
Herr Hamburger: Behandlung der Rachitis. (Referat.)
Herr Woillenberg: Orthopädische Behandlungsmittel zur Bekämpfung
i rachitischen Deformitäten.
L Physikalische: a) Massage (M ü 1 1 e r - München-Gladbach) haupt-
äjhlich zur Nachbehandlung. Nervöse Erscheinungen verschwinden, De-
(jnitäten werden geringer, Muskulatur wird gekräftigt; b) Hyperämie (Heiss-
t), Diathermie) ; c) aktive, passive Gymnastik; d) Strahlentherapie. Sie hat
i| sich schöne Erfolge, aber man darf keine übertriebenen Hoffnungen hegen,
«tiklose Anwendung führt zur vorzeitigen Befestigung der Deformitäten.
Gtt Höhensonne auch Bogenlicht.)
2. Mechanische Therapie: Wo Knochen völlig biegsam und weich, sind
r b ä n d e und Apparate anzuwenden. Nachteil bedeutet die Langsam-
c der Wirkung.
3. Blutige und unblutige Eingriffe: Ueberleitung durch schonende Re-
issements nur in gewisser Periode der gänzlichen Weichheit des Knochens
Hlich. Vor dem Redressement Erweichen durch Ruhigstellung in Gips
i g. Osteoklase wird durch allmähliche Ueberdehnung des Knochens
) zur Infraktur herbeigeführt. Abart der Osteoklase: unblutige Epiphysen-
iing (in Deutschland nicht gebräuchlich, dafür blutige Durchtrennung im
3 eich der Epiphysenlösung). Osteotomie, Keilresektion nach plan-
r:;siger Berechnung. Einfache oder mehrfache Durchsägung. Auch Aus¬
malung der ganzen Diaphyse aus dem Periost und Füllung des Periost-
mlauchs mit Jodoformplombe oder mit der zersägten Knochendiaphyse.
-e Erfolge, doch 1,5 Proz. Embolien. In der Regel hat Osteoklase gute
-)lge (S p i t z y von 140 Fällen 90 Heilungen). Die Osteotomie besitzt ge¬
äste Gefahr für Embolie, aber Gefahr für Peroneuslähmung und Gefahr der
Lokation der Fragmente (nicht ganz durchmeisseln, Rest einbrechen).
I. Orthopädische Beeinflussung: 1. der Kyphose: Rauchfussschwebe,
' inationsgipsbett (Lagerung nur vorübergehend). Schedes Lagerungs¬
ort (wenn Kinder sich auf Arme stützen können). G o c h t s schiefe Ebene,
•stein scher Schaukelstuhl. Gipsbett mit Führung des Bogens nach der
reren Seite, event. auch fragezeichenartig.
2. Der Thoraxdeformitäten: Wicklung des Bauches, wo nur Bauchatmen
’ e"t. Behandlung der Hühnerbrust im Gipsbett mit elastischer Pelotte und
< rektiir der seitlichen Thoraxausladung durch elastischen Zug.
ü 3 Coxa vara: entweder unblutiges Redressement mit funktionell guten
-plgen oder blutige Osteotomie bei Adoleszenten, aber Beherrschung der
■tmente schwierig.
J Genu valgum: Apparatbehandlung mit Hessingapparaten oder Muskat-
- merapnarat oder suprakondylärer Osteotomie mit schrägem Schnitt.
5. Genu varum: Apparatbehandlung oder operative Behandlung oberhalb
' unterhalb des Kniegelenks.
6. Knickfuss, Plattfuss: durch mechanische Behandlung und Einlagen,
Tei Fersenkorrektion das wichtigste ist.
Au ssprache: Herr P e 1 t e s o h n spricht der langdauernden Massage
. ort. Der Vorwurf, dass die Orthopäden die Skoliose vernachlässigten,
glicht unberechtigt. Ferner erinnert er an die guten Erfolge Joachims-
• s mit der Korrektur des Genu valgum im erstarrenden Gipsverband mit
folgender gründlicher Kräftigung der Muskel und Bänder.
Herr Böhm betont, dass es eine Schulskoliose im eigentlichen Sinne
1 1 gebe, sondern es besteht immer eine rachitische Aetiologie. Pädiater
' Orthopäden müssten zusammenstehen und im 2. und 3. Lebensjahr die
’inge feststellen und behandeln, dann wäre die Chance der Bekämpfung
6 •Skoliose viel besser als im 7. oder 10. Jahre.
Herr Brunner. hält es für einen wesentlichen Vorteil, im frühen Alter
- Jahren zu operieren. Er hat glänzende Erfolge mit der Osteoklase in
''2m Alter.
.^..err Brosch gibt Ratschläge zur Behandlung fortgeschrittener De-
1 'itaten mit aktiver Gymnastik, Höhensonne und Massage.
Herr Muskat verweist auf die Vererblichkeit von Deformitäten und die
Notwendigkeit familiärer Prophylaxe.
Herr Rosenstern betont neben der Strahlenbehandlung die Kompo¬
nente der Freiluftbehandlung, die itn Winter bei den gut eingepackten Kindern
in Buch durchgeführt wurde. W. (F. M e y e r).
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 24. 0 k t o 0 e r 1921.
Vorsitzender: Herr Mann. Schriftführer: Herren Grunert u. Wemmers.
Vor der Tagesordnung.
Herr Becker stellt einen Fall von linkseitigem Exophthalmus con-
genitus und rechtseitigem Mikrophthalmus congenitus vor.
In die Augenabteilung des Johannstädter Stadtkrankenhauses war ein
7 Tage altes Mädchen eingeliefert, bei dem der linke Augapfel 1,5 cm aus
der Augenhöhle hervorragte. Hauptsächlich aus der Kleinheit der voll¬
kommen glanzlosen und trüben Hornhaut, deren Durchmesser 7 mm betrug,
konnte man schliessen, dass es sich hier ebenso wie beim rechten Auge um
einen Mikrophthalmus handelte. Die Bindehaut des vorgetriebenen Augapfels
war hochgradig gerötet und geschwollen, zumal die Lider weder die Horn¬
haut, noch den angrenzenden vorderen Teil des Bulbus bedeckten. Infolge
der andauernden schleimig-eitrigen, konjunktivalen Sekretion war die stark
getrübte Hornhaut fast in toto andauernd von einer schleimig-eitrigen Schicht
bedeckt. Eine Augenspiegeluntersuchung konnte wegen der eingetrockneten
und undurchsichtigen Hornhaut nicht ausgeführt werden. Aus derselben Ur¬
sache bestand auch völlige Amaurose. Der vorgetriebene Bulbus war voll¬
ständig unbeweglich, wie eingemauert. Entsprechend der oberen und schläfen-
wärts gelegenen knöchernen Grenze der Augenhöhle findet man eine
Schwellung, welche schläfenwärts am stärksten ausgebildet ist. Die palpieren¬
den Finger fühlen hier eine weiche Geschwulst, welche wohl als die Ursache
für die Verdrängung des Bulbus aus der Augenhöhle anzusehen ist.
Während die linke Lidspalte 28 mm lang ist, beträgt die Länge der
rechten Lidspalte nur 18 mm. Der rechte Augapfel ist regulär ausgebildet,
aber im ganzen kleiner als normal. Der Durchmesser der Hornhaut beträgt
auch hier wie beim linken Auge 7 mm. Da die Pupille auf Lichteinfall nicht
reagiert und der Optikus vollkommen atrophisch und blass ist, muss man
annehmen, dass Amaurose besteht. Die ophthalmoskopische Untersuchung,
welche bei vollkommener Klarheit der brechenden Medien trotz der Unruhe
des Säuglings ausgeführt werden kann, ergibt ausserdem in der Umgebung
des atrophischen Optikus verschiedene, mehr weniger ausgedehnte, radiär zum
Sehnerven liegende Chorioidealatrophien, von denen sich einige direkt an den
Sehnerven anschliessen. Auf diesen, verschieden grossen, hellweiss glänzen¬
den Flächen, welche zum Teil stark mit Pigment umrahmt sind, erblickt man
ausser Retinal- und Chorioidealgefässen stärker gehäufte Pigmentansamm¬
lungen.
Im übrigen ist das Kind, welches bei der Geburt 4 XA kg wog, wohl-
ausgebildet und kräftig. Verschiedene, von Herrn Dr. Saupe im Johann¬
städter Krankenhaus ausgeführte Röntgenaufnahmen haben nichts Besonderes
ergeben.
Becker erwähnt im Anschluss an die Demonstration, dass der ange¬
borene Exophthalmus von Bertram (Prof. Peters: Die angeborenen
Fehler und Erkrankungen des Auges, Seite 213) auch doppelseitig beobachtet
worden ist.
Ausserdem zeigt Becker 2 Photographien von einem dem soeben
demonstrierten ähnlichen Falle, den er im Jahre 1896 in der früheren Königl
Frauenklinik in Dresden zu untersuchen Gelegenheit hatte. Es handelte sich
damals um einen rechtseitigen Exophthalmus, welcher durch einen retro¬
bulbären Tumor verursacht war.
Ferner erinnert Becker daran, dass er, wie aus dem Jahresbericht der
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde vom Jahre 1899/1900 hervorgeht, am
11. November 1899 in der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde einen Fall
von Anophthalmus congenitus duplex vorgestellt hat. Er zeigt 2 Photogra¬
phien von einem fünfjährigen Knaben, welcher trotz seiner 5 Jahre weder
stehen noch gehen, noch sprechen konnte. Derselbe starb im Alter von
5% Jahren.
Tagesordnung.
Herr Gafewsky: Kriegsblockade und Hautkrankheiten, ein Rückblick.
Vortragender zeigt an einem umschriebenen Gebiete, dem der Hautkrank¬
heiten, die unendlichen Schädigungen, die die Kriegsblockade über Deutsch-
land gebracht hat. Er weist nach, dass durch den Mangel an Fetten, Oelen,
Medikamenten etc. die ganze Hauttherapie auf Ersatzpräparate angewiesen
war, die z. T. schädlich bereits die gesunde Haut und noch viel mehr die
kranke Haut beeinflussten. Er bespricht dann noch die Schädigungen durch
die schlechte Ernährung und die durch den Mangel an. Wäsche und Seife
und die damit zusammenhängende Einschleppung von Ungeziefer verursachten
Hautkrankheiten sowie die rrichophytieepidemie. Ganz besonders eingehend
behandelt er die Melanodermien und Melanosen, wie sie sich als Folge des
schlechten Schmieröls und als Folge der mangelhaften Ernährung im Sinne
Riehls in Deutschland und Oesterreich gezeigt haben. Er erwähnt die
auffallende Tatsache, dass mit dem Aufhören der schlechten Ernährung auch
diese Melanosen verschwunden sind. Sie sind wahrscheinlich als Folgen
irgendeiner toxischen Beeinflussung der durch das Licht sensibilisierten Haut
zu verstehen.
Den Schluss des Vortrages, der in der in St. Louis herausgegebenen
„Urologie and cutaneous Review“ erscheint, bildete ein kurzer Rückblick
auf die Ergebnisse in der Erkenntnis der betreffenden Hautkrankheiten und
die medizinischen Fortschritte, welche wir erzielt haben.
Aussprache: Herr Bahr dt hat am hiesigen Säuglingsheim wäh¬
rend des Krieges eine Abnahme der konstitutionellen Ekzeme und eine Zu¬
nahme der Pyodermatosen beobachtet. Mit der Steigerung der Milchmenge
ist neuerdings wieder eine Zunahme der Ekzeme zu konstatieren.
Herr R o s t o s k i fragt, ob sich bei Pyodermatosen gleichzeitig Strepto¬
kokken und Staphylokokken finden, wie der Vortragende angegeben hat..
Herrn R u p p r e c h t ist an seinem Augenmaterial ein häufiges Auftreten
von Herpes aufgefallen; er fragt an, ob die Hautärzte die gleiche Entdeckung
gemacht haben.
Herr Galewsky; Schlusswort.
138
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizielles Protokoll.) .
Sitzung vom 7. November 1921.
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser.
Herr Stephan: Demonstration eines geheilten Falles von Endocarditls
W0H«,?O.™D'S?lIf*,!lpÄl«*. Richtlinien bei Isolierten svphilo-
Ee,“e Vortr. “''berichtet* über das Ergebnis mehr als 10 jähriger Studien unter
einheitlichen Gesichtspunkten an 107 Kranken mit isolierten syphilogenen
einneiuicrien cicstciuaijuiin.icin «u - . , _ . , A- H„r
Pupillenstörungen, Kranken, bei denen jede andere Aetiologie als die der
Syphilis für die beobachtete Pupillenanomalie mit Sicherheit ausgeschlossen
werden konnte. , „ .. , _
Die Pupillenstörungen betrafen Anomalien der Grosse, der Rundung,
der Licht- und Konvergenzreaktion in allen nur denkbaren ein- resp. doppel¬
seitigen Kombinationen. , 2/
Von den 107 Kranken konnten insgesamt 65, d. h. also nahezu 1.1
aller Fälle, 1 — 9 Jahre verfolgt werden, fast die Hälfte aller Kranken wuide
nach mehr als 3 Jahren nachuntersucht. . . , ;
Es stellte sich alsbald heraus, dass die Art der Pupillenstorung keinerlei
Hinweis gibt, wie sich das fernere Schicksal der Kranken gestaltet. Die
Nachuntersuchungen zeigten in einwandfreier Weise, dass man lediglich au
Grund des Liquorbefundes instand gesetzt wird, prognostische Schlüsse zu
Z'eh<So kam Vortr. zu der Einteilung in primärliquorpositive (66 Proz.) und
in primärliquornegative Gruppen (34 Proz.). Die Serumreaktion für sich
allein ist in prognostischer Hinsicht nicht verwertbar, da von den liquor¬
positiven etwa % positive Wassermannreaktion im Blut aufwiesen.
Von 39 nachuntersuchten liquorpositiven Kranken waren zur Zeit der
Nachuntersuchung 26 progredient (die Mehrzahl dieser Patienten erkrankte
resp. ging zugrunde an Paralyse und Tabes). 13 waren bisher stationär.
Von den 19 nachuntersuchten liquornegativen Kranken blieben alle unver¬
ändert (mit Ausnahme eines klinisch ungeklärten Falles). Während bei Zu¬
nahme der Beobachtungsdauer die Zahl der Erkrankten der liquorpositiven
Gruppe immer mehr zunahm, blieben die liquornegativen Kranken in der
gleichen Zeitspanne unverändert. , ..
So gelangt D r e y f u s zu der Ueberzeugung. dass je nach dem Ausiau
der Liquoruntersuchung (wobei allerdings vorausgesetzt wird, dass solche
Patienten seit Jahren nicht behandelt worden sind daher die Bezeichnung
primär liquorpositiv und primär liquornegativ) einschlägige Kranke pro¬
gnostisch grundsätzlich verschieden zu bewerten sind:
Primär liquorpositive Kranke mit isolierten syphilogenen Pupillen-
störungen leiden an aktiver, mehr oder weniger rasch progredienter Hirn¬
syphilis. Ueber ihnen schwebt ein Damoklesschwert, sie bedürfen chronisch¬
intermittierender Behandlung. ..
Bei primär liquornegativen, einschlägigen Kranken ist mit allergiosster
Wahrscheinlichkeit die Hirnlues zum Stillstand gekommen. Sind sie sero¬
negativ, so bedürfen sie keiner Behandlung.
(Der Vortrag erschien im Herbst 1921 mit allen Belegen und detaillierten
Untersuchungsergebnissen im Verlag von Gustav Fisch e r,^ Jena, unter
dem Titel: „Isolierte Pupillenstörung und Liquor cerebrospinalis“ , ein Beitrag
zur Pathologie der Lues des Nervensystems. Eine kürzere Zusammenfassung
des Vortrags ist in der Med. Kl. veröffentlicht, November 1921.)
Herr A. Bloch: Ueber Retentionsgeschwülste der Nieren.
B. schildert die Aetiologie. Pathologie und chirurgische Therapie dieser
Erkrankungen an grösserem, selbst beobachtetem Material. Als angeborene
Ursachen hat er am häufigsten akzessorische Nierenarterien gefunden, welche
den Harnleiter an seiner Abgangsstelle aus dem Nierenbecken abknickten,
unter den erworbenen Ursachen führt er operierte Fälle von Uretersteinen,
chronischen Pyelitiden, Harnleiterstrikturen und gesenkten Nieren an, die zur
Hydronephrosenbildung geführt hatten. Unter letzteren ist ein Fall er-
wähnenswert, wo aus einer durch Skoliose der Brust-Lendenwirbelsäule
verdrängten und gedrehten Niere monatelange, kontinuierliche, schwere
Hämaturien entstanden waren, die nach Suspension und Fixation der ver¬
drängten Niere mit Drainage des erweiterten Nierenbeckens völlig ver¬
schwanden. Neu sind die Fälle von beginnender Hydronephrosenbildung nach
Appendizitis einer retroperitoneal liegenden, nach oben geschlagenen Appen¬
dix, die B. durch Operation nachgewiesen hat und auf eine auf dem Lymph-
wege fortgeleitete Peripyelitis mit Verwachsung des Harnleiterhalses im
Nierenbecken und dadurch entstandener Harnstauung im Nierenbecken zu¬
rückführt. In einem Falle war eine ebenfalls operierte Hydronephrose auf
längere Zeit hindurch aufgetretene Ureterspasmen und Blasentenesmen zurück¬
zuführen, die bei stets völlig klarem Urin bestanden hatten, also offenbar
lediglich neurotischer Natur waren. Operativ konnte in 12 Fällen durch
konservative Operationen, die das primäre AbfLusshindernis und ev. sekun¬
däre Veränderungen des Nierenbeckens beseitigten, Heilung erzielt werden,
während in 3 Fällen nur die Exstirpation der Niere klinische Heilung bringen
konnte. An einer Reihe von Pyelogrammen werden die einzelnen Formen
der Hydronephrose zum Schluss erläutert.
I11 Ausführungen, die im wesentlichen theoretisches Interesse haben, wir
gezeigt, dass die Linse bei den verschiedenen Tierarten, teils durch Selbst
differenzierung, teils durch abhängige Differenzierung entsteht. Die formative
Reize sind im wesentlichen chemischer Natur; sie gehen von der Retina au
und setzen den oberen Irisrand in die Lage, eine Linse zti ‘ bilden
Herr Hell wie: Klinische Narkoseversuche mit Methylenchlorid.
Narkoseversuche mit Methylenchlorid hatten folgende Ergebnisse: ts tri
sehr rasch Bewusstseinsverlust und vollkommene Analgesie auf. Das Exz
tationsstadium verläuft mit sehr schweren Krämpfen. Während des Ioleran;
Stadiums wird Salivation und Schweissausbruch beobachtet. Nach dem Wad
werden klagen die Patienten über erhebliches Durstgefühl und starke Kop
schmerzen. Methylenchlorid ist also zur Vollnarkose nicht geeignet, scheu
aber als Mittel zur Einleitung der Narkose, zu Rauschnarkosen im polikhn
sehen Betrieb und schliesslich zur stundenlangen Aufrechterhaltung eine
analgetischen Stadiums im Zusammenhang mit Lokalanästhesie eine Zukun
zu haben Schädliche Wirkungen auf Herz, Leber und Nieren wurden nid
beobachtet. J. E. K a y s e r - P e t e r s e n.
Verein der Aerzte in Halle a. S.
Herr
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 9. November 1921.
Anton: Encephalitis und Lähmung der automatischen
Bi
\y cgungen. pönitz: Therapie der Enzephalitis mit der P r e g I sein
Herr Bickel spricht über kontinuierliche Blutdruckmessung. Schild
rung des U s k 0 f f sehen Sphygmotonographen. Aus Kurven, die unt
gleichbleibendem Manschettendruck von bestimmter Höhe am Menschen au
genommen sind, können Veränderungen des Blutdruckes von Augenblick ,
Augenblick abgelesen werden. Die Veränderungen durch psychische Vo
gänge. namentlich durch geistige Arbeit, an der Blutdruckkurve und an ve
schiedenen plethysmographischen Kurven werden demonstriert. Die A
nähme einzelner, neuerdings de J o n g s, dass die Atmungsschwankungen d'
Armplethysmographen Kunstprodukte infolge von Bewegungen des Arm
seien ist falsch, weil deutlich Atmungsschwankungen auch am nir
Plethysmogramm Vorkommen. In 3 Fällen von Encephalitis epidemica ve
hielten sich die Reaktionen auf geistige Arbeit normal, so dass der Weg, di
die vasokonstriktorischen Impulse von der Hirnrinde nach dem Gefasssyste
nehmen, durch diesen Krankheitsprozess nicht gestört erscheint.
Medizinisch-biolog. Abend der Universität Frankfurt a. M.
(Eigener Bericht.)
Dienstag, den 10. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Voss. Schriftführer: Herr V ö 1 g e r.
Herr Nathan: Ueber entzündungserregende Wirkung von Extrakten aus
normaler und pathologisch veränderter Haut bei Meerschweinchen.
Durch Vorversuche wurde festgestellt, dass nach intrakutaner Injektion
eines mit Karbollösung versetzten Kochsalzextraktes aus normaler Meer¬
schweinchenhaut in einem gewissen Prozentsatz der Fälle entzündliche In¬
filtrate mit nachfolgender Schuppung auftreten. Es wurden dann Hautstellen
durch Quarzlampenbestrahlung in einen Entzündungszustand gebracht und es
erwies sich, dass die Extrakte aus dieser pathologisch veränderten Haut zu
intensiveren Entzündungserscheinungen mit starker, oft lamellöser Schuppung
führten.
Herr H e r t w i g: Die Entwicklung des Auges im Lichte neuer experi¬
menteller Untersuchungen.
Aerztlicher Verein in Hamburg.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 17. Januar 1922.
Herr G 1 a s s demonstriert einen Pat. mit benignem Tumor des weich
Gaumens, vielleicht Mischgeschwulst, analog denjenigen der Parotis.
Herr Lichtwitz berichtet über einen Fall von „S 1 m m o n d s sch
Krankheit“ (hypophysärer Kachexie). Bisher wurde diese nur bei Frau
beobachtet. Sein Fall betrifft einen jungen Mann, der plötzlich an Diabet
insipidus, schnell zunehmender Abmagerung, Ausfall der Bart-, Achsel- u
Schamhaare erkrankte. Es fand sich ausserdem Hemianopsie, psychisc,
Hemmung, ein Kalkschatten in der Sella turcica. Dann spontaner Stillsta
des Krankheitsprozesses. Röntgenbehandlung und Pituglandol brachten v
allem psychische Besserung. Des weiteren zeigt Vortr. Rontgenbilder v
Fällen von Akromegalie sowie eines von Lipodystrophie, das einen bcliati
über dem Proc. clinoid. anter. zeigt.
Herr Deutschmann hat, ausgehend von dem Gedanken, dass
sich beim Karzinom um Wucherung embryonaler Zellen handle, denen <1
alternde Organismus nicht genügend Widerstand entgegensetzen könne, >
Serum zur Krebsbehandlung dadurch hergestellt, dass er Tieren Keimzel
in Gestalt von Ovarialsubstanz injizierte. Mit dem solchen Deren e
nommenen Serum hat er 2 Fälle von bis dahin erfolglos radiotherapeuti!
behandeltem Lidkarzinom sehr erheblich gebessert bzw. (seit 7 Monaten) l
heilt. Er bittet, das Serum, das gleichzeitig lokal Unterspritzung
Tumors — und intravenös anzuwenden ist, bei inoperablen Krebsiallen
versuchen. •
Herr Oe h lecker bespricht unter Demonstration von Patienten 1
Bildern den plastischen Ersatz bzw. die plastische Verlängerung des v
letzten Daumens sowohl durch Ueberwandernlassen einer benachbar
Phalanx als durch Transplantation der grossen Zehe. In einem Falle gen
es ihm bei einem Kranken nach Verlust der ganzen Hand eu
oppositions-, pronations- und supinationsfähigen Daumen zu bilden, indem
durch Resektion das untere Radiusende — unter Erhaltung der Epiphysenfi
— verkürzte und auf den so gebildeten Stumpf die grosse Zehe transplantiei
die der Ulzera gegenüber die genannten Bewegungen ausführen kann. 1
merkenswert war, dass die Radiusepiphysenfuge verloren ging, diejen
der transplantierten Zehenphalanx dagegen erhalten blieb.
Herr B i e m a n n berichtet, dass er bei 12 Fällen von Keuchhusten,
er nach Spiess mit N 0 v 0 k a i n - A 1 k o h 0 1 i n j e k 1 1 0 n e n in 1
Nerv, laryngeus super, behandelt hat, einmal einen Erfolg
sehen, dagegen zweimal das sofortige Auftreten des Horn ersehen Sy*
droms beobachtet hat, das erst nach mehreren Monaten zurückging,
warnt daher vor dieser Behandlung.
Schluss der Besprechung des Vortrags von Herrn Much:
Herren Kümmell, Bauer, Peemöller, Diesing, Weygan
]^uch. F. Wohlwill - Hamburg
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 3. November 1921.
Herr Meier: Beitrag zum Zuckerstoffwechsel.
M. berichtet über Untersuchungen, die er im Anschluss an Versuche
Staub und Traugott vorgenommen hat. Er prüfte das Verhalten
Zuckerspiegels, indem er verschiedenen Menschen nüchtern 20 g Dexti
gab und nach einer weiteren Stunde nochmals 100 g. Die Bestimmun
j Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
139
■ rden nach der Mikroniethode von Bang ausgeführt. Bei Gesunden fand
( dabei nach der Portion von 100 g kein weiteres Ansteigen des Blutzuckers,
> hrend Kranke mit Ikterus, Nitrobenzolvergiftung, starker Adipositas, die
: eine endokrine Störung bezogen wurde, und schweren Neurosen mit einer
1 löhung des Blutzuckers auch nacli den 100 g Dextrose antworteten,
i m Diabetiker trat auf 10 g Dextrose als zweite Gabe, nachdem als erste
: h nur 10 g gegeben waren, ebenfalls eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels
i . Vortr. erklärt das Resultat seiner Untersuchungen mit einer Störung der
\ l 1 s a a c angegebenen Gleichgewichtsverhältnisse in der Leber zwischen
( kogen und Dextrose. Er sieht in dieser Untersuchungsmethode keine
[ iktionsprüfung der Leber, sondern nur eine Prüfung des gesamten Apparates,
t für die Aufrechterhaltung und Regulierung des Blutzuckerspiegels ver-
l wörtlich ist. Bei den Versuchen wurde auch festgestellt, dass die
l -kosurie nicht allein von dem Blutzuckerspiegel abhängig ist. Es kommt
\ -, dass bei hohem Blutzuckerwert im Urin kein Zucker auftritt, während
t nchmal bei niedrigen Werten im Blut Zucker im Urin nachgewiesen werden
I in. Vortr. betont deshalb ausdrücklich die Notwendigkeit von fort-
I fenden Blutzucker bestimmungen beim Diabetiker und weist be-
nders darauf hin, dass die Schwere eines Diabetesfalles nicht nach dem
Uschwinden des Zuckers im Urin, sondern nach der Beeinflussbarkeit des
t itzuckerspiegels beurteilt werden muss.
Herr Schreiber: Ueber Wesen und Behandlung des Diabetes.
Der Vortragende bespricht zunächst die heutigen Anschauungen über das
Lsen des Diabetes, insbesondere die von Isaac aufgestellte Theorie. Bei
c Therapie werden dann ausführlich die von v. Noorden und F a 1 1 a vor-
j. chlagenen diätetischen Kuren besprochen.
Sehr, kommt zu dem Schluss, dass der v. Noorden sehe Behaudlungs-
pn sich wegen der starken Einschränkungen nur für kurzfristige Kuren
:net. Das F a 1 1 a sehe Verfahren bedeutet wegen seiner geschickten und
5 jenehmen Abwechslung der Kost einen Fortschritt.
Diskussion: Herren H i 1 g e r, Alt und Friedeberg.
Herr Bauereisen demonstriert einen Rezidivtumor in dem infolge
(literation des Orif. int. nach Mesothoriumbestrahlung zu einem zystischen
!mor veränderten Corpus uteri.
55 jähr. Patientin. 1916 in desolatem, ausgeblutetem Zustande in die
‘dt. Frauenklinik aufgenommen. Diagnose: Carcinoma corporis uteri.
lialige Bestrahlung von je 1200 mg h. Mesoth. (Weinbrenner). Allmähliche
Eiolung, Amenorrhoe und Gewichtszunahme.
Nach 5 Jahren Blasen- und Darmstörungen. Am 30. VIII. 1921 Unter-
= hung in der Sprechstunde: Glatte hochstehende Portio. Im Beckeneingang
itsitzender Tumor, der sich in Mannskopfgrösse bis fast zum Nabel er-
? eckt. Zystische Konsistenz. Diagnose: Kombination von Metastasentumor
r Ovarialtumor? Operation empfohlen. Erst am 18. X. 1921 erscheint die
Itientin zur Aufnahme in schlechtem Allgemeinzustand. Ileus. Urin:
'linder und Albumen. Puls klein und beschleunigt. Nach Anregungsmitteln
Darotomie am 19. X. 1921 in lumbaler Anästhesie: Zystischer Uterustumor,
c mit einem Pol neben dem Rektum adhärent ist. Beschleunigte Operation
c ch supravaginale Amputation. Enorme Füllung des Rektums und der
xura sigmoidea. Keine Metastasen im Becken.
Rekonvaleszenz verläuft glatt. Albuminurie dauert an. Entlassung am
I XI. in gutem Zustand.
Präparat: Orif. int. obliteriert. Tumor prall gefüllt mit sanguinolenter
fissigkeit. Wand setzt sich aus Muskellamellen und Bindegewebe zu-
snmen. Innenfläche ohne Schleimhaut. Rechts oben sitzt breitbasig ein
1 5 : *4 cm messender markiger Tumor. Oberfläche zerfallen, im Innern
fitungen. Mikroskopische Untersuchung (Prof. Ricker): Scharfe Ah¬
nung von der Sackwand. Teils Zylinderzellenkarzinom, teils solides, klein¬
sles (sarkomähnliches) Karzinom mit Andeutung papillärer Struktur.
Epikrise: Nach 5 Jahren zurückliegender Mesothoriumbestrahlung Ent-
v;klung eines Rezidivtumors im Corpus uteri, dessen Sekretion zu einem
gissen zystischen Tumor infolge eingetretener Obliteration des Orif. int.
aünrt hat. Ileus.
Diskussion: Herr Kolde berichtet über einen analogen Fall, der
Uh vor 5 Jahren mit Mesothorium bestrahlt worden und bis vor Vi Jahr
uz gesund war. Jetzt grosser Rezidivtumor und Exitus ohne Operation.
Aerztlicher Kreisverein Mainz,
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 15. November 1921.
Herr B. Werner: Ueber moderne chirurgische Behandlung der Er-
1 inkungen des Herzens, Herzbeutels und der Gefässe.
Breite Ausführungen der Möglichkeiten und Erfolge der Herz- und Gefäss-
‘rurgie auf Grund eigener und literarischer Erfahrungen. Bei der Herz-
J iktion ist vor dem allzu nahen Einstich am Rand des Sternums wegen der
j ?e der Mammaria interna zu warnen. Der Drainage der tuberkulösen Peri-
J- ditis steht Vortragender sehr skeptisch gegenüber. Bisher hatte eigent-
' le Herzchirurgie nur Erfolg, wenn es sich um Verletzungen des Myokards
1 :huss oder Stich) handelte, während operatives Vorgehen am Klappen-
■ Jarat beim Menschen noch nie zum Erfolg führte — im Gegensatz zur
uerimentellen Erfahrung an Ratten. Fremdkörperentfernung aus dem Herz-
^ eren sind gelungen. Sie können höchst schwierig werden, wenn sich der
imdkörper in der Wandmuskulatur verfangen hat und wenn er dort durch
tombotischen Filz festgehalten und umhüllt ist. Operationen an der Aorta
^gen noch nicht über das experimentelle Stadium hinaus. Dagegen erscheint
- Chirurgie der Venen erfolgreicher, einschliesslich der Art. pulmonalis
7 t-nung von. Embolie. Bei Besprechung der Chirurgie der klei-
ien Gefässe vertritt Vortragender den Standpunkt, dass die Unterbindung
f Karotis einer Seite immer zu Gehirnveränderung führt, selbst wenn die
■otis der anderen Seite gut entwickelt und ein weiter Kollateralkreis an
- Hirnbasis vorhanden ist.
Herr Michael demonstriert einen neu konstruierten Apparat zur
' rzbeutelpunktion.
Aussprache: Herr Plass betont die Wichtigkeit der Unterbindung
- Vena ileocolica bei pyämischen Erscheinungen im Zusammenhang mit
• egmonüser Epityphlitis vor Herausnahme des kranken Wurmfortsatzes. —
Tr R 1 c h t e r hat 3 Fälle von Herzmuskelsteckschuss behandelt. Bei dem
-en Patienten, der im wesentlichen subjektive Beschwerden bot, folgte der
'i einem beratenden Chirurgen durchgeführten Ausschneidung des Ge¬
schosses aus der Wand des rechten Ventrikels nahe der Herzspitze eine
eiterige Perikarditis und Pleuritis, die zum Exitus führte. (Vergl. Bruns
Beitr. 1917, 107, H. 1, Arbeit von T h ö 1 e.) Im zweiten Fall handelte es sich
um einen Geschosssplitter in der linken Wandmuskulatur. Konservative Be¬
handlung. Heilung. Der dritte Fall betraf einen links vom Sternum etwas
über der 6. Rippe getroffenen Mann, der schon mehrere Tage nach der Ver¬
letzung unterwegs gewesen und der bei der Lazaretteinlieferung zunächst
nichts Besonderes zeigte. Eine plötzlich eintretende Blutung aus der Art.
mammaria interna erforderte operatives Eingehen. Dabei fand sich ein Hämo-
perikard mit Perforationsstelle des Herzbeutels und einem Minensplitter in die
Herzspitze leicht eingespiesst. Primäre Naht — bei offen gelassener Weich¬
teilwunde, welche granulierend heilte. — Herr R e i s i n g e r referiert über
die Beobachtung eines Pneumoperikards, das nach einer Oesophagoskoplerung
bemerkt wurde, Anlass zur üeffnung des Herzbeutels gab und zum Tode
führte. Sektion schloss eine Perforation durch das Oesophagoskop aus. Eine
ursprünglich gegen den Halsarzt erhobene Beschuldigung dieser Art erwies
sich als hinfällig. Es handelte sich wohl um eine Mobilisierung einer alten,
ruhenden Perikarditis mit Aktivierung gasbildender Keime im Herzbeutel. —
Herr G r u b e r weist auf die von ihm beobachteten, von Roth veröffent¬
lichten (Virch. Arch. 233) Fälle von Herzverletzungen ohne Perforation des
Herzbeutels hin. Gr.
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 11. Januar 1922.
Herr Jansen: Knochenveränderungen bei Tabes dorsalis. Mit Kranken¬
vorstellungen.
Vortr. stellt vier Tabeskranke mit sehr schweren Knochenveränderungen
vor. Die vier Kranken zeigten die Kardinalsymptome der Tabes dorsalis
und folgende Knochenveränderungen, die ohne äussere traumatische Ein¬
wirkung entstanden waren:
Fall 1 : Rechte Schenkelhalsfraktur.
Fall 2: Rechtsseitiger Beckenbruch, doppelseitige Schenkelhalsfraktur,
Arthropathien beider Kniegelenke, rechts durch Absprengung des kondylären
Femurteiles und Dislokation des abgesprengten Stückes vor dem Femurschaft,
links durch Absprengung des medialen, Kondylus und Infraktion des kondylären
Femurteiles, schwere Kyphoskoliose im Anschluss an die Beckendeformität.
F a 1 1 3: Kompression des 1. Lendenwirbels und Subluxation des 12. Brust¬
wirbels mit Kompressionserscheinungen seitens des Rückenmarks.
Fall 4: Linksseitige intrakapsuläre Schenkelhalsfraktur, rechtsseitige
extrakapsuläre Schenkelhalsfraktur, rechtsseitige doppelte Unterschenkel¬
fraktur mit Pseudarthrose zwischen proximalem und mittlerem Bruch¬
fragment, Arthropathien beider Kniegelenke, rechts vereinzelte Knochen¬
absprengung mit hyperplastischen Prozessen, links Rissfrakturen der Patella
oben und unten mit Dislokation der Fragmente, schwerste Form von „pes
tabicus“ beiderseits, mit linksseitigen Frakturen im Talokrural- und Talo-
kalkanealgelenk.
In einer grösseren Zahl von Röntgenaufnahmen wurden die einzelnen
Frakturen und die Struktur ihrer knöchernen Teile genau studiert. Die
Schenkelhalsfrakturen zeichneten sich meist durch Schwund des Kopfes und
Halses, zum Teil durch starke Dislokation aus. In die alten und auch neu-
gebildeten Knochentrümmer tauchte vielfach der Femurschaft ein. Die
tabischen Fusswurzelknochen hatten ihre Knochenstruktur und desgleichen ihre
Gelenkverbindungen völlig verloren, waren zusammengesintert oder mit¬
einander verschmolzen. Es fanden sich Verkalkungszentren, von denen aus
radialwärts die Knochenbälkchen angeordnet waren. Die erkrankten Knochen¬
teile zeigten deutlich schwerste Atrophie, bzw. Schwund der Knochenbälkchen.
Auffaserung bzw. extremste Verdünnung ihrer Kompakta. Neben diesen
regressiven Veränderungen fanden sich hyperplastische Prozesse, haupt¬
sächlich an den knöchernen, Gelenkenden, aber auch am Periost der langen
Röhrenknochen, so dass knöcherne Brücken zwischen zwei benachbarten
Knochen, z. B. Tibia und Fibula, vielfach zu sehen waren. Der Hauptbefund
neben diesen schweren Kontinuitätstrennungen der Knochen war immer die
Analgesie. Es wurde gezeigt, dass bei bestehender Analgesie der
Knochenteile die Schmerzempfindung der zugehörigen Weichteile entweder
nur herabgesetzt, oder selbst noch erhalten war.
Vortr. kommt kurz auf Grund der Röntgenanalysen der Knochenstruktur
auf die Pathogenese der tabischen Veränderungen zu sprechen. Er
erläutert kurz die allgemeine Auffassung, nach welcher mit Verlust der
Schmerzempfindung die Regulation der normalen Gelenkfunktion verloren geht
und somit auch der Schutz der Gelenke gegen äussere Gewalteinwirkung. Die
bei allen Fällen deutlich hervortretende Ueberdehnung des Kapsel-Bänder¬
apparates der Gelenke, sowie die Muskelschlaffheit ändern die Funktion der
Gelenkenden zueinander und somit die ganze Statik und Dynamik der Gelenk¬
funktion. Der Verlust der Schmerzempfindung und des Tonus der Weichteile,
somit der Ausfall des Schmerzes als Warner und Schutz fü*hrt bei äusserer
Gewalteinwirkung zu diesen schweren Deformitäten der Knochen.
Vortr. hält diese Auffassung für nur bedingt richtig. , Denn bei den
demonstrierten Fällen hat überhaupt keine äussere Gewalteinwirkung bei
Entstehung der Zerstörungen mitgewirkt. Ferner war in allen Fällen die
Weichteilsensibilität nicht ganz aufgehoben, bzw. noch intakt, die also einen
relativen Schutz gegen äussere Gewalt bedeuten konnte. Andrerseits gibt es
Krankheiten mit Muskelhypotonien und -atrophien, die ohne Osteoarthro¬
pathien verlaufen. — Vortr. betont an der Hand seiner demonstrierten Fälle,
dass die primäre Ursache der schweren Zerstörungen im Knochen selbst liegt
und in der Veränderung der Knochensubstanz, d. h. in der Atrophie der
Bälkchen und der Substantia compacta besteht. Er zeigte in Röntgenbildern
von ganz intakten Knochen der oberen Extremität eines der demonstrierten
Kranken, dass sowohl Auffaserung und Verdünnung der Substantia compacta.
als auch Schwund von Knochenbälkchen und Ersatz dieser durch Bildung von
Kalkinseln neben Wucherungsprozessen des Periostes vorhanden waren.
Damit erscheint ihm die Bereitschaft der Knochen, zu brechen, erwiesen!
Diese Knochenbrüchigkeit wird durch den Verlust der anorganischen Substanz
bewirkt, einer komplizierten, unlöslichen Kalziumphosphatkarbonatverbindunt.
die nur in Säure löslich ist. Die zur Lösung notwendigen Säuregrade
dürften aber kaum in der Gewebsflüssigkeit vorhanden sein, wenigstens sind
j sie im Blut der betreffenden Kranken nicht nachweisbar. Es muss also der
Abbau eine vitale Zellfunktion der Knochenzellen sein, der Osteoklasten und
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
14t)
Osteoblasten. Die Funktion dieser Zellen dürfte schon normaler Weise in
ihrem Chemismus, d. h. einerseits in der Bildung der unlöslichen Kalzium-
phosphatkarbonatverbindung aus ihren im Gewebssaft bzw. im Blut gelösten
Komponenten, andererseits in der Lösung dieses an und für sich schwer lös¬
lichen Knochensubstrates bestehen. Jede Zellfunktion unterliegt aber nervöser
Beeinflussung, und es ist bekannt, dass Innervationsstörungen die Zellfunktion
und somit den an sie gebundenen Chemismus ändern. Vielfach geleugnete
Knocheninnervation besteht zu Recht und ist bereits bewiesen. Die sensiblen
Knochenfasern haben im Rückenmark andere Bahnen als die der dazugehörigen
Weichteile. Der schon genannte Hauptbefund der Knochenanalgesie und der
in ihrer Folge von Grund aus gestörte Chemismus der Knochenzellen als
Ausdruck ihrer spezifischen Funktion, bei dem die anorganische Knochen¬
substanz verloren geht, ist das Primäre bei der Pathogenese der Osteoarthro¬
pathie, der Tonusverlust der Weichteile und somit die herabgesetzte Wider¬
standskraft gegen äussere und innere Traumen kommt nur noch als Hilfs¬
ursache in Frage.
Herr Höflmayr berichtet über einen eigenen Fall von beginnender
tabischer Arthropathie, der nach Verabfolgung von Hg und Jod
symptomlos wurde.
Herr H. v. Hattingberg: Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses
zum Studium sog. okkulter Phänomene.
Auf Antrag des Herrn v. Zumbusch beschliesst der Verein nahezu
einstimmig, den Ausschuss als Organ des Vereins nicht fortbestehen zu
lassen.
Diskussion zum Vortrag der Herren C r a e m e r und Krecke
über Ulcus ventriculi.
Herr Oberndorfer spricht zur Aetiologie und Heilungsfähigkeit des
Magengeschwürs. Hyperazidität ist als ätiologischer Faktor abzulehnen.
Traumen chemischer, thermischer und mechanischer Art mögen wohl eine
gewisse Rolle spielen beim Zustandekommen des Ulcus ventriculi, dafür
spricht auch die gewöhnliche Lokalisation in der Magenstrasse; das Haupt¬
gewicht legt Vortr. jedoch in dieser Frage auf Störungen der Zirkulation,
venöse Stauungen infolge von Schwankungen in der Pfortaderstrombahn. Als
unterstützende Momente mögen vielleicht nervöse Störungen hinzutreten, etwa
Spasmen in der Muscularis mucosae, die ihrerseits wiederum Stase bedingen
können. So kommt es zum hämorrhagischen Infarkte und über die hämor¬
rhagische Erosion, den gewöhnlicher Vorläufer des Ulcus zu diesem. Von
der Grösse des Defektes wird wesentlich die Heilungsfähigkeit abhängen.
Die übliche Vorstellung von einem wie mit dem Locheisen ausgestanzten, also
zylindrischen, am Grunde gereinigten Defekte entspricht übrigens nicht den
Tatsachen, der Defekt verläuft vielmehr keilförmig, die Spitze schräg gegen
die Kardia zu gerichtet, wodurch die Zurückhaltung von Speiseteilchen im Ge¬
schwürsgrund sehr erleichtert wird. Der Geschwürsgrund ist gewöhnlich
bei älterem Ulcus mit nekrotischem Schorf bedeckt. Bei mikroskopischer
Untersuchung findet man die Zeugen entzündlicher Vorgänge: Leukozyten,
Schleim, nekrotische Massen und schliesslich zu unterst Granulationsgewebe
auf normalem oder narbig verändertem Grunde. Das Wesentliche des chro¬
nischen Geschwürs ist die chronische Entzündung, Phasen stärkerer Heilungs¬
tendenz mit Narbenbildung wechseln ab mit Stadien stärkeren Abbaues; ein
Beweis dafür ist, dass vielfach im Bereich des Geschwürsgrundes derbes
Knochengewebe an Stelle der Muscularis propria liegt, was nur durch ein
vorausgegangenes Stadium stärkerer Granulationsbildung erklärt werden
kann. Ob bei den entzündlichen Prozessen, wie Askanazy annimmt,
Soorpilze hauptbeteiligt sind, bleibt unentschieden. Warum trotz der immer
wieder einsetzenden Heilungstendenz grössere Geschwüre vielfach dennoch
dauernd offen bleiben, erklärt sich vielleicht durch das Verhalten der Muscu¬
laris propria, die am Geschwürsgrund inseriert und diesen folglich bei jeder
Kontraktion auseinanderreisst und an endgültiger Verklebung hindert, die
Entzündungserscheinungen nicht zur Ruhe kommen lässt. Vom Standpunkte
des' Pathologen aus müsste sich als einfache Therapie ein Ausschaben der
Ulzera, Beseitigung der Entzündungszone und darauffolgendes Vereinigen der
gereinigten Ränder empfehlen.
Herr P 1 o e g e r stellt folgende Forderungen an eine einwandfreie opera¬
tive Behandlung des Magengeschwürs: 1. Beseitigung des primären Ulcus,
2. Erzielung beschwerdefreier Magenfunktion, 3. Verhinderung der Bildung
neuer Magenulzera, 4. Vermeidung jeder direkten Schädigung durch die Opera¬
tion. Die Lösung dieser Bedingungen wird durch keine vorzeitige Opera¬
tionsmethode vollständig erreicht, immerhin kommt ihr die partielle Resek¬
tion des Magens in fast allen Punkten näher als die Gastroenterostomie, doch
ist die Mortalität der Resektion noch durchschnittlich 10 Proz. Nach
Schmieden zeitigt die Gastroenterostomie bessere Früh-, die Resektion
bessere Spätresuitate. Die Wahl der Methode wird letzten Endes von Sitz
und Art des Geschwürs abhängen, bei einfachen, nicht kallösen Ulzera wird
man wohl mit Gastroenterostomie und Pylorusverschluss auskommen. In
bezug auf Nachblutungen hat Vortragender mit der Resektion bessere Er¬
fahrungen gemacht.
Herr P e r u t z gelangt auf Grund reicher Erfahrungen auf dem Gebiete
der Ulcustherapie zur Ansicht, dass man nur bei Stenosen operieren solle
oder bei Fällen, die gegen durch lange Zeit hin angewandte mannigfache
interne Therapie refraktär bleiben. Häufig bringt längerer Landaufenthalt
überraschende Besserung. Besonders vorsichtig sei der Chirurg gegenüber
Personen mit neurotischem Einschlag und bei Kombination von Ulcus und
Tuberkulose.
Herr G i 1 m e r hat wie P 1 o e g e r die besten Erfolge von partieller
Magenresektion gesehen. Bei hoch an der Kardia sitzenden oder sehr grossen
Geschwüren empfiehlt sich auch reine Gastroenterostomie und Verschluss des
Pylorus durch Raffnähte, was nie versäumt werden sollte, da sonst der Pylorus
durchgängig bleibt. Vielfach kann man sich auch auf Exzision des Ulcus
und seiner nächsten Umgebung und Uebernähung des Defektes beschränken.
Grossen Wert lege inan stets auf rasche Beendigung des Eingriffs.
Herr Neubauer hat auf seiner Abteilung das allzu teure Wismut
durch Baryumsulfat ersetzt und damit gleich gute Milderung oder Aufhebung
der Beschwerden erzielt. Ob in solchen Fällen nur Latenz oder Heilung
eingetreten ist, lässt sich röntgenologisch nicht entscheiden, da hier negative
Befunde keineswegs beweisend sind. Sichere Aufklärung darüber vermag
jedoch die Gastroskopie zu geben, eine klinische Untersuchungsmethode, die
ganz mit Unrecht als Quälerei verrufen ist. Die in den letzten Monaten auf
der Abteilung des Vortragenden ausgeführten mehr als 100 gastroskopischen
Untersuchungen wurden von den Patienten widerstandslos ertragen und haben
den Beweis geliefert, dass zuweilen Ulcera ohne jedes Symptom bestehen
können. Herr Schindler wird in der nächsten Sitzung des Vereins au
führlich über die Gastroskopie referieren.
Herr Schmitt erwähnt als Beitrag zur traumatischen Genese di
Ulcus, dass er innerhalb kurzer Zeit 11 Fälle von starker Gastrektas:
darunter 9 mal zugleich sicheres Ulcus ventriculi beobachtet habe, die sämtlk
aus dem gleichen Dorfe stammten, das wegen seiner Gefrässigkeit berüchti
sei. Referent hält die Gastroenterostomie für die Normaloperation des Mage
geschwürs und hat Exzision der Geschwüre wegen erhöhter Nachblutung
gefahr ganz verlassen. Bei ausgedehnten Resektionen war Vortragender c
überrascht durch die gute Funktion des sich dehnenden Magenrestes.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 16. Dezember 1921.
Herr Hutter stellt eine Kranke vor, bei der er eine Arthritis d
Articulatio cricoarytaenoidea beobachtet hat.
Nach einem Gelenkrheumatismus trat leichte Atemnot auf. Die laryng
skopische Untersuchung ergab Oedem und Rötung in der Gegend des rechti
Aryknorpel. Das obere Schildknorpelhorn r. war druckempfindlich, eben')
der r. Ringknorpel in seinem hinteren Anteil, auf dem die Aryknorpel ad
sitzen. Der rheumatische Charakter der Erkrankung ging aus der Anamne!
und der guten Wirksamkeit des Aspirins hervor. Die Parese der Stimij
bänder dauerte etwas länger. Perichondritis der Aryknorpel mit sekundäre]
Uebergreifen auf die Stimmbänder anzunehmen, war vollkommen unbegründi!
Nur eine Arthritis cricoarytaenoidea kann Vorgelegen haben. Auch d
Ueberdauern der Stimmbandparese spricht dafür.
Vortr. hat den Fall vorgestellt, weil bei den ephemären sonstigen t
scheinungen im übrigen Körper die Hauptlokalisation des Rheumatismus :
Kehlkopf eine grosse Seltenheit darstellt.
Herr K. Lederer: Hypogalaktie.
Hypogalaktie kommt konstitutionell selten, aber sicher vor; ist vj
häufiger Folge mangelhafter Stilltechnik, schlechter Ernährung oder ve
schiedener Krankheiten.
’ Die qualitative Hypogalaktie wurde bisher angenommen, aber nie n
Sicherheit nachgewiesen. Man nahm ihr Vorhandensein an, weil man andej
nicht erklären konnte. In dem literarischen Streit vertrat eine Richtung <i
Existenz der qualitativen Hypogalaktie, eine andere widersprach, eine dri
nahm psychische Einflüsse an. Czerny vertrat die Ansicht, dass c
Fettgehalt vermindert sei, hat aber keine Analysenzahlen veröffentlicht. I
Ansicht Czernys fand Unterstützung, Analysenzahlen liegen aber nie
vor. Vortr. hat durch Milchanalysen festgestellt, dass im Vergleich j
normaler Frauenmilch der Gehalt an Fett, Eiweiss und Zucker vermindert i
die Differenz betrug etwas mehr als 100 Kalorien. Butterzusatz zur Frau;,
milch erhöht den Nährwert; das Gewicht steigt rasch.
Herr A. Kneucker: Anästhesie bei Zahnextraktionen. K
Kleine Mitteilungen.
Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der Eheschliessung.
Das Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine
Sachsen veröffentlicht einen Auszug aus der Niederschrift über die dritte
weiterte Sitzung der 1. Abteilung des Landesgesundheitsamtes am 12. I
zember 1921 betreffend Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der El
Schliessung und Herausgabe von Richtlinien für die ärztliche Untersuchs
und Beratung vor der Eheschliessung. Diesem Auszug zufolge -hat der 1]
richterstatter, Herr Schmaltz, durch mehrere über das Verhandlungsthe
kürzlich erschienene Arbeiten an der Durchführbarkeit einer so einschneidi
den und in die persönliche Freiheit tiefeingreifenden Massregel irregemac
seine früher aufgestellten Leitsätze bedeutend eingeschränkt. Dagegen ti
Herr Kuhn auf, der es für nötig hält, dass der Austausch von Gesundhei:
Zeugnissen vor der Ehe, wenn auch nur schrittweise, angestrebt were
müsse, und dass für die weiten Kreise, denen ein Hausarzt fehlt, stand
amtlich registrierte Eheberater eintreten müssten. Er stellt folgende Li
Sätze auf:
1. Um die körperlich oder geistig für die Ehe und die Zeugung gesum
Kinder Untauglichen von der Eheschliessung und der Zeugung abzuhalten,
die Ausbreitung der Lehren der Rassenhygiene in unserem Volke zu fördc
2. Dazu ist zunächst sofortige Ausbildung der Mediziner auf der L
versität in Vererbungslehre und Rassenhygiene und die Abhaltung von Fc
bildungskursen für Aerzte in denselben Fächern nötig.
3. Besonders sind hierbei Richtlinien für die ärztliche Untersuchung i
Beratung vor der Eheschliessung zu geben.
4. In diesen Richtlinien sind nicht nur die übertragbaren Krankheit
die den Ehepartner und die Nachkommenschaft gefährden, wie Geschlech
krankheiten und Tuberkulose, sondern auch die vererbbaren Krankheit
krankhaften Anlagen sowie Missbildungen zu berücksichtigen.
5. Es ist dahin zu streben, dass die Hausärzte nach gründlicher A
bildung die i'men anvertraute Jugend vor der Ehe untersuchen und berat
6. Ferner ist die Niederlassung besonders in der Erkennung der 1
schlechtskrankheiten und anderer ansteckender Krankheiten sowie den \
erbungsfragen vorgebildeter Eheberater notwendig, die namentlich die gro
Masse des Volkes ohne Hausarzt zu beraten haben.
7. Die Standesämter haben Listen derjenigen Aerzte zu führen, die ih
ihre Niederlassung als Eheberater angezeigt haben.
8. Die Untersuchung und Beratung hat am besten vor der Verlob
stattzufinden und sollte vor der Eheschliessung wiederholt werden, falls
Möglichkeit besteht, dass ein Ehebewerber inzwischen eine ansteckende Kra
heit erworben hat.
9. Sobald im Bereiche aller Standesämter Eheberater vorhanden s
ist die gesetzliche Beibringung von Gesundheitszeugnissen vor der Ehe
verlangen.
10. Die Form der Zeugnisse wird auf Grund der vorliegenden Erfahrun
festzulegen sein.
11. Die Zulassung der Eheschliessung ist von dem Inhalt der Zeugn
abhängig zu machen, sobald das Volksempfinden das Eingehen der Ehe ti
ablehnenden Zeugnisses verurteilt.
17. Januar 1922.
Münchener medizinische Wochenschrift.
141
Daran knüpft sich eine längere Diskussion, als deren Ergebnis Kuhns
-ätze 8 — 11 lediglich als Anregung für die Zukunft entgegengenommen werden,
während nachstehende Verschmelzung der Schmal tz- und K u h n sehen
.eitsätze nebst kleineren Zusätzen anderer Redner zur Annahme gelangt:
1. Erforderlich ist eine möglichst weitgehende Aufklärung der Bevölkerung
ber die Lehren der Rassenhygiene sowie eine Belehrung der Aerzte durch
orlesungen während des Studiums und durch Fortbildungskurse über Ver-
rbungslehre und Rassenhygiene.
2. Zu empfehlen ist ferner die Herausgabe von Richtlinien für die Unter-
uchung und Beratung von Ehebewerbern an alle Aerzte. Dabei sind vor
llem auch die vererbbaren Krankheiten, krankhaften Anlagen sowie Miss-
ildungen zu berücksichtigen.
3. Die Einführung von obligatorischen Ehezeugnissen und die Anstellung
esonderer Eheberater empfiehlt sich vorläufig nicht, dagegen sollen die
Standesämter verpflichtet sein, beiden Verlobten gleichzeitig mit dem Merk-
latt für Eheschliessende den Vordruck zu einem einheitlichen Gesundheits-
eugnis auszuhändigen, durch das ausgesprochen werden soll, dass zur Zeit
er Untersuchung keine ärztlichen Bedenken gegen eine Verheiratung zu er¬
geben sind. Diese Vordrucke sollen auch jederzeit auf Verlangen vom
itandesamt abgegeben werden. Bestehen Bedenken, so wird ein Zeugnis
icht ausgestellt. Der Arzt hat sich in diesem Falle auf mündliche Belehrung
u beschränken.
Ill' .
Schadenersatzgefahr bei versäumter ärztlicher Eheberatung.
Mit diesem Gegenstände befasst sich Reichsgerichtsrat Dr. Z e i 1 e r
u einem in der Vossischen Zeitung vom 23. Dezember 1921 erschienenen
iufsatze, der für die Aerztewelt von Interesse sein wird. Denn die in dem
iufsatze entwickelten Gedanken sind den meisten Lesern ganz fremd, und
er Arzt wird häufig Gelegenheit haben, auf sie hinzuweisen. Z e i 1 e r
chreibt:
i Wenn ein minderjähriges Mädchen heiratet, das unter Vormundschaft
teht, so ist bekanntlich zur Anordnung des standesamtlichen Aufgebots er-
rrderlich, dass der Vormund oder die Vormünderin dem Standesamt gegen-
ber die Einwilligung zu der geplanten Eheschliessung erklärt. Vielfach
lauben Vormünder, dass es sich hierbei um eine völlig bedeutungslose Förm-
chkeit handle, und erteilen die Einwilligung ohne nähere Prüfung. Wie
rig eine solche Ansicht ist, wie bedeutungsvoll dieser Vorgang sowohl für
en Mündel als für den Vormund selbst sein kann, wird in einem beachtens¬
werten Aufsatze von Amtsgerichtsrat Dr. K r e s s in der Leipziger „Zeitschrift
ir Deutsches Recht“ 1921, S. 296, dargelegt. Kress erörtert folgenden
all: Der Vormund hat vor Anordnung des Aufgebots von dem Standesamt
as bekannte Merkblatt erhalten, in welchem auf die Wichtigkeit ärztlichen
:lates bei der Eheschliessung hingewiesen wird. Dieses vom Reichsgesund-
ieitsamt verfasste Merkblatt beachtet der Vormund aber nicht, holt nicht,
ie dort dringend empfohlen wird, ein ärztliches Gesundheitszeugnis über den
'■räutigam ein, sondern erteilt ohne dieses die Eheeinwilligung. Alsbald nach
er Heirat wird die junge Frau von dem Manne angesteckt, der sich im
elde eine Krankheit zugezogen hatte. Die Frau ficht mit Erfolg die Ehe
n und verlangt nun Ersatz ihres bedeutenden Vermögensschadens, aber nicht
on dem mittellosen Manne, sondern von dem begüterten Vormunde. Kress
:gt dar, dass dieser Prozess für den Vormund sehr bedenklich liege, weil
!ie Verseuchung, die während der Kriegsjahre eingetreten ist, allbekannt sei,
nd weil ausserdem das Reichsgesundheitsamt in dem Merkblatte auf diese
'inge besonders hinweist. In der Tat kann hier dem Vormunde ein Fahr-
iissigkeitsvorwurf gemacht werden, der schlimme Folgen für ihn haben kann.
:s ist nützlich, sich dies klar zu machen und auch aus diesem Grunde die
eilsamen Ratschläge des Reichsgesundheitsamtes in dem Eheschliessungs-
lerkblatte zu befolgen. Besser bewahrt, als beklagt!
Reichsgerichtsrat Dr. Z e i 1 e r.
Unerwähnt lässt Z e i 1 e r die Schadensersatzpflicht des kranken Verlobten
Jlbst. a Dass sie besteht, wenn jemand leichtfertig heiratet, ehe ihn der
rzt für geheilt und wieder ehefähig erklärt hat, ist ja bekannter, und das
ufgebotsmerkblatt des Reichsgesundheitsamtes hebt das auch hervor.
Amtsgerichtsrat Dr. Schubart - Charlottenburg.
Therapeutische Notizen.
Arzt und Opsonogen. Der ärztliche Beruf bringt es mit sich,
iss Aerzte nicht selten an Staphylokokkeninfektionen der Haut und nament-
ch auch an Furunkulose erkranken. Furunkulose aber ist bei der Berufs-
usübung oft in hohem Grade hinderlich, ja sie kann dieselbe für kürzere oder
mgere, manchmal sehr lange Zeit unmöglich machen.
Ich habe mich nun in der Literatur umgesehen, welche Behandlung der
igenen Furunkulose von den Aerzten bevorzugt und als die wirksamste be-
sichnet wird. Dies scheint mir die Vakzination mit Opsonogen zu sein. In
en letzten Jahren veröffentlichen fünf Aerzte erfolgreiche Opsonogenbehand-
n'g ihrer Furunkulose: DDr. v. Einsiedel (D.m.W.), Fried (M.m.W.),
erzJer« (M.m.W.), Jaeger (Inauguraldissertation) und Neumayer
i'mu ')' *n a"en lagen besonders schwere, viele- Monate bis zu
Jahren bestehende Krankheiten vor. In allen Fällen versagte jede andere
herapie und Opsonogen brachte völlige, rezidivfreie Heilung. Gerade diesen
tzten Umstand, die Rezidivfreiheit, möchte ich hier betonen, weil sie ein
rfolg der spezifischen Vakzinewirkung ist. In den nicht allzu hartnäckigen
rankheitsfällen, welche die allergrösste Mehrzahl bilden, genügen meist
nige, selbst 1 2 Opsonogeninjektionen zur Erzielung des Erfolgs.
Zur Mitverwertung bei dieser Publikation stellt Dr. Fischer in
eipzig-Möckern die kurzgefasste eigene Krankengeschichte zur Verfügung:
ich litt im Felde vom März 1918 ab an sehr ausgedehnter und schmerzhafter
urunkulose des Kopfes. Alle operativen Methoden, wie Inzision und Saug-
ockenbehandlung, erreichten bestenfalls die Abheilung eines Furunkels nach
mger Zeit, konnten aber niemals Rezidive verhindern. Umschläge und
nere Darreichung von Bierhefe und Lävulose hatten keinen Erfolg. Im
ezember 1918 benutzte ich zum ersten Male Opsonogen, und zwar in
bständen von je 7 Tagen 3 Spritzen von je 500 Millionen Keimen, die nur
mz geringe örtliche Reaktion auslösten. Der Erfolg war überraschend,
ie Furunkel erweichten und bildeten sich gänzlich zurück. Ueber ein Jahr
^eb ich rezidivfrei. Im Mai 1920 bekam ich wiederum einen Furunkel
-r Kopfhaut, der nach 2 Injektionen von Opsonogen verschwand. Seitdem
ibe ich keinerlei Rezidiv wieder gehabt.“
Durch den prompten und anhaltenden Erfolg ist Fischer — wie seine
briefliche Mitteilung erkennen lässt — ebenso enthusiasmiert wie die oben
angeführten fünf Kollegen, die in der Literatur selbst über ihre Erkrankung
an Furunkulose und Heilung durch Opsonogen berichten.
Die heutige Publikation bezweckt, dem Praktiker die Opsonogenbehand-
lung der chronischen Furunkulose in Erinnerung zu rufen und ihn zur Nach¬
prüfung aufzufordern. Dr. Stephan- Brandenburg (Havel).
Studenten belange.
Beendigung des Kampfes um die Verfassung der deutschen
Studentenschaft?
Am 9. Januar fand eine Sitzung des Hauptausschusses der deutschen
Studentenschaft, der durch die Führer des „Hochschulrings deutscher Art“
und Vertreter der freiheitlichen Studenten in Oesterreich und Böhmen er¬
weitert war, statt zur Beratung über die Verfassung der deutschen Studenten¬
schaft. Die Beratungen sind nach den letzten Meldungen noch nicht abge¬
schlossen. Nach einer Mitteilung der „Hochschulblätter der Vossischen
Zeitung“ soll die Neuordnung etwa in folgender Weise erfolgen:
Die DeutscheStudentenschaft besteht aus den Studenten¬
schaften der Hochschulen des Deutschen Reiches.
Zur Einzel Studentenschaft gehören:
1. Die Studierenden deutscher Staatsangehörigkeit.
2. Die Studierenden, die bis zum Inkrafttreten des Friedensvertrages die
deutsche Staatsangehörigkeit besassen.
3. Die Studierenden deutsch-österreichischer Staatsangehörigkeit.
•4. Die auslandsdeutschen Studierenden (Deutsch-Böhmen, Deutsch-Balten,
Deutsche aus der Diaspora) ohne Rücksicht auf Rasse und Bekenntnis.
Die Aufgaben der Einzelstudentenschaft sind:
1. Erfüllung der hochschulbürgerlichen Rechte und Pflichten durch Ent¬
sendung von Vertretern in die Ausschüsse der Hochschule, in denen nach
Anordnung des Ministers oder der Hochschule die Mitarbeit der Studenten¬
schaft vorgesehen ist (Immatrikulation, Disziplinär- und Ehrenordnung, Stu¬
dienwesen, Leibesübungen).
2. Wirtschaftliche Fürsorge für die Mitglieder der Studentenschaft.
Bei der Erfüllung dieser Aufgaben ist der Austrag politischer und welt¬
anschaulicher Gegensätze ausgeschlossen.
Die Aufgaben des Gesamtverbandes („Deutsche Studenten¬
schaft“) sind:
1. Erfüllung der Aufgaben der Einzelstudentenschaften, die für alle Stu¬
dentenschaften gemeinsam bearbeitet werden müssen.
2. Vertretung der „Deutschen Studentenschaft“ gegenüber den aus¬
ländischen Studentenschaften.
Man muss abwarten, ob diese Festsetzung sich in allen Punkten be¬
wahrheitet und ob dadurch tatsächlich Ruhe und Frieden bei der deutschen
Studentenschaft einkehren wird, was sehr zu bezweifeln ist. v. V.
Wie sehr die Zweifel unseres Mitarbeiters berechtigt sind, beweist eine
Erklärung des Hochschulkreises Bayern vom 22. Januar, er könne die in
Göttingen verfügte Notverfassung nicht anerkennen, da sie jeder Rechtsgrund¬
lage entbehre. Die Vertreter in Göttingen hätten ohne satzungsmässige Voll¬
macht ihrer Körperschaften eigenmächtig der deutschen Studentenschaft die
neue Verfassung diktatorisch aufgezwungen. Der Kreis Bayern stehe auf dem
Boden der allein rechtsgültigen alten Göttinger Verfassung; er hat den bis¬
herigen Leiter des Kreises, cand. rer. pol. S i e g e r t, wegen Ueberschreitung
seiner Befugnisse seines Amtes enthoben. Nach dieser Erklärung scheinen wir
von einer Einigung innerhalb der deutschen Studentenschaft weiter wie je
entfernt zu sein.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 25. Januar 1922.
Die Gesundheitskommission des Völkerbundes
hat in einem ersten Hefte begonnen die Ergebnisse ihrer epidemiologi¬
schen und sanitären Studien in Osteuropa vom Jahre 1921
herauszugeben. In einer stattlichen Reihe von statistischen Tabellen und
Kartenskizzen wird ein interessantes Bild entworfen von der Häufigkeit und
Verbreitung der wichtigsten Infektionskrankheiten und des Skorbuts in Russ¬
land und den übrigen slavischen Staaten, in den baltischen Ländern und
teilweise auch in Oesterreich und Deutschland. Auch eine Statistik über
die Verteilung, Art und Leistungsfähigkeit von Sanitäts- und Verpflegungs¬
stationen in Westrussland und der Ukraine ist gegeben. Zur Kritik der
vielen über die Bevölkerungsabnahme in Russland umlaufenden Gerüchte und
Zahlen ist ein Artikel über die Geschichte der russischen Volkszählung von
Bedeutung. Demnach hat die letzte allgemeine Zählung 1897 stattgefunden,
seit 1906 wurden dann jährliche Ueberschlagsschätzungen eingeführt. Erst
1920 wurde wieder der Versuch einer allgemeinen Zählung gemacht, scheiterte
jedoch daran, dass 13 Gouvernements durch Kriegs- und Revolutionswirren
unzugänglich waren. Die in immerhin 68 Bezirken durchgeführte Zählung
lässt unter anderem erkennen, dass die Bevölkerung überall stark abgenommen
hat und dass die grossen Städte besonders grosse Einbusse erlitten. Alle
Vergleiche mit den Zahlen vor dem Kriege sind jedoch sehr erschwert infolge
von Veränderungen der Bezirksgrenzen seit der Revolution und von Ab¬
spaltung der selbständig gewordenen Randstaaten.
Die schon mehrfach erwähnte internationale Konferenz zur
Standardisierung der Heilsera, die vom 12. — 14. Dezember in
London stattfand und die sich durch die Zuziehung von Vertretern Deutsch¬
lands vorteilhaft von anderen internationalen Veranstaltungen unterschied, hat
an Frau v. B e h r i n g in Marburg und an Frau Ehrlich in Frankfurt ä M
folgendes Telegramm gesandt:
Die in London versammelte Konferenz für Serumprufung des Hygiene¬
komitee des Völkerbundes hat mit Einstimmigkeit beschlossen, in Aner¬
kennung der grossen Verdienste, die Emil v. Behring und Paul Ehr-
1 i c h um die Serumtherapie und die Wertbestimmung der Sera haben
Ihnen diese Mitteilung der pietätvollen Würdigung Ihres verstorbenen Gatten
zu übermitteln. Prof. M a d s e n, Konferenz-Präsident.
Auch an den Direktor des Pasteurinstitutes in Paris, Dr. Roux und au
1 roh Kitasato in Tokio wurden Begrüssungstelegramme gesandt.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
142
Nr.
— Das Preisausschreiben der Lingnerstiftu n g (vergl.
d. W. 1921 S. 658) über hygienische Fragen für Schüler un
Freistaat Sachsen 1921 wurde wiederum zu Weihnachten abgeschlossen. Es
stellte den höheren Schulen von Untertertia an als Aufgabe: „Kampf den
Genussgiften“ und „Wie schütze ich mich und meine Kameraden gegen den
Schmutz in Wort und Bild?“, den Berufsschülern: „Wo sucht der Mensch
seine Erholung und wo findet er sie?“, den Berufsschülerinnen: Was kann
ich zur Gesunderhaltung der mir anvertrauten Kiemen tun?“, den^ Volks¬
schülern im letzten Schuljahr: „Du, Deine Gesundheit und das Wetter . Ver¬
teilt wurden 3 erste Preise in der Höhe von je 150 M„ 10 weitere Preise zu
je 100 M. und 25 dritte Preise zu je 50 M. Die Preise bestanden in prak¬
tischen Gegenständen für Sport, Tarnen, Wandern bzw. in Beschaffungs¬
beihilfen für Bedarfsstücke und grössere Buchwerke. Ausserdem wurden
noch 40 Bücher als Anerkennungen weiteren Bearbeitern zugesprochen. Die
Arbeiten zeigten wiederum neben grossem Fleiss und guten Kenntnissen das
ernste Streben bei unserer Jugend nach tieferer Lebensauffassung und ver¬
ständiger Lebensführung.
— Im preuss. Ministerium für Volkswohlfahrt wurde ein neues Muster
für die Jahresgesundheitsberichte der Kreismedizinalräte aus¬
gearbeitet, das in einer Beilage zum Amtsblatt des Ministeriums der „Volks¬
wohlfahrt“ veröffentlicht ist. ...
— Im Haushalt des preuss. Kultusministeriums waren 800 000 M. für die
Arbeiten des Ausschusses zur Prüfung des F r i e d m a n n sehen Mittels ein¬
gestellt worden. Nach Antrag des Geh. Rats Dr. Lubarsch, des Vor¬
sitzenden des genannten Ausschusses, wurde die geforderte Summe für
„Tuberkuloseforschung“ bewilligt.
— Der Kampf der Rostocker Aerzteschaft mit der
Allgemeinen Ortskrankenkasse hat nach 14 tägigem Ringen mit
einem vollen Erfolg der Aerzte geendet dank der geschlossenen Einigkeit der
Kollegenschaft. .
— Man schreibt uns aus Wien: Der Streik der K.a ssenarzte,
der sechs lange, bange Wochen gedauert hat, endigt mit einem v o 1 1 e n
Erfolge der Aerzteschaft. Die Wirtschaftliche Organisation der
Aerzte Wiens hat den Kampf der Aerzte mit grosser Energie geführt, die
ärztliche Leitung des Volksgesundheitsamtes mit Erfolg in die Angelegenheit
eingegriffen und die Kassenmitglieder haben sich zugunsten der Aerzte aus¬
gesprochen. Der volle Dienst der Kassenärzte wurde bereits aufgenommen,
da die Hauptbedingungen erfüllt sind. Nunmehr erhalten die jüngsten Kassen¬
ärzte ca. 600 000 österreichische Kronen als jährliches Fixum, einen Betrag,
der trotz der Armseligkeit der österreichischen Krone die bescheidene Lebens¬
führung ermöglicht; über einige Verhandlungspunkte wird noch beraten. K.
— Ein Gesetz vom 16. Dezember 1921 ermächtigt die österreichische
Regierung, privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, bei denen
Fürsorgekräfte in einer sie vorwiegend beschäftigenden Weise beruflich tätig
sind, Zuschüsse zu gewähren, um die Dienstbezüge des Personals an die
Dienstbezü'ge des im öffentlichen Dienste stehenden Dienstpersonals anzu¬
gleichen. , , ,
— Der Berliner Polizeipräsident hat gegen den bekannten
Heilanstaltsbesitzer Paul Mistelsky eine Verfügung erlassen, in der er
aufgefordert wird, innerhalb zweier Wochen die Bezeichnung „Professor
Dr. med. Arzt, im Auslande approbiert, von der deutschen Regierung an¬
erkannt“, von seinen Namens- und Geschäftsschildern, wie von seinen
Geschäftspapieren zu entfernen und in den öffentlichen Ankündigungen seiner
heilgewerblichen Tätigkeit in der Presse die vorstehend beanstandeten Be¬
zeichnungen fortzulassen. Für den Fall, dass Mistelsky dieser Verfügung
nicht innerhalb der gestellten Frist nachkommen sollte, behält sich das Polizei¬
präsidium vor, das Publikum über die Nichtberechtigung Mistelsky s zur
Führung der beanstandeten Titel öffentlich durch die Tagespresse zu belehren.
— Prof. Max F 1 e s c h in Frankfurt a. M. feierte seinen 70. Geburtstag.
— An der Staatsanstalt für Krankengymnastik und
Massage in Dresden findet vom 20. März bis 8. April d. J. ein weiterer
Lehrgang für Aerzte statt. Näheres im Anzeigenteil d. Nr.
— Die Bonner Röntgenvereinigung veranstaltet vom 2. bis 8. März 1922
einen Röntgenkursus für Therapie und Diagnostik unter
besonderer Berücksichtigung der neuesten Fortschritte. Anmeldung an Privat¬
dozent Dr. M a r t i u s - Bonn, Frauenklinik, Theaterstr. 5. Zur Deckung der
Unkosten wird ein Betrag von 150 M. erhoben.
— In der Zeit vom 6. bis 11. März wird ein Lehrgang für Aerzte
über Schulgesundheitspflege in Chemnitz abgehalten. Der
Lehrgang ist in erster Linie für diejenigen Aerzte Sachsens bestimmt, die als
Schulärzte angestellt sind oder später als solche praktisch tätig werden
wollen, ferner für Bezirksärzte. Anmeldungen bis zum 1. Februar an den
Stadtbezirksarzt von Chemnitz, Stadtobermedizinalrat Dr. Hauffe, Stadt¬
haus, Lange-Strasse 54.
— Auf Anregung des uruguayischen Gesandten Dr. G u a r c h finden im
März d. J. in Berlin unter Mitwirkung der medizinischen Fakultät und der
Dozentenvereinigung für Aerzte spanischer und portugie¬
sischer Zunge Fortbildungskurse aus allen Gebieten der
Medizin statt. Besondere Berücksichtigung finden Syphilis, Tuberkulose, Herz¬
krankheiten, Strahlenkunde (Röntgen, Radium usw.). Im Anschluss hieran soll
bei genügender Beteiligung im April eine ärztliche Studienreise durch Deutsch¬
lands Universitäten und Badeorte unternommen werden. Nähere Auskunft
erteilt das Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin NW. 6, Luisenplatz 2 — 4.
— Das Jodbad Sulzbrunn bei Kempten ist aus dem Besitz des
Roten Kreuzes an eine G. m. b. H. übergegangen. Die ärztliche Leitung ist
Herrn Dr. E. P ö s c h e 1, bisherigen Abteilungsarzt der Kuranstalt Neuwittels¬
bach in München (Geheimrat R. v. H ö s s 1 i n) übertragen.
— Die Richtlinien für die Anwendung der Salvarsan-
präparate (M.m.W. 1921 S. 1641) sind bei Julius Springer, Berlin W. 9,
Linkstr. 23/24, erschienen. Einzeln 50 Pf., 100 Stück 30 M., 300 Stück 55 M.,
500 Stück 80 M.
— Cholera. Lettland. Vom 15. — 23. Oktober v. J. wurde in der
Quarantänestation Riga 1 Erkrankung festgestellt.
— Pest. Italien. Am 15. und 19. November v. J. wurden in Catania
2 Pestfälle, davon 1 mit tödlichem Verlauf, festgestellt.
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 8. bis
14. Januar wurden 2 Erkrankungen bei Rückwanderern in Frankfurt a. O.
gemeldet. Nachträglich wurden noch mitgeteilt für die Zeit vom 25. — 31. De¬
zember v. J. 2 Erkrankungen, und zwar in Heilsberg (Reg.-Bez. Königsberg)
und in Eydtkuhnen (Kreis Stallupönen, Reg.-Bez. Gumbinnen) je 1; vom
1. — 7. Januar 24 Erkrankungen in Frankfurt a. O. — Oesterreich. Vom 25.
bis 31. Dezember v. J. 8 Erkrankungen in Wien; vom 18. 24. Dezemb'
v. J. noch 1 Erkrankung in Linz. J
— Die Gesamtheit der 49 deutschen Orte mit 100 000 und mehr Ei
wohnern hatte im Jahr 1921 eine Sterblichkeit von 12.6, auf 1000 F.i
wohner und aufs Jahr berechnet.
Hochschulnachrichten. . _
Berlin. Der bisherige I. Assistent am Hygienischen Institut Bast
Dr. Alfred Schnabel, wurde zum Abteilungsleiter bei dem Institut f
Infektionskrankheiten „Robert Koch“ ernannt.
B o n n. Prof. Dr. med. et phil. August P ü 1 1 e r, Privatdozent f
Physiologie, hat einen Ruf als Abteilungsvorstand an das physiologiscl
Institut nach Kiel erhalten und angenommen. Er ist gleichzeitig zum persö
liehen Ordinarius ernannt. — Dem Direktor der Psychiatrischen Klin
Geh. Rat Prof. Dr. W e s t p h a 1 ist das neugegründete Ordinariat f
Psychiatrie an der Universität übertragen worden. — Privatdoze
Dr/ Fischer hat zürn 1. April 1922 einen Ruf als ordentlicher Professor f
Pathologie an die Universität Rostock als Nachfolger des Prof. H u e c k e
halten, (hk.)
Breslau. Die ärztliche Prüfungskommission für d:
Prüfungsjahr 1921/22 an der Breslauer medizinischen Fakultät ist wie fol
zusammengesetzt: Vorsitzender: Geh. Med. -Rat Prof. Dr. H ü r t h 1
sein Stellvertreter Geh. Med. -Rat Prof. Dr. Pfeiffer; Examinatorei
1. für pathologische Anatomie und allgemeine Pathologie Prof. Dr. Henk
2. Medizinischer Teil a): Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Minkowski und Prt
Dr. Bittorf; b): Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Pohl; c): Geh. Med.-Rat Pn
Dr. Jadassohn; d): Prof. Dr. S t o 1 1 z. 3. Chirurgischer Teil: a) bis c
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Küttner und Prof. Dr. Coenen; d): Nachfolg
des Prof. Dr. Kallius; e): Prof. Dr. H i n s b e r g. 4. Geburtshilflic
gynäkologischer Teil: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Küstner (bis zum Amt
antritt seines Nachfolgers) und die Professoren Dr. F r ä n k e 1 ui
Dr. Hannes (abwechselnd miteinander). 5. Augenheilkunde: Geh. Med.-R
Prof. Dr. U h t h o f f (bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers).
Greifswald. Der Ordinarius der inneren Medizin Prof. Dr. Hermai
Straub in Halle wurde in gleicher Eigenschaft an die Universität Greifswa
versetzt, (hk.) — 1242 immatrikulierte Studierende zählt die Greifswald
Universität in diesem Winterhalbjahr, davon in der medizinischen Fakultät 35
darunter 83 Studierende der Zahnheilkunde, (hk.)
Königsberg. Von der medizinischen Fakultät der Universit
wird für das Jahr 1922 folgende Preisaufgabe gestellt: Es sollen d
Gesundheitsstörungen durch Alkoholmissbrauch — mit besonderer Berüc
sichtigung der psychotischen und nervösen Erscheinungen — , die seit Eni
des Krieges in Deutschland und anderen Ländern beobachtet sind, unter B
Ziehung auf die Kriegs- und Vorkriegszeit untersucht werden und gleichzeit
die zum Zwecke ihrer Beseitigung geltenden und geplanten gesetzlichen ui
anderen Massnahmen bei uns und in anderen Ländern geprüft werden. D
Preisarbeiten sind bis spätestens zum 18. Dezember 1922 in B
gleitung eines versiegelten Zettels mit dem Namen des Verfassers und eine
äusserlich verzeichnten Kennwort, demjenigen der Arbeit selbst entsprechen
an den zuständigen Dekan abzuliefern.
Leipzig. Der Privatdozent Dr. Max Goldschmidt, Assiste
an der Universitäts-Augenklinik, wurde zum nichtplanmässigen ausserorder
liehen Professor ernannt.
Marburg. Für die Nachfolge von Prof. B e s s a u wird vorgeschlage
1. Vogt- Magdeburg; 2. Freuden b erg - Heidelberg; 3. G ö 1 1 - Münch'
und Thomas- Köln.
München. Der a. o. Professor für Gerichtliche Medizin Dr. Heri
Merkel wurde in seiner Eigenschaft als Landgerichtsarzt zum etat
mässigen Obermedizinalrat (unter Einreihung in Gruppe XII) befördert. •
ln einer eindrucksvollen Feier wurden am 18. ds. in der Universität d
Ehrentafeln mit den Namen der im Kriege gefallenen Studierenden der Ui
versität München enthüllt.
Rostock. Es habilitierte sich für Augenheilkunde der Oberarzt an d
Universitäts-Augenklinik, Dr. Triebenstein, mit einer Probevorlesui
über „Die Entstehung der Kurzsichtigkeit.“ — Dem Privatdozenten f
Botanik, Generaloberarzt Dr. Krause, ist die Dienstbezeichnung als ausse
planmässiger ausserordentlicher Professor beigelegt worden. — Nachde
Prof. Dr. S c h u 1 1 z e, Prosektor am Landkrankenhaus in Braunschwei
den Ruf als ord. Professor und Direktor des Pathologischen Instituts abg
lehnt hat, ist Privatdozent Dr. Walter Fischer in Bonn berufen worde
Tübingen. Prof. Schmincke in Graz hat einen Ruf als Nachfolg
von Prof. Mönckeberg als Ordinarius für pathologische Anatomie e
halten.
Helsdngfors. Die Gesellschaft der Aerzte Finnlands ernann
Geh. Hofrat Prof. Dr. Th. A x e n f e 1 d in Freiburg i. Br. zum Ehrenmitglie
Korrespondenz.
Ueber die Kolloidnatur des Quecksilbers bei der intravenösen Injektit
von Neosalvarsan-Quecksilbersalzmischungen.
Zusatz zu meiner Veröffentlichung in Nr. 1 dieser Wochenschrift.
O e 1 z e — dermatologische Klinik der Universität Leipzig — macht mii
darauf aufmerksam, dass nicht, wie aus meinem Artikel hervorgehen kan
Lenzmann, sondern er das Cyarsal in die Therapie eingeführt habe.
O e 1 z e stellte nach systematischen Versuchen mit dem Chemik
Dr. B o e d e c k e r - Tempelhof synthetisch eine Gruppe einheitlicher Ve
bindungen her, die Hg so fest gebunden enthielten, dass es vom Salvarsi
bei kurzer Einwirkung nicht herauszureissen war. Unter ihnen erschien d
„Cyarsal“, das Kaliumsalz einer kernmerkurierten Oxybenzoesäure, am best
geeignet für die Therapie sowohl im allgemeinen, als auch, weil wegen d
eben genannten Eigenschaften die Mischung mit Salvarsan zunächst glaskl
bleibt, also genau so leicht, wie eine reine Salvarsanlösung injiziert werd
kann. So konnte O e 1 z e das Cyarsal besonders für die Mischspritze em
fehlen.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Firr
Klopfer nunmehr ein flüssiges kolloidales Hg-Präparat in handlichen Ar
pullen in den Handel bringt. Sollte das Präparat, wie ich hoffe, haltbar sei
glaube ich, würde es lohnend sein. Versuche mit ihm anzustellen, nicht n
bei Syphilis, sondern auch bei anderen infektiösen Krankheiten.
Dr. med. C. T o 1 1 e n s,
= .. ■ ~ r ■ ■ i,— , ,a
Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Pani Heysestr. 26. — Druck von E. Mühllhaler’s Buch- und Kunstdruckerei, München.
Preis der einzelnen Nummer 3.— M. • Bezugspreis in Deutschland
• • • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • . .
Anzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
... Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung; : Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Uhr),
für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse- trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/III.
Medizinische Wochenschrift.
Nr. 5. 3. Februar 1922.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält eich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Preuss. Polizeischule für Leibesübungen in Spandau.
(Sportarzt: Dr. med. H. Herxheimer.)
Zur Wirkung des Alkohols auf die sportliche Leistung.
Von Dr. med. Herbert Herxheimer.
Einleitung.
Die Wirkung des Alkohols auf die Funktionen des Körpers ist seit
langer Zeit Gegenstand eingehender Forschungen gewesen. Bei Be¬
trachtung der Ergebnisse trennt man am besten zwei Wirkungsgebiete:
Das Nervensystem und das Muskelsystem. Die Wirkung auf das
Nervensystem ist bekannt und kaum bestritten: Herabsetzung der
sensoriellen und intellektuellen Funktionen bei anfänglicher Steigerung
der motorischen. Ob das letztere die Folge zentraler Erregung oder
des Wegfalles von Hemmungen ist, kann ausser Diskussion bleiben.
Schwieriger ist die Entscheidung der Frage nach der reinen Muskel¬
wirkung des Alkohols. Hier sind es Ergographenversuche gewesen,
die einen gewissen Aufschluss über diese Verhältnisse gaben. Die
grundlegenden Arbeiten von Lombard [X], Rossi [2], Taver-
n a r i 3], Frey [4l. Schumburg [5 1. S c h e f f e r [6j, Kraepe-
1 i n [7 j entstanden in den 90 er Jahren. Ihre Ergebnisse lassen sich
im allgemeinen miteinander in Einklang bringen. Sie fanden im An¬
fang, kurz nach der Aufnahme, eine Steigerung und darauf ein erheb¬
liches Absinken der Leistungen. Nur Frey erhielt etwas andere
Resultate. Er fand die anfängliche Steigerung der Leistungsfähigkeit
nur am ermüdeten Muskel, nicht aber am frischen.
1901 konnten dann K r a e p e 1 i h und 0 s e r e t z k o w s k y [8] die
Leistung am Ergographen in zwei Komponenten zerlegen, nämlich
in Hubhöhe und Hubzahl. Sie zeigten, dass die Hubhöhe — die eigent¬
liche Muskelleistung — auch gleich nach der Aufnahme keine Stei- '
gerung erfuhr, während die Zahl der Hebungen, die Hubzahl, längere
Zeit höher als vor der Aufnahme blieb und dadurch die anfängliche
Steigerung der Gesamtleistung hervorrief, die früher gefunden worden
war. Zu ähnlichen Ergebnissen kam später Joteyko [9], Sie führte
die Steigerung der Hubzahl darauf zurück, dass sich die Erholungsfähig-
<eit des Muskels bessere. Hellsten [10] fand bei Gaben von 25
ois 50 ccm Alkohol 5 — 10 Minuten nach der Aufnahme Steigerung,
12 bis 40 Minuten nachher Abnahme der Leistungsfähigkeit. Die Ab-
lahme trat um so schneller und nachhaltiger ein, je grösser die Dosis
war. Die Sekundenarbeit (analog der Hubhöhe) war jedoch durchweg
geringer. Später fand Hellsten bei isometrischer Muskelarbeit die
tnfängliche Leistungssteigerung durch Alkoholaufnahme bestätigt [11].
Die Anwendung all dieser Ergebnisse auf die Praxis der körper-
ichen Arbeit, und zwar der Arbeit des Sportmannes scheint leicht, da
>ie ziemlich eindeutig sind. Sie besagen im grossen und ganzen, dass
ier Alkohol kurz nach der Aufnahme die Leistung dadurch steigert,
lass zwar nicht die Kraft des Muskels bei der einzelnen Zusammen¬
stellung zunimmt, aber ihm mehr Willensimpulse in der Zeiteinheit zu¬
geführt werden. Man findet denn auch in Spörtkreisen und in populären
5portlehrbüchern die Ansicht vertreten, dass der Alkohol im allgemeinen
5war schädlich, aber in kleinen Mengen kurz vor dem Wettkampf zu¬
weilen empfehlenswert sei. Gestützt wird diese durch die angenehm
wirkende Beseitigung des Ermüdungsgefühls, die der Alkohol im Ge-
iolge hat.
Es liegt aber auf der Hand, dass die sportliche Betätigung nicht
ihne weiteres mit Ergographenversuchen verglichen werden kann. Zu-
lächst sind bei den letzteren nur wenige, bei der ersteren dagegen
die Muskelgruppen des Körpers tätig — ein wesentlicher quantitativer
Jnterschied. Dann aber spielen die zentralen Einflüsse von seiten des
'lervensystems bei der sportlichen Arbeit eine grössere Rolle und sind
.-on der reinen Muskelarbeit gar nicht zu trennen.
Es lag nun nahe, zu untersuchen, ob tatsächlich der Alkohol für die
sportliche Leistung unter gewissen Bedingungen von Vorteil sein kann.
Exakte Versuche darüber sind bisher nicht angestellt worden.
J u r i g [12] fand, dass der Alkohol bei Bergsteigern die Arbeitsleistung
/erringerte. Er führte das grossenteils auf das unrationelle Arbeiten
ier menschlichen Maschine infolge der leichten Koord'inationsstörungen
airück.
Für uns konnten nur solche Arten sportlicher Arbeit in Frage
iommen, die sehr kurze Zeit dauerten, die ferner, unmittelbar nach der
Ukoholaufnahme ausgeführt, nur den anfänglichen leistungssteigernden
Einfluss des Alkohols zeigen konnten und vor dem Eintritt der lähmen-
Nr. 5.
den Wirkung beendet waren. (Die Uebung Durigs, das Bergsteigen,
erscheint infolge ihrer längeren Dauer dafür nicht geeignet.) Die
betr. Uebung musste ferner auch technisch einfach sein und keine zu
grossen Anforderungen an die Koordinationsfähigkeit der Muskulatur
stellen. Der Einfluss von seiten des Zentralnervensystems musste
möglichst gering sein.
Ausscheiden kann für unsere Untersuchungen die Beeinflussung
des ermüdeten oder erschöpften Körpers. Denn erstens tritt der Kör¬
per an sportliche Leistungen in frischem', ausgeru'htem Zustande heran,
und zweitens wird bei ermüdetem Körper die Alkoholwirkung noch von
anderen Faktoren beeinflusst. Dazu gehört die Beseitigung des
Ermüdungsgefühls und die Zufuhr von, wenn auch geringen. Mengen
Brennmaterial nach den erschöpften Geweben.
Als Uebungsart, die den oben geschilderten Anforderungen ent¬
sprach, wurde der 100-m-Lauf gewählt. Er ist eine sehr konzentrierte
Arbeitsleistung, die nur 12 — 13 Sekunden dauert und die auch — als
reiner Lauf — keine grossen Anforderungen an die Koordinationsfähig¬
keit stellt.
Die Methodik der Versuche bedarf eingehender Schilderung.
Allgemeines zur Methodik.
Experimentelle Untersuchungen bei sportlichen Leistungen sind
sehr schwierig, wenn man ein exaktes Ergebnis erhalten will. Die
Verhältnisse sind ganz andere als beim Laboratoriumsversuch, bei dem
man alle Nebenumstände, die für den Ausfall des Versuches mit in
Frage kommen, zu einem erheblichen Teil auszuschalten in der Lage
ist. Beim Experiment mit der sportlichen Arbeit der Praxis lässt sich
das nicht durchführen, denn die äusseren Verhältnisse gestatten meist
nicht eine lange und vorsichtige Auswahl der Versuchspersonen und
eine Ausdehnung der Versuche an den gleichen Menschen über lange
Zeiträume hinaus. Im Gegenteil, der Untersuchende muss zufrieden
sein, wenn ihm überhaupt Zeit und Gelegenheit zu Untersuchungen ge¬
geben wird, denn es handelt sich ja hier nicht um Kranke, sondern
um Gesunde, deren Neigung zu wiederholten Untersuchungen irgend¬
welcher Art nicht eben gross ist.
So kommt es, dass eine Unzahl von Faktoren bei den Experimenten
auf allen sportlichen Gebieten mitspricht. Wir können von ihnen
nur einen geringen Teil ausschalten.
Um ein exaktes Ergebnis zu erhalten, muss deshalb ein anderer
Weg eingeschlagen werden: Die Wirkung der nicht auszuschaltenden
Faktoren muss erforscht und in Rechnung gestellt werden, was bei
ihrer Vielheit nicht ganz leicht ist. Aus diesem Grunde wird sich die
Einleitung zu jeder derartigen Untersuchung eingehend mit der an¬
gewandten Methodik zu beschäftigen haben, damit der Leser sieht,
welche Nebenumstände berücksichtigt sind; fehlt auch nur ein einziger,
einigermassen bedeutender Faktor von den vielen, so kann das Er¬
gebnis mit Recht angezweifelt werden. Die Art und Zahl dieser Kom¬
ponenten ist übrigens bei jeder Art körperlicher Uebung völlig ver¬
schieden.
Für den Untersuchenden ist es von grossem Vorteil, wenn er die
Uebungen, mit welchen er experimentiert, selbst beherrscht; nur dann
ist er in der Lage, wirklich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus be¬
urteilen zu können, was berücksichtigt werden muss.
Die nachfolgenden Untersuchungen beziehen sich, wie oben er¬
wähnt, zum grossen Teil auf den lOOm-Lauf, eine Uebung, die zum
Gebiet der sog. Leichtathletik gehört, und die sich seit langen Jahren
grosser Beliebtheit und Verbreitung in allen Ländern erfreut, in denen
Leichtathletik getrieben wird. Es ist eine Schnelligkeitsübung, deren
Dauer sehr kurz ist, und welche Konzentrierung aller verfügbaren
Körperkraft und Gewandtheit auf einen sehr kurzen Zeitraum verlangt.
Die deutsche Bestleistung ist 10,5 Sekunden, die Weltbestleistung
10,2 Sekunden. Bei dem gesunden Mann von Durchschnittskonstitution
zwischen 18 und 32 Jahren werden in Deutschland gegenwärtig 13,4 Se¬
kunden als Zeichen guter körperlicher Allgemeindurchbildung an¬
erkannt.
Zunächst sollen hier die Umstände besprochen werden, welche auf
den Ausfall der Versuche einwirkten. Es sind zu unterscheiden Fak¬
toren, die ausserhalb der Versuchspersonen liegen und solche, deren
Grösse durch den körperlichen oder geistigen Zustand der Versuchs¬
personen selbst bestimmt wird.
Aeussere Faktoren.
1. Laufbahn: Bei unseren Versuchen wurde, wie fast überall
üblich, auf einer Aschenbahn gelaufen, und zwar fast immer auf der¬
selben. Von dem Zustand der Bahn wird die Zeit des Laufes beein-
144
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
flusst. Je nachdem die Bahn härter, weicher, elastischer odei weniger
elastisch ist, wird die erzielte Zeit besser oder schlechter. Der Zustand
der Bahn wechselt mit der Feuchtigkeit des Erdbodens, also mit der
Witterung. Da sich die Versuche über viele Wochen erstreckten,
konnte eine Qleichmässigkeit der Bahn nicht erzielt werden. Die Ein¬
wirkung kann auch nicht zahlenmässig errechnet werden. Sie muss
deshalb dadurch ausgeschaltet werden, dass jeder einzelne Versuch tur
sich Resultate ergibt und die Möglichkeit zur Kontrolle bietet, Für
einen Versuch, der sich nur über kurze Zeit erstreckt — etwa 30 — -
ist der Zustand der Bahn praktisch gleichmässig. So lassen sich die
innerhalb eines solchen Zeitraumes angestellten Versuche - eine ver¬
suchsgruppe — in ihren Resultaten miteinander vergleichen.
2. Wind: Seine Rolle ist noch wichtiger für die absolute Zeit des
Laufes. Selbst bei kleinen Unterschieden in der Stärke und Richtung
des Windes kann die Differenz der erzielten Zeiten über 1 Sekunde
betragen, was bei der 100-m-Strecke, wo es auf Zehntelsekunden an¬
kommt, recht viel ist. Da der Wind ja täglich und stündlich wechselt,
kommt zur Ausschaltung seiner Wirkung nur das unter 1 schon Ge¬
sagte in Frage: Nur die innerhalb einer Versuchsgruppe erzielten Er¬
gebnisse können mit Recht miteinander verglichen werden.
3. Tageszeit: Der Einfluss der Tageszeit (in diesem Begriff ver¬
einigen sich mehrere Komponenten) ist verhältnismässig gering. Er
wurde dadurch ausgeschaltet, dass alle Versuche um die gleiche Tages¬
zeit stattfanden, nämlich um 9 Uhr vormittags.
4. Witterung: Grösser ist der Einfluss der Witterung. Sowohl
Temperatur als auch Luftfeuchtigkeit und Luftdruck üben eine Wir¬
kung aus: die beiden ersten wahrscheinlich direkt auf die Muskelarbeit,
der letztere mehr auf die geistige Verfassung. Die beiden ersten konn¬
ten wirksam mit Hilfe der unter 1 und 2 geschilderten Massnahmen
ausgeschaltet werden. Die Einwirkung der Witterung auf die Stim¬
mung der Versuchspersonen ist jedoch bei den einzelnen Ver¬
suchspersonen so verschieden, dass eine genaue Ausschaltung dieser
Fehlerquelle nicht erreicht werden konnte, zumal sich der Grad der
Einwirkung nach dem Stande unserer Kenntnisse darüber nicht er-
rechnen lässt * #
5. Messinstrumente: Die Messinstrumente können leicht
Anlass grosser Irrtümer werden. Die gebräuchlichen Stoppuhren sind
sehr empfindlich und gehen oft ungleichmässig. Sie wurden deshalb
vor jedem Versuch verglichen. Ausserdem erfordert das Zeitnehmen
Uebung, da es sich um geringe Zeitdifferenzen handelt. Aus diesem
Grunde habe ich das Zeitnehmen, das ich seit langen Jahren praktisch
oft ausgeführt habe, immer selbst vorgenommen.
Innere Faktoren.
6. Das Wettkampfmoment. Erfahrungsgemäss ist es ein
grosser Unterschied!, ob ein Läufer allein läuft oder mit einem Kon¬
kurrenten. Die erzielte Zeit ist wesentlich kürzer, sobald ein Wett¬
kampf zwischen beiden entsteht, und zwar ist sie um so besser, je
schärfer der Wettkampf ist, d. h. je näher sich die Kämpfer auf der
Strecke sind. Ein guter Läufer wird also eine gute Zeit laufen, wenn
er mit einem Konkurrenten zusammen startet, der etwa ebenso gut läuft
wie er selbst. Er wird aber wesentlich schlechter laufen, wenn er mit
einem viel schlechteren Konkurrenten zusammengestellt wird. Die
Ausschaltung dieser Fehlerquelle wurde dadurch versucht, dass immer
dieselben Versuchspersonen zusammen liefen — es waren meist Grup¬
pen zu dreien. Ganz auszuschalten war er nicht, da auch innerhalb
der einzelnen Gruppen der eine oder andere einmal einen schlechten
Tag hatte und den beiden anderen infolgedessen keinen so scharfen
Kampf bot.
7. Arbeitsleistung vor dem Versuch: Als wichtig er¬
wies sich auch das Mass der vor dem Versuch geleisteten Arbeit. Die
Versuchspersonen waren Teilnehmer an einem Kursus, durch den sie
als Sportlehrer ausgebildet werden sollten. Sie wurden körperlich
sehr stark in Anspruch genommen. An den Versuchstagen lagen je¬
doch keine Anstrengungen in der Zeit vor dem Versuch, zumal dieser
immer um 9 Uhr vormittags stattfand. Es zeigte sich ferner, dass
auch die Anstrengung vom Tage vorher nachwirkte, wenn sie einmal
besonders gross gewesen war. Da dieser Umstand sich aber gleich¬
mässig bei allen Versuchspersonen geltend machte, konnte seine Ein¬
wirkung wie unter 1 und 2 ausgeschaltet werden.
8. Geschlechtsverkehr: Infolge der starken körperlichen
Anstrengung war das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr bei den Ver¬
suchspersonen gering, ebenso die Lust zu irgendwelchen besonderen
Ausschweifungen in Baccho. Von dieser Seite waren also keine oder
nur sehr selten Störungen zu erwarten, die bei der grossen Zahl der
Versuche nicht ins Gewicht fallen.
9. Allgemeiner Kräftezustand: Der allgemeine Kräfte¬
zustand erwies sich als bedeutender Faktor, da er bei den einzelnen
Versuchspersonen verschieden war und vor allen Dingen verschieden
stark wechselte. Dieser Wechsel vollzog sich jedoch glücklicherweise
ziemlich langsam, d. h. im Verlauf mehrerer Wochen, so dass er nicht
allzu sehr störte. Nur gegen Ende des Kursus, wo sich die starken
körperlichen Anstrengungen während 12 Wochen durch Uebertraining
bemerkbar machten, traten die Unterschiede durch den verschieden¬
artigen Wechsel im Kräftezustand der einzelnen Versuchspersonen deut¬
licher in Erscheinung. Aus diesem Grunde wurden die Versuche an
diesen Leuten abgebrochen, da die Ausschaltung dieses allzu stören¬
den Einflusses nicht möglich schien.
10. Laune: Die Stimmung des einzelnen spricht bei dem Resultat
des Laufes ebenfalls mit. Da sie bei jedem einzelnen verschieden
wechselt — die Witterung spielt hier, wie oben erwähnt, eine gewisse
Rolle — und ihre Einwirkung nicht errechnet werden kann, ist sie in. E.
nicht ganz auszuschalten. Sie ist deshalb eine der praktisch '"gn-
tigsten Fehlerquellen und ihre Wirkung nur durch eine möglichst giosse ^
Anzahl von Versuchen unschädlich zu machen.
11. Ein weiterer Faktor ist die Uebung: Ein Ungeübter wird
anfangs schlechte Zeiten erzielen und seine Leistung mit fortschreiten¬
der Uebung allmählich verbessern. Bei den Kurzstreckenläufern ist es -
aber nicht so wie bei manchen anderen Uebungen, dass die ver¬
bessernde Wirkung des Trainings anhält und dadurch zu einer ständig
fortschreitenden Verbesserung der Leistung führt. Wenn vielmehr nach
einiger Zeit eifrigen Trainings eine bestimmte Höhe der Leistung er- I
reicht ist, dann bleibt sie stehen, verbessert sich nicht mehr und ,5
schwankt nur etwas nach oben und unten. Um eine Störung der Ver- J
Suchsergebnisse von dieser Seite zu vermeiden, wurden deshalb nur
solche Leute ausgewählt, die längst über das Anfangsstadium hinaus ’•
und deren Leistungen infolgedessen stetige waren.
Die Versuche.
Unter Berücksichtigung aller dieser Dinge wurde die Versuchs-^
anordnung folgendermassen getroffen: Es wurden zunächst 31 Leute •
ausgewählt, deren Leistung gut war oder wenigstens auf dem Durch-
Schnittsniveau stand und von denen man annehmen durfte, dass
ziemlich gleichmässig sein würde. Die Leistung dieser 31 Leute im«
IOU-m-Lauf wurde unter den oben angeführten Kautelen 4 mal bei
einigen nur 3 mal — festgestellt: d. h. jedesmal um die gleiche Zeit
(9 Uhr vormittags) und so, dass immer die gleichen Leute miteinander
liefen. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich, wenn die ausseren Um¬
stände, insbesondere der Wind, etwa gleich waren, die . Leistungen*
der einzelnen Leute recht gleichmässig ausfielen. Sie differierten meist
nur um wenige Zehntelsekunden.
Diese 4 malige Prüfung bildete die Grundlage der späteren Ver¬
suche. Aus ihrem Resultate wurde sowohl die bisherige Durchschnitts¬
leistung wie die Bestleistung errechnet. Hatte z. B. P. die 100 m
2 mal in 12,7 Sek. und 2 mal in je 12,9 Sek. durchlaufen, so betrug
seine Bestleistung 12,7 Sek., seine Durchschnittsleistung 12,8 Sek.
Auf diese Werte wurden die späteren unter dem Einfluss von Alkohol
gewonnenen Ergebnisse bezogen.
Wie oben erwähnt, ist es wegen der Verschiedenheit der äusseren
Umstände nicht möglich, die absoluten Leistungen eines einzigen Läu¬
fers an verschiedenen Tagen miteinander zu vergleichen. Es musste .
deshalb eine ganze Reihe von Versuchen am gleichen Tage und zur
gleichen Tageszeit ausgeführt werden. Die so an verschiedenen Leu¬
ten unter gleichen äusseren Bedingungen gewonnenen Ergebnisse
lassen sich mit Erfolg vergleichen und auch mit den früheren Leistungen
in Beziehung bringen. Es wurde deshalb folgendermassen verfahren:
An einem Morgen liefen 12 Mann 100 m. Von ihnen erhielten 6 Mann
— also die Hälfte — Alkohol, die anderen 6 einen Scheintrank, von
dem sie infolge vorheriger mündlicher Belehrung die gleiche Wirkung
wie von dem Alkohol erwarteten, nämlich eine Anregung. Eine ev.
vorhandene Autosuggestion musste sich dann gleichmässig bei allen
Versuchspersonen geltend machen. Von allen 12 war die Durchschnitts¬
leistung und die Bestleistung bekannt. Ergab sich nun, dass die 6 Leute,
die Alkohol bekommen hatten, unter ihrer Durchschnittsleistung blieben,
die Leute ohne Alkohol dagegen ihre Durchschnittsleistung erreichten,
so war damit eine nachteilige Wirkung des Alkohols erwiesen. Es wurde
also nicht die Beziehung der jetzigen Leistung des einzelnen zu
seiner Durchschnittsleistung festgestellt, sondern der Unterschied der
jetzigen Leistung einer Mehrzahl von Leuten im Gegensatz zu ihrer
bisherigen Best- und Durchschnittsleistung gestellt.
Durch dies Verfahren, das nur Durchschnittsleistungen berück¬
sichtigt, werden alle möglichen Fehler in ihrer Bedeutung erheblich
herabgesetzt. Da mit diesen 31 Personen eine genügend grosse Anzahl
von Versuchen angestellt werden konnte, die zu einzelnen Versuchs-
gruppen zusammengefasst wurden, so kann die eingeschlagene Methode
als genügend objektiv angesprochen werden.
Die Menge Alkohol, die gegeben wurde, betrug 7 g 96 proz. Alkohol
in wässriger Lösung, die etwas aromatisch gemacht war. Diese Menge
Alkohol entspricht etwa der in einem mittelgrossen Likörglas enthal¬
tenen Menge. Sie erscheint im Verhältnis zu den von K r a e p e H n und
Hellsten u. a. verwandten Mengen etwas gering. Nach den Resul¬
taten H e 1 1 s t e n s und nach den allgemeinen pharmakologischen Er¬
fahrungen war aber anzunehmen, dass das anfängliche Erregungs-
stadium um so deutlicher hervortreten würde, je geringer die an¬
gewandte Menge war. Bei grösseren Dosen war zu befürchten, dass
das Stadium der Leistungssteigerung zu kurz sein würde, um im Ver¬
lauf des Versuches zum Ausdruck kommen zu können.
Aus dem gleichen Grunde wurde der Zeitabstand zwischen Ein¬
nahme von Alkohol und Leistung sehr gering bemessen. 4 — 6 Minuten
nach der Einnahme fand der 100 m-Lauf statt, ln dieser Zeit musste
also eine Leistungssteigerung von praktischer Bedeutung zur Be¬
obachtung kommen, wenn sie überhaupt vorhanden war.
Versucht. 18. Vlll. 1921. Es erhielten Alkohol Ba., Wü„ Gn., Fe..
Scheintrank Sa., Pu., Ra., Bau.
Ergebnis:
Es brauchten alle schlechtere Zeiten:
Die Leute mit Alkohol 0,27 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,25 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,22 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,14 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
3. Februar 1 922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
145
Versuch 2. 22. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Pu., Bau., Ku.,
Wi„ Ra., Scheintrank Sa., ün., Ba„ Wti., Pe.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 0,38 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,08 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,21 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,01 Sek. besser als Durchschnittsleistung.
Versuch 3. 23. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Ho., St., Je., Go.,
Th., Scheintrank Kr., Lo., Ha., Ro., Hä.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 0,34 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,04 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,09 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,08 Sek. besser als Durchschnittsleistung.
V e r s u c h 4. 24. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Ge„ Bl., Sch., Sa.,
Ba„ Wü., Kr., Scheintrank Br., Be., Ku., Bau., Gn„ KL, Pu.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 0,81 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,59 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,64 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,40 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung
V e r s u c h 5. 25. VIII. 1921. Es erhielten Alkohol Thi„ Ha.. Lo.,
Kr., Ro„ Scheintrank Ho., St., Th., Go„ Hä., Je.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 0,70 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,65 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,48 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,41 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Diese Versuche fanden im Sommer statt. Obwohl ihr Ergebnis
ziemlich eindeutig ist, wurden im Winter zur Kontrolle ähnliche Ver¬
suche beim Schwimmen angestellt. Die verlangte Leistung betrug
100-m-Schwimmen ; dies entspricht etwa dem 400-m-Lauf. Die Leistung
war also grösser als die bisher verlangte. Die Fehlerquellen wurden
malog der oben geschilderten Art und Weise in Rechnung gestellt bzw.
tusgeschaltet. Die Versuchspersonen waren andere als vorher.
Versuch 6. 28. XI. 1921. Es erhielten Alkohol We„ Sch., Ra., Gii.,
scheintrank Me., Br., Kö., Ri.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 2,75 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute ohne Alkohol 2,3 Sek. schlechter als Höchstleistung.
Die Leute mit Alkohol 0,8 Sek. besser als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 1,9 Sek. besser als Durchschnittsleistung.
Versuch 7. 5. XII. 1921. Es erhielten Alkohol Kö., Sehr, Ri, Br.
't>cheintrank Schw., Schi., Gü„ Ra.
Ergebnis:
Die Leute mit Alkohol 4,0 Sek. schlechter als Höchstleistung
Die Leute ohne Alkohol 2,5 Sek. schlechter als Höchstleistung
. Die Leute mit Alkohol 1,2 Sek. schlechter als Durchschnittsleistung.
Die Leute ohne Alkohol 0,02 Sek. besser als Durchschnittsleistung.
Fassen wir diese Ergebnisse ins Auge, so müssen wir zunächst
eststellen, dass die Durchschnittsleistung für uns sehr viel wertvoller
st als die Bestleistung (Höchstleistung). Denn bei Individuen mit
stärkeren Schwankungen in der Leistung gibt die bisherige Durch-
ichnittsleistung einen besseren Anhalt darüber, was von ihm im
Ukoholv ersuch erwartet werden kann als die nur ein einzigesmal er-
eichte Bestleistung.
Wir sehen, dass die Differenzen zwischen der Leistung im Ver¬
lieh und der bisherigen Durchschnittsleistung ein vollkommen ein-
teutiges Bild ergeben. Be; der Bestleistung ist es nicht in diesem
/lasse der Fall, obwohl sich auch hier meistens das gleiche Verhältnis
indet. Jedesmal erzielten die Alkoholleute ein schlechteres Ergebnis
ls die Kontrolleute. In Versuch 1 und 5 sind die Unterschiede gering
iber deutlich, in Versuch 2, 3 und 4 sehr erheblich. Hier sind die
.cute ohne Alkohol durchschnittlich 2 Zehntel Sekunden besser ge¬
rufen, als die, welche Alkohol bekommen hatten. Dies entspricht auf
er Laufbahn dem recht bedeutenden Abstand von etwa 2 m. Die
Ukoholleute sind also durch ihn stark beeinträchtigt worden. Bei den
schwimm versuch en (6 und 7) sehen wir das entsprechende Bild.
Wie haben wir uns nun diese nachteilige Wirkung des Alkohols
u erklären, trotzdem seine Menge sehr gering war und er fast un¬
mittelbar vor der Arbeitsleistung genommen wurde, die Bedingungen
Llr das Auftreten des leistungssteigernden Stadiums also äusserst
mistig waren? Unsere Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den
Tgographen versuchen. Dieser Widerspruch ist aber vielleicht nur
ch einbar: Die Ergographenarbeit darf eben nicht ohne weiteres mit
er sportlichen Arbeit verglichen werden. Der Unterschied ist quanti-
ftiv und qualitativ sehr »gross, und man könnte sich vorstellen dass
ic Grosse der einzelnen Muskelkontraktion, auf die es beim Schnell-
iuf sehr ankommt, vom Alkohol so herabgesetzt wird, dass diese
erabsetzung die anfängliche Steigerung der Zahl der Kontraktionen
Verwiegt. Wahrscheinlicher erscheint mir jedoch, dass leichte Koordi-
ationsstörungen die Leistung schädlich beeinflussen, wie dies schon
' u r i g angenommen hat. Es soll hier nicht bestritten werden, dass
ei einer technisch so leichten und quantitativ so geringen Arbeit
• ie am Ergographen zunächst ein leistungssteigerndes Stadium eintritt.
portliche Arbeit lässt sich aber nicht so gering dosieren; sie wird
nmer grössere Anspräche an die Koordinationsfähigkeit der Muskeln
teilen und auch quantitativ stärker ausfallen. Bei ihr wird wahr¬
scheinlich das anfängliche leistungssteigernde Stadium von den
istungshemmenden Alkoholwirkungen verdeckt.
Zusammenfassung.
1. Unter genauen Kautelen am 100-m-Laufen und am 100-rri-
chwimmen ausgeführte Versuche ergaben, dass die Einnahme selbst
ganz geringer Alkoholmengen kurz vor der sportlichen Arbeit die
Leistung beeinträchtigt.
2. Hieraus ergibt sich die Unrichtigkeit der weitverbreiteten
Meinung von dem Nutzen geringer Alkoholmengen kurz vor der An¬
strengung.
Literatur.
1. Lombard: Journal of Physiol. 1892. Vol. 13. — 2. Rossi:
Rivista sperimentale di freniatria. 2U. 1894. — 3. Tavernari: Ebenda.
23. 1897. — 4. Frey: Mitteilungen aus Kliniken und medizinischen Instituten
der Schweiz 1896, 4. Reihe. — 5. Schumburg: Ueber die Bedeutung von
Kola, Kaffee, Tee; Matd und Alkohol für die Leistung des Muskels. Arch.
f. Anat. u. Phys. Physiol. Abt. Supplementband 1899. — 6. Sch eff er:
Studien über den Einfluss des Alkohols auf die Muskelarbeit. Arch. f. exper.
Path. 1900, 44. — 7. Kraepelin: Ueber die Beeinflussung einiger ein¬
facher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena 1892. — •
8. Kraepelin: Psychologische Arbeiten 1901, 3. — 9. Joteyko: Travaux
Inst. Solvay. 6. Fase. 4. 1904. — 10. Hellsten: Ueber den Einfluss von
Alkohol, Zucker, Tee auf die Leistungsfähigkeit des Muskels. Skand. Arch. f.
Physiol. 1904, 16. — 11. Hellsten: Ueber die Einwirkung des Alkohols
auf die Leistungsfähigkeit des Muskels bei isometrischer Arbeitsweise
Skand. Arch. f. Physiol. 1907, 19. — 12. Durig: Pflü'gers Arch. 1906, 113.
Aus der Universitäts-Kinderklinik in Graz.
Ueber die willkürliche Betätigung der glatten Muskeln.
Von Prof. Franz Hamburger.
Ganz allgemein gilt auch heute noch der Grundsatz, dass sich die
glatte von der quergestreiften Muskulatur vor allen Dingen dadurch
unterscheidet, dass sie willkürlich nicht betätigt 'werden könne. Der
Herzmuskel bleibt dabei ganz ausser Frage. Ich bin überzeugt, dass
schon da und dort in alten und neuen Arbeiten Andeutungen oder
sogar ausführlich begründete Darlegungen zu finden sind, welche die
Richtigkeit dieser Lehre anzweifeln, ja ihre Unrichtigkeit bewiesen
haben. Wer genauer zusieht, kann nicht die Meinung aufrecht erhalten,
dass die glatte Muskulatur im Gegensatz zur quergestreiften Muskulatur
dem Willen entzogen sei. Es gibt eine ganze Anzahl von Beispielen,
welche beweisen, dass der Mensch wenigstens bestimmte Gruppen
glatter Muskeln unter seinem Willen hat. Ganz besonders zeigt sich
dies an der Blasenmuskulatur. Jeder gesunde Mensch ist imstande,
seine Blase zu entleeren, wann er will, und den Harn zurückzuhalten,
wann er will. Selbst Kinder sind, wie aus gelegentlichen Unter¬
suchungen bei der lordotischen Albuminurie hervorgeht, imstande, ihre
Blase alle 10 oder 15 Minuten zu entleeren. Darauf hat schon J e h 1 e
hingewiesen. Diese Tatsache ist ein schlagender und unwiderleglicher
Beweis dafür, dass die bei der Harnentleerung in Betracht kommenden
Blasenmuskelteile vollständig willkürlich betätigt werden können. Ich
sage ausdrücklich, das ist ein klarer und unwiderleglicher Beweis und
halte mich dabei an den festen Grundsatz, der in der Medizin leider'
viel zu wenig Beachtung findet. Das ist der Satz vom zu¬
reichenden Grunde. Es gibt gewisse Ueberlegungen, welche
richtig sein müssen. Ein solcher Satz ist auch dieser. Hier gibt es
keine andere Erklärung als die, dass die Blasenmuskeln, also
glatte Muskelfasern willkürlich betätigt werden
können.
Der Physiologe Exner hat schon vor vielen Jahren darauf hin¬
gewiesen, dass die (quergestreifte) Muskulatur immer in Hinsicht auf
das Ergebnis der Muskeltätigkeit mehr oder weniger stark innerviert
wird, das heist, dass sie immer „auf den Effekt“ arbeitet. Wir können
das auch so ausdrücken, dass wir sagen, wir lernen die quergestreifte
Muskulatur willkürlich betätigen, dadurch, dass wir den Effekt der
Leistung mit unseren Sinnesorganen beurteilen und dementsprechend
dann die Muskeln mnerviereni, d. h. unter unseren Willen bekommen.
Wir sind nun gewöhnlich in der Lage, die Tätigkeit der quergestreiften,
aber nicht die der glatten Muskeln in ihrem Ergebnis, in ihrer Leistung
zu beobachten. Wenn sich die Dünndarm- oder auch die obere DicK-
darmmuskulatur bewegt, so können wir das mit keinem Sinnesorgan
beobachten. Wenn wir aber unsere Basenmuskulatur innervieren, so
können wir das sehr wohl unmittelbar mit unseren Sinnen beobachten.
Das, was für die Blasenirmskulatur gilt, dürfte wohl auch für andere
glatte Muskeln gelten, unter der Voraussetzung, dass wir ihre Tätigkeit
mit unseren Sinnen beobachten können. Ein Beispiel dafür, dass auch
die _ Magenmuskulatur unter Umständen wenigstens in ihrer gegen¬
läufigen (antiperistaltischen) Bewegung dem Willen unterworfen sein
kann, ist ein Künstler, der sich vor dem Krieg auf allen möglichen
„Bühnen“ gezeigt hat: er war imstande 5 und mehr Liter Flüssigkeit
sich in den Magen einzugiessen und konnte dann, je nach Wunsch von
diesem Mageninhalte in grossen oder kleinen Zwischenräumen grosse
oder kleine Mengen wieder ausspeien. Will hier jemand daran zwei¬
feln, dass der Betreffende willkürlich imstande war. seine Magen¬
muskulatur aufs äusserste zu entspannen, um sie gleich wieder darauf
in grösserer oder geringerer Stärke gegenläufig arbeiten zu lassen?
Ich könnte auch an die Schuljungenübung erinnern, Luft in be¬
liebiger Menge in den Magen hinabzuschlucken, um sie dann wieder
unter Rülpsen in grossem oder kleinen Mengen nach aussen zu ent¬
fernen. Wenn auch in diesem letzten Beispiel der Fall nicht so abso¬
lut klar ist, wie in dem des Trink- und Speikünstlers, so möchte ich es
doch auch als Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Möglichkeit einer
willkürlichen Betätigung der Magenmuskulatur halten. Ich sage hier
ausdrücklich vorsichtigerweise „Wahrscheinlichkeitsbeweis“, wreil
4*
146
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
immerhin noch der Einwand gemacht werden könnte, dass im halle des
Luftschluckens die Luft nur bis zur Kardia hinabgeschluckt worden sei
und in der Speiseröhre sich in grösseren Mengen aiigesammelt habe, .
um dann bei entsprechender Erschlaffung der quergestreiften Rachen- j
rnuskulatur wieder selbsttätig nach aussen befördert zu werden. Dieser
Ein wand wäre bei dem I rink- und Speikiinstlei gewiss völlig un- ,
gerechtfertigt.
Wie lernt der Mensch nun gerade die Magenmuskulatur betätigen?
Die Erklärung finden wir in dem auf die glatte Muskulatur angewende- >
ten Lehrsatz von E x n c r, sie lautet: weil wir eben in der Lage sind, ,
das Ergebnis der rückläufigen Tätigkeit des Magens mit unseren Sinnen
zu beobachten. Die gewöhnliche, rechtläufige (peristaltische) Magen¬
tätigkeit können wir aber nicht beobachten, denn wir sehen und hören |
und empfinden nicht das Eintreten des Speisebreis aus dem Magen in
den Dünndarm, wohl aber hören, sehen, fühlen, schmecken wir die nick- j
läufige Magentätigkeit. . .
Ein weiteres Beispiel für die Möglichkeit, die glatte Muskulatur
willkürlich zu betätigen, ist das Beispiel von der willkürlich hervor- |
gerufenen Gänsehaut. Sehr viele Menschen sind imstande, diese Er¬
scheinung an sich willkürlich hervorzurufen, dadurch dass sie sich leb¬
haft eine Kälteempfindung oder das Kratzen eines Griffels über die
Schiefertafel vorstellen. Darauf ist schon von verschiedener Seite auf- |
merksam gemacht worden. L. R. Müller, dem wir verschiedene Be-
obachtungen in dieser Richtung verdanken, hat auch einen sehr lehi-
reichen ball berichtet, wo ein Mann bei Erinnerung an ein bestimmtes
Erlebnis eine erhöhte Blutfülle auf der einen Körperhälfte und eine
Gänsehaut auf der andern hervorrufen konnte. _
Die Erinnerung an ein Erlebnis, also die Erfahrung wird auch bei
der Betätigung der quergestreiften Muskeln immer wieder verwendet.
Auf diese Weise lernen die Menschen alle möglichen quergestreiften
Muskeln, ja wohl oft nur einige Fasergruppen von Muskeln genau so
stark betätigen wie sie wollen. Dabei werden sie immer von der Vor¬
stellung und der Erfahrung geleitet. Jemand, der einen Papphantel tür
Eisen haltend, nach dem Aussehen auf 30 kg schätzt, und unter diesei
Voraussetzung an. den Hantel herantritt und ihn aufheben will, der wird
unverweigerlic'h auf den Boden fallen. Er hat zu stark innerviert. Wie
stark jemand zu innervieren hat, lernt er eben aus der Erfahrung, wo¬
bei ihm die Sinnesorgane unersetzliche Dienste leisten.
Dabei ist nicht zu vergessen, dass der Mensch nicht nur seine
quergestreiften sondern auch seine glatten Muskeln willkürlich betätigen
lernt unter der Voraussetzung, dass er das Tätigkeitsergebnis mit den
Sinnesorganen unmittelbar beobachten kann. Auch queigestieifte Mus¬
kel sind nicht immer so ganz willkürlich zu betätigen, wie man glauben
sollte. Wer kann seine Bauchmuskeln einzeln entspannen oder an¬
spannen usw.? Wir betätigen eben immer unsere Muskeln, auch
quergestreifte, nur im Hinblick auf das merkbare Leistungsergebnis.
Was ich hier mitteile, erscheint mir selbst nicht absolut neu, aber
doch richtig und wahr. Und weil diese Wahrheit noch sehr wenig unter
die Aerzte gedrungen ist, -so möchte ich glauben, dass es gerechtfertigt
ist, wieder einmal die Aufmerksamkeit der Aerztewelt darauf hinzu¬
lenken. Es wird gar vieles physiologische und pathologische Ge¬
schehen aufgeklärt, wenn man sich vor Augen hält, dass ein durch¬
greifender Unterschied zwischen der Betätigung glatter und quer¬
gestreifter Muskulatur nicht besteht.
Aus dem Hygien. Institute der Tierärztl. Hochschule zu Dresden.
(Direktor: Obermedizinalrat Prof. Dr. M. Klimm er.)
Ist das Korynebakterium Abortus infectiosi Bang für
Menschen pathogen?
Von M. Klimme r und H. Haupt.
Wie beim Menschen, so sind auch bei den landwirtschaftlichen
Haustieren Fehl- und Frühgeburten nicht selten. Als Ursache nahm
man bei den Haustieren früher vor allem körperliche Ueberanstrengung,
Stösse gegen -den Leib, Aufnahme von kaltem Wasser und Futter, be¬
fallenen und verdorbenen Futtermitteln u. dergl. an. Auch im Ver¬
laufe verschiedener Infektionskrankheiten (Maul- und Klauenseuche,
Milzbrand, Tuberkulose etc.) sah man Abortusfälle auftreten. Durch
die Untersuchungen von Bang und S t r i b o 1 1 ist im Jahre 1897 der
Beweis erbracht worden, dass es sich beim Verkalben der Kühe zu¬
meist um eine Infektionskrankheit sui generis handelt, die ganz vor¬
wiegend nur unter den Erscheinungen des Abortus verläuft. Diese
Tatsache ist inzwischen von zahlreichen Autoren des In- und Auslandes
vieltausendfach bestätigt worden. Aehnlich liegen die Verhältnisse auch
beim Verfohlen der Stuten, nur ätiologisch besteht hier insofern ein
bemerkenswerter Unterschied, als das infektiöse Verkalben vorwiegend
durch den Bacillus abortus infectiosi Bang, hingegen das infektiöse Ver¬
fohlen vorwiegend durch Bakterien veranlasst wird, die zur Gruppe
des Paratyphus-B-Bazillus gehören.
Der Erreger des Verwerfens der Kühe, der Bacillus s. Corynebac-
terium abortus infectiosi Bang ist inzwischen Gegenstand zahlreicher
Untersuchungen über sein Verhalten verschiedenen Tierarten gegen¬
über gewesen, deren in der Literatur weit verstreuten Ergebnisse u. E.
auch für die menschliche Medizin nicht ohne Bedeutung sein dürften.
Die künstliche Kultur, dieses kurzen, meistens. kokken-, selten diph¬
theriebazillenähnlichen Stäbchens gelingt aus abortierten Rinderföten un¬
schwer, wenn die für diesen Bazillus optimale Sauerstoffspannung (etwas
unter 21 oder unter 100 Proz. O2) geboten wird. Bekannt ist das Wachstum
in hoher Schicht von Serumagar, das 1 — lUcm unterhalb der Oberfläche
in einer etwa 1 cm breiten Zone stattfindet, während ober- und unterhalb
dieses Streifens kein Wachstum erfolgt. Diese optimalen Stiuerstoffspannungen
kann man auf der Oberfläche von Schrägagar dadurch erreichen, dass man
entweder die Luft in den Röhrchen fast vollständig durch O» ersetzt oder
die Luft geringgradig des Sauerstoffes beraubt. Der letztgenannte Zustand
wird u a durch das gleichzeitige Auswachsenlassen von Sauerstoff ver¬
brauchenden Bakterienarten (Milzbrand, Heubazillus etc. ) in einem ge¬
schlossenen Glusgefäss (Spargelbüchse) erreicht, in das die Abortusaufstnche
eingestellt werden. Durch öfteres Umstechen auf künstliche Nährboden gelingt
es, den Abortusbazillus an ein Oberflächenwachstum bei der Sauerstoff-
Spannung der gewöhnlichen Atmosphäre zu gewöhnen. Er wächst dann auf
der Oberfläche in Gestalt von Stecknadelkopf- bis hanfkorngrossen bräunlich
opaleszierenden Kolonien, die bei dichter Aussaat Zusammenflüssen. Ueber
die nahen Beziehungen des Abortusbazillus zum Erreger des Maltafiebers
vergl. den Schluss dieser Abhandlung.
Ausser beim Rinde, wo der Bang sehe Bazillus in den meisten
Fällen von Verwerfen als Ursache in Frage kommt, ist dieses Bac-
terium bei einigen Abortusfällen der Ziege, des Schates
und Schweines gefunden worden. Künstliche Uebertragungs-
versuche haben hingegen die Pathogenität des Bang sehen
Abortusbazillus für nahezu alle Säugetierarten erwiesen.
Bevor wir auf die Pathogenität des Abortusbazillus für Menschen
eingehen, wollen wir die gut bekannten Verhältnisse beim Tier voraus¬
schicken.
Am eingehendsten ist natürlich die krankmachende Wirkung des Abortus¬
bazillus auf das Rind untersucht worden. Bei tragenden Kühen verursacht
er eine exsudative, nekrotisierende Entzündung der Uterusschleimhaut, die
später auf das anliegende Chorion übergreift. Die Frucht- und Mutterkuchen
werden meistens erst zuletzt von der Entzündung ergriffen. Die Folge dieser
Entzündung ist eine Lösung der Verbindung zwischen Fötus und Muttertier.
Die Abortusbazillen sind — vorzugsweise in Zellen eingeschlossen —
im Exsudat zwischen Uterus und Eihäuten, sowie im Labmageninhalt des
Fötus besonders reichlich vorhanden. Die Infektion des Fötus kann sowohl
durch den fötalen Blutkreislauf als auch durch Abschlucken der bazillen¬
haltigen Amnionflüssigkeit entstanden gedacht werden.
Sie löst bei den Föten meist eine Magen- und Dünndarm¬
entzündung, sehr oft auch eine exsudative, serofibrinöse Entzün¬
dung d e r serösen Häute der Brust- und Bauchhöhle aus.. Selbst eine
hochgradige fibrinöse Herzbeutelentzündung eines abortierten Fötus konnten
wir ätiologisch auf den Bang sehen Bazillus zurückführen.
Die Föten kommen sehr oft tot zur Welt. Der Tod ist jedoch nur
selten durch anatomische Veränderungen erklärlich.
Eine allgemeine Verbreitung der Abortusbazillen im fötalen Organismus oder
eine Intoxikation (ähnlich der bei Tuberkulose) ist in der Mehrzahl der Fälle
anzunehmen, ln etwa der Hälfte der Fälle sind im Herzblute von Kalbs¬
föten Abortusbazillen gefunden worden, während eine Q i f t w i r k u n g »aus
der dem Tuberkulin ähnlichen Wirkung von Abortusbazillenextrakten ge¬
folgert werden kann. )
Die günstigsten lebensbedingungen findet der
Abortusbazillus bei der trächtigen Kuh im Uterus und seinem In¬
halte. Nach Ausstossung der Frucht verschwindet er in kurzer Zeil
aus der Gebärmutter bis zur erneuten Trächtigkeit. Nahezu gleich
günstige Lebensbedingungen bietet die Milchdrüse, und1 zwar
gleichgültig ob sie in Funktion ist oder ruht. Während der Abortus-;
bazillus jedoch im Uterus recht erhebliche Entzündungserscheinunger
verursacht, sind anatomische Veränderungen des Euters trotz der nach¬
weislichen Infektion bisher nicht gefunden worden. Mit dem Bang-
sehen Bazillus infizierte Tiere scheiden lange Zeit (maxi¬
mal bis zu 7 Jahren nach dem Abortus)' schubweise, und zwar nach
unseren Erfahrungen zu etwa 40 Proz. Abortusbazillen aus. Be
der ausserordentlichen Verbreitung dieser Rinderseuche nimmt es niclr
wunder, dass nach Untersuchungen, die in unserem Institute durch¬
geführt wurden, in 32 Proz. von insgesamt 22 Dresdener Markt¬
milch proben Abortusbazillen festgestellt wurden. ~
Während man früher annahm, .dass zu jeder neuen Trächtigkeitsperioih
des Rindes eine Reinfektion von aussen stattfinde oder der Uterus latem
infiziert bleibe, ist man auf Grund der neueren Untersuchungen genötigt, eim
Reinfektion der Gebärmutter vom Euter aus anzunehmen
Bazillenträger und Dauerausscheider erschweren natürhcl
den Kampf gegen diese Seuche ausserordentlich, die wie keine andere dif
Milch- und Käiberproduktion gefährdet.
Beim Bullen sind in einigen Fällen nekrotische Emschmelzungen in
Hoden oder Nebenhoden als Folge der Infektion mit Abortusbazillen beob
achtet worden.
Die Infektion geschieht bei den Rindern vorzüglich durch Aufnahp
von Futter, -das durch bazillenhaltige Abgänge von Abortusfällen infiziert ist
Erst in zweiter Linie kommt als Infektionspforje die Scheide in Betracht
Auch eine Ansteckung vom Euter aus ist wohl möglich.
Die wenigen Fälle natürlicher Infektion (Abortus) von Schwein
Ziege und Schaf haben umfassende Feststellungen über die Epidemio
logie, pathologische Anatomie etc. bei diesen Tierarten nicht zugelassen
Die abortierende Wirkung des Abortusbazillus ist ausser he
den genannten Tierarten, bei denen natürliche Infektionen beobachte
wurden, durch künstliche Infekti an auch bei der Stute
der H ü n d i n, beim Affen, Kaninchen und Meerschwein
chen festgestellt worden.
Die sonstige pathogene Wirkung des Abortusbazillu
auf nichtträchtige Versuchstiere hat die Infektiosität des Bang schei
Bazillus für alle untersuchten Tierarten erwiesen.
Affen, Kaninchen, Ratten und Tauben erkranken au
Infektion mit Abortusbazillen nicht sichtbar; bei der Sektion ist mei
stens eine geringgradige Milzschwellung festzustellen. In der Milz sin<
bis zu 12 (Affe), 15 (Kaninchen), 9 (Ratte) oder 18 (Taube) Woche;
nach der Infektion Abortusbazillen nachweisbar. W e i s s e un
3. Februar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
147
;raue Hausmäuse sowie bunte Ratten sind für manche
Stämme des Bang sehen Bazillus hochempfänglich (schwere Erkran¬
kung, mitunter Tod in wenigen Tagen), während andere Stämme bei
diesen Tieren nur geringgradige Milzschwellung innerhalb 2XA bis
3 Monate verursachen. In der Milz von künstlich infizierten Mäusen
und bis zur 22. Woche p. inf. Abortusbazillen nachgewiesen worden.
Markante anatomische Veränderungen verursacht
ler Abortusbazillus beim Meerschweinchen. Amerikanische
\utoren (Th. Smith sowie Schroeder und Cotton) beobachte-
:en gelegentlich von Verimpfung von Milch auf Meer¬
schweinchen zur Feststellung vonTuberkulose zufällig
; ine der Tuberkulose weitgehend ähnliche E r k r a ii -
(ung der Versuchstiere, die sie später auf Infektion m i t
lern Ballig sehen Bazillus zurückführen konnten. Die Impf-
crankheit der Meerschweinchen im Anschluss an Verimpfung von
rbortusbazillenhaltigem Materiale (Milch. Eihäute etc.) verläuft nach
inseren Erfahrungen, die mit denen, der meisten anderen Untersucher
ibereinstimmen, in folgender Weise:
Nach anfänglichem Gewichtsverlust nehmen die Tiere weiterhin regel-
nässig zu. Frühestens 17 Tage nach der Infektion konnten wir geringe Milz-
;chwellung feststellen. Ihren Höhepunkt erreichte die Erkrankung in der
k— 9. Woche; von der 10. — 11. Woche an beginnen die anatomischen Ver¬
änderungen sich zurückzubilden. Die Krankheit geht meistens in Heilung über
md verläuft nur selten tödlich.
Das Sektionsbild zur 7. — 9. Woche nach der Infektion ist durch
lekrotische Herde in den Lymphknoten und den grossen Parenchymen
;ekennzeichnet. An der Impfstelle hat sich ein meist abgekapselter Abszess
;ebildet. Sämtliche Lymphknoten sind geschwollen, meist zentral rahmig
'erkäst. Die Milz ist um das 2- bis 30 fache vergrössert, ihre Grundfarbe
iläulichrot. In Leber, Lunge und Milz, bisweilen auch in den Nieren, sind
niliare, bis hanfkorngrosse Knötchen nachweisbar, von denen nur die
;rösseren zentral rahmigen Eiter aufweisen. Milz und Leber erhalten durch
olche dichtstehende graüweisse bis graugelbliche Herde mitunter ein ge-
prenkeltes Aussehen. In Hoden und Nebenhoden sind rahmige Ein-
chmelzungen sowie Schwund des Parenchyms beobachtet worden. Auch
[ironische Entzündungen der Binde- und Hornhaut des Auges treten gelegent-
ich auf. Aus allen veränderten Organen kann der Bang sehe Bazillus in
Jeinkultur gewonnen werden. Für den Fall, dass die Kultur misslingt, kann
ie stattgefundene geringfügige oder schon überstandene Infektion indirekt
urcli die Agglutinationsprobe mit dem Meerschweinchenserum nachgewiesen
werden.
Zur Diagnostik des infektiösen Abortus der Rinder wird der Meer-
chweinchenversuch nur selten herangezogen. In den meisten Fällen bedient
lan sich zur Feststellung der Aetiologie eines Verkalbefalles der Agglutination
der Komplementbindung. Der direkte kulturelle Nachweis wird nur ganz
eiten zur Diagnostik herangezogen, da er nur aus ganz frischem, mit anderen
lakterien nicht verunreinigtem Materiale (z. B. dem Labmagen totgeborener
öten) Aussicht auf Erfolg hat.
Vom hygienischen Standpunkte erscheint es uns von
Dichtigkeit darauf besonders zu verweisen, dass die Kuhmilch z u
inem hohe n Prozentsätze Bangsche Abortus-
azillen enthält und dass diese nach den bisherigen Ergebnissen
ir die verschiedensten Tierarten krankmachend
>' i r k e n. Bei der grossen Lebenszähigkeit der Abortusbazillen in
uten Nährmedien, wozu die Milch in erster Linie mitzurechnen ist,
ind die Molkereiprodukte (Butter, Käse, Quark etc.) in gleichem
inifange, wie die Milch selbst, als infiziert anzusehen. Es besteht
Iso die Tatsache, dass der Mensch mit der Milch und deren Erzeug¬
ten Bakterien aufnimmt, die sich im Versuch bei allen geprüften
ierarten als mehr oder weniger infektiös erwiesen haben.
Im Vordergründe des Interesses steht natürlicherweise die abor-
ierende Wirkung dieses Bazillus, die bei allen bisher
n die Untersuchung einbezogenen Säugetieren
ach ge wiesen werden konnte. Von verschiedenen Seiten ist auf
ie Beobachtung hingewiesen worden, dass vollständig gesunde
andwirtsf rauen Fehlgeburten hatten, ohne dass eine er-
ichtliche Ursache festgestellt worden wäre. Spätere Ermittelungen
rgaben eine Infektion des Rinderbestandes mit ansteckendem Verkalben.
wie die Tatsache, dass die betreffenden Frauen rohe Kuhmilch ge-
ossen hatten. Einen Zusammenhang dieser Enzootie mit den Fehl-
eburten anzunehmen, erscheint uns nach dem Obigen nicht un-
erechtigt.
Amerikanische Autoren, die auf diese Möglichkeit in Zusammcn-
ang mit ihrer Entdeckung des Abortusbazillus in der Milch zuerst
ingewiesen hatten, haben (Möhler und Traum) bei der Unter¬
teilung von 56 Tonsillen in einem Falle Abortusbazillen nachweisen
atmen; die Mandeln stammten von einem mit Kuhmilch ernährten
i n d e. Andere ebenfalls amerikanische Forscher (Larson und
e d g w i c k) wiesen bei 72 von 425 mit Kuhmilch ernährten Kinder n
ft Hilfe der Komplemefttbindungsmethode Ambozeptoren
tgen Abortusbazillenantigen nach. Später haben N i c h o 1 1
ad Prath sowie Ramsey die Ergebnisse der genannten bestätigt,
uch sie stellten bei mit Kuhmilch ernährten Kindern Antikörper gegen
bortusbazillen fest. Es ist darnach zu vermuten, dass der Abortus-
azillusauch imMen sehen seineLebensbedingungen
mdet und vom V e r d a u u n g s w e g e aus in den men sch -
chen Organismus einzudringen vermag. Diese Tat-
icheu erscheinen uns schwerwiegend genug, die bei allen bisher unter¬
teilten Säugetieren beobachtete Vorliebe des Abortusbazillus für den
raviden Uterus auch beim Menschen als bestehend anzunehmen und
jf Grund dieser Arbeitshypothese Untersuchungen zur Klarstellung
'eser — auch milchhygienisch bedeutsamen — Frage anzuregen
oolidge ist zwar der Ansicht, dass die serologischen Untersuchungs-
ergebnissc auch durch eine Resorption und Stapelung von mit der
Kuhmilch gleichzeitig aufgenommenen Antikörpern oder auch durch eine
aktive Immunisierung durch Resorption halbverdauter Bazil'er vom
Darm aus erklärlich seien, also nicht ohne weiteres für eine Infektion
sprechen. Uns erscheint diese Erklärung etwas gesucht; wir neigen
mehr der Ansicht zu, dass die Antikörperbildung auf ein Eindringen
lebender Abortusbazillen vom Darme aus, also auf eine Infektion hin¬
deutet.
Zur Klärung der Frage, ob dem B a n g sehen Bazillus eine Be¬
deutung für Früh- lind Fehlgeburten des Menschen zukommt, erscheint
ein Material aus ländlichen Kreisen als das geeignetste. Zur Diagnostik
käme namentlich eine serologische Untersuchung (Agglutination und
Komplementbindung) in Frage *)..
Anhangsweise sei noch kurz erwähnt, dass der im Verlaufe der
Abortusinfektion auftretende oft geringfügige Magendarmkatarrh
der Früchte kurze Zeit post partum zum Tode unter rühr ähnlichen
Ersehe i n ti n g e n führen kann. Hierbei ist in einigen Fällen im Kote
der Abortusbazillus gefunden worden, während in den meisten Fällen
gewöhnliche Kälberruhrerreger (Koli. Parakoli etc.) nachgewiesen
wurden, deren pathogene Wirkung annehmbar durch den angeborenen
Darmkatarrh begünstigt, worden ist.
Endlich ist auch auf die weitgehende Aehnlichkeit des
Bang sehen Bazillus mit dem Erreger des Maltafiebers
hinzuweisen. Nach den Untersuchungen von Zeller können beide
Mikroorganismen mikroskopisch, kulturell: serologisch, mit Hilfe von
allergischen Reaktionen oder mit Hilfe des Tierversuches nicht getrennt
werden. Der Micrococcus melitensis ist als Erreger einer endemischen
Krankheit des Menschen im Mittelmeergebiet seit langem bekannt.
Ueber die Ursache des juckenden Winterausschlags.
(Eczema biemale pruriens.)
Von Prof. Friedrich Schultze in Bonn.
Die „therapeutische Notiz“ des Herrn Prof. L. Heidenhain in
Nr. 42, 1921 d. Wschr. ermutigt mich, folgendes mitzuteilen:
Schon seit der Mitte meiner dreissiger Jahre leide ich jeden Winter
an einem oft sehr heftig juckenden Ausschlage fast nur an den Beinen, am
meisten an den Unterschenkeln. Dieses Jucken tritt hauptsächlich nachts auf.
im Bette, schwindet gegen Morgen und am Tage, kann aber auch schon
am späteren Abend, besonders bei Aufenthalt in einem warmen Zimmer,
wieder von neuem auftreten. Es stört besonders in der eisten Hälfte der
Nacht sehr stark den Schlaf, verliert sich allmählich im Laufe des Frühjahrs
und bleibt im Sommer und Herbste fort.
Es liegt also kein einfacher Pruritus vor. erst recht kein Pruritus senilis,
wenn auch das Jucken noch bis heute, in mein höheres Alter hinein, fort¬
dauert. Allerdings ist es jetzt, dank meiner später zu erwähnenden Heil¬
methode, viel geringer als früher.
Mit dem Juckreiz zugleich entstehen kleine Papeln von leicht rötlicher
Farbe, von denen der Juckreiz ausgeht. An manchen Stellen der Haut ent¬
wickeln sich aber auch breitere, mehr quaddelartige, mehr fühlbare als sicht¬
bare Verdickungen in den obersten Schichten der Haut, höchstens von dem
Umfange einer Quaddel nach einem Mückenstich. Die Haut wird im Verlaufe
der Erkrankung allmählich rot; eine Menge von Papeln bildet zusammen¬
tretend einen grösseren Ausschlagsbezirk, der bis zu Handflächengrösse sich
ausbreiten kann. An der Oberfläche entstehen allmählich kleine Schuppen,
so dass das Bild eines Eczema squamosum entsteht, das nun Wochen- bis
monatelang bestehen kann und erst gegen das Frühjahr hin spurlos ver¬
schwindet. Die vorhandene Röte weicht dem- Fingerdrucke nicht. Dabei ist
die Haut ausserhalb der erkrankten Stellen völlig regelrecht beschaffen, vor
allem nicht trocken oder gar atrophisch. Sie schwitzt leicht und hat den
gewöhnlichen „Turgor“. Von einer Abnahme ihres Fettgehaltes ist nichts zu
bemerken. Ein Abschilfern hat niemals bestanden.
Es handelt sich somit um kein Ekzem im engsten Wortsinne, um
kein nässendes Ekzem, aber auch nicht um eine gewöhnliche Urtikaria,
an der ich nie gelitten habe. Auch bestand niemals eine Urticaria
factitia. Wenn man will-, kann man von einem urtikariellen Ekzem
sprechen. Indessen entspricht wohl die einfache Bezeichnung eines
juckenden Winterausschlags am einfachsten der Sachlage.
Was ähnliche Krankheitszustände von Pruritus und Ekzemen an¬
geht, die in den Lehrbüchern über Hautkrankheiten nicht sehr eingehend
behandelt zu werden pflegen, am genauesten in der deutschen Literatur
von N e i s s e r 0 und- von N c i s s e r und Ja-dassoh n 2), so verdanke
ich einem Hinweis meines Kollegen Prof. Erich Hoff mann die Notiz,
dass ein amerikanischer Arzt, Stell. wagon, in seinem Treatise on
the Diseases of the Skin :i) bei Besprechung des Pruritus hiemalis er¬
wähnt, es könne bei einem derartigen Pruritus in seltenen Fällen
schliesslich zu einem leicht ekzematösen Ausschlage kommen.
Als Ergebnis des ununterd'riickbaren Kratzens könnten ferner Hyper¬
ämie und Exkoriationen der Haut entstehen. In meinem eigenen Falle
hat natürlich auch das gelegentliche Kratzen zu derartigen Folgen ge¬
führt, aber der eigentliche Hautausschlag entstand stets ganz unab¬
hängig davon.
*) Zur Untersuchung von entsprechendem Materiale: Blutproben von
Müttern, die abortiert haben, event. auch von frischen, totgeborenen Föten
sind wir gern bereit und Bitten solches Material an das Hygienische Institut
der Tierärztlichen Hochschule zu Dresden. Zirk-usstr. 40, gelangen zu lassen.
0 Neisser: Deutsche Klinik Bd. 10, 2, S. 29 ff.
"’) Neisser und Jadassohn: Handbuch der praktischen Medizin
von Ebstein und Schwalbe Bd. 3, 2.
3) Philadelphia’’ und London. 5. Auflage, 1907, S. 881.
148
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Was nun die Vorbedingungen oder die Ursachen des
Leidens angeht, so muss natürlich vor allem eine gewisse regelwidrige
Empfindlichkeit und Reizbarkeit der Haut besonderer Art vorhanden
sein Ob sie bei mir mit einer massigen „exsudativen Diathese zu¬
sammenhängt, die ich hatte, muss dahingestellt bleiben, ist
aber wahrscheinlich. Auch litt ich im späteren Lebensalter Otters
an einfachen nässenden Ekzemen. Gichtische Erscheinungen fehlten
und fehlen vollkommen. Eine Neigung zu Lumbago liess sich
nicht auf Gicht zurückführen. Auf dem Gebiete des Nervensystems
besteht seit der Jugend starke Hemikranie, so dass besonders fran¬
zösische Aerzte geneigt sein könnten, von einer Neurodermatitis zu
sprechen, die besonders bei nervösen Menschen einzutreten pflege.
Mit der „Dermatitis Lichenoides (chronica circum¬
scripta) p r u r i e n s“ von N e i s s e r, die Brocq als Neuro¬
dermatitis chronica circumscripta bezeichnet, besteht allerdings eine
gewisse Aehnlichkeit. Auch bei dieser ist das Jucken ein wesentlicher
Bestandteil der Krankheit. Aber es geht der zuerst lichenartige Aus¬
schlag allmählich in akute Entzündungszustände von der Art des ge¬
wöhnlichen nässenden Ekzems über. Weitethin bestehen die Krank¬
heitsherde bei der von N e i s s e r und Brocq beschriebenen Krank¬
heitsform unterbrechungslos jahrelang hintereinander, finden sich auch
zugleich am Nacken, an den Armen und am Rumpfe und sind von
winterlichen Einflüssen, wie es scheint, unabhängig.
Diese winterlichen Einflüsse sind nun aber bei dem Eczema
hiemale sowie bei dem Pruritus hiemalis von besonderer Bedeutung.
Sie beruhen aber nicht auf der Winterkälte an sich, sondern unzweifel¬
haft auf der Trockenheit der Zimmerluft in den geheizten
Räumen. Ich bemerkte zunächst, dass bei milderem Wetter, besonders
bei Regen, das nächtliche Jucken weniger stark war. als bei stärkerer
trockener Kälte, ganz ähnlich, wie ich das von S t e 1 1 wa g o n für den
einfachen Pruritus hiemalis angeführt finde. Sodann fand sich, dass
beim Feuchthalten meines Arbeitszimmers, besonders bei der Auf¬
stellung des bekannten Bellariapparates der Ausschlag und das Jucken
an Stärke abnahmen. Besonders konnte ich dann aber durch Feucht¬
halten des Bettes am Fussende durch Einlegen von nassen Tüchern
und vor allem direkt durch Kaltwasserumschläge auf die juckenden
Stellen das Jucken beseitigen und die Ausbreitung des Juckens in
Schranken halten. Schon früher hatten auch Einreibungen von Unguen¬
tum Glycerini (mit. und ohne Zinklanolin) und mit Zinklanolin allein
gutgetan; ebenso wie Herr Prof. Heidenhai n durch das Bestreichen
mit dem wasseranziehenden Lanolin ganz erhebliche Besserung und
zeitweiliges Verschwinden seines Pruritus erzielte. ^ Auch Stell¬
wagon empfahl Lanolin und schwache „Glyzerinlotion“. Auch er be¬
schuldigt wie Heidenhain und früher Duhr in g eine abnorme
Trockenheit der Haut als mitwirkende Ursache. Sie ist aber auch nach
Stellwagon, ebenso wie nadi Kaposi keineswegs stets vor¬
handen, ebenso wenig wie in meinem Falle.
Dass die Bettwärme das Jucken vermehrt und das Entstehen und
die Ausbreitung des Ausschlags begünstigt, beruht unzweifelhaft auf
der durch sie hervorgerufenen Hyperämie, wie denn auch der Genuss
von Alkohol den Juckreiz schon am Tage erzeugen kann. Die Bevor¬
zugung der Haut der Beine bei dem Auftreten des Ausschlags beruht
wohl auf der stärkeren Reibung der Haut durch die Unterbeinkleider
oder durch die Strümpfe beim Gehen. Selbstverständlich muss ein
besonders glattes und weiches Unterzeug zum Tragen gewählt werden.
Ueber die psychogene Komponente des Pruritus und
der pruriginösen Dermatosen.
Von Dr. Waldemar Th. Sack, Hautarzt in Baden-Baden.
Die Beziehungen zwischen bestimmten Formen des Pruritus und
Alterationen der Psyche sind der heutigen medizinischen Wissenschaft
nicht unbekannt. Jeder Psychotherapeut kennt die Klagen seiner
Patienten über allerhand Parästhesien, unter denen häufig auch Pru¬
ritus angeführt wird. Ebenso erwähnen auch die einschlägigen der¬
matologischen Lehrbücher das häufige Vorkommen des Pruritus bei
Nervösen und Psychopathen, und seitdem durch L. Brocq- Paris und
seine Schule der alte Lichen chronic, simpl. in Neurodermitis umgetauft
wurde, hat sich der grösste Teil der Dermatologen zu der Auffassung
bekehren lassen, dass wir es bei dieser Dermatose mit einer sekun¬
dären Hautveränderung zu tun haben, die artifiziell durch Kratzen im
Anschluss an einen Pruritus bei „Nervösen“ hervorgerufen wird. Diese
Tatsachen sind bekannt und in der Literatur an ihrer Stelle zitiert.
Eine eingehende Untersuchung dieser Zusammenhänge aber habe ich
nirgends bisher in der Literatur entdecken können. Sollte sie dennoch
irgendwo bestehen, So wäre ich für einen entsprechenden Hinweis
dankbar.
Ich bin zu meinen Ueberlegungen, die ich hier zunächst kurz als
Uebersicht darlegen möchte, durch einige markante Fälle gekommen,
die sich mir in meiner dermatologischen Praxis boten. Dass hierüber
Zusammenhängendes noch nicht gesagt zu sein scheint, erkläre ich
mir z. T. daraus, dass die ordnenden Gesichtspunkte selbst, als ver¬
hältnismässig neue Ergebnisse der psvchopathologischen Forschung,
noch nicht überall durchgedrungen sind.
Von vornweg möchte ich die Selbstverständlichkeit betonen, dass
der Pruritus eine durch organische Zustandsveränderung hervorgerufene
Parästhesie ist, die wir bei verschiedenen Dermatosen als regelmässig
auftretende Begleiterscheinung finden, und für die wir in diesen Fällen
eine, wenn auch nicht exakt nachweisbare, so doch unserm Kausahtats-
bedürfnis völlig genügende Erklärung haben, wenn wir uns dabei vor¬
stellen, dass wir es mit einer durch Druck, Zerrung, Intoxikation oder
Atrophie hervorgerufenen Reizung der spezifischen Nervenendigungen
der Haut und der Schleimhäute (an ihren Umschlagsstellen) zu tun
haben (Näheres über den Pruritus im allgemeinen in M r a c e k s
Handbuch der Hautkrankheiten Bd. IV, 2. S. 231: Pruritus cutancus von
Arnold Sack.) Denn nur um diese handelt es sich. Die Vorstellung
eines Juckens in den inneren Eingeweiden wirkt absurd. Diese De¬
finition führt aber auch gleich weiter, da bei der reichen Versorgung
der Haut mit diesen Rezeptoren und bei ihrer exponierten Lage der¬
artige Reizungen in grösserer oder geringerer Intensität dauernd
vorhanden sind und infolgedessen auch die pruriginösen Sensationen.
Dagegen ist die V i v i d i t ä t, d. h. das Aufmerksamkeitsquantum, das
für sie zur Verfügung gestellt wird, in der Regel so gering, dass sic
unbewusst verarbeitet werden, und es bedarf einer abnormen
Intensitätssteigerung durch eine nach Stärke oder Ausdehnung abnorme
Reizung, um sie in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen.
Dieses Verhältnis ist nun unter gewissen Bedingungen umkehrbar, d. h.
nicht die Sensationen werden stärker, sondern die Aufmerksamkeit
nimmt sich ihrer in abnormem Masse an. So kommt es zu einer Ver¬
stärkung der Vividität. Sie treten in das helle Bewusst¬
sein ein. Diesen Vorgang kennen wir alle genau. Gewöhnlich han¬
delt es sich dann um eine Kontrastreaktion: man muss stillhalten —
in der Schule, auf dem Kasernenhof. beim Photographen statt
dessen fängt es an allen Ecken an zu jucken, die Aufmerksamkeit wird
eben durch das Verbot auf die Möglichkeit solcher Ruhestörung gelenkt
und die wegen ihrer Bedeutungslosigkeit bisher übersehenen kleinen
Signale werden wahrgenommen. Aehnliches kennen wir von der Lange¬
weile, wobei sich das Bewusstsein, mangels determinierender Impulse
oder Vorstellungen, nach Inhalten umsieht. Aehnliches auch bei der
Ermüdung, die sich bei vielen Menschen in einem lebhaften Bedürfnis
nach Kratzen äussert, wenn man hier nicht nach der Theorie der
Ermüdungsreizstoffe eine gesteigerte Irritation annehmen will. _ Doch
wissen wir, dass gerade bei Ermüdung die Straffheit der logischen
Zusammenhänge und die Behauptung einer zielstrebigen Aufmerksain-
keitsrichtung gelockert und gestört wird und unerwünschte, verdrängte
und unerledigte Affekte und Gedanken sich dazwischenschieben, ebenso
sonst übersehene Empfindungen.
Wir haben also festgestellt, dass die Voraussetzungen zu prurito-
genen Reizungen dauernd bestehen und dieselben unter bestimmten
Bedingungen jederzeit bewusst werden- können. Nun treten diese Be¬
dingungen ganz besonders oft und ganz besonders leicht auf bei der1
neurotischen Disposition. Hier haben wir gleich mit einer
terminologischen Schwierigkeit zu kämpfen, insofern als in der neuen
Nomenklatur die Neurose ihren Inhalt gewechselt hat. Die Patho¬
logen verstanden bisher unter Neurose eine, durch irgendwelche ätio¬
logisch nicht weiter zurückfiihrbare Störungen der Nerven funk-
t i o n> hervorgerufene pathologische Veränderung somatischer
Natur, während hier unter Neurose zu verstehen ist eine durch rein
psychische Vorgänge hervorgerufene pathologische Veränderen?
im Somatischen, im Gegensatz zur Psychose, die sich psychisch
auswirkt. Anders ausgedrückt: der Neurotiker reagiert auf dem Wege
des hysterischen Mechanismus. Dazu ist zu bemerken, dass gelegent¬
lich jeder Mensch neurotisch reagieren kann, sobald er in einen seeli¬
schen Konflikt gerät, den er mit seinen moralischen und intellektueller
Energien innerlich nicht zu seiner Zufriedenheit erledigen kann. Un
sich von dieser Belastung zu befreien, sucht er gewaltsam zu vergessen
verdrängt den unlustbetonten Inhalt in sein Unterbewusstsein. De
Affekt jedoch bleibt und sucht gierig nach einem Inhalt (Affektver¬
schiebung nach Freud).- Wir kennen aus dem grossen kasuistische!
Material, das über solche Zustände bereits veröffentlicht ist, die sonder
barsten, paradoxesten Aequivalente, die sich diese Patienten, natürlicl
immer unbewusst, aussuchen. Man hat manchmal den Eindruck, dass
je unlösbarer der Konflikt, um so entlegener das Aequivalent ist.
Nun greift zweifellos ein grosser Teil der Menschen, zumal bc
leichteren Veranlassungen, zu den jederzeit bereitliegenden Juck-
Sensationen, führt sie aus dem Unterbewusstsein herauf, steigert si<
durch lebhaftes Kratzen und tobt dann seinen Affekt in einer Juck- uw
Kratzattacke aus. Es bleibt eine Zeitlang ruhig, dann beginnen dü
Vorstellungen wieder zu steigen, der verdrängte Inhalt will sich wiede
bewusst machen, der erkorene Mechanismus beginnt wieder zu spielen
die Juckattacke mit der Kratzreaktion wiederholt sich. Verschiedentlic
hat sich die Freudsche Schule, der wir ja in erster Linie die Aus
arbeitung dieser Gedanken und Vorstellungsreihen verdanken, mit de
ihr eigenen Einseitigkeit mit der Stellung des Pruritus beschäftigt um
das Jucken und Kratzen als einen Ersatz für sexuellen Orgasmus au
gesehen (z. B. Stecke 1). Ich habe einen Fall, der diese Behauptun
durchaus bestätigt, wenn mir auch die Zurückführung auf das sexuell
Motiv in einer grossen Zahl der Fälle nicht gelang. Immerhin hab
ich den Eindruck, dass die Abreaktion durch den Pruritus deswege
gern gewählt wird, weil sie zum Schluss nach der Akme der Erregtin
immer in ein Lustgefühl der Entspannung umbiegt.
Es wäre nun in dieser theoretischen Einleitung nicht viel anderes gi
schehen, als den modernen Begriff der Neurose auf de
Spezialfall des Pruritus exemplifiziert. Hier hc
ginnen aber mm die Probleme der praktischen Dermato
1 o g i e. Wir haben die Pflicht, uns auf Grund dieser theoretische
Erwägungen unter den bestimmten Krankheitsbildern umzusehen un
| uns zu fragen, ob hier nicht gewisse neue Erkenntnisse für Aetiologi
3 Februar 1022.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
und Therapie zu gewinnen sind. Hier besteht nämlich das grösste
praktische Interesse, denn jeder Dermatologe kennt einerseits die Fälle
von generalisiertem Pruritus mit so unklaren morphologischen Ver¬
änderungen, dass diese, auf einem Spezialistenkongress zur Debatte
gestellt, mit Dutzend verschiedenen Diagnosen belastet, unverrichteter
Weise wieder abziehen, anderseits die unglücklichen Patienten, die
von wilden Juckattacken Tag und Nacht gepeinigt, durch Schlaflosig¬
keit und Entkräftung einem schweren Marasmus verfallen, trotzdem
bereits der gesamte Arzneischatz und alle physikalischen Heilmethoden
in Anwendung gebracht wurden. Also hier besteht eine
Lücke, und jeder Versuch, die Lücke durch neue Erkenntnis zu
schliessen, ist der Beachtung wert.
Ich glaube nun gewisse Gruppen abteilen zu können, bei denen
der psychogene Charakter, zum mindesten aber die psychische Kom¬
ponente, nachweisbar ist. Das ist therapeutisch um so wichtiger, als
man psychisch entstandene Störungen nur auf
psychischem Wege dauernd heilen kann, falls sie nicht
durch spontanen Fortfall der Ursachen auch spontan verschwinden.
Diese psychische Behandlung habe ich nun in einer Reihe von Fällen
yorgenommen und sie ist mir geglückt. Ich weiss sehr wohl, dass
in einer Anzahl von Kliniken diese Methode auch geübt wird, aber eine
zusammenfassende^ Uebersicht der Fälle und ihrer Auswahl, der Me¬
thoden und ihrer Erfolge ist mir bisher nicht bekannt geworden.
Ich bespreche vorläufig folgende drei Gruppen:
I. Psychogener Pruritus ohne Hautveränderungen.
II Psychogener Pruritus mit Hautveränderungen.
III. Pruriginöse Dermatosen mit psychogen gesteigerter
Reizbarkeit.
Zu I. drei typische kurze Krankengeschichten:
Fall 1. Junges Mädchen kommt in die Sprechstunde mit Klagen über
unerträgliches Jucken an Hals und Schultern. Sie könne gar nicht mehr
schlafen; ein Arzt hätte ihr Puder verschrieben, aber ohne Erfolg. All¬
gemeinbefund ohne Besonderheit, die Haut des Halses und des Ober¬
körpers vollkommen zart und glatt, keine Effloreszenzen, keine Kratzeffekte.
Auffallend ist starke vasomotorische Erregbarkeit, die sich in lebhaftem Wech¬
sel von Blässe und Röte über Hals und Schultern äussert. Auf den negativen
somatischen Befund genaue psychische Exploration. Es stellt sich heraus,
dass Pat. vor einem Jahr durch einen Verwandten gewaltsam defloriert
wurde. Sie ist jetzt mit einem jungen Manne still verlobt und hat sich vor¬
genommen, ihn vor der öffentlichen Verlobung darüber aufzuklären. Sie
wagt es aber nicht, schiebt die Veröffentlichung immer mehr hinaus und
leidet seit dieser Zeit unter dem Pruritus. Fühlt sich durch die Aussprache
wesentlich erleichtert, hat nach 2 hypnotischen Sitzungen, in
denen ihr ruhiger Schlaf und Kühle und Unempfindlichkeit der Haut sugge¬
riert wird, alle Beschwerden verloren, ist entschlossen, sich zu
verloben und dem Bräutigam nichts zu sagen.
F a 1 1 2. Sehr nervöse Dame aus überseeischen Ländern. Hat viel
Schweres durchgemacht, steht vor einer grösseren gynäkologischen Operation.
Beim Gedanken an diese befällt sie ein quälendes
Jucken im Gesicht. Objektiv nichts. Antipruriginöse Mittel helfen
nur vorübergehend. Von einer hypnotischen Behandlung wurde abgesehen.
Nach der gut verlaufenen Operation fiel der Juckreiz
von selbst fort.
Fall 3. Frau aus dem kleinen Mittelstand, seit Wochen von Pruritus
geplagt: kann nachts nicht schlafen, ist kraftlos, erschöpft. Alle medikamen¬
tösen Behandlungsversuche bis jetzt erfolglos. Pat. bietet das Bild einer
gleicherweise somatischen wie psychischen Asthenie. Sie ist schmächtig,
grazil gebaut, blutarm, muskelschwach. Ihre innere Widerstandsfähigkeit
ist gering. Sie ist Mutter zweier Kinder, hat den Haushalt allein zu ver-
s?reen\ d'e Mittel sind äusserst beschränkt. Sie wird immerfort von einem
körperlichen und psychischen Insuffizienzgefühl überwältigt. Am schlimmsten
ist es abends, beim Schlafengehen, wo die Aufgaben des kommenden Tages
sich als nicht zu überwältigende Schwierigkeiten vor ihr auftürmen und ihr
den Schlaf rauben. Seitdem sie das Jucken hat, kommt sie vor lauter
Kratzen gar nicht dazu, an diese Dinge zu denken. Ihr
Schlaf ist aber eher noch schlechter geworden. Patientin lässt sich leicht
hypnotisieren, fallt gleich in tiefen Schlaf mit nachfolgender völliger
Amnesie. Die Suggestionen, die auf eine Beruhigung ihrer Nerven und Stär¬
kung ihrer Widerstandskraft abzieten, haben prompten Erfolg. Pat.
schläft die nächsten Nächte ungestört, fühlt sich stärker und zuversichtlich
Bald jedoch erfolgt ein Rückfall: die Beklemmungen treten wieder auf und
ihnen folgt der Pruritus. Derselbe Ablauf erfolgt nach jedem Behandlungs¬
turnus. Die. psychasthenische Konstitution erweist sich als stärker, die Sug¬
gestionen wirken nur auf Zeit, der Juckmechanismus wird wieder in Gang
gesetzt.
Die angeführten drei Fälle sollen nur als Paradigmata für eine
grössere Anzahl ganz ähnlicher dienen und gewisse Typen heraussteilen.
Oas ihnen Gemeinsame ist das völlige Fehlen irgendwelcher
sichtbaren Veränderungen der Haut.
Ein Parallelfall zu Fall 3 führt uns in die zweite Gruppe, z u m
psychogenen Pruritus mit Hautveränderungen.
Fall 4. Junges Dienstmädchen kommt mit den typischen Klagen:
Abends beim Ausziehen und vor dem Einschlafen unerträglicher Juckreiz.
Ausser einigen oberflächlichen Kratzeffekten nichts festzustellen. Hauptreiz¬
stellen sind der Hals, die Gürtelgegend und die Unterarme. Medikamentöse
Behandlung wirkt nur vorübergehend. Nach etwa zweiwöchentlicher Pause
■commt Pat. wieder. Sie hat jetzt in der rechten Ellenbeuge eine typische
>eginnende „Neurodermitis flexurarum“. Die Haut ist in der Grösse eines
landtellergrossen Plaques gerötet, leicht pigmentiert, verdickt, spiegelt und
''.eigt deutliche Felderung: eine echte Neurod er matitis in statu
i a s c e n d i. Die Untersuchung ergibt eine Psychasthe’nie im Sinne
a..n e 1 s- Im Mittelpunkt steht ein dauerndes und unüberwindliches Angst¬
gefühl mit schon recht ausgedehnten Zwangshandlungen. Die Angst wird am
grössten abends, wenn sie allein ist. Sie verriegelt und verstellt die Türen,
euchtet jeden Abend unters Bett und in den Kleiderschrank, zieht sich die
lecke über den Kopf und hält sich die Ohren zu. Erklärt spontan: wenn
•e sich kratze, lasse die Angst nach. Es wird unter Weglassung
149
anderer Behandlung jeden zweiten Tag hypnotisiert. Dabei werden
beruhigende Suggestionen erlassen und Kratzverbot erteilt. Pat. fühlt sich
sofort wesentlich ruhiger, das Jucken hört auf und nach sechs Hypnosen
ist die Neurodermitis spurlos verschwunden. Pat. ist seither
geheilt.
Die beiden nächsten Fälle sind Parallelfälle. Es handelt sich um
Frauen in den Wechseljahren mit lokalisierter Neurodermitis. Beide
stark affektive, psycholabilc Naturen.
Fall 5. Weinhändlersgattin, 45 Jahre, lebhafte, enthusiastische Natur,
von starkem Geltungsbedürfnis, immer aktiv, gibt an, von jeher starken
Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein, die aber sehr bald in domi¬
nierende Euphorie einmünden. Seit llA Jahren Menopause. Vor 1 Jahr
heiratete ihre Lieblingstochter gegen den Wunsch der Mutter. Seitdem starke
Depression, Abulie, quälendes Jucken und Neurodermitis. Das Hautleiden
führte hier in der ersten Konsultation zur Entdeckung des psychischen
Traumas. Ein „traitement moral“ stellt in wenigen Wochen das innere
Gleichgewicht wieder her. Die Neurodermitis heilte nach der üblichen Rönt¬
gendosis glatt ab.
Fall 6. 50 jährige Baumeistersgattin. Menopause seit 2 Jahren.
Seither Neurodermitis des rechten Unterschenkels. Von Jugend auf leichte
Depression. Die Verstimmung ist in den letzten Jahren deutlicher und an¬
haltender geworden. Das Hautleiden verhält sich den angewandten medi¬
kamentösen und physikalischen Heilmethoden gegenüber sehr refraktär. Pat.
kratzt andauernd. Psychische Behandlung wird abgelehnt.
Fall 7. Patient, „Magnetiseur“, kommt in völlig aufgelöstem Zustande
in die Sprechstunde, ist in grösster Erregung, kratzt sich wild. Der ganze
Körper, Gesicht, Rumpf und Gliedmassen, hochrot, heiss; die Haut verdickt,
wie entzündet, Kratzstreifen ziehen wie urtikarielle Erhebungen über den
ganzen Körper. Der Zustand besteht seit 2 Tagen und erinnert am ehesten
an ein beginnendes toxisches Erythem. Es ergeben sich aber keine Anhalts¬
punkte dafür. Pat. selbst macht seine grosse Nervosität geltend und spricht
von äusserst unangenehmen und aufregenden Ereignissen der letzten Tage.
Bei der ablenkenden Unterhaltung tritt eine auffallende Beruhigung ein. Ex-
perimenti causa wird eine sofortige Suggestivbehandlung vorgeschlagen und
angenommen. Pat., der selbst viel hypnotisiert, ist interessiert, geht willig
mit und fällt bald in Schlaf. Es wurden lediglich beruhigende Suggestionen
und Kratzverbot erlassen. Nach der Hypnose ist der eigentliche
Juckreiz verschwunden, es besteht noch ein mässiges Brennen,
das angenehm empfunden wird. Die Nacht ist im Gegensatz zu den vorigen
ruhig. Pat. schläft durch. Nach einigen Tagen Rückfall. Der gleiche
Zustand wie bei der ersten Konsultation. Hypnose wird abgelehnt. Wenige
Tage später ist Pat. das Opfer eines öffentlichen Skandals, in dem er eine
wenig glückliche Rolle spielt. Bleibt darauf von der Behandlung weg.
Der Fall 4 scheint mir der bedeutungsvollste zu sein. Wir kennen
hier die Aetiologie, Genese, Krankheitsbild und haben gesehen, dass
die Therapie der Wahl restlos zur Heilung führt. Ich kann mir nicht
denken, dass zur Kritik dieses Falles noch Wesentliches zu sagen
wäre. Sehr eindrucksvoll, aber nicht so durchsichtig ist der Fall 7. Es
ist hier immerhin nicht auszuschliessen, dass vielleicht irgendeine
somatogene Störung Vorgelegen hat und dass bei dem gegebenen
psychischen Terrain diese starken reaktiven Ueberbau erhalten hat,
der dann durch das psychotherapeutische Verfahren abgetragen wurde.
Dann würde dieser Fall 7 eher in die letzte Gruppe gehören, näm¬
lich zu den pruriginösen Dermatosen mit psychogen
gesteigerter Reizbarkeit.
Hierüber ist Neues kaum zu sagen. Diese Erscheinungen und
Mechanismen sind längst bekannt und ausgewertet. Nur wird auch
hier nicht immer der richtige therapeutische Schluss gezogen. Zwei
typische Fälle mögen das Problem beleuchten.
Fall 8. Junge Frau mit chronisch rezidivierender disseminierter Ek¬
zematöse. Als junges Mädchen wiederholt in Behandlung, kam sie jedesmal
ohne besondere Schwieiigkeiten zur Heilung. Die letzte Erkrankung bietet
nach der Hochzeitsreise ein wesentlich ernsteres und unerfreulicheres Bild.
Die früher bewährten Methoden waren weniger wirksam, vor allem bestand
ein äusserst quälender Pruritus, der Pat. und die Angehörigen zur Ver¬
zweiflung trieb. Pat. schlief nicht mehr, fühlte sich subjektiv ganz elend,
kam sichtlich herunter und wusste sich keinen Rat mehr. Gleich nach
der ersten Hypnose verlief die Nacht ausgezeichnet. Pat. schlief
pausenlos und ruhig; das Jucken wurde erträglich und die Dermatose heilte
in auffallend kurzer Zeit unter kombinierter, medikamentöser und
psychischer Behandlung völlig ab.
Die junge Ehe mit ihren grossen seelischen Belastungen und der
heftige Wunsch, das lästige, unappetitliche Leiden möglichst schnell los¬
zuwerden, hat das schon konstitutionell etwas labile Gleichgewicht der
Pat. so erschüttert, dass sie im Gegensatz zu früher in eine Art
Erregungszustand geriet, der ihre Aufmerksamkeit in aktivster Form
auf ihren Zustand lenkte und sie Tag und Nacht nicht mehr losliess.
Die Folge war ein unaufhörliches Malträtieren der erkrankten Haut,
das jede Abheilung unmöglich machte. Aus diesem Circulus vitiosus
führte die Psychotherapie in kürzester Zeit zum guten Ende.
Zum Schluss will ich in diesem Zusammenhang noch einen Fall
erwähnen, der zwar noch ln Behandlung ist und über den ich deshalb
ein abschliessendes Urteil noch nicht abgeben kann, der aber eine Be¬
sonderheit zeigt, die ich noch gern miterwähnen möchte.
F a 1 1 9. 46 jährige Frau, Witwe mit Lues seropositiva, leidet seit
mehreren Jahren an einem Ausschlag an beiden Beinen, der sie sehr quält.
Schon seit längerer Zeit in ärztlicher Behandlung. Es handelt sich um einen
typischen Lichen ruber planus mit allen Charakteren dieses KrankheitsbiLdes.
Doch waren die Licheneffloreszenzen förmlich überdeckt von Kratzwunden
verschiedenster Art. Pat. litt unsäglich, kam vollkommen von Kräften und
war arbeitsunfähig. Beide Beine waren zeitweise dick geschwollen und von
Pyodermien besät. Das Jucken kommt in plötzlichen heftigen Attacken und
steigert sich - — und das ist hier das Bemerkenswerte — - zu einem
heftigen sexuellen Orgasmus. Bei der eindeutigen Diagnose
wurde zuerst schulgerecht mit Arsen und Hg-Karbolsalbe behandelt, das
Oedern und die Pyodermien mit Ruhestellung und feuchten Verbänden be¬
kämpft, ohne irgendwelchen Erfolg. Pat. riss die Verbände herunter und
150
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
kratzte weiter. Alle versuchten Antipruriginosa brachten nur auf kurze
Augenblicke Linderung. Ich entschloss mich deshalb — bei aller Skepsis
-zur psychischen Behandlung, die von der Patientin nach dem Versagen aller
anderen Versuche mit grosser Zuversicht angetreten wurde. Die ersten drei
hypnotischen Sitzungen zeigten eine auffallend gün¬
stige Wirkung, die jedoch nach der vierten Sitzung durch einen
schweren Rückfall wieder illusorisch gemacht wurde. Die Hypnosen wurden
ausgesetzt, das Rezidiv ging dann auffallend schnell wieder vorbei und der
Zustand hält sich jetzt bereits längere Zeit in der Abheilung.
Der Fall ist undurchsichtig: es besteht eine echte pruriginöse
Dermatose, die zum Zeitpunkt, da mit der Hypnose begonnen wurde,
bereits stark mit Arsen anbehandelt war; die Hypnosewirkung selbst
ist unbestimmt. Interessant ist hier in erster Ein i e d er
Orgasmus beim Juckaniall, der bei der jetzt angeblich absti¬
nent lebenden Frau möglicherweise ein 0 n an i e ä Q u i v a 1 ent dar¬
stellt und somit, wie alles was in das Gebiet der Paraphilien hinüber¬
spielt recht komplexer Natur ist und zur Abreaktion und Heilung eines
tieferen Eindringens in den psychischen Mechanismus bedarf, als es
auch bei aller Bereitwilligkeit in der Sprechstunde eines Nicht-Fach-
psvehiaters möglich ist. .
Damit komme ich zum Schluss auf einen prinzipiell sehr wichtigen
Punkt, der für die praktische Auswirkung solcher Fälle von grösster
Bedeutung ist. Gehören diese Fälle zu m Dermatologen
oder zum Fach Psychiater? Wie bei allen Grenzfällen lässt
sich eine allgemeine Antwort nicht geben. Es bleibt eine Frage des
therapeutischen Taktes — und der Ausbildung! Das eine steht fest,
diese Kranken kommen in die Sprechstunde des Dermato¬
logen, der auch stets versuchen wird, medikamentös zum Ziele zu
gelangen. Sie werden auch gern bereit sein, in dessen Sprechstunde
eine eingehende Anamnese zu geben. Damit ist aber die
Hauptarbeit getan. Die Hypnose selbst ist eine Technik, die
jeder Arzt, der sie richtig gelernt hat, wie jeden andern ärztlichen
Kunstgriff anzuwenden berechtigt ist. Es sind noch zwei andere Punkte,
die dafür sprechen, zunächst einmal dem Dermatologen — wenn er
entsprechend geschult ist — die Vorhand zu lassen. Die Patienten ge-
raten leicht in grosse Angst, wenn1 sie nach abgelegter Beichte zum
Psychiater geschickt werden, dem bei diesen verhältnismässig leichten
Fällen nichts zu tun übrig bleibt, als die Beichte noch einmal ab¬
zunehmen und dann zur Behandlung zu schreiten. Dann wird bei all
den Fällen, wo Hauterscheinungen vorliegen, der Hautarzt doch nicht
zu umgehen sein und dann hat man zwei Köche für ganz denselben Biei.
Voraussetzung ist natürlich, dass man gelernt hat, psychisch zu explo-
rieren. Man muss genau wissen, wonach man fragen muss und muss
es in der richtigen Art und Weise machen. Ein Schulfall, wie man es
nicht machen soll, ist mein Fall 7. wo der Patient schon in der ersten
Sprechstunde sozusagen aus dem Stand in den Hypnosesessel gesetzt
wurde. Dies geschah jedoch, wie bereits erwähnt, lediglich experimenti
causa: ich wollte sehen, wie ein so akuter Fall, den 'ich rein ge-
fiihlsmässig für einen psychogenen hielt, auf die Behandlung
reagiert. Das Ergebnis hat mich auch nachträglich bis zu einem ge¬
wissen Grade entlastet. Eine gründliche und sachgemässe Explora¬
tion wird dem gewissenhaften Dermatologen auch in den meisten
Fällen bald zeigen, wo seine Zuständigkeit aufhört.
Aus der dermatologischen Klinik der Universität Leipzig.
(Direktor: Prof. Rille.)
Weitere Erfahrungen über die Cyarsal-Mischspritze.
Von Dr. med. et phil. F. W. Oelze.
L i n s e r hatte 1919 die . kombinierte einzeitige Injektion von
Salvarsan-Sublimatlösung eingeführt. Bruck und B e c h e r hatten
daraufhin die Mischung mit Novasurol, Herb eck diejenige mit Em-
barin empfohlen. Die klinische Wirkung aller dieser Mischungen wurde
als recht befriedigend gerühmt: mehrfache Bestätigungen liegen vor.
War die Lins er sehe Methode für den Kranken äusserst an¬
genehm — und dieser Punkt sollte bei der Würdigung einer Methode
auf ihren praktischen Wert bei der Volksseuchenbekämpfung
nicht gering angeschlagen werden — , so brachte andererseits die
Originalmethode wie ihre Modifikationen für den Arzt die Schwierig¬
keiten der Technik der intravenösen Injektion undurchsichtiger, trüber
Flüssigkeiten mit sich. Weil aber gerade hierdurch die so wünschens¬
werte Verbreitung der Methode in den weitesten, auch allgemein¬
ärztlichen Kreisen behindert erschien, bemühte ich mich eine neue
Modifikation der L i n s e r sehen Methode zu finden ohne diesen zwar
äusserlichen, aber nicht unwesentlichen Schönheitsfehler.
Gemeinsam mit dem Chemiker Dr. Boedecker-J empelhof
arbeitend, wurde so eine Reihe von Verbindungen dargestellt, die zwar
mit dem Salvarsan noch lebhaft reagierten, indessen der Mischung zu¬
nächst nodh genügende Durchsichtigkeit Hessen, so dass das Eintreten
des Blutes in die Spritze, zum Zeichen der richtigen Lage der Kanüle,
bequem beobachtet werden konnte. Ueber die therapeutisch^ beste
dieser Verbindungen, das C y a r s a 1, hergestellt von der J. D. R i e d e 1
A.G. Berlin, berichtete ich in Nr. 9, 1921 der Münch, med. Wochenschr.
Es ist gerade ein Jahr seit Abfassung jenes Berichtes vergangen,
die Methode hat weite Verbreitung gefunden, auch mehrere Publika¬
tionen liegen vor, so dass eine Zusammenfassung sowie Erörterung
einiger inzwischen geklärter Fragen wünschenswert erscheint.
Von den vorliegenden Nachprüfungen bestätigt Lenzmann lll
die gute klinische Wirkung des Cyarsals, hauptsächlich wurden Misch¬
spritzen mit Silbersalvarsan und Sulfoxylat gegeben. L e il z m a n n
gibt jedoch meistens das Cyarsai allein intravenös, breite Kondylome
sind nach etwa 6 Injektionen zu je 0,02 g Hydrargyrum rast vollkommen
zurückgebildet. Bei hoher Dosierung (0,045 g Hg intravenös) sah
Len z m a n n einige Male blutige Stühle, er wendet deshalb nur noch
die übliche Dosis (2 ccm ä 0,01 g Hg) an, die für den gewünschten
Erfolg vollkommen genügt. ...... i
Ich habe in meiner einführenden Arbeit deswegen die alleinige ■
intravenöse Injektion von Cyarsai nicht empfohlen. 1. weil ich die oft •
auftretenden Nebenwirkungen bei dieser Applikationsart scheute, 2. weil ^
bei gleichzeitiger Salvarsan gäbe zweimal eingespritzt werden muss J
und 3. weil die zum kolloidalen Hg führende, in der Mischspritze
stattfindende Umsetzung zweifelhaft und unkontrollierbar wird. Das" '
Cyarsai ist eben ein Spezialoräparat für die Mischspritze und entfaltet.!
nur in dieser seine ihm eigentümlichen Vorzüge. Ich habe daher in .
meiner ersten Arbeit die alleinige intravenöse Injektion gar nicht be¬
sprochen und kann sie auch heute nicht empfehlen.
Eine sehr eingehende klinische Prüfung nahm Gut mann 12 1 vor,
zugleich mit Berücksichtigung der Novasurol-Salvarsanmischung. Die
klinische Wirkung war gut. die Seroreaktion wurde befriedigend be¬
einflusst. Ernstere Nebenwirkungen traten nicht auf. Bemerkenswert
ist die günstige Beeinflussung eines Falles von syphilitischer Nephrose
durch meine Mischspritze. Ueber die genaueren Daten. Zahl der.
Rezidive etc. muss die Originalarbeit verglichen werden. _
Hey mann und Fabian [3] haben gleichfalls mit der Misch- .
spritze recht befriedigende Resultate gehabt, die Fälle sind in Tabellen,
zusammengestellt. Ernstere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet,
im Gegenteil werden die Vorteile des Verfahrens sowohl von Arzt wie
Patienten angenehm empfunden.
Gutmann sowohl wie Heymann und Fabian bemerken aus-,
drücklic'h, dass ein endgültiges Urteil über die Methode trotz derl
bisherigen recht guten Wirkungen noch nicht gegeben werden
kann. Ich selbst schliesse mich dieser Auffassung durchaus
an. Besonders • erwünscht wäre auch die Bekanntgabe etwa von
anderer Seite beobachteter Nebenwirkungen oder Misserfolge, denn oft
ist es möglich, aus diesen einen Fortschritt abzuleiten. Nach meinen
Erfahrungen, die bis jetzt etwa 8000 Einspritzungen umfassen, sind er-:,
freulicherweise ernste Nebenwirkungen nicht zu erwarten. Im ganzen,
dürfte so viel Cyarsai in der Mischspritze injiziert sein, dass die aus;;
der Kölner Salvarsanstatistik berechnete Gefahrenquote um ein Mehr¬
faches überschritten wurde. Das ist um so wichtiger, als bei der Sal-
varsan-Novasurolmijchung über mehrere Todesfälle, zuletzt von',
Issel [4], der sonst recht gute Wirkungen erzielte, berichtet wurde,
allerdings erhält der Kranke mit Novasurol, das allem intravenös ge-;
geben gut vertragen wurde, bedeutend mehr Hg als bei meiner Cyarsal-
dosierung. Ich habe aber schon bemerkt, dass bei der Mischspritze
ganz allgemein mit weniger Hg auszukommen wäre. Im übrigen ist es
wohl im einzelnen Falle kaum möglich, abzuschätzen, wieviel einer ein¬
getretenen Schädigung auf das verwandte, bei der Mischung übrigens
stark veränderte Hg-Präparat und wieviel auf das Salvarsan zu ver¬
teilen ist. . J . . „ . M
An der Tatsache, dass es bis jetzt keine sicher rezidivfreie Behand¬
lungsmethode gibt, ändert auch die Mischspritze nichts. Bis jetzt
hielten sich die Rezidive in massigen Grenzen;. da mir die abgelaufene
Zeit noch nicht ausreichend erscheint, werde ich erst später darüber
berichten.
Ich hatte ausdrücklich vor einer schematischen Behandlung ge¬
warnt, inzwischen habe ich im allgemeinen die Salvarsanmenge von
ca 6 g pro Kur und Mann in kürzerer Zeit gegeben, nämlich zweimal
wöchentlich je 0,6 g Neosalvarsan + 1—1,5 ccm Cyarsai. Neben¬
erscheinungen fehlten. Die Feststellung des Verschwindens der Spiro¬
chäten nach einer Injektion ist, wenn genau ausgeführt, nicht einfach.
Bei der Mischspritze erscheint die Entfernung der Oberflächenspiro¬
chäten meist etwas verlängert, sehr bemerkenswert sind dabei auf¬
tretende individuelle Verschiedenheiten, eine individuelle Behandlung
der Luiker ist aber gerade ein dringendes Desideratum. Ich habe schon
betont, dass Untersuchungen über Oberflächenspirochäten keinen Rück¬
schluss auf Heilungsvorgänge im Körperinneren gestatten. In der zu¬
nächst ungewohnt anmutenden, aber gedankenreichen Arbeit von
Fraser f5l wird es sogar als ein entschiedener Nachteil des.Sal-
varsans bezeichnet, dass es den Körper zu schnell sterilisiere. In einem
im Druck befindlichen Buch habe ich [6] diese Frage besprochen.
Auch ich hatte in meiner ersten Arbeit erwähnt, dass es unbe¬
kannte Verbindungen seien, die man mit den Mischspritzen injizierte.
Diese Bemerkung hat anscheinend auf viele Aerzte mehr Eindruck ge¬
macht als ihr zukam. Spritzt miau reines Salvarsan ein. so ist in dem
Augenblicke, wo die Lösung unter der Hautoberfläche verschwindet,
gleichfalls das Gebiet der unbekannten Reaktionen betreten.
Für die Verhältnisse in vitro sind übrigens inzwischen durch Binz
und Bauer [7] für die ursprüngliche Lins ersehe Sublimatmischung
die Umsetzungsprodukte festgestellt. Mit Neosalvarsan . treten sechs
Reaktionsprodukte auf. ein Teil wird zu 4,4-Dioxy-3-imino-methy len-
schwefligsaurem Arsenobenzol oxydiert. Zum Teil zerfällt das Neo¬
salvarsan weiter in ein Gemisch von 4-oxy-3-amino-phenyl-Arsinoxyd.
Der entstandene Chlorwasserstoff macht Neosalvarsansäure frei, zu¬
gleich entsteht formaldehydschweflige Säure. Das Sublimat wird auch
mit Neosalvarsan zu kolloidalem Hs reduziert. Das Charakteristische
der Reaktion bestellt darin, dass durch das Oxydationsmittel die Arseno-
gruppe und die Sulfoxylgruppe nicht stufenweise, sondern gleichzeitig
angegriffen werden.
. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
151
Interessant ist besonders die Frage, wieviel Saivarsan für die Um-
etzung durch die beiden hauptsächlichsten Reaktionen in der Cyarsai-
lischspritze verbraucht wird. Analog zu Binz können wir annehmen,
ass einerseits 466 'l'eile Neosalvarsan mit 437 Teilen Cyarsal, anderer-
hts 466 I eile Neosaivarsan mit 1311 Teilen Cyarsal zu metallischem
lg sich Umsetzern Nun enthalten 2 ccm Cyarsallösung 0,0438 g feste
ubstanz. Demnach ist bei der Dosierung 0,45 g Neosalvarsan -f- 2 ccm
-yarsal etwa die 20 fache Menge der zur Reduktion der Hg-Verbindung
rforderlichen Menge Neosalvarsan vorhanden. Hieraus folgt zugleich,
ass man nicht etwa zu einer antiluetischen Kur mit der Mischspritze
lehr Saivarsan braucht als bei alleiniger Anwendung. Durch die
lisch ung weiden nur bis zu 5 Proz. des Neosalvarsans verbraucht, das
hielt aber in der Praxis gar keine Rolle. Auch die Zähl der Injektionen
at mit der Mischung an sich nichts zu tun. Wenn man mit der Sal-
arsandosierung, zeitlich betrachtet, dauernd ansteigt, so geschieht das
nabhängig von der Form der Mischspritze.
In meinem Vortrage auf dem 12. Kongress der Deutschen Dermatol
.es. in Hamburg (Referate in der Dermiat. Wschr. und -Zschr.) er-
hienen) konnte ich mitteilen-, dass in der Cyarsalmischspritze schon
n Moment der Mischung durch den Tyndalleffekt und bei Dunkelfeld-
efeuchtung das Auftreten kolloidaler, zum metallischen Hg führender
erbindungen festgestellt werden kann. Für die therapeutische Be¬
wertung der Cyarsalmischspritze ist der Umstand wichtig, dass diese
olloide von feinster Dispersität sind. Die sehr grosse Oberfläche des
uecksilbers ist einem intensiven therapeutischen Effekt günstig. Man
raucht sich daher nicht zu wundern, wenn bei Ueberdosierung oder
mz besonderer Empfindlichkeit eines Kranken auch die dem Hg eigen¬
tlichen Nebenwirkungen auftreten, die Schumacher [8] geradezu
,s kennzeichnend für den Nachweis der Hg-Wirkung bezeichnet. Von
nfang an habe ich aber eine so vorsichtige Dosierung empfohlen, ob¬
eich an sich mit dem Cyarsal hohe Lösungskonzentrationen erreicht
erden können, dass derartige Nebenwirkungen bis jetzt nicht störend
ervorgetreten sind. Einen Ausgleich für die geringere Dosierung bietet
e hohe Dispersion des Cyarsalkolloides.
Im ganzen betrachtet, scheint mir, soweit es sich für den Augen¬
ick beurteilen lässt, in der Cyarsalmischspritze — und nur diese Form
:r Applikation halte ich im Hinblick auf die chemischen Eigentümlich¬
st611 d6S Cyarsals für einen eventuellen Fortschritt, wie schon in
einer einführenden Arbeit betont — eine Behandlungsweise der Lues
geben, die sowohl für Kranke wie Arzt manche Vorteile bietet. Äus-
ebige Nachprüfung glaube ich wegen der ausgezeichneten Verträg-
LTikeit weiter empfehlen zu können. Von dem natürlich erst in
ngerer Zeit zu gebenden, definitiven Urteil wird es abhängen, ob die
ethode Bestand haben kann oder durch eine andere ersetzt werden
iuss.
Literatur.
1. Lenzmann: Ueber die gleichzeitige kombinierte Anwendung des
Ibersalvarsannatriums und des Quecksilberpräparates Cyarsal in der
‘erapie der Lues. Med. Kl. 1921 S. 1200. — 2. Gut mann O.: Ueber
: Behandlung der Syphilis mit Neosalvarsan-Novasurol nach Bruck und
losalvarsan-Cyarsal nach 0 e 1 z e. B.kl.W. 1921 S. 1233. — 3. M e y -
iann und Fabian: Das Cyarsal in der Mischspritze. Derm. Wschr
-1 b. 1195. — 4. Issel E.: Mischspritzen von Novasurol und Neosalvarsan
1 Luetikern. D.m.W. 1921 S. 48. - 5. A. Reith Fraser: Some
:count of the Responsibihty of intensive Treatment Methods with Regard
I the Incidence of early Neurosyphilis. American Journal of Syphilis 1921.
•• , <\F- W- 0elze: Untersuchungen über den Syphiliserreger,
ipzig, Leopold y o s s. — 7. A. B i n z und H. Bauer: Ueber die Ein-
V4)m, Sublimat auf Saivarsan und Neosalvarsan. Chemiker-Zte J9?i
539 u. Zschr. f. angew. Chemie 1921 S. 223. - 8. Josef Schumacher:
e.Ist ,d‘e, gute- Wirkung derLinser sehen Mischung zu erklären? Derm
>chr. 1921 S. 1007.
-is der Hautabteilung des Städt. Krankenhauses Karlsruhe.
Ein Jahr Linserverfahren.
Von Generaloberarzt a. D. Dr. v. Pezold.
Drei Jahrhunderte hindurch hat das Quecksilber unbestritten das
hlachtfel-d im Kampfe gegen die Syphilr allein behauptet; vor hundert
hren trat an seine Seite das Jodkalii, ein bescheidener Knappe neben
m dreihundertjährigen kampferprobten Riesen. Erst in unseren
£en J?*wa . vierhundert Jahre nach der Eröffnung des Kampfes
gen die Syphilis in Europa — trat das Saivarsan auf den Plan und
■jachst schien es, als würde es das Quecksilber verdrängen und aus-
lalten. Aber aus dem- Rivalen wurde bald ein Bundesgenosse und
der kombinierten Quecksilber-Salvarsanbehandlung erschien der
rksamste Weg der Bekämpfung der Spirochäten gefunden. Neben
r intravenösen Einverleibung des Salvarsans wurde das Quecksilber
tvveder kutan mittels der Schmierkur oder intramuskulär mittels der
-ektion dem Körper einverleibt.
Aber^ mit dem Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint
a lagen brach das einzeitig kombinierte Verfahren von- Einser,
^ Neosalvarsan mit 1 proz. Sublimatlösung gemischt in die Vene einT
■ itzte. Gemeinsam zogen nun auf gleicher Marschstrasse die beiden
aller Verschiedenheit der Kampfmethoden ebenbürtigen Streit-
•oossen dem Eeinde entgegen.
Welche Vorteile bietet dieses Linserverfahren gegenüber der bisher
■ichen kombinierten Behandlung?
In- die Augen springend sin-d die Nachteile der bisherigen An-
nuungsweise. Sicherlich bietet die Schmierkur, richtig angewandt,
Nr. 5.
gute Erfolge. Aber die richtige Anwendung ist nur im Krankenhause
gewährleistet. Mangel an Energie, an Fertigkeit und an gutem Willen
haben von jeher die ambulante Schmierkur kompromittiert, ln unseren
l agen kommt dazu, dass die Waschereikosten der verschmierten Bett-
tiieher un-d Unterkleider störend einwirken, dann aber bei den heutigen
Koh-l-enpreisen oft der Mangel eines geheizten Schlafzimmers.
Gegen die intramuskuläre und subkutane Einverleibung der unlös¬
lichen und löslichen Quecksilberverbindungen spricht ihre Schmerz¬
haftigkeit und die Widerstandsfähigkeit der Infiltrate. Es ist eine nicht
zu bestreitende Tatsache, dass die Klagen über die Schmerzhaftigkeit
der Injektionen in den letzten Jahren überraschend zugenommen haben
Mag der Grund am Präparat oder an den Kranken liegen, Tatsache ist
dass diese Beschwerden einerseits viele Kranke veranlassen, sich der
schmerzhaften Behandlung zu entziehen, andererseits tatsächlich vor¬
übergehende Arbeitsunfähigkeit durch solche Infektionen verursacht wird
Das jahre- und jahrzehntelange Bestehenbleiben der Infiltrate in
der Gesassmuskulatur wird besonders von Frauen störend empfunden
die oft als. einzige metallische Mitgift ihre Infiltrate in die Ehe mit¬
bringen, die als unveräusserliche Depots noch lange dem tastenden
ringer bemeikbai bleiben als indiskrete Zeugen einer gern vergessenen
Vergangenheit. Puellen scheuen das maturgem-äss am meisten. Auch
sehr länge Kanülen bieten dagegen nicht immer Schutz.
,,W*e die?e Nachteile fallen fort bei der einzeitigen kombinierten
FM21e' ^ei es dass man Sublimat nach Li ns er, oder Novasurol,
cmbarin, Cyarsal oder Mesinurol dem Neosalvarsan beimengt.
Nicht zu unterschätzen sind noch einige weitere Vorzüge des
Linse r sehen Verfahrens. Es ist für den Kranken nicht unwesentlich
a ! er;Lei dieser Behandlungsart im allgemeinen nur 7 bis 10 mal zum
Arzt gehen muss, so dass ihm1 nicht nur Schmerzen und Arbeitsunfähig¬
keit sondern auch Zeitverlust und Fahrgeld erspart bleibt. Dazu sind
uir ihn oder die Krankenkasse auch die Kurkosten bedeutend geringer
Besonders für die Landesversicherungsanstalten, für die Armenfürsorge
und in Gefängnissen spielt das eine grosse Rolle.
i nl-T Krankenhause Karlsruhe wurden in der Zeit vom
. ) 'tober 1920 bis zum 30. September 1921 dreitausendsi-ebenhundert
Linserspritzen gegeben, über die hier berichtet werden soll. SeTbst-
verstandheh ist die Zeit eines Jahres zu kurz, um ein endgültiges Urteil
i 3er das Verfahren zu fällen. Ueber die Dauerwirkung der Linser-
spiitzen wird erst die Zukunft urteilen können. Aber wertvoll ist
wohl jeder Beitrag zur Lösung einer so brennenden Frage, wie sie die
zweckmassigste Art der Luesbekämpfung für jeden Arzt bedeutet.
-m v dreitausendsiebenhundert Linserspritzen verteilen sich auf
591 Kuren und beziehen sich teils auf stationäre, teils auf ambulante
Kranke. Gegeben wurde mit jeder Spritze 0,45 bis 0,75 Neosalvarsan
mit 1 ccm einer 1 proz. Subhmatlösung in Mischspritze intravenös. In
Ausnahmefallen wurde mit 0,3 angefangen oder bis 0,9 gestiegen Als
Gesamtmenge wurde in einer Kur bei Männern etwa 5,4, bei Frauen
etwa 4.5 Neosalvarsan eingespritzt, was im allgemeinen durch 7 bis
10 Spritzen erreicht wurde, die zweimal in der W-oche gegeben wurden.
N|ese grossen Dosen haben wir in allen Fällen gegeben. Nur eine
1 hthise mit Neigung zur Lungenblutung war uns Gegenindikation, nicht
aber Herzfehler oder Gravidität.
, Bie LlÖS* nS? ^urde >n der Weise hergestellt, dass z-u je 2—5 ccm
sttri em destillierten Wasser 1 ccm 1 proz. Sublim-atlösung zugesetzt
wurde. In dieser verdünnten Su-blimatlösung löst sich das Neosalvarsan
rascher als m Wasser Letzteres darf nicht zu kalt sein. Es entsteht
eine undurchsichtige olivgrüne Mischung, in der man den einströmen-
den Bhitstrom nicht wahrnehmen kann. Dieser Nachteil spielt aber
Rmf hR° 'e’ m^n Blut asP'iriert. Meist drückt das einströmende
Blut der gestauten Vene schon von selbst den Stempel der Spritze
zurück. Fechmsch macht dann die Linserspritze kaum mehr Schwierig¬
keit als die reine Neosa-lvarsanspritze. Man kann sich auch vom rich¬
tigen Liegen der Kanüle in der Vene überzeugen, indem man eine
r ausssche Nadel benützt, auf die man die Spritze erst aufsetzt
wenn Blut aus der Nadel strömt. Ich benutze sehr gern die vorzüg-
1 ichen Stuhmernadeln mit oder ohne Blutfänger, auf welche die Spritze
auch erst nachträglich aufgesetzt wird.
Immerhin sehen Anfänger bei den Linserspritzen mehr Infiltrate,
a s iei eimaehen Neosalvarsanspritzeti. Diese Linserinfiltrate scheinen .
fjf. nuI kürzere Zeit schmerzhaft zu sein, als die früheren. Der
heftige Schmerz dauert 24 Stunden und ist durch heisse Armbäder
heisse Kompressen meist ohne Narkotika zu bekämpfen. Zuweilen ist
SK?* rd ^spirati?n des Infiltrats möglich. Ersetzt man das
- uobmiat durch Lyarsal. so vermeidet man diesen kleinen Missstand.
Gegen das Linserverfahren wird neben dieser kleinen technischen
.c wiengkeit geltend gemacht, dass mit der Mischspritze ein bisher
unkontrolher-bares Gemisch in die Blutbahn kommt. Das ist richtig,
ns scheint sich um eine Oxydation der Arsenverbindung durch das
zu handeln die zu einem Niederschlag führt, der Kalomel und
kolloidales Quecksilber enthält. Jedenfalls sind die Forschungen
hierüber noch nicht abgeschlossen.
. Charakteristisch ist, dass die meisten Kranken bei der Einspritzung
einen sehr deutlichen unangenehmen, ja widerlichen Geschmack im
hah.en, wie S|e ihn bei einer Sal-varsanspritze nicht empfinden.
Wahrend sie hier Aethergeschmack angeben, sprechen sie bei Linser-
spntzen von einem ekelhaften, nicht näher zu bezeichnenden Geschmack
„nach der Apotheke . Ein Kranker gab an. dass er während der Spritze
bei den ersten drei Atemzügen Aethergeschmack, bei dem vierten Knob-
lauchgeschmack habe. Einigemal erfolgte sofort nach der Linserspritze
152
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Erbrechen Manche Kranke essen deshalb während der Spritze
Schokolade, andere rauchen.
Die Kuren wurden im allgemeinen vorzüglich ertragen. Die er-
schcinungen der Lues I, II und III gingen rapid zurück, lanzinierende
Schmerzen bei Tabes schwanden. Nierenreizungen haben wir mit einer
Ausnahme nicht gesehen, Gewichtsabnahme nie bemerkt. Ein schwäch¬
licher Friseur von 42 Kilo nahm während der Kur zu, ebenso eine
dicke Händlerin von 89 Kilo. Eine Riesendame von 129 Kilo ver¬
mehrte ihr stattliches Gewicht um 1,5 Kilo. Zwei Puellen gaben an,
die Linserkuren wirkten auf sie appetiterregend.
Thrombosierung der Vene wurde nur einmal beobachtet und zwar
bei einer Kranken, bei der nur eine einzige Armvene zur Injektion zu
gebrauchen war. Diese war am Ende der zweiten Linserkur in der
Ausdehnung von 3 cm thrombosiert. _
Gelbsucht sahen wir in 18 Fällen, d. h. in 3 Proz., einige \\ ochen
nach der Kur auftreten. In mehreren Fällen war eine Schädigung durch
die Kur auszuschliessen; in allen Fällen, in denen eine weitere Kur
gemacht wurde, d. h. in 14 Fällen, wurden später die gleichen Linser-
spritzen gut vertragen. Der einzige Todesfall an akuter gelber Leber¬
atrophie in dem Jahre betraf eine alte Frau mit Lues III, die nur mit
Salvarsan behandelt worden war.
In 6 Fällen, d h. in 1 Proz., wurden Neurorezidive beobachtet, die
viermal den Akustikus, zweimal den Okulomotorius betrafen. Fünfmal
brachte weitere Linserkur Heilung, ein Fall konnte auch durch intensive
Behandlung mit grauem Oel und Salvarsannatrium nur gebessert
werden. Ein vorübergehendes toxisches Exanthem kam nur in einem
Falle zu Gesicht, in vier Fällen Urtikaria. .
Fieber nach der ersten oder zweiten Spritze trat selten auf. jeden¬
falls nicht häufiger als bei reinen SaLvarsankuren. Wir hatten den Ein¬
druck, dass es zu gewissen Zeiten gehäuft zur Beobachtung kam, so
dass wir in dem gerade verwendeten Salvarsan es wurden Kassen-
Packungen verwendet — die Ursache vermuteten. Schüttelfröste mögen
zuweilen auf die Kälte des angewendeten Wassers zurückzuführen sein.
Ebenso beobachteten wir plötzlich ganz vorübergehend gehäuftes
Auftreten des vasomotorischen Symptomenkomplexes, den wir bei
reinen Neosalvarsanspritzen nie, bei Silbersalvarsan öfter . beob¬
achteten. Dieser angioneurotische Symptomenkomplex lief in der
Weise ab, dass zunächst Rötung des Gesichts und der Augenbindehäute
sowie Pulsbeschleunigung eintraten, wobei die Kranken über Trockenheit
im Schlund klagten. Diese Erscheinungen Hessen nach und traten nach
kurzer Zeit verstärkt mit Schwindelerscheinungen auf, um dann rasch
zu verschwinden. Dabei machte die Gesichtsröte deutlicher Blässe
Platz. In zwei Fällen schloss sich daran eine Ohnmacht.
Stomatitis wurde nie beobachtet, auch nicht bei einem Kranken,
der sonst bei jeder Kur Stomatitis hatte und stolz erklärte, dass er
noch nie in seinem langen Leben sich die Zähne geputzt habe. Er sei
nämlich ein starker Brotesser und habe deshalb keine Zahnbürste nötig.
Darmreizungen kamen nicht vor. Eine Kranke, die vorher nach
Quecksilberspritzen ein Exanthem gehabt hatte, sah nichts derartiges
nach den Linserspritzen. Eine Kranke erzählte, dass sie eine halbe
Stunde nach der zweiten Mischspritze so starke krampfartige
Schmerzen in den Oberschenkeln bekommen habe, dass sie laut
schreien musste; eine zweite gab heftige Schmerzen in einem Ober¬
schenkel an, eine dritte klagte nach der zweiten Spritze über Doppelt¬
sehen und Schwindel. Alle drei vertrugen später die vorsichtige Fort¬
setzung der Linserkur gut.
Nach all dem kann man sagen, dass die Linserspritzen sehr gut
vertragen werden. Die in einzelnen Fällen geklagten Beschwerden
übersteigen weder an Zahl noch an Stärke diejenigen bei dem bisher
üblichen Verfahren.
Ein rätselhafter Todesfall ereignete sich im Berichtsjahre.
Anita H„ 25 Jahre alt, Puella publica, kam im Mai 1920 mit breiten
Kondylomen und positiver WaR. in Behandlung. Sie war bisher gesund ge¬
wesen und nie behandelt worden. Eine reine Salvarsankur von 3,9 Neo-
salvarsan wurde sehr gut vertragen und führte zur Heilung mit WaR. negativ.
Auch im September 1920 war die WaR. negativ. . . . .
Am 4. November 1920 kam sie mit Roseola und WaR. H r+M I 1 r
wieder in Behandlung, diesmal nach dem L i n s e r sehen Verfahren. Ob¬
gleich sie diesmal mit leichter Temperatursteigerung, Kopfweh und Uebel-
keit reagierte, wurde die Kur auf ihre dringende Bitte fortgesetzt, so dass
*sie 0,45—0,6—0,6—0,3—0,45 Neosalvarsan nach L i n s e r erhielt. Nach der
fünften Spritze Oedem der Augenlider und der Oberlippe, juckende Urtikaria¬
quaddeln, kein Eiweiss, kein Durchfall, WaR. negativ, links Fazialis- und
Abduzensparese, Doppeltsehen. Sehschärfe links herabgesetzt, Kopfweh,
Schwindel. Lumbalpunktion scheiterte am Widerstand der Patientin.
Innerhalb 3 Wochen schwanden die Erscheinungen ohne besondere Be¬
handlung, so dass die Kranke einen Erholungsurlaub antrat. Hier trat die
Urtikaria wieder auf, Uebelkeit, Erbrechen, Doppeltsehen und Temperatur¬
steigerung führten sie wieder ins Krankenhaus. Hier trat nach einigen Tagen
wieder linksseitige Fazialisparese auf, die stark zunahm. Es trat Schluck¬
störung auf und am 21. I. 1921 erfolgte der Tod an hypostatischer Pneumonie.
Im Urin waren Spuren von Eiweiss gefunden worden.
Die Sektion klärte das Bild keineswegs. Sie ergab ausser den Lungen¬
erscheinungen Schwellung und Trübung beider Nieren, Hirnschwellung mit
Abplattung der Hirnwindungen mittleren Grades, Hydrops anasarka, Fett¬
leber, hypertrophischen, weichen Milztumor. Histologisch fanden sich peri¬
arterielle Infiltrate in Nieren und Leber und perivaskuläre Infiltration an den
Gefässen der Grosshirnrinde.
In diesem tödlich verlaufenen Fall scheint es sich bei Berück¬
sichtigung der Gehirnerscheinungen, der Sehstörungen, der Urtikaria,
der Leber- und Nierenveränderungen um eine toxische Schädigung
durch die Behandlung zu handeln. Das Fehlen von Stomatitis. Enteritis.
erheblicher Albuminurie spricht gegen Quecksilberschädigung, der
üehirnbefund für Salvarsanschädigung. Ich möchte daher diesen '1 odes-
fall nicht als Linsertod bezeichnen.
Wie verhält sich nun die WaR. in den angeführten, nach Linser
behandelten Fällen? Von den 591 Kuren begannen 213 bei negativer.
378 bei positiver WaR. Von diesen 378 bei Beginn der Kur sero¬
positiven Fällen sind 127 nicht nachgeprüft worden, weil sie aus irgend¬
welchen Gründen die Kur nicht beendeten oder zur serologischen Nach¬
prüfung nicht erschienen. Von den übrigbleibenden 251 Fällen war die
WaR. in 96 Fällen bei Kurschluss negativ, also in 38 Proz. Im Laufe
der nächsten Wochen wurde sie negativ in 97 Fällen, also ebenfalls in
38 Proz. Bei Beginn der Wiederholungskur nach 3 Monaten waren
noch 58 Fälle seropositiv, also 23 Proz. gegen 76 Proz., die vorher
seronegativ geworden waren.
Bemerkenswert ist ein Fall, der sich der Behandlung vorzeitig ent¬
zogen hatte und der später durch die Beratungsstelle vorgefiihrt wurde.
Es war eine vorher unbehandelte Kranke, die mit breiten Kondylomen
und WaR. ++++ die Kur begann. Nach 11 tägiger Kur mit 4 Spritzen
von im g'anzen 2,25 Neosalvarsan nach Linser war sie symptomlos
und die Nachprüfung ergab nach 3 Monaten negative WaR.
Zu erwähnen sind noch fünf Fälle, die trotz mehrerer Linserkuren
positiv blieben. Es handelte sich durchweg um alte, ungenügend be¬
handelte Luesfälle, die meist vom Termin der Infektion nichts wussten.
Bei zweien war die Diagnose erst nach luischer Fehlgeburt gestellt
worden. In einem Fall handelte es sich um einen deutschen Soldaten,
der sich in Indien angesteckt hatte und dort mit Kasivan behandelt
worden war. Der vierte Fall betraf ein Gumma des weichen Gaumens
bei einem lange unbehandlten Kranken, der fünfte eine Kranke, die
ihre Krankheit jahrelang vernachlässigt hatte.
Ueber Abortivkuren bei seronegativer Lues I ist bei der Kürze
der Beobachtungszeit nichts zu sagen.
Die serologische Nachprüfung lässt erkennen, dass die von uns im
Berichtsjahr durchgeführte Linserkur nicht als energische Kur angesehen
werden kann. Dieses kann nicht daran liegen, dass die Einzeldose
oder Gesamtdose des Salvarsans zu gering war, es muss vielmehr die
Quecksilberdose zu klein sein. Wir werden daher in Zukunft statt
1 ccm jedesmal 2 ccm 1 proz. Sublimatlösung in die Spritze nehmen,
Auch an einen Ersatz des Sublimats durch Novasurol oder
Mesinurol ist zu denken. Für denselben spricht, dass beide Mitte!
grössere Dosen ermöglichen sollen, gegen denselben der Kostenpunkt
Offen bleibt die Frage, ob die Linserkur wirksamer, ebenso wirksam
oder weniger wirksam ist, als eine reine Salvarsankur. Mir scheint
es, dass sie in der raschen Beseitigung der Symptome die reine
Salvarsankur übertrifft.
Zusammenfassend komme ich auf Grund der einjährigen Erfahrung
an 3700 Linserspritzen zu folgendem Ergebnis:
1. Das Linserverfahren ist die für den Kranken angenehmste,
schmerzloseste, billigste und die Erwerbsfähigkeit am wenigster
störende Art der kombinierten Quecksilber-Salvarsankur.
2. Störende Nebenerscheinungen oder Folgen sind nicht zu be¬
fürchten.
3. Luische Erscheinungen schwinden beim Linserverfahren rapid
4. Die WaR. zeigt, dass die Dauerwirkung keine starke ist. sondert
dass vielleicht eine Verstärkung der Quecksilberdose anzustreben ist
Gelingt es, die Dauerwirkung ohne Schädigung zu verstärken, so iS’
das Linserverfahren die Kur der Zukunft.
Aus dem k. ung. Bezirksspital Nr. II in Pest.
Einzeitige Behandlung der Syphilis mittels Soluesin
und Neosalvarsan.
(Vorläufige Mitteilung.)
Von Primararzt Dr. Paul v. Szily u. cand. med. Tibor Hai 1er
Ausgehend von der Anschauung E h r 1 i c h s betreffend die Steige¬
rung des spezifischen therapeutischen Effektes durch Kombination gleich¬
gerichteter antiparasitärer Heilstoffe, empfahl Paul v. Szily im Jahrt
1917 eine anorganische Kombination der drei bekannten Antiluetica ir
einer Lösung behufs Massenbehandlung der Syphilis. Diese Lösung
genannt „Soluesin“ war die folgende:
Hydrarg. bichlorati corrosivi
1,4
Natrii arsenicosi
0,5
Natrii jodati
24,0
Aquae destillatae
100,0.
Mfsolut. DS. Jeden zweiten Tag 1 ccm intra nates.
Jeder Kubikzentimeter dieser Lösung enthielt 1 cg Quecksilber
0,5 cg Natrium arsenicosum (gleich 2 mg Arsen) und 20 cg Jod. Du
klinischen Resultate, die im Laufe der Zeit durch Szily und Poros;
gewonnen wurden, sprachen für die Brauchbarkeit und Zweckmässigkei
dieses Heilmittels; auch wurde dasselbe intravenös appliziert anstands¬
los vertragen. (Siehe: Verhandlungen der Feldärztlichen Tagung be
der k. u. k. 2. Armee, Wien, Braumüller, 1917.)
Unser jetziges Bestreben bestand darin, das Natrium arsenicosun
des Soluesin durch Neosalvarsan zu ersetzen. Zu diesem Zweckt
wurde die Lösung folgendermassen verwendet:
Rp. Hydrarg. biclilorati corrosivi 0,3
Natrii jodati 14,0
Aquae destillatae 20,0.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
153
3. Februar 1922.
In dieser Lösung entsteht ein Komplexsalz (Natrium jodomercurat.
Na2ngj4), welches das Quecksilber nicht in freiem Dissoziationszustand
enthält. Ein Kubikzentimeter dieser Lösung enthält 1 cg Quecksilber
ind 60 cg Jod.
In einer 10-ccm-Rekordspritze werden 1—2 ccm Soluesin und hie-
m weitere 3—6 ccm einer lOproz. frisch bereiteten Neosalvarsan-
ösung aufgesogen und die entstehende bräunlichgelbe opake Flüssig-
ceit dem Patienten' einfach intravenös zugeführt. Vor der Injektion
vird der Spritzenstempel ein wenig zurückgezogen, wodurch infolge
les gut sichtbaren Rückfliessens des Blutes die richtige Einführung der
'ladel in die Kubitalvene festgestellt werden kann.
Die Vorteile unserer einzeitigen Kombinationsmethode gegenüber
ler von L i n s e r geübten gleichzeitigen intravenösen Applikation von
sublimat und Neosalvarsan *) sind augenfällig. Dieselben bestehen im
olgenden:
1. Die Soluesin-Salvarsanlösung enthält ausser Quecksilber und
Neosalvarsan auch das Jodnatrium, durch dessen die Steigerung der
Permeabilität der Gefässwende erzielende Wirkung eine promptere
leeinflussung des luetischen Prozesses erreicht werden kann.
2. In der Li ns er sehen Mischung entsteht durch Fällung des
eduzierten Quecksilbers ein massiger schwarzer Niederschlag; dagegen
Vird bei unserer Mischung durch das überschüssige Jodnatrium das
eduzierte Quecksilber fast gänzlich in kolloider Lösung festgehalten.
3. Die intravenöse Einführung der L i n s e r sehen Mischung ist
nolge des vorgenannten schwarzen Niederschlages beschwerlich, wo¬
egen in unserer Mischung das Rückfliessen des Blutes nach Einstich
er Nadel gut sichtbar ist.
4. Unsere Lösung ist fast neutral und fällt Eiweiss auch in Spuren
jelbst bei grossem Ueberschusse nicht und wird infolgedessen die
Jterierung der Venenwand vermieden, wodurch eine Thrombenbildung
intangehalten wird; ferner ist dadurch auch die zufällig vorkommende
aravenöse Injektion des Mittels viel weniger schmerzhaft.
Bevor wir unsere Lösung beim Menschen anwendeten, wurde die-
elbe an mehreren Kaninchen ausprobiert. Die detaillierten Versuchs-
"gebnisse sollen für eine spätere ausführlichere Mitteilung Vorbehalten
■erden; wir wollen hierorts nur das Resultat feststellen, dass die frag¬
te Mischung keineswegs eine grössere Giftwirkung ausübt, als die
ltsprechende Menge Neosalvarsan allein.
. Das Mittel wurde von uns bisher bei 25 Luetikern angewendet,
eistens bei Lues II, sowohl im manifesten als im latenten Stadium,
ie Applikation erfolgte intravenös 2 mal wöchentlich und zwar nach
lgendem Schema:
1. Injektion:
1 ccm Soluesin + 0,30
Neosalvarsan
2.
2 ccm ,,
+ 0,30
3.
2 ccm „
+ 0,45
4.
2 ccm
+ 0,45
5.
2 ccm , ,,
+ 0,60
6.
2 ccm „
+ 0,60
7.
2 ccm „
+‘ 0,60
8.
2 ccm „
+ 0,60
Also wurde bei einer vollendeten (4 wöchigen) Kur nach unserer
ethode 15 g Hg, 9 g Jod und 4,1 g Neosalvarsan dem Patienten ein-
Urleibt.
Die klinischen Ergebnisse bezüglich des therapeutischen Effektes
■im Menschen sind selbstverständlich in Anbetracht der geringen Zahl
T von uns behandelten Fälle nicht abgeschlossen. Wir wollen trotz-
m die von uns angewandte Methode bekanntgeben, da dieselbe nach
iiserem Erachten Vorteile gegenüber der Lins ersehen zu haben
heint.
ie Wachstumshemmung der Kinder in den Nachkriegs¬
jahren.
Von Prof. Dr. Eugen Schlesinger-Frankfurt a. M.
Wer sich andauernd mit der Jugend zu beschäftigen hat, wird den
ndruck bekommen haben, dass die Kinder in diesem Jahr, namentlich
i Sommer, besser aussahen und auch wieder in einer besseren Ver¬
dung waren als in den letztvergangenen Jahren. Nach manchen
chtungen zeigten sich zum mindesten Ansätze zum Wiederausgleich
r vielfachen Hemmungen und Schäden, welche die Kinder infolge des
ieges und der Hungerblockade erlitten hatten, zeigte sich der Beginn
ler Reparation, sei es aus eigenen Kräften der Kinder nach einer ge-
ssen Besserung der häuslichen Ernährungsverhältnisse, sei es dank
r umfassenden Fürsorgeeinrichtungen des Staates, der Stadtverwal-
lgen, der privaten und der Vereinswohltätigkeit. Freilich sehen die
rder jedes Jahr im Sommer besser aus als im Winter, schon infolge
" stärkeren Besonnung, auch durch das verstärkte Massenwachstum
ch dem Hochsommer gegenüber der stärkeren Längenzunahme im
ahjahr und Hochsommer, und es wird noch zu prüfen sein, ob die in
:sem Sommer erzielte Besserung auch weiterhin anhält.
In der vorliegenden Arbeit seien die Ergebnisse von Unter-
-hungen mitgeteilt, die angestellt wurden, um den subjektiv ge-
innerten Eindruck einer beginnenden Besserung des körperlichen, ge-
idheitlichen Verhaltens der Kinder durch objektive Methoden näch¬
ste'1 und zu. erhärten. Dazu ist die Verfolgung des Wachstums der
ider gut geeignet als einer wesentlichen Teilerscheinung der all-
nemen Entwicklung; und besonders wertvoll ist die Betrachtung des
*) Med. Kl. 1918.
Längenwachstum s, bei der Eindeutigkeit der Ergebnisse der
Grössenmessung, bei der Beständigkeit, mit der unter normalen Verhält¬
nissen sozial gleichartig zusammengesetzte Gruppen von Kindern, z B
von Kindern aus derselben Schule, in denselben Altersklassen in den
verschiedenen Jahren gerade ihre Durchschnittslängenzahlen beibehal¬
ten. Gegenüber der Beobachtung, dass das einzelne Kind an seinem
Wachstumstrieb und den- im wesentlichen ererbten Eigentümlichkeiten
desselben zähe festhält und sich hierin durch äussere Umstände nur
wenig beeinflussen lässt, ist die Wahrnehmung sehr bemerkenswert
und bedeutsam, dass unsere Kinder im Laufe des- Krieges
nicht nur m a gerer geworden, sondern auch kleiner
geblieben sind als ihre Altersgenossen in Friedens¬
zeiten; es ist dies ein Hinweis auf die Intensität der Schädigung.
Ich konnte an einem schon vor dem Kriege genau beobachteten Schüler¬
material bereits 1916, nach 2 Kriegsjahren, fast in allen Altersstufen und
Gruppen eine mehr oder weniger beträchtliche Hemmung des Längen¬
wachstums nachweisen; in den letzten Kriegsjahren vergrösserte sich
dieser Wachstumsrückstand namentlich insofern, als er sich schon im
Kleinkindesalter bemerkbar machte1).
Leider konnte ich . den weiteren Verlauf dieser Wachstumshemmung
und des Rückstandes in der Gewichtsabnahme in den Nachkriegsjahren
nicht an demselben Material wie vorher weiter verfolgen; das wäre
nicht nur wünschenswert gewesen, sondern ich möchte dies fast als
eine Voraussetzung für eine nach allen Richtungen hin einwandfreie
Untersuchungsmethode hinstellen. (Infolge der politischen Verhältnisse
musste ich die in Strassburg i. E. während vieler Jahre angestellten
Untersuchungen abbrechen; ich setzte sie in Frankfurt a. M. fort.) Die
hier niedergelegten Ergebnisse wurden auf Grund von meist von mir
selbst regelmässig im Juni eines jeden Jahres vorgenommenen Mes¬
sungen und Wägungen an jährlich 3000—3200 Schulkindern ge¬
wonnen, und zwar an drei Volksschulen mit etwas verschiedener
sozialer Zusammensetzung (1800 Kinder), an zwei Mittelschulen (900)
und an. einem Lyceum. Ich lege Nachdruck darauf, dass die Er¬
gebnisse aus jeder Schule für sich betrachtet und
untei sich verglichen werden, um bei der Sammelforschung
möglichst homogene Gruppen zum Vergleich einander gegenüber zu
stellen. Die Kinder wurden nach halbjährigen Altersstufen gruppiert
(z. B. 7 Jahre = 6 Jahre 10 Monate bis 7 Jahre 3 Monate); bei solch
geringen Altersverschiedenheiten innerhalb einer Gruppe glaubte ich,
zumal es sich ja doch nur um Vergleichszahlen handelte, auf eine
Altersreduktion des einzelnen Kindes verzichten zu dürfen. Die
Sammelforschung erwies sich zu den vorliegenden Unter-
suchungen als geeigneter und ergebnisreicher als die Individual¬
forschung, um so mehr, als die Art der Eintragung der Messungs- und
Wagungsergebnisse in die Gesundheitsscheine der Schüler in Zahlen
anstatt in Kurven sehr unübersichtlich ist. Die Durchschnittswerte der
Sammelforschung wurden aber ergänzt durch die Betrachtung ihres Auf¬
baues und durch, die Errechnung des prozentualen Anteils der besonders
grossen und kleinen bzw. der schweren und leichten Kinder an diesen
Durchschnittszahlen, ausserdem durch das Studium der Indexzahlen
und anderes mehr. In besonderen Fällen wurden auch Individualkurven
gezeichnet und berücksichtigt. Der Raumersparnis halber muss das
umfangreiche Zahlenmaterial einer späteren Veröffentlichung Vor¬
behalten bleiben.
Zunächst Länge und Gewicht bei der grossen Masse der Volks-
schüler im letzten Kriegsjahr und in den Nachkriegsjahren: Von
1918 — 1920 schwanken die Durchschnittswerte in den einzelnen Alters¬
stufen regelmässig auf und ab, ohne dass sich eine Gesetzmässigkeit
erkennen liess; diese Schwankungen, bei denen Länge und Gewicht
keineswegs immer mit einander parallel gehen, sind deutlich grösser,
als sie in normalen Zeiten zu sein pflegen. Hinsichtlich des Körper¬
gewichtes weisen ebenso viele Gruppen den tiefsten Stand im
Jahre 1818 wie im Jahre 1919 auf, hinsichtlich der Körperlänge liegt
aber das Minimum weit häufiger erst 1920 als 1919, und nur ausnahms¬
weise bereits 1918; ein ähnliches, leicht erklärliches Nacheinander der
Hemmung in der Gewichtszunahme und im Längenwachstum war bei
Beginn des Rückstandes in den ersten Kriegsjahren zu beobachten.
Zur Zeit dieses tiefsten Standes betrug der Rückstand gegen¬
über den Durchschnittswerten aus normalen Frie¬
de n s z e i t e n in den einzelnen Altersstufen 3 bis 5 cm, noch etwas
mehr bei Beginn der Wachstumssteigerung vor der Pubertät infolge
Verzögerung der letzteren; der Gewichtsrückstand schwankte bei den
jüngeren Altersklassen zwischen 2 und 3 kg, bei den älteren zwi¬
schen 4 und 5 kg. Das entspricht im allgemeinen annähernd einem
Jahreszuwachs und macht durchschnittlich 4,3 Proz. der Länge
(5 Proz. in den ersten Schuljahren. 3 Proz. auf der Höhe der Pubertät)
und 8 — 12 Proz. des Körpergewichtes aus.
Wesentlich andere Verhältnisse als in den Jahren 1919 und 1920
ergaben aber die Messungen und Wägungen im Jahre 1921. Diesps
Jahr 1921 ist charakterisiert und ausgezeichnet
durch eine deutliche Besserung; besonders die Längen¬
zahlen weisen in allen 3 Volksschulen in vielen, ja in den meisten
Altersklassen eine wesentliche Steigerung auf. Nicht selten kann man
von einer geradezu sprunghaften Wachstumssteigerung
sprechen; liegen doch die Durchschnittszahlen häufig um 3 — 4, ja um
5 cm höher als in den vorangegangenen Jahren. In den Altersstufen
8^ — 1034 Jahren werden — in guter Uebereinstimmung in den drei
untersuchten Volksschulen — durch diese sprunghafte Längenzunahme
*) Schlesinger: M.m.W. 1917 S. 76 und 1505, 1919 S. 662 und
Zschr. f. K-inderhlk. 1919 S. 79.
,5*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
die Durchschnittswerte aus den Friedensjahren wieder nahezu ganz ei-
reicht. Aber noch nicht ist dies der Fall bei den jüngeren Altersklassen,
die den grössten Teil ihres Lebens unter im allgemeinen ungünstigen
äusseren Verhältnissen verbracht haben, und mehrere Zentimeter fehlen
auch noch den älteren Knaben und Mädchen infolge der noch immer
fortbestehenden Verzögerung des Pubertätsantriebs.
Auch hinsichtlich der Gewichtszunahme ist 1921 eine deut¬
liche Besserung nicht zu verkennen; aber diese ist doch weder vei
hältnismässig so gross noch auch so regelmassig
wie die Zunahme der Körperlänge. Diese Hebung des Körpergewichts
ist in der Hauptsache aui eine Steigerung des Massenwachs¬
tums zurückzuführen, nicht etwa auf einen reichlicheren
Fettansatz, auf einen besseren Ernährungszustand, rur diese
Auffassung spricht schon die klinische Beobachtung; bei einer Duich-
musterung der Kinder nach der Stephani sehen Methode auf Sicht¬
barkeit der Rippen an den seitlichen (und vorderen) Teilen des Brust¬
korbs findet man nach wie vor die grössere Zahl mindestens der
Knaben bis zum 10. oder 11. Jahr untervoll, um nicht zu sagen unter¬
ernährt [Pfaundler2)]- Im umgekehrten Sinne, wie hinsichtlich des
Fettansatzes, sind vielleicht hinsichtlich des Wassergehaltes
des Organismus bei der grossen Masse der Kinder noch nicht wiedei
normale Verhältnisse eingetreten; wenigstens war die auf eine starke
Wasserabgabe zu beziehende Gewichtseinbusse der Kinder bei Beginn
des Sommers — bei ungestörtem Wohlsein — 1921 noch grösser und
regelmässiger als in dem zu einem Vergleich besonders geeigneten
heissen Sommer 1911 :l), woraus vielleicht auf eine vorher bestandene,
verstärkte Wasserretention geschlossen werden kann.
Bei dem Studium des Aufbaues der Durchschnitts¬
zahlen war schon 1917, noch mehr 1918, das Seltenerwerden dei
rasch und stark in die Länge gewachsenen Knaben und Mädchen aul¬
fallend, wie sie sonst, wohl zum Teil als eine Folge besonders reicher
Ernährung, gerade unter der grossstädtischen Jugend nicht selten
angetroffen werden. Dazu kam 1918 und 1919 eine sehr deutliche' Ver¬
mehrung der ausgesprochen kleinen Kinder, einmal unter den Schul¬
anfängern, dann bei den 11 — 13 jährigen Knaben und Mädchen, ciuich
die Verspätung des Pubertätsantriebs. Schliesslich trat 1919 und auch
noch 1920 eine deutliche Verschärfung hinzu durch eine Häufung von
schweren Fällen wachstumshemmender Rachitis. Nach dieser letzten
Richtung hin ist 1921 wieder eine Besserung zu verzeichnen; aber die
hochaufgeschossenen, sehr schlanken'Kinder sind, zum minde¬
sten in der Volksschule, noch immer Seit e n h e i t e n. Bei den
jüngeren Jahrgängen ist die Streuung der Längenwerte unter
den gleichaltrigen Kindern deutlich geringer als früher, um so grösser ist
sie aber bei den älteren Schulkindern, infolge der jetzt ganz besonders
grossen zeitlichen Verschiedenheit des Einsetzens des Pubertats-
antriebs.
An den von mir durclmntersuchten Mittelschulen ist das Er¬
gebnis der Messungen und Wägungen im Jahre 1921 nicht so
günstig wie an den Volksschulen; wohl ist auch hiei 1921 eine
Wachstumssteigerung in vielen Gruppen nicht zu verkennen; aber sie
ist in ihrem Ausmass durchschnittlich nicht so gross wie dort, nur ganz
ausnahmsweise werden bereits wieder Durchschnittszahlen ei reicht, die
den Friedenswerten nahekommen. Vor allem aber wird die Wachs¬
tumssteigerung in den einzelnen Altersklassen lange nicht so regel¬
mässig angetroffen; ja in einigen, freilich nur wenigen Gruppen liegen
die Durchschnittswerte 1921 noch niedriger als. 1920 und 1.919. Diese
Wahrnehmungen stehen in ihrer Gesamtheit in gutem Einklang mit
der Beobachtung des täglichen Lebens, dass der Mittelstand, wie mitt¬
lere Beamte, kaufmännische Angestellte — aus diesen Kreisen rekru¬
tieren sich zu einem guten Teil die Mittelschüler — , unter der Ungunst
der Verhältnisse, der erschwerten Lebensführung am schwersten ge¬
litten haben und noch immer sehr leiden.
Schliesslich die Ergebnisse der Messungen und Wägungen aus den
letzten 2—3 Jahren an der Höheren Mädchenschule. Diese
fallen ganz anders aus als alles bisher beschriebene; aber es handelt
sich hier auch um ein ganz anderes Schülermaterial. Es ist ausgesucht
ein Lyzeum, das in überwiegendem Masse, weit mehr als dies sonst
an höheren Schulen der Fall zu sein pflegt, von Mädchen aus nach wie
vor vermögenden Familien besucht wird. Hier ist 1921 kaum,
keinesfalls regelmässig, eine Verstärkung des Längenwachstums gegen¬
über 1920 festzustellen; aber hier sind auch bereits 1920 die durchschnitt¬
lichen Längenzahlen in den einzelnen Altersstufen so hoch, um so viel
höher als in allen anderen höheren Schulen, die ich je vor den Kriegs¬
jahren untersuchte, dass ich mit Bestimmtheit annehme., auch wenn
mir Vergleichszahlen aus Friedenszeiten fehlen, dass diese Mäd¬
chen bereits 1920 die ihrem sozialen Milieu ent¬
sprechenden normalen Zahlen des Längenwachs¬
tums wieder erreicht haben, die Ziffern eines frühzeitigen,
raschen, starken Wachstums. Daneben ist gerade bei diesen Mädchen
vielfach 1921 eine stärkere Gewichtszunahme als 1920 festzustellen,
augenscheinlich und in Uebereinstimmung mit dem klinischen Befund
nicht nur infolge eines lebhafteren Massenwachstums, sondern auch
wieder durch Fettansatz, durch Hebung des Ernährungs¬
zustandes. So kann bei dieser Gruppe, aber auch nur bei dieser
Gruppe, bereits wieder von einer mehr oder weniger vollkommenen
Erholung die Rede sein; ich werde unten noch einmal hierauf zurück¬
kommen.
2) Pfaundler: Zschr. f. Kinderhlk. 1921, Nr. 29, S. 217.
s) Schlesinger: D.m.W. 1912 Nr. 12.
Die Untersuchungen werden vervollständigt durch Errechnung cor
Indexzahlen. Wenn auch die Indexmethode, der R o h r e i sehe
oder der P i r q u e t sehe Index, für die individuelle Auswahl der unter¬
vollen Kinder ein vollkommener Fchlschlag war. wie ich an anoeren
Orten (Zschr. f. Schulgesundheitspflege 1921 S. 33) dargetan habe, sc
ist diese Methode doch sehr geeignet, um Länge und Gewicht mit-:
einander in eine enge, konstante und1 übersichtliche Verbindung zu
bringen, und um den bei den Messungen und Wägungen festgestelltei
Rückstand in seiner Bedeutung untereinander vergleichen zu können
Dabei wird auf jeden Vergleich mit einem irgendwoher stammenden,
weder die Rasseeigentümlichkeiten noch die Einflüsse des sozialen
Milieus auf das Wachstum berücksichtigenden „Normalwert verzichtet. j
Die Rohrer sehen Indexzahlen ^1UU {^,^3 ° derselben Alters¬
klassen und der gleichen Gruppen in den aufeinanderfolgenden Kriegs¬
und Nachkriegsjaiiren lassen etwa in der Hälfte der Reihen ein unregel¬
mässiges Ansteigen bis zum Jahre 1920 erkennen, dann 1921 einen
steilen Abfall, manchmal unter den Wert von 1913/14; dies besagt, das:
die Kinder in den Nachkriegs jahreh mehr noch in
Längenwachstum als in der Massenzunahme ge¬
hemmt wurden, bis hierin 1921 ein gründlicher Um¬
schwung statt hatte. Bedeutsamer ist das Verhalten der indi¬
viduellen Indexzahlen bei ein und demselben Kind in den m Rede
stehenden Jahren; normalerweise sinkt während des Schulalters der
Rohr ersehe Index bis etwa zum 13. Jahr, im wesentlichen inlolgt
Verschiebung der Körperproportionen (Pfaundler, 1. c.). Abei mch'
so ganz selten stieg in den Jahren 1918 — 1921 der Index vorüber¬
gehend an, namentlich bei gut entwickelten Kindern, hier wohl als dei
Ausdruck der Hebung des Ernährungszustandes (stärkere Zunahme de;
Zählers des Bruches). Umgekehrt beobachtete ich aber auch zuweilei
in den genannten Jahren ein aussergewöhnlich starkes Abfallen de:
anfänglich meist recht hohen Indexzahlen (infolge stärkerer Zunahme
des Nenners), besonders bei mittelmässig oder schwach entwickelter
Kindern; diese kamen vor allem ihrem Trieb zum Längenwachstim
nach, während von einer stärkeren Gewichtszunahme infolge Hebunt
des Ernährungszustandes neben dem Massenwachstum keine Rede war,
Aehnliches war bei der ersten Periode der Quäkerspeisung zu be¬
obachten: anstatt des erwarteten Steigens des Index durch eine Besse
rung des Ernährungszustandes wurde vielmehr der Index kleiner, in
dem der Organismus zunächst die Hemmung im Längenwachstum aus
zugleichen suchte.
Die Ergebnisse der Messungen und Wägungen der Schulkinder in
Jahre 1921 sind im Vergleich zu den Befunden in den vorangegangene!
Jahren als befriedigend zu bezeichnen: Die im 2. bzw. 3. Kriegs
j a h r ei n setze n de und weiterhin fortschreitend»
Hemmung im Längen - und Massenwachstum is t n acl
einem Tiefstand in den Jahren 1919 und 1920 zum Still
stand gekommen; es hat auch bereits wieder in vielen Gruppei
und Altersklassen ein Einholen des Rückstandes, zun
mindesten hinsichtlich des Längen Wachstums, in meh
oder minder grossem Umfang eingesetzt. Die Verhältnisse de:
Wachstums lassen einen Rückschluss zu auf die allgemeine Entwick
lung, von der sie einen wesentlichen Bestandteil bilden, und so er
scheinen die Aussichten auf einen Fortschritt der Erholung unsere
Jugend von den in und nach dem Kriege erlittenen Schäden und Hem
mungen nicht ungünstig.
Ich selbst möchte aber nicht verfehlen, vor einer Ueber
schätzungdieser günstigen Seiten meiner Untersuchung
1 ergebnisse zu warnen. Vor einer Verallgemeinerung meiner Er
gebnisse sind die Untersuchungen anderorts nachzuprüfen. Die voi
mir durchuntersuchten Volksschulen entsprechen dem Durchschnit
dieser Schulen; es gibt in der Innenaltstadt Schulen mit einem noc
schlechter gestellten Schülermaterial. Anderseits sei nochmals aut er
Ergebnisse in den Mittelschulen hingewiesen, die hinter dei
Resultaten der Volksschulen zurückstehen. Die be
sonders günstigen Ergebnisse an einem ausgesuchten Lyzeum düifeil
bei Beurteilung der Gesamtlage nicht irreführen; denn hier handelt e
sich um eine ganz dünne Oberschicht der Schuljugend, deren Zahl gegen
über der Gesamtheit der Kinder nicht in Betracht kommt. Die Ergeh
nisse bei diesen Kindern aus vermögenden und reichen Familien stelle:
wohl das wünschenswerte dar; aus ihnen aber verallgemeinernde Ruck
Schlüsse auf das Verhalten der Gesamtheit der Jugend zu ziehen, kam.
gleich einem Schluss aus dem Besuch gewisser grossstädtischer Ver
gnügungslokale auf die derzeitige Lebensführung und die Lebensverhalt
nisse unseres Volkes. ■■
Schliesslich möchte ich auch nochmals betonen, dass auf Grund de
Messungen und Wägungen zunächst nur von einer Besserung de
Verhältnisse des Wachstums, der Entwicklung, noch nicht a b e
von einer Hebung des Ernährungszustandes der Km:
der gesprochen- werden kann; gerade nach dieser Richtung sind ers
geringe Ansätze einer Besserung zu bemerken. Das entspricht de
Natur der Sache wie auch den Erfahrungen beim Tierexperiment, das
der jugendliche Organismus bei der Besserung der Ernährungsverhalt
nisse die zum Ansatz verfügbaren Bausteine zuerst zum Einholen de
Wachstumsrückstandes verwendet, erst viel später zum Fettansatz
Gewiss hat sich die Ernährung der Allgemeinheit der Jugend wiede
gebessert, in quantitativer und qualitativer Hinsicht; die Kost ist wiede
abwechslungsreicher geworden-, auch fettreicher; es dürfte auch nicli
mehr ein Mangel an Vitaminen vorliegen, an den für das Wachstur
wichtigen Ergänzungsstoffen. Aber wie ausserordentlich viel bleib
L Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
155
loch übrig, ganz besonders nach der quantitativen Seite, um eine rest-
: ose Einholung des Wachstumsrückstandes, um eine Hebung der Kon¬
stitution, der Widerstandskraft, und schliesslich auch um eine Hebung
les Ernährungszustandes unserer Kinder sicherzustellen. Wie kläglich
st es doch z. B. nach wie vor um die Milchversorgung der Kinder be¬
stellt! So ist die Zeit zu einem Abbau der seit dem Kriege fort-
ceführten Fürsorgemassnahmen zugunsten der bedürftigen Rinder noch
licht gekommen. .
Ueber ausgedehnte Wurstvergiftungen, bedingt durch
Bacillus proteus vulgaris.
Von Privatdozent Dr. med. Karl Baerthlein.
Die starke Verteuerung aller Lebensmittel, insbesondere die hohen
Fleischpreise, zwingen jetzt breite Volksschichten zu einer möglichst
eStlosen Ausnützung der angebotenen Fleischvorräte (Würste), wobei
lie Frage der Genussfähigkeit solcher Lebensmittel trotz gewisser war-
:ender Anzeichen von Zersetzung, z. B. missfarbenem Aussehen, leicht-
auligem Geruch, von den Verzehrern meist nicht berücksichtigt wird.
Vuf diese von den ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen erzwun¬
gene Indifferenz gegenüber verschiedenen bereits gesundheitsschäd-
lchen Lebensmitteln und auf die Unterdrückung des instinktmässigen
Ekelgefühls, das sonst normale Menschen von dem Genuss zweifelhafter
.ebensmitel abhält, dürften auch die im vergangenen Sommer be-
ibachteten, keineswegs seltenen Fälle von Fleisch-(Wurst-)vergiftungen
urückzuführen sein, die ein näheres Eingehen auf die Frage ihrer Aetio-
ogie und anschliessend ihrer Prophylaxe als dringend wünschens-
.vert erscheinen lassen. Mit Rücksicht auf die spärlichen Berichte in
ier Literatur ist es von Wichtigkeit, möglichst zahlreiche entsprechende
Beobachtungen aus dem Gebiet der Nahrungsmittelvergiftungen zwecks
Gärung der ätiologischen und prophylaktischen Fragen mitzuteilen, und
‘s soll daher im folgenden über ausgedehnte, etwa 2000 Fälle um-
assende Wurstvergiftungen, die sich im Frühjahr 1918 vor Verdun er¬
eigneten und leicht zu militärisch katastrophalen Folgen hätten führen
önnen, und über deren Ursache kurz berichtet werden.
Anfangs Juni 1918 traten plötzlich bei den Fronttruppen vor Verdun
nter dem Bild einer akuten Gastroenteritis, das sich in einzelnen schwe-
en Fällen bis zur Cholera nostras steigerte, Massenerkrankungen auf,
ie schlagartig ganze Kompagnien mit Ausnahme weniger Leute kampf-
nfähig machten und binnen 2 Tagen etwa 2000 Mann befallen hatten.
)ie Erkrankungen äusserten sich bei einem Teil der Truppen so schwer,
ass über 200 Kranke in Feldlazarette überführt werden mussten. Der
^erdacht, dass hier eine Nahrungsmittelvergiftung vorhegen könnte,
rurde dadurch sofort rege, dass nach den Angaben der Kranken etwa
! — 3 Stunden, bei dem kleineren Teil der Patienten 6 — 8 Stunden nach
iner bestimmten Wurstmahlzeit die schweren Gesundheitsschädigungen
ich einstellten. Verschont von der Erkrankung wurden unter den
ronttruppen lediglich diejenigen Leute, die an der Mahlzeit nicht teil¬
enommen hatten, z. B. Ordonanzen der gleichen Kompagnie, die an
emseiben Tage zum Befehlsempfang nach einem höheren Stab zuriiek-
egangen waren, oder Soldaten, die aus anderen Gründen zufällig von
■en Würsten nichts genossen hatten, sowie die zum gleichen Regiments-
erband gehörigen Truppenteile, die in Ruhequartieren lagen und eine
ndere Kost hatten. Ueberraschend war es allerdings, dass unter den
tappentruppen, die Korpssehlächerei inbegriffen, die nachgewiesener-
iiassen von den gleichen Würsten, freilich 2 Tage vorher, gegessen
jatten, keine Krankheitsfälle beobachtet wurden.
Das klinische Bild war charakterisiert durch Erbrechen und
lehrfache Durchfälle mit lebhaftem Stuhldrang, durch heftige Leib- und
Kopfschmerzen, allgemeine Mattigkeit und Abgeschlagenheit, durch
lagen der Kranken über metallischen Geschmack im Munde und starke
rockenheit im Hals. Bei einem Teil der Patienten, insbesondere bei
en schwereren Fällen, kam es zu Fiebererscheinungen mittleren Grades
durchschnittlich bis 38,6°), die unter der Behandlung schnell wieder
erschwanden. Das Sensorium blieb vollkommen klar. Auffallend war
er ausgedehnte Herpes labialis, der verschiedentlich sogar den Umfang
ines Herpes facialis erreichte und bei etwa 20 Proz. der Erkrankten
u finden war. In einzelnen Fällen wurde ferner mehr oder weniger
diwerer Ikterus beobachtet, bei' einem Krankheitsfall auch Hämoglobin-
rie. Das Krankheitsbild wies also im Gegensatz zu dem bei Nahrungs¬
mittelvergiftungen so oft genannten Botulismus, bei dem infolge der
chädigung des Nervensystems bulbäre Symptome, wie Akkommoda-
onslähmung, Pupillenerweiterung und -starre, Ptosis, Strabismus,
maurose und ähnliche, das klinische Bild beherrschen, in der Haupt¬
ache gastrointestinale Erscheinungen auf, wie sie im allgemeinen
urch die Nahrungsmittelvergifter der Paratyphusgruppe (Bac. para-
rphi B und enteriti'd. Gaertner) ausgelöst werden.
Bald nach der Einlieferung der ersten Kranken in die Lazarette
>uden Proben von verdächtigen Blut- und Leberwürsten zur bakterio-
gischen Untersuchung dem Laboratorium eingesandt und anschliessend
ihlreiche Stuhlproben von Kranken. Die Wurstproben hatten ein
;hmieriges, missfarbenes Aussehen und stark teigige Beschaffenheit,
ei der bakteriologischen Untersuchung wurden in sämtlichen Würsten
ad in den Krankenstühlen durch das Kulturverfahren regelmässig Bac.
i'oteus vulgaris nachgewiesen; die Wurstproben speziell enthielten
isser vereinzelten Kokken keine anderen Keime als Proteusbazillcn,
isbesondere konnte in keinem Falle weder in den Würsten noch in
,in Fäzes Bac. paratyphi B oder enterit. Gaertner festgestellt werden.
:'as bakteriologische Üntersuchungsergebnis sprach somit für eine reine
Nahrungsmittelvergiftung durch Bac. proteus vulgaris. Es lag der Ge¬
danke nahe, dass in der Korpsschlächerei, aus der letzten Endes die
zersetzten Wurstproben stammten, gewisse Missstände, z. B. Mangel
an Sauberkeit oder unzweckmässige bzw. unzulängliche Aufbewahrungs¬
möglichkeit für die fertigen Fleischprodukte bestanden. Eine genaue
Ueberprüfung des Schlachthauses, das überdies unter fachmännischer
tierärztlicher Leitung stand, ergab dafür keine Anhaltspunkte. Zur
weiteren Aufklärung wurden daher eben fertiggekochte Würste aus dem
Wurstkessel, ferner frische, noch in der Räucherkammer befindliche,
schliesslich mehrere Tage lang durchgeräucherte, zur Ausgabe an die
Truppen hergerichtete Würste, die durchweg ein vorzügliches Aussehen
und den charakteristischen frischen Geruch unverdorbener Wurst zeigten,
bakteriologisch auf etwaigen Keimgehalt geprüft. Dabei ergab sich die
überraschende Tatsache, dass sämtliche verschiedenartigen Wurst¬
proben Bac. proteus vulgaris, wenn auch in geringer Menge, enthielten.
Die Frage, wie diese Keime in die Würste gelangten, bzw. weshalb sie
durch den Kochprozess nicht vernichtet wurden, liess sich bald einwand¬
frei aufklären: In der Korpsschlächterei wurden sämtliche Tiere (haupt¬
sächlich Rinder) vor der Entblutung durch Beil- oder Hammerhiebe auf
den Kopf betäubt; die Folge dieser Betäubung bzw. der dadurch beding¬
ten Gehirnerschütterung waren Erbrechen und Regurgitieren von Spei¬
sen aus Magen und Darm während des Schlachtens und Entblutens, so
dass, wie ich mich selbst überzeugen konnte, stets Speisereste und eine
entsprechende Bakterienflora aus dem Verdauungstraktus sich in der
Mundhöhle der geschlachteten Tiere vorfanden. Für die Herstellung der
Würste wurden in erster Linie die Kopf- und Schlundteile der Tiere ver¬
wendet, und es gelangten somit trotz wiederholten Spiilens der Fleisch¬
teile auf diese Weise auch Darmbakterien, z. B. Bac. proteus vulg., in
die Würste. Die Möglichkeit, dass vielleicht schlecht gereinigte Wurst¬
därme, wie dies von einzelnen Autoren angenommen wird, an der In¬
fektion mitbeteiligt waren, war von vorneherein dadurch ausgeschlossen,
dass infolge Mangels an natürlichem Darm sog. Kunstdärme zur Wurst¬
bereitung verwendet werden mussten; im übrigen darf man wohl an-
nehmen, dass selbst bei mangelhafter Sterilisierung (Kochen) von
Würsten, wie es bei den vorliegenden Erkrankungen der Fall war. die
unmittelbar dem Darme (Wursthaut) anliegenden Teile der Würste
keimfrei werden.
Weitere Erhebungen ergaben, dass die frisch hergestellten Würste
nur verhältnismässig kurze Zeit, und zwar durchschnittlich 30 Minuten
im Kessel gekocht waren; von dem Schlachthofverwalter wurde dieses
Verfahren damit begründet, dass die Würste, die bei dem grossen Fett¬
mangel an und für sich fettarm waren und trocken schmeckten, bei
längerem Kochen durch die Maschen der aus feinporigem Stoff her¬
gestellten Kunstdärme noch weiter von ihrem spärlichen Fett¬
gehalt verlören, wie „Sägemehl“ schmeckten und von den Truppen
nicht genossen würden. Um möglichst bald die Wurstherstellung wieder
aufnehmen und die dafür bestimmten, wertvollen Fleischteile angesichts
der Schwierigkeit ihrer anderwertigen Verwertung und des starken
Fleischmangels infolge der Hungerblockade bald wieder ausnützen zu
können, mussten rasch entsprechende Vorbeugungsmassregeln gegen
den Wurstverderb gefunden werden. Zur Feststellung, wie lange Zeit
erforderlich war, um durch Kochen eine einwandfreie Sterilisierung von
Würsten zu erreichen, wurden daher frischhergestellte Würste ver¬
schieden lange Zeit von 25 Minuten bis zu 1 Stunde 20 Minuten ge¬
kocht und anschliessend bakteriologisch auf ihren Keimgehalt untersucht.
Dabei zeigte es sich, dass erst nach 45 Minuten langem Kochen die
Würste sicher keimfrei waren. Bei der weiteren Wurstherstellung
wurde diese Erfahrung berücksichtigt, ferner wurden von diesem Zeit¬
punkt ab nur tierische Därme verwendet, die auch ein längeres Kochen
ohne nennenswerten Fettverlust der Würste gestatteten, weiterhin
eine möglichst kurze Aufbewahrungs- und Zwischenzeit zwischen
Wurstbereitung und -verbrauch zu erreichen gesucht. Diese Mass¬
nahmen hatten sich vollkommen bewährt.
Welche unheilvolle Rolle neben der mangelhaften Sterilisierung der
Würste gerade deren unzweckmässige Aufbewahrung spielen kann,
zeigten die oben geschilderten Massenvergiftungen. Wie bereits er¬
wähnt, waren schon in den frischen, teils einfach gekochten, teils
geräucherten Würsten Proteusbazillen in geringer Menge lebensfähig
vorhanden. Es handelte sich um Fleischprodukte vollkommen gesunder
Tiere, die überdies der tierärztlichen Fleischbeschau unterworfen
waren; das Fleisch war ferner nicht intravital infiziert, wie dies
bei den bekannten Fleischvergiftungen durch die Keime der Para¬
typhusgruppe gewöhnlich der Fall ist, wo meist kranke Tiere not¬
geschlachtet werden, es lag auch keine postmortale Infektion vor,
wie in der Regel bei dem vom Bac. botulinus hervorgerufenen Botulismus,
die Infektion des gesunden Fleisches erfolgte vielmehr intermorta 1.
d. h. während des Tötungsaktes durch das Regurgitieren von Speisen
aus den tieferen Verdauungswegen nach der Mundhöhle. Die frisch-
hergestellten Würste wurden von der Korpsschlächterei für die Front¬
truppen am Tage nach der Bereitung zu den mehrere Fahrstunden ent¬
fernten ProviantdeDots auf gewöhnlichen Wagen geschafft. In den
Depots, die einfache Bretterschuppen darstellten, lagerten sie den
ganzen Tag über und wurden wegen der Beschiessuugsgefahr erst in
der folgenden Nacht mittels kleiner Feldbahnen zu den Küchen der
in vorderer Linie stehenden Truppen gebracht, wo sie wiederum tags¬
über aufbewahrt werden mussten und wegen Gefährdung der Truppen
durch feindliches Feuer erst nach Einbruch der Dunkelheit von den
einzelnen Soldaten bei der Essensausgabe empfangen werden konnten.
Im Juni 1918 herrschte eine ganz aussergewöhnlichc Hitze, bei der
heisse, drückende Tageszeiten von schwülen, feuchten Nächten abgelöst
15b
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
Nr. 5.
wurden. Diese heisse, schwüle Witterung im Verein mit der unzweck¬
mässigen Aufbewahrung der Würste (offene Transportwagen, Depot¬
schuppen, Feldbahn, Küchenbretterbuden!) bot den in diesen schon vor¬
handenen Proteuskeimen eine ausgezeichnete Gelegenheit zu reichlich¬
ster Entwicklung und Durchwucherung des Fleisches, dessen Eiweiss¬
stoffe von den Bazillen zu hochtoxischen Körpern zersetzt wurden.
Erst diese Massenproduktion von starkwirkenden Giften seitens der
saprophy tischen Proteusbazillen hat die Würste zu einem hochtoxischen
Nahrungsmittel gemacht und jene Massenvergiftungen ausgelöst,
während, wie bereits erwähnt, der Genuss der gering infizierten, frischen
Würste bei den Truppen der höheren Stäbe und der Etappe, deren
Küchen das Fleisch unmittelbar aus der Schlächterei empfingen, keinerlei
Gesundheitsstörungen mit sich brachte.
Unter den spärlichen Literaturmitteilungen, die über Nahrungsmittel¬
vergiftungen durch Bac. proteus vulg. berichten, zeigt vor allem eine
von Dieudonne aufgeklärte und klassisch dargestellte Massenver¬
giftung durch Proteusbazillen enthaltenden Kartoffelsalat eine gewisse
Parallele. Auch hier handelt es sich um ursprünglich gesunde Nahrungs¬
mittel (Kartoffel), diie gekocht, also in leicht verderblichem Zustand,
bei schwüler Sommertemperatur einen Tag lang in offenen Körben auf¬
bewahrt wurden und so den ubiquitär vorkommenden Proteusbaziilen
die Möglichkeit zur Ansiedlung und reichlichen Vermehrung bzw. an¬
schliessend zur Massenproduktion von hochgiftigen Zersetzungsstoffen
gaben. Dieudonne konnte ferner tierexperimentell nachweisen,
dass die von ihm aus dem Kartoffelsalat isolierten Proteuskeime nur
dann für die Versuchstiere schwere Gesundheitsschädigungen bzw.
den Tod brachten, wenn die Bazillen auf bestimmten, anscheinend
ihnen sehr zusagenden Nährmedien (Kartoffeln oder Fleisch, dagegen
nicht Bouillon) gezüchtet wurden und gleichzeitig infolge relativ hoher
Temperaturen (über 18°) günstige Gelegenheit zu reichlicher Gift¬
bildung hatten.
Aus diesem kurzen Beispiel und den obigen Mitteilungen geht
hervor, dass der richtigen Konservierung bzw. Sterili¬
sierung sowie der späteren Aufbewahrung von
Fleisch und Fleischprodukten (Würste, Hackfleisch,
Schinken etc.) mindestens eine ebenso grosse Sorg¬
falt und Aufmerksamkeit zu schenken ist wie der
vorausgehenden, gründlichen Fleischbeschau.
Die Behandlung bei den obigen Proteuswurstvergiftungen
wurde mit gutem Erfolg rein symptomatisch durchgeführt: sie bestand
in einer möglichst baldigen Verabreichung von Laxantien, ferner bei den
schweren Fällen in Einstellung der Kostform auf Darmdiät und in
Bettruhe.
Kropfhäufigkeit bei Münchener Fortbildungsschülern.
(Bemerkung zu dem Aufsatz von Frl. Dr. Kraeuter in
Nr. 2 dieser Wochenschrift.)
Von Dr. Fürst, Stabsarzt a. D., Schularzt.
Die Mitteilung von Frl. Dr. Kraeuter über das Vorkommen von
Kröpfen bei den weiblichen Jugendlichen bildet eine — allerdings noch
weitergehende — Bestätigung des schon auf dem vorjährigen Kinder¬
hilfstag gegebenen Hinweises über die anscheinende Zunahme der
Kropfhäufigkeit bei den Jugendlichen Münchens.
Es wurde bei einem Vergleich der im Jahre 1913 auf Veranlassung
von Herrn Prof. Kaup vorgenommenen Untersuchungsergebnisse an
14— 15jährigen mit den im Jahre 1920 von mir untersuchten Schülern
des gleichen Altersabschnittes eine Zunahme von durchschnittlich
32,4 Proz. auf 41,5 Proz. festgesetzt.
Was die Höhe der Zunahme um nahezu 10 Proz. anlangt, so muss
darauf hingewiesen wrerden, dass möglicherweise diese Zahl noch als
zu gering betrachtet werden muss. Denn bei den von mir im Jahre
1920 untersuchten Schülern wurden nur sichtbare und schon fühlbare
Schilddriisenvergrösserungen mitgezählt (etwa Grad II der K 1 i n g e r -
sehen Einteilung), während möglicherweise im Jahre 1913 von
den damals untersuchenden Aerzten schon leichtere Grade (etw'a I bis
11 der K 1 i n g e r sehen Einteilung) mit eingerechnet worden waren.
Bei den damaligen Untersuchungen, die keine speziellen Zwecke
verfolgen sollten, waren Vereinbarungen bezüglich der Kropfbeurteilung
noch nicht getroffen worden. Sch itten heim und Weichardt1)
weisen auf die Fehlerquellen hin, die Kropfstatistiken anhaften können,
wenn hinsichtlich der Beurteilung nicht besondere Vereinbarungen unter
den Untersuchern getroffen wurden. Jedenfalls lässt sich mit einer
gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die gefundene Zahl von
ca. 10 Proz. als Minimum der tatsächlich seit 1913 erfolgten Zu¬
nahme der Kropfhäufigkeit bei den 14 — 15jährigen zu betrachten ist. Es
hat auch eine im Laufe des Sommers und Herbstes 1921 erfolgte Unter¬
suchung an über 1300 im Alter von 14 — 15 Jahren Stehenden wieder
eine durchschnittliche Häufigkeit 'von ca. 40 Proz. ergeben. Eine
tabellarische Ausscheidung nach Berufsgruppen erübrigt sich, da
Schwankungen hinsichtlich des Prozentsatzes an Strumösen bei den
Eingetretenen nicht auf Einwirkung des Berufes zurückgeführt werden
können.
1) Schittenhelm und Weichardt: Der endemische Kropf.
Springer, Berlin 1912 und: Ueber den endemischen Kropf. M.m.W.
1912 Nr. 48.
Eine solche lässt sich auch bei den in diesem Winter- untersuchten
16 — 17jährigen hinsichtlich der Häufigkeit nicht erkennen (s. Tab.).
Hinsichtlich des Grades der Strumen muss allerdings hervorgehoben
werden, dass von der Gesamtzahl der gefundenen Strumen 19 = 6,8 Proz.
beträchtliche Strumen (meist mit Kompressionserscheinungen und
kolloidaler Entartung) auf Berufe fielen, wo die Eigenart des Berufes
auf die Entwicklung beginnender Kröpfe begünstigend wirken konnte
(Schlosser, Maschinenbauer, Schreiner).
Berufe
Gesamtzahl der
Untersuchten
Strumen
abs.
Proz.
Schlosser
218
48
22
Maschinenbauer
Mechaniker (mit Orthopädiemechanikern
225
43
22
und Sattlern)
167
36
22
Feinmechaniker
118
27
22,8
Schreiner
225
61
27
Spengler
65
13
20
Elektrotechniker
Lithographen, Photographen, Chemie-
181
32
17,6
graphen
97
18
18,5
1296
278
21,45
Die Gesamtzahl der Kröpfe bei den 16— 17jährigen mit durch¬
schnittlich 20 Proz. ist um die Hälfte geringer als bei den Neu-
eingetretenen. Es deckt sich dies mit den Befunden von Schitten¬
helm und Weichardt, wonach das Maximum der Kropfhäufigkeit
zwischen 9. und 10. Lebensjahr liegt, während in den späteren Jahr¬
gängen auch in typischen Kropfgegenden eine beträchtliche Abnahme
eintritt, die sich besonders in den Militärstatistiken erkennen lässt.
Wenn man aber bedenkt, dass der Jahrgang der 16— 17jährigen nicht
mehr allzuweit entfernt liegt von dem Alter der früheren Militär-
pflichtigkeit, und andererseits auch in den eigentlichen Kropfgegenden
Bayerns die Kropfhäufigkeit in den Gestellungslisten 10 Proz. nur selten
überstieg (in München-Stadt zwischen 6,5— 8,5 Proz., in München-Land
8,53 Proz.), so dürften die gefundenen Zahlen — zumal mit Rücksicht
auf die von Frl. Kraeuter gefundenen noch höheren Verbreitungs¬
zahlen bei den weiblichen Jugendlichen — auf eine Erscheinung hin-
weisen, an der man nicht achtlos vorübergehen kann.
Die Ursache der Zunahme ist — wie die Frage der Aetiologie des
endemischen Kropfes überhaupt — noch durch weitere Erhebungen zu
klären.
Auf die bei Jugendlichen häufig gefundene Trias: Unter¬
ernährung — Kropf — Hypogenitalismus, habe ich bei der Kindertagung
hingewiesen. Auch die Einwirkung nervöser Einflüsse der Kriegs- und
Nachkriegszeit auf das endokrine System wäre in Betracht zu ziehen.
Endlich könnten auch endogene degenerative Faktoren in Betracht
kommen. Damit soll der Annahme infektiöser Ursachen bei der Ent¬
stehung des Kropfes im Sinne Schittenhelms und Weichardts
nicht Abbruch getan werden, wenngleich in München bei den im all¬
gemeinen stabil gebliebenen Wasserverhäiltnissen den a u s 1 ö s e n -
den Ursachen gegenüber der Annahme einer Zunahme von noch hypo¬
thetischen Infektionserregei n mehr Bedeutung zugewendet werden
dürfte.
Nach allen diesen Richtungen dürften weitere Untersuchungen
wünschenswert erscheinen. Zunächst wäre die Kenntnis über die Ver¬
teilung der Kropfhäufigkeit in den einzelnen Altersklassen statistisch
zu erweitern. Bei einer weiteren Ausdehnung der Erhebungen auf die
Bevölkerungsschichten der Stadt wäre es von Wichtigkeit, eine Eini¬
gung hinsichtlich der Beurteilung zu erzielen. Als Grundlage könnte
die von K 1 i n g e r aufgestellte Einteilung in 4 Grade betrachtet werden,
die aber zweckmässig noch durch Halsumfangsmessung genauer zu ge¬
stalten wäre. Vergleichsmessungen über die Halsumfangszunahme bei
Normalen wären hierbei nicht zu vergessen. Eventuell käme zur Er¬
zielung einheitlich verwertbarer Resultate die Ausarbeitung eines be¬
sonderen Kropfbeobachtungsblattes in Betracht. Die schulärztliche
Untersuchung dürfte zur Klärung der Frage nicht ausreichea Unter¬
stützung durch Institute wäre wünschenswert. Ebenso wäre auch von
der Aerzteschaft und den massgebenden Behörden die Frage zu prüfen,
ob zur Prophylaxe des Kropfes in München das Kl in ge r sehe Ver¬
fahren 2) der Anwendung periodischer, über lange Zeit (bis zu
15 Monaten) hindurch gegebener minimaler Jodgaben nicht Nach¬
ahmung finden könnte. Hervorzuheben ist, dass die K 1 i n g e r scher
bzw. Bayard sehen Versuche mit minimalen, aber lange Zeit hin¬
durch gegebenen prophylaktischen Dosen gegenüber der bisherigen
Jodtherapie etwas prinzipiell Neues darstellen, dass somit die
gegen letztere eventuell bestehenden Bedenken in Wegfall kommen
könnten. Tatsächlich sind bei den auf die Anregung K 1 i n g e r s hin
erfolgten Bekämpfungsmassnahmen Jodschädigungen nie beobachtet
worden. Durch die Heranziehung der behandelnden Aerzte — unter
Ueberweisung der in prophylaktische Behandlung Getretenen an die
Hausärzte, eventuell unter gleichzeitiger Hinausgabe eines Kropf¬
beobachtungsblattes — könnte eine noch weitergehende Sicherung erzieh
werden. Jedenfalls dürften die mit dem Kling ersehen Verfahren er¬
zielten günstigen Ergebnisse eine Uebertragung auf die Münchenei
Verhältnisse angesichts der hier zu beobachtenden Zunahme der Kropf¬
häufigkeit nicht nur gerechtfertigt, sondern auch wünschenswert er¬
scheinen lassen. . . I
2) Klinger: Die Prophylaxe des endemischen Kropfes. Schweiz, med
Wschr. 1921 Nr. 1.
Februar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
157
us der Nervenabteilung des Städt. Krankenhauses Sandhof
Frankfurt a. M. (Direktor: Prof. Q. L. Dreyfus.)
Syringomyelie und peripheres Trauma.
Von Dr. Ludwig Fuchs, Assistenzarzt.
Die Frage der Entstehung einer Syringomyelie als Folge eines Un-
les ist trotz vieler Erörterungen noch nicht zu einer einheitlichen Be¬
twortung gelangt. Dass an einem völlig intakten Rückenmark durch
auma echte Syringomyelie verursacht werden könne, wird heute
ohl von allen Autoren abgelehnt und ganz allgemein das Bestehen
ner kongenitalen Disposition zur Voraussetzung gemacht. H. S c h 1 e -
nger hatte in seiner grundlegenden Monographie (1894) ein zen-
ales Trauma als mögliche Entstehungsursache durchaus anerkannt und
e Entstehung aus einem peripheren Trauma nur als zurzeit noch un-
tviesen abgelehnt, S c h u 1 1 z e dagegen sprach auf seinem Moskauer
iferat (1897) dem zentralen Trauma — von den akuten Blutungen
d Spaltenbildungen mit syringomyelieähnlichem Bilde abgesehen —
ir für die Zeit der Geburt oder die ersten Lebensjahre eine gewisse
olle zu, während er gegenüber dem peripheren Trauma bzw. der
zendierenden Neuritis die abwartende Haltung Schlesingers
jilte.
Schlesingers Schüler Kienböck hat dann alle hierher¬
hörigen Fälle der Literatur gesammelt (1902) und die Beziehungen
irischen Unfall und Syringomyelie genauer untersucht. Mit Recht
hied er alle Fälle von akut einsetzender Myelodelese aus, da ihnen
(s so wichtige Symptom der Progression fehlte, andere Fälle boten
der Anamnese unverkennbare Anzeichen vorher schon bestehender
(krankung oder das Intervall zwischen Unfall und ersten Krankheits-
iichen war so lange, dass ein Zusammenhang unwahrscheinlich war,
iirzum der weitaus grösste Teil der mitgeteilten Fälle konnte bei ge-
uerer Betrachtung nicht als Beweis für einen bestehenden Zusammen-
ng anerkannt werden; aber einem Rest von Fällen wurde Ki en¬
de k doch in einer zu weitgehenden Kritik nicht gerecht und lehnte
f: mit nicht ganz überzeugenden Gründen ab. Er kam daher zu dem
ihlusse, das das zentrale Trauma nur eine latente Syringomvelie ver¬
kümmern könne, während das periphere Trauma bzw. die Neuritis
jeendens überhaupt keine ätiologische Rolle spiele, schon weil das
atomische Bild dieser Form von Neuritis (mit einer einzigen Aus-
hme Marinescos) nicht erbracht sei.
Schlesingers Auffassung, dass ein zentrales Trauma unter
nständen wohl echte Syringomyelie zur Folge haben könne, fand in-
:ssen durch klinische Beobachtungen gestützt immer mehr An-
cennung und ist heute in allen modernen Darstellungen vertreten,
/er auch die zum erstenmal von Friedreich geäusserten und von
putschen (E u 1 e n b u r g, Mies, Stein u. a.) und französischen
u i 1 1 a i n, Huet-Lejonne u. a.) Autoren wiederholte Vermutung,
ss auch das periphere Trauma vermittels einer aszendierenden Neu¬
is ebenfalls zur Syringomyelie führen könne, wollte nicht mehr ver-
immen. Ohne auf die erschienene Literatur hier im einzelnen ein-
jhen zu können, sei nur auf die Arbeit H. Curschmanns (1905)
igewiesen; er brachte 6 gut beobachtete Fälle von echter Syringo-
elie. von denen einer durch Rückentrauma ausgelöst war. die iibri-
l 5 sich aber an periphere Neuritiden anschlossen. Er trat daher ent¬
schieden für die Möglichkeit dieser Entstehungsart ein. Auch
pnn-e u. a. brachten ähnliche Fälle. Ganz überzeugend waren frei-
n auch Curschmanns Fälle nicht, da 3 davon lange vor der
tendierenden Neuritis Horner sehen Symptomenkomplex hatten und
n immerhin im Zweifel sein kann, ob dieser — als zentrale Glioma-
üs aufgefasst — Ausdruck vorher bestehender Anomalie, also Dis-
äition oder schon die ersten Krankheitssymptome selbst darstellt.
Oppenheim (Lehrb.. 6. Aufl., 1913) lehnt denn auch — während
die Möglichkeit der Entstehung aus zentralem Trauma zugibt — die
iphere bzw. die aufsteigende Neuritis völlig ab und Haenel in
.wandöwskys Handbuch äussert sich ähnlich zurückhaltend.
Im wesentlichen ist also heute ein auf das
ickenmark einwirkendes Trauma als Ursache
ii er Syringomyelie anerkannt, während die Be.
u t im g der aszendierenden Neuritis noch durch-
s u mstritten ist.
Zur weiteren Klärung dieser Frage halten wir es mit H. Cursch-
inn deshalb für erforderlich, noch fernerhin genügend beobachtete
izelfälle zusammenzutragen, um im Sinne Erbs Grundlagen zu
uaffen für die Beurteilung dieser für die Praxis so ausserordentlich
chtigen Frage. So mag die Mitteilung folgenden Falles gerecht-
tigt erscheinen, der unserer Klinik kürzlich zur Begutachtung zu-
‘ ührt wurde, nachdem er vorher Gegenstand widersprechender Be-
'eiiungen gewesen war.
Vorgeschichte: R. Schl., geb. 26. III. 1881 in W. Stammt aus
under Familie, hat mehrere gesunde Geschwister, in der Familie kein
'venleiden. War ein kräftiges und gesundes Kind, verlor aber im 6. Lebens-
r durch Unvorsichtigkeit eines Erwachsenen den Zeige- und Mittelfinger
rechten Hand im Mittelglied. War Maurer und bis vor dem Unfall als
glied eines Athletenvereins Preisringer.
Unfall am 10. IX. 1908 vorm. 11 Uhr: Während er damit beschäftigt
r, an einem Drahtseil Mörtel hochzuziehen, fuhr ihm beim Ablassen ein
ckchen Draht, das aus dem Seil hervorgestanden hatte, in den rechten
gfinger bis auf den Knochen. Es fand weder eine stärkere
rperliche Erschütterung statt, noch fiel Schl, zu
d e n.
Er hatte sofort starke Schmerzen, weil die Wunde nur
klein war, versuchte er bald weiterzuarbeiten; er musste sich jedoch am
Abend krankmelden.
Entwicklung einer schweren Handeiterung mit Sehnenscheidenentzündung;
er hatte mehrere Tage so starke Schmerzen, dass er
nachts nicht schlafen konnte; auf Inzisionen etwas Erleichterung,
nach 6 Wochen Heilung.
Ende November 1908 vom Arzte arbeitsfähig geschrieben mit Ueber-
gangsrente von 40 Proz. Bei seiner Arbeit fühlte er jedoch eine Kraft¬
verminderung im rechten Arm.
Dezember 1908 ärztliches Zeugnis: „Flexionskontraktur im 4. Finger,
Herabsetzung der rohen Kraft.“
In der Folge starke Klagen über Schmerzen im ganzen rechten Arm von
ziehendem und reissendem Charakter.
April 1909 ärztliches Gutachten: Gute Muskulatur im rechten Arm, keine
Erwerbsbeschränkung.
Sommer 1909 und Winter 1909/10 fortgesetzt Klagen über Kraftverminde¬
rung und starke reissende Schmerzen, wegen deren er im Frühjahr 1910
die Arbeit öfters längere Zeit aussetzen muss.
Juli 1910 durch behandelnden Arzt und Kreisarzt erhebliche
Verschlechterung bestätigt, vor allem Herabsetzung
der Kraft und grobes Knirschen in Ellbogen und
Schulter gelenk.
Dezember 1910 beantragt Kreisarzt wegen Verdachtes auf ein
zentrales Nervenleiden Einweisung in eine Klinik. Seine Dia¬
gnose: Neuritis progressiva, Nachweis von Sensibilitätsstörungen.
Juni 1911 erfolgte endlich Eintritt ins Krankenhaus W. Dortige Diagnose
Syringomyelie: dissoziierte Empfindungsstörung am rechten Arm, Atrophie der
Kleinhandmuskeln, trophische Störungen im Schulter- und Ellbogengelenk und
den Vasomotoren der Hand.
Dezember 1911 in gleichem Krankenhaus: Ausdehnung des Prozesses auf
die linke Hand durch beginnende Atrophie.
1913, 1914 hartnäckige, langwierige Handeiterungen.
März 1918. Aerztl. Gutachten lehnt Zusammenhang mit Unfall ab, weil
der Prozess auch die linke Seite befallen habe, also zentrales Leiden vorliege.
August 1918. Dr. K. in F. findet WaR. im Serum positiv und empfiehlt
deshalb Einweisung in unsere Klinik zur Lumbalpunktion, die aus äusseren
Verhältnissen erst jetzt erfolgt ist.
Befund: Untersetzter, ausserordentlich kräftig und muskulös ge¬
bauter Mann in gutem Ernährungszustand. Grösse 160 cm, Gewicht 63 kg.
Innere Organe ohne Abweichung von der Norm.
Zentralnervensystem: Pupillen r = 1 mittelweit, nicht ganz rund. Die
linke Kornea zeigt alte Trübung. Lichtreaktion r = 1 ausgiebig (vom Augen¬
arzt als normal bestätigt). Konvergenz prompt, Augenbewegungen frei,
Nystagmus nach links angedeutet. Kornealreflex links normal, rechts etwas
herabgesetzt. Fundus nach Urteil der Universitätsaugenklinik normal. Ge¬
sichtsfeld peripher eingeengt (auf psychogener Grundlage). Trigeminus nicht
druckempfindlich.
Gesichts- und Gehörnerv normal. Kein Horner sches Zeichen. Zunge
wird gerade ausgestreckt, ohne Zittern. Geschmack ungestört, Gaumen¬
reflex vorhanden. Sprechen, Kauen, Schlingen o. B. Keine Sekretionsanomalie.
Armreflexe r — 1 +, Bauchdeckenreflexe fehlen, Hodenreflexe 1 + r — .
PSR. und ASR. r — 1 lebhaft, keine Kloni. Babinski, Rossolimo, Oppenheim,
Gordon negativ. Romberg bei psychischer Ablenkung völlig negativ. Das
rechte Ellbogengelenk ist plump verdickt (Umfang rechts 31 cm, links 26,5 cm)
und zeigt ebenso wie das Schultergelenk ganz grobes Knirschen. Die Nerven-
stämme sind nicht druckempfindlich, sollen es aber früher sehr gewesen sein.
Die Muskulatur des Schultergürfels ist gut entwickelt, ebenso die des rechten
Oberarms; links Oberarm und Unterarm kräftig entwickelt. Die Muskulatur
des rechten Unterarms ist wesentlich dünner als die des linken; an der rechten
Hand fehlen bei Dig. II und III die End- und Mittelglieder.
An Dig. IV. ist die Sehne narbig bis zu einem rechten Winkel kontrahiert,
ebenso die des V. Fingers, von welchem das Endglied fehlt.
Die Finger zeigen Narben und einzelne kleine Wunden oder Geschwurs-
stellen. Der Daumen ist normal beweglich. Die Muskulatur der Hand ist
zum Teil stark geschwunden, in erster Linie die M. interossei, die Muskulatur
des Daumenballens, ebenso M. abductor poll. longus und Extens. poll. brevis,
während der Kleinfingerballen relativ erhalten ist. Der Händedruck ist sehr
schwach.
An der linken Hand Schwund der Interossei nicht so stark wie rechts,
während in der übrigen Armmuskulatur keine gröberen Veränderungen nach¬
weisbar sind. Elektrisch ist in den atrophischen Muskeln bei direkter und
indirekter Reizung die faradische und galvanische Erregbarkeit stark herab¬
gesetzt, z. T. aufgehoben; träge Zuckung findet sich nirgends.
Die Wirbelsäule zeigt eine deutliche Kyphose des oberen Brustteiles.
Sensibilität.
Vom Scheitel abwärts ist genau von der Mittellinie an die rechte
Seite des Kopfes, des Gesichtes, des Halses, der Brustseite bis zur Höhe der
Brustwarze, des Nackens und Rückens bis zur gleichen Höhe, sowie der
ganze rechte Arm unempfindlich für heiss, warm, kalt, für spitz und stumpf
und für Schmerz, während die Empfindung für Berührung im weitaus grössten
Teile dieses Bezirkes gut erhalten ist; nur am rechten Arm wird vom
Ellbogen abwärts — zunehmend gegen die Finger — auch Berührung nicht
mehr richtig angegeben. Tiefendruck und Gelenksinn sind überall erhalten.
Die Stereognosie der Hand ist gestört. Die Hand ist kälter als die linke
und blaurot verfärbt.
Ein zweiter Bezirk mit Störung für Temperatur und Schmerz bei er¬
haltenem Tastsinn findet sich an der rechten Unterbauchgegend und am
Rücken in gleicher Höhe. Er wird oben begrenzt durch eine in Nabelhöhe
horizontal zum Rücken ziehende Linie, nach unten durch die Leistenbeuge
und ungefähr durch die seitliche Gefässfalte.
Eine weitere Stelle dissozierter Störung findet sich an der Innenseite
des rechten Oberschenkels; am Unterschenkel schienen Schl.s Angaben mehr¬
fach nicht sicher, doch war ein bestimmtes Feld nicht abzugrenzen.
Am linken Arm waren Gefühlsstörungen nicht nachzuweisen.
Sphinkteren und vegetative Funktionen ungestört.
Psychisch keine Besonderheiten.
Die Wassermann sch? Reaktion im Serum war positiv, im Liquor
negativ — 1.0; dieser an Farbe, Druck, Zellzahl, Eiweissgehalt und Gold¬
kurve normal.
158
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Die Klagen des Mannes erstreckten sich auf die Gebrauchsunfähigkeit des
rechten Armes. Schwäche in der linken Hand, subjektives Ameisenlaufen und
unangenehmes Prickeln in der rechten Gesichtshälfte, der Kopfhaut und
neuerdings auch am rechten Oberschenkel (Innenseite). Bei kühlem Wetter
wurden ihm die Hände rasch vollkommen gefühllos.
|J|]| = dissoziierte Empfindungsstörung. = = Störung des Tastsinns.
= Muskelatrophie
Es handelt sich also um einen Mann, der bis zu seinem Unfälle int
27. Lebensjahre völlig gesund war, wie seine volle Arbeitsfähigkeit und
seine Betätigung als Preisringer beweisen dürften. Dass die Wunde
und die anschliessende Eiterung ihm die heftigsten Schmerzen vei-
ursachten spricht dafür, dass seine Sensibilität damals in Ordnung war.
Anschliessend an die Abheilung der Phlegmone beginnt nun langsam,
aber ununterbochen zunehmend ein Krankheitsbild, das sich zunächst
nur auf den rechten Arm erstreckte und hier Herabsetzung der Kraft,
Schmerzen und schwere Gelenkveränderungen verursachte, nach
2 Jahren aber auch auf den linken Arm Übergriff. Schon lVz Jahre nach
dem Unfall musste der Mann öfters längere Zeit die Arbeit aussetzen.
Die Diagnose lautete zunächst auf Neuritis progressiva, Jahr danach
auf „zentrales Nervenleiden“. Etwa 2 K> Jahre nach dem Abheilen der
Unfallwunde konnte die Diagnose Syringomyelie gestellt werden auf
Grund von schweren Atrophien, Gelenkveränderungen und dissoziierter
Sensibilitätsstörung. _ , , ...
In der Folge machte das Leiden bis zuletzt weitere Fortschritte
und die Gefühlsstörungen an der rechten Unterbauchgegend und dem
rechten Oberschenkel wurden bei uns zum erstenmal beobachtet, ob¬
wohl Schl, gerade 1918 von einem ausgezeichneten Nervenarzt genau
untersucht worden war.
Wir kommen also kaum darüber hinweg, dass bei unserem Patien¬
ten die ganze schwere Erkrankung durch den Unfall ausgelöst worden
ist. Freilich hat auch in unserem Falle nicht sofort nach dem Unfälle
eine neurologische Untersuchung stattgefunden', wie es Kienböck
zum absoluten Beweise erfordert, aber wann wird dies je bei einem
Handverletzten der Fall sein? Es wäre bei den bestimmten Angaben
unseres Patienten doch gezwungen, ein schon vorher bestehendes Lei¬
den anzunehmen.
Wie aber soll man sich das Uebergreifen der Erkrankung von der
Peripherie auf das Rückenmark denken und wie sich in diesem Zu¬
sammenhänge zur Frage der Neuritis ascendens stellen? Hier hat
unserer Meinung nach Curschmann die beste Erklärung gegeben,
indem er darauf hinweist, dass doch auch andere Gifte, wie z. B. das
Tetanustoxin nachweisbar durch die peripheren Nerven zum Zentrum
aufsteigen, ohne dass eine pathologisch-anatomische Grundlage hierfür
bis heute zu erbringen wäre, wie könnte man da eine Uebertragung von
Toxinen oder Reizstoffen aus einer peripheren Neuritis in das Rücken¬
mark leugnen, lediglich weil wir die näheren Umstände heute noch nicht
kennen?
Eine andere Frage ist es in unserem Falle, welche Rolle die Lues
hier spielt. Die Komplementreaktion im Serum war positiv, während
der Liquor völlig normalen Befund aufwies. Natürlich könnte durch die
Handeiterung eine bis dahin latente Lues manifest geworden sein und
etwa in Form einer Meningomyelitis oder zentralen Myelitis zu einem
der Syringomyelie äusserst ähnlichen Bilde geführt haben. Mehrfach ist
auf derartige Fälle hingewiesen worden (Schlesinger. E r b, O p p en -
heim u. a.), aber gewisse Unterschiede machen doch immerhin eine
Entscheidung möglich. So fehlen in unserem Falle die bei der Mye¬
litis luetica so häufigen Spasmen und Blasenstprungen; Will iamson
wies darauf hin, dass sich das ganze Krankheitsbild rascher entwickelt
und die Muskelatrophien meist nur einzelne Muskeln befallen. Nach
Schlesinger kommen trophische Störungen und Deviation der Wir¬
belsäule der luetischen Affektion nicht zu. während diese naturgemäss
häufiger mit Hirnsymptomen insbesondere Pupillenstörungen verknüpft
ist. In unserem Falle spricht wohl auch der völlig normale Uiouor-
befund bei Progredienz des Leidens doch sehr gegen eine luetische
Aetiologie. Curschmann betont mit Recht Kienböck gegenüber,
dass das klinische Bild der Syringomyelie heute scharf genug Umrissen
sei, um sie vor^den syringomyelieähnlichen Affektionen unterscheiden
zu können. Immerhin halten wir die Lues unseres Patienten am Zu¬
standekommen seiner Krankheit nicht für völlig gleichgültig. Eiinnert
man sich, dass die Aetiologie der Syringomyelie heute als nicht einheit¬
lich aufgefasst wird, sondern sowohl Gliomatose, als auch Höhlenbildung
oder Gefässveränderungen die primäre Grundlage darstellen können,
so sind wir geneigt, in unserem Falle in einer primären Gefässv eränue-
rung infolge Lues mit grosser Wahrscheinlichkeit die Disposition für
die Entwicklung des Leidens zu erblicken. ■
Die Frage, die sich Curschmann bei seinen Fallen stellte,
wäre auch ohne Unfall das Leiden wahrscheinlich zur Entwicklung ge¬
kommen?“ glauben wir auch für unseren Fall verneinen zu müssen.
Massgebend für die Beurteilung eines Traumas
scheinen uns hiebei folgende Gesichtspunkte:
1. Fehlen aller Anzeichen einer vorher bestehen¬
den Erkrankung bei möglichst genauer Er¬
forschung der Zeit vor dem Unfall.
2. Ununterbrochene Folge der Sy mptome odei
_ bei 1 bis höchstens 2jähriger Pause — ent¬
sprechend starke Veränderungen.
3 Voll ausgeprägtes klinisches Bild der Syringo¬
myelie mit durchaus progredientem Verlau
und mit deutlicher Beziehung zu dem verletz
ten Körperteile. 2
Nur unter strenger und kritischer Würdigung dieser Umständi
scheint uns der Zusammenhang zwischen Trauma und Syringomyclf
beurteilt werden zu dürfen, aber wenn sie zutreffen sind wir auch mch
länger berechtigt, das periphere Trauma als Ursache der Erkrankun
abzulehnen, selbst wenn zurzeit die anatomischen Grundlagen fu
diesen Zusammenhang fehlen. Gewiss nimmt man nicht an. dass durc
ein Trauma ein völlig normales Rückenmark an Syringomyelie erkranke
könne, aber wird nicht heute auch für die Tabes von vielen ein
angeborene Disposition vorausgesetzt?
Ueber einen an mir selbst beobachteten serologisch
festgestellten Fall von Influenza-Myositis.
Von Qeneraloberarzt a. D. Dr. Vorm an n- Angermiinde.
Auf einer Nordseereise im September 1921 hatte ich mir einen Rächet
katarrh zugezogen; die Rauhigkeit und geringe Schmerzhaftigkeit im Hals, d;
einzige Symptom, störte jedoch nicht mein Allgemeinbefinden. Am 19 Sei
tember kehrte icn wieder an meine Wirkungsstätte zurück, hatte ziemlich v
in der augenärztlichen Sprechstundenpraxis zu tun, und hochstwahrscheinlu
ist während dieser Tätigkeit die unten näher geschilderte Infektion entstände
da die rauhe wunde Rachenfläche mit ihren Eingangspforten reichlich Gelege
heit zu einer Tröpfcheninfektion gab. — Die ersten Unbehaglichkeitserscln
nungen traten am 25. IX. auf, bestanden in geringem Frösteln allgemein
Abgeschlagenheit, Ziehen im ganzen Körper, leichten Kopfschmerzen in
Unlust zu irgendeiner Arbeit. Die Esslust war noch nicht gestört. Am 2 . L
abends steigerten sich die Beschwerden. Es trat starker Schüttelfrost e
— die Temperatur zeigte während dieses noch 36 — stieg aber im Bett he
Wärmerwerden des Körpers sofort auf 39 °. Der Puls betrug etwa 110 Schlau
die Kopfschmerzen waren erträglich, doclr die Abgeschlagenheit (Muski
ermudungsgefühl) sehr gross. Am 3. Tage (28 IX.) fiel die Temperatur 1
auf 36,6, stieg auch am Abend nicht höher (vgl. Kurve). So hoffte ich de
die Infektion schon überstanden zu haben. Verdächtig waren nur noch (
grosse Müdigkeit, der dumpfe Kopfschmerz, der sehr hochgestellte Urin u
der frequente Puls (ca. 110). Meine Sprechstunden hatte ich bisher rc
grosser Beschwerden nicht ausfallen lassen. Am 30. IX. verspürte ich ie
Aufstehen in der rechten Wade unangenehme krampfartige Schmerzen, den
ich," da sie während der Bewegung in der Sprechstunde geringer wurdi
keine Bedeutung beilegte; sie machten anfänglich nur den Eindruck v
Wadenkrämpfen. Am nächsten Tage (1. X.) steigerten sie sich, so dass 1
oft in der Sprechstunde das rechte Bein hochlagern musste. Am 2. X. v,
die Temperatur abends bis 37,8 gestiegen, die Schmerzen in der recht
Wade nahmen zu und nötigten mich öfter am Tage zu ruhen. Am 3. u
4. X. war es mir wegen geradezu qualvoller Schmerzen in -der recht
Wade nicht mehr möglich, aufzustehen. Die ganze Wadengegend war st;
geschwollen, infiltriert (verhärtet) und durchweg äusserst druckschmerzh;
Ein Versuch, das rechte Bein hinunterzusetzen, scheiterte an sofort -einsetzi
den grössten Schmerzen. Während des Rühens bestanden nur gern
Schmerzen. Die Schwellung hatte gegen links einen Unterschied von et
3,5— 4 cm; die Haut war prall gespannt, glänzend und stellenweise ei
entzündlich gerötet. — Irgend eine Verletzung an dem Fuss bzw. Unt
schenke!, nach welcher Kollege Sanitätsrat W 0 1 f f - Angermünde, der m
während der Erkrankung mehrmals besuchte, fahndete, war absolut r
festzustellen. Krampfadern oder andere Krankheitsanlagen bestehen nn
wie ich überhaupt, abgesehen von Pneumonie im Jahre 1901 und Ischias
Jahre 1909 und 1916, stets gesund gewesen war. — Unter P r 1 e s s n i t
sehen Umschlägen, Aspirin und vor allem Bettruhe war die Muskelcntzundi
— es kommen, nacli -dem Grade der Druckempfindlichkeit zu schhessen, w
vorwiegend die äusseren Schichten der Wadenmuskulatur, wie Gastroknerc
und Soleus in Betracht — am 5. X. früh _ soweit zurückgegangen, dass
mir wieder möglich war, den Hauptteil meiner Sprechstundenpraxis zu s
sorgen. Nach mehrstündigem Aufsein jedoch, wobei ich öfter das
durch Hochlagerung schonte, war der Unterschenkel neben der gesclnldei
Schwellung der Muskeln auch in der Knöchelgegen-d ziemlich stark
schwollen, so dass Fingereindrücke deutliche Dellen hinterliessen. Am ri
rücken selbst war keine Schwellung festzustellen, so dass wir die uni
Schwellung für kollaterales Oedem ansprachen, umsomehr, da am nach:
Morgen, abgesehen von einer Abnahme der gesamten Schwellung von du
1. Februar W’J.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
nteren nichts mehr festzustellen war, sic aber bei längerem Aufsein sich
■Jeder einstelltc.
Die Herztöne . waren etwas dumpf, die Lungen völlig frei (Untersuchung
>r. W o I f f). Der Urin war frei von Eiweiss und Zucker, der Stuhl unver-
ndert. etwas vermindert, entsprechend der geringen Nahrungsaufnahme.
Am 5. abends und 6. X. traten unter Steigerung der allgemeinen Krank-
eitserseheinungen (vermehrte Kopfschmerzen, vermehrtes Muskelmüdigkeits-
efiüil I Abgeschlagenheit]) wieder Temperaturanstiege auf (38,2 und 37.9) mit
unahme der Schmerzen und Entzündungserscheinungen in den Waden-
ntskeln rechts (vgl. Kurve). Milzschwellung war während des ganzen
rankheitsverla ufcs nicht festzustellen.
Da Kollege^ W o 1 f f und ich eine Myositis bei Influenza, für die wir
as Krankheitsbild ansprachen, noch nicht beobachtet hatten, entschloss ich
lieh, eine Blutprobe zur Untersuchung einzusenden, weil ich mit Rücksicht
uf die noch bestehende, t sehr schmerzhafte Myositis, die grosse Abge-
ihlagenheit des Körpers und den dauernd frequenten kleinen Puls (110) einen
bptikämischen Prozess nicht für ausgeschlossen hielt.
| Die im Koc h sehen Institut von Herrn Dr. L e v i n t h a 1 ausgeführte
ntersuchung ergab folgenden Befund: Typhus — , Paratyphus B — , Para-
yphus A — , Influenza Widal 1 : 400 ++. Sämtliche Blutkulturen '(Galle,
oui.lon) sind steril geblieben. Dr. Levinthal fügte hinzu: ,,Es scheint
C i a dem hohen Widal um eine Influenza mit Influenza-Myositis
ii handeln . Er fügte auch gleich die einschlägige Literatur an (vgl. unten),
ir welche Anregung ich ihm auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten
ank ausspreche.
, Der weitere Verlauf der Erkrankung war folgender: Temperaturanstiege
nu nicht mehr festgestellt worden. Der Urin hellte sich erst nach 10 bis
' Jagfn “s zur bernsteingelben Farbe auf. Die Schwellung, Infiltration
Verhärtung), Druckschmerzhaftigkeit und Schmerzhaftigkeit der Waden-
uskulatur bei Bewegungen sind nach 22tägigem Bestehen fast ganz zurück-
.gangen, so dass ich jetzt (22. X.) fast den ganzen Tag ohne Beschwerden
tsser Bett bin. Die lästigen Schweissausbrüche — zuerst durch Medi-
imente Aspirin warme Zitronenlimonade) gefördert, später auch ohne diese
‘ dürr N.acht ^tretend — die ich noch ca. 12 Tage nach dem letzten
■eberanstieg wahrend der Nacht hatte, sind nicht wieder aufgetreten, keine
optschmerzen, kaum noch Krankheitsgefühl; bei ganz ausgiebigen Beuge¬
id Streckbewegungen des rechten Fussds sowie besonders nach kleinen
paziergangen (24. X.) noch geringes dumpfes Wehgefühl in der Tiefe der
(adenmuskulatur. Aeusserlich ist an der Haut, die nach Abklingen der Ent-
indung emige Tage lemht bräunlich verfärbt war, nichts mehr nachweisbar,
ic Muskeln sind wieder weich, leicht eindruckbar, nicht druckschmerzhaft.
In den letzten Tagen (vom 20. — 23. X.) hatte ich im linken Kniegelenk
der liegend des Condylus int. des Femur und der Tibia unterhalb des
neren Randes der Kniescheibe und an der linken Fusssohle in der Gegend
;s Urosszehenballens und des Fersenbeins geringe Schmerzen, die besonders
orgens beim Aufstehen bei Beuge- und Streckbewegungen des Kniegelenks
td beim Auftreten an der Fusssohle sich äusserten, ohne dass eine Schwel-
ng oder äussere Veränderung an dem Gelenk oder der Fusssohle festzu-
2 “ find n Dl.esf Schmerzen, WelcJht wohl auch durch das Influenzavirus
dingt sind nach Art der Gelenk- und Knochenschmerzen bei Infektionskrank-
-lten, sind heute (24. X.) nicht mehr aufgetreten.
.,Ich ^abe mich entschlossen, diesen Fall zu veröffentlichen, einmal
en eine Myositis bet Influenza zu den grössten Seltenheiten gehört
?A‘nd ' '+,blSer n,f zwe'mal derartige Komplikationen bei In-
tenza veroifentlicht worden, und zwar von Hildebrandt (s u) und
”rA.?r;, Letzterer forderte geradezu auf, wegen der Seltenheit der
omplikation diese Falle zu veröffentlichen (vgl. a. a. 0 ) Ferner
jihien mir der Fall insofern allgemeines Interesse zu haben, weil er
'prd^env erk/2nktaen A-',zt dauernd seIbst beobachtet una beschrieben
erden konnte und weil er zeigt, dass die Influenza mit dieser Kompli-
-tion w‘e mit allen andern Komplikationen einen höheren Grad der
crgirtnng des Körpers darstellt als die komplikationslos verlaufenden
J lle* — l)as grösste Interesse und den höchsten Wert für die Influenza-
agnost.k scheint mir aber der Fall zu haben, weil er mit Hilfe des
iluenza-Widal geklärt, als Influenza festgestellt und bestätigt wurde
Literatur.
■’L Ht> Ldebrand i: M.m.W. 1916, Nr. 45, S. 1601. — 2. Burger:
.n$,w. 1918, Nr. 7, S. 179. — 3. Levinthal: B.kl.W. 1918, Nr. 30, S. 712.
Aus dem städtischen Krankenhause in Offenburg.
Ueber einen Todesfall im Chloräthylrausch.
Von Dr. Artur Heinrich Hof mann, Chefarzt.
Dass der Chloräthylrausch doch nicht diese Harmlosigkeit besitz
4f a^enornmen wird, das haben gerade in der jüngste
-nt veröffentlichte Todesfälle bewiesen.
id nVu ‘ ^ Sph’ R e n n e r, Jäger, Courtois-Suffi
au.rf °,1S ‘'aLen Todesfähe beschrieben. Schon im Döderleii
\ynd gleichfalls Chloräthyl nicht als ungefährlich bezeichnet.
ir VA icn emern Kollegen von meinem Todesfälle erzählte, sagte i
Ip’hV 'hVtf111 Ircull,efier £hef auc* einen Unglücksfall im Chloräthylrausc
lebt hatte. Solche Falle gehören veröffentlicht.
armlnS vrUu-ere JMger? Aerztegeneration durch den Krieg von dt
Svi o d,ieses Mittels uberzeugt worden und gehört heute dt
akhschen ArztesU ^ tagIichen Ereignissen eines vielbeschäftigte
Nr. 5.
J_5D
Lotheise n redet warm dem Chloräthyl das Wort, wenn auch er
schon vor 18 Jahren einen Todesfall auf 17 000 Narkosen berechnete.
Bei der nötigen Vorsicht hält Loth eisen die Gefahr für nicht
sehr gross.
Ich bin überzeugt, dass die Zahl der unangenehmen Zwischen¬
fälle erheblich grösser ist als man annimmt. Gerade deshalb halte ich
mich verpflichtet, meinen Fall mitzuteilen.
Ein 24 jähr. Mann, der immer gesund war, musste wegen einer Appen¬
dizitis operiert werden. Es hatte sich um eine akute Phlegmone gehandelt.
Der Leib wurde geschlossen. Als Narkotikum wurde Chloroform-Aether-
mischung mittelst Roth-Dräger verwandt. Die Narkose verlief ungestört.
Der Wundverlauf ebenfalls bis auf eine kleine Fadenfistel. Diese Fistel sollte
nun nach 6 Wochen geschlossen werden.
Befund: Mittelgrosser und mittelkräftiger junger Mann mit massigem
Fettpolster. Puls regelmässig und kräftig. Herz, Lungen, Nieren o. B. Die
Laparotomienarbe hat im obersten Teile eine ca. 2 14 cm tiefe Fistel, die mit
einem Granulationspfropf bedeckt ist. Die Sekretion aus der Fistel war
verhältnismässig reichlich, weshalb zur Entfernung des Fadens ein Chlor¬
äthylrausch vorgeschlagen wurde. Der Kranke war nüchtern, hatte nicht
die geringste Angst. Morphium war nicht verabreicht.
Zum Chloräthylrausch wurde das Gesicht mit einer 4 fachen Lage Mull
bedeckt. Aus einer Tube Chloräthyl wurde tropfenweise das Narkotikum
verabfolgt. Der Kranke mochte ungefähr 40 Tropfen erhalten haben, als nach
einer leichten Exzitation der Rauschzustand, d. h. das Toleranzstadium, ein¬
getreten war. Die Auskratzung der Fistel und die Entfernung des Fadens
war das Werk weniger Augenblicke. Der Kranke kam nun in das deliriöse
Stadium, das dem Erwachen vorausgeht. Der ganze Rausch hatte bis dahin
nicht viel mehr als eine Minute gedauert. Nun wurde der Kranke plötzlich
blass und der Puls unregelmässig. Einsetzen der künstlichen Atmung.
Rhythmisches Vorziehen der Zunge. Dann Insufflation von Sauerstoff. Die
Herztöne waren ganz schwach und unregelmässig. Fortsetzen der künstlichen
Atmung. Nach 20 — 30 künstlichen Atembewegungen erfolgte ein schwacher
spontaner Atemzug 10 Minuten mochten seit dem ersten Alarmzeichen ver¬
gangen sein. Die Herztöne wurden nicht mehr gehört. Einige schwache
Atemzüge wurden noch bemerkt, dann stockte auch die Atmung. Ich fasste
nun den Entschluss, eine intrakardiale Injektion zu machen. Es wurde über
der 5. Rippe am Sternalrande eine Nadel nach dem rechten Ventrikel zu ge¬
stochen und erst Pituglandol, dann Adrenalin injiziert. Ein Herzschlag erfolgte
jedoch nicht mehr. Eine nochmalige intrakardiale Injektion von Pitugbiadol
blieb ebenso erfolglos.
Als Ultima ratio wurde nun mittelst Turflügelschnitt das Herz freigelegt.
Basis des Lappens war lateral. Es blutete hierbei nicht mehr. Seit Schluss
der Narkose mochten 15 Minuten verstrichen sein. Nach Eröffnung des Herz¬
beutels zeigten sich in der Wand des linken Ventrikels fibrilläre Zuckungen,
die rasch aufeinander folgten. Zu einer Kontraktion des Ventrikels kam es
nicht mehr. Die Massage des Herzens hlieb wirkungslos. Auch die fibrillären
Zuckungen erloschen bald.
Die Autopsie ergab makroskopisch alle Organe gesund. Auffallend war
nur die Persistenz einer kleinen Thymus. Masse: 5/2&/1 cm. Das Herz war
blutleer. Die Einstichstellen waren über dem rechten Ventrikel sichtbar als
Punkte. Am Endokard war nichts zu sehen. Es muss besonders betont
werden, dass keine Vergrösserung der Lymphdrüsen gefunden wurde. Es lag
also kein Status thymo-lymphaticus vor.
Die mikroskopische Untersuchung ergab (Pathologisches Institut der Uni¬
versität Heidelberg):
In der Thymus reichliche und ziemlich grosse Läppchen, die im wesent¬
lichen aus Marksubstanz bestehen; während die Rindensubstanz ziemlich
atrophisch ist. Ha ssa Ische Körperchen mässig zahlreich. Das Zwischen¬
gewebe ist ziemlich spärlich, meist fibrös, jedenfalls viel weniger als dem
Alter des Verstorbenen entsprechen würde, durch Fettgewebe ersetzt.
In der Milz finden sich sehr zahlreiche und ziemlich grosse Lymph-
follikel. Die Pulpa ist hochgradig hyperämisiert.
In der Leber Hyperämie. Keine abnorme Verfettung. Die Kapsel ist
verdickt, rundzeilig infiltriert und von gewucherten Gallengängen durchsetzt.
Ausserdem erheben sich von hier aus lange, schlanke, gefässhaltige Binde-
gewebsstränge. Andererseits strahlen von der Kapsel stark verbreiterte
Glissonzüge gegen das Innere. Erst gegen die Tiefe zu wird das Glisson-
sche Bindegewebe zu normaler Grösse reduziert. In den äusseren Teilen ist
es ausserdem rundzeilig infiltriert und von gewucherten Gallengängen durch¬
setzt. Auf der ganzen Schnittfläche ist das Bindegewebe um die Lebervenen
ziemlich vermindert.
,n di'r Niere findet sich eine hochgradige Hyperämie des Markes und der
Rinde. In letzterer sowohl Hyperämie der Glomeruli als der die Ha~n-
kanälchen umspinnenden Kapillaren. Kein Exsudat in dem B o w m a n n sehen
Kapselraum. Die Harnkanälchen zeigen guterhaltenes, nicht verfettetes
Epithel. Im Lumen grob geronnene Eiweissmassen. Herzmuskelfasern nicht
verschmälert, mit deutlicher Längsstreifung; Querstreifung nur stellenweise
ingedeutet. Keine hyaline oder fettige Degeneration der Muskelfasern
Bindegewebe nicht vermehrt, nicht infiltriert.
Pathologische Diagnose: Thymus persistens, Hyperämie der Milz. Leber
und Niere, alte Perihepatitis in die oberflächlichen Leberschichten aus¬
strahlend.
Wir haben es hier mit einer Synkope zu tun. Das Versagen des
Herzens beherrscht das ganze Ereignis.
Die Atmung ging in vereinzelten Zügen noch weiter, während das
Herz Stillstand. Die Giftwirkung war ganz gleich derjenigen des Chlo¬
roforms beim Chloroformtod im Anfänge der Narkose.
Eine Kontraindikation für eine Inhalationsnarkose kann in vorlie¬
gendem Falle nicht aufgestellt werden. Der junge Mensch war klinisch
völlig gesund. Auch vom anatomischen Standpunkte aus lag kein
Status thymo-lymphaticus vor.
Literatur.
Hartleib: Zbl. f. Cliir. 1921 Nr. 14. — Renner: DmW 1918
S. 578 — Jäger: Zbl. f. Chir. 1921 Nr. 30. — L o t h ei s e n: Zbl. f. Chir.
1921 Nr. 38 — Conrtois-Suffit: Gaz. des hop. 1921 Nr. 21.
6
160
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br.
(Direktor: Geh. Rat Prof. Dr. Opitz.)
Ueber Silikatpessare.
Von Otto Risse, Volontärassistent der Klinik.
In der M.m.W. vom 1. IX. 1908 fasst Cohn in einem Aufsatz „Zur
Einschränkung der Pessartherapie“ die Anforderungen, die an ein ,
ideales Pessarmaterial zu stellen sind, dahin zusammen, das bei gutem i
Sitz das Pessar „die Scheide nicht reizen, an der Oberfläche nicht rauh ;
werden, seine Form nicht verändern und nicht durch seine Schwere
einen Druck auf die Schleimhaut der Scheide ausüben“ dürfe. Auch alle
andern Autoren, die gelegentlich der Besprechung der Pessartherapie
die Frage des geeignetsten Materials streifen oder an der Hand
schwerer Folgezustände durch Tragen eines Rings die Ungeeignetheu
eines bestimmten Materials demonstrieren, verlangen1 *) ein glattes,
nicht imbibitionsfähiges, leichtes, hartes, nichtreizendes Pessarmaterial,
das weder von den Sekreten der Scheide angefressen oder erweicht,
noch von ihnen inkrustiert wird.
Diesen Forderungen wurde bislang keines der angewandten ma- \
terialien völlig gerecht.
Die Metallpessare (aus Zinn, Aluminium) *) ebenso wie die früher
gebräuchlichen Weichgummiringe mit Kupferdrahteinlage sind allgemein 1
längst verlassen, weil die Erfahrung lehrte, dass sie der Hauptforde- j
rung die Scheide nicht zu reizen, allzusehr ins Gesicht schlugen. )
Scheusslicher Fluor und heftige Kolpitis durch Imbibierung und Zer¬
setzung des Gummis durch das Scheidensekret3) ist die immer wieder
aufs neue warnend hervorgehobene Folge.
Näher schon kamen dem Idealpessar die Zelluloidringe, und
Zweifel stand nicht an, in seiner „Gynäkologischen Klinik“ das
Zelluloid als das Pessarmaterial der Zukunft zu bezeichnen. Jedoch
zeigte sich auch bei ihnen, dass sie allmählich von Sekreten durchsetzt,
reichlich inkrustiert, brüchig und bröckelig wurden3)4), und dass dann
der haltgebende Kupferdraht bisweilen von Zelluloid entblösst und
oxydiert in der hochgradig gereizten Scheide liegend gefunden wurde.
Als zweckmässigstes Material galt daher und gilt im allgemeinen
auch wohl heute noch der Hartgummi, der als haltbares, relativ leicht Ös,
hartes und angeblich reizloses Material in den meisten Lehrbüchern
empfohlen und in der Praxis auch wohl am meisten verwandt wird.
Und doch haben sich auch bei diesem Material im Laufe der Zeit
die Fälle gehäuft, wo. sogar bei Verwendung bester Fabrikate trotz
gutem Sitz, rationellsten hygienischen Massnahmen und _ trotz 2 bis
3 monatigem Pessarwechsel schon nach kürzester Zeit heftige Reaktion
der Scheide mit beträchtlicher Vermehrung des Fluors und kolpitischer
Reizung, bei Graviden sogar Dekubitus und bei Greisinnen Ulzerationen
und Schrumpfungsprozesse aufgetreten sind5), gar nicht zu reden
von den Fällen, wo, nach längerem Tragen, die Hartgummipessare mit
aufgerauhter Oberfläche und stark inkrustiert wieder aus der schwer
entzündeten Scheide entfernt werden müssen.
Unter solchen Umständen ist es durchaus am Platze, nach besseren
Materialien zu suchen, will man nicht die Pessartherapie, deren man
doch wohl nie wird ganz entraten können, in den Augen der Patienten
an Ansehen noch mehr verlieren lassen, als sie schon verloren hat.
Der Krieg, der der leichten und billigen Beschaffung guten Kaut¬
schuks und damit seiner Verarbeitung zu Pessaren auch von aussen her
ein starkes Hindernis entgegenstellte, liess daher den Direktor der
hiesigen Klinik wieder auf ein Material verfallen, das schon früher ge¬
legentlich zur Pessarherstellung verwandt worden war. und das schon
Zweifel 1892 als das denkbar beste anspricht, da es „völlig unver¬
änderlich gegen die Sekrete der Vagina“ sei — das Glas.
Schon in den 80er Jahren6 7) waren auf Veranlassung von Fraen-
kel Thomaspessare aus Glas hergestellt worden, die in eine Form
gegossen und dann geschliffen wurden. Sie waren jedoch sehr schwer ')
und auch sehr teuer8), so dass sie sich nicht einbürgerten. In den
90 er Jahren gab sich dann W e i n h o ld mit der Verfertigung von Glas-
pessaren aus Hartglasstäben ab und brachte nach Ueberwindung vieler
Schwierigkeiten seine „Hartglaspessare“ bei der Firma Haertel in
Breslau in den Handel. Auch er rühmt8) die völlige Reizlosigkeit des
Glases, das auch bei beliebig langer Tragezeit nichts von seiner Rein¬
heit und Glätte einbüsst und sich vor allem nicht inkrustiert, sondern
nach einfachem Abwaschen des oberflächlich daran klebenden Schleims
und Bluts wieder völlig rein, ja nach ev. Auskochen sogar für andere
Patientinnen (z. B. in der poliklinischen Praxis) ohne weiteres zu ver¬
wenden sei.
Immerhin haben diese Pessare noch den Nachteil einer gewissen
Schwere, und dies vor allem bewog Opitz, Pessare aus H o h 1 glas
hersteilen zu lassen. Das Glas, aus dem sie gefertigt sind — die
Pessare werden freihändig an der Glaslampe aus Röhren gebogen und
dann einem besonderen Kühlverfahren unterworfen — ist eine besonders
haltbare und elastische Silikatmischung von tiefschwarzer Farbe, so
dass die Aehnlichkeit mit Hartgummipessaren äusserlich gross ist.
Farbe sowohl wie auch der Name „Silikatpessare“, unter dem die
l) Hoftneier und Schroeder: Hb. d. Frauenkrkh. 1908; Zwei¬
fel; Gyn. Kl. 1892; Verhdl. d. Ges. f. Geburtsh. u. Gyn. in Leipzig 1907;
Hofmeier; M.m.W. vom 21. VIII. 1916.
-) Fritsch: Krankheiten der Frauen 1902; Nagel: Gynäkol. des
prakt. Arztes 1889. 3) C o h n: a. a. O. 4) N a g e 1: a. a. O. 6)Cohn:a.a. O.
*) Wein hold: „Hartglaspessare“ in der Festschrift für Fritzsch 1902.
7) Fritsch: Krankheiten der Frauen 1902.
8) Weinhold: a. a. O.; Zweifel: Gynäkol. Klinik.
Ringe in den Handel kommen, wurden gewählt, um bei ängstlichen
Patienten etwaige Befürchtungen wegen leichter Zerbrechlichkeit der
Glaspessare möglichst auszuschalten. Dass solche Befürchtungen tat¬
sächlich unbegründet sind, zeigt die grosse Anzahl von Fällen, die in
unserer Klinik mit den neuen Pessaren behandelt wurden, ohne dass
weder beim1 Einführen noch beim Pessarwechseli, je ein Zerbrechen
vorgekommen wäre. Liegen die Ringe aber einmal im Körper, so ist
ihr Lage zwischen den Weichteilen doch so geschützt, dass nur bei
direkter Gewalteinwirkung auf das Glas eine Zertrümmerung denkbai
erscheint. • I
Als ein besonderer Vorteil der Silikatpessare mag — neben dem
billigen Preise von 8 M„ den das heimische Material ermöglicht —
manchem noch erscheinen, dass sie nicht nur in den gebräuchlichen
Formen von Hodge, Meyer, Smith und der Form des dickbügc-
ligen Thomaspessars hergestellt werden, sondern auch nach jedem
andern individuell gebogenen Zelluloidmodell angefertigt werden
können. ■
Unsere eigenen Erfahrungen mit den Silikatpessaren decken sich im
übrigen vollkommen mit denen aller derer, die früher Glas als Material
verwandt haben: völlige Reizlosigkeit bei noch so langem Tragen, ein¬
fachste Möglichkeit dauernder Reinhaltung, absolute Glätte auch nach
langem Gebrauch; obendrein aber noch ein so geringes Gewicht, das?
auch empfindliche Frauen so gut wie nichts von dem Fremdkörper in
ihrem Leibe spüren.
Die Behandlung der von den Händen ausgehenden
Wundinfektionen der Aerzte.
(Bemerkungen zu Biers gleichnamiger Arbeit in Nr. 39,
1921, dieser Wochenschrift.)
Von Sanitätsrat Dr. Franz Honigmann, Breslau.
Biers Aufforderung, Erfahrungen über Händeinfektionen bc
Aerzten mitzuteilen, hat bisher, soviel ich sehe, keine weitere Aeusse-
rung veranlasst. Das Schweigen ist wohl als Zustimmung zu deuten
In den meisten wesentlichen Punkten kann auch ich Biers Grund¬
sätzen beipflichten; doch seien auch einige Einwendungen gestattet
die vielleicht nicht unwichtig sind1).
Bier wendet sich mit Entschiedenheit gegen den „Entspannungs¬
schnitt“, der oft von den verletzten Kollegen dringend verlangt werde
aber bei Fehlen von Eiterbildung geradezu verhängnisvoll sei und eine:
unglücklichen Ausgang verursachen könne, indem er das Weiterschrei¬
ten der Infektion fördere. Bier spricht in gleichem Sinne auch vor
„Frühschnitt“, bevor noch ein Entzündungswall sieh-um die imhzierU
Stelle gebildet habe. Ich glaube, dass zwischen diesem „Frühschnitt
und einem „Entspannungsschnitt“ scharf unterschieden werden muss
Die Eingangspforte der Infektion zu in- oder exzidieren, ehe noch du
Zeichen entzündlicher Reaktion nachweisbar sind, halte auch ich füi
verfehlt. Ob dies Vorgehen verhängnisvolle Folgen haben kann, weis:
ich nicht, da ich es nie geübt habe, auch keine von anderer Seite sc
behandelten Fälle je beobachtete. Dagegen sah ich sehr oft Finger
infektionen, die vorher nicht mit einem „Frühschnitt“, sondern mit einen
„F e h 1 schnitt“ behandelt worden, d. h. mit einem Schnitt, der zu ober
flächlich war, um in den tatsächlich vorhandenen, aber vom Messer ver
fehlten Eiterherd einzudringen und ihn zu entleeren. Dieser nutzlost
Fehlschnitt, der leider oft sogar ohne jede Betäubung ausgeführt wird
bewirkt keine Erleichterung, vielmehr erhebliche Steigerung de:
Schmerzen und flösst dem Patienten Misstrauen gegen den heilende!
Schnitt ein, der später doch noch notwendig wird. Weder der Früh
schnitt noch der Fehlschnitt verdienen jedoch _ die Bezeichnung En t
spannungsschnitt, der erstere, weil er nicht in Spannung befind
liches Gewebe durchtrennt, der letztere, weil er die erstrebte Ent
Spannung nicht bewirkt. Es gibt aber zweifellos Fälle, in denen en
wirklicher Entspannungsschnitt in Frage kommt, wiewohl kein t
Eiterbildung besteht, aber trotzdem ein ständiges Fortschreiten des
infektiösen Prozesses unter heftigen Schmerzen, Fieber, Schlaflosig¬
keit und schwerem Ergriffensein des Allgemeinbefindens zum Hande l
auffordert. Dafür, das in solchen Fällen der Entspannungsschnitt all*
Beschwerden auf einmal beseitigt und die Heilung einleitet, könnte icl
aus meiner Erfahrung zahlreiche Fälle anführen. Wenige Beispiel!
mögen genügen:
43 jähr. Dreher1’). Am 1. XI. Hautabschürfung am rechten Daumen
Am 10. XI. verdrehte er sich angeblich bei der Arbeit das rechte Hand
gelenk. Nachts darauf heftige Schmerzen, besonders im 1. und 5. Finger
In den nächsten Tagen Fieber über 39", zunehmende heftige Schmerzen
Schwellung der Hand und des Armes. Der Arzt verordnete heisse Hand
*) Die Berechtigung, mich zu der Frage zu äussern, gründe ich auf di
Tatsache, dass ich nicht allein selbst durch Finger- und Handinfektionei
mehrfach genötigt war, chirurgische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondert
auch verhältnismässig häufig Gelegenheit hatte, Aerzte, Schwestern usu
wegen solcher Erkrankungen zu behandeln. Aufzeichnungen besitze ich leide
nur über 65 Behandlungsfälle bei 44 Kollegen und einer Pflegerin. Die tat
sächliche Zahl ist viel grösser. Wenn ich in keinem Falle einen ungünstige
Ausgang quoad vitam oder functionem zu beklagen hatte, so bin ich wei
entfernt, dies lediglich dem Behandlungsverfahren zuzuschreiben. Die Haupt
Ursache liegt wohl darin, dass es sich glücklicherweise meist um lokalisiert
oder doch nach kurzer Behandlung lokalisierbare Infektionen handelte. _
2) Dass dieser Fall keinen Arzt betrifft, tut seiner grundsätzlichen Be
deutung wohl keinen Abbruch.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
161
. Februar 1922.
ädcr, feuchte Verbände und Ruhigstellung. Ich sah ihn zuerst am 15. XI.:
n der Radialseite des rechten Daumens markstückgrosse, schmierig belegte
Hautabschürfung. Umgebung gerötet. Daumen besonders am Grundglied,
leiner Finger an Grund- und Mittelglied, Handrücken im ganzen stark ge-
;hwollen und gerötet; breite rote Lymphstreifen am Vorderarm vom Hand-
elenk bis zur Ellenbeuge; Achseldrüsen vergrössert, schmerzhaft; Finger
xiert in Beugestellung, besonders der 1. und 5. aktiv unbeweglich ; vor-
chtige passive Streckung ruft lebhafte Schmerzäusserung hervor. Stärkste
ruckempfindlichkeit entsprechend den Beugesehnen von Daumen und kleinem
inger. Temperatur zwischen 39 und 40°. Patient sieht schlecht aus, klagt
per unerträgliche Schmerzen, hat 3 Nächte nicht geschlafen, ln Rausch-
irkose 2 seitliche Inzisionen am Grundglied des kleinen Fingers bis auf
e Beugesehne. Starke ödematöse Durchtränkung des Zellgewebes und der
ehncnscheide. kein Eiter. Gleicher Befund bei mehrfachen kleinen In¬
sionen am Kleinfingerballen und durch das Infiltrat am Daumen. Feuchter
erband, Schiene. Danach erfolgte prompter Rückgang aller Erscheinungen,
at. schlief schon in der folgenden Nacht, Fieber, Schwellung und Infektion
;r Lymphbahnen waren nach 3 Tagen gänzlich geschwunden. Die weitere
eilung vollzog sich glatt.
Möge man cinwenden, dass die Heilung vielleicht auch ohne die
zisionen eingetreten wäre. Jedenfalls lässt sich nicht leugnen, dass
;r Krankheitsprozess bei konservativer Behandlung ständig fort-
ischritten war, dass aber unmittelbar nach dem Eingriff die schweren
id quälenden Erscheinungen nachliessen. Weiterhin muss hier noch
ner Formen von Phlegmonen gedacht werden, bei denen eine sehr
•ogrediente sulzige Durchtränkung des Zellgewebes oder eine rasch
rtschreitende starre Fettnekrose sich entwickelt, ohne zur Eiterung
i führen.
Kürzlich sah ich einen Fall, wo sich bei der Inzision kein Eiter fand, aber
is Zellgewebe in eine missfarbige, weiche Masse verwandelt war. Aeusser-
:h zeigte der Finger eine sehr harte, äusserst schmerzhafte Anschwellung
id bläulichrote Verfärbung. Die Infektion war schon nach dem Handteller
rtgeschritten, wo der Einschnitt ebenfalls keinen Eiter, sondern nur eine
Izige Infiltration aufdeckte.
Wohl jeder Chirurg wird über ähnliche Beobachtungen verfügen,
ei derartigen Befunden, die meist besonders schwere Infektionen an-
ägen, habe ich von der möglichst frühzeitigen Inzision niemals Scha¬
ni, meist aber eklatanten Nutzen gesehen. Doch auch bei harm¬
seren Wundinfektionen fand ich den Entspannungsschnitt öfter von
Drteil :
Z. B. Ein Kollege konsultierte mich wegen eines entzündlichen, nicht
t r i g e n Infiltrates am Daumen, das 5 Tage nach einer Stichverletzung
it der Impfnadel unter heftigen Schmerzen, Lymphangitis und Lymph-
üsenschwellung aufgetreten war. Nach der Inzision gingen alle Erschei¬
ngen binnen 24 Stunden zurück.
Noch ein Wort über die bei Aerzten so häufigen Furunkel an Fin-
rstreckseite und Handrücken. Biers schematischer Vorschrift, diese
e zu schneiden, kann ich mich nicht anschliessen. Zweifellos heilt die
ehrzahl der Fä+fe ohne Inzision. Es gibt aber hier, ebenso wie an
deren Körperstellen — auch im Gesicht — Furunkel, bei denen der
erlauf zum Eingreifen nötigt. Bei Neigung zur Ausbreitung ins
dlgewebe, verbunden mit grossen Schmerzen, Fieber und Infektion
r Lymphbahnen halte ich die Inzision für angezeigt. Ein ergiebiger
hnitt, der das ganze Infiltrat durchtrennen muss, bringt alle un-
genehmen Erscheinungen am schnellsten und sichersten zum Riick-
nge.
Dass die Inzision auch für den Patienten die angenehmere Behandlung
, kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen, da ich Gelegenheit hatte,
ide Methoden auch passiv zu erproben. Besonders lästig war mir bei
r konservativen Behandlung die mehrtägige Eiterabsonderung aus dem
fgebrochenen Furunkel, welche auch die Nachbarhaut trotz Handbad und
lfettung zu infizieren droht.
Der Einschnitt beseitigt die Schmerzen mit einem Schlage, und
:nn man dabei zugleich möglichst alles nekrotische Gewebe entfernt,
ist die Absonderung während der Nachbehandlung sehr gering, und
kommt bald zur Bildung gesunder Granulationen. Die Infektion der
mphbahnen geht immer nach der Inzision sofort zurück* * 3).
Zusammenfassend möchte ich betonen, dass auch bei den Infek-
'nen der Hand die Frage, ob und wann man zum Messer greifen soll,
ht grundsätzlich, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden ist. Denn
e Bier4) mit Recht sagt: „Verschiedene Menschen können auf dic-
Iben Reize in geradezu entgegengesetzter und derselbe Mensch nach
nem Jeweiligen Körperzustand in ganz verschiedener Richtung re-
'.eren.“ Dies gilt auch von den Reizen, die der Arzt bei seinem
ilverfahren zur Wirkung bringt.
Zum Schluss sei noch erwähnt, das nicht nur der harte, sondern
iegentlich auch der weiche Schanker bei Aerzten zu recht un-
genehmen Fingerinfektionen führen kann.
Ich beobachtete einen solchen Fall bei einem Dermatologen, der sich
'ch Quetschung einen Bluterguss unter dem Fingernagel zugezogen und
Operation eines Bubo infiziert hatte. Erst einige Zeit nach Eröffnung des
szesses nahm die Wunde das charakteristische „schankröse“ Aussehen an.
r Verlauf war ein sehr langwieriger und vielfach komplizierter. Schliess-
i blieb eine starke Verkrüppelung des Nagels zurück. Eine Mischinfektion
Lues lag nicht vor.
) Ich hatte einigemale den Eindruck, dass bei phlegmonösen Furunkeln
lange fortgesetzte konservative Behandlung das Auftreten pyämischer
tastasen begünstigte. So kenne ich den Fall eines Kollegen, der seinen
gerfurunkel durch konservative Behandlung zur Heilung brachte, aber
Anschluss daran an einem metastatischen Lungeninfarkt lebensgefährlich
rankte.
4) Reiz und Reizbarkeit. M.m.W. 1921, Nr. 47, S. 1524.
Schleich5) hat öfters bei Aerzten eine „knollige“ Lymph¬
angitis mit Hyperplasie der regionären Drüsen beobachtet, die er auf
Infektion mit gonorrhoischem Material zurückführt. Diese Erkrankung
ist mir nie zu Gesicht gekommen.
Schmerzlose Entbindung.
(Bemerkungen zu 0. F 1 o e 1 s Arbeit in Nr. 50, 1921 ds. Wschr.)
Von Prof. Friedländer in Freiburg i. Br.
Floel weist auf ein oft besprochenes, sehr wichtiges Gebiet hin.
Ueber den Skopolamindämmerschlaf (und über die Lumbalanästhesie)
wird noch manches zu sagen sein — vielleicht mehr gegen als für sie.
Es mehrt sich die Zahl der Chirurgen und Gynäkologen, welche sich
auch von unseren psychologischen und psychotherapeutischen Er¬
wägungen beeinflussen lassen. Es wäre zu wünschen, dass häufiger
aus den Kreisen jener Kollegen, welche allgemeine ärztliche Tätigkeit
ausüben, Mitteilungen über ihre Erfahrungen mit vielgerühmten „kli¬
nischen“ Methoden gebracht würden. Der praktische Arzt lernt seine
Kranken meist genauer kennen; er beobachtet sie vor und nach
etwaigen Eingriffen.
Sind Floel und ich in der Hauptfrage einig, so wird er mir als
genauem Kenner der Hypnose einige berichtigende Bemerkungen nicht
verdenken. Sollte er Gelegenheit nehmen, mein 1920 erschienenes Buch
über Hypnose und Hypnonarkose (Enke. Stuttgart) nochmals durchzu¬
sehen, so wird er mir beipflichten, dass die wissenschaftliche Auffassung
vom Wesen der Hypnose verlangt, Urteile zu berichtigen, welche ich in
meiner Arbeit als Vorurteile eingehend besprochen und als schwer aus-
rottbar bezeichnete.
F 1 o e 1 s Bewertung der Hypnose erklärt sich aus seiner offenen
Bemerkung: „Ich wende - eine Suggestionsmethode an, die mir _
ohne viel wissenschaftliches Bewusstsein in der Privatpraxis entstanden
ist.“ Der hypnotische Dauerschlaf kann nicht „ausnahmsweise“, son¬
dern regelmässig benützt werden, wenn eine schmerzlose Entbindung
(ohne grösseren) Eingriff gewünscht wird oder angezeigt ist.
Vorbereitende Hypnosen sind nur und besonders dann
notwendig, wenn es sich voraussichtlich um eine schwere Entbindung,
um Eingriffe ernsterer Art handelt. In solchen Fällen wird durch die
Hypnonarkose am sichersten und einfachsten eine schmerzlose Ent¬
bindung gewährleistet. Es ist „durchaus von der Hand zu weisen“, dass
das Nervensystem durch öfteres sachgemässes Hypnotisieren
irgendwie geschädigt werden kann. Durch solche Behauptungen wird
ein wichtiges Teilgebiet der seelischen Behandlung grundlos in Verruf
gebracht.
Es ist mir nicht klar, welcher Art der „unangenehme Beigeschmack“
sein soll, den die Hypnose hat, und was Floel unter der „herkömm¬
lichen Einleitung“ versteht, welche sie Arzt und Kranken unsympathisch
macht. Die „Versager“ allein können es nicht sein; diese wird Floel
auch erleben.
Der Verfasser schildert seine Suggestionsmethode. Diese findet
er ungefähr ebenso beschrieben in jedem Buche über Hypnose. Ob
man Schmerzlosigkeit mit oder ohne Schlafsuggestion eingibt, ist be¬
langlos; stets wird eine Einengung des Bewusstseins herbeigeführt;
stets kommt es auf das Vertrauen des Kranken, auf das Auftreten des
Arztes, auf eine gewisse Ausschaltung des „Selbstbewusstseins“ des
Kranken an. Die Grundlage des „fraktionierten“ Vorgehens
F 1 o e 1 s ist die S u.g g e s t i o n. Hypnose aber ist Suggestion. Die
Methodik Fl o eis ist somit in keiner Weise frei von dem, was Arzt
und Kranken „mit Recht (?) an der Hypnose sonst nicht gefällt“.
Ich gehe nicht auf die Frage ein, ob es sich etwa empfiehlt, jede
Entbindung schmerzfrei zu gestalten. Ich für meine Person bin der
Ansicht, dass diese Frage ebenso nach bestimmten Indikationen zu
entscheiden ist, wie jede andere ärztliche — also individuell. Ich lehne
den Skopolaminschlaf ebenso wie die Anwendung von Morphium für
sich allein und die Hypnose dann ab, wenn eine schmerzlose Ent¬
bindung „indiziert“ ist. In solchen Fällen kommt meiner Ansicht nach
nur die Hypnonarkose in Betracht.
Ob man aber, wenn eine reine Suggestivbehandlung stattfindet,
die Hypnose hiebei dem Namen nach vermeidet, ob man die
Hypnose _ in der von mir empfohlenen Form gebraucht, ist
von _ geringerer Bedeutung; nicht dagegen, wenn als irrig nach¬
gewiesene Anschauungen immer wieder vorgetragen werden, und
dadurch die Verbreitung der Methodik gehemmt wird, welche endlich
Eingang auch bei Chirurgen und Gynäkologen gefunden hat (siehe
v. Oettingen: M.m.W. 1921 Nr. 51). nachdem wir Neurologen jahr¬
zehntelang vergeblich für sie kämpften (siehe Friedländer: Ueber
Hypnonarkose, M m.W. 1920).
Wenn ein so erfahrener Psychiater wie S i e m e r 1 i n g in ge¬
wissem Sinne gegen die Hypnose auftritt, indem er einwendet, dass
sie ihrer Methodik und Art nach keine Gewähr bietet, dass sie unbe¬
dingten Vorzug vor anderen Heilmethoden verdient, so ist die Frage
gerechtfertigt: Ob er nicht weiss, dass dies für jede Behandlung gilt.
Wer irgend eine „Methode“ wissenschaftlich erforscht hat, ist sich
über ihre Grenzen und vor allem darüber klar, dass keine Methode —
die Methode ist.
5) Neue Methoden der Wundbehandlung. 2. Aufl. Berlin 1900. Hier
findet sich übrigens eine ausführliche Darstellung und Kasuistik der Aerzte-
infektionen.
5*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
162
Nr. 5.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Leipzig.
(Direktor: Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Strümpell.)
Röntgenologischer Beitrag zur Kenntnis der Tuberkulose
in den Lungen.
(Bemerkungen zu der Arbeit von Sanitätsrat Dr. Kaestle
in Nr. 50. 1921 ds. Wschr.)
Von Dr. Erich Thomas.
Unter obigem Titel beschreibt K. ein inspiratorisches Nachhinken
des inneren rechtsseitigen Zwerchfellanteils, meist des medialen Drit¬
tels, und führt diese Störung zurück „auf die Infektion der Lungen¬
wurzel und ihrer Drüsen mit den Tuberkelbazillen und auf die Reaktion
des Körpers auf die Erstinvasion dieses Bazillus“. Ein solches Zurück¬
bleiben des medialen Abschnittes der rechten Zwerchfellhälfte bei ihrem
inspiratorischen Tiefertreten ist wahrscheinlich den meisten, welche
häufiger Thoraxdurchleuchtungen vornehmen, bekannt und von mir oft
bei sehr verschiedenartigen Erkrankungsfällen angetroffen worden. Bei
höheren Graden dieser Bewegungsstörungen hebt sich der mediale Ab¬
schnitt des Zwerchfellbogens als besonderer, höherstehender, runderer
Bogen ab und ist von dem lateralen, flachen Bogenteil durch eine leichte
Einkerbung getrennt. Diese Erscheinung wird jedoch keineswegs nur
bei Tuberkulösen beobachtet. Sie ist auch bei chronischen Pneumonien,
Karzinomen des rechten Oberlappens und Gangrän der Lunge fest¬
zustellen (vgl. Ass mann: Röntgendiagnostik der inneren Krankheiten
Tafel VIII, Fig. 4 u. 6 und Fig. 193). Sie hat meiner Ansicht nach mit
einer Tuberkuloseinfektion an sich gar nichts zu tun. Vielmehr handelt
es sich dabei um eine durch die Architektonik des Zwerchfells be¬
dingte besondere Gestaltung der Zwerchfellwölbung, welche namentlich
dann auftritt, wenn eine gewisse Erschwerung der Respiration vorliegt,
zu deren Ueberwindung das sich kräftig kontrahierende Diaphragma —
entsprechend seinem Bau — sich nicht gleichmässig zusammenzieht.
Die hierbei gleichzeitig vorhandene erhöhte Ansaugung der Lunge
wirkt dem inspiratorischen Zuge des Zwerchfells nach unten entgegen,
so dass dieses in seinem ventralen und medialen Bereich, der ana¬
tomisch und physiologisch am schwächsten entwickelt ist. zurückbleibt
und sich ev. sogar kranialwärts vorbuckelt. In stärkstem Masse aus¬
geprägt sah ich dies Phänomen bei Trachealstenose, ferner bei rechts¬
seitiger Bronchostenose, gleichgültig welchen Ursprungs, so besonders
bei Bronchialkarzinom. Die gleiche Erscheinung, wenn auch meist nur
in schwächerem Grade, habe ich auch unter ganz normalen Verhält¬
nissen, besonders bei schneller und tiefer Inspiration beobachtet. Das
Vorhandensein von Pleuraadhäsionen ist zur Entstehung dieser be¬
sonderen Zwerchfellbewegung nicht notwendig. In mehreren derartigen
Fällen fand sich bei der Autopsie ein freier Pleuraraum. Die Tatsache,
dass das Phänomen mit am häufigsten und in stärkerem Masse auf der
rechten Seite beobachtet wird, beruht wiederum auf Besonderheiten
des anatomischen Baues des Zwerchfells infolge des Durchtritts der
Vena cava inferior durch das Zwerchfell, der Lage des Herzens und
infolge seiner Anspannung über die Leber. Die ziemlich komplizierten
Verhältnisse, welche unter normalen und pathologischen Zuständen bei
der respiratorischen Bewegung des Zwerchfells zu berücksichtigen sind,
werden in einer demnächst voraussichtlich im D. Arch. f. klin. M. er¬
scheinenden Arbeit des näheren auseinandergesetzt werden. Hier
möchte ich nur der Auffassung entgegentreten, dass aus diesem Rönt-
gensymptome allein oder auch aus seiner Verbindung mit einer viel¬
deutigen Verbreiterung des Hilusschatten auf eine Tuberkulose ge¬
schlossen wird, wie das bezüglich anderer röntgenologischer Zeichen,
z. B. des Williams sehen Symptoms, der S t ü r t z sehen Stränge
usw. in der Praxis so sehr häufig geschieht.
Zusammenfassung.
Von K. ist das Zurückbleiben des medialen Abschnittes der rechten
Zwerchfellhälfte bei der Inspirationsbewegung als ein für Tuberkulose
charakteristisches Zeichen beschrieben wofden. Meiner Auffassung nach
hat diese Art der Zwerchfellbewegung mit Tuberkulose nichts zu tun,
sondern beruht auf anderen Ursachen, welche in der Architektonik des
Zwerchfells und in besonderen physiologischen Faktoren begründet
sind.
Einiges über Zahnpflege.
(Zu M. Kühns Arbeit in Nr. 51, 1921 dieser Wochenschrift.)
Von Dr. Brubacher, k. Hofrat.
Die Anschauung K ii h n s darf in der Aerztewelt keine unwider¬
sprochene Verbreitung finden, weil sie den Erfahrungen der Fachleute
direkt zuwiderläuft.
Dass der Zeigefinger „einen billigen und ausreichenden Ersatz“ für
die Zahnbürste bilde, ist nur insoweit richtig, als seine Verwendung
die rein kosmetische Seite der Zahnpflege, d. h. das Aussehen des Ge¬
bisses befriedigen könnte. Der Hauptzweck der Zahnreinigung ist je¬
doch kein kosmetischer, sondern ein prophylaktischer: wir suchen
durch gründliches Reinigen der verheerenden Zahnkaries vorzubeugen,
und dies können wir nicht durch Abreiben der Zähne mit dem Zeige¬
finger erreichen.
An der glatten, schmelzbedeckten, dem Finger zugängigen Ober¬
fläche der Zähne sehen wir mit Ausnahme bei dyskrasischen und alten
Individuen überhaupt nie Karies auftreten. Prädilektionsstelle für die
Zahnfäule sind alle schmelzentblössten und vertieften Stellen, ferner
die Approximal- und Kauflächen der Zähne, oder, mit anderen Worten,
alle verborgenen Stellen und Winkel, welche durch den Kauakt, durch
das Spiel und die Bewegungen weder der Zunge noch der Lippen und
Wangen mechanisch gereinigt werden. Was die zu diesem Zwecke viel
geeignetere Zunge nicht erreichen kann, wird dem Finger erst recht j
nicht gelingen, im Gegenteil, durch den festen Fingerdruck werden
Speisereste u. dgl. in die Zwischenräume und Vertiefungen hinein¬
gepresst, zumal auch die Saugbewegung, von der wir beim Reinigen
mit der Zunge unwillkürlich als unterstützendem Moment Gebrauch
machen, in Wegfall kommt.
Eine gründliche Reinigung können wir nur mit
derBürste vornehmen, welche der kosmetischen und prophylak¬
tischen Seite gerecht wird.
Verlangen es die Verhältnisse, dann haben wir einen besseren Er¬
satz an der Zunge und dem Luftstrom, der durch saugende und blasende
Bewegung die Reinigung der Zahnzwischenräume bis zu gewissem
Grade besorgen kann. Ein weit besserer und ganz billiger Ersatz sind
bleistiftlange, X> — % cm breite, am Ende keilförmig zugeschnittene Holz¬
stäbchen, wie sie sich jedermann leicht aus Weichholz herstellen kann.
Mit ihnen lassen sich nicht allein die freiliegenden Flächen, sondern
auch i die Zwischenräume der Zähne und die Rinnen der Kauflächen
.'einigen.
Da freilich das Reinigen mit dem Zeigefinger der einfachere, zt
jeder Zeit gebrauchsfertige, wenn auch sehr unvollkommene Zahn¬
bürstenersatz ist, dessen Verwendung wohl am ehesten befolgt werdet
wird, und da man damit doch die Befreiung der Frontfläche von den
schmierigen Belage und ein straff anliegendes, gesundes Zahnfleisch er¬
zielt, lässt sich seine Empfehlung an Stelle der Zahnbürste bis zu ge¬
wissem Grade rechtfertigen, zumal der Arzt zufrieden sein kann, wem
er es bei der Jugend und bei vielen Erwachsenen überhaupt so weil
bringt, dass sie sich ihres Gebisses täglich bei der allgemeinen Reini¬
gung erinnern. Man darf aber nicht vergessen, dass der Zeige¬
finger ein sehr u n vollkommenes und die Zahnbürste
nie ersetzendes Instrument ist.
Für die Praxis.
Die Frühdiagnose der allgemeinen eitrigen Peritcnitis
Von A. Kr ecke in München.
Bei keiner Erkrankung entscheidet über das Schicksal des Kranket
so sehr die frühzeitige Operation wie bei der freien eitrigen Bauchfell
entzündung. Auch ein eingeklemmter Bruch verlangt im allgemeiner
nicht so dringend chirurgische Hilfe, wie ein perforiertes Magengeschwür
oder eine durch stumpfe Gewalt hervorgerufene Zerreissung des Dünn
darms. Stunden sind hier entscheidend, und die Statistiken der Opera
iionen bei Magengeschwürsperforation lehren, dass die Prognose de
Operation nahezu mit jeder Stunde Verzögerung schlechter wird.
Die Erscheinungen der vorgeschrittenen allgemeiner
eitrigen Peritonitis sind genügend bekannt. Der ängstlich!
Gesichtsausdruok, die tiefliegenden Augen, die spitze Nase, die mühsam'
Atmung, die Zyanose, der aufgetriebene gespannte Bauch, der sek
beschleunigte flatternde Puls, sind Zeichen, die auch der Unerfahrenst'
kaum verkennen kann. Ist es einmal zu diesen Erscheinungen ge
kommen, so ist der Kranke nahezu sicher verloren. Wer mit der Dia
gnose der allgemeinen Peritonitis, bis zum Auftreten der eben genannte!
Zeichen wartet, wird bei der Behandlung des Leidens kein Glück haben
Die Aufgabe des sich seiner Verantwortung bewussten Arztes mus
darin bestehen, die Fälle von allgemeiner Peritonitis sofort nach derei
Beginn zu erkennen und in der nächsten Stunde der chirurgische!
Behandlung zuzuführen.
Nicht alle allgemeinen Peritonitiden' sind gleich
m ä s s i g zu bewerten. Eine Peritonitis, die nach dem Durch
bruch eines Magengeschwürs einsetzt, macht viel schneller schwere Er
scheinungen als eine Bauchfellentzündung, die von einem durch
gebrochenen Wurmfortsatz ausgeht. Ebenso verläuft die Peritonitis
die von einer inneren Einklemmung ausgeht, viel heftiger als ein
solche, die von einem durchgebrochenen Tubensack ihren Urspruu
nimmt. In der Art der Erscheinungen sind alle Peritonitiden gleicl
Die Heftigkeit der Erscheinungen wechselt nach der Ursache de
einzelnen Falles.
Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir die Frühdiagnose de
Peritonitis in keiner Weise abhängig machen von den obengenannte
Erscheinungen des Spätstadiums, die schon auf eine schwere septisch
Intoxikation hinweisend Wir müssen die Peritonitis zu er
kennen suchen, bevor der Leib aufgetriebe n, bevor de
Puls beschleunigt, bevor der G e s i c h t s au s d tut c k in de
beängstigenden Weise verändert ist.
Diejenigen Erscheinungen, die uns am frühesten auf das Vorhände!'
sein einer allgemeinen Peritonitis hinweisen, sind:
1. die mehr oder minder grosse schmerzhafte Bauch deck er
Spannung.
2. das Fehlen der B a u c h d e c k e n a t m u n g,
3. der Leberhochstand.
Als wichtigstes Zeichen muss immer und immer wieder di
schmerzhafte Bauch decken. Spannung hingestellt werdei
3. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nur derjenige, der sich daran gewöhnt, diesem Zeichen seine grösste
Aufmerksamkeit zu widmen und der sich in der Erkennung derselben
eine grosse Erfahrung angeeignet hat, ist in der Lage, die Frühdiagnose
der Peritonitis zu stellen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur immer
wieder sagen, wie schwer es mir. im Anfänge meiner Tätigkeit ge¬
worden ist, die Bauchdeckenspannung richtig zu erkennen1 und richtig
zu deuten. Und ich sehe es bei meinen Assistenten immer wieder,
welche Mühe sie mit der Untersuchungsmethode haben.
Der Durchbruch eines Hohlorgans in die freie Bauchhöhle macht,
welcher Art er auch immer sei, sofort eine umschriebene Bauchdecken¬
spannung. Muskelabwehr (defense musculaire) ist der beste
Ausdruck für diese Erscheinung. Ueber dem eingerissenen Hohlorgan
krampten sich die Bauchwandmuskeln zusammen, einmal um den Darm
ruhig zu stellen, und zweitens, um das sofort in Entzündung versetzte
Bauchfell vor einer schmerzhaften Berührung zu schützen.
Ist der entzündete Teil des Bauchfells nur ein umschriebene r,
so wird auch die Bauchdeckenspannung nur eine umschriebene sein. So
ist es fast stets bei der Blinddarmentzündung. Hier ver¬
breitet sich das eitrige Exsudat im allgemeinen ziemlich langsam, und
im Anfang der Peritonitis ist nur die rechte Darmbeingrube von der
Muskelabwehr betroffen. Im weiteren Verlauf schreitet bei zu¬
nehmender Ausdehnung der Peritonitis auch die Bauchdeckenspannung
weiter, und nach einiger Zeit ist die ganze vordere Bauchwand in eine
brettharte Platte verwandelt.
Aehnlich ist es beim Gallenblasendurchbruch.
Beim Durchbruch eines Magengeschwürs und bei
dem durch Quetschung her vor gerufenen Einriss eines
Darmteiles ergiesst sich sofort eine grosse Menge Flüssigkeit
in die Bauchhöhle hinein und versetzt das ganze Bauchfell in Ent¬
zündung. Die Folge ist, dass in einem solchen Falle sofort nach der
Perforation die ganze vordere Bauchwand sich gespannt
anfühlt und auf Druck kaum eindrückbar ist.
Wissen muss man, dass unter gewissen Umständen die Spannung
der vorderen Bauchwand fehlen kann. Das ist dann der Fall, wenn
der betreffende Darmteil, am häufigsten der Wurmfortsatz, der hinteren
Bauchwand näher liegt. Dann tritt, worauf zuerst D r a c h t e r hin¬
gewiesen hat, eine deutliche Spannung der hinteren Bauch¬
wand in der Lendengegend ein, die sich durch geeignete Betastung
ohne Schwierigkeit feststelle.i lässt.
Die Bauchdeckenspannung kann vorhanden sein, und alle übrigen
Zeichen der Peritonitis können vollkommen fehlen: Patienten mit
durchgebrochenem Blinddarm, mit einem Loche im Darm durch Huf¬
schlag, kommen zu Fuss ins Krankenhaus und zeigen keine schweren
Erscheinungen allgemeiner Art. Der kundige Arzt wird aber bei sorg¬
fältiger Untersuchung deutliche Muskelabwehr feststellen und wird
trotz fehlender Pulsbeschleunigung, trotz fehlenden Fiebers, trotz
günstigen Allgemeineindruckes auf die baldige Operation dringen.
Neben der Bauchdeckenspannung ist am auffälligsten das Symptom
der fehlenden Bauchatmung. Dadurch, dass der Kranke die
Bauchmuskeln fest kontrahiert hält, hält er sie auch ängstlich von der
Beteiligung an der Atmung zurück. Wenn man sieht, wie der Brust¬
korb sich deutlich bei der Atmung hebt und senkt, und wie die Bauch¬
decken vollkommen ruhig stehen, so kann der Kundige über den Ernst
der vorliegenden Erkrankung nicht im. Zweifel sein. Vornehmlich bei
der postoperativen Peritonitis ist dieses Zeichen stets von grossem
Wert. Um dies Zeichen nachzuweisen, braucht man kaum die Bett¬
decke zu heben. Es genügt, die Kranken einige Zeit ruhig zu be¬
obachten.
Der Leberhochstand ist das erste Zeichen des Meteorismus.
Eine Auftreibung der Bauchdecken braucht dabei nicht vorhanden zu
sein. Letztere tritt erst dann ein, wenn es zu einer Lähmung der
muskulösen Bauchwand kommt. Der Leberhochstand ist daran erkenn¬
bar. dass man auch am rechten Rippenwinkel ausgesprochen tympani-
tischen Schall findet.
Wer auf die genannten drei Zeichen: Bauchdeckenspannung, Fehlen
der Bauchdeckenatmung, Lebertiochstand, gut achtet, wird bei der
Frühdiagnose der allgemeinen Peritonitis keinen Misserfolg erzielen.
Dass daneben auch die anderen Krankheitszeichen berücksichtigt
werden müssen, ist selbstverständlich. Diese Zeichen sind aber so
vieldeutiger Natur, dass auf sie im Anfang kein rechter Verlass ist,
wenn sie auch natürlich zur Beurteilung der Erkrankung ihren grossen
Wert haben.
Der Schmerz ist bei jeder allgemeinen Bauchfellentzündung vor¬
handen. Ist er ganz unheimlicher Natur, z. B. so, dass die stärksten
Männer wie von einem Dolchstich getroffen in schwerem Kollaps
daliegen, so kann man ziemlich sicher den Durchbruch eines Hohl¬
organes annehmen. Aber diese Heftigkeit zeigt der Schmerz keines¬
wegs bei allen Peritonitisfällen.
Insbesondere weiss man, dass viele Fälle von Peritonitis nach
Appendizitis anfänglich nur mässige Schmerzen hervorrufen und infolge¬
dessen auch von erfahrenen Aerzten als gutartige Magen-Darmerkran¬
kungen angesehen worden sind. Auch mit Gallensteinkolik, Pankreas¬
nekrose, Dannverschluss, Nierensteinkolik, kann eine beginnende Peri¬
tonitis unter Umständen verwechselt werden. Auch der Sitz des
Schmerzes ist nicht immer ganz zuverlässig. Eine Nierensteinkolik be¬
ginnt wohl immer mit Schmerzen* in der Nierengegend, eine Gallen¬
steinkolik mit Schmeren in der Magengegend. Aber eine Blinddarm¬
entzündung macht im Anfang sehr häufig keine Schmerzen in der Blind¬
darmgegend. sondern in der Magengegend.
1 63
Das Erbrechen fehlt fast nie bei der- Bauchfellentzündung, hat
aber nur im Zusammenhang mit den anderen Erscheinungen eine Be¬
deutung. Sein allgemeiner diagnostischer und prognostischer Wert
darf nicht geleugnet werden. Eine mit Erbrechen einhergehende Appen¬
dizitis muss immer als eine ernste Erkrankung beurteilt werden.
Das Aussehen eines Peritonitiskranken ist selten schon im An¬
fang ein verändertes. Der bekannte Verfall der Gesichtszüge tritt
erst in einem späteren Stadium auf. Wer für die Diagnose der Peri¬
tonitis den Nachweis des verfallenen, blassen Aussehens für notwendig
hält, wird mit der richtigen Behandlung in der Regel zu spät kommen.
Es gibt viele Peritonitiskranke, die im Anfang nicht die Spur eines
Verfalles oder eines ängstlichen Gesichtsausdruckes erkennen lassen.
Wie oft habe ich ungläubige Gesichter mir gegenüber gesehen, wenn
ich bei einem ganz gut aussehenden Kranken von Eiter in der Bauch¬
höhle sprach und auf die schlimme Prognose des Falles hinwies.
Die Temperatur ist bei der Peritonitis in der Regel leicht
gesteigert. Unbedingt notwendig ist die Steigerung nicht, und einen
Anhaltspunkt für die Diagnose oder für die Schwere der Erkrankung
gibt die Temperatur auf keinen Fall. Die Diagnose der Peritonitis
ist von dem Nachweis einer Temperatursteigerung nicht abhängig.
Der Puls ist im Beginn der Peritonitis in der Regel nicht be¬
schleunigt. Es- gibt gewiss Fälle von plötzlichem Durchbruch eines
Hohlorgans, die sehr schneli eine Pulssteigerung verursachen. In der
Regel lassen die an Bauchfellentzündung Erkrankten im Anfang keine
Spur von Pulssteigerung erkennen. Man lasse sich darum durch einen
langsamen Puls bei der Diagnose der Peritonitis nicht täuschen. Wenn
der Puls anfängt, in die Höhe zu gehen, so sind die günstigen Stunden
für die Operation der Peritonitis in der Regel schon vorbei.
Alle die eben aufgezählten Symptome, der Schmerz, das Erbrechen,
der Kollaps, die Temperatursteigerung, die Pulsbeschleunigung, haben
bei der Diagnose der Peritonitis selbstverständlich ihre grosse Bedeu¬
tung. Für die Frühdiagnose ist ihr Wert nur ein geringer, insofern als
ihr Fehlen in keiner Weise entscheidend ist. Sind diese Zeichen vor¬
handen, dann ist ihre Beweiskraft eine grosse, sie zeigen dann in der
Regel auch, dass die Krankheit schon ziemlich weit vorgeschritten ist.
Der Hauptwert bei der Frühdiagnose muss immer wieder der Bauch¬
deckenspannung, dem Fehlen der Bauchdeckenatmung und dem Leber¬
hochstand zuerkannt werden.
Bei der Frühdiagnose der Peritonitis ist selbstverständlich auch
immer eine Diagnose des Ausgangspunktes der Peri¬
tonitis unbedingt notwendig.. Es genügt nicht, zu sagen, hier liegt
eine eitrige Bauchfellentzündung vor, sondern man muss auch fest¬
stellen, von welchem Organ dieselbe ausgeht. Für die erfolgreiche
Behandlung ist die genaue Feststellung des Ausgangspunktes sehr
wichtig.
Für die Bestimmung des Ausgangspunktes bietet zunächst die
Vorgeschichte des Kranken* gute Anhaltspunkte. Bei einem
Kranken, der schon viel an Magenbeschwerden- gelitten hat, wird man
zunächst an ein durchgebrochenes Magengeschwür denken. Bei einem
Kranken mit früheren Blinddarmanfällen wird man eine Blinddarm¬
entzündung in Betracht ziehen, bei einem Kranken mit Gallenstein¬
koliken wird man mit der Möglichkeit eines Gallenblasendurchbruches
rechnen. Ganz zuverlässig sind die Ergebnisse der Anamnese nicht,
und man kann dabei oft unangenehme Enttäuschungen erleben.
Vor vielen Jahren machte ich bei einem Patienten wegen Mast¬
darmkrebs einen künstlichen After. Am nächsten Tage zeigte er die
schwersten Zeichen der allgemeinen Peritonitis, und ich nahm an, dass
entweder der Mastdarmkrebs in die Bauchhöhle durchgebrochen sei,
oder dass es sich um eine operative Infektion handle. Mit Rücksicht
auf den vorgeschrittenen Krebs unterliess ich einen nochmaligen Ein¬
griff. Die Sektion zeigte, dass es sich um den Durchbruch eines alten
Duodenalgeschwürs gehandelt hatte.
Eine nochmalige Laparotomie hätte unter Umständen das Leben
Jes Kranken noch einige Zeit erhalten können.
Die Angaben des Kranken über den Sitz des Schmerzes
werden für die Bestimmung des Ausgangspunktes immer von Bedeutung
sein, sind aber nicht durchaus massgebend. Sitzt der Schmerz in der
Magengegend, so wird man zunächst an einen Magendurchbruch denken,
beim Sitz in der Blinddarmgegend an einen Blinddarmdurchbruch1. Es
wurde schon oben hervorgehoben, dass die Angaben des Kranken nicht
immer den richtigen Weg zeigen, da der Kranke den Schmerz oft
anderswohin verlegt, als an die Stelle des Ausgangspunktes.
Die sorgfältigste Abtastung des Bauches gibt immer die
besten Anhaltspunkte für den Ausgangspunkt der Bauchfellentzündung.
Auch hier muss der schmerzhaften Bauchdeckenspannung der grösste
Wert beigemessen werden. Es ist durchaus sicher, dass überall da,
wo sich entzündliches Exsudat in der Bauchhöhle bildet, das Zeichen
der Muskelabwehr zustande kommt. Auch in den Fällen, wo schon der
ganze Bauch gespannt ist, wird die Spannung am Sitz der Perforation
am beträchtlichsten sein.
Trotz aller Sorgfalt werden einige Fälle übrig bleiben, in welchen
der Ausgangspunkt der Peritonitis nicht festzustellcn ist. Hier muss
man die Diagnose offen lassen. Der Chirurg wird in solchen Fällen von
einem grossen Schnitt in der Mittellinie aus festzustellen haben, wo
die Ursache der Bauchfellentzündung zu suchen ist.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
164
Soziale Medizin und Aerztliche standesangeleoenheiten.
Das Alkoholverbot der Vereinigten Staaten von Nord¬
amerika.
Von Prof. Gaupp (Tübingen).
Die politische und wirtschaftliche Notlage, in der sich die Völker
Europas fast alle heute befinden, hat sie ihre Aufmerksamkeit nicht
genügend einem Ereignis in Amerika zuwenden lassen, das doch von
grosser Bedeutung für Land und Volk des einzigen Siegers im Welt¬
kriege geworden ist und das mir bestimmt scheint, auch auf die übrige
Welt von grösstem Einfluss zu werden : dem National Prohibi¬
tion Act vom 16. Januar 1920. Die Vereinigten Staaten von
Nordamerika haben mit diesem Tage das 18. Amendement ihrer Bundes¬
verfassung endgültig in ihre Verfassungsurkunde aufgenommen. Dieses
Amendement verbietet für die Vereinigten Staaten und alle deren
Gerichtsbarkeit unterstellten Gebiete die Herstellung, den Ver¬
kauf oder Transport sowie die Einfuhr und Ausfuhr
von alkoholischen Getränken (mit einem Gehalt von
über El Proz. Alkohol). Das Amendement spricht ausserdem
dem Kongress und den Staaten die Befugnis zu, die Durchführung der
Gesetzesbestimmung durch geeignete Ausführungsbestimmungen sicher¬
zustellen.
Der 96 Mitglieder zählende Senat hatte den Verfassungszusatz
schon am 1. August 1917 mit 65 gegen 20 Stimmen angenommen und
wenige Monate später (am 17. Dezember 1917) hatte das Repräsen¬
tantenhaus die Vorlage nach einigen Aenderungen (die Tags darauf
auch vom Senat genehmigt wurden) mit 282 gegen 128 Stimmen gut¬
geheissen. Um wirksam zu werden, musste er nun innerhab 7 Jahren
von drei Vierteln aller Einzelstaaten, also von 36 der 48 Staaten der
Union' ratifiziert werden. Am 16. Januar 1919 war dies erreicht.
Nebraska war der 36. Staat. Rasch folgten noch zahlreiche andere
Einzelstaaten nach. Am 25. Februar 1919 bestätigte der 45. Staat das
neue Gesetz. Nur Connecticut, New Jersey und Rhode Island ver¬
weigerten den Beitritt. Schon am 1. VII. 1919 war das Kriegszeit¬
verbot in Kraft getreten, das nunmehr durch das endgültige Verbot
abgelöst wurde. Von dem Abgeordneten A. Volstead wurde nun
ein Ausführungsgesetz ausgearbeitet, das in seiner jetzigen Form vom
Senat am 8. Oktober 1919 und vom Repräsentantenhaus 2 Tage darauf
angenommen wurde und gegen das Präsident Wilson am 27. X. 1919
vrgeblich sein Veto erhob. (Harding ist Anhänger des Verbots.)
Der Senat stimmte dem Volsteadgesetz mit 65 gegen 20, das Repräsen¬
tantenhaus mit 176 gegen 55 Stimmen zu. (Die deutsche Uebersetzung
dieses Ausführungsgesetzes findet sich im 18. Band der Zeitschrift: Die
Alkoholfrage.)
Amerika ist also seit zwei Jahren ein „tro-ckenes Land“. Es
sind kaum mehr als 100 Jahre her, dass es im Verbrauch geistiger
Getränke an der. Spitze aller Staaten der Erde stand. F. Rudolf gab
kürzlich eine lehrreiche Schilderung1) der geschichtlichen Entwicklung
des amerikanischen Alkoholismus und seiner erfolgreichen Bekämpfung,
wobei er sich für die ältere Zeit namentlich auf das Buch von Weeden
(Economic and Social History of New-England 1620 — 1789, Boston 1892)
stützte. Nach ihm brachten englische Kolonisten im 17. Jahrhundert
das leichte englische Bier hinüber nach „Neu-England“, wo es eine Zeit¬
lang das Hauptgetränk bildete. Das niedere Volk trank auch Rum.
Aus Spanien und Portugal wurde auch Wein zugeführt; mit dem Vor¬
dringen der Einwanderer in das Innere des Landes kam die Zubereitung
eines im Lande selbst bereiteten Obstweines mehr und mehr auf. Im
18. Jahrhundert tritt an Stelle der Malzgetränke neben dem Obst¬
wein der S c h n a p s, dessen Herstellung und Export bald grossen Um¬
fang annimmt. Die Staaten Neu-Englands Massachusetts, Connecticut,
Rhode Island, New Hampshire, Vermont und Maine entwickelten die
Rumbrennerei als Grossindustrie und verkauften an die
Negerhäuptlinge der afrikanischen Westküste, an die Indianer Amerikas
und an die Schiffer Englands und anderer seefahrender europäischer
Länder ungeheure Mengen des gebrannten Wassers. Im Jahre 1750
soll Massachusetts 63, Rhode Island 30 Schnapsbrennereien besessen
haben. Mit Rum wurden die Negerhäuptlinge zum Verkauf der für das
menschenarme Amerika als Arbeiter wertvollen Schwarzen überredet.
Der amerikanische Rum vertrieb den französischen Branntwein von der
afrikanischen Küste. „Der Rum von Neu-England kaufte in Afrika
Sklaven, von denen ein Teil, wenn nach Westindien gebracht, dort für
neue Melasse bezahlte, die man nach Neu-England schiffte“ (R u d o 1 f).
Rum diente auch als Tauschmittel für Fische, Gold, Wein, Mais, Fleisch,
Tabak, der aus Virginia stammte, endlich für viele Handelsartikel, die
aus dem Mutterland England herüberkamen. Der blühende Rumhandel,
dessen Rohmaterial das westindische Zuckerrohr lieferte, das von afri¬
kanischen Sklaven gepflanzt wurde, bildete lange Zeit den Haupt¬
reichtum des jungen Neu-England: die Schnapsfabriken schossen dabei
wie Pilze aus der Erde, und es konnte natürlich nicht ausbleiben. dass
auch die Bevölkerung des Landes selbst immer mehr Rum zu trinken
begann, zumal das Getränk damals sehr billig war, so dass die hoch¬
gelohnten Arbeiter sich mühelos grosse Mengen beschaffen konnten.
Neu-England wurde ein trunksüchtiges Land und übertraf um
die Mitte des 18. Jahrhunderts alle Länder im Verbrauch an starken
geistigen Getränken. Wohl warnten einsichtige Männer, auf dieser
4) Aus der Vorgeschichte des Alkoholverbots in Amerika. Die Alkohol¬
frage XVII, Nr. 3, S. 185 ff.
Bahn fortzuschreiten, und weissagten den jungen Staaten einen frühen
Untergang, aber „die Gewinne w'aren zu gross, als dass die menschliche
Natur — selbst unter Puritanern — den Lockungen auf die Dauer hätte
widerstehen können“ (Rudolf). Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts
kam es — namentlich aus den Reihen der Geistlichkeit — zu einer ener¬
gischen Opposition gegen den gefährlichen Missbrauch des Schnapses.
Benjamin Rush aus Philadelphia schrieb 1785 eine pathetische Schrift
gegen das gebrannte Wasser. Es ist jedoch fraglich, ob diese Anti¬
alkoholbewegung einen nennenswerten Erfolg gehabt hätte, wenn ihr
nicht von anderer Seite eine neue Bewegung zu Hilfe gekommen wäre:
das ist die grosse Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei.
Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, dass der erste Gründer eines
Vereins gegen die Unmässigkeit, Rev. Lytnann Beecher (1813), der
Vater jener Schriftstellerin Harriet Beecher -Stowe ist, deren be¬
kannter Roman „Uncle TonYs Cabin“ (1852) zur Aufhebung der
Sklaverei im ganzen Bereich der Vereinigten Staaten zweifellos wesent¬
lich beigetragen hat. Beechers Verein zählte schon 1833 eine Million
Mitglieder in 6000 Ortsvereinen (bei einer damaligen Gesamtbevölke¬
rung von 13 Millionen). Die amerikanischen Kirchen nahmen, unter¬
stützt von den amerikanischen Frauen, den Kampf gegen d<is 'Irinken
der Männer mit grosser Energie auf und wählten dazu von Anfang an
den besten — den auf die Dauer allein erfolgreichen
Weg: die Erziehung der j ungeh Generation z u einem
alkoholfreien Leben2). Der Kampf wurde nun um so aussichts-
r reicher, als mit dem Verbot des Imports von Negern als Sklaven nach
den Vereinigten Staaten die Schnapsfabrikation weit weniger Gewinn
brachte als früher. Die Fabrikation ging rasch stark zurück, der Rum¬
handel sank auf ganz unbeträchtliche Werte. Eine unschädliche In¬
dustrie, die Baumwollspinnerei, trat an die Stelle der grossen Schnaps¬
erzeugung. Aber natürlich war damit die im Lande zur Gewohnheit ge¬
wordene Trunksucht noch nicht völlig beseitigt. Zwar wurden vor¬
übergehend überraschende Erfolge gezeitigt; so begann schon 1846
der Staat Maine mit einem ersten Versuch eines Alkoholverbots, das
freilich nicht streng durchgeführt wurde, da es an einem guten Aus¬
führungsgesetz fehlte und die Vereinigten Staaten keine zwischen¬
staatlichen Zollgrenzen kannten. So war die Abgrenzung gegen den
Nachbarstaat anfangs unvollkommen; die Uebertretungen waren zu
zahlreich und man kam deshalb wieder von der völligen Prohibition
ab. Mit dem Jahre 1851 beginnt ein neuer wirkungsvoller Abschnitt
der Antialkoholbewegung. Die machtvolle Persönlichkeit des Quäkers
Neal Dow hatte es im Staate Maine zur Beratung und Durchführung
des von ihm verfassten ersten Prohibition-Law gebracht und der
Guttemplerorden (The Independent Order of Good TetnpiarsL
wurde gegründet; er machte sich die Rettung gefallener Trinker zur
Lebensaufgabe; Frauen hatten in ihm die gleichen Rechte wie Männer
und wurden lebhafte Mitarbeiterinnen im Kampfe gegen die Trunksucht.
Miss Willard schuf den amerikanischen christlichen Frauenbund
zur Bekämpfung des Alkohols (The National w o m e n’s Chri¬
stian Tempera nee Union) und ihre Nachfolgerin Mrs. Mary
Hunt erreichte mit ihm die Erziehung einer alkoholfeindlichen Jugend
in der Sonntagsschule und ebenso in den staatlichen Schulen durch
obligatorische Einführung eines wissenschaftlichen Unterrichts über die
Schäden des Trinkens. 1893 erfolgte dann die Gründung der grossen
und rührigen Organisation der „A n t i s a Po o n - L e a g u e“, des Bun¬
des der Wirtshausgegner, dessen imponierender Vorsitzender Howard
Russell in Ohio wurde 3). Nun geht es im Kampfe gegen den
Alkohol flott voran: -schon vor 1893 waren 7 Staaten trockengelegt
worden (Maine seit 1858, Kansas seit 1881, bald nachher Nord- und Siid-
Dakotah. zeitweilig auch New-Hampshire, Vermont. Massachusetts.
Rhode Island, Connecticut und New York), aber die Zeit war doch noch
nicht reif für die erfolgreiche Durchführung solcher dem augenblick¬
lichen Enthusiasmus eines impulsiven Volkes entsprungenen Mass¬
nahmen. Die Alkoholgegner arbeiteten namentlich in Kirche und Schule
unermüdlich weiter an der Beeinflussung und Erziehung der Frauen
und Kinder und von 1907 ab folgen nun in rascher Folge die Alkohol¬
verbote der einzelnen nordamerikanischen Staaten. Vielerorts war
einer solchen radikalen staatlichen Gesetzgebung das Gemeinde¬
bestimmungsrecht vorangegangen. Oklahama und Georgia
führten 1907 durch allgemeine Volksabstimmung das Verbot ein, ihm
folgten 1908 Nord-Carolina und Mississippi. 1909 Tennessee, 1912 West-
virginien, 1914 Virginien, Colorado, Oregon. Washington, Arizona,
1915 Arkansas, Alabama, Süd-Carolina. Idaho, Jowa, 1916 Süd-Dakotah,
Nebraska, Monata. Michigan, Alaska, 1917 Indiana, Utah. New-Hamp¬
shire, New-Mexico. 1918 Texas. Florida, Ohio. Wyoming. Nevada. Im
Jahre 1913 war das für die Durchführung der einzelstaatlichen Verbote
überaus wichtige Webb-Kenyon-Law gegen das Verbot des Prä¬
sidenten Taft zustande gekommen, demzufolge die einzelnen Staaten
das Recht bekamen, die Einfuhr geistiger Getränke aus den Nachbar¬
staaten durch einzelstaatliche Gesetzgebung zu verbieten. Die ameri¬
kanischen Bierbrauer hatten* dem Zustandekommen dieses Gesetzes,
mit dem die Verbote der Einzelstaaten erst eindringlichere Bedeutung
gewannen, die schärfste Opposition gemacht4), es war ihnen aber nicht
2) Edith Smith Davi s: History of Scientific Tempcrunce Instruction.
Evanston (Illinois).
3) Die A.S.L. verfugt über sehr reiche Mittel. So hat ihr erst vor
kurzem J. Rockefeiler, dessen antialkoholische Gesinnung ich von ein¬
gehender Aussprache mit ihm genau kenne, 350 000 Dollars gestiftet.
4) Vergl. Wayne B. Wheeler: Rum Rebellions past and present,
Westerville (Ohio), und derselbe: Rum Running a crime not a business. The
Christian Herald, Westerville, 1921.
3. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
165
gelungen, den Kongress umzustimmen5). Der Oberste Gerichtshof
der Vereinigten Staaten bestätigte am 8. Januar 1917 die Gesetzmässig¬
keit der Webb-Kenyon law. Mit dem Eintreten der Vereinigten
Staaten in den Weltkrieg kam der Antialkoholbewegung die nationale
Begeisterung und der Hass gegen das Deutschtum zu Hilfe. Das Alko¬
holkapital lag in Amerika zum grossen Teile in deutschen Händen, in¬
sonderheit waren die Grossbrauer meistens Deutsche. Viele von ihnen
machten ihren Einfluss in deutschfreundlichem Sinne geltend und such¬
ten Amerika vom Eintritt in den Weltkrieg zurückzuhalten. In den
Oststaaten New York, New-Jersey und Connecticut, in denen die
Deutsch-Amerikaner politisch und wirtschaftlich einflussreich sind, war
das Alkoholverbot bis dahin noch nicht zustande gekommen. Als nun
aber mit Ausbruch des Krieges die englisch-amerikanische Propaganda
in echt amerikanischer Weise entsetzte, als man die „Greueltaten der
Deutschen in Frankreich, Belgien und auf dem Meere“ in Wort. Bild
und Schrift zu sehen und zu hören bekam, da wuchs bekanntlich der
Hass gegen alles Deutsche und gegen die „Bindestrich-Amerikaner“
zu flammender Leidenschaft und mit ihr auch der Hass gegen die Brauer
und Brenner der ganzen Union. Und diese Stimmung erleichterte die
endgültige Erreichung des Zieles der Alkoholgegner: die Durch¬
setzung eines Alkoholverbote s für das ganze Herr¬
schaftsgebiet der Vereinigten Staaten.
Dieses Alkoholverbot, das im Lande der Freiheit mit der persön¬
lichen Freiheit des Trinkens ein Ende machte, um dem ganzen Volke
Freiheit und Zukunft zu sichern, besteht nunmehr also seit 2 Jahren in
der gesamten Union. Wie wurde es durchgeführt? Was ist aus all
den Brauereien und Brennereien, aus all den Gasthäusern und Schnaps¬
destillen geworden? Welche Verwendung finden die kalifornischen
I Trauben, das westindische Zuckerrohr, der amerikanische Hopfen, die
'Gerste? Welche Wirkungen übt das Verbot auf die Lebensformen der
Amerikaner, auf ihre sozialen Verhältnisse, ihre Kriminalität, auf die
; Erkrankungen an alkoholischen körperlichen und geistigen Störungen
jaus? Der schlechte Stand der deutschen Valuta erschwert uns nicht
nur das Studium dieser Fragen drüben im Lande selbst, sondern auch
den Bezug der amerikanischen Literatur über dieses — auch für uns
wie wohl für die ganze gesittete Welt wichtige — Problem. Wie
I zu erwarten, ist das Aikoholkapital in Europa von Anfang an gegen
die amerikanischen Verhältnisse Sturm gelaufen, es hat durch Briefe
und Telegramme aus Amerika phantastische Darstellungen über die
{ Schäden bringen lassen, die Amerika durch das Verbot zugefügt worden
seien : Zunahme der Verbrechen, wilder Schmuggel an den Grenzen
Kanadas, massenhafte heimliche Herstellung besonders gesundheits-
! widriger Liköre, Erziehung eines ganzen Volkes zu Heuchelei und
: Selbstbetrug, kurz wirtschaftliche und sittliche Schäden — das sei das
Ergebnis der amerikanischen Torheit, einem mündigen Volke den Ge¬
nuss geistiger Getränke von Staats wegen ganz zu verbieten. Es ist zu
beachten, dass der Widerstand gegen das Verbot namentlich in den an
Deutschen und frisch zugewanderten anderen Europäern reichen Ost-
staaten (New York, New Jersey, Connecticut) auch heute noch be¬
sonders hartnäckig ist, dass man dort noch immer eifrig bemüht ist, die
Stimmung des Volkes ins Gegenteil zu verkehren und eine Revision des
Gesetzes vorzubereiten, und dass die meisten Nachrichten, die unsere
deutsche Presse bringt, aus New York stammen6). Auch ist es zweifel¬
los richtig, dass grosse und einflussreiche amerikanische Zeitungen (z. B.
der New York Herald) noch immer Gegner des Verbotes sind, und wer
jdas amerikanische Pressewesen kennt, weiss, dass dabei mit starken
und bedenklichen Mitteln gearbeitet wird. Andererseits wird kritische
Vorsicht gebieten, auch nicht nur die Berichte der alkoholgegnerischen
{Organe als Quellen zu benützen, die im Stolz über das Erreichte, viel¬
leicht ohne es zu wollen, manche Mängel und Schattenseiten zu wenig
beachten und mit dem tatenfrohen Optimismus eines jungen Volkes, in
dem sich kluger Geschäftssinn in wunderlicher Weise mit dem Eifer des
Weltbeglückers paart, bereits die Losung ausgegeben haben, nunmehr
müsse die „ganze Welt“ vom Feinde Alkohol befreit werden, wozu bei
den Frauen noch die Hoffnung hinzutreten soll, einen gleich erfolg¬
reichen Feldzug gegen den Tabak eröffnen zu können. Nach allge¬
meinen Gesetzen der Psychologie wird man — das darf wohl gesagt
werden — annehmen dürfen, dass die Bekämpfung und Verleumdung
von seiten der um ihre Profitrate betrogenen Verbotsgegner weniger
skrupulös arbeiten wird als die selbstlose Befreiungsarbeit der Verbots-
ireunde, denen es nur um die Rettung ihres Volkes von den Uebeln der
Trunksucht zu tun ist. Nach' den Erfahrungen, die wir in Deutschland
mit den Machenschaften des Alkoholkapitals gewonnen haben, sind wir
berechtigt, alles, was unsere deutsche Tagespresse über die ameri¬
kanischen Verhältnisse kundgibt, mit grösster Vorsicht zu betrachten.
Wir müssen uns nach zuverlässigeren Gewährsmännern umtun, wenn
wir ein klares Bild der wirklichen Sachlage gewinnen wollen. Ich will
versuchen, aus dem bunten Gewirre der Nachrichten das zusammen¬
zustellen, was mir am meisten Glauben zu verdienen scheint.
Eines ist hatürlich vorauszustellen: es kann keine Rede davon sein,
fass es heute in Amerika keinen Alkohol mehr gebe. Die trinkfrohen
Teile der amerikanischen Bevölkerung sahen das Verbot schon lange
ierankommen (vergl. die oben geschilderte Geschichte seiner Ent¬
stehung in den Jahren 1913 — 1920) und hatten Zeit sich vorher gehörig
„einzudecken“, und sie haben dies auch getan. Wer ferner aus den
Erfahrungen des Lebens weiss, wie hartnäckig der Trinker seine Ge¬
5) Der Arbeiterstreik des deutschen Brauers Böhm mit der Parole
„no beer no work“ misslang völlig.
8) ln NewYork hat auch die „Association Opposed to National Pro-
libition“ ihren Hauptsitz.
wohnheit verteidigt und wieviel Widerstand an sich schon jeder staat¬
liche Zwang bei den Menschen hervorzurufen pflegt, der muss sich
sagen, dass ganz sicher auch in Amerika trinkfreudige und trunksüchtige
Menschen Mittel und Wege gefunden haben und noch immer finden, um
sich das unentbehrliche Genussmittel zu verschaffen 7). Die Herstellung
von Likören verlangt keinen grossen, nach aussen hin auffälligen
Apparat, das Rohmaterial für solche Liköre kann in unanfechtbarerWeise
in die Wohnung des einzelnen gebracht werden; es liegt also wohl auf
der Hand, dass der Hausbrand nach der Schliessung aller Brennereien
und Brauereien, aller Wirtschaften und Bars zunächst mancherorts eine
Zunahme erfahren musste. Auch ist es a priori wahrscheinlich, dass die
gelegentliche Mitteilung der Presse, es sei in Amerika beim heimlichen
Hausbrand zur Herstellung gesundheitlich schädlicher Formen
alkoholischer Getränke (Methylalkohol) gekommen, die mehr schaden
als das früher genossene Bier, einen Kern von Wahrheit in sich bergen
kann 8 *). Endlich soll nicht verkannt werden, dass ein staatliches Verbot,
das auf den entschlossenen Widerstand zahlreicher Bürger stösst, dessen
Uebertretung aber strenge bestraft wird, zur Heuchelei der heim¬
lichen Sünder führen kann, und dass die Wirkung des Verbotes bis¬
weilen auch die sein kann, dem Reichen auf unlauteren Wegen die Be¬
schaffung des Genussmittels zu ermöglichen, während der Unbemittelte
schwer tut, sich die heimlich vertriebene und natürlich sehr verteuerte
Ware noch zu beschaffen. Bestechung der Aufsichtsbeamten wird
in einem Lande gewiss nicht fehlen, in dem schon bisher oft und viel
über die Bestechlichkeit dieser Kreise geklagt wurde. Wir haben ja
bei uns in Deutschland in den Jahren der Rationierung der lebens¬
notwendigen Dinge unsere eigenen Erfahrungen über die Schwächen
der Menschennatur machen können, und es ist anzunehmen, dass ein
trinkfroher Amerikaner den gewöhnten Alkohol fast gerade so schmerz¬
lich vermissen wird, wie wir die lebenswichtigen Nahrungsmittel in den
Jahren der Blockade und Unterernährung. Andererseits ist erst kürzlich
von einem psychologisch urteilsfähigen Besucher Nordamerikas s) darauf
hingewiesen worden, dass die Mehrzahl der Amerikaner den Standpunkt
vertrete, dass, nachdem einmal das Gesetz bestehe und durch die Mehr¬
heit des Volkes beschlossen sei, es die Pflicht des einzelnen sei, es auch
anzuerkennen und zu halten. Wer ihm nicht zustimmen könne, müsse
dies auf dem gesetzlichen Wege der Beeinflussung des Volkes zur
Aenderung des Gesetzes tun.
Amerika ist seit der Einführung des Verbotes von zuverlässigen
Männern des europäischen Kontinents besucht worden, die sich speziell
um die Erforschung der Wirkung der Prohibition bemühten. Ich nenne
hier in erster Linie den Schweizer Dr. Hercod10) und den Engländer
Saleeby11), ferner den schon oben erwähnten Prof. Dessauer,
auch den Engländer J. Fraser, den Holländer Don 12). Ausserdem
haben vertrauenswürdige Amerikaner uns in Amerika eingehende
Schilderungen der derzeitigen dortigen Verhältnisse entworfen und uns
die inzwischen erwachsene amerikanische Literatur über die Wirkungen
der Prohibition übermittelt. Meine Ausführungen stützen sich auf alle
diese Quellen und sind mit kritischer Vorsicht zusammengestellt. Um
die Wirkungen des amerikanischen Verbotes richtig zu bewerten, muss
man sich immer vor Augen halten, dass dieses Verbot in den ver¬
schiedenen Einzelstaaten schon seit ganz verschieden langer Zeit in
Wirksamkeit steht und nur in wenigen Staaten erst seit 2 Jahren
Gültigkeit hat. Kansas ist seit 1881 trockengelegt und dessen Gouver¬
neur Henry J. Allen konnte von einer bedeutenden Hebung der wirt¬
schaftlichen Wohlfahrt, der allgemeinen Ernährung, der gesellschaft-
schaftlichen Lebensbedingungen, der Moral der Bevölkerung, von einer
Abnahme der Verbrechen, einer Ausleerung der Gefängnisse, von einem
Verschwinden der Armut und des sozialen Elends berichten und seine
Gesamtauffassung dahin zusammenfassen, die Stimmung sei heute, man
könne sagen, einmütig für die Prohibition. Von ähnlicher Erfahrung
berichtet der Gouverneur von Mississippi, Theo G. B i 1 b o, und der
von Nord-Karolina, Thomas W. Bickel (beide Staaten seit 1909
trocken). Letzterer schreibt: „Die Frage der Prohibition ist in Nord-
Karolina keine Frage, über die man verschiedener Meinung sein könnte:
Es gab hier viele hervorragende Persönlichkeiten, die früher dagegen¬
gewesen sind; sie alle sind jetzt von der Weisheit und der Wirkung des
Gesetzes überzeugt.“ Aber auch Staaten mit noch viel jüngerer Er¬
fahrung berichten bereits über erstaunliche Wirkungen. So schreibt
der Gouverneur von Utah (seit 1. VIII. 1917 trocken): „Der straffällige
Teil unserer Bürgerschaft hat sich verringert. Das Volk ist glücklicher.
7) Bemerkenswert ist der Eindruck, den Lord Leverhulme im
Winter 1919/20 von Amerikas Stellung zum Alkoholverbot gewann: die unge¬
heure Mehrzahl des Volkes stehe auf seiner Seite, nur sehr selten habe
jemand protestiert. Ein Umschwenken der Politik liege sehr ferne. Der
amerikanische Admiral Sims erklärte bei einem Besuche in England einem
Berichterstatter der „Times“, dass trotz allem Schmuggel nicht 1 Proz. der
Alkoholmenge getrunken werde, die man vor dem Verbot verbrauchte.
Gleicher Meinung ist der englische Journalist Harold Spencer (West-
minster Gazette 1921).
s) Aus diesem Grunde ist z. B. nach einer Zeitungsnachricht Dr. W.
Wallace Fritz für die Freigabe leichter Biere und Weine unter Regierungs¬
aufsicht eingetreten.
9) Fr. Dessauer: Der Amerikaner und sein Staat. Frankf. Ztg.
Nov. 1921.
10) R. Hercod: Das Alkoholverbot in den Vereinigten Staaten. Die
Alkoholfrage 16, S. 25.
u) C. W. Saleeby: Die Wahrheit über das Alkoholverbot in den
Vereinigten Staaten. Uebersetzt: Die Alkoholfrage 15, H. 4. 1919. (Ernste
Warnung an England, nicht Zurückbleiben.)
12) A. Don: Die Umwälzung in Amerika infolge des Alkoholverbots
nach Augenzeugen. Utrecht. (Holländisch.)
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
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Es wird jetzt mehr (leid für ordentliche Zwecke ausgegeben. Die
Rechnungen werden jetzt besser bezahlt. Von der Arbeiterschaft
wird jetzt mehr Hausrat erworben. Und wenn man über die Angelegen¬
heit heute ein Referendum veranstalten würde, so glaube ich, Utah
würde sich so einstimmig iiir die Prohibition erklären, wie das in einem
Staate überhaupt möglich ist.“ Noch enthusiastischer klingen manche
Aeusserungen aus neuester Zeit. Wir lesen von Dr. Be van, dem
Herausgeber der Zeitschrift der amerikanischen Gesellschaft der Aerzte,
(in der 81 000 Mitglieder zusammengefasst sind) die Ueberzeugung.
er halte das Alkohoiverbot für das Grösste, was sich je in Amerika er¬
eignet habe. Und von dem Direktor der Handelshochschule in Brooklyn
wird die Ansicht berichtet: „Ueberhaupt ist das Alkoholverbot der
grösste Kulturfortschritt, der in tausend Jahren errungen worden ist.“
Der Leiter eines Bergwerkes schreibt: „Ich bin selbst kein Enthaltsamer
gewesen, aber ich bin vollkommen überzeugt, dass für unseren Land¬
strich das Verbot die grösste Wohltat ist, die ich je während meiner
ganzen industriellen Laufbahn miterlebt habe.“ Eine amerikanische Zei¬
tung, die „Neshville Tennessean“ bricht in den pathetischen Ruf aus:
„Amerika wird trocken bleiben, bis der letzte Ton der trompete des
Engels Gabriel verklungen sein wird.“
Den Volkswirtschaftler wird vor allem die Frage interessieren,
welche wirtschaftliche Folgen die plötzliche, zwangsweise
vorgenommene Schliessung aller Schenken, Brauereien und Brenne¬
reien ohne Bezahlung irgendeiner staatlichen Entschädigung an die Be¬
troffenen gehabt hat. Wer heute in Deutschland gegen die Trinksitten
auftritt, bekommt von den Vertretern des Akoholkapitals die bittersten
Vorwürfe, dass er in Zeiten grosser wirtschaftlicher Notlage eine In¬
dustrie und ein Gewerbe vernichten wolle, das Hunderttausende er¬
nähre und dessen Schliessung unsagbares wirtschaftliches Elend zur
Folge haben müsse. Es ist deshalb von hohem Interesse nachzufor¬
schen, wie es sich damit in Wirklichkeit in Amerika verhielt. Ernest
Cherrington, der Generalsekretär des Weltbundes gegen den
Alkoholismus, hat auf dem internationalen Kongress in Lausanne
(August 1921) über diese Fragen sehr lehrreiche Mitteilungen gemacht.
Er betonte zunächst, dass ja das Verbot für die amerikanische Alkohol¬
produktion keineswegs überraschend kam, sondern sich schon jahrelang
vorbereitete. Die Alkoholindustrie, die 1914 einen Wert von 1000 Mil¬
lionen Dollars darstellte. 72 000 Menschen mit der Herstellung und
206 000 mit dem Vertrieb geistiger Getränke beschäftigte, hatte also Zeit
sich einzurichten und hat dies auch getan. Auch waren ja schon viele
Staaten vor dem Januar 1920 alkoholfrei geworden. 34 Staaten hatten
für ihr Gebiet schon vor 1919 Verbotsgesetze angenommen gehabt.
Mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Staaten hatte
schon über 20 Jahre unter Verbotsbestimmungen gelebt, ehe der
18. Zusatz zur Bundesverfassung endgültig angenommen wurde. Als
am 1. Juli 1919 das Kriegszeitverbot in Wirkung trat, führte es zum
Schluss von 177 790 Alkoholvertriebsstellen, 669 Brauereien und
74 Brennereien. Ein Jahr vorher hatten noch 1092 Brauereien und 236
Brennereien bestanden, von denen nun sehr viele in Erwartung des
kommenden Reichsverbotes auf andere Betriebe umgestellt worden
waren. Besonders interessant sind die Erfahrungen in Peoria (Illinois),
dem vorher grössten Schnapsfabrikationszentrum der Welt, und in Louis-
ville (Kentucky). Dort sollen jetzt noch mehr als 40 Millionen Gallonen
Whisky unter Zollverschluss lagern, die weder zu Trink- noch zu Aus¬
fuhrzwecken weggebracht werden dürfen. Sie dürfen nach dem Gesetz
nur zu ärztlichen, mechanischen, chemischen, arzneilichen und gewerb¬
lichen Zwecken verwendet werden. Mit dem Eintritt des Alkohol¬
verbotes wurden 13 grosse Brennereien in Peoria von einer grossen
Nahrungsmittelgesellschaft übernommen und unter Aufwand eines
grossen Installationskapitals für andere gewerbliche Zwecke umgewan¬
delt (gewerblicher Alkohol, Viehfutter, Weizenmehl, Rohsirup, Maisöl,
Hefe, Eingemachtes, Gelees, Marmeladen, Weinessig). Während früher
in diesen Brennereien 1000 Menschen beschäftigt waren, finden jetzt
in den gleichen Räumen 4000 Menschen ihre Arbeit und deren Lohn
ist höher als der der früheren Brenner 13). Aehnliches geschah mit den
13) Nr. 7 der L’abstinence vom 1. V. 1920 berichtet, dass von 526 nord¬
amerikanischen Gewerkschaften sich 345 für, 143 gegen das Staatsverbot
aussprachen, während 38 eine zweifelnde Stellung einnahmen.
Von Interesse ist das Urteil einer Handelskammer über
das amerikanische Alkoholverbot. Die Handelskammer in
Manchester fragte bei der englischen Handelskammer in den
Vereinigten Staaten an, was sie vom geschäftlichen Standpunkt aus
vom Alkoholverbot halte. George M. M a s s e y, Sekretär der letzteren
Handelskammer, antwortete darauf:
„. . . Wir sind imstande, Ihnen einige Feststellungen mitzuteilen, die
v als zuverlässig ansehen. . . . Wir werden . . . uns auf die wirt¬
schaftlichen Wirkungen des Verbots beschränken. Von allen
grösseren Fabrikorten laufen Berichte ein, die eine Erhöhung der Leistungs¬
fähigkeit feststellen: das Nichterscheinen zur Arbeit ist merklich seltener ge¬
worden, und Arbeiter, die nach der Zeit bezahlt werden, arbeiten länger.
Ueberhaupt zeigt sich mehr Wirtschaftlichkeit in den Betrieben. Auch die
Zahl der Unfälle ist kleiner geworden und eine günstigere „Arbeitsstimmung“
macht sich fühlbar. Einen schlagenden Beweis für die Besserung der Stim¬
mung unter den Arbeitern bilden die in vollkommener Ordnung durchge¬
führten Streiks der letzten Zeit und die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern, die friedlicher als früher vor sich gingen. Ein „verderb¬
licher“ Einfluss weniger im Spiele. Im ganzen Lande wird von einer Zu¬
nahme der Verkäufe der Geschäftsläden berichtet, sowie von einer Erhöhung
der Kaufkraft und einer Besserung im Eingang ausstehender Schulden. In
den Industriegebieten verzeichnen die Sparkassen eine Zunahme der Einlagen
und eine Abnahme der zurückgezogenen Guthaben. Obwohl die Eisenbahn¬
angestellten in bezug auf Nüchternheit und Zuverlässigkeit schon früher
Brauereien in den nordamerikanischen' Grossstädten, in denen jetzt
namentlich Zuckerwerk, Zuckerersatz, Eiscreme, Malz- und anderer
Sirup für Brot und Kuchen, Schokolade, Fleischkonserven, aber auch
ganz andere Dinge, wie Motorräder, Oefen, Papier hergestellt werden.
Einzelne Brauereien wurden in Raffinerien, Baumwollspinnereien, Ge¬
frieranstalten, Fischräuchereien, Druckereien, einzelne zu Kranken¬
häusern oder Schulen umgewandelt. Aus der grössten Brauerei in Cin¬
cinnati wurde die grösste Tuchfabrik der Welt, aus der National-Capital-
Brauerei in W a s h i n g t o n wurde eine Eiscremefabrik mit dreimal
grösserem Personal und Umsatz. Die grosse Anhäuser-Buschsche ;
Brauerei in St. Louis (Missouri) stellt heute nur noch alkoholfreie Ge¬
tränke her und erzeugt dabei einen grösseren Gewinn als früher. Der
grösste Hotelbesitzer Amerikas. S t a 1 1 1 e r, gibt die gute Wirkung des
Verbotes zu und ein anderer grosser Hotelbesitzer (Tracey D r a k e)
ist zu der Ueberzeugung gekommen, dass das Hotelgeschäft mit der
Einführung des Alkoholverbotes auf eine bessere und gesündere Grund¬
lage gestellt worden sei. Die Umwandlung der Schankstätten und
Kneipen in alkoholfreie Wirtschaften ist heute wohl sicher noch nicht
restlos vollzogen, sondern es wird hier heimlich noch viel gesündigt.
Aber trotzdem scheint der Gesamteindruck der zu sein, dass auch hier
ernste wirtschaftliche Schädigungen vermieden werden konnten, dass
es für die überwiegende Mehrzahl aller früheren Alkoholschenken ge¬
lang, sie einer anderen Verwendung zuzuführen und dabei ihre Ver¬
zinsung häufig zu erhöhen (Zuckerläden, Schnittwarengeschäfte, Eis- .
cremestuben, Sodawasserverkaufstätten, Speisewirtschaften, Kleider¬
geschäfte, Drogerien, Cafes, Zigarrenläden, Fleischereien, kleine Fabri¬
ken etc.). Cherrington konnte seinen Bericht mit der Versiche¬
rung schiessen, dass das Alkoholgewerbe in Amerika zwar noch nicht
ganz tot sei, dass es aber im Sterben liege “), dass an seine Stelle
blühende gesetzmässige Gewerbe getreten seien und dass die Bevölke¬
rung den Gewinn davon habe. Alle düsteren Prophezeiungen von
schweren wirtschaftlichen Schädigungen, grosser Arbeitslosigkeit etc.
seien nicht eingetroffen. Auch aus zahlreichen amerikanischen Mit¬
teilungen, die ich selbst einsehen konnte, geht hervor, dass in der Tat
die Umstellung der Alkoholproduktion in andere Betriebe überraschend
gut gelang, dass ferner der Preis der kalifornischen Traube 1920 nicht
sank, sondern erheblich stieg. Die 170 000 acres W e i n 1 a n d (1 acre
= 40,5 Aar) sind durch das Verbot alkoholischer Getränke keineswegs
ruiniert worden, die Herstellung alkoholfreier Weine, das Trocknen der
Trauben, ihre Verarbeitung zu eingemachten Früchten, zu Sülzen und
anderen Dauerwaren, die umfangreiche Herstellung von Fruchtsäften
traten an die Stelle der früheren Weinbereitung. Noch überraschender
ist die Mitteilung, dass selbst der Hopfenpreis nach Inkrafttreten des
Verbotes gestiegen ist. Alkoholarme Biere (von weniger als 34 Proz.
Alkohol) verlangten den Hopfen, ein anderer Teil wurde zur Her¬
stellung von Trockenhefe verwandt, ein nicht unbeträchtlicher T eil
ging freilich auch nach Europa, von wo eine stärkere Nachfrage kam.
Für die A e r z t e w e 1 1 sind nun vor allem die Erfahrungen wich¬
tig, die man in Amerika mit dem Verbot auf sozialhygienischem
Gebiete machte. Die Mitteilungen lauten allgemein dahin, dass im Ge¬
folge des Verbotes der Wohlstand des Volkes zunehme, die Spar¬
kasseneinlagen rasch ansteigen, die Arbeitsleistungen wachsen, Arbeits¬
versäumnisse (blauer Montag) und Betriebsunfälle viel seltener
werden. Die Industrie hat im Lande des Taylorsystems erkannt,
dass der nüchterne Arbeiter in der Zeiteinheit mehr und bessere Arbeit
leistet als der trinkende; sie unterstützt deshalb das Verbot schon aus
rein geschäftsmännischen Gründen. Die Armenlasten der Gemeinden
sinken, der Umsatz vieler Geschäfte (Kleidung, Nahrungsmittel) steigt
infolge Hebung der Kaufkraft der breiten Volksmassen, es werden mehr
Bücher gekauft, mehr Zeitschriften gelesen, es wird mehr Sport als
früher getrieben. Das Familienleben ist besser geworden, die Kinder
sind besser gekleidet und sehen gepflegter aus, die Männer haben
den Gang in die Kneipe verlernt, die Betrunkenheit ist aus dem öffent¬
lichen Leben verschwunden. Die Prostitution ist zurückgegangen, Ehe¬
brüche und Ehescheidungen sind seltener geworden. Die Lohnschecks
werden nicht mehr in den Wirtschaften eingelöst. Die Verhaf¬
tungen wegen Trunkenheit haben sogar in den grossen
Städten des Ostens, wo der Widerstand gegen das Gesetz noch am
grössten ist, ganz bedeutend abgenommen. Die amerikanische Presse
bringt darüber viel kasuistisches Material. Philadelphia hatte vom
1. I. 1919 bis 31. III. 1920 8900 Verhaftungen wegen Trunkenheit, im
höher standen als die übrigen Arbeiterklassen, so ist dennoch nach dem
Verbote unzweifelhaft eine Zunahme der Leistungsfähigkeit bei denjenigen
Angestellten festgestellt worden, die mit der Instandhaltung und Ausbesserung
des rollenden Materials beschäftigt sind. — Auch manche mittelbare Ge¬
winne hatte das Verbot zur Folge; unter ihnen sei die Besserung der
sozialen Verhältnisse in vielen unrühmlich bekannten Stadtteilen übervölkerter
Grossstädte genannt.
Wenn die gegenwärtige Gesamtlage mit ihrer Arbeitslosigkeit ins Auge
gefasst wird, so muss anerkannt werden, dass die Wohltätigkeitseinrichtungen
und Strafanstalten nicht gerade in besonderer Weise in Anspruch genommen
werden. Wenn Einrichtungen für die Arbeitslosen, wie Suppenverteilung usw.,
sozusagen unbekannt sind, so ist darin zu einem grossen Teil eine Wirkung
des Verbots zu sehen. Wer die Lage in den Vereinigten Staaten im ganzen
nach den vertrauenswürdigen Berichten, die von den grösseren Industrie¬
bezirken, von Banken, Eisenbahnen, Bergwerken und Verkaufsläden ein-
laufen, beurteilt, kann nicht bestreiten, dass das Alkoholverbot sich auch als
wirtschaftliche Kraft erwiesen hat.
14) Man kann ermessen, was dies heisst, wenn man erfährt, dass 1915
in der Union noch mehr als 100 Millionen Gallonen Getreide, 152 Millionen
Gallonen Melasse, 55 Millionen Gallonen Traubenzucker zur Schnapsfabrikation
dienten.
3. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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gleichen Zeitraum 1920 nur 2200. In New York soll die Zahl der
Verhaftungen wegen öffentlicher Trunkenheit von 14 792 im Jahre
1915 auf 5813 im Jahre 1920 herabgegangen sein. Boston wies an¬
geblich im Juli 1918 3782 solcher Verhaftungen auf, dagegen im Juli
1919 nur 669. In St. Louis fiel die Zahl in der Zeit vom 1. I. 1920
bis zum 30. XI. 1920 im Vergleich zur gleichen Zeit des Vorjahres von
2605 auf 691. Besonders genaue Zahlen liegen von der Grossstadt
Detroit vor. Darnach nahm im ersten „trockenen“ Jahr (1918/19)
im Vergleich zum letzten „nassen“ Jahr (1917/18) die Zahl der Gesamt¬
verhaftungen um 54 Proz. ab, die Zahl der Mordtaten um 43 Proz.,
die der Angriffe auf Personen um 40 Proz.. die der unerlaubten Bette¬
lei um 90 Proz., die der gewaltsamen Diebstähle um 35 Proz. die der
Prostitution um 64 Proz., die der Haltung von Bordellen um 48 Proz., die
der Friedensstörungen um 52 Proz. und endlich die der Aufnahmen ins
Zuchthaus um 54 Proz. Die Aufnahmen in die Anstalt für Obdachlose
sanken um 26 Proz., die Fälle der Unterstützung mit Nahrungsmitteln
und Kleidung um 25 Proz. (nach Hercod). Der Bürgermeister
Couzotrs in Detroit berichtet: „Am 1. Mai 1918 wurden 1200 Knei¬
pen automatisch geschlossen durch das Einziehen der Konzessionen,
infolge davon haben sich die Vergehen in Detroit um 60 — 70 Proz.
verringert. Die Jugendwohlfahrt hat einen Aufschwung genommen,
welche Millionendollarstiftungen nicht hervorbringen konnten.“ In ein¬
zelnen Staaten konnten mehrere Gefängnisse geschlossen werden, weil
sie — keine Gefangenen mehr hatten! Gleiches gilt von vielen Trinker¬
heilanstalten. Die Heilsarmee, die sich ja der Betrunkenen in Amerika
besonders annimmt, sieht ihr Arbeitsgebiet erheblich verringert, die
verwahrlosten Trinker treten im öffentlichen Leben immer mehr zu¬
rück. Derartige Mitteilungen bringen die amerikanischen Blätter in
grosser Menge, ohne dass es uns hier in Deutschland immer möglich
wäre, die Zuverlässigkeit der Quellen zu beurteilen. Dass die spezifisch
alkoholischen Krankheiten unter den Alkoholverboten rasch
abnahmen, lag auf der Hand. Auch hierüber liegt ein grosses Zahlen¬
material vor. F. Gösch hat einen Teil desselben kürzlich zusammen¬
gestellt („Volksgesundheit und Alkoholverbot“, als Flugschrift mir zu¬
gestellt). Sein Material entstammt der schweizerischen Zeitschrift
„Freiheit“, die sich auf amtliche amerikanische Quellen bezieht. Dar¬
nach s t a r b e n in den Jahren 1913 — 1917 in der Stadt New York auf
1000 Lebende 14,594, dagegen 1920 nur noch 12,93, in den ersten
28 Wochen des Jahres 1921 nur 12.1. Davon starben an Lungen¬
tuberkulose in den -Jahren 1913/17 durchschnittlich auf 1000 Ein¬
wohner 1,67. dagegen 1920 nur 1,09. Die Sterbefälle an Br ight scher
Krankheit nahmen um 26 Proz. ab, die gewaltsamen Todesfälle um
16,8 Proz. Um der falschen Behauptung entgegenzutreten, dass das
Alkoholverbot , zu einer bedeutenden Steigerung des Missbrauchs mit
anderen Narkotika führe (Opium, Morphium, Heroin, Kokain), wurde
ermittelt, .ob eine Vermehrung der Todesfälle infolge. Gebrauchs von
Apothekerwaren eingetreten sei; es ergab sich: 1918 waren es 65.
1919 nur 56, 1920 nur noch 43. Die Neuanmeldungen von G e -
schlechtskrankheiten in New York waren in den beiden ersten
Verbotsjahren im Vergleich zu den beiden Vorjahren um 14 Proz.
zurückgegangen. Aus Boston wird berichtet, dass die Todesfälle
an Alkoholismus in den Jahren 1915 — 1919 jährlich im Durch¬
schnitt 130, im Verbotsjahr 1919/20 24, im Jahr 1920/21 40 betrugen.
Die Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang sanken von 695 im
Mittel der Jahre 1915/19 auf 477 im Verbotsjahr 1920/21. Die Selbst¬
morde gingen von 128 im Mittel der Jahre 1915/19 auf 72 im Ver¬
botsjahr 1920/21 zurück. Die Sterblichkeit von 24 Grossstädten der
Vereinigten Staaten betrug in den Jahren 1912/17 im Mittel 14,88 auf
1000, 1920 dagegen nur noch 13,82. Muss es bei diesen Daten immer¬
hin zweifelhaft bleiben, welchen Anteil an dem jeweiligen Rückgang
der Zahlen dem Alkoholverbot allein zukommt, so sprechen andere
Zahlen eine eindeutigere Sprache, ln der Grossstadt Detroit be¬
trug nach der amtlichen Gesundheitsstatistik die Zahl der Todesfälle
infolge Trunksucht 1917/18 107, dagegen 1918/19 nur noch 19,
die Zahl der Todesfälle an Leberzirrhose 1917/18 noch 90, da¬
gegen im Jahr darauf nur 80; die Zahl der tödlichen Unfälle 1917/18
736. im Jahr darauf 595. In Boston starben 1916 203 Personen
am Delirium tremens, 1919 nur noch deren 24. Noch grösser war die
Abnahme der Alkoholerkrankungen in Grand Rapids. In den Kranken¬
häusern New Yorks betrug die Zahl der wegen Alkoholismus auf¬
genommenen Geisteskranken 1909 10,8 Proz. der Aufnahmen, im Jahre
1920 dagegen nur noch 1,9 Proz. Dabei handelt es sich hier um recht
grosse Zahlen (Gesamtzahl der in den letzten 12 Jahren in die Irren¬
anstalten des Staates New York aufgenommenen geisteskranken Alko
holiker 12 371 Männer und 3248 Frauen). Der Chef des allgemeinen
Krankenhauses von Philadelphia. Dr. Deane, hatte früher eine jähr¬
liche Aufnahme von etwa 300 Alkoholikern, seit Einführung des Ver¬
botes deren nur noch 15 — 20. In den Werkstätten der Heilsarmee
waren vor dem Kriege rund 19 000 alkoholisch gestrandete Existenzen;
ihre Zahl war schon im Kriege auf 6 — 7000 zurückgegangen und jetzt
sollen sie ganz verschwunden sein15). Der Engländer Saleeby tritt
der in der Presse aufgetauchten Behauptung entgegen, dass die Aerzte
Amerikas dem Verbot gleichgültig oder feindlich gesinnt seien. Die
in der „American Medical Association“ zusammengeschlossenen
81 000 Aerzte verwerfen die geistigen Getränke von jeder Stärke für
gesunde und kranke Tage16). Dem steht freilich die immer wieder
auftretende Meldung entgegen, dass die Aerzte von dem Rechte der
Verschreibung von Alkohol in Rezeptform sehr ergiebigen Gebrauch
15) Mitteilung des Obersten der Heilsarmee, William P e a r t, in den
NewYork Times.
machen. Eine derartige Nachricht findet sich auch in der D.m.W.
1921 Nr. 33 S. 968 aus New York (ohne genauere Quelle), worin be¬
hauptet wird, dass 45 000 Aerzte im Laufe eines Jahres 13 800 000
Alkoholatteste ausgestellt haben sollen, wobei also auf einen Arzt
im Jahre 306 Atteste kommen würden. Dem steht die Mitteilung des
„National Advokate“ vom Juni 1921 gegenüber, dass überhaupt nur
29 Proz. der Aerzte um die Erlaubnis eingekommen seien, berauschende
Getränke zu verschreiben und dass der Gebrauch von solchen als Heil¬
mittel beim Aerztestand nur wenig Anklang und Wertschätzung ge¬
funden habe. Neuere Mitteilungen' besagen, dass die ärztliche Ver¬
schreibung von Eier neuerdings überhaupt nicht mehr gestattet sei,
sondern nur noch von Wein und Whisky, und die ärztlichen Stimmen
mehren sich, die von einer Alkoholtherapie überhaupt nichts mehr
wissen wollen. Immerhin wäre es doch voreilig anzunehmen, dass die
ganze amerikanische Aerzteschaft schon für die Totalabstinenz bei sich
und ihren Kranken gewonnen sei. Dies scheint noch durchaus nicht
der Fall zu sein, wie denn überhaupt zu sagen ist, dass auch in Amerika
die Masse der Aerzte keineswegs die Führer im Kampfe gegen den
Alkohol waren, eine Erfahrung, die sich ja auch mit der anderer Länder
deckt.
Zusammenfassend ist zu sagen : Der soziale Alkoholismus
ist aus den Vereinigten Staaten verschwunden. Die Trunkenheit ist
selten geworden und wird noch seltener werden, wenn erst einmal die
Vorräte aufgebraucht sein werden, die heute noch aus der Zeit vor dem
Verbote vorhanden sind. Der Schmuggel ist teuer und gefährlich. Die
Neuproduktion gerät unter die immer schärfere Kontrolle der verbots¬
feindlichen Staaten; die leidenschaftliche Opposition der volkreichen
Oststaaten und namentlich der Grossstädte hat bisher noch keinen
amtlichen Erfolg aufzuweisen. Der materielle, ethische und gesund¬
heitliche Gewinn ist um so grösser, je strenger das Verbot genommen
und durchgeführt wird. Seine Uebertretungen sind da am seltensten,
wo das Verbot schon lange besteht, dagegen da noch sehr häufig, wo es
erst vor kurzem und nur widerwillig angenommen wurde (NewYork,
Chicago, San Francisco). Der Strom der Einwanderer, die noch an den
Genuss geistiger Getränke gewohnt sind, macht die Durchführung
namentlich in den Staaten der Ostküste schwierig. Aber auch hier ist
der Erfolg schon in so kurzer Dauer augenfällig, wie die mitgeteilten
Zahlen aus NewYork. Boston und Philadelphia beweisen. Die Um¬
stellung der grossen Alkoholindustrie geschah ohne nennenswerte Er¬
schütterungen des wirtschaftlichen Lebens, obwohl von „Entschä¬
digungen“ keine Rede war. Eine vermehrte Arbeitslosigkeit trat aus
diesem Grunde nicht ein. Der Sieger des blutigen Völkerringens, heute
schon der Gläubiger der ganzen Welt, hat im freien Volksentscheid den
Alkohol aus seinen Grenzen verbannt und dadurch seinen Wohlstand,
seine Gesundheit, seine Moral und seine wirtschaftliche Leistungs¬
fähigkeit erheblich gesteigert.
Und wir? Wir haben im Jahre 1921 nach vorsichtiger
Schätzung 18 bis 20 Milliarden Mark für geistige Getränke aus¬
gegeben, unsere Alkoholmorbidität ist wieder in raschem Anstieg
begriffen; der Verbrauch an ausländischen Weinen und Likören
steigt von Monat zu Monat, wir holen den französischen Kognak eisen¬
bahnwagenweise aus Frankreich herüber, die Flasche zu 270 und mehr
Mark. Wir können uns nicht selber ernähren, sondern müssen das
lebensnotwendige Getreide bei schlechter Valuta vom Auslande ein¬
führen und dafür Milliarden bezahlen, aber wir geben gleichzeitig grosse
Flächen wertvollsten Bodens für den Anbau von Rohstoffen für die
Brenner und Brauer her. Kartoffeln, Getreide. Obst — Dinge, an denen
wir Mangel leiden — werden zu einem hohen Prozentsatz zu Brno- und
Brennzwecken verwandt, und das Alkoholkapital verlangt eine immer
höhere Quote. Unsere Reichsregierung kann es mit ihrem Gewissen
vereinen, die Notlage ihrer Beamten dadurch zu vergrössern. dass sie
ihnen auf amtlichem Wege den Kauf von Branntwein aus den Beständen
des Reiches empfiehlt, und zwar an die Beamten der Eisenbahn und der
Post, just also solcher Betriebe, deren geringe Rentabilität den Gedanken
nahelegen sollte, eine Steigerung der Leistung dieser Beamten anzu¬
streben. Aber nein, die Eisenbahnstation Gumbinnen gibt ihrer Be¬
amtenschaft den Erlass des Reichsschatzministers vom 23. Juli 1921 über
die Verabreichung von Trinkbranntwein an die Beamten. Angestellten
und Arbeiter der Behörden weiter und fügt sachverständig bei: „Der
Branntwein ist von sehr guter Beschaffenheit und kostet 38.45 M. pro
Liter ab Magazin.“ Dit'ficile est satiram non scribere. Wprn das
deutsche Volk und seine Regierung nicht bald zur Einsicht kommen, dass
der Weg. der hier betreten1 wird, zum Untergang führt, dann ist das
Schicksal unseres Vaterlandes besiegelt: dann verkommt unser ver¬
armtes, in die Knechtschaft geratenes Volk im Elend der Unfreiheit und
in der Narkose des Alkoholismus. Mögen wir es auch auf vielen anderen
Gebieten mit Recht ablehnen, von Amerika lernen zu wollen: auf dem
Gebiete der Bekämpfung des grössten Feindes eines Volkes, des
Alkohols, kann es uns vorbildlich sein und es hat uns den Weg gezeigt,
der allein zum Ziele führt: die Erziehung der Jugend zur Selbstverständ¬
lichkeit eines Lebens ohne Alkohol. Schon vor 12 Jahren konnte
Prof. Max Meyer von der Universität Missouri, an der er wirkte,
sagen, dass dort bei den 2500 Studenten alle Festlichkeiten ohne jeden
Gedanken an den Genuss geistiger Getränke verlaufen und dass ein
18) „We believe that the use of alcohol as a beverage is detrimental
to tlre human econoniv, and its use in therapeutics, as a tonic or as a
stirriulant or as a food, has no scientific basis. Therefore be it resolved,
that the American Med. Ass. opposes the use of alcohol as a beverage and
he it further resolved, that the use of alcohol as a therapeutic agent should
be discouraged.“
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
168
Bierkommers dort etwas ganz Unvorstellbares sei. Auch ich
habe mich bei meinen verschiedenen Besuchen in Amerika (1906. 1908,
1910) davon überzeugt, dass die gebildetem und fortgeschrittenen Kreise
schon damals den Alkoholgenuss zum grossen Teil völlig ab¬
lehnten. Inzwischen ist Amerika weiter fortgeschritten, wir aber ver¬
sinken nach der erzwungenen Massigkeit der Jahre 1915 — 1918 unter
Billigung und Unterstützung der Regierungen wieder tiefer und tiefer
in das Elend des Alkoholismus.
Bücheranzeigen und Referate.
R. Tigerstedt - Helsingfors : Die Physiologie des Kreislaufes.
Erster Band. Zweite, stark vermehrte und verbesserte Auflage mit
177 Abbildungen im Text. Verlag: Vereinigung wissen¬
schaftlicher Verleger Walter de Qruyter & Co., Berlin
und Leipzig, 1921. Preis 55 M., geb. 67 M.
Die Herrn Praktiker, denen sich ja eine Ueberfülle von Problemen
auf dem Gebiete des Kreislaufs ergeben hat, werden es lebhaft be-
grüssen, dass das im Jahre 1893 in erster Auflage erschienene Tiger¬
stedt sehe Lehrbuch unter Verwertung der ausserordentlichen, be¬
sonders auch durch Theoretiker ermöglichten Fortschritte auf diesem Ge¬
biete nunmehr in zweiter Auflage erscheint. Zunächst ist nur der
erste Band herausgekommen, den der Verfasser der Universität Leipzig
zum hundertsten Geburtstage Ludwigs gewidmet hat.
Genaueres über die Absichten, die den Verfasser bei der Be¬
arbeitung der zweiten Auflage geleitet haben, erfährt man noch nicht,
da diesem ersten Bande ein Vorwort nicht beigegeben ist.
Beim Vergleiche mit der ersten Auflage ergibt sich zwar keine sehr
wesentliche Aenderung in der Einteilung des Stoffes, ab¬
gesehen davon, dass am Ende des Bandes „die chemischen Bedingungen
für den Herzschlag, den Koronarkreislauf und Isotonie, Isometrie und
Wirkungsgrad des Herzmuskels“ als besondere Kapitel hinzugekommen
sind, aber überall macht sich, was den Inhalt betrifft, eine sehr
gründliche Neubearbeitung bemerkbar. Diese findet nicht nur in der
Berücksichtigung der seit 1893 bis in die neuere Zeit erzielten Er¬
bezogen, mit der dreifachen Zahl von Abbildungen ausgestattet, Auch
das Format des Buches ist vergrössert.
gebnisse ihren Ausdruck, der Band ist auch, auf die gleichen Themata
Im einzelnen auf die Aenderungen einzugehen, verbietet die Fülle
derselben. Erwünscht wäre vielleicht noch eine etwas übersichtlichere
Einteilung des Stoffes. Jedenfalls ist man aber dem Verfasser zu
ausserordentlichem Danke dafür verpflichtet, dass er den etwas steini¬
gen Weg in dieses sich ständig vergrössernde Gebiet wieder neu ge¬
ebnet und seine eigene grosse Erfahrung auf diesem Gebiete, die durch
unterdessen erfolgte Herausgabe des Handbuchs der physiologischen
Methodik eine wesentliche Erweiterung, erfahren hat, der Allgemeinheit
zugängig gemacht hat. K. B ü r k e r - Giessen.
Alfred Vogt: Atlas der Spaltlampenmikroskopie des lebenden
Auges. Mit Anleitung zur Technik und Methodik der Untersuchung.
Mit 370 grösstenteils farbigen Figuren. Berlin, Verlag von Julius
Springer, 1921. 163 Seiten. (Erscheint in 4 Ausgaben, und zwar
in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache. Jede
dieser Ausgaben kostet 136 Schweizer Franken. Abnehmer, die ihren
dauernden Wohnsitz innerhalb Deutschlands, der abgetretenen Gebiete,
Deutsch-Oesterreichs, Ungarns, sowie der Ostseestaaten haben, haben
jedoch das Recht, die deutsche Ausgabe zu dem Preise von M. 580.—
zu beziehen.) •
Die von Gullstrand 1911 konstruierte, von der Firma Zeiss in
Verbindung mit dem binokularen Hornhautmikroskop hergestelite
Nernstspaltlampe stellt eine ausserordentliche Verfeinerung des Prinzips
der sog. seitlichen oder fokalen Beleuchtung dar. Das Bild eines Nernst¬
fadens, ev. einer Nitralamoe, wird zunächst in einer Spalte abgebildet
und nach Passieren einer Blende durch eine asphärische Beleuchtungs¬
linse auf das Auge geworfen. In dem scharf abgegrenzten Licht dieses
Lichtbüschels treten nun die Strukturverhältnisse von Bindehaut, Horn¬
haut, Linse, Glaskörper mit ausserordentlicher Schärfe hervor und wer¬
den durch das binokulare Hornhautmikroskop bei beliebiger Vergrösse-
rung (24 fach, 86 fach, ausnahmsweise 108 fach) beobachtet. Auch zu
messenden Untersuchungen für wissenschaftliche Zwecke ist die Me¬
thode verwendbar.
Verfasser hat nun in diesem Allvar Gullstrand gewidmeten
Buch die Beobachtungen zusammengefasst, die er an der von ihm
geleiteten Baseler Augenklinik sammeln konnte und dieselben in
grösstenteils vorzüglichen Abbildungen niedergelegt. Er hat auch
einige Modifikationen der Methode angegeben, die bei der neueren
Konstruktion der Spaltlampe berücksichtigt sind.
Vogt unterscheidet 4 verschiedenartige Belichtungsmethoden:
1. Die direkte seitliche oder fokale Beleuchtung, 2. die Beobachtung im
durchfallenden Licht, 3. die direkte seitliche Beleuchtung spiegelnder
Grenzflächen, 4. die indirekte seitliche Beleuchtung, bei welcher re¬
flektiertes Licht am Rande belichteter Bezirke wirksam wird. Methode 1
ist die ursprünglich allein verwendete, die 2. gestattet das Studium der
sog. Betauung der Hornhaut, die Beobachtung der Blutzirkulation, die
Durchleuchtung der Iris usw. Die 3., von Vogt selbst ausgebildete
Methode, gestattet das lebende Hornhautendothel zu sehen: die 4. end¬
lich ist besonders für Beschläge, Vakuolenbildung an Linse und Horn¬
haut von Wichtigkeit.
Es erhellt wohl aus diesen kurzen Angaben, welche Verfeinerung
das bekannte Prinzip der seitlichen Beleuchtung erfahren hat. Nach
Besprechung der Methodik folgt von Seite 26 ab eine eingehendere Be¬
sprechung der abgebildeten normalen und pathologischen Befunde an
Hornhaut, Linse, Glaskörper und in einem Anhang von Conjunctiva
bulbi und Limbus conjunctivae.
Wird auch der Praktiker, der bisher schon gewohnt war. mit Horn¬
hautmikroskop und zweckmässiger fokaler Beleuchtung zu arbeiten,
manches bekannte Bild finden, so enthüllt doch der grösste Teil der
Abbildungen ganz neue und eigenartige Befunde, die ohne weiteres die
erhebliche klinische Bedeutung dieser neuen Methode darlegen.
Näheres findet sich in zahlreichen Veröffentlichungen Vogts und
anderer Autoren, die in« einem ausführlichen Literaturverzeichnis folgen.
Die farbige, möglichst naturgetreue Wiedergabe der Abbildungen
ist vorzüglich gelungen, Einzelheiten sind durch eine beigefügte Kor¬
rekturnotiz richtiggestellt. Vielleicht würde eine Anordnung der Ab¬
bildungen auf losen Tafeln zu Projektionszwecken vielen willkommen
sein; auch die Vergleichung von Text und Tafel ist in dieser Form
wesentlich bequemer.
Die Ausstattung des Werkes durch den Verlag ist auch im übrigen
erstklassig. Salzer- München.
H. G. H a 11 - Kopenhagen: La degenerescence hepato-lenticulaire.
Maladie de Wilson-Pseudosclerose. Paris, Masson, 1921. Preis 20 fr.
Das in französischer Uebersetzung vorliegende Werk des dänischen
Forschers ist „une veritable Monographie“, wie Pierre Marie in
seinem Vorwort sagt, der durch Kinnier Wilsons Studie bekannt
gewordenen Krankheit, deren Entdeckung so berechtigtes Aufsehen
hervorgerufen hat.
Die „Hepato-lentikuläre Degeneration“, wie Hall sagt, ist eine
Krankheitseinheit, von welcher Wilson sehe Krankheit und West-
p h a 1 - S t r ii m p e 1 1 sehe Pseudosklerose nur etwas verschiedene
Typen darstellen und der vielleicht als dritter Typus gewisse Formen
des Torsionsspasmus zugehören. Diese heredo-familiäre Krankheit ist
„gekennzeichnet durch die konstante Kombination einer Gehirnläsion,
welche besonders im Linsenkern lokalisiert ist“ — aber auch in anderen
Hirngebieten Veränderungen hervorrufen kann (Rinde, Nucleus dentatus
des Kleinhirns) — „und einer Leberzirrhose“. Hall teilt 7 sorg¬
fältig beobachtete eigene Fälle mit, welche dieser Krankheit zuzu¬
rechnen sind (davon einer auch anatomisch untersucht). Sodann gibt
er nach eingehender historischer Würdigung eine tabellarische Ueber-
sicht über 68 seit der Studie Wilsons (1912) veröffentlichte Fälle — ■
eine andere Monographie ist bisher darüber nicht erschienen — , deren
diagnostische Zugehörigkeit als gesichert erscheinen darf. Dem folgt
eine genaue Zusammenstellung dessen, was bis heute über die kli¬
nischen Erscheinungen und den pathologisch-anatomischen Befund be¬
kannt geworden- ist. In besonderen Kapiteln wird ferner auf die
pathologische Physiologie, die Aetiologie, die Differentialdiagnose und
auf die so interessanten und wichtigen Beziehungen zu anderen Erkran¬
kungen der Stammganglien eingegangen. Von Einzelheiten sei her¬
vorgehoben, dass der Pigmentring (Fleischer) ungefähr in der Hälfte
der Fälle gefunden worden ist, dass annähernd % der veröffentlichten
Fälle Männer betreffen und dass der Beginn1 in der Mehrzahl zwischen
dem 10. und dem 25. Lebensjahr liegt. Hervorzuheben ist ferner, dass'
der Verf. wenigstens den Versuch gemacht hat, auch auf
die Frage der Erblichkeit der hepato-lentikulären Degenera¬
tion etwas näher einzugehen, als dies bisher geschehen ist.
Von den 12 Fällen Wilsons waren 8 familiär, von den
7 Fällen Halls sogar 6. Im ganzen ist ungefähr in der Hälfte der
bisher bekannt gewordenen Fälle das familiäre Auftreten festgestellt
worden. Hall wendet sich gegen Wilson, wenn dieser trotz der
auffälligen Familiarität die Heredität deshalb ausschliessen will, weil er
die Krankheit nur bei Geschwistern einer Generation festgestellt hatte
und weil sie bis dahin ganz gesunde Individuen betreffe. Er macht darauf
aufmerksam, dass sich das erstgenannte Verhalten durch die Annahme
eines rezessiven Erbganges wohl erklären lassen könne, während die
letztere Eigentümlichkeit für sehr viele hereditäre Nervenkrankheiten
(Aufbrauchkrankheiten), wie die spastische Spinalparalyse, Fried-
r e i c h s Ataxie, Huntington sehe Chorea u. a.. zutrifft. (4 Kranke
des Verf. gehören verschiedenen Zweigen einer Familie an; die
hiebei auftretenden Veihältnisse machen einige komplizierte Annahmen
hinsichtlich des Erbganges nötig, auf die hier nicht eingegangen wer¬
den kann.) Nach der Ansicht des Verf. sind die Affektion des Gehirns
und die der Leber Prozesse, die nebeneinander verlaufen (entgegen
Wilson u. a.), und die beide auf eine angeborene Minderwertigkeit
dieser Organe zurückzuführen sind, während exogene Faktoren höch¬
stens eine auslösende Rolle spielen. Hu. Spatz
S. Frankel: Die Arzneimittelsynthese auf Grundlage der Be¬
ziehungen zwischen chemischem Aufbau und Wirkung. Für Aerzte,
Chemiker und Pharmazeuten. 5. umgearbeitete Auflage. Berlin,
J. Springer, 1921. 906 Seiten.
Dieses für Chemiker und Aerzte. die sich mit Arzneimittelsynthese
befassen, kaum entbehrliche Werk konnte nach etwas über 2 Jahren
wiederum in neuer Auflage erscheinen. Die ausländische Literatur, die
in der vorhergehenden Auflage nur teilweise Berücksichtigung finden
konnte, ist jetzt lückenlos verarbeitet. Zahlreiche Kapitel, so besonders
die über Chinin und Arsen, sind ergänzt und bereichert.
Je mehr aber der zu bearbeitende Stoff zunimmt, um so mehr
müssen leider die Einzelergebnisse verbindungslos aneinandergereiht
3. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
169
werden, und ist die Verschmelzung: des Einzelmaterials zu einer ein¬
heitlichen Darstellung erschwert.
Es fällt dies allerdings nicht schwer ins Gewicht; denn das Werk
dient weniger zum Durchstudieren als zum Nachschlagen. Vollständig¬
keit des Stoffes und Richtigkeit der Literaturangaben sind für solche
Werke das Wesentliche. Und hierin ist Fränkels Arzneimittel¬
synthese unerreicht, um nicht zu sagen: unerreicnbar. Jodlbauer.
C. Bachem: Dornblüth, Arzneimittellehre der heutigen Medi¬
zin. 13. Auflage. Leipzig 1922 bei Curt Kabitzsch. 507 Seiten
dein 8 ”. 48 M. geb.
Das treffliche, altbewährte Arzneibuch feiert heuer sein 50 jähriges
Jubiläum. Der „Dornblüth“ ist nämlich die Fortsetzung des 1872 von
Otto Roth und dann später von dem noch nicht vergessenen Würz¬
burger Medizinalrat Gregor Schmitt herausgegebenen Führers durch
den Arzneischatz, der nun schon zwei Aerztegenerationen ein nie ver¬
tagender Helfer gewesen ist. Aus dem „Roth-Schmitt“ und dem „Dorn-
jlüth“ ist nun seit 1919 ein „Bachem“ geworden. Nach wie vor steht
das Buch auf der vollen Höhe, obwohl die Aufgabe des Herausgebers
*’on Jahr zu Jahr eine schwerere geworden ist. Leider ist das Papier
schlechter und der Preis recht hoch geworden. Seit Kriegsende macht
sich das Spezialitätenwesen wieder so breit wie nie zuvor, ein Um¬
stand den der Verfasser natürlich berücksichtigen musste. Eine sehr
wesentliche Verbesserung ist geschaffen durch erstmalige Aufnahme
rines Sachregisters. Wir wünschen dem Büchlein auch in den nächsten
50 Jahren ein gutes Gedeihen! Kersc h ensteine r.
Dr. Franz S p a e t. Obermedizinalrat : Der Fürsorgearzt. Ein Hilfs¬
buch für Aerzte, Behörden und Stellen, die sich auf dem Gebiete des
Fürsorgewesens zu betätigen haben. J. F. Lehmanns Verlag,
München 1921. Preis broschiert 40 M., gebunden 46 M.
Die Not der Zeit spiegelt sich auch in der Tätigkeit der Aerzte
wieder — der Kassenarzt wird allgemach zum Typus des Praktikers,
der „reine“ Privatarzt bereitet sich zum Aussterben vor und der Sozial¬
arzt oder Fürsorgearzt tritt als (beinahe) neue Erscheinung auf. Denn
was vor dem Krieg nur neben- und insbesondere meist ehrenamtlich an
sozialer Arbeit getan wurde, wird heute vielfach zum Hauptamt. Ein¬
zelne Hochschulen haben bereits besondere Lehrstätten für die sozial¬
ärztlichen Disziplinen geschaffen. Auch die Literatur ist bemüht, ihrer¬
seits den Lernstoff in geeigneter Weise zusammenzustellen. Gott¬
stein und Tugendreich sind hier vor 3 Jahren in vorbildlicher
Weise mit der Herausgabe ihres sozialärztlichen Praktikums vorge¬
gangen, einem Werke, das aus der Zusammenarbeit von 5 der be¬
rufensten sozialärztlichen Praktiker und einem Verwaltungsmann her¬
vorging. Nun hat ein bekannter Amtsarzt, der selbst lange Jahre in
der Organisation und auch in der Kleinarbeit der Fürsorge tätig war,
den Versuch unternommen, allein ein solches Werk zu schaffen, das
zudem sich an einen noch wesentlich erweiterten Interessentenkreis
als das vorerwähnte wendet (vergl. den Untertitel!). „Dass ein so
imfangreiches Gebiet in dem engbegrenzten Rahmen eines Werkes wie
des vorliegenden nur einigermassen erschöpfend darzustellen grosse
Schwierigkeiten bereiten muss, ist ohne* weiteres klar und wird bei
Beurteilung dieser Arbeit wohl auch gebührend berücksichtigt werden“,
meint der Autor selber. Gerne sei dieser Satz unterschrieben und
gleichzeitig festgestellt, dass der Versuch des Verfassers in vielen
Punkten aufs beste gelungen ist. Die Gliederung des Buches ist einfach
and klar. In einer allgemeinen Einleitung spricht Sp. über die Organi¬
sation des Fürsorgewesens im allgemeinen, den Fürsorgearzt, seine
Vorbildung und seine Entlohnung; hier dürfte die Berechnung, aus der
iie Norm für die Bezahlung des Fürsorgearztes abgeleitet wird, doch
licht mehr den Nöten der Zeit entsprechen (diese existieren — was
eider zu häufig auch von ärztlicher Seite vergessen wird — auch fül¬
len Fürsorgearzt, dem vor dem Krieg seine Arbeit nobile officium war.
\uch heute ist sie dem rechten Arzt wie vorher Herzenssache;
iber eine angemessene Bezahlung muss er. wenn er äuc h
gegenüber seiner Familie sozial denkt, trotzdem ver-
angen).
Es folgt ein ausführliches Kapitel über Rassenhygiene mit weit-
äufiger Besprechung des Mendel sehen Vererbungsgesetzes (über
lessen Notwendigkeit an dieser Stelle man wohl verschiedener Meinung
lein kann). In dem folgenden Kapitel : Sozialmedizin — Sozialhygiene,
ius dem ich besonders die Darstellung über ärztliche Gutachten hervor-
iebe, habe ich mir vor allem angemerkt, dass in dem Unterteil „Sozial¬
gesetzgebung“ wohl die wichtigen Gesetzesstellen angegeben sind, dass
iber nichts über die Vorgeschichte der Gesetze selber und die Not-
vendigkeit ihrer Entstehung gesagt wird, von der gerade der Anfänger
■venig zu wissen pflegt. Bei der Besprechung der Ernährung habe ich
Jen Eindruck, dass sie zu weit geht; dass hier viele Details, die in die
hysiologie gehören, angeführt werden, z. B. die Tabellen über die Zu-
.ammensetzung der Nahrungsmittel und ihren Kaloriengehalt. Das, was
n dieser Tabelle für den Sozialarzt von der grössten Wichtigkeit sein
mnnte. die Berechnung des „Geldnährwertes“, d. h. der für 1 M. erhält-
lchen Kalorienmengen, stammt aus der Friedenszeit und ist also heute
ihne anderen als historischen Wert. Erst im folgenden Kapitel, die
. dcr Einrichtung des Fürsorgedienstes, kommt der Verf. (auf S. 106
eines 388 S. starken Buches) zur Stellung des Fürsorgearztes. Das
vapitel über die Fürsorgeschwestern ist vorzüglich. Ihm folgen die
peziellcn 6 Kapitel, welche die einzelnen Arten der sozialen Fürsorge
lehandeln. Als erstes das über Säuglingsfürsorge, Kleinkinder- und
ugendfursorge, an das ich mich als Theoretiker und Praktiker dieses
’Pezialgebietes besonders halten möchte. Hier ist mir nur aufgefallen.
dass ein ausserordentliches und von überall her zusammengetragenes
Zahlen- und Tabeltenmaterial geboten wird — es fehlt beispielsweise
auch nicht jene in kinderärztlichen Kreisen etwas anrüchige Tabelle, in
der aus dem Stuhlbild die Art der Verdauungsstörung diagnostiziert
werden soll; eine Tabelle, die seinerzeit einen Karton zierte, in welchem
eine Firma einige ihrer Präparate untergebracht hatte, die nun je nach
der Stuhlbilddiagnose verordnet werden sollten. Auch sehr umfang¬
reiche amtliche Merkblätter und ministerielle Vorschriften (z. B. über
Milch, Krippenwesen, offene Säuglingsfürsorge) sind hier aufgeführt.
Dagegen sind diejenigen Gruppen der Säuglinge, die wesentliche Träger
der Säuglingssterblichkeit sind, die unehelichen, die Zieh-, Kost-, Halte¬
kinder in viel zu kurzer Weise berücksichtigt. Hier wäre es nach des
Ref. Auffassung besonders notwendig gewesen, ins Einzelne zu gehen
und kritisch über das, was heute für diese Gruppen getan wird und das,
was alles noch an ihrer sozialen Versorgung fehlt, zu sprechen. Das
Gleiche gilt für das Schlagwort „Findelhaus“, wo allzu einseitig nur von
den Bestrebungen der bekannten Münchener Vereinigung die Rede ist.
Bei der Besprechung des Misserfolges der Fürsorgeerziehung hält sich
Verf. offensichtlich noch zurück. Ganz vorzüglich und seiner Wichtig¬
keit entsprechend ausführlich ist der Abschnitt über die Psychopathen
und ihre soziale Behandlung. Es folgen die Kapitel über Tuberkulose-,
Geschlechtskranken-, Trinker-, Geisteskranken-, Gebrechlichen- und
Krüppelfürsorge, über die ein ins Einzelne gehendes Urteil den Fach¬
männern zusteht. So ist der Ring der gesamten speziellen Fürsorge
geschlossen. Ein Bild der Nöte ist gegeben und ebenso ein Weg ge¬
zeigt, wie den von ihnen Befallenen zu helfen sein mag. Alles in allem
muss gesagt werden, dass durch das grosse verarbeitete Material für
jeden Fürsorgearzt etwas in dem Werke zu finden ist; gerade derjenige,
der schon tief in die Materie eingedrungen ist. wird durch die Sammlung
von Merkblättern, ministeriellen Veröffentlichungen, in Gebrauch be¬
findlichen Vordrucken, wie sie dem nichtbeamteten Arzt nicht so leicht
zur Verfügung stehen, sich oft gefördert sehen. Es sei aber doch die
Bemerkung erlaubt, dass trotz der einleitenden rassen- und sozial-
hygienischen Kapitel der grosse Zusammenhang der Nöte viel zu wenig
hervorgehoben ist und demgemäss auch viel zu wenig auf die Abhilfe
durch ganzgrosse Massnahmen eingegangen ist. Der Fürsorgearzt
muss sich zumeist in mühseliger Einzelarbeit verbrauchen; er darf aber
darüber nicht vergessen, dass gerade er. der jeden Tag das grösste
soziale Elend und seine tiefsten Ursachen sieht, der Vorkämpfer eben
dieser ganz grossen Massnahmen sein muss.
Albert Uffenheimer - München.
Prof. Dr. B. Chajes: Kompendium der sozialen Hygiene. 169 S.
Berlin 1921 Kornfeld. 36 M.
Verfasser, welcher als „Arzt und Dozent an der Technischen Hoch¬
schule in Charlottenburg“ zeichnet, ist bekannt geworden als Heraus¬
geber der Zeitschrift für Soziale Hygiene. Vorliegende Schrift bringt
zunächst ein Kapitel über die Begriffsbestimmung der sozialen Hygiene,
sodann eins über Medizinalstatistik. Weiterhin werden besprochen:
Wohnung, Ernährung, .Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Alkoholis¬
mus, soziale Hygiene des Kindesalters, des Berufs und schliesslich etwas
über Rassenhygiene oder, wie Verfasser sagt, „Fortpflanzungshygiene“.
Was über die einzelnen Gegenstände gesagt wird, ist zum grössten
Teil durchaus gediegen; doch konnte auf so kleinem Raum etwas Voll¬
ständiges natürlich nicht geboten werden. Mit der Abgrenzung der
„Sozialen Hygiene“ gegenüber der Hygiene überhaupt, bin ich nicht
ganz einverstanden. Wenn Chajes sagt: „Durch die sozialen Ur¬
sachen werden nicht nur die Krankheitsanlagen bedingt, sondern die
Krankheiten selbst hervorgerufen und in ihrem Verlauf beeinflusst“, so
wäre nicht abzusehen, was es dann noch für Krankheitsursachen ausser
den „sozialen“ geben solle und wie eine „soziale Hygiene“ als Sonder¬
gebiet der Hygiene dann1 noch gerechtfertigt werden könnte, weil eben
alle Hygiene soziale Hygiene sein müsste. Was auf den 5 Seiten über
„Fortpflanzungshygiene“ gesagt wird, steht nicht ganz auf der Höhe;
und wenn Verfasser es bedauert, „dass die Kenntnis und Benutzung
der unschädlichen Präventivmittel nicht genügend propagiert wird“,
so. könnte eine „Fortpflanzungshygiene“ in seinem Sinne ihren Namen
leicht wie lucus a non lucendo verdienen. Leider sind viele, darunter
auch sinnstörende Druckfehler stehen geblieben. L e n z - München.
„Gesunde Küche.“ Von Heinrich und Helene Kraft. Ein Lehr¬
buch richtiger Ernährung und Speisenbereitung.
Dieses Buch erscheint mir als wertvolle Neuerung auf dem Gebiet
der bisher gewohnten Kochbücher. Der Verfasser teilt sein Werk in
zwei Teile: Finden sich in dem (von Frau Helene Kraft bearbeiteten)
praktischen Teil eine grosse Anzahl guter und in kurzer Form
leicht fasslicher Rezepte, so verdient besonders der theoretische
Teil Erwähnung. Ausgehend von dem Gedanken, dass eine gesunde
(und _ damit auch sparsame) Küche nur dann möglich ist, wenn die
Hausfrau in den Grundbegriffen der Nahrungsmittelchemie und -physik
bewandert ist, gibt der Verfasser in allgemein verständlicher Form
Aufschluss über alles, was eine tüchtige Hausfrau wissen soll „von
dem chemischen Aufbau unserer Stoffe, der zweckmässigen Zubereitung
tierischer und pflanzlicher Nahrungsmittel, der menschlichen Verdauung,
der Frischhaltung unserer Nahrungsmittel“ etc. Würde die Hausfrau
bei der Herstellung von Speisen öfter dem „Warum“ nachgehen, so
könnte sie auch ihrer Kochkunst recht oft wissenschaftlich interessante
Seiten abgewinnen. Möchte mit diesem Buch in immer weitere Kreise
das Bewusstsein dringen, wie wichtig eine gesunde Küche für unsere
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist!
Grassmann - München.
Zeitschriften - Uebersicht.
Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie.
32. Band. Heft 6 (Auswahl).
Kunio Sato-Bern: Experimentelle Beiträge zur Vakzineimmunitat
Die Vakzineimmunität ist immer noch ein iebhaft umstrittenes KapUe d
Immunitätsforschung. Nachdem die Frage experimentell im
in Amrriff genommen werden konnte, schien sie, besonders durch die unter
suchSnv Prowazeks, anfangs in dem Sinne entschieden zu werden,
dass es sich im wesentlichen um histogene Immunität weniger i ^bkorper-
wirkung handle Diese Ansicht stützte sich darauf, dass die Kornea ment
an der allgemeinen Immunisierung teil habe und dass man
aus nicht wirksam immunisieren könne, ferner dar« u*t ddS: * '
Antikörper im Serum vakzinierter Menschen und Tiere nicht nachweisen
konnte Erst die neueren Versuche, besonders von Q i n, haben diese An-
schauung stark ins Wanken gebracht und den Nachweis humoraler virulizider
Antikörper ziemlich sicher stellen lassen. Verf. hat alle diese Fragen in
sehr eingehenden Untersuchungen nachgeprüft und folgende Ergebnisse ge
fanden • Durch sehr ausgedehnte Kutanimpfungen beim Kaninchen lasst sich
auch die Kornea immunisieren. Nur ist diese Immunität von schwankender
Stärke Sie kann so vollständig sein, dass die Hornhautimpfung völlig rea
tionslos verläuft, kann aber auch in verzögerter und abgeschwachtet Foim
auftreten Um diese aber zu erkennen, ist eine entsprechende Verdünnung
der Lymphe notwendig und ferner ein gewisser Zeitabstand zwischen Immuni¬
sierung und Korneaimpfung einzuhalten. — Eine genügend starke Kornea¬
infektion kann gegen folgende Kutanimpfung schützen, tut es aber nicht immer
Dagegen führte eine erfolgreiche Impfung der einen Kornea in keinem Fal e
zu einer Immunität der anderen. Hier liegt ein Widerspruch gegen die
positiven Befunde Gins vor. — Nach erfolgreicher Immunisierung der Haut
treten so gut wie immer virulizide Substanzen im Blute auf (nachgewiesen
an der Abtötungskraft des Immunserums auf hoehvirulente Lymphe), die
manchmal noch in einer Verdünnung von 1:200 wirksam sind. Auch nach
kornealer Impfung treten diese Stoffe auf, aber weniger regelmassig und
wirksam. — Bei solchen immunisierten Tieren, die nach einigen Monaten
keine Virulizidie des Serums mehr aufwiesen, konnte durch Wiederimpfung
ein erneutes Ansteigen der viruliziden Antikörper beobachtet werden, auch
wenn keinerlei Reaktion auf die Impfung eintrat. Diese Erscheinung ist
sehr wichtig und weist auf die Möglichkeit hin, dass auch beim Menschen
eine ohne jede Pustelbildung verlaufene Revakzination die bestehende
Immunität verstärkt. Da der Gehalt des Blutes an viruliziden Stoffen der
Immunität des Tieres nicht immer parallel geht, so bleibt die Frage offen,
ob die spezifische Serumveränderung die ausschliessliche Ursache dei Vakzme-
immunität darstellt. L. S a a t h o f f - Oberstdorf.
Veröffentlichungen der Robert Koch- Stiftung zur Bekämpfung
der Tuberkulose. Herausgegeben vom Vorstand der Stiftung. Band II,
Heft 3. Geheftet M. 24-
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Georg Locke mann: Beiträge zur Biologie
der Tuberkelbazillen. III. Mitteilung: Ueber den Einfluss von Lösungsstarke,
Menge und Oberflächengrösse der Nährlösungen auf das Wachstum der
Tuberkelbazillenkulturen. (Aus der ehern. Abteilung des Instituts für Infek¬
tionskrankheiten „Robert Koch“ in Berlin.) . ..... ... _
1 Aenderungen in der Lösungsstärke (Konzentration) der Nährlösungen
bis zum dreifachen Werte waren bei gleichbleibenden Nährstoffmengen auf das
Wachstum der Tuberkelbazillen ohne erheblichen Einfluss. 2. Durch Ver-
grösserung der Nährstoffmengen wurde unabhängig von der Lösungsstärke das
Wachstum der Tuberkelbazillen gesteigert. Die Wachstumssteigerung stand
ungefähr in gleichem Verhältnis wie die der Nährstoffmengen war in einem
Falle noch erheblich grösser. Die erreichten Höchstwerte der Kulturgewichte
betrugen 1h bis Vs des Gewichts der angewendeten Nährstoffe. 3. Die
Grösse der Nährlösungsoberfläche war auf den Wachstumsverlauf und die
Erreichung des Höchstgewichts ohne merklichen Einfluss, wenn die Nährstoff¬
menge dieselbe blieb.
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Georg Locke mann: Beiträge zur Biologie
der Tuberkelbazillen. IV. Mitteilung: Züchtungsversuche mit Nährlösungen
verschiedener chemischer Zusammensetzung. (Aus der ehern. Abteilung des
Instituts für Infektionskrankheiten „Robert Koch' in Berlin.)
Versuche mit eiweissfreien Nährlösungen.
Prof. Dr. Jos. Koch und Prof. Dr. B. Möllers: Zur Frage der Infek¬
tionswege der Tuberkulose. (Aus dem Institut für Infektionskrankheiten
„Robert Koch“ in Berlin.)
1. Bei der Infektion des Kaninchens vom Dünndarm aus sind die ein-
gefüWten Perlsuchtbazillen schon mindestens \Z\ Stunden nach der Ein¬
spritzung (nach Laparotomie) im strömenden Blut und in den verschiedenen
(Organen durch Meerschweinchenversuch nachweisbar. Die Tuberkelbazillen
wurden im Blut bei 60 Proz., in der Leber bei 40 Proz., in der Milz bei
50 Proz., in den Mesenterialdrüsen und dem Netz sogar bei 80 Proz. der
untersuchten Kaninchen gefunden. .
Die Resorption der Tuberkelbazillen im Darm geht, ohne in der Darm¬
wand selbst krankhafte Veränderungen zu hinterlassen, auf dem Wege der
Chylusgefässe vor sich, durch die sie den Mesenterialdrüsen zugeführt werden.
Ein Teil der Bazillen siedelt -sich hier an, während ein anderer Teil von dem
Chylus weitergetragen wird und mit diesem in das zirkulierende Blut gelangt.
Durch dieses findet dann eine Infektion der verschiedenen inneren Organe,
der Leber, Milz, des Knochenmarks usw. statt.
2. Bei Einführung von Tuberkelbazillen in den Magen bleibt die All¬
gemeininfektion des Kaninchens zum mindesten in der überwiegenden Mehr¬
zahl der Fälle aus. Es hat den Anschein, als ob die Tuberkelbazillen durch
den Magensaft grösstenteils abgetötet, zum mindesten aber in ihrer Virulenz
stark abgeschwächt werden.
3. Es gelingt, Kaninchen von der Mundhöhle und den oberen Verdauungs¬
wegen aus tuberkulös zu machen. Jedoch kam es in unseren Versuchen trotz
der Verwendung gleicher Dosen nicht zu einer allgemeinen Infektion des
Blutes, wie es bei direkter Einführung des infizierenden Materials in den
Dünndarm der Fall war. sondern es entwickelte sich eine hauptsächlich auf
die Oberlappen und die freien Ränder der Lunge beschränkte, chronisch ver¬
laufende, der menschlichen Lungentuberkulose ähnliche Erkrankung, sowie eine
chronische Lymphadenitis.
Die nach Fütterung entstandene Halsdrüsentuberkulose ist für die Be¬
urteile Ti er der Eintrittspforte der Bazillen wichtig; sie zeigt, dass bereits von
den Ähdrüsen und dem adenoiden Gewebe der Mundhöhle aus eine Re¬
sorption von Tuberkelbazillen stattfinden kann.
Bruno Lange: Ueber einige den Tuberkelbazillen verwandte säurefeste
SanroDhvten (Aus dem Hygienischen Institut der Universität in Berlin.)
P1P Die Trompetenbazillen sind eine vegetative Modifikation einer m Erde
und Wasser weitverbreiteten Art säurefester Saprophyten , , , . , .
7 7U derselben Art gehören auch die sog. Schildkröten-, Blindschieiuien
und Fischtuberkelba/.illen8 I=t,.,e,e sind i» ‘ÜSÄK
Bataillon, M o e 1 1 e r und lerre mit den ^BhndschleicüentUDerK«
bazillen zweifellos identisch — . wahrscheinlich auch die übrigen Ktb. (Frosch*
und Molchbazillen)^ gesunder< jn der natürlichen Umgebung lebender
Kaltblüter (Frösche) sind mikroskopisch und kulturell nicht selten säurefeste
Bakterien vom Ktb.-Typus nachweisbar. Warmblüter (Meer-
4. Die Säurefesten vom Ktb.-Typus waren für Warmblüter (Meer
schweinchen, Kaninchen, weisse Mäuse) bei einmaliger Verimpfung in nicht
zu hohen Dosen unschädlich, in sehr hohen Dosen, besonders aber nach mehr¬
maliger Verimpfung, hatten sie oft eine Allgemeinerkrankung der Versuchstiere
/l" 50lBei Kaltblütern wurde durch die verschiedenen untersuchten Stamme
nicht regelmässig, sondern nur bei Anwendung grosserer Impfdosen unter
Umständen eine chronische Erkrankung erzeugt. -t
6 Die Krankheitsherde der Warmblüter hatten makroskopisch und mikro¬
skopisch — diejenigen der Kaltblüter nur makroskopisch — zuweilen eine
gewisse Aehnlichkeit mit echter Tuberkulose. _ , K ..i _
7 Durch Vorbehandlung von Meerschweinchen mit TrompetenbazilleJ,
Schildkröten- und Blindschleichentuberkelbazillen erhielten diese Tiere gegen
eine Infektion mit echten Tuberkelbazillen keinen wirksamen Schutz, vielmehr
nur eine begrenzte erhöhte Resistenz. Der Grad der Resistenz ist bei den
mit Trompetenbazillen vorbehandelten Tieren etwas hoher als bei den Sei. ld-
kröten- und Blindschleichentieren.
E Rumpf: Ueber das Vorkommen von Tuberkelbazillen im Blut.
Ru m p f hatte bei früheren Untersuchungen 8,5 Proz. der mit dem Blut¬
sediment tuberkulosekranker Menschen geimpften Versuchstiere tuberkulös
werden sehen. Bei den diesmaligen Versuchen reagierten 6 von 35 Deren
(17 Proz.) positiv auf Tuberkulin, bei der Sektion konnten aber nur bei
zwei von ihnen histologisch in Organschnitten vom pathologischen Anatomen
Dr. B e r b 1 i n g e r tuberkulöse Veränderungen mit Bestimmtheit nachge¬
wiesen werden, bei 2 weiteren fanden sich minimale fragliche Veränderungen,
die vom pathologischen Anatomen nicht als beweisend angenommen wurden.
Da auch bei den früheren Versuchen fast stets nur sehr geringe, sich langsam
entwickelnde Organveränderungen gefunden worden waren, hatte R u m p t die
Tiere diesmal meist über ein Jahr lang leben lassen. Es ist also denkbar,
dass kleinste tuberkulöse Herde in dieser Zeit abgeheilt sind. Bei den
35 Impfversuchen stammte das Blut 10 mal von anscheinend Gesunden, 3 ma
von Lungentuberkulosen des I. Stadiums, 8 mal von solchen des II., ‘2 tnal
von solchen des III. Stadiums. Von den beiden mit Sicherheit tuberkulöse
Organveränderungen enthaltenden Meerschweinchen staimnte das injizierte
Blutsediment je einmal von einer Patientin im ersten und im zweiten Stadium
der Lungentuberkulose. Rechnet man nur diese Versuche, so fielen a s.o-
2 von 25 (8 Proz.) positiv aus; rechnet man aber die posi¬
tiven Tuberkulinreaktionen, so erhält man einen Pro¬
zentsatz von 6 auf 25 (24 Pro z.). also nahezu ein volles
Viertel positiver Resultate. (Das ist eine volle Bestätigung der
Liebermeister sehen Resultate sowohl im Prozentsatz wie in der
weiteren Sicherung der Angabe Lieber meistens, dass
Menge und Virulenz der im Blut enthaltenen Tuberkel-
bazillen an der Grenze der infizierenden Minimaldosis
liegen. D. Ref.)
Gurt Stromeyer: Ueber die Behandlung der chirurgischen Tuber¬
kulose mit Röntgenstrahlen. . . ..
Verf. berichtet über aussergewöhnlich gute Erfolge. „Für die Halsdrusen¬
tuberkulose ist die Strahlenbehandlung heute die einzige in Betracht kommende
Therapie.“ Die Röntgenbehandlung der Knochen- und Gelenktuberkulose hat
uns sehr befriedigende Resultate ergeben, und zwar weit bessere, als bisher
bekannt geworden sind/1 „Jugendliche Individuen müssen unbedingt bestiahlt
werden. Eine Ausnahme machen nur solche, bei denen der Allgemeinzustand
derartig gelitten hat, dass zur Erhaltung des Lebens ein sofortiger Eingriff
notwendig ist.“ Immer Kombination mit Sonnen- und Luftbehandlung. „Bei
älteren und alten Individuen ist die Indikation vielleicht enger zu stellen; es
kann wohl sein, dass Hüft- und Kniegelenke jenseits der zwanziger Jahre
nur mehr mangelhaft oder gar nicht mehr auf Strahlen reagieren.“ „Jeden¬
falls sollen die Strahlen nach der Operation zur Bekämpfung der Rezidive äu¬
gte wendet werden.“ K- E. Ranke.
Zeitschrift für Tuberkulose, Band 35. Heft 4.
S t ö c k 1 i n - Davos: Beitrag zur chirurgischen Behandlung der vor¬
wiegend einseitigen, kavernösen Lungentuberkulose mit Pneumolyse und
Paraffinplombierung nach B a e r.
Für den Praktiker kaum von Bedeutung, vom Facharzte selbst nach¬
zulesen.
J. Orth-Berlin: Einige Bemerkungen zur Frage der Heilbarkeit tuber¬
kulöser Lungenkavernen.
C. H a r t - Berlin-Schöneberg: Ueber die Heilbarkeit und Heilung tuber¬
kulöser Lungenkavernen.
Beide wenden sich durchaus gegen die unhaltbare Aeusserung, die
Gr äff in Elster tat, dass jede Kaverne für den Kranken ein Todesurtei
bedeute. Man sollte sich hüten, aus dem pathologisch-anatomischen Lagei
heraus ohne irgendwie genügende klinische Erfahrung solche alarmierend«
Aeusserungen von so wichtiger Tribüne aus zu tun, wie es der Kongress¬
in Elster war. Der Widerspruch muss ja kommen.
O. A m r e i n - Arosa: Ueber klinische und biologische Heilung der Tuber
kulose, Immunitätsprobeu und Tuberkulinbehandlung.
Wer je von Heilung der Tuberkulose sprach, hat darunter immer klinisch«
Heilung verstanden ( volle Arbeitsfähigkeit). Neue Forschungen' und di«
grosse Bewegung um das „TuberkuloseprobLem“. d. h. das Immunitatsprobleni
lassen davon den Begriff der biologischen Heilung unterscheiden. Sie is
wirklich, nicht nur symptomatisch, und ist durch Tuberkulinproben nach
zuweisen.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
171
3. Februar 19 22.
Erwin Beck- Berlin: Spätreaktion nach Injektion des Fried in ann-
schen Mittels.
Victor B o c k - Charlottenburg: Bemerkung zu dem kritischen Referat
i U I r i c i s über das Friedmann sehe Mittel.
H. U 1 r i c i: Erwiderung auf die vorstehende „Bemerkung“ von
V. Bock.
E. H a r t m a n n - Magdeburg: Zur Technik des künstlichen Pneumo¬
thorax.
Beschreibung eines neuen Apparates. Zuriickzuweisen ist — in einem
Fachblatte — die ganz unbewiesene Aeusserung, dass Pneumothorax zur
..Modebehandlung“, „förmlich zum Sport" ausarte, „wie es bedauer-
ic herweise heute von mancher Seite aus geschieh t“.
A'on welcher Seite, Herr Kollege? (L.)
S i m o n - Aprath: Jahresversammlung der Vereinigung der Lungenheil¬
anstaltsärzte in Wiesbaden, 18. bis 23. September 1921.
Liebe- Waldhof-Elgershausen.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 167. Bel. 3. u. 4. Heft.
Knud Nicolaysen: Pathologisch-anatomische und experimentelle
Studien über die Pathogenese des chronischen Magengeschwürs. (Aus dem
aathologisch-anatomischen Institut des Reichshospitals, Christiania (Chef:
Prof. Dr. Francis H a r b i t z).
Zunächst stellt Verf. auf Grund von 2000 Sektionen fest, dass 4,5 Proz.
iller Obduzierten peptische Geschwüre oder Narben nach solchen besassen,
Jas Verhältnis zwischen Ulcus ventriculi und duodeni war wie 3: 1. Das
Jlcus ventriculi zeigte dieselbe Häufigkeit bei Männern wie bei Frauen, da¬
gegen war die Häufigkeit des Ulcus duodeni bei Frauen und Männern wie
1 : 3. Die pathologisch-anatomischen Untersuchungen wurden an einem
Vlaterial von 57 peptischen Geschwüren gemacht. Danach sitzt das Magen¬
geschwür mit Vorliebe am Pylorus und der kleinen Kurvatur, zeigt meistens
jin trichterförmiges Aussehen, oft mit schrägliegender Achse zum Pylorus
abweichend (S t r o h m e y e r). Etwa 90 Proz. der Geschwüre durchbrechen
lie Muskulatur. Mit dem Geschwür ist immer eine Entzündung verbunden,
n 75 Proz. der Magengeschwüre fanden sich auffallend viele eosinophile
Zellen und meistens eine starke Bindegewebsneubildung, im Geschwürsgrund
yielfach Mikroben, ferner bestanden erhebliche Gefässveränderungen in Form
:iner obliterierenden Endarteriitis, meistens fand sich auch eine Perineuritis
oder degenerative Veränderungen der Nervensubstanz. Eine Heilung der
jeschwüre durch Vernarbung kommt sicher vor. Auch Narben fernab vom
3ylorus können so ausgeprägte Symptome machen, dass sie zur Resektion
iihren. Die Duodenalgeschwüre zeigen nicht das für die Magengeschwüre
harakteristische chronische Gepräge. Die Narben des Duodenums ergeben
nanchmal Divertikelbildung. Da die gefundenen Nerven- und Gefässverände--
ungen zweifellos sekundärer Natur sind, so muss für die Chronizität des
jeschwiirs nach anderen Ursachen gesucht werden.
Ausgedehnte experimentelle Versuche, am Kaninchenmagen durch Ge-
irieren der Magenwand mit Chloräthylspray (R i b b e r t) in Verbindung mit
bakteriellen Infektionen von der Schleimhaut her oder in Verbindung mit
Vagusresektion chronische Geschwüre zu erzeugen, führte zu keinem Er¬
lebnis. Verf. erkärt sich die Pathogenese des chronischen Ulcus fogender-
inassen: Zufällig entstandene kleine Ulzerationen des Magens werden in ihrer
jleilung durch den dauernden mechanisch-chronischen Reiz behindert. Die ent-
■tandene chronische Entzündung führte zu sekundären Gefäss- und Nerven-
eränderungen, die die Vitalität des Gewebes herabsetzen. Wird der mecha-
üsche Reiz durch Diät oder chirurgische Behandlung behoben, so schafft man
lünstige Bedingungen für die Heilung, so dass das Geschwür vernarbt.
Alfred Consten: Ueber diffuse Fibromatose der Brustdrüse beim
dann. (Aus dem pathologischen Institut der Universität Köln. Direktor:
’rof. Dr. A. D i e t r i c h.)
Untersuchung an 3 Fällen: die diffuse Fibromatose der Brustdrüse ist
in chronischer Reizzustand, der in Zusammenhang steht mit physiologischen
Involutionsvorgängen. Retentionssystem und Epithelwucherung sind sekun¬
drer Natur. Eine Entzündung gehört nicht zum Wesen der diffusen Fibroma-
ose. Die Erkrankung der männlichen Brustdrüse ist weit häufiger, als die
Aitteilungen in der Literatur vermuten lassen. Sekundäre Karzinome beim
jAann wurden nicht beobachtet.
Friedei Boesch: Pankreasverletzung beim Kinde mit wanderndem Er-
uss in der primitiven Bursa omentalls. (Aus der Privatklinik Dr. Boesch,
)r. R a e m i, Schüpfheim bei Luzern.)
Beobachtungen an einem 2 jährigen Jungen, der mit dem Oberbauch
legen eine vorspringende Holzkante gefallen war. Beim Kinde sind in den
rsten 2 Lebensjahren die beiden Netzblätter noch durch einen Spalt von-
inander getrennt, dadurch kann bei Pankreasverletzungen das charakteristische
■ymptom des wandernden Netzbeutelergusses entstehen: Flüssigkeitsansamm-
rngen in der Bursa omentalis verursachen am aufgerichteten Kranken eine
orwölbung unterhalb des Nabels, die durch Beckenhochlagerung oder Druck
eliebig beseitigt werden kann, und sich durch Aufrichten des Kranken wieder
ervorrufen lässt. Drainage im proximalen Abschnitt des Netzbeutels
-rächte Heilung. H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie.
land 34, Heft 3. Jena 1921, Gustav Fischer.
Lehmann und El fei dt: Wasser- und Konzentrations versuche an
hirurgisch Nierenkranken. (Zur Funktionsprüfung der Nieren bei chirurgi-
chen Nierenerkrankungen.) (Aus der Chir. Universitätsklinik Rostock.)
Es besteht zwar ein gewisser Parallelismus zwischen der Menge des
rhaltenen funktionsfähigen Parenchyms und dem Ausfall des Wasserversuchs
ei einseitig geschädigten Fällen, doch kann die Minderleistung durch Kom-
ensation der gesunden Seite kompensiert werden; da aber dann doch fast
egelmässig die Konzentration abnorm ist, so geben die beiden Versuche
usammengenommen wertvolle diagnostische Hinweise, ohne die Unterschei-
ung der ein- und doppelseitigen Nierenerkrankungen zu ermöglichen. Der
ergleich des Ergebnisse beider Versuche mit denen anderer, nicht unbe-
ingt zuverlässiger Funktionsprüfungen ist nützlich, der Vergleich des Wasser-
ersuchs vor und nach chirurgischen Eingriffen gestattet ein Urteil über
jesserung bzw. Verschlechterung der Funktion.
V. Ha nt sch: Weitere Beiträge zur Dura- und Schädelplastik. (Aus
er 1. Chir. Universitätsklinik Wien.)
Versuche mit der F r ä n k e 1 sehen Zelluloidplatte an Hunden und Ka-
irchen, wobei das lädierte Gehirn durch einfach unter die Duraränder ge¬
hobenen vorbehandelten Bruchsack gedeckt wurde. Der Bruchsack wurde
wie alle anderen lebenden Ersatzmaterialien substituiert und narbig umge¬
bildet und ging ebenso wie die aus zellreichem Granulationsgewebe in
lamellärcs Bindegewebe verwandelte „Fremdkörperkapsel“ der Zelluloidplatte
mit der lädierten Hirnoberfläche breite, wenn auch lockere Adhäsionen ein.
Amreich: Vereiterung eines Leberechinokokkus nach Typhus abdo¬
minalis. (Aus der IV. mobilen chir. Gruppe der Klinik Prof. E i s e 1 s b e r g.)
Die geschilderte Krankengeschichte deutet Verf. so, dass in einem nach
Hufschlag gegen das rechte Hypochondrium entstandenen Hämatom sich der
Echinokokkus entwickelte und dass die Eiterung durch die Keime des vor
wenigen Wochen durchgemachten Typhus verursacht wurde.
G. Katsch und L. v. Friedrich: Ueber die funktionelle Bedeutung
der Magenstrasse. (Aus der Med. Universitätsklinik Frankfurt.)
Versuche an magengesunden Menschen ergaben nicht das Vorhandensein
einer der kleinen Kurvatur entlang laufenden Rinnenbildung im Sinne
Waldeyers, welche das Ueberholen dickeren Mageninhalts durch nach¬
getrunkenes Wasser ermöglichen soll. Die Flüssigkeit umfliesst den Magen¬
inhalt auf verschiedenen Wegen und gelangt allerdings auch so rascher zum
Pylorus. Da die „Magenstrasse“ auch nicht Ausgangslumen bei der Magen¬
füllung ist, so scheint sie nicht so sehr mechanisch mehr beansprucht zu
sein, als dass man hieraus allein die Prädisposition der Ulcusentwicklung
an der kleinen Kurvatur erklären könnte.
K. P r o p p i n g - Frankfurt a. M.: Zur Mechanik des Liquor cerebro¬
spinalis.
Auseinandersetzung mit Haller und Walter. Verf. hält daran fest,
dass im Liquorraüm hydrostatische Gesetze gelten, gibt aber zu, dass die
von ihm früher angenommene „Liquorströmung“ nicht besteht; die Ausbrei¬
tung der Wirkung in den Lumbalsack eingespritzter Mittel erklärt er daher
durch Mischung.
F. Roll wage: Nierendekapsulation bei Sublimatvergiftung. (Aus
dem Pathol. Institut des Landeskrankenhauses Braunschweig.)
Die Dekapsulation hat kein Leben gerettet, aber vielleicht doch ver¬
längert, und nie geschadet, so dass R. die weitere Anwendung immerhin
empfehlen möchte. Zur besseren Nachprüfung rät er, die Entkapselung mög¬
lichst bald und nur einseitig vorzunehmen.
H. Schäffer und S. Weil: Elektrographische Untersuchungen über
die Muskelspasmeu beim kontrakten Plattfuss. Die Dehnungsreaktion des
Muskels, (aus der Med. und. Chir. Universitätsklinik Breslau.)
Verf. betrachten diese Spasmen, an denen die Peronaei, weniger der
M. tib. ant., gar nicht der Gastrocnemius-Soleus beteiligt ist, als reflektorisch
ausgelöste Dauertetanie. Analyse der Elektromyogramme. Bei schwacher
Kontraktur war nur die „Dehnungsreaktion“ nachweisbar, d. h. der Muskel
war spontan stromlos und lieferte erst bei passiver Dehnung Aktionsströme.
Die Dehnung wird aus der Valgussteilung erklärt. Nach erfolgreicher Be¬
handlung reagierten die Muskeln wieder normal.
Ed. Melchior: Klinische Studien zur Tetanie. (Aus der Chir. Klinik
Breslau.)
Verf. erörtert die eigenartigen wechselseitigen Beziehungen zwischen
malazischen Skeletterkrankungen und Tetanie auf dem Boden des Kalkstoff¬
wechsels. welche eine erhöhte „Tetaniebereitschaft“ gegen Ende des Welt¬
krieges und im Beginne der Nachkriegszeit erklärlich machen. Calcium
lacticum und Parathyreoidintabletten bewährten sich bei postoperativer
Tetanie Unterernährter. Bei einigen postoperativen Tetanietodesfällen musste
man an eine parathyreoprive Autointoxikation denken (Koma). Bei manchen
Tetaniefällen waren viszerale Symptome besonders ausgeprägt („viszerale
Tetanie“); die gesteigerte Erregbarkeit des autonomen Systems äusserte sich
in Gefässspasmen, verstärkter Herzaktion, Hypersekretion der Speichel-,
Schweiss- und Tränendrüsen. Ziliarmuskelkrämpfen, Spasmen des Magens und
der Harnblase. Grashey - München.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 2.
Eug. B i r c h e r - Aarau : Zur Resektion des perforierten Duodenal- oder
Magengeschwürs.
Verf. erinnert daran, dass er bereits 1918 seinen Standpunkt dahin
präzisiert hat, dass ein perforiertes Ulcus immer operativ behandelt werden
müsse; mit der Ulcusnaht sei die Gastroenterostomie zu verbinden; in
günstigen Fällen käme die Resektion in Frage.
J. J. Stutzin: Zur Behandlung der Nierentuberkulose.
Da wir in der Regel den Beginn einer tuberkulösen Nierenerkrankung
nicht nachweisen können, sondern diese erst diagnostizieren, wenn geringe
oder stärkere Folgeerscheinungen bereits vorhanden sind, da ferner bei
konservativer Behandlung sich nicht sicher sagen lässt, ob eine wirkliche
Heilung oder nur ein Latenzstadium eingetreten ist, so tritt Verf. warm für
die operative Entfernung der kranken Niere ein, welche die gesunde
Niere vor neuer Infektion schützt und den Kranken bald wieder arbeitsfähig
macht.
Fel. Franke- Braunschweig: Zur Operation der Varlkokele.
Bezugnehmend auf die von I sna rdi in Nr. 28, 1921 angegebene Methode
hat Verf. ein ähnliches Verfahren ausgearbeitet, dessen Vorzug darin besteht,
dass die quere Durchtrennung der Obliquusfaszie in grösserer Ausdehnung
fortfällt und dass der durch die Bauchwandmuskulatur gezogene Samenstrang
ohne Spannung auf einem Faszienstreifen reitet. Mit 1 Abbildung.
H. v. Sa lis- Basel: Behandlung des kontrakten Plattfusses im Schlafe.
Verf. hat einen einfachen Apparat konstruiert, der bei der grossen
Rezidivneigung kontrakter Plattfüsse monatelang getragen werden kann und
den immobilisierenden Gipsverband entbehrlich macht. Aus 2 beigegebenen
Abbildungen ist Bau und Wirkung des Apparates leicht ersichtlich.
Friedr. N e u g e b a u e r - Mährisch-Ostrau: Zu dem Aufsatz von
Dr. Fr. J. Kaiser in Nr. 40: Längsresektion der kleinen Kurvatur des
Magens zur Behandlung des Ulcus ventriculi.
Die ovaläre Exzision des Geschwüres mit nachfolgender Längsnaht (nach
Kaiser) fand geringe Verbreitung, weil sie die Bildung eines Sanduhrmagens
begünstigte. Deshalb hat Verf. 1920 den Vorschlag gemacht, nach präpylorischer
querer Durchtrennung des Magens die kleine Kurvatur vom Austritt der
Speiseröhre herab der Länge des Magens nach zu resezieren; der so gebildete
Magenschlauch lässt sich leicht mit Duodenum, Jejunum oder mit dem Magen¬
rest vereinigen. Die von Schmieden kürzlich in Nr. 42 empfohlene
„treppenförmige Resektion“ deckt sich im wesentlichen mit der Technik des
Verfassers. E. H e i m - Schweinfurt-Oberndorf.
172
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Monatsschrift iiir Geburtshilfe und Gynäkologie. Rand 56. Heft 12
November 1921.
Th. Heynemann-Hamburg: Die rektale Untersuchung unter der
Geburt. . .... .
Vorteile und Nachteile der rektalen Untersuchung werden austuhrlicn
besprochen. In der Anstalt, seltener in der Praxis, kann man sie unter Um¬
ständen mit Vorteil verwenden, doch nur unter Benutzung eines Gummihand¬
schuhs, nicht Fingerlings. Bei Schwierigkeiten bei der Getourt, bei Gefahr
für Mutter und Kind, besonders bei Placenta praevia, Narben, engen Becken
und Weichteilschwierigkeiten kann sie die vaginale Untersuchung nicht er¬
setzen. Für den Unterricht hält H. die rektale Untersuchung für ungeeignet.
P. Theodor und G. H a n d t m a n n - Hamburg: Bakteriologisches
zur rektalen Untersuchung unter der Geburt.
Durch die Untersuchungen der Verfasser werden die vorstehenden Aus¬
führungen ihres Lehrers H. ergänzt. Durch kleine, nicht ohne weiteres
erkennbare Löcher im Gummihandschuh tritt, falls der Finger gut eingefettet
wird, kaum eine Beschmutzung des untersuchenden Fingers mit Keimen ein.
Dagegen lassen sich bei grösseren Löchern im Gummihandschuh regelmässig
pathogene Keime vom Finger abimpfen und züchten. Aber auch im Falle
einer Beschmutzung des Fingers ist es möglich, den Finger durch Abreiben
mit Alkohol 2 Minuten lang wieder keimfrei zu machen. Die von Stöckel
aus Gründen der Asepsis gegen die rektale Untersuchung erhobenen Be¬
denken sind daher bei Innehaltung der notwendigen Vorsichtsmassregeln
hinfällig.
H. E y m e r - Heidelberg: Ueber Stirnlage.
’ E. berichtet über 13 Stirnlagen bei 10 296 Geburten. Vollkommen spontan
verliefen 6 Geburten, 3 mal wurde die Hebosteotomie gemacht, zweimal
kombiniert mit Zange, zweimal wurde durch Zange entbunden, einmal durch
Kaiserschnitt, einmal durch Kraniotomie eines abgestorbenen Kindes. E. steht
auf dem Standpunkt Jaschkes, dass bei der Stirnlage zunächst die
spontane Entbindung angestrebt werden soll. Umwandlung der Stirnlage in
Gesichtslage und Wendung werden abgelehnt, da sie nur zu einer Zeit aus¬
führbar sind, in der sie noch nicht strikt indiziert sind, dasselbe gilt
für den Kaiserschnitt. Führt das Abwarten der Spontangeburt nicht zum
Ziel, so kommen unter Umständen Hebosteotomie oder Zange in Betracht.
Die mütterliche Mortalität war 9, die kindliche Mortalität 5, von denen aber
nur 1 Kind der Klinik zur Last fällt, was einer klinischen Sterblichkeit der
Kinder von 11,1 Proz. entspricht.
A. S e i t z - Giessen: Zur Frage der Geburtsleitung bei Stirnlage.
Noch konservativer als Heidelberg verfährt die Giessener Klinik
(v. J a s c h k e). Auch in dieser Arbeit wird über 13 Fälle von Stirnlage
berichtet, von denen 10 spontan verliefen, 2 durch leichten Forzeps beendet
wurden, eine Frau bei querverengtem Becken durch Kaiserschnitt entbunden
werden musste. Alle Mütter und Kinder lebten. Umwandlung und Wen¬
dung werden ebenfalls abgelehnt. Enges Becken bei Stirnlage verdient
besonders gewertet zu werden,
E. Gr aff -Wien: Vasa praevia als Geburtskomplikation.
Vasa aberrantia praevia bei tiefem Lateralsitz der Plazenta mit exzentri¬
scher, nicht velamentöser Insertion der Nabelschnur. Die rechtzeitige
Diagnose ermöglichte infolge der daraufhin verschärften Geburtsleitung die
Geburt eines lebenden Kindes. Die Blase wurde vorsichtig unter Schonung
der Gefässe gesprengt, und als später durch Kompression der Gefässe die
Herztöne sehr langsam wurden, das leicht asphyktische Kind durch Zange
geholt.
E. K r e i s c h - Koblenz: Spontane Uterusruptur mit Austritt von Frucht
und Plazenta in die Bauchhöhle, Operation nach 12 Tagen.
Entstehung der Ruptur ungeklärt, wahrscheinlich Trauma. Exstirpation
des rupturierten Uterus bei der 45 jährigen Vl-para. Ausgang in Heilung
nach monatelangem Krankenlager.
H. B a u m m - Breslau: Die Steisstherapie bei Placenta praevia.
Da die von P. Baumm angegebene- Steisstherapie bei Plazenta
praevia in den neueren Arbeiten von H i e s s und Hitschmann
nicht erwähnt ist, wird sie in empfehlende Erinnerung gebracht. Sie besteht
in der äusseren Wendung auf das Beckenende mit nachfolgendem Herunter¬
holen eines Fusses zwecks Stillung der Blutung mit dem kindlichen Steiss.
Sie ist einfacher und ungefährlicher als die kombinierte Wendung oder die
Metreuryse. Ueber die Erfolge mit dieser Therapie wird in der Arbeit nichts
Näheres berichtet.
F. Lönne und F. S u n k e 1 - Göttingen: Wie beeinflusst die Zange
die Kindersterblichkeit unter der Geburt?
Die Göttinger Klinik ist die erste, die der Aufforderung Mayers-
Heidelberg, an grossem klinischem Material die Zangenfrequenz der Gesamt¬
zahl der Totgeburten gegenüberzustellen, nachgekommen ist. Die zahlen-
mässigen Ergebnisse unterscheiden sich nur wenig von den Zahlen der Heidel¬
berger Klinik, doch kommen die Verf. zu anderen Schlüssen. Sie glauben,
dass durch rechtzeitiges Anlegen der Zange eine ganze Anzahl Kinder dem
Leben gegeben wurden. Der K r i s t e 1 1 e r sehe Handgriff ist nur mit
grösster Vorsicht anzuwenden.
M. I c h e n h ä u s e r- Bonn: Sekundäre Bauchhöhlenschwangerschaft
nach Ruptur der Kaiserschnittsnarbe.
4 Jahre nach einem Kaiserschnitt mit querem Fundalschnitt 2. Schwanger¬
schaft, die normal verläuft, nur dass am Ende der Schwangerschaft keine
Wehen eintreten. Pituitrin und Ballonbehandlung ohne Erfolg, daher vaginaler
Kaiserschnitt und Geburt eines inzwischen abgestorbenen Kindes durch Ex¬
traktion. Wegen starker Blutung Versuch der manuellen Plazentarlösung,
wobei Darmschlingen gefühlt werden. Die sofort vorgenommene Laparo¬
tomie ergab, dass die Eihäute fest mit den Darmschlingen verwachsen sind.
Die Plazenta sitzt an der Hinterfläche der Bauchwand von der Mesenterial¬
wurzel bis zum Promontorium, der unterste Zipfel noch auf der Uteruswand.
Supravaginale Uterusamputation. Am nächsten Tag Exitus. Nach Ansicht
des Verfassers ist das allmähliche Bersten des Uterus hier im 4. — 5. Monat
erfolgt.
H. G u t h m a n n - Frankfurt: Die Lichtbehandlung der weiblichen
Gonorrhöe.
In die Zervix wurde eine von Christen konstruierte Leuchtsonde
mit Wasserkühlung eingeführt, die an einem kleinen Induktor angeschlossen
mit 10 — 40 Milliampere betrieben wurde. Es gelang mit ausschliesslicher
Lichtsondenbehandlung, die Gonokokken in einer Anzahl von Fällen voll¬
ständig zum Verschwinden zu bringen. Noch besser waren die Erfolge bei
gleichzeitiger Cholevalbehandlung. Für den Praktiker ist diese Behandlungs-
weisc leider zu teuer und sehr zeitraubend, da die einzelnen Sitzungen
H— lK> Stunden dauern und häufig 9—10 Sitzungen notwendig sind.
E. H e n r a r d - Königsberg: Verletzung des kindlichen Schädels infolge
Rigidität des Muttermundes. .
Zwillingsgeburt. Das erste Kind hatte infolge des zu unnachgiebigen
Muttermundes einen 1 — 2 cm breiten, kranzförmigen Wundstreifen um den
Kopf, es ging 8 Tage p. p. an dieser Wunde zugrunde. Das zweite Kind,
das 7 Stunden später durch Extraktion am Fuss entwickelt werden sollte,
wird vom Muttermund festgehalten, so dass der Kopf nicht entwickelt werden
konnte und das Kind abstirbt. Bei der später notwendig werdenden Lösung
der Nachgeburt zeigt sich der innere Muttermund kaum für 3 Finger durch-,
gängig und absolut dehnungsunfähig.
A. K 1 o p s t o c k - Berlin : Familiäres Vorkommen von Zyklopie und
Arrhinenzephalie.
Die Eltern der beschriebenen Missgeburten sind Vetter und Base. Erstes
Kind 1913, Missbildung. Zweites Kind 1914 gesund, aber mit auffälliger
Gesichtsbildung. Hohe Stirn, eingesunkener Nasenrücken und flache Nase.
1915 Abort. 1918 und 1919 je eine Missbildung, die beide ausführlich
pathologisch-anatomisch beschrieben werden. Die eine ist eine Zyklopie mit
Nebennierenmangel, die andere ein Kebozephalus mit Ren arcuatum.
K o 1 d e - Magdeburg.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 2.
L. S e i t z - Frankfurt a. M.: Ueber die Benennung der Menstruations-
unregelmässigkeiten. I
Verf. schlägt als zweckmässige Bezeichnungen vor: Algomenorrhöe
= schmerzhafte Periode, Dysmenorrhöe — schlechte Periode, Algodysmenor-
rhöe = kombinierte Form. Diesen Störungen in der Empfindung stehen
folgende Störungen in der Blutung gegenüber: Amenorrhoe = fehlende Blu¬
tung. Oligomenorrhoe = zu schwache Blutung, Polymenorrhoe — zu starke
Blutung. Proiomenorrhöe = die frühzeitige, in zu kurzen Zwischenzeiten auf¬
tretende, anteponierende Periode, Opsomenorrhöe = die zu spät, post-
ponierende Periode.
Th. v. Jaschke und Rud. Salomon - Giessen: Zur Fluorbehandlung
mit Bacillosan.
Das Bacillosan besitzt keine Konstanz und ist in der bisher im Handel
üblicheri Form für die Praxis ungeeignet. Die biologischen Grundlagen der
von L o e s e r inaugurierten Fluorbehandlung bleiben durch die Unter¬
suchungen der Giessener Klinik unberührt.
P. v. Kubinyi und B. Johan-Pest: Gumma syphiliticum ovarii.
positiver Spirochätenbefund.
Der Fall ist eine knotig-gummöse Syphilis im Ovarium, wo im Gummi¬
knoten Spirochäten mit Levaditifärbung nachgewiesen werden konnten, und
vielleicht der erste in der Literatur.
Olga S t e n d i n g - Beuthen (O.-Schl.): Beitrag zur Vaginoplastik.
Die Verfasserin tritt warm für die Mastdarmmethode ihres Lehrers
Schubert ein und stellt zu Schuberts alten 33 Fällen 14 weitere
zusammen.
O. Fohr-Mainz: Zum hohen Geradstand.
Kasuistik: Positio occipitalis sacralis mit Vorderhauptslage bei einer
26 jährigen I-para mit allgemein verengtem Becken, bei der nach völliger
Eröffnung des Muttermundes der Kopf trotz guter Wehen keine Tendenz
zeigte, spontan im Becken vorzurücken.
Aug. N e 1 i u s - Mainz: Zur Aetiologie des tiefen Querstandes.
Schilderung von 3 Fällen, in denen die Kürze der Nabelschnur und ihre
feste Umschlingung um den kindlichen Hals mit grosser Wahrscheinlichkeit als
ätiologisches Moment in Frage kommt. Werner- Hamburg.
Zeitschrift für Kinderheilkunde. 31. Band. 1. u. 2. Heft.
Josef F r i e d j u n g - Wien: Beiträge zur Kenntnis der kindlichen
Sexualität.
Der Begriff des Sexuellen wird gewöhnlich zu eng gefasst und Fried¬
jung bezieht nach dem Vorgänge Freuds auch alle lustbetonten Trieb¬
befriedigungen, die nicht dem Zwecke der Selbsterhaltung dienen, in ihn
hinein. Auch am Kinde sind diese „Partialtriebe“ (Freud) zu beobachten
und ihnen widmet F r i e d j u n g, gestützt auf ein reiches Material, seine
eingehende Untersuchung. Er unterscheidet drei Gruppen von Lustbefriedi¬
gung: 1. Autoerotik, die am eigenen Körper gesucht und gefunden wird und
die früheste Zeit der Kindheit charakterisiert. Unter den „erogenen“ Zonen
ist eine der vorzüglichsten der Mund, der zum „Ludeln“ kleiner und grösserer
Kinder führt, ferner der Anus, auch die Fälle von Haut- und Urethralerotik
gehören hierher. Endlich ist Onanie schon im Säuglingsalter häufig zu be¬
obachten. 2. Heteroerotik: Das Kind sucht andere, meist geliebte Personen
zum Zwecke des Lustgewinnes sich dienstbar zu machen. Die häufigste Form
solch einer Aggression ist das Suchen der Brustkinder, aber auch grösserer
Kinder, bis in das 4. Jahr hinein, nach der Brust, nicht nur der Mutter oder
Amme, sondern auch fremder Personen. Hierher gehört das Interesse der
Kinder am Anblick nackter Körperteile, besonders an den Genitalien des
anderen Geschlechts. Auch der Wunsch, von Erwachsenen des anderen Ge¬
schlechtes ins Bett genommen zu werden, hat hier seine Triebursache.
3. Psychosexuelles Verhalten: Schwärmerische Liebe und Eifersucht bis zu
tödlichem Hass, letztere auch auf ein Tier, rangieren hierher; diese Liebe der
Kinder den Eltern gegenüber bezieht sich auf den andersgeschlechtlichen,
die Eifersucht auf den gleichgeschlechtlichen Teil. Fehlt Schamhaftigkeit dem
frühen Kindesalter, so kann sie in einem späteren zum Exhibitionismus sich
steigern und anderseits in der Pubertätszeit zu einer übertriebenen
Schamhaftigkeit ausarten. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis belegen die
Ausführungen F r i e d j u n g s.
Max Frank- Prag: Beitrag zur Biologie der weissen Blutzellen in der
Neugeburtszeit und im Säuglingsalter.
Das qualitative Blutbild der Gebärenden und des Neugeborenen zeigt
grosse Aehnlichkeit, eine zwingende Folge der symbiotischen Abhängigkeit
der Frucht von der Mutter. Dadurch entsteht das Bild der „Synkainogenese“
(K o h n). Durch Vermittlung der Plazenta werden dem Fötus Stoffe zuge¬
führt, wie sie der gravide mütterliche Organismus bildet. Diese üben auf
verschiedene Organe des Fötus naturgemäss dieselben Wirkungen aus, wie auf
die Organe des eigenen Körpers. Als Folgen dieser Wirkung sind Bildungen,
wie z. B. Infiltration der Brüste, Produktion von Milch in denselben, Ver-
grösserung des Uterus, Vergrösserung der Nebenniere beim Neugeborenen
aufzufassen. Auch die besondere Zusammensetzung des Blutes in den ersten
3. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
173
Lebenstagen bezüglich seiner morphologischen Elemente, nämlich des Vor-
wiegens des myeloischen Anteils des weissen Blutbildes muss als Synkaino-
genesc angesehen werden. Mit dem Fortfällen der Ernährung durch die
Plazenta muss sich dieses Blutbild aus demselben Grunde ändern, aus dem
sich die synkainogenetischen Merkmale zuriickbilden. Diese Aenderung des
Blutes setzt rasch nach der Geburt ein und vollzieht sich schneller als die
Rückbildung anderer synkainogenetischer Erscheinungen. Die von F r a n k
sog. postnatale Involution des myeloischen Systems lässt sich im qualitativen
Blutbilde verfolgen und wird auf Grund des Materials der Universitäts-
Kinderklinik in eingehender Darstellung aufgezeigt. Genaue Zählungen der
verschiedenen Zellformen geben in tabellarischer Uebersicht ein genaues Bild
für jeden Tag der „postnatalen Involutionsperiode“. .Frank kommt zum
Schluss, dass das Blutbild um den 14. Lebenstag herum seine definitive
jestalt annimmt.
Arvid W a 1 1 g r e n - Upsala: Zur Symptomatologie und Pathogenese des
Dedema scorbuticum invisibile.
I Das in den letzten Jahren häufigere Vorkommen von Skorbut sowohl bei
erwachsenen als auch bei Säuglingen hat zu einer wesentlichen Erweiterung
ler Symptomatologie dieser Krankheit geführt. Waren früher nur die Skelett-
/eränderungen und die hämorrhagische Diathese als die Charakteristika ge¬
wertet, so sind neuerdings die Blutveränderungen, die Kapillarwandschwäche
nid die Herzdilatation beim Säuglingsskorbut als Legalerscheinungen erkannt
worden. Einem anderen Krankheitsphänomen der älteren Literatur, der
Störung des Wasserhaushaltes, hat W a 1 1 g r e n am Material der Universitäts-
Kinderklinik in Wien (Vorstand Prof. Pirquet) seine eingehenden Unter¬
suchungen gewidmet (mehr als 20 Fälle). Beim Säuglingsskorbut findet eine
vVasserretention im Körper statt, die sich von dem gewöhnlichen Oedem da-
lurch unterscheidet, dass sie keine Fingereindrücke hinterlässt und sich nur
lurch grosse Schwankungen des Körpergewichts manifestiert, für die eine
indere Ursache nicht nachweisbar ist und die daher als Schwankungen des
.Vassergehaltes gedeutet werden müssen. Gewichtsstürze sind am häufigsten
während des floriden Stadiums der Krankheit zu beobachten, kommen aber
luch nach Ablauf der klinischen Skorbutsymptome noch vor. In Ausnahme-
' äUen war manifestes Oedem zu beobachten. Zwischen diesem und dem
atenden Oedem besteht ein wesentlicher Unterschied: beim latenten Oedem
st die Störung des Wasserhaushaltes auf das intrazelluläre, assimilierte
wasser beschränkt, bei klinischem Oedem ist die Assimilationsfähigkeit der
.eilen herabgesetzt oder ihre Funktionsbreite schon überschritten. Bisweilen
st das latente Oedem des Säuglingsskorbut klinisch nachweisbar durch den
•ermehrten Turgor, die Abschwellung aber immer durch das Messband, wobei
:s_ schwierig sein kann, das Oedem von periostalem Hämatom zu unter-
cheiden Durch alle die erwähnten Beobachtungen, Oedeme während des
lohestadiums der Krankheit, reparatorische Gewichtssenkung mit Ver-
mnderung des Turgors, Harnflut und Abschwellung der Glieder, darf an-
.enommen werden, dass bei den Barlowkindern eine Tendenz zur Auf-
peicherung von Wasser im Organismus vorhanden ist. Oedeme bei Säug-
ingen sind ungleich seltener als bei Erwachsenen renalen oder kardialen
rsprungs. Ein grosser Teil ist alimentär bedingt, durch ungeeignete
iahrung und durch geeignete Nahrung zum Schwinden zu bringen. So ver-
ntasst bekanntlich eine zu lange verabreichte einseitige Kohlehydrat-
rnahrung, besonders Mehlnahrung, bedeutende Wasseransammlungen im
-orper. In der Anamnese skorbutkranker Säuglinge findet sich oft, aber doch
lcnt immer, die reichliche Kohlehydratdiät und es wäre falsch, diese allein
ir die Wasserretention beim Säuglingsskorbut verantwortlich zu machen —
ahlreiche Krankengeschichten und Gewichtskurven illustrieren Wallirrens
.usfuhrungen.
es Neugeborenen * * Z " Erankblrt a- M-: Die traumatische Gehirnerweichung
lnJZLÜat aJ* *1? ,?ur ^ektion gelangten Neugeborenen systematische
suchungen des Gehirns angestellt. Sie betrafen frühgeborene und aus-
(etragene Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben waren
dAbls Z“ ™ehreren Monaten gelebt hatten. In 105 Fällen konnten aus-
edehnte Schädigungen: piale und mtrazerebrale Blutungen und auch Er¬
ziehungen m der Gehirnsubstanz festgestellt werden. Die Schädigungen
"A“ ln e’ner charakteristischen Anordnung anzutreffen und ihr Stadium
angt ab von der seit der Geburt verflossenen Zeit. Die Ursachen dieser
chadigungen sind die Druckdifferenzen, denen der vorliegende Teil während
er Geburt ausgesetzt ist und es entstehen die für die Lage der Frucht so
Sr^VM/n^dr^Ckver?nderun-n’ bei Schädellagen die Kopf-
. Kephalhamatom, die pialen und intrazerebralen Blutungen,
iressi™ evi ®nt.sprechend deJ Geburtslage. Die Folge sind ganz typische
Veränderungen; anfangs nur aus Fettkörnchenzellen bestehende
,• je Her das Kind w‘rd. um so mehr Zellen erscheinen, die
1t “ etl’ d‘e *?erA grenzen und durchspinnen. Im Endstadiurn
; et man eine aus derbem Gewebe bestehende Narbe. — Die von
. 'm dah.re 1867 beschriebene „Encephalitis interstitialis neo-
eburtTtnnmq nai?h den Untersuchungen von Schwartz ein durch das
.hn™ir - hervorgerufener Erweichungsprozess im Gehirn Neu-
' r£Ar' Geburtsschadigung des Gehirns findet viel häufiger statt als
A blshA an^ea°mmen hatte In der überwiegenden Mehrzahl der von
■hwärhe“ fanA 61-5 A e von ”TotSeburt“. „Asphyxie“, „Lebens-
•tiwache fanden sich typische anatomische Befunde, so dass Zustände, wie
erden ”in vfp^n^F ’u”AaPhyr ’ ”Atrophie“- „Lebensschwäche“ bezeichnet
srursacht sind F dUrCh traumat‘sche Gehirnschädigung bei der Geburt
i‘ckeM(MoZnwIefnfieckeeb)er. ^ morpho,ogische Bedeutung der blauen Geburts-
reu?le!Lan^b°renen bIäul.ichen Pigmentflecke, die meist in der Haut der
on n ^elssgegend sitzen, werden am häufigsten an Kindern der
,5 , Rasf beobachtet, bei den Japanern in 99,5 Proz. der Kinder,
, I A aber. a^!’ ,be‘ Klndern der kaukasischen Rassen vor. Zar fl hat
was b“b“"te'-
* c “ Be"ra' z" Pro,!nose
iivStfmcZtB-aSf An.,M?Arial von 78 Pallen von Pleuritis der Wiener
S “ (Vorstand : Prof. Pirquet), von denen 39 nach-
d mm c m konnten, z. T, bis zürn 19. Lebensjahre, kommen die
dere ^tiMo^iAAmfA pf a'le . Pleuritiden der Kinder, bei denen eine
aere Aetiologie (Sepsis, Rheumatismus, Infektionskrankheiten) nicht sicher
I nachzuweisen ist, als tuberkulöse aufztifassen sind. Von den 39 nachunter-
1 suchten Fällen zeigten 41 Proz. völlige Ausheilung, 38 Proz. nur sehr geringe
Reste, 10 Proz. mittelschwere bis schwere Veränderungen. Narbige Ver¬
änderungen nach Pleuritis sind noch nach vielen Jahren einer weiteren
Rückbildung bis zum völligen Verschwinden der Veränderungen fähig. Die
Prognose der kindlichen tuberkulösen Pleuritis ist demnach iin allgemeinen
als gut zu bezeichnen. Zahlreiche Krankengeschichten gewähren genauen
Einblick in das zugrunde liegende Material.
Charlotte Steinkopf: Das Auslöscliphänomen bei Scharlach.
Das Auslöschphänomen besagt, dass nach Intrakutanisierung normalen
menschlichen Serums das Scharlachexanthem in der Umgebung der Injektions-
Quaddel (ca. handtellergross) verschwindet, „ausgelöscht“ wird und während
der ganzen Dauer des Exanthems nicht wieder erscheint. Mit Hilfe dieser
Methode müsste es möglich sein die Diagnose Scharlach mit Sicherheit zu
stellen bzw. abzulehnen. Das Serum eines Scharlachrekonvaleszenten hat
3 Wochen lang seit Beginn der Erkrankung diese Fähigkeit nicht. Demgemäss
lässt sich eine direkte und indirekte Methode in Anwendung bringen. Ver-
fassenn hat am Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Krankenhause in Berlin (Leiter
Prof Fmkelstein) diese Methoden geprüft und ist zu folgenden Re¬
sultaten gekommen: Bei Anwendung der direkten Methode zeigte sich in 29
von 34 Fallen ein ausgesprochenes Auslöschphänomen, in 5 Fällen versagte
die Probe, bei Anwendung der indirekten Methode waren die Resultate noch
günstiger. Da also Versager Vorkommen, so müssten gegebenenfalls in praxi
ev. beide Methoden in Anwendung kommen. — In Betreff der Ursache des
Ausloschphänomens neigt Ch. S t e i n k o p f dahin, die Auslüschung als eine
antitoxische Wirkung des Normalserums auf das in der Haut des Kranken
befindliche Virus bzw. Toxin zu erklären. v. Schrenck - München.
Monatsschrift für Kinderheilkunde. Band XXII. Heft 1 ti. 2.
Ho Wilhelm Kno e p f elmacher nud Clara K o h n: Untersuchungen über
den üallenfarbstoff beim Ikterus neonatorum.
r, Blat des Fötus enthält schon grosse Mengen von Gallenfarbstoff.
Das Material für denselben kann dem mütterlichen Blute entstammen. Der
Gallenfarbstoff beim Neugeborenen erweist sich als anhepatisch im Sinne
von Hnmans van den B e r g h. Für die Annahme eines Stauuifks-
lkterus besteht kein Anhaltspunkt.
Kindern ° Tezner: Ueber Liquorbefunde bei kongenitalsyphilitischen
Poro,?oi,l^andywSCbe Reaktion ging stets der Nonneschen parallel; eine
Parallelität zwischen den übrigen Reaktionen liess sich nicht feststellen. Viel
olter als bei Erwachsenen findet sich positiver Wassermann, oft sogar als
emzige Veränderung im Liquor. Der Liquor zeigt sich bei einem verhältnis¬
mässig hohen Prozentsatz von Säuglingen affiziert; doch gehen die Ver¬
änderungen rasch zurück und lassen sich nicht auf eine dauernde Schädigung
des Zentralnervensystems beziehen.
mif RitcoJciH U 1 nAr: U^b6r lin Samiliar auftretendes letales Krankheitsbild
mit Blasenbildung (Pemphigus hereditarius).
nworoo hA?el!i Slch. am ein, eigenes Krankheitsbild (teilweise tiefgehende
Ulzerationen), das mit der echten Epidermolysis nichts zu tun hat.
rungen bei6 Kindern160^ anfa,lsweise auftretende vegetativ-neurotische Stö-
cvm„EltrerSrltS sympathikotonische Erscheinungen, anderseits Zeichen para-
torTsrh^ Voer • ErregUng und. Lähmung. Verantwortlich dürften innersekre-
torische ^Vorgänge sein. Die Zutsände gehen meist unter der Diagnose
„ namie , „Nervosität ‘ und ähnlichen Verlegenheitsbenennungen
Pflegerin. 6 U S s: Einige Bemerkungen über den Unterricht der Säuglings-
j D.er theoretische Unterricht soll auf das Notwendigste eingeschränkt wer-
Ärep?*fe*Hen das„praktische Lehrgebiet erweitert werden und zwar
einerseits durch Vervollständigung des zur Beobachtung gebotenen Kinder-
S 'Sntmlri"8!11’ Säuglingsfürsorgestelle, Kinderkrankenambulanz
tn dForkm ! nPC b M ’■ anderseits durch Vervollständigung des Lehrstoffes
A,- , I r- A Überblicks über alle gangbaren Nähr- und Pflegemethoden
der verschiedenen pädiatrischen Schulen. B
nA* E!n Eal1 Jvon Hauttuberkulose (kutane Primärinfektion?).
q , . Geschwür lag in der Rückenhaut und war wahrscheinlich durch
bazihenri entstand en6 m 6 f gewöhnlichen Impetigoeffloreszenz mit Tuberkel-
lingsaHer.KirSCh’HOf'fer: Zw Kasuistik der Nephritis Juetica im Säug-
Tod unter Oedemen. Keine Sektion.
c.. .?' B. e,ss.au: s- R o s e n b a u m, B. L e i c h t e n t r i 1 1: Beiträge zur
Sauglingsintoxikation. I. Mitteilung. Einleitung eitrage zur
der fallen in die Sommermonate. In
vorhanden fein tFrei£ lA ltlol.oglsS)hes M°mePt »r den Sommerbrechdurchfall
keit einer e x o fe n e n An Ai BrHstklnder)- Es besteht hier die Möglich-
Eine Milch knnn „n-ii k°NbesiedeIung der oberen Darmabschnitte,
eine milch kann noch einwandfrei erscheinen und doch bereits eine enorme
dnAandfre e StA'ilN tenthalten:M ??on höchster Wichtigkeit ist deshalb die
einwandfrei Sterilisation der Nahrung, wie sie in den Milchküchen
aber vielfach nicht im Haushalt, erfolgt. Die primäre Störung bei den
iurAhf n hfSt der..Durchfall, das primäre schädigende AgenSE also ein
roge'tiw”™ nÄSSn"4* Moxibt'°" selb5' isl ei“
e,*'C 3- rhra°^eh“„p^ro<[S^‘i"--
Die Frage wird mit Ja beantwortet. Der genannte Bazillus führte mch
vorausgegangener Angina zu einer schweren Sepsis mft SiaSSKtSS
Kindesalter. * Zur D,ag,10se «"d Behandlung der Nasendiphtherie im
\\n E^gänzung zu dem gleichen Aufsatz von H. 0 p i t z in H 2 d Zschr
„Wir diagnostizieren Diphtherie nach dem klinischen Befund und lassen die
mgnose nur sichern durch den bakteriellen Nachweis.“ Erfahrungen die
im letzten Stand der Diphtherieepidemie in Deutschland gewonnen werden
haben nur eine zeitliche, vorübergehende Bedeutung und SemäTs rfnd
‘ 'Et h's’i'lMi ai'S.n.“,r 6r"ic.h ""0 “lllich zutreffend werten.“
Racfiitisdiaenose. Klinischer und ana,„n,iseher
Aus dem Umfange der Knorpelverdickung kann nicht auf die SeWere
der rhachitischen Prozesse geschlossen werden. Schwere
174
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
Erich Nassau: Lieber epidemiologische Beobachtungen und über abor¬
tive Masern im frühen Kindesalter.
Der hohen Kontagiosität (im Sinne von S z o n t a g h) von Masern
und Windpocken, wobei die Varizellen den Masern etwas nachzustehen
scheinen, steht die geringe Uebertragbarkeit der Scharlacherkrankung gegen¬
über. Die Disposition zur Erkrankung an Varizellen und Masern ist im
Spital beim Säugling und Kleinkinde stets vorhanden. Die abortiven Masern
der ersten Lebensmonate werden genauer beschrieben. Theoretische Er¬
klärungsversuche derselben.
W. Erfurth: Zur Kasuistik der Ohrmissbildungen (Fistula auris con¬
genita und Atresie des Gehörgangsl.
Carl Lein er: Sammelreferat über die dermatologische Literatur des
Jahres 1920.
Referate.
Heft 2. Enthält die Verhandlungen der 32. Versammlung der Deutschen
Gesellschaft für Kinderheilkunde in Jena 1921. Vgl. Referat in d. Wschr.
1921, Nr. 31, S. 996. Albert U f f e n h e i m e r - München.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 5.
Er. Schiff und E. Stransky: Besonderheiten in der chemischen
Zusammensetzung des Säuglingsgehirns. (Aus der Universitäts-Kinderklinik
in Berlin.)
Die Untersuchungen ergaben, dass der Wassergehalt des Gehirns mit
steigendem Alter abnimmt, während im Laufe der Entwicklung der Lipoid¬
gehalt des Gehirns zunimmt; während beim jungen Säugling die Gehirn-
Trockensubstanz nur etwa zu einem Drittel aus Lipoiden besteht, be¬
trägt dieselbe bei Erwachsenen etwa zwei Drittel derselben. Diese
chemische Zusammensetzung des Gehirns beim Säugling ist für das Auf¬
treten von Quellungsprozessen eine recht günstige, hiermit dürfte die Krampf¬
bereitschaft im Säuglingsalter zum Teile Zusammenhängen, auch die Sym¬
ptome der zerebralen Rachitis mögen so ihre Erklärung finden.
K. A. Zahn: Ernährungsversuche am Fistelhund. (Aus dem physio¬
logischen Institut [Prof. O.Kestner] und der Kinderklinik [Prof. H.Klein-
Schmidt] der Universität Hamburg.)
Aus den Schlusssätzen der Arbeit sei hervorgehoben, dass der Sekre-
tioifsverlauf beim Duodenalfistelhund unter normalen Verhältnissen zwischen
Kuhmilch, Buttermilch und Magermilch keinen nennenswerten Unterschied er¬
kennen liess. Bei hitzegeschädigten Tieren ist eine beträchtliche Herabsetzung
des Salzsäuregehaltes im Magensaft festzustellen und kommt es bei Voll- und
Magermilch zu einer abnorm 'schnellen Ausschüttung, während bei Butter¬
milch durch ihren Milchsäuregehalt keine Abweichungen von normalen Ver¬
hältnissen eintreten. Einfacher Eettzusatz (Butter oder Sahne) fünrt zu ab¬
normem Verdauungsablauf, nicht dagegen Buttermehlnahrung. Die weiteren
— meist die Extraktivstoffe betreffenden Ergebnisse können hier unerwähnt
Johannes Scho edel: Diphtheriebazillen in der Nase des Neugeborenen
und älterer Säuglinge. (Aus dem Mütter- und Säuglingsheim [Oberarzt
Dr. Schoedel) der Staat!. Frauenklinik Chemnitz [Dir. Prof. Dr. Krull]).
Rudolph Spitzner: Die Prophylaxe und Behandlung der Diphtherie¬
bazillenträger im Säuglingsalter. (Aus dem Mütter- und Säuglingsheim der
staatlichen Frauenklinik in Chemnitz-Altendorf.)
Beide Arbeiten klären in dankenswerter Weise die noch immer in allerlei
Widersprüchen verstrickte Frage der Di.-Bazillose im Säuglingsalter, zumal
in Anstalten. — Da zu kurzem Referate nicht geeignet, sei eine zusammen¬
fassende Publikation der Ergebnisse in einer allgemeiner zugänglichen medi¬
zinischen Zeitschrift vom Ref. angeregt. Erwähnt sei hier nur die empfehlende
Anwendung des Dipthosans in der Behandlung der Di-Bazilllenträger, in
einer Lösung 1 : 5000, 1 — 2 stündlich mittels Pipette abwechselnd in jedes
Nasenloch bis zu 5 ccm — cave, wegen der orangefärbenden Wirkung auf die
Wäsche. 8 — 10 tägige Kur führt durchschnittlich zum Ziel.
Hermann B r ü n n i n g - Rostock: Zur Frage der Tuberkuloseinfektion
bei Kindern der Privatpraxis.
Danach hat jeder 16. Säugling, fast jedes 4. Kind im Spielalter und fast jedes
2. Kind im Schulalter bereits eine Tuberkulloseinfektion durchgemacht. B.
fordert zu energischen prophylaktischen und therapeutischen Massnahmen
dieser keineswegs auf das Proletariat beschränkten Volksseuche auf.
Literaturbericht, zusammengestellt von Hamburger - Berlin.
O. Rommeli - München.
Medizinische Klinik. Heft 2 und 3.
E. Romberg: Ueber Nephritis. Fortbildungsvortrag.
R. Schmidt: Zur Kenntnis der Aortalgien (Angina pectoris) und über
das Symptom des anginösen linksseitigen Plexusdruckschmerzes.
Schluss der Arbeit mit Darlegung der Differentialdiagnose, Prognose und
Therapie.
Umfrage über die neue Influenzaepidemie.
Aus den ersten eingelaufenen Antworten ergibt sich, dass die Epidemie
bis jetzt recht gutartig zu verlaufen scheint; Empyeme und Pneumonien
ziemlich spärlich, stärkere nervöse Erscheinungen selten. Spezielle Pro¬
phylaxe ist nicht möglich; wesentlich ist die Vermeidung der bekannten In¬
fektionsgelegenheiten. Therapeutisch ist Bettruhe wichtig, empfehlenswert
Aspirin und u. U. Chinin; Kreislaufschwäche muss energisch behandelt
werden.
H. Pette: Weiterer Beitrag zum Verlauf und zur Prognose der Ence¬
phalitis epidemica.
Den mitgeteilten 6 Fällen war gemeinsam, dass sich die ausgesprochenen
Parkinsonsymptome erst geraume Zeit, bis zu iVt Jahren, nach dem akuten
Stadium, welches nie ernsteren Charakter gezeigt hatte, entwickelten, ln
der Zwischenzeit waren alle Kranken für längere Zeit voll arbeitsfähig (und
sind es später, d. h. jetzt, nicht mehr). Ob der Erreger noch nach so
langer Zeitspanne als virulenter Keim und womöglich an Ort und Stelle
vorhanden ist, bleibt vorderhand unklar.
H. Full: Zur Purpurafrage.
Beschreibung eines Purpurafalles, der sich wegen der Herabsetzung
seiner Gerinnungszeit in vitro nicht glatt in das F o n i o sehe Schema ein¬
reihen lässt. Daraus geht hervor, dass die Kriterien von Font o nicht die be¬
hauptete Schärfe beanspruchen können. Im übrigen war die Milzbestrahlung
in dem beschriebenen Fall nur von ganz kurzem Erfolg begleitet.
D. Kling: Zur Kohlebehandlung der Ruhr.
Der beschriebene Fall von Perforationsperitonitis nach Kohlemedikation
bei Ruhr legt eine vorsichtigere Anwendung dieser Therapie nahe; denn sie
bedeutet eine Belastung des kranken und schonungsbedürftigen Darmes sowie
eine Steigerung der Obstipation und Retention. Ein allgemeinerer Gebrauch
der Kohle sollte bloss da, wo die Methode wirklich leistungsfähig ist (Ver¬
giftungen, akute Gastroenteritiden, Cholera), erfolgen.
Haggeney: Novasurol als Diuretikum.
Die intramuskulären und intravenösen Novasurolinjektionen haben sich
zur Hervorbringung einer stärkeren Diurese gut bewährt, vor allem bei
Herzaffektionen. Bei Nephritiden ist Vorsicht geboten.
K. Wohlgemut h: Multipler Leberechinokokkus.
Zweimalige Operation (Marsupalisation) bei dem 15 jährigen Mädchen
brachte Heilung.
Axmann: Ein kleiner Apparat für Hochfrequenzbehandlung.
R. Höppli: Ueber Diagnose und Behandlung der Darmbilharziose.
Heilungserfolg durch intravenöse Brechweinsteininjektionen; Komple¬
mentbindungsreaktion mit Leberegelextrakt war positiv.
K. Blüh dorn: Die alimentäre Intoxikation.
Nr. 3.
A. ßuschke und E. Langer: Die Gonorrhöe als chronische Er¬
krankung.
Klinischer Vortrag. Hervorzuheben ist, dass die Verfasser die Therapie
mit frischer, aus einem oder mehreren Stämmen hergestellter Vakzine für
aussichtsvoll und für besser als alle anderen Vakzinationsmethoden halten.
E. Romberg: Ueber Nephritis.
P. Horn: Aufklärung, Suggestion und Abfindung bei Unfallneurosen.
Die rationellste Heilmethode bei nicht organisch komplizierten Unfall¬
neurosen ist die Beseitigung der Schadensersatzansprüche durch einmalige
Kapitalabfindung, zweckmässigerweise vorbereitet durch vernünftige Auf¬
klärung des Patienten, in geeigneten, allerdings recht seltenen Fällen auch
durch Suggestionsbehandlung; letztere Methode macht nur ausnahmsweise die
Abfindung überflüssig.
Umfrage über die neue Influenzaepidemie.
Aus den heute vorliegenden Antworten haben sich wesentlich neue Ge¬
sichtspunkte nicht ergeben. Allerdings sind auch schwerere Fälle (Meningitis,
Herzstörungen, Zusammenhang mit schwerer Appendizitis) zur Beobachtung
gelangt. Für die Therapie empfiehlt sich unter Umständen ein Versuch mit
Grippeserum oder ..Grippeimpfstoff“.
E. Schmidt: Resultate der einzeitig kombinierten Salvarsan-Sublimat-
Behandlung der Syphilis.
Die Vorteile besagter Behandlung liegen in der Schmerzlosigkeit, der
guten Verträglichkeit und der energischen Wirkung. Die „Linserkur“ ist
besonders geeignet auch für die Behandlung hereditär-luetischer Säuglinge.
F. Klein: Ueber einen Fall von linkseitiger Rekurrenslähmung bei
einem Mitralvitium.
Beschreibung eines solchen Falles, dessen Sektion neben dem Vitium eine
Perikarditis ergab, die zwar nicht direkt auf den Nerven Übergriff, aber
durch eine gewisse Fixation des Herzens die Druckwirkung des vergrösserten
Vorhofs auf den Nerven mehr zur Geltung brachte.
H. Vollmer: Ueber Bewegungs- und Reflexeigentümlichkeiten bei
amyostatischer Enzephalitis. Krankengeschichte eines Falles.
Chr. Stoeber: Die Vasogene in der Dermatologie.
Wegen ihrer guten Emulsions- und der damit verbundenen Resorptions¬
fähigkeit sind die Vasogene als Salbengrundlagen empfehlenswert und durch¬
weg reizlose Präparate.
E. Pulay: Vagotonische Manifestationen an der Haut als Ausdruck
uratischer Diathese.
Verf. regt an, in dem von ihm mehrfach beschriebenen System von
Urtikaria, angioneurotischem Oedem, Pruritus und Ekzemen die Verhältnisse
des Harnsäurestoffwechsels zu prüfen.
E. Tobias: Herzkrankheiten und physikalische Therapie.
Für die Praxis. S. .
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 51 u. 52.
F. L u s t - Karlsruhe: Ueber die Beeinflussung der postenzephalitischen
Schlafstörung durch temperatursteigernde Mittel.
Die nach Encephalitis epidemica schon bei Säuglingen zu beobachtende
schwere Schlafstörung, welche durch die gewöhnlichen Schlafmittel nicht be¬
seitigt werden konnte, wurde durch intramuskuläre Milchinjektionen günstig
beeinflusst, aber nur dann und solange, als eine Temperaturerhöhung eintrat.
A. Alexander - Berlin: Ueber Encephalomyelitis epidemica, ihre
Formes Srustes und ihre Behandlung.
Bei den unausgebildetenFormen finden sich neben den Infektionen der oberen
Luftwege und des Darmes sowohl zu Beginn als gegen Ende der Erkrankung
mehr weniger schwere Störungen des Zentralnervensystems: heftigste Kopf¬
schmerzen mit oder ohne Nackensteifigkeit, Lähmungen einzelner Augen¬
muskeln, des Fazialis, Vagusstörungen mit schweren Spasmen am Pylorus, j
Kolon, Rektum (Verwechselung mit Appendizitis oder Cholezystitis!), nervöse
Herzstörungen, Aufregungszustände. Therapeutisch wurden in einer Reihe
von Fällen Erfolge mit Eukupin und Vuzin erzielt.-
R. D a c k a u - Danzig: Ueber halbseitige Atemstörung bei positiver
Hemiplegie.
Im Verlaufe einer luischen Endarteriitis kam es zu einer Blutung oder
Verstopfung im Bereiche der linken Medianarterie der frontalen Brücke, die
sich klinisch in einer rechtsseitigen Hemiplegie nicht nur der Extremitäten,
sondern auch der Interkostalmuskeln und des rechten Zwerchfelles äusserte. \
O. Stahl- Berlin : Ueber die postoperative Leukozytose.
Als Ursache für die postoperative Leukozytose ist die parenterale Re¬
sorption von Eiweiss sowie eine trotz aller aseptischen Vorkehrungen ein¬
tretende geringe Infektion der Wunde anzusehen.
Fr. J. K a i s e r - Halle a. S.: Erfahrungen' mit Yatren in der Chirurgie.
Als Vorzüge des Yatren werden hervorgehoben: örtliche Reizlosigkeit
und allgemeine Ungiftigkeit, Wärmebeständigkeit, Geruchlosigkeit, blutstillende
und desodorisierende Wirkung, Leistungssteigerung der Gewebe im Wund¬
gebiete, besonders kräftige Wirksamkeit gegen Pyozyaneus. Seine Wasser¬
löslichkeit bedingt rasche Resorption, weshalb das Mittel öfters erneuert
werden muss.
A. Böttner und G. Werner - Königsberg: Ueber Duodenalspülungen
bei der perniziösen Anämie.
In 6 Fällen, die bislang auf alle mögliche andere Weise behandelt worden
waren, konnte durch die Duodenalspülung mit 5 proz. Magnesiumsulfatlösung
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
175
I Februar 1922.
j günstiger Erfolg erzielt werden, der allerdings nur auf einer Ausschwem-
:11g giftiger Stoffe aus dem Darm basiert; es handelt sich hierbei also
'glich um eine symptomatische Therapie.
S t ei n b r i n c k - Breslau: Beber die Behandlung hämolytischer Anämie
Kollargol.
Schon 4 Tage nach Beginn der Behandlung konnte eine fortschreitende
■serung beobachtet werden, die jedoch infolge einer Grippe trotz fort-
etzter Behandlung wieder einer Verschlechterung wich.
K 1 e s t a d t - Breslau: Der lymphangitische Gaumenabszess der oberen
ntzähne und seine Folgen.
Kleine, sagittal gestellte, längliche, subinukös gelegene Abszesse einige
Jimeter hinter den Schneidezähnen am harten Gaumen verdanken ihren
prung zumeist dem seitlichen Schneidezahn, mit de msie jedoch nicht in
littelbarem Zusammenhänge stehen. Da der spontane Durchbruch wegen
Derbheit der Schleimhaut selten ist, besteht die Gefahr der Knochen-
ichmelzung und des Durchbruches in die Nase oder die Kieferhöhle.
A 1 k a n - Berlin: Jejunostomie bei Magenleiden.
Die Jejunostomie erfüllt am gründlichsten die Forderungen jeder Ulcus-
-apie: Schonung und Ruhigstellung des Geschwürs. Sie wird bei älteren
Ösen, perforierenden Magengeschwüren, besonders den kardianahen, bei
irfachen und stark blutenden Geschwüren der Resektion als gleichwertig
Heilwert erachtet. Bei frischer Verätzung der Speiseröhre und des Magens
■ie beim totalen Magenkarzinom mit Pylorusverschluss kommt sie allein
Betracht.
R e h b e r g- Tilsit: Zur Frühdiagnose des Typhus. Zugleich ein Beitrag
Hämatologie des praktischen Arztes.
Das Verschwinden der Eosinophilen und das Heruiitergehen der Leuko-
;nzahl auf 2000 und weniger gestattet auch in- solchen Fällen eine Diagnose.
die klinischen Erscheinungen etwa infolge vorausgegangener Typhus¬
fungen unklar sind.
R. Oppenheimer - Frankfurt a. M. : Tuberkulosenachweis durch ver-
zten Tierversuch.
Durch intrahepatische Impfung sowie durch Einspritzung grosser
imentmengen in den oberen Bauchraum, wo Milz, Netz und periportale
sen mit Sicherheit und schnell zur Erkrankung gebracht werden können,
mg der Nachweis von Tuberkelbazillen in einer grösseren Reihe von
en schon am 16. Tage.
W. L a n g e - Döttingen: Ergebnisse von Tränensackoperationen nach
t i.
In 23 von 29 Fällen konnte Heilung mit vollständiger Wiederherstellung
Tränenabflusses erreicht werden.
R. Griesbach - Giessen: Ein neues Aesthesiometer.
Nur an Hand der beigegebenen Figur verständlich.
Gg. B. Gr über und E. K r a t z e i se n - Mainz: Ueber den Stand der
chauungen vom Wesen der peptischen Magen- und Duodenalgeschwüre.
Uebersicht.
G. L e d d e r h o s e - München: Chirurgische Ratschläge für den Prak-
r.
Nr. 52.
R. Otto und H. Munter- Berlin: Zum d ’ H e r e 1 1 e sehen Phänomen.
Das d . ’ H e r e 1 1 e sehe Phänomen, bestehend in der Auflösung von Ruhr-
terien in vitro durch Stuhlfiltrate von Ruhrkranken oder Ruhrrekonvales-
:en, scheint von der Wirkung eines an allerkleinste Bakterienteilchen gfe-
i denen Fermentes auszugehen. Eine therapeutische Verwertung steht
ih aus.
Rosenbach - Göttingen: Die Tuberkulinreaktion.
Das Tuberkulin ist nicht das eigentliche Toxin der Tuberkulose, wirkt
imehr lediglich aktivierend auf das überall im Körper des Tuberkulösen
nreitete Zymogen des akuten Tuberkulosegiftes. Diese Aktivierung ist
bt gleichbedeutend mit Antitoxinbildung.
U. F r i e d e m a n n - Berlin : Herzmuskeltonus und metadiphtherische
zlähmung. Wirkung der intrakardialen Adrenalininjektion auf die meta-
iitherische Herzlähmung.
In einem Falle schwerster metadiphtherischer Atonie des Herzmuskels mit
jdykardie (Puls 12!) wurde durch intrakardiale Epirenaninjektion ('A mg)
t sofortige Zusammenziehung des Herzens auf normale Grösse und Steige¬
rt der Herzaktion bis zu 140 Pulsen erreicht. Nach 15 Minuten trat wieder
t vorige Zustand ein. Die Adrenalinwirkung wird dadurch erklärt, dass
i:h Erregung der sympathischen Nervenapparate die erloschenen Reize der
izganglienzellen ersetzt und dadurch der Tonus vorübergehend wieder-
restellt wurde.
W. A r n o 1 d i - Berlin: Die Regelung der Darmtätigkeit unter Mit-
utzung kleiner Mengen von Atropin.
Bei motorischen Störungen der Darmtätigkeit, gleichgültig ob sie auf
Gischen oder atonischen Vorgängen beruhen, sind Gaben von V* mg
>pin und weniger, nach Bedarf kombiniert mit Fol. Sennae oder Opium,
] guter Wirkung. Die Kombinationspräparate Sennatropin und Opatropin
■ Kaiser-Friedrich-Apotheke in Berlin (Karlstrasse 20 a) sind empfehlenswert.
V. Schilling- Berlin: Das Blutbild als prinzipielles Untersuchungs¬
ei am Krankenbett. Polemik gegen Arneth.
I..W. S c h w a r z - Berlin: Terpichinbehandlung chronisch entzündlicher
ökologischer Erkrankungen.
Mit Terpichininjektionen konnte eine rasche und weitgehende Ver-
lerung entzündlicher Tumoren und Infiltrate erreicht werden, gleichgültig
aie gonorrhoischen Ursprunges waren oder nicht. Auch die subjektiven
diwerden besserten sich ganz wesentlich.
E. G 1 a s s - Hamburg: Zur Frage der entzündlichen Geschwülste der
nma.
Unter der Bezeichnung einer „interkurrierenden subakuten Mastitis“ wird
Krankheitsbild verstanden, bei dem zumeist in Hängebrüsten mehrere
ic, sehr schmerzhafte Knoten zugleich mit Drüsenschwellungen am
Ooralisrande auftreten. Nach Frangenheim bestehen Beziehungen zu
iblen Nervenästen.
E. A. M a r t i n - Potsdam: Ueber ein neues Antineuralgikum ..Veramon“.
Veramon ist ein Kombinationspräparat und kommt in Tabletten von 0.2 in
- Handel (S c h e r i n g). Seine analgetische Wirkung scheint derjenigen
■ Phenazetin, Pyramidon, Trigemin u. a. überlegen zu sein.
L. B 1 o c h - Berlin : Die Auswahl der Augenschutzgläser.
Im technischen Gebrauch ist neben dem Schutz gegen kurzwellige Strahlen
i ein Schutz gegen langwellige Strahlen durch Augengläser erforderlich.
Die zur Verwendung kommenden Gläser müssen auf ihre Schutzwirkung
geprüft sein.
G. Tugendreich - Berlin: Einige Lehren der Quäkerspeisung.
J. H a u g - Scheidegg: Zur Technik der Urochromogenreaktion.
8 ccm klaren, nicht vergorenen Harnes werden im Reagenzröhrchen drei¬
mal mit Wasser verdünnt und in zwei Hälften geteilt. Zur einen Hälfte
kommen 3 Tropfen einer frischen (unzersetzten) 1 prom. Kaliumpermanganat¬
lösung. Positiv ist die Reaktion bei grünlich-gelber Färbung der Probe, die
sich auch bei mehrstündigem Stehen nicht verändert.
H. Zeller- Schaulen: Spielen die Blutplättchen bei den Todesfällen nach
der indirekten Blutübertragung eine Rolle?
Das Zitratblut muss auf Agglutination und Zerfall von Plättchen geprüft
werden; diese sollen gut erhalten, isoliert und pendelnd sein.
Liebe- Elberfeld : Hautschädigung beim Neugeborenen durch Gono¬
kokken.
Ausgedehnte Blasenbildung, in deren Inhalt Gonokokken in Reinkultur ge¬
funden werden. Heilung durch Betupfen der Wunden mit konzentrierter
Höllensteinlösung.
St. K. Mayer- Mainz: Ueber Hutchinson sehe Zähne.
Bemerkung zur Arbeit von Davidsohn in Nr. 36 d. W.
Messerschmidt - Hannover : Wie lassen sich starke Temperatur-
Schwankungen in den Brutschränken mit Gasheizung vermeiden?
Erforderlich ist ein durchwegs weites Gaszuleitungsrohr.
H. G. C r e u t z f e 1 d t - Kiel : Die neueren Ergebnisse der hirnanatomi¬
schen (histopathologischen) Forschung für die Geisteskrankheiten.
Uebersicht.
G. L e d d e r h o s e - München : Chirurgische Ratschläge für den Prak¬
tiker. Baum- Augsburg.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 52.
Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie, VIII. Jahressitzung. 1. Referate
über die Chirurgie der Gallenwege.
L. Michaud - Lausanne: La Lithiase biliaire.
Zusammenfassende Darstellung des jetzigen Standes der Lehre von der
Bildung der Gallensteine, der Diagnose und internen Behandlung, der Indi¬
kationen zur Operation.
G. Hotz- Basel: Chirurgie der Gallenwege.
Dem .Referat liegen die aus den letzten zehn Jahren gesammelten prak¬
tischen Erfahrungen von 42 Schweizer Chirurgen zugrunde, 1856 Operationen
wegen Cholezystitis und Cholelithiasis und 192 Eingriffe aus anderen Ursachen,
meist wegen Tumoren. Unsere Tabellen geben einen Ueberblick über die
histologischen und bakteriologischen Befunde, Operationsweisen, Todes¬
ursachen, Komplikationen etc. Verf. bespricht ausführlich die Irrtümer der
Diagnose, dei Technik, das Für und Wider der Ektomie und Stomie. Er
tritt energisch für Frühoperation ein, so lange der Körper noch widerstands¬
fähig ist, vor dem 40. Jahr, und hofft, dass die Komplikationen, die jetzt die
Operation noch gefährlich machen, vor allem die direkten mannigfachen
Folgen der Steinbildung und chronischen Entzündung, damit vermieden werden
können, so dass man allgemein zu günstigeren Resultaten kommt.
K. H e n s c h e n - St. Gallen: Die Chirurgie der Gallenwege. (Funk¬
tionelle, bakteriologische und Röntgendiagnostik, Operationsphysiologie, ana¬
tomische und klinisch-physiologische Operationssicherungen.)
Sehr ausführliche zusammenfassende Darstellung, in der Verf. besonders
auch auf die direkte und indirekte Röntgendiagnostik eingeht (mit zahlreichen
interessanten Abbildungen), auf die Funktion der Gallenblase und auf die
Beziehungen zwischen Gallenblase und Magensekretion. Ein besonderes
Kapitel widmet er der Stauungsgallenblase und den Anomalien der Gallenwege.
E. V e i 1 1 o n - Richen: Courvoisiers Anteil an der Entwicklung der
Chirurgie der Gallenwege.
H. Jaeger - Zürich: Ueber Starkstromverletzungen.
Verf. bespricht zunächst die allgemeinen Wirkungen des elektrischen
Stromes auf den Körper, Stromstärke, Isolierung, Widerstände und beschreibt
dann eingehend das klinische Bild: Allgemeinsymptome, Lokalsymptome (Ver¬
brennung, elektrogenes Emphysem. Epidermolyse, Oedem und Nekrose).
Fernsymptome und den Verlauf mit seinen typischen Komplikationen (fort¬
schreitende Nekrose, Nachblutung, Infektion, Spätbilder). Zahlreiche instruktive
Abbildungen.
F o n i o - Langenau: Antethorakale Oesophagoplastik.
A. J e n t z e r - Genf : Resection partielle de l’Humerus, Autographe.
W. O d e r m a t t - Basel : Zwei- und Mehrteilung der Patella.
R. Schweitzer: Ueber ein doppelseitiges, latentes, chronisches
Pleuraempyem. Siehe diese Wschr. 1919 S. 631.
G a s c h o u d - Lausanne : Appareil pour le traitement des fractures de
l’humerus. L. J a c o b - Bremen.
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. ?. A. Kn e ucker - Wien: Anästhesie bei Zahnextraktionen.
E. Petry-Graz: Ueber die für die Röntgenempfindlichkeit pflanzlicher
Objekte massgebenden Bedingungen.
G. Hofer- Wien : Ueber Ozaena.
Fortbildungsvortrag. Eine wirkliche Heilung sah Verf. nur — in einigen
Fällen — nach spezifischer Vakzinebehandlung eintreten.
A. Czepa-Wien: Die Invaginatio ileocoecalis im Röntgenbild.
Krankengeschichte. Abbildungen. Obduktionsbefund.
F. Mandl- Wien: Ueber den M'astdarmkrebs.
Bericht über 779 Fälle der H o c h e n e g g sehen Klinik.
W. S m i t a 1 - Wien: Ein Fall von primärem Sarkom des Omentum majus.
Krankengeschichte. Obduktionsbefund.
R. Fleckseder- Wien: Ueber die Beziehungen zwischen Tvphus und
Schilddrüse.
F. hat beobachtet, dass beim Bestehen einer parenchymatösen Struma der
1 yphus meist günstig, öfters auch in kürzerer Zeit abläuft. Die Behandlung
mit Schilddrüsenpräparaten zeigte bisher keinen deutlichen Erfolg.
W. R o b i t s c h e k - Wien: Ein seltener mikroskopischer Befund im
ausgeheberten Mageninhalt.
Es handelt sich um das Vorkommen der Staublaus (Troctes divinatorius),
welche als Verunreinigung der Nahrung in den Magen gelangte. Der Befund
hat keine weitere klinische Bedeutung.
17h
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 5.
R. K 1 i n g e r - Launen (Bern): Die Prophylaxe des endemischen Kropfes.
Die systematisch (namentlich in den Schulen) durchgeführte Joddar¬
reichung, wozu sich am besten das mild wirkende Jodostann eignet, hat in
verschiedenen Gegenden der Schweiz zu einem entschiedenen Rückgang des
Kropfes geführt. K. fordert dieses prophylaktische Vorgehen für alle Kropt-
gegenden.
Wiener Archiv für interne Medizin. III. Band. Heit 1 tt. 2.
E. G a i s b o e c k - Innsbruck: Experimentelle und anatomische Unter¬
suchungen zur Frage der Kältenephritis. . . ,
Durch direkte Abkühlung der Nieren lässt sich eine akute Nephritis
erzeugen; bei 3 — 4° C entstehen neben den entzündlichen Veränderungen
mehr degenerative in den Tub. contort., bei 9—10 mehr entzündliche Er¬
scheinungen am Gefässsystem; die Entzündung hat glomerulo-tubularen lypus.
kann ausheilen. Splanchnikusdurchtrennung und Dekap^ulation hemmen den
Eintritt der Entzündung nicht; die Dekapsulation bewirkt stellenweise eine
traumatische Entzündung. Gleichzeitige oder vorhergehende Streptokokkose
führt zur akuten interstitiellen Nephritis mit schweren Veränderungen an
den Glomerulis und dem ganzen Parenchym.
M K a h a n e - Wien: Die kutane Diagnostik innerer Krankheiten.
Neben der Prüfung der H e a d sehen Zonen, vor welcher sie gewisse
Vorzüge besitzt, stellt die Prüfung der sensiblen und vasomotorischen Reaktion
der Haut mittels der vom Verf. ausgearbeiteten Galvanopa pation derzeit das
exakteste und das praktisch verwertbarste Verfahren zur kutanen Diagnostik
innerer Krankheiten dar. Beschreibung der Technik und der bezüglich der ein¬
zelnen Organe erzielten Ergebnisse.
V. Kollert- Wien: Ueber die Verwertbarkeit des Münzenklanges (signe
du sou) für die klinische Diagnostik.
Der Münzenklang ist bei freiem Pleuraerguss stets, mehr oder wenigei
deutlich ausgeprägt zu erhalten, durch richtige Wahl der Untersuchungsstelle
auch bei abgesackten Ergüssen. Bei einem Seropneumothorax fehlte das
Zeichen, ebenso bei einem gashaltigen, subphrenischen Abszess und bei dem
grösseren Teil der Aszitesfälle. Bei grossen Aneurysmen ist das Zeichen an
umschriebenen Stellen nachzuweisen. Zur Frühdiagnose kleinster Ergüsse ist
es nicht geeignet.
P. S a x 1 und R. Heilig- Wien: Ueber die Novasuroldiurese.
Novasurol bewirkt eine sehr rasche Ausscheidung von Kochsalz und
Wasser durch die Nieren. Durch Atropin und durch die Zufuhr grosser
Kochsalzmengen wird diese Diurese zeitweilig zum Stillstand gebracht. Die
Erfolge bei kardialem Hydrops, bei Nephrose und Leberzirrhose waren wieder¬
holt sehr gute. Eine Gegenanzeige bilden Fieber, Marasmus und die Glomerulo¬
nephritis. Energische Digitalisierung bereitet die Wirkung der Injektionen
gut vor. .
R. Strisower - Wien: Beiträge zur Frage des Ikterus mit besonderer
Berücksichtigung der Duodenalsaft- und Serumuntersuchung.
St.s Untersuchungen führen ihn zu einer näheren Unterscheidung der
einzelnen Ikterusfornien. Der katarrhalische Ikterus ist nur da anzunehmeii,
wo duodenitische Magen-Darmstörungen vorhergingen. Das Lebersekret er¬
wies sich als farbstoffarm und stets eiweissfrei. Direkt und indirekt positive
Diazoreaktion, erstere beim Abklingen des Ikterus negativ werdend, die
Hyperbilirubinämie überdauert lange die Galleabsperrung. Für eine Uiolan-
gitis ist neben dem schweren Verlauf der Leber- und Milzschwellung auch
die Albuminocholie charakteristisch, welche bei reiner Cholelithiasis fehlt.
Krankheiten, die mit Blutstörungen verbunden sind (perniziöse Anämie,
Malaria) und manche Formen der Leberzirrhose und luetische Splenomegalie
zeigen erhöhten Bilirubingehalt des Serums, sehr hohe Gallefarbstoftwerte im
Duodenalsaft, meist auch Albuminocholie. Die Bilirubinämie bei Pneumonie
durfte teils auf Cholangitis, meist auf dynamischem Ikterus^ durch Storung
der Leberfunktion beruhen. Der Ikterus syphiliticus charakterisiert sich durch
die Aetiologie, die häufige Schwellung der Leber und Milz ohne Druck¬
empfindlichkeit, partiellen Abschluss wie bei Cholangitis, jedoch ohne Fieber,
häufig Albuminocholie, direkte und indirekte Diazoreaktion. Der Salvarsan-
ikterus (nur F r ü h ikterus) dürfte auf einfachen katarrhalischen Verände¬
rungen im Duodenum und den Gallengängen beruhen, während es sich beim
echten Ikterus lueticus praecox wesentlich um eine Erkrankung der Leber¬
zelle und sekundäre Verstopfung der Gallenwege handelt.
A. Edelmann und P. Sa xl- Wien: Ueber ein eigenartiges Krank¬
heitsbild; Kachexie und polyglanduläre Insuffizienz der Drüsen mit äusserer
und innerer Sekretion.
Drei Fälle, bei denen sich in verschiedener Kombination folgende Erschei¬
nungen fanden und bei denen, wie in ähnlichen leichteren Fällen, wohl der
Hunger die hauptsächliche Ursache bildete: Atrophie der Zunge, Anazidität des
Magensaftes, Fermentarmut des Magen- und Duodenalsaftes, hyperchrome An¬
ämie, Diarrhöen, Fettstühle, Osteoporose, Sklerodermie, unaufhaltbarer Krätte-
verfall. , . .
G. F e 1 s e n r e i c h - Wien: Ueber parakardiale Dämpfungsgebiete.
S. Peiler- Wien: Zur Theorie des arteriellen Minimaldruckes und
dessen Bestimmung.
L. Hess- Wien: Ueber das Asthma cardiale und seine Beziehungen zum
Lungenödem. _ ,
Aus der Erörterung über 9 Krankengeschichten seien nur einige Punkte
liervorgehoben ; die wesentliche Beteiligung der Gefässe beim Lungenödem,
ähnlich wie sie beim Zustandekommen des B r i g h t sehen Oedems zu be¬
obachten ist. Die Abhängigkeit paroxysmaler Dyspnoe mit vom Nerven¬
system beeinflussten Vorgängen an den Lungenarterien. Das Vorkommen von
paroxysmaler Atemnot bei vereinzelten oder multiplen Veränderungen der
feineren Koronarverzweigungen (Myomalazien am linken Ventrikel, meist
an der Herzspitze.
F. Kisch- Wien: Beiträge zur Kenntnis über die Ausscheidung des
Harneisens.
S. Peiler und R. S t r i s o w e r - Wien: Beobachtungen über die
Schweisssekretion beim Menschen.
Die schweissmindernde Wirkung von Zuckerinjektionen bei Tuberkulose
wird bestätigt. Der Zucker wirkt antagonistisch auf zentrale Diaphoretika
(Aspirin, Flor, tiliae usw.) und auch in geringerem Grade auf peripher
wirkende (Pilokarpin, Physostigmin). Weitere Beobachtungen im Original.
A. M ü 1 1 e r - D e h a m - Wien: Klinische Beobachtungen über Nieren¬
funktion und Blutdrucksenkung.
Bei klinischen Fällen mit pathologisch niederem Blutdruck ergibt die
Nierenfunktionsprüfung erhebliche Störungen der Wasserausscheidung und der
Konzentrationsfähigkeit. „
R. Singer und H. W i n t e r b e r g - Wien : Chinin als Herz- und
Gefässmittel. oder besscr Chinidin ist das beste Mittel bei _ Extrasystolic
(kleinere Gaben) und beim Vorhofflimmern und Vorhofflattern (grossere Gaben).
Das häufig wiederkehrende Vorhofflimmern bei schweren °^anis.cl^n.
und Gefässleiden wird durch Chinin nicht wirksam beein.lusst, hier ist
Digitalisbehandlung entschieden mehr am Platze. „Lht ru“ be"
empfehlen sich bei länger dauernder, durch einfache Mittel nicht zu be¬
seitigender Tachykardie und gewissen pressorischen Gefässkrisen. Vorerst
soll die Dosis von 0.5 g vorsichtigerweise nicht ube^chntten^ werden^. J
Im Druck erschienene Inauguraldissertationen.
Universität Greifswald. Oktober Dezember 1921. ?
Brauer Karl: Ueber einen Fall von progressiver neurotischer Muskel-
Laang°ehArthur: Zur Frage der Hitzebeständigkeit der gebundenen Antikörper.
N e 1 k i Friedrich: Beitrag zum Problem des dauernden Fehlens der Pateliar-
und Achillessehnenreflexe ohne nachweisbare Erkrankung des Nervig
Sc bunkert Wilhelm: Ueber Stieltorsion im Bereiche der Adnexe des
Uterus. . ,
Streppel Wilhelm: Ueber Opiummissbrauch.
Vereins- und Kongressberichte.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung v o m 7. N o v e'fflber 1921.
Vorsitzender: Herr G r u n e r t. Schriftführer: Herr W e m m e r s.
Herr Mann: Ueber Fremdkörper in den oberen Luft- und Speisewegen,
Vortr berichtet über die Fremdkörperfälle, welche in den letzten
Hl Jahren auf der Ohrenabteilung des Stadtkrankenhauses Dresden-Fnedricli-
stadt zur Beobachtung kamen. .
Die Oesophagusfremdkörper überwiegen an Zahl wie auch anderwärts.
Es wurden entfernt; 5 Knochen, 2 Gräten, 6 Fleischstüeke, 11 Gebisse,
ein grosses Stück von einem Teller, 4 Nadeln, 6 Münzen und je eine Brosc»
mit Eisernem Kreuz und eine kleine Fahne aus Blei. -
Von den 11 Gebissfällen starben zwei, beide waren vorher von anderer
Seite mit der Schlundsonde behandelt worden. Technisch sehr schwierig war
die Entfernung des fest eingekeilten Stückes Teller. Der Kranke kam erst
drei Tage nach dem Unfall in Behandlung. „ , ^
Aus der Trachea bzw. den Bronchien wurden entfernt; 6 Knochen, ein
Stück einer Gebissplatte, je eine Kaffeebohne, eine Holzperle, ein Stuck Laub-
sägeholz, 2 Nadeln, eine Niete. Der letzterwähnte Fall durfte wohl die längste
Verweildauer aufweisen, die von einem Fremdkörper in den Luftwegen be¬
kannt ist — 13 Jahre. Der Fall bot besondere Schwierigkeiten.
Am Schluss wurden als Grenzfälle besprochen ein Kragenknopf, der im
Oesophagus sass, aber Stenosenerscheinung in der Trachea verursachte um.
eine vom Zahnarzt im Mund einer Patientin verlorene Nervnadel. Sie wai
zunächst in den Kehlkopf geraten, dann von verschiedenen Aerzten gesuch)
worden Trachea und Oesophagus wurden vergebens durchforscht. Endlici
fand sie sich dicht vor der Wirbelsäule in der Tiefe der hinteren Rachenwand
Mit der Spitze reichte sie bis an die Schädelbasis.
Bei Behandlung der Oesophagusfremdkörper wurden die I raktikei
dringend vor Anwendung der Schlundsonde oder ähnlicher Instrumente ge¬
warnt Bei Fremdkörpern in den Luftwegen soll man sich genau und wqfg
vom Kranken oder dessen Angehörigen die Vorgeschichte erzählen lassen um
dann nicht versuchen dem Pat. den Fremdkörper auszureden, wie es las
immer geschieht, sondern ihn zum nächsten Facharzt schicken, von dem mal
weiss, dass er die Tracheoskopie beherrscht.
Aussprache: Herr K c 1 1 i n g: Fremdkörper finden sich häufiger in
Mehl und gelangen ins Brot, z. B. entfernte er einen Nagel und einen Holz
Splitter, der so verschluckt wurde und steckenblieb. Bei Oesophagusstcnosei
bleiben kleine Fremdkörper stecken; so wurde mit -dem Oesophagoskoi
entfernt einmal ein Kirschkern bei Karzinom und ein Pflaumenkern bei Vtfr
ätzungsstenose. Einmal keilte sich ein grosses Stück Gänsefleisch mit Hau
zwischen dem Hiatus des Zwerchfells und einer Kardiastenose ein, die »ich
einmal erheblich war (mit dem Oesophagoskop entfernt). In einem andere!
Falle durchstach ein mit einem grossen Stück Fleisch heruntergewürgte
Knochensplitte'- den Oesophagus und machte eine Halsphlegmone trotz Durch
passierens. Geeignete Auswahl der Fälle (glatte, abgerundete Fremdkörper
und richtige Art der Ausführung (ohne. Gewalt) vorausgesetzt, erzielt min
auch mit dem Münzenfänger Erfolge. Wichtig ist, dass das Instrument sie
nicht festfängt, wenn die Extraktion auf Hindernisse stösst. Es muss tiefe
geführt und unter Drehung um 90° unter rückwärts gebeugtem Kopf ai
dem Fremdkörper vorbei wieder herausgebracht werden können. Es setz
dies aber voraus, dass der Führungsstab keine ausgesprochene fixierte Krun:
mung hat. Nicht immer ist ein Röntgenapparat zur Verfügung. Eine rasch
Orientierung auf grössere, harte Fremdkörper ermöglicht eine vorsichtig
Sondierung mit Olivensonde und Resonator nach C o 1 1 i n, unter Vermeidun:
des Anschleifens an den Zähnen.
Herr Panse: Der Vortragende hat keinen Fall erwähnt, in dem ci
im Oesophagus festsitzender Fremdkörper durch das Einführen des Rourt
und die Erweiterung der Speiseröhre zum weiteren Hinabgleiten gekonnt»'
ist. Ich habe diesen Vorgang mehrfach beobachtet. In einem Falle hatte ic
ein festsitzendes kleineres Gebiss gelockert und so gedreht, dass es weite
hinabgeschluckt werden konnte. Es ist ohne Störung spontan mit dem Stuli
abgegangen. .. ,
Herr Rieh. Hoffmann: Bei Fremdkörpern des Oesophagus können fl.
Beschwerden, wenn nervöse Veranlagung vorliegt, den Fremdkörper un
die von ihm etwa gesetzten Verletzungen überdauern. H. erwähnt in diese
Hinsicht eine eigene Beobachtung.
Februar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
177
-
Herr Sommer: Die Anwendung der Schlundsonde ist gefährlich, auch
.■weist sie gar nichts gegen das Vorhandensein eines Fremdkörpers.
Herr Georg Hesse: Die Röntgenaufnahme kann bei Fremdkörpern, die
eilt auf der Platte erscheinen, irreführen. Die direkte Skopie soll deshalb
öglichst immer vorausgehen. Die auffallend gute Heiltendenz der durch den
stsitzenden Fremdkörper erfolgten Gewebsschädigungen erklärt sich wohl
iraus, dass sie ungenäht bleiben.
Herr Wiebe hat auch mehrmals beim Einführen des Oesophagoskops
remdkörper entgleiten und dann per vias naturales abgehen sehen.
Herr Mann (Schlusswort): Der Münzenfänger ist auf alle Fälle zu ver-
erfen. Wenn ich einen Fremdkörper in der Speiseröhre festgestellt habe
ld die Möglichkeit habe, ihn nach oben herauszubefördern, so ziehe ich
esen Weg vor anstatt ihn hinabzustossen.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung v o m 21. November 1921.
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser.
Herr Schmieden: Demonstration eines operativ geheilten Falles von
oncretio pericardii.
Schmieden demonstriert einen Fall, bei dem er die Resectio peri-
irdii wegen schrumpfender Pericarditis adhaesiva mit vollem Erfolg aus-
hrte. Der 46 Jahre alte Patient erkrankte vor einem Jahre und wurde
ifangs wegen Leberzirrhose behandelt. Von Prof. V o 1 h a r d - Halle wurde
!e Diagnose: Concretio pericardii gestellt und Operation angeraten. Es be-
anden bei dem Patienten die Erscheinungen von Herzinsuffizienz, Leber-
auung, Aszites, ausgedehnte Oedeme, Hydrothorax, Zyanose, Venenstauung,
■ringe systolische Einziehung und diastolisches Zurückfedern der Thorax-
and. Die Operation wurde vor 10 Wochen in folgender Weise vorge-
immen: Turflügelförmiger Schnitt über der linken Brustseite mit der Basis
ich dem Sternum. Resektion der 3., 4. und 5. Rippe mit Entfernung des
eriosts. Die Pleurablätter wurden stumpf abgelöst und so eine Eröffnung
:r Pleurahöhle vermieden. Das schwielig verdickte Perikard ist fest mit
:m Herzmuskel verwachsen, so dass der Herzmuskel' in ihm arbeitet wie
ne Hand in einem zu engen Handschuh (Reh n). Es wird das Perikard
>m Herzen in 2/s seiner Zirkumferenz abgclöst wie die Schale einer Apfel-
ne. Nach Befreiung des Herzens von der perikardialen Umklammerung
tzt eine paroxysmale Tachykardie ein, die bald zu normaler Aktion zurück-
•hrl. Es ist deutlich zu beobachten, wie die Aktion des Herzmuskels in
rstole und Diastole ganz gewaltig ergiebiger wird. Bei dem schlechten
llgemeinzustand des Patienten wird von einem plastischen Ersatz des
erzbeutels (Klose) abgesehen. Die Brustwand wird durch Zurückklappen
:s Weichteillappens wieder geschlossen. Der linke Phrenikus war in dem
ichen, schwieligen Gewebe des Perikards nicht aufzufinden, so dass es
veifelhaft ist, ob er geschont wurde. Die Durchleuchtung ergibt Stillstand
":s linken Zwerchfells bei zugleich bestehender Fesselung des Zwerchfells
irch linkseitige Pleuraschwarte. Ein paradoxer Atmungstypus des Zwerch-
lls ist nicht nachweisbar. Die Nachbehandlung, von Prof. Strasburg er
itgeleitet, verlief ohne Störung; der Herzmuskel sprach jetzt auf Digitalis
it an, die Herzkraft nahm rasch zu, Zyanose und Venenstauung gingen bald
irück, eine genügende Diurese führte in kurzer Zeit zur gänzlichen Ent-
ässerung. Oedeme. Hydrothorax, Aszites sind nicht mehr nachweisbar,
it. ist jetzt bei geringen körperlichen Anstrengungen frei von Insuffizienz¬
scheinungen, macht kleinere Spaziergänge und Treppensteigen ohne Be-
hwerden und kann in absehbarer Zeit seinen Beruf als Direktor einer
auerei wieder übernehmen.
Herr Schmieden: Magengeschwürsresektion und spätere Magen-
nktion.
Vortr. schildert in kurzen Zügen die Entwicklung der modernen Ghi-
rgie des Ulcus ventriculi über die ursprüngliche Gastroenterostomie bis zu
m ganz grossen Resektionen. Die Forderung der Stunde heisst: Ab-
endung von der Resektion übergrosser Magenteile und Betreiben einer
msalen Therapie, d. h. einer Therapie, die den heute als feststehend an¬
kannten ätiologischen Faktoren der Geschwürsbildung Rechnung trägt bei
eichzeitiger Erhaltung einer funktionell günstigen Magenform. In diesem
nne beziehen sich die Ausführungen des Vortragenden auf das Ulcus mit
:m Sitz an der kleinen Kurvatur sowie auf die mit einer Sanduhrstenose
nhergehenden Formen. Für das Ulcus am Pylorus wird die als servietten-
ngförmige Resektion bezeichnete Operation auch weiterhin die Methode
;r Wahl bleiben.
An einer Reihe instruktiver Zeichnungen weist Verf. nach, wie von den
sherigen Operationsverfahren keines dem einer kausalen Therapie gerecht
ird. Demgegenüber entwickelt er ein von ihm als treppenförmige Resektion
■zeichnetes Verfahren, bei dem unter weitgehendster Schonung der grossen
arvatur die Geschwürsgefahrzone im Sinne A s c h o f f s (Magenstrasse)
der Mitnahme des für die Entstehung eines Ulcus pepticum so bedeutungs-
illen Pylprus entfernt wird. Es folgt unter Neubildung der kleinen Kurvatur
irch fortlaufende Nahtvereinigung die Verbindung zwischen Magen und
arm nach der Methode Billroth I oder II, für die, auch für die Wieder-
'■rstellung der Hubhöhe des Magens, die G o e t z e sehe Modifikation emp-
hlen werden kann. Diese Operation ist deswegen als kausale Therapie
i bezeichnen, da sie einerseits die Geschwürsgefahrzone an der kleinen
arvatur entfernt, weiter die Möglichkeit an die Hand gibt, durch mehr
■ler minder ausgedehnte Fortnahme von Magenwandungen die Hyperazidität
ich Bedarf herabzusetzen, und da schliesslich auch eine ganze Reihe
erotischer Reize fortfallen, durch dosierbare Resektionen der im kleinen
:tz verlaufenden Vagusäste und Schwächung automatischer intramuskulär
Jegener Ganglienzellenhaufen, die im Sinne v. Bergmanns in der
leusgenese eine Rolle spielen könnten. Die mit der treppenförmigen Re¬
ktion erzielten Erfolge lassen erhoffen, dass sich die moderne Chirurgie
imer mehr den durch diese Operationsmethode erfüllten Forderungen zu¬
endet.
In der Diskussion äussert Herr Flörcken Bedenken gegen die
eppenförmige Resektion des Magens, die ebenso wie die Exzision an der
einen Kurvatur eine lange Narbe mit schwerer Schädigung der üefässe
hafft und Disposition zum Rezidiv. Flörcken bevorzugt seit langen
hren die Resektionsmethode nach Reichel, die eigentlich von Krön-
i n stammt, und verfügt über gute Dauerresultate von 5 Jahren.
Herr L. v. Friedrich: Ueber einige praktische Methoden der Mauen¬
diagnostik.
v. Friedrich berichtet über weitere Versuche und Ergebnisse die
er an der Med. Universitätsklinik Frankfurt a. M. (Dir. Prof. Dr. v. Berg¬
mann) mit dem Ehr mann sehen Alkoholprobefrühstück ausgeführt hat.
Es hat sich dort sehr gut bewährt und eingebürgert.
Die ausgeheberte Menge bei Normalen beträgt 30 — 80 ccm. Die Säure-
werte fallen niedriger aus wie beim Boas-Ewald sehen Probefrühstück.
Da die bis jetzt üblichen „Säurezahlen“ auch nur willkürlich gegen einen
Indikator die lonenkonzentration wiedergeben, sind kleine Titrierungsunter-
schiede nicht mehr von ausschlaggebender Bedeutung. Für die Praxis ist
das Wesentlichste, ob die sog. freie Salzsäure (die keineswegs der aktuellen
Azidität entspricht) normal, vermindert oder vermehrt ist. Zu diesem
Zwecke empfiehlt er einen Apparat (Gastrazidoskop), mit welchem mittels
einer Kongoskala in kürzester Zeit eine Orientierung über diese Verhältnisse
auch dem Praktiker ermöglicht ist. Zur gleichzeitigen Prüfung der Motilität
und Sekretion empfiehlt er am vorherigen Abend des Alkoholprobefrühstücks
2 g Karmin zu geben: grössere Reste weisen auf eine motorische Insuffizienz
höheren Grades hin. Findet man nur wenig Karmin, so kann man daraus auf
die Beschaffenheit der Magenschleimhaut Schlüsse ziehen. Für den Praktiker
wird noch für den Fall, dass ihm keine anderen Mittel zu Probeabendessen
zur Verfügung stehen, eine einfache überall durchführbare Probe empfohlen.
Man gebe abends dem Patienten gekochte Kartoffel mit der Schale zu essen
und in der Frühe soll der Magen gespült werden. Die Kartoffelschalen
passieren beim Normalen, den Pylorus in spätestens 12 Stunden, jedoch bei
Retentionszuständen nicht. Das Alkoholprobefrühstück hat noch seine Vor¬
teile, in seiner Klarheit und Eiweissfreiheit, wodurch alle Reste übersehen
werden können. Am besten bewährte es sich aus diesen Gründen bei der
Beurteilung von Gastritiden und motorischen Insuffizienzen verschiedenen
Grades. (Demonstration des Alkoholprobefrühstücks, des Apparates und ver¬
schiedener Typen einiger mit Alkohol gewonnener Sekretionskurven.)
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 17. November 1921.
Vorsitzender: Herr Kaufmann, Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr Igersheimer: Neue Untersuchungen zur Syphilis des Auges.
1. stellte sich zur Aufgabe, die Beziehungen der Spirochäten zum Erkran¬
kungsherd am Auge und an der Seilbahn näher festzustellen, einmal um ganz
allgemein Näheres über die Wirkung der Spirochäten zu erfahren und im
speziellen die Entstehung der Keratitis parenchymatosa und der tabischen
Optikusatrophie nach Möglichkeit aufzuklären. Aus Mangel an menschlichem
Material wurde zum Studium der Keratitis parenchymatosa, die den Gegen¬
stand des heutigen Vortrags bildete, die experimentelle, metastatischc Kera¬
titis verwendet, wobei dem Verf. das grosse Tiermaterial: des Instituts für
experimentelle Therapie in Frankfurt a. M, zur Verfügung stand. Unter
500—600 Syphilistieren konnte 54 mal eine Keratitis beobachtet werden, von
sonstigen Bulbusveränderungen bestand nur gelegentlich eine geringe Iritis.
I. unterscheidet nach seinen bisherigen Untersuchungen 3 Gruppen, die erste
Gruppe umfasst die frischen Stadien mit beginnender Hornhauttrübung und
Epaulettenpannus. Die Spirochäten wurden gar nicht oder nur in ganz ver¬
einzelten Exemplaren in dem entzündeten Theil der Hornhaut gefunden. Sie
waren meistens in dem hinteren Drittel der klaren Hornhaut lokalisiert, ge¬
legentlich auch über die ganze Hornhaut verteilt. Die zweite Gruppe wird
bis jetzt nur durch einen Fall dargestellt, bei dem die Keratitis 2 Monate
alt und durch ein mächtiges Lymphozyteninfiltrat im zentralen Teil des Horn¬
hautparenchyms hervorgerufen war. Die Spirochäten waren hier nur im
lymphozytären Infiltrat zu finden. Die dritte Gruppe umfasst ältere Stadien
der Keratitis, klinisch durch tiefliegende Trübungen charakterisiert. Ana¬
tomisch lag diesen Trübungen eine Neubildung auf der Hornhauthinterfläche
zugrunde, ganz ähnlich, wie sie auch beim Menschen beobachtet wird. Es
handelt sich um Endothelwucherung mit Neubildung von endothelogenem
Bindegewebe mit mehr oder weniger lymphozytärer, gelegentlich auch
leukozytärer Infiltration; in einem Fall war ausgesprochene Nekrose in der
hinteren Auflagerung zu beobachten, gelegentlich konnte eine Descemetruptur
fesfgestellt werden. Neben dem bemerkenswerten anatomischen Befund war
von besonderem Interesse, dass bei allen bisher beobachteten Fällen dieser
Art, solange das Auge in einem Reizzustand sich befand, Spirochäten in
giosser Zahl vorhanden waren, die nur in der Endothelwucherung, sonst
weder in der Hornhaut noch im übrigen Bulbus beobachtet werden konnten.
Die Resutate dieser Untersuchungen sind geeignet, auch bei der menschlichen
Keratitis parenchymatosa die Spirochätenfrage von neuem wieder aufzurollen.
Da die Spirochäten bei den verschiedenen Stadien der experimentellen
metastatischen Keratitis fast immer in den hintersten Schichten der Hornhaut
gefunden wurden, machte I. therapeutische Versuche mit Einspritzungen eines
neuen Salvarsanpräparates in die vordere Augenkammer. Die Ergebnisse
dieser Versuche bei Tieren sind bisher sehr günstige gewesen (Demonstration
von Abbildungen).
A ussprache: Herren v. Hippel, R i e c k e, Frensdorf.
Herr Robert Meyer- Bi sch: Wasserhaushalt bei Tuberkulose.
Es gibt bisher nur wenige unvollständige Untersuchungen, die sich mit
dem Wasserhaushalt der Tuberkulose befassen. Und doch ist es eine von
Klinikern und Pathologen immer wieder gemachte Beobachtung, dass das
Gewebe tuberkulöser Leichen einen auffallend ausgetrockneten, wasserarmen
Eindruck macht. In Uebereinstimmung hiermit deutet die Erfahrungstatsache,
dass gewisse Fälle von Tuberkulose auffallend hohe Hb- und Erythrozyten¬
werte aufweisen auf die Möglichkeit des Zustandekommens einer Blutein¬
dickung im Laufe der Krankheit hin. In demselben Sinne spricht das ge¬
legentliche Auftreten einer Diuresesteigerung nach Tuberkulininjektion. Im
Gegensatz hierzu scheinen jedoch die Versuche von S a a t h o f f zu stehen,
der durch Tuberkulininjektionen anhaltende Gewichtszunahme — also Wasser¬
anreicherung — erzielen konnte.
Eigene, zur Klärung dieser Widersprüche unternommene systematische
Untersuchungen der Blutzusammensetzung und Wasserhaushalt bei Tuber¬
kulose ergeben, dass leichte Tuberkulosen keine Störung zeigen, dass aber
im sog. zweiten Stadium die Blutzusammensetzung in der Regel ungewöhn¬
lich hohe Erythrozyten-, Hb.- und Serumalbumenwerte. aufweist, und dass
endlich das dritte Stadium durch das kachektische Zustandsbild — Anämie,
Hypalbuminose charakterisiert ist. Die Blutzusammensetzung im letzten
178
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 5.
Stadium bietet im Hinblick auf den Allgemeinzustand dem Verständnis keine
Schwierigkeiten. Die Eindickung des zweiten ist, wie aus der Wirkung einer
Tuberkulininjektion (0,5—1 mg) geschlossen werden kann, bedingt durch den
toxischen Einfluss des tuberkulösen Herdes. Eine derartige luberkulin-
injektion kann, während sie den Wasserhaushalt des Gesunden völlig un¬
berührt lässt, am Tuberkulösen zweierlei Wirkungen entfalten: Entweder es
entsteht eine Bluteindickung mit Gewichtsabnahme oder eine Blutverdünnung
mit Gewichtszunahme. Der erstere Reaktionstypus, die sog. negative Wasser¬
reaktion ist durch eine Wasserausschwemmung verursacht. Der zweite lypus,
die positive Wasserreaktion, ist der Ausdruck einer Wasseranreicheruiig des
Organismus. Ein Vergleich mit dem klinischen Verhalten ergibt, dass leich¬
tere Fälle mit positiver, schwere Fälle mit negativer Wasserreaktion ant¬
worten. Die Blutveränderung der leichten Fälle, wird also durch die Injektion
gebessert, die der schweren weiter verschlechtert. Eine Verwertung dieser
Injektionswirkung des Tuberkulins für die klinische Diagnosenstellung kommt
natürlich nicht in Frage. Auch dass sic allergischen Charakter hat, d. h.
dass sie beim Gesunden nicht vorkommt, hat aus bekannten Gründen nur
sehr begrenzte praktische Bedeutung. Hingegen stellt sie uns die Frage, ob
nur das Tuberkulin imstande ist, einen derartigen Eingriff in dem Mechanismus
des tuberkulösen Wasserhaushalts vorzunehmen.
Von diesem Gesichtspunkt aus mit unspezifischen Substanzen allgestellte
Versuche ergeben, dass Arsen (1 — 2 ccm Solut. Ziemssen subkutan) und einige
Salze (2 ccm 10 prcz. Lösung von NaCl., Natr. bicarb. oder Zucker intra¬
venös) ganz ähnliche Wirkungen entfalten können. Während sie sich von
dem Tuberkulin darin unterscheiden, dass sie am Gesunden und am Tuberku¬
lösen wirken, stimmen sie insofern mit ihm überein, als sie das Bild sowohl
der positiven als auch der negativen Wasserreaktion entstehen lassen können
und als sie die beschriebene Umstellung des Wasserhaushalts nach der einen
oder anderen Richtung ebenso wie das Tuberkulin für eine längere Reihe
von Tagen zu verursachen pflegen. Letzterer Umstand deutet auf eine Mit¬
beteiligung der Gewebe hin. Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass
die genannten kristalloiden Substanzen, in der erwähnten Menge intravenös
gegeben, die Brustganglymphe des Hundes im Sinne einer Abnahme des
prozentualen Eiweissgehaltes und der Ausflussgeschwindigkeit verändern.
Diese Wirkung weicht stark von dem ab, was bisher (Heidenhain u. a.)
über die Eigenschaften der Lymphagoga zweiter Ordnung, allerdings nach In¬
jektion erheblich grösserer Mengen, bekannt war. Es ist nun bemerkenswert,
dass auch ein Lymphagogum erster Ordnung, das Pepton, Abnahme des Ei-
weissgehaltes und der Ausflussgeschwiudigkeit der Lymphe verursachen kann,
wenn es in genügend kleiner Menge gegeben wird, dass also in diesem Falle
die Lymphagoga erster und zweiter Ordnung die geichen Veränderungen der
Lymphe bewirken. Da auch Tuberkulin zu den Lymphagoga erstei Ordnung
gehört, kann man annehmen, dass die Wasserreaktion auf den lymphagogen
Eigenschaften des Tuberkulins beruht. Weiterhin hat damit der Versuch, das
Tuberkulin in seiner Wirkung auf den Wasserhaushalt durch unspezifische
Mittel der genannten Art zu ersetzen, eine experimentelle Grundlage erhalten,
wenigstens was die wasseranreichernden Eigenschaften aller dieser Sub¬
stanzen betrifft. Dass sie auch i« entgegengesetzter Weise, also wasser-
ausschwemmend, wirken können ist schon erwähnt worden. Diese Reaktions-
art ist aber durchaus die Ausnahme. Die Annahme, dass sie als Anzeichen
einer gestörten Wasserregulation aufzufassen sei, wird gestützt durch das
Verhalten eines Falles von echtem Diabetes insipidus, bei dem die negative
Wasserreaktion ausblieb, sobald der Patient unter Pituglandolwirkung stand.
Danach wird es verständlich, dass die negative Wasserreaktion die
Injektionswirkung von Tuberkulin geht auch in dieser Beziehung mit der der
unspezifischen Substanzen vollkommen parallel nur in dem fortgeschrit¬
tenen Stadium der Tuberkulose gesehen wird, in dem die Störung des Wasser¬
haushalts schon eine solche Stärke erreicht hat, dass die genannten Injek¬
tionen nicht mehr reparativ, sondern nur noch verschlimmert wirken können.
Anderseits leuchtet es ein, dass die Wasserverarmung eines weniger fort¬
geschrittenen Tuberkulösen durch die genannten Injektionen günstig beein¬
flusst werden kann. Im Verfolg dieser letzteren Feststellung wurde eine Reihe
von Fällen in regelmässigen Intervallen mit Injektion von Natr. bicarb. oder
NaCl — stets in der obenerwähnten Dosierung — behandelt. Der Erfolg
entsprach durchaus den Erwartungen: Der Serum-Eiweissgehalt ging auf nor¬
male Werte zurück, das Gewicht nahm gleichzeitig ganz erheblich zu
(Demonstration zweier Kurven). In einzelnen Fällen erschien es angezeigt,
von Zeit zu Zeit die unspezifische Behandlung durch eine Tuberkulininjektion
zu unterbrechen. ,
Die geschilderten Eigenschaften sind nicht einzig dem Tuberkulin und den
krystalloiden Substanzen eigentümlich; es geht vielmehr aus einer grossen
Reihe von Untersuchungen, über die noch zu berichten sein wird, hervor,
dass die Wasserreaktion eine gesetzmässige Teilerscheinung des Vorgangs
der sog. Protoplasmaaktivierung darstellt. Noch in einem weiteren Punkte
ergeben sich aufschlussreiche Zusammenhänge, als die sog. protoplasmaakti¬
vierenden Substanzen gleichzeitig zu der von Heidenhain abgegrenzten
Gruppe der Lymphagoga erster und — mit gewissen Einschränkungen -
auch zweiter Ordnung gehören. Auf Grund dieser Feststellungen erscheint
es lohnend, unsere bisherigen Kenntnisse über die Lymphagoga einer er¬
neuten Prüfung zu unterziehen.
Aussprache: Herren Ebbecke, Handowski, E. Meyer,
H e u b n e r, Göppert, R e i f f e r s c h e i d t.
Verein der Aerzte in Halle a. 8.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 30. November 1921.
Herr Grein berichtet über gehäuftes Auftreten von einer Art Ikterus
catarrhalis bei Kindern. , ... .
Herr Straub hat in der med. Poliklinik seit Juli 1921 sehr zahlreiche
Fälle von Ikterus beobachtet. Vorwiegend handelte es sich um leichte
Störungen. Der Ikterus war das einzige Krankheitsbild. Einzelne Fälle be¬
gannen mit schweren Allgemeinerscheinungen, hohem Fieber, Kopf- und
Gliederschmerzen, Erbrechen, Anorexie, Pmstration und Depression ohne
Organbefund. Der Ikterus erschien erst nach 3—4 Tagen. Vereinzelt fehlte
der Ikterus, nur die Allgemeinsymptome sowie aussergewöhnlich starke
Urobilinurie. event. geringe Bilirubinurie, gestatteten die Diagnose. Die
schwersten Fälle verliefen wie milde Formen Weil scher Krankheit. Zerebrale
Symptome und Neigung zu Blutungen wurden nicht beobachtet. Todesfälle
sind nicht vorgekommen. An der infektiösen Natur kann bei dem epidemischen
Auftreten kaum gezweifelt werden. Bakteriologische Untersuchungen waren
negativ. Mit der Möglichkeit ist zu rechnen, dass als Erreger eine Lepto¬
spiraart in Betracht kommt, die vermutlich mit dem Erreger der Wtilselieii
Krankheit verwandt, aber nicht identisch ist. Demonstration von Ab¬
bildungen der verschiedenen Spirochätenarten nach den Originalarbeiten von
Noguchi und kurze Schilderung der Leptospirakrankheiten. Gelbfieber,
W e i 1 sehe Krankheit, Rattenbisskrankheit und Siebentagefieber (Nanu-
k a y a m i). , , ,
Herr Grote konnte in einem typischen Fall dieser Krankheit folgenden
Ablauf feststellen: 10 jähr. Mädchen erkrankt ganz plötzlich mit Schüttelfrost
und Fieber von 39.5". Am nächsten Morgen ein nicht u"e^he^11'<:herp ^ l
tumor. Starke Urobilinreaktion im Harn mit Blut: 4,5 Mul. K.B.1L,,
6000 W.B.K., relative Lymphozytose. Fieber hält sich unter dauernd grossem
Milztumor 5—6 Tage in mittlerer Höhe. Befinden stark gestört, haimg Er¬
brechen. Keine Schmerzen. Am 6. Tage wurden 3,4 Mill. R-B-K. und
6200 W.B.K. gezählt. Immer sehr starke Urobilinreaktion. Am 7. läge tritt
Ikterus und deutliche Leberschwellung auf. ln den nächsten Tagen macht die
Urobilinausscheidung einer starken G me 1 1 n ischen Reaktion Platz, der
geformte Stuhl wird acholisch. Am 12. Tage 2,6 Mill. R. ■ '
Starker Ikterus, der etwa vom 14. Tage ab abzubauen beginnt Wahrend de,
Ikterus ganz, leichte Albuminurie, ohne Sediment. Langsame Rekonvaleszenz
Der Milztumor ist noch bis zum Verschwinden des Ikterus zu fühlen und geht
sehr langsam zurück. ,,, . . . „ „
Die Erkrankung hat also sowohl Züge der W e 1 1 sehen Krankheit an
sich (Fieber, -akuter Beginn, Ikterus), als auch vom hämoiytischen Ikterus
(Milztumor, der wohl z. T. spodogen ist, und starker Blutzerfall), von dem
letzteren unterscheidet sie sich aber scharf durch den Bilirubimkterus De
Kontagiosität ist erwiesen, das Kind stammte aus einer Klasse, in der leie
Fälle beobachtet worden sind. Möglicherweise entspricht die Krankheit der
4 Gruppe des E p i n g e r sehen Ikterus simplex. Augenscheinlich greift der
Prozess in der Milz an unter Steigerung der hämolytischen Funktion des
Organs. Der Ikterus ist wohl sicher ein z. T. pleiochromer. Abkurzend aut
das Fieberstadium scheinen Schwitzprozeduren zu wirken.
Herr Schnell sah bei der schulärztlichen Untersuchung anfangs nur
vereinzelte, in den letzten Tagen 6 — 10 und noch mehr Fälle täglich. Deut».'
liehe Abweichung gegenüber den gelegentlichen Formen von Icterus cator-
rhalis durch deutlichen Milztumor und ausgesprochene Kontagiositat. Ueliautt?
Erkrankungen in Familien, Häusern und Schulen. In einzelnen Fallen hess
sich feststellen, dass nur ein kurzes Zusammensein mit einem erkrankten Kind
stattgefunden hatte. Bei systematischer Nachschau in den Schulen fanden
sich sehr zahlreiche Kinder ohne Krankheitsgefühl und ohne Fieber, die eine
leichte Gelbfärbung, oft auf die Konjunktiven beschrankt, aufwiesen, die nach
wenigen Tagen verschwand. Diese völlig beschwerdelosen, leichtesten Fallfti
übertrafen an Zahl erheblich die schwereren Formen mit Temperatursteigeritng.
Nach 2 — 3 Wochen konnten sämtliche beobachteten Kinder geheilt die F'clujte
wieder besuchen. Obwohl die ^Blutproben zuweilen mehrfach wiederholt
wurden, war Widal stets negativ. Auch ein Zusammenhang mit Oxyuriasis
nicht wahrscheinlich, weil seit Jahren die übergrosse Mehrzahl der Kinder
an Oxyuren leidet, ohne dass Ikterusfälle aufgetreten waren. Anderseits
war nicht festzustellen, dass die erkrankten Kinder häufiger Oxyuren zeigten
als die gesunden. JI
Herr Paul Schmidt glaubte anfänglich an Weil sehe Krankheit, ist
aber allmählich von dieser Ansicht abgekommen. Bis jetzt sind grosse
Epidemien Weil scher Krankheit mit derartig leichtem Verlauf und besonderer
Beteiligung der Kinder nicht bekannt. Ferner konnte eine Anzahl dieser
Fälle durch intraperitoneale Injektion von defibriniertem Blut beim Meer¬
schweinchen untersucht werden, bisher ohne jeden Erfolg.
Bei einem 19 jähr. Mädchen mehrfach Paratyphus-B-Bazillen im sturn
nachgewiesen. Das Blut ergab eine ausgesprochene Agglutination für Para¬
typhusbazillen mit dem homologen Stamm bis 1:400. Diese Tatsache scheint
S. für die ätiologische Beteiligung der Paratyphus-B-Bazillen zu sprechen.
Er erinnert an ähnliche ältere Beobachtungen von E. F r a n k e 1 und Schott-
m ii 1 1 e r in Hamburg. ... . F ...
Herr Meinhof schildert den von Herrn Schmidt erwähnten Fall.
2 Schwestern erkranken an leichtem Ikterus und scheinen zu genesen. Plötz¬
lich bekam die eine LS jähr. Schwester hohes Fieber. Erbrechen, Milztumor,
Paratyphus-B-Bazillen in Stuhl und Harn, nicht im Blut. Nach 8 und 14 Tagen
Harn frei. Stuhl wieder positiv, Widal 1:200 (mit eigenem Stamm : 40U).
Klinisch nach wenigen Tagen Genesung. Die Schwester blieb bazilienfrei.
M. glaubt, dass der Fall eher gegen als für die Paratyphusnatur der
Ikterusfälle spricht.
weis der Abderhalden sehen Reaktion. . ,
Der Vortr streift kurz die bereits vorhandenen Methoden und betont.,
dass mit ihnen allen die gleichen Ergebnisse erzielt worden sind Umstritten
ist die Herkunft der Fermente und .die Art ihrer Wirkung. Der Vortragende
betont, dass die blutfremden Fermente offenbar mit den zellspezifischen
Inhaltsstoffen in das Blut übergehen und wohl nur in besonderen Fällen
und vielleicht überhaupt nicht die die A. R. bedingenden Fermente als Gegen¬
körper aufzufassen sind. Ihr Vorhandensein im Blute "zeigt an, dass aus
bestimmten Zellarten Zellinhaltsstoffe mit ihren spezifischen Eigenschaften ins
Blut übergetreten sind. Inwieweit ein solcher Nachweis praktische Be¬
deutung hat, muss der Arzt entscheiden. Es ist von verschiedenen Forschern
(SacJis, Bronfenbrenner) die Vermutung ausgesprochen worden,
dass der A. R. nicht ein Abbau des dem Serum zugesetzten Substrates zu¬
grunde liege, vielmehr soll jedes Serum Proteasen enthalten, die Serum¬
eiweisskörper abzubauen vermögen. Sie kommen nicht im Blute selbst zur
Wirkung, weil „Antifermen(e“ vorhanden sind. Das zugesetzte Substrat
soll diese letzteren binden und nun sollen die vorhandenen Proteasen Serum-
eiweiss abbauen können. . ~ '
Der Vortragende demonstriert an Hand von Lichtbildern, dass be.uiu
von nichtschwangeren Personen mikroskopische Schnitte durch Plazenta¬
gewebe unverändert lässt. Wird Serum von Schwangeren angewandt, dannj
zeigt sich ein deutlicher Abbau des Substrates.
Ferner demonstriert der Vortr. eine Reihe von Versuchen der folgenden
Art: Serum + Substrat wurde in sterile Röhrchen mit sterilem Serum über¬
gossen und mit sterilem Verschluss bei 37 " aufbewahrt. Es ergab sich, das
z. B. bei Verwendung von Schwangerenserum das Substrat Plazenta UinKro
skopisch sichtbare Veränderungen (Quellung. Zerfallen und Schwund) zeigte
Ferner trübte sich das Serum mehr und mehr. Bei Anwendung von Seruit
| nichtschwangerer Personen blieb jede Veränderung aus. Diese direkt«
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
179
ethode kann einstweilen die anderen Verfahren 7.11m Nachweis der A. R.
eilt ersetzen. Sie ist noch zu wenig ausprohiert, sie wurde nur demonstriert,
n zu zeigen, dass an der A. R. ganz entschieden „etwas dran ist“.
Herr S e 1 1 h e i m hält in der Mehrzahl der Fälle die Diagnose der
diwangerschaft bei der 1. Untersuchung (H e g a r sehe Zeichen) für sicher.
:ir wenn die Schwangerschaft zur Krankheit wird, also bei der Extrauterin-
avidität, eilt es mit der Diagnose und die Sicherheit der Diagnose lässt
ibei oft zu wünschen übrig. Gerade in den Fällen, in welchen wir wegen
:s sichtlich sich verschlechternden Allgemeinzustandes der Flau sofort
lerieren müssen, wäre uns ein so zuverlässiges diagnostisches Mittel wie
e A. R. erwünscht. Auch die vielgerühmte Punktion des Douglas lässt bei
erinnselbildung gelegentlich im Stich. Leider beansprucht die A. R. ge-
ume Zeit und auch das vorgeführte, verblüffend einfache Verfahren erfordert
tigere Zeit zu einer deutlichen Reaktion. Vielleicht können wir eine weitere
bRürzung der Reaktionszeit erhoffen. Dadurch wäre für die praktische
jrwendbarkeit der Reaktion zur Diagnose der geplatzten Extrauterin-
hwangerschaft viel gewonnen.
Herr B e n e k e berichtet über einen Fall von Ecchinokokkenanaphylaxie.
Voelcker macht bei einer Frau Gastroenterostomie.,. Glatte Opera-
m. An der Leber kein krankhafter Befund. Aufwärtsbiegung des linken
iberlappens zur Freilegung des Magens. Trotz tadelloser Wundheilung
urde die Frau täglich elender, eigentümlich schnappende Atmung. Tod am
Tage nach der Operation unter dem Bilde einer Peritonitis. Sektion ergab
illkommen aseptische Wundheilung. Keine Spur einer Peritonitis. Darm
ngefallen. Hochgradige Atrophie des Körpers. Lunge vollkommen normal,
it lufthaltig, trocken. Herz normal. I11 der braunen Leber im linken
ippen dicht unter der Kapsel der Dorsalfläche eine ca. hühnereigrosse
:hinokokkuszyste mit wässerigem Inhalt. Die Zyste war fast vollkommen
>n der fibrösen Wand gelöst und grösstenteils an der äusseren Seite
tensiv gallengrün gefärbt. Keine Blutreste in der fibrösen Wand und
:m Spalt zwischen ihr und der Zyste. Am rechten Lappen eine zirka
iaumengrosse, trocken obliterierte Echinokokkuszyste unmittelbar unter der
ipsel. Am rechten Ovarium und der rechten Uteruswand subserös einige
eine, höckerige Verdickungen. Der Befund deutete darauf hin, dass der
)d der Patientin die Folge einer Echinokokkenanaphylaxie war. Offenbar
ar bei der Operation der nicht zu Gesicht gekommene Echinokokkussack
-irch das Aufwärtsbiegen des linken Leberlappens zum Teil von seiner
ipsel gelöst worden.
Hierdurch mag wohl die Gelegenheit zur Resorption einiger Tropfen der
rstenflüssigkeit gegeben worden sein. Die Gallenfärbung bewies, dass die
i^ste gelockert worden war. Bekanntlich genügen bisweilen Spuren einer
'stenflüssigkeit, welche irgendwie in das Blut gelangen, um einen anaphylak-
;chen Schock hervorzurufen, der in manchen Fällen sofortigen Tod zur
’lge hat. Als Beweis für die Annahme des anaphylaktischen Schocks führt
an, dass es ihm diesmal ebenso wie in einem früheren Fall (Beiträge
r pathologischen Anatomie) gelang, wachsartige Degenerationen der Zwerch-
lmuskeln nachzuweisen, welche er für einen regelmässigen Befund bei ana-
ylaktischem Schock hält. Besonders interessant war die Tatsache, dass die
dnen Höcker an Ovarium und Uterus Reste von Echinokokken (Skolices
d Proglottiden) einschlossen. Offenbar war der am rechten Lappen gelegene
ck früher einmal geplatzt und hatte seinen Inhalt in die Bauchhöhle er-
ssen. Dieses Ereignis hat vermutlich die Ursache für die Entwicklung der
hochgradigen Anaphylaxie gegeben.
Herr Voelcker betont, dass eine Verletzung der Leber nicht vor-
. legen hat.
Herr V 0 1 h a r d zeigt eine durch Operation wesentlich gebesserte
Dwielige Perikarditis.
Herr Voelcker hält den Erfolg der Operation für abhängig von der
Jglichkeit, die Schwielen ohne Verletzung des Herzmuskels vom Herzen
.zulösen.
Herr Winternitz: Ueber akute Pankreaserkrankungen und chronische
i nkreatitis.
Der Vortrag erscheint ausführlicirunter den Originalien der M.m.W.
In der Besprechung weist Herr Beneke darauf hin, dass er
■ it Jahren auf Grund eigener experimenteller Untersuchungen den Stand-
nkt vertritt, dass die Pankreasnekroseherde durch Krampfischämie im
nkreasgewebe (reflektorisch nach Gallensteinen etc.) entstehen. B. erlebte,
ss Licht heim in Königsberg bei einem 6 Wochen lang an höchst un¬
trer Krankheit leidenden Manne einen Senkungsabszess zwischen den
hichten des beiderseitigen Mesokolon diagnostizierte, weil der Patient
iderseits in der Gegend des Colon ascendens und descendens abszess-
:ige Symptome aufwies. Die Diagnose wurde auf Grund der beiderseitig
igsam absteigenden Erkrankung gestellt. Die Sektion bestätigte die Diagnose
llständig. Es handelte sich um eine ganz langsam fortschreitende Pan-
easnekrose mit Aufblätterung beider Mesokola durch flächenhafte Eiter-
ikung mit den typischen Fettnekrosen.
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 17. November 1921.
Herr Kretschmann: Demonstration zweier Fälle von operiertem
' rnhöhlenempyem.
Bei der Stirnhöhlenoperation muss der Eingriff eine sichere Ausheilung
■r Krankheit gewährleisten und eine Entstellung vermeiden. Dies wird am
(den durch die Operationsmethode von Samoylenko erreicht, bei der
‘ sanze Höhlenschleimhaut sorgfältig entfernt wird. Die Höhle füllt sich
‘lliesslich mit Knochen, wie durch Tierexperiment und durch klinische
i obachtung gelegentlich von Nachoperation erwiesen ist. Vortr. hat seit
13 eine grössere Reihe von Kranken nach diesem Verfahren mit sehr
istigen Erfolgen operiert (Fall 1).
Es kommen natürlich auch Versager vor, so Fall 2, bei dem es nach
Wonaten zu einem Rezidiv kam. Deshalb erneute Operation, bei der zwei
' rio-stlappen gebildet und in die Knochenkohle gelagert wurden. Heilung in
S Tagen. Trotz ungewöhnlicher Ausdehnung der Stirnhöhle kaum merkliche
1 flachung. Die intranasale Methode von Halle wird abgelehnt.
Diskussion: Herren Edgar Meyer, Ohnacker und J ä n s c h.
Herr ßauereisen: 2 Fälle von puerperaler Infektion durch Gas-
mdbazlllen.
Kurze Darstellung des Krankheitsbildes auf Grund der vor und während
des Krieges gewonnenen Erfahrungen, besonders an der Hand der von
S c ho ttmüller-Bingold veröffentlichten zusammenfassenden Arbeiten.
Fall 1: 24 jähr. Frau. Aufnahme 18. VI. 1921. Keine Geburt. Letzte
Menses Februar 1921. 18. VI. Sturz von der Treppe. Puls 120. Temp. 39,1.
Fundus fast am Nabel, Mund geschlossen. Schmerzhafte Paraimetrien. All¬
gemeinbefinden befriedigend. Am folgenden Tage Verfall: Puls 130 — 140.
Temp. 40,6. Leib aufgetrieben. Urin blutig. Spontanausstossung eines 20 cm
langen Fötus.
Wegen Verdacht auf Perforation wird vom Stationsarzt die Laparotomie
vorgenommen: Reichliche sanguinolente Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Keine
Verletzung. Knistern in der Uteruswand. Tiefe supravaginale Amputation
des Uterus. Verschlechterung. Exitus.
Autopsie: Peritonitis. Milz und Leber gashaltig. Die mikroskopische
Untersuchung (Prof. R i c k e r) ergibt Gasbazillen in zahlreichen Organen,
besonders in Uterus, Milz und Leber. Gasbazillensepsis und Peritonitis.
Fall 2: 22 jähr. Patientin, ledig, keine Geburt. Am 16. VII. abends
3 malige Injektion von Seifenwasser. Am Morgen Schmerzen im Leib. Vom
Arzt der Klinik überwiesen. Aufnahme 17. VII. 1921 vorm.: Leib gespannt,
starke Schmerzhaftigkeit des Uterus, Temp. 37,4. Puls 90. Graviditas
Mens. III. Douglas vorgewölbt. Die Punktion ergibt: Sanginolente
Flüssigkeit.
Wegen Verdacht auf Perforation Laparotomie: Reichlich sanginolente
Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Keine Verletzung. Beide Tuben stark ge¬
schwollen, blaurot gefärbt. Rechte Tube geschlossen. Linke Tube offen.
Totalexstirpation des Uterus und der Tuben. In den ersten Tagen Tem-‘
peraturen bis 38,5, dann glatter Verlauf. Wunde p. p. geheilt.
Präparat: Decidua vera abgelöst, Chorion. Kein Fötus. Im Innern und
im Gewebe der Tuben und des Uterus Gram-positive Stäbchen, die mit Wahr¬
scheinlichkeit als Gasbazillen zu deuten sind. Noch keine Gasbildung. Die
mikroskopische Untersuchung wurde im pathol. Institut (Prof. R i c k e r)
ausgeführt.
Epikrise: Es handelt sich im ersten Fall um eine tödlich endende All¬
gemeininfektion mit Gasbrandbazillen, im zweiten Fall noch um eine Lokal¬
infektion des Uterus und der Tuben. Die im letzteren Fall vorhandene
Peritonitis heilte nach Entfernung des Hauptherdes ab.
Herr Bauereisen: Ueber Peritonitis bei malignem Tumor.
39 jähr. Frau. Erste Geburt vor 16 Jahren. Keine Fehlgeburt. Men¬
struation regelmässig. Seit 3 Wochen Spannung im Leib. Seit 3 Tagen
Doppeltsehen.
Aufnahme 12. X. 21. Zyanose. Herzdämpfung nach links verbreitert;
rhu. Dämpfung. Massig* Meteorismus. R. Flanke Dämpfung.
Augenärztliche Untersuchung: R. Abduzensparese.
Genitalbefund: Uterus in den Parametrien fixiert, Tuben fingerdick.
Douglaspunktion: Trübes Exsudat ohne Bakterien.
Zunahme der Dämpfung, rechts hinten pleuritisches Exsudat. Entleerung
von 700 ccm. Besserung. Nach einigen Tagen Zunahme des Meteorismus,
Ileus. Laparotomie. Entleerung grosser Mengen eitriger Aszitesflüssigkeit.
Fibrinauflagerung auf Darm und Peritoneum, (m Mesenterium wurden Knollen
gefühlt, Tuben verdickt. Am folgenden Tage Ileostomie. Bald darauf Exitus.
Autopsie: Peritonitis. Walnussgrosse Tumoren im Mesenterium. Meta¬
stasen im Dünndarm, Niere, Lungenhilus und Achseldrii'sen, Tuben, Uterus und
Parametrien.
Mikroskopische Untersuchung (Prof. Rick er): Lymphosarkom.
Epikrise: Primäres Lymphosarkom der Mesenterialdrüsen mit Metastasen
im Darm, Niere, besonders in beiden Tuben, im Parametrium und Uterus.
Das Sarkom führte zum Ileus und Aszites mit anschliessender Peritonitis.
Diskussion: Herren Siedentopf, Wegrad, Kamann, Ro¬
meick, Habs.
Herr Kahn: Ueber das chronische Magen- und Duodenalgeschwür.
Das Magengeschwür ist in den letzten Jahren zweifellos häufiger ge¬
worden. Von 328 Fällen mit chronischen Magenbeschwerden, die in den
~ Jahren untersucht wurden, hatten 121 chronische Geschwüre des
Magens resp. Duodenums (37 Proz.), während die grösseren Statistiken etwa
10 Proz. angeben. Die Verteilung nach Geschlechtern ergab 75 Proz. männ¬
liche und 25 Proz. weibliche Patienten. 68 Fälle, also mehr als die Hälfte,
gehörten dem 3. und 4. Jahrzehnt an. Das 2. Dezennium war mit 12, das
5. mit 24, das 6. und 7. mit zusammen 17 vertreten.
Vortr. bespricht darauf die Symptomatologie und Untersuchungsmethoden.
Von den 121 Fällen hatte 61 gesteigerte, 30 normale und 13 verminderte
Saurewerte nach dem Ewald sehen Probefrühstück.
Der Nachweis von okkultem Blut im Stuhl gelang in 30 Proz. der Fälle
(Benzidinprobe). Blutbrechen wurde nur einmal, Teerstuhl zweimal beob¬
achtet. Die röntgenologische Untersuchung wurde 10 Minuten, lH> — 2, 5 und
ev. 24 Stunden nach Verabfolgung von Citobaryumbrei vorgenommen. Die
H a u d e k sehe Nische wurde nur einmal beobachtet. Das nächstsichere
Symptom ist der 5-Stundenrest, der jedoch kritisch zu bewerten ist. Nega¬
tiver Röntgenbefund schliesst niemals ein Ulcus aus. Chirurgische Therapie
bei schwerer motorischer Insuffizienz oder häufigen Rezidiven; sonst Diätkur
nach S t r a u s s.
Von den 121 Fällen wurden 14 operiert, also mehr als 10 Proz. In
13 Fällen fand sich ein pylorusnahes Ulcus, einmal nur Verwachsungen am
Duodenum. 1 Patient kam infolge fieberhafter Bronchitis und sich daraus
entwickeindem Gangränherd zum Exitus; die übrigen sind beschwerdefrei
(/4— 1/2 Jahre nach der Operation).
Diskussion: Herr Berger.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 29. November 1921.
Herr Eichhorn: Vorweisung zum Kapitel der Therapie chronischer
Unterschenkeigeschwüre.
Da alle Mittel versagen, soll der Versuch mit Röntgenbestrahlung
gemacht werden.
Herren Kupferberg und Nelius: Vorweisung des L e i t z scheu
Mikroskopes zur Beobachtung von lebenden Kapillaren (W e i s s und
O. Müller).
Hinweis auf die Untersuchungen Hinselmanns über Nephropathla
ISO
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. S.
gravidarum und Eklampsie an Hand der Kapillarbeobachtung. Die Ablesung
ist schwierig. Subjektive Fehler sind leicht möglich. Ein grosserer Beob¬
achtungsschatz ist zu sammeln, ehe bestimmte Schlüsse möglich sind.
Herr K u p i e r b e r g: Vorweisung eines exstirpierten Uterus mit
spontaner Kolpaporhexis transversalis anterior. .
Die Abreissung erfolgte bei einer 3.-Gebarenden mit plattem "ecK,f"
spontan. Kindsgewicht von 4,5 kg.' Laparotomie 4 Stunden nach der Ruptur
und nach weitem Automobiltransport. Heilung. — Spina bifida im Lumbalteil
eines Neugeborenen mit motorischen und sensiblen Lähmungen beider in
Beugestellung kontrakten Beine, doppelseitigen Klumpfussen und Lähmung
von Blase und Mastdarm. , . ... . .
Herr Kupferbere spricht über Diagnostische Irrtumer in der
Gynäkologie. (Erscheint in extenso an anderem Ort.)
Herr R e i s i n g e r spricht über Askariden in den Gallenwegen.
Vortragender hat in den letzten Jahren, welche eine Zunahme der
Askaridosis überhaupt erkennen Hessen, 3 Falle von Askaris in den Gallen¬
wegen erlebt. Er lehnt die Annahme ab. dass die Einwanderung der Askariden
eine Steinerkrankung der Gallenwege voraussetze, wodurch es infolge Stein¬
austreibung zu einer Erweiterung des Ductus choledochus gekommen sei.
Gg. B. Gruber - Mainz.
Aerztlicher Verein zu Marburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
Herr Jahrmärker: Demonstration klinischer Fälle.
Herr Keining: Experimentelle Beiträge zu den Flockungsreaktionen
nach Sachs und G e o r g i und nach M e i n i c k e.
In bezug auf die kombinierte S G. - W a R. Keinings wir
betont, dass sie theoretischen Zwecken dienen soll. K. hofft mit dieser Ver¬
suchsanordnung durch Untersuchung der isolierten Serumanteile zur Beantwoi-
tung der Frage zu gelangen, welche Fraktion für ein einwandfreies Flockungs¬
resultat ausreicht und welche den Komplementschwund bedingt, oder ob an eine
identische Fraktion SG.-Flockung und Komplementvernichtung gebunden ist
Ein schroffer Gegensatz zwischen Lipoidreaktion (SG.) und Globulinreaktion
(WaR.) ist von K. nie angenommen worden. Die erste Erschütterung der
Struktur des Serumextraktgemisches soll in einer Lipoidreaktion bestehen;
durch eine sich anschliessende Kette von Vorgängen werden die Globuline
schliesslich derart präpariert, dass sie das Komplement inaktivieren können.
Weitere Versuche zielen auf eine Frühablesung hin, die prinzipiell durch ie
Trübungsreaktion nach Dold erreicht ist; ihre ausreichende
Spezifität muss nachgeprüft werden. Gaethgens Zentrifugiermethode er¬
möglicht zwar beschleunigtes Ausflocken der Seren, es wurden jedoch gehäuft
unspezifische Resultate gefunden. Vorläufig ist der Brutschrank nicht zu
umgehen. Steigerung der Temperatur über 37 führt entsprechend zur Ab¬
nahme der Flockungsstärke, bis sie ganz schwindet. Versucht wurde die Er¬
höhung der Temperatur auf 56°: erst das fertige Extraktserumgemisch wurde
inaktiviert. Das Extrakt selbst erleidet durch Erhitzen auf 56 keine Ver¬
änderung, wie der angeschlossene Normalansatz der Versuche beweist Das
bei 56 0 inaktivierte Extraktserumgemisch (S G. - R.) lässt keine deutlichen
Flockungsunterschiede erkennen. Steigerung des NaCl-Gehaltes führt zwar
zur Vermehrung der Flockungstendenz, man gelangt aber sehr bald in eine
unerwünschte NaCl-Flockungszone. Die DM. (Meinicke) mit aktivem
Serum gibt auffällig spezifische Resultate. Die Zunahme unspezifischer
Resultate des Normalansatzes bei 18 0 ist ganz unbedeutend, yorübergehend
auf 56 0 erhitztes Antigen arbeitet spezifisch und unabgeschwächt. Aktives
Serum ~h Meinickeextrakt, nach Mischung bei 56 inaktiviert, anschliessend
bei 37°, 18° oder 0° gehalten, ergibt vollwertige Flockungsresultate. Vorzüge
gegenüber dem Normalansatz bietet diese Versuchsanordnung nicht, sie lasst
aber die grosse Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit der Meinickeextrakte, und
zwar selbst unter extremen Versuchsbedingungen deutlich erkennen.
Diskussion: Herr Dold berichtet über eine weitere Vereinfachung
seiner Trübungsflockungsreaktion. Die Vereinfachung besteht
darin dass an Stelle der bisherigen 2 Kontrollen (Extrakt- und Serum¬
kontrolle) eine kombinierte Extraktserum Kontrolle tritt.
Da, wie von Dold gezeigt worden ist, Formaldehyd die Reaktionsfähigkeit
luetischer Sera aufhebt, kann man durch Zusatz von Formaldehyd den im
Augenblick des Zusammenmischens von Luesserum und Extrakt jeweils
resultierenden optischen Zustand festhalten und gewinnt so in einfacher Weise
eine kombinierte Extraktserumkontrolle für den eigentlichen Versuch. Die
Trübungsflockungsreaktion mit Formolkontrolle ge¬
staltet sich dann (bei Verwendung von einem Extrakt) folgendermassen:
Man bringt in 2 Reagenzröhrchen je 0,4 ccm des inaktivierten Patienten¬
serums, gibt zu dem rechts stehenden (als Kontrolle dienenden) Röhrchen
2 Tropfen einer mit physiologischer Kochsalzlösung hergestellten Formalin¬
verdünnung (1:4) in das links stehende Versuchsröhrchen 2 Tropfen physio¬
logischer Kochsalzlösung. Hierauf fügt man zu beiden Röhrchen je 2,0 ccm
des 1:11 verdünnten Trübungsextraktes, schüttelt um, bringt die Proben in
den Brutschrank und liest nach 4 Stunden ab. Ergebnis positiv, wenn das
links stehende Versuchsröhrchen deutlich trüber erscheint als das
rechts stehende Kontrollröhrchen. Ergebnis negativ, wenn
beide Röhrchen keine Unterschiede hinsichtlich des optischen Ver¬
haltens aufweisen.
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 25. Januar 1922.
Herr Schindler: Bericht über 120 an der Abteilung des Herrn Prof.
Neubauer im Krankenhaus Schwabing ausgeführte Gastroskopien mit über
60 farbigen Projektionen von Magenspiegelbildern. Der Vortrag wird in
einer der nächsten Nummern im Wortlaut erscheinen.
Die Ausführungen werden mit grossem Beifall aufgenommen. In der
anschliessenden Diskussion beglückwünscht Herr Crämer den Referenten
zu seiner erfolgreichen Verbesserung und Ausgestaltung der gastroskop-ischen
Untersuchungsmethode und bestätigt aus eigener Anschauung die Beschwerde-
losigkeit, mit der selbst langdauernde Gastroskopien auch von herunter¬
gekommenen Kranken vertragen werden, wie spielend das Instrument von
kundiger Hand eingefüWt wird und wie überraschend klar und deutlich das
gastroskopische Bild auch vom Neuling wahrgenommen wird Die richtige
Deutung der Bilder erfordert freilich Sachkenntnis und Erfahrung. lese
vorausgesetzt, wird jedoch die Methode ausserordentliches leisten können für
Diagnose und Prognose der Magenkrankheiten, auch solcher, denen wir bisher
noch recht ratlos gegenüberstanden.
Herr Schmitt verspricht sich auch für den Chirurgen viel von der
Gastroskopie, wenn ihre Methodik planmässig weiter ausgebaut wird und
äussert die Ansicht, dass die Gastroskopie als Spezialität wohl eine aussichts¬
reiche Zukunft biete. , , .. , v.
Herr Kersch en steiner hat, gewonnen durch die vorzügliche Klar¬
heit der gastroskopischen Bilder, deren Wiedergabe in den projizierten
Aquarellen keineswegs frisiert ist, sondern hinter der Anschaulichkeit der wirk¬
lichen Bilder noch zurückbleibt, seit geraumer Zeit die Methode auch an seiner
Abteilung als selbstverständliches und hochgeschätztes diagnostisches Hi Ifs-
mittel eingeführt. Die diagnostischen Ergebnisse sind vorzüglich und auch
für die Biologie und Physiologie eröffnet die Methode neue Einblicke, wie
z. B. die Beobachtung der rhythmischen Kontraktionen von Gastroentero-
stomieöffnungen, die als interessante Nachbildung der Pylorustätigkeit er¬
scheinen. 4. . . .
Herr Kästle sucht in längeren Ausführungen die Röntgenologie aus
dem Schatten zu ziehen, den die Gastroskopie auf sie zu werfen droht. Er
gibt genaue Anweisungen für die kunstgerechte Magendarmdurchleuchtung im
Liegen und erwähnt die Treffsicherheit seiner zahlreichen röntgenologischen
Magendiagnosen. Bei zwei an ihn gelangten Fällen Schindlers sucht er
eine gastroskopische Fehldiagnose nachzuweisen.
Herr Schindler spricht im Schlusswort seinen Dank aus für die
freundliche Aufnahme seines Vortrages und für das Entgegenkommen der
Abteilungsvorstände und des Pathologen des Krankenhauses Schwabing, wo¬
durch seine Untersuchungen sehr erleichtert wurden. Zu den von Kastle
angezogenen Fällen teilt er mit, dass Fall 1 laut Untersuchungsprotokoll em
klares Bild nicht ergeben hatte, während er im 2. Falle die Diagnose Erosion
der Magenschleimhaut aufrecht erhält und den negativen Befund des Chirurgen
bei der von ihm nicht veranlassten Operation auf eine durchaus verständ¬
liche Fehldiagnose bei der Besichtigung der Aussenseite des Magens während
der Operation zurückführt.
Würzburger Aerzteabend.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung des ärztlichen B e z i r k s v e r e i n s
vom 17. Januar 1922 im Luitpoldkrankenhaus.
Herr Rietschel demonstriert:
1. Paratyphus B bei einem Säugling von 6 Monaten. Klinisches Bild
unbestimmt. Keine Milzschwellung, keine Roseolen, atypische Temperaturen.
Blutig-eitrige Stühle, über 4 Wochen Dauer. Im Stuhl mehrfach Paratyphus B
bakteriologisch festgestellt. Agglutination 1: 150. Trotz der Schwierigkeit,
die Agglutination beim Säugling diagnostisch heranzuziehen, wird der Fall als
Paratyphus B angesprochen.
2. Hypertrophische Leberzirrhose mit Splenomegalie (H a n o t), mit
Ikterus ohne Aszites. 9 jähriger Junge, gesunde Eltern. Mit 4 Jahren zum
' ersten Male Ikterus. Seitdem immer gelbliche Verfärbung. Vor 6 Wochen
erneuter starker Ikterus, angeblich nach einer Wurstvergiftung. Milz hart
bis zur Mitte zwischen Nabel und Rippenbogen reichend. Leber zwei Quer¬
finger über den Rippenbogen tastbar. Deutliche ikterische Verfärbung. Keine
Schmerzen. Wassermann negativ. Im Harn kein Bilirubin; Urobilin +, Uro-
bilinogen +. Das Blutserum gelblich verfärbt, Bilirubin +, ergibt deutlich die
indirekte Probe nach Hijmans van den Bergh (acholurischer Ikterus).
Geringe Anämie. Rote 3 200 000, weisse 16 300, Hämogl. 65 Proz.,
Plättchen 360 000. Eine Resistenzverminderung der roten Blutkörperchen:
nicht nachweisbar. Beginn der Hämolyse bei 0,43, komplette Hämolyse be ■
0,38. Stuhl stark cholisch gefärbt, Duodenalsondierung leider unmöglich.;
Der Fall wird unter obiger Diagnose vorgestellt, wobei allerdings die An
ämie für einen Uebergang in den hämolytischen Ikterus sprechen könnte j
Wahrscheinlich sind diese Formen enger verwandt. Milzexstirpation wird
angeraten, von den Eltern abgelehnt.
3. a) Pontine Form der H e i n e - M e d i n sehen Krankheit, ln den
letzten 2 Monaten 14 Fälle von H e i n e - M e d i n scher Krankheit beobachtet]
Unter Fieber akute Fazialisparese rechts bei 3 jährigem Kind, die als Kern 1
affektion bei H e i n e - M e d i n scher Krankheit gedeutet wird. Spinale ode
andere Hirnsymptome fehlen. Schwierigkeit der Abgrenzung gegen die sog
rheumatische Fazialislähmung. Für Heine-Medin spricht das akute Fieber ui
Beginn und die Zeit der Epidemie.
b) Ataktische Form der H e i n e - M e d i n sehen Krankheit. Plötztiel]
binnen weniger Tage sich entwickelnde ataktische Gangstörung bei einen:
4 jährigen Knaben. Augenhintergrund frei. Keine spinalen Symptome. Pa
tellarsehnenreflexa etwas gesteigert. Kein Nystagmus. Besprechung de
Differentialdiagnose: Tumor, Heine-Medin. Encephalitis epidemica. Das plötz
liehe Auftreten unter Fieber macht eine entzündliche Affektion des Zerebellum
am wahrscheinlichsten.
4. Ponstumor. 10 jähriges Mädchen. Gekreuzte Lähmung, Faciah '
abducens rechts gelähmt, linksseitige Hemiplegie. Nystagmus beim Bhcl
nach links. Vestibularis rechts etwas gesteigert. F o v i 1 1 e sehe Lao
m u n g. Wahrscheinlich Tuberkel.
5. Hypothyreose. 15 jähriger Junge.' 109 cm gross. Hat die Schule nor
mal besucht, ist jetzt bei einem Schuster in der Lehre. Angedeutete Zeicht ;
des Myxödems. Starke Verzögerung der Ossifikation der Handwurzelknoclien
2 Knochenkerne. Auffallend ist hier die starke Wachstumsbehinderung bt
relativ wenig Beteiligung des Intellektes.
6. 2 Fälle von schwerster Diplegia spastica infantilis. Erster mit typische
L i 1 1 1 e scher Aetiologie (Geburtstrauma), der zweite kombiniert mit angt
borenem Herzfehler. Bei beiden wird eine diffuse Erweichung des Hirne
durch Blutungen mit sekundärer Gliose und Sklerose angenommen (Encephahti
interstitialis Virchow).
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
181
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 13. Januar 1922.
Herr J. Fei n stellt einen Mann init Syphilis des Kehlkopfes vor.
Herr V. B I u m berichtet über die Durchlässigkeit der Harnsteine für
ntgenstrahlen.
Harnsäuresteine geben einen sehr lichten Schatten. Das von K ü m -
eil vorgeschlagene Kollargolverfahren zur Darstellung des Nierenbeckens
d der Blase wurde wegen der Gefahr von Luftembolien und der Kollargol-
läden der Niere nicht allgemein verwendet. Vortr. hat in einem . Falle,
dem zweifellos ein Blasenstein vorhanden war (Hämaturie, terminaler
ktionsschmerz, Harndrang) nach Entfernung des Residualharns den vorher
isichtbaren Stein aufnehmen können. Vortr. hat mehrere Fälle dieser Art
obachtet.
Es ist angezeigt, bei negativen Röntgenbefunden in verdächtigen Fällen
ne Aufnahme nach Entleerung der Blase zu machen.
Herr F. Demrner demonstriert eine 60 jähr. Frau, die wegen eines
mors in der rechten Leistengegend operiert wurde.
Die Operation ergab eine Zyste mit drei Fortsätzen, von denen einer
rischen den Blättern des Ligamentum latum lag.
In derartigen Fällen ist die Diagnose unklar; oft wird irrtümlicherweise
e Hernia accreta angenommen.
Herr M. Kahane: Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. K.
Kleine Mitteilungen.
Schutzbehälter für Kanülen.
Bei der bisherigen Aufbewahrungsart der Kanülen liefen diese dauernd
■ fahr, zu verschmutzen, sich zu verstopfen oder beschädigt zu werden.
B. die Schärfe der Spitze zu verlieren. Bei der zunehmenden Häufigkeit
ht nur der subkutanen, sondern auch der intravenösen Injektionen machten
sh diese Missstände besonders geltend. Aus diesen Erwägungen heraus
Ibe ich den abgebildeten Schutzbehälter für Kanülen angegeben. Die Kanüle
rd auf einen konischen Zapfen von der Grösse und Gestalt eines Spritzen-
>?fens, der fest im Deckel sitzt, gesteckt und sitzt infolge der leicht
gerauhten Oberfläche des Zapfens vollständig fest, namentlich, wenn die
delwurzel eine Kleinigkeit durch seitliche Drehung in engere Adhäsion
it dem Zapfen gebracht wird. Beim Herausnehmen ist nur ein Berühren
' Mitte der Nadelwurzel notwendig, so dass für Injektionen die eigentliche
inüte sowie für Blutentnahmen das Ende der Nadelwurzel nicht berührt
rd. Der Behälter wird zweckmässig mit absolutem Alkohol gefüllt, wo-
;rch die Nadel steril bleibt, auch das Rosten verhindert wird. Der Behälter
steht aus einem inneren, röhrenförmigen Glasgefäss, das zur Reinigung ohne
geschlossen
I — — - - m
geöffnet
Medizinisches Warenhaus
„ Frankfurt * O.rn. b H
Frankfurt am Main
ir
( iteres hcruusgenommen werden kann, und einem äusseren Metallgehäuse
> vernickeltem Messing. Die übrige Konstruktion ergibt sich aus der Zeich-
;ig. Die Abbildung ist in natürlicher Grösse, so dass, wie ersichtlich,
vohl kleinere wie längere Kanülen darin aufbewahrt werden können, da
jdie Nadelwurzel stets dasselbe Lumen hat. Nach demselben Prinzip lassen
h auch andere ärztliche Instrumente aufbewahren, deren Konstruktion in
rbereitung ist. Mir hat sich in der Praxis besonders bewährt, die nicht-
l'tenden Tantalkanülen in diesem Behälter in Alkohol aufzubewahren. Man
auf diese Weise stets sterile Kanülen vorrätig, steckt beispielsweise
' Besuchsgänge sich mehrere solche Behälter in die Tasche und kann nun
der Wohnung des Patienten ohne Umstände auch intravenöse Injektionen
'nehmen, sofern man die Spritze ebenfalls steril mit sich führt. Die Kon-
uktion einer ähnlich aufzubewahrenden Spritze ist ebenfalls in Vor¬
sehung.
Der Schutzbehälter wird vom Medizinischen Warenhaus „Frankfurt“,
n.b.H., Frankfurt a. M., hergestellt und vertrieben. Er ist gesetzlich
Schützt. Dr. W i e t f e 1 d t - Bremerhaven.
Therapeutische Notizen.
j Die Strophanthinbehandlung mit ganz kleinen
aktionierten) Dosen empfiehlt Danielopolu- Bukarest und
ur auf Grund langjähriger Erfahrungen, welche ergaben, dass nicht nur die
sis von I mg, sondern % und 'A mg gefährlich wirken können. Das
ophanthin besitzt dieselbe Wirkung wie Digitalis auf die Fundamental-
-■nschaften des Myokards und zwischen beiden Medikamenten ist nur der
terschied, dass Strophanthin von rascherer und Digitalis von mehr an-
lender Wirkung ist. Die Methode der fraktionierten Dosen besteht darin,
»der (seltener) 3 intravenöse Injektionen pro Tag einer konstanten Dosis
mg) mehrere Tage hintereinander zu machen — die Behandlung wird
erst ausgesetzt, wenn man das gewünschte Resultat erzielt hat oder der
Kranke Erscheinungen von Intoleranz zeigt. Diese Methode hat vor den
hohen Dosen (A — 1 mg) den Vorteil: 1. Ebenso gute Resultate zu erzielen,
ohne plötzlichen Tod zu riskieren und 2. Keine Gegenanzeige zu haben in
vielen Fällen, welche zwar der Strophanthinmedikation bedürfen, aber für
hohe Dosen sich nicht eignen: äusserste Insuffizienz des Myokards, Nieren¬
veränderungen. die unabhängig sind vom Zustand des Herzens und kurz
vorhergegangenem Digitalisgebrauch. D. hat die Methode der kleinsten
(Strophanthin) Dosen in 60 Fällen schwerer Herzaffektionen (Asystolie des
rechten Herzens usf.), wo entweder die anderen Herztonika versagt haben
oder der Zustand ein so bedrohlicher war, dass man die langsame Wirkung
der Digitalis nicht abwarten konnte, angewandt und, obwohl zuweilen vor¬
geschrittene Niarenveränderungen vorhanden waren, niemals einen Todesfall
dabei erlebt. (Presse medicale 1921 Nr. 77.) St.
Studentenbelange.
Leitfaden der Prüfungsordnungen für Aerzte und Zahnärzte.
Das preussische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
lässt die Medizinstudierenden darauf hinweisen, dass im Verlage von August
Hirschwald, Berlin NW. 7, Unter den Linden 68, ein von dem Ministerial-
sekretär Oppitz bearbeiteter Leitfaden der Prüfungsordnungen für Aerzte
und Zahnärzte erschienen und im Buchhandel zum Preise von 16 M. zu be¬
ziehen ist. Die Studentenschaften werden ersucht, auf das Buch durch An¬
schläge aufmerksam zu machen. v. V.
Grossdeutsche Entschliessung der deutschen Studentenschaft.
Nach der Annahme der neuen Verfassung am 16. Januar 1922, deren
wesentlichster Inhalt in der letzten Nummer d. W. mitgeteilt würde, nahm
der erweiterte Hauptausschuss folgende Entschliessung an:
„Die reichsdeutschen Studentenschaften haben sich soeben eine Ver¬
fassung gegeben, die das Ende des bereits in Erlangen gelockerten gross¬
deutschen Verbandes bedeutet. Sie mussten diesen Schritt tun, nachdem
sich die Unmöglichkeit herausgestellt hatte, die deutsch-österreichischen und
die auslandsdeutschen Kommilitonen unter einem anderen als dem bisherigen
von einem Grossteil der Reichsdeutschen nicht vertretbaren Auswahl¬
gesichtspunkte im Verbände zu behalten.
Das erfüllt uns mit grossem Schmerze, dass dadurch ein äusseres Zeichen
der unlösbaren Zusammengehörigkeit der Reichsdeutschen mit den Deutsch-
Oesterreichern und Sudetendeutschen verlorengegangen ist.
Das aber ist unser unbeugsamer Wille: Dass die Trennung uns nicht
entfremde. Diesem Willen haben wir in unserer Verfassung einen unzwei¬
deutigen Ausdruck gegeben. Ist das rechtliche Band zerschnitten, so sei das
Band des Volkstums und des Geistes um so fester geschlungen.
Grossdeutsche Erwägungen sind es, die uns getrennt haben; der gross¬
deutsche Gedanke hält uns dennoch verbunden!“
Die deutsche Studentenschaft: Franz H o 1 z w a r t h, Vorsitzender.
Diese Erklärung vermag die Niederlage des völkisch-grossdeutschen Ge¬
dankens innerhalb der deutschen Studentenschaft nicht zu verdecken. Die
nunmehr vollzogene Zerrcissung der grossdeutschen Studentenschaft kann
man nur tief bedauern und wünschen, dass andere studentische Bewegungen
wie in erster Linie der deutsche Hochschulring diese Idee um so mächtiger
aufgreifen und besser an ihrer Verwirklichung arbeiten. v. V.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 1. Februar 1922.
— Das Alkoholverbot der Vereinigten Staaten hat
bisher in Deutschland nicht die Beachtung gefunden, die es als die be¬
deutendste Tat, die je ein Volk zur Hebung seiner Gesundheit und seiner
Sitten geleistet hat, verdient. Seine Bedeutung wird vielmehr von Seite der
Alkoholinteressenten systematisch herabgesetzt und häufig genug hört man
die Behauptung, es werde jetzt in Amerika mehr getrunken wie je zuvor.
Es war daher sehr dankenswert, dass Herr Prof. G a u p p es unternommen
hat, in seinem an anderer Stelle d. Nr. erschienenen Aufsatz (S. 164) auf
Grund zuverlässiger Berichte ein Bild von den Wirkungen des Gesetzes zu
geben. Es ist dabei überraschend zu sehen, wie reibungslos sich die Ausser¬
betriebsetzung der grössten Alkoholindustrie der Welt bewerkstelligen Hess
und wie prompt sich die erwarteten Folgen auf gesundheitlichem und sitt¬
lichem Gebiet zeigten. Den naheliegenden, für uns niederschmetternden Ver¬
gleich mit den deutschen Verhältnissen unterlässt Herr G. nicht. Sein
Schlusswort wird dadurch zu einer schweren Anklage gegen die deutsche
Regierung, die das durch den Krieg des Alkohols bereits entwöhnte Volk
trotz Armut und Not dem Alkohol aufs neue preisgibt.
— Der Landesausschuss der Aerzte Bayerns ist mit den
bayerischen Landesversicherungsanstalten und landwirtschaftlichen Berufs¬
genossenschaften in Verhandlungen wegen des Abschlusses eines zentralen
Vertrags für Bayern eingetreten. Die Forderungen der Aerzte betrafen in der
Hauptsache eine Teuerungszulage für die Zeit vom I. Juli bis 31. Dez. 1921
und Gebühren für Rentengutachten bei den landwirtschaftlichen Berufs¬
genossenschaften von 35 M„ bei den Landesversicherungsanstalten von 50 M.
Sie sind leider auf geringes Entgegenkommen gestossen. Die Berufsgenossen¬
schaften lehnen die Teuerungszulagen ab und wollen für das erste Gutachten
nur 25 M. gewähren; die Versicherungsanstalten lehnen den Abschluss eines
einheitlichen Vertrages für ganz Bayern überhaupt ab und wollen mit den
einzelnen Aerztekammern verhandeln; ausserdem bieten sie wesentlich ge¬
ringere Sätze, als die vom Landesausschuss geforderten. Von ärztlicher Seite
werden diese Angebote für unannehmbar erklärt; die Kreisärztekammern
werden ersucht ihrerseits in keine Verhandlungen einzutreten, bevor nicht der
Landesausschuss Direktiven hinausgegeben hat.
• — Auch der. Württemb. Aerzteverband bemüht sich um neue
einheitliche Verträge mit den Berufsgenossenschaften.
Mit den gewerblichen Berufsgenossen ist ein solcher Vertrag ab 1. Januar 1922
abgeschlossen worden, der für ein erstmaliges eingehendes Rentengutachten
45 M., für ein wiederholtes Gutachten 30 M. und für ein eingehendes wissen¬
schaftlich begründetes Gutachten (Obergutachten) 60 M„ u. U. auch mehr,
182
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
.
festsetzt. Mit den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften ist ein Ueber- 1
cinkommen bisher nicht erreichbar gewesen.
— Wegen Verfehlungen gegen die Bestimmungen der sparsamen
Verordnungsweise hat der paritätische Arzneiprüfungsausschuss des
Württ. Aerzteverbands und der Württ. Krankenkassenverbändc in den
Sitzungen am 14. und 18. Januar in 51 Fällen Geldstrafen in Höhe von
10 — 150 M., und in 2 Fällen Verwarnungen ausgesprochen. Ausserdem wurde
ein Arzt, der die Anweisung der sparsamen Verordnungsweise als standes¬
unwürdig bezeichnet hatte, zu einer Busse von 150 M. und ein anderer wegen
eines beleidigenden Briefes an den Priifungsarzt zu einer Busse von 100 M.
verurteilt. , , ....'.
— Das in Gross-Hamburg seit 1. Juli 1919 neben freier Arztwahl ein¬
geführte lohnteilige Kassenarztsystem scheint sich nicht be¬
währt zu haben und ist ab 1. OktobeT 1921 durch einen Vertrag auf Grund
eines Pauschalbetrags von 65 M. bzw. 76 M. pro Mitglied und Jahr ersetzt
worden. Unter dem lohnteiligen System hatten die Krankenkassen einen
bestimmten Anteil ihrer Beitragseinnahme der Aerzteschaft, soweit sie für
die Krankenkassen tätig war, als Honorar überwiesen. Diese Summe wurde
durch eine je nach dem Arbeitsquantum jedes einzelnen Arztes berechnete
Punktzahl dividiert und der sich ergebende Quotient dem betreffenden Arzte
ausgezahlt. Der Punktwert wurde ausser von der Gebührenordnung auch
von der Quartalsmorbidität abhängig gemacht.
— In dem Bestechungsprozess gegen den ehemaligen Braun¬
schweigischen Ministerpräsidenten Sepp O e r t e r wurde als erwiesen er¬
achtet, dass dieser ein Darlehen von 20 000 M., die ihm von dem Kranken¬
behandler Otto Schlesinger, vulgo O 1 1 o - O 1 1 o, als Gegenleistung
für die Verleihung des Professortitels an ihn angeboten wurden, angenommen
hat. Er wurde nach § 331 Str.G.B. wegen Bestechung zu 4 Monaten Ge¬
fängnis verurteilt. Herr Schlesinger wurde nach § 333 ebenfalls wegen
Bestechung zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Sic transit gloria mundi.
— Die Deutsche Gesellschaft für Meeres heil künde
schreibt eine Preisarbeit aus mit dem Thema: Die Ausnutzung
der deutschen Seeküsten für die Ertüchtigung der
Jugend Der Preis beträgt 2000 M. Die Arbeiten sind in druckfähiger
Reinschrift bis zum 31. Dezember 1922 an den 1. Vorsitzenden der Gesell¬
schaft, Herrn Prof. Dr. Franz Müller, Cbarlottenburg-Westend, Kastanien¬
allee 39, in üblicher Weise (Kennwort) einzureichen. Preisrichter sind die
Herren: Wirkl. Geh. Obermedizinalrat Prof. Dr. D i e t r i c h - Berlin, Prof.
Dr. B r ü n i n g - Rostock, Prof. Dr. K i s s k a 1 1 - Kiel, Prof. Dr. Franz
Müller- Charlottenburg-Westend und Geh. San.-Rat Dr. Röchling-
Misdroy. Ueber die Veröffentlichung der preisgekrönten Arbeit verfügt der
Vorstand der Gesellschaft.
— Am 10. Februar findet in Petersburg eine allrussische Tuber¬
kulose-Konferenz statt, die ein reichhaltiges organisatorisches und
wissenschaftliches Programm aufweist. Anmeldungen und Auskünfte im
Bureau des Vertreters des Volkskommissariats für Gesundheitswesen der
russ. sozialistischen Sowjetrepublik in Deutschland, Berlin, Unter den Linden 11.
— Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden beabsichtigt
sein Tätigkeitsfeld durch Abhaltung von Lehrgängen zu erweitern. Als
erstes sind laufende Kurse über Säuglingspflege in Aussicht genommen, die
von der als Wanderlehrerin bekannten Schwester Elisabeth Funke-
Peissker in Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Museumsleitung
und Prof. Dr. B a h r d t (Städt. Säuglingsheim Dresden) abgehalten werden.
Die jeweils auf 8 Doppelstunden (zweimal wöchentlich) berechneten Lehr¬
gänge beginnen Anfang Februar. Nähere Auskunft erteilt das Ausstellungsamt
des Deutschen Hygienemuseums Dresden-A., Grossenhainerstr. 9.
— Ebenso wie im Vorjahre soll auch in diesem Jahre ein 14 tägiger
ärztlicher Fortbildungskurs aus allen Gebieten der Medizin in W i e s-
b a d e n und zwar vom 27. März bis 8. April stattfinden. Ausser einer Reihe
Wiesbadener Herren sowie Herren vom Frankfurter Institut für experimentelle
Therapie haben u. a. folgende Herren Vorträge' übernommen: Geh. Rat
Aschoff, Straub, Brauer, Prof. v. Bergmann, Schmieden.
M o r o, Linke, K ü p f e r 1 e, L. F. Meyer, Siemens. Einzelheiten
werden noch in der nächsten Zeit im Inseratenteil mitgeteilt werden. An¬
fragen an Prof. Dr. G. Herxheimer, Wiesbaden, Freseniusstr. 17.
— Die Berliner Röntgen-Vereinigung wählte als I. Vor¬
sitzenden Prof. Dr. Levy-Dorn, als stellvertretenden Vorsitzenden Med.-
Rat O. S t r a u s s, als 1. Schriftführer Dr. M. Immelmann, als II. Schrift¬
führer Dr. Behncken (Physik. Reichsanstalt) und als Kassenführer
Dr. Fürstenau.
— Die Forensisch-Psychiatrische Vereinigung zu
Dresden nahm ihre durch den Weltkrieg unterbrochene Tätigkeit wieder
auf. Zum Vorsitzenden wurde der Direktor der Landes-Heil- und Pflegeanstalt
Sonnenstein in Pirna b. Dresden, Geh. Med.-Rat Dr. 1 1 b e r g, gewählt. In
der Eröffnungssitzung am 26. I. d. J. hielt Geheimrat Dr. Ganser einen
Vortrag über „Die Gesundheit des deutschen Volkes vor und nach dem
Kriegsende“.
— Die „Monatsschrift für Psychiatrie und Neuro-
1 o g i e“, welche von C. Wernicke und Th. Ziehen begründet ist und
seit dem Jahre ,1913 von C. Bonhoeffer herausgegeben wird, ist mit dem
soeben zu erscheinen beginnenden Band 51 auf eine breitere Basis gestellt
und es sind in das Herausgeberkollegium jetzt die Herren R. Cassirer,
K. Kleist, E. Redlich und P. Schröder eingetreten. — Auch die
„Zeitschrift für Augenheilkunde“, welche im Jahre 1899 von
H. Kuh nt und J. v. Michel begründet wurde, erfährt in der Zusammen¬
setzung ihres Herausgeberkollegiums eine Umänderung insofern, als dasselbe
jetzt gebildet ist aus den Herren B-irch - Hirse hfeld - Königsberg,
E. Krückmann - Berlin. H. K u h n t - Bonn, J. Meller- Wien, P. Rö¬
mer- Bonn, F. S c h i e c k - Halle a. S. und A. Vogt- Basel.
■ — Nach dem auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für gerichtliche
und soziale Medizin in Erlangen gefassten Beschluss wird die im Jahre 1852
von Johann Ludwig C a s p e r gegründete „Vierteljahrsschrift für gericht¬
liche Medizin und öffentliches Sanitätswesen“ nunmehr nach 70 jährigem Be¬
stehen ihre Erscheinungsform ändern. Sie wird künftighin nur mehr die
gerichtliche Medizin vertreten, diese aber in ihrer Gesamtheit, also einschliess-
tifii ripr trpriptiflirVipn Psvchiatrifi und der sozialen Medizin und wird daher
KCl ICimiLlIC mcuiz.111 VUl UCICll, UIC^C aoti m »uiüi ucoaimiicu, c*ioy wm
lieh der gerichtlichen Psychiatrie und der Sozialen Medizin und wird daher
unter dem neuen Titel „Deutsche Zeitschrift für die gesamte
gerichtliche Medizi n“ allmoantlich herausgegeben von Professor
Fraenckel - Berlin. Geh. Rat Puppe- Breslau, Geh. Rat Schultze-
Göttingen und Geh. Rat Strassmann - Berlin erscheinen und zwar im
Verlag von Julius Springer- Berlin. Neben den Originalarbeiten wi
der Hauptwert auf sorgfältig organisierten Referatendienst gelegt \verd(
— Pest. Frankreich. Laut Mitteilung vom 24. Dezember v. J. si
in 2 Bezirken der Stadt Paris und in Clichy (Seine) am 8. September. 2. u
9. Oktober v. .1. zusammen 3 Pestfälle, davon 2 mit tödlichem Verla
festgestellt worden. — Portugal. Vom 23. Oktober bis 12. November v.
24 Erkrankungen und 18 Todesfälle in Ribeira Grande (Azoren).
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 15. 1
21. Januar wurden 3 Erkrankungen gemeldet, und zwar in Eydtkuhm
Mylussen und in Neustadt i. O.-S. je 1. Für die Zeit vom 21. Dezeml
v. J. bis 7. Januar wurden noch 9 Erkrankungen im Heimkehrlager Lechfi
mitgeteilt. _ , , . .
— hi der 1. Jahreswoche, vom 1. — 7. Januar 1922, hatten von deutsch
Städten über 1 00 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Lübeck mit 3t
die geringste Saarbrücken mit 11,9 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohn
Vöff. R.-G.-A
Hochschulnachrichten.
G ö 1 1 i n g e n. Zum Nachfolger des Geh. Rats Prof. Stumpf auf d'
Lehrstuhl der Psychologie an der Universität Berlin ist der o. Profess
Dr. Wolfgang Köhler von der Universität Göttingen berufen; zum Nai
folger Köhlers irr Göttingen ist Prof. Dr. Erich Jaensch in Marbv
ausersehen, (hk.)
Jena. Dr. med. Johannes Zang e, ao. Professor für Ohrenheilkun
hat einen Ruf an die Universität Graz erhalten.
Marburg. Der a. o. Professor und Direktor der Poliklinik für Ohre
Nasen- und Halskrankheiten an der Universität Marburg, Dr. Oskar W
gen er hat einen Ruf nach Göttingen als Nachfolger W. Langes
halten, (hk.) t . . . , ,
Münster i. W. Medizinerfrequenz. Nach der soeben abgeschlossen
endgültigen Feststellung sind im Wintersemester 1921/22 2722 Studierei
immatrikuliert und zwar 2430 männliche und 292 weibliche. Dazu komrr
noch 275 männliche und 96 weibliche Gasthörer, so dass die Gesamtzahl <
zum Hören Berechtigten 3093 beträgt. Unter den Immatrikulierten befinc
sich 209 Studierende der Medizin (190 m. und 19 w.) und 71 Studierer
der Zahnheilkunde (64 m. und 4 w.). Der medizinisch-propädeutischen 1
teilung (medizinisches und zahnärztliches Studium innerhalb der ersten
bzw. 3 Semester bis zur ärztlichen bzw. zahnärztlichen Vorprüfung e
schliesslich) gehören mithin 280 immatrikulierte Studierende an.
Todesfälle.
In Graz ist am 21. Januar der emer. ord. Professor der allgemen
und experimentellen Pathologie an der dortigen Universität Hofrat Dr. Ruö
Klemensiewicz im Alter von 73 Jahren gestorben. Er war korresp>'
dierendes Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften, (hk.)
Der Krankenbehandler B i 1 z, der Verfasser des in Millionen \
Exemplaren verbreiteten Buches „Das neue Naturheilverfahren“ ist 80 Ja
alt in Radebeul bei Dresden gestorben.
Amtsärztlicher Dienst.
(Bayern.)
Die Bezirksarztstelle in Scheinfeld ist erledigt. Bewerbungen sind
der Regierung, Kämmer des Innern, des Wohnorts bis 8. Februar 1
einzureichen.
Die Bezirksarztstelle in M i e s b a c h ist erledigt. Bewerbungen s
bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 10. Februar 1
einzureichen.
Russische Aerzte in Not!
Die nach Russland entsandte Sanitätsexpedition des Deutschen Ro
Kreuzes konnte nicht nur die Nachricht von der unbeschreiblichen Hangt
not und einer ungeheuren Ausbreitung der Hunger- und anderer Seuchen
den russischen Misserntegebieten bestätigen, sondern auch daselbst ebe
wie in den bisher weniger unter Nahrungsmangel und Seuchen leiden
Hauptstädten einen „Hunger“ der russischen Aerzte nach medizinischer,
besondere deutscher medizinischer Literatur feststellen. Unsere rus:
sehen Kollegen hungern in diesem Sinne tatsächli
seit 7 Jahren. Ueberall, wo wir mit Kollegen zusammenkamen, war
erste Frage: Haben Sie uns auch medizinische Zeitschriften und Bücher i
gebracht? _ '
Unsere deutschen wissenschaftlichen Institute etc. haben es nacht \
gessen, dass bald nach dem Kriege viele ausländische Institute, selbst
den früher feindlichen Ländern, die geistigen Beziehungen zu uns- du
Uebersendung der während des Krieges erschienenen Zeitschriften und wis;
schaftlichen Arbeiten wieder aufnahmen und auch um unsere Publikatio
baten. Auch verdanken wir manche für unsere wissenschaftlichen Instil
z. Z. unerschwinglichen Bücher der Auslandsliteratur den Spenden nament
des neutralen Auslandes. Erinnern wir uns dessen voll und ganz und he
wir nunmehr auch unseren russischen Kollegen, mit denen uns manche
Beziehungen verbinden!
Die meisten grossen deutschen medizinischen Wochenschriften sind her
unserer diesbezüglichen Bitte gefolgt und senden durch die deutsche H
expedition zahlreiche Exemplare wöchentlich nach Russland. Möchten
anderen Zeitschriften bald folgen! ,
Unsere Bitte geht aber noch weiter: Wir sollten auch mit Bücht
spenden die Not der russischen Aerzte zu lindern versuchen. Wenn je
Autor uns in Verbindung mit seinem Verleger 3 — 5 Exemplare seiner neue:
Werke zur Verfügung stellen wollte, dann könnten wir den Wissensdurst
russischen Aerzte und Wissenschaftler wenigstens in den Hauptstädten sc
einigermassen stillen. In ärztlichen Zentralbibliotheken würden wir dase:
die deutschen Werke jedem Arzte zugängig machen.
Bis dat qui cito d^t! Helfen wir also schnell und intensiv.
Die Sanitätsmission des Deutschen Roten Kreuzes ist bereit, alle Litera
spenden unseren russischen Kollegen zu übermitteln bzw. die für dk
Zweck beim Deutschen Roten Kreuz (Russisches Hilfswerk) Charlotte»!
eingehenden Geldspenden zu Bücherbeschaffungen in dem genannten Si
zu verwenden.
Im Namen der deutschen Sanitätsmission für Russland:
Prof. Dr. M ü h 1 e n s.
Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’l Buch- und Kunstdruckerei, München.
'reis der einzelnen Nummer 3.— . Bezugspreis in Deutschland
. • und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . .
.nzeigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
Zusendungen sind m
MÜNCHENER
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
r. 6. 10. Februar 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Zur Nomenklatur der Phthise.
Von L. A sc ho ff.
In den ersten Nummern dieses Jahrganges hat sich Marchand
ngehender zur pathologischen Anatomie und Nomenklatur der
.ungentuberkulose“ geäussert1). und dabei wiederholt auch zu meinen
isführungen Stellung genommen. So schwer es mir wird, dem hoch-
irehrten Kollegen zu widersprechen, so zwingt mich doch die Ueber-
ugung von der Richtigkeit der eigenen Auffassung zu einigen Be-
;erkunger,.
Auch bei Marchand besteht kein Zweifel darüber, dass das
ithiseproblem nicht nur als ein immunbiologisches, sondern auch als
0 pathologisch-anatomisches anzusprechen ist. Marchand geht
gar noch weiter, wie ich, insoferne er eine besondere Immunisierung
izelner Organe, auch des lymphatischen Gewebes für unbewiesen
lt. Ich habe früher einen ähnlichen ablehnenden Standpunkt be-
nders Kretz gegenüber eingenommen, muss aber heute zugestehen,
ss wir ohne die Annahme immunisatorischer Prozesse
' auffälligen Unterschiede der Phthise im Kindesalter und bei der
ehrzahl der Erwachsenen nicht erklären können. Es kann nicht bloss
3 verschiedene Empfänglichkeit der Kinder und der Erwachsenen sein,
:nn auch die Altersveränderungen des Körpers, besonders der
sngen, wie auch ich immer betont habe, eine gewisse Erklärung für
ose Verschiedenheiten bieten. Aber wir kommen mit diesen Alters¬
ränderungen oder sonstwie bedingten morphologischen Verände-
. rgen nicht aus. Die Tatsache, dass Erwachsene, welche ihre Kind-
jit nicht in durchseuchten Gebieten zugebracht haben, viel leichter
< den generalisierten Formen der Phthise, ähnlich wie bei uns die
Inder, erkranken, gibt zu denken. Ich habe über die Befunde an
;atolischen Bauern kurz berichten lassen2). Hier könnte man frei-
;h einwenden, dass die Schwächung durch die Kriegsnahrung diese
sondere Form der Phthise bedingt habe. Aber schon aus der Vor¬
siegszeit sind diese Befunde bekannt. Auch verweise ich auf die
i obachtungen von Gr über an den farbigen Besatzungstruppen, die
• h. doch unter recht günstigen äusseren Verhältnissen befanden. Die
isitiven experimentellen Immunisierungsversuche von Römer bei
Indern, die relativ geringe Beteiligung der bronchialen Lymphknoten
ü der sog. isolierten Lungenphthise der Erwachsenen, das häufige
"rkommen schwerster Nieren-, Genital- und Knochenphthise ohne fort¬
ireitende Lungenphthise, die eigentümlichen Formen der Pubertäts-
ithise und das Vorkommen der Erwachsenenphthise bei Kindern, auf
'[ 1C(! in Wiesbaden hingewiesen, geben doch zu denken. Ich glaube,
'5s über die Frage, ob lokale Gewebsimmunisierungen Vorkommen
|d ob im Sinne Rankes eine Periode des Primärkomplexes, ein
nerahsationsstadium und ein Stadium tertiärer sog. isolierter Organ-
ithise zu unterscheiden ist, erst dann abgeurteilt werden kann, wenn
'r. schärfer wie bisher die primäre Infektion mit ihren Folgen von der
nst exogenen Reinfektion trennen gelernt haben. Das Vorkommen
:Cher exogener Reinfekte bei der Phthise stellt einen fundamentalen
■ terschied derselben gegenüber der Syphilis dar. Jedenfalls müssen
| pathologisch-anatomischen Befunde, die wir bei der Lungenphthise
I. verschiedenen Altersklassen erheben, an dem Ranke sehen Ein¬
lungsprinzip geprüft und gesichert werden, wie ich das in dem
esbadener Vortrag zu tun versucht habe. Ich komme zum Schluss
cn einmal auf diese Fragen zurück, möchte sie hier aber nicht, weiter
füitieren, weil sie, wie ich im Eingang meines Versuchs erwähnte,
uh zu ungeklärt sind.
Etwas besser Bescheid wissen wir über die anatomischen
»randerungen bei der Phthise der Lunge, weil dieses dasjenige
itan ist, dessen Erkrankung die Hauptursache der Phthise, d. h des
rememen Korperschwundes zu sein pflegt. Hier trennt Marchand
j t-Tkrankung in die drei Hauptformen der hämatogenen, der broncho-
ien und der lymphogenen Ausbreitung. Ich glaube, dass darüber
ter den I athologen kein Widerstreit der Meinungen besteht. Nur
Nomenklatur der einzelnen anatomischen Prozesse macht gewisse
Irrigkeiten. Marchand fasst, wenn ich ihn recht verstehe, die
nenogenen Formen unter dem Namen der tuberkulösen verkäsenden
Hichopneumonie zusammen. Er will unter diesem Namen alle Pro-
se^ verstehen, die unter dem Einfluss des Phthisebazillus in den
V Marchand: M.m.W. 1922 Nr. 1 u. 2
I Bergerhoff: Beitr. z. Klinik d. Tbk. 1921, 49.
Lungen hervorgerufen werden. Ich kann diese anscheinende Verein-
rachung der Nomenklatur nicht für einen Fortschritt halten. Wir sind
eben auf dem besten Wege, die verschiedenartigen Veränderungen der
Lungenphthise auch schon beim Lebenden mit Hilfe der klinischen und
chemischen, vor _ allem aber_ der radiographischen Untersuchungs-
methoden (Gr äff und Küpferle) auseinanderzuhalten' zu lernen,
was für die Prognose von allergrösster Bedeutung ist. Den besonderen
pi ognostischen Wert der vorwiegend produktiven Form der
Lungenphtmse und denjenigen der vorwiegend exsudativen Form
erkennt auch Marchand in einem seiner Schlusssätze ausdrücklich
an. Dennoch glaubt er in der pathologisch-anatomischen Nomenklatur
aut eine schärfere Bezeichnung der beiden vorwiegenden Formen
verzichten zu sollen. Da nach ihm „tuberkulös“ ein ätiologischer Be¬
griff ist, worauf ich später noch zurückkommen werde, so kann man
unter tuberkulöser verkäsender Bronchopneumonie alles verstehen,
eine vorwiegend exsudative käsige Pneumonie, die ganz akut verläuft!
wie auch eine vorwiegend produktive azinös-nodöse Phthise, die ganz
chronisch verläuft. Ich fürchte ausserdem, dass mit dem Namen
„tuberkulöse verkäsende Bronchopneumonie“ die Unsicherheit in der
Nomenklatur der Phthise, wie sie durch die Namen Bronchitis und Peri¬
bronchitis tuberculosa, Lymphangitis tuberculosa peribronchialis und
perivascularis, Bronchopneumonia tuberculosa nodosa, peribronchiale
tubei ku öse Lymphangitis, knotige tuberkulöse Bronchopneumonie,
tuberkulöse käsige Bronchitis und Peribronchitis genügend angedeutet
ist, nur noch vermehrt wird. Ich habe für die Hauptform der pro¬
duktiven Phthise das W ort azinös-nodöse Phthise geprägt
für die Hauptform der exsudativen Phthise das Wort lobulär-
kasige Phthise übernommen.
AL ich vor dem Kriege das Studium der feineren Histologie der Lungen¬
phthise aufnahm, über deren Ergebnisse ich später mit Nicol berichtete, läg
mir nur daran, meinen Zuhörern ein möglichst klares, auf eigenes Urteil
gegründetes Bild gewisser Formen derselben geben zu können. Denn mit
dem Begriff der „Peribronchitis tuberculosa“ und seinen zahlreichen Varia¬
tionen vermochte ich bei der eigenen Demonstration vor den Zuhörern nichts
rechtes anzufangen. Er stand im Widerspruch zu den immer von neuem er¬
hobenen histologischen Befunden, welche nicht auf die Bronchien, sondern
aut die Bronchioli respiratorii und die ihnen entsprechenden Azini als Sitz
der Erkrankung hinwiesen. Allso nicht peribronchial, sondern vorwiegend
bronchiolar und azinös entwickelten sich die Prozesse. Ich übernahm den
Begriff Azinus von Rindfleisch, formulierte ihn nach dem Modell von
11 e s ® e> bis die histologischen Untersuchungen von Husten in Be¬
stätigung der Loeschcke sehen Injektionsbefunde einen noch kompli¬
zierteren Bau desselben ergaben, der aber an dem azinösen oder, wenn man
?? swll > subazinösen Sitz des phthisischen Qranulationsgewebes bei der
häufigsten Form der chronischen Lungenphthise nichts änderte. Ob sich
dieser Begriff der azinös-nodösen Phthise der Lungen einbürgern
wird, muss die Zeit tehrbn. Ganz unabhängig von uns ist auch ein so aus-
gezeichneter Kenner der Lungenphthise wie Bau.mgarten3) zu dieser
lokalisatorischen Benennung gekommen, die er wegen des häufigen Ueber-
greifens auf das abgehende Bronchialsystem zur azinös-tubulären Form er¬
weiterte. Jedenfalls habe ich damit nur alte Ueberlieferungen aufgenommen
An mir selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass mit der Einführung des
Begriffs der azinös-nodösen Phthise, wobei der Ausdruck „nodös“ von
• ^ lbTr echt und A. Fraenkel stammt, die Schilderung der chro¬
nischen Lungenphthise an Kllarheit und Deutlichkeit ungemein gewinnt Ich
bin uberzeugt, dass alle diejenigen, die sich bemühen, an der Hand dieses,
im Azinus gegebenen anatomischen Strukturbildes den Entwicklungsgang der
chronischen bronchogenen Lungenphthise zu beschreiben, das gleiche emp¬
finden werden. Man darf sich auch nicht daran stossen, dass die knötchen-
ähnlichen phthisischen Produkte nicht immer den ganzen Azinus — in der
neueren Darstellung von Loeschcke bzw. Husten — umfassen.
Ebensowenig wie wir bei den lobulären Pneumonien stets ein genaues Er-
griffensein eines ganzen Lungenläppchens fordern. Wenn man will, kann man
wie dort von sublobulärer, so hier von subazinöser Herdbildung reden.
Diese Trennung in- eine produktive und exsudative Phthise, wie
ich sie von meinem Lehrer Orth übernommen und als richtig erkannt
habe, wird nun von Marchand völlig abgelehnt. Es hat keinen Sinn,
diese alte Streitfrage noch einmal in aller Breite aufzurollen. Dass
sowohl die Bildung phthisischen Granulationsgewebes, dessen klassi¬
sches Beispiel der Tuberkel ist. als auch die Bildung des Exsudats bei
der phthisisch-käsigen Pneumonie einen „entzündlichen" Prozess dar¬
stellt, wird heute wohl von keinem bestritten. Dass beides aber des-
wegen gleich, und zwar nur nach dem einen Entzündungsprodukt,
nämlich nach dem Tuberkel bezeichnet werden soll, geht mir nicht ein!
Wir haben bisher die klinisch, morphologisch oder histologisch ver¬
schiedenen Formen einer Krankheit auch nach diesen Unterschieden
") v. Baumgarten: Beginn und Fortschreiten des tuberkulösen Pro¬
zesses bei der Lungenphthise. Zieglers Beitr. 1921, 69.
3
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
IM
benannt. Ich iühre auch hier wieder die Syphilis an. Keinem Men¬
schen wird es einfallen, den syphilitischen Pemphigus als Gummi- Zu
bezeichnen, obwohl beide durch dasselbe Virus hervorgerufen sind. Der
verschiedenen Reaktion bei der Phthise liegt eben ein verschiedener
Virulenzgrad der Phthisebazillen oder ein verschiedener Resistenz- oder
Immunitätsgrad der Gewebe zugrunde. Wir können also aus dem
ursprünglich doch morphologisch geprägten Adjektiv „tuberku¬
lös“ eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Verhältnis zwischen
Affectio und Reactio bei der so bezeichneten Organerkiankung ge-
winnen. Wenn ich aber eine phthisische ersudative Pneumonie als
„tuberkulös“ bezeichne, so verzichte ich damit ohne Grund auf ein
auch für den Kliniker und Immunbiologen wichtiges unterscheidendes
Ausdrucksmittel. Dazu kommt noch, dass der Ausdruck „tuberkulöse
Pneumonie“ für exsudativ-käsige Pneumonie sehr bedenklich ist, da
man darunter auch- die seltener vorkommende, mehr diffuse. produk¬
tive intraalveoläre Tuberkelbildung verstehen kann. Denn eine „Pneu¬
monie“. d. h. eine entzündliche Reaktion der Lunge, ist auch sie. Ich
sehe also gar keinen Vorteil in der Unifizierung der verschieden histo¬
logischen Prozesse unter dem Namen „tuberkulös“.
Marchand begründet nun diese, m. E. nach verfehlte Unifizie¬
rung, die uns zwingt, bei einem rein eitrigen, durch Phthisebazillen
hervorgerufenen Tubenkatarrh, oder bei einer rein eitrigen, durch das
gleiche Virus bedingten Perikarditis4 5) von „tuberkulöser“ Salpingitis
und „tuberkulöser“ Perikarditis zu sprechen, obwohl gar keine Tu¬
berkel da sind, damit, dass der Ausdruck „tuberkulös“ ein ätiologi¬
scher geworden ist. Das ist es aber gerade, was ich verwerfe. Von
der schon von V i r ch o w lebhaft beklagten einseitigen Benennung des
Koch sehen Bazillus durch Koch selbst stammt zum grossen Teile
die heutige Verwirrung. Noch ist es Zeit, hier ein Ende zu machen
und klarere Bezeichnungen an die Stelle der missverständlichen zu
setzen. Ich halte es nach wie vor für bedenklich, eine in buntester
morphologischer und histologischer Mannigfaltigkeit auftretende Krank¬
heit ätiologisch nach einem morphologischen Produkt der¬
selben zu bezeichnen. Das wäre nur dann erlaubt, wenn es keinen
besseren Ausweg gibt.
Ich habe daher vorgeschlagen, zu der alten Benennung Phthise
für die Allgemeinkrankheit zurückzukehren. Auch hiergegen wendet
sich Marchand mit sehr entschiedenen Worten. Vor allem ent¬
halten seine Anmerkungen mancherlei Einwürfe gegen meine Begrün¬
dung, welche diese letztere als eine recht ungenügende erscheinen
lassen könnten.
Zunächst ein Wort zu meinen Vorschlag, den Tuberkelbazillus in Ba¬
cillus phthisicus umzutaufen. Ich betone ausdrücklich, den „Tuberkelbazillus“.
Ich habe in früheren Aufsätzen und Vorträgen darauf hingewiesen, dass es
das beste wäre, diesen Bazillus als ,,K och sehen Bazillus“ zu bezeichnen,
wie es alle übrigen Nationen zu Ehren des Entdeckers, nur nicht wir Deutsche,
tun. Ich fügte dann hinzu, dass man, wenn man eine adjektivische Bezeich¬
nung wählen wollte, die des Bac. phthisicus die gegebene wäre B). Ich habe
also nicht, wie Marchand irrtümlich annimmt, und wogegen ich mich
durchaus wehren muss, den Kochschen Bazillus zum Bac. phthisicus
degradieren, sondern den T uberkelbazillus zum Bacillus phthisicus
befördern wollen. Das ist aber ein gewaltiger Unterschied. In meinen Vor¬
lesungen kommt immer zuerst die' Bezeichnung „K o c h scher Bazillus“,
dann erst der leichteren adjektivischen Anwendung wegen der Bacillus phthisi¬
cus, welcher Name mir den Gebrauch des unglücklichen Namens Tuberkel¬
bazillus erspart. Dass dieser Name unglücklich gewählt ist, hat Virchow
so eingehend begründet, dass mir weitere Worte unnötig erscheinen.
Ich habe gar nichts dagegen einzuwenden, sondern würde es nur
lebhaft begriissen, wenn der „Tuberkelbazillus“ in Zukunft als Koch¬
scher Bazillus bezeichnet würde. Wenn ich vorgeschlagen habe, als
Nebenbezeichnung für den Koch sehen Bazillus den Namen Bacillus
phthisicus statt Tuberkelbazillus zu wählen, so geschah es, weil die
Krankheit, die durch ihn hervorgerufen wird, seit alters her Phthise
genannt wird. Ich begründete diesen Vorschlag damit, dass der Aus¬
druck Phthise nicht, wie es jetzt immer fälschlich angenommen
wird, von der Zerstörung der Lungen seinen Namen hat. Viel¬
mehr bedeutet er im Altertum — und dieses hat vor mehr als 2 Jahr¬
tausenden uns diesen Namen geschenkt — * den allgemeinen
Schwund der Körpersäfte und Körperkräfte.
Es ist wohl eine irrtümliche Auffassung, wenn Marchand meint, dass
Celsus die Lungenschwindsucht als Phthise beschrieben hätte.
C e 1 s u s schildert an der von mir erwähnten, auch von Marchand zitier¬
ten Stelle6) die Körperschwindsucht. „Die dritte, bei weitem
gefährlichste Form der Abzehrung (Tabes!) ist die, welche die Griechen
cpttiuS nennen. Sie nimmt gewöhnlich im Kopf ihren Ursprung und teilt
sich von da aus den Lungen mit. Hierauf entsteht Verschwärung (Ex-
ulceratio!) und ein gelindes schleichende'- Fieber, welches bald einmal weg¬
bleibt, bald einmal wiederkehrt.“ Hier spricht Celsus wohl von Ex¬
ulzerationen der Lunge, aber nirgendwo nennt er diesen Prozess in
den Lungen Phthise. Ich habe bei dem Studium der mir gerade zugänglichen
4) Marchand leugnet das Vorkommen rein eitriger phthisischer Er¬
krankungen des Perikards und der Tuben. Ich habe mich hier auf die
Angaben in der Literatur, besonders auf Simmonds gestützt. Es sind
zweifellos seltene Fälle, die aber doch ein Forscher wie Simmonds ge¬
sehen haben muss. Für die phthisische Meningitis kann ich das Vor¬
kommen eitriger Infiltrate ohne richtige Tuberkel auch meinerseits behaupten;
natürlich handelt es sich um vorwiegend grosszeiligen Eiter,, der. sich peri¬
vaskulär anhäuft. Aber es fehlen die typischen Tuberkel mit Riesenzellen,
überhaupt das phthisische Granulationsgewebe.
5) Man kann dann viel besser die verschiedenen phthisischen, pseudo-
phthisischen, paraphthisischen Bazillen in der Namengebung trennen.
6) C. Celsus, Arzneiwissenschaft ed Scheller 1846 und C. Cel¬
sus, Medicina ed F. Ritter und H, A 1 b e r s 1835, Lib. III, p. 22.
3 n u &
i n u i
griechisch-römischen Literatur (Hippokrates, Ce I s u s, U a 1 e
Aretaeus, Alexander von T r a 1 1 e s, C a e 1 1 u s Aurelia
nirgendwo den Ausdruck (püioic nvsimvwv gefunden. Wenn Marcnan I
mein Zitat des Aretaeus für nicht zutreffend hält, weil derselbe nur de
Habitus phthisicus geschildert hätte, so muss auch hier ein Missverständnil
vorliegen. Die Stelle auf die ich mich berief, steht im 8. Kapitel des 1. Buche
der chronischen Krankheiten ‘). ...
Hier wird gerade sehr deutlich die eitrige Zerstörung der Lunge erwähn
Ja, es ist dies die einzige von mir gefundene Stelle, aus der man eine Uebei
tragung des Begriffs ■/•>'<“' B) auf die Lungenzerstörung selbst, wenn übei
haupt, rechtfertigen könnte. Freilich heisst es gleich einige Zeilen weiteij
dass diese Gattung der Hektik, die man „Phthoe nennt, mit eigenartige! j
Fieber, Unruhe, Entkräftung, Auszehrung einhergehe. Ausdrücklich sag
Aretaeus: „Sogar diejenigen, welche gar keine Geschwüre in der Lungl
haben, aber durch langwieriges Fieber aufgezehrt werden, mit öfterem, liartei <]
und nicht recht ausbrechendem Hüsteln behaftet, nichts heraufbringen, nenne I
sie 'Hits.oi; und dies zwar vermöge der angeführten Kennzeichen (näirl
lieh der der Phthise) nicht ohne Grund.“ Dann folgt eine klassische Schi |
derung der hochgradigen phthisischen Abzehrung des Gesamtkörpers und ers
zum Schluss eine kürzere Notiz über den Habitus phthisicus. 1
Weiter führe ich Caelius Aurelianus an (Lib. 11, up 118)
Phthisis sive, ut plerique appellant, phthoe quod corporis faciat dissipationei
[defluxionem], sive corruptionem, fit frequentius antecedente sai
guinis fluore, aliquando etiam longi temporis tussicula, sive catqriho, qu
thoracis altiora lacerantur, et primo levius: tune ulcerata .... citius sum
passio initium.“ . .
Also auch hier ist von der P h t h i s e des K °J rP e r * u"d ,vt|
U 1 z e r a t i o n e n der Lunge, aber nicht von Lungenphthise die Rede. J
Wenn Waldenburg in seiner sehr sorgfältigen Darstellung der Gj
schichte der Tuberkulose es so darstellt, als ob das Altertum unter „Phthisd
die eitrige Zerstörung der Lungen verstanden hätte, so lässt es sich leic.j
aus seinen eigenen Berichten widerlegen. Die <f.vu«nt oder Exulzerationcl
der Lunge, die t/unv , der Brusthöhle sind die Grundlage, die Ursache dj
Phthise, aber nicht die Phthise selbst. Selbst nach der ersten Beschreibui'j
der Tuberkel durch Sylvius linden wir bei Willis (1622 lt>75) .. dr
deutlichen Hinweis, dass Phthise nicht von Ulzerationen der Lunge abhang
zu sein braucht (zitiert nach Waldenburg S. 30). Wenn man die Beium
von Willis ablehnt, weil es sich vielleicht um Steinhauerlungen gehandt;!
haben kann, so verweise ich auf Morton (1689), von dem Wald e n b u r i
(S. 34) folgenden Satz zitiert; „Die Lungenschwindsucht ist eine mit Lieb
verbundene Auszehrung des ganzen Körper s, die von der fehle
haften Beschaffenheit und endlich erfolgenden Schwärung der Lunge entstelitl
Das heisst: Lungenschwindsucht ist nicht Schwinden der Lunge, sondern v
den Lungen ausgehendes Schwinden des Körpers. Diese^ Auffassung hat sil
also vom Altertum her bis in die Neuzeit hinein erhalten ).
Man kann auch nicht einwenden, dass es’zu viel verschiedene Formen vi
Phthisen gäbe, die von den Lungen ihren Ursprung nähmen. Die Schildern
der von den Lungen her bedingten Phthise ist schon im Altertum so chara
teristisch, dass darunter nur die spezifische Phthise zu verstehen ist. Ai
Diese Angaben genügen wohl zur Rechtfertigung meiner Behau
tung, dass Phthise ursprünglich allgemeine Abzehrung des Körpers al
eine Allgemeinkrankheit bedeutete. Ich halte mich daher für durchal
berechtigt, diesen klassischen Namen für diese Allgemeinkrankheit, d
wie Aretaeus schon richtig bemerkt, auch ohne jedes Lunge1
geschwür Vorkommen kann, vorzuschlagen. Ich darf dabei bemeike
dass andere Nationen, wie die Engländer, den Ausdruck Zehrung ooj
Consumption für diese Krankheit in pietätvoller Weise bis in c|
neueste Zeit beibehalten haben.
Ich habe schliesslich behauptet, dass der Name. Phthise, der
Grund zunehmender Sektionsbefunde im Laufe der beiden letzten Jai
hunderte mehr und mehr auf die Erkrankung der Lunge angewan
wurde (Phthisis pulmonum), erst in der Mitte des vorigen Jahrhunde:
die Umtauf ung in den Namen „Tuberkulose“ erfahren hätte; auch hi'l
gegen wendet sich Marchand und weist auf die schon s
Laennec gebrauchten Worte „Lungentuberkulose“, „tuberkulc
Phthise“ hin. ,
Mir ist natürlich die Anwendung des Wortes „tuberkulös durch I
Autoren Portal, Bayle und Laennec bekannt. Man wendet die;
Adjektivuin vielfach an. So spricht Bayle von diathfese tuberculeuse, |
generescence tuberculeuse, afiection tuberculeuse. Vor allem aber sprii
man von der Phthisis tuberculosa. (So auch Laennec). Diese Bezeichnt.
7) Aretaeus übers, von D e w e z 1790, p. 179 ff. Jjl
8) Caelius Aurelianus, De morbis acutis et chronicis, ed Ai
mann, Amsterdam, 1722, p. 420.
9) Wenn man daher vor Patienten nicht von Phthise reden will,
spricht man von Phthoe und statt von Tuberkulose von Phthise.
10) Da die beruflichen und ausserberuflichen Pflichten es einem heutzuL
fast unmöglich machen, solche Sonderprobleme, wie das der geschichtlichen E;
Wicklung des Phthisebegriffes genauer zu verfolgen, so habe ich schon
längerer Zeit Herrn Kollegen Sticker in Würzburg gebeten, dieser Fr..
seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, was er freundlichst zugesagt hat. AI
mein Universitätskollege immisch bestätigt mir, dass „Phthise ein .
gemeinbegriff gewesen ist, welcher den Schwund des Körpers bedeutete, tj
dass „Phthise“ im engeren Sinne denjenigen Körperschwund bezeichn*
welcher einer Lungenvereiterung entstammt (unter Hinweis auf Anu
F o e s i u s, Oeconomia Hippocratis, Frankfurt 1588). Erst nachträglich fj
ich Gelegenheit Laennecs Abhandlung über die Auskultation im Orig ,
noch einmal genauer durchzusehen. Dabei fand ich folgende Sätze,
denen hervorgeht, dass meine Anschauungen sich ganz mit denen von Lae
nec decken. (Laennec, Traitd de l'auscultation, Tome I, Paris 1<!
p. 530.) „cependant on voit dans quelques cas, rares ä la vdritö, tous *
signes de la phthisie se ddvelopper, et la mort survenir chez des sujet
l'ouverture desquels on ne trouve encore que des tubercules crus.‘ (p. 5.
„La plupart des phthisiques ne succombent qu’apr£s etre arrivds ä ce de*
d’amaigrissement extreme, d’oü les Grecs ont pris 1 e nom de 1 a nv
1 a d i e.“
0. Februar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
185
eicht bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinein. In den
| ortreff liehen Schilderungen A dd i s o n s vom Jahre 1868 finde ich die Drei-
üilung der Lungenphthise in die pneumonic phthisis, in die tuberculo-pneu-
aonic phthisis und endlich in die tubercular phthisis. Dass der Ausdruck
’hthise (Auszehrung oder Konsumption) schon seit Laennec allgemein
urch das Substantiv „Tuberkulose“ e r s e t.z t worden
■ ä r e, ist mir nicht bekannt. Aber auf das Substantiv kam es mir an. Ich
nrach ausdrücklich von der Umtaufung der Phthise in die Tuberku-
ose. Das Adjektiv „tuberkulös“ oder „tuberkulär“ ist mir zur Unter-
cheidung der verschiedenen Formen der Phthise viel zu wertvoll, als dass
:h es irgendwie missen möchte. Auch der Ausdruck „Tuberkulose“, der
ach Waldenburg zum erstenmal von Schön lein (1839!) ge¬
raucht worden ist, ist selbstverständlich aufrecht zu erhalten, aber nur
ir diejenigen anatomischen Formen der Phthise, bei welchen die Tuberkel
as Bild beherrschen. So spreche auch ich selbstverständlich von Miliar-
uberkulose, Tuberkulose der Pleura usw. Wogegen ich protestiere,
st nur, dass man, und zwar gerade zuerst in Deutschland, die
■hthise als Allgemeinkrankheit in Tuberkulose umgewandelt hat. Ich muss
lieh gegen den unberechtigten Vorwurf verwahren, dass ich erst eine
mtaufung vorgenommen hätte. Wenn eine Krankheit vor mehr als 2 Juhr-
msenden den Namen „Phthise“ bekommen hat, und jetzt erst, vor drei-
iertel, oder wie March and will, einem Jahrhundert, der Name in Tuber-
ulose umgewandelt wird, so nenne ich das eine Umtaufung, nicht aber die
Lederherstellung eines so ehrwürdigen Namens nach so kurzer Periode der
ergcwaltigung. Die Entdeckung der Tuberkel und der an die tuberkulösen
rozesse sich anschliessenden Erweichungen als wichtigste Grundlage dieser
llgemeinkrankheit, deren Beziehung zu den Lungenveränderungen schon das
Itertum sehr genau kannte, gibt keine Berechtigung zur Aufgabe eines
:it so langer Zeit gebräuchlichen klinischen Namens.
Die einseitige Beschränkung des Wortes Phthise auf die Lungen-
eränderungen führt auch sonst zu den grössten Schwierigkeiten.
Jarchau d hält es für einen Widersinn, von produktiver Phthise zu
iprechen, weil Schwund, Zerstörung nie produktiv sein können. Dabei
illigt Marchand stillschweigend den Ausdruck tuberkulöse Phthise.
'Geher in der ausländischen Literatur bis heute vebräuchhch ist und
on keinem Geringeren als von Laennec angewandt wurde. Ist
her der Tuberkel eine „entzündliche“ Neubildung, und daran
weifelt woh! kerner, auGi Marchand nicht, so muss der Ausdruck
tuberkulöse Phthise“ Marchand ebenso widersinnig erscheinen,
ie produktive Phthise. Dieser Widersinn ist sofort behoben, wenn
aan n'cht, wie es fälschlich geschieht, unter Phthise die Zerstörung
er Lungen versteht, sondern die Zehrung des Körpers, welche im
esentfichen von den spezifischen Lungenveränderuncen, gleichgültig,
t> sie produktiver, exsudativer oder regressiver Art sind, aus-
elöst wird, aber nicht mit ihnen identisch ist.
Ich darf auch hier gleich die Einwände Lubarsch'11) berü'cksinhtigen,
elcher behauptet, dass alles das, was ich gegen die Bezeichnung „Tuberku-
se“ emgewendet hätte, in verstärktem Masse gegen die Bezeichnung
’hthise“ gälte. Er weist vor allem darauf hin, dass in vielen Fällen von
jberkulose keine Phthise, kein Schwund, keine nennenswerte Gewebszer-
örung vorhanden sei. Ich kann nicht mehr tun, als noch einmal wiederholen,
iss ich unter „Phthise“, so wie der Name ursprünglich von den Schöpfern
asseiben gemeint war, nicht die Zerstörung der Gewebe oder gar die
Izerationen der Lunge verstehe, sondern eben die Zehrung der Körperkräfte,
ie sie für die ausgebildeten Fälle der Krankheit charakteristisch
t. Wenn man das tut, dann gibt es, wie ich wohl im Emver-
ändnis mit Lubarsch feststellen kann und in meiner Nomenklatur
irgeschlagen habe, neben einer „azinös-nodösen Lungenphthise“ — ohne
obere Gewebszerstörung — auch eine ulzerös-kavernöse Phthise —
it weitgehender Einschmelzung des Organs. Im übrigen sei festgestellt,
iss überall dort, wo die Tuberkel im Lungengewebe sich entwickeln,
eses _■ — mikroskopisch betrachtet — endgültig zerstört ist. Also stellt auch
e rein produktive Phthise — noch frei von jeder Verkäsung und Ein-
hmelzung — , wenn man genau sein will, bereits eine Zerstörung, einen
chwund des Lungengewebes, eine „phthisis“ dar. Das beweisen ja am
sten die schweren Einbussen derselben an Leistungsfähigkeit. Lubarsch
heint mir also keinen rechten Grund zu einer solchen Erregung über meinen
prschlag zu haben, die ihn zu dem für ihn furchtbaren Verdacht kommen
sst. ich wollte das glücklicherweise klare und nicht missverständliche Wort
allgemeine akute Miliartuberkulöse“ ausrotten oder prinzipiell durch das
ort allgemeine hämatogene miliare Phthise ersetzen. Er kann sich leicht
'erzeugen, dass ich in meinem Vorschläge zur Nomenklatur der Phthise
■m nicht misszuverstehenden Worte „Miliartuberkulose“ seinen berechtigten
atz angewiesen habe. Ob Lubarsch seinen Lesern viel Freude bereitet
’t, dass er sich in seiner Erregung über die „Phthise“ zu politischen
srgleichen hinrejssen liess, wage ich zu bezweifeln. Meines Erachtens
■hören solche nicht in wissenschaftliche Debatten.
Ich darf diese Erörterung nicht ohne positive Hinweise schliessen.
h weiss, dass gerade in Deutschland die Gewöhnung an das Wort
uberkiiiose eine grosse ist. Trotzdem hoffe ich, dass die Vorteile
ii der Anwendung des Wortes Phthise für den pathol. Anatom, Kliniker
id Immunbiolbgen so 'grosse sind, dass sich das nicht zu unter¬
hätzende Trägheitsmoment doch überwinden lässt. Die Untersuchun-
;n von P a r r o t, Kuss, A I b r e c h t. G o h ti, Ranke haben es in
Übereinstimmung mit den Lehren v. Behrings, Roemers und
retz’ wahrscheinlich gemacht, dass die Allgemeinkrankheit
hithise“, ähnlich Wie die Syphilis in verschiedenen Perioden, näm-
:h derjenigen des Primäraffektes, derjenigen der Sekundärperiode
ler der Generalisation und schliesslich der tertiären Periode oder der
Gierten Organphthise verläuft. Ich habe mich darüber und über die
men kontrollierenden und kritisierenden Aufgaben, die aus solcher
uffassung der pathologischen Anatomie erwachsen, ausführlich auf
Kongress für innere Medizin im vorigen Jahre geäussert. Jede
eser Perioden hat ihre besonderen klinischen, morphologischen und
u) Lubarsch: Einiges zur Kritik der medizinischen Namengebung.
reh. Arch. 1921. 232. S. 280.
immunbiologischen Charakterist, ka. Aber der Vergleich mit der
Syphilis darf — und darin stimme ich Marchand durchaus bei —
nur mit grösster Vorsicht und mit wichtigen Einschränkungen gezogen
werden. Während die Syphilis, falls keine Behandlung einsetzt, wohl
in der Mehrzahl aller Fälle die drei Stadien mehr oder weniger deutlich
durchläuft, sehen wir umgekehrt bei der Phthise in der Mehrzahl der
Fälle die Selbstheilung schon im Stadium der Primärinfekte oder noch
im Stadium der Metastasierung eintreten. Ein anderer Teil geht im
Stadium der Generalisation zu Grunde. Nur ein Bruchteil der Phthise
erreicht das Stadium der isolierten Organphtbise.
Gerade d i e Form der Phthise, die den Arzt am meisten interessiert,
nämlich die chronische Phthise der Lungen, ist nun am seltensten als
tertiäres Stadium eines einmal in der Jugend gesetzten Primärinfektes
anzusehen. Vielmehr haben es schon ältere Untersuchungen wahr¬
scheinlich gemacht — und neuere Untersuchungen von Puhl bringen
eine volle Bestätigung — dass die gewöhnliche chronische Lungen¬
phthise. wie ich schon Eingangs erwähnte, von einem exogenen
R e i n f e k t ihren Ausgang nimmt. Darin besteht der schärfste Gegen¬
satz zur Syphilis. Wir haben es also bei der chronischen Lungen¬
phthise mit sich überdeckenden Doppelinfektionen oder Mehrfachinfek¬
tionen zu tun. Wir dürfen also nicht nur von Primärinfekt, Sekundär-
und Tertiärperiode sprechen, sondern wir müssen — und zwar gerade
für die Fälle, wo der Primärinfekt zur Ausheilung kommt, ohne zur
weiteren Infektion Veranlassung zu geben — von einer Periode des
Primärinfektes und einer Periode des Reinfektes reden. Wie man
morphologisch und histologisch die in den Spitzengeschossen lokalisierten
bisher meist fälschlich als Primärinfekte angesehenen Reinfekte von den
echten meist ganz anders lokalisierten Primärinfekten auch noch nach
Jahrzehnten zu trennen versuchen muss, wird in der Arbeit von Puhl
ausführlich auseinandergesetzt werden. Die Frage, ob der meist im
Kindesalter einsetzende Primärinfekt eine gewisse Immunität erzeugt,
lässt sich an der Hand einer grösseren Zahl auf Primär- und Reinfekte
sorgfältigst untersuchten Lungen leidlich gut beantworten. In allen
Fällen von Reinfekten12), die genau untersucht werden konnten,
wurden auch Narbenreste von Primärinfekten gefunden. Aber
die Zahl der Lungen mit Primärinfekten überhaupt war erheblich
grösser als diejenige mit gleichzeitigen Reinfekten. Das weist genü¬
gend auf das hier verborgene Immunitätsproblem hin. Eine der wich¬
tigsten Aufgaben zukünftiger Forschung wird sein, festzustellen, wie
sich zeitlich Primär- und Reinfekte beeinflussen, wie lange ein Primär¬
infekt wirksam gewesen sein muss, um den Reinfekt möglichst ab¬
zuschwächen oder aus ihm das Bild der chronischen Lungenphthise
hervorgehen zu lassen, wie kurz umgekehrt die Wirkung der Primär¬
infektion war. .wenn der Reinfekt das Bild einer dem Generalisations-
stadium des Primärinfektes ähnlichen nrocredienten Phthiseform, wie
sie uns als Pubertätsphthise so häufig entgegentritt, auslösen soll.
Ich glaube, dass solche Untersuchungen, über welche Puhl
bereits kurz berichtet hat13), zur Entscheidung der strittigen Frage nach
der besten Benennung der phthisischen Prozesse am meisten beitragen
werden.
Experimentelle Untersuchungen üb^r die Wirkungsweise
von Proteinkörpern und Reizkörpern.
(I. Mitteilung: Giftbindung und Ueberempfindlichkeit.)
Von Prof. Dr. Döllken in Leipzig unter Mitwirkung von
eand. med. Rudolf Herzger.
Exakte Form und Fragestellung hat Bier1) bereits seit 1893 der Reiz¬
körpertherapie gegeben und daraus seine Heilentzündungslehre hergeleitet. In
seinen neuesten Arbeiten behandelt er die Grundlagen dieser Therapie, in
denen er auf V i r c h o w s Anschauungen über Reiz und Reizbeantwortung
der Zelle zurückgeht. Experimentelle Untersuchungen stellten an Krehl2).
M.a 1 1 h e s 3). W e i c h a r d t 4), der aus ihnen den allzu weiten Begriff
einer allgemeinen Protoplasmaaktivierung ableitete, Schittenhelm und
W e i c h a r d t 5), welche die Wirkung injizierter Proteinkörper untersuchten.
Obwohl seither eine Anzahl von Forschern physiologische, serologische und
pharmakologische Beiträge zur Proteinkörperfrage brachten, sind wir auch
jetzt noch weit entfernt, auch nur die notwendigsten Grundlagen für eine
Lehre von der Wirkung der Proteinkörper zu haben. Es wird noch jahrelange
Arbeit vieler Experimentatoren nötig sein, um einigermassen klar sehen zu
können.
Ausser Bier haben besonders Kaznelson8), Star.ken-
stein7), Schittenhelm8) das vorhandene Material diskutiert. Neue
serologische Arbeiten bringen noch L i n d i g 9) und seine Schüler über
12) Das Wiederaufflackern von Herden aus der Periode des Primär¬
affektes und seiner Folgezustände sollte mit dem Ausdruck des endogenen
Rezidivs bezeichnet und damit scharf dem exogenen Reinfekt gegen-
iibergestellt und die Rezidive der primären Infektion von den Rezidiven der
Reinfektion unterschieden werden. Ob das möglich und durchführbar ist.
muss die Zukunft zeigen.
13) Puhl: Sitzungbericht d. Med. Gesellsch. Freiburg i. B. D.m.W. 1922.
*) Bier: v. Esmarchs Festschrift 1893. Hyperämie als Heilmittel,
1907. M.m.W. 1921.
2) Krehl: Arch. f. exp. Pharm. 35. 36
3) Matth es: D. Arch. f. klin. M. 1894.
4) Weichardt: M.m.W. 190/ usf., letzte Arbeit B.kl.W. 1921.
B) Schittenhelm und Weichardt: Zschr. f. exp. Path. u.
Ther. 1912. 6) Kaznelson: B.kl.W. 1917: Erg. d. Hyg. etc. 1921.
7) Starkenstein: M.m.W. 1919.
8) Schittenhelm: M.m.W. 1921.
°) L i n d i g: M.m.W. 1919 etc.
186
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr.
Kasein, Arnold und L e s c h k e 10) über sessile Rezeptoren, S e i f f e r t u) i
über normale und pathologische Permeabilität und Reaktion von Zellen Reiz- |
körpern gegenüber. D i 1 1 1 e r 1S) fand im defibrinierten Blut eine den Kanin- !
ehendünndarm erregende und eine hemmende Substanz, die er durch Dia- j
lyse reinlich voneinander trennen könnt“. Auch von den roten Blutkörperchen
gewann er Hemmungs- und Erregungsstoffe. Freund13) schliesst aus seinen
Versuchen, dass durch Blutplättchenzerfall im Aderlassblut Qefässgifte ent¬
stehen. Freund und G o 1 1 1 i e b 14) weisen auf die Wirkung der Blut¬
zerfallsprodukte im strömenden Blut nach Reizkörperinjektion hin. j
K i r s t e 1B), Z o n d e k 1H), Storm van L e e u w e n 17) untersuchten Reiz-
körper-Gift-Antagonismus und Synergismus den Gefässen, Herz und Darm
gegenüber.
Sehr klar hat Starkenstein (1. c.) das Problem der Hemmung
und Verstärkung der Giftwirkung von Strychnin und Phenol durch Milch
und andere Protein- und Reizstoffe herausgestellt.
Von den meisten Forschern wird die W e i c h a r d t sehe Theorie einer
allgemeinen Protoplasmaaktivierung durch Proteinkörper als unbewiesen ab¬
gelehnt. Selbst Schittenhelm (1. c.), der ihre Rettung versucht, spricht |
im Verlauf seiner Betrachtungen de facto fast nur von Verstärkung spezifischer
Einflüsse und von elektiven Wirkungen der Eiweissstoffe. Bier hält den
Begriff der Protoplasmaaktivierung für unnötig und den Ausdruck für unglück¬
lich gewählt, da wir nicht wissen, ob die Proteine den Kern oder das Proto¬
plasma der Zelle reizen.
Ich will nicht die Möglichkeit, nicht einmal die Wahrscheinlichkeit einer
omnizellulären Wirkung der Proteine bestreiten. Aber bislang fehlt jeder
Beweis dafür, dass es gerade diese Eigenschaft der Proteine ist, welche
allein die Heilwirkungen an bestimmten Krankheitsherden entfaltet.
Vom Chinin wissen wir genau, dass es in sehr kleinen Dosen omtiizellulär
aktiviert, ohne im geringsten den Proteinen analog zu wirken.
Meine eigenen klinischen und experimentellen Untersuchungen füh¬
ren zwingend zu dem Schluss, dass das Problem der Protein-
körperwirkung ein humorales und ein zelluläres ist.
Den injizierten Proteinkörpern kommt im normalen Organismus
eine sehr ausgebreitete Gewebsaffinität und Organotropie zu. Beide
Ausdrücke werden doppelsinnig gebraucht. Einmal für die besonders
sinnfällige Reaktionsfähigkeit einer Organzelle auf einen bestimmten
Reiz, ferner für die Bindung von Substanzen an Gewebsflüssigkeit oder
Zelle, gleich, ob damit eine auffallende Funktionsänderung verknüpft
ist oder nicht.
Die Proteinkörper wirken erregend auf die zellulären Bestandteile
des Blutes (Bier). Nachweisbar ist im normalen Organismus ihre
Reaktionsfähigkeit mit Gefässen (L ä w e n und D i 1 1 1 e r) 18),
Muskeln, Drüsen (W e i char dt), Knochenmark (E. F. Müller),
gewissen Grosshirnzentren im Sinne einer Leistungssteigerung, ferner
nach meinen Untersuchungen auch mit dem parasympathischen Nerven¬
system, den Zentren der Atmung, der Gefässe, der Temperatur und
mit dem Grosshirn, indem sie Ruhe und Schlaf erzeugen.
Gifte und Gewebe. Die meisten Gifte greifen am Erfolgs¬
organ erst an, nachdem sie eine bestimmte adsorptive Bindung mit
Gewebssäften eingegangen sind. Selbst die wenigen sehr schnell
wirkenden Alkaloide haben eine längere Latenzzeit nötig, als sie durch
den Blutstrom zu ihrer Wirkungsstätte getragen werden, brauchen
danach Blutbestandteile als Schrittmacher. Schnelligkeit und Art der
Giftwirkung hängt wesentlich von der andern Komponente des Adsorptes,
dem Gewebssaft ab, neben Resorptionsbedingungen natürlich. Dass
im allgemeinen nicht die Speicherung des Giftes in der Zelle für
Eintritt und Art der Reaktion (Wirkung) verantwortlich zu machen
ist, geht daraus hervor, dass einerseits in den am stärksten reagierenden
Nervenzentren nur minimalste Mengen nicht zerstörbarer Gifte wieder
gefunden werden, anderseits bei einer Zufuhr reiracta dosi stets grös¬
sere Giftmengen für denselben Erfolg gebraucht werden als bei ein¬
maliger Applikation. Jedes der verschiedenen Gewebssaftad-
s o r p t e mit einem bestimmten Gift hat seinen besonderen Giftigkeits¬
grad. seine besondere Qualität, seine besondere Latenzzeit. Eingehend
sind die Verhältnisse für Kokain nachgewiesen worden, welches, in
optimaler Menge an verschiedene lebende Gewebssäfte adsorbiert, ganz
verschiedene Vergiftungserscheinungen bedingt. Aus dem Adsorpt
lässt sich das Kokain quantitativ wieder gewinnen. Manche Alkaloide
ergeben mit den verschiedenen lebenden Gewebssäften giftige Ad-
sorpte, die nur graduell und zeitlich verschieden wirken, andere rufen
deutlich von einander abweichende Symtomenkomplexe hervor.
Von einem einfachen Schema der Giftwirkung und -Verteilung im
Organismus sind wir jedoch noch weit entfernt. So schliesst
Straub19) aus seinen Versuchen, dass ein Verbrauch von Strychnin
im Aplysiaherzen bei der Vergiftung stattfindet, entgegen der allge¬
meinen Annahme, dass Strychnin im Organismus nicht zerstört wird.
Proteinkörperbindungen. Hemmung und Ver¬
stärkung. Injiziert man einem mittelgrossen Kaninchen 10 — 15 ccm
zentrifugierter Kuhmilch intravenös, so wird es nach einigen Minuten
schlaf müde für die Dauer von 30—90 Minuten. Dosen von 25 ccm
und mehr verursachen oft den Tod durch Atmungslähmung. Ebenso
schlafmachend wirken Molke 15 ccm und Kasein 0,3. Subkutane und
intraperitoneale Verabreichung derselben Dosen haben bei Kaninchen
und noch deutlicher bei Meerschweinchen denselben hypnotischen
10) Arnold und L e s c h k e: D.m.W. 1920.
”) S e i t f e r t: B.kl.W. 1921.
12) Dittler: Arch. f. ges. Phys. 1914; Arch. f. Biol. 1918.
13) Freund; Arch. f. exp. Pharm. 1920.
14) Freund und Gott lieb; M.in.W. 1921.
15) Kirste: Arch. f. exp. Pharm. 1921.
18j Zondek: D.m.W. 1921.
17j Storm van Leen wen: Arch. f. exp. Pharm. 1921.
1S) La wen und Dittler; Arch. f. exp. Med. 1913.
19) Straub; Pflügers Arch. 1898.
Erfolg. Auch beim Menschen wirken Milch 5 ccm intravenös und 10 cc
subkutan schlafbefördernd. • jj
Deuteroalbumose, Prodigiosus-Vakzine, Vakzineurin, Yattel
Zuckerlösung 25 Proz. hatten keine augenfällige Wirkung. I
Aendert man Reaktionsfähigkeit und Reaktion der G ;
webssäfte, insbesondere des Blutes, durch parenteral eingeführte Pr
teinkörper und Reizkörper, so entstehen mit einem nachher eingebrac i
ten Giftstoff (Alkaloid etc.) giftige Verbindungen. Sie können e|
lieblich weniger giftig sein .(Antagonismus) als die einfache Al
kaloid-Gewebssaftbindung. oder giftiger (Synergismus) oder eii
veränderte Giftwirkung haben.
Gift-Proteinbindungen lassen sich auch im Reagen2|
glase hersteilen. Derartige Versuche sind seit langer Zeit für rnancil
Alkaloide etc. mit Gewebsbrei und Serum angesteilt worden mit de
Resultat einer „Entgiftung“ für manche, einer Verstärkung für ande <
Gifte. _ _ 'I
In meinen Versuchen zeigte sich, dass so eine wirkliche Entgilt
tung nicht zustande kommt. Es entsteht immer eine Ei weis;
k ö r p e r - A 1 k a 1 o i d v e r b i n d u n g. welche zwar w e n i g t
giftig ist, aber in ausreichender Dosis stets tödlich wirkt. Man kai
die meisten Bindungen wahrscheinlich als A d s o r p t e auffassen, i
das Alkaloid sich aus ihnen leicht durch Ausschütteln mit Chlorofor
etc. wieder gewinnen lässt. Einige der Bindungen zerfallen leicl
So das Reagenzglasadsorpt aus Kaninchenplasma oder -Serum it
Strychnin und Nikotin, welches im Kaninchenkörper nach einer ve
längerten Latenzzeit sich spaltet, sodass es dann zu einer reinig
Alkaloidwirkung kommt.
Der Gjf tigkeitsgrad einiger der Reagenzglasgemische kai
durch Erwärmen verändert werden. Nimmt man aus einem (i
misch von Milch mit Strychnin oder Nikotin ein Ouantum, welches bf
20° C bereitet für ein Kaninchen gerade noch völlig gehemmt („er;
giftet“) ist, erhitzt es 2—3 Minuten auf 60° C und injiziert na;
der Abkühlung, so wirkt das Produkt sehr stark giftig, jö
Vergiftungserscheinungen treten nicht nur sehr viel schneller ein, sol
dern sind auch bedeutend heftiger, als wenn die im Gemisch enthalte; j
Alkaloiddosis allein injiziert worden wäre. Der Antagonismus ist f
Synergismus verwandelt wmrden.
Mischt man etw^a den vierten Teil der tödlichen intravenösl
Chinindosis mit schwach saurer Molke oder Koffein in derselben rel :
tiven Menge mit Milch bei 15° C, so entstehen enorm giftig!
Bindungen, deren Wirkung sich durch Ethitzen steigern lässt.
Bei den beschriebenen Wirkungen der Giftadsorpte handelt I
sich nicht um echten Antagonismus und Synergismus, sondern ir:
Hemmungs- und Verstärkungswirkungen.
Veränderte Reaktion. In den Organismus eingebrachj
Proteine vermögen unter bestimmten Bedingungen mit Alkaloid ,
Bindungen zu erzeugen, deren Wirkung von der bekannten Alkaloi,
Wirkung erheblich abweicht. Bei geeigneter Vei;suchsanordming erhi
man nach Milchzufuhr durch unterschwellige Dosen von K o f f e :
eine reine Narkose, nach Vakzineurin- oder Molkeinjektion a;r
nachträgliche mittlere Nikotingaben nur Lähmung. Eine ganz besoii
ders bemerkenswerte Reaktion lässt sich durch bestimmte Vorbehan,
lung mit Milch und späterer Injektion von Strychnin erreichen, när
lieh zuerst Uebererregbarkeit und geringe Krämpfe, dann progressi'.j
Lähmung für Stunden oder Tage, und auf Reize dann wieder Tetam.
Eine Reaktion, die auf Strychnin sonst n i e beim Warmbl i)
t e r sondern nur beim Kaltblüter beobachtet wird.
Tagelang finden sich Reaktionsprodukte von Proteinkörpern tr
Gewebsflüssigkeiten und Blut im Organismus, naturgemäss immer til
fere Abbauprodukte, die selbst und im Verein mit Blut etc. Gifte j
binden vermögen. Die Adsorptionskraft wird immer geringer insofetj
als die Bindungen der ersten Stunden am stärksten ihre besondet,
Wirkungsrichtung zeigen. Produkte vom Charakter der Gifthcmmu
sind in den späteren Stadien giftiger als in früheren, die Verstärkung
bindungen dagegen weniger giftig. Manche der späteren Bindung!
(z. B. mit Strychnin. Nikotin, Kokain) weisen einen ganz verändert
Symtomenkomplex der Vergiftung auf. So konnte ich die Strychn:
kaltbliiterreaktion am Kaninchen nur am Tage nach der intravenös
Zufuhr von Milch mit Sicherheit erzeugen.
UeberempfindT rchkeit. Bereits vor Ablauf einer Stun ■
nach der intravenösen Einbringung von Proteinen konnte i|
Ueberempfindlichkeit gegen denselben, schwächer au
gegen andere Proteinkörper hervorrufen. Echte Anaphylaxie geg
Milch ist beim Kaninchen durchaus nicht selten; sie lässt sich jede i
nicht mit Sicherheit erzwingen. Bringt man aber Milch in d
Blutbahn und 40 — 60 Minuten später ein bei Zimmertempcrat -
bereitetes stark unterschwelliges, für sich allein wirkungslos!
Reagenzglasadsorpt von Milch und Alkaloi d1, dess
krampfmachendes Alkaloid einen • H a u p t a n g r i f f s p u n k t
der Me du 11a oblongata hat, in die Venen, so tritt nach wenig
Sekunden Atmungstetanus und Blässe der Schleim h ä u 1
und der Ohren ein. V* — Vs der sonst tödlichen Alkaloiddosis
Gemisch genügt meist, den Tod in 10 — 50 Sekunden herbeizufühn
Ist die Dosis noch geiinger. erfolgt ein Atmungsstillstand von et\
30 Sekunden bei Seitenlage des Tieres. Das Herz schlägt weiter, me
verlangsamt. Allmählich kommt die Atmung wieder in Gang. Et\
1 Minute später springt das Kaninchen auf und erholt sich sehr schm
Injiziert man dem vorbehandelten Tier ein unterschwelliges Gemisi
subkutan, so zeigen sich spätestens nach der .halben Latenzzeit eii
etwas überschwelligen reinen Alkaloiddosis oder noch eher scliwe
1(1. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
187
Vergiftungserscheinu'ngen. Diese Ueberempfindlichkeit ist nicht
streng spezifisch (Gruppenreaktion). Die beschriebenen ana¬
phylaktoiden Erscheinungen lassen sich nicht durch Bildung eines
neuen, besonders giftigen Adsorptes erklären. Dagegen spricht in
erster Linie der schon in 5 — 10 Sekunden eintretende Atmungstetanus,
ferner die sofortige Erholung nach Ueberwindung desselben, nicht min¬
der auch die Erscheinungen nach subkutaner Injektion des Gemisches so).
Dosierung und Paradigmata für Wirkungstypus.
Die Proteinkörper lassen sich für die Giftbindung nur in mässigen Gren¬
zen exakt dosieren. Allen andern überlegen sowohl für Hemmung wie
Verstärkung erwies sich die Milch trotz ihrer etwas wechselnden Zu¬
sammensetzung. Die nicht für alle Tiere derselben Klasse gleiche
wirksame Dosis der verschiedenen Proteine und Reizkörper ist durch
den jeweiligen Zustand des Tierorganismus bedingt. Sie ist sogar im
Sommer ein wenig anders als im Winter.
Kolloide. Die schützende Wirkung von Suspensionen, Emul¬
sionen und kolloidalen Lösungen gegen manche Vergiftungen ist seit
dem Altertum bekannt. Lichtwitz 1908, Wiechowski 1910,
Z u n t z 1913, Starken stein 1918 u. a. haben exakte Versuche über
Adsorption von Giften an Blutkohle, Kaolin. Milch. Eiweisslösungen,
Lezithin etc. angestellt und deren starke Hemmungswirkung dargetan.
Dass alle Giftbindungen dieser Stoffe auf Adsorption beruhen, ist
bisher nicht erwiesen. Es kann für sehr viele Gifte bei Bindung mit
den verschiedenen Kolloiden und Suspensionen eine kontinuierliche
Reihe aufgestellt werden, die von starker Hemmung bis zu hochgradiger
Verstärkung geht. Die Hemmung ist stets relativ, keine
Hemmungsbindung ist ungiftig. Veränderung des kolloidalen
Zustandes eines Körpers durch Erhitzen oder Zusätze ändern meist
den Charakter der Bindung (des Adsorptes).
Schon kleine Mengen eines Kolloids haben Hemmungs- oder Ver¬
stärkungswirkung, das Optimum liegt um ein Mehrfaches höher. Wei¬
tere Vermehrung ist wirkungslos. Vorbehandlung des Organismus mit
Kolloiden hat keine katalytische Wirkung, sehr kleine Dosen erzeugen
nur geringe Hemmung oder Verstärkung.
Im strömenden Blut werden einige Alkaloide gehemmt, wenn dem
Blut Zeit zu genügender Einwirkung gegeben wird. Bekannt ist das
für sehr verdünnte Kckainlösungen. Auch Strychnin und Nikotin lassen
sich partiell entgiften, wenn man sehr dünne Lösungen sehr langsam
\.3 — 5 Minuten) in die Blutbahn bringt, ein Umstand, der auch noch
gegen Speicherung in der Nervenzelle spricht.
Der Aenderung des Giftigkeitsgradds eines Adsorptes geht eine
Aenderung seines kolloidalen Zustandes voraus, ist vielleicht sogar
dadurch bedingt. So trübt sich mit Essigsäure bereitete, schwach
saure, fast klare Molke auf Zusatz von Chininsalzen bei 15° C deutlich
nach etwa 1 Stunde. Das Gemisch wirkt aber schon nach ca. Stunde
giftiger als das Chininsalz allein. Wird das Gemisch auf 40° C er¬
hitzt, trübt es sich und wird giftiger. Die Trübung wird stärker beim
Erhitzen auf 55° C (Oberflächenvergrösserung der kolloidalen Teilchen),
der Giftigkeitsgrad wächst noch weiter.
Zentrifugierte Labmolke mit der einfach tödlichen intravenösen
Dosis Chinin, mur. versetzt, gibt nach einiger Zeit einen geringen
Niederschlag. Bereits der dritte Teil des Filtrats wirkt tödlich. Der
nit destilliertem Wasser gewaschene Niederschlag, in 6 ccm sehr
verdünnter Essigsäure trübe gelöst, intravenös in 20 Sekunden inji¬
ziert, tötet ein Kaninchen in 40 Sekunden.
Auch eine bei 15° C wenig trübe Essigsäuremolke opalisiert
uif Koffein lösungzusatz nach kurzem Erwärmen auf 60° C stärker.
Diese ist noch giftiger als die Mischung bei 15" C, welche die Wir¬
kung des reinen Koffeins 2 — 3 mal übertrifft.
Klare Sera oder fast klare Vakzine (partiell autolysiert) werden
lurch Zusatz von Chininsalz- oder Koffeinlösungen getrübt und zwar
nit steigender Temperatur immer stärker. Die Giftigkeit steigt mit
ler Temperatur bis 60° C. Höhere Hitzegrade verursachen Fällungen.
Dass Säuren und Alkalien an Aufschwemmungen, Schleime, Milch
;ebunden und damit gehemmt werden, ist eine alte Erfahrungstatsache.
Ein sehr eigenartiges Verhalten weist Phenol auf. Zusatz einer
üologisch wirksamen Menge (etwa 0,1 g) verfärbt Blut- und Bakterien-
lufschwemmungen in der Kälte, bedingt eine leichte Trübung klarer
•>era, Molke und Deuteroalbumose in der Wärme. Die Wirkung des
Tienols wird durch Zusatz von entfetteter Milch enorm, von Milchfett
Rahm) und Molke massig verstärkt, dagegen von Kasein erheblich,
ron Deuteroalbumose noch stärker gehemmt. Erwärmt man aber ein |
■ngiftiges Phenol-Deuteroalbumosegemisch, so wird es immer giftiger 1
ind steht bei 60" C (nach Abkühlung injiziert) dem kalten Milch-
menolgemisch nur wenig nach.
Dass nicht die einfache Oberflächenvergrösserung der Kolloid¬
artikel (Trübung) Verstärkungsbindungen erzeugt, zeigt das Verhalten
es Strychnins. Strychninnitratlösung 1 Prom. gibt mit klarer Labmolke
ei 20° C eine Trübung und hemmt. Die stärker getrübte Mischung
ei 60" C ist sehr giftig (nach Abkühlung).
. 5 ccm Gelatinelösung l proz. hemmen bei 15" C. 0,4 mg Strych-
mnitrat zum Teil, bei 60," C fast völlig (Einhüllung).
Vakzine binden — im direkten Gegensatz zu ihrer sonstigen thera-
eutischen Wirkung — erst in sehr grossen Mengen Giftstoffe, ein
eichen, dass nur die Eiweisskörper wesentlich beteiligt sind.
Der Versuch, durch Hämolyse im Organismus Reaktionsstoffe zu
zeugen, ist mir insofern gelungen, als nach intravenöser Injektion
) Ausführliche Mitteilung meiner fast abgeschlossenen Versuche wird
nnen kurzer Zeit erfolgen. »
von destilliertem Wasser oder von Staphylokokkentoxin eine Beschleu¬
nigung des Eintritts einer späteren Strychninvergiftung erfolgte.
Für verschiedene Tierarten ist die Giftigkeit der Adsorpte ver¬
schieden. Normales Pferdeserum, aus verschiedenen (Duellen bezogen,
wirkte in einer Menge von 5 ccm intravenös auf Kaninchen fast stets
giftig (allgemeine geringe Parese oder leichte Krämpfe von kurzer
Dauer), etwas weniger giftig Rinderserum, ungiftig war Kaninchen¬
serum. Ein Gemisch von Pferdeserum und Strychnin aber wird bei
15° C sehr stark gehemmt, bei 60° C zu synergischer Wirkung ge¬
bracht. Etwas schwächer analog Rinderserum. Das Kaninchenserum-
adsorpt verzögert erheblich den Eintritt der Vergiftungserscheinungen.
Da aber schliesslich reine Strychninsymptome beobachtet werden, so
ist es wahrscheinlich dass im Organismus das Alkaloid aus dem Ka-
ninchenserumadsorpt ausgewaschen wird.
In den folgenden Ausführungen ist die Dosis stets auf 1 kg Tier berechnet.
Strychnin. Die Dos’s von 0,5 mg Strychninnitrat subkutan (töd¬
lich 0,4 mg) und 0,1 ing intravenös wird völlig oder fast völlig unschädlich
gemacht durch 30 60 Minuten vorher gemachte intravenöse Injektion von
zentrifugierter Milch 5 ccm, Molke 8 ccm, Kasein 0,25, Deuteroalbumose 0,2,
Pferdeserum 3 ccm in etwas absteigender Stärke. Verzögert und un¬
vollständig gehemmt durch Vakzineurin 1,5 ccm, Rinderserum 5 ccm, Kanin¬
chenplasma 5 ccm, Kaninchenserum 5 ccm (s. o). Geringe Verzögerung durch
völlig abgebaute Drüsensubstanz (Abderhaldens Optone). Subkutane
Vorbehandlung erfordert grössere Dosen und längere Einwirkung. Bei Mi¬
schung im Glase sind für 0,5 mg Strychninhemmung nötig Milch 6 — 8 ccm,
Pferdeserum 2,5 ccm, Kasein 0,25, Molke 10 ccm mit absteigender Wirkung.
Verzögert und verändert wirkt das Strychninadsorpt 0,5 mg mit Rinderserum
5 ccm, Kaninchenserum 5 ccm und Vakzineurin 1,0. Von den auf 60 0 C
erhitzten Mischungen wirkt XA—X/ subkutan meist tödlich. Intravenös wird
hi des kalten Adsorptes gehemmt.
Bei unvollkommener Hemmung sind im allgemeinen die
Krampferscheinungen schwächer, es treten Lähmungen
neben ihnen auf, ausser bei Kaninchenserum.
Rohrzuckerlösung 25 Proz., Kochsalzlösung 10 Proz., Yatren, Pregl-
sche Jodlösung haben keine deutliche Wirkung. Milchvorbehand-
I u n g und später eine unterschwellige Dosis eines Strychnin-
Mlilchadsorptes bei 15 0 C intravenös machten sofort heftigsten Tetanus,
Atmungsstillstand, Tod in 10—20 Sek. Auf untertödliche Gaben trotz
schwerster Symptome nach 30 — 50 Sek. Aufhören der Krämpfe, das Tier
springt auf und verhält sich normal. Minimale Gaben des Gemisches mit
0,02 mg Strychninnitrat sind unwirksam.
Die Kaltblüterreaktion des Kaninchens zeigt sich, wenn man
zentrifugierte Milch 5 ccm intravenös und am nächsten Tage Strychnin 0,5 mg
subkutan verabfolgt. Sie ist nicht zu erzielen, nicht einmal andeutungsweise,
wenn 8 ccm Blut des am Vortage injizierten Kaninchens mit Strychnin ge¬
mischt und nach 1 Stunde subkutan injiziert wird. Der Erfolg ist eine reine
Strychninvergiftung, da das Alkaloid aus dem Gemisch ausgewaschen wird.
Die Hemmungsgrenze des Nikotins liegt für das Kaninchen bei der
krampfmachenden Dosis von 0,012 subkutan und 0,0003 intravenös. Voll¬
kommen hemmen Adrenalin 0,001 und Milch 3 ccm bei Mischung im Glase
wie bei Vorbehandlung. Sehr wenig höhere Gaben als dieses Optimum des
Adsorptes verursachen leichte Narkose und vorübergehende Lähmung, noch
höhere Krämpfe. Auf Meerschweinchen wirkt das Adsorpt stets giftig, wenn
die darin enthaltene Nikotinmenge Erscheinungen machen würde, nur schwä¬
cher. Die hemmende Wirkung auf das parasympathische Nervensystem ist
viel geringer (Versuche in Gemeinschaft mit Dr. Hans Rosenberg. Wird
demnächst publiziert).
Hypophysenextrakt 0,2, Vakzineurin 2 ccm, Molke 10 ccm, Kaninchen¬
serum 5 ccm hemmen Nikotin partiell, bedingen Unruhe, Narkose, vorüber¬
gehende Lähmung der Extremitäten. Alle angeführten Gemische, auf 60° C
erhitzt, sind sehr giftig. Deuteroalbumose 0,2, Pferdeserum 2 ccm. Abder¬
haldens Optone, Yatren 0,1, P r e g 1 sehe Jodlösung 5 ccm wirken ver¬
stärkend.
Milch 5 ccm intravenös, 1 Stunde später die stark unter¬
schwellige Dosis einer kalten Mischung von Nikotin 0,006
und Milch 1,5 ccm subkutan oder Nikotin 0,00015 und Milch 0,2 intra¬
venös verursachen im ersten Fall nach 80 Sekunden, im zweiten sofortige
Krämpfe, Seitenlage, Atmungstetanus und Atmungsstillstand. Ist die Dosis
noch geringer, kommt die Atmung bald wieder in Gang, das Tier erholt sich
sehr schnell.
Höhere als die optimalen Dosen der Proteinkörper sind wir¬
kungslos oder wirken nur durch Verdünnung, geringere lassen Lähmungs¬
erscheinungen, die sonst nicht beobachtet werden, auftreten. Alle Bin¬
dungen lassen sich im Sommer exakter und gleichmässiger erzielen als im
Winter.
Phenol. Schon sehr kleine Mengen 0,5 ccm roher oder zentrifugier¬
ter und mit.Aether entfetteter Milch verstärken die Wirkung der eben krampf¬
machenden, subkutanen Phenoldosis 0,1 bedeutend. Derartige Milch, 1 ccm
einer sonst unwirksamen Phenolgabe 0,03 zugesetzt, verursacht Krämpfe und
stundenlange Lähmung. Milchfett (Rahm) 0,25 und Phenol 0,04 machen Zittern
und Lähmung für XA Stunde. Deuteroalbumose 0,2 hemmt Phenol 0,2 fast
völlig, Kasein 0,25 hemmt Phenol 0,1 sehr stark. Kaninchenplasma 4 ccm
und Kaninchenserum 5 ccm hemmen 0,1 noch gut. Das Plasma wird von
Phenol sofort grau verfärbt. Vorbehandlung des Tieres mit Milch subkutan
oder intravenös hat denselben Erfolg, Vorbehandlung mit den andern Sub¬
stanzen und folgende Phenolinjektion einen etwas geringeren Effekt als die
Einbringung des Adsorptes.
Meerschweinchen sind gegen das Deuteroalbumosephenoladsorpt empfind¬
licher als Kaninchen.
Ein völlig ungiftiges Gemisch von Phenol 0,1 und Deuteroalbumose 0,1
ist nach dem Erhitzen auf 60° C fast so giftig wie ein Milchphenol¬
gemisch.
Bemerkenswert ist das direkt entgegengesetzte Verhalten von fast völlig
entfetteter Milch (verstärkend) und Kasein (hemmend), während Milchfett
allein nur wenig verstärkend wirkt.
Chinin. I n t r a v e n ö s ist Chinin, mur. 0,07, subkutan 0,26 tödlich
für Kaninchen. Verstärkend wirken Milch 2 ccm und schwach saure Molke
(Essigsäure) 7 ccm, die durch intravenöse Vorbehandlung und in vitro
mit nur 0,02 Chin. mur. eine tödliche Mischung ergeben. Dagegen hemmen
Labmolke 5 ccm, Pferdeserum 3 ccm. Rinderserum 5 ccm, Kaninchenserum
18S
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr. 6.
■4 ccm, Vakzineurin 2 ccm, 0,04 Chinin intravenös völlig, 0,05 — 0,07 par¬
tiell, indem die Tiere kurzdauernde Krämpfe und Lähmungen erleiden, von
denen sie sich schnell erholen.
Alle Reagenzglasgemische des Chinins sind erhitzt und dann abgektihlt
sehr giftig. Milch gerinnt durch Zusatz von Chininsalzlösungen sofort. Aus
Labmolke und Essigsäuremolke wird durch Chininsalze ein geringer Nieder¬
schlag ausgefällt, der sehr giftig ist.
Vorbehandlung mit Milch und folgende subkutane Injektion der töd¬
lichen Dosis von Chin. mur. 0,26 verursacht nur eine rasch eintretende,
mässige, bald vorübergehende Lähmung der Extremitäten, die intraperitoneale
Gabe leichte Krämpfe.
Mischung von Chin. mur. 0,26 mit Pferdeserum oder Kaninchenserum
5 ccm bei 15 0 C hat, subkutan injiziert, meist nur die Wirkung, dass die
Pupillen für 'A Stunde eng werden. Demnach geht Chinin, mur. mit kreisen¬
dem Blut, welches mit Milch und mit Essigsäure vorbehandelt ist, ebenso mit
Essigsäuremolke in vitro eine Bindung (Adsorption) ein, welche sehr giftig
ist. Versetzt man dagegen das Blut in der Blutbahn mit Labmolke, Seren
und Vakzinen, so entsteht eine viel weniger giftige Bindung des
nachher eingebrachten Chinins an veränderte Blutbestandteile. Sehr wenig
giftig werden die Protein-Chiningemische des Reagenzglases, wenn sie zuerst
im Körper mit anderen Gewebssäften in Berührung kommen und erst
dann in die Blutbahn gelangen, trotz schneller Resorption.
Koffein, „ein rein erregendes Gift“, hat ähnlich dem Chinin einen
Hanptangriffspunkt in der Medulla oblongata. 0,13 intravenös bedingen klo¬
nische Krämpfe, Atemstillstand, Tod. Die individuelle Toleranz ist für Koffein
und ebenso für Chinin und Nikotin deutlich stärker schwankend als für
Strychnin, welches sich innerhalb minimaler Grenzen beim Kaninchen exakt
dosieren lässt. Koffeingaben unter 0,1 haben keine sichtbare Wirkung. Gibt
man aber Milch 5 ccm intravenös und nach 30 — 60 Minuten Koffein 0,04, eine
stark unterschwellige Dosis, in die Blutbahn, so kommt es rasch zu einer
leichten Narkose, 0,08 auch zu Narkose, 0,1 zu Krämpfen, 0,11 zu einem
tödlichen Krampfzustand. Milch 5 ccm und Koffein 0,02 eine Stunde bei 20° C
machen meist Krämpfe auf intravenöse Injektion, noch sicherer wirkt das auf
60° C erhitzte Gemisch. Verstärkend wirkt auch Vakzineurin 2 ccm. Aus¬
gezeichnet konnte ich die Ueberempfindlichkeitsreaktion mit
Milch, auch mit Vakzineurin erzielen. Auf Milch 5 ccm intravenös,
40 Minuten später ein Gemisch von Koffein 0.09 und Milch 5 ccm intravenös
stürzt das Kaninchen sofort hin. Der Tod erfolgt unter heftigen Krämpfen
und Atmungstetanus in 20 Sekunden. Betrug die Koffeinmenge in der Mi¬
schung jedoch 0,07, stürzt das Tier ebenfalls sofort hin, die Atmung steht,
die Schleimhäute sind blass, die Krämpfe sind schwächer. Nach 20 — 30 Se¬
kunden atmet es wieder, springt auf, läuft davon und erholt sich sehr schnell
vollkommen.
Von Krampfgiften mit sehr verbreiteten Angriffspunkten werden
Piloknrpin, Pikrotoxin und Physostigmin durch Milch, Kasein, Vakzineurin
in jeder Dosis etwas verstärkt, Veratrin etwas gehemmt.
Morphin. Deutliche Narkose tritt beim Kaninchen auf Morphin, mur.
0,01 subkutan ein. Dieselbe Wirkung kann mit % der Gabe erzielt werden,
wenn vorher oder nachher 5 ccm Milch intravenös gegeben werden. Morphin
intravenös wird durch Deuteroalbumose und Kasein etwas gehemmt.
Kodeinphosphat in schlafmachender Menge wird von Milch in seiner Wir¬
kung wenig gehemmt.
Obwohl Morphin und Kodein ausgesprochen auf das Atmungszentrum
lähmend wirken, war mit diesen Alkaloiden die anaphylaktoide Reaktion nicht
hervorzurufen.
Thebain. Als prinzipiell wichtig erwiesen sich die Versuche mit
Thebain. Es gehört seiner pharmakologischen Wirkung nach zur Strychnin¬
gruppe (S c h m i e d e b e r g). Sein Verhalten den Proteinkörpern gegenüber
ist jedoch ganz anders. Zwar wirken Deuteroalbumose und Vakzineurin auf
die minimale letale Dosis Thebainazetat 0.013 subkutan und 0,003 intravenös
etwas hemmend, Milch aber wirkt niemals hemmend, sondern stets
mässig verstärkend, ganz gleich, ob in Vorbehandlung verwandt
oder in einem kalten oder vorher erhitzten Gemisch. Die Ueberempfindlich¬
keitsreaktion Milch, Milch-Thebain intravenös fällt positiv aus.
Schon der Umstand, dass Proteine auf Thebain nur wenig hem¬
mend, Milch sogar verstärkend wirkt, während das gleiche Vergif¬
tungserscheinungen verursachende Strychnin durch Proteine sehr stark
gehemmt wird, weist zwingend darauf hin, dass dieser Antagonismus
nicht nur ein einfaches zelluläres Problem von Wirkung und
Gegenwirkung ist. Es wäre absurd, anzunehmen, dass Milch die
Schaltneurone oder gar alle Nervenzellen aktivieren oder blockieren
sollte, um einmal bei Strychnin dieselben Erscheinungen zu hemmen,
die sie ein andermal bei Thebain verstärkt. Nur die Art und Toxizität
des Adsorptes bestimmt seine Wirkung auf den Organismus. Hem¬
mung wie Verstärkung sind humoral und zellulär bedingt.
Steigerung, Heilung. Ausgebrochene Vergiftungserschei¬
nungen lassen sich durch nachherige Zufuhr der „synergischen“ Pro¬
teinkörper leicht und sicher verstärken. Zufuhr in der Latenzzeit kürzt
diese mehr oder minder stark ab. Die Bindung Alkaloidblut-Protein¬
stoff erfolgt im allgemeinen schneller als die Bindung Blutproteinstoff-
Alkaloid in dieser zeitlichen Reihenfolge. Mit der entstandenen gif¬
tigeren Bindung und zuweilen ausserdem mit dem Proteinstoff selbst
reagiert das bereits getroffene Erfolgsorgan und oft auch noch weitere
Zellgruppen dazu stärker als mit dem einfachen Alkaloid.
Anders bei Antagonisten. Nur Vergiftungserscheinungen geringen
Grades Hessen sich durch nachfolgende Proteininjektionen hemmen und
zwar Krämpfe etwas leichter als Paresen. Geringe Nikotinkrämpfe
und -Lähmung können oft rasch durch intravenöse Milchinjektion be¬
seitigt werden, Physostigminzittern zuweilen durch Preglsche Jod¬
lösung.
Ist eine Zelle von dem sie umspülenden Gift zu einer Reaktion
gebracht worden, die eine heftige Erregung von mehr oder minder
langer Dauer verursacht, so kann ein Proteinblutreaktionskörper, wel¬
cher selbst diese Zelle — und das ist fast immer der Fall — nicht
angreift, sie nicht direkt beruhigen. Er kann nur das kreisende Gift
adsorbieren und unschädlich machen. Er vermag aber weder
ein Zellkolloidgiftadsorpt zu binden, noch durch physikalische Reaktion
stark veränderte Zellkolloide (vergrösserte, verlagerte, deformierte Par¬
tikel) zur Norm zurückführen. Nur bei einer einfachen Permeabi¬
lität der Zelle für das Gift müsste eine Bindung möglich sein. Dieser
Mechanismus scheint aber fast nie zuzutreffen. Auch wenn das Gift
die Oberflächenspannung der Zelle stark verändert, wird der Protein¬
körper im allgemeinen an dieser Stelle nicht reaktionsfähig sein und
ebensowenig eindringen können. Sicher gilt das für die an Alkaloid (
gebundenen korpuskulären und zellulären (Blut-) Elemente des Ad¬
sorbens in vitro, deren Giftigkeitsgrad nach Sättigung durch weiteres
Hinzufügen desselben Proteinkörpers oder Proteingemisches nicht oder
nicht wesentlich geändert wird.
Aus den Beobachtungen lässt sich der Satz ableiten, dass S y -
n e r g i s t e n annähernd gleichsinnige Reaktionen der Zell-
c 1 einen te bedingen, so dass ihre Wirkungen sich addieren oder po¬
tenzieren können. Es ist dabei nicht nötig, dass jede Komponente den¬
selben Angriffspunkt hat, die eine kann als Schrittmacher für
die andere dienen. So ist das Strychnin stets der Träger für
die Milch. Wirksames Gemisch wie Bindungen im Organismus grei¬
fen nur an den Stellen an. die strychninreaktionsfähig sind. Umgekehrt
bei unterschwelligen Koffeindosen. Hier ist die M i 1 c h der Schritt¬
macher; das Koffein, welches selbst nie hypnotisch wirkt, verstärkt
beträchtlich den hypnotischen Effekt der Milch. Die Zeit des Wirkungs¬
eintritts hängt von der Bindungszeit der Komponenten ab.
Für antagonistisches Verhalten gibt es einen doppel¬
ten Mechanismus. Das in der Kälte bereitete Gemisch, auch
die im Organismus entstehende Bindung, hat eine relativ grosse Menge
von bindenden Proteinkörperoartikelchen nötig, so dass das Alkaloid
gewissermassen eingehüllt wird und deshalb unvollkommen zur Wir¬
kung kommt. Dasselbe Gemisch erhitzt lässt einen grossen Teil des
Proteins frei werden, das Alkaloid bindet sich in anderer Weise nun
an eine geringe Zahl der durch Hitze veränderten Partikel und wirkt
ganz anders, sehr giftig. Strychnin 0.5 mg braucht 5 ccm Milch bei
20° C zur Hemmung, 1 ccm bei 60° C zur Verstärkung. In beiden
Fällen ändern grössere Milchmengen nichts an dem Effekt.
Oder Proteinkörper und Alkaloid haben ein derart entgegengesetztes
Verhalten den Zellkolloiden gegenüber, dass beiden der Angriffspunkt
stark gesperrt wird. Auch für die Hemmung gilt der Satz, dass der
eine Stoff dem andern als Schrittmacher dient.
Ausschlaggebend ist für jede Wirkung eines Adsorptes die Ab¬
stimm u n g seiner Komponenten zu einander und auf die
E rf o I g s z e 1 1 e. Es gibt anscheinend kein Adsorpt. in dem ein
echter Antagonismus ± = 0 besteht, da in der lockern Bindung jeder
der beiden Körper eine gewisse selbständige Wirkung bewahrt und
ausübt. Sogar bei der besten Abstimmung war stets eine gewisse
Veränderung im Verhalten des Versuchstieres zu erkennen, wenn sie
auch nur sehr geringfügig war. Abhängig ist die Abstimmung von
der Oualität und Ouantität der Komponenten, der Bindungszeit, der)
Mischungstemperatur, von dem Ort und der Schnelligkeit der Injektion, ji
besonders aber auch vom Zustand der Angriffszelle (s. u.). Kreist ein
Hemmungsadsorot in grösserer Menge im Körper als der Nullabstim-j
mung (Minimalabstimmung) auf die Angriffszelle entspricht, so erfolgt
eine Reaktion, die sich bei einem geringen Ueberschuss nur in ganzj
bestimmten Zellgruppen, oft sehr eigenartiger Lokalisation, abspielt,
bei stärkerem Ueberschuss aber in allen Zellen, auf die das reine Gift
allein wirkt.
Bringt man Proteinkörper parenteral in den normalen Organismus,!
so reagieren Zellen des Zentralnervensystems direkt auf die Ein¬
fuhr: beim Tier Schlaf, beim Menschen Schlaf, Euphorie, Leistungs-:
Steigerung. In andern Zentren und Zellgruppen wird dagegen nur die
Reaktionsfähigkeit bestimmten Reizen gegenüber geändert, die
Reizschwelle wird erhöht oder erniedrigt. Bei der Strychninkaltblüter¬
reaktion des Kaninchens reagieren die Krampfzentren viel schwerer
und unvollkommener als normal auf das im Organismus kreisende
Strychnin-Proteinabbauadsorpt. sehr leicht dagegen die Zellen, welche
die Lähmung verursachen. Durch sehr oft wiederholte mechanische
Reize konnte ich die Reaktionsfähigkeit der Zellen des Krampfzentrums
(Schaltneurone) wieder auf die gewohnte Höhe bringen, auch wenn)
die Lähmung hochgradig war.
Am leichtesten lassen sich am Kaninchen durch Milch Zentren'
in der Medulla oblongata in diesem Sinne abstimmen.'
Nach der Versuchsreihe, welche ich zusammen mit Dr. Hans Rosen¬
berg angestellt habe, ist die veränderte Reaktionsfähigkeit der Zellen
schon nach 6 Minuten graphisch darstellbar, erreicht ihren Höhepunkt
zwischen 30 — 90 Minuten und klingt dann allmählich ab.
Jedoch befinden sich die Zellen nur einigen wenigen Reizen
gegenüber in einem labilen Gleichgewichtszustand. -den
man als Sensibilisierung oder Ueberemofind lieh k eit
auffassen kann. Die stärkste Ueberempfindlichkeit besteht nach Sen-1
sibilisierung mit Milch gegen unterschwellige, für sich allein ungiftige
Milch-Krampfalkaloidadsorpte. wenn das Alkaloid einen Hauptangriffs¬
punkt in der Medulla hat. Die intravenöse Injektion des Adsorptes'
führt in wenigen Sekunden zum Exitus. Auch Zellen höher und tiefer
gelegener Zentren zeigen bei geeigneter Versuchsanordnung die Ueber¬
empfindlichkeitsreaktion.
Das Phänomen ist dem anaphylaktischen Schock
verwandt, unterscheidet sich aber von ihm dadurch, dass weder
minimale Dosen wirksam sind, noch injiziertes Blut des vergifteten
Tieres gleiche Erscheinungen auslöst. Nahe Beziehungen bestehen auch
zur Herdreaktion erkrankter Organe gegen unspezifisches Ei-
weiss. wie sie von mir und andern’ beschrieben worden sind.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
189
Februar 1922.
Meine Beschäftigung mit den Reizstoffen hat ihren Ausgang von
Therapie genommen21). Ich will es daher nicht unterlassen, auf
therapeutische Bedeutung meiner Versuchsreihen hinzuweisen. Es
sich danach als prinzipiell richtig erwiesen, wenn ich früher vcr-
hte, Giftstoffe, die im Organismus entstehen und kreisen, an Pro-
le und Vakzine zu binden und ihnen gleichzeitig die Angriffspunkte
ch artifiziellen Zellschutz zu verlegen. Es ist auch zweckmässig
1 richtig, unter Umständen noch eine weitere Komponente zum
iutz der Zellen gegen organisierte 'Krampfgifte heranzuziehen.
1. Milchvorbehandlung — Strychnin. Kaninchen 1000 g. 6. VI. 1920,
hr 40 Min. Milch zentrifugiert 5 ccm iv. 22). 10 Uhr 30 Min. Strychnin.
. 0,5 mg sk. Keine Uebererregbarkeit, kein Krampf.
2. Milchadsorpt. Kaninchen 700 g 10 Uhr 4 Min. Milch 3,0 — ccm mit
a:hn. nitr. 0,00035 gemisch. 11 Uhr 10 Min. Gemisch sk. injiziert. 11 Uhr
Min. Reflexlibererregbarkeit. 11 Uhr 25 Min. Sitzt sehr ruhig. Gang
;tisch; tibererregbar. 11 Uhr 40 Min. Verhalten normal, nicht mehr über-
gbar.
3. Vakzineurinadsorpt. Kaninchen 1000 g. 10 Uhr 5 Min. Vakzineurin
mit Strychn. nitr. 0,00045 gemischt. 11 Uhr 59 Min. Gemisch sk. injiziert.
Jhr 10 Min. Auf Reiz kurzer geringer Krampf. 12® Uhr 20 Min. Zuckt stark
Reiz. 12 Uhr v40 Min. Noch etwas übererregbar. 12 Uhr 50 Min. Normal.
4. Adsorpt mit zu geringer Milchmenge. Kaninchen 700 g. 9 Uhr 30 Min.
/chnin. nitr. 0,00035, mit Milch 0,5 gemischt. 10 Uhr 45 Min. Gemisch sk.
’.iert. 10 Uhr 54 Min. Unruhe, Uebererregbarkeit. 11 Uhr 12 Min. Opistho-
is, Tetanus, Seitenlage, setzt sich dann mit den Vorderextremitäten richtig.
Jhr 13 Min. erneuter Tetanus, Seitenlage. 11 Uhr 20 Min. Noch von Zeit
Zeit Streckkrampf. 11 Uhr 30 Min. Extremitäten rigid, von Zeit zu Zeit
mpf. 1,1 Uhr 45 Min. Partielle Lähmung, übererregbar. 2 Uhr. Dasselbe.
5. Erhitztes Adsorpt. Kaninchen 1200 g Strychn. nitr. 0,09 mg rpit zentri¬
erter Milch, 2 ccm auf 55 u C erhitzt, abgekühlt. 10 Uhr 3 Min. Gemisch
;sam iv. injiziert. Zum Schluss der Injektion Zittern, Tetanus, Lähmung.
nach 50 Sekunden.
6. Kaltblüterreaktion. Kaninchen 1750 g. 28. X. 1921, 10 Uhr 36 Min.
zehn. nitr. 0,8 mg sk. 11 Uhr 3 Min. Geringer Tetanus 25 Sek., Zittern.
Jhr 4 Min. Sitzt gestreckt, geringes Zittern. 11 Uhr 9 Min. Versucht zu
sn, gleitet ab. Beginn der Lähmung. 11 Uhr 15 Min. Vergebliche Ver-
le sich vorwärts zu bewegen. Hinterextremitäten gestreckt, schlaff, Vorder-
emitäten gespreizt. Kopfzittern, lebhafte Atmung. Sehr wenig reflex-
rerregbar. Extremitäten völlig gelähmt. 12 Uhr 10 Min. kaum reflex-
rerregbar, äusserst schlaffe Muskulatur, völlig gelähmt. 12 Uhr 50 Min.
1 Uhr 29 Min. öftere Reflexversuche. 1 Uhr 29 Min. Stärkere Reflex- und
^versuche etwa 1 Minute Lang. 1 Uhr 37 Min. Auf Berührung Tetanus,
lungsstillstand. Tod nach 90 Sekunden.
7. Ueberempfindlichkeitsversuch. Kaninchen 1300 g. 10 Uhr 40 Min.
;h 5 ccm iv. 11 Uhr 58 Min. Milch 1 ccm mit Strychn. nitr. 0,2 mg ge¬
eilt (hat 1/4 Stunden bei 20° C gestanden), iv. injiziert. Sofort Opistho-
is, heftigster Tetanus, inspiratorischer Atmungsstillstand, Schleimhäute
.s. Exitus nach 25 Sekunden.
8. Adrenalin — Nikotin. Kaninchen 750 g. 9 Uhr 50 Min. Adrenalin
1 mit Nikotin 0,01 bei 20 " C gemischt. 11 Uhr 25 Min. Gemisch inijziert.
ie Erscheinungen. Puls bleibt 260 wie vor der Injektion.
9. Narkose. Kaninchen 1100 g. 9 Uhr 55 Min. Vakzineurin 1.2 iv.
Uhr 30 Min. Nikotin 0,011 sk. 10 Uhr 34 Min. Hinterbeine schlaff nach
en. 10 Uhr 35 Min. Kopf sinkt auf den Tisch. 10 Uhr 36 Min. Normal
;tzt, bleibt kurze Zeit sitzen, sinkt dann zusammen. Atmung frequent.
Jhr 40 Min. Augen fast geschlossen, Ohren hefabgesunken. 10 Uhr 46 Min.
zenbuckel. 10 Uhr 50 Min. Normal gesetzt, sinkt bald wieder zusammen.
Uhr 53 Min. zum Gehen veranlasst, leichte Zuckungen, sinkt dann wieder
3auchlage, Kopf auf Tisch, Augen fast geschlossen. 11 Uhr 10 Min. Geht
Reiz einige Schritte. 11 Uhr 30 Min. Beginnt sich zu erholen. 12 Uhr.
iter.
10. Erhitztes Adsorpt. Kaninchen 1500 g. 12 Uhr 29. Gemisch Nikotin
2 und Milch 5 ccm auf 60 0 C 3 Minuten erhitzt, abgekühtt sk. injiziert.
Jhr 30 Min. Zittern, Dyspnoe. 12 Uhr 34 Min. Krampf der Kopfmuskulatur,
;mus, überschlägt sich mehrfach, allgemeine Krämpfe. 12 Uhr 37 Min.
;sige Parese der Extremitäten. 1 Uhr 30 Minuten. Noch geringe Parese,
uhe.
11. Ueberempfindlichkeitsreaktion. Kaninchen 1500 g. 11 Uhr 15 Min.
:h 5 ccm iv. 12 Uhr 1 Min. Mischung Nikotin 0,0004 und Milch 0,4 iv.
)rt Seitenlage, heftige Krämpfe, inspiratorischer Atmungsstillstand,
leimhäute blass. Nach 15 Sek. beginnt es einige Atemzüge zu tun, setzt
, streckt Kopf vor, streckt Hinterextremitäten. 12 Uhr 3 Min. Langsame
: Atmung. Normal gesetzt, noch etwas schlaff. 12 Uhr 4 Min. Geht einige
ritte spontan. Atmung frequent. 12 Uhr 7 Min. Geht und sitzt fast nor-
12 Uhr 12 Min. Normal, munter.
12. Milch -Phenol. Kaninchen 500 g. 12 Uhr 17 Gemisch Phenol
'15 und Milch 1 ccm (Milch zentrifugiert mit Aether geschüttelt, der ge-
e Aether bei 50° C verdunstet) sk. 12 Uhr 18 Min. Zittern, Krämpfe,
cse. 12 Uhr 40 Min. Dasselbe.
13. Milchfett-Phenol. Kaninchen 500 g. 11 Uhr 15 Min. Milchfett 1,5 ccm
Phenol 0,015 gemischt, sk. Keine Erscheinungen.
14. Milchfett-Phenot. Kaninchen 500 g. 11 Uhr 1 Min. Milchfett 2 ccm
Phenol 0,02 gemischt sk. 11 Uhr 4 Min. Zittern. Bauchlage. 11 Uhr
lin. Kopf sinkt auf den Tisch, Zittern. 11 Uhr 24 Min. Zittern wird ge-
.er, Kopfhaltung normal. 12 Uhr 20 Min. Munter.
15. C h i n i n. Kaninchen 1100 g. 12 Uhr 55 Min. Chinin, mur. 0,026
l ccm Wasser iv. Pupillen werden sehr eng, sonst keine Erscheinungen.
16. Milch-Chinin. Kaninchen 1000 g. 12 Uhr 38 Min. Milch 5 ccm iv.
ihr 24 Min. Chinin, mur. 0,016 iv. Sofort klonische Krämpfe, Lähmung,
'tappende Atmung. Tod nach 70 Sek.
17. Saure Molke-Chinin. Kaninchen 750 g. 12 Uhr 10 Min. Schwach
re Molke (Essigsäure) 7 ccm iv. 12 Uhr 59 Min. Chinin, mur. 0,015 iv.
h 10 Sek. klonische Krämpfe, schlaffe Lähmung Atmungsstillstand, schnap-
de Atemzüge. 1 Uhr. Exitus.
18. Labmolke-Chinin. Kaninchen 500 g. 1 Uhr 15 Min. Labmolke 5 ccm.
Jhr 40 Min. Chinin, mur. 0,008 iv. Zittern, Unruhe. 1 Uhr 42 Min.
ern gering. 2 Uhr. Normal.
19. Vakzineurin-Chinin. Kaninchen 1000 g. 12 Uhr 20 Min. Vakzineurin
•*) B.kLW. 1913 etc.; M.m.W. 1919.
■-) iv. = intravenös, sk. = subkutan.
Nr. 6.
2 ccm iv. 1 Uhr 8 Min. Chinin, mur. 0,017 iv. Geringes Zittern 1 Min.,
sonst keine Erscheinungen.
20. Tödliche Dosis sk. gehemmt. Kaninchen 600 g. 11 Uhr 36 Min.
Milch zentrifugiert 5 ccm iv. 11 Uhr 56 Min. Chinin, mur. 0,16 sk. 12 Uhr
30 Min. Ataktisch. Sitzt gestreckt, Kopf tief, bewegt sich spontan sehr
wenig. 1 Uhr 10 Min. Setzt sich normal. Gang fast normal.
21. 5/a tödliche Dosis sk. wenig verzögert. Kaninchen 700 g. 10 Uhr
45 Min. Milch zentrif. 8 ccm iv. 11 Uhr 49 Min. Chinin, mur. 0,15 sk.
12 Uhr 6 Min. Chinin, mur. 0,16 sk. 12 Uhr 20 Min. Beginn der Narkose.
12 Uhr 37 Min. Heftige klonische Krämpfe, Lähmung, Atmungsstillstand, Exitus.
22. Koffeinnarkose. Kaninchen 1500 g. 10 Uhr 22 Min. Milch
5 ccm iv. 11 Uhr 45 Min. Koffein 0,038 iv. 11 Uhr 49 Min. Sehr ruhig. Kopf
sinkt auf Tisch, Augen halb geschlossen. 12 Uhr. Dasselbe. 12 Uhr 5 Min.
Koffein 0,05 iv. 12 Uhr 6 Min. Bauchlage. Kopf auf Tisch, bewegt sich
nicht spontan, geht angetrieben einige Schritte zitterig. 1 Uhr. Dasselbe.
I Uhr 30 Min. Wieder munter.
23. Ueberempfindlichkeitsreaktion. Kaninchen 700 g. 11 Uhr 34 Min.
Milch zentrifugiert 5 ccm. 12 Uhr 35 Mijj, JCoffein 0,06 mit Milch 5 ccm
bei 15" C gemischt (steht 1 Stunde) iv. gftgifzt hin, Seitenlage, klonische
Krämpfe, inspiratorischer Atemstillstand. 7 pele.ach 10 Sek.
24. Morphin-Milch. Kaninchen 1500 g. 1,12 nr. Morphin, mur. 0,006 sk.
II Uhr 25 Min. Sehr munter. 11 Uhr 26 J'1 Mi Ich zentrifugiert 5 ccm iv.
11 Uhr 30 Min. Sehr ruhig, bewegt sic1 'flieht spontan, Kopf lauf Tisch.
11 Uhr 50 Min. Dasselbe. 12 Uhr 10 Min. 970 und zu spontan einige Schritte.
12 Uhr 30 Min. Noch sehr ruhig. e
25. Thebain. Kaninchen 1000 g. >L Uhr 11 Min. Thebainazetat
0,005 sk. 11 Uhr 20 Min. Thebainazetat 0,005 sk. 11 Uhr 21 Min. Geringe
Unruhe, sonst keine Erscheinungen.
26. Milch-Thebain. Kaninchen 2100 g. 11 Uhr 17 Min. Milch 5 ccm iv.
12 Uhr 20 Min. Thebainazetat 0,022 sk. 12 Uhr 26 Min. Opisthotonus, Teta¬
nus, Tod nach 20 Sek.
Aus dem Hygienischen Institut der Universität München,
Untersuchungen über die Norm.
Von J. Kaup-München.
Das Interesse an der Konstitutionsforschung ist in den letzten
Jahren stark erwacht. Wir stehen jedoch nicht einer neuen Bewegung
gegenüber, sie ist lediglich ein Wiederaufflammen der Konstitutions¬
studien in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, unter¬
brochen durch eine vorwiegend bakteriologische Aera. Militärhygieniker
und Versicherungsmediziner haben in den 70er und 80er Jahren manche
wertvolle Studien über die Zusammenhänge und Bedeutung der ein¬
zelnen Körpermasse für die Beurteilung der Körperverfassung ge¬
schrieben, die — wie mir scheint — von vielen neuen Konstitutions¬
forschern unberücksichtigt geblieben sind.
Den alten wie den neuen Bestrebungen gemeinsam ist die Absicht,
für die Norm der Konstitution — für den1 Typus — feste Anhaltspunkte in
Mass, Zahl und Gewicht zu finden. Die älteren Populationsstatistiker
und Anthropologen wie Gould, Quetelet verstanden unter dem
Begriff des „Typus“ dasjenige Mass einer Beschaffenheit, um welches
die zum betreffenden Bestände gehörigen Individuen derart variieren,
dass dieses Beschaffenheitsmass, rein zahlenmässig gesehen, die Mitte
oder das Zentrum der Abweichungen ist. Der Typus ist gewisser-
massen der Ausdruck der „Einheit in der Mannigfaltigkeit“ oder nach
Hildebrandt der Ausdruck der „Artnorm“. Bekanntlich hat bereits
Quetelet die regelmässige Gruppierung der Varianten eines Körper¬
masses von Individuengruppen nach der binomialen Verteilungsweise,
nach dem Gau ss sehen Fehlergesetz gefunden. Angenommen wurde
auch, dass eine Population einen einzigen Typus darstelle und der
Mittelwert der Ausdruck des Typus sei. Der Vererbungsforscher
.1 ohannsen hat in glänzender Analyse dargetan, dass eine Einheit¬
lichkeit des Typus nur bei genotypischer Reinheit vorkomme, was
in Anbetracht der gemengten Natur der Populationen nicht zutrifft. Der
Typus im Sinne von Quetelet ist daher lediglich ein statistischer
Begriff.
Aber trotz der Fülle zahlenmässiger Angaben aus dieser Aera der
Körpermassstudien blieben die einfachsten Zusammenhänge der ein¬
zelnen Körpermasse zum grösstem Teil unaufgeklärt, namentlich die
Beziehungen zwischen Körperlänge und Körpergewicht. Dieser Klärung
dienten in den allerletzten Jahren die zahlreichen Indexstudien, wobei
bereits eine Reihe weiterer Körpermasse herangezogen wurden. Der
Habitus als äussere Erscheinungsform des Körpers wurde in allen Teilen
und Zusammenhängen sorgfältiger studiert und auch Organe und
Organsysteme der inneren Organisation des Körpers nach Mass, Ge¬
wicht und Funktionsbreite mit den äusseren Körpermassen in Beziehung
gesetzt.
Namentlich zwei Monographien aus der letzten Zeit haben sich
diesen Aufgaben gewidmet — die Allgemeine Prognostik als Lehre von
der ärztlichen Beurteilung des gesunden und kranken Menschen von
Th. Brugsch (Urban & Schwarzenberg. Berlin 1918) und die Schrift:
Untersuchungen über die Norm von H. Ra u t man n *) (G. Fischer. Jena
1921). Brugsch hebt besonders hervor, dass in der für die ganze
Krankheitslehre — und, wie ich hinzufügen möchte, auch für die Ge¬
sundheitslehre — so wichtigen Fragender Beurteilung der individuellen
Konstitution prinzipielle Gesichtspunkte nur durch die Ermittlung von
materiellen Stigmata der Organisation und Gliederung der Konstitu¬
tionen nach gewissen Normen gewonnen werden könnten. Da die
Menschen ausser der völligen Gleichheit in der Organisation, im Bau,
auch einander geometrisch ähnlich seien, könnten aus der Beurteilung
des Habitus als der äusseren Organisation deduktiv Schlüsse auch
*) Vergl. a. die Besprechung in d. Nr. S. 2U8.
4
1%
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 6
auf den Bau der inneren Organe gezogen werden. Brugsch benutzt
den Habitus als Prinzip der Klassiiizierung. indem er Vollreife Individuen
nach Längen- und Gewichtsgruppen und namentlich nach dem pro-
portionellen Brustumfang zu charakterisieren sucht. Er bildete aus
einem Material von 1560 norddeutschen Männern, fast ausschliesslich
im Alter von 20—25 Jahren, drei Grössengruppen von 165/166, 169/170
und 176/177 cm und unterscheidet namentlich die drei Typen der Eng¬
brüstigen mit einem proportionellen Brustumfang unter 50 Proz., der
Normalbrüstigen mit 50 — 55 Proz. und der Breitbrüstigen mit über
55 Proz proportionellem Brustumfang. Hiebei ergab sich die merk¬
würdige Erscheinung, dass alle drei Grössengruppen fast den gleichen
Prozentsatz von Engbrüstigen mit 39 Proz., 35 Proz. und 33 Proz. aul-
wiesen; auch die Normalbrüstigen waren bei den Hochwüchsigen und
Mittelwüchsigen mit einem annähernd gleichen Prozentsatz von 56 Proz.
bzw. 53 Proz. vertreten. ' _ .
Für die Ermittelung eyVi Normalgewichtes änderte Brugsch
die bekannte Brocaschp. an mel (L — 100) nach drei Grössenklassen
insoweit ab, als er für diein!^eInl wüchsigen (155 — 165) die unveränderte
Formel verwendete, für dite ‘ ] ;+elwüchsigen (165/175) von der Körper¬
länge statt 100 105 cm abzo*demd von den Hochwüchsigen (175/185)
110 cm. Den Normotypus -befrachtet Brugsch durch eine Körper¬
länge von 170 cm, ein Körpergewicht von 65 kg und einen proportio¬
nellen Brustumfang von 50-^55 Proz. hinreichend charakterisiert. Für
die Beurteilung der inneren Organisation zieht Brugsch namentlich
die Herzrelation als Verhältnis des Herzvolumens zum Rumpfvolumen
heran. Hiebei wurde auch wieder bei den drei Gruppen der Klein-,
Mittel- und Hochwüchsigen annähernd die gleiche Verhältniszahl <33
mit 38,6 Proz., 30,7 Proz. und 30 Proz. gefunden.
Ein Versuch, die Körperlängen dieser Vollreifen Männer mit der
G a u s s sehen Fehlerkurve in Uebereinstimmung zu bringen, misslang
insoweit, als eine dreigipfelige Kurve entstand, die Brugsch zur Ver¬
mutung veranlasste, dass in dieser Erscheinung die Mendel sehe
Spaltungsregel für die Körperlängenvererbung angedeutet sei. Seine
Habituseinteilung jedoch insbesondere nach dem proportionellen Brust¬
umfang benützt Brugsch auch ffir die Beurteilung des üefässsystems,
der Muskulatur, des Skelettbaues, der Lagerung der Bauchorgane usw.
Rautmann hat seine Aufgabe viel enger gefasst. Er will mit
seiner Studie sichere Anhaltspunkte zur einheitlichen Bestimmung der
Norm durch eine eingehende Zergliederung des Normbegriffes und ein
ausgedehntes Beobachtungsmaterial, verarbeitet nach der Kollektiv-
masslehre gewönnen. R. kritisiert die bisherige Unzulänglichkeit der
Normbestimmungen. Die engste Charakterisierung der Norm oder des
Typus mit der Angabe arithmetischer Mittelwerte (Durchschnitts-
w'erte) sei keineswegs genügend, denn dann sei so gut wie nichts nor¬
mal. Auch mit der Auffassung, dass der Begriff des Normalen mit der
Nähe des physiologischen Durchschnittes angedeutet erscheint, seien
noch keine Grenzen der Norm angegeben. Erst mit der Angabe der
Parameter der Verteilungskurve seien die Grenzwerte für das Gebiet
der Norm als der regelmässigen Befunde bei gesunden Menschen in ein¬
heitlicher Weise bestimmt. Denn diejenigen Befunde, die bei """inden
Menschen in der Regel, d. h. am häufigsten Vorkommen, sind auch
mit grösstmöglicher Wahrscheinlichkeit im Sinne von Martius ge-
sundhaft, d. h. mit keiner erheblichen Störung des Lebens verbunden
und als normal zu bezeichnen. Dadurch bekommt der Begriff der Norm
einen Wirklichkeitswert: es wird mit ihm auch der Typus zum Aus¬
druck gebracht, der eine Variationsreihe — Art, Gattung — hinreichend
kennzeichnet.
Das Beobachtungsmaterial von Rautmann entspricht m. E. den
höchstgestellten Anforderungen. Im Verlaufe von Untersuchungen auf
Flugdiensttauglichkeit wurden vom Frühherbst 1917 bis Herbst 1918
Freiwilige von fast allen Truppenteilen, am zahlreichsten von der In¬
fanterie, aber auch bereits dienende Flieger in der Gesamtzahl von
1864 Mann auf folgende Merkmale untersucht; Körpergewicht, Körper¬
grösse, Brustumfang, Brustspielraum, Herzgrösse. Pulszahl und Blut¬
druck. Es waren Angehörige der verschiedensten Berufe vertreten.
Aus dieser Zahl wurden für die wichtigsten Beurteilungen noch 648
besonders sorgfältig Untersuchte im Alter bis 32 Jahren gesondert ver¬
arbeitet. Diese waren eine Auswahl besonders wohlgewachsener, voll¬
reifer Männer mit regelrechtem Knochenbau und mittlerem Fettpolster.
Individuen mit wenig kräftig entwickelter Muskulatur und schlechter ge¬
wölbtem Brustkorb, auch ganz leichte Skoliosen und Lordosen wurden
ausgeschieden 1
Bei diesen 64S Mann war auch durchwegs das Nacktgewicht durch
Wägung einwandfrei festgestellt. In 6 Verteilungstafeln sind die Körper¬
grösse mit Körpergewicht, Brustumfang. Brustspielraum, Herzgrösse,
Pulszahl und Blutdruck, in einer auch Körpergewicht, und Herzgrösse
nach Grössenklassen in wagrechten und senkrechten Häufigkeitsreihen
übersichtlich zusammengestellt. Die Variantenzahlen für die einzelnen
Grössenklassen sind berechnet. Diese primären Verteilungstafeln sind
für verschiedenartige Verarbeitungen vortrefflich geeignet.
Für die weitere Verarbeitung hat Rautmann einen ungewöhn¬
lichen Weg eingeschlagen. Die ^Verteilungsreihen für die einzelnen
Körpermasse stellten nämlich keine ideale Verteilungskurve dar, sie
waren mehr oder weniger asymmetrisch oder schief. Zumeist jedoch
ist die Asymmetrie der Verteilungsreihen recht unbedeutend. Raut-
mann glaubte das einfache Gauss sehe Gesetz hiebei nicht benützen
zu können und verwendete nach der Methodik von Fechner das
zweispaltige oder zweiseitige Gauss sehe Gesetz, das jede Seite
der Verteilungskurve mit Rücksicht auf ihre Eigenart für sich behan¬
delt. Fechner schneidet die Verteilungskurve in zwei Abschnitte
an der Stelle ihrer höchsten Erhebung, gewinnt hiedurch den dichteste]
Wert als Ausgangswert und Richtwert. Rautmann gibt der. Mei
nung Ausdruck, dass in der Biologie und insbesondere in der klinische,
Medizin der dichteste Wert der beste Richtwert sei, da er allein eineij
natürlichen Ausgangswert bei asymmetrischer Verteilung — um di I
es sich in der Biologie und klinischen Medizin jedenfalls stets handelt —
Nach diesem weitaus komplizierteren Verfahren der mathematische
Behandlung von Kollektivgegenständen nach Fechner wurden zu]
nächst in Anbetracht der Kleinheit des Materiales reduzierte verte:
lungstafeln für die gewonnenen Körpermasse durch Zusammenziehun
nach Spielräumen angefertigt. Hiebei wurden für die Köipergröss
8 Grössengruppen von 156 — 187 cm mit einem Spielraum von 4 err
für das Körpergewicht eine Reduktionsstufe von 5 kg gewählt un
mit Hilfe der Logarithmen der Spielraumgrenzwerte und deren arith
metische Mittel logarithmisch-reduzierte Verteilungstafeln gewönnet
In ähnlicher Weise wurden gleichartige Verteilungstafeln auch für di
anderen Kollektivgegenstände hergestellt.
In gleicher Verwendung der Fechner sehen Methodik wurde de:
dichteste Wert nach dessen Proportionsverfahren noch besonders gena,
berechnet, hiebei auch der arithmetische Mittelwert und der Zentral
wert usw. bestimmt, so dass für das einzelne Körpermass 5 Richtwert),
zur Verfügung standen. Da jedoch die praktische Brauchbarkeit allfj
derart gewonnenen Ergebnisse in der Erreichung von Grenzwerte!
zur Beurteilung der Gesundheitsbreite gelegen war, so wurden auc
wieder nach dem von Fechner angegebenen Verfahren die en<
sprechenden Grenzwerte als untere bzw. obere durchschnittliche All
weichung berechnet.
So ergaben sich als dichteste Werte und obere bzw. untere Gren;
werte zu diesen für die einzelnen Kollektivgegenstände : _
—
Unterer Grenz-
Dichtester Wert
Oberer Grenz-
Gegenstand
wert
cm
cm
cm
Körpergrösse ....
165,25
170,12
174,93
Kö/pergewicht .
59,3
63,9
69,8
Brustumfang ....
82,2
84,77
88,5
Brustspielrautn . . .
5,5
6,83
8,2
Herzgrösie ...
12,5
13,20
14,0
Pulszahl .
65,1
71,23
78,1
Syst. Blutdruck . . .
111,2
157,07
172,5 cm Wasser
Eine Besprechung dieser Befunde sei für später Vorbehalten. I
Ausser diesen Grenzwerten, die z. B. innerhalb der Breite dt;
Pulszahlen und des Blutdruckes bei erwachsenen Männern im mit
leren Lebensalter aller Wahrscheinlichkeit nach keine Störung dt;
Kreislaufs und der Herzkontraktionen erwarten lassen, versucht!
Rautmann auch Grenzwerte zu bestimmen, jenseits deren ein B<
fund erfahrungsgemäss fast stets krankhaft ist. Auf empirischen
Wege wurde ein unterer bzw. oberer Grenzwert gewählt, der nach de-,
Gau ss sehen Gesetz 99,9 bzw 99 Proz. aller Befunde einschhessl
Das Gebiet des- Abnormen wurde also auf diese Weise dekadisch eil,
geteilt. Nach diesen Grenzwerten konnte Rautmann in Tabellen f j
uie einzelnen Kollektivgegenstände 5 Gruppen mit bestimmten Untel
Scheidungsmerkmalen - bilden, so für die
Körpergrösse: kümmerwüchsig, sehr klein, klein, mittelgross, gros,-
sehr gross;
Körpergewicht: sehr niedrig, niedrig, normal, hoch, sehr hoch:
Brustumfang: sehr klein, klein, normal, gross, sehr gross;
ähnlich für Herzgrösse, Blutdruck und Pulszahl.
Rautmann findet, dass die angegebenen Werte durchweg eirl
gute Uebereinstimmung mit dem zeigen, was wir bereits durch kl
nische Erfahrung über Körpergrösse. Körpergewicht. Brustumfang
Brustspielraum.. Herzgrösse, Pulszahl und Blutdruck wissen. Die TI
bellen geben das, was wir bisher nur durch besondere Erfahrung fei¬
stellen konnten, nach einem allgemeingültigen Verteilungsgesetz \vi
der, das auch Grenzwerte vorausberechnen lässt. Hinsichtlich des Gij
tigkeitsbereiches dieser Bestimmungstabellen glaubt Raut man
dass sie für alle erwachsenen Männer deutschen Stammes — nur 1
Körpergewicht. Brustumfang. Herzgrösse und Blutdruck mit kleinen v
Schiebungen nach oben für das höhere Alter — Geltung haben. Rsuj
mann meint auch, mit diesen möglichst zuverlässigen Werten für oj
Variationsbreite des Gesunden auch den Begriff der normalen Ko:
stitution besser abgegrenzt zu haben. Auch sei die Festlegung ein
Kanons im medizinischen Sinne erleichtert. So würde z. B. der Norm:
typus eines jungen Deutschen im Alter von 24 Jahren auf Grund dies
schönen Untersuchungen folgende Eigenschaften besitzen:
Bei einer Körpergrösse von 165 — 175 cm ein Körpergewicht v<
60—72 kg, einen Brustumfang von 82—89 und ein Brustspielraum v
5,8— 8,5 cm. Der systolische Blutdruck würde zwischen 140—170 c«
Wasser liegen, das Herz einen Transversaldurchmesser von 12,5— 14,2 c
haben und 65— 78 mal in der Minute schlagen.
Ob die Breite des Gesundhaften mit diesen Grenzwerten für ein
deutschen Normaltypus richtig gekennzeichnet ist oder nicht, muss ;
Sache des Klinikers bezeichnet werden. Der Hygieniker und Physi
löge muss bei diesen Normstudien seine Hauptaufgabe in der Beantwc
tung der Vorfrage erblicken, ob die Ausgangswerte für den Durchschn
dieser Körpermerkmale richtig sind und die angewandte Methodik hi
zu geeignet erscheint.
i. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
191
Denn R a u t tn a n n findet ein wesentliches Ergebnis seiner Be¬
achtungen und Berechnungen auch in folgender Richtung:
1. dass bei biologischen Kollektivgegenständen die Verteilung durch
das zweiseitige Qauss sehe Gesetz in seiner Iogarithmischen
Verallgemeinerung mathematisch befriedigend wiedergegeben
wird und
2. dass für den Normbegriff in einheitlicher Weise objektiv Grenz¬
werte bestimmt werden können.
Beide Annahmen sind für die Methode und Wertung der gesamten
rnstitutions- und Normforschung so bedeutungsvoll, dass deren kri-
;che Prüfung notwendig erscheint.
Bedenken können zunächst gegen die erste Annahme — Festlegung
if die F e c h n e r sehen Berechnungsarten — erhoben werden.
Wenn Raut mann sagt, dass in der Biologie Symmetrie der
Erteilung in der Regel nicht vorausgesetzt werden darf, so ist dies nur
idingt richtig. Vollständige Uebereinstimmung von biologischen
iriationsreihen mit der Ga uss sehen Zufallskurve ist in Wirklich¬
st vielleicht nie vorhanden, aber annähernde. Bei Kleinheit des
aterials, also auch recht niedrige Potenzen für die Binomialformel,
uss eine Asymmetrie der Variationskurve entstehen. Auf diese Tat-
che hat besonders der holländische Astronom Kapteyn aufmerksam
macht. Bei einer gesammten Variantenzahl von 1000 und noch weit
rüber müssen, besonders bei ungleichen Werten der beiden Exponen-
n der Binomialformel a und b asymmetrische Kurven entstehen.
;i Raut man ns Material mit 648 bis ca. 1000 Varianten für die
izelnen Reihen und auch beim Material von B r u g s c h mit zirka
00 Individuen ist die Asymmetrie oder Schiefheit der Variations-
irven vollkommen verständlich. Hiebei ist es gleichgültig, ob das
aterial genotypische Reinheit aufweist oder nicht.
Trotz dieser Schiefheiten der Verteilung bei kleinen Varianten-
hlen warnt der so gründliche Variabilitätsforscher Johannsen1)
>r anderen Berechnungen als auf Grundlage der einfachen Binomial-
mel mit Mittelwert, Streuung und Variationskoeffizienten. Johann-
:n macht aufmerksam, dass bei Individuengruppen selbst von geno¬
pischer Einheitlichkeit, aber in sehr verschiedener Lebenslage ge-
ohnlich eingipflige Variationskur vm mit schiefer Verteilung trotz
osser Variantenzahl gefunden werden, oft jedoch auch zweigipfelige
d mehrgipfelige Kurven. Das letztere trifft wahrscheinlich auf den
:fund einer dreigipfeligen Kurve beim norddeutschen Material .von
rugsch zu.
Nach der Variationslehre war somit für Rautmann kein zwin-
nder Grund vorhanden, die einfache Binomialformel für die Beurtei-
lg seines Materiales aufzugeben.
Vom biologischen Standpunkt jedoch liegen noch andere Bedenken
>r, die namentlich K. E. Ranke treffend gekennzeichnet hat. Ranke
bt hervor, dass für den Anthropologen nur das einfache G a u s s sehe
:setz von Wichtigkeit sei. Die Formbildung aller Organismen ist
>n den zwei einander widerstreitenden Faktoren der Tendenz nach
rem Mittelwert auf Grund der Vererbung und von den im Sinne
rer Abweichung wirkenden Kräften — den Lebenslagefaktoren —
herrscht. Die Bevorzugung eines dichtesten Wertes bei anthropo-
tischen Messungsreihen, der bei Asymmetrie nicht mit dem Mittel¬
st zusammenfällt, ist nicht berechtigt und gekünstelt. Die Prüfung
rartiger Reihen sollte stets nach dem einfachen G au ss sehen Ge-
tz bzw. mit dessen logarithrnischer Verallgemeinerung erfolgen. „Das
echn ersehe zweiseitige Gesetz für Variationskurven ist in seiner
»Ieitung teils biologisch undeutbar, teils biologisch unmöglich. Auch
von Wichtigkeit, dass sowohl die F ec h n e r sehen wie die Pear-
m sehen Formeln für die Annahme, dass die Anzahl der einwirkenden
ementarursachen unendlich gross sei. in die einfache ü a u s s sehe
rm übergehen. Es scheint auch sicher zu sein, dass auch bei kleinem
d nach den Werten der Variationsweite asymmetrischem Material
mer vom Mittelwert ausgegangen werden soll. Auch ist die Vor-
-llung gerechtfertigt, dass bei reicherem Material die Asymmetrie mit
cherheit ausgeglichen wäre und die Variationsweite sodann ihre
Schreibung durch Mittelwert und Streuung gefunden haben müsste.
r Mittelwert einer 'asymmetrischen Reihe aus kleinem Material ist
loch dem Mittelwert einer symmetrischen Reihe bei grösserem
hohen Material sicher weit näher als der Fechnersche Richtwert
■ dichtester Wert.
Im einzelnen kann auch das Bedenken nicht unterdrückt werden,
ss durch die Wahl so grosser Reduktionsstufen (für Körpergrösse
cm, für Körpergewicht 5 kg) und Aufschreibung der Logarithmen der
'enzwerte des Umkreisunpsintervills zur Bestimmung des arith-
•trischen Mittels gerade in Anbetracht der Ungleichheit der Varianten-
Hen für die einzelnen Grössenklassen sehr verschieden ge-
gerte Mittelwerte für diese grossen Reduktions-
uf e n_ erhalten werden müssten. Gerade bei derart ausgezeichnet
d sorgfältig gesammeltem Material, das nur noch etwas zu klein war,
ben die Werte für die einzelnen Grössenklassen doch weitgehende
chtigkeit. Weitaus empfehlenswerter ist die Bildung kleinerer
össengruppen von etwa 3 cm, so dass nur der Mittelwert einer
rssengruppe durch Anlagerung der beiden nächsten Werte eine Ver-
irküng erfährt
Wir haben aus den primären Verteilungstafeln im Anhang der
hrift derartige Spielräume zur Gewinnung von Grössenklassen gc-
J) Elemente der exakten Vererbungslehre. Jena, G. Fischer, 1913.
*) Das Fehlergesetz und seine Verallgemeinerungen usw. Arch. f.
thropol. 1906.
wählt, um in einfachster Weise für einzelne Grössenklassen Durch¬
schnittswerte zu erhalten. Doch bevor wir zu vergleichenden Betrach¬
tungen übergehen, seien auch Bedenken gegenüber der 2. Annahme er¬
hoben. Doch nicht etwa dagegen, dass zur Ermittlung der Norm oder
des Typus objektiv in einheitlicher Weise Grenzwerte bestimmt werden
sollen — im Gegenteil, in einheitlicher Zusammenarbeit sollte mit
einwandfreier und einfacher Methodik für Durchschnitt und Grenzwert
Material gesammelt werden. Bedenken scheinen jedoch gerechtfertigt
zu sein gegen Rautmanns Annahme, dass seine Feststellungen des
dichtesten Wertes und der Grenzwerte von diesem sicher den Normal¬
typus eines jungen Deutschen im Alter von 24 Jahren darstellen.
Dagegen spricht vor allem die Tatsache, dass ein Durchschnittswert
für die Körperlänge von 170,4 cm und für das Körpergewicht von 63,9 kg
mit anderen Beobachtungen nicht übereinstimmt. Die Ergebnisse der
ausgedehntesten Untersuchungen an deutschen Vollreifen Männern hat
Schwiening3) im Jahre 1914 veröffentlicht. Die mittlere Körper-
grosse von 110 000 Männern aus allen Reichsgebieten betrug 167,4 cm,
also um 3 cm weniger, und das mittlere Körpergewicht 64,82 kg, um
fast 1 kg mehr. Untersuchungen von Me inshausen für 10 0Ö0 ge¬
sunde Mannschaften aus Brandenburg und Westpreussen ergaben
168,0 cm und 64,3 kg. Auch Geigel4) fand bei ähnlichen Flieger¬
untersuchungen (Franken und Rheinpfälzer) als Mittelwerte für Länge
und Gewicht 168,2 cm und 62,1 kg und bezeichnete als Kanonwerte
eines jungen Soldaten 168 cm und 68 kg. Die Mittelwerte aus dem
R a u t m a n n sehen Material liegen mit 169,7 cm und 65,2 kg viel näher
an diesen Durchschnittsziffern aus grossem Material als seine dichtesten
Werte mit 170,4 cm und 63,9 kg.
Die Bedenken gegenüber den Rautmann sehen dichtesten
Werten werden noch verstärkt bei vergleichender Betrachtung der
Ziffern für die einzelnen Grössenklassen.
Rautmann
Dichtester Wert
s Material
Einfacher Mittelwert
Schwiening
Unterschiede
Grö,se
Di
Grosse
M,
Grösse
m3
Di — M3
M,-Mj
157,5
56,39
157
58.6
+ 2,2
161,5
56,73
160
58 31
161
60,6
+ 3,9
+ 2,3
165,5
60,67
165
61,25
165
63,2
+ 2,5
+ 1,9
169,5
64 07
170
65,68
169
65,8
+ 1,7
+ 0,1
173,5
67 02
175
70,17
173
68,9
+ 1,9
177,5
69,01
177
72,3
+ 3 3
131,5
70,55
180
71,87
181
75,6
+ 5,0
+ 3,7
Der Abstand der dichtesten Werte von Rautmann ist viel weiter
in allen Grössenklassen — soweit sie bei gleichen Grössen gegenüber¬
gestellt werden können — von wirklichen deutschen Durchschnitts¬
werten an Gewicht entfernt als die Mittelwerte aus dem gleichen
Material. Bei Gegenüberstellung gleicher Grössenwerte würde diese
Erscheinung noch deutlicher sichtbar werden.
Weiters ist vielen Untersuchungen über die Zusammenhänge zwi¬
schen äusserer und innerer Organisation des Körpers gemeinsam das
Bestreben, verschiedene Herzmasse und auch den Blutdruck usw. mit
der Körperlänge oder dem Körpergewicht in Relation zu setzen. Hin¬
sichtlich der Beziehungen zwischen diesen beiden Körpermassen wird
auf Grund der Annahme einer geometrischen Aehnlichkeit der Körper
häufig die entsprechende Formel P : P = L3 : L3 hervorgehoben, d. h.
die Gewichte verhalten sich wie die 3. Potenzen der Längen oder es
wird einfach von einem Parallelismus zwischen Längenwachstum und
Gewichtszunahme gesprochen. Auch Rautmann hat Körpergrösse
und Körpergewicht mit allen anderen Erhebungsbefunden in Beziehung
gesetzt, ohne nach seinem Material die Vorfrage des Zusammenhanges
zwischen den Vergleichsmassen Länge und Gewicht zu klären. Eine
solche Klärung ist gerade bei seinem ausgewählten Material vollkommen
gesunder und gleichmässig entwickelter junger Männer von grundsätz¬
licher Bedeutung. Wir haben dies nach den Angaben seiner ersten
primären Verteilungstafel in 5 Grössenklassen versucht.
Körperindizes nach Grössengruppen bei gleich gut ent¬
wickelten Männern (nach eigener Berechnung aus dem
Material von Rautmann).
Zahl
1
2
i
4
b
Unter sei >iedez wisch.
32
8
127
78
30
1 und 5
2 und 4
G, ös,enklasse
1 59/ 1 6 1
164/ 66
169/171
174/176
179/1-1
+ 1,9%
+ 6%
Gewicht
58,31
61,25
65,68
70,17
7 ,87
+ 21,2%
+ 14%
P : L
364,4
37 ,2
386,4
401,0
399,3
+ 8 9%
+ 8%
P: L2 Q : L)
2 278
2,25
2,273
2,291
2,218
-2,31%
+ 1 8%
P : L3
0,0142
0,01367
0,0134
0,0131
0,0123
- 14,3%
— 4,4%
P = Körpergewicht, L = Körperlänge.
Die Tabelle gibt einen weitgehenden Einblick in die Zusammen¬
hänge. Innerhalb eines Längenunterschiedes von 20 cm — - worin minde¬
stens 90 Proz. der Untersuchten erfasst sind — nimmt das Körper¬
gewicht etwa doppelt so stark zu, wie die Körperlänge. Die drei
Gewichts-Längenindizes, die eine geometrische Reihe bilden, verhalten
3) D.m.W. 1914 Nr. 10 u. 11.
4) M.ni.W. 1919 Nr. 52,
4
192
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. 6.
sich in ihrer Entwicklung von Grössengruppe zu Grössengruppe völlig
verschieden — der P/L-Index, auch mittere Querschnittsscheibe ge¬
nannt, nimmt mit dem Längenzuwachs zu, der P/LMndex vRohrer;
nimmt ebenso ab, während der neue P/LJ- oder Q/L-Index ) fast un-
verändert bleibt, also ein konstantes Verhalten zeigt. _
Die weitgehende Konstanz dieses Indexwertes trotz verschiedenen
Längen- und Gewichtswertes von Längengruppe zu Längengruppe be¬
stätigt auch in diesem auserlesenen Material die Richtigkeit des neuen
Körperproportionsgesetzes, Entwicklung des mittleren Körperquer¬
schnittes und der Körperlänge stehen in engstem Wechsel Verhältnis.
Die Gewichte verhalten sich wie die Längenquadrate oder die mitt¬
leren Körperquerschnitte w ie die einfachen Körperlängen. Entsprechend
der Konstanz der Q/L-Index muss die Breitenentwicklung unterhalb der
mittleren Körperlänge über die geometrische Aehnlichkeit hinaus er-
folgen oberhalb der mittleren Körpergrösse hinter der geometrischen
Aehnlichkeit Zurückbleiben. Die Kleinen sind gedrungener, die Grosseren
schlanker, die beiden Gruppen sind im Habitus unähnlich. Die bisherige
Annahme einer geometrischen Aehnlichkeit der Individuen gleichen
Alters aber ungleicher Körperlänge ist eben unhaltbar geworden.
Diese charakteristische Verschiedenheit im Längen- und Breiten¬
wachstum der Kleineren und Grösseren muss auch in der Entwicklung
des Brustkorbes, im Brustumfang zum Ausdruck kommen. Raut-
mann hat auch diese Zusammenhänge an seinem schönen Material
Schwiening
Rautmann
Orösse
absolut
%
Orösse
absolut
%
158
822
52,03
160
83,95
51,9
163
83,04
50,9
165
84,33
51,1
168
82,2
50,1
170
85,51
50,3
173
84,96
49,1
175
87,54
50,02
178
86.14
48,4
180
88,08
4S,9
183
86,58
47,3
ln Uebereinstimmung ergibt sich für das grosse Material von
Schwiening und das kleinere von Rautmann (nach unseren Be-
rechnungen der Mittelwerte) eine gleichmässige Verringerung des pro¬
portioneilen Brustumfangs von den niederen zu den höheren Grossen-
gruppen. Die Konstanz der Längen-Breitenentwicklung zeigt sich schon
in der abnehmenden Breitbriistigkeit der keineren zu den grösseren
Individuen. Von einer Gleichheit des mittleren proportioneilen Biust-
umfangs bei allen Qrössenklassen kann keine Rede sein.
Ueber die Beziehungen der Herzgrösse zu Körpergrösse und
Körpergewicht hat bekanntlich D i e 1 1 e n ") besondere Untersuchungen
angestellt. In ersterer Beziehung kam Dietlen zum Ergebnis, dass
die Herzgrösse des Menschen bis zu einem gewissen Grade von der
Körpergrösse abhängig sei. In Anbetracht des Parallelismus zwischen
Längen Wachstum und Gewichtszunahme — wie Dietlen annahm —
hat auch das Körpergewicht auf die Herzgrösse einen Einfluss. Diet¬
len betrachtet das Körpergewicht in besonders engem Zusammenhang
mit der Herzgrösse und glaubte nachweisen zu können, dass die Hcrz-
grösse mit steigendem Körpergewicht wächst, weniger bei Zunahme der
Körpergrösse. Nach den Angaben von Rautmann nimmt dei Heiz-
querdurchmesser von den kleinen zu den grossen Individuen nui un¬
bedeutend zu. , .
Hinsichtlich der Zusammenhänge der Pulszahl mit den Koipermassen
hat Volk mann bisher angenommen, dass bei gleichem Lebensalter
die Pulszahl mit wachsender Körpergrösse abnimmt. Rautmann
findet eine bestimmte Unabhängigkeit der Pulszahl von der steigenden
Körpergrösse und .bestreitet die Richtigkeit der Anschauung von
Volkmann. Das Gleiche gilt auch für das Verhalten des systolischen
Blutdruckes.
Nach unseren Berechnungen ergibt sich für die Beziehungen von
Herzgrösse Blutdruck und Pulszahl zu den wichtigsten Körpermassen
Völlig eindeutig ergibt sich, dass die Herzgrösse, wie der systolische
Blutdruck und die Pulszahl bei Vollreifen, harmonisch entwickelten
Individuen gleichen Alters aber von verschiedener Körpergrösse und
verschiedenem Körpergewicht mit diesen beiden Körpermassen in
keiner Wechselbeziehung stehen, hingegen in völliger Korrelation mit
der Konstanz, mit dem harmonischen Ausgleich der Längen- und Breiten¬
entwicklung der unter und über der Mittelgrösse stehenden Individuen.
Die kleinen Unterschiede bei den einzelnen Grössenklassen gleichen
sich völlig aus. Es scheint nach diesem Ergebnis ein klarer Zusammen¬
hang zwischen der Längen- und Breitenentwicklung und dem wuchtig¬
sten System der inneren Organisation, dem Herz-Gefässsystem, vor¬
zuliegen. Die besondere Güte des Materials lässt eine Verallgemeine¬
rung für gleichmässig entwickelte Individuen der Vollreife gerechtfutigt
erscheinen. Die bisherige Vermutung, dass eine Proportionalität zwi¬
schen Herz und muskulösem Organismus besteht, war richtig. Der
Befund eines auffallend kleinen Herzens bei grossen Menschen ist ein- j
fach erklärt. Doch scheint diese Proportionalität zwischen Herzgrössc
und Längen-Breitenentwicklung auch für die Entwicklungsperiode zu
gelten. Aus dem umfangreichen Material von Dietlen sei der Zu¬
sammenhang für einzelne Grössengruppin vom Mädchen im 16. Lebens,
jahr noch gebracht.
Grössengruppe .
145/154
155064
165/174
Mittlere Länge .
150
158
169
46
48
56
Herz -Querdurchmesser .
11,0
11,5
H,1
Q/L-Index .
2,044
1,923
1,961
Orösse
1
2
3
4
5
Unterschiede von
160
165
170
175
180
1 zu 5
2 zu 4
Gewicht . kg
58,31
61,25
65,68
70,17
71,87
+ 23,2%
+ 14,5%
Herz-Querdurchm. cm
12,87
13,58
13,37
13,59
12 79
- 0,6%
± 0
Blutdruck (systolisch) .
160,9
155,8
154,3
155,5
154
- 3 o/o
- 0,2 o/0
Pulszahl .
68
72,7
71,06
71,02
71,33
+ 4,5%
- 2,5o/„
Q/L-Konstante .
2,278
2,25
2,273
2,291
2,218
- 2,31%
+ 1,8%
5) M.rn.W. 1921 Nr. 31 u. 32.
8) D. Arch. f. klin. Med. 1906, Heft 1 — 3.
Auch hier ist die Herzgrösse in guter Proportionalität mit der
Längen-Breitenentwicklung bzw. mit dem Q/L-Index, während mit der
Längen- und Gewichtszunahme allein kein Zusammenhang besteht.
Offenbar war auch hier das Menschenmaterial von ziemlich gleichmässig
guter Entwicklung. Die bisherige Anschauung einer Zunahme deij
Herzgrösse mit der Körperlänge und dem Körpergewicht ist nach dem,
offenbar sehr verschieden gearteten und unzureichenden Menschen¬
material zu verstehen. Hier handelt es sich um eine Rogol i_UI an
Normentwicklung im Vollreifen Alter und wahrscheinlich für die
samte Entwicklungsperiode.
Das Ergebnis der kritischen Besprechung der zwei bedeutendster
Studien über die Norm in den letzten Jahren lässt sich kurz folgendir-
massen zusammenfassen: . ... ..
Die beiden Monographien zugrundeliegende Absicht, für den Bcgrit
des Normaltypus oder Normotypus feste Anhaltspunkte in Mass, Zah
und Gewicht zu finden, deutet die Hauptaufgabe moderner Konstitutions¬
forschung an.
Die Lösung dieser Aufgabe scheint nur durch eine einheitliche Ge¬
meinschaftsarbeit des Anthropologen, Hygienikers und Klinikeis ge^
lingen zu wollen. Beide Monographien lassen noch diese Zusammen¬
arbeit vermissen — die von B r u g s c h durch eine Habitusglicderun-ij
nach dem proportioneilen Brustumfang, die alter Erfahrung der Militär
ärzte widerspricht, die von Rautmann durch die Verwendung de
überaus umständlichen, zwar mathematisch richtigen, abei die Variabui-
tätsursachen verwischenden Kollektivmasslehre von Fechner, wo
durch das ausgezeichnete Beobachtungsmaterial gewaltsam in seine
Anwendbarkeit herabgedrückt wurde.
Die Variabilitätsmessung mit Mittelwert und Standardabweichunil
als Parameter nach den Vorschlägen von Johannsen verglichen mi
der G a u s s sehen Zufallskurve genügt vollständig zur Beurteilung voi
Variationsreihen. Vom Mittelwert als typischen Wert einer Variations
reihe, mag sie noch so klein sein, ist unter allen Umständen bei Bel
Stimmung des Durchschnitts und bei Bestimmung der Breite des Ge ^
sündhaften nach M a r t i u s auszugehen.
Die Grenzwerte des Gesundhaften und des bereits Krankhaften sm
nach einheitlich zusammengefassten Beobachtungen der Kliniker zu bei
stimmen und können von den richtigen Durchschnittswerten aus durej
Zuschlag oder Abzug in Abweichungseinheiten angegeben werden
Eine auf Kleinheit des Materials beruhende Asymmetrie der Ver.
teilungsreihe kann später leicht durch ähnliche Untersuchungen ergänz
und ausgeglichen werden. _ n j
Die Untersuchungen von Rautmann sind nach der Art des Del
obachtungsmaterials und der Zusammenstellung von primären Verte a
lungstafeln für die wichtigsten Körpermerkmale höchst bedeutim-gsvo]
und als Grundstock für ergänzende Forschungen zu betrachten. Ltiesj
ergänzenden Forschungen sollten einheitlich in verschiedenen Wissen
Schaftszentren in Angriff genommen werden. I
Das neue Körperproportionsgesetz scheint als Grundlage für di
Beurteilung der morphologischen und auch physiologischen Korrelatio
der wichtigsten Körpermerkmale von wachsender Bedeutung zu wei
den. Die Klarstellung der korrelativen Längen- und Breitenentwicklun
der Individuen in allen Grössenklassen, und damit die Richtunggebun
für die Korrelationsmöglichkeiten aller anderen morphologischen Med
male, wie der engste Zusammenhang mit Grundumsatz (nach G r u b e r
Herzgrösse, Herztätigkeit berechtigen zur Erwartung noch weitert
Klarstellung der Zusammenhänge der äusseren und inneren Organisation
des Körpers. .1
Auch der Parallelismus der physischen und psychischen ■ Konstitutir
kann durch dieses Gesetz neue Anhaltspunkte erhalten (K r e ts c n
mers Körperbau und Charakter). Auf alle Fälle ist für die körpe
liehe Erziehung der Jugend bereits ein einheitlicher Normbegriff hnj
sichtlich der zu erreichenden Längen- und Breitenentwicklung gegebe
Der Gedanke der Konstitutions-Dienstpflicht hat einen morphologisch
funktionellen Inhalt erhalten. Denn wie Hildebrandt') so rieht
sagt: „Wachstum strebt nach Erreichung der Artnorm, Fortpflanztu
nach Verewigung der Artnorm, schöpferische Kraft nach Steigern!
der Art, nach absoluter Norm“. Mit der Erreichung der Artnorm, d
harmonischen Entwicklung äusserer und innerer Organisation erreic
unsere Jugend auch die nach Erbanlage und Umwelt bestmögliche Ko>
stitution.
') Norm und Entartung des Menschen. Sibyllen-Verlag Dresden,
192
I. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
193
us dem physiolog. Institute der deutschen Universität in Prag.
(Vorstand: Prof. Dr. A. Tschermak.)
Eine neue Vestibularisreaktion*).
(Vorläufige Mitteilung.)
on Dr. Ernst Wodak, gew. Assistent der Ohrenklinik und
r. Max Heinrich Fischer, I. Assistent am Institute.
Im folgenden möchten wir in erster Linie auf Grund exakter sinnes-
hysiologischer Studien kurz von einer neuen Vestibularisreaktion be¬
ichten. wobei wir von vornherein betonen, dass wir uns bei unseren
egenwärtigen Kenntnissen darüber nur auf die bisher feststehenden
'at Sachen beschränken wollen.
Die Reaktion beruht auf folgender Beobachtung: Wenn man den
estibularapparat eines normalen Individuums irgendwie beeinflusst,
Iso z. B. ein Ohr mit Wasser, spült, so tritt in einem gewissen Stadium,
: nach der Menge und der Temperatur des verwendeten Wassers,
ntweder schon während oder bald nach Beendigung der Spülung eine
ifferente Aenderung der subjektiven Schwere¬
mpfindung der beiden Körperhälften auf. Die eine
örperhälfte scheint subjektiv schwerer zu werden und in den Boden
ju versinken, die andere leichter zu werden und in die Höhe zu streben,
obei dieses Gefühl am ausgesprochensten in den Extremitäten zu
ein pflegt1). Fordert man die Untersuchungsperson in diesem Sta-
ium auf, bei geschlossenen Augen beide Arme horizontal (entweder
1 Pronationsstellung oder noch besser in Supinationsstellung) vor sich
inzuhalten, so sinkt der Arm der subjektiv schwereren Seite sichtlich
nd der andere steigt. Die Höhendifferenzen zwischen beiden Armen
ind individuell sehr verschieden und schwanken zwischen wenigen
entimetern und mehreren Dezimetern. Kinder und weibliche Per¬
sonen zeigen die Reaktion deutlicher als Männer. Dieses Phänomen
auert im allgemeinen ca. 15 — 30 Minuten. Während dieser Zeit tritt
her mehrmals (häufiger bei Warmspülung, seltener bei Kaltspülung)
jwohl subjektiv wie objektiv ein Wechsel ein in der Art, dass der
isher subjektiv schwerere, tiefer stehende Arm scheinbar leichter wird
nd steigt, der bisher subjektiv leichtere, höher stehende Arm sc'hein-
ar schwerer wird und sinkt. Dieser Umschlag muss nicht immer so
rfolgen, dass die beiden Arme ihre relative Höhenstellung zueinander
ollkommen wechseln; er kann sich auch darin bemerkbar machen,
ass die Höhendifferenz beider Arme sich nur verringert oder ver-
chwindet. um dann wieder deutlich ausgeprägt zu werden. Die sub-
.ktiven Empfindungen hinken den objektiven Stellungsänderungen
ewöhnlich nach; sie sind überhaupt nicht immer koinzident.
Dieser Versuch, den wir vorläufig aus praktischen Gründen als
\rm-Tonus-Reaktio n“ 2 3) bezeichnet haben, ist bestimmten Ge-
etzen unterworfen, je nachdem auf dem betreffenden Ohre eine Kalt-
der Warmspülung vorgenommen wurde. Und zwar konnten wir bei
er Kaltspülung zunächst ein Sinken des gleichseitigen Armes und
teigen des gegenseitigen, bei der Warmspülung vorerst das Gegen-
jil beobachten. Das Phänomen ist auch bei der Rotation und Gal-
anisation des Kopfes zu finden, doch sind die Verhältnisse speziell
eim Drehversuch aus hier nicht zu diskutierenden Gründen kompli¬
ierte. Wir wollen uns daher vorläufig darauf beschränken, hervor-
uheben. dass z. B. während einer passiven Rechtsdrehung im allge-
i einen ein Sinken des linken und Steigen des rechten Armes zu be¬
dachten ist, ein Verhalten, welches sich nach Beendigung der Drehung
ehr rasch umkehrt. Bei der Galvanisation entspricht die Verwendung
er Anode einer Kaltspülung, die Verwendung der Kathode einer Warm-
pülung.
Das Verhalten der „Arm-Tonus-Reaktion“ (ATR.) speziell bei der
alorisation führte uns zu folgender Arbeitshypothese, die sich uns bis-
mg als sehr gut verwendbar erwies. Bei der Warmspülung kommt es
litt gleichseitigen Labyrinth zu einer Förderung und für das gegen-
eitige Labyrinth, d. h. für dessen Tonuseffekt zu einer Hemmung1)
es normalen labyrintbogenem Dauertonus auf die Muskulatur, der
.ohl heute, speziell nach den neueren Arbeiten der Magnus sehen
■chule ausser Diskussion steht. Das umgekehrte Verhalten tritt bei
er Kaltspülung ein. Die Einwirkung auf die Gegenseite ist im Sinne
iner Art antagonistischer oder reziproker Innervation aufzufassen,
edes Labyrinth hat einen fördernden Einfluss auf die gleiche, einen
emmenden Einfluss auf die andere Seite der vestibulospinalen Leitung,
las anatomische Substrat für diese Auffassung erscheint speziell ge-
eben durch das aus dem Vestibularendkernlager, speziell dem
'estibularishauptkern ungekreuzt wie gekreuzt verlaufende bifur-
ierte Systempaar, dessen absteigende Teiläste durch die dor-
ajen Längsbündel in die Fissurenstränge des Rückenmarks und
u deren Vorderhorn- bzw. Vorderwurzelzellen gelangen. Für
ie gleiche Seite kommt noch der ungekreuzte Tractus vestibulo-
4) Nach einem im Prager Aerzteverein am 9. XII. 1921 gehaltenen gemein-
imen Vortrage.
') Sehr stark sind diese Empfindungsdifferenzen bei Verwendung von
usreichenden Wassermengen (200 — 300 ccm) und von der Körpertemperatur
tark^ differenten Temperaturen (10°, 50" C).
'■) Wir wollen mit diesem Ausdruck nicht der theoretischen Erklärung
ieser Erscheinung präjudizieren.
3) Selbstredend bedeutet diese Anschauung nichts prinzipiell Neues, sie
urde schon von mehreren Autoren ausgesprochen, u. a. von E w a 1 d,
1 a r t e 1 s usf., Joch hoffen wir für dieselbe eine Menge von Stützen geben
nd sie weiter ausbauen zu können.
spinalis aus dem Deitersschen Kern nach dem Vorderseitenstrange
bzw. zu den Vorderwurzelzellen in Betracht. Auch ist mit der Möglich¬
keit zn rechnen, dass ähnlich wie zwischen den beiden Kernen des
Atmungszentrums (Nncleus lateralis inferior der Formatio reticularis)
so auch zwischen den Vestibularendkernlagern direkte kreuzende Ver¬
bindungsfasern existieren. Es besteht keine Nötigung, in unserem Falle
eine reflektorische Beeinflussung des sog. Muskeltonus von seiten des
Labyrinthes über das Kleinhirn anzunehmen, ja, es ist dies sogar nach
den exakten Magnus sehen Studien sehr unwahrscheinlich geworden.
Wird der Dauereinfluss des einen Labyrinthes z. B. durch Warm¬
spülung oder die Kathode gefördert, was ja zwangsläufig mit einer
Hemmung des Tonuseffektes des gegenseitigen Labyrinthes verbunden
ist. so kommt es auf der betreffenden Seite zu einer Steigerung, auf der
Gegenseite zu einer Herabsetzung des sog. Muskeltonus, wodurch die
Stellungsänderungen der Arme bedingt werden, und zu charak¬
teristischen Differenzen in der Sc'hwereempfindung. Die bezeichnete
Arbeitshypothese brachte uns auch zu Anschauungen über das Ver¬
halten des Vestibularapparates bei der üblichen rotatorischen Reizung,
welche mit den bestehenden in vielen Punkten nicht übereinstimmen,
uns aber sehr plausibel erscheinen; doch müssen wir es uns versagen,
an dieser Stelle näher darauf einzugehen.
Da es sich bei unserer Reaktion offenbar um eine vestibulär be¬
dingte Reaktionsbewegung handelt, sie mithin nichts prinzipiell
Neues darstellt, soll noch in Kürze die Beziehung zu den bereits be¬
kannten vestibulären Reaktionsbewegungen erörtert werden. Eine
nähere Betrachtung ergibt, dass allem Anscheine nach eine gewisse
Verwandtschaft mit der Fallreaktion, der Gangabweichung und speziell
dem Bäränyschen Zeigeversuch in der Frontalen be¬
steht. Nach unseren im Gange befindlichen Untersuchungen sind diese
Beziehungen jedoch derart kompliziert, dass wir uns eine eingehende
Darstellung derselben für unsere ausführliche Publikation Vorbehalten
müssen.
Bezüglich der praktischen Verwertbarkeit unserer Re¬
aktion möchten wir ganz kurz auf einige Punkte verweisen, die uns von
Wichtigkeit erscheinen: Zunächst ist sie geeignet, nähere Schlüsse
auf Differenzen in der Dauertätigkeit (Funktion) der beiden Labyrinthe
ziehen zu lassen, wie uns Untersuchungen an taubstummen Kindern
und einigen pathologischen Fällen lehrten, über die noch zu berichten
sein wird. Weiters tritt die „ATR.“ in vielen Fällen sehr rasch ein,
oft schon nach 1 — 2 Umdrehungen oder nach Verwendung weniger
Kubikzentimeter Spülflüssigkeit und gestattet dann sehr rasch den Nach¬
weis, dass ein erregbares funktionsfähiges Labyrinth vorliegt. Die Re¬
aktion ist sehr lange nachweisbar, kann also ohne neuerliche Belästigung
des Kranken nach der Prüfung der üblichen Vestibularisreaktionen aus¬
geführt werden. Ein weiteres Moment ist die Feinheit der „ATR.“, die
wir auch in Fällen noch positiv fanden, in denen weder spontaner
Nystagmus noch spontanes Vorbeizeigen bestanden und das einzige
Symptom unbestimmter Schwindel war. Ein positiver Ausfall der
„ATR.“ lässt sich nach unseren Erfahrungen nicht verheimlichen. Ver¬
suche nach dieser Richtung zeigten, dass die Untersuchungsperson
speziell das Sinken des einen Armes wohl mit Aufgebot aller Kräfte für
relativ kurze Zeit verhindern kann, dass dies aber für die Dauer nicht
möglich ist, es sei denn, dass die Versuchsperson dauernd ruckweise
korrigiert! Sollte jemand versuchen, die „ATR.“ zu simulieren, so dürfte
man ihn wohl im allgemeinen dadurch entlarven können, dass ihm ent¬
gangen ist, dass mit dem Sinken des einen Armes gleichzeitig ein
Steigen des gegenseitigen verbunden ist und dass im weiteren Verlaufe
die Abweichungen periodisch in das Gegenteil Umschlägen.
Es braucht wohl hier nicht näher betont zu werden, dass die
„ATR.“ natürlich keine spezifische Vestibularisreaktion darstellt; man
mag ganz ähnliche Differenzen auch bei den verschiedensten Erkran¬
kungen des Zentralnervensystems finden. Der sog. Muskeltonus ist ja
nicht nur reflektorisch von seiten des Labyrinthes beeinflussbar. So
dürften nicht nur Otologen, sondern auch Neurologen und Internisten
dieser Reaktion einiges Interesse abgewinnen können.
Wenn wir auch in dieser vorläufigen Mitteilung mit Absicht nicht
auf die einschlägige, schier unübersehbare Literatur eingegangen sind,
so darf doch eine ausgezeichnete, anscheinend bisher wenig beachtete
Arbeit nicht übergangen werden, die unseren Untersuchungen näher
steht als jede andere4). In dieser fand Mann neben einer Anzahl
anderer interessanter Tatsachen, dass am Kaninchen bei Galvanisation
die Vorderpfote der Kathodenseite sich hebt, die der Anodenseite sich
senkt. Das ist eine Art „ATR.“ am Kaninchen! Ja noch mehr: Mann
berichtet, dass Versuchspersonen von zwei gleichen auf die ausge¬
streckten Hände gelegten Gewichten bei Stromdurchgang durch die
Ohren jenes Gewicht als schwerer empfinden, welches sich auf der
Anodenseite befindet. Er meint, es würde dies vielleicht der Annahme
entsprechen, dass infolge der Herabsetzung des Muskeltonus auf der
Seite der Anode eine stärkere Gegeninnervation angewendet werden
muss, um das Gewicht zu balancieren. Manchmal treten wechselnde
Resultate auf. Hier scheint Mann haltgemacht zu haben. Als wir
durch unsere systematischen Untersuchungen, von Rotation und Kalori-
sation ausgehend, längst zu unserer Reaktion gekommen waren, bildeten
für uns Manns exakte Beobachtungen, auf die wir erst % Jahr
nachher bei Durchsicht der Literatur stiessen. eine angenehme Be¬
stätigung oder besser ein wertvolles Vorzeichen unserer Ergebnisse.
9
4) L. Mann: Ueber die galvanische Vestibularisreaktion. Neurol. Zbl.
1912, 31. Jhg., 1356—1366.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 6.
Wir sind uns dessen wohl bewusst. Unfertiges geboten zu haben,
und müssen nochmals darauf hinweisen, dass unsere Kenntnisse über
die „ATR." noch dürftige sind, wenn wir auch hier nicht auf alle Einzel¬
heiten eingehen konnten. Dass sie vorhanden ist. darüber
besteht kein Zweifel! Was sie praktisch zu leisten imstande
ist, muss die Zukunft entscheiden. Wir übergeben sie hiemit der ärzt¬
lichen Oeffentlic'hkeit mit der Aufforderung speziell an die Kliniken, sie
an ihrem grossen Krankenmaterial zu erproben, was uns leider versagt
ist. Man wird sich in vielen Fällen von ihrer Brauchbarkeit über¬
zeugen, dessen sind wir gewiss.
Vakzinetherapie.
Von Prof. Dr. R. Hi Igermann und Dr. Walther Kr antz-
Saarbrücken.
Wollen wir bei der Behandlung chronischer Infektionskrankheiten
mit der Vakzinetherapie eindeutige Erfolge erzielen, so ist die peinlich
genaue Beachtung einer Reihe von Umständen von entschiedener Be¬
deutung. Insbesondere spielen die individuelle Reaktionsfähigkeit, die
Herstellungsweise, die Dosierung und die Art der Injektion eine wich¬
tige Rolle.
Der Vakzinetherapie liegt, ganz allgemein gesagt, die Anschauung
zugrunde, durch spezifische Reizung die Bildung spezifischer Stoffe,
welche die Bakterien für die Fresstätigkeit der Leukozyten vorbereiten,
zu fördern. Es ist kaum daran zu zweifeln, dass die Heilung, die Ver¬
nichtung der emgedrungenen Bakterien, abgesehen von der auflösendpn
Wirkung der Körpersäfte, hauptsächlich eine Folge der Phagozytose im
Sinne von Metschnikoff und 'Bordet sind.
Betrachten wir z. B. den Eiter bei einer chronischen Gonorrhöe
oder einer chronischen Furunkulose, den Auswurf bei einer Tuberkulose
mikroskopisch, so sehen wir neben anderen zelligen Bestandteilen
Leukozyten nur in verhältnismässig geringer Zahl, und vor allem nur
wenige oder überhaupt keine intrazellulär gelagerten Erregerbakterien.
Im Verlaufe und unter dem Einfluss der Vakzinetherapie jedoch können
wir bei systematischer Untersuchung verfolgen, wie allmählich bei dem
Steigen der spezifischen Schutzstoffe die Bakterien mehr und mehr
gefressen werden und die Zahl der Phagozyten ständig zunimmt. Im
Anfang sieht man nur vereinzelte, mehr oder weniger mit Erreger¬
bakterien angefüllte Leukozyten, daneben aber noch zahlreiche teils
vereinzelt, teils in Haufenform gelagerte Bakterien. Dazu kommt, dass
gewissermassen als Ausdruck der noch mangelhaften Fresstätigkeit und
der noch starken Widerstandsfähigkeit der Bakterien, die Zellform
vieler Leukozyten anscheinend an Spannung verliert. Die Leukozyten
sehen abgeflacht aus, sie zergehen, und die Bakterien befreien sich dann
wieder aus der zersprengten Zelle.
Im Verlauf der Vakzinetherapie verschwindet dann mehr und mehr
diese Form der Zelle ebenso wie die freiliegenden Bakterien, bis
schliesslich die Phagozyten bei deutlich erhaltener, ausgeprägter Kugel¬
form die Bakterien verdauen. Die Bakterien treten dann nicht mehr
scharf gefärbt hervor, sie erleiden Formänderungen, scheinen ver¬
quollen, die Kapseln blassen ab.
Diese Beobachtungen zeigen uns einmal, dass die Ursache der
Heilung in der Fresstätigkeit der Phagozyten beruht, andererseits lehren
sic uns, in dem allmählich fortschreitenden Fressvermögen der Phago¬
zyten einen Massstab für unsere therapeutischen Handlungen — die An¬
regung der allmählichen Immunisierung — zu sehen. Wir sagen also
etwa folgendermassen: Das Bild eines Eiterausstriches, gleich welcher
chronischen Erkrankung, zeigt fast überhaupt keine Fresstätigkeit
der Phagozyten und die Bakterien liegen fast sämtlich ausserhalb der
Zellen, nur vereinzelt sind sie. Innerhalb zu beobachten. Im Verlaufe
der Vakzinetherapie sehen wir dann zwar zahlreiche Zellen bereits
voller Bakterien, aber die Zellen sind in ihrem Aussehen so verändert,
dass es den Anschein erweckt, als ob diese Zellen von den noch wider¬
standsfähigen Bakterien zersprengt werden und somit der Auflösung
anheimfallen. Die Bakterien selbst sind noch scharf gefärbt deutlich
in ihrer Form ausgeprägt, bei kapseltragenden ist die Kapsel gut er¬
halten. (Es handelt Sich hierbei nicht etwa nur um den natürlichen
Auflösungsvorgang der Leukozyten; hiergegen spricht durchaus das
Verhalten der übrigen Zellen, sei es beobachtet im natürlichen Präparat
oder im vergleichenden gefärbten Ausstrich.) Wir schliessen aus diesem
Bilde, dass der Heilungsprozess sich erst im Anfangsstadium befindet.
Mit dem Moment der ausgeprochenen Phagozytose nähert sich der
chronische Prozess seiner Heilung; Die Bakterien sind aufgezehrt und
die normalen Verhältnisse werden wieder hergestellt. Enthalten wir
uns jeder reizenden lokalen Beeinflussung — und es ist wichtig, darauf
hinzuweisen, da jede Reizung der ohnehin durch den Krankheitsprozess
geschädigten Gewebe eine weitere Schädigung darstellt — , so bringen
wir allein durch die systematische Vakzinetherapie den chronischen
Prozess zur Heilung.
In der ständigen Beobachtung des Krankheitsproduktes, sei es des
Sekretes, des Eiters, des Auwurfes. in der Verfolgung des steigenden
Fressvermögens der Phagozyten im Gegensatz zu den freiliegenden,
allmählich der Aufnahme verfallenden Bakterien haben wir also einen
Indikator für den Stand der Immunisierung. Löwenstein1) hat
seinerzeit bei der Tuberkulose bereits auf die Wichtigkeit der Be¬
obachtung der Fresstätigkeit der Leukozyten hingewiesen und sie als
Massstab der Prognose angewendet wissen wollen. Es gilt dies, wie
*) M.tn.W. 1909. Nr. 13. S. 658.
wir uns an vielen hundert vergleichenden Untersuchungen, überzeugen
konnten, für alle chronischen Krankheitsprozesse, soweit sie durch be¬
kannte Erregerbakterien verursacht werden
Für eine erfolgreiche Vakzinetherapie ist es unbedingt notwendig,
sich in jedem einzelnen Falle jederzeit über den Stand der Therapie
und die Reaktion auf die einzelne Vakzineinjektion unterrichten zul
können. Weniger als jede andere Behandlungsmethode duldet die Vak¬
zinetherapie eine Schematisierung, eine Festlegung von Einzeldosen . urül
von zeitlichen Zwischenräumen zwischen diesen. Wir beabsichtigen
mit den Injektionen einer Vakzine eine Anregung, eine Reizung des
Organismus zur Bildung spezifischer Schutzstoffe. Jedes Individuum
wird aber auf diese Reizung je nach seinem Allgemeinzustand und dem
Zustand seiner Immunitätsverhältnisse reagieren. Dosen, welche von dem
einen anstandslos vertragen werden, rufen bei einem anderen bereits
starke Lokalerscheinungen, Fieber, allgemeines Unbehagen hervor.
Wir müssen also in jedem einzelnen Individuum den Massstab für die
Dosierung unserer Vakzineinjektionen suchen. W r ight hatte in Er¬
kennung dieser durchaus notwendigen Individualisierung dem thera¬
peutischen Handeln die fortlaufende Bestimmung des opsonischen
Index zugrunde gelegt. Dieser 'Weg ist besonders wegen seiner
Schwierigkeit und Umständlichkeit verlassen worden, aber er ist
dennoch nicht als überflüssig zu bezeichnen. Andere Kriterien, wie das
Allgemeinbefinden und Herdreaktionen geben zwar gute Fingerzeige,
sind aber nicht immer ausreichend. Wir. bedürfen unbedingt eines
feinen objektiven Indikators, der gleichzeitig dlie Wirkung auf den er¬
krankten Organismus und die erregenden Bakterien anzeigt. Wir
müssen also neben dem Allgemeinbefinden und der Herdreaktion, bei
offenen chronischen Krankheitsherden fortlaufend das mikroskopische
Uebersichtsbild beobachten und somit Vakzinetherapie unter
bakteriologischer Kontrolle treiben. Bei geschlossenen
Krankheitsherden bleiben wir allerdings, abgesehen von der Bestimmung
des opsonischen Index, auf die erwähnten übrigen Symptome als Merk¬
zeichen angewiesen.
Die Fähigkeit des Organismus zur Bildung von Schutzstoffen, die
Reaktionsfähigkeit seines Zellgewebes wird in erster
Linie von dem jeweiligen Grad des Immunisierungsstandes des er¬
krankten Organismus abhängen. Unter der fortgesetzten ^Einwirkung
der Krankheitserreger und ihrer Toxine sind entweder die Schutzstoffc
des Organismus fast völlig verbraucht, oder es wird eine ständige, wenn
auch unzureichende Selbstimmunisierung stattgehabt haben, das Ge¬
webe sich mithin im Zustand der Sensibilisierung befinden. Im
ersteren Fall wird er sich gewissermassen im Zustand einer tiefen
negativen Phase befinden. In diesem Stadium die Zellen zu erneutei
Tätigkeit, zur Bildung von Schutzstoffen anzuregen, wird nur möglich
sein, wenn die Reizung in vorsichtigster Weise erfolgt. Im zweiter
Fall wird die Immunisierung viel leichter zu erreichen sein, da die in
Zustand der Allergie befindlichen Zellen auf den durch die Einverleibuns
der Bakterienvakzine gesetzten Reiz viel leichter mit energischei
Bildung von Antikörpern reagieren werden.
Diesen Momenten gerecht zu werden, den für die Zellen günstigster
Reizkoeffizienten zu bestimmen, ist allein eine Frage der Dosierung
Jedes Schematisieren ist in dieser Beziehung verfehlt. Bereits die Her
Stellung der Vakzine hat unter diesen Gesichtspunkten zu erfolgen. Da;
übliche Auszählen der Vakzine kann uns nur ganz allgemein gewisse
Breiten der Dichte anzeigen. Für den einzelnen Erkrankungsfalil mus;
jedesmal die günstigste Dichte unter strenger Berücksichtigung de.
Krankheitssymptome. Dauer der Krankheit, Allgemeinbefinden, Wider¬
standsfähigkeit des Organismus empirisch resp. nach in vorsichtigste.
Weise durchgeführten tastenden Vorversuchen ermittelt werden
Gleichwie die Dichte der Ausgangsvakzine sorgfältig abzuwägen ist
müssen auch die einzelnen Verdünnungen und Injektionsdosen vor¬
sichtig berechnet werden. Meist erfolgen die Injektionen gemäss de;
Schemas „allmählich steigende Dosen in bestimmten Intervallen“. Ab¬
weichungen werden sehr oft in der Weise durchgeführt, dass bei ver¬
zögerten oder ausbleibenden Erfolgen stärkere Dosen, womöglict
täglich, injiziert werden. Dass hierdurch anstatt Förderung der Schutz¬
stoffbildung der Organismus immer mehr durch die Bindung der Anti¬
körper von Schutzstoffen entblösst werden muss, wird völlig ausser ach
gelassen. Letzteres muss ja um so mehr der Fall sein, als ja nebe;
der Vakzineeinverleibung von dem Krankheitsherd aus ständig Bak
terienschübe erfolgen, welche ihrerseits wieder Schutzstoffe ver¬
ankern. Eine Entblössung des Organismus von Schutzstoffen und dämi
Ueberhandnehmen der Krankheitserreger muss die unausbleiblich*
Folge sein. An der mangelhaften oder gar aufgehobenen Fresstätigkei
der Phagozyten können wir diesen Vorgang mikroskopisch studieren
Setzt man in einem solchen Stadium des Niederganges der Antikörpe
jede Vakzineinjektion aus, lässt den Zellanoarat sich beruhigen und führ
erst nach längerer Zeit eine erneute Vakzineinjektion mit kleinster
Dosen aus, so ist der Erfolg ein geradezu verblüffender. Die Krank
heitserscheinungen gehen plötzlich zurück, das Allgemeinbefinden
bessert sich, ist ein direkt gehobenes. Bleiben wir dann weiterhin be
kleinsten Dosen, so tritt die völlige Heilung oft überraschend schnell ein’
Kleinste Dosen muss daher das Prinzip der Vak
zinetherapie sein. Ist der Organismus der Krankheitserrege
Herr geworden, stabilisiert, dann dürfen wir zu grösseren Dosen behuf
Summierung der Schutzstoffe unter Beachtung langer Intervalle über
gehen.
Unser besonderes Augenmerk müssen wir zweitens auf die Art um
Weise der Herstellung der Vakzine richten. Es soll hier nicht di*
Brauchbarkeit verschiedener KuLturmethoden erörtert, sondern nur übe
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
195
Februar 1922.
— -
jiere Erfahrungen bezüglich einer besonderen Abtötungsmethode der
eger berichtet Werden. Die mit diesem Verfahren erzielten thera-
; [tischen Ergebnisse selbst lange dauernder chronischer Krankheits-
: zesse sind so überaus günstige, dass wir glauben, damit den besten
nunisatorischen Effekt erreichen zu können.
Wir schicken dabei voraus, dass wir als Hauptbedingung die Be¬
eilung mit Autovakzine fordern. Nur der aus dem Krankheits-
d gezüchtete Krankheitserreger allein wird eine Vakzine liefern.
Iche die spezifischen Schutzstoffe gegen den Infektionserreger
vorzubringen vermag. Berücksichtigen wir die »grossen Differenzen
einzelnen Bakterienstämme selbst gleicher Gattung im Bau ihrer
zeptorenapparate, was wir ständig in der Serologie beobachten
;nen, so müssen wir zugestehen, dass fabrikmässig hergestellte
nmelvakzitien keinesfalls die Autovakzine ersetzen können. Das
nzip der Vakzinetherapie ist doch, mit den aus dem Krankheitsherd,
v. dem erkrankten Organismus gezüchteten Krankheitserregern und
;n Zerfallsprodukten die Körperzellen in spezifischer Weise zu reizen,
tens der Zelle setzt als Folge hiervon die Bildung spezifischer Anti-
per im Ueberschuss ein, der immun-biologische Heilungsvorgang ist
:eben. resp. in die Wege geleitet. Verwenden wir aber als Antigen
cterien mit ganz andersartigem Rezeptorenapparat, so üben wir wohl
i die Zelle einen biologischen Reiz aus, erreichen aber nicht die
düng spezifischer Antikörper gegen die eigentlichen Krankheits¬
ieger. Eine direkte Antikörperbildung setzt nur gegen das einver-
>te Antigen ein; das aber ist für die Behandlung des Krankheits-
zesses in spezifischem Sinne belanglos. Der Vorgang spezifischer
tikörperbildung wird durch unspezifische Reizung nur insofern ge-
iert, als die Zelle durch das unspezifische Antigen gereizt, wahr-
einlich mit ihrem gesamten Rezeptorenapparat auf diese Reizung
/as reagiert. Wir müssen daher bei dieser Form der Vakzinetherapie
i einer unspezifischen Zellreizung sprechen. Zur unspezifischen
zung brauchen wir aber nicht notwendigerweise Bakterienkörper,
idern wir können sie auch mit sonstigen unspezifischen Substanzen
vorrufen. (Nichtspezifische Resistenzsteigerung im Sinne
eichardts.) Die mit solchen Substanzen erzielten Heilungs¬
gänge beruhen dann eben auf einer Reizung der Zelle überhaupt, der
irekten Unterstützung der spezifischen Antikörperbildung. Der in
n Organismus bereits durch die Krankheitserreger und die ent-
echende Abwehrreaktion der Zelle eingeleitete Immunisierungs-
zess wird durch die wenn auch unspezifische Antigenreizung an¬
egt. Indem die Zelle durch das unspezifische Antigen, seien es ver-
ndte Bakterienarten oder Salze, Zucker u. dgl. gereizt wird, wird s;e
:h wohl gleichzeitig zu stärkerer Produktion der eigentlichen spe-
schen Antikörper angeregt werden. Ob das stets die Folge ist,
fte fraglich sein. Ebenso ist es noch eine offene Frage, ob un-
zifische Reizungen für die Zelle selbst immer belanglos sind. Unter
iständen können fortgesetzte unspezifische Reizungen auch die Zelle
ädigen und sie in ihrer spezifischen Antikörperbildung beeinträch-
;n. Damit wird anstatt einer Hemmung des Krankheitsprozesses sein
tschreiten bewirkt.
Eine wirkliche spezifische Immunisierung werden wir stets nur mit
n spezifischen Antigen erzielen können. Der spezifische biologische
z. der die Zelle bei richtiger Dosierung trifft, bewirkt eine erhöhte
»duktion spezifischer Abwehrstoffe durch die Zelle, veranlasst sie
|;r andererseits nicht zu unnötiger und damit vielleicht schädigender
kigkeit. Misserfolge der Vakzinetherapie sind, abgesehen von falscher
’uerung, auf das Konto unspezifischer Reiztherapie zu buchen.
Wir dürfen daher auch nicht, wie es ln letzter Zeit unter völliger
•kennung des Wesens der Vakzinethe; tpie häufig geschieht, ihren
;rt nach Erfahrungen mit unspezifischen Reizungen (Sammelvakzine),
dern nur mit spezifischen Vakzinen (Autovakzine) beurteilen. Wem
ht die Möglichkeit gegeben ist, mit Autovakzine zu arbeiten und wer
in zu Sammelvakzinen oder sonstigen unspezifischen Substanzen
ift. kann immer nur von einer gewollten unspezifischen Reizung
echen: Vakzinetherapie im eigentlichen Sinne ist dies aber nicht.
Hierin liegt unseres Erachtens wahrscheinlich auch der Grund, dass
n mit der Immunisierung der Tuberkulose bisher nicht den ge-
nschten Erfolg erzielt hat. Solange wir uns — abgesehen von dem
:htigen Umstand der Zubereitung der Vakzine, worauf wir später
h eingehen — nicht bemühen, die Immunisierung mit dem spe¬
ichen Antigen, der jedesmaligen Tuberkelbazillen-Autovakzine
chzuführen. werden unsere verschiedenen Arten der Tuberkulose-
nunisierung schliesslich immer nur unspezifische Zellreizungen
iben. Spezifische Abwehrstoffe gegen den den Krankheitsprozess he¬
genden Tuberkelbazillenstamm kann die Zelle eben nur bei Spe¬
icher Antigenreizung durch Autovakzine produzieren.
Ist die Kultur des betreffenden Krankheitserregers gewonnen, so
weiterhin die Art der Darstellung des Antigens für die Gewinnung
glichst wirksamer Antikörper von entscheidender Bedeutung. Das
al einer aktiven Immunisierung ist natürlich die mittels lebender
eger, denn nur so können wir den natürlichen Prozess gleichartig
I vollkommen auf willkürliche Weise nachahmen. Die grösste
ensität der Schutzstoffbildung würden wir bei Verwendung des
enden Virus erreichen; leider sind uns aber bei den meisten Erregern,
nlich allen denen, bei welchen eine Ausbreitung von der Injektions-
lle aus in den Organismus zu bedenken ist. Schranken gesetzt. Wir
ssen uns daher gezwungenermassen eines Ersatzes, nämlich der
getöteten Bakterien bedienen. Martin Ficker2) schreibt; „Es gibt
2) Kolle-Wassermann: Hb. d. path. Mikroorg. 2, 1 , S. 33.
I keinen bindenden Beweis dafür, dass wir imstande sind, durch Applikation
toter Infektionserreger alle die verschiedenen Arten von Antikörpern
zu erzeugen, über die der immune Organismus nach der natürlichen
Infektion schliesslich verfügt und die die komplexe Erscheinung der
Immunität ausmachen ; noch immer lernen wir neue Antikörper kennen,
die gerade nur bei dem oder jenem Immunisierungsmodus auftreten.“
F ri e d b e r g e r 3) betont in seiner Arbeit bezüglich Typhusschutz¬
impfung unter Hinweis auf die Erfahrungen der Tiermedizin, dass ein
wirklicher Schutz nur mit lebenden Erregern gelinge. Von Interesse
sind in diesem Zusammenhänge auch die Versuche von Sobernheim
und Seligmann und von SchaukewGtch4). Wenn wir die
Immunisierung mit abgetöteten Erregern aber als einen „Notbehelf“,
wie sich Ficker ausdrückt, betrachten, müssen wir versuchen, eine
möglichst schonende Abtötungsmethode zu finden, weil eben, worauf
Hilgermann5) hinweist, eine milde Abtötung der Bakterien ihre
Fähigkeit, Antikörper zu bilden, erhöht. Es sind zwar eine Reihe von
physikalischen und chemischen Abtötungsverfahren bekannt, und sicher¬
lich erhält man auch mit einzelnen dieser Methoden brauchbare Vak¬
zinen, aber auch hier gilt der Grundsatz, jedes Schema zu meiden und
das Gebot, nach den für den einzelnen Erreger passenden Abtötungs¬
verfahren zu suchen. Aus dem Gedanken heraus, das Antigen möglichst
wenig bei der Abtötung der Erreger zur Herstellung der Vakzine zu
schädigen, versuchten wir. zur Herstellung der Vakzine die Auflösung
der Erreger zu benutzen.
Bringen wir die Bakterienzelle durch mildeste Lösungsmittel in
schwächster Konzentration vollständig zur Lösung, so erhalten wir alle
Leibessubstanzen der Bakterienzelle, ohne aber die einzelnen Bestand¬
teile durch so rohe Eingriffe, wie es z. B. die Abtötung durch höhere
Hitzegrade darstellt, geschädigt zu haben. Bedingung hierfür ist aller¬
dings, dass nur solche Lösungsmittel gewählt werden, welche nicht
etwa ihrerseits wieder Schädigungen hervorrufen; das ist eine Frage,
deren Beantwortung von Versuchen und Erfahrungen abhängen wird.
Bei dieser Herstellungsart der Bakterienvakzine ist natuijgemäss
der Vorteil gegeben, dass man viel stärkere Dosen injizieren kann, als
bei der noch erhaltenen Bakterienzelle. So injizieren z. B. Deycke-
Much von ihren müderen Partialantigenen täglich und verhältnis¬
mässig hohe Dosen. Auch bei der noch unten zu erwähnenden Auf¬
lösung der Gonokokken kann man unvergleichlich viel grössere Dosen
injizieren. Für die Tuberkelbazillen hat zuerst A r o n s o n *) eine voll¬
ständige Entfettung der Tuberkelbazillen angegeben. Späterhin hat
D e y c k e 7) in Verbindung mit Much8) mittels schwacher Säuren die
säurefesten Bakterien aufzuschliessen vermocht Bezüglich der thera¬
peutischen Nutzanwendung haben aber Deycke und Much den lös¬
lichen Anteil des Tuberkelbäzillus, welchen sie als reines Tuberkulin
betrachten, ausgeschaltet. Sie betrachten diese Substanz als das
tuberkulöse Gift, welches den Immunisierungsvorgang nur störend
beeinflussen würde. Von diesem Gesichtspunkte aus haben Deycke
und Much mit ihrer Methode der Partialimmunisierung gegenüber
den früheren Methoden einen völlig neuen Weg beschritten. Während
es bisher das Bestreben war, für die Immunisierung möglichst die ganze
Substanz des Tuberkelbazillus nutzbar zu machen, schalten Deycke
und Much vielmehr die für sie giftige Komponente aus. und können
damit stärkere, schneller folgende Dosen injizieren. Uns will es
scheinen, als ob die bisher üblichen Methoden auch deswegen keine
befriedigenden Ergebnisse erzielen Hessen, weil die Herstellung der
verschiedenen Präparate auf der rohen Abtötung der Tuberkelbazillen
mittels hoher Hitzegrade beruhte. Das ist aber ein Verfahren, welches
unbedingt wirksame Substanzen schädigen und ihre volle Ausnutzung
für die Immunisierung aufheben muss. — U h 1 e n h u t h 9), der in seiner
Arbeit „Die experimentellen Grundlagen der spezifischen Tuberkulose¬
therapie“ die verschiedenen angegebenen Verfahren einer kritischen
Betrachtung unterzieht, kommt zu dem Schlüsse, dass bisher eine wirk¬
liche Immunität durch Einspritzung von Tuberkulinpräparaten und
sonst abgetötetem Material bei tuberkulösen und gesunden Tieren
gegen eine tuberkulöse Infektion nicht gelungen sei. Die Heilwirkung
des Tuberkulins führt er, ebenso wie andere, auf eine Herdreaktion
zurück. Aus den bisherigen Beobachtungen schl’iesst er, dass, wenn
überhaupt, nur lebende, echte Tuberkelbazillen einen relativen Schutz
gegen Tuberkulose verleihen können.“
Wir bemühten uns, Stoffe wie z. B. Ligroin und ähnliche Ver¬
bindungen in solcher Verdünnung zu benutzen, dass eine möglichst
schonende Auflösung der Tuberkelbazillen herbeigeführt wird. Giftige,
den Immunisierungsprozess störende Substanzen der Bakterienzelle
werden zu neutralisieren sein. So konnte dei^elne von uns (Hilger¬
mann) mit einer durch Ligroin-Benzin (aa) aufgelösten Tuberkel¬
bazillenkulturaufschwemmung noch in der Verdünnung von Vtno M
schwerste Giftschädigungen der geimpften Tiere beobachten, welcher
die Tiere schliesslich unter allgemeinen Paresen und Kachexie erlagen.
Wurde eine solche Aufschwemmung nach dem Vorschläge von Ehr¬
lich mittels Schwefelkohlenstoff entgiftet, so blieben selbst in höheren
Dosen die Giftwirkungen aus. hingegen wurde bei systematischer
Immunisierung ein Impfschutz gegen eine spätere Infektion von
Tuberkelbazillen erzielt. Hier weisen sich Wege, erfolgreich die Im-
s) Zschr. f. ImmForsch. 1919, 28.
4) Ref. in Kolle-Wassermann. Hb. d. path. Mikroorg. 2. 1, S. 35.
5) Zschr. f. ärztl. Fortb. 1918 Nr. 14/15.
6) B.kl.W. 1898 S. 484.
7) M.m.W. 1910 Nr. 12.
R) M.m.W. 1913 Nr. 3 u. 4.
®) Med. Kl. 1921 Nr. 24/25.
196
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
munisierungsprobleme gegenüber der schwersten Volksseuche, der
Tuberkulose, in Angriff zu nehmen und vielleicht zu lösen.
Die jedesmalige komplizierte Züchtung des betreffenden i uberkel-
baziilenstammes werden wir entbehren können, sobald wir versuchen,
nach Lösung der Auswurfflocken bei 37° 10) die frei gewordenen
Tuberkelbazillen auszuschleudern und für sich wieder zur Lösung
bringen. , , ...
Für die Gonokokken besitzen wir in dem glykocholsauren Natron
ein ausgezeichnetes Lösungsmittel. Es genügt bereits 0,1 ccm eurer
1 proz. Lösung, um eine Abschwemmung zweier gut gewachsener
Schräg-Aszitesagarkulturen (etwa 10 ccm) in kürzester Zeit bei 37 zui
Lösung zu bringen. Des glykocholsauren Natrons können wir uns
ferner bedienen zur Auflösung von Meningokokken und Pneumokokken.
Bakterien, für welche wir geeignete Lösungsmittel noch nicht be¬
sitzen, wie z. B. Koli-, Typhus-, Dysenteriebazillen und Staphylokokken,
haben wir in sterilem destillierten Wasser resp. physiologischer Koch¬
salzlösung unter Zusatz geringster Mengen Formalin (0,5 bis 1 proz.)
abgetötet und ausgelaugt. Es gibt kaum eine Bakterienart, welche bei
dieser Methode nicht nach 24, spätestens 48 Stunden bei 37 abgetötet
wäre wobei gleichzeitig eine Aufquellung und Lösung der Bakterien¬
zelle 'erfolgt. Es bleibt jedoch die Aufgabe, auch noch für diese Bak¬
terien nach Lösungsmitteln, welche die den Anreiz zur Antikörper¬
bildung abgebenden Stoffe der Bakterienzelle nicht schädigen, zu
suchen. , .
Wir bedachten es als einen Grundsatz bei der Vakzinebereitung,
die Gesamtheit der möglichst wenig geschädigten Substanzen der ßak-
terienleiber für die Injektion1 zu gewinnen. Wir verzichten deshalb
völlig auf die Abtötung durch Hitze und versuchen, den Bakterienleib
zur Auflösung bzw. Auslaugung zu bringen. Wir hoffen damit, bei der
Vakzination und Schutzimpfung mit derartig hergestellten Impfstoffen
einer Immunisierung nahezukommen, wie sie sonst nur mit lebenden
Erregern gelingt .........
Wie sind schliesslich die fast stets nachweisbaren Mischmfektions-
erreger zu bewerten? Nach unseren Erfahrungen sind sie bei der Ein¬
leitung der Vakzinetherapie durchaus zu berücksichtigen, es liegt im
Gegenteil in der Anwendung von Mischvakzinen ein Vorteil. Haben
sich neben den eigentlichen Krankheitserregern saprophytische Bak¬
terien angesiedelt so werden diese, wenn auch an und für sich harmlos,
doch durch ihre Zerfallsprodukte das Gewebe schädigen, es noch wider¬
standsunfähiger machen und gleichzeitig die weitere Ausbreitung der
eigentlichen Krankheitserreger begünstigen. So begünstigen Gono¬
kokkenansiedelungen die Entstehung einer tuberkulösen Zystitis,
Streptokokken spielen bei der Komplizierung tuberkulöser Heilungs¬
tendenzen eine grosse Rolle. Das sind Beobachtungen, die bei der
Behandlung dieser Erkrankungen viel zu wenig berücksichtigt werden.
Wir beziehen infolgedessen auch diese saprophytischen Keime in die
Vakzinebehandlung mit ein. Es ist daher auch nicht notwendig,
absolute Reinkulturen eines einzelnen Erregers zur Herstellung der
Vakzine zu verwenden. Zeigen die aus Krankheitsprozessen angelegten
Platten- und Röhrenkulturen neben genügendem1 Wachstum der
eigentlichen Krankheitserreger saprophytische Keime, so können diese
Kulturen ohne weitere Reinzüchtungsversuche sofort zur Vakzinedar-
stellung Verwendung finden.
Eine gewisse Bedeutung für den Erfolg einer Vakzinebehandlung
scheint uns auch die Art der Verabreichung der Vakzine zu haben. Es
würde zu weit führen, an dieser Stelle die möglichen Arten und1 ihre
Wirkungen zu erörtern, es genügt, beispielsweise einige Tatsachen
darüber anzuführen. Wir wissen aus Tierversuchen, dass die Resorp¬
tionsgeschwindigkeit eines eingeführten Antigens am grössten bei intra¬
venöser und intraperitonealer Injektion, am kleinsten bei subkutaner
und intramuskulärer Injektion ist; in direktem. Zusammenhang damit
steht die Dauer der Reizwirkung. Andere Versuche zeigten, dass für
ein bestimmtes Autigen die besten immunisatorischen Resultate nur
mit einer ganz bestimmten Injektionsart zu erreichen sind. Weiterhin
kennen wir aus Tierversuchen die Tatsache, dass einzelne Arten von
Antikörpern durch besondere Arten der Antigeneinverleibung am zahl¬
reichsten zu erhalten sind. Wir müssen jedenfalls bei aktiven Immuni¬
sierungsversuchen bedenken, dass wir durch Wechsel der Injektionsart
verschiedene Wirkungen bezüglich der Antikörperproduktion erreichen
können.
Die Frage der Injektionsart der Vakzine hängt zusammen mit den
Vorstellungen über den Ort und die Art und Weise der Antikörper¬
bildung. Nach der Ehrlich sehen Seitenkettentheorie dient bekannt¬
lich in Anlehnung an das Weigert sehe Ueberkompensationsgesetz
der für die Vernichtung der Zelle bestimmte Reiz auch zur Bildung von
Abwehrstoffen. Offen muss hierbei allerdings die Frage bleiben, inwie¬
weit die durch Toxin bereits geschädigten Zellen noch imstande sind,
Schutzstoffe zu produzieren. So können wir bei schwersten Erkran¬
kungsfällen, bei welchen eine Ueberflutung des Blutes mit Bakterien
bzw. Toxinen statthat und doch nun eigentlich eine gewal fwe Ueber-
produktion von Schutzstoffen einsetzen müsste, solche überhaupt mess¬
bar nicht feststellen, Beobachtungen, wie sie z. B. Kleinsorgen
für den Typhus abdominalis kritisch zusammengestellt hat. Viel näher
liegt der Gedanke, dass zur Neubildung von Schutzstoffen der Organis¬
mus entweder spontan oder bei künstlichen Reizen, als z. B. Aderlass,
Vakzineinjektion, mit einer Ueberproduktion von Stoffen aus frischen
unberührten Zellen reagiert, die der Neutralisierung von Toxinen, der
Auflösung der Bakterien, der Phagozytose der Bakterien usw. dienen.
10) Vgl. Hilgermann-Zitek: Med. Kl. 1920 Nr. 37.
Nr. f
Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Arbeite
von S. Bergei “) über die Lymphozytose, worin er nachweist, das
die Lymphozyten bei der Abwehr des Organismus gegen lipoidhaltige
Erreger eine wichtige Rolle spielen durch die Absonderung von lipoic
spaltendem Ferment. — Die Betrachtung der Immunitätsvorgänge vor
Standpunkte der Kolloidchemie aus, wie sie im Gegensatz zu de
Ehr lieh sehen rein chemischen Anschauungen von Bordet1-) gc
lehrt und wie sie in neuerer Zeit von vielen anderen zur Grundlas;
ihrer Arbeiten gemacht wurde, ergibt zwanglosere Erklärungen ii
solche Erscheinungen. Von der Anschauung ausgehend, dass kollofc
chemische Vorgänge den Immunitätserscheinungen zugrunde lieget
stellte Sahli13) Erörterungen im besonderen über die Art und Weis
und den Ort der Antikörperbildung an. Er setzt die Produktion dt
Antikörper in Vergleich zur „Sekretion“; „die Antikörperproduktion ei
scheint unter dem Gesichtspunkte der Sekretion oder Regeneration vei
brauchter Rolloid'bestamdteife des Blutes und der Gewebsflüssigkeiten, I
Ueber den Ort der Entstehung der Antikörper nimmt er an, dass d
sämtlichen Zellen des Körpers an der Sekretion und Regeneration dt
Blutes und, gemäss seiner Auffassung der Antikörper als normaler Blu
bestandteile, auch an der Bildung der Antikörper beteiligt sind. Bei di
Erörterung der sog. histogenen Ueberempfindlichkeit kommt er zu dt
Schlüssen, dass eine solche lokale oder histogenc Ueberempfindlichke
darauf beruht, dass das betreffende Gewebe der Sitz einer lebhafte
lokalen Antikörperüberproduktion, d. h. eine besonders ergiebige Am
körperquelle ist. . . , ,. q
In neuerer Zeit haben die intrakutane Injektion und die ü
Ziehungen des Hautorganes zu den im Innern des Organismus sich a
spielenden Vorgängen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir wisst
aus den Versuchen über die Intrakutaninjektion unspezifischer Stoff
dass dem Hautorgan als solchem eine besondere Bedeutung beim Abla
von Immunitätsvorgängen zukommt [E. F. Müller14)!. Um uns m
die besonderen Fähigkeiten des Hautorganes nutzbar zu machen, zogt
wir die intrakutane Injektion von spezifischen Vakzinen in den Bereit
unserer Versuche über die Vakzinetherapie. Bei der Durchführung v<
Immunisierungsversuchen an Syphilitikern konnten wir1’) eine b
sondere Wirkung der intrakutanen Injektion der Vakzine feststelle
Wir beobachteten bei der Vakzinebehandlung auch anderer Kran
heften, dass die Reaktion auf die intrakutane Injektion milder ausfi
wenn eine Reihe subkutaner oder intramuskulärer Injektionen bis zu
Ausbleiben örtlicher und allgemeiner Reaktionserscheinungen vorhe
gegangen war. In Befolgung des Prinzipes, allzu starke Reaktionen
vermeiden, schickten wir den systematischen Intrakutaninjektionen c
notwendige Anzahl subkutaner bzw. intramuskulärer Injektionen vorai
Wir beobachteten dann lebhafteste Phagozytose als Ausdruck für d
Erfolg der Vakzinetherapie. Die Stärke der Reaktion auf die lntij
kutane Injektion gibt uns den Massstab für die Bemessung der Do
und der zeitlichen Zwischenräume zwischen den einzelnen Intrakutaf
injektionen. Wir fügen also zu den bisher gebräuchlichsten Injektior
methoden beim Menschen, nämlich der subkutanen und intramuskuläre
noch die systematische Intrakutaninjektion hinzu und hoffen damit ei.
sichere und intensivere Wirkung zu erreichen.
Aus der Universitäts-Kinderklinik zu Köln.
1. Blaseninhaltsstoffe über spezifischen Reaktionen.
2. Hautblasenfüllung.*)
Von Privatdozent Dr. E. Thomas und Dr. W. Arnolc
Die Versuche gingen davon aus, dass bei einem Kleinkind ej
so starke P i r q u e t sehe Reaktion beobachtet wurde, dass es ?
Bildung einer Blase kam. ,
Es drängte sich Von selbst die Frage auf, wie der Inhalt solcl
Blasen bei Einspritzung in die Haut tuberkulöser Kinder sich verhall
würde. Es wurde zunächst versucht, über der positiven Intrakuh
reaktion tuberkulöser Kinder eine Blase zu erzeugen, um sperifisc
Stoffe aus dem Infiltrat gewissermassen zu extrahieren. Nach langen
Probieren erwies sich als ein gangbarer Weg der. über einer solcl
Reaktion 36 Stunden nach ihrer Erzeugung, mit Kantharidm-Kollodr
oder mit Mastisol-Kantharidin 1 : 1000 eine Blase hervorzurufen, nä
24 Stunden den Inhalt zu aspirieren und 1 ; 5 mit physiologischer Koi
Salzlösung zu verdünnen.
Nun wurden am Vorderarm tuberkulöser Kinder 3 Intrakutanrej
tionen angestellt:
1. Mit Tuberkulin 1:100000, ,J
2. mit einer Mischung davon + Blaseninhalt 1 : 5 zu gleichen len
3. mit Blaseninhalt 1 : 5 allein.
Trotzdem das Gemisch Blaseninhalt + Tuberkulin nur halb so «
Tuberkulin enthielt, reagierte es in 29 von 43 Fällen stärker als |
Tuberkulin allein und ebenso wie der Blaseninhalt allein. Von l
übrigen 14 Fällen waren in 9 die Reaktionen gleich und in 5 Mischlin
“) B.kl.W. 1910 Nr. 36, Med. Kl. 1921 Nr. 31, M.m.W. 1921 Nr. i
1L>) Traite de l’immunite, Paris 1920.
13) Sahli: Ueber das Wesen und die Entstehung der Antikor:
Schweiz, m. Wschr. 1920 Nr. 50.
14) M.m.W. 1921 Nr. 29: Arch. f. Demi. u. Syph. 1921, 31.
15) M.m.W. 1921 Nr. 20.
4) Vortrag, gehalten am 27. November 1921 vor der Rhein.-Wcstj)
Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
197
, wacher reagierend als 1. Es .war eigenartig, dass die zweifelhaften
I negativen Fälle von dem Blaseninhalt des gleichen Spenders
. nmten. Der immunbiologische Zustand desjenigen, welcher den
i seninhalt spendet, scheint von grosser Bedeutung zu sein. Wir
len aber doch im ganzen zu der Anschauung, dass in dem Blasen-
ilt über einer Tuberkulinreaktion Stoffe vorhanden sein können,
che reaktionsbefördernd wirken.
Wir machten uns den Einwurf, dass jede über beliebigen entzünd¬
en Stellen befindliche Blase solche reaktionsfördernde Stoffe ent-
:e. Infolgedessen wurde eine Versuchsreihe angestellt mit dem
alt von Blasen, welche über einer unspezifischen, mit Krotonöl er-
gten Entzündung durch Kantharidin entstanden waren. Bei keinem
i 17 Fällen hat sich indessen eine reaktionsbefördernde Wirkung
;hen unspezifischen Blaseninhalts nachweisen lassen.
Man konnte ferner einen Augenblick (daran denken, das von dem
Erzeugung der Reaktion verwendeten Tuberkulin etwas in die
se hinein diffundiert sei und dadurch die Reaktion befördert habe,
ä ist aber nicht der Fall, denn einmal ist nach 36 Stunden nur
tiig unverändertes Tuberkulin mehr vorhanden. Selbst wenn wir
? Diffusion geringer Mengen annehmen würden, so könnten diese
ht genügen, das nur in halb so grosser Menge vorhandene Tuber¬
in bis zu einer mehr als doppelten Wirkung zu ergänzen. Schliess-
i. haben wir bei einem späteren Fall, wo die P fr quetsche Reak-
t bis zur Blasenbildung ging, den Blaseninhalt 1 : 5 verdünnt und
r ebenfalls bei 3 Fällen eine reaktionsbefördernde Wirkung beobach¬
können. Das zeigt auch, dass nicht etwa Umsetzungsprodukte von
uitharidin- und Tuberkulinresten die Ursache der Reaktionsverstär-
,ig sein können. Vermengt man Kantharidin mit Tuberkulin, so wird
j Wirkung des letzteren bei der intrakutanen Einspritzung herab-
;;etzt. Uebrigens hat Fellner Pi r q u e t papeln mechanisch zer-
inert und' in der allerdings durch Blut und Zellen stark verunreinigten
ssigkeit reaktionsbefördernde Stoffe nachgewiesen, die er Prokutine
nnt. '
Wir gingen nun dazu über, erwähnten Versuch mit aktivem Blasen¬
alt auf dem rechten, mit inaktiviertem auf dem linken Vorder- I
n durchzuführen. Die Inaktivierung fand dadurch statt, dass Blasen¬
alt über einer Intrakutanreaktion im Wasserbad 14 Stunde bei 60°
värmt wurde. In allen 18 Fällen zeigte sich nicht nur, dass die
aktionen am linken Arm bedeutend schwächer waren, sondern auch,
>s jede reaktionsverstärkende Wirkung links fehlte. Wir haben es
o mit einem thermolabilen Körper zu tun. Reaktivierungsversuche
>en wir begonnen.
Bei 6 Fällen von kongenitaler Lues schien es, dass Blaseninhalt
:r unspezifischer entzündlicher Grundlage, wenn er von luetischen
uglingen stammt, stärkere Reaktion auslöst, als von nichtluetischen.
1er von diesen 6 Fällen zeigte das sehr stark, 3 weniger stark, aber
ch deutlich, bei zweien waren die Reaktionen gleich. Leider besitzen
r kein Luetin, um die analogen Versuche wie mit dem Tuberkulin
rchzuführen.
Ziemlich eingehend wurde- auch der Zellgehalt der über unver-
Gerter Haut entstandenen Kantharidinblase untersucht mit Zählkam-
ur und Ausstrich. Es zeigte sich, dass nur geringe Zeichen eines
iut entzündlichen Exsudates vorhanden sind. Das stimmt mit dem
-lischen Verhalten überein. Und so eignet sich der Inhalt der Kan-
ridinblase für einen grossen Teil von Fragestellungen biologischer
tur. — Die günstigste Stelle ist die Bauchhaut. Im Herbst und
nter kamen wir meist nur durch Verdoppelung der Kantharidinmenge
u Ziel!
Wir haben es mit einer nur wenig veränderten Gewebsflüssigkeit zu
i, wie wir sie auf andere Weise auf dem Körper sonst nicht erhalten,
e Eigenschaften bei den verschiedenen Infektionskrankheiten müssen
(genstand eines eingehenden Studiums sein, ihr Gehalt an Immun-
j ff en etc., aber auch bei Stoffwechselkrankheiten etc. würde die
ige ihrer Beteiligung wesentlich sein.
^Stratum comeum
— Rete Malptghii
' Papillarschicht
Es müsste klargestellt werden, inwieweit der Blaseninhalt ein Bild
r physikalischen, chemischen und biologischen Veränderungen im
ganismus geben kann. • — Durch folgendes Verfahren ist es übrigens
cht möglich, die Bl as e mit einer beliebigen Flüssigkeit anzufüllen,
an sticht von einer Stelle aus, die 34 cm vom Rand der Blase ent-
rnt ist, unter der Epidermis die Nadel vorschiebend, die Blase von
ten seitlich an und entleert sie. Dann setzt man an die stecken-
üiebene Nadel eine andere Spritze an und füllt die zusammengefallene
ase aufs neue. Um den Eingriff schmerzlos zu gestalten und eine
ent'alsige Nachblutung in das Innere der Blase zu verhüten, kann
an vor dem Blasenumfang direkt hintereinander mit Novokain-Supra-
nin 2 Quaddeln erzeugen, durch die man die Nadel vorwärtsführen
nn. Man kann also die Blase als lebende Kammer benutzen
id dann die Veränderungen des eingeführten Mittels durch spätere
itnahme studieren. Ebenso liegen therapeutische Versuche nahe.
- -
Nr. 6.
Aus dem Stadtkrankenhaus Schaulen (Litauen).
Untersuchungen über Blutplättchen Gesunder und Kranker.
Von Dr. med. Heinrich Zeller, leitendem Arzt des Stadt¬
krankenhauses.
Blutplättchen, die gut konserviert sind (Zitratblut oder paraffinierte
Gefässe), pendeln als runde Scheibchen, die meist nur ihre Kante
zeigen, im Gesichtsfeld des Mikroskops, sie sind alle einzeln, erst nach
einigen Stunden liegen sie als runde, kaum bewegliche, meist granu¬
lierte Scheibchen am Boden bei mässig starker Agglutination. Im
gefärbten Präparat sind die frisch entnommenen Plättchen gleichmässig
gefärbt, während die länger stehenden die bekannten Granulierungen
zeigen. Frisches Blut von Kranken kann die verschiedensten Ueber-
gänge zeigen: Chronisch fieberhaft Erkrankte haben meist granulierte
Plättchen, die leicht zur Agglutination neigen, akute Infektionskrankc
haben wenige, meist gut gefüllte Plättchen, chronische Konstitutions¬
kranke leere, kaum färbbare Plättchen. Bei den Kranken sind die
Plättchen meist hinfälliger, sie pendeln weniger lang und agglutinieren
leichter. Unter bestimmten Umständen finden sich im Blut Zerfalls¬
produkte, insbesondere nach Schüttelfrösten, die -grösstenteils von zer¬
fallenen Plättchen herrühren.
Wird gesundes Blut (1 ccm Zitratblut + ein Tropfen Flüssig¬
keit) mit Milch, Kollargollösung (2 proz.), Olivenöl, Oleum sulfur.
(0,2 proz.), Oleum terebinth. (5 proz.), Diphtherie-, Tetanus-, Dysenterie¬
serum, mit Urin vom Gesunden oder Kranken versetzt, so verändern
sich die Plättchen kaum, nur Kollargol bewirkt eine leichte Granu¬
lierung, ebenfalls Oleum sulfur. und Oleum terebentbin.
Wird dasselbe mit Blut von Kranken gemacht, so finden sich
Unterschiede: Blut von septisch Kranken ergibt eine mittlere bis starke
Agglutination mit teilweise körnigem Zerfall der Plättchen bei Zusatz
von Milch, Schwefel, Kollargoh Terpentin. Der Urin Gesunder bewirkt
ebenfalls Agglutination, während der Urin Fieberkranker ohne Wirkung
auf die Plättchen ist, ebenfalls die angeführten Sera.
Blut von Schwangeren und Wöchnerinnen zeigt dasselbe Verhalten
wie von Gesunden, nur dass die Plättchen der Wöchnerinnen auf Zu¬
satz von Milch agglutinieren und Granulationen aufweisen.
Bei den akuten Infektionskrankheiten agglutinieren 'die Plättchen
auf Zusatz von Milch. Sulfur, Kollargol, Terpentin, Sera und Urin von
Gesunden nicht, ebenfalls nicht bei Zusatz von gewöhnlichen Fieber-
urinen, dagegen tritt starke Agglutination ein, wenn Fleckfieber- oder
Pockenurin zugesetzt wurde. Wurde zu Fleckfieberblut Pockenurin zu¬
gesetzt oder umgekehrt, so traten feinste Pünktchen auf, die von einem
vollkommenen Zerfall der Plättchen herrührten.
Bei den übrigen chronischen Erkrankungen war nichts Abweichen¬
des festzustellen; nur die Plättchen der sekundären und tertiären Lues
verhielten sich teilweise wie die Plättchen der akuten Infektionskrank¬
heiten. Bei Zusatz von Fleckfieber- oder Pockenurih trat körnige
Agglutination auf und feinster pünktchenartiger Zerfall. Bei Schwefel
trat ebenfalls eine starke Agglutination auf.
Bei Karzinomkranken mit sekundärer Anämie agglutinierten die
Plättchen bei Zusatz von normalen und pathologischen Urinen, eben¬
so bei Milchzusatz.
Eine Merkwürdigkeit stellte sich heraus, als bei septisch Er¬
krankten nach vorhergehender Blutuntersuchung Kollargol oder Milch
gespritzt wurde, dass bei einer neuen Untersuchung die Plättchen nun
viel stärker aggiutinierten und granuliert waren als vorher. Dasselbe
liess sich auch nach Injektion von Schwefel bei chronischem Gelenk¬
rheumatismus beobachten. Es wurde nun versucht, ob beim Lebenden
sich ähnliche Verhältnisse vorfinden. Seit langem ist bekannt, dass die
Plättchen vollkommen aus dem Blut verschwinden können nach Injek¬
tion der verschiedensten Substanzen; das Verschwinden der Plättchen
ist aber immer von schockähnlidhen Zuständen begleitet. Nach kurzer
Zeit finden sich die Plättchen wieder; Untersuchungen haben ergeben,
dass die Plättchen sich teilweise agglutinieren und in den Kapillaren
hängen bleiben.
Eine Untersuchung der Plättdien vor und nach der Injektion von
Gonargin, Kollargol ergab kurze Zeit nach der Injektion eine Ver¬
minderung der Plättchen; trat Schüttelfrost auf, so war ihre Zahl schein¬
bar vermehrt; eine genaue Untersuchung zeigte aber, dass viele Plätt¬
chen zerfallen waren, die verschieden grossen Bruchstücke wurden
aber mitgezählt. Trat nach Injektion von Kollargol oder Gonargin
kein Schüttelfrost auf. so fand ich keine Zerfallsprodukte oder ab und
zu nur einige Bruchstücke. Dieselbe Wirkung hat die intramuskuläre
Injektion von Milch; besonders bei Erysipel tritt, falls Schüttelfrost
folgt, ziemlich starker Plättchenzerfall auf. Ist diese Wirkung ein¬
getreten, dann sinkt kurze Zeit darnach die Temperatur zur Norm. Bei
allen Fällen ohne Plättchenzerfall hatte die Milchinjektion keine Wir¬
kung auf den Fieberverlauf.
Bei Malaria trat vor dem Schüttelfrost eine Verminderung der
Plättchen auf. um gleich nach dem Schüttelfrost eine Vermehrung zu
zeigen (Plättchenzerfall). Bei Febris recurrens ist die Zahl der Plätt¬
chen an und für sich niedrig, sie geht aber kurz vor der Krisis bis
30 — 40 000 herab, wobei, zahlreiche Zerfallsprodukte auftreten. Bei der
Pneumonia crupposa finden sich ähnliche Verhältnisse.
Gerade das Rückfallfieber war geeignet, die Verhältnisse der Plätt¬
chen in den verschiedenen Stadien zu studieren. Beim ersten Anfall
sind während der Fieberperiode durchschnittlich 80 000 Plättchen vor¬
handen. die kurz vor dei Krisis auf 40 000 heruntergingen, um in der
• ö
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 6
198
fieberfreien Periode auf 400 — 500 000 heraufzugehen. Beim zweiten
Fieberanfall bleiben sie durchschnittlich auf 160 — 200 000. Beim dritten
Anfall i.st ihre Zahl noch höher, dagegen bleibt ihre Zahl in den Fällen
von chronischem Rückfallfieber (Spir illose) immer vermindert. Wird
0,45 g Neosalvarsan eingespritzt, so ist die Dauer der Krisis verschieden
lang (12—36 Stunden). Ich konnte mir lange keine genügende Er¬
klärung geben für diesen Vorgang. Wird das Blut fortlaufend, nach der
Salvarsaninjektion untersucht, so finden sich lebende Spirillen bis
Plättchenzerfall eintritt ; das ist meist 8—10 Stunden vor dem Sinken
der Temperatur zur Norm. Das Neosalvarsan wirkt daher nicht ätio¬
trop auf die Spirillen im Blut. Je schneller die Entfieberung eintritt,
um so mehr Plättchen sind vorhanden, und um so eher tritt Plättchen¬
zerfall ein. Tritt der Plättchenz rfall ein, dann finden sich im Blut nur
noch tote Spirillen. Bis zum Plättchenzerfall bleibt ihre Zahl auf der¬
selben Höhe.
Auch bei Ohnmachtsanfällen scheint der Plättchenzeffall mitbeteiligt
zu sein. Ohnmächten, die nach Inzisionen auftreten, sind meist von
einer Plättchenagglutination und -zerfall begleitet. Am besten konnte
ich den Vorgang beim Primäraffekt verfolgen. Wird derselbe fest ge¬
drückt, so fällt der Mann meist nach Vs—l Minute ohnmächtig um.
Wird vorher Blut .abgenommen, im Intervall und nachher, so sind die
Plättchen im Intervall (bei gutem Puls) fast verschwunden, um nach
der Erholung wieder zu erscheinen, wobei Bruchstücke nachweisbar
sind; Temperatursteigerung tritt dabei nicht auf. Wahrscheinlich wird
bei dem Vorgang infizierte Lymphe ins Blut gepresst.
Ob die Plättchen eine direkte Einwirkung auf die sogenannte Proto¬
plasmaaktivierung haben, lässt sich aus den angeführten Unter¬
suchungen nicht ableiten, dass sie aber dabei beteiligt sind, steht ausser
Zweifel.
Ergebnis.
1. In vitro zeigen die Plättchen von Gesunden oder Kranken Unter¬
schiede in der Agglutination und im Zerfall bei Zusatz von Urinen oder
protoplasmaaktivierenden Substanzen.
2. In vivo tritt Zerfall von Plättchen kurz vor der Krisis auf. Kol-
largol, Gonargin, Milch wirken wahrscheinlich durch Plättchenzerfall.
3. Ebenso wirkt Neosalvarsan bei Rückfallfieber; die Dauer der
Krisis hängt bei dieser Krankheit von der Zahl der Plättchen ab.
Literatur.
Aynaud: Le globulin des mammiföres. — Dresel und Freund:
M.m.W. 1921 S. 961.
Aus der II. Gynäkologischen Universitätsklinik in München.
(Vorstand: Univ.-Prof. Dr. Franz Weber.)
Zur Frage der aktiven Abortbehandlung*).
Von Dr. Hans Saenger, Oberarzt der Klinik.
Ist es nicht erstaunlich, dass sich unsere Fachgenossen über die
Behandlungsweise des Abortes und namentlich des fieberhaften Abortes,
dieser häufigsten modernen geburtshilflich-gynäkologischen Erkrankung,
noch immer uneinig sind? Seitdem Winter vor 10 Jahren. die kon¬
servative Behandlung des septischen Abortes und eine bakteriologische
Indikationsstellung, nämlich die Untersuchung auf das Vorhandensein
von hämolytischen Streptokokken, vor jedem aktiven Vorgehen ver¬
langte, ist der Streit entbrannt. W a 1 1 h a r d und seine Schule traten
mit ähnlichen Forderungen, die sich auf alle Streptokokken erstreckten,
hervor. Der Krieg lenkte die Aufmerksamkeit um ein Weniges von
dieser Frage ab. Das letzte Jahr brachte aber wieder eine Hochflut
von Arbeiten für und wider die aktive Behandlung des febrilen
Abortes. Im Zentralblatt vorigen Jahres finden wir allein 10 Original¬
mitteilungen aufgenommen, lange Diskussionen zeitigten die Vorträge
über dieses Thema in zahlreichen Sitzungen gynäkologischer Gesell¬
schaften. Das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der bakteriologischen
Kontrollen hat unbedingt nachgelassen. Der Beweis, dass das Wachs¬
tum der Bakterienkulturen über das Verhalten der gleichen Keime, im
Organismus nichts aussage, ist erbracht. Das sind rein bio¬
log i sc h e F r a g e n. Neu, übrigens ein Anhänger der konservativen
Schule, gibt an, dass man in 44 Proz. hämolytische Streptokokken im
Zervikalsekret bei Abortierenden finde. Unserer Ansicht nach ist das
eine Empfehlung für die aktive Therapie. Eine so hohe Morbidität
kann auch ein fanatischer Anhänger der konservativen Behandlung
nicht befürchten. Und so verlangen die Konservativsten heute meist
nur ein Abwarten bis einige Tage über die Entfieberung hinaus.
Warnekros war es, der schon in den ersten Kriegsjahren auf
Grund eingehender bakteriologischer Studien zur Forderung möglichst
raschen, gründlichen aktiven Vorgehens kam. Er wies energisch auf
die Gefahren des infizierten fötalen Abortgewebes hin, da durch den
utero-plazentaren Kreislauf die lokale Disposition zur mecha-
nischen Bakteriämie gegeben ist. Dabei brauchen die Bak¬
terien keine spontane, primär virulente Invasionskraft zu besitzen,
können diese aber durch Verschleppung und fortgesetzte Schwächung
der bakteriziden Kräfte im Organismus erwerben. Warnekros ver¬
gleicht ganz richtig den fieberhaften Abort mit der fieberhaften Geburt.
Und nicht wie so viele, z. B. Latzko, die den fieberhaften Abort
ohne weiteres mit dem Wochenbettfieber vergleichen. Ebensowenig ist
es zulässig, die chirurgische Behandlung infizierter Wunden mit der
selben beim Abort in Parallele zu stellen, bei welch letzterem dock
das besagt das Wort Abortus, nunmehr körperfremde, ausser Funktioi
gesetzte Gewebe in mehr weniger reichlichem Masse vorhanden situ
Und noch dazu in einem Organ von höchster Gewebsimmumtät. da’
die Plazentarstelle trägt. Nur in den Fällen fortgesetzter puerperale
Fiebersteigerung ist, wie Warnekros nachwies, eine wiederholt’
bakteriologische Kontrolle des Blutes unerlässlich zur Prognose tui
Therapiestellung, nicht aber vor Beendigung der Geburt bezüglich, de
Abortes auszuführen oder gar abzuwarten. Da gilt es nur möglichs
rasch und schonend die Gebärmutter zu entleeren. Und ich bin über
zeugt, dass die meisten Anhänger der konservativen Abortbehandlun.1
Fieber bei der Geburt als Indikation zur raschen Entbindung gelte
lassen. Warum aber soll man nicht auch einen Abort so schnell, al
cs einigermassen schonend durchführbar ist, beseitigen?
Eine Tympania uteri z. B. verlangt eine sofortige Beschleunigtm;
der Geburt. Warum nicht auch beim Abort? Vor wenigen Woche;
erst erlebten wir einen zweifelhaften Segen konservativer Zurück
haltung. Eine 27 jährige Jll.-para kam mit einer Schwangerschaft ar
Ende des 4. Monats zu uns. Sie hatte Wehen, der Zervikalkanal wa
kurz und für einen Finger gut durchgängig. Die Blase war ge
Sprüngen, Fieber bestand nicht. Tags darauf war der Gebärmutterlial
bei guter Wehentätigkeit für 2 Finger durchgängig, Temp. 37,8. Di
spontane Ausstossung der Frucht wurde baldigst erwartet. Zu meine
Ueberraschung meldete mir der Assistent am dritten Morgen, das
die Frau noch immer unentbunden sei, dass sie leicht fiebere und das
ein Aermcheri im Zervikalkanal fühlbar sei. Wir gingen nun sofort an di
Ausräumung des Abortes. Der Uterus stand auffallend viel höher als tag
zuvor. Beim Eingehen mit 2 Fingern in den Uterus und bei der Extraktio
der Frucht entwichen unter lautem Knallen massenhaft Gasblase
aus der Gebärmutter. Und bei der Entfernung der Nachgeburt setzt
eine schwere Atonie des Uterus ein. Es musste rasch gehandelt un
tamponiert w-erden. Der Blutverlust betrug etwas über einen Lite:
Natürlich setzte sich weiterhin der Prozess in ein Puerperalfieber for
und zwar kam es zu puerperaler Endometritis und parametraner Fa
sudatbildung. Die Pat. ist heute noch sch werk rank. Um einen. Ta
haben wir unbedingt zu lange gewertet. Bei für 2 Finger durchgängiger
Muttermund hätten wir den Abort schon einen Tag früher leicht au;
räumen können, ehe die gasbildenden Keime zu voller Entfaltung gc
kommen wären. Die wahrscheinlich kriminell gesprengte Blase sollt
die Indikation abgegeben haben. Sonst gehen wir auch prinzipiell akti
vor und räumen jeden manifesten Abort, sei er fieberhaft oder nich
möglichst rasch instrumenteil vollständig aus, selbst wenn Konipl
kationen, wie Parametritis, Adnexentzündung und Sepsis bestehei
Denn bei jedem fieberhaften Abort handelt es sic
bereits um eine transuterine Infektion. Als einzig
Gegenindikation lassen wir Verletzungen des Uterus und Peritonit
gelten, wobei andere chirurgische Eingriffe, nämlich die Laparotom
oder die oft lebensrettend wirkende Kolpotomia posterior, in Betracl
kommen. Wir glauben nicht, das es einer Pat. schadet, die nac
wochenlanger Verschleppung meist ausgeblutet mit einer Parametrit
zu uns kommt, wenn wir durch den klaffenden Muttermund schöner
eingehen und alle Eireste, diese Bakterienbrutstätten, Instrumente
entfernen. Drei solche im letzen Jahre behandelte Fälle gingen gliicl
lieh aus.
Ueberhaupt haben wir, was die Aborte angeht, ein gutes Ja;
hinter uns. Wir behandelten insgesamt 335 Fälle, davon waren 11
fieberhaft schon vor der Ausräumung. Als Grenze nahmen wir d
Achseltemperatur von 37,5 an. Wir hatten also 33,1 Proz. fieberhaft
Aborte, was mit den meisten Angaben anderer Kliniken übereinstimm
Nur 14 Aborte des 4. bis 6. Monats verliefen spontan und blutete
nicht nach. Alle anderen wurden instrumentell nach unserer kui
zu schildernden Technik ausgeräumt. Von diesen 335 Fälle
mit 321 aktiven Behandlungen ist nur eine einzig
gestorben! Eine schwer septisch eingelieferte Frau, stark au
geblutet und moribund. Trotzdem gingen wir in die klaffende Gebä
mutter ein und entfernten besonders behutsam grosse Plazentarrest
Schon in der ersten Nacht starb die Patientin. Die Sektion ergfl
eine schwere Sepsis und Anämie. (Mortalität 0,29 Proz.; auf die fiebei
haften Fälle berechnet 0,9 Proz.)
Fälle, die völlig ausgeräumt mit Sepsis eingeliefert wurden, rühre
auch wir natürlich nicht an. Bei diesen gilt der Vergleich mit de!
Puerperalfieber rach Schwangerschaftsende. Ein septischer Proze:’
nach Erledigung eines Abortes ist eben meistens etwas anderes. a|
ein Fieber während des Abortes. Die Zahlen unserer Jahresstatist:
sind keine ganz grossen. Doch wir haben unsere Anschauungen üb
die Behandlung des Aborts von der D ö d e r 1 e i n sehen Schule m
gebracht und Schnitzer wird aus dieser ganz grosse Zahlen bringe
welche die Vorzüge des aktiven Vorgehens beim fieberhaften Abort
das denkbar günstigste Licht stellen.
Unsere 335 Fälle wurden aber alle ganz einheitlich behandelt ui
und ihre Beobachtung wurde nicht durch den Krieg und die Revolutii
erschwert. Ich habe alle Fälle in Listen eingetragen, die Besonde
heiten im Verlauf, die Temperatur vor, am Abend und am Tage na
der Ausräumung, sowie die Dauer des Klinikaufenthaltes enthalte
Unsere Resultate sind so gute, dass wir uns nicht veranlasst sehen, c
konservative Behandlung auszuprobieren, die doch zum mindesten ei
Verlängerung der Krankheitszeit, des Klinikaufenthaltes, bedeut
würde. Auch diese sozialökonomische Frage ist heute von grösser
Bedeutung, als je zuvor. Wie schwer fällt es uns oft, eine mit fiebt
') Nach einem vor der Bayer, gyn. Oes. in Nürnberg gehaltenen Vortrag.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
199
em Abort eingelieferte Frau nach Ausräumung und prompter Ent¬
erung nur 5 Tage lang in der Klinik zu halten. „Wir müssen heim,“
;st es oft, „der Mann und die Kinder sind allein“.
Nachteile, wie langes Krankenlager, sahen wir fast nur bei unvoll-
ldig ausgeräumten und verschleppt eingelieferten
neu. Ich erinnere mich besonders an 4 enorm ausgeblutete Frauen,
wochenlang geblutet hatten und immer wieder tamponiert worden
en. Der Hämoglobingehalt schwankte zwischen 15 — 25 Proz., alle
en so elend, dass sie viele Wochen lang zwar ohne Fieber schwer-
lk mit profusen Schweissen, Kopfschmerzen und völliger Appetit-
gkeit wie Wachskerzen in ihren Betten lagen. Einen Verblutungs-
bei Abort, wie Pribram von der J a s c h k e sehen Klinik in
iem Jahr einen beobachten konnte, erlebten wir nicht. Bei den
bengenannten Fällen hätte aber nicht viel dazu gefehlt.
Wir sehen zunächst jeden Abort für artifiziell an und gehen wohl
ibe r 90 Proz. darin nicht fehl. Unsere so ausgezeichneten Resul-
verdanken wir zum Teil auch der Güte und dem Glück der Abtrei-
. Und das scheint mir ein sehr wichtiger Punkt zu sein. Wenn
echt abgetrieben und mit hochvirulenten menschenpathogenen
imen an den Instrumenten im Uterus herumgefahren wurde, führt
le Therapie zu einem erfreulichen Ziel.
Vor Beendigui.g meiner Ausführungen möchte ich noch einige Worte
Ir die Technik der Ausräumung verlieren. Wir sahen 4 auswärts
der Abortausräumung schwer verletzte Frauen. 3 verloren wir.
ach Totalexstirpation, 1 nach Kolpotomie. Eine wurde durch die
Ipotomie geheilt. Einmal handelte es sich um einen Uterus bicornis.
mehrfach durchlöchert war und dessen Trägerin mit Peritonitis und
'serösen Hämatomen eingeliefert wurde. Einmal war der Uterus
;;hbohrt und der Wurmfortsatz abgerissen worden, ein weiteres Mal
Loch im Colon sigmoideum gemacht worden. Bei allen Ver¬
gingen muss es dich um Fehler der Technik bzw. des Instrumen-
ums gehandelt hüben.
Fraenkel in Breslau berichtete dieses Jahr über Zervixver-
ungen des Spatium uterovesicale bei der Aufstöpselung (.— Dila-
pn) und wundert sich, dass so wenig darüber verlautbart. Auch
j scheinen Verletzungen der Zervix bei der Dilatation selbst dem
:bteren passieren zu können. Ich selbst erlebte vor einigen Jahren
|m kompletten Zervixriss rechts hinten beim Aufstöpseln der Zer-
mit Landauschem Dilatator bei einem Abort im 4. Monat. Es
tanden doppelseitige Emmetsche Narben. Die Frau war eine
vächliche anämische IV-para. Trotz dieser Verletzung wurde
Frau in F o w 1 e r scher Beckentieflagerung ohne operativen Ein-
i völlig geheilt. Verletzungen des Corpus uteri sind mir nie unter¬
en und schliessen sich bei der Auswahl unseres Instrumentariums
aus. Seit dem besagten Missgeschick mit dem zylindrisch geform-
L a n d a u sehen Dilatator bevorzuge ich beim Abort den konischen,
pgenen J o 1 1 y sehen Dilatator. Fritsch war der erste, der eine
| r konische, gerade Form empfahl. Oberländer gab dem La n -
i sehen Dilatator einen konischen Ansatz. Auch W e i n h o 1 d -
lslau gab konische Stifte an. Ich finde Jollys Modell sehr prak-
ji. Kürzlich hörte ich vom Instrumentenmacher Mathes in München,
; Dr. Kaeser eine Modifikation der J o 1 1 y sehen Stifte mit Sicher¬
sscheibe, ähnlich wie Döderlein sie bei den Land au sehen
rtigen Hess, angegeben hat. Für weniger Geübte ist das gewiss
5 zweckmässig. Das Aufplatzen der Zervix wird auch
iurch nicht verhütet. Nach genügender Dilatation ent-
j en wir die grösseren Abortreste mit Döderleins Abortzange
i kiirettieren dann stets mit der breiten halbscharfen Kürette. Die
her benützen wir stets nur zur Untersuchung und Orientierung. Es
jt dann eine Auswischung des Uterus, bei Fieber mit Jod und zuletzt
j Jodoformgazetamponade, die aber nur 6 Stunden liegen bleibt,
jichmal spülen wir auch mit Kochsalz und Jodalkohol. Bei engem
iikanal im 3. und 4. Schwangerschaftsmonat legen wir für 12 Stunden
I der Ausräumung Laminariastifte ein; im 5. und 6. Monat kleine
ireurynter. Dabei sind Chinin und Hypophysin gute Unterstützungs¬
iel.
Dass stets der gesamte, streng antiseptische und aseptische Appa-
' der Klinik in Bewegung gesetzt wird, brauche ich wohl nur bei-
Ig zu erwähnen.
Zusammenfassend möchte ich schliessen:
1. Die Technik der instrumentellen Ausräumung sollte in den Kli¬
niken allen Volontären und Praktikanten möglichst oft von er¬
fahrenen Assistenten eingeübt werden.
2. Die Behandlung des fieberhaften, komplizierten Aborts soll den
Geübten und den Kliniken möglichst Vorbehalten werden, denn
sie stellt erhöhte Anforderungen an die weitere Beobachtung und
Pflege.
3. Jeder heftig blutende Abort soll möglichst bal4 ausgeräumt wer¬
den. Jeder Abort, der mehrere Tage lang, auch bei Bettruhe,
leicht blutet, soll ausgeräumt werden.
4. Jeder manifeste, protrahiert verlaufende Abort soll ausgeräumt
werden, auch wenn Fieber besteht.
5. Die Behandlung des fieberhaften Abortes und auch die des
fieberhaften komplizierten Aborts (Parametritis, Adnexitis und
Sepsis) soll eine, wenn auch schonende, doch gründliche aktive
sein. Bei jedem fieberhaften Abort handelt es sich um eine
transuterine Infektion.
6. Besondere Vorsicht erfordert die Erweiterung, des noch nicht
entfalteten Zervikalkanals.
7. Wiederholte operative Eingriffe sollen tunlichst vermieden wer¬
den. Unvollständige Ausräumung ist schlech¬
ter als gar keine Ausräumung.
Einige Zurückhaltung bei von anderer Seite bereits operativ
behandelten Fällen.
8. Nur bei Verdacht auf perforierende Verletzungen und bei Peri¬
tonitis müssen Ausräumungsmassnahmen unterbleiben.
lieber das familiäre Vorkommen von Migräne.
Von Dr. Erich Ebstein in Leipzig.
Nach Strümpell (Lehrbuch 21. Auf!., 1919, Bd. 2, S. 775) spielt
bei der Migräne die Heredität „verhältnismässig häufig eine Rolle,
indem die Hemikranie einerseits als solche sehr oft erblich ist, anderer¬
seits nicht selten in Familien auftritt, wo auch sonst Nervenleiden
(Epilepsie, Hysterie, Psychosen) vorgekommen sind“. Die eigentliche
Ursache der Migräne liegt aber nach Strümpells Urteil wahrschein¬
lich meist in einer angeborenen Veranlagung.
In der Literatur finden sich offenbar nur selten Beobachtungen
über das familiäre Vorkommen der Migräne. Nur in dem ausgezeich¬
neten Buche von Ch. F e r e: La famille neuropathique, Paris 1898, S. 77
(deutsch von H. Schnitzer. Berlin 1898, S. 80) finde ich die Notiz,
dass alle Autoren in der Beobachtung übereinstimmen, dass die Migräne
als eine familiäre Krankheit aufzufassen ist und sehr häufig sich ver¬
erbt und andererseits stehe sie durch die Heredität in Beziehung zur
Epilepsie, zum Irrsinn, zur Hysterie usw.
Einen exquisiten Fall von familiärem Vorkommen von Kopf¬
schmerzen fand ich in dem autobiographischen Werk von Otto R o -
quette, betitelt: „Siebzig Jahre Geschichte meines Lebens“ (I. Band,
Darmstadt 1894, S. 84 — 86). Roquette war am 19. April 1824 als
der Zweitgeborene zur Welt gekommen; ein älterer Bruder war schon
früh gestorben (S. 18). Er selbst war niemals von fester Gesundheit,
immer der Kleinste und Dürftigste (S. 35). In seiner Jugend waren die
Krankheiten bei ihm so häufig, dass der Hausarzt einmal sagte: „Es ist
erstaunlich, dass der Junge immer die seltensten und gelehrtesten
Krankheiten bekommt, gegen die man an ihm selbst erst die Studien
zu machen hat!“ „Das fördert dann die Heilung und Genesung nicht“,
fügt Roquette hinzu, um* dann folgendermassen fortzufahren:
„Schlimmer noch war, dass sich seit meinem zehnten Jahre ein Uebel
bei mir festsetzte, das mich erst nach meinem fünfzigsten nach und
nach gänzlich verlassen hat, nämlich jener vierundzwanzigstündige
Kopfschmerz, welcher unweigerlich seine Zeit festhält, es mag dagegen
geschehen, was es wolle. Es war ein Erbübel aus der Familie meiner
Mutter, in der des Vaters war es nie aufgetreten. Die Mutter litt sehr
daran, ebenso ihre Schwester Philippine. Die Eltern waren unglücklich
bei der Aussicht, dass ich diese Mitgabe für das Leben erhalten sollte,
noch dazu, dass sie sich in so frühen Jahren geltend machte. Die einen
nennen sie Migräne, die anderen nervöse Kopfschmerzen, noch andere
Kopfkolik. Sie mögen bei jedem andere Ursachen haben und ver¬
schiedenartig auf treten (ich selbst unterschied bei mir dreierlei Arten),
entsetzliche Zustände bringen sie immer mit sich. Wer sie kennt, der
weiss, dass man unfähig wird, zu sehen, zu hören, zu reden, dass man
am liebsten wie ein Tier in die Einöde ginge, um, unangefochten von
der Nähe alles Lebendigen, zu sterben. Der Zustand hört nach seinen
24 Stunden langsam auf, und man ist dann sozusagen gesund, kann mit
den Gesunden leben, ohne zu ahnen, was man durchgemacht hat. Aber
die Niederlage kann sich schon einige Tage darauf wiederholen. Die
Mitte! der Aerzte helfen wohl in diesem oder jenem Falle, können aber
das Uebel nicht ausrotten, wo es sich vererbt oder einmal festgesetzt
hat. Wille und Ueberwindungskraft können dagegen ab und zu eine
Weile trotzen, aber nur die zunehmenden Jahre befreien ganz und gar
davon. Die Kopfschmerztage wurden in unserer Familie bald etwas
allgemeines. Ich glaube nur mein Vater und mein Bruder blieben
dauernd davon frei. Weil sie aber etwas Gewöhnliches waren, wurde
möglichst wenig Notiz davon genommen, ja sie wurden als eine Art von
Geheimnis des Hauses behandelt. Denn da der schwer Leidende am
nächsten Tag wieder frisch und gesund erschien, auch wohl, wenn er
am Mittag noch sich den Tod wünschte, abends leidlich heiter in der
Gesellschaft erscheinen konnte, wie hätte die Welt, welche glücklich
genug war, von solchen Zuständen nichts zu kennen, an Krankheit
glauben mögen? Mich, der ich schon als Knabe davon geplagt war,
hat dies Uebel sehr aufgehalten, in meiner körperlichen Entwickelung,
in meiner jugendlichen Lebensstimnumg, nicht zuletzt in der Schule.
S. 84—86.
Ich stehe nicht an, die so trefflich geschilderten Kopfschmerzen, die
bei Roquette von Jugend auf auftraten, als Migräne-Kopfschmerzen
aufzufassen.
Die Erkennung der Migräne ist gewöhnlich leicht. „Wenn z. B. ein
Mensch in den mittleren Jahren erklärt“, — sagt P. J. M ö b i u s: Ueber
den Kopfschmerz, Halle a. S. 1902, S. 20 ff.) — „er habe wie seine
Mutter seit früher Jugend alle paar Wochen einen Tag lang Kopf¬
schmerzen, so ist es sicher die Krankheit Migräne, gleichgültig, wie die
Kopfschmerzen beschrieben werden, gleichgültig, was die Untersuchung
etwa ergibt.“
Natürlich kann es auch Schwierigkeiten geben, fügt Möbius mit
Recht hinzu und fährt dann fort: „Wenn einer ohne erbliche Anlagen
erst in den mittleren Jahren Anfälle von Kopfschmerzen bekommt, so
kann zwar, wenn diese Anfälle charakteristisch sind, nicht daran ge-
zweifelt werden, dass es sich nicht unf die Krankheit Migräne, sondern
5*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
200
um sekundäre Migräneanfälle, die von einer anderen Krankheit ab-
hängen handelt.“ In diesen Fällen, die immerhin selten sind, können
nach Möbius nur sorgfältige Untersuchung und sachverständige Lr-
" dK Andereeitekann für die in Sicht befindliche Gicht die Form der
Migräne sprechen, die bereits im kindlichen Lebensalter einsetzt, und
zwar besonders bei Kindern, deren Eltern entweder derselben Affektion
verfallen waren oder es noch sind. ’Die Migräne kann nach Wilhelm
Ebstein dauernd die einzige der zukünftigen Gicht vorhergehende
Affektion bilden (Ueber die Natur und Behandlung der gichtischen An¬
lage D.m.W. 1907 Nr. 16). Als Beleg für diese Ansicht führe ich den
bekannten Uebersetzer Johann Diederich G r i e s (1775 — -1842) an, den
neben Gicht und Harthörigkeit fast keine andere Krankheit von Jugend
auf geplagt hat als die „leidige Migräne4 , wie er selbst schreibt (veig .
Erich Ebstein: Gicht und' Taubheit. In: Janus, Sept. 1907).
Ob in der Roquette sehen Familie die Gicht zu Hause war oder
ob er selbst daran litt, ist mir nicht bekannt. In seiner Autobiographie
habe ich nichts darüber gefunden. Roquette starb 72 Jahre alt.
Seine Krankheitsbeschreibung erscheint mir in mannigfacher Beziehung
interessant. Denn ich vermisste z. B. ähnliche Beobachtungen in dei
Arbeit von Käthe Kehr: Zur historischen Entwicklung der Lehre
vom Kopfschmerz. Freiburg i. Br. 1905, die unter Edingers Leitung
In den letzten Jahren hat das Krankheitsbild der Migräne dadurch
an Interesse gewonnen, dass es in nahe Beziehungen gesetzt wurde
zum O u i n c k e sehen Oedem, zur Urtikaria, zur Colitis muco-
membranacea, zum Asthma bronchiale usw. Denn diese Erkrankungen
fanden sich häufig bei derselben Person und bei derselben Familie:
ausserdem ist allen gemeinsam eine Eosinophilie im Blute
(M. Gänsslen: Die Eosinophilie bei der Migräne. M.K1. 1921
Nr. 41). Auch F. Boenheim hat aus der Hans C u r s c h m a n n sehen
Klinik über familiäre Hemicrania vestibularis mit einem interessanten
Stammbaum berichtet (Neurol1. Zbl. 1917 Nr. 6). _
Für die Differentialdiagnose der Migräne ist jedenfalls, wie auch
Matt’hes (Lehrbuch der Differentialdiagnose, 2. Auf!., 1921, S. 594)
betont, neben dem anfallsweisen Auftreten besonders der Nachweis der
Heredität1) und die Angabe wichtig, dass sich der Kopfschmerz seit den
Jugendjahren einstellt. Ebenso betont Oppenheim (Lehrbuch der
Nervenkrankheiten, Bd. 2, S. 1352, Berlin 1908), dass Beobachtungen
vorliegen, nach denen sich die Migräne durch vier Generationen fort¬
erbte, bei acht Geschwistern auftrat usw. Nach Möbius ist sogar in
90 Proz. der Fälle eine direkte Vererbung nachzuweisen.
Aus der Universitäts-Kinderklinik Graz.
(Vorstand: Prof. Hamburger.)
Ein Beitrag zur Säuglings- und Kleinkindertuberkulose.
Von Dr. Thomas Köffier, Assistent.
Bei einer Arbeit über Tuberkulose in der Familie, wo ich die
Kranken und deren Angehörige in den Wohnungen aufsuchte, um dort
die Verhältnisse zu studieren, traf ich auch eine Anzahl von Familien
mit Kindern in den ersten Lebensjahren, die in mehrfacher Hinsicht zur
Tuberkulose ein eigenes Verhalten zeigten, sowohl dem Tuberkulin als
auch der Tuberkuloseerkrankung gegenüber.
Bekannt ist ja besonders durch die Arbeiten von Hamburger
und Po Hak, dass die häufigsten tuberkulösen Manifestationen bei ent¬
sprechender Infektionsgelegenheit in den ersten 3 Lebensjahren Vor¬
kommen und dann die Zahl der Erkrankungen mit zunehmendem Alter
abnimmt, wenngleich auch diese älteren Kinder sich als infiziert er¬
weisen. Weiters, dass die Kinder im ersten Lebenshalbjahre, trotzdem
sie von Geburt an im tuberkulösen Milieu lebten, manchmal auf Tuber¬
kulin nicht reagieren.
Was nun meine gesammelten Fälle betrifft, so unterscheiden sich
besonders die Kinder der ersten 2 Jahre in ihrem Verhalten streng von
den älteren Geschwistern und unter diesen Kleinkindern nehmen wieder
die Säuglinge im ersten Lebensjahre eine ganz eigene Stellung ein.
Ich will gleich vorwegnehmen, dass in allen Familien sich eine
sicher festgestellte klinische Tuberkulose bei Vater oder Mutter zeigte,
mit reichlichem, seltenem und geringem oder negativen Bazillenbefunde
(wiederholte Untersuchung, Tierversuch). Bei allen Kindern wurden
die Tuberkulinreaktionen, Mor0 mit eingedicktem Tuberkulin, nach
Hamburger und S t r o d n e r und die subkutane Lokalreaktion bis
zu den höchsten Dosen von 100 mg angestellt.
Andere Infektionsquellen als die Eltern konnten wenigstens bei den
Säuglingen und Kleinkindern, die ja die Wohnung fast nie verliessen,
ausgeschlossen werden und so werteten wir besonders bei diesen die
gefundenen Tatsachen als eindeutige.
Sahen wir uns die ramilien an, wo eines der Eltern schwer klinisch
tuberkulös war und durch längere Zeit, Monate bis Jahre, stets reichlich
Bazillen aushustete, so fällt uns vor allem auf, dass von den unter¬
suchten klinisch nicht tuberkulösen Kindern nur 2 auf Iuberkulin nicht
reagierten, d. h. nicht infiziert erschienen, nämlich die 2 Säuglinge unter
6 Monaten. _ . i
Dasselbe Verhalten zeigen auch die Kinder dieses Alters in den
Familien mit einer offenen Tuberkulose mit geringem oder seltenem
J) Bei Franz Wind scheid: Die Diagnose und Therapie des Kopf¬
schmerzes. 2. Aufl. Halle a. S. 1909 finde ich S. 36 f. nichts darüber.
Bazillenbefunde, mit fakultativ offener (Winkler) und geschlossen
Tuberkulose, allerdings erwiesen sich da auch die älteren Geschwist
nicht als infiziert. _ ... .
Von 65 untersuchten Kindern solcher Familien waren 5 unt
% Jahre alt, alle 5 zeigten negative Tuberkulinreaktionen, wahrend v<
den 60 älteren Kindern 63 Proz. reagierten. Am auffallendsten war di
natürlich dort, wo die Kinder vom ersten Lebensjahre an reichlich
Infektionsgelegenheit ausgesetzt waren, da z. B. die pflegende Mutt
reichlichst Bazillen hustete. Obwohl ausnahmslos _ sich alle Kind
infiziert erwiesen, und positiv auf Tuberkulin reagierten; waren c
Säuglinge tuberkulosefrei, während von den Kindern von 6 Monaten 1
zum 2. Lebensjahre ein gleich hoher Hundertsatz wie bei den alter
Geschwistern eine positive Reaktion zeigte oder klinisch tuberkulös v;
Als Grund für diese Erscheinung wurde von Pollak eine vielleic
angeborene Immunität gegen Tuberkulose, wie wir sie ja auch t
anderen Krankheiten sehen, oder einfach eine geringere luberkuli
empfindlichkeit angenommen. ,
Immerhin sind uns aber auch genug Fälle von 1 uberkulose t
ersten Lebensalters aus Einzelbeobachtungen bekannt, die bezeug!
dass bei möglicher Infektion es auch in diesem Alter zur tuberkulös
Erkrankung kommt.
Da man heute wohl fast allgemein den Standpunkt der F lugg
sehen Schule, die Infektion erfolge durch I röpfcheninhalation. vertr
so liegt es nahe, daran zu denken, dass der Säugling in diesem Alt
wo er fast ausschliesslich Nasenatmer ist, sich infolge des besondei
Baues der oberen Luftwege oder einer zu geringen Aspirationskraft ■
Lunge nur schwer infiziert. ....
Aus den experimentellen Arbeiten Flügges wissen wir, dass v
schiedene physikalische Momente, wie Stellung der Nasen-
Rachenöffnung zur Richtung des infektiösen Hustenstosses, Inspiratio
kraft des zu Infizierenden, Kompliziertheit des Baues der Luftwc
die der Luftstrom nehmen muss und noch mehrere andere Uinstäi
die Infektionshäufigkeit wenigstens bei Versuchstieren sehr bee
flussen. , , , ,
Sie alle können beim Säugling der ersten Lebensmonate sehr w
Anwendung finden und die eigenartige Tatsache erklären, war
gerade diese so häufig der Infektion entgehen.
Eben jene zahlreichen Einzelbeobachtungen, dass eine Intektion
Tuberkelbazillen, wenn sie erfolgt, auch in diesem Alter angeht, sp
chen für eine rein physikalische Erklärung.
Dieses besondere Verhalten der Säuglinge müsste noch wcl
studiert werden, da wir dann (bei einiger ständigen Vorsicht) ei
bazillenhustenden Mutter eher das Stillen ihres Kindes gestat
könnten. , . , ,
Ein zweiter einschneidender Unterschied der Kinder .unter 2 Jah
gegenüber den Eltern liegt in der Tuberkuloseerkrankung. Auch tnc
Familien zeigen, dass weitaus die meisten tuberkulösen Mamtestatio
der Kindheit überhaupt in die Zeit vom annähernd 6. Monat bis s
vollendeten 2. Jahre fallen.
Ich will hier wieder zuerst von den Familien mit reichlichster •
fcktionsgelegenheit berichten. Von 25 Kindern bis 14 Jahren zeit
8 selbst eine klinische Tuberkulose. Von diesen 8 Kindern fielen al
5 in die Kleinkinderzeit, 1. und 2. Lebensjahr. Es waren von 8 Kl
kindern 6 tuberkulös infiziert, davon 5, also fast alle Infizierten ;j
schwer tuberkulös erkrankt.
Gleich anschliessen will ich, dass alle ihrer Tuberkulose in wem
Wochen erlegen sind. Bei der Obduktion zeigten 2 eine tuberkuj
Meningitis, 2 eine miliare Tuberkulose, eines eine käsige Pneunid
mit miliarer Aussaat. .
Wir können hier wohl bestimmt sagen, dass Kleinkinder im ]
Schluss an die Erstinfektion erkranken, wenn die Infektionsgelegenj
eine besonders reichliche ist, wie in unseren Fällen, und fast I
mahmslos daran zugrunde gehen.
Im Gegensatz dazu sehen wir in den Familien selten und spa
Bazillen Hustender und der geschlossen Tuberkulösen von 18 Kirn
unter 2 Jahren 8 tuberkulös Infizierte, also weniger als die Hälfte,
von diesen zeigt nur eines Zeichen einer klinischen Iuberkin
während in der obenerwähntem Gruppe mit reichlicher Infekt;
gelegenheit von 8 Infizierten alle mit Ausnahme eines einzigen tu
kulosekrank waren. J
Ein doch auffallender Unterschied, der wohl nur damit er
werden kann, dass im ersten Falle die. Kleinkinder mit zahlreicl
im letzteren mit nur wenig Bazillen infiziert wurden. Wir sehe,
auch im Tierversuche, dass bei einer bestimmten sehr geringen
zillenmengen nicht mehr bei allen Tieren eine Infektion durch!
jektion angeht. Ungezwungen ist auch hier die Erklärung, dass c|
Kinder eine einmalige geringe Infektion überwunden haben. I
Diesen Familienbeobachtnngen, denen sich auch Einzelbeoi
tungen aus der Klinik und in der Fürsorge anschliessen, glauben!
als Wichtigstes entnehmen zu können, dass Säuglinge
ersten Halbjahre sich nicht so leicht infizieren, ;
Kleinkinder in höherem Aiter.
Auch bei Kleinkindern kommt latente Tuber,
lose ohne Krankheitserscheinungen gar nicht selten vor
zwar hauptsächlich dann, wenn die Infektio n d u
Huster erfolgte, welch e nur wenigund selten Tur
k e 1 b a z i 1 1 e n im A u s w u r f hatten.
Literatur.
Flügge: Zschr. f. Tbc. 34. H. 3 u. 4. — H a m burger: Allgei;
Pathologie und Diagnostik der Kindertuberkulose. Deuticke, Wien 191
). Februar 1922.
MÜNCHENER_ MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
201
e r s.: W.kl. W. 1919 Nr. 8. — Hamburger und Monti: M.m.W. 1909
-. 9. — H i p p k e: Zsclir. f. Hyg. u. Infektkrkh. 93, H. 1. — R. P o 1 1 a k :
-.iiiers Beitr. 19, H. 1 u. 3. — Winkler: W.kl.W. 1920 S. 981.
ie intraperitoneale Infusion — eine letzte Rettungs-
öglichkeit für schwer ernährungsgestörte Säuglinge.
Von Dr. rned. Xaver Mayer, Seligenstadt, Hessen.
Aus den Universitäts-Kinderkliniken in Halle und Köln sind in
eser Wochenschrift zwei Abhandlungen erschienen über ein neues
.■[fahren, dem wasserverarmten Säuglinge Flüssigkeit zuzuführen. Da
e bisher üblichen Methoden^ wie Tropfklystiere, subkutane und intra-
:nöse Injektionen, verade in den schwersten Fällen von Ernährungs¬
ärung meist versagt haben, so war das Suchen nach einem neuen
erfahren eine zwingende Notwendigkeit. Es lag nahe, nachdem der
arm und das Un^erhautzellgewebe als Applikationsfelder für grössere
engen Flüssigkeit sich ungeeignet erwiesen, die ausgezeichnete Rc-
irptionskraft des Peritoneums heranzuziehen, eine Kraft, die in unserm
ztlichen Denken bisher meist als böser Dämon vorherrschte. (Peri-
nitisgefahr bei Eiterungen und entzündlichen Exsudaten in der
auchhöhle!)
Weinberg gebührt das Verdienst, diesen Weg als Erster in
eutschland beschritten zu haben. Allerdings ist in seiner vorläufigen
itteilung in Nr. 44 Jahrgang 1920 von positiven Erfolgen nicht viel zu
sen; denn er schreibt, dass „es in 2 desolaten Fällen von stärkster
Fasserverarmung gelang, durch tägliche Wiederholung der Infusion die
ruglinge 3 Tage am Leben zu erhalten“. Das klingt nicht sehr ermuti-
:nd. Ferner berichtet er über seine Erfolge bei Säuglingen mit in-
uster Prognose, bei denen man noch eine gute Resorptionsfähigkeit
:s Peritoneums voraussetzen durfte. „Die Sektion, 4 — 10 Tage nach
:r Infusion, zeigte, dass die Flüssigkeit vollkommen resorbiert war.“
as klingt wieder wenig ermutigend.
Was Weinberg ani anderer Stelle veröffentlicht hat, ist mir nicht
Tgänglich. Backes, von der Kölner Kinderklinik (M.m.W. 1921
r. 34) hat 61 mal die intraperitoneale Infusion ausgeführt und dabei
6 Fällen eine tödliche Peritonitis erlebt. (Eine genaue Statistik
jhlt.) „Wegen dieser Misserfolge — so schreibt er zum Schlüsse —
ussten wir, wenn auch ungern die intraperitoneale Infusion beim
:hwer ernährungsgestörten Säugling verlassen und begnügen uns
tzt mit andern Methoden.“
Damit wäre der kaum geborenen neuen Methode schon das Grab-
pd gesungen?!
Ich möchte im folgenden durch Beschreibung eines Falles aus meiner
| raxis für die intraperitoneale Infusion eine Lanze brechen, vor allem auch
r die Anwendung derselben durch den Praktiker. Der Zufall wollte es, dass
h einige Tage, nachdem ich die resignierte B a c k e s sehe Veröffentlichung
Uesen hatte, zu einem 3 monatigen Kind mit schwerster Intoxikation ge¬
hen wurde. Heftige Durchfälle verbunden mit unstillbarem, jede Nahrungs-
ifnahme ausschhessendem Erbrechen hatten einen Zustand stärkster Wasser-
marmung hervorgerufen. Der bisher behandelnde Arzt hatte das Kind bereits
hgegeben. Ich versuchte nun zunächst ein Kochsalzklystier zu geben, was
rer sofort wieder entleert wurde. Darauf injizierte ich ca. 80 g physio-
gische Kochsalzlösung subkutan von einer Einstichstelle aus unter weh-
lagendem Schreien des Kindes und heftigem Widerstand der Eltern. Als ich
oends wiederkam, war das Kind trotz der gut verteilten und teilweise re-
rrbierten Flüssigkeit sterbend, in tiefem Koma, die Hornhaut glanzlos,
laktionslos, die Fontanelle eingesunken, die Atmung schnappend, von ein-
hnen gellenden Schreien unterbrochen. Das Ableben war in 3 — 4 Stunden
a erwarten. In dieser Not entschloss ich mich nach schwerem inneren
ampfe (wegen der B a c k e s sehen Ablehnung!) und trotz der inständigen
itte der erschöpften Mutter, ihr Kind doch in Frieden sterben zu lassen,
■ir intraperitonealen Infusion. Mein bescheidenes Instrumentarium bestand
us einer 5 ccm Rekordspritze und einer 4 cm langen, mittelstarken Kanüle,
ie sorgfältig ausgekocht waren. Nach Desinfektion der Haut mit Alkohol
nd Jodtinktur stach ich in der Sinken Bauchseite an der Grenze des äusseren
tid mittleren Drittels der Verbindungslinie zwischen Nabel und Spina iliaca
uterior Superior ein und tastete mich vorsichtig in die Tiefe. Das Durch-
techen des Peritoneums geschah mit einem Ruck. Ich injizierte sofort etwas
ochsalzlösung, um 1. den etwa anliegenden Darm wegzuschieben und 2. um
eher zu sein, mich nicht in den Muskelschichten zu befinden. So spritzte
:h dann nach und nach 150 g körperwarme physiologische Kochsalzlösung
dt einigen Tropfen Adrenalin 1:1000 bei relativer Rühe des Kindes ein.
’ie Vorwölbung des Bauches war kaum nennenswert.
Da erlebte ich das Wunderbare. Noch während der Infusion hellte sich
ie so erschreckend glanzlose Hornhaut auf, die wachsartige Blässe des Ge¬
eiltes wich einer frisch-rosa Farbe, das Kind wurde munterer, atmete regel-
rissig, der Tod war gebannt. Während der Nacht war das Kind sehr durstig
nd nahm zuin erstenmal Tee zu sich. Am nächsten Morgen wiederholte ich
ie Infusion, wieder in der heimlichen Furcht vor dem Schreckgespenst der
eritonitis. Diese Furcht war um so begründeter, als 1. in dem einfachen
rivathaushalt Assistenz und Asepsis natürlich nicht so vollkommen sein
mnten wie in einer Klinik und 2. als ich jedesmal die Spritze abnehmen
nd frisch füllen musste, was die Infektionsgefahr erhöhte. Auch das zweite
ial gelang die Infusion von 180 g Flüssigkeit ohne Zwischenfall. Ein drittes
'-al konnte ich mich nicht mehr dazu entschlossen, sondern begnügte mich
nt 2 subkutanen Injektionen ä 60 g. Mittlerweile war das Kind soweit, dass
s abgespritzte Frauenmilch, Mi stündlich einige Teelöffel, ferner heissen
ee mit Saccharin vertrug. Als die Frauenmilch nicht mehr ausreichte, ver¬
achte ich vorsichtig Eiweissmilch, zunächst mit Saccharin, später mit 3 Proz.
rihrzucker (bis 7 Proz.) Ausserdem wurde das Kind alle 3 Stunden in ein
mgdauerndes heisses Bad gesteckt, dann tüchtig frottiert, bekam 2 stündlich
.offein 0,12 subkutan, abwechselnd mit Pituitrin 0,25. Als Schlafmittel wurde
n Anschluss an die Infusion 0,5 Chloralhydrat per rectum gegeben, wonach
as Kind sofort einschlief. Nach schweren aufregenden Tagen hatte sich das
indchen dank der unermüdlichen Pflege und genauester Befolgung aller ärzt¬
licher Anordnungen durch die Mutter soweit erholt, dass es die Eiweissmilch
in grösseren Mengen vertragen konnte. Die Tagesmenge betrug zunächst
100 und stieg dann langsam auf 300, 400, bis auf 800 und 900 g. Das Kör¬
pergewicht betrug vor der Krankheit 4600 g, fiel in der kritischen Zeit auf
3400 und beträgt jetzt, nach 4 Wochen, 4900 g, also eine Zunahme von 3 Pfd. !
In unserm Falle hat also die intraperitoneale Infusion ein Wunder
gewirkt und ein vom Kollegen aufgegebenes Kind dem sicheren Tode
entrissen. Ich möchte daher meinen Kollegen Ln der Praxis trotz der
Misserfolge Backes’ dringend empfehlen, in ähnlich desolaten Fäl¬
len von kindlicher Ernährungsstörung nicht tatenlos und resigniert
zuzusehen, sondern das letzte Mittel anzuwenden, das uns mit der intra¬
peritonealen Infusion in die Hand gegeben ist.
Ueber Behandlung der Pernionen und der chronischen
Erfrierungen mit Schilddrüsenpräparaten.
Von Heinrich Emb den -Hamburg.
Ausgangspunkt der hier mitzuteilenden Erfahrungen war die Be¬
obachtung eines Falles von leichter chronischer Hypothyreosis, der
neben anderen Erscheinungen frostbeulenähnliche, schmerzende und
juckende rote und blaurote Flecken an den Fingern zeigte, die bei
der eingeleiteten Behandlung (Mercks Thyreoglobulin, später
Merck s Schilddrüsentabletten) mit den anderen Erscheinungen
schwanden.
Es wurden daraufhin gewöhnliche Frostbeulen in einer Reihe von
Fällen mit Schilddrüsenpräparaten behandelt. Dabei trat in einer An¬
zahl von Fällen bei anhaltender Kälte und fortdauernder Schädigung
der Finger durch Arbeit mit nassem Material (z. B. Krankenschwester
im Operationssaal) ganz überraschend schnell Heilung ein. In anderen
Fällen war die Therapie wirkungslos.
Sehr auffallend war die prompte und vollständige Heilung von
chronischen Frostschäden. Ein Fliegerleutnant, der bei strengem Fiost
abgeschossen 24 Stunden hilflos zwischen der feindlichen und unserer
Stellung liegend schwere • Erfrierungen der Hände und Füsse davon¬
getragen hatte, bekam alljährlich schon im Frühherbst erneute blaurote
Schwellung der geschädigten Glieder mit starken subjektiven Be¬
schwerden. Die Behandlung mit Schilddrüsentabletten setzte zur Zeit
des Bestehens dieser Störungen im Oktober ein und führte in 14 Tagen
zur völligen Abschwellung und Beschwerdefreiheit. — Noch auffallen¬
der war die Heilung einer jungen Dame von 22 Jahren, die alljährlich
analoge Folgen einer im Alter von 7 Jahren bei einer langen Schlitten¬
fahrt erlittenen schweren Erfrierung der Gliedmassen zu erdulden hatte.
Auch hier volle Heilung des sehr störenden Zustandes zur Zeit seiner
höchsten Entwicklung nach Verbrauch eines Glases der Tabletten. Die
Heilung hält hier jetzt 2 Jahre an.
Klinisch konnten die Erscheinungen bei den Versagern nicht von
denjenigen bei den günstig beeinflussbaren Fällen unterschieden wei¬
den. Vielleicht werden Stoffwechseluntersuchungen die Unterscheidung
ermöglichen. ^ ... ..,
Wie Lenk bei seiner Röntgenbehandlung dfcr Pernionen (M.m.W.
1922, S. 87), nehme ich auch bei der Thyreoideabehandlung eine Be¬
einflussung der geschädigten Gefässe an.
Wie die Röntgenbehandlung ist auch die Schilddrüsenbehandlung
eine Methode mit differentem Mittel. Beide Methoden erfordern sorg¬
fältige Dosierung (Beginn mit kleiner Dosis und Kontrolle). Jüngere
Kinder habe ich nicht behandelt. Weitere Untersuchungen sind er¬
wünscht und dürften besonders bei chronischen Frostschäden praktisch
bedeutsam sein, aber auch des theoretischen Interesses (Beziehungen
der Frostbeulen zur Konstitution) nicht ermangeln.
Aus der Hautklinik der Städtischen Krankenanstalt in Bremen.
(Direktor: Prof. Dr. Hahn.)
Ein Beitrag zur Naftalantherapie.
Von Dr. Kurt Sauerbrey, Assistent der Klinik.
Während des Krieges war Naftalan nicht lieferbar, wie ja so
manches gute therapeutische Mittel. Jetzt ist es seit geraumer Zeit
als Naftalan pur. germ. wieder erschienen und wir gingen freudig
dazu über, die alte Naftalantherapie wieder aufzunehmen.
Naftalan bildet bekanntlich eine fast geruchlose _ salbenähnliche
Masse von dunkelbrauner Farbe. Es vermischt sich leicht mit Fetten
und Salben in jeder Konzentration, löst sich gut in Aether und Chloro¬
form, ist unlöslich in Glyzerin und Wassern _
Die alten guten Eigenschaften des Naftalans haben wir wieder
bestätigt gefunden: anästhesierend, antiphlogistisch, reduzierend und
antiseptisch.
Das Hauptanwendungsgebiet des Naftalans ist das Ekzem, ins¬
besondere das chronische Ekzem. Wir Hessen Naftalan zweimal täglich
messerrückendick, am besten auf Leinwandlappen, auftragen und mil¬
derten so sehr schnell den Juckreiz und das Spannungsgefühl, ganz gleich,
ob es sich um Ekzeme mit oder ohne Hautinfiltrationen handelte. Die
Heilungstendenz zeigte sich der des Teers zum mindesten ebenbürtig,
wenn nicht gar in manchen Fällen überlegen, ganz abgesehen von der
fast völligen Geruchlosigkeit des Naftalans. Nie zeigten sich Ueber-
rasdnmgen unangenehmer Art wie bei manchen anderen Medi¬
kamenten, wir erinnern nur an die Teerpräparate, Ueberraschungen, die
202
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. 6.
sich trotz grösster Vorsicht nicht immer vermeiden lassen. In jedem I
Stadium des Ekzems wurde Naftalan gut vertragen und entfaltete seine |
glänzende Heilwirkung, so dass es auch für den praktischen Arzt ein |
nicht zu unterschätzendes, bequemes und sicheres Mittel in der |
Therapie des Ekzems jeden Stadiums bildet.
Wir wandten Naftalan hier in unserer Klinik bei allen Arten von
Ekzemen, bei Epididymitis und Arthritis gonorrhoica an. Vereinzelte
Fälle der Naftalananwendung waren Verbrennungen I. und II. Grades
und Pruritus senilis.
Der Dreher M. S. litt seit 3 Wochen an einem pustulösen Ekzem der
Finger und squamösen Ekzem der Handflächen und Handrücken. Unter
indifferenten Verbänden verschwand bald der pustulöse Charakter des Ekzems,
der squamöse dagegen blieb erhalten, ebenso der lästige Juckreiz. Nach
zweitägiger Anwendung von Naftalan war der Juckreiz und das Spannungs-
gefühl verschwunden und nach weiteren vier Tagen Naftalanbehandlung wurde
der Patient als geheilt entlassen.
Aehnlich in die Augen spfingerid war der Erfolg des Naftalans bei
einem anderen Patienten.
Der Zigarrenkistenmacher E. B. war schon öfter in unserer Klinik wegen
Ekzem der Hände kürzere oder längere Zeit behandelt und geheilt worden.
Als er am 27. VI. 1921 wieder erschien, bestand seit sechs Wochen ein
squamöses Ekzem an den Händen und Unterarmen, das sich seit einigen Tagen
wahrscheinlich auf dem Wege der reflektorischen Gefässalteration über den
ganzen Körper verbreitet hatte. Nachdem unter Zink- und Ichthyolsalben¬
verbänden keine wesentliche Besserung eintrat, wandten wir Naftalan an.
Nach sechs Tagen Naftalanbehandlung war das Ekzem abgeheilt.
Mit Naftalan behandelten wir ferner die vielen postskabiösen Ek¬
zeme, die hier zahlreich in der Klinik zur Behandlung kamen. Diese
meist impetiginösen Ekzeme, die oft sehr hartnäckig sind und infolge
des Juckreizes den Patienten häufig veranlassen, auf eigene Faust noch
mehrere Krätzekuren zu machen, heilten unter Naftalan schnell aus.
Die nässenden Hautstellen und schmerzhaften Rhagaden schlossen sich
in kürzester Frist, auch hinterblieb kein Juckreiz, der ja öfter bei
Leuten, die längere Zeit an Krätze leiden, zur Beobachtung kommt.
Bei Brustwarzenekzemen, die wir mit Naftalan behandelten, fanden
wir die gute Wirkung des Mittels bestätigt.- Die Kranken hatten fast
immer schon alles mögliche versucht, um dieses lästige Ekzem, das am
häufigsten und längsten jeglicher Behandlung trotzt, zur Ausheilung zu
bringen, unter Naftalan heilten Brustwarzenekzeme mit ihren Rhagaden
schnell ab.
Nicht unerwähnt wollen wir die Erfolge der Naftalantherapie bei
Brandwunden I. und II. Grades lassen. Hierbei kommt in besonders
günstiger Weise die schmerzstillende, entzündungswidrige und redu¬
zierende Wirkung des Naftalans zur Geltung. Zur Heilung bedurfte es
einer verhältnismässig viel kürzeren Zeit als bei den sonst gebräuch¬
lichen Mitteln. Die Naftalantherapie lässt das unangenehme Ein¬
trocknen und lästige Ankleben der Verbandstoffe fortfallen, ist fast
geruchlos und führt zur Bildung schöner glatter Narben. Bei Brand¬
wunden III. Grades ist das Naftalan wie überhaupt Salben und ähnliche
Präparate nicht zu empfehlen, da man mit trockenen und entsprechend
saugenden antiseptischen Mitteln besser zum Ziele gelangt.
Mit gutem Erfolge wandten wir Naftalan, indem wir es dünn auf¬
tragen Hessen, bei , Pruritus senilis an. Zu einer restitutio ad integrum
kam es natürlich nicht, was ja bei dieser Sensibilitätsneurose nicht
weiter verwunderlich ist. Jedoch 'schliefen die Kranken, die vorher
infolge des Juckreizes wenig geschlafen hatten und sehr herunter¬
gekommen waren, ohne Narkotika gut und erholten sich zusehends, da
der Juckreiz sich so milderte, dass die Patienten nicht zu kratzen
brauchten, oder doch nur abgeschwächt anfallsweise auftrat.
Zahlreich sind die Fälle von Epididymitis, bei denen wir Naftalan
anwandten. Wir sahen stets, dass die erheblichen Schmerzen in Kürze
schwanden und die Schwellung schnell resorbiert wurde, so dass die¬
jenigen Kranken, die mit Ichthyol-, Jodkalisalben u. a. behandelt
wurden, nach Naftalan verlangten. Wir haben dabei nie eine Reizung
der Skrotalhaut gesehen, wie sie zuweilen bei Ichthyol, wahrscheinlich
infolge seines hohen Schwefelgehaltes, vorkommt. Mit Naftalan haben
wir selbst die ältesten Fälle von Epididymitis gut und schnell der
Ausheilung entgegengeführt. Der Krankheitsverlauf war durchschnitt¬
lich viel kürzer, als bei der sonst gebräuchlichen Behandlung, die
Resolution war eine vollständige.
Das Gleiche gilt von den Gelenkerkrankungen gonorrhoischen Ur¬
sprungs. Wir wissen ja. dass die Behandlung dieser gonorrhoischen
Komplikation eine höchst undankbare ist. Naftalan führt jedoch bei
dieser Erkrankung am schnellsten zum Ziele, da es viel rascher als die
sonst üblichen Mittel das befallene Gelenk schmerzfrei und damit be-,
weglicher macht, dazu kommt, dass man bei der Naftalanbehandlung
keine festen Verbände braucht, ja nicht einmal anlegen soll, damit das
Naftalan nicht zu sehr in den Verband einzieht. Somit ist der Kranke
eher in der Lage, das Gelenk selbst zu bewegen, schon zu einer Zeit,
in der es zu stärkeren Verwachsungen nicht gekommen ist.
Ueber Novasurol.
Von Dr. O. Bur winke 1 -Bad Nauheim.
Auf meine Veranlassung wandte Kollege Hubert (diese Wochen¬
schrift 1921/48) das Novasurol bei 16 Kranken von mir an, deren hydro-
pische Schwellungen durch die üblichen Diuretika nicht oder nur un¬
vollständig beseitigt werden konnten. Zweifellos stellt dies neue
Huecksilberpräparat eine glückliche Bereicherung in der Therapie der
Oedeme dar, leider aber auch, wie das Kalomel. „eine zweischneidige
Waffe, zu der man erst seine Zuflucht nehmen soll, wenn alle Mittel
versagen“ („Krankheiten des Herzens und der Gefässe“. Bergmanns
Verlag). So kommt es relativ oft schon nach einer einzigen intra¬
venösen Applikation von nur 0,075 Novasurol (= Vz Ampulle) zu höchst
unbequemer Hg-Intoxikation, ausserdem aber noch zu anderen un¬
angenehmen Nebenerscheinungen, wie ich dies gerade in den letzter.
Wochen erlebte.
Bei einem 58 jähr. Manne mit Mesaortitis luetica und Nephrosklerose
traten unmittelbar nach solcher Injektion heftiger Schüttelfrost und Fieber
bis 39,2 mit lästiger Ischurie auf. Mit Einsetzen der Harnflut (3,5 Liter in
24 Stunden) Hess alles nach. Noch viel unangenehmer reagierte eine 49 jähr.
Dame mit maligner Nephrosklerose und völliger Herzdekompensation auf die
gleiche Einspritzung: auch hier plötzlicher Fieberanstieg auf 39,6 unter starken
Schüttelfrösten und unerträglicher Stuhldrang mit Abgang von etwas Blut,
so dass Patientin die ganze Nacht auf der Bettpfanne sitzen musste. Am
nächsten Tage hörten diese Beschwerden wohl auf, nicht aber die scheussliche
Stomatitis, welche sich trotz tadelloser Beschaffenheit und Pflege der Zähne
eingestellt hatte. Da diese Kranke vor 2 Monaten einen schweren urämischen
Anfall überstanden und im Urin über 1 Prom. Albumen, hyaline, granulierte,
wachsartige Zylinder, Erythrozyten und Blutschatten gezeigt hatte, so ent¬
schloss ich mich nur auf ihr eigenes Drängen zur Anwendung von Novasurol,
von dessen glänzender diuretischer Wirkung sie gehört hatte. Die Diurese
wurde auch besser — 2 Liter gegen % Liter im Durchschnitt — und eint
nachweisbare Schädigung der Nieren blieb glücklicherweise aus. Trotz zu¬
nehmender Oedeme wage ich keine weiteren Injektionen zu machen
Uebrigens stellen sich bei dieser Patientin auf Diuretin, Theocin, Digitalis
I Cymarin, Strophantin jedesmal Erbrechen, Kopfschmerzen und gastrische
Symptome ein.
Nach meinen Beobachtungen ist die diuretische Wirkung vor
Novasurol dann am ausgesprochensten, wenn die Urinabsonderung aucr
noch durch Digitalis und Theobrcminpräparate günstig, wenn auch niclr
entscheidend zu beeinflussen ist. Für die Praxis empfehle ich die Nova-
surolinjektionen möglichst am Morgen vorzunehmen, damit die Nacht
ruhe nicht durch das ständige Urinieren gestört wird, sowie Bettruht
und Milchdiät an dem Tage der Einspritzung beobachten zu lassen
Auch möchte ich raten, bei Kranken, deren Oedeme trotz chronische:
Digitalisdarreichung immer wiederkehren, etwa alle 2 — 3 Wochei
0,1 — 0,2 Novasurol zu injizieren, um eine optimale Entwässerung her¬
beizuführen. Man darf getrost behaupten, dass künftighin Kalomel ah
Diuretikum zweckmässig durch das prompt und energisch wirkendi
Novasurol ersetzt wird. Es imponiert dem Kranken ganz gewaltig
wenn genau so wie der Arzt es ihm gesagt hat, 2 — 3 Stunden nach de
intravenösen Injektion der Urin literweise abgeht und die wasser
süchtigen Schwellungen abnehmen.
Kurze Bemerkung zur Sauerbruchoperation und
-prothese.
Von Prof. Dr. August Blencke, Magdeburg. J
ln Nr. 50 des vorigen Jahrganges dieser Wochenschrift findet sic!
ein Referat über einen von mir in der Magdeburger medizinische)
Gesellschaft gehaltenen Vortrag über Neuerungen im Prothesen- utr
Apparatebau, das nicht von mir stammt und aus dem man heraus
lesen muss, dass ich kein Freund der Sauerbruch arme sei. Das is
nun aber keineswegs der Fall, spndern ich schätze die Operation un
die Arme sehr hoch. Ich habe keineswegs gesagt, dass alle frühere
S a u e r b r uc h operierten etwa zu anderen Systemen übergehen wür
den, sondern ich habe nur erwähnt, dass bei vielen nach Sauer
bruch Operierten die Kanäle nicht den an sie gestellten Anfor
derungen gewachsen wären und dass diese mit dem künstlichen Arr
nicht das leisten könnten, was sie erhofft hätten. Das habe aber nich
an der Operation als solcher gelegen, sondern lediglich an der nicli
zweck- und sachgemässen Ausführung derselben. Es gab ja leide
eine Zeit, in der sich so viele Operateure daran machten, Kanäle i
den Muskeln zu bilden, ohne dass sie sich genügend an Ort und Stell
über die Operation und noch vieles andere mehr unterrichtet hatte)
Diese waren dann wenig oder gar Dicht zu gebrauchen und brachte
die an sich sehr gute Methode an manchen Orten in Misskredit nich
nur bei den Amputierten selbst, sondern auch bei den Aerzten. Nac
meinem Dafürhalten sind die S”a ue r b r u c harme zur Zeit immer noc
die besten selbsttätigen Kunstarme, vorausgesetzt natürlich, dass e
sich um gute, derbe Kanäle handelt und dass die Muskeln die nötig
Kraft und Zuglänge haben. Ich kenne die Vorzüge dieser Method
aus eigener Erfahrung, habe selbst auf meinem Kommando in Singe
im Jahre 1918 Gelegenheit gehabt, mich von ihrem Wert an viele
Amputierten zu überzeugen, kenne auch viele nach Sauerbruc
Operierte, die mit ihren Armen sehr zufrieden sind und auch gi
fertig werden. Uebung ist aber a.UjCh bei diesen Systemen nötig, d'
Arme arbeiten nun einmal nicht allein und so gibt es denn auch unti
diesen nach Sauerbruch Amputierten manch einen, der mit seine)
Arm nichts leistet, weil es ihm eben an der nötigen Energie un
Uebung fehlt, und diese sind es dann meist, die alle anderen Arn
Systeme, die auf dem Markt erscheinen, durchprobieren und zw;
immer aus begreiflichen Gründen ohne nennenswerten Erfolg.
Dass die Sauerbrucharme natürlich den verloren gegangene
Arm nicht voll und ganz ersetzen können, liegt ja klar auf der Han.
Das ist aber bei allen anderen Armsystemen auch der Fall, unte
denen ich übrigens die Kresser- und Pietscharme nicht als di
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Februar 1922.
203
lendetsten bezeichnet habe. Ich habe diese mit den Carnes-,
n g e Hirsch- und anderen ähnlichen Armen auf eine gleiche
ife gestellt und habe nur davon gesprochen! dass sie zeitlich die
■teil sind, die über die anderen Systeme hinaus ihre Entwicklung
lomrnen haben.
Aus der Universitäts-Frauenklinik in Giessen.
(Direktor: Prof. Dr. v. Jaschke.)
r Behandlung der Zervixgonorrhöe durch Choieval-
tamponade des Uterus.
Von Dr. Rudolf Salomo n, Assistent der Klinik.
ln der M.m.W. 1921 Nr. 17 teilte H a e n d 1 ein Verfahren mit, das die
! vixgojiorrhöe Schneller als die bisherigen Methoden heilen sollte,
ne Behandlung bestand darin, dass er die Gebärmutterhöhle mit
ilevalstäbchen und -bröckelchen austamponierte, indem er 1—4 Stifte
ch den Zcrvikalkanal nach Uebcrwindung des inneren Muttermundes
das Uteruskavum schob.
Da wir leider mit einem sehr reichlichen Gonorrhöematerial ge¬
ilet sind, und sich bei uns bis jetzt noch keine Methode zur Be-
ipfung der aszendierenden Gonorrhöe als wirklich brauchbar er-
s, so entschlossen wir uns in Hinsicht auf die günstigen und korn-
ationslosen Erfolge, über die Haendl berichten konnte, trotz
änglicher Skepsis, zur Nachprüfung seines. Verfahrens.
Auf Grund unserer Untersuchungen können wir H a e n d 1 s gute
Imitate ganz und gar nicht bestätigen, sondern im Gegenteil nur
eilt trübe Beobachtungen mitteilen. Bei 15 Kranken wurde nach
Originalvorschrift die Uterus-Cholevaltamponade unter streng asep-
hen Kautelen durchgeführt. Im Anschluss an diese Therapie stell¬
sich bei drei Fällen Komplikationen ein. wie wir sie bei keinem
erer übrigen Behandlungsverfahren gewohnt sind. So wurden zwei-
Pyosalpingen und Parametritiden ausgelöst, die schwerste kli-
:he Krankheitsbilder machten, und bei einer dritten Frau genügten
ii Uterustamponaden, um den bereits abgeklungenen einseitigen
ametranen Prozess wieder zum Aufflackern zu bringen, sodass sie
Folge unserer Behandlung zwei hühnereigrosse Adnextumoren sowie
; Parametritis posterior bilateralis davontrug. Hier sollen kurz die
i Leidensgeschichten folgen:
j7 a O 1. Frl. L., 23 Jahre, J.-Nr. 309/21, Gonorrhöe seit 3 Monaten,
der Aufnahme Genitale normal, ausser geringer Druckempfindlichkeit der
in Adnexe. Die rechten Adnexe absolut frei. Nach fünfmaliger Choleval-
oonade des Uterus waren die Gonokokken noch nicht geschwunden,
:gen stellten sich plötzlich hohe Temperaturanstiege ein bei heftigsten
lektiven Beschwerden im Unterleib. Die innere Untersuchung ergab, dass
echten Adnexe jetzt einen gänseeigrossen, prall elastischen, ausser-
nthch empfindlichen Adnextumor bildeten, der das Scheidengewölbe stark
wölbte. Die linken Adnexe waren ebenfalls zu einem kleineren entzünd¬
in Tumor umgewandelt. In der Folgezeit gesellte sich noch eine Para-
itis posterior hinzu. Die Leukozytenzahl schwankte um 17 000. Nach
rmonatlichem Klinikaufenthalt waren die Gebärmutteranhänge
ler einigermassen zurückgebildet.
Fall 2. Frl. R., 21 Jahre, J.-Nr. 441/21. Bei der Aufnahme Urethritis,
lzitis und Kolpitis gonorrhoica. Uterus und Adnexe bei der Betastung
aal. Im Anschluss an eine einzige Cholevaltamponade traten
were beiderseitige Adnextumoren und Parametri-
e n auf. Patientin konnte erst nach weiteren 10 Wochen aus der
ik entlassen werden.
Fall 3. Frl. R., 32 Jahre, J.-Nr. 725/21. Patientin war mit einem
eneigrossen, linksseitigen Adnextumor und leichter Parametritis posterior
irrhoica aufgenommen worden. Durch resorbierende Verfahren war die
vellung zurückgegangen und die Patientin temperaturfrei. Da stets noch
pkokken im Urethral- und Zervixsekret nachweisbar waren, wurde die
evaltamponade versucht. Nach der zweiten Tamponade stellten sich
ge klinische Ei scheinungen ein, der Tastbefund ergab beiderseitige
mereigrosse Adnextumoren und Parametritis
• t e r i o r.
Diese Beispiele dürften genügen, um die Uterus-
olevaltamponade abzulehnen, ja geradezu davor
warnen. Auffallend ist. dass Haendl nur über gute Erfolge
cnten konnte; leider ist aus seiner Arbeit nicht die Zahl seiner
eilten Fälle zu ersehen und auch nicht die Dauer des Heilungs-
aufes angegeben, sondern nur erwähnt, dass „die Hälfte der frü-
:n. Behandlungsdauer erforderlich ist“. Wie unsere übrigen Fälle,
ehe keine gröberen Adnexveränderungen hervörriefen, zeigen,
'en sich keine günstigeren Heilungsverläufe erzielen, als
anderen Verfahren. Die Gonokokken waren auch nach wiederhol-
lamponaden nicht 'geschwunden.
Meines Erachtens sind die Erwägungen H a e n d 1 s. „dass die Gefahr
Verschleppung der Gonokokken gegen die Tube nicht sehr gross sein
i , nicht stichhaltig. Die in der Scheide und Cervix befindlichen
nokokken werden sicherlich in die bis dahin vielleicht noch
otreie Gebärmutterhöhle verschleppt. Es ist recht zweifel-
ob die Cholevalwirkung jedes Mal ausreicht, um sämtliche nach
i transportierte Krankheitserreger zu vernichten. Andererseits las-
sich kleine Verletzungen an der entzündlichen Zervixschleim¬
oder an der Uterusinnenfläche beim Einführen der Stäbchen, die
r schnell erweichen und biegsam werden, nicht vermeiden, da
na I erweise die Uteruswände aneinanderliegen und jetzt für ein bis
otäbchen Platz geben sollen. Auf diese Weise werden also die
Gonokokken in das Tubenlumcn, in die Parametrien und in die Blutbahn
j förmlich inokuliert. Hinzu kommt noch, dass sich an dem äusseren
Muttermund bei den chronischen Entziindungsprozessen oft Erosionen
j finden, deren Mischflora ebenfalls nach oben verschleppt wird.
Unsere Erfahrungen bestätigen voll und ganz diese U e b er¬
leg u n g e n.
Wenn auch die schnellere Herausbeförderung des keimhaltigen
Uterusschleims theoretisch günstig ist, so möchten wir doch der Mobi-
} lisierung des Zervix- und Uterusschleimes nicht die Bedeutung bei¬
messen, wie es H a e n d 1 tut. Die bakterizide Kraft des Zervix¬
schleimpfropfes. der den besten Schutz wall gegen die reichliche
Bakterienflora der Scheide bildet, kann nicht hoch' genug bewertet wer¬
den. weil sonst der aszendierenden M i s c h f 1 o r a Tür und Tor
geöffnet ist.
Abgesehen von diesen rein klinischen Erwägungen ist der Eingriff
j für die Kranken recht unangenehm, und klagen sie beim Einführen
| ^fr sehr lebhafte Schmerzen, die oft eine Stunde und länger
I anmuten, so dass sie die Uterustamponade über alles fürchten. Auch
für Arzt und Personal ist das Verfahren anstrengender und zeitrauben¬
der wie die üblichen Behandlungsmethoden, und für den praktischen'
Arzt schon deshalb ungeeignet, weil es bei schonendem Vorgehen
Assistenz und strengste Asepsis erforderlich macht.
Von diesen Gesichtspunkten aus kommen wir zu
' dem Schlüsse, dass die Uterustamponade mit C h o 1 e -
: valstäbchen gefährlich ist bei zweifelhaftem Hei¬
lungsei folge und daher für die Praxis unbrauchbar.
Zum Jodismusproblem.
Von Dr. 0. Muck-Essen.
Zu der Veröffentlichung von M. R. Bonsmann über Jodismus
bei Potatoren in Nr. 52 der M m.W. 1921 und zu dem Erklärungs¬
versuch der Jodnebenwirkung, die Bonsmann bei Alkohol- und
Nikotinmissbrauch feststellt sei von mir auf Mitteilungen verwiesen,
die ich 1900 aus der Rostocker Ohrenklinik (Prof. Körner) machte
B o n s m a n n beobachtete, dass bei allen Trinkern Schnupfenund
vermehrte Tränensekretion als Folgeerscheinung einer
experimenti causa verabreichten Jodlösung auftraten; die gleichen Er¬
scheinungen stellte er bei Rauchern fest.
Ich fand damals, dass wenn Rhodankalium, das in der Regel im
menschlichen Speichel angetroffen wird, nachweisbar 'ist, es sich im
Nasen - und Konjunktivalsekret1) ebenfalls feststellen liess,
eine bis dahin unbekannte Tatsache Es stellte sich ferner heraus, dass
bei Kranken mit hohem Rhodangehalt in genannten Sekreten, wenn zu¬
fällig Jodkali verabreicht wurde, Jodismus auf trat, während Menschen,
die rhodanarm oder frei in genannten Sekreten waren, keinen Jodismus
zeigten 2). Die Kranken und weiterhin die Versuchspersonen reagierten
also vor allem mit Jodentzündungserscheinungen von seiten der
Schleimhäute, deren Drüsen reichlich Rhodan absonderten, wie ich mich
auch späterhin überzeugen konnte. Den Nachweis des Rhodankaliums
führte ich mit der von Solera angegebenen Jodsäure, welche
durch das Rhodankalium reduziert wird. Daraus zog ich den Schluss,
dass die Jodintoxikation nach Jodkaligebrauch eine Folge der Rhodan¬
einwirkung sei. Auch auf das Jodkali wirkt Rhodan jodabspaltend 3).
Für die Richtigkeit meiner Auffassung scheint mir die Beobachtung
von Bonsmann einen Beweis zu liefern, denn bekanntlich weisen
Raucher 2 — 3 mal mehr Rhodankalium bzw. -natrium im Speichel auf als
Nichtraucher, wie dies durch die Untersuchungen von Gscheidlen,
Külz, Krüger, Grober und A. Mayer gefunden wurde. Da be¬
kanntlich die meisten Trinker auch Raucher sind, so nimmt es nicht
wunder, dass die Schleimhäute, deren eigene oder Nachbarschafts¬
drüsen Rhodan produzieren, bei der Jodentzündung beteiligt sind, wenn
jene ein rhodanhaltigeres Sekret absondern, als in der Norm; dies ist
bei Trinkern und Rauchern aber der Fall. Da vonKcbert schon 1900
die Hypothese, nach der die im Speichel enthaltene salpetrige Säure ') für
die Entstehung des Jodismus verantwortlich zu machen sei, aufgegeben
ist, wie auch von anderen Autoren, 'so scheint mir die Erklärung von
Bonsmann für den Jodismus bei Trinkern (und Rauchern), nämlich
der chronische Reizzustand der oberen Luftwege, nicht die gegebene
zu sein, weil ja nicht jeder Raucher und Trinker eine Konjunktivitis hat
und doch auf Jod mit Tränenträufeln reagiert, vielmehr scheint mir
meine Erklärung zuzutreffen, dass das Rhodankalium seine iodabspaltende
Wirkung auf den Schleimhäuten hauptsächlich entfaltet, deren eigene
oder Nachbarschaftsdrüsen reichlich Rhodan absondern.
') Muck: Ueber das Vorkommen von Rhodan im Nasen- und Konju lk-
tivalsekret. M.m.W. 1900 Nr. 34.
s) Muck: Ueber das Auftreten der akuten Jodintoxikation nach Jodkali¬
gebrauch in ihrer Abhängigkeit von dem Rhodangehalt des Speichels, des
Nasen- und des Konjunktivalsekrets. M.m.W. 1900 Nr. 50.
*) Maring: Ueber das Verhalten des Jod zum Harn. Inaug.-Diss. 1900.
Aus dem Inst. f. physiol. Chemie und Pharmakologie der Univers Rostock
Prof. Robert. ’
') M a r u n g: 1. c. S. 38/39.
204
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 6.
Ueber die Verhütung der Serumkrankheit durch An¬
wendung des Diphtherie- und Tetanuserum von immuni¬
sierten Kindern.
Von Prof. R. Kraus, Direktor des Seruminstitutes Butantan,
(Sao Paulo).
In Nr 39 1921 dieser Wochenschrift habe ich mit meinen Mit¬
arbeitern Dr. B o n.o r i n o Cue n c a, und Dr. S o r d c 1 1 i antitoxisches
Rinderserum zu präventiven und kurativen Zwecken an - c e e
bisher verwendeten Sera, von Pferden gewonnen, empfohlen.
Die Verwendung von Rindern als Serumspender an Stelle von
Pferden geschah nicht auf Grund spekulativer Ueberlegung, sondern
g/ns von ^klinischer Beobacht™ aus (Kraus. P.»«.#»»»»»,,»
Cuenca, Rev. del Inst. Bactenologico de Buenos Aires, \ ol. 1.
WJkl.W. 1917). ... , ....
Wir konnten nämlich bei der Behandlung des M.te-
brandes mit normalem Rinderserum die linteressante Beobachtung
machen dass trotz Anwendung sehr grosser Mengen (30 150 ccm)
Rinderserums, nur selten Erscheinungen der Serumkrankheit auftraten.
Diese Tatsache bildete den Ausgangspunkt weiterer Versuche, um
zu ermitteln, ob auch das von i m m u n i s i e r t e n Rindern gewonnene
nntitnvische’ Serum ebenso selten Serumkrankheit hervorrufe, wie das
Sehe Erfahrungen lrc, Diphtherie und Tetanus
mit dem antitoxischen Rinderserum haben unsere Annahme bestätigt.
P , ™ QrS dieser am Krankenbette gemachten Beobachtungen
tabeu wir das anSSsche Rinderserum sowohl für praven t.ve
als auch für kurative Zwecke emptohlen. Bis dahin lagen
in der Literatur keinerlei Angaben vor: _
1. über die Immunisierung und Gewinnung kurativer antitoxischei
Dinlitherie- und Tetanussera von Rindern, , , ,,
2 über die kurative Anwendung derartiger Sera am Krankenbette,
3 ^er Verhütung der Serumkrankheit durch Verwendung von
Rind'erserum an Stelle der Pferdesera.
Wir waren daher berechtigt, zu behaupten, dass unsere Versuc ie
über Immunisierung der Rinder, sowie Verwendung dieser Sera
Heilzwecken neu sind. .
ln Nr. 43 dieser Wochenschrift will W. R. Bieling unsere Rechte
nicht gelten lassen und meint, dass uns offenbar entgangen sei.
in Deutschland bereits seit 1912 ein Pr°Phylakt!shches'puni^riicS
Rinderserum angewandt worden ist De. mgegenuber sei aus idn ickhch
darauf hingewiesen, dass wir sowohl Ascoli als auch B e :h r g
als diejenigen Autoren, welche Diphtherieserum vom Schaf und Rind
gewonnen haben und zu p r o p h y 1 a k t i s c h e n Zwecken empfahlen
in unserer Arbeit zitieren. Die Mitteilung von W i e d e m a n n, die
auch Bieling anführt, haben wir allerdings nicht gekannt. Es ist abei
unverständlich, wie Bieling dazu kommt, zu behaupten dass
Rinderserum kurativ vor uns angewendet worden ist und sich dabei
auf Wie de man ns Mitteilung beruft. W i e de m a n n beschreibt
nämlich einen Fall von Diphtherie, der nach Injektion v™ D.1P'lthe'ie;
serum (Pferd) Erscheinungen einer schweren Serumkrankheit darbot,
und da eine weitere Seruminjektion indiziert war, verwendete er
1500 Einheiten eines prophylaktischen Rinderserums Ono f. .
Dieser Fall beweist überhaupt nichts und am wenigsten, dass Rmdei-
serum an Stelle von Pierdeserum zu kurativen Zwecken verwendet
werden kann.
Wie man daraus sieht, ist cs uns nicht entgangen, dass Ascoli
und Behring antitoxisches Serum von Schaf oder Rind zu prophy¬
laktischen Zwecken empfohlen haben, wohl aber ist es Bieling ent¬
gangen, worin der prinzipielle Unterschied gegenüber den von uns
mitgeteilten Tatsachen besteht.
Ascoli hat als Erster antitoxisches Diphtherieserum vom Schar
prophylaktisch empfohlen, um, wenn sich eine zweite Injektion mit
Pferdeserum zu kurativen Zwecken als notwendig ergeben sollte.
Konsequenzen zu verhüten; er bezeichnet deswegen das Serum als
antiallergisch.
Später hat dann Behring prophylaktisches Diphtherieserum von
Rindern empfohlen. Behring ging dabei von derselben Ueberlegung
aus wie Ascoli, indem es ihm darauf ankam. die oft bedrohlichen
Symptome der Serumkrankheit nach Reinfektion von Pferdeserum zu
Als Kronzeugen dafür, dass das von Höchst auf Behrings An¬
lass ausgegebene Diphtherieserum von Rindern nur zu prophy¬
laktischen Zwecken verwendet werden soll und nicht als
kuratives gedacht ist, führen' wir an, was die Höchster Farbwerke
darüber schreiben. Da Bieling, als ihr Vertreter, die Priorität für
die Fabrik in Anspruch nimmt, müssen wir ihm textlich entgegen
halten, was der Prospekt der Höchster Farbwerke sagt und was ihm
offenbar entgangen ist. Pag. 1 heisst es:
Ausser diesem Serum (bezieht sich auf Pferdeserum) stellen
wir ein analoges Serum durch Immunisierung von Rindern her. Das
Diphtherie-Rinderserum soll hauptsächlich zum Schutz gesunder
Individuen gegen eine diphtherische Infektion Verwendung finden.
Bei Benützung eines Diphtherie-Rinderserums als Prophylaktikum
wird die Erzeugung einer Ueberempfindlichkeit gegen Pferdeserum
vermieden, so dass mit Rinderserum vorbehandelte Individuen,
welche nach dem Erlöschen des passiven Schutzes an DiphE-e—
erkranken, der Therapie mit Diphtherie-Pierdeserum unterzogen
werden können, ohne dass das Amtreten anaphylaktischer Kong
plikationen zu befürchten wäre.“
S. 2 des Prospektes: . ... ■
B, Diphtherie-Rinderserum. Prophylaktisches
Diphtherieserum „Höchst“ mit 100 A n t i t o x i n e ir.-;
heiten in 1 ccm.
Auf S. 3 des Prospektes heisst es: • „ . '
.Es sei fernerhin nochmals hervorgehoben, dass die Verwendung
des Diohtherie-Rmderserums zur Prophylaxe der Diphtherie een
Vorzug hat. dass mit Rinderserum vorbehandelte Personen, die ""''h.
dem Schwinden des passiven Schutzes an Diphtherie erkranken,
unbedenklich und' ohne das Auftreten anaphylaktischer Komplika¬
tionen befürchten zu müssen, mit Diphtherie-Pferdeserum behandelt
werden können.“ <■
Daraus geht doch mit voller Klarheit hervor, dass Behring bzw
Höchst das Rinderserum nur zu prophylaktischen Zwecken empföhlet,
hat um die Gefahr der anaphylaktischen Komplikationen wie es m
Prospekt heisst (wie es richtiger heissen sollte „der sofortigen odei
beschleunigten Serumkrankheit“), zu verhüten. M i t k e in er 1 1 b(
wird das Diphtherie-Rind erserum zu kurativei
Zwecken erwähnt und ebensowenig davon gesprochen, das'
Rinderserum viel seltener Serumkrankheit erzeugt als 1 ferdeserum.
Durch unsere Arbeiten wird aber etwas toto coelo Verschiedene:
gezeigt, als was Ascoli und Behring gemeint haben. Wir. emp
fahleii an Stelle des prophylaktischen und kurativen antitoxischei
Diphtherie- und Tetanus - Pf e r d e serams überhaupt ein solches voi
Rindern Ascoli und Behring wollen durch die prophylaktisch
Anwendung des Schaf- und Rinderserums bloss die Gefahren der Re
Infektion mit Pferdeserum verhüten, wir aber wollen ul^rüaup JJ
der Einführung des Rinderserums die Serumkrankheit auf ein Minimnn
reduzieren. J
Wir glauben, dass wir damit gezeigt haben, dass weder Ascol
noch Behring das antitoxische Rinderserum in dem von uns zuers
angegebenen Sinne benützen wollten, da -ihnen darüber keine eigene
Erfahrungen zur Verfügung standen, die erst durch uns in der Liter tu
bekannt geworden sind. Dass wir zuerst Diphtherie- wie Tetanussem
von Rindern zu kurativen Zwecken ebenso hergestellt und auf sein
Wirksamkeit in der Klinik geprüft haben, müssen wir aufiechterha.te'
Bieling schreibt, dass Höchst ein 250 f.-Serum von Rindern hei
gestellt hat, womit er beweisen will, dass die Höchster Fabriken kur«]
tives Serum vor uns erzeugt haben.
Die Prospekte der Höchster Farbwerke, die uns bei Abiassun
unserer Arbeit zur Verfügung standen,, führen-, wie angeführt wurd
bloss ein prophylaktisches Rinderserum mit 100 Einheiten an.
Die von uns erzeugten Rindersera haben Werte ergeben (D
pütherie 200 f„ Tetanus 700 f.), welche zu kurativen Zwecken brauchb;
sind. Im übrigen haben wir auch hierauf hingewiesen, dass durch <1
Methoden der Konzentration auch höherwertige Sera hergestellt werdi
können, wie antitoxische Pferdesera.
Um zusammenzufassen, müssen wir also die Prioritätsanspruch
welche B i e 1 i n g im Namen seiner Fabrik geltend macht, auf Grund d
obigen Daten zurückweisen und auf dem Standpunkt beharren, dass d|
von uns mitgeteilten Tatsachen neu sind. _
Es ist zu hoffen, dass durch Einführung der prophylaktischen ui
kurativen Diphtherie- und Tetanussera von Rindern in konzentrier
Form das der Serumtherapie bis heute anhaftende Uebel der - erui
krankheit auf ein Minimum reduziert werden dürfte.
Nochmals die rachitische Muskelerkrankung.
(Entgegnung auf die Kritik Schedes in Nr. 1 ds. Wsch
Von Sanitätsrat Dr. A. Müller, Facharzt für Massage u
Orthopädie in München-Gladbach.
Schede findet in meiner Arbeit in Nr. 44 1921 d. Wschr. n
„unerwiesene Annahmen“ und beanstandet eine ganze Reihe der j
mir mitgeteilten Untersuchungsbefunde als willkürlich angenoinru.
Vermutungen. Das beruht offensichtlich auf einer starken Unt
Schätzung der I eistungsfähigkeit einer systematischen Iastunt
suchung; diese Unterschätzung aber kann ich mir nur durch un,
nügende Technik erklären. Ich wiederhole deshalb nochmals, dass
bei der Nachprüfung meiner Befunde auf der Anwendung mein,
Untersuchungsmethode bestehen muss, und zwar genau nach der i
Schreibung in meinem Lehrbuche der Massage; das Gebiet der Mn»
krankheiten ist für die Untersuchung sehr schwierig und c
andere einwandfreie Untersuchungstechnik gibt es auf diesem Gern
nicht Wer meine Technik hier nicht anwendet für den müssen an
dings die von mir angegebenen Befunde Phantasiegebilde sein, ebe
wie etwa für jemanden, der nicht auskultiert und perkutiert die Dar
fung einer Lungenspitze und ein Aortengeräusch Phantasiegem
sind. Er ist aber auch zu einem Urteil über die Krankheitszusta
zu denen die rachitische und rheumatische Muskelerkrankung genor
nicht zuständig. Um die Verständigung zu erleichtern werde leit e
halb im folgenden, wo es nötig ist, die zur Feststellung der an
führten Befunde notwendigen Griffe meines Lehrbuches angeben.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
205
Vor allem ergibt meine Untersuchungstechmik das stete Vorhanden¬
en des Hypertonus bei der rachitischen und rheumatischen Muskel-
rankung. Schede bestreitet nun. dass der Hypertonus überhaupt
ch einfache Tastuntersuchung nachweisbar ist. Dieser Meinungs-
.erschied beruht grösstenteils darauf, dass Schede dem Worte
pertonus eine Bedeutung zuschieibt, die es nicht hat. Er sagt näm-
Hypertonus bedeute eine „Erhöhung des Erregungszustandes des
skeis“. Das ist nicht der Fall1). Ich habe 1911 in meinen Arbeiten
t den „Untersuchungsbefund am rheumatisch erkrankten Muskel“
ehr. f. klin. M. 47) und über den „muskulären Kopfschmerz“ (Leipzig
1) den Begriff des Hypertonus geschaffen und mit diesem Worte
krankhaft gesteigerte Spannung (nicht „Erregung“) des ein-
nen Muskels bezeichnet, wie sie bei dem Muskelrheumatismus und
Reichen anderen, von Schede in seiner Entgegnung erwähnten,
:h schon in meinem Lehrbuche angeführten Zuständen vorkommt,
ch in meiner jetzigen Arbeit habe ich dies ausdrücklich wieder als
Bedeutung des YVortes Hypertonus bezeichnet. Ebenso aber, wie
die Spannung einer Violinsaite durch entsprechende Handgriffe,
p durch die Tastuntersuchung, und nur durch diese, feststellen kann,
:nso kann ich auch die Spannung des Muskels und deren örtliche
j:igerung, also den Hypertonus, durch die Tastuntersuchung, und nur
ch diese, feststellen. Allerdings sind die Untersuchungsbedingungen
dem mit Fett und Haut bedeckten Muskel wesentlich schwieriger,
bei der Violinsaite; es ist also, wie ich immer wieder hervorheben
ss, meine Untersuchungstechnik zu dieser Feststellung nötig. Wei¬
le Beweise aber zu verlangen, hat gar keinen Sinn, denn es handelt
D hier nicht um eine Vermutung, eine Hypothese, sondern um einen
fachen Tastbefund.
Schede meint nun, ich hätte mich in meiner Arbeit vorerst mit
ji Ansichten Schades und Langes über die „Muskelhärten“ aus-
: andersetzen müssen. Diese Meinung beruht auf einer Verkennung
Sachlage. Wenn ich nämlich von der Feststellung absehe, dass die
Serverhärtungen („Meskelhärten“) auch an der Leiche noch nachweis-
I: sind, und dass sie mikroskopisch keine Veränderung des Muskel-
vebes erkennen lassen, geben Schade und Lange in ihren Auf¬
zen an Tatsachen nichts, was nicht schon seit Jahrzehnten, vor
an durch die Arbeiten der schwedischen Massage-Autoren (vgl.
B. Kleen: Handbuch der Massage [3] 1890) bekannt ist und be-
reiben den Befund dieser Gebilde nach deren Auffassung. Gerade
t dieser Auffassung aber habe ich mich schon 1911 in der erst-
lannten Arbeit ausführlich auseinandergesetzt und gezeigt, dass diese
Schreibung ungenau ist, dass das Kardinalsymptom der rheumatischen
skelerkrankung der Hypertonus ist und nicht die Faserverhärtungen
Muskelhärten“), weil beim Muskelrheumatismus wohl hypertonische
iskeln ohne Faserverhärtung, aber keine', Faservprhärtungen ohne
pertonus Vorkommen. Wenn nun Schade und Lange nach
: iren auf die alten Anschauungen, die ich als unrichtig nachgewiesen
>e, zurückkommen, ohne sich mit der von mir entwickelten Äuf¬
nung auseinanderzusetzen, so liegt für mich kein Grund vor, das, was
damals gesagt 'habe, jetzt zu wiederholen. Auf reine Vermutungen
zugehen, wie sie Schade (geloide Gerinnung) und Lange (Stau-
i; von Ermüdungsstoffen) äussern, liegt noch weniger Veranlassung
Ir. denn es handelt sich hier nur um die Klarstellung des Befundes.
Zur Klärung der Streitfrage fasse ich nun die Tatsachen, auf
Jen sich meine Auffassung des rachitischen Krankheitsvorgangs auf-
it, noch einmal zusammen; es sind:
1. das regelmässige Vorhandensein des Befundes der hypertoni-
en Muskelerkrankung bei jedem Rachitiker (es gibt zwar —
in stimme ich Schede bei • — Rachitiker mit gut entwickelter
1 skulatur und ungestörter Beweglichkeit, aber auch bei diesen bietet
Muskulatur den Befund der hypertonischen Muskelerkrankung);
2. die Gruppierung der erkrankten Muskulatur in eine stärker hyper¬
ische verkürzte und verhärtete, und eine schwächer hypertonische
dehnte und geschwollene Gruppe;
3. die Gleichartigkeit des Muskelbefundes und die Gleichheit seiner
ippierung erstens bei der Hypertonie der Säuglinge, zweitens bei der
Lhitis, drittens bei dem Muskelrheumatismus und der Neurasthenie
Erwachsenen;
4. die Kontraktur der Vorderhalsmuskeln (Griffe 205 bis 208) und
Höhepunkt der Druckempfindlichkeit im der Kehle, und zwar an der
uilddrüse (Griff 209) und den Sternoklavikulargelenken (Griffe 210
ji 211) 2) — auch dies der Rachitis, dem Muskelrheumatismus und
allem der Neurasthenie gemeinsam;
5. der Atemstillstand des Kehlkopfes und die Senkung der Schild-
ise in die Brusthöhle infolge der Kontraktur der Vorderhalsmuskeln
e Schilddrüse ist hier dem Druck dieser Muskeln entzogen, weil sie
jh ebenso tief |Mm. sfernothyreoideil und tiefer (Mm. sternohyoidei
ji umohyoidei] befindet als die unteren Insertionen dieser Muskeln).
Alle diese Tatsachen, ebenso wie die ebenfalls von Schede an¬
zweifelte Verkürzung des M. quadratus lumborum (Griff 53) und der
’) Auch Tonus bedeutet nicht, wie Schede sagt, den „Erregungszustand
' ruhenden Muskels". Höher (Lehrbuch der Physiologie 1919 S. 296)
B. definiert den Tonus als eine „Form der Dauerverkürzung“ (des
skeis). an anderer Stelle (S. 59) als einen „Zustand der Daueranspannung“
's Sphinkter ani). also ganz entsprechend dem von mir angegebenen
me.
) Bezüglich der Steigerung des Hypertonus der Vorderhalsmuskeln durch
se Reizstellen verweise ich auf mein Lehrbuch (S. 14 ff.) und auf mein
• ch über den muskulären Kopfschmerz (S. 26 ff.).
seitlichen Bauchmuskeln (Griff 106) sind Tastbefunde, nicht „üb¬
erwiesene Annahmen“, für die es der Natur der Sache nach gar kein
anderes Beweismittel gibt, als die diagnostische Massage. Nur det
Atemstillstand des Kehlkopfes ist unter günstigen Umständen ausser¬
dem noch unmittelbar zu sehen, und die Senkung der Schilddrüse in
den Brustkorb aus der Halsverkürzung und der damit verbundenen
Senkung des Kehlkopfes mit Sicherheit zu erschlossen.
Zu diesen Tastbefunden kommen folgende weitere Tatsachen:
6. die bekannte Wirkung der operativen Entfernung der Schild¬
drüse, bzw. des angeborenen Mangels derselben, bestehend in Unter¬
entwicklung, geistiger Stumpfheit und gallertiger Verfettung des Unter¬
hautgewebes (Myxödem);
7. die Wirkung der experimentellen Entfernung der Epithelkörper¬
chen, bestehend in Kalkverarmung und Tetanie (K r e h 1, Pathol. Physio¬
logie [10.1 1921 S. 741);
8. die Zugehörigkeit dieser Erscheinungen des Schilddrüsen- und
Epithelkörperchenausfalls zum Krankheitsbilde der Rachitis; die für
den Betrachter unverkennbare Ae'hnlichkeit zwischen (angeborenem)
Myxödem und Rachitis habe nicht ich erst gefunden, wie Schede
meint, sondern Stöltzner stellte sie schon fest (W e i n b e r g,
Verein d. Aerzte in Halle, 6. Juli 1921, Ref. diese Wschr. 1921 Nr. 47
S. 1540) und Erich Müller- Berlin erwähnte sie in seinem Referat
auf dem letzten Orthopädenkongress;
9. der auffallende, jeder andern Behandlungsweise überlegene Er¬
folg der Massage, und zwar nicht sowohl der örtlichen, auf die Ver¬
krümmungen beschränkten Massage, als vielmehr der Massage des gan¬
zen Bewegungsapparates mit besonderer Berücksichtigung der Kehle;
10. die durch diese Behandlung erzielte Umwandlung nicht nur der
Verkrümmungen, sondern des ganzen Krankheitsbildes, einschliesslich
der nervösen Störungen und der Unterentwicklung zur Norm — letz¬
teres beides Ergebnisse sozusagen des Experiments am Lebenden.
Aus diesen Tatsachen ergeben sich die Schlüsse, die ich gezogen
habe, von selbst. Damit ist der Vorwurf des „gänzlichen Mangels an
wissenschaftlichen Grundlagen“, den Schede mir macht, erledigt.
Dass diese Schlüsse nicht denselben Tatsachenwert haben, wie die
angeführten Befunde, dass sie Hypothesen sind, versteht sich von
selbst. Ich habe sie ja seibst in meiner Arbeit als „S c h 1 ü s s e“ be¬
zeichnet und nicht geglaubt, dem Leser einer wissenschaftlichen Zeit¬
schrift noch besonders sagen zu müssen, dass sie Hypothesen sind.
Durch die angeführten Tatsachen indessen, das muss ich doch Schede
gegenüber feststellen, ist meine Hypothese von der Entstehung der
Rachitis und dem ursächlichen Zusammenhang der einzelnen Bestand¬
teile ihres Krankheitsbildes mindestens ebenso gut begründet wie irgend¬
eine andere Hypothese auf medizinischem Gebiete.
Ausserdem erweist sie sich — und das ist der eigentliche Prüf¬
stein ihres Wertes1 — als äusserst fruchtbar für die Therapie, denn
sie ermöglichte eine wesentliche Verbesserung der Behandlung. Die
Massage wird vielfach bei der Rachitis angewandt. Jeder, der sich
mit Massage beschäftigt, weiss aber, wie sehr bei ihrer Anwendung alles
auf die Technik ankommt, darauf nämlich, was und wie massiert wird.
Hierfür nun erwies sich meine Hypothese als die wissenschaftliche
Richtschnur: sie gab der Massage als Behandlungsmittel der Rachitis
die wissenschaftliche Begründung, wies den Weg für ihre Technik und
bewirkte dadurch eine geradezu überraschende Verbesserung ihres Heil¬
erfolgs; sie erhob also die Massage aus einem rohen, nur des Laien
würdigen Handwerk mit mehr oder minder mässigem Zufallerfolg zu
einer höchste wissenschaftliche Vorbildung erfordernden und deshalb
nur durch den Arzt ausführbaren Kunst mit sicherem, im Voraus be¬
rechenbaren und durch kein anderes Mittel erreichbaren Erfolg. Durch
diesen hervorragenden Nutzwert für die Behandlung aber war meine
und ist jede Hypothese auf medizinischem Gebiete vollauf gerecht¬
fertigt.
Schede wendet nun ein, dass eine Unterfunktion der Epithel¬
körperchen bei der Rachitis bisher nicht nachgewiesen ist. Demgegen¬
über stelle ich fest, dass bei meiner Auffassung des rachitischen Krank¬
heitsvorgangs eine Unterfunktion der Epithelkörperchen gar nicht
vorausgesetzt ist. sondern lediglich eine Sekretstauung; dass eine Be¬
teiligung der Epithelkörperchen auch vom anatomischen Standpunkte
höchst wahrscheinlich ist, beweisen die Befunde von Ritter (Frankf.
Zschr. f. Pathol. 1920, 24, Ref. Zbl. f. Chir. 1920 S. 778). Schede
wendet mir nun die St ö 1 1 z n e r sehe Hypothese ein, dass die Rachi¬
tis eine Folge des Ausfalls der Funktion des Nebennierenmarks sei.
Abgesehen davon, dass die Grundlagen dieser Hypothese durchaus
nicht sicherer sind, als die der meinen, so stehen unsere beiden An¬
sichten durchaus nicht in unbedingtem Gegensatz. Ich habe nicht das
ganze, sondern nur einzelne Teile des rachitischen Krankheitsbildes
auf den Epithelkörperchenausfall, andere auf den Schilddrüsenausfall
zurückgeführt, und so mögen wieder andere Teile des vielgestaltigen
Krankheitsbildes der Rachitis durch den Ausfall des Nebennieremnarks
bedingt sein. Ist es doch bekannt, dass die einzelnen Drüsen des
endokrinen Systems gewöhnlich gemeinsam erkranken.
Schede macht nun noch einige Ausstellungen auf orthopädischem
Gebiete; dieselben beruhen vielfach auf Missverständnissen, die viel¬
leicht teilweise durch die Kürze, zu der ich gezwungen war, entstanden
sind. Bei der Schwellung im M. extensor dig, longus handelt es sich
natürlich nicht um die Vortreibung des Muskels durch die verbogene
Tibia, sondern um eine weiche, etwa mandelförmige flache, elastische,
nur fühl-, nicht sichtbare Schwellung, die ebenso im Quadrizeps femoris
m
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.,
Nr. 6.
bei Crus varum und im M. iliocostalis bei Kyphose vorhanden ist. Die
Schwellung verschwindet nicht, wie Schede meint, nach Korrektur
der Knochendeformität, sondern sie verbleibt auch dann, wie ich mich
inzwischen an einem fünfjährigen rachitischen Kinde uberzeugt a .
dessen Unterschenkel durch Operation in einer Universitätsklinik tadel¬
los korrigiert sind.
Durch Adduktion der Schultern, d. h. durch Annäherung der Schul¬
terblätter an die Wirbelsäule, wird selbstverständlich eine Verringe¬
rung der Schulterbreite, also Schmalheit der Schultern, bewirkt. Der
Erwachsene kann, wie ich mich durch Versuche uberzeugt habe durch
Betätigung seiner Schulteradduktoren den Abstand von einer Schulter
zur andern, von Akromion zu Akromion gemessen, um etwa 7 cm ver¬
kleinern.
Wie die Verkürzung des M. quadratus lumborum die Kyphose der
Lendenwirbelsäule bewirkt, ergibt die Betrachtung der Lage seiner
Insertionen am Skelett. Der Muskel setzt nämlich nicht, wie es
nach den Beschreibungen und Abbildungen der Anatomen, scheint,
rein seitlich, sondern grossenteils schräg vor der Lendenwirbelsaule
am Darmbeinkamm an. Eine gleichzeitige Verkürzung b ei -
der Mm. quadrati lumb. muss also eine Beugung des oberen Endes
der Lendenwirbelsäule nach vorn. d. h. eine Kyphose bewirken.
Dass der Zug des Zwerchfells die Hühnerbrust bewirke, ist deshalb
ausgeschlossen, weil dieser eine gleichmässige Verkleinerung der
unteren Brustkorböffnung in ihrem ganzen Umfang bewirken wurde.
Bei der Hühnerbrust ist aber im Gegenteil die untere Brustkorboffnung
infolge der trichterförmigen Auswärtsstiilpung der Rippenbogen er¬
weitert, und nur der mittlere Teil der Wand des Brustkorbs und
auch dieser nur in der Axillarlinie eingesenkt. Hier muss eine
auf die Axillarlinie beschränkte örtliche Ursache wirken, und
diese kann nur der in dieser Linie wirkende, die Brustwand
abflachende Zug der Mm. scaleni nach oben und der Mm. ob.iqui
abd. nach unten sein, deren Verkürzung durch die lastunter-
suchung (Griffe 106. 195. 196, 199) nachweisbar ist. Allerdings wirkt
auch das Fehlen des Gegenzuges der insuffizienten, die Brustwand
wölbenden Inspiratoren mit, was ich in meiner Arbeit zu erwähnen
unterlassen habe, vor allem des M. serratus anterior. Wenige Mas¬
sagen dieses Muskels (Griffe 125. 126) genügen regelmässig, um bei
der Einatmung anstatt der Einsenkung eine Vorwölbung der beiten¬
wand der Hühnerbrust zu bewirken.
Dass der Trommelbauch auch seitlich ausgebaucht ist. liegt an der
Auswärtsstiilpung der Rippenbögen, nicht an der Ausbauchung der
Muskulatur; diese ist vielmehr in den Flanken gewöhnlich so stark
verkürzt, dass die Rippenbögen bei schwerer Rachitis die Darmbein¬
kämme berühren.
Bei dem Hohlbein (Genu varum) handelt es sich doch nicht um
eine Verunstaltung des Knies, wie Schede anzudeuten scheint,
sondern des ganzen Beins, in erster Linie des Oberschenkels. Die Wech¬
selwirkung zwischen den stark verkürzten und sehr harten Adduktoren,
bei denen ich übrigens ausdrücklich den M. gracilis. der unter dem
Knie ansetzt, mitgenannt habe, und der Auswärt.sbiegung des Femur
ist gerade hier unverkennbar. Den Beweis für die Richtigkeit meiner
Auffassung liefert auch hier das therapeut'sHie Experiment, denn es
ist auffallend, wie schnell gerade hier die Massage der Muskulatur die
Verkrümmung bessert.
Schliesslich muss ich noch darauf hinweisen, dass Schede selbst
einen Teil meiner Beobachtungen bestätigt, trotz seiner Polemik gegen
dieselben. So findet er bei jeder dauernden Haltungsänderung des
Rumpfes und der Extremitäten die Dehnung einer Muskelgruppe^ und
die Verkürzung ihrer Antagonisten, was übrigens auch meinen .ang-
iährigen Beobachtungen entspricht, und führt selbst die Kyphose des
Rachitikers als Beispiel an. Und er hat selbst die Wesensverwandt¬
schaft der Rachitis mit dem Rheumatismus und der Neurasthenie der
Erwachsenen als „Arbeitshypothese“ aufgestellt. An diesen Gedanken
wird doch wohl etwas Wahres sein, wenn wir beide unabhängig von¬
einander auf dieselben gekommen sind. Uebrigens habe ich schon in
meinem Lehrbuche auf das Vorhandensein einer _ hypertonischen Mus¬
kelerkrankung sowohl bei der Rachitis, wie bei diesen Zuständen, auch
bei den sonstigen Erkrankungen, bei denen Schede ..Muskelhärten
gefunden hat. hingewiesen. Ein etwaiger Prioritätsstreit Pt also hier
gegenstandslos. Was meine Arbeit aber von der „Arbeitshypothese
Schedes unterscheidet, ist der Nachweis der völlig gleichen Muskel¬
erkrankung- bei diesen Zuständen; durch diesen Nachweis nämlich
werden die bisherigen „Ahnungen“ in das helle Licht der Tatsachen
hiniibergeführt
Für die Praxis.
Blutung, Verblutung und Blutsparung.
Von Prof. J. Wieting, Cuxhaven-Sarlenburg, Kinder-
Seehospital.
Zum Schlüsse seiner Kritik vergleicht Schede meine Arbeit mit
den Ahnungen der Homöopathie und „mancher sogenannten Natur¬
heilmethoden“ und meint: ..Das ist keine Arbeit, sondern Spiel“.
Ich überlasse das Urteil hierüber in voller Ruhe dem Leser. Die
neuen Befunde, die ich in meiner Arbeit mitgeteilt habe, sind nicht,
wie Schede zu glauben scheint, das Ergebnis eines plötzlichen Ein¬
falls. sondern vieljährigen mühevollen Suchens; sie haben sich mir,
seit 'ich sie fand, tausendfältig immer wieder bestätigt: sie werden
sich deshalb — das ist meine feste Ueberzeugung — ihre Anerken¬
nung schon erzwingen.
Die Auswertung der kriegschirurgischen Erfahrungen musste natür¬
lich vor allem der V e r 1 e t z u n g s c h i r u r g i e i ür den E r i e d e n
grösste Bereicherung bringen. Bei der Unmöglichkeit, jetzt noch irgend¬
welche zahlenmässige Unterlagen grösseren Umfanges zu erlangen,
muss ich mich auf ältere Verhältnisberechnungen und auf mir vor¬
liegende genaue Aufzeichnungen aus einem Frontabschnitt von vier
Divisionen beschränken: daraus errechne ich. dass i n m turclit-
baren Weltkriege nicht weniger als 750 000 also rund
d r e i v i e r t e 1 Millionen Deutsche den Tod durch \cr.
blutung starben, während 1870/71 nur 7800 Verwundete den
gleichen Weg gingen. Der Tod durch Verblutung droht vom
Augenblick einer Verletzung bis tief in die Rekonvaleszenz hinein,,
Und wenn auch diese letzteren Fälle zahlenmassig gegenüber _ den
Eriihtodesfällen kaum ins Gewicht fallen, so tun sie es doch sicner,
für unser chirurgisch-therapeutisches Können und Handeln.
Die Blutungen bzw. Verblutungen teilen wir ein:
I. nach ihrem zeitlichen Auftreten in J
a) Frischblutungen, d. h. solche, die frisch unmittelbar ur
Anschluss an die Verletzung erfolgen, sei es nach aussen oder nach
innen, sei es aus Arterien oder aus Venen.
b) Nachblutungen, d. h. solche, die, ohne oder nach voraus,
gegangener Frischblutung, die dann von selbst zum Stehen kam, be
noch unverändertem, d. h. noch nicht zur Heilung bereitem oder bereite
tem Gefässsystem einige Zeit nach der Verletzung ; auftieten, z 1L be.
Ausgebluteten oder im Wundschlag Liegenden nach Hebung dei Herz
kraft nach Entfernung von vorläufig die Blutung stillenden Fremdkoc
pern,’ wie Mullstopfung (= Tamponade), komprimierenden Geschossen*
Knochensplittern u. a. m. J
c) Spätblutungen, d. h. solchen, die sich einstellen durch
Störung schon angebahnter Heilungsvorgänge, also an schon langer
Zeit (Stunden, Tage, Wochen) nicht mehr blutenden Gefassen; solch
Störungen sind gegeben z. B. durch Infektion sich bildender Verschluss
thromben durch eitrigen Zerfall von Gefässwand oder -Inhalt, durc
Drucknekrose infolge eingelegter Gummirohre, liegender Knochen
splitter u. a. m. Es ist auffallend, dass solche Spatblutungen gewöhn
lieh am 8. bis 10. Tage nach der ersten Blutstillung erfolgen, nicht sei
ten angekündigt durch sog. Signalblutungen. _ .
Ganz scharf lassen sich diese drei Formen natürlich nicht lnrniei
voneinander scheiden, aber ich halte diese Dreit eil iing zum Vei
ständnis sich abspielender ungestörter und gestörter Heilungsvorgang
wie auch für die Beurteilung und Wahl der zu ergreifenden ther;
peutischen Massnahmen für recht zweckmässig.
II Ein zweites Einteilungsnrinzip ist das nach der an a
tomi’s ehern Herkunft der Blutung, ob aus Arterie]
Venen oder Kapillaren: im letzteren Falle, wobei auch a.
kleinen Systemgefässe (sog. PräkaDillaren) anatomisch einzuschliesse;
sind sprechen wir von parenchymatösen Blutungen L
Erkennung der Herkunft einer Blutung ist durchaus nicht immer leier
Nach grösseren Operationen oder Verletzungen „blutet es durch . z>
mal wenn die Wundfläche offen blieb. Gerade hier hat der junge Ai
und das Personal manchmal erhebliche Schwierigkeiten in seiner En
Scheidung, wenn er die hohe Färbekraft d e s d u r c h s c h a
g e n d e n Blutes, die d u r ch d e n Sauerstoff d e r L u f t ent
stehende arterielle Färbung jedweden durch, den Verbai
schlagenden Blutes nicht kennt: dann sei er lieber einmal zu
sichtig und wecke den verantwortlichen Chirurgen, als dass er Ofl
seiner Obhut empfohlenen Pflegling sich tropfenweise durch das B<
hin verbluten lasse. Darum die eindringliche Lehre für die Praxis — h
entnohmen diese eindringlichen Warnungen allen mannigfachen rüge]
erfahrungen aus der Praxis!: Es soll die verantwort tc
Nachtwache auf jeder grösseren chirurgischen At
teilung eines Kramkenhaus es nicht unerfahrene
wenn auch noch so willigen Kräften oder gai dt r a
wachen (!) überlassen werden, sondern gerade für sie si
entschlussfähige erfahrene Kräfte heranzuziehen.
Parenchymatöse und auch grössere, sich anscheinend grünen
wiederholende Blutungen werden in der Praxis leicht mit „Ham
philie“ abgetan; im Kriege war die ..Bluteranlage eine recht hau
meinem Zweifel entgegengebrachte Erklärung sich wiederholender n
tungen. In Wirklichkeit sind das fast immer septische Bi
tun gen. indem die Infektion die Gefässwand schädigt und das B
selbst wässrig macht.
III. Eine dritte Unterscheidung der Blutungen !,
schieht nach dem Weg, der Richtung, den die.Blu'tuj
nimmt. Das Sichklarwerden gerade über diese anatomisch-pnys
logischen Verhältnisse bringt leicht auch Klärung über manche
ptome, über Prognose und Therapie der vorliegenden Form, zumal we
wir sie mit anderen, mehr histologischen Dingen (Blutung per oi
pedesin. per rhexin), mit anatomischen Veränderungen an den üetas.
selber (Haematoma communicans pulsans — Aneurysma spurn
arteriovenöser Fistel, Arterienfistel Pirogoffs u. a. m.), mit
seitiger Beeinflussung von Arterien und Venen (Kompression bis
Gangränbildung etc.) in Berührung bringen.
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
207
Vir haben da zu unterscheiden
) Blutungen auf die freie Oberfläche der Haut;
) Blutungen auf die freie Oberfläche der Schleimhäute
espiratorischem, des digestiven, des uropoetischen und des geni-
Systems mit symptomatischer Verwertung nach den blutlassen-
Orifizien;
) Blutungen in die nach aussen abgeschlossenen Körper-
e n und Spalten (Hämokranium, Hämoperikard, Hämothorax,
bdomen, Hämarthros);
) Blutungen in die Gewebe: von den Petechien über die
ationen der Haut, die durch Mehrfachverletzung und die oft lin¬
ier grosse Anzahl kleinerer Herde zu gewaltigen Blutver-
e n, ja selbst zur Verblutung führen können — ohne klinisch
:nnbare Wirkung der Eigenblutinfusion! — , bis
in Hämatomen zwischen den Muskeln, den Hohlorganen,
das Peritoneum usw.
)ie Gefahren der Blutung sind einmal rein örtliche,
tens mit dem Gewebstode drohende, oder allgemeine,
imsten Falles das Leben bedrohende. Dazwischen gibt es Upber-
:, wo die örtliche Gewebsbeeinträchtigung das Leben in Gefahr
t, wenn der Ort der Blutung ein lebenswichtiger ist, wie un-
Ibar für das Gehirn oder das verlängerte Mark, mittelbar für die
wege. Sonst droht örtliche Schädigung durch unmittelbare Ge-
aeeinträchtigung über ein bestimmtes Zeitmass hinaus.
)ie allgemeine Gefahr der Verblutung — ohne die oft früh
tzende Komplikation der Infektion, namentlich der anaeroben, hier
:rucksichtigen — besteht physiologisch einmal in einem Leer¬
sten des Herz- und Gef ässpumpsy stems und zum
n in einer quantitativen und qualitativen Minderwertigkeit
31utes als des Sauerstoffträgers. Aus diesem Grunde
sind Spätblutungen, besonders solche septischer Natur, wesent-
refährlicher als Frischblutungen. Statistische Vergleiche thera-
;cher Beeinflussung einer Blutung sind darum nicht ohne weiteres
;ig!
ine Verblutung kann, wie jede Blutung, anatomisch nicht
ach aussen oder nach innen, sondern auch in die Gewebe,
in das Nierenbett, unter die Serosa, in ein übergrosses
munüzierendes Hämatom, ja selbst in das Gefässsystem,
planchnikusgebiet, geschehen.
ngesichts dieser grossen, akut auftretenden Gefahren ist es d i e
e Aufgabe des Chirurgen, sich zu fragen, ob nicht im
i egenden Falle ein Blutersatz auf diese oder
Weise augenblicklich das Wichtigere sei, wich-
r als die endgültige Blutstillung, sofern die vor-
3 erledigt wurde oder, bei inneren Blutungen, als von selbst ge-
en vorausgesetzt werden darf. Und dann hat er sich zu fragen,
r am meisten nütze ohne zu schaden, ohne durch Uebereifer etwa
em Erlöschen nahes Licht ganz auszublasen! Wie oft wurde
vird immer wieder der Fehler gemacht, am untau g -
e n Objekt einen endgültigen Gefässverschluss,
gar durch eine kunstvolle Gefässnaht, herbeizuführen, an-
zunächst, nach vorläufiger Blutstillung, die Erhaltung des Lebens
:hern durch Zufuhr ausreichenden Blutersatzes! Das gilt be-
lers für die septischen Spätblutungen,
uf die Unterscheidungsmerkmale gegenüber
-renakut bedrohlichen Zuständen werde ich in einem
deren Kapitel zurückkommen. Hier seien die Symptome
Verblutung in Reihenfolge ihrer Schwere nach
chnet: Durst, trockene Schleimhäute, Mattigkeit, Gähnen,
ndei, Ohrensausen; dann Angstgefühl, kalter Schweiss. Luft-
r, Untersichlassen; dann, bei steigender Blässe und stetem
r- und Rascherwerden des Pulses und Sinken des Blutdrucks:
lende Somnolenz, Augenrollen und Erlöschen der Hornhautreflexe;
weite Pupillen, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, motorische Unruhe;
Marmorblässe bei Unfühlbarwerden des Pulses, und schnappende
:üge als Vorboten des sicheren Todes in einem Stadium, in
jede Therapie versagt. Natürlich kann dies oder jenes
tom einmal ausbleiben: dies oder jenes mehr hervortreten oder
erer Reihenfolge auftreten: alle Symptome beruhen letzten Endes
3m Leerarbeiten des Herzens und der schlechten Durchblutung
lehirns und verlängerten Markes.
ie Prognose ist bei Spätblutungen fast immer schlechter als
rischblutungen. Blutungen aus grossen Gefässcn
~ bei, der Menge nach, gleichem Blutverlust — sicherer zum
als solche aus mehreren kleinen. Welche Blutverluste iiber-
;n, werden können, ist individuell recht verschieden. Verlust
einem Drittel der Gesamtblutmenige ist immer
n s g e f ä h r 1 i c h, bei septisch Blutenden absolut tödlich. Die
imtb lutmen ge eines Erwachsenen beträgt nach alter, zwar
ittener, aber noch nicht umgestossener Lehre ein Dreizehn¬
es Körpergewichts, bei einem 130 Pfund schweren Manne
kg. Die Angabe, dass Männer nicht mehr als 1 'A kg, Frauen
iiehr als 2 kg Blut verlieren können ohne Lebensgefahr, ist natiir-
hr mit Vorsicht aufzufassen. Wir tun gut, uns an die klinischen
ome der Schwere nach, wie oben geschildert, zu halten,
enn auch der Arzt nur ganz selten zu den ganz schweren
e 11 von Blutungen früh genug kommt, um helfend ein-
i zu können, so muss er doch damit vertraut sein, was bei solch
ren Blutungen zu unternehmen ist. Zunächst darf er sich nicht
chen lassen dadurch, dass die Blutung vielleicht
augenblicklich spontan steht; das kommt ja auch bei
Blutungen nach aussen, selbst z. B. bei Radialis-, bei Popliteadurchschnei-
dung vor, bedingt durch die allgemeine Gefässkontraktion als lebens¬
rettenden Reflex von der anämisch gereizten Medulla oblongata aus.
Es kommt aber auch bei der Zerreissung grösserer Gefäss-
stämme (A. femoralis) vor, namentlich nach stumpfer Ge¬
walteinwirkung (Abreissen, Abschuss etc.). Abgesehen von der
Gunst äusserer Verhältnisse, wie schrägem Verlauf des Schusskanals,
Gerinnselbildung, Muskelverziehung, Knochensplitterkompression spielt
hierbei nach meinen Beobachtungen der sog. segmentäre G e -
fässkrampf (Küttner-Baruch) eine wesentliche Rolle. Fälle,
bei denen die Verletzung eines grösseren Gefässstammes gemutmasst
wird, sind so zu behandeln, als ob eine solche Verletzung vorläge. In
allen solchen Fällen dürfen die Herzkraft anregende, den Blutdruck
hebende Mitte! nicht angewandt werden, wenn nicht zuvor das
Gefäss, wenigstens vorläufig, gesperrt werden konnte. Das gilt be¬
sonders auch für vermutete innere Blutungen! (s. später.)
Bei nach aussen blutenden Wunden wie auch bei vermuteten
Blutungen nach innen, hat der Arzt sich zu fragen, ob er selber und
ohne Hilfe die Blutung wird stillen können oder wollen, oder ob er dies
für spätere Zeit wird hinausschieben können und dürfen. Danach ist zu
unterscheiden eine vorläufige und eine endgültige Blut¬
stillung. Die Methodik und Anzeichen zu diesen werden in be¬
sonderem Kapitel besprochen werden.
Hier sei nur besprochen, was gegebenenfalls
ohne besondere Hilfsmittel zur Blutsparung geschehen
kann.
Eine Prophylaxe der frischen Verletzungs¬
blutungen ist nicht möglich; wohl aber kann durch Bereit¬
haltung blutstillender Mittel, vor allem am Bette septisch
Erkrankter, die von einer Spätbiutung bedroht sind, manches Leben
gerettet werden : gute Unterrichtung und Einübung des Pflegepersonals,
Bereithaltung und Instellungbringung der Sehrt sehen Klammer bzw.
von Gefässklemmen, Stopfmitteln etc. gehören hierher.
Vor voraussichtlich blutreichen Operationen kann
durch vorausgeschickte Kochsalzinfusion (Bluttrans¬
fusion nach Hotz) und Herzmittel (Digitalis, Strophanthus) der Gefahr
in gewissem Grade vorgebeugt werden. Bei cholämischerBlut-
veränderung wird zweckmässig 5 — 6 Tage vor der Operation am
Leber-Gallensystem täglich 3 — 6 g Calcium chloratum gegeben, per
klysma oder per os, um die Gerinnungsfähigkeit des Blutes zu erhöhen ;
auch Gelatineinjektionen (lO— 40 ccm einer 10— 20uroz.
Gelatina sterilisata Merck) einige Tage vor der Operation sind am Platze
(s. Pels-Leusden: Chirurgische Operationslehre). Chloroform
ist als Narkotikum bei Ausgeblr.teten aufs strengste zu vermeiden. Was
Röntgenbestrahlungen der Milz als die Blutgerinnung fördernde
Massnahme leisten, ist noch umstritten. Bei .Blutern bzw. leicht
blutenden Menschen möchte eine intravenöse Transfusion kleiner
Mengen Blut zu empfehlen sein (s. später).
Sehr wesentlich ist — abgesehen von dem technischen Können und
logischen Denken des Operateurs selber — die Blutsparung da¬
durch zu fördern, dass man erstens das Glied, an dem ope¬
riert wird, abbindet und zwar, wenn möglich, nachdem man es
durch Gummibindenwicklung blutleer gemacht hat (s. Esmarch).
Solche Blutleermachung, durch Wicklung von der Peripherie zum
Zentrum, hat aber zu unterbleiben, wenn in dem Gliede septische Pro¬
dukte oder maligne Tumormassen vermutet werden! — Zweitens,
und das ist namentlich bei Spätblutungen, bei denen jeder Blutstropfen
wertvoll ist, sehr zu beherzigen, legen wir uns vor grösseren
Operationen, auch wenn sie nicht an den Extremitäten vorge¬
nommen werden, sog. Blutdepots an: Ein oder beide Ober¬
schenkel werden zunächst venös gestaut, so dass sie sich mit 'Blut
überfüllen; bei septisch Anämischen ist solche Stauung kaum an der
Hautfarbe zu erkennen, doch schwillt das Glied im Vergleich zum ge¬
sunden an; ist die Stauung eingetreten, dann wird zentral völlig ge¬
sperrt, damit der Blutrückfluss ganz unterbrochen sei. Wir brauchen
zu dieser Massnahme nur einen langen Gummischlauch oder eine
Sehrt sehe Klammer, die für den ersten Akt unvollkommen, für den
zweiten vollkommen geschlossen wird.' — Die Anlegung solcher Blut¬
depots verkleinert gleichzeitig den Blutkreislauf,
spart an Narkotikum ein und lässt, was nicht zu unter¬
schätzen ist, die Blutkörperchen in den Depots u n ver¬
giftet! Löst man nach beendeter Operation die Blutsperre, was stets
langsam zu geschehen hat. so kann man gleich danach, im Falle des
Bedarfes, die befreiten Extremitäten zur Autotrans¬
fusion benutzen, indem wir ihr Blut nunmehr umgekehrt in den
Kreislauf pressen und danach die ausgepresste Extremität abschnüren
(s. später unter Autotransfusion). Es ist merkwürdig, wie selten dies
Vorgehen irr der Praxis angewandt wird; auch in der Kriegspraxis bin
ich ihm kaum einmal begegnet!
Als weitere Blutsparung kommt die Benutzung des aus den
Gefässen ausgetretenen Blutes in Betracht, indem wir
es wieder dem Kreislauf zuführen, eine Methodik, die im Frieden nament¬
lich von seiten der Gynäkologen bereits ausgedehnte Anwendung fand.
Auf diese sog. Reinfusion soll später näher eingegangen werden.
Die Gerinnbarkeit des in die Gewebe ergossenen Blutes ist ja
nach Massgabe seiner Berührung mit thrombokinetischen Substanzen
verschieden, sie ist im allgemeinen gegenüber frei nach aussen fliessen-
dem Blut herabgesetzt, und zwar um so mehr, je mehr das ergossene
Blut in glattwandigen Höhlen (Gelenk, Thoraxraum) bleibt.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
208
Die Anwesenheit ergossenen Blutes ist, sofern es I
nicht therapeutisch verwendet wird, immer schädlich für den betroffenen
Körperteil. Die Therapie der Haematome im weitesten Sinne
des Wortes ist aber nach Ort, Zeit und Nebenumständen so verschieden, :
dass sie nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten besprochen werden
kann. _
Bücheranzeigen und Referate.
Franz Doilein: Mazedonien. Mit 279 Abbildungen im Text und
4 farbigen und 12 schwarzen Tafeln, 592 Seiten. Jena. Verlag von
Gustav Fischer, 1921. Preis 105 M„ geb. 120 M.
.Den Mannschaften, Aerzten und Offizieren des mazedonischen
Heeres“ ist das Werk’ gewidmet. Aus diesem Buche mag entnommen ;
werden in welcher Weise von den Deutschen in fremden Landen Krieg
geführt wurde. Wir können aus ihm ersehen, wie sehr die deutsche
Heeresleitung bestrebt war, durch Entsendung von Männern der
Wissenschaft zun Verständnis des fremden Volkes und zur Aut-
schliessung des Landes und zum Studium von Fauna und Flora bei¬
Der Zoologe Franz D o f 1 e i n bringt in seinen ..Erlebnissen und
Beobachtungen eines Naturforschers im Gefolge des deutschen Heeres [
nicht nur Mitteilungen über die Tierwelt von Mazedoniern er berück¬
sichtigt auch die Erdkunde, die Völkerkunde und die Pflanzenwelt.
Neben dem allseitig gebildeten Gelehrten und Naturforscher kommt aber
vor allem der Künstler in Wort und Bild zur Geltung.
Treffliche Wiedergaben von Aquarellen aus der Hand des Autors
liefern uns eine Vorstellung von den leuchtenden Farben der südöst¬
lichen Länder. Zeichnungen und zahlreiche Lichtbilder ermöglichen es
dem Leser, sich von den Tieren und Pflanzen. Land und Leuten und
von ihrer Bauweise einen anschaulichen Begriff zu machen. Besonders
hervorzuheben ist aber die Kunst und die Gewandtheit dei literarischen
Darstellung. Da wird uns in lebhafter Weise von dem glühenden,
regenlosen, staubreichen Sommer, der alle Pflanzen verdorren lässt,
und von dem bitter rauhen Winter erzählt, der zum Raube des nur
noch spärlich vorhandenen Holzes auffordert. Wir machen mit dein
Autor die Expeditionen mit. welche ihn an die fischreichen grossen
Seen Mazedoniens und durch die kahlen, ausgewaschenen Schluchten
auf die hohen Berge des Balkans führen. Mit poetischem Schwung wnd
der blumenreiche Frühling Mazedoniens besungen. Besondere Ab¬
schnitte widmet der Zoologe den mazedonischen Regenwürmern, den
Spinnen und Bienen und den Wirbeltieren dort. Wir erfahren, dass
die Flora in Mazedonien nicht wie die Mittelmeerlandschaft aus Pinien
und Zypressen, aus Lorbeeren und Myrthen, aus Orangen- und
Zitronenbäumen zusammengesetzt ist, sondern dass der Balkan ähnlich
wie Mitteleuropa Pappeln und Ulmen, Ahorn und Eichen, Weiden, Hain¬
buchen und Brombeeren gedeihen lässt.
Den Arzt fesselt vor allem das Kapitel „über Klima und Seuchen
in Mazedonien“. Die Krankheiten, welche unsere Truppen doit er¬
griffen haben, wie das Papatacifieber. der Flecktyphus, das Ruckrall-
fieber und das Wechselfieber werden bekanntlich durch Ungeziefer über¬
tragen. Da ist es von grossem Interesse Näheres über die Lebensweise
und Fortpflanzung der Stechmücken und Stechfliegen, der Wanzen und
dei Läuse zu erfahren. Wir hören, dass die Anophelesmücke nicht
nur in den heissen Sümpfen der Seen und der Flusstäler, sondern mich
in hochgelegenen Sturzbächen der Berge ausgebrütet wird, eine 1 at-
sache, die der Referent nach seinen Erfahrungen im Taurusgebirge
Kleinasiens bestätigen kann. D o f 1 e i n beschreibt eine besonders
kleine Art der das Wechselfieber übertragenden Stechmücke mit
4 Flecken am vorderen Rand der Flügel (Anopheles superpictus),
welche als Ueberträgerin der gefährlichen Art der Malaria tropica seu
perniciosa in Betracht kommt. Auch von den Plagegeistern der Pferde
und der Rinder, von Bremsen und Lausfliegen, von Zecken und
Schmeissfliegen ist die Rede. Alle diejenigen, welche in verlausten
Bahnen des Balkans reisen und in verwanzten Wohnungen dort über¬
nachten mussten, alle Aerzte, welche die völkermordenden Krankheiten
dort zu bekämpfen hatten1, stimmen wohl darin überein, . dass einei
Erschliessung der Länder des Balkans und des Orients für die Kultur und
für den Handel eine Bekämpfung des Ungeziefers vorangehen muss.
Eine solche kann aber nur dann erfolgen, wenn durch ernste Forschung
die Lebesgewohnheiten und die Art der Verbreitung des Ungeziefers
und die Möglichkeit erfolgreichen Kampfes gegen diese Tiere studiert
wird. , . ...
Das grösste Interesse beansprucht der Abschnitt, iw welchem mellt
von Tieren und Pflanzen, sondern von den Menschen und den Men¬
schenrassen Mazedoniens die Rede ist. Kaum in einem anderen Teil
Europas hat eine solche Mischung, eine solche Durcheinanderwürfelung
der Völker stattgefunden wie auf dem Balkan. Dort finden sich Ser¬
ben Türken, Spaniolen, Kutzowallachen, Albaner, Bosnier. Dalmatiner,
Griechen verlauste Zigeuner und Ueberreste der römischen Kolonisten
in bunter Reihe. Das bulgarische Volk, das uns Deutschen bis zum
Zusammenbruch und zur völligen Erschöpfung die Treue gehalten, ent¬
spricht keiner einheitlichen Rasse. Neben ausgesprochenen slavischen
Typen mit dunklen Haaren und brünetter Hautfarbe trifft man schlitz¬
äugige Tatarengestalten mit vorspringendem Jochbogen. Doflein
rühmt die guten Eigenschaften des harten bulgarischen Bauern Volkes,
das moralisch und physisch gesund ist. Besonders betont er die An¬
spruchslosigkeit und den grossen Lerneifer der bulgarischen Soldaten.
Er schildert aber auch die leidenschaftliche Eifersucht zwischen den
slavischen Brüdervölkern, welche der Gründung eines ein h eitlicl
Slavenreiches auf dem Balkan entgegensteht.
Wenn auch den deutschen Waffen in Mazedonien kein dauern
Erfolg bestimmt war, so liefert uns das vorliegende Werk doch eil
Beweis dafür, dass die Tätigkeit der deutschen Forscher im Kriege
die Erschliessung eines Landes, das bis vor kurzem zu den am weil
sten bekannten Teilen Europas zählte, nicht vergeblich war.
L. R. Müller- Erlangei
Atrophie des menschlichen Hoch
K. Goette: Beitrag zur
Jena, Gustav Fischer, 1921. .
G. verwertet zur vorliegenden Arbeit das Hodenmaterial der 1
bnrger Kriegssammlung und zahlreiche Wägungsergebnisse an w eitel
Material. Je nach der Stärke der Veränderungen unterscheidet
zwischen einer beginnenden Schädigung und einer Atrophie 1.
4. Grades. Die schwerste und gleichmässigste Atrophie trifft man
schwerer Phthise und chronischer Sepsis mit Neigung zu Kachexie, ;
besonders in Fällen, in denen die Erkrankung mit schlechtem
nährungszustand kombiniert ist. Bei akuten Todesfällen dagegen
bei Krankheiten des Gefäss- und Nervensystems konnte G. hi:
logisch vielfach keine oder nur geringfügige Veränderungen festste
Die primäre Schädigung findet am samenbereitenden Teil des Hod
statt Leider führte G. keine exakten Mengenbestimmungen
generativen Hodenanteil und Zwischengewebe aus, um diese Lr
früherer Untersuchungen über das gleiche Thema auszufüllen. Die
G. an einzelnen Stellen vorgenommenen approximativen Zahlungen
L e v d i g sehen Zellen sind dazu nicht ausi eichend.
- B. Romeis - Munche
L Benedek und F. O. Porsche: Lieber die Entstehung
N e g r i sehen Körperchen. Abhandl. a. d. Neurologie, Psychia
Psychologie und ihren Grenzgebieten. Karger, 1921. Pieis 41) J
' Die von A Negri 1903 im Nervensystem an Wut verstürbe
Tiere besonders in den Ganglienzellen des Ammomshornes, gefunde
eigenartigen Gebilde sind nicht, wie Ihr Entdecker Klaubte die
reger der Lyssa, sondern — wie schon eine Reihe anderer Nachun
sucher betont hat — krankhafte Produkte der Zellen selber.
Nukleolen jener Nervenzellen erfahren, wie die Verff. dies duren
reiche Abbildungen darzutun suchen, eine Vermehrung gewisser, i
normalerweise vorhandener Bestandteile; diese nehmen unter
grösserung des Nukleolus als Ganzes die Form sphärischer Gebilde
und werden schliesslich in den Zelleib ausgestossen Aehnliche, ;
weniger ausgebildete Veränderungen der Kernkörperchen von Nen
zellen kommen auch bei anderen Krankheiten gelegentlich vor. c
Zerfall dieser Gebilde entstehen hie und da Bilder, welche an
gesprungene Sporangien der Sporozoen erinnern können.
Kraus-Brugsch: Spezielle Pathologie und Therapie inn
Krankheiten. Urban & Schwarzenberg, Berlin und W
Lieferung 182—214.
L öh 1 ei n - Greifswald: Die Beziehungen des Auges zu
inneren Krankheiten. Eine sehr ausführliche Behandlung dieser v
tigen Beziehungen mit zahlreichen instruktiven Bildern. Dem bymr
„Darmblutungen“ ist ein eigenes Kapitel von Sing er- Wien
widmet. Nach der kurzen Abhandlung über Rachitis von Gz er
Berlin bringt die Bearbeitung des Asthmas von Mora witz-ür
wald, des Lungenemphysems von Sinn hu her- Königsberg
namentlich der Lungenentzündungen von de la Camp- Frei, bürg
erschöpfende Darstellung dieser Krankheiten, wie man sie sich i
besser denken kann. Die letzten Lieferungen enthalten die Vollem
des Kapitels Cholangitis putrida, Leberabszess und subphrems
Abszess von U n g e r - Berlin. V o i t - Giesst
Hermann Raut mann: Untersuchungen über die Norm, ihre
deutung und Bestimmung. 6. Heft der Veröffentlichungen aus
Kriegs- und Konstitutionspathologie. Jena, Gustav Fischer, 19,
Ueber den Begriff der Norm ist man sich uneinig. Die einen
stehen unter Norm in der Biologie die häufigst vorkommenden
scheinungsfonnen eines Beobachtungsgegemstandes, wobei für
Menschen die Zeichen des Gesundhaften inbegriffen sein müssen
anderen, wie z. B. K. H i 1 d e b r a n d t. setzen Norm und Ideal g
Im letzteren Fall verliert man den Boden unter den Füssen und
biologischer Massstab werden soll, wird zu unerreichbarer Forde
und unwirklicher Konstruktion. Eine eigenartige Mittelstellung ni
eine dritte Gruppe von Normsuchern ein, nämlich diejenige. w<
unter Auswahl gegebener, aber ausgesucht guter Exemplare verrn
mathematischer Methoden einen Durchschnitt zu finden strebt,
diesem Sinn hat vor 2 Jahren Geigel seinen „Kanon des jul
deutschen Soldaten“ in dieser Wochenschrift (1919. Nr. 52) abgcl!
In dieselbe Gruppe gehört in bezug auf Objekt und Methode die
gezeichnete Arbeit H. Rautmanns. Sie ist dem Andenken 1
Theod. Fechners gewidmet; ihre Ergebnisse beruhen auf der
Wendung seiner „Kollektivmasslehre auf Problemen der Patliologil
besonderem der Konstitutionsforschung. Die mathematische Seitei
Werkes wird der Mediziner wohl verstehen, aber im allgemeinen
kritisch zu beurteilen vermögen. Es wird Sache der Mathematiken
Fach sein, zu entscheiden, ob das von F e ebne r angegebene, logt
mische, zweiseitige Gausssche Gesetz die beste Methode zur ]
nerischen Bestimmung eines „Kollektivgegenstandes“ ist: K-
m a n n behauptet seine besondere Eignung für biologische BeoS
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
209
jsrofhen. Die Kollektivgegenstände. seiner Beobachtung waren
jergewicht, Körpergrösse, Brustumfang, Respirationsbreite. Herz-
se (röntgenologisch), Pulszahl und Blutdruck bei jungen Männern.
Messungen landen, wie bei Geigel, gelegentlich der Ausmuste-
I 'für den Flugdienst während des Krieges statt. Wenn oben betont
je, dass Rautmanns Norm auch etwas Idealisches anhaftet, so
iht das eben darauf, dass zum Flugdienst sich nur die körperlich
htigsten, häufig bereits durch mehrfache Musterung gesiebt, melden
iten; auch meldete sich natürlich nur, wer es sich selbst zutraute,
kommt Rautmann m. E. auch zwar zu einer Norm, aber nicht
einer Durchschnitts-, sondern zu einer Musternorm. Fechner
st hat als Vorbedingung einwandfreier Anwendung seiner Kollektiv¬
slehre gefordert, dass bei der Auswahl keine Nebenrücksichten und
e Willkür Platz greife. Die Grenzen der Statistik liegen also in
Statistiker und sein subjektives- Werturteil, das bei der Auswahl
>er eine bewusste und unbewusste Rolle spielt, wird, je willkürlicher
nge wendet ist, desto mehr den reinen, vielleicht fast absoluten Wert
Methode schmälern. Ich will nicht damit sagen, dass die von
u'tmann gefundenen Werte nicht die gesuchte Norm für sein
erial. sondern nur, dass sie nic'ht die Norm schlechthin sind. Ein
irf charakterisiertes und einheitliches Beobachtungsmaterial voraus-
itzt, bietet die Fechn ersehe Methode, wie Rautmann zeigt,
t folgende grosse und für den Nichtmathematiker überraschende
iliichkeiten : es lässt sich mit ihrer Hilfe die normale Variationsbreite
r biologischen Erscheinung (nicht nur ihre Mittelwerte) angeben,
vermag ferner die Grösse der für eine sichere Berechnung nötigen
ndzahl herauszisbringen und sie gestattet schliesslich auch die Grösse
vorhandenen Fehler zu bestimmen. Bezüglich der Ergebnisse, die
utmann mittels dieser Methode gefunden hat, sei auf die Schrift
st verwiesen. In einem wichtigen Punkte scheint sie mir noch
lie Zukunft zu weisen: in der Notwendigkeit und in der Möglich-
. über die Normbestimmung der Einzelerscheinungen hinaus auch
gegenseitigen Beziehungen rechnerisch zu erfassen.
R. R ös sie -Jena.
A. Poehlmann: Technik der Wassermann sehen Reaktion
der S a c h s - G e o r g i - Reaktion. 2. Auflage. München 1921.
Vlüller & Steinicke. Preis 9.60 M.
Die zweite Auflage dieses ausgezeichneten, für Anfänger und Ge-
: gleich wertvollen Hilfsbiichleins für die Untersuchungen nach
ssermann hat der Verfasser mit gewohnter Gründlichkeit, aus
hen Erfahrungen heraus dem Stande unseres Wissens angepasst.
Abschnitt „Komplement“ ist ganz umgearbeitet, hinzugefügt ist die
chreibung des Verfahrens nach Sachs-üeorgt und auch sonst
kt man Seite für Seite die verbessernde Feder. Dass der Verfasser
eigenes Verfahren, das bestimmte Abweichungen von sonst
:hen zeigt, ausführlicher behandelt, gereicht der Arbeit nicht zum
hteil. Wenn auch die Anleitungen des Reichsgesundheitsrates für
Ausführung der Untersuchungen nach Wassermann nicht berüch¬
tigt sind, so behält das Buch für Untersucher, die nach der Anleitung
;iten, seinen Wert. Bei einer neuen Auflage dürften wohl die ein¬
reuten, unnötigen Fremdwörter zu beseitigen sein.
Rimpau - Solln.
John Grönberg: Rezeptur für Studierende und Aerzte. 2. ver-
rte und verbesserte Auflage mit 18 Textfiguren. Berlin,
pringer, 1920. 113 Seiten. Preis 14 M.
Grönbergs Rezeptur, die bei ihrem ersten Erscheinen 1919
dig begrüsst und von der Kritik freundlichst beurteilt wurde, weist
er neuen Auflage manche Verbesserung auf. Die Einschaltungen
ner Versuche über Unlöslichkeit gewisser Pillenmassen im Danr.-
d, Ungenauigkeit von Messgefässen etc. sind in Kleindruck gesetzt
stören den Zusammenhang der Darstellung nicht mehr. Leider ist
m. E. unhaltbare Einteilung der Alkaloide in: zu innerlichen und
iusserlichen Zwecken, stehengeblieben.
Das sehr praktische Büchlein, das sorgfältig durchdacht und frei
veraltetem Kram und zweckwidrigen Arzneiverordnungen ist, kann
>nders den Studierenden der Medizin bestens empfohlen werden.
J o d 1 b a u e r.
Öie Jene Tlcjnei 1530. Faksimiledruck mit einer quellenkritischen
ersudnmg über die Geschichte des ältesten zahnheilkundlichen
ckes von Dr. Gustav Budjuhn t. Vorwort von Prof. Dr. Karl
dhoff, Geh. Medizinalrat. Verlag von Hermann Meusser,
in 1921. 73 Seiten 8° (abgesehen vom Faksimiledruck).
Die „Zenearznei“ von 1530 ist das älteste gedruckte Werk zahn-
rundlichen Inhaltes, ein nettes populäres Werkchen mit allerlei guten
schlügen und recht interessanten Angaben über Plombieren. Nerv-
n usw. Das anonyme Büchüein ist zwar in 8 Auflagen gedruckt
den, aber trotzdem eine grosse bibliophile Seltenheit. Auch neue
Weisungen und ein von Richter 1891 besorgter Neudruck sind
ier wieder vergessen worden, so dass die Wiederherausgabe in vor-
ich schönem Faksimiledruck von grossem Werte ist. Sie wird
so mehr anerkannt werden, als der geschichtliche Sinn bei den
egen von der Zahnheilkunde sichtlich in raschem Wachsen begriffen
Budjuhn, ‘ein gewesener Neuphilologe, dann Studierender der
nheilkunde, der noch vor Erreichung des 30. Lebensjahres in
ischer Weise sterben musste, hat die Geschichte des Werkchens
der verschiedenen Drucke mit grosser Sorgfalt bearbeitet. Es ist
grosses Verdienst von Sud hoff, dass er sich um die vorzügliche
eit angenommen hat, sie mit einem' Vorwort versah und Dr. Curt
0 skauer empfahl, der sie als 2. Bändchen seiner „Quellen und
Beiträge zur Geschichte der Zahnheilkunde“ erscheinen liess. Be¬
sonders dankbar müssen wir aber Sudhoff sein, dass er den Faksimile¬
druck beim Verleger anregte und auch die Titelblätter der späteren
Auflagen reproduzieren Hess, so dass nun die Arbeit B u d j u h n s im
richtigen Licht steht, als erläuterndes Nachwort zum Texte. So wird
das Ganze, wie Sud hoff schön sagt, , zum würdigsten Denkmal für
den so früh Geschiedenen“. Kerschenste i ner.
K. E. Ranke und Chr. Silberhorn: Atmungs- und Haltungs¬
übungen. Mit 46 Abbildungen im Text. 2. Auflage, neu bearbeitet.
60 S. Verlag G m e 1 i n, München 1921.
Die bereits in der ersten Auflage, besonders gegen schlechte Hal¬
tung und mangelhafte Brustkorbentwicklung, vom Arzt und Turn-
fachmann durch gemeinsame Erwägungen und Feststellungen emp¬
fohlenen Uebungen haben sich in der Praxis bewährt. Ihre Auswahl
und ihr Ausmass soll unter ärztlicher Ueberwachung stehen, was be¬
sonders für die nicht Gesunden gilt. Der Turnlehrer oder Heilgymnast
kann und darf nicht allein1 die Verantwortung tragen. Unter diesem
einzig richtigen Gesichtspunkt entstand das gute Büchlein, dessen zwei¬
tes Erscheinen durch neue, ausgeprobte Uebungen und weitere Bilder
nach Naturaufnahmen vermehrt wurde. Doernberger.
Das kleine Botanische Praktikum für Anfänger, Anleitung zum
Selbststudium der mikroskopischen Botanik und Einführung in die
mikroskopische Technik von Eduard Strasburger. 9. verbesserte
Auflage von Max Koer nicke. 8°. 272 Seiten. 138 Holzschnitte
und 3 farbige Bilder. Jena, Gustav Fischer, 1921. Broschiert 40.50 M.
Das allbewährte Buch — die 9. Auflage spricht am deutlichsten
dafür — wendet sich an alle diejenigen, die nicht Botaniker von Fach
werden wollen, sich aber mit den Grundlagen der wissenschaftlichen
Botanik aus eigener Anschauung vertraut machen möchten. In der
neuen Auflage sind in mehreren Abschnitten Text und Figuren ent¬
sprechend den wissenschaftlichen Fortschritten geändert worden, einiges
ist neu hinzugekommen. Für den wissenschaftlich tätigen Arzt, ganz
besonders aber für jeden, der sich mit dem Pflanzenleben vertraut
machen oder in dasselbe tiefer eindringen will, wird das äusserst prak¬
tisch angelegte Buch ein zuverlässiger und gründlicher Ratgeber sein.
H. Ross- München.
Zeitschriften-Uebersicht.
Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie einschliess¬
lich Balneologie und Klimatologie. 1921. Heft 12.
B o r u t t a u - Berlin: Ein Beitrag zur Ernährung der Nervensubstanz.
Von 2 Kaninchen, die 30 Tage lang neben Grün- und Trockenfutter ein
Präparat aus Tiergehirn und Rückenmark (F e i g 1 s „Promonta“) bekommen
hatten, wurden die Organe analysiert und dabei ein absolut und relativ er¬
höhter Gehalt der Leber an ätherlöslichen Substanzen und Lipoidphosphor
gefunden, ebenso des Gehirns und Rückenmarkes, dagegen nicht der Muskeln.
Der von Fei gl beschrittene Weg zur Ersetzung verbrauchter Stoffe im
menschlichen Nervensystem ist also richtig und gangbar.
Philipp und C a r t h a u s - Bonn: Versuche über die Wirkung
oszillierender Ströme auf Bakterien und Protozoen, insbesondere in Lösungen
von Jodsalzen.
Kulturen von Typhus, Koli, Diphtherie und Tuberkelbazillen konnten
durch die kombinierte Wirkung von JNa und oszillierenden Strömen ab¬
getötet werden, bei Verwendung von Jodkalzium war das gleiche der Fall
und auch schon der oszillierende Strom allein übte schon eine schädigende
Wirkung auf Bakterien (Bact. proteus) aus. Es werden also die Elektrolyte
der oszillierenden Ströme in der durchströmten Strecke frei und wirken hier
auf Mikroorganismen, womit ein Weg gezeigt ist, im Innern des Körpers
Arzneimittel zu zerlegen und damit stärker wirksam zu machen.
W. S m i t t - Dresden: Die Beteiligung der Bauchdecken bei der Lumbago.
Durch Beobachtung am eigenen Körper fand Verf., dass bei der Lumbago
die Bauchdecken Sitz der Erkrankung sein können, wobei die kranken Stellen
abnorm hart und druckempfindlich sind. Am besten wirkt hier Massage im
Stehen, vorbeugend zweckmässige Unterkleidung, regelmässige Waschungen
mit heissem (nicht kaltem) Wasser und Luftbäder.
E. P e t e r s - Davos: Serumei Weissuntersuchungen im Hochgebirge.
Gesamteiweissgehalt und prozentualer Globulingehalt des Serums blieb
bei Gesunden unverändert, wurde bei Lungentuberkulösen vermindert, aber
wahrscheinlich durch die Einwirkung der Krankheit, nicht der Höhenlage.
J. S c h n e y e r - Gastein: Einige biologische Wirkungen des Bad¬
gasteiner Thermalwassers.
Verf. fand, dass die Leukozytenzahl durch die künstlichen Emanations-
büder stärker beeinflusst wird, als durch die Gasteiner Thermalbäder, was er
durch die verschiedene Verteilung der Emanation, die bei den Thermalbädern
gleichmässiger ist, erklärt. Es gelangen so in der Zeiteinheit nur sehr geringe
Dosen in den Organismus. Während weiterhin hochdosierte Trinkkuren
offenbar die Magensekretion nicht beeinflussen, fand Verf., dass durch das
üasteiner Thermalwasser die Salzsäuremengen regelmässig vermehrt werden,
weshalb auch Kranke mit Uebersäuerung die Trinkkuren dort schlecht ver¬
tragen. Er schliesst aus alledem, dass es verfehlt ist, die Hauptwirkung der
Gasteiner Therme ihrem Gehalt an Radiumemanation zuzuschreiben, wie das
vielfach geschieht. L. Jacob- Bremen.
Archiv für klinische Chirurgie. 117. Band, 3. Heft.
Hans Smidt: Röntgenologische Untersuchungen über das Verhalten des
Magens während eines Galiensteinanfalles.
Untersuchung von 8 Patienten. Es fand sich dabei eine hochgradige
Steigerung des Tonus mit totalem oder regionärem Gastrospasmus, anfangs
hochgradig gesteigerte Peristaltik bei bestehender Pylorusinsuffizienz, die
allmählich in Ortho- oder gar Hypotonie und Aperistaltik übergeht. Häufig
fällt diese Phase mit dem Abflauen des Anfalles zusammen. Aus diesem
Wechsel resultiert eine erhebliche Verlängerung der gesamten Austreibungs¬
zeit. Bei Total-Gastrospasmen wurden gleichzeitig am Duodenum und Jejunum
210
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr
spastische Zustände beobachtet. Die Darmpassage blieb unverändert Der
Erregungszustand der Gallenblasenwand teilt sich reflektorisch dem Magen-
Darmtrakt mit und führt zu diesen spastischen Erscheinungen, nach deren
Abklingen ein Erschöpfungszustand eintritt. _
J. F. S. Esser: Schusterspanvcrbäiide bei Gesichtsplastiken. Meine
Mittelungen. Qesichtsplastiken das Einsjnken von Nahtlinien und Verziehen
von Lappen zu verhüten, verwendet E. an Stelle komplizierter Kopfkappen¬
apparate, an denen die Fadenzügel angebracht werden können, einen ent¬
sprechend geformten Schusterspanbogen von 40 cm Länge, der mit Mastisol
und Mullbinden auf dem Kopfe befestigt wird. Mit kräftiger Nadel wird an
der gewünschten Stelle der Seidenfaden durchgezogen und die Fadenzugei be¬
festigt. Mehrere erläuternde Abbildungen.
Wildegans: Lieber Thoraxresektionen wegen veralteter Pleura¬
empyeme. (Bericht über das Material K ö r t e s.) _ .
Unter 222 operierten Pleuraempyemen wurde bei 12 Patienten eine
Thorakoplastik zur Ausheilung nötig, ferner noch bei 3 tuberkulösen Empyemen.
Die Erfolge sind sehr gute. 12 von diesen Fällen heilten nach Ihorax-
resektionen nach Schede fistellos aus. 2 tuberkulöse Empyeme wurden
mit Fistel wesentlich gebessert entlassen. Ein 8 jähr. Mädchen starb 24 stun¬
den nach der Operation. Die Thorakoplastik wurde in der Regel in einer
Sitzung und in einer Kombination von Lokalanästhesie mit Allgemeinnarkose
durchgeführt. Resektion der ersten Rippe und Teile der Skapula sind nur
ausnahmsweise notwendig. Entrindung der Lunge nicht empfehlenswert. Jie
Erfolge bei tuberkulösen Empyemen sind nicht unerheblich ungünstiger. Die
Thoraxresektion ist indiziert, wenn 3 Monate nach erfolgter Rippenresektion
bei entsprechender Nachbehandlung die Höhle keine Neigung zur Ausheilung
zeigt. Zur Kontrolle der Kapazität der starren Höhle wird Austastung der¬
selben mit einer Zinnsonde vor dem Röntgenschirme bevorzugt. Bei der
Nachuntersuchung zeigte es sich, dass auch die Lunge an der erkrankten
Seite an der Atmung teilnahm.
J. F. S. Esser: Oben gestielter Arteria-angularis-Lappen ohne nautstiel.
Mitteilung und Abbildungen einer Anzahl sehr gelungener Gesichts¬
plastiken (Nasen- und Unterliddefekte). Sie wurden erzielt durch Deckung
mit peripher gestielten Insellappen (ringsum losgelöste Hautlappen, deren
Stiel nur aus Gefässen besteht), die durch umgekehrte Zirkulation der Arteria
angularis ernährt wurden. Wenn man auch an die peripher gestielten Lappen
nicht die gleichen Ansprüche stellen kann wie an die zentral gestielten, so
ist dem ersteren doch 3h bis % der Lebenskraft zuzuschreiben, die die
letzteren aufweisen.
William Boss: Beitrag zur Frage der embolischen Aneurysmen.
Mitteilung zweier Fälle (eines Arrosions- und eines embolischen
Aneurysmas). Erstere entstehen durch Arrodieren der Gefässwand durch
infektiöse Prozesse, die von aussen her an umschriebener Stelle die Arterien¬
wand schädigen. Letztere kommen durch Bakterienemboli zustande, die von
endokarditischen Klappenauflagerungen losgelöst werden und eine von den
äusseren Schichten nach innen fortschreitende Periarteriitis setzen. Operative
Behandlung kommt nur bei den Extremitätenaneurysmen in Frage, nicht bei
denen der Bauchgefässe. Auch bei ersteren ist der Erfolg unsicher.
Gerhard Wolff: Mammakarzinom während Gravidität und Laktation.
Unter einem Gesamtmaterial von 214 Mammakarzinomen wurde in
13 Fällen die Erkrankung während der Gravidität und Laktation beobachtet
(6 Proz.). Die in dieser Zeit auftretenden Karzinome zeichnen sich durch be¬
sondere Bösartigkeit- aus. In keinem Falle wurde eine Rezidivfreiheit von
auch nur einem Jahre erreicht.. 3 dieser Fälle waren von Haus aus inoperabel.
Das Auftreten von Karzinomen während der Gravidität und Laktation wurde
besonders häufig bei polnischen Jüdinnen beobachtet, so dass vielleicht Rassen¬
eigentümlichkeiten eine Rolle spielen.
Karl Schlaepfer: Ueber eine vereinfachte Methode der indirekten
Bluttransfusion (B r o w n - P e r c y).
Verfasser berichtet über die häufige Anwendung von Bluttransfusionen,
die er in Amerika beobachten konnte und empfiehlt die indirekte Bluttrans¬
fusion nach Brown-Percy, an der er einige kleine Modifikationen ange-
oracht hat. Beschreibung des Apparates und der Technik der Transfusion.
Valentin-Müller: Intrapelvine Pfannenvorwölbung (Pelvis Otto-
Chrobak).
Mitteilung von 3 derartigen Fällen, die im Verlaufe von 2 Jahren be¬
obachtet wurden. Die Ursache dieses Leidens ist eine Herabsetzung der
Widerstandskraft der Pfanne gegenüber dem andrängenden Schenkelkopfe
durch Tumor, Tuberkulose oder pyämische Prozesse. Die akute Form dieser
Erkrankung ist nach Henschen auf Gonorrhöe zurückzuführen. Symptome
sind: Schmerzen, die meistens zuerst in der Wade beginnen und später zum
Hüftgelenk hinaufziehen. Hinken, Bewegungseinschränkung, das Auftreten einer
druckempfindlichen Resistenz oberhalb der Leiste, Abflachung der Trochanter¬
wölbung, fehlerhafte Hüftstellung, Stauchungsschmerz, Trendelenburg-
sches Zeichen und vaginal oder rektal zu tastende intrapelvine Vorwölbung.
Helmut Loebell: Hernia diaphragmatica spuria nach Schussver¬
letzung.
Mitteilung eines Falles, in dem es durch Inkarzeration der Flexura coli
sinistra in einer traumatischen Zwerchfellhernie zum Ileus gekommen war,
der in mehrfachen Sitzungen operativ zur Ausheilung gebracht werden konnte.
Rachil Friedmann: Ueber Diverticulltis des Dickdarms.
Es wird über einen Fall von akuter eitriger Peritonitis' berichtet, die
durch Perforation eines Graser sehen Divertikels der Flexura sigmoidea
entstanden war. Kurze Besprechung der Aetiologie der Divertikel, der
Diagnose und Therapie. ‘ Hohlbaum - Leipzig.
Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie, red. von Q a r r e,
Küttner, v. Brunn. 124. Bd., 3. Heft. Tübingen, L a u p p. 1921.
D. Kulenkampf gibt aus dem Krankenstift Zwickau eine Arbeit zur
Aetiologie, Diagnose und Therapie der sog. Pulsionsdivertikel der Speise¬
röhre. K. ist der Ansicht, dass man die Bedeutung der Muskulatur für
den Entstehungsmechanismus überschätzt hat und dass man es mehr mit
angeborenen Bildungen zu tun hat; auch die meist handschuhfingerartige Form
der Divertikel, die sich nach ihrer Lösung aus ihren Beziehungen zpr Nachbar¬
schaft so elastisch zusammenziehen, dass sie ganz Gestalt und Grösse eines
kleinen Fingers haben, spricht gegen die mechanische Entstehung, und sind
die Oesophagusdivertikel, analog denen an Magen und Darm, als angeborene
Bildungen aufzufassen. K. erörtert das Krankheitsbild und die Diagnose der
Oesophagusdivertikel. bei denen die Röntgenographie das sicherste j
gnostische Hilfsmittel ist und man die schwierige Sondierung unterla j
kann. Die Behandlung muss eine operative sein. Das uirard sc ne Up
tionsverfahren kann nur für kleine Divertikel in Frage kommen, die i o .
mann sehe Operationsmethode billigt K. nicht, da dabei ein absterbe; \
Fremdkörper in der Wunde zurückbleibt, was zu Mediastinitis Anlass g«j
kann; er plädiert vielmehr für Abtragung des durch einen Kragenschnitt bl
gelegten und isolierten Divertikels mit folgender Naht, auf Paquelin und nl
trag liehe Tamponade muss dabei verzichtet werden. Vorgängige (jaü
stomie kann unterbleiben. K. verfügt über zahlreiche ohne Mageni
geheilte Fälle, die er (z. T. mit Röntgenskizzen) anführt. Eine grosse
lästigung ist der oft in den ersten 1 agen scheussliche Hustenreiz, det
durch reichliche Kodeingaben (5 — 6 mal täglich 30 40 Tropfen einer 1 i
Lösung) und Morphium (2—4 mal 0,02 in den ersten Tagen) bekämpft.
Temperatur ist in den ersten Tagen oft wie nach Kropfoperationen erl
K gibt die Krankengeschichten von 5 Fällen. Die Röntgenpausen geben i
nur eine Vorstellung von der Grösse und Form der Divertikel sondern
gen einige Besonderheiten, auf die K. speziell hinweist.
Hans B u r k h a r d t berichtet aus der Marburger Klinik über emfa
Pneumothorax und Sparmungspneumothorax, referiert über diesbezügliche
versuche und empfiehlt zur Behandlung des Spannungspneumothorax eine
subkutaner Thorakotomie in der Weise, dass man von einem kleinen
schnitt aus abseits von diesem etwa mit einem Tenotom die Interko
muskulatur auf eine Strecke von 3—4 cm durchtrennt und dann den Ein
vernäht. Auch wo bereits Hautemphysem vorhanden ist. das'Ausstri
der Luft aber ungenügend ist, käme solches Vorgehen in Betracht.
Rudolf Ganz gibt aus dem Katharinenhospital Stuttgart einen Be
zur Behandlung der akuten Pleuraempyeme, insbesondere des Grippeempy
Er berichtet im ganzen über 93 Fälle, wovon 69 auf die Grippeepidemie
fallen und teilt sein Material in verschiedene Gruppen: 1. die Empyeme
denen vorangehend oder gleichzeitig eine Erkrankung der Lungen bei
(19 Fälle, wovon 12 starben), 2. Empyeme ohne nachweisbare Lungenerl
kung (13 Fälle, 2 +), 3. Empyeme, bei denen zuvor ein Eiterherd an anc
Körperstelle bestand (metastatisch) (8 Fälle, 2^ t), 4. traumatische Emp>
(10 Fälle, 3 t) und berechnet für die älteren Fälle eine Gesamtmortalität
34 Proz. Für die Grippeepidemie gerechnet G. für die 10 Frühoperii
50 Proz. Todesfälle, für die Spätoperierten (29 Fälle) 10 Proz., für a
Empyeme 11 Proz. bzw. noch weniger. Er kommt zum Schluss, dass bei
Empyemen besonders die Schnittmethode mit Rippenresektion die Met
der Wahl ist (in Lokalanästhesie mit genügend grossem Schnitt, um t
sicheren Abfluss des Eiters zu gewährleisten) und dass als Nachbehandlun}
akutem Empyem die alten Methoden ebenso brauchbar sind, wie die n
und wegen der technischen Einfachhheit vielfach vorzuziehen sind, insbesor
beim Grippeempyem wegen der häufigen Komplikation durch massenh
Fibringerinnsel. Bei den para- und metapneumonischen Grippeempyemen
auf der Höhe der Krankheit nicht operiert, sondern soll zur Entlastung e
mehrmals punktiert werden. Sobald es der Zustand des Kranken erl
muss die Rippenresektion vorgenommen werden.
J. Kaiser schreibt aus der Hallenser Klinik über kontinenten K
after, eine neue Methode, Anus praeternat. femoralis; er bespricht die
herigen Methoden kontinenten Anus praeter zu erzielen, erörtert die Pel
und kontinenzfördernden Operationen am Kunstafter und schildert sein
bestpn in Aethernarkose auszuführende Operation.
L. D r ü n e r gibt aus dem Fischbachkrankenhaus Studien überl
vorderen Bauchwandnerven und über die Bauchschnitte. I
Leopold H e i d r i c h referiert aus der Breslauer Klinik über Ursache
Häufigkeit der Nekrose bei Ligaturen grosser Gefässstämme und gibt ini
jährlicher systematischer Zusammenstellung eine Uebersicht über 1276
turen mit 11.9 Proz. Nekrosen, Ligatur der Arterien allein mit 15,4 I
Gangrän, der Venen allein mit 2,4 Proz.. 198 Ligaturen von Arterie und I
mit 8.5 Proz. Gangrän. Die Häufigkeit der Gangrän nach in vorderster j
vorgenommenen Ligaturen ist noch wesentlich undünstiger. Für Art. ca
comm. und int., iliaca, femoralis und poplitea-Verletzungen ist, wenn ii
möglich, die Naht der Ligatur vorzuziehen, denn wenn event. danach Thro
sierung eintritt, doch mehr Zeit zur Ausbildung von Kollateralen bleibt.
13. Heile gibt aus dem Diakonissenhaus Wiesbaden einen Rückblic
unsere Nervenoperationen mit Nachuntersuchungen, Bericht über die f
(1917) nach der Operation mitgeteilten Fälle von Nervenoperationen mit
gehen auf die einzelnen Nervenoperationen, die histologischen Befunde (
Beigabe farbiger Mikrogramme) etc. I
Rud. R e i c h 1 e gibt aus dem Allerheiligenhospital Breslau eine A
zur Frage des traumatisch segmentären Gefässkrampfes unter Mitteilung*
2 betr. Fällen, von denen besonders der 2. das deutliche Bid dieser neuer!
beschriebenen Komplikation darbot und auch an der blossgelegten A|
beobachtet wurde. Der traumatisch segmentäre Gefässkrampf entstellt i
R. nicht nur nach Schussvcrletzungen, er ist auch nach stumpfen Ge|
einwirkungen zu beobachten, ist teilweise identisch mit dem lokalen Vj
stupor der früheren Kriegschirurgie, er kann auch gleichzeitig (wie der i
2. Fall) mit einer Gefässzerreissung auftreten. Auch bioptisch sichergelt
Fälle von Gefässspasmus müssen daher sehr kritisch gewertet werden.
K. Bachlechner gibt aus dem Zwickauer Krankenstift eine /j
zur operativen Versteifung der Wirbelsäule bei tuberkulöser Spondy llti;
beschreibt u. a. den günstigen Befund nach der A 1 b e e sehen Operatio;
einem 8 Wochen nach derselben an Miliartuberkulose gestorbenen Kindtj
Fauno Kolima gibt aus der Leipziger Klinik pathologisch-anatont
Untersuchungen über operative Nearthrosen mit mikroskopischen und |
logischen Befunden an 2 Ellbogengelenken, von denen das erste nach 1 M
das andere 2 Jahre nach der Mobilisation obduziert wurde (unter Bi
zahlreicher farbiger Mikrogramme und Zusammenstellung der Ergebnisse.
Niedlich gibt aus dem Krankenhaus Fischbachthal eine Arbeit
Querfortsatzfrakturen, worin er zu den 44 mitgeteilten Fällen 10 weiten
teilt, bzw. Entstehung, Diagnose und Behandlung derselben berichtet.1
Röntgenaufnahme bleibt das einzige zuverlässige Untersuchungsmittel,
ziiglich der Nachbehandlung betont N., dass ein Aufstehen je nach der Scli
der Verletzung erst vom 21. Tag an erlaubt wurde, aber schon frühzeitii
Massage, Bewegungsübungen im Bett (Beinheben etc.) begonnen wurde
operative Entfernung eines Frakturstückes war im 1. Falle nicht nötig.
Leute wurden meist in der 5. Woche nach der Verletzung mit einer Schor
rente von 10 Proz. für 3 — 6 Monate zur Arbeit entlassen.
Bettina Neuer bespricht aus dem Nürnberger Krankenhause die
kungsweise des Optochlns bei postoperativen Lungenkompllkatlonen in
Schluss an 118 Krankheitsfälle, pulinonäre Erkrankungen schlossen si
60,3 Proz. der Fälle an die Inhalationsnarkose, in 1,7 Proz. nach intravi
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
211
kos« und in 31,9 Proz. an Operationen in Lokalanästhesie an. N. berechnet
2688 Operationen überhaupt die Morbidität der Lungenkomplikationen
4,2, die Pneumoniemortalität mit 18,3 Proz.
O. H. P e t e r s e n bespricht aus der Dortmunder Krankenanstalt die
.'thorakale Oesophagoplastlk bei kongenitaler Oesophagusstenose unter Mit-
mg eines betr. Falles.
Hans Biedermann berichtet aus der Jenaer Klinik eine durch Darm¬
iktion geheilte primäre Phlegmone des Dickdarms mit Inversion der
kalwand unter Mitteilung der betr. Krankengeschichte. Sehr.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 3.
A. S a l.o m o n - Berlin: Zur Prognose und Heilung der Sehnennähte.
Verf. weist darauf hin, dass die Resultate der Beugesehnennähte wesent-
schiechter sind als die der Strecksehnennähte. Ursachen dieser Miss-
lge bei der Naht der Beugesehnen sind teils in der Fixation der Sehne
ler Sehnenscheide, in unregelmässigen Kallusbildungen, teils in dem Aus-
ben der Kontinuität zu suchen; ferner heilen die Sehnen ausserhalb der
nerischeiden mit Sicherheit auch ohne Naht zusammen, innerhalb der
nenscheide nie; Bier führt dieses Ausbleiben der Vereinigung auf die
/esenheit von hemmenden Hormonen, die aus der Synovia stammen,
ick. Diese Bier sehe Theorie gibt uns einen Fingerzeig, wie wir bessere
ungsvorgänge erzielen können; Entfernung der Sehnenscheiden im Bereich
Sehnennahtstelle lässt im Tierexperiment gute Vereinigung der Sehnen-
npfe eintreten. Auch beim Menschen ist die partielle Exzision der Sehnen-
:ide angezeigt, welche eine mechanische Behinderung der Qleitfähigkeit
:h den Sehnenkallus verhindert; frühzeitige Bewegungen sind daneben
;zeigt und nicht bedenklich, da Verwachsungen nicht mehr zu befürchten
und die Sehne nach Exzision der Scheide nur mehr von Fettgewebe
eben ist.
Aurel C a n d e a - Temeswar (Rum.); Chyluszyste des Mesenteriums.
Verf. schildert kurz einen Fall von kindskopfgrosser Chyluszyste im
enterium; Exzision des Tumors samt dem entsprechenden Darmstück in
form brachte rasch Heilung. Mit 1 Abbildung.
V. 0 u s s e w - Ponjewesch (Litauen); Zur Therapie des Volvulus der
ura sigmoidea.
Als weitere (4.) Methode zur Therapie des Volvulus der Flex. sigm.
gt Verf. die Ausschaltung der Flexur durch Invagination in Erinnerung,
sich ihm gut bewährt hat. Die invaginierte, nicht mehr ernährte Flexur
heint vor dem Anus und wird nach und nach abgestossen.
V. E. M e r t e n s - München: Die breitfurchende Darmquetsche.
Verf. hat eine breitfurchende Darmquetsche konstruiert, die die Ein-
mng des nach Abbindung und Durchtrennung übrigbleibenden Bürzels
entlieh erleichtert. Mit 1 Abbildung.
R. M i 1 n e r - Leipzig : Zur Operation von Hasenscharten und Kiefer-
ten.
Bei einem komplizierten Fall von Lippen-Kieferspalte gelang es dem
., durch einen selbstkonstruierten elastischen Apparat, der aus 2 Ab¬
ingen leicht verständlich ist, den Zwischenkiefer zurückzuhalten und
hzeitig den nach genügender Ablösung vernähten Lippenspalt zusammen-
Üen. E. Heim- Schweinfurt-Oberndorf.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 3.
C. F 1 e i s c h m a n n - Wien: Myomentwicklung nach Ovarientransplan-
ngf •
Nach einer Ovarientransplantation bei einer 34 jährigen Amenorrhoischen
ie Vergrösserung des Uterus, Entwicklung eines kleinen Myosm, Wieder¬
itzen der Menstruation nach 16 jähriger Pause beobachtet.
E F. D r i e s s e n - Amsterdam : Zur Technik der Fibromyombehandlung
Röntgenstrahlen. Bestrahlung in zwei Sitzungen.
Nach 7 jähriger Erfahrung sind grosse Dosen und lange fortgesetzte Be¬
dungen zur Behandlung klimakterischer Blutungen und Fibrömyome un-
; und überflüssig. Es gelingt fast in allen Fällen bei Frauen über 40 Jahren
w e i Serien mit einer Zwischenpause von 3 — 4 Wochen, also innerhalb
; Monats, den gewünschten Erfolg zu erreichen. Jede der beiden Sitzungen,
prinzipiell post menstruationem stattfinden, dauert 1 — l'A Stunde, auf 1,
er 4 Tage verteilt; im ganzen erhält die Kranke etwa 100 H oder 200 bis
X; diese Dosis genügt, denn obgleich nach der zweiten Sitzung die
>truation oft noch wiederkehrt, ist eine dritte Bestrahlung unnötig; fast
Ausnahme tritt ohne weitere Röntgenbestrahlung Amenorrhoe ein.
B. L i e g n e r - Breslau: Die Suggestivbehandlung in der Frauenheilkunde.
Warme Empfehlung der Hypnose als Narkotikumsparer, bei Bettnässen,
Dysmenorrhöe, bei Hyperemesis gravidarum und sogar zur schmerzlosen
mg der Geburt und der Ausräumung beim Abort.
Fr. L ö n n e und P. S c h u g t - Göttingen : Ueber das Vorkommen von
therlebazillen in der Scheide.
Auf Grund sehr ausgedehnter Untersuchungen lehnen Verfasser das Vor-
■nen von Di-Bazillen in der Scheide als häufig ab. In 45 Proz. der
nalabstriche fanden sie Pseudodiphtheriebazillen, während echte Di¬
llen zu den allergrössten Seltenheiten gehörten.
, D o e r f 1 e r - Regensburg: Ueber. die Indikation zur Ventrofixation.
Im Gegensatz zu Hastrup und Albert verteidigt D. die Ventro-
atlon- Er schildert genau die von ihm seit 28 Jahren mit Erfolg be-
e Methode, die in einer besonderen Fixation der Ligg. rotunda gipfelt,
bespricht eingehend die Vorzüge und Indikationen dieser Methode.
Werner- Hamburg.
Archiv für Kinderheilkunde. 70 Band, 3. Heft.
C. Noeggerath und H. S. R e i c h 1 e - Freiburg i. B.: Bestimmung
'Peziftschen Gewichtes in wenigen Tropfen Harn.
Die Methode lehnt sich an die von Hammer schlag zur Bestimmung
spez. Gewichtes des Blutes an. Man kommt mit wenigen Tropfen aus.
ueres ist im Original nachzusehen.
, Klein, Erich Müller und M. S t e u b e r - Berlin: Beitrag zur
"IS “es energetischen Grundumsatzes bei Kindern.
Die Autoren kommen auf Grund ihrer Untersuchungen an Knaben von
Jahren zu dem Schluss, dass die Ansichten von Benedikt und
o t nicht stichhaltig sind. Sie schliessen sich vielmehr der älteren
ü an, dass auch bei jungen Säuglingen der Grundumsatz dem Rubner-
uesetz der Wärmebildungskonstante entspricht.
Rudolf M a y • r - Freiburg i. B.: Kalziumbestimmungen im Serum Ge¬
sunder, Rachitischer und Spasmophiler, sowie nach Adrenaliiivorbehandlung.
Es wurden Serumkalziuinbestimmungen nach der Methode de Waards
vorgenommen. Die Normalwerte im Säuglingsalter, 10,8—11,8 (Mittel 11,25),
entsprechen denen des späteren Kindesalters, 10,9—12,0 (Mittel 11,38), sind
sehr konstant und von der Nahrungsaufnahme unbeeinflusst. Bei der Rachitis
finden sich im akuten Stadium leicht bis stark erhöhte Werte, die sich im
Laufe der Rekonvaleszenz schnell zu tiefen subnormalen Werten senken, um
sich langsam wieder zur Norm zu erheben. Dieser Umschlag vollzieht sich
unter täglicher Quarzlampenbestrahlung sehr schnell. Ein Zusammenhang
zwischen Gesamtserumkalzium und positivem Fazialisphänomen besteht nicht.
Adrenalininjektionen rufen keine Veränderungen des Gesamtserumkalzium¬
gehaltes hervor.
O. L a d e - Düsseldorf : Ueber das Bilirubin im Blute Scharlachkranker.
ln der ersten Woche findet sich regelmässig ein über die Norm erhöhter
Gallenfarbstoffgehalt vor. In den meisten Fällen trägt das Bilirubin nicht den
Charakter des Stauungsbilirubins. In einzelnen Fällen wird Stauungsbilirubin
gefunden, dessen Ursache in einer Drosselung der Gallenausführgänge durch
portale Drüsenschwellung beruht.
Emma Stelling- Kiel: Untersuchungen über Meningitis.
Die Arbeit behandelt in der Hauptsache die Mortalität, die jahreszeitliche
und lokale Verbreitung in Kiel.
St. Engel und Grete Katzenstein: Versuch einer Morbiditäts¬
statistik der Rachitis.
Es handelt sich um eine Massenstatistik auf der Grundlage individualisti¬
scher Erhebungen. Dabei werden 4 Stärkegrade der Rachitis unterschieden
und dazu die Lauffähigkeit als leicht erfassbares Merkmal genommen. In den
750 untersuchten Familien mit 1384 Kindern fanden sich 10 Proz. mit schwerer
und sehr schwerer Rachitis. In Dortmund sind danach zurzeit etwa 9000 Kinder
allein der Rachitis wegen fürsorgebedürftig, etwa 5000 von ihnen sind in
solchem Zustand, dass mit energischen Mitteln eingegriffen werden muss.
Die Bedeutung des Pauperismus tritt dabei deutlich hervor. Je geringer
der Raum ist, welcher dem einzelnen Individuum zur Verfügung steht, um so
stärker herrscht die Rachitis. Hecker- München.
Jahrbuch für Kinderheilkunde. Band 96. Heft 6.
R. Blühdorn und F. Loebenstein: Die Mageninsuffizienz im
Säuglingsalter als selbständiges Krankheitsbild. (Aus der Universitäts-Kinder¬
klinik Göttingen (Dir. Prof. Dr. F. Goepper t].)
Die Verfasser schildern in der vorliegenden Arbeit eine bislang wenig
beachtete motorische Funktionsstörung des Magens im Säugliingsalter mit
Appetitlosigkeit und gelegentlichem Erbrechen mit stark verlängerter Ver¬
weildauer des Nahrungsinhaltes im Magen. Diese Fälle wurden primär bei
konstitutionell minderwertigen und debilen Säuglingen mit vermindertem
Turgor und Muskeltonus beobachtet, ferner im Anschluss und in der Rekon¬
valeszenz akuter Ernährungstörungen besonders häufig nach Ruhr, endlich
auch nach fieberhaften Infektionen des Säuglingsalters jeglicher Art, wie Grippe,
Pyelitis, Pneumonie u. a. m. Als Therapie wird die Spülung des Magens mit
150 200 ccm Lullusbrunnen oder Emserwasser empfohlen und kleine Mengen
gezuckerter Buttermilch (300 — 400 ccm pro die) ansteigend.
E. Stransky und O. Weber: Konstitutionspathologische Betrach¬
tungen zur exsudativen Diathese. (Aus der Universitäts-Kinderklinik in
Berlin.)
Besteht im Säuglingsalter vorläufig noch keine Möglichkeit, an der Hand
der Symptome der mit exsudativer Diathese behafteten Kinder auf die Pro¬
gnose und weitere Entwicklung schliessen zu können, und schwinden auch bei
der überwiegenden Mehrzahl der Fälle alte pathologischen Symptome, so
bleibt doch eine nicht zu unterschätzende Zahl von Kindern übrig, bei denen
die abnormen Reaktionen auf normale Reize auch während der späteren
Lebensabschnitte krankhafte Erscheinungen hervorrufen.
Robert Quest: Zur Frage der Pathogenese der Polioencephalitis epi¬
demica. (Aus der inneren Abteilung des St. Sophien-Kinderspitals in Lemberg.)
Quest konnte in der Lumbalflüssigkeit bei Poliioencephalitis epidemica
mit der intrakutanen Autoseroreaktion einen Antigenkörper nachweisen: der¬
selbe schwindet in der Rekonvaleszenz. Bei protrahiert verlaufenden Fällen
fehlt diese Reaktion, wahrscheinlich wegen Mangel der entsprechenden Anti¬
körper. Im Beginn der Erkrankung erleichtert die Reaktion die Diagnose.
Schnelles Verschwinden einer stark ausgesprochenen Reaktion erlaubt eine
gute Prognose zu stellen.
R. de Josselin de Jong und B. P. B. Plantenga: Ueber die
Aetiologie des sogen. Megacofon congenitum (Hirschsprung sehe Krank¬
heit). (Aus der Klinik für Säuglinge im Haag und dem pathologischen Institut
der Universität Utrecht.) Kasuistische Mitteilung.
Literaturbericht, zusammengestellt von Hamburger - Berlin.
O. Rommel- München.
Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 1921. 64. Band,
3. Heft.
Alfred Wich mann: Zur Differentialdiagnose zwischen Dementia
praecox und Hysterie bzw. Psychogenie. (Aus der psychiatr. und Nerven-
klinik zu Königsberg i. Pr.)
An Hand emes lehrreichen Falles wird gezeigt, wie gross mitunter die
diagnostischen Schwierigkeiten sein können. In manchen Fällen lässt sich
weder aus dem ,, Querschnitt“, noch aus dem „Längsschnitt der Psychose“
hinsichtlich der Differentialdiagnose ein sicheres Urteil fällen.
Rudolf G a n t e r - Wormditt i. Ostpr.: Ueber Sterblichkeitsverhältnisse
und Sektionsbefunde bei Epileptischen und Schwachsinnigen.
Die Epileptischen sterben etwas häufiger an Pneumonie als die Schwach¬
sinnigen, die ihrerseits mehr der Tuberkulose erliegen. An dritter Stelle steht
als Todesursache bei den Epileptischen der Status. Die Seltenheit des Krebses
erklärt sich wohl aus dem verhältnismässig frühen Tod der Kranken. In
etwa der Hälfte der Fälle von Epilepsie und Schwachsinn wurde eine
chronische Leptomeningitis gefunden. Die Häufigkeit des Vorkommens von
Mikrogyrie ist bei Epileptischen und Schwachsinnigen annähernd gleich. Bei
den Epileptikern fand sich in 9,8 Proz., bei den Schwachsinnigen in 8,5 Proz.
Porenzephalie. Bei der Epilepsie kann man im allgemeinen mit einer Krank¬
heitsdauer von etwas über 20 Jahre rechnen. Der grösste Prozentsatz der
Schwachsinnigen stirbt im Alter von 11—20 Jahren.
G. Meyer: Paranoische Formen des manisch-depressiven Irreseins.
(Aus der psychiatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.)
212
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. t
Die paranoischen Formen des manisch-depressiven Irreseins sind relativ
selten. Zweifellos muss eine endogene Veranlagung als ürundlage für sie
angenommen werden. Die Wahnbildung beim manisch-depressiven Irresein
folgt den gleichen Aufbaumechanismen wie die Wahnbitdung überhaupt, nur
ist vielleicht die Wahnbildungsmöglichkeit grösser. Diagnose und Prognose
können in der Regel als gesichert gelten, wenn der Nachweis wesentlicher
manisch-depressiver Züge gelingt. Aus der Struktur der Wahnideen allein
wird eine Unterscheidung zwischen manisch-depressivem Irresein, paranoischen
Psychosen und Dementia praecox nicht immer zu ermöglichen sein. Solange
wir noch nicht in der Lage sind, durch Auffindung anatomisch-pathologischer
und chemischer Substrate die Klassifikationsfragen zu vereinfachen, müssen
wir bestrebt sein, das Zusammengehörige in eine Entwicklungsreihe zu bringen
und in jedem Falle zu den seelischen Elementarv^gängen vorzuschreiten.
Zur Erläuterung werden 3 einschlägige Fälle beschrieben.
Andreas Kluge: Affektänderungen. (Aus der ungarischen psychiatr.-
neurol. Universitätsklinik Pressburg.) (Mit 17 Textabbildungem)
Ergebnisse: 1. Aufstellung des Begriffes Intellektuahtät gegenüber der
Affektivität. 2. Systematisierung der verschiedensten Affektanderungen.
3. Konstatierung des Lenkungsaffektes bei den willkürlichen Quantitats-
änderungen der Affektivität. . . . ........
S. Galant: Praktische Intelligenz und moralische Imbezillität. Uvut
6 Textabbildungen.) . . . . . .
Der praktische Sinn ist etwas, das mit der Intelligenz gar nicht fest ver¬
bunden ist und sich nebeh einer verhältnismässig niedrigen Intelligenzstufe
mit Erfolg betätigen kann. Das Primäre bei einer erfolgreichen praktischen
Betätigung ist der praktische Sinn, dem später die Intelligenz zu Hilfe kommen
kann, um ihn weiter und fruchtbarer zu entwickeln. Es gibt somit streng
genommen keine praktische Intelligenz, sondern einen praktischen Sinn, dem
die Intelligenz zu Hilfe kommen kann. Auch bei der sog. moralischen
Imbezillität wird fälschlicherweise geglaubt, dass die Intelligenz dabei die
wichtigste bzw. die Hauptrolle zu spielen hat. Der moralisch Imbezille soll
irgendwie intellektuell defekt sein, wenigstens in bezug auf die moralischen
Begriffe. Es gibt aber keinen streng abgegrenzten intellektuellen Massstab
für moralisch' und unmoralisch. An dem Lebenslauf eines Verbrechers soll
gezeigt werden, dass man ihn trotz allein moralisch nennen muss, weil er
einsieht, dass er unmoralisch handelt, moralisch handeln will, es aber infolge
seiner Neigung zum Trunk, seiner erblichen Belastung und Charakterschwäche
nicht kann. In einem über Moral und Recht handelnden Schlusskapitel wird
dafür eingetreten, das Strafrecht so mild wie nur möglich zu gestalten; es
soll mehr zur Mahnung als zur Strafe dienen und über Geldbussen und
Internierung in Irrenanstalten für Verbrecher nicht hinausgehen.
Bücherbesprechungen.
Anzeige des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Hauses in Charlottenburg betr.
Aufnahme nervöser (neuro- bzw. psychopathischer) Kinder in Arztfamilien.
Germanus F 1 a t a u - Dresden.
Klinische Wochenschrift (Fortsetzung der Therapeutischen Halb¬
monatshefte und der Berl. klin. Wochenschrift). 1922. Nr. 1.
Erich M e y e r - Göttingen: Ueber Herzgrösse und Blutgefässfüllung.
Es wird hervorgehoben, dass die Grösse oder Kleinheit des Herzens
auch in Beziehung steht zur Füllung des Gefässsystems, sei es, dass es sich
um echte Plethora oder aber um Verminderung der Blutmenge handelt. Beim
Kollaps verkleinert sich das Herzvolumen infolge der ungünstigen Verteilung
der Blutmenge, bestimmte Beziehungen ergeben sich auch bei Blutverlusten
bzw. Blutentziehungen, wie Tierversuche ergaben. Der Regulationsmechanis¬
mus zwischen Herzgrösse und Blutmenge ist nicht vom Vasomotoren¬
zentrum abhängig, wie nachgewiesen wurde. Aus den verschiedenen
Stadien der Herzgrösse bei Anämie erhellt am deutlichsten die Abhängigkeit
der Herzgrösse einerseits vom Füllungszustand, anderseits vom Zustande der
Herzmuskulatur. Im Anschluss an klinische Beobachtung und experimen¬
telle Ergebnisse rät M., statt der physiologischen Kochsalzlösung sich bei
nötig werdenden Infusionen des Normosals zu bedienen. Für die ärztliche
Praxis ist zu beachten, dass Kleinheit des Herzens durch Blutleere, Ver-
grösserung durch Plethora bedingt sein kann. Beobachtungen in dieser
Richtung am Menschen zeigen, dass bei Mensch und Kaninchen im Prinzip
die gleichen Anpassungsvorgänge an die Blutmenge vorliegen.
V. S c h in i e d e n - Frankfurt a. M.: Gegenwart und Zukunft der
Magengeschwürschirurgie.
Bei der kritischen Besprechung der z. Z. in dieser Hinsicht geltenden
Grundsätze kommt Verf. zur Forderung, dass die zerstörende Chirurgie
des Magenkarzinoms nicht auf die Therapie des Geschwüres übertragen werden
darf und dass der Chirurg den Forderungen des Einzelfalls gerecht werden
muss, wie sie sich aus dem Studium der gestörten Mechanik, der veränderten
Innervation und Sekretion ergeben. Die Chirurgie des Magengeschwürs ist
noch im Flusse.
E. A b d e r h a 1 d e n - Halle a. S.: Ueber das Wesen der Innervation
und ihre Beziehungen zur Inkretbildung.
Inkretstoffe, d. h. von bestimmten Organen, wie Schilddrüse, Thymus
herstammende Stoffe sind von wesentlichem Einfluss auf die Muskulatur der
kleinen Gefässe. Schilddrüsenstoffe vermögen die Oxydationen in den Zellen
zu steigern. Das Zuckerzentrum wirkt nicht direkt auf die Leber ein,
sondern auf dem Wege über den Sympathikus auf die Nebennieren, welche
einen bestimmten Stoff in die Blutbahn abgeben, welcher dann seinerseits
die Leberzellen beeinflusst. Die Zusammenhänge sind also oft viel ver¬
winkeltere, Nervensystem und die Wirkung solcher Inkretstoffe stehen in
Wechselwirkung.
M. H. K u c z y n s k i - Berlin: Leberbefunde bei fleckfieberkranken Ka¬
ninchen.
Bei Kaninchen, welche mit Fleckfieber infiziert wurden, findet man be¬
stimmte Veränderungen innerhalb der Leberzellen, welche man als erkenn¬
bare Aeusserungen des betreffenden Virus bezeichnen muss, welcher den
endothelialen Apparat in bestimmter Weise angreift. Die Endothelien zeigen
einen gewissen Reizzustand. Das Virus wächst und vermehrt sich in solchen
Zellen, diese sind zugleich die Wiege und das Grab der Fleckfieberinfektion.
G. Bucky und H. G u g g e n h e i m e r - Berlin : Steigerung der
Knochenmarksfunktion durch Röntgenreizdosen.
Ein 4 Jahre bisher verfolgter Fall von perniziöser Anämie, in welchem
wiederholt durch Röntgenbestrahlung Remissionen erzielt werden konnten,
beweist, dass wir unter gewissen Voraussetzungen — erhaltene Reaktions¬
fähigkeit des Markes und richtige Dosierung — in den Röntgenreizdosen ein
mächtiges Stimulans für die Regeneration von Erythrozyten besitzen. Vergl
die Tabelle im Original. Ebenso die Angaben über die I echmk der Bestrah
lungern Kauf{mann und Marg. W i n k e 1 - Frankfurt a. M.: Entzündun
und Nervensystem. , . , , . . . n
Verf. konnten einen Kranken beobachten, bei welchem nach oraler Dar
reichung von Jodkali eine entzündliche Reaktion ausschliesslich jener Ge
webspartien auftrat, welche das Innervationsgebiet eines erkrankten pen
pheren Nerven ausmachen. Es scheint die Annahme nahezuliegen, das
durch die mit Sensibiiitätsstörungen und anhaltenden Reizerscheinungi*
einhergehende Erkrankung des Nerv, ischiad. im betr. Falle „verändert
Zustandsbedingungen.“ im Sinne von Tschermak für das betr. Körper
gebiet eintraten, eine gewisse Ernährungsstörung der Gewebe, welche da
Auftreten der dcrmatitischen Erscheinungen begünstigen. Es entsteht als
durch diese supponierte Zustandsänderung eine besondere Reaktionsart dt
betr. Gebietes. . , , _ ....
W. Frei und Rud. S p i t z e r - Breslau: Zur Koinzidenz von Syphili
und Tuberkulose. Symbiose in Lymphdrüsen.
In 2 Fällen fistelnder Halsdrüsentuberkulose wurden nach einer luet
sehen Infektion in den tuberkulösen Drüsen Spirochäten gefunden; bei einei
Fleischer wurde unter einer frischen Lues eine Bovinusinfektion der beidci
seitigen Kubitaldrüsen manifest. In 2 von diesen 3 Fällen wurden Tuberke
bazillen und Spirochäten nebeneinander in derselben Drüse nachgewiesei
bei 8 Luesfällen mit stark vergrösserten, klinisch nicht tuberkulös vei
dächtigen Drüsen konnten zwar Spirochäten, aber nicht Tuberkelbazillen ii
Drüsenpaket nachgewiesen werden. In Tierversuchen beeinflussten Lut
und Tuberkulose sich nicht in ihrem Verlaufe.
E. C z a p s k i - Jena: Ueber Zuckertage in der Behandlung der klm
liehen Nephritis.
In 2 näher mitgeteilten Fällen besserten sich durch eingeschobene Zucke
tage die Diurese und urämischen Erscheinungen, im späteren Verlaufe zeigte
die Zuckertage keinen nennenswerten Einfluss mehr auf den Verlauf. Ir
der Zucker im Organismus vollständig verbrannt wird, so stellt die Zucke
auflösung in Flüssigkeiten an die kranke Niere keine höheren Anforderung!
als die Flüssigkeit allein, so dass eine Schonung erfolgt und die Möglichkc
einsetzt, sich der angesammelten Mengen von CINa und N leichter zü en
ledigen. .
K. Hellmuth- Hamburg-Eppendorf: Unsere Ergebnisse inlt de
neuen Verfahren zur Prüfung der Gefässfunktion von Morawttz Ul
D e n e c k e in der Geburtshilfe.
Nach dem Ausfall der Untersuchungen kann dieser Methode eine grosse
diagnostische oder prognostische Bedeutung bei der klinischen Beurteilui
der Nephropathien und Eklampsien nicht zugemessen werden. -
F r e u d e n b e r g - Heidelberg: Die Bedingungen der Grünfärbung v<
Säuglingsstühlen. .
Wenn bei Ernährungsstörungen des Flaschenkindes ein grüner Stu
entleert wird, so hat das zur Bedingung, dass im Darm lebhafte Gärui
herrscht. Ist der Stuhl grün bei alkalischer Reaktion, so ist anzunehmc
dass in höheren Darmabschnitten Gärung upd Säuerung herrschen. J
O. Loewi: Weitere Untersuchungen über humorale Uebertragbarki
der Herznervenwirkungen.
Durch neue Versuche an Kröten konnte Verf. zwingend beweisen, da
die bei Nervreizung im Herzinhalt auftretenden erregenden Stoffe schon ei
stehen, ehe der mechanische Erfolg der Nervreizung zur Geltung komn
Die Nervreizung veranlasst direkt das Auftreten von chemischen Stoffen, c
ihrerseits erst die Ursache dessen sind, was man im Anschluss an die Ner
reizung sieht. Diese Stoffe sind organischer Natur.
G. Embden und H. Lawaczeck: Ueber die Bildung anorganisch
Phosphorsäure bei der Kontraktion des Froschmuskels.
Unterbricht man die chemischen Vorgänge im Muskel im Kontraktioi
augenblick so rasch als möglich, indem man ihn plötzlich in flüssige D
versenkt und so zum Gefrieren bringt, so enthält er mehr anorganisc
Phosphorsäure, als der entsprechende Muskel der anderen Seite, der t
schlaffen und kurze Zeit ausruhen konnte.
H. Lange und B. W. Müller: Untersuchungen über Narkose.
Aus den Versuchen, nach welchen während des Bestehens einer Narkc
der Erhöhung der Permeabilität der Muskeln eine Herabsetzung der Durc
lässigkeit vorausgeht, geht hervor, dass weder der Zustand vermindert
noch jener vermehrter Permeabilität an sich als die eigentliche Ursache c
Narkose in Betracht kommt.
Rahnenfuhrer: Brown-Sequard sehe Halbseitenläsion e
Halsmarkes. Kasuistische Mitteilung.
Br. Valentin: Sarkom des Kalkaneus.
Kasuistische Mitteilung, 24 jähr. Frau betreffend.
J. Z a p p e r t - Wien: Die Behandlung der Enuresis.
Fortsetzung folgt.
A. .1 u c k e n a c k - Berlin : Der Einfluss des Krieges auf die Mil»
erzeugung und Milchversorgung.
Besprechung statistischer Verhältnisse in dieser Frage, sowie <
während des Krieges vor allem in Gross-Berlin durchgeführten Massnahn
zur notdürftigen Versorgung der Bevölkerung mit Milch oder Milchprodukt
A. Gott st ein: Standesangelegenhelten. <
Als die wichtigste Standesfrage muss heute der Kampf um die /|
erkennung der Bedeutung des Standes für das allgemeine Volkswohl gelt!
es genügt nicht, nur den Umfang unseres Wissens und Könnens immer m<:
zu erweitern. Grassmann - München!
Medizinische Klinik. Heft 4.
Ben t hin: Die Genese und Therapie der genitalen Blutungen.
Fortbildungsvortrag.
W. Stekel: Grenzen, Gefahren und Missbrauche in der Psychanab
ln Voraussicht des drohenden Massenbetriebs in der Analyse m:ö
Verfasser auf die Gefahren eines solchen Zustandes aufmerksam und erla
nur dem wirklich Fähigen die Ausübung analytischer Tätigkeit. Ausserd!
muss dieser eine gründliche medizinische Bildung und genaue Kenntnis
Neurologie besitzen. Ein weiteres Erfordernis ist eine umfassende Bildu
besonders eine genaue Kenntnis der Literatur. Im Zusammenhang mit d;
Problem des Massenbetriebes macht Verfasser auf die sog. sekundäre o1
postanalytische Verdrängung aufmerksam. Es kann eben nicht jeder Neuroti
geheilt werden; er muss den Willen zur Gesundheit haben und dazu m
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCflfcNSCHRIF
213
zogen werden. Die Vernachlässigung dieser grundlegenden Tatsache
zur analytischen Neurose. Im ganzen wird aus dem Artikel klar, wie
die Verantwortung des Analyse treibenden Arztes ist.
Jmfrage über die neue Influenzaepidemie. Nichts wesentlich Neues,
'abry und W o I f f : Ueber die Behandlung der Syphilis mit Neo-Silber-
rsan und andere Probleme der Salvarsanbehandlung.
lemerkungen zur Verträglichkeit und Wirkung des Neo-Silber-Salvarsans,
ombinierten Behandlung mit Salvarsan und Quecksilber, zur Behand¬
ler Salvarsandermatitis, über den sog. Salvarsanikterus.
I. Brock: Feststellungen an 42 Fällen liquorkontrollierter, klinisch
cbteter Nervenlues. Zu kurzer Wiedergabe nicht geeignet.
(. Oerson: Zur lokalen Anästhesierung.
lestreichen der Haut mit konzentrierter Karbolsäure bewirkt hinreichende
hesie zu Injektionen, zur Naht von Wunden, zur Entfernung von kleinen
umoren und Inzision von Furunkeln. Schäden wurden nicht gesehen,
keine Narbenbildung.
L Linhard: Haut„knopf“löcher.
n Anlehnung an die Perforation des Ohrläppchens zum Tragen von
igen wird vorgeschlagen, gleichartige Hautknopflöcher anzulegen, um bei
ps die grossen Labien, um bei Analprolaps beide Skrotalhälften, bei
ti usw. zwei Hautfalten mit hantelförmigen Knöpfen zusammenzuhalten
olche Körperöffnungen vorübergehend zu verschliessen.
'.Holzer: Zusammentreffen von Poliomyelitis acuta anterior adultorum
erforierender Appendizitis.
)er Fall, ein 17 jähr. Mädchen, bot wegen seiner Komplikationen erheb¬
diagnostische Schwierigkeiten, die erst autoptisch geklärt werden
en.
i. Hirsch: Ueber Herzstörungen beim Scharlach.
)ie nach Scharlach unabhängig von der Schwere der Primärerkrankung
tenden Herzstörungen sind durch Endo- und Myokardschädigung zu-
en mit Vasomotorenlähmung bedingt. Die organischen Veränderungen
en höchstwahrscheinlich auf einer Streptokokkenmischinfektion.
). Marlinger: Todesfall nach einmaliger Novasurolinjektion.
). Singer: Schweinerotlauf beim Menschen.
.. Katz: „Sirius“, der neue Durchleuchtungsschirm,
legründete Empfehlung.
V. F. Winkler: Neuere Erfahrung mit der 3. Modifikation der
:ke-Reaktion (D. M.).
)ie D. M. kann durchaus empfohlen werden zusammen mit der WaR.;
idessen nur ein Verfahren angewandt werden, so ist nach wie vor der
der Vorzug zu geben.
llühdorn: Die akuten infektiösen Magen-Darmerkrankungen des
ngsalters.
Bemerkungen zur Diagnose, Verlauf und Therapie der Ruhr des Säug-
und späteren Kindesalters. S.
leutsche Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 1 und 2.
i. S t r ü m p e 1 1 - Leipzig: Zur Charakteristik der gegenwärtigen
pie.
ingeregt durch die Einführung der Antisepsis, die augenscheinlichen Er-
auf dem Gebiete der Antipyrese, die Forschungen der Bakteriologie,
'kenntnis von dem Werte der inneren Sekretion, endlich durch die Ent-
lung der Psychotherapie, ist dem Zeitalter eines mehr oder weniger
ngenen Nihilismus in der Therapie eine fast ins Unübersehbare ge-
rte Aktivität gefolgt. Unter Zugrundelegung des Erfolges für den
en ist zu unterscheiden zwischen notwendiger, nützlicher, unnötiger
chädlicher Therapie. Während die Zahl der unbedingt notwendigen
ittel verhältnismässig gering ist und je nach der persönlichen An-
mg des Arztes gewissen Schwankungen unterliegt, sind die Möglich-
für eine nützliche Therapie ausserordentlich reich geworden. Eine
ge Therapie sollte um so sorgsamer vermieden werden, weil sie nicht
selten auch zur schädlichen Therapie wird, die sich von selbst verbietet,
r. Kraus- Berlin : Konstitutionstherapie,
luss in der Urschrift nachgelesen werden.
1. H e r t w i g - Berlin: Der jetzige Stand der Lehre von den Chromo-
. Uebersicht.
i o 1 d s c h e i d e r - Berlin : Die Behandlung der chronischen Kreislauf-
che (unter vorwiegender Berücksichtigung der physikalisch-diätetischen
den).
leferat, erstattet im Verein f. Inn. Med. u. Kindhlk. in Berlin am
f; 1921; (Bericht in Nr. 49 der M.m.W.). Schluss folgt.
. K 1 e m p e r e r - Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der Tuber-
ehandlung. Uebersicht.
I. H i 1 d e b r a n d - Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der opera-
Behandlung des Kropfes.
V. K o 1 1 e - Frankfurt a. M.: Ueber Neosilbersalvarsan und die chemo-
eutische Aktiviernug der Salvarsanpräparate durcli Metalle.
leosilbersalvarsan ist ein durch die Einfügung der Silberkomponente
irtes chemisch stabilisiertes Neosalvarsan; es ist stark wirkend, leicht
und wird gut vertragen.
■ Jadassohn- Breslau: Syphilisbehandlung durch den praktischen
irundbedingung ist möglichst frühzeitige Diagnose mit Untersuchung des /
:rums, Grund- und Drüsenpunktion. Die Kombinationstherapie ist zur.
ioch die Methode der Wahl für den Praktiker. Schädliche Neben/-
ngen des Salvarsans werden durch sorgfältige Technik auf ein Mindest-
beschränkt. Therapeutische Einzelheiten über Wahl des Mittels,
ung, Berücksichtigung der zwischen Infektion und Beginn der Be-
mg verstrichenen Zeit sowie des Stadiums der Lues usw. Prophylaxe
iehandlung der Nebenwirkungen, die niemals ganz vermieden werden
-D öderlein - München: Ueber die Behandlung des Puerperalfiebers.
>ei auftretendem Fieber in der Geburt bewirkt alsbaldige Entleerung, des
3 eine Kupierung des beginnenden Kindbettfiebers. Desinfizierende
ülungen mit Lysoform, Jodlösungen oder Mea-Jodina (eine Tablette auf
r warmen Wassers) sind durchaus ratsam. Puerperalgeschwüre werden
^zentrierter Jodlösung getupft. Bei schon fortgeschrittener Erkrankung
i Wirkung der Injektionen von Antistreptokokkenserum, Kolloldmetallen,
"Körpern nicht unzweifelhaft. Eiterherde müssen entleert werden.
Umständen wird die Totalexstirpation des Uterus notwendig. Bei der
puerperalen Peritonitis ist oft die Eröffnung des hinteren D o u g 1 a s sehen
Raumes von guter Wirkung.
J. H ij r s c h b e r g - Berlin: Erfahrungen eines alten Augenarztes.
I. Uebir Blindheit und Sehstörung.
R. D ejg k w i t z - München: Ueber Masernschutzserum.
Maserminfizierte Kinder können mit Masernrekonvaleszentenserum vor
dem Ausbruch der Erkrankung geschützt werden. 2 — 3 Proz. Versager.
D. G. f J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Ueber Opium und seine Präparate.
Die billige Ti. Opii Simplex kann, wenn eine Verabreichung per os an¬
gängig ist J in den meisten Fällen das Morphium und alle anderen wesentlich
teureren Ffräparate ersetzen.
A. H|o 1 s t e - Jena: Neue Arzneimittel.
Nr. 2L
F. Nie u f e 1 d - Berlin : Neue Forschungsergebnisse über Pneumonie.
Nach! einem am 5. XII. 1921 im Verein f. Inn. Med. u. Kindhlk. ge¬
haltenen Wortrag. (Bericht in Nr. 50 der M.m.W.)
H. 3 e 1 1 e r - Königsberg: Die Bedeutung der tuberkulösen Allergie für
das Entziindungsproblem und die Proteinkörpertherapie.
Verfj j. bezeichnet die Allergie als eine Entzündungsbereitschaft, welche
durch eine Veränderung der chemisch-physikalischen Eigenschaften des Zell-
protoplapmas infolge der Einwirkung lebender Tuberkelbazillen Zustande
kommt. Es gibt zwei Arten von Allergien: eine natürlich vorhandene, un-
spezifisene gegen Bäkterienprotein und eine erworbene, spezifisch tuber¬
kulöse, welche in spezifischer Weise durch Tuberkulin, in unspezifischer
Weise durch Bakterienproteine und andere Reizstoffe hervorgerufen wird.
G I d s c h e i d e r - Berlin: Die Behandlung der chronischen Kreislauf-
schwäcfjie (unter vorwiegender Berücksichtigung der physikalisch-diätetischen
Methoden). Schluss aus Nr. 1.
A.j Schittenhelm - Kiel: Ueber Aortitis luica.
Nach dem Sitz der Erkrankung ist eine Aortitis supracoronaria,
coronafia, valvularis und aneurysmatica zu unterscheiden. Die sowohl durch
Perkussion als im Röntgenbilde nachweisbare Verbreiterung der Gefässfigur
steht im auffallendem Gegensätze zu einem verhältnismässig kleinen Herzen.
Im Rö/ntgenbilde erkennbar ist auch eine Verlängerung der Aorta infolge Ver¬
minderung ihrer Elastizität und tiefere Schattenbildung der Aorta infolge
Wandyerdickung. Therapeutisch ist eine energische kombinierte Hg-
Salva/'sankur geboten.
IJ. S t r a u b - Halle und Kl. M e i e r - München: Zur Pathogenese des
periodischen Atmens.
'in dem ausführlich beschriebenen Falle rührte die lokale Asphyxie des
Atem/zentrums von multiplen Erweichungsherden an den Gehirngefässen her;
sie 'kann jedoch auch rein funktionell entstehen. Die COs-Spannung der
Alveplarluft war dauernd stark herabgesetzt.
E. Fraenkel und Fr. W o h 1 jv i 1 1 - Hamburg: Das Zentralnerven¬
system bei Gasbrandinfektion des Menschen.
Die auch bei schweren Gasbrandinfektionen gefundenen Hirnverände¬
runfeen sind so geringfügig, übrigens auch inkonstant, dass ihnen eine Be¬
deutung nicht zukommt. Entsprechend kann der tödliche Ausgang bei Gas-
brajndinfektionen nicht durch toxische Einwirkung auf das Zentralnerven¬
system erklärt werden.
j G. W i n t e r - Königsberg: Weibliche Kriegs- und Nachkriegsopfer.
j Neben der Abnahme der Geburten findet sich eine enorme Zunahme der
Aborte (von 15 Proz. auf 36 — 37 Proz.), die weniger auf den Krieg als auf
dife Nachkriegszeit, die Revolution und steigende Demoralisation zurück-
gbführt werden muss. Die Zahl der Todesfälle an Kindbettfieber ist auf das
D/oppelte gestiegen. Auf rein gynäkologischem Gebiete spielte die Kriegs-
amenorrhöe eine bemerkenswerte Rolle, ohne restlos erklärt zu sein. Vorfälle
und inoperabler Uteruskrebs haben eine Zunahme erfahren. Die Zahl tripper-
il/ranker Frauen hat sich versiebenfacht, während die Zahl der syphilitischen
Frauen nicht ganz das Doppelte erreicht hat.
A. H o f v e n d a h 1 - Stockholm: Diathermietiefenstich bei Larynx-
fuberkulose.
Durch genügende Isolierung des oberen, in. der Epitheldecke ' steckenden
Teiles der spitzen Elektrode wird nur die Tiefe koaguliert, während das Deck¬
epithel intakt bleibt.
J. D u b s - Winterthur: Ganglion der Nervenscheide des N. ulnaris.
Nach Trauma war eine bohnengrosse Verdickung am N. ulnaris un¬
mittelbar distal vom Proc. styl, ulnae entstanden, die sich bei der Operation
als eine Ansammlung glasig-gallertiger Masse in der Nervenscheide heraus¬
stellte.
G. B e r n ha r d t - Berlin: Ueber Isopropylalkohol als Mittel zur Hände¬
desinfektion.
Isopropylalkohol in 40—50 proz. Lösung ist als vollwertiger Ersatz des
Aethylalkohols zur Händedesinfektion anzusehen.
G. P i o r k o w s k i - Berlin: Ein neuer Nährboden zur Diagnostik und
Züchtung im Blute kreisender Streptokokken.
Baum- Augsburg.
Schweizerische medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 1.
L. Asher: Die Physiologie der Atmung.
R. Staehelin: Die Pathologie der Atmung.
Bernheimer-Karrer - Zürich: Ueber subkutane Fettgewcbs-
nekrosen beim Neugeborenen (sog. Sklerodermie der Neugeborenen).
Mitteilung von 5 Fällen. Es handelt sich um eine umschriebene Er¬
krankung des subkutanen Fettgewebes, besonders bei übergewichtigen Kindern
infolge Geburtstraumen, die zur Nekrose von Fettzellen und daran anschliessend
zu einer beträchtlichen entzündlichen Infiltration der Subkutis und ödematöser
Schwellung des Bindegewebes fuhren.
W. L a n z - Montana: Die Darstellung eines salzarmen, isotonischen
Antigenpräparates für die Eigenurinreaktion nach Prof. W i 1 d b o 1 z.
Verf. hat bessere Resultate bekommen und unspezifische Reaktionen
durch den Salzgehalt des Harns vermieden, nachdem er den konzentrierten
Harn in geprüften Kollodiumfiltern dialysierte und das Präparat mit physio¬
logischer Kochsalzlösung isotonisch machte. Die Technik der Herstellung der
Filter etc. wird genau beschrieben.
F r e y - St. Gallen: Zur Wirkung des „Gynergen“.
Verf. sah gute Wirkung bei der Sectio caesarea, Atonie, Behandlung der
Aborte, warnt aber vor der Anwendung als Wehenmittel in der Geburt wegen
der Unsicherheit der Dosierung. L. J a c o b - Bremen.
214
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N
Auswärtige Briefe.
Wiener Briefe.
(Eigener Bericht.)
Beendigung des Aerztestrelkes bei den üenossenschaitskassen. Vor¬
beratung der Aerzteordnung. - Zahlstockirage. — Krankenanstaltongesetz.
Multiplikator zur Regulierung der ärztlichen Honorare. Entwurl des neuen
Strafgesetzbuches.
Am 13. Januar endete ein Arbeitsausstand von allen
220 A e r z t e n, die dem Verbände der Oenossenscnatts-
krankenkasse angehören. Der Ausstand begann an} nnnMit’
dauerte somit mehr als 2 Monate, obwohl der Verband seine 200 000 Mit¬
glieder während der ganzen Zeit um den gesetzlich gesicherten Anspruch aut
freie ärztliche Hilfe verkürzte. Die Kosten trugen die Kranken wahrend
die Kassen Ersparnisse machten und die meisten Kassenärzte auch nicht zu
klagen hatten. Behandelten doch die an der Peripherie der Stadt wohnenden
Aerzte alle, die anderen die meisten ihrer Kassenkranken weiter, mir zahlten
die Kranken aus eigener Tasche den wesentlich höheren Tarif der Privat-
praxis. Die günstigen Einkommensverhältnisse der Kassenmitglieder und der
immer noch unverhältnismässig niedrige Tarif der Aerzte, ermöglichten, dass
dieser Zustand nicht zu drückend empfunden wurde. Der Grund zum Aus¬
stande waren Lohnstreitigkeiten. Die letzte Regulierung war vom verbände
den Aerzten am 1. Mai v. J. gewährt worden. Inzwischen waren aber den
Beamten erhebliche Steigerungen zugestanden worden. Damals wurde der
32 fache Friedensgehalt erreicht und er sollte nun auf das 96 fache gesteigert
werden. Viele Wochen vergingen, ehe ernstliche Verhandlungen begannen
und erst als das Ministerium für soziale Verwaltung sich wiederholt ernstlich
bemühte, gelang es ein Uebereinkommen zu treffen. Der Erfolg ist für die
Aerzteschaft um so bedeutender, als das Uebereinkommen vermutlich weiteren
Lolinstreitigkeiten Vorbeugen wird, denn jede Erhöhung der Bezüge der Be¬
amten des Verbandes wird nunmehr selbsttätig die gleiche Erhöhung der ärzt¬
lichen Gehalte zur Folge haben. Gesteigert wird dieser Erfolg noch da¬
durch dass die anderen grossen Krankenkassen einem Uebereinkommen ge¬
mäss genötigt sind, ihren Aerzten die gleichen Begünstigungen zu gewähren.
Während dieses Ausstandes setzte die Genossenschaft ihre Hoffnungen
nicht nur auf Streikbrecher, sondern auch auf die öffentlichen Ambulatorien.
Die Organisation hat sich stark genug erwiesen, Streikbrecher haben sich
kaum gefunden. Der persönlichen Einflussnahme ausgesandter Aerzte gelang
es, auch jene Ambulatorien, die in der Zulassung Kassenkranker weniger
streng vorzugehen pflegen als die Vorschriften verlangen, dahin zu bringen,
dass sie die Kassenmitglieder bis zu einem Masse abwiesen, dass der Unter¬
richt zu leiden begann.
Am 23. und 24. Januar fand eftie Vorberatung der Aerzte¬
ordnung im Parlamentsgebäude statt. Die Vertreter der Kammern und
Organisationen, aber auch zahlreicher nichtärztlicher Gruppen waren geladen.
Die Aerzte gingen mit sehr gemischten Gefühlen an die Arbeit. Vielen schien
die Beratung nur ein Verschleppungsmanöver der Regierung, andere standen
unter dem Eindrücke zersetzender Vorgänge in der Reichsorganisation. Der
Vorstand der Reichsorganisation trat kurz vor dieser Beratung zurück, weil
nun schon zum zweiten Male die Organisationen der Länder ohne Rücksicht
auf die Reichsorganisation Beschlüsse fassten und an die Regierung weiter¬
leiteten, Beschlüsse, die im Widerspruche standen zu solchen, die von der
Reichsorganisation im Zusammensein mit allen Landesdelegierten gefa;;: t
worden sind. Die Landesorganisationen verschliessen sich aber durchaus
nicht der Einsicht in die Notwendigkeit einer Reichsorganisation und es sollen
deshalb demnächst Statutenänderungen beraten werden.
Die Aerzteordnung — eine Vorlage mit 78 Paragraphen — ist im Ver¬
laufe von etwa 20 Jahren mannigfach bearbeitet und besprochen worden. 1 1
einer allgemeinen, mit grosser Aufmachung angekündigten und abgehalteneu
Aerzteversammlung im Mai v. J. wurden an die Regierung mehrere For¬
derungen nachdrücklichst gestellt und eine Zusicherung an einen Termin ge¬
bunden. Die erste Forderung war die Beratung der Aerzteordnung im
Nationalrate. Noch vor Ablauf des Termines — Ende Juni — erhielt die
Aerzteschaft die offizielle Zusage ihrer Wünsche. Im 1. Paragraph fordert
die Aerzteordnung, dass der promovierte Doktor, ehe er zur Praxis zuge¬
lassen werde, sich 1 — 2 Jahre an einem Spitale praktisch ausbilde. Die Ver¬
treter der Fakultäten des Bundesstaates erklärten übereinstimmend mit allen
anderen Mitgliedern der Enquete, dass praktische Ausbildung erforderlich
sei. aber sie waren gegen die Aufnahme dieser Forderung in die Aerzte¬
ordnung, weil das der in Geltung befindlichen Rigorosenordnung widerspreche
und nicht vor Erlass einer neuen Studienordnung geregelt werden könne.
Sie machten keinen Vorschlag, verwiesen auf die schlechten Erfahrungen, die
man im Deutschen Reiche mit dem praktischen Jahre gemacht habe, und auf
Bemühungen um eine neue Studienordnung zu erreichen. Die Reichs¬
organisation forderte einmütig eine 2 jährige praktische Ausbildung, um der
masslosen Zunahme der Aerzte — • im September und Oktober in Wien
fast 200 — einen Damm entgegenzusetzen.
Die Bemühungen, einen Numerus clausus bei der Aufnahme 'zum medi¬
zinischen Studium zu setzen, oder durch 2 Jahre jede Immatrikulation von
Medizinern zu sperren — Bemühungen, die von einzelnen Mitgliedern des
Wiener mödiz. Professorenkoliegiums sowie von der Organisation aus¬
gingen — , stiessen bei den Professorenkollegien auf heftigen Widerstand.
Die bedenkliche Abnahme der Studienleichen hat aber doch eine Art Numerus
clausus insoferne geschaffen, als die Anatomen Wiens die Einschreibung in
ihre Vorlesung auf etwa 300 einschränken.
Die Ueberwertung demokratischer Grundsätze veranlasste die Regierung,
uns bei Wahl der Aerztekammer das Verhältniswahlrecht aufzunötigen. Wir
mussten uns dagegen heftig wehren und darauf hinweisen, dass eine
Gruppierung der Aerzteschaft zwecks Aufstellung von Wahllisten undurch¬
führbar ist, es sei denn, dass man die politische Parteiung in unsere Standes¬
vertretung gewaltsam hineintragen wolle. Eine Gruppierung nach fachlichen
Unterschieden ist untunlich, weil eine scharfe Trennung zwischen Fachärzten
und praktischen Aerzten. Kassenärzten und solchen die es nicht sind, nicht
besteht. Eine politische Trennung haben wir bisher sorgfältig und erfolgreich
zu vermeiden gesucht und wollen das so weiter halten. Die Standes¬
vertretung hat mit Politik nichts zu tun und kam bisher gut mit dem einfachen
Majoritätsprinzipe aus.
Der Entwurf der Aerzteordnung erhöht die disziplinäre Gewalt der
Kujonier bis zur dauernden Entziehung der Praxisberechtigung. Von den
Krankenkassenangehörigen (nicht ärztlichen Mitgliedern) sowie von \
Regierungsvertretern wurde starker Einspruch erhoben. Es scheint
wahrscheinlich, dass die Aerztekammer, ähnlich der Kammer der Rel
anwälte, mit dieser Disziplinargewalt ausgestattet werden dürfte. Beji«
licherweise wandten sich die Delegierten der Krankenkassen heftig £
jenen Paragraphen der Aerzteordnung, der die Vorlage von Verträgen foi
Die sog. Zahlstockfrage setzt die ärztlichen Kreise wiedc
starke Erregung. Schon seit mehr als 20 Jahren wird immer wiedei
Forderung ausgesprochen, dass die Kranken der 2. und 1. Verpflegskiass
die ärztliche Behandlung dem Primarärzte eine Gebühr entrichten si
Beim Bau der geburtshilflichen Kliniken und der neuen Klinik für ii
Krankheiten errichtete man zahlreiche Einzelzimmer und kleine Zimmer,
dem kurz darauf errichteten Jubiläumsspitale (1908) wurde ein Mittels
Sanatorium geplant. Aber die Organisation der Aerzte vereitelte diese F
Nur wenige dieser Zimmer wurden zu Klassenzimmern benützt und 0
tionsgebühren durften nicht eingehoben werden. Man sah zwar ein,^
der erfreute Dritte das Publikum ist, dass eine grosse zahlungsfähige O
schaftsschichte oft auch gegen ihren Willen Gratishilfe erhält, doch fürc
man, dass die Tätigkeit des praktischen Arztes zu schwer leiden d
wenn die Zahlstöcke und zwar vor allem die der inneren und gebürt
liehen Kliniken zahlungskräftige Gesellschaftsschichten an sich re
würden. Da die Stimmung in den Kreisen der Primarärzte auch geteilt
stagnierte die Lösung dieser Frage durch Jahre, während sich in den Spit
des Landes die Bezahlung am Wege des privaten Uebereinkommens zwi:
Krankenanstaltenerhalter und Primararzt allerorten einbürgerte. Das
so vor sich, dass der Erhalter der Anstalt 30—70 Proz. vom Operat
honorare (die Spitäler des Landes haben fast nur Chirurgen angestellt
sich zurückbehielt. Im Juli 1920 kam das Krankenanstaltengei
heraus. Es ist ein Bundesgesetz und bestimmt, dass auf den höheren Kl
für die Vornahme von Operationen und „sonstigen aussergewöhnlichen
richtungen. die für die Behandlung oder zu diagnostischen Zwecken erfo
lieh sind“, besondere Gebühren eingehoben werden können. Alles Wt
ist einer Vollzugsanweisung Vorbehalten. Obwohl sich die Landesregii
hiezu für befugt hielt und niemand das bestritt, kam diese Vollzugsanwe
bis jetzt nicht. Immer entstehen neue Bedenken, zumal die Angelegt
von gänzlich Unkundigen immer neu verwirrt wird. Die Verhältnisse 1
sich inzwischen in den Krankenanstalten zu einem Chaos gestaltet.
Sanatorium muss heute der Kranke eine tägliche Verpflegsgebühr
15 000 K. zahlen und dazu kommen noch erhebliche Nebengebühren füi
nützung des Operationssaales, Beheizung. Verbandzeug usw.; in der ö
liehen Krankenanstalt sind die Verpflegsgebühren 1200 Kr. auf der 2. K
2400 Kr. auf der 1. Klasse. Die Wohlhabenden des Mittelstandes sind
armt oder verschwunden, die neuen Wohlhabenden suchen auch heute
gern das Spital auf. Nachdem die Aerztekammer ausgesprochen hat,
dem Hausarzte für seine Mitwirkung bei der Spitalsbehandlung seines Kr;
eine Gebühr zukommt, die gleich ist dem 5. Teile jener, die der Primr
erhält und die Vollzugsanweisung diesem Wunsche Rechnung tragen
haben sich die praktischen Aerzte einigermasseti beruhigt. Die Angs
dem ungewissen Erfolge in der Durchführung und die schlechten Erfahrt!
die die Aerzte mit neuen Einrichtungen zu machen gewöhnt sind, lässt
immer noch keine volle Beruhigung einziehen, doch fehlt es durchai
wohl definierten und begründeten Gegenvorschlägen. Die Fachärzte 1
sich in überwiegender Mehrheit für die Bezahlung der ärztlichen Tat
durch Zahlungsfähige auch in den Spitälern ausgesprochen. Nur die Gel
helfer fürchten Benachteiligung, falls in den öffentlichen Spitälern Gebä
aufgenommen werden sollten. Das Gremium der Primarärzte verscl
sich dem nicht und beschloss, keine Gebärenden am Zahlstocke aufnehm
wollen. Da die Zahl der Mittelstandssanatorien so klein ist, dass
200 Kranke in ihnen untergebracht werden können, fällt eine grosse Be\
rungsschichte — insbesondere die ländliche Bevölkerung vor allei
den Verdienst der Fachärzte — aus. Die Durchführungsordnung, die nt
Landesregierung plant, will nebenbei den Krankenanstaltenerhaltern h
indem sie zu dem Behandlungshonorar des Primararztes einen 40 proz
schlag macht und beides zusammen als Personalaufwand einhebt.
Krankenanstaltenfonds kann das nur wenig nützen. Diese Einrichtun:
steht heute nur noch aus einer Schuld, die weit über eine Milliarde be
Die Aktiven sind die Spitäler, schon seit Jahren stark mit Hypotheke
lastet und Einnahmequellen aus Verlassenschaften und Steuerzuschlägei
sehr unregelmässig einkommen. Für das Defizit kommen Staat, Lam
Krankenanstaltenerhalter auf. Die Verpflegsgebühren werden von
Landesregierung vorgeschricben. Schon in den letzten Friedensjahren ]
sie unter dem Selbstkostenpreise. Den Krankenkassen wird ein T ei
Verpflegsgebühren zuriiekerstattet und von Pfründnern erhielt der Fond
die Pfründe. Das Krankenanstaltengesetz hat ihm nun über diese
geholfen, denn früher musste er allein den Fehlbetrag tragen. Mit
Verfalle unserer Währung steigert sich das Missverhältnis zwischen S
kostenpreis und den von der Landesregierung festgesetzten Verpflt
bühren immer mehr. Die Erhöhung der Verpflegsgebühren hinkte de
nehmenden Teuerung weit nach und wurde niemals in der Höhi
Selbstkosten festgesetzt. Zur Zeit sind die Gebühren 600. 1200
2400 Kr. je nach der Verpflegskiasse. Der Selbstkostenpreis betrug
Ende Dezember auf der 3. Klasse 3000 Kr. So schenkt dieser tief'
■schuldete Fonds und Staat, sowie Land, jedem Kranken, ohne dass er <|
ersucht, ohne dass er davon weiss, täglich eine ansehnliche( Summe
Paradoxon, das nur unter politischen und bureaukratischen Einflüssen zu-
kommen kann. Die Not macht sich aber schon schwer fühlbar und di<
lnöglichkeit. Wäsche nachzuschaffen, führt schon zur Sperrung ein1
Krankenzimmer. __
Infolge des ununterbrochen sinkenden Geldwertes^ waren die R 1
lierungen der ärztlichen Tarife an der Tagesordnung uj
den Bezirkssektionen, sowie im Ausschüsse der Organisation, im Ver
der Fachärzte wurde fortwährend beraten. Nunmehr hat sich folgender
gang ansgebildet und bisher auch bewährt. In der Organisation der 4
Wiens wird ein Multiplikator festgesetzt und zwar je nact
Geldentwertung und unter Berücksichtigung der vom staatlichen, Statist
Amte ausgegebenen Indexziffer. In den monatlich erscheinenden Mitten
der Organisation wird der Multiplikator veröffentlicht und jeder Ar/
das Honotar, das er im letzten Friedensjahre verlangte, mit diesem
plikator zu multiplizieren und in Rechnung zu stellen. Der erst
November \iusgegebene Multiplikator war 150, jetzt stehen wir bei 2,
gewiss die niedrigste Ziffer, mit der Friedenspreise multipliziert werden.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
215
: unentbehrlichsten Nahrungsmittel und Kleidungsstücke sind auf das
usendfache und darüber gestiegen.
In der letzten Januarsitzung der Gesellschaft der Aerzte berichtete
ser Professor der gerichtlichen Medizin, Prof. Haberd a, über den
zt liehen Teil des neuen Strafgesetzentwurfes und
•glich ihn mit dem des Deutschen Reiches. Die Vorteile der Abänderungen
d für den ärztlichen Stand nicht gross. Der Kurpfuschereiparagraph wird
•schärft. Nicht nur gewerbsmässiger Betrieb, sondern auch wiederholte
rgehungen dieser Art, sind schon strafwürdig. Sehr bedenklich ist dagegen
Fassung eines anderen Paragraphen, die den Arzt auch dann unter Au¬
ge stellt, wenn durch seine Massnahmen für den Kranken ein Nachteil hätte
stehen können. Das ist für uns eine erhebliche Verschlechterung, da
;h dem bestehenden Gesetze ein Arzt wegen Kunstfehlers nur belangt
rden kann, wenn dem Kranken durch Begehung oder Versäumnis der Tod
;r ein schwerer, dauernder körperlicher Schaden erwuchs. Es wird sich
hl noch Gelegenheit finden, darüber mehr zu berichten, da sich die ärzt-
len Körperschaften erst jetzt mit dem neuen Entwürfe werden beschäftigen
men.
Vereins- und Kongressberichte.
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 14. November 1921.
ersitzender: Herr P ä s s 1 e r. Schriftführer: i. V. Herr Forstmann.
Herr Hans Lehmann: Vorstellung von 3 fast mannskopfgrossen
noren, die von einer 53 jährigen Frau stammen. Der linke, durchblutete,
dische Ovarialtumor zeigte einfache Stieldrehung, der rechte, zwei
nmern mit serösem Inhalt, ist 2 mal gedreht. An ihm hängt eine ebenso-
sse Parovarialzyste. Die 3 Tumoren füllen den Bauchraum und das kleine
;ken aus, trotzdem hat die Kranke bis kurz vor der Operation keine Be¬
wenden gehabt. «
Herr Schmorl: Pathologisch-anatomische Demonstrationen.
1. Paraffingranulome: Sie stammen von einer 38 Jahre alten Frau, die
l im Jahre 1909 Paraffin — ob Hart- oder Weichparaffin war nicht mehr
zustellen — in die Maminae hatte einspritzen lassen. Schon nach 14 Jahre
merzen, doch wurde die Entfernung des Paraffins verweigert, bis schliess-
im Jahre 1919 so heftige Beschwerden eintraten, dass die Absetzung der
mmae vorgenommen werden musste. Der histologische Befund deckte sich
wesentlichen mit dem, wie er schon öfters bei Parafiingranulomen er-
en worden ist (Granulationsgewebe mit zahlreichen Riesenzellen).
Monate später starb die Frau an einem Gallenblasenleiden. Es war so die
glichkeit gegeben, das zurückgebliebene Gewebe der Mamma und die
ionären Lymphknoten zu untersuchen. In letzteren sowie in den zu¬
enden Lymphgefässen fand sich eine chronische indurierende Entzündung.
' Lymphdrüsengewebe war verödet und von zahlreichen grösseren und
neren paraffinhaltigen Hohlräumen durchsetzt. In anderen stark ver-
sserten Lymphknoten fanden sich bei gut erhaltenem Parenchym zahlreiche
ssere und kleinere Parafiintropfen sowohl in den Lytnphsinus als auch im
k, die kleinsten in Riesenzellen eingeschlossen, das Parenchym sehr zell-
h, hyperplastisch. Die zufuhrenden Lymphgefässe mit Paraffin gefüllt, ihr
othel teilweise stark gewuchert. Bei dem durch Operation entfernten
nmagewebe waren abgesehen von entzündlichen Vorgängen am Drüsen-
ebe keine Veränderungen nachweisbar; anders bei dem bei der Sektion
onnenen Mammagewebe, hier fanden sich beiderseits ausgedehnte
cherungen an den Drüsenepithelien in Form papillärer Erhebungen unter
i Bilde des intrakanalikulären Papilloms, auch atypische Epithel- und
senwucherungen, Durchbruch der Membrana propria der Drüsengänge und
einigen Stellen ein typisches szirrhöses Karzinom, das in einem axillaren
rphknoten eine Metastase gemacht hatte. Herr S. hält es für nicht unwahr-
jinlich, dass die karzinomatöse Entartung der Mamma unter der Ein-
*ung des Paraffins, das ja 10 Jahre in der Mamma verweilt hatte, ent-
den ist. - — Hinweis auf den Paraffinkrebs der Paraffinarbeiter.
Im Anschluss hieran demonstriert Herr S. ein Oesophaguskarzinom, das
genau an der Stelle entwickelt hatte, wo ein gestieltes Lipom auf der
eimhaut gescheuert hatte, eine feinpapilläre Wucherung der Magenschleim-
: an der kleinen Kurvatur des Magens, die sich pyloruswärts von einem
gestielten Magenpolypen entwickelt hatte.
2. Demonstration von 2 Fällen von tumorähnlicher Lymphogranulomatose
Brustorgane, insbesondere der Lungen bei geringfügiger Veränderung der
ilymphknoten. In dem einen Falle Auftreten umschriebener Geschwülst¬
en in der Lunge, die ausserordentlich ähnlich waren. In beiden Fällen
vuehern in die Vena cava superior mit Verschluss der Lichtung. In den
astasenähnlichen Knoten der Lunge fanden sich atypische Epithel-
lierungen, ob von den Alveolarepithelien oder von den Bronchialepithelien
:chend war nicht mit Sicherheit festzustellen. In dem einen Falle waren
ledehnte lymphogranulomatöse Herde im ganzen Skelett vorhanden, die
ifalls demonstriert werden. Hinweis auf die Zunahme der Lympho-
lulomatose in den letzten Jahren, die auch in Dresden ebenso wie in
in (L u b a r s c h) und Breslau (Henke) zu bemerken ist. In manchen
en kann es auch ohne Bestrahlung zu lokalen Abheilungen kommen,
r S. hat ebenso wie E. Fraenkel solche Abheilungsvorgänge in Leber-
en und in Knochenmarksherden beobachtet.
3. Demonstration von Schussverletzungen der Aorta.
Aussprache: Herr F. H a e n e 1: Die Paraffininjektion in das Gewebe
■'ein empfehlenswertes Verfahren. Es scheint glücklicherweise im allge-
len verlassen zu sein.
Vereinzelten Dauererfolgen, die sich meist auf Fälle beziehen, in denen
nge Mengen Paraffin injiziert wurden, stehen zahlreiche Fälle gegenüber,
enen das Ergebnis infolge von Verschleppung. Senkung, Ausstossung von
en der Injektionsmasse ein nur vorübergehendes war oder in denen nach
undung, Eiterung, Fistelbildung lästige und gefährliche Zustände hervor-
’fen wurden.
Redner hat vor etwa 20 Jahren die Methode an 2 Fällen von Sattelnase
gutem Anfangserfolg angewandt, hat sie aber wieder aufgegeben, da bei
m Fall nach 1)4 Jahren ein Rezidiv sich entwickelte.
In dein vom Herrn Vortragenden untersuchten Fall hatte bald nach der
rwärts vorgenommenen Injektion von Paraffin in beide Mammae eine über
10 Jahre sich hinziehende Leidenszeit begonnen, die schliesslich doch mit der
anfänglich verweigerten beiderseitigen Mammaamputation endete. Der 1 Jahr
später erfolgte Tod der Kranken stand mit der Mammaerkrankung nicht im
Zusammenhang.
In einem anderen Fall war von einem Kollegen zur Heilung eines Nabel¬
bruches bei einem 9 jährigen Knaben Paraffin rings um die Bruchpforte injiziert
worden. Nach 7 Jahren kam es infolge Durchtrittes des Paraffins in die
Bauchhöhle zu einer fortschreitenden eitrigen Peritonitis, der der Kranke erlag.
Herr J o e s t : Das Vorkommen von Lymphogranulomatose
ist bei Tieren bis jetzt nicht festgestellt.
Herr G e i p e 1 erwähnt einen ähnlichen Fall von Lymphogranu¬
lomatose der Lungen bei einer 35 jährigen Frau mit Erkrankung der
Hals-, vorderen Mediastinal-, zervikalen und axillaren Lymphdrüsen. In der
Lunge schwielig-pneutnonische Herde, einzelne keilförmig von grünlich-grauer
Farbe, daneben tuberkelähnliche Herde nach Art einer Lymphangitis tuber-
culosa. Eruption von Knötchen auf Pleura, Verwachsung beider Blätter mit¬
einander, rechtsseitige exsudative Pleuritis, fibrinöse Perikarditis.
Bei der mikroskopischen Untersuchung ein charakteristisches
Gewebe mit Schwielen, zwischen den einzelnen Knoten drüsige Gänge
von rundlicher und spaltähnlicher Form wie in der Beobachtung von Herrn
Sch m o r 1. Die Gänge liegen tangential zu den Knoten, sind mit hohem
kubischen Epithel ausgekleidet ähnlich wie bei der zirrhotischen Phthise und
verdanken ihre Entstehung der Verlegung der zuführenden Luftwege infolge
Einwachsens des granulomatösen Gewebes in Alveolen und Bronchiolen.
Freiliegende Knorpelinseln inmitten des Granuloms. Die Gänge fehlen zumeist
in der Umgebung der kleineren an freies Lungengewebe stossenden Knötchen.
Das elastische Gewebe der Alveolen ist grösstenteils zerstört, Eindringen der
Granulationen in Gefässe, daneben obliterierende Endarteriitis und Endo-
phlebitis. Verfettung nur am Rande der Knoten, im Bereiche des erhaltenen
Lungengewebes, in den Alveolarwänden reichliche Fettanhäufung von doppel¬
brechendem Fett. Untersuchung auf Granula fruchtlos wie zumeist. Milz
490 g schwer, Siderosis um die einzelnen Knoten. Besprechung der Diffe¬
rentialdiagnose gegenüber der Tuberkulose.
Herr Rudolf Panse hat öfters Parafiineinspritzungen wegen Sattelnase
vorgenommen, seit Bekanntwerden von Embolien der A. centralis retinae nur
mit Hartparaffin mittels Schraubspritze. Er hat keine Klagen gehört und
sieht den guten Erfolg öfters an einem Herrn, den er vor 10 — 15 Jahren ein¬
gespritzt hat.
Herr Pässler: Klinisch wird die Granulomatose nicht immer zuerst
durch Drüsenschwellungen manifest, was für die Diagnose besonders
wichtig ist. Als erstes Zeichen kann z. B. ein pleuritisches Exsudat auftreten,
dass sich dann nicht selten durch besonders reichlichen Fibringehalt aus¬
zeichnet. Zu erinnern ist auch an das bei Granulomatose häufig auftretende
quälende Hautjucken, welches zu zahlreichen Kratzeffekten führen und die
Diagnose klären helfen kann. Der Auffassung der Granulomatose widerspricht
in gewissem Sinne die ausgesprochene Bösartigkeit der Erkrankung, die ja be¬
kanntlich fast immer unaufhaltsam zum Tode führt.
Herr Schmorl: Schlusswort.
Herr F. Schanz: Die physikalischen Vorgänge bei der optischen
Sensibilisation und beim Sehakt.
In der M.m.W. 1921 Nr. 43 hat Schanz eine neue Theorie des Sehens
aufgestellt. Bis jetzt wurden die Zapfen und Stäbchen als die lichtempfind¬
lichen Elemente der Netzhaut angesehen. Das kann nicht zutreffen. Das
Licht kann nur da wirksam werden, wo es absorbiert wird. Die Stäbchen
und Zapfen sind nicht imstande, das sichtbare Licht gleichmässig zu absor¬
bieren. Absorbiert wird es aber vor dem Pigmentepithel der Netzhaut. Wir
sind berechtigt, anzunehmen, dass aus diesem Pigment, ebenso wie aus den
zahlreichen Pigmenten, die daraufhin untersucht worden sind, durch das
Licht Elektronen herausgeschleudert werden. Die Zapfen und Stäbchen der
Netzhaut sind die Antennen, welche diese Elektronen auffangen und zum
Zentralorgan weiterleiten. Dem Licht verschiedener Wellenlänge entsprechen
Elektronen verschiedener Geschwindigkeit.
Wie lässt sich an der Hand dieser Theorie das Sehen der Farben er¬
klären? Dem Licht verschiedener Wellenlänge entsprechen Elektronen ver¬
schiedener Geschwindigkeit. So entsteht die Wahrnehmung der reinen Farben,
wie wir sie im Spektrum sehen. In der Natur sehen wir fast nie reine
Farben. Unsere Umwelt erscheint uns in Farbengemischen und es gibt zahl¬
reiche Farbengemische, die unser Auge nicht von den reinen Spektralfarben
zu unterscheiden vermag. Das Ohr ist imstande, Tongemische aufzulösen,
dem Auge fehlt die Fähigkeit, Farbengemische zu analysieren.
Wenn Farbengemische auf unser Auge wirken, so werden gleichzeitig
Elektronen verschiedener Geschwindigkeiten aus dem Pigmentepithel heraus¬
geschleudert. Solche Farbengemische können im Zentralorgan denselben Ein¬
druck erzeugen wie die reinen Farben, die von Elektronen einer Ge¬
schwindigkeit ausgelöst werden. Zur Erklärung dieser Erscheinung müssen
wir annehmen, dass die Elektronen auf der Bahn zum Zentralorgan sich in
ihrer Geschwindigkeit gegenseitig beeinflussen, die schnelleren werden die
langsameren beschleunigen, die langsameren werden die schnelleren hemmen.
Gelangen sie zum Zentralorgan, so werden sie eine Geschwindigkeit haben, die
zwischen den Ausgangsgeschwindigkeiten liegt. Sie veranlassen eine Farben¬
wahrnehmung, wie sie die Strahlen erzeugen, welche die Elektronen mit der
Geschwindigkeit, die jene am Ende ihrer Bahn erreichen, direkt aus dem
Pigmentepithel herausschleudern. Das Farbengemisch und diese Spektral¬
farbe erzeugen entsprechend der Geschwindigkeit, mit der die Elektronen auf
das Zentralorgan treffen, die gleiche Wahrnehmung. Das Auge ist nicht im¬
stande, die beiden Eindrücke zu unterscheiden. Um ein Beispiel herauszu-
greif,en: Elektronen, die von Strahlen von X 400 uu, und solche, die von
Strahlen X 500 u.u herausgeschleudert werden, können, wenn sie das Zentral¬
organ erreichen, eine Geschwindigkeit haben, wie sie den Strahlen von
X 450 uu entspricht. Das Strahlengemisch von X 400 und 500 uu erzeugt
dann eine Farbenempfindung, wie sie von den Strahlen von 450 uu ver¬
anlasst wird *). Wir besitzen keine Theorie, die auf so einfache Weise diese
Eigentümlichkeit der Farbenwahrnehmung erklärt.
Wie entsteht die Wahrnehmung von Weiss? Wie eben
ausgeführt, können Strahlen von X 400 und 500 uu dieselbe Farbenwahr-
riehmung erzeugen wie die Strahlen von X 450 uu ■ Mischt man aber Strahlen
von X 400 und 600 uu, so wird ein völliger Ausgleich der Geschwindig-
') Die abgerundeten Zahlen sind zum leichteren Verständnis willkürlich
gewählt.
216
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Nr.
keilen der Elektronen auf dem Weg bis zum Zentralorgan nicht erfolgen. . Die
Elektronen treffen das Zentralorgan noch mit verschiedenen Geschwm g
keilen, sie sind daher nicht imstande, den Eindruck. /^alf Wdss
färbe zu erzeugen Wir empfinden einen solchen Lichteindruck als weiss.
Mischen wir in gleicher Weise Strahlen von /. 600 und 700 uu, so werden
sich die Geschwindigkeiten der Elektronen bis zum Zentralorgan Ausgleichen
wir werden wieder den Eindruck einer Spektralfarbe haben die in der
Mitte zwischen den erregenden Lichtstrahlen liegt. Bei einem Gemisch de.r
Strahlen von \ 600 und 800 UU wird wieder auf dem Wege bis > zum Ze ntral-
organ ein Ausgleich der Geschwindigkeiten nicht möglich sein. Die Elek
tronen treffen auch hier mit verschiedenen Geschwindigkeiten aufdasZentra1-
organ und erzeugen dort denselben Eindruck wie das Strahlengemisch
1 400 und 600 uu\ die Differenzen in der Geschwindigkeit der Elektronen
sind dieselben, es entsteht dieselbe Erregung, wir emp inden sie als wmss.
Wenn wir die Strahlen des gesamten Spektrums mischen, so dies® ®
Wahrnehmung entstehen. Wir hätten hier die Erklärung für die Entstehung
der Komplementärfarben und die Erklärung, wie durch Mischung der ge¬
samten Spektralfarben die Wahrnehmung von Weiss entsteht.
In der Lehre von der Wahrnehmung der Farben stehen sich zwei
Theorien unvermittelt gegenüber, die Theorie von H e 1 m h o 1 1 z und die
von Hering. Von der Tatsache ausgehend, dass jede Farbenempundung
auf drei Grundfarben zurückgeführt werden kann, wird von H e l rah o l 1 z
angenommen, dass drei Nervengruppen für die Qru"de.r"Pfl"durnkRpe" ?e™h’
Violett in der Netzhaut vorhanden sind, die ie nach der Starke ihrer glei h
zeitig auftretenden Reizung die Farbenempfindung vermitteln Der Nach¬
weis der verschiedenen Nervengruppen in der Netzhaut lasst aber auch heute
noch auf sich warten. Hering nimmt drei Substanzen an, durch deren
Veränderung die Grundemp'indungen ausgelöst werden sollen, und zwar soll
beim Aufbau (Assimilation) eine Empfindung erregt werden, die zu der beim
Abbau (Dissimilation) auftretenden komplementär ist. Auch diese Seh¬
substanzen haben sich bisher nicht feststellen lassen. Der Sehpurpur findet
sich nur in den Stäbchen, er ist nicht identisch mit einer der Sehsubstanzen,
wie sie die Hering sehe Theorie erfordert. Neuerdings ist eine Theorie
noch von Koeppe aufgestellt worden, sie scheint bereits widerlegt. Keine
dieser Theorien vermag eine so einfache Erklärung des Farbensehens zu geben,
wie ich dies gezeigt. , , . , ....
Zur Stütze seiner Theorie möchte Schanz noch folgendes anfuhren.
Jetzt fehlt uns eine Erklärung für das Purkinje sehe Phänomen. Dieses
besteht darin, dass bei herabgesetzter Beleuchtung für unser Auge zuerst
die roten Farben, zuletzt die violetten unsichtbar werden. Wenn ein rotes und
ein blaues Papier bei Tage gleich hell aussehen, so erscheint uns bei Einbruch
der Dämmerung das blaue heller als das rote. Dieses Phänomen können
wir beobachten an Gemälden, auch da schwinden in der Dämmerung die roten
Farben zuerst, die blauen bleiben am längsten. Diese Erscheinung findet eine
anschauliche Erklärung aus obiger Theorie. Die Elektronen, die das rote
Licht aus dem Pigmentepithel herausschleudert, haben eine geringere Ge¬
schwindigkeit oder, was dasselbe ist. eine geringere Energie als die Elektronen,
die vom blauen Licht herausgeschleudert werden. Bei herabgesetzter Be¬
leuchtung vermögen die ersteren keine Erregung mehr auszulosen, wahrend
die letzteren noch wirksam werden. ,
Bei herabgesetzter Beleuchtung sehen wir auch, dass die Netzhautimtte
schlechter sieht als-ihre Umgebung. Man hat zur Erklärung dieses Phänomens
angenommen, dass die Stäbchen, die in der Netzhautmitte fehlen und erst
in der Umgebung der Netzhautmitte auftreten, länger erregbar bleiben, als
die Zapfen 'und hat darauf die Theorie von der ..Doppelnetzhaut“ begründet,
v. Hess hat gezeigt, dass diese Trennung des Stäbchen- und Zapfensehens
nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, dadurch, dass er nachwies, dass bei
der Hemeralopie auch die Zapfen in gleichem Sinne Veränderungen erleiden,
wie die Stäbchen. Meine Theorie erklärt auch diese Erscheinung. In der
Netzhautmitte findet sich in dem Netzhautgewebe ein gelbes Pigment, man
bezeichnet deshalb die Netzhautmitte auch als gelben Fleck. Dieser Farbstoff
absorbiert aus dem einfallenden Licht blaue und violette Strahlen. Bei herab¬
gesetzter Beleuchtung macht sich dies bemerkbar. Es vermögen dann blaue
und violette Strahlen nicht mehr zum Pigmentepithel zu gelangen; sie ver¬
mögen dort keine Elektronen mehr herauszuschleudern, während in der Um¬
gebung des gelben Fleckes ihnen dies noch gelingt.
Wie verhält es sich nun mit der Farbenwahrnehmung in der Netzhaut¬
peripherie? Wir wissen, dass sich die Farbenempfindlichkeit der Netzhaut
nach der Peripherie hin ändert. Wir prüfen häufig die farbigen Gesichts¬
felder. Wir verwenden dazu meist nicht Spektralfarben, sondern Farben¬
gemische, Pigmente. Diese reichen nicht aus, um uns über die Farben¬
empfindung der Netzhautperipherie ein rechtes Urteil zu geben. Es hält
schwer, Spektralfarben mit gleicher und hoher Helligkeit für solche Prü¬
fungen herzustellen. Man hat in allerneuester Zeit wieder an den Ab¬
grenzungen der farbigen Gesichtsfelder, wie wir sie in der Praxis vornehmen,
Kritik geübt. Es wäre zu prüfen, ob nicht auch da die Abgrenzung der
verschiedenen Erregungen zusammenhängt mit der verschiedenen Energie der
Elektronen, die das Licht aus dem Pigmentepithel herausschleudert. Das
engste Gesichtsfeld hat das Rot, das grösste das Blau. Wenn vielfach das
Gesichtsfeld für Grün als das engste angegeben wird, so liegt dies daran,
dass bei den Pigmentplättchen, mit denen die farbigen Gesichtsfelder aufge¬
nommen werden, die grünen eine wesentlich geringere Helligkeit haben als
die roten. Aubert hat schon vermutet, dass die Farbenperzeption auf der
ganzen Netzhaut, wenn auch in verschiedenem Grade, statthat, und Landolt
hat dies experimentell dadurch erwiesen, dass er mit direktem Sonnenlicht
die gefärbten Papiere belichtete, die er bei solchen Prüfungen angewandt.
Bei vielen Menschen sehen wir Störungen des Farbensinnes. Bei den
einen sind dieselben angeboren, bei den anderen entstehen sie im Anschluss
an Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven. Bei den angeborenen
Störungen müssten wir annehmen, dass das Pigment im Pigmentepithel nicht
absolut schwarz ist, dass Strahlen gewisser Wellenlänge von ihm nicht
absorbiert werden. Für die Farbensinnstörungen, die im Verlauf von Krank¬
heiten auftreten, müssten wir annehmen, dass auf der Bahn vom Pigment¬
epithel zum Zentralorgan Hemmungen in der Leitung auftreten, die zuerst
die Elektronen aufhalten, welche die geringste Energie besitzen. Das scheint
in der Tat der Fall. Die roten Farben schwinden in solchen Fällen zuerst.
Mit diesen Darlegungen glaubt Schanz gezeigt zu haben, dass sich
auch die Vorgänge beim Sehen der Farben ohne jede vitalistische Hypothese,
wie sie die Theorien von H e 1 m h o 1 1 z und Hering zur Voraussetzung
haben, auf bekannte Gesetze der Physik zurückführen lassen.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 5. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser.
Herr Flesch-Thebesius: Konservative Behandlung und Regei
rationsvorgänge bei der Tuberkulose der Knochen und Gelenke.
Die Frankfurter chirurgische Universitätsklinik steht nicht auf d<
Standpunkte einseitiger konservativer Behandlung der chirurgischen Tuh
kulose, vielmehr wird hier ein kombiniertes Verfahren ausgeubt, derart, d.
bei leicht erreichbaren isolierten Herden, beim Vorliegen schwerer Misi
infektion. vorgerückten Alters und zunehmender Allgememyerschlechterii
sowie gelegentlich aus sozialer Indikation operiert wird, stets aber die /
gemeinbehandlung im Vordergründe des therapeutischen Handelns steht. 1
Kindern sind Operationen grundsätzlich zu verwerfen. Auch wenn man
Erwachsenen aus einem der angeführten Gründe zu dl.eser greifen muss,
stellt die Operation wie jede lokale Massnahme nur ein Hilfsmittel der /
gemeinbehandlung dar und nicht umgekehrt. Denn die chirurgische Tu
kulose ist eine Erscheinungsform einer Allgemeinerkrankung, worauf all
schon die Tatsache hinweist, dass nach den auf der ruberkuloseabteilung i
genannten Klinik bei systematischer Untersuchung aller Kranken gemach
Erfahrungen mindestens 60 Proz. dieser Kranken gleichzeitig wahrnehmbi
tuberkulöse Herde in den Lungen haben. . ,.
Die an der chirurgischen Klinik geübte Allgemeinbehandlung entspricht
wesentlichen der von Bier und Kisch in Hohenlychen geübten, de
Grundelemente Heliotherapie, Stauung und Joddarreichung sind Hierzu t
die Voltfreiluftkur, wobei die Kranken durch systematische Gewohin
dahin gebracht werden, dass sie ohne Entbehrungsgefühl Tag und Nacht a
im Winter auf den Veranden liegen. Ein wesentliches Moment _be der ,
gemeinbehandlung stellt die Reiztherapie im weitesten Sinne dar msbesotfd
die Applikation von Reizen aller Art auf die Haut, welche als ein lmmi
satorisches Organ anzusehen ist, dessen Anregung auf jede Art verai
werden muss. Mehr wie jede andere Krankheit, welche den Chirurgen ang.
erfordert deshalb die Behandlung der Tuberkulose ein Individualisieren
es spielt hierbei ein gelÄcentlicher Wechsel der verschiedenen Arten der
gemeinbehandlung eine wichtige Rolle. Beispielsweise schlagt gelegentl cli
anfänglich günstige Wirkung des Sonnenlichtes ins Gegenteil um, dann n
die Quarzlampe, müssen Solbäder, Salzabreibungen Tuberkulinkuren, Ront?
bestrahlungen. Wärmeapplikationen, Reize aller Art heran, welche eine l
wälzung im Körper hervorzurufen geeignet sind. Der Körper langwei t .
gewissermassen häufig bei Applikation eines ständig gleicheenrteten Rei
und spricht dann nicht mehr auf ihn an. Daher die ge egentl.chen Heilun
mit allen möglichen Mitteln aus der Reihe derer, welche nach Wie ti
/wischen dem Sternbilde der Schildkröte und dem der Hohensonne stel
daher die gelegentlichen Erfolge mit Hautreizen aller Art: Thermokau
Ignipunktur, Baunscheidtismus u. dergl., auch das P e t r u s c h k y sehe
das P o n n d o r f sehe Verfahren gehören möglicherweise hierher Ei
wichtigen Indikator dafür, ob man mit der Art der Behandlung auf dem r
tigen Wege ist oder ob es Zeit hat, einen Wechsel eintreten zu Essen,
die Kontrolle des Körpergewichtes sowie gelegentlich die W e i s s s
Urobilinogenreaktion des Harns. ,
Hinsichtlich der künstlichen Lichtquellen muss anerkannt werden, <
sich sowohl mit Röntgenstrahlen als auch mit kurz- oder auch langwelli
Strahlen Erfolge erzielen lassen, so dass sich unwillkürlich der Gedanke
drängt, ob nicht eine gemeinsame Ursache diesen Erfolgen zugrunde hegt
Der Gipsverband ist bei den stationären Kranken der funktionellen Behänd!
gewichen, bei den ambulanten mit Erkrankungen der Wirbelsäule oder
Hüft- Knie- und Fussgelenkes kommt man nicht ohne ihn aus.
Vortragender demonstriert anschliessend an einer grösseren Reihe I
Lichtbildern die mittels des geschilderten Verfahrens zu erzielenden Erf
und Regenerationsvorgänge, welche grosse tuberkulöse Herde zum
schwinden und Sequester zur Resorption bringen.
Herr C u n o: Bronchialdriisentuberkulose der Kinder und ihre Behänd
(speziell P o n n d o r f sehe Kutanimpfune). . . .
Der Schwerpunkt des Kampfes gegen die Tuberkulose liegt in der
kämpfung der Kindertuberkulose, deren Ursache die kranke Umgebung (Die
personal) ist. Ihr Anfang ist die Erkrankung der regionären Drusen, beson*
der Bronchialdrüsen. In der Anamnese ist auf abendliches Fieber ohne sj
nachweisbare Ursache zu achten. Die Bedeutung der mit den Kewohnluj
Untersuchungsmethoden gewonnenen Resultate tritt zurück gegen das Pont
bild und die immunbiologischen Untersuchungsresultate (Pirquet
E s c h e r i c h sehe Stichreaktion). ,
Die Aussichten der Kindertuberkulose sind nur bei Milhartuberku
Meningitis und käsiger Pneumonie ungünstig. ,
Ihre Heilung wird herbeigeführt durch möglichste Steigerung der Abw
kräfte des Körpers (Mast- und Liegekuren, Sonnenbäder, Freiluftbehanai
Höhensonne, Solbäder), daneben spezifische Behandlung.
Seit 1912 hat Vortragender Tuberkulosekuren nach Petrusen
Devcke-Much sehe Partieene (MTbcR.) und seit Januar 1921 die Po
d o r f sehe Tuberkulinkutanimpfung angewandt. Bei all diesen spezitis
Kuren wurden neben guten Resultaten auch Versager beobachtet, trotz n,
monatiger Behandlung schliesslich Tod durch Meningitis.
Das P o n n d o r f sehe Impfverfahren wird näher geschildert und
Ergebnisse der Zusammenkunft der nach Po n n do rf behandelnden Aerz,
Weimar November 1921 besprochen. . ...
Für die Impfung eignen sich besonders: Tuberkulose der Hilusdiuseni
ginnende Spitzenkatarrhe, schrumpfende Lungenprozesse (nicht prolifenere
Haut-, Drüsen-, Weichteil- und Knochentuberkulose (besonders solche
Fisteln), Lupus ulcerosus, skrofulöse Erkrankungen der Lider. Konjunk
Utld AudTbei Mischinfektionen wird das Verfahren angewandt. Ausgezeic!
Erfolge bei Erysipel, günstige Beeinflussung von akutem und chroms
Gelenkrheumatismus und Arthritis deformans. v .
Wechselnde Erfolge bei Asthma bronchiale, glänzende Einwirkung au
Allgemeinbefinden bei Basedow. , . ,
Schädigungen durch die Impfung wurden nur in sehr kleiner Zam
achtet
Bei der Impfung ist der Hauptwert auf gründliche Einreibung des
Stoffes in die skarifizierte Haut zu legen. Die Impffelder sind stets zu wec
Keine neuen Impffelder anlegen, bevor die Reizung der früheren abge
IXCIIIC 1ICUCII llliRlltlU&l tuuvfevn, ° *
ist! Kranke mit stark positivem Pirquet sind zuerst mit verdünntem ltnr
( i vii itnnfpn An Hps früher angewandten Alttuberkulin wira
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
217
i reiner Tuberkulose Ponndorf-Hautimpfstoff A, bei Mischinfektionen Penn-
! f-Hautimpfstoff B verwendet (Sächsisches Serumwerk').
.
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 1. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Kaufmann. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr R i e c k e demonstriert eine 25 jährige Haustochter mit Syphilis
ijx.
Starke Abmagerung (80 Pfund), Anämie; WaR. H — 1 — I — t~; Nephritis. An
Haut des Gesichtes, Stammes und der Extremitäten ein reichliches
inthem, bestehend aus aggregierten grosspapulären Infiltraten, tubero-
ulären und serpiginösen Herden, ausgeprägten Rupiaformen, nieren-
nigen Ulzerationen, Psoriasis specifica palmaris et plantaris.
Herr H. Meyer: Zur Klinik der Duodenalstenose.
Die Symptome dieses in der deutschen Literatur wenig beachteten, in
ausländischen Literatur jedoch häufig beschriebenen Krankheitsbildes
;en sich vorwiegend vor dem Röntgenschirm: Pylorusinkontinenz, Dauer-
lang des Duodenums, peristaltische Kontraktion, Antiperistaltik ohne jeden
:kt, Residuum nach 6 Stunden, je nach Schwere des Krankheitsbildes. Die
chwerden sind dementsprechend: krampfartige Schmerzen kurz nach dem
en, Abmagerung, Erbrechen, häufiges Aufstossen. An Hand zweier Beob-
tungen in der chirurgischen Klinik wird auf die Aetiologie dieses Krank-
sbildes näher eingegangen. Beide Fälle sind laparotomiert. Eine Ursache |
die Stenosierung des Duodenums in der Höhe der Flexura duodeno- j
nalis liess sich nicht finden. Da Lagewechsel (Knie-Ellenbogenlage, Bauch-
3, rechte Seitenlage) die Beschwerden erheblich besserte, musste ein
i /egliches Hindernis in Höhe der Flexura duodenojejunalis angenommen *
|rden, das auf Grund der Beobachtungen beim arteriomesenterialen
adenalverschluss vom Vortragenden in der Radix mesenterii und in der
eria mes. sup. gesucht wird. Konservative Behandlung führt selten zum
I. Die Methode der Wahl ist die Anastomosierung zwischen oberem
inum und unterem Duodenum (Duodenojejunostomie).
Herr v. Gaza demonstriert ein junges Mädchen mit schwerer Wund-
htherie in einer anfangs aseptisch geheilten Operationswunde.
Die Operation war vor über 2 Monaten vorgenommen worden. Es hatte
i um Varizen (angiomatösen Charakters) gehandelt, deren Entfernung einen
gedehnten Längsschnitt am Ober- und Unterschenkel des linken Beines
jrderlich gemacht hatte. Die Wundheilung schien in den ersten zwei
chen ganz ungestört zu verlaufen. Dann kam es zu Hämatombildung unter
Haut. Ganz allmählich entwickelten sich sodann Ulzera im Verlauf der
be, so dass diese jetzt in fast ganzer Ausdehnung von etwa 50 cm Länge
:in tiefes, bis zu 7 cm breites Geschwür verwandelt ist. Der Wundgrund
:et ausserordentlich leicht, so dass die sonst in ihrem Allgemeinbefinden
wenig beeinträchtigte Kranke anämisch wurde. Gesunde Granulationen
lt man nirgends. Das Wundsekret ist schmierig-blutig, der Wundrand
t scharf ab, ist ohne jede Spur von Epithelneubildung. Die Haut am
ndrand sieht livide verfärbt aus, ist aber nur wenig geschwollen. Das
sse Ulcus blutet bei jedem Verbandwechsel so stark, dass nur Salben¬
bände in Frage kommen. Jede Behandlung mit den allerverschiedensten
teln hat bisher bei der Kranken versagt. Es soll der Versuch gemacht
rden, mit der künstlichen Höhensonne und event. mit sehr grossen Dosen
htherieantitoxin den fortschreitenden ulzerösen Zerfall aufzuhalten.
Nach dem ganzen Verlauf dürfte es sich um eine Frühinfektion der an
für sich aseptischen Operationswunde gehandelt haben. Es ist allerdings
ht von der Hand zu weisen, dass eine Superinfektion der Hämatome
Irrend der ambulanten Behandlung stattgefunden hatte. Als die Kranke
:deraufgenommen wurde, bestand sofort der Verdacht auf Diphtherie-
■ktion. Der bakteriologische Nachweis gelang bei der zweiten Unter-
hung.
Aussprache: Herr F. Göppert: Das Versagen der Serumtherapie
ganzen Gruppen von diphtherischen Prozessen ist eine der peinlichsten
ahrungen der letzten Jahrzehnte. Es steht sicher fest, dass das Diphtherie¬
in das wesentlichste Mittel ist, durch das der Diphtheriebazillus den
■per schädigt. Es steht ebenso fest, dass das Antitoxin das Gift un-
ädlich macht. Die Dosis Antitoxin, die wir zuführen, müsste zur Gift¬
dung genügen. So könnte es nur ein Zuspätkommen geben, aber ein Fort¬
reiten der Krankheit müsste unmöglich gemacht werden. Denkbar ist,
s bei gestörter Zirkulation in die Nähe der fortschreitenden Erkrankung
ht genügend Gegengift herangebracht wird. Das könnte z. B. bei der
iemdiphtherie des Pharynx gelten, schwerlich aber bei einer leicht
tenden Wunddiphtherie. Eine Aufklärung könnte sich aus der Beob-
tung von Behring ergeben, dass bei verschiedenen Tierarten, be-
drfrs bei Makaken, eni Vielfaches an Antitoxineinheiten, als der Gifteinheit
sprechen würde, notwendig ist, um für diese Tiere Toxin zu entgiften,
re das beim Menschen der Fall, so müsste an der Stelle des Giftes immer
sehr grosser Ueberschuss von Antitoxineinheiten vorhanden sein. Wir
ften dann die notwendige Menge Antiserum nicht nach ihrem absoluten
giftenden Wert schätzen, sondern nach der Konzentration, die das Gegen-
an jeder einzelnen Stelle des Körpers erlangen muss. Nun hat sich als
ksame Dose bei Nasendiphtherie und diphtherischer Nabelgangrän
■4000 Antitoxineinheiten herausgestellt, also etwa 1000 Antitoxineinheiten
Kilogramm -Körpergewicht. Das würde also für den Erwachsenen
-60 000 Antitoxineinheiten bedeuten. Nach den Versuchen an der mensch-
ipn. Haut scheint es fast, als ob diese sich mehr wie beim Meerschweinchen
wie beim Affen verhielte. Ueber das Verhalten der anderen Gewebe und
Blutes wissen wir jedoch nichts. Ausserdem wäre es durchaus möglich,
,s unter gewissen Krankheitszuständen oder Sensibilisierung des Körpers sich
zelne Menschen anders verhalten und dass bei diesen daher die üblichen
umdosen nicht dazu ausreichen, um an jeder Stelle und dauernd das Gift
Beschlag zu belegen. So wäre schliesslich nicht ausgeschlossen, dass bei
zelnen Menschen das Ziel mit unseren heutigen Mitteln überhaupt nicht
erreichen ist.
Herr Ehrenbere: Ueber Harneisen und Nierenfunktion. (Erscheint
Pflügers Archiv Bd. 193.)
« -
Aerztlicher Verein in Hamburg
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 31. Januar 1922.
Herr E n e e 1 m a n n zeigt 2 Oesophagusfremdkörper. Er betont gegen¬
über gegenteiligen Angaben, dass Gebisse und Knochenstücke bei genügender
Abblendung sehr wohl auf dem Röntgenschirm sichtbar werden und empfiehlt
Extraktion vor dem Schirm, widerrät dagegen Anwendung der Sonde.
Herr Fahr demonstriert einen weiteren Fall von Nebennierenrinden¬
atrophie bei Morb. Addison. Klinisch war trotz deutlicher Hautpigment¬
mehrung die Diagnose nicht gestellt worden, weil der Blutdruck zwischen
100 und 120 war (was auch in anderen Fällen beobachtet wurde). Histologisch
erwies sich das Nebennierenmark als normal, die Rinde wies nur sehr ge¬
ringe Mengen — z. T. Chromreaktion gebender — Epithelien auf, bestand
sonst nur aus reichlichen Zellinfiltraten, unter denen viele Plasmazellen. Der
Fall spricht aufs neue gegen die ausschlaggebende Bedeutung mangelnder
Adrenalinproduktion für die Addisonerscheinungen. Auch der einfache Weg¬
fall eines Hormons kann nicht in Frage kommen wegen Versagens der Sub¬
stitutionstherapie. F. denkt deshalb an toxische Wirkung der
Hormonmuttersubstanzen.
Herr Schott in üller zeigt in Kurven und Röntgenbildern 8 Fälle
von Lungenabszess, die er unter 106 G r i p p.e f ä 1 1 e n der letzten Epidemie
beobachtet hat. Sje zeichneten sich alle durch Benignität aus, indem
sie ausnahmslos ohne Operation heilten. Da im Sputum ausschliesslich
Pneumokokken gefunden wurden, diese aber keine Tendenz haben, Lungen¬
abszesse zu erzeugen, so denkt Vortr. an die Wirkung des seines Erachtens
noch unbekannten Grippevirus selbst.
Herr E. Fraenkel berichtet über eine sehr seltene Komplikation
eines Narbenkarbunkels mit Staphylokokkämie. Nach Abheilung desselben
traten spinale Erscheinungen auf, Paresen in allen 4 Extremitäten links und
rechts, Unbeweglichkeit der rechten Zwerchfellhälfte. Nur Rückenmarks¬
sektion. Diese Sektion ergab einen spondylitischen Prozess in
einem Halswirbel, der zu einer schweren entzündlichen Infil¬
tration der benachbarten Dura geführt hatte. Die dadurch bedingte Ver¬
dickung der Paohymeninx mit Vorwölbung in den Wirbelkanal hatte eine tiefe
Impression im Rückenmark herbeigeführt. Die Paresen erklären
sich durch Pyramidenbahnläsion, die Zwerchfellähmung durch Schädigung der
Zervikalwurzeln 3 — 5. Vortr. zeigt darauf Bilder von Spondylitis infectiosa
mit extraduraler Eiterung, von Spondylitis tuberculosa, von traumatischer
Rückenmarkskompre^ion, ferner histologische Bilder miliarer Osteo¬
myelitiden bei Staphylokokkämie sowie von „Spondylitis typhosa“.
Herr Alsberg berichtet über einen Fall von Myosarkom des oberen
Jejunums. Ausserdem bestand ein vernarbtes Ulcus duodeni. Die klinischen
und röntgenologischen Symptome hatten eindeutig für ein Ulcus duodeni ge¬
sprochen. Epikritisch war ein Teil der Symptome (z. B. die Blutung) auf
den Tumor, ein anderer auf die Ulcusnarbe zu beziehen. Diese Myosarkome
des Dünndarms sind extrem selten.
Herr Bonne: Kann unser deutsches Volk sieb aus dem Boden unseres
Vaterlandes selbst ernähren?
In eingehenden Ausführungen weist Vortr. nach, dass in Deutschland
Grund und Boden völlig ausreichen, um die ca. 6 Millionen in Städten
wohnenden Familien in deren Umgebung auf dem Lande anzusiedeln. Diese
Ländereien können für die ganze Bevölkerung genügende Nahrungs¬
mengen hersteilen, wenn 1. neben dem uns unbegrenzt zur Verfügung
stehenden Kali und Stickstoff die städtischen Fäkalien systematisch
zur Düngung herangezogen werden, statt die Flüsse zu verpesten, 2. die
unwirtschaftlich arbeitenden Grossbesitzt aufgeteilt werden,
3. nicht kostbares Land für die Erzeugung alkoholischer Getränke
(heute 1 800 000 Hektar Land), von Tabak und von Ausfuhrzucker ver¬
schwendet wird.
Besprechung: Herr Kestner: Brot wird in der Tat zweck¬
mässiger vom Grossbesitz angebaut. Aber die modernen physiologischen
Erkenntnisse zeigen, dass dem Brot nicht die Bedeutung zukommt für unsere
Ernährung, die man früher annahm; viel wichtiger sind Fleisch mit seinem
hochwertigen Eiweiss, Milch, Gemüse und Obst mit ihren Vitaminen. Diese
aber sind rationeller in Kleinbetrieb zu erzeugen.
F. W o h 1 w i 11 - Hamburg.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 6. Oktober 1921 (nachträglich).
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungblut h.
Vor der Tagesordnung.
Herr D r e y e r stellt ein 2/4 jähriges Mädchen vor, das seit 2 Monaten
an Psoriasis vulgaris leidet. Handflächengrosse infiltrierte Plaques finden
sich auf dem Kopf und auf der rechten Schulter. In der Umgebung des
letzteren hanfkorngrosse Papeln und deutliche kleine Pusteln von Linsen¬
grösse in korymbiformer Anordnung. Seitlich an der Brustwand bohnengrosse
psoriatische Papeln mit mörtelartiger Schuppung. Auf beiden Wangenschleim¬
häuten, namentlich links, flohstichartige, erbsengrosse, leicht erhabene Rö¬
tungen mit zentraler, dunklerer Färbung. Die Samberger sehe Theorie
von der angeborenen parakeratotischen Diathese der Haut bei Psoriasis
vulgaris steht mit den Befunden nicht im Einklang. Fälle wie der vorge¬
stellte mit seiner Schleimhauterkrankung, der korymbiformen Anordnung und
der Steigerung des Prozesses bis zur Pustelbildung weisen auf ein infektiöses
Agens hin.
Herr K r o h zeigt einen Fall von schwerer Bauchkontusion, die eine
Pankreasdurchtrennung zur Folge hatte und
Herr Cahen I einen Fall von Aneurysma arterio-venosum des rechten
Oberarmes.
Tagesordnung.
Herr Tilmann I: Ueber epileptische und ähnliche Hirnerscheinungen
nach Schädelverletzungen und ihre Heilungsmöglichkeiten durch Operation.
Anderweitig erschienen.
Diskussion: Herren Hering und Huysmans.
Herr Rubensohn: Ueber einen Fall von gummöser Ostitis des
Schultergelenks. (B.kl.W. 1921 Nr. 44.)
218
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 1. Dezember 1921.
Herr Hans Ulcncke: Demonstration von familiärem, angeborenem De¬
fekt beider Schlüsselbeine. . , . . ,
Bei Mutter und 2 Kindern, lljähr. Mädchen und 9jahr. Knaben, fehlen
beide Schlüsselbeine. Ebenso bei dem Vater der Mutter. Das dritte Kind
normal Ausserdem bei der Mutter und den betreffenden Kindern Verknoclie-
rungslücken im Schädeldach: bei der Mutter sehr tiefe und breite Sagittalnaht.
bei den Kindern ist die grosse Fontanelle noch fünfmarkstückgross, rlirn-
pulsation deutlich fühlbar. Bei dem Knaben dazu doppelseitige Coxa vara.
Belegung der Befunde durch Röntgenbilder. Besprechung der einschlägigen
Literatur. , , .
Herr Völsch: Bericht über den Stand der Vererbungslehre.
Für ein kurzes Referat nicht geeignet. . _ . ,
Herr Konrad Kayser: Demonstration eines Uterus mit Gasbrand.
Im Hinweis auf ' die Demonstration des Herrn Bauereisen vom
17. XI. ds. zeigt K. den Uterus einer 38 jähr. Graviden: Krimineller Abort.
Peritonitis, Exitus ohne Operation. Sektion: Uterus am Fundus perforiert,
um die Perforationsstelle Gasbrand, im Ausstrichpräparat F r ä n k e 1 sehe
Bazillen. Im Eiter der Bauchhöhle Streptokokken.
Aussprache: Herr Kluge weist auf die ausserordentlich starke
Zunahme der kriminellen Aborte im Kreise Wolmirstedt hin und appelliert an
die Aufmerksamkeit der Aerzteschaft. um die strafrechtliche Erfassung ge¬
werbsmässiger Abtreiber zu fördern.
Sitzung vom 15. Dezember 1921.
Herr Habs demonstriert einen Fall von Zahnkeimzyste bei Mutter und
Tochter am linken oberen Eckzahn. Der Zahn fehlt bei beiden in der Zahn¬
reihe und lag am Boden einer grossen Zyste, die in die Highmorshohle
hineinragte. Er wurde operativ entfernt.
Herr Hammesfahr: Demonstrationen.
1. Tibiadefekt von etwa Handbreite durch Schussverletzung; am oberen
und unteren Stumpf osteomyelitische Veränderungen. Erste Operation: An¬
frischung des oberen Stumpfes und Implantation des oberen Fibulaendes,
glatte Einheilung. Zweite Operation: Anfrischung des unteren Tibiastumpfes,
Implantation des unteren Fibulaendes, glatte Einheilung. Fibulaschaft jetzt
an Stelle des Tibiaschaftes. Beleg durch Röntgenbilder. Gehfähigkeit mit
Schienenhülsenapparat jetzt gut. • ,
2. Verschiedene Kopfschussverletzungen mit Späterscheinungen (vor-
wiegend epileptoide Zustände). Operative Besserung. H. tritt für zweizeitige
Operation ein, in der 1. Sitzung Entfernung des drückenden Fremdkörpers
(Knochenstück, Projektil oder Zyste). In der 2. Sitzung Fettimplantation.
In der Aussprache rät Herr Habs unbedingt zu einzeitigem Vor¬
gehen bei allen Schädeloperationen.
3. Herr H. zeigt ferner 3 Fälle von Paranephritis fibrosclerotica, die
sämtlich operativ geheilt sind. Einer schon 6 Tage nach der Operation
arbeitsfähig. . r .. .
4. Demonstrationen verschiedener operativ entfernter Nieren-, Ureter-
und Blasensteine. Bei einem Blaseiistein ist bemerkenswert, dass der
innerste Kern aus Paraffin bestand, der Pat. hatte zwecks Masturbation
Parafiinstäbchen in die Harnröhre eingeführt. Einer davon war in die Blase
gerutscht und hatte zur Steinbildung geführt.
Herr P e n k e r t bespricht einige Fehldiagnosen.
1. 34 jähr. Mädchen, Verdacht auf doppelseitige Pyosalpinx. Operation:
Links dreifaches De r’m o i d im Ovarium, rechts zweifaches Dermoid.
2. 47 jähr. Frau: Eingeklemmter, vergrösserter, harter Uterus im Douglas.
Verdacht auf Myom. Operation: Uterus im Douglas fixiert, Gra¬
vidität von 8 Wochen.
Hinweis auf den jetzt gehäuften Gebrauch von antikonzeptionellen Mitteln:
Ballonspritze und Sterilette. Warnung vor ihren Gefahren.
Herr Hans B 1 e n c k e: Demonstration eines Falles von angeborener
doppelseitiger Patella bipartita mit Hinweis auf die Wichtigkeit der Unter¬
scheidung gegenüber der traumatischen. Beleg durch Röntgenbilder.
Aerztlicher Kreisverein Mainz
zusammen mit der
Rheinischen-Naturforschenden Gesellschaft Mainz.
Sitzungen vom 6. und 13. Dezember 1921.
Herr Gg. B. G ruber: Ueber Missbildungen.
Der durch eine grosse Lichtbilderreihe belebte Vortrag behandelte die
Morphologie und Genese, die experimentelle Erforschung und die Erklärungs¬
versuche der Missbildungen, sowie die Rollte, welche die Betrachtung und
Einführung von Missbildungen und der damit verknüpfte Aberglauben in
anderen als ärztlichen Kulturkreisen gespielt hat und noch spielt.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzungen vom 6. und 13. Dezember 1921.
Herr Hugo Müller: Krankenvorstellungen aus dem Gebiet der Dermato¬
logie und Venerologie.
2 Fälle von Dermatitis herpetiformis.
Neurorezidiv im Gebiet des Fazialis und Kochlearis, sowie aller Augen¬
muskeln und des Lingualis. Zugleich Bulbärerscheinungen bei einer Hoch¬
graviden nach Unterbrechung einer begonnenen Salvarsankur (3 mall 4 In¬
jektionen von Neosalvarsan, welche auswärts verabreicht waren). Heilung
durch einschleichende Kur mit Cyarsal-Neosalvarsan.
Ein weiterer Fall von Neurorezidiv mit Meningismus und Kopfschmerz,
Exanthem nach Jod- und Quecksilbermedikation. Heilung auf reine Salvar-
sanbehandlung.
2 Fälle sehr grosser spitzer Kondylome: der eine geheilt, der andere
in Heilung durch mehrmalige Röntgenbestrahlung (20 X mit 3 mm Aluminium).
Hai!
Herr Hugo- Müller und Herr Fries: Beziehungen zwischen
erkrankungen und Röntgendiagnostik innerer Erkrankungen.
Demonstration zahlreicher auf I uberkulose bezüglicher Rontgenplatt
der Thoraxorgane, darunter ein Fall von Hodgkin schei Krankheit, le
gestellt an Hand eines als Einzelsymptom auftretenden Pruritus, des Röntge
bildes (Mediastinaldriiscn) und des angeblich spezifischen Blutbildes Ulyp<
leukozytose). , ....
Herr Gg. B. üruber: Vorweisung seltener Missbildungen.
1. Neugeborenes mit tiefer Spaltung des Vorfusses beiderseits und F
duktion der Zehen, mit verstümmelter Hepta-Daktylie an beiden Händen. 1
klärung: Vermut'iich intrauterin erworbene, nicht ererbte Formerscheinu
durch äussere Beeinträchtigung und Superregeneration an den Händen
2. Steissteratom bei einem dem äusseren Anblick nach weiblichen Fri
geborenen. Präparation vom sagittalen Medianschnitt aus ergibt, dass i
raumbeengende ,, Tumor“ die Entwicklung der äusseren Genitalien stän
behindert hat, dass es sich um einen m ask ulinen Pseuoherm
nhmditus externus handelt.
Sitzung vom 3. Januar 1922.
Herr Aronstein: Physikalische und biologische Grundlagen <
Röntgenstrahlentherapie.
Auf Grund des Wissens über das Wesen der Röntgenstrahlen und (
Erscheinungen des kontinuierlichen und diskontinuierlichen Spektrums s
der Vortragende kurze Definitionen von Intensität, Qualität, Homogenität u
Dosis der Röntgenstrahlen. Nach Besprechung der verschiedenen Dosierun
methoden beschäftigte er sich mit ihren Fehlerquellen. Er vertrat den Stai
punkt, dass die iontometrischen Methoden am einwandfreiesten der Messt
des Röntgentherapeuten dienen, dass aber wohl die Zukunft ein anderes Me
verfahren, nämlich das spektrographische in den Vordergrund stellen wer
sobald es gelinge, aus dem Spektrogramm und den Betriebsbedingungen <
mittleren Abschwächungskoeffizienten eines Strahlengemisches zu errechn
In der Filterfrage ist es gewiss bedeutungsvoll, durch Uebcrdeckungsschich
die verlorengegangenen Streustrahlcn wieder zu gewinnen. Es muss sei:
Ansicht nach gelingen, durch eine genügend dicke Ueberdeckungsschicht \
5—8 cm Paraffin gleichzeitig weiche Strahlen abzufangen und den Faktor <
Streustrnhlung auszunützen. Damit lasse sich die Bestrahliungszeit v
kürzen. Im biologischen Teil des Vortrags wurde über Erythem, Sensib
tätskoeffizient, biologische Dosis, Art, Wirkung und Indikation der Rön,tg
Strahlentherapie bei Tumoren, Tuberkulose und Hauterkrankungen Ge¬
handelt; daran schloss sich eine längere Aussprache der Herren Hi
Müller, Q r u b e r, C o 1 1 i s c h o n, Frank, E i s e 1 und Klein, j
Vereinigung der Münchener Fachärzte für innere Mediz
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 13. Juli 1921.
Vorsitzender: Herr R. v. Hoesslin. Schriftführer: Herr Handwer
Aussprache über Tuberkulintherapie.
Herr v„ Romberg: Als Mittel zur Herbeiführung allgemeiner oder i
lieber Immunität können das Tuberkulin und seine verschiedenen Forn
nicht mehr angesehen werden. Es ist bei geeigneter Dosierung ein| spezifisc
Mittel zur Steigerung der örtlichen Heilungsvorgänge, zur erwünschten
einflussung des“ Gesamtbefindens, aber im allgemeinen nur bei Kranken
deutlichen Heilungsvorgängen, bei Lungentuberkulose also mit zweife
vorwiegenden zirrhotischen Prozessen, weiter bei allgemeiner Uet
empfindlichkeit (z. B. mit Bronchialasthma) auf geringe zur Heilung neige
Veränderungen. Diese Auswahl der Kranken vorausgesetzt, ist es vor al
die Frage der Dosierung, die über den Erfolg entscheidet. Die Wahl
Mittels, die Art seiner Anwendung treten dagegen ganz zurück.
Herr K. E. Ranke: Die Frage der Immunität bei Tuberkulose ist s
verwickelt. Es ist selbstverständlich, dass das Tuberkulin wie alle spezifisc
derartigen Mittel keine andere Immunität erzeugt als diejenige, die auch
Verlauf der Erkrankung spontan eintritt. In der Beziehung unterschen
sich das Mittel nicht von den übrigen spezifischen Stoffen. Die Immun
bei Tuberkulose äussert sich spontan in einer gewissen Widerstandsk
gegen Neuinfektion von aussen her und in Veränderungen der Ausbreitur
weise im Körper. Bei den als Spätformen der Tuberkulose anzusprechen
isolierenden Phthisen scheint der Umschlag aus der Immunität in (
spezifische Giftüberempfindlichkeit eine grosse Rolle zu spielen. Deshalb
hier auch das Tuberkulin so gefährlich. In den eigentlichen Anfangsstar
der Tuberkulose, und zwar auch hier, wie etwa bei der aktiven Imm
sierung gegen Lyssa, vorwiegend in den Latenzperioden, kann das Tuberk
von grösster Bedeutung sein für das vollkommene Ausheilen und das Erlau
einer für viele praktische Zwecke ausreichenden Immunität für b
ansteckungen. Die von Herrn v. Romberg erwähnte Möglichkeit
Steigerung der örtlichen Reaktionen sind bei Drüsentuberkulosen — im
gemeinen bei der sekundären Tuberkulose — nützlicher und ungefährlic
als bei der tertiären. Von den einzelnen Bazillenstoffen wirken wahrschein
nur das Alttuberkulin und seine Analoga reizmindernd, doch ist zu beach
dass auch mit dem Alttuberkulin ganz typische Reizsteigerungen her
gerufen werden können.
Die Tuberkuline können diagnostisch, therapeutisch und prognost
Verwendung finden. Sie sind diagnostisch gut und wertvoll, therapeut
gefährlich, nur in der erfahrenen Hand nützlich, hier allerdings gelegent
unentbehrlich; prognostisch ist das Tuberkulin von ganz besonderem V,
sowie man nicht bloss einzelne Reaktionen, sondern wirkliche Reaktionsfo:
im Sinne einer Tuberkulinkur vornimmt. Ein Tuberkulöser, der eine Tu
kulinkur ohne Schaden verträgt, ist prognostisch immer viel günstiger
ein Tuberkulöser, der Tuberkulin nicht verträgt.
Herr Flatow: Ob gerade die Tuberkuline für die Erzeug
von therapeutisch wertvoller Herdreaktion die idealen Mittel darstellen,
scheint bei der Variabilität ihrer Wirkung (je nach Herstellung. Jahres:
Alter usw.) doch recht fraglich. Erstrebenswert bleibt die Hervorru
einer lokalen Reizwirkung am Orte der Erkrankung mit chemisch be
definierten und daher konkret dosierbaren Substanzen. Als solche düi
die Terpene vielleicht Gegenstand der Erprobung werden, da Terpent
schon in Dosen von 0,05 ccm periostal injiziert, oft eine an Spezifität
innernde Herdreaktion auszulösen vermag (Redner sah post injectionem s-
Kalkkonkremente im Sputum in einem Falle auftreten). Bei richtiger
is der einzelnen Nummer 3.— Jl. • Bezugspreis in Deutschland
• und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • • <
ceigenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Uhr),
für Bezug: an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse-^trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/IM.
Medizinische Wochenschrift.
7. 17. Februar 1922.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
iber die Strahlenbehandlung des Kollumkarzinoms
des Uterus1).
Von A. D öd er lein.
Am 24. Juli 1913 wurde von ihrem behandelnden Arzte eine
hrige Patientin der Frauenklinik zugewiesen mit dem ärztlichen Be-
e, dass sie Ende Juni einen Abortus gehabt habe und deshalb von
eine Auskratzung gemacht wurde. Die Blutungen hätten darnach
nicht aufgehört, verbunden mit eitrigem, oft übelriechendem Aus¬
unter gleichzeitiger Vereiterung einer leicht erodierten Stelle der
o, die ein mehr und mehr verdächtiges Aussehen annahm und
derb anfühlte. Er diagnostizierte „ein seit kurzem in rapidem
hstum begriffenes Karzinom“. Unser Befund deckte sich vollständig
dem vorstehenden. Zur Vorsicht wurde aber eine Probeexzision
j/nomraen. Die mikroskopische Untersuchung ergab ein weit in das
ebe der Zervix eingebrochenes Portiokarzinom. Die noch vor-
en<m mikroskopischen Präparate werden der Versammlung demon-
rt2)- Ich lege besonderen Wert auf die Demonstration dieser Prä-
e wegen des weiteren Verlaufes. Die Patientin war während des
.es verschollen; vielfache Briefe kamen als unbestellbar zurück,
hich nachträglich herausstellte, weil die Patientin inzwischen durch
äiratung ihren Namen gewechselt hatte. Wir führten sie deshalb
ahrscheinlich an Rezidiv gestorben und waren um so mehr erfreut,
ihr vor kurzem die Nachricht zu bekommen, dass es ihr sehr gut
, dass sie seit Ihrer Verheiratung seit dem Ja'hre 1915 3 mal abortiert
und zwar jedesmal im 3. — 4. Monat der Schwangerschaft, dass sie
am 12. IV. 1919 ein reifes, vollkommen gesundes Kind geboren
„das gut gedeiht und der Sonnenschein ihres Lebens geworden
Man würde wohl ohne den anatomischen Beleg der Diagnose
Recht an deren Zuverlässigkeit zweifeln können und dies um so
, als ausweislich unserer Krankengeschichte die Patientin nur 3 mal
-war am 8. VII„ am 26. VIII. und am 26. XII. 1913 mit je 50 mg
thorium 24 Stunden lang intravaginal behandelt worden war. Es
g also damit, nicht nur das Karzinom zu heilen, so dass die
ntin jetzt — 8 Jahre später — noch vollkommen gesund ist,
prn dabei auch, dank der geringen Dosis, die volle Funktion dei¬
chen für die Fortpflanzungstätigkeit zu erhalten, ein wenn auch
beabsichtigter, doch erfreulicher Erfolg, der wohl einzigartig ist,
ich ein Beweis dafür, dass Strahlenschädigungen der Ovula für
\ommenschaft nicht zu fürchten sind; konzipieren solche Eier über-
:, dann tragen die reifen Früchte keinen Schaden davon3).
Jne andere, 5 Jahre geheilte Karzinomkranke konzipierte eben¬
ster endete aber die Schwangerschaft mit einem Abortus. Diesem
ist ein von P. Schäfer auf dem Berliner Kongress der Deut-
■ Gesellschaft für Gynäkologie 1920 mitgeteilter4) an die Seite zu
n, bei dem eine 25 jährige Patientin, ebenfalls über 5 Jahre geheilt,
ahr nach der Radiumbestrahlung wieder menstruierte und bei der
!ahre später eine Gravidität eintrat, die „unbeabsichtigterweise“
Monat unterbrochen wurde.
’e'it dem Jahre 1913 das Uteruskarzinom ausschliesslich mit radio-
/n Metallen, Radium und Mesothorium, in den letzten Jahren auch
iniert mit Röntgenbestrahlung, in Angriff nehmend, verfüge ich nun
ein Material von über 1000 Fällen, das ich zum Zwecke der
?en Mitteilung aufs neue gesichtet habe; ich möchte nun über die
916 behandelten:, also mehr als 5 Jahre geheilten Fälle Bericht
Jen. Es bezieht sich dieses Material lediglich auf das Kollum-
iom des Uterus, das wegen seiner Zugänglichkeit für die Strahlen-
dlung eine Sonderstellung unter allen Karzinomen einnimmt und
tste Prüfstein für deren Wirkungsweise ist.
ui meiner ursprünglichen und wiederholt5) kundgegebenen Auf-
ig, dass die Einwirkung der Strahlen auf das Karzinom in der
/Nach einem am 16. Dezember 1921 in München gehaltenen ärztlichen
ldungsvortrag.
) Ebenso wurden die Präparate auf der Tagung der bayerischen Gynä-
■n a|J> 18- Dezember 1921 vorgelegt.
j: Nürnberger: Prakt. Ergehn, d. Geb. u. Gyn. 8. Jalirg. 2. H.
J P- Schäfer: Verhandl. d. Deutschen Ges. f. Gyn. 16. Kongr.
1920, S. 363.
) jVDöderlein: Mschr. f. Geb. u. Gyn. 1913, 37, Verhdl. d. Deutsch.
!*• Gyn. 1913, M.m.W. 1914 Nr. 5 u. 6, Beitr. z. kJ in. Chir. 1915, 95,
■ 1. Geb. u. Gyn. 1917, 46 u. Arch. f. Gyn. 1918, 109.
Ir. 7.
direkten Abtötung der Karzinomzelle zu sehen ist, wie diese auch für die
Wirkung der Bestrahlung der Ovarien in der Abtötung der Keimzelle
bewiesen ist, halte ich nach wie vor fest, in der Ueberzeugung, dass
die anderen in Betracht kommenden Möglichkeiten, etwa die Ein¬
wirkung auf dem Umwege durch das Bindegewebe, zum Mindesten
unbewiesen sind, während wir hier während der Behandlung mikro¬
skopisch-anatomisch die Veränderungen an den Zellen selbst bis zu ihrem
Verschwinden verfolgen können. (An mikroskopischen farbigen Photo¬
graphien werden die sukzessiven Veränderungen der Karzinomzelle
demonstriert.)
Besonderes Gewicht möchte ich bei diesen Bildern noch darauf
legen, dass sich zugleich anatomisch-mikroskopisch feststellen liess. dass
die Umgebung der Karzinomzelle, namentlich in nächster Nachbarschaft
gelegene Epithelien, wie die Zylinderepithelien der Zervixschleimhaut
und auch das angrenzende gesunde Plattenepithel der Scheide, keinerlei
Veränderungen im Sinne des Kernzerfalls erkennen lässt, so dass sich
daraus logischerweise der bindende Schluss ergibt, dass die Karzinom¬
zelle auf die Strahlen empfindlicher reagiert als die gesunde Zelle.
Auf dieser Grundlage beruht die Strahlenbehandlung des Karzinoms,
für dessen Heilung nunmehr die Aufgabe besteht, alle Krebszellen und
zwar sowohl die im Krebsherd wie auch die in dessen Nachbarschaft
vorhandenen zu vernichten, ohne das gesunde Gewebe zu schädigen.
Die Lösung dieses Problems erscheint verhältnismässig einfach, stösst
aber doch auf so grosse Widerstände, dass Manche auch heute noch an
der Heilwirkung der Strahlen zweifeln zu müssen glauben und deshalb
die ganze Behandlung verwerfen.
Dreierlei Richtungen machen sich heute in der Therapie des Kar¬
zinoms geltend: Die erste, namentlich von den Chirurgen vertretene,
geht dahin, operable Karzinome unter allen Umständen zu operieren und
nicht zu bestrahlen, weil die Operation immer noch bessere Aussichten
für Heilung biete als die Strahlenbehandlung. Für die Bestrahlung
kommen dann nur jene Fälle in Betracht, die für die Operation zu weit
fortgeschritten sind.
Die zweite, wohl gegenwärtig die meisten Anhänger zählende
Richtung verkitt den Standpunkt, die Karzinome, soweit irgend an¬
gängig, zu operieren und darnach den Herd zu bestrahlen, um etwa
zurückgebliebene Reste, von denen ja die Rezidive ausgehen, zu ver¬
nichten.
Es kann nicht verkannt werden, dass dieser Standpunkt die meiste
Berechtigung zu haben scheint. Jeder, der die Entwicklungszeit der
Karzinomoperaxionen miterlebt und selbst empfunden hat, welche Be¬
friedigung die immer bessere Ausgestaltung der Technik und damit
immer besser werdende Erfolg erweckten, wird sich nicht so leicht ent¬
schlossen können, diesem' wenn auch mühevollen, aber doch befriedi¬
genden Teil seiner Therapie entsagen zu müssen. Auch ist nicht zu
verkennen, dass die Erfolge der operativen Behandlung solche geworden
sind, dass man nicht gerne diese« sicheren Besitz aufgibt, um dafür
einen Sprung ins Ungewisse zu machen. Andererseits kann man sich
auch nicht der Empfindung verwehren, dass an der Strahlenbehandlung
doch etwas ist und so ist es das Einfachste und Bequemste, beide
Methoden miteinander zu kombinieren. Und doch geben uns neuere
Mitteilungen in der Literatur berechtigte Zweifel, ob damit ein Fort¬
schritt in der Krebsbehandlung erreicht wird. Manches deutet darauf
hin, dass die Operationen durch Verschleppung von Krebszellen, durch
Aenderung der Lymphströme und Beeinflussung der Blutzirkulation
unter Umständen das Rezidiv begünstigen und damit auch ungünstigere
Verhältnisse für die Strahlenbehandlung schaffen, als wenn diese ohne
operativen Eingriff das ruhende Karzinom angreift. Jedenfalls spricht
die praktische Erfahrung noch nicht so zugunsten dieser an sich sym¬
pathischen zweiten Richtung, dass man sie, wie es manchmal geschieht,
als die „allein seligmachende“ bezeichnen dürfte. Die hier vorliegenden
statistischen Tatsachen halten insoferne einer Kritik nicht stand, als
die Beobachtungsdauer noch nicht abgeschlossen ist.
Die dritte Gruppe lehnt das operative Vorgehen gegen das Karzinom
ab und bekämpft es ausschliesslich durch Strahlenbehandlung, sei es
mit radioaktiven Metallen, sei es mit Röntgenstrahlen, sei es mit beiden
zugleich.
Die Zukunft muss erst lehren, welche dieser drei Richtungen
siegen wird.
Das hier mitzutcilende Material der Universitäts-Frauenklinik
München, das einen Beitrag zur Wirkung der radioaktiven Substanzen,
nicht aber der Röntgenstrahlen liefert, habe ich in drei Zeitperioden
eingeteilt:
A
222
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ni
Die erste umfasst die Jahre 1903—1907, in der die Klinik unter der
Direktion von v. Win ekel sowohl durch vaginale wie durch
abdominelle Totalexstirpation gegen das Uteruskarzinome vorging.
Der zweite Zeitraum umfasst die Jahre 1908—1913, wo unter meiner
Direktion ausschliesslich mit abdomineller Totalexstirpation des Uterus
nach Wertheim behandelt wurde , , ,
und dann 1913 bis jetzt, wo nur Strahlenbehandlung stattfand und
zwar bis zum Jahre 1916 nur mit radioaktiven Substanzen und m den
letzten Jahren kombiniert mit Röntgemstrahlen.
1903 oh o5 06 06 09
15 16 18 19 fco R.1
Graphische Darstellung der Frequenz der Kollumkarzinomkranken in den
Jahren 1903 — 1921 (a), ihre Inoperabilität (b), Operabilität (c), absolute (d)
und relative (e) Heilziffer, (f) relative Heilung der fertig Bestrahlten in Proz.
Aus der graphischen Darstellung ist ersichtlich, dass die Zahl der
in den einzelnen Zeiträumen der Klinik zugehenden Karzinomkranken
ausserordentlich verschieden ist und namentlich in der letzten Periode
eine Steigerung bis auf das Fünffache des jährlichen Zugangs eintrat.
Die Gründe dafür mögen unerörtert bleiben; aber die Tatsache selbst
ist deshalb von der grössten Bedeutung, weil ohne ihre Berücksichtigung
ungleiche Werte miteinander verglichen würden, wie dies heute so
vielfach in der Literatur und zwar zu Ungunsten der Strahlenbehandlung
geschieht. Selbst am gleichen Orte müssen bei der Beurteilung ver¬
schiedener Heilverfahren derartige Unterschiede sorgfältig mitberuck-
sichtigt werden, denn aus den Kurven c, die in absoluten Zahlen den
jeweiligen Anteil der günstigen, operablen und b diejenigen der un¬
günstigen inoperablen Fälle an dem Gesamtmaterial wiedergeben, ist
ersichtlich, dass mit dem Anwachsen der Zugänge eine wesentliche Ver¬
schiebung in der Qualität des Materials stattgefunden hat, insoferne
parallel mit der Frequenzkurve die der ungünstigen Fälle ansteigt,
während die Kurve der noch günstigen operablen Fälle in der gleichen
Zeit vom Jahre 1914 ab ständig fällt.
Nun ist ja ganz klar, dass mit dem Fortschreiten des Karzinoms,
mit dem Grösserwerden seiner Geschwulst, namentlich mit dem Ein¬
bruch in die Nachbarschaft, Lymphwege und schliesslich sogar mit der
Metastasierung in entferntere Organe mit allgemeiner Kachexie die Mög¬
lichkeit der Heilung schrittweise abnimmt und deshalb an ein mit so
viel mehr ungünstigen Fällen belastetes Material ein ganz anderer
Massstab angelegt werden muss, als an ein ganz anders geartetes
Material Man beachte, dass in der operativen Zeit meines Materials
die üperabilitätskurve stets über derjenigen der Inoperabihtatskurve
verläuft, also stets mehr günstige als ungünstige Fälle zur Beobachtung
kamen. Das Jahr 1913, mit dem die Strahlenbehandlung emsetzte
bringt die Wandlung. Hier schneiden sich die beiden Kurven, um sich
von Jahr zu Jahr mehr von einander zu entfernen.
Bei oberflächlicher Betrachtung der die geheilten Falle in Prozent¬
zahlen wiedergebenden Kurve d würde man zu dem Trugschluss
kommen, dass die Resultate der operativen Heilung diejenigen
Strahlenbehandlung beträchtlich übertreffen und deshalb die btrah
behandlung unterlegen sei. Zum Verständnis dieser statistischen
gebnisse sei angeführt, dass sich diese prozentuarische Berechnung
Geheilten auf die gesamten Zugänge bezieht, nicht etwa nur auf i
Operierten oder Behandelten, also Winters „absolute neitti
darstellt ohne jeden Abzug. Es sind also weder die Verstorbenen 1
die Verschollenen in Abzug gebracht, sondern es bedeutet diese absc
Zahl jeweils, wieviele unter 100 in einem Jahre zugegangenen Karzin
kranken nach mindestens 5 Jahren noch geheilt waren.
Die Kurve e zeigt dagegen die „relative“ Heilungsz
Winters, d. h. wieviele .von je 100 Operierten oder nut Stra
Behandelten nach der gleichen Beobachtungsdauer noch geheilt wa
Hier zeigt sich, dass die mit Strahlen Behandelten nicht nur n
schlechter, sondern eher besser abschneiden.
Das Endergebnis in meinem Material geht dahin, dass von 265
lumkarzinomkranken der Jahre 1908-1912 54 = 20,4 Proz. durch
Wertheim sehe Radikaloperation dauernd geheilt wur
167 = 63 02 Proz. konnten der Operation unterzogen werden, so ■
sich die relative Heilziffer auf 32,3 Proz. berechnet, immer ohne jf
Demgegenüber stehen 500 in den Jahren 1913 1916 mit Stra
behandelte Karzinomkranke, von denen 69 == 13,8 Proz. geheilt wui
In diesem Material wäre aber die Operabilität nur 33,9 Proz. ge\u
also etwa die Hälfte gegenüber dem operativen Material, gemäss
in der graphischen Darstellung zum Ausdruck gebrachten Verschlec
rung des ganzen Materials. Unter Zugrundelegung der am operat
Material gewonnenen Erfahrungen dürfte die Benauptung oerec
sein, dass bei diesem um soviel schlechteren Material nur die n;
also etwa 10 Proz., aller durch die Operation hatte geheilt we
können, so dass auch hier die durch die Strahlenbehandlung erreic
Resultate etwas günstiger abschneiden.
Dass die Strahlenbehandlung mehr als die operative zu leisten
stände ist erhellt aber noch mehr aus einem anderen Umstande, i
lieh daraus, dass Fälle damit zur Heilung gebracht werden kom
denen gegenüber das Messer machtlos gewesen wäre. . £
Während das operative Material ganz von selbst in die 2 Gru
zerfällt, operative und nichtoperative, habe ich das Stiahlenbehandli
material in 4 Gruppen getrennt: Die erste Gruppe umfasst jene I
die nach dem Untersuchungsbefund als operable bezeichnet wt
könnten und bei denen also die Erzielung obiger Heilresultate durci
Operation mögiieh gewesen wäre. Die zweite Gruppe umfasst die
„ürenzfälle“, bei denen unter Umständen, namentlich auch abh;
vom Allgemeinbefinden, vielleicht bei manchen noch eine Piobela
tomie ausgeführt worden wäre, um die Möglichkeit oder Unmoglic
der Durchführung der Operation noch besser als durch den U
suchungsbefund entscheiden zu können. Die dritte Gruppe umfasst
Fälle in denen auch dieses ausgeschlossen wäre, in denen aber der
such der Strahlenbehandlung trotz der Ausbreitung des Karzinoms u
nommen wurde; die vierte Gruppe endlich umfasst jene desolaten ,
in denen aus örtlichen und allgemeinen Gründen jede Behandlungs
lichkeit ausgeschlossen war.
Die Heilresultate, nach diesen 4 Gruppen getrennt, sind folg«
Die erste Gruppe umfasst in den Jahren 1913—1916 77 .
von denen 37 = 48 Proz. mehr als 5 und bis zu 8 Jahien £■
wurden.
In der zweiten Gruppe finden sich 90 Frauen, von dene
= 20 Proz. geheilt sind.
In der dritten Gruppe sind 214 Frauen verzeichnet, von dem
= 6,07 Proz. geheilt sind.
Ueberraschendor Weise finden wir sogar in der vierten, 119
umfassenden Gruppe 1 Kranke verzeichnet, die geheilt ist. Diese 3
heilten der inoperablen Fälle stellen ein unbestreitbares Plus
Strahlenheilungsvermögens gegenüber dem operativen dar.
So befriedigend diese Feststellung ist, so unbefriedigend ist
andererseits die Tatsache, dass uns nur in der Hälfte der der (
Gruppe angehörenden Fälle Heilung gelungen ist. Wollen wn
nun Fortschritte erzielen, so ist den Gründen nachzugehen, wor
liegt, dass die andere Hälfte nicht geheilt wurde.
Glücklicherweise findet sich hier das Versagen unserer Behar
in erster Linie darin begründet, dass sich die Kranken der Fortse
der Behandlung entzogen haben, glücklicherweise deshalb, weil
ausgedrückt war, dass es nicht in der Natur dieser Therapie selbst
sondern1 wenigstens in der Hauptsache in einer abänderlichen Ae
lichkeit. Hier unterscheidet sich die Strahlenbehandlung wesenthe
der operativen, insoferne die Kranken, die sich der Operation ]
ziehen, damit sofort vor dem abgeschlossenen Heilverfahren sj
während die Strahlenwirkung eine in bestimmten Zeiträumen me
wiederholte Anwendung der Heilsubstanz erfordert, wenn andere
mit der Vorsicht vorgehen will, die die Schonung des gesunden Ge-
erfordert. Mögen hier auch die in die Kriegsjahre fallenden Kr
vielfach durch häusliche Angelegenheiten, durch Reiseschwiengl
auch durch den Kostenpunkt, selbst wenn sie Freiplätze beko
haben, abgeschreckt worden sein, eine Behinderung, die in rri
Zeiten weniger ins Gewicht fallen wird, so ist mit Nachdruck h|
zuheben, dass der Kliniker hier viel mehr als bei der operative
handlung auf die tätige Mithilfe der Hausärzte angewiesen ist. |
diesen erst einmal die Ueberzeugung von der Heilungsmögn
. Februar 19 22.
MÜNCHENER 'MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
223
ch die Strahlenbehandlung durchgedrungen, dann werden sie uns ihre
fe um so williger leihen dürfen, als sie damit des Vorteils teilhaftig
i-rden, dass ihnen die Kranken nicht ohne weiteres mit der Ueber-
isung in die Klinik entzogen werden. Ich habe deshalb nie ver-
imt, den die Kranken uns zuweisenden Aerztcn eindringlich ans Herz
legen, ihre Kranken fortlaufend in Beobachtung zu behalten und sie
uihalten, den ihnen von der Klinik mit auf den Weg gegebenen Wei-
lgen zur Fortsetzung der Behandlung Folge zu leisten.
Dieser Nachteil der Strahlenbehandlung, dass sich die Kranken ihr
so beträchtlicher Zahl vorzeitig entziehen, ist zweifellos sehr Fe¬
ierlich, aber nicht unabänderlich und es muss mit allen Mitteln da-
cen angekämpft werden. Falsch wäre es deshalb, der Strahlenbehand-
-ellr zur Hast zu lesen, dass sie damit zu Fall gebracht
! rde. Es wäre dies etwa so, wie wenn man dem Salvarsan eine Heil-
kung absprechen würde, weil es Fälle gibt, in denen es nichts hilft,
'•1 Betreifenden nach der ersten Injektion ausgeblieben sind. Kein
nünftiger wird aus solchen Fchlschlägen einen Vorwurf gegen das
I tel ableiten. Die Hauptsache ist doch, dass wir ein Mittel besitzen,
beiten kann. Die weitere Aufgabe ist dann, ihm entsprechende Gel-
g bei den Kranken zu verschaffen, wozu freilich in erster Linie der
ube an die Wirkung notwendig ist.
Diesen zu stützen sei mitgeterlt, dass von 43 Kranken der ersten
ippe, die sich unserer Behandlung bis zu deren Beendigung unter-
en, 35 81,0 Proz geheilt wurden. Von 50 solchen der zweiten
ippe wurden 18 = 36,0 Proz. geheilt und von 121 der dritten Gruppe
= 10,41 Proz.
Hervorgehoben sei noch, dass aus den Jahren 1913—1915 52 Frauen
eilt sind, von denen bei der jetzt stattgehabten Untersuchung 11
t Jahre, 23 sieben Jahre, 9 sechs Jahre und 9 fünf Jahre nach Ab-
luss der Behandlung gesund sind.
Dass sich bei den Gruppen so grosse Unterschiede finden, zeigt
einmal die Bedeutung dieser Gruppenteilung zur Beurteilung des
tenals, wobei ich bemerke, dass die Kranken beim Eintritt in die
1,k von mir selbst untersucht und nach Diktat des Befundes in die
refrende Gruppe eingeteilt werden. Ebenso werden auch die Nach-
ersuchungen, soweit irgend möglich, von mir selbst ausgeführt so
s ich für deren Richtigkeit einstehe.
Des weiteren lehren uns aber diese Unterschiede in den Heilresul-
'n «er verschiedenen Grupoen, was ja eigentlich selbstverständlich
dass es bei der Strahlenbehandlung, wenm auch nicht so sehr wie bei
operativen, in erster Linie auf das Entwicklungsstadium des Karzi-
IS ankommt, in dem die Betreffenden sich zur Behandlung einfindeu.
sei de s h a 1 bauch hier wieder eindringlichster
pell an die Mithilfe der Hausärzte gerichtet, uns
der möglichst frühzeitigen Diagnose des Karzi-
m s z nun ter stützen. Abweichungen in den menstruellen Bin-
?en und besonders, worauf P. Zweifel jüngst wieder mit Nach-
:k hingewiesen hat, Blutabgang post coitum, verdächtiger Ausfluss
der digitalen oder Spiegeluntersuchung leicht blutende Erosionen,
i c k e 1 i g e s Gewebe erfordern unbedingt spezialistische Be-
mung im Zweifelsfalle Probeexzision mit mikroskopischer Unter-
lung, die auch dem Erfahrensten manche Karzinome verrät, die er
e diese zu diagnostizieren nicht imstande wäre. Es geht aus meiner
istik hervor, dass, wenn eine Frau mit Portiokarzinom zur rechten
’ also möglichst im Beginne der Erkrankung zur Behandlung kommt
diese richtig durchhält, wozu der Gynäkologe mit dem
U Son r> d a,^re,r n d Hand in Hand gehen muss, sie minde-
ls 80 Proz. Wahrscheinlichkeit vollkommener Heilung hat.
Dieses Endergebnis zeigt, was mit der Strahlenbehandlung im
inigsten Falle erreichbar ist, und beweist damit ihre Ueberlegenheit
die operativen Möglichkeiten.
Diese meine Resultate sind ausschliesslich durch Radium und Meso-
iiim, also die radioaktiven Metalle, erzeugt. Ob Röntgenstrahlen
gieicne zu leisten vermögen, ist bisher von niemand bewiesen. Nach
neueren Forschungen dürfen wir der Röntgenbestrahlung eine ge¬
he Ergänzung in der Wirkung der mit radioaktiven Substanzen ei¬
lt zuschrciben, insoferne damit von dem ursprünglichen Krankheits-
i weiter entfernte Krebsnester bestrahlt werden können. Dazu hilft,
’ Ü1C neuesten Apparate viel härtere Strahlen erzeugen als die
eren, freilich immer noch nicht so harte wie die härtesten Gamma-
radjociktiven Substanzen. Zweckmässig wird man jetzt
e neulen Verfahren, wie das ja vielfach geschieht, miteinander kom-
"tv!’ Uf? 3 es zu erschöpfen, womit man den Kranken nützen kann.
z-iiKumt muss lehren, ob wir damit noch günstigere Resultate als
er erzielen oder nicht. .
Ohne auf die Technik der Bestrahlung hier näher eingehen zu wollen,
• r nocii bemerkt, dass wir die anfänglich zu beklagenden Neben-
ngungen,. Verbrennungen und Fistelbildungen, als Kinderkrankheiten
r jherapie zu überwinden gelernt haben und dass wir seit län-
keinerlci Nachteile objektiver und auch subjektiver Art mehr
:n' Auch die recht störenden Tenesmen des Rektums können durch
cd,1 echmk Und entsprechende zeitliche Begrenzung und Dosierung
- 'cherheit vermieden werden.
Aus der Frauenklinik der Universität Leipzig.
Zur Frage der Schwangerschaftsunterbrechung und
Sterilisierung wegen Lunyen- und Kehlkopftuoerkulose.
Von Prof. Dr. Bernhard Schweitzer.
Wenn wir den Erfolg der Schwangerschaftsunterbrechung richtig
bemessen wollen, dürfen wir uns nicht mit der Beobachtung der Fälle
während des zeitlich beschränkten klinischen Aufenthalts begnügen.
Eine Vorbeobachtung ist notwendig zur möglichst hinreichenden Be¬
urteilung des Einzelfalles im Hinblick auf Stadium und Verlaufsrichtung
der 1 uoerkulose vor und seit der Schwangerschaft. Unerlässlich ist
aber auch eine Nachbeobachtung der Fälle über die Zeit
des klinischen Aufenthaltes hinaus.
Für die einwandfreie Beurteilung der Frage, ob die Tuberkulose
im Emzelfalle wirklich durch die Schwangerschaft verschlechtert wurde,
, ,rJu v*e‘en Fällen der objektiv sichere Nachweis über den Befund
der luberkulose vor Eintritt der Schwangerschaft; es mangelt an Klar-
heit über die Verlaufsrichtung der luberkulose unabhängig von der
Schwangerschaft, ob sie vor der Schwangerschaft scheinbar ausgeheilt,
• v,siu "Radium der Besserung oder bereits der Verschlechterung
sich befand und ob diese letztere in raschem oder langsamem Fort¬
schi eiten sich bewegte. Oft haben wir allein die Angaben der Frau,
die nicht selten tendenziös gefärbt sind. Eine frühere Heilstättenbehand-
lung, auch wenn sie von vollem Erfolg war, wird oft als Ausweis für
das „berechtigte“ Verlangen nach Abort aufgetischt. Besser sind wir
üaian, wenn eine ärztlicüe Beobachtung in der Lungenfürsorgestelle
oder beim Facharzt vorliegt; doch ist dies seltener der Fall. So sollen
wir häufig allein auf Grund des gerade erhebbaren Befundes uns ein
Bild über Stand und Wechsel der Tuberkulose unter dem Einfluss der
Schwangerschaft machen.
Dass nicht jede Tuberkulose durch die Schwangerschaft ungünstig
beeinflusst wird, wissen wir. Die ausgeheilte regt sich auch in der
Schwangerschaft so gut wie nie. Dass aber doch in nicht gut aus-
geheilten Fällen stets mit einer ungünstigen, ja gefährlichen Beein¬
flussung geiechnet werden muss, ist ebenso erwiesen, zumal wenn wir
von Pathologen hören, dass der Durchseuchungscharakter der Tuber-
kulose durch die Schwangerschaft eine Aenderung erfährt. Oft hält
die Tuberkulose zwar die Schwangerschaft noch gut durch, doch führt
sie unter der heimtückischen Wirkung des Wochenbetts und der Lakta¬
tion zu rapidem Verfall.
Die Schwangerschaft mehrt, das Wochenbett zehrt, ist ein treffen¬
der Satz Zweifels.
Der Einfluss der Schwangerschaft auf die Tuberkulose bleibt un-
berechenbar. Eine Reihe ungreifbarer Momente spielt mit welche uns
die Sicherheit des Urteils beeinträchtigt.
t r der Bewertung des Erfolges der künstlichen
Unterbrechung der Schwangerschaft müssen wir uns
vor allem darüber klar sein, dass wir von derselben keine Heilwirkung
aut die Lungentuberkulose verlangen dürfen. Die Unterbrechung wird
dann ihren Zweck erfüllt haben, wenn sie die durch die Schwanger-
schaft erzeugte Verschlimmerung der Tuberkulose zum Stillstand ge¬
bracht hat Sehr viel ist erreicht, wenn sie die Möglichkeit für eine
• eSp-,r,ull£ °^er gar Heilung der Tuberkulose geschaffen hat und dies
in Fallen, von welchen wir durch unsere Beobachtung den Eindruck
gewonnen haben, dass bei Fortbestehen der Gravidität die Tuberkulose
einen schnellen bösartigen Verlauf genommen haben würde. Täu¬
schungen bleiben uns aber nicht erspart. Häufig würde so wie so auch
ohne die Interkurrenz einer Schwangerschaft der schlechte Ausgang
unaufhaltsam näherrücken, oft auch wieder würde der Prozess einer
spontanen Besserung zugängig sein trotz (und in seltenen Einzelfällen
vieUeicht sogar wegen) der Schwangerschaft. Auch bei der Beurteilung
des Eitektes der Schwangerschaftsunterbrechung fehlt es nicht an
Schwierigkeiten.
i Ueb5r <be in der Leipziger Klinik beobachteten Fälle von Tuberku¬
lose und Schwangerschaft aus der Zeit von 1908—1920 haben wir in
en letzten Jahren Nachbeobachtungen in befriedigender Weise
^’rCp..u., r,en. Tonnen. Lohse hat auf meine Anregung hin einen Teil
Falle) in seiner Dissertation niedergelegt. Ich habe das Material
n,e+tfru £s ukemrbeitet und habe die in seiner Zusammenstellung nicht
enthaltenen Falle zumal der späteren Schwangerschaftsmonate er-
Ranzend beigefugt und auch ihre Nachbeobachtung durchgeführt.
. folgenden werde ich über die Resultate berichten und die sich
mir ergebenden Schlussfolgerungen anschliessen.
Im ganzen kamen in dem genannten Zeitraum 125 Fälle von
^fnsersehaft mit Lungentuberkulose in der Klinik zur Aufnahme
J Falle dem 10. Schwangerschaftsmonate angehörend, welche für die
vorzeitige Unterbrechung nicht mehr in Betracht kamen, ziehe ich davon
an. von diesen war 1 verschollen, 4 inzwischen gestorben 1 ver¬
schlechtert und 3 stationär geblieben.
Von den übrigbleibenden 116 Fällen sind 2 unentbunden ge-
storbeinm 8. bzw. 9. Schwangerschaftsmonat mit einer Tuberku¬
lose im 3. Turbanstadium.
Zur spontanen Frühgeburt kamen 10 Fälle, über die ich
noch spater sprechen werde.
Von den 104 Fällen, in welchen der Klinik die Entscheidung über¬
lassen war die Schwangerschaft zu unterbrechen oder sie zu erhalten
hat sie in 85 Fallen die Schwangerschaftsunterbrechung
ausgefuhrt — 82 Proz. Daraus könnte man den Eindruck gewinnen,
4*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
224
als ob die Leipziger Klinik ausserordentlich freigebig mit der Schwanger¬
schaftsunterbrechung verfahren wäre. Dies ist aber keineswegs der
Fall. Die erste Beobachtung der uns zugegangenen Fälle war nämlich
in der Regel poliklinisch zur Sichtung der latenten von den mani¬
festen Fällen und zur Kontrolle des Einflusses der Gravidität auf die
Tuberkulose. Diese Vorbeobachtung unter Beibehalten der gewohnten
Lebensbedingungen hatte den besonderen Zweck, das Befinden un-
beeinflusst durch klinische Momente (Ruhe, Kostwechsel etc.) auf das
Gewichtsverhalten beobachten zu können. In der Klinik kann eine irre¬
führende, vorübergehende Besserung eintreten, welche beim Zurück¬
geben der Schwangeren in das altgewohnte Milieu einer neuen Ver¬
schlechterung Platz machen kann.
In der angegebenen Zeit kamen insgesamt 195 Falle von
Schwangerschaft mit Tuberkulose in Poliklinik bzw. Klinik zur Be¬
obachtung. Jetzt ändert sich das Bild unserer bisherigen Indikations¬
stellung wie folgt: , •
Nur 104 Fälle (= 53 Proz.) schälten sich aus der fast doppelt so
grossen Zahl heraus, bei welchen ein abschliessendes Urteil durch
poliklinische Beobachtung allein nicht gewonnen werden konnte. Bei
Berücksichtigung des Gesamtmaterials wurde also nur in 44 Proz. der
Fälle (85 : 195) die Indikation zum Eingreifen gesehen, während sonst
konservativ exspektativ verfahren wurde.
Ergebnis der künstlichen Unterbrechung der
Schwangerschaft:
Ueber 81 Fälle kann ich hier berichten, in welchen nach der Unter¬
brechung die Nachbeobachtung in genügender Weise angestellt werden
konnte. Auf 49 dieser Fälle hat Lohse, auf die übrigen habe ich
die Nachforschungen ausgedehnt. Die Mehrzahl der noch Lebenden
wurde in der Wohnung aufgesucht; ein kleiner Teil gab brieflich Nach¬
richt. Ueber die Todesfälle zogen wir die behördliche Auskunft heran.
Es waren offene Tuberkulosen, welche eine Progredienz in der
Schwangerschaft erkennen liessen.
Von den 81 Fällen hat sich i n 44 Fällen = 54 P r o z. die Tuber¬
kulose auch nach der künstlichen Unterbrechung weiterhin ver¬
schlechtert, in 37 Fällen blieb sie stationär (16) bzw. besserte
sich (21).
Der Nutzen der Schwangerschaftsunterbrechung hat sich deutlich
abhängig gezeigt vom Zeitpunkt der Unterbrechung.
Unterbrechung
Besserung bzw.
Stationärbleiben
Verschlechterung in Proz.
im I. Monat
0
0=0
„ II- >.
3
0=0
;; in. ;;
8
2 = 20
im IV. Monat
8
3 = 27
,, v.
7
5 = 42
„ VI. „
7
11 = 61
„ VII.
3
11 = 79
„ VIII. „
I
8 = 89
„ ix. „
0
4 = 100
Je später in der Schwangerschaft die Unterbrechung erfolgt war,
desto weniger bestand Aussicht auf Erfolg. In den ersten beiden
Monaten hatten wir (allerdings bei einer kleinen Zahl) keinen Ver¬
sager. Gegen Ende der Schwangerschaft war auch durch unseren Ein¬
griff eine weitere Verschlechterung nicht mehr aufzuhalten! Von den
44 Verschlechterten befanden sich nur 2 diesseits des 4. Schwanger¬
schaftsmonats. dagegen 95 Proz. jenseits desselben.
Dem Grad der Tuberkulose nach handelte' es sich in den
Fällen mit Verschlechterung:
Um das I. Stadium 0 mal (von 11 Fällen dieses Grades), um das II. Stadium
11 mal (von 34 Fällen dieses Grades), um das III. Stadium 17 mal (von 19 Fällen
dieses Grades), um Kombination mit Lungentuberkulose 16 mal (von 17 Fällen
dieses Grades).
In den ausgesprochen schweren Fällen blieb also die Schwanger¬
schaftsunterbrechung fast immer erfolglos. Die Schwanger¬
schaftsunterbrechung verliert demnach um so mehr
an Wert, je später in der Schwangerschaft sie vor¬
genommen wird und je weiter die Tuberkulose fort¬
geschritten ist. In solchen Fällen werden wir in Zukunft die
Unterbrechung ablehnen müssen.
T o d e sf ä 1 1 e.
Von den mit künstlicher Unterbrechung behandelten 81 Fällen sind
inzwischen 44 gestorben = 54 Proz. Mortalität. Aus dieser Sterb¬
lichkeitszahl dürfen wir aber nur mit Einschränkung Schlüsse ziehen,
denn es ist ausser Frage, dass ein nach Jahren eintretender Tod an
Tuberkulose den Erfolg oder Misserfolg der Unterbrechung nicht an¬
zusagen vermag.
Allein die im 1. Vierteljahr nach der Unterbrechung
erfolgten tödlichen Ausgänge sind zur Beurteilung dieser
Frage verwertbar.
Im 1. Vierteljahr starben 26 = 32 Proz.!, innerhalb des 1. Jahres
im ganzen 31 = 38 Proz. 59 Proz. aller Todesfälle ereigneten sich
im 1. Vierteljahr nach der Unterbrechung
Bevor wir diese höchst bedeutsamen Zahlen bewerten, müssen wir
uns darüber informieren, wie die Todesfälle sich auf die einzelnen
Schwangerschaftsmonate verteilen, in welchen die Unter¬
brechung vorgenommen war.
Bei Unterbrechung
starben von
im 1. Vierteljahr in Proz.
im I. Monat
0
0=0
. II.
• 3
o = o
,. 111. „
10
0=0
im IV. Monat
n
2 = 18
v.
12
3 = 25
»» v • »>
VI.
18
8 = 44
VII. „
14
5 = 36
im VIII. Monat
„ ix. „
9
4
5 = 56
3 = 75
Bei Unterbrechung in den ersten 3 Monaten blieben Todesfall!
1. Vierteljahr vollkommen aus. Alle Todesfälle fielen
die Unterbrechung vom 4. Monat an. Im 5. Monat stieg
Sterblichkeit bis zu 1 Viertel an, im 9. Monat bis zu 3 Viertel der
handelten. Die Unterbrechung ist demzufolge nach dem 3. Schwär
schaftsmonat nicht mehr in der Lage, in einer genügend grossen
der Fälle einen raschen tödlichen Ausgang zu verhindern. Gegen I
der Schwangerschaft häufen sich die schnellen Verschlechterungen
tödlichem Ausgang im 1. Vierteljahr noch so, dass die Unterbrecl
nicht nur vollkommen vergeblich erscheint, vielmehr sogar den
druck aufkommen lässt, dass dieselbe eher den rapiden Verfall
schleunigt.
Wenn wir das Stadium der Tuberkulose bei
sichtigen, so starben: _ 41
von aktiv bell.
mit Stadium
überhaupt
im 1. Vierteljahr in
1!
I
0
0=0
34
II
15
5 = 15
.19
III
14
11 =58
17
mit Larynxtuber-
kulose kombiniert
15
10 = 59
Letal geendet haben also im 1. Vierteljahr vorwiegend!
schweren Fälle.
Die Betrachtung der Frühsterblichkeit nach Schwangersct
Unterbrechung verlangt gebieterisch eine starke Einschränkung
Unterbrechung.
Besonders bemerkenswert ist, dass alle Fälle mit positivem!
zillenbefund mit einer einzigen Ausnahme ad exitum gekommen |
Dass die Einleitung des Abortus bzw. der Frühgeburt an sic
das Schicksal der Kranken bedeutungslos sei. kann nicht beha
werden. Die einfachen Methoden der Einleitung (Lamii
Ausräumung), die wir in der Regel angewendet haben, können I
sogar als zu eingreifend erweisen. So haben wir in einem der le
Fälle, welche seit Abschluss der Nachforschungen behandelt wu
einen akut tödlichen Ausgang erlebt, den wir eigentlich nur auf K<
des Eingriffs setzen können. Gleichzeitig haben wir wieder ei
sehen müssen, dass wir den Grad der Tuberkulose noch zu gi
beurteilt hatten, indem die Sektion eine Tuberkulose im 3. Sta
aufdeckte, während wir das 2. angenommen hatten. Auch in frül
Jahren haben sich von den bereits genannten Todesfällen 2 im Wo;
bett ereignet. Ein grösserer Blutverlust scheint besonders gefä,
zu sein.
Sehr näufig schliesst sich, selbst wenn wird die Miliartuberk
ausnehmen, an die vollendete Fehl- oder Frühgeburt Fieber und ra
Verfall an. Zweifellos werden die Tuberkulösen auch einer JV
infektion in hohem Masse zugängig, die ihre Genesung sehr in I
•-teilt.
Aus diesen Gründen wären vielleicht die radikalen Methoden
msexzision und -resektion und die TotalexStirpation des Uterus v;
oder abdominal), weil aseptischer und blutsparender, mehr zu
fehlen. Doch bleibt noch zu erwägen, wie wir uns hierbei zur
der Dauersterilisation stellen wollen.
Besondere Erwähnung verdienen weitere 10 Fälle, welche i
eine gesonderte Gruppe zusammenfasse, bei welchen die Früh gel
spontan eingetreten war. Einerseits können diese auf die
Stufe mit den künstlich Unterbrochenen gestellt werden, weil hie
dort die Schwangerschaft vorzeitig zu Ende kam. Doch schein
andererseits das Moment von Bedeutung, dass in diesen Fälle
Unterbrechung spontan und wohl nicht zuletzt infolge einer
Wirkung der Tuberkulose vor sich ging. Diese Fälle, die allerding
der 2. Schwangerschaftshälfte angehörten, sind nicht gerade güh
g e r verlaufen als die mit künstlicher Unterbrechung. I
Von den 10 Fällen, von welchen 1 im 6., 2 im 8., und 7 im 9. Ij
spontan niederkamen, verschlechterten sich 8 Fälle = 80 Proz.1
zwar 2 im 8., und 6 im 9. Monat unterbrochene. 6 Fälle w
ad exitum = 60 Proz., und zwar im 1. Vierteljahr nach der Frühgei1
(alle im 9. Monat) = 40 Proz.
Wenn wir dagegen die Resultate der konservativ!
wartenden Behandlung betrachten, so lässt sich im allgen1
sagen, das dieselben besser ausfielen als die nach künstlicher l
brechung. Das lag aber hauptsächlich an der günstigen Lage der
die vorwiegend Tuberkulosen des 1. Stadiums und latent waren,
der bin ich nicht in der Lage, über alle diese Fälle zahlenmäss
Erfolge mitzuteilen, da diese in der überwiegenden Mehrzahl nui
klinisch beobachtet waren. In mehreren Fällen war infolge de
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
225
iravidität einhergehenden Fettansatzes sogar Besserung der Tuber-
e eingetreten, die selbst durch das gefürchtete Wochenbett keine
istige Wendung erfuhr. Immerhin kann ich über 17 konservativ
idelte Fälle hier berichten, welche klinisch beobachtet und von
s e nachkontrolliert wurden. Von diesen haben sich nachträglich
noch 7 verschlechtert = 41 Proz. Scheinbar haben wir uns dem-
bei der Fndikatipnsstellung getäuscht. Wenn wir aber diese Fälle
1 ansehen, so sind z. B. 2 in Wegfall zu bringen, bei welchen wir
n des schon zu schlechten Zustandes auch von der künstlichen
brechung nichts mehr erhofften. Diese beiden sind als rin¬
net abgelehnt nach 3 bzw 4 Jahren ad exitum gekommen. In
ereil Fällen haben wir uns auf Grund der Gewichtszunahme doch
iten lassen und haben sie als zu günstig beurteilt. In dem einen
welcher mit Kehlkopftuberkulose kompliziert war. trat 4 Wochen
der Entlassung aus der Klinik der Tod ein, im anderen Falle
im 1. Vierteljahr! Es zeigen solche Erfahrungen, wie ungenügend
e Hilfsmittel zur Beurteilung des Einzelfalles sind und wie un¬
heilbar der weitere Verlauf. Es kann natürlich auch nicht be¬
et werden, dass die künstliche Unterbrechung diese Fälle gerettet
Auf diese 17 konservativ behandelten Fälle kommen demnach
lesfälle = 24 Proz., im 1. Vierteljahr 2 = 12 Proz. Die Sterblich-
iller so exspektativ behandelten Fälle war bestimmt geringer, da
mr die als schwer anzusehenden Fälle zur Beobachtung in die
aufgenommen haben.
iie Zusammenfassung unserer Erfahrungen, die wir mit der
angerschaftsunterbrechung gemacht haben, und der Folgerungen,
ir daraus ziehen, lautet:
'urch die Schwangerschaft ungünstig beeinflusste Fälle von Lun-
und Kehlkopftuberkulose, d. h. solche, bei welchen Husten, Aus-
Nachtschweisse, Temperatursteigerungen, Gewichtsabnahme auf-
, hatten nur dann von der Schwangerschaftsunterbrechung sicht-
Nutzen, wenn dieselbe in den ersten 3 Monaten vorgenommen
: und der tuberkulöse Prozess als leicht bis mittelschwer anzu-
ien war. Der progrediente Verlauf der Tuberkulose kam zum Still¬
oder es setzte deutlich Besserung ein. Je weiter die Schwanger¬
fortgeschritten war, desto irreparabler zeigten sich bereits die
m Lungenleiden gesetzten Veränderungen und desto eingreifender
; die Unterbrechung selbst bzw. die durch die Wochenbettsvor-
involvierten Schädigungen. Die Misserfolge der künstlichen
mechung sahen wir in den höheren Schwangerschaftsmonaten in
tuender Weise und hauptsächlich bei den fortgeschrittenen Fällen
Tuberkulose. Fast vollkommen aussichtslos erwiesen sich die
ehlkopftuberkulose kombinierten Fälle. Die künstliche Frühgeburt
allgemeinen als nicht mehr wirksam zu verwerfen. So kann
stens das Kind einer ohnehin verlorenen Mutter noch gerettet
n. Die Schnittentbindung an der ''Sterbenden oder Toten muss
ich lebende Kind zur Welt bringen.
ei Berücksichtigung der hohen Frühsterblichkeit wird uns die
• Unzulänglichkeit der künstlichen Unterbrechung besonders klar,
tens in den 3 ersten Monaten kann der künstliche Abortus in
:ht gezogen werden, in den folgenden Monaten ist das konserva-
/erfahren das gegebene. Ausnahmen von letzterem Grundsatz
, höchstens eben erst progredient gewordene Fälle eines giinsti-
'ube-'kulosestadiums machen.
ach den durchaus unbefriedigenden Resultaten
ngt man zu einem weitgehenden Ablehnen der
''angerschaftsunterbrechung.
ie Verantwortung, eine Schwangerschaftsunterbrechung abzu-
, scheint mir keineswegs grösser, als dieselbe für berechtigt an-
:n.
ifür wird man mehr und mehr Wert auf die interne, klimatisch¬
ste oder intern-chirurgische Behandlung der Tuberkulose legen
n, die so früh als möglich und energisch einzusetzen hat.
ie Heilstättenbehandlung, für die sich auch M e n g e,
z, \ e i t. Pankow, v. J a s c h k e, Kehrer, Frischbier,
s i u s. Röpke u. a. einsetzen, ist die wichtigste For-
ng in der Frage der Fürsorge tuberkulöser
zangerer und Wöchnerinnen.
ich das Anlegen eines künstlichen Pneumothorax muss in ge-
en Fällen versucht werden.
st wenn diese gegen das chronische HauDtleiden gerichteten
ahmen ihre Unwirksamkeit oder Undurchführbarkeit erwiesen
kommt die Schwangerschaftsunterbrechung in Frage, aber mil¬
den bereits genannten Einschränkungen. Auch nach der kiinst-
Unterbrechung wäre wieder die Heilstättenbehandlung zu ei¬
nen. Leider stehen heutzutage der Durchführung dieser Grund-
noch häufig unüberwindliche äussere Schwierigkeiten entgegen,
enn ich bei meinen Ausführungen Autoren ungenannt Hess,
| in gleichem Sinne sich bereits ausgesprochen haben, so habe ich
aummangel Rechnung getragen. Die Literatur in dieser Frage
=rdies so umfangreich, dass an eine vollständige Berücksichtigung
nmen einer derartigen1 Mitteilung nicht zu denken ist.
2 Frage der Sterilisierung bedarf noch besonderer Be-
ing. Bisher hatte die Leipziger Klinik den Grundsatz, in jedem
!r 'welchem die Unterbrechung für indiziert angesehen war, das
ktbarmachen durch Tubenresektion vom Leistenkanal aus vor-
lgen-_ Es bedeutet ja auch eine Zumutung für den Arzt, in jedem
wonötig mehrmals, bei derselben Frau den Abortus einzuleiten,
u nicht zu leugnen, dass eine Wiederholung der künstlichen Unter-
n‘g an sich nicht gleichgültig ist für die Gesundheit der Frau
und dies um so mehr für die bereits geschädigte einer tuberkulösen.
Bedenken gegen die Sterilisierung zerstreuen sich in vielen Fällen
dann, wenn bereits Nachkommen vorhanden sind.
Wenn die Sterilisierung aber, wie hier üblich, nicht bei demselben
klinischen Aufenthalt vorgenommen wurde, so erlebten wir sehr häu¬
fig, dass aus Abneigung gegen einen zweiten Eingriff die Frauen am
ausgemachten Termin nicht erschienen. Nur 10 Frauen haben der
nachträglichen Sterilisierung sich unterzogen. So kam es, dass bei
nahezu einem Dritte! der Fälle Schwangerschaften nachfolgten, z. T.
wieder mit künstlicher Unterbrechung. So musste z. B. in einem
Falle 3 mal die Unterbrechung gemacht werden, und wir erzielten
schliesslich trotz gleichzeitiger, allerdings beschränkter Larynxtuber-
kulose nach Sterilisierung doch noch Besserung der Tuberkulose.
Besonders bemerkenswert sind aber die Fälle,
in welchen späterhip, also nach dem Abortus arte-
ficialis Schwangerschaften vollkommen ausgetra¬
gen und sogar 1—3 rechtzeitige Geburten durchgemacht wurden,
ohne dass die Tuberkulose in späteren Jahren noch
einmal auf gef lammt wäre. Fälle, in welchen ein vollkom¬
menes Ausheilen der Tuberkulose nicht verhindert war. Solche Er¬
fahrungen legen uns doch nahe, die Sterilisierung nicht so grundsätzlich
in jedem' Falle erzwingen zu wollen. Wäre der ärztliche Rat stets be¬
folgt worden, so wäre einem Teil der Frauen Nachkommenschaft ver¬
sagt geblieben. Wenn dies auch immer vereinzelte Vorkommnisse sein
werden, so sind sie doch von grosser Bedeutung. Leider dürfte es aber
erheblichen Schwierigkeiten begegnen, Fälle von vornherein als derart
günstige herauszufinden.
Man könnte einwenden, dass wohl bereits die Unterbrechung über¬
flüssig gewesen sei. Nach der klinischen Beobachtung hatten wir aber
den Eindruck, dass nur die sofortige Beendigung der Schwangerschaft
eine Wendung in der absteigenden Bahn der Tuberkulose gebracht und
dass sie die Ausheilung ermöglicht hatte.
Die Indikationen zur Sterilisierung werden von den verschiedenen
Autoren verschieden formuliert. Winter zieht mit Recht die Grenzen
sehr eng. Eine grosse Zurückhaltung scheint auch mir geboten, zumal
in Form der Dauersterilisierung. Wir dürfen, meiner Ansicht nach,
wenn wir die Unfruchtbarkeit im Interesse der Erhaltung des Lebens
der Mutter erwirken wollen, in den meisten Fällen nur auf die tem¬
poräre Sterilisierung hinauskommen. Darauf kann die Me¬
thode der Operation eingestellt werden. Derartige- Verfahren sind an¬
gegeben von B e u 1 1 n e r (Septumbildung in der Tube), S e 1 1 h e i m
(intraligamentäre Versenkung der Tube), Menge. Stoeckel (extra¬
peritoneale Einbettung der Tube zwischen den Bauchdecken), Blum-
berg, van de Velde (Versenkung der Ovarien in Peritonealtaschen),
Gutbrod (extraperitoneale Verlagerung der Ovarien).
Wesentlich erscheint mir, dass das abdominale Tubenostium in
eine von Peritoneum ausgekleidete Kammer versenkt wird, um starke
Verwachsungen mit Verschluss des Fimbrienendes zu verhüten, was bei
Verstecken subperitoneal in das Beckenbindegewebe oder im Leisten¬
ring extraperitoneal nicht so leicht vermeidbar sein dürfte. Es muss
allerdings der Zugang zu dem Ostium und die Kammer allseitig gut ver¬
schlossen und ein Zurückschlüpfen der Tube verhindert sein. Ich glaube
es erreichen zu können dadurch, dass ich das abdominale Tubenende
vom vorderen Blatt des Ligamentum latum aus durch eine Durch¬
bohrung desselben unterhalb des Ligamentum rotundum nach vorne
hindurchziehe und zwischen Blase und Ligamentum rotundum in einer
Bucht des Peritoneums, welche allseitig gut abgeschlossen wird, fixiere.
Dann bleibt das Ovarium retroligamentär, die Tubenöffnung eingekapselt
anteligamentär unter gleichzeitiger Abknickung des Tubenrohrs. Diese
Methode habe ich in Lokalanästhesie per laparotomiam ausführen
können.
Als Methoden der Dauersterilisierung kommen in ge¬
gebenen Fällen neben der Resektion und Unterbindung der Tuben,
sei es vom Alexander-Adams-Schnitt aus, sei es per kolpotomiam, noch
folgende in Frage. Die Uterusexstirpation unter Erhalten der inner¬
sekretorisch wertvollen Ovarien wird von Stoeckel bei schwerer
Lungentuberkulose zur Ausschaltung der die Erholung und Heilung be¬
hindernden Menstruation für gerechtfertigt angesehen. Aber auch die
mit der Uterusexstirpation verbundene Kastration ist empfohlen worden
von B u m m, Fehling u. a. in der Erwartung, dass der alsdann ver¬
änderte Stoffwechsel mit Vermehrung des Fettansatzes die Heilung der
'Tuberkulose begünstige.
Die Röntgensterilisation (Gauss), vorübergehend oder dauernd,
verdient in Einzelfällen, zumal wo operative Massnahmen zu eingreifend
erscheinen, ebenfalls Berücksichtigung.
Die Indikation zur Sterilisierung überhaupt wird sich
aus folgenden Erwägungen ergeben müssen.
Vor vollkommener Ausheilung der Lungentuberkulose muss Gra¬
vidität verhütet werden. Die Ausheilung ist in erster Linie durch die
gegen die Tuberkulose gerichtete interne oder chirurgische Therapie
apzustreben. Die Sterilisation soll nur dann angewendet werden, wenn
die 1 uberkulosebehandlung nicht durchgeführt werden kann ohne sichere
Ausschaltung einer dazwischentretenden Schwangerschaft. Berechti¬
gung hat die Sterilisierung nur in Fällen, in welchen auch ein Erfolg
zu erwarten ist, also in Fällen mit Aussicht auf Heilung. In desolaten
kommt sie doch zu spät und wirkt höchstens als neuer Eingriff gefährlich.
Ob dauernd oder zeitlich sterilisiert werden soll, ist eine zweite
Frage. Gegen Dauersterilisierung kann bei Mehrgebärenden mit
lebendem Nachwuchs nichts eingewendet werden. Temporäre Sterili¬
sierung ist am Platze vor allem bei heilbaren Tuberkulösen nach einer
226
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Unterbrechung mit Rücksicht aut spätere Nachkommenschaft. Durch
die Möglichkeit der Wiederherstellung der Fruchtbarkeit wird das Ab¬
schreckende dieser Operation beseitigt. Dass Misserfolge der zeitlichen
Steriliserung Vorkommen können, darf de Anwendung nicht verbieten.
Literatur siehe Lohse, Dissertation, Leipzig 1921.
Aus dem Knappschaftskrankenhause IV, Langendreer.
Bemerkungen zur Uterusausräumung in der Allgemein¬
praxis.
Von Dr. M. Friedemann, Chefarzt des Krankenhauses.
An zwei unlängst von mir beobachtete Fälle von Perforation des
Uterus durch ärztlichen Eingriff möchte ich einige Bemerkungen knüpfen.
Nr. 1. Frau L„ 24 Jahre, fühlt sich seit ca. 3 Monaten gravide, seit
14 Tagen blutet sie, wehenartige Schmerzen treten auf, am 2. Februar iviv
holt sie einen Arzt. Der macht in der Wohnung der Kranken eine Aus¬
räumung. Er führt ohne Narkose Hegar sehe Dilatatoren ein, die angeblich
nicht besonders schwer durchgingen, die Frau hat aber starke Schmerzen
dabei, so dass nachher Narkose gegeben wird, mit Abortzange wird ein Stuck
Gewebe vorgezogen, das als Darm erkannt wird. Sofort Ueberfuhrung in das
Ta ri kenhaus
Status: Leidlich wohlaussebend, jedenfalls nicht auffallend blass. Puls
klein. Leib weich, nicht druckempfindlich. Scheide tamponiert. Nach Ent¬
fernung des Tampons zeigt sich in der Scheide ein Stück Dickdarm von
ca 40 cm Länge, das von seinem Mesenterium abgetrennt ist.
Sofort Operation (Dr. Friedemann). Laparotomie. Massige
Mengen Blut im kleinen Becken. Uterus etwa dem 2. Monate der Gravidität
entsprechend. Am Fundus, nicht weit von der rechten Tubenecke, eine frische
Verletzung, rundes Loch, kaum für den kleinen Finger durchgängig. Fest darin
eingeklemmt eine Dickdarmschlinge. Schlinge wird in Ausdehnung von 43 cm
reseziert. Lumina End-zu-End vereinigt. Loch iip Uterus nach Entfernung der
eingeklemmten Schlinge vernäht. Es handelte sich um die Flexura sigmoidea.
Ungestörter Heilverlauf. Nach 13 Tagen geheilt entlassen.
Natürlich gerichtliches Nachspiel. Ausserdem war der Hebamme zu
Ohren gekommen, man habe sie verdächtigt, bei einer vorangegangenen
Untersuchung die Verletzung herbeigeführt zu haben. Wie unangenehm diese
Dinge für den Arzt werden können, zeigt u. a. ein Brief der Hebamme an
mich. Bei dem mir bekannten Charakter der Hebamme bin ich überzeugt,
dass sie die Geschichte im Sinne des Inhalts dieses Briefes von Haus zu Haus
getragen hat. Jedenfalls drückte sie sich bei der Vernehmung vor Gericht
ähnlich, wenn auch etwas vorsichtiger aus. Die Glaubwürdigkeit der
Hebamme lasse ich unerörtert. Der Brief lautet in dem entsprechenden
Teil' „Er erweiterte mit 6 Kolben der Grösse nach den Mutter¬
mund. untersuchte nochmals und führte durch den Muttermund die Sonde
20 cm weit ein. Die Frau schrie unter den entsetzlichsten Schmerzen: v mein
Leib, mein Leib, ich halte es nicht mehr aus, lassen Sie mich in Ruhe.1 Als
mir der Arzt die Sonde zeigte, da sagte ich: so gross kann aber die Gebär¬
mutter noch nicht sein. Die Frau schrie in einem fort: .mein Leib, mein Leib,
gebt mir Narkose.1 Ich musste sie narkotisieren und Herr Doktor ging mit
einem grossen Löffel ein und holte mit einem Ruck die Därme hervor, bis voi
die Schamspalte. Ich schrie vor Erstaunen und sagte: ,Herr Doktor, was
machen Sie denn da!1 Hätte ich das nicht gesagt, hätte er die Därme noch
mehr verletzt und sie total zerrissen. Ich bin Zeuge, wie derselbe gearbeitet
hat. Solch eine Ausräumung habe ich in 10 Jahren noch nicht erlebt.“
Nr. 2. Frau B., 30 Jahre, kein Partus, 5 Fehlgeburten, seit Jahren häufig
Endometritis. Jetzt wieder Blutungen und Ruckenschmerzen. Am 18. X. 1921
Leibschmerzen und Fieber. Am 19. X. vormittags zwischen 11 und 12 Uhr
Kürettage durch praktischen Arzt in Narkose. Wegen Nachblutung Tamponade.
Als die Hebamme nachmittags gegen 4 Uhr den Tampon entfernt, hatte die
Kranke starke Schmerzen. Die Hebamme merkte, dass mit dem Tampon
ein Stück „Bauchfell“ vorgezogen wurde, rief den behandelnden Arzt, der
sofortige Ueberführung in das Krankenhaus anordnete. Soweit die Anamnese,
wie sie uns die Kranke angab. Der Kollege berichtete mir dann noch auf
meine Anfragen, dass er die Auskratzung in tiefer Narkose nach Dehnung
der Zervix bis Hegar Nr. 5 vorgenommen habe. Sodann habe er die Gebär¬
mutter mit einem Jodoformgazestreifen von 3 m(!) Länge und 8 cm Breite aus¬
gestopft. Da bei der gynäkologischen Untersuchung sich „ein sehr weicher,
morscher Uterus“ vorfand, sei er bei der Auskratzung, die in der Hauptsache
mit stumpfer Kürette gemacht wurde, sehr vorsichtig zu Werke ge-
gangen.
Status: Grazil, matt, blass. Puls leidlich kräftig, 80, Temperatur 38,3.
Abdomen eingezogen, Bauchdecken hart gespannt, überall druckempfindlich.
Aus der Scheide ragt ein durchbluteter Gazestreifen heraus.
Operation (Dr. Linde Ae.): Laparotomie. Mässig viel Blut.
Uterus von normaler Grösse und Konsistenz, vielleicht etwas weich. Im
Fundus ein etwa für 2 Finger durchgängiges Loch. Ein Netzzipfel bis hart
ans Kolon transv. hereingezogen. Ein Jodoformgazestreifen in der Bauch¬
höhle, der von der Perforationsöffnung an 1 m lang ist. Netzresektion. Naht
der Uterusperforation. Teilweise Drainage. Heilverlauf ungestört.
9. X. Beschwerdefrei entlassen. An der Drainagestelle noch Granu¬
lationsknopf.
Das die Krankengeschichten. Aehnliche sind nicht selten mitgeteilt
worden Man pflegt dann an derartige Veröffentlichungen Bemerkungen
über die Gefährlichkeit der Kürette anzuknüpfen. Es wird
der Rat erteilt, Aborte nur mit dem Finger auszuräumen, höchstens
mit der Abortzange und wenn man schon die Kürette gebraucht, dann
solle es nur eine stumpfe sein.
Im bewussten Gegensatz zu vielen anderen will ich meinen oben
angeführten Krankengeschichten nicht die Warnung an die in der
allgemeinen Praxis tätigen Kollegen vor der scharfen Kürette folgen
lassen. IchhaltediescharfeKürettefürun entbehrlich
für den praktischen Arzt und glaube, dass sie in der Hand
eines einigermassen vorsichtig arbeitenden nahezu ungefährlich ist,
jedenfalls nicht gefährlicher als manche andere Instrumente, die
intrauterinen Eingriffen» gebraucht werdet!. Ich habe Grund anzunehnu
dass die Uteruswand so gut wie nie von der scharfen Schneidet
Kürette durchschnitten, sondern, dass sie von der K u p p e dt
selben durchstossen wird und die ist bei scharfer und stumpi
Kürette gleich. Die stumpfe Kürette ist bei gewissen Fällen, ganz fi
sitzender Pazentastiicke oder zur Abrasio mucosae bei ' Endometr:
nicht zu gebrauchen.
Viel wichtiger ist, dass eine möglichst g r o s s e Kürette genomm
wird Das führt mich gleich zu dem wichtigen Punkte der Zervi
erweiterung. Wird diese nicht in genügender Weise vorgenomm»
muss man 1. eine kleine Kürette nehmen, die leichter durchstösst, 2.
man in den Bewegungen behindert und arbeitet unsicher.
Auf die für den praktischen Arzt beste Art der Erweiterung t
Gebärmutterhalses vor Abortausräumung will ich nicht des längeren e
gehen will nur sagen, dass nach meiner Meinung der Natur weit mi
überlassen werden könnte; ‘man ist im allgemeinen viel zu schnell i
der Ausräumung bei der Hand, begreiflich durch den Hochbetr
mancher grossen Kassenpraxis. Soll man riskieren, wenn man ■
Sache nicht gleich beendet, nach einigen Stunden wegen starke
Blutung wieder gerufen zu werden? Und doch ist es durch;
wünschenswert, einen Abort erst nach hinreichender Eröffnung a
zuräumen. — Will oder muss man diese aus irgendeinem zwingen:
Grunde beschleunigen, so halte ich die Tamponade der Zervix :
Jodoformgaze für eines der besten Mittel. Alle 24 Stunden erneue
Bei stärkerer Blutung dazu Watte-Gaze-Kugelm 4— 6 so fest in
Scheidengewölbe, bis die Aa. uterinae komprimiert sind. (En
Quellstift habe ich niemals anzuwenden das Bedürfnis gehabt.) Di
allmähliche, abwartende Erzielung der Eröffnung ist natürlich schonen
und ungefährlicher als die gewaltsame, etwa mit Fritsch- oder rlcg
stiften, nur ist sie eben in grosser Kassen- oder weitläufiger La
Praxis schwer durchzuführen. — Bei meinem ersten Fall ist die Fi
foration augenscheinlich durch einen Hegardilatator (wenn nicht du
die Sonde) herbeigeführt. Bei dem zweiten vielleicht durch den Stop
vielleicht w ar aber eine kleine Verletzung schon durch die Kürette
schehen und wurde durch das Ausstopfen mit den grossen Meid
Jodoformgaze erweitert. Die Ueberwindung des inneren Muttennun
bei Anwendung der Hegarstifte etc. muss natürlich mit allei Vors
geschehen Man halte doch die Kuppe des Zeigefingers der eimum
den Hand auf einen Punkt des Stiftes, der nur um Zervixlange
seinem Kopf entfernt ist. dann kann nichts passieren.
Also, gründliche Eröffnung und grosse Kiiiette ist das eiste,
ich empfehlen möchte, ganz abgesehen von den Hauptbedingungen
alles chirurgische Arbeiten: leichte Hand, Vorsicht, Aufmerksam!
Gewissenhaftigkeit. T , ,
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Anästhesie. . Lumbal- <
Sakralanästhesie kommt für den prakt. Arzt wohl kaum in Fiage. i
Narkose. Wer keinen Gehilfen hat, der die Technik etwa eines Aet
chloridrausches s o beherrscht, dass er stets vor dem Exzitatii
Stadium bleibt, der muss schon tief (am besten wohl mit Aet
narkotisieren lassen; denn die ungenügende Narkose stellt i
meiner Meinung eine der grössten Gefahrenquellen
die Perforation des Uterus bei der Ausräumung dar. Ein
vorhergesehener Ruck der Kranken, eine schnelle Bewegung, ein pl
liches starkes Pressen nach unten und das Unglück ist gesehen
Ausserdem wird der Arzt unruhig und nervös, und arbeitet hastig
unsicher. Was von den halb Narkotisierten gesagt ist, gilt z. T.. <
für die Patienten ohne jede Betäubung. Ich will damit nicht sa
dass gelegentlich nicht eine Abortausräumung (oder Kürettage
anderen Gründen) ohne Narkose vorgenommen werden könnte,
kommt auf die Empfindlichkeit der Kranken an. In der Praxis '
den noch viele Kürettagen an der unbetäubten Patientin gemi
Will sie den für manche nicht sehr erheblichen Schmerz aushalten
liegt sie völlig ruhig, gut. Wird sie aber ängstlich, bewegt sich zi
dann kommen wieder dieselben Gefahren wie die der mangelhaft
kotisierten, ganz abgesehen davon, dass der Arzt möglichst nie
Schmerzen bereiten soll. Oft fehlt es an einer geeigneten Assis
und am Gehilfen zur Narkose. Dass stets ein zweiter Arzt hi.
gezogen wird, wie es manche, die nie in allgemeiner Piaxis ]
waren, fordern, ist undurchführbar.
Die Abortzange, je grösser die Löffel, desto besser, ist
ein von uns bevorzugtes Instrument. In vielen Fällen sollte sie
der Kürette angewandt werden, sie macht sicher weniger leicht
Verletzung, ganz ersetzen kann sie die Kürette nicht bei der A
ausräumung. Dass aber nicht nur bei einer' solchen, sondern aucl
Auskratzungen wegen Endometritis, wo man doch auf Kürette
gewiesen ist, eine Perforation der Unteruswand Vorkommen kann,
mein zweiter Fall.
Wie bei der Abortbehandlung die aktive Richtung, sicher
immer zum Vorteil der Kranken, in der Praxis mehr Anhänger na
die konservative, so auch bei der Therapie der Endometntis.
glaube, es wird viel zu viel ausgekratzt.
Am meisten pflegt von Gynäkologen die Ausräumung mit
Finger empfohlen zu werden. Für Klinik und Krankenhaus ist :
nichts dagegen einzuwenden. Wenngleich auch da oft genug nacli
gerem vergeblichen Bemühen Zange und Kürette schliesslich not
Hilfe genommen werden müssen. Eine Empfehlung der d
talen Ausräumung für die allgemeine Praxis h
i c h f ii r f a 1 s c h. Ich will gar nicht zu bedenken geben, dass
schon angedeutet, das Herausbefördern der Abortreste mit dem r
; 'ebruax 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
227
| schwierig sein kann, längere und tiefere Narkose bis zur völligen
bannung der Bauchdecken erfordert, und dass die (wenn auch nur
ipfen) Manipulationen nicht selten eine ziemlich erhebliche Gewalt-
j irkung auf die Uteruswand im Sinne der Quetschung darstellen,
■ines will ich in den Vordergrund stellen: das ist die I n f e k t i o n s -
i h r.
ch halte sie für viel drohender beim Arbeiten mit dem Finger,
ie Perforationsgefahr beim Arbeiten mit der scharfen Kürette,
n 25 jähriger Arbeit 1. als Assistent auf gynäkologischer Station
grösseren Krankenhauses und in der Universitätsklinik, 2. in
er allgemeiner Stadt- und Landpraxis. 3. als Leiter eines Kranken-
-s habe ich nur diese beiden mitgeteilten Fälle von Perforation
Jterus durch Arzt bei Abort, resp. Endometritisbehandlung gesehen,
ehr geringer Prozentsatz, wenn man bedenkt, wieviel ausgeräumt
usgekratzt wird. Diese beiden Fälle sind gut ausgegangen. Natiir-
inag manche Perforation unbemerkt bleiben (und manche bemerkte
veröffentlicht werden). Aber ungezählt sind die Fälle von In-
m nach intrauterinen Eingriffen mit Finger und Hand, die ich
te und die gingen oft nicht gut aus.
Man muss heute daran festhalten, dass die Hand des praktischen
cs, der alle Augenblicke mit septischen Keimen in Berührung
it, durch keins der uns bekannten Desinfektionsverfahren ganz
jerkeimfreizu machen ist. Also: entweder er muss bei jedem
uterinen, digitalen Eingriff einwandfrei sterilisierte Qummihand-
ie anziehen, was übrigens die Ausräumung etwas erschweren kann,
1 er muss bei jeder unsauberen Manipulation, nicht nur beim Auf-
: iden von Panaritien und Phlegmonen, bei Rektum-, Scheiden und
höhlenuntersuchungen, sondern auch bei jedem unsauberen Ver-
.vechsel etc. Handschuhe, die dann allerdings nicht steril im
jen Sinne zu sein brauchen, überziehen. Beides lässt sich in der
s nicht leicht durchführen. Wird das letztere Verfahren gewählt
wirklich mit peinlicher Genauigkeit in jedem Falle angewandt, nur
könnte eine Ausräumung des Uterus mit nacktem Finger ohne
donsgefahr gemacht werden. W i e man sich dann vorher die
2 desinfiziert, ist dann ziemlich gleichgültig. Das beste für die
s .st vielleicht die 5 Minuten lange Waschung mit Alkohol, im
Ile Brennspiritus.
Ge vernichtend die in den Uterus eingeführte Hand wirken kann,
die eben besprochenen Vorsichtsmassregeln nicht angewandt
n, dafür mögen einige Krankheitsgeschichten als Beispiel dienen,
ieten auch in bezug auf die Sepsistherapie Interessantes.
!r. 3. Frau J. Sehr.. 20 Jahre. 30. III. 1920 nachts 1 Uhr normal
iende Geburt. 3/4 Uhr morgens manuelle Entfernung der Plazenta
Arzt, der von der Hebamme wegen Blutung herbeigerufen w;yr.
1. III. 12 Uhr mittags Schüttelfrost, Temperatur 40°.
j. IV. Husten mit ..blutig-schmutzigem“ Auswurf.
I- IV. Morg. 10 Uhr Schüttelfrost, Temperatur 41°. Aufnahme in das
enhaus.
tatus: Gesicht blass, Sensorium klar. Zunge trocken. Puls 160, nicht
Atmung beschleunigt. Temperatur zunächst 39,4, nach einem alsbald
[lenden Schüttelfrost 41,4. Ueber den Lungen in den unteren Partien
; geräusche. Herztöne rein. Abdomen stark aufgetrieben, aber nicht
[gespannt, nicht besonders druckempfindlich. Milz nicht zu fühlen,
riechender Ausfluss aus der Scheide.
lakteriologische Blutuntersuchung zunächst negativ. Später an 2 Tagen
einander Staphylokokken . und hämolytische Streptokokken,
weimal Bluttransfusion von der Schwester der Kranken, einmal intra-
: Dauertropfinfusion von 1 Liter Natr. carb.-Lösung. Camphor. Digi-
rn. Alles umsonst. Täglich Schüttelfröste. Temperatur pendelt zwi-
38 und 41.
m 10. IV. Exitus.
r. 4. Frau M.. 36 Jahre. 14. VII. 1920 morgens 9 Uhr Zwillings-
• Nach der Geburt des 2. Kindes setzte erhebliche Blutung ein. Der
ezogene Arzt versuchte gegen 9/4 Uhr Crede, ohne Erfolg, daher
Ile Ausräumung der Plazenta.
m 17. VII. hohe Temperatur, -die auch am nächsten Tage anhielt.
>■ VII. abends 8 Uhr Aufnahme in das Krankenhaus,
tatus: Elender Kräfte- und Ernährungszustand, Schleimhäute wenig
ilutet. Zunge feucht, stark belegt. Puls 136, mittelkräftig. Herztöne
Temperatur 38". Pulmones o. B. Abdomen etwas gespannt. Geringe
Empfindlichkeit in der linken Unterbauchgegend. Aus der Scheide übel-
ider Ausfluss. Bakteriologische Blutuntersuchung negativ,
ynäkologische Untersuchung wird erst einige Tage später vorge-
-■n. In den ersten Tagen sollte absolute Ruhe gewahrt werden. Der
stellt handbreit über der Symphyse, ist etwas druckempfindlich,
etrien frei. Uterusspülung mit 50 proz. Alkohol, wobei Eiterfetzen
it werden.
erlauf und Therapie: In den nächsten Wochen wurde das Befinden
'*er‘ Benommenheit, kleiner Puls, der zweimal eine Frequenz bis 180
'te, häufig um 140 war, Schüttelfröste, elendes Aussehen, intermittieren¬
der, das einmal die Höhe von 41,8 (!) erreicht. Behandlung war
iend, kleine Gaben Chinin. Bei den septischen Durchfällen, die längere
ndurch bestanden, bis 20 Entleerungen pro Tag. Bismut und Bol. alb.
ise. Digitalis. Sonst nichts. Bakteriologische Blutuntersuchungen wür¬
dig vorgenommen, nur einmal fanden sich anaerob wachsend auf allen
i Kokken vom Aussehen der Staphylokokken. Die Kontrollplatte blieb
4 Wochen schwebte die Kranke zwischen Leben, und Tod, dann
1 sich eine linkseitige purulente Parametritis. Nach Inzision allmählich
ung.
m 11. IX., also nach fast zweimonatigem Krankenlager, konnte sie
1 seheilt entlassen werden.
'Anschluss an diese letzte Krankengeschichte möchte ich, etwas
Hiema abschweifend, hervorbeben, wie hier eine schwere puer-
-epsis mit Benommenheit, Durchfällen, Puls bis zu 180 und
dis fast 42°, Keimen im Blut etc. ohne jede eingreifende Thera¬
pie zur Heilung kam. In einem im vorigen Jahre in der Bochumer
medizinischen Gesellschaft gehaltenen' Vortrage über Quellen septischer
Allgemeininfektion habe ich die Temperaturkurve dieser Kranken ge¬
zeigt und gesagt, was ich hier nochmal wiederholen möchte: „Man denke
sich einen Kollargolanhänger, der die Pat. mit diesem oder sonst einem
Silberpräparat behandelt hätte, wie würde er diese Kurve und die Mit¬
teilung des günstigen Ausgangs zur Anpreisung des Heilmittels benutzt
haben.“ Ich habe nach sehr reichen Erfahrungen auf diesem Gebiete
keinen Grund mehr, Kollargol. Dispargen, Argochrom und wie sie alle
heissen, anzuwenden.
Die als Beispiel angeführten beiden Krankengeschichten sind lei¬
der durchaus nicht die einzigen. Ich habe eine ganze Anzahl von Fällen
mit mehr oder weniger schweren Infektionen im Anschluss an ähnliche
intrauterine Eingriffe ins Krankenhaus bekommen. Wie aber würden
sich dieselben noch vermehren, wenn nicht nur die verhältnismässig
nicht häufigen Plazentalösungen nach Geburt und Frühgeburt,
sondern auch jede Ausräumung bei Fehlgeburt mit den Fingern
vorgenomnien würde!
Ich möchte meine Ausführungen so zusammenfassen:
1. Die scharfe Kürette ist ein in der Praxis unentbehrliches und sehr
brauchbares Instrument nicht nur zur Abrasio mucosae bei Endo¬
metritis, sondern auch zur Ausräumung von Abortresten. Hier sollte
sie aber öfter durch die Abortzange ersetzt werden.
2. Vorsicht beim Hantieren mit der scharfen Kürette, sowie mit
Metalldilatatoren, Sonden und Stopfern, ist geboten, da Verletzungen
der Uteruswand sonst Vorkommen können. Ruhige Lage der Kranken
muss gewährleistet sein (gegebenenfalls tiefe Narkose).
3. Ist eine Perforation erfolgt, muss die Kranke so schnell wie mög¬
lich fachärztlicher Behandlung zugeführt werden. Bei möglichst früh¬
zeitiger Operation ist die Prognose durchaus günstig.
4. Digitale Ausräumung des Aborts empfiehlt sich in der Allgemein¬
praxis nicht, da die Gefahr der Infektion durch den Finger des Arztes
weit grösser ist als die Gefahr der Perforation beim Arbeiten mit
Zange und Kürette.
5. Muss nach Entbindung (Geburt oder Frühg'eburt) die adhärente
Plazenta manuell gelöst werden, soll das möglichst nur mit sterilen
Gummihandschuhen geschehen, falls nicht der Arzt seine Hände vor
der Berührung mit Eiterkeimen dadurch zu schützen gewohnt ist dass
er bei unreinen Fällen Handschuhe anzieht.
6. Die Indikationen zu Auskratzungen, resp. Ausräumungen bei ver¬
stärkten Blutungen, bei Abort und adhärenter Plazenta post partum
sollen vorsichtig gestellt werden.
Ueber den Wert der genealogischen Forschung für die
Einteilung der Psychosen — speziell der Paranoia —
und über die Regel vom gesunden Drittel.
Von Prof. C. v. Econ omo- Wien.
Vor bald zwei Jahrzehnten hat Wagner von Ja u rege [1]
gesagt, dass das Studium der Hereditätstatsachen ein dankbarer Weg
wäre, um zu einer natürlichen Gruppierung der Psychosen zu gelangen.
Am brauchbarsten zu diesem Zweck schien mir [2] schon damals die
genealogische Methode zu sein, bei der wir die erwachsene Nach¬
kommenschaft eines vor Dezennien an einer bestimmten Psychose
Erkrankten nach psychischen Abnormitäten durchsuchen: denn diese
Methode entspricht beinahe einem Züchtungsexperiment und enthebt uns
der misslichen Aufgabe, durch schwierige Korrekturen und Wahrschein¬
lichkeitsrechnungen die erhaltenen Resultate wie bei der Weinberg-
schen Geschwistermethode erst ausbessern zu müssen. In letzter Zeit
haben sich auch andere Psychiater (M e g g e n d o r f e r [3l und Hoff-
mann NI) mit viel Erfolg dieser naheliegenden Methode bedient. Das
wichtigste und vielleicht schwerste Erfordernis, um brauchbare und
reine Resultate zu bekommen, ist es vorderhand, nur ganz typische,
diagnostisch unzweifelhafte Fälle zur Untersuchung heranzuziehen; ein
weiteres Erfordernis aber, bei den Nachkommen derselben nicht nur
die ausgesprochenen Geisteskrankheiten, sondern auch die psychischen
Defekte zu berücksichtigen. Vor mehr als acht Jahren bin ich zum
ersten Mal darangegangen, auf diese damals neue Art die vielum¬
strittene Frage der Zugehörigkeit der Paranoia zu lösen (1. c.).
Früher verstand man unter Paranoia jede chronische, langsam
progrediente, zur Bildung eines scheinbar logischen Wahnsystemes
führende und nicht in Verblödung endende Geistesstörung; zu ihr wurde
auch der Eifersuchts- und Querulantenwahn u. a. m. gezählt. Diese
alte Fassung des Paranoiabegriffes ist heute von einem Grossteil der
Psychiater auf Anregung Kraepelins verlassen worden. Jene Mehr¬
heit von Fällen der obengenannten paranoiden Erkrankungen, welche
immer . weitere Vorstellungskreise des Kranken in ihr Wahnsystem
einbeziehen und schliesslich zu Grössenwahn führen, meist auch mit
akustischen Halluzinationen einhergehen, werden als eigene Gruppe
davon ausgeschieden und mit dem Namen Paraphrenie belegt;
bloss die restlichen seltenen Fälle, bei denen zeitlebens die paranoide
Wahnbildung auf einen bestimmten Vorstellungskreis ziemlich be¬
schränkt bleibt, bei sonst vollkommener Erhaltung der Klarheit des
Denkens (Halluzinationen treten hier ganz in den Hintergrund), werden
als echte Paranoia bezeichnet und als ihr Prototyp der Querulanten-
wahn angeführt. So fasst auch heute noch Bleuler den Paranoia-
Begriff. In den letzten Jahren hat aber Kraepelin als neue ein-
228
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
schränkende vForderung für die Paranoiadiagnose die Entwicklung des
Wahnsystems aus rein inneren Ursachen aufgestellt; folgerichtig hat
er von der derart enger gefassten Paranoia den an eine äussere Ur¬
sache (Erlebnis der vermeintlichen rechtlichen Benachteiligung) an¬
knüpfenden Querulantemvahn abgetrennt und ihn als eine psychogene
Neurose nach Art der traumatischen Neurose — eigentlich also als
eine Psychoneurose — aufgefasst. Im gleichen Sinne weitergehend
könnte man auch den Eifersuchtswahn von der Paranoia trennen; doch
erübrigt sich hierorts diese Ueberlegung, sowie die Besprechung der
noch engeren Fassung der Paranoia durch Gau pp und des stabilen
paranoiden Charakters. , ,
Ich habe nun damals die Familien von Paranoikern untersucht,
im Ausmass wie damals auch K r a e p e 1 i n und heute noch B 1 e u 1 e r
diese Krankheit umschreibt, und speziell die Familien der typischen
Querulanten. Bezüglich der Paraphrenien war es damals eine schon
in den Lehrbüchern erwähnte Tatsache (Stransky 151), dass ihre
Nachkommen häufig an Dementia präecox leiden. Nun waren die Re¬
sultate bezüglich der echten Paranoia, speziell der Paranoia querulans,
unerwartet ähnliche und zwar ergaben sich mir folgende Tatsachen:
1. Was die Eltern der Querulanten anbelangt, scheint
das Vorkommen von Geisteskrankheiten bei ihnen eine grosse Selten¬
heit zu sein, dagegen finden sich vereinzelt bei den Eltern Charakter¬
anomalien, die sie zu Sonderlingen stempeln und die in den Psychosen
der Nachkommen wiedergefunden werden können.
2. Was die Geschwister der Querulanten anlangt,
so sind: , . , , , .. _ ,
a) ausgesprochene Geisteskrankheiten bei ihnen recht häutig und
zwar sowohl aus der Gruppe der chronischen paranoiden Eikrankun-
gen, als Paraphrenie, echte Paranoia und Querulantenwahn, als auch
Erkrankungen aus der Gruppe der Dementia praecox (Schizophrenie),
besonders Katatonie — desgleichen auch bei den Geschwisterkindern.
b) Psychopathische Abnormitäten, paranoide Charaktere, Schrullen¬
haftigkeit etc. kommen auch in der Geschwistergeneration häufig vor
(sogenannte schizoide Persönlichkeiten).
3. Was die direkte Nachkommenschaft der Qu eru-
la nten und Paranoiker anbelangt, so ist vor allem auffällig:
a) kaum ein Drittel der Kinder kann als geistig gesund be¬
zeichnet werden; ^
b) ein grosser Teil (ein Viertel bis ein Drittel) leidet an aus-
gesprochenen Geisteskrankheiten und zwar an Dementia praecox
(Schizophrenien); . , ,
c) der Rest ist sämtlich psychopathisch (schizoid) veranlagt und
zwar ist bei 22 Kindern das Verhältnis von gesund geisteski ank . schi-
zoid = 7:6:9 = 32 Proz. : 27 Proz. : 41 Proz.
4. Folgende allgemeine Schlüsse ergaben sich aus
diesen Erfahrungen:
a) Das Vorkommen von Dementia praecox neben Paraphrenien,
echter Paranoia, Querulantenwahn und paranoiden Charakteren in
den Geschwisterreihen und in der Nachkommenschaft der Querulanten
zeigt, dass wir es hier aller Wahrscheinlichkeit nach bloss mit ver¬
schiedenen Unterformen ein und desselben grossen
Vererbungskreises der Schizophrenien zu tun haben.
b) Es soll hiermit aber nicht gesagt sein, dass diese ver¬
schiedenen Formen weder gleichwertig noch gar
identisch sind. Das Fehlen von Geisteskrankheiten bei den Vor¬
fahren, das Vorwiegen von Erkrankungen der Paranoiagruppe bei den
Geschwistern und die Häufigkeit der Dementia praecox bei den Nach¬
kommen weist vielmehr auf einen Entwicklungsgang der
Form der Psychose in der Erbfolge.
c) Die so geringe Zahl der geistig gesund gebliebenen Nachkom¬
men gegenüber einer grösseren Gruppe zum Teil ausgesprochen Geistes¬
kranker, zum Teil aber bloss geistig abnormer Individuen, die das eine
oder andere Symptom aufweisen, welches wir von der Geisteskrank¬
heit des Eltern-Teiles her kennen, erweckt den Eindruck, als ob die
Krankheit aus mehreren, mindestens aber aus zwei
Erbfaktoren bestünde (einem, der die abnorme Anlage und
einem., der den Ausbruch der Psychose bedingt).
Zu derselben von mir schon 1914 geäusserten Ansicht, der Poly¬
merie der paranoiden Psychosen, d. h. ihrer Zusammensetzung aus
mehreren Erbfaktoren, ist einige Jahre später auch Rüdin [11] für die
Dementia praecox auf Grund seiner Berechnungen der Mendel sehen
Proportionen mittels der Geschwistermethode gekommen.
Dies spricht für die Brauchbarkeit und Exaktheit der Geschwister¬
methode dort, wo aus Verhältniszahlen ein Schluss gezogen werden
kann. Doch liefert die genealogische Methode diese Re¬
sultate unmittelbarer, und Tatsachen, wie der Werdegang einer Psy¬
chose in der Erbfolge, wie er sub 4 b) besprochen wurde oder wie
die Zugehörigkeit aller verschiedenen Unterformen der paranoiden Psy¬
chosen zur Schizophreniegruppe, ergeben sich viel rascher und eindeutiger
eben aus der genealogischen Methode. Auch die milden Paranoiaformen
(Friedmann [6l. G a u p p [7]). die ikatatyme Wahnbildung (Maier
[8]) und der sensitive Beziehungswahn (Kretschmer [9]) sowohl
soweit sie nichts anderes als nach je einem gewissen Gesichtspunkte
ausgewählte Spezialfälle der verschiedenen oben genannten paranoiden
Erkrankungen sind, als auch soweit einzelne davon wirklich eigene
(psychogene) Krankheitsformen darstellen mögen, weisen bei Be¬
rücksichtigung der Erkrankungsfälle und Psychopathien ihrer Verwandt¬
schaft und ihrer Nachkommenschaft ebenso nahe Beziehungen zur
Schizophreniegruppe auf.
Auch betreffs anderer Psychosen liefert die genealogische Methode
ausgezeichnete Resultate, so habe ich Untersuchungen betreffs i
Dipsomanie [lü] angestellt und andernorts veröffentlicht, ln let;
Zeit hat sich, besonders auch Hoff mann (1. c.) dieser Methode
dient und in richtiger Erkenntnis der Tatsachen ebenfalls besonde
Gewicht auf die Berücksichtigung nicht nur der Geisteskrankhei
sondern auch der Psychopathien der Nachkommenschaft gelegt; au;
der Dementia praecox hat er auch das manisch-depressive Irre:
und andere Psychosen in den Kreis seiner zahlreichen und wertvo
Untersuchungen gezogen. Er kommt auch zu demselben Schlüsse
ich, dass nicht nur. wie früher schon bekannt war, die Paraphre
sondern auch die Paranoia in engster Fassung zu der Gruppe der Sch
phrenien gehört. Die Gruppe der paranoiden Erkrankungen ist e
eine Untergruppe derselben und zerfällt selbst wieder in Unterab
lungen. Auch der im Praesenium sich entwickelnde Beeinträchtigui
wahn macht nach Hoffmanns Untersuchungen keine Ausnal
davon. Von den 16 Kindern, die den an paranoiden Erkrankungen
denden Probanden Hoffmanns entstammen, sind 3 gesund, 5.geis
krank (Dem. pr.) und 8 schizoid; also auch hier finden wir die a
fallend kleine Zahl gesunder Nachkommen bei i
ranoiden Erkrankungen, ähnlich wie ich es bei der N;
kommenschaft von Querulanten und echten Paranoikern bei 22 Kint
gefunden habe, 7 gesund. 6 geisteskrank, 9 schizoid; dies gäbe für
gesamte Summe paranoider Psychosen bei zusammen 38 Kim
ein Verhältnis von gesund : krank : schizoid = 10:11:17 — 26 Pr
29 Proz. : 45 Proz. Bei der geringen Kinderzahl kann dieses Rest
bloss einen approximativen Wert beanspruchen, dessen grosse Be<
tung trotzdem gleich erhellen wird. Wenn wir nämlich für die grd
Gruppe der Dementia praecox, die Hoffmann nach der genealogisd
Methode bearbeitet hat. diese Verhältniszahlen suchen, so finden j
bei hundert Nachkommen von Dementia-praecox-Probandeh das ’
hältnis von gesund : geisteskrank : schizoid = 40 Proz. : 7 Proz. : 53 F
Vergleichen wir diese beiden Gleichungen, so fällt uns auf, dass |
Daranoiden Erkrankungen, obschon sie der Qualität ihrer Verwaj
schaft und Nachkommenschaft nach zur selben Gruppe wie die Deine
praecox gehören, doch ungemein schwerer belastend
ihre Nachkommenschaft wirken, indem die Zahl der Gesunden bei
selben kolossal sinkt, die der ausgesprochen Geisteskranken aber
das vierfache steigt, bei relativ ziemlich gleichbleibender Zahl
Psychopathen! Dies beweist die Richtigkeit des sub 4b) Gesas
dass die verschiedenen Psychosenformen der Schizophreniegruppe i
nur symptomatologisch nicht identisch sind, sondern auch eine ji
verschiedene Wertigkeit bezüglich der Belastung besitzen.
Zur Erklärung der so geringen Anzahl gesunder Kinder kö
man annehmeni, dass bei den paranoiden Erkrankungen neben rc
siven auch dominante Erbfaktoren im Spiele sind. Sehr auffallend
von alters her bekannt ist dagegen die geringe ancestrale Belas
der Paranoiker selbst; dies alles zusammengehalten legt die Vermu
nahe, dass die Paranoiker gleichsam einen mutativ neuentstand
Ahnen typus zu schizophrenen Erkrankungen darstellen (An
mutation?). Während bei den Erkrankungen an Dementia praecox n>;
den rein psychisch degenerativen Erbfaktoren auch .andere Faktoren
äussere Momente möglicherweise eine wichtige Rolle beim Ausb
der Psychose spielen, kann sich scheinbar die Paranoia rein aus
stitutionellen psychischen degenerativen Momenten langsam
wickeln; eine daraus resultierende schwerere psychische Belastung
Nachkommenschaft wäre ohne weiteres verständlich! dies würd
auch gut erklären, warum, auch die Paranoia querulans s
wenn sie auch weiterhin als eine Psychoneurose aufzufa
wäre, trotzdem, da sie sich doch bloss auf Grundlage einer sol
mutativ entstandenen paranoiden Veranlagung
wickelt, so schwer belastend wirkt — um soviel schwerer ah
„Dementia praecox im allgemeinen“.
Berechnen wir bei der Nachkommenschaft einer grösseren zu
mengehörenden Gruppe von Geisteskranken die Zahl der ge:
gebliebenen Kinder, so findet man, dass die Zahl derselben sich zwi?
den beiden Extremen von 1U und 1/s bewegt, ohne das. eine
andere Extrem wirklich zu erreichen, sodass man mit Rücksicht d£
dass die Zahl der Gesunden höchstens zu hoch, aber niemals zu
rig berechnet sein kann (da scheinbar gesunde später erkranken 1
ten). die praktische Regel aufstellen darf, dass bloss ein Dritte
Kinder eines geisteskranken Elternteiles geistig gesund bleibt. I
Regel vom gesunden Drittel ist kein biologisches Erbg:
sondern sie drückt bloss eine praktische Erfahrung über ein IV)
mass aus, in dem nicht nur die Einwirkung der Erbfaktoren, soi
auch die verschiedener äusserer Momente zum Ausdruck kc
Sie stimmt auch für das manisch-depressive Irresein, wenn man a
den manifest Kranken auch die dysthymischen Psychopathen voi
Gesunden abrechnet. Wenn man nun von diesen ganz gross getai
Gruppen zu enger definierten einheitlicheren Untergruppen übe
und dieselben wieder genealogisch untersucht an Hand dieser
vom gesunden Drittel, wird man die Anzahl der gesunden Kinder
dieses Mittelmass sinken oder steigen sehen, je nachdem die W.
keit der Belastung der betreffenden Psychoseform eine grössere
geringere wird. Es wird uns demnach die Zahl der gesund geblie
Kinder den wertvollsten Fingerzeig zu dieser Beurteilung ge!
Neben den umfassenden Untersuchungen grosser Krankheits
pen, wie z. B. der Schizophrenien und des manisch-depressiven
seins, die jetzt schon wiederholt durchforscht wurden, wird es nui
vor allem notwendig sein, ganz enggefasste Krankheitsgruppen
z. B. den Eifersuchtswähn oder die Paranoia im Gauppschen
| Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
229
j r nach anderen als rein psychischen Gesichtspunkten enggefasste
nkheitsgruppen, z. B puerperale Dementia praecox genealogisch eif-
zu durchsuchen und in sammelnder Tätigkeit die einzelnen Re¬
nate vieler Arbeiten auf diesem Gebiete durch Dezennien1 zusammen¬
ragen, bis genug Fälle jeder Einzelkrankheit familiär gründlich
chforscht sind, um sichere Schlüsse aus diesen Ergebnissen ziehen
können. Es ist sehr möglich, dass die Nachkommenschaft von im
rperium an Dementia praecox erkrankten Frauen andere Belastungs-
;rn, vielleicht auch andere Belastungsarten aufweisen wird als die
dikommenschaft von paraphrenischen Müttern, und möglich, dass
re Resultate einen Rückschluss erlauben auf die Rolle, die exogene
nente beim Zustandekommen einzelner Psychosen spielen. Solche
ammenhänge können bloss durch das genealogische Studium zahl-
| -her Familien ergründet werden; die Anwendung der Mendel-
cn Berechnungen und Vererbungsgesetze auf die menschliche Pa-
ogie. speziell Psychiatrie, wird erst nach einer gründlichen Klärung
Frage, was eigentlich vererbt wird, fruchtbringend sein. Ihre
leutung behalten die Mendel sehen Gesetze trotzdem; sie sind
die Biologie das, was die Newtonsche Gravitationslehre für
Physik ist; aber auch in der Physik lässt sich nicht alles bloss
;h die Gravitationsgesetze erklären, sondern wir haben daneben die
j re der Optik und Elektrizität usw. und ebenso verhält es sich in
Vererbungslehre. Die Arbeit des Einzelnen kann hier nur Ban¬
ne liefern, eventuell auch Ideen; die endgültige Sichtung nach viel¬
ter Arbeit wird aber stets einer Forschungsanstalt Vorbehalten
ben. wie sie beispielgebend derzeit schon in München besteht.
Literatur.
1. Wagner v. J a u r e g g: W.kl.W. 1902 und 1906. • — 2. C. v. E c o -
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ir. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1921, 66. — 4. H. Hoff mann: Studien
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jir. f. d. ges. Neur. u. Psych. 1913 und Lehrb. d. Psych. 1914. Verlag
jel. Leipzig. — 6. Fried mann: Mschr. f. "Psych. u. Neur. 1905. —
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ag J. Springer, Berlin. — 10. Dobnig und Econo mo: Zschr. f.
;h. usw. 1921, 76. — 11. Rüdin: Studien über Vererbung etc. etc.
Verlag Springer.
—
Jeber parenterale Behandlung mit unspezifischen
Eiweisskörpern*).
Von R. Stint zing.
Sieht man ab von der seit Jahrhunderten geübten Bluttransfusion,
lat man schon seit Beginn der bakteriologisch-serologischen For-
ng mit den zur aktiven und passiven Immunisierung dienenden
Tn (Vakzinen und Sera) Proteinkörper parenteral in Anwendung
gen. Hierbei ging man aber in der Regel von der Vorstellung aus,
die Eiweisskörper nur als Träger oder Begleiter der spezifisch
enden Antigene bzw. Antitoxine dienten. Erst in neuester Zeit
Schmidt, Bier, Weichardt, Schittenhelm, Döll-
i, Roli ly, Lindig u. a.) hat man erkannt, dass den Eiweiss-
ern als solchen besondere, zum Teile heilende Wirkungen am
ken Menscnen eigen sind. Diese Erkenntnis begründete die
teinkörpertherapie“.
Inwieweit von den zahlreichen, eiweisshaltigen Mitteln spezifische
unspezifische Wirkungen ausgeübt werden, lässt sich nach unseren
igen Kenntnissen nicht immer mit Sicherheit entscheiden. Vielfach
beide Arten von Wirkungen einander gleich, oder ähnlich, oder
rehen nebeneinander her. Wir müssen aber, wenigstens für einen
an der mühsam errungenen Erkenntnis einer sicher vorhandenen
ifität einzelner Heilmittel, wie des Tetanus- und des Diphtherie-
ns, in gewissem Sinne auch des Tuberkulins nach unseren heutigen
ltnissen festhalten. Je strenger man aber den Begriff der spe-
:hen Wirkung fasst, desto grösser ist die Zahl der unspezifischen
d.
Es würde zu weit führen, wollten wir in der folgenden kurzen
:rsicht alle eiweisshaltigen Heilmittel berücksichtigen, wie Bak-
tiprodukte, defibriniertes Blut. Vakzine etc. Derartige Mittel
en doch, wenn ihre spezifische Wirkung auch nicht verbrieft ist,
ihrer Herkunft aus spezifischem Ausgangsmaterial und nach der
gstens_ angestrebten spezifischen Wirkung nicht mit Sicherheit zu
anspezifischen gerechnet werden. Das gilt beispielsweise von dem
ineurin, einem Bakterienautolysat (Prodigiosus), das bei Neuritis
'.hnliche unmittelbare und1 Nachwirkungen haben soll (D ö 1 1 k e n),
die gleich zu besprechenden Wirkungen reiner Proteinkörper.
Das gilt auch von dem menschlichen und tierischen Normalserum,
un wohl die Eiweisskörper das wesentlich Wirksame sein mögen,
spezifische (arteigene oder individuelle) Eigenschaften nicht aus-
hlossen sind. Normalserum (Pferdeserum u. a.) hat man daher
als spezifisches Mittel z. B. gegen Diphtherie (B i n g e 1) anzu-
en versucht. Wir würden diese theoretisch interessanten Ver-
-\ wenn sie in die Praxis eingeführt werden sollten, für einen
nklichen Rückschritt halten. Die ärztliche Praxis soll sich an die
uidfach erprobten spezifisch wirkenden Vakzinen und Sera halten.
Im Gegensatz zu den erwähnten Mitteln mit fraglichen spezifischen
aschaften ist die parenterale Proteinkörperbehandlung bestrebt,
*1 Verfasst im Auftrag der Arzneimittelkommission der Deutschen Ge-
:haft für innere Medizin, unterstützt vom Deutschen Aerztevereinsbund. I
Nr. 7.
ausschliesslich Eiweisskörper als solche anzuwenden. Ihr Vorzug be¬
steht darin, dass die verwendeten Mittei nach ihrer Herkunit und chemi¬
schen Zusammensetzung bekannt, und mit Ausnahme der Milch, kon¬
stant und genau dosierbar sind. Nur von diesen und einigen Misch¬
präparaten, bei denen das Eiweiss eine wesentliche Rolle spielt, soll
hier die Rede sein. Wir sehen hier auch ab von den vorwiegend ex¬
perimentell angewandten Abbaustoffen der Eiweisskörper (Albumosen,
Nukleinsäuren etc.).
Als nichtspezifische Eiweisskörper sind heute in Gebrauch;
1. Milch (R. Schmidt) als reine sterilisierte Kuhmilch, oder in
Ampullen als Ophthalmosan (Sächs. Serumwerk) intramuskulär
injiziert. Die Milch bildet das Ausgangsmaterial für die folgenden
Produkte:
2. Kasein (nach Lindig) unter der Bezeichnung „C a s e o s a n“
(Heyden, Radebeul) als sterile 5 proz. Kaseinlösung in Ampullen zu
je 1 oder 5 ccm, subkutan, intramuskulär oder intravenös anwendbar
(1 ccm = 0,05 Kasein).
Um die Gefahr der Fettembolie zu vermeiden, wird die Milch
entfettet und kommt in Handel unter der Bezeichnung:
3. A o 1 an (Beiersdorf & Co., Hamburg). Es soll eine keim- und
toxinfreie Milcheiweisslösung sein, die intramuskulär und intravenös
angewendet werden kann. (Ampullen zu 10 ccm.)
4. Xifalmilch (Serumwerke Dresden). Sie soll aus steriler
Milch von tuberkulosefreien Tieren', der ein aus Saprophyten hergestell¬
tes (Bakterien-) Eiweiss zugesetzt ist. bestehen. Sie gehört nicht
eigentlich in den Rahmen unserer Erörterung und soll nur der Voll¬
ständigkeit halber als Milchprodukt erwähnt werden. Sie kommt in den
Handel in Ampullen zu 2 ccm.
Von den angeführten Präparaten sind nach der Literatur und
eigener Erfahrung besonders die beiden ersten erprobt. Auf sie be¬
ziehen sich daher vorzugsweise unsere Ausführungen.
Vorausgeschickt sei, dass die Wirkungen parenteral emgeführ-
ter Eiweisskörper in ihren Einzelheiten diesen nicht ausschliesslich zu¬
kommen. Ihre Eigenart beruht vielfach nur in der Gruppierung der Ein¬
zelerscheinungen, sowie in der Intensität und Promptheit ihres Eintritts
schon bei kleinen Gaben.
Die Wirkungen zerfallen in 1. vorübergehende allgemeine, 2. vor¬
übergehende örtliche, 3. bleibende. Im allgemeinen haben sie grosse
Aehnlichkeit mit den Reaktionen des Körpers auf Alttuberkulin¬
impfungen.
1 . Die allgemeinen Symptome entsprechen demgemäss
denjenigen eines akuten Infektes. und bestehen (bei fieberfreien Patien¬
ten) in einer Temperatursteigerung verschiedenen Grades gewöhnlich
nach einigen Stunden, Pulsbeschleunigung und den bekannten Begleit¬
erscheinungen des Fiebers, zu denen bisweilen Frösteln (selten Schüt¬
telfrost), Schwindelgefühl, Mattigkeit und Schläfrigkeit gehört. Diese
Allgemeinreaktion klingt in der Regel wie die gleich zu erwähnende
örtliche Reaktion („negative Phase“ nach R. S c h m i d t) in V» bis höch¬
stens 2 Tagen ab und hinterlässt in einem — nicht vorauszubestimmen¬
den — Teile der Fälle die unter 3 anzuführenden günstigen Nach¬
wirkungen („positive Phase“).
2. In einem Teil der Fälle tritt, in der Regel gleichzeitig mit den
Allgemeinerscheinungen, auch eine örtliche Reaktion (Herd¬
reaktion) entzündlicher Natur in den erkrankten Organen auf. ins¬
besondere in akut oder chronisch entzündeten Gelenken in Gestalt von
Schmerzen, selten verbunden mit Rötung und Schwellung. Diese Herd¬
reaktion ist erwünscht als Zeichen, dass zwischen dem Proteinkörper
und dem entzündeten Organe eine Affinität besteht, die in geeigneten
Fällen die Heilung bzw. Besserung einleitet. Voraussetzung für den
Heilungsvorgang ist baldiges Abklingen der akuten Erscheinungen, ins¬
besondere der Schmerzen,
Bei Wiederholung der Injektion können sich dieselben allgemeinen
und örtlichen Erscheinungen in geringerer oder grösserer Stärke — bei
gleichbleibender oder gesteigerter Dosis — erneut einstellen, um dann
nach 3 bis 4 oder mehrfacher Wiederholung abzuklingen. Die erste Re¬
aktion ist keineswegs immer die stärkste. Erhöhung der Dosis hat oft
keine steigernde Wirkung.
3. Günstige Nachwirkungen stellen sich,, wo sie überhaupt
eintreten, in der Regel schon nach der erstenMnjektion ein und können
sich nach den folgenden Einspritzungen noch vervollkommnen. Sie
bestehen in Linderung oder Beseitigung der Schmerzen, Besserung der
Beweglichkeit und allgemeinen Leistungsfähigkeit, des Appetits, der
Ernährung und des Schlafes. Selten stellt sich diese euphorische Nach¬
wirkung ohne voraufgehende „negative Phase“ ein.
In ungeeigneten Fällen bleibt als Zeichen eines torpiden oder ab¬
geschlossenen Krankheitsprozesses, vielleicht auch einer individuellen
(konstitutionellen) Immunität, auch bei steigender und wiederholter
Dosierung, jegliche Reaktion und damit auch die erwünschte Nach¬
wirkung aus. Auch mit Verschlimmerungen des Krankheitszustandes
(Herzschwäche) bei älteren Leuten muss gerechnet werden. In ein¬
zelnen Fällen verzeichnet die Literatur auch anaphylaktische Erschei¬
nungen (Gildemeister und S e i b e r t).
Vorsichtige Dosierung ist daher unter allen Umständen
geboten und wird in der grossen Mehrzahl Schädigungen vermeiden
lassen. Sie muss sich auf Grund genauer klinischer Beobachtung vor
und nach den Injektionen der Eigenart des Falles anpassen. Es kommt
darauf an, besonders im Beginn der Kur, eine Dosis zu finden, die gross
genug ist, um eine eben erkennbare Reizwirkung zu erzielen, und klein
genug, um Schädigungen zu vermeiden. Ein bindendes Schema lässt
sich nicht geben. Die Bemessung der Einzelgabe, ihre Steigerung oder
5
230
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Herabminderung und die Dauer des Intervalles müssen sich ähnlich wie
bei Tuberkulinkuren nach der Stärke und der Dauer der Reaktionen
richten. Vorhandenes Fieber bildet in der Regel eine Gegenanzeige.
Hält nach einer Injektion das Fieber länger als 1—2 Tage an, so ist die
Behandlung abzubrechen Als massgebend iur das Behandlungsintervaii
wird von einigen Autoren (Rolly, We ick sei) das Vei halten der
Leukozyten angesehen. Die als Reaktion nicht unerwünschte Ver-
inehrung der neutrophilen Leukozyten soll vor einer Erneuerung der
Injektion erst ausgeglichen sein. Auch Eosinophilie soll eine Anzeige
sein, die Behandlung zu unterbrechen (Kleeblatt). So wertvoll wie
diese Beobachtungen auch sind, in der ärztlichen Praxis kann man sich
auch ohne sie behelfen. , . ,r , ... „ .
Mari beginnt die Behandlung bei Verwendung steriler Milch
(Ophthalmosan) nach R. Schmidt mit % ccm und steigt auf 1—5,
höchstens 10 :cm (intramuskulär). Aehnliches gilt von Aolan, das
auch intravenös gegeben werden kann. Vom Caseosa n gibt man
subkutan, intramuskulär oder intravenös — wir bevorzugen letzteie
Methode — ü — H— 1 ccm, steigend bis 5 ccm. Die Einspritzungen
werden jeweils nach Abklingen der Reaktionen, gewöhnlich 2 mal
wöchentlich, selten noch häufiger, manchmal auch in grösseren Zeit-
abständen (1 Woche und mehr) wiederholt.
Die geschilderten Wirkungen sind, soweit unsere bisherigen Kennt¬
nisse reichen, in ihrem Wesen gleich für verschiedene Arten von ti-
weisskörpern, nur quantitativ verschieden. So scheint Milch starker
zu wirken als Caseosan in entsprechender Menge. «
Es lassen sich aber ähnliche Wirkungen auch mit Mitteln, die
gar kein oder wenig Eiweiss enthalten, erzielen, wie mit Sanarthrit,
das nach H e i 1 n e r eiweissfrei sein soll, Kollargol, Organpräparaten
etc., sowie mit Strahlen- und anderen physikalischen Behandlungen. Ja.
vielfach sind diese den Proteinen in ihrer Heilwirkung sogar überlegen.
Es ist daher heute noch nicht möglich die Gebiete für das eine oder
andere Mittel voneinander scharf abzugrenzen.
Kurz erwähnt seien hier noch einige wertvolle Eiweiss-Misch-
Präparate: das Kollargol und. verwandte Präparate (Elektrokollargol und
Dispargen) und das Yatrenkasein.
Das Kollargol (Heyden) besteht aus 70 Proz. Silber und
30 Proz Eiweiss als Schutzkolloid, Es wird seit vielen Jahren bei
manchen Gelenkentzündungen mit guten Erfolgen angewandt. Man be-
zog diese und andere Erfolge bisher lediglich auf den Gehalt des Mittels
an kolloidalem Silber. Neuerdings hat aber A. Böttner gezeigt — und
deshalb durften wir hier das Mittel nicht unerwähnt lassen — , dass
bei Kollargolinjektionen die Wirkung des Eiweissbestandteiles übei-
wiegt, wenn auch dem Silber als solchem seine Bedeutung als Gewebs-
reiz nicht aberkannt werden kann.
Yatren, ein organisches Jodpräparat mit 30 Proz. Jod. das. sich
in der Wundbehandlung bewährt hat, wird neuerdings auf der Bier-
schen Klinik in Verbindung mit Kasein als „Schwellenreizmittel
angewandt (Zimmer). Diese Kombination hat auch nach unseren
Erfahrungen die gleichen, vielleicht noch günstigere Wirkungen als die
obenerwähnten reinen Proteinkörper. Das Y atrenkasein kommt
in schwacher Lösung zu 2% Proz. Yatren mit 2Vs Proz. Kasein und
in starker Lösung mit 5 Proz. Kasein in Ampullen zu 1, 5, 10 und
20 ccm subkutan, intramuskulär und intravenös zur Anwendung. Inter¬
essant ist die Beobachtung von Prinz, dass man durch orale Gaben
von Yatren typische Herd- und Allgemeinreaktionen auslösen kann, die
denjenigen nach parenteraler Zufuhr von Proteinkörpern prinzipiell
gleich sein sollen. Diese Beobachtung deckt sich mit der schon be¬
kannten Tatsache, dass Jod, per os eingeführt, bei Tuberkulose eine
Herdreaktion (Hämoptoe) bewirken kann.
In Bezug auf die Deutung der Proteinwirkungen bewegen wir
uns noch auf unsicherem Boden. Von den derzeitigen Theorien seien
nur kurz erwähnt: die von Weichardt verfochtene Hypothese der
„Protoplasmaaktivierung“ und die Bier sehe Reiztheorie. We-
chardt erblickt die Ursache der „Leistungssteigerung“ in einer allge¬
meinen Anregung der Tätigkeit des Zellprotoplasmas. Solange jedoch
noch nicht feststeht, ob die Abbauprodukte der Proteinkörper als solche,
oder ob Abbauprodukte, die durch sie in den Geweben erzeugt werden,
das Wirksame sind, erscheint es verfrüht, ihre Angriffspunkte im Or¬
ganismus bestimmen zu wollen Einleuchtender ist die Reiztheorie,
mit der Bier auf seine •bekanntem Anschauungen von der „Heilent¬
zündung“ und dem „Heilfieber“ zurückgreift, die durch Reize verschie¬
dener (chemischer und physikalischer) Art erzeugt werden Zu den
chemischen Reizen gehören u. a. auch die Proteinkörper.
Die Krankheiten, gegen welche die Proteinkörpertherapie ver¬
sucht wurde, sind sehr zahlreich und wesensverschieden. Zu nennen
sind: akute und chronische Infektionskrankheiten, wie Typhus, Cholera,
akuter und chronischer Gelenkrheumatismus. Ruhr, Diphtherie, Grippe¬
pneumonie, Erysipel, Gonorrhöe, Tuberkulose der Lungen, der Gelenke
und Lymphdrüsen, ferner sekundäre und perniziöse Anämie, Asthma,
Ekzeme, Trichophytie, Ischias und andere Neuralgien, entzündliche
Augen- und Ohrenerkrankungen, Krebs etc. Die Buntheit dieser Liste
ist wenig geeignet, zur Klärung und Empfehlung des Verfahrens zu
dienen.
Nur einige Gruppen von Erkrankungen verdienen aus den übrigen
herausgehoben zu werden, weil bei ihnen schon reichlichere Erfahrungen
gesammelt und Heilerfolge erzielt wurden: in erster Linie die chroni¬
schen Arthritiden verschiedener Form vom einfachen subakuten
und chronischen Gelenkrheumatismus bis zur Arthritis deformans. Ihre
Behandlung mit unspezifischen Eiweisskörpern hat eine Anzahl Für¬
sprecher gefunden, denen wir uns für einen kleinen Teil der Fälle
anschliessen können. Bei der ungünstigen Prognose vieler chronischer
Gelenkentzündungen ist es durchaus berechtigt, neben anderen be¬
währten Arzneimitteln (Sanarthrit, Kollargol etc.) und physikalisclu
Heilmitteln, insbesondere wenn diese versagen, die Behandlung ir
Eiweisskörpern zu versuchen, ' , , ,, . . .... I
Gute Erfolge werden mit der Proteinbehandlung auch erzielt b
Komplikationen der Gonorrhöe (Blennorrhoe, hpididymit
Arthritis) sowie bei Ulcus molle und Bubonen. Schwer verständig
erscheint die von Döllken behauptete günstige Wirkung der Mi! <
(Xifalmilch) bei Epilepsie (3 mal wöchentlich 2— 5 ccm lntramuskn
monatelang). Das gleichzeitig verabreichte Luminal (täglich 0,15 -0,
ist allein wohl ebenso wirksam.
Auffallend ist nach vielen Berichten die Affinität der Much zu ei
zündeten Geweben des Auges. Günstige, z. 1 . glänzende Wirkung»
werden berichtet von Milchinjektionen bei Blennorrhoe, Keratitis pare
chymatosa sowie tuberkulösen Prozessen.
Von zweifelhaftem Werte ist die Behandlung der Tuberkulose n
Milchinjektionen. Keinesfalls können Eiweisskörper das Tuberkulin e
setzen.
Zusammenfassung.
Die bisherigen Erfahrungen berechtigen noch keineswegs zu eint
abschliessenden Urteil. Wir wissen einstweilen nur, dass parentei
gegebene Proteinkörper auf gewisse entzündliche. Erkrankungen ein
die Entzündung neu anfachenden Reiz und häufig einen allgemein
Reiz auf den Gesamtorganismus ausüben, und dass diese Röizwirku
bisweilen heilsam sein kann. Ob aber, in welchen Fällen und um
welche Eiweisskörper diese Heilwirkung zu erreichen ist, das genai
festzustellen muss die Aufgabe weiterer Versuche sein. Diese sj
nur unter der Voraussetzung 1. einer vorherigen und nachfolgend
genauen Beobachtung (Temperaturmessung etc.), 2. der Anwendu
kleiner Dosen im Beginn, die je nach Lage des Falles stufenweise *
steigert oder herabgemindert werden, 3. rechtzeitiger Unterbiechu
der Behandlung bei länger anhaltender Reaktion (s. oben) zulass
Die unspezifische Proteinkörpertherapie bildet neben anderen ph\
kalischen und chemischen Heilmitteln (Sanarthrit, Kollargol etc.) e
willkommene und jedenfalls noch ausbaufähige Bereicherung tiiisei
Heilschatzes. _
Aus der Münchener chirurgischen Universitätsklinik.
(Direktor: Geh. Hofrat Prof. Dr. Sauerbruch.)
Spätergebnisse bei S a u e r b r u c h amputierten.
Von Prof. Dr. C. ten Horn.
In mehreren Arbeiten und Referaten der letzten Zeit ist zum A
druck gekommen, dass die Dauerresultate und praktischen Ergebni
der willkürlich beweglichen Hand unbefriedigend sind. Bei der gros
Bedeutung, die diese ganze Frage für die Amputierten der Kriegs- i
der Friedenszeit hat, dürfen solche kritische Stimmen nicht unbeacl
bleiben, sondern müssen auf ihren Wert geprüft werden.
Es war unsere Absicht, in der zweiten Ausgabe der „Willkür
beweglichen künstlichen Hand“1) näher hierauf einzugehen. Da a
ein Aufschub nicht angängig ist, seien die folgenden Feststellun:
bereits ietzt veröffentlicht. Auf Einzelheiten der chirurgischen Tecl
und des Prothesenbaues soll nicht eingegangen werden.
Schätzungsweise sind im Deutschen Reich und in Oestem
etwa 2500—3000 Amputierte nach dem Sauerbruch sehen Verfat
behandelt worden. Diese Zahl ist, soweit mir bekannt, von keu
anderen System auch nur annähernd erreicht worden. Es entia
hiervon auf München und Singen etwa 1500 Amputierte. Ich habe '
sucht, über das Schicksal dieser Operierten nähere Angaben zu
winnen. Teilweise war eine persönliche Untersuchung möglich; in
Mehrheit mussten Fragebogen verschickt werden.
Ich habe mich dabei auf die in München. und Singen opene
Amputierten beschränkt. Bei ihnen besteht die Gewissheit, dass
Oneration unter einheitlicher Leitung und nach derselben Methode ;
geführt ist und dass ferner die Ersatzglieder möglichst nach den gleit
Grundsätzen gebaut worden sind. Alle Amputierten sind mit Spitzgrcifl
den (überwiegend H ü f n e r modell) versehen; viele tragen ausser»
noch eine für ihren Beruf geeignete Arbeitsklaue. Die Zahl der Inval
aus München und Singen ist so gross, »lass daraus allgemeine Schn
über den Wert des Verfahrens zu ziehen erlaubt ist.
Die Zusammenstellung eines geeigneten Fragebogens verlangte;
sondere Beachtung. Sie musste eine knappe und bestimmte Be
wortung ermöglichen. Es wurden folgende Fragen gestellt: J
A) 1. Sind Sie zufrieden mit dem Erfolg der Operation? 2. VI
nicht, was haben Sie daran auszusetzen? !
B) 1. Sind Sie nach der Entlassung aus der Klinik (Lazarett) j
weiter behandelt worden? 2. Warum? 3. Von wem? 4. Womit? 5.
lange? ,
C) 1. Seit wann arbeiten Sie wieder? 2. Welchen Beruf habei^
W J i. O 1 l wann aiuvnvu • -• " - -
jetzt? 3. Füllen Sie Ihre jetzige Berufstätigkeit voll aus? 4. Ode
5. Welcher war Ihr früh
welchem Umfang? (fast ganz, halb, wenig).
Beruf? 1
D) 1. Wie viele Kanäle haben Sie? 2. Wo liegen diese (Unter
Oberarm, Schulter)-? 3. Sind die Kanäle heil geblieben? 4. Wenn ij
welcher Kanal oder welche Kanäle sind nicht heil geblieben? 5. Und.wj
Klagen haben Sie hierüber? 6. Ist die Muskelkraft der Kanäle ausreicli
7. Hat sich die Muskelkraft der Kanäle im Laufe der Zeit gehoben?
E) 1. Sind Sie mit der Sauerbruchprothese zufrieden? 2. Oder
haben Sie daran auszusetzen? 3. Benutzen Sie die Prothese rer
mässig? 4. Oder nur in welchem Umfang? 5. Oder etwa gar n
*) Sauerbruch: Die willkürlich bewegliche künstliche Hand.
(Springer.) Die zweite Auflage befindet sich im Drucke.
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
5 welchen Gründen benützen Sie die Prothese nicht, oder nur teil-
?
) 1. Haben Sie noch eine besondere Sauerbruch sehe A r b e i t s -
1? 2. Wenn ja, sind Sie damit zufrieden? 3. Oder was haben Sie daran
setzen? 4. Benutzen Sie die Arbeitshand regelmässig?
i) 1. Benutzen Sie vielleicht irgendeine andere Prothese? 2. Welche?
welchen Verrichtungen? 4. Von wem ist diese besorgt?
!) 1. Hat 'die Säuenbructi sehe Prothese Ausbesserungen
ert? 2. Wann? 3. In welcher Art?
) 1. Können Sie einen Federhalter oder einen Bleistift mit der Kunst¬
ergreifen? 2. Können Sie damit einen Kücheneimer am Henkel vom
hochheben, wenn dieser (voll, halb, viertel) mit Wasser gefüllt ist?
) Können Sie uns noch andere weitere Beobachtungen oder Wünsche
en?
) 1. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, sich zwecks Nachuntersuchung
chirurgischen Klinik einzufinden? 2. Wenn ja, wann würden Sie ab-
ich sein?
orher habe ich den Fragebogen mehreren Amputierten zur Aus-
t vorgelegt, um mich von der praktischen Brauchbarkeit zu iiber-
n. Die Gesamtzahl der zu beantwortenden Fragen betrug 39;
Jg gross scheinen, ist es aber nicht. Denn für eine einigermassen
;e Beurteilung des Wertes der Prothesen und besonders ihrer
en Nützlichkeit für den Träger muss man unbedingt über viele
heiten verfügen.
s kann bisher über 403 Amputierte berichtet werden. Sie wurden
den Jahren, in welchen die Prothese fertiggestellt war, eingeteilt,
rosste Teil stammt aus den Jahren 1918—1919. Ueber die Hälfte
iperierten haben die Prothesen also länger als 3 Jahre. Unter
403 befinden sich: 233 Oberarmamputierte, 138 Unterarmampu-
14 Doppeltamputierte und 18 mit sehr kurzen Oberarmstümpfen
Schulterexartikulierte (Schulterkanäle, Haltekanäle). Wir haben
ast 30 Proz. unserer Amputierten erreichen können. Eine er-
le Zahl der versandten Fragebogen kam leider als unbestellbar
c. Weiter haben aus den besetzten Gebieten verhältnismässig
e Amputierte geantwortet. Aus den verlorenen Gebieten kam
iupt nur ein einziger Bescheid zurück. Immerhin hat aus diesen
en eine Reihe von Operierten, ähnlich wie die aus dem jetzigen
:hen Reiche, in spontanen Dankesbriefen an Sauerbruch und
ler die hohe Zweckmässigkeit und die praktische Brauchbarkeit
Ersatzglieder zum Ausdrucke gebracht. Wir haben uns jedoch
bemüht, auch über das Schicksal der übrigen Amputierten Nach-
i zu erhalten.
as Hauptziel der Nachuntersuchungen richtete sich auf folgende
e: 1. die Widerstandsfähigkeit der Kanäle, 2. die Benutzung der
ise. 3. den wirtschaftlichen Nutzen, welchen die Prothesen den
rn bringen.
ir die Bewertung der Sa u e r b ru ch sehen Kanalisierung war es
isschlaggebender Bedeutung zu wissen, ob die Muskelkanäle die
ten Anforderungen auf die Dauer erfüllen konnten. Im praktischen
werden die gerade bei den Kanälen so wichtigen Vorschriften
pflege und Reinlichkeit leider nicht immer befolgt,
ich der Entlassung wurden von 10,2 Proz. der Oberarm- und von
roz. der Unterarmamputierten gelegentlich ärztliche Hilfe nach-
t. Meistens handelte es sich um Neurome; oder auch um Ent-
igen, Furunkulose, Ekzem usw. Nur einmal ist ein Kanal un¬
bar geworden und musste operativ entfernt werden. Neurome
entgegen der früher von Sauerbruch ausgesprochenen Ver-
g, ziemlich häufig auf; sie können nach jeder Nervendurch-
ng entstehen. An sich in der Regel schmerzlos, werden sie unter
nischem Einflüsse, durch Druck und Zug. ungemein empfind-
Sie sind häufig mit Knochen und Muskeln innig verwachsen
:ehen durch lange Fortsätze damit in Verbindung. Es kann kein
1 darüber sein, dass die meisten Neurome schon kurz nach der
ation entstehen. Dass sie vielfach erst beim Tragen der Pro-
n Erscheinung treten, ist die Folge der mechanischen Zerrung der
ne durch die wiederaufgenommenen Muskelbewegungen. Mancher
ierte merkt gar nichts, solange er die Muskeln ruhigstellt oder so-
ler eingelegte Stift nicht belastet wird; eine Betätigung verursacht
Schmerzen. Wir haben deshalb in den letzten Jahren bei der
Jerung grundsätzlich die Neurome der grossen Nerven aufgesucht
i soweit möglich gekürzt; dabei muss ihre Schnittfläche mehrere
eter oberhalb des Kanals liegen. Nur so kann man mit ziem-
3icherheit Rezidiven Vorbeugen.
irzdauernde, vorübergehende .Störungen (Wundwerden, leichte
düng) traten an den Unterarmkanälen häufiger auf als an denen
lerarms. Oefters waren wohl äussere Umstände mit im Spiele,
ingelhafte Reinlichkeit, grosse Hitze, starke Beanspruchung u. a.
kleineren Zwischenfälle beeinträchtigten den Gebrauch der Pro¬
licht; einige Tage Schonung genügten, um sie vollkommen zu be-
0.4 I
ganzen wurden in 3,8 Proz. längerdauernde Beschwerden an-
n, meistens ein wiederholtes Wundwerden oder Entzündung,
i' oft Absonderung (Eiterung) oder ständige Schmerzen. In diesen
war deshalb das regelmässige Tragen der Prothese nicht möglich,
eine geeignete Behandlung würden auch hier noch Verbesse-
zu erzielen sein.
m muss bei diesen Zahlen bedenken, dass die Amputations-
e sich bei den Kriegsverletzten vielfach in einem sehr schlech-
stand befanden. Abgesehen von einer fast immer vorhandenen
ie der Muskulatur, zeigten sie Narben, trophische Störungen, Stau-
Ekzeme usw. Ein Aufflackern einer sog. latenten Infektion war
nmer zu vermeiden.
23 1
Es ergibt sich somit, dass die Kanäle in der überwiegenden Mehr¬
zahl den dauernden Druck der Stifte gut ertragen, ohne dass irgend¬
welche Reizerscheinungen aufzutreten pflegen. Am Unterarm be¬
dürfen sie einer genaueren Pflege wie am Oberarm; die Haut des
ersteren ist weniger widerstandsfähig. Das Auftreten von Schmerzen
steht, wenn die Kanalhaut unverändert ist, wohl fast immer mit der
Anwesenheit von Neuromen in Zusammenhang. Auch wenn wir kein
Nervenknötchen fühlen können, pflegen wir den Nerv freizulegen, be¬
sonders wenn die Druckempfindlichkeit immer an einer bestimmten
Stelle nachweisbar ist.
Um die Benutzung der Prothese beurteilen zu können, müssen
die gesamten beantworteten Fragen verwertet werden. 83,5 Proz.
sind mit ihren Prothesen zufrieden und haben nichts daran aus¬
zusetzen; 16,5 Proz. sind wenig oder nicht zufrieden. Teilweise
rührt das her von einer zu geringen Widerstandsfähigkeit der Kanäle,
teilweise von Konstruktionsmängeln der Ersatzglieder. Einige Ampu¬
tierte finden die Hand zu leicht und zu wenig fest gebaut; sie hatten
oft Ausbesserungen, besonders am Zugriemen, an Sperre und Schrau¬
ben. Andere dagegen klagen über die Schwere der Prothese, vor allem
wenn nur sehr kurze Stümpfe vorhanden sind. Ein weiterer Teil war
nicht zufrieden, weil sie in der Arbeit mit der Kunsthand nicht das
leisten konnten, was sie möchten oder erwarteten. Die Klagen über
Ausbesserungen und schlechte Konstruktion sind Folgen von tech¬
nischen Fehlern. Man sieht hieraus, wie wichtig eine gute Beschaffen¬
heit des Ersatzgliedes ist. Jede Prothese ist etwas Individuelles und
verlangt eine sehr genaue Anpassung.
Bei 67,2 Proz. der Oberarm- und bei 59,7 Proz. der Unterarm¬
amputierten wurde die Prothese regelmässig, d. h. tagtäglich, ohne
Unterbrechung benutzt. Dazu kommen noch 9 Proz. der Oberarm- und
11 Proz. der Unterarmamputierten, welche in der Arbeitszeit irgend¬
welche Arbeitsprothese gebrauchen, aber ausser der Dienst- und Arbeits¬
zeit wieder ihre Gebrauchshand anlegen. Die Spitzgreifhand wird nur
deshalb nicht getragen, weil die Art des Berufes für diese Amputierten
eine geeignete Arbeitsklaue verlangt. Wir dürfen also sagen, dass
76,2 Proz. der Oberarm- und 70,7 Proz. der Unterarmamputierten dauernd
ihre Prothesen benutzen.
Den Rest der Operierten habe ich in 3 Gruppen geordnet. Die
erste trägt ihre Prothese überhaupt nicht; es waren 6,8 Proz. der
Oberarm- und 11 Proz. der Unterarmamputierten. Die zweite benutzt
sie nur Sonntags oder beim Ausgehen; die Hand dient somit als
Schmuck- oder Schönheitshand. Zahlenmässig umfasst diese Gruppe
8,5 Proz. der Oberarm- und 9 Proz. der Unterarmamputierten. Die
letzte Gruppe benutzt zwar die künstliche Hand, aber sehr unregel¬
mässig; z. B. nur einige Tage in der Woche, oder mit grösseren Unter¬
brechungen. Zu dieser Gruppe gehören 8,5 Proz. mit Oberarm- und
9.3 Proz. mit Unterarmstümpfen. Bemerkenswert für die Nöte der Zeit
sind die _ Angaben von nicht weniger als 4 Amputierten, die wegen
Vcrschleiss der Wäsche ihre Prothese nur zeitweise tragen konnten.
Wenn wir diese Zahlen der Ober- und Unterarmamputierten im
Verhältnis zu ihrer Häufigkeit (5:3) nun zusammenbringen, ergibt sich
folgendes:. 74,1 Proz. tragen die Prothese ständig, 8,8 Proz. un¬
regelmässig, 8,7 Proz. nur aus kosmetischen Gründen, und 8,4 P r o ,,
tragen die Prothese gar nicht.
Als 3. Flauptziel der Nachuntersuchungen galt das wirtschaft¬
liche Schicksal der Prothesenträger. Dazu war notwendig zu wissen
die Art des früheren und des gegenwärtigen Berufes; weiter ob die
Amputierten ihrem Beruf oder ihrer Arbeit nachkommen können und
in welchem Umfang. Obwohl in einem Begleitschreiben bei den ver¬
sandten Fragebogen unsererseits ausdrücklich die Versicherung ab¬
gegeben wurde, dass die Ausfüllung lediglich nur zu Wissenschaft-
liehen Zwecken dienen sollte, blieben in etwa 1/s die Antworten aus.
Einige Invaliden teilten offen mit, dass mit Rücksichf auf ihre Rente
die Ausfüllung ihrerseits unterbliebe. Immerhin verfügen wir über eine
genügende Zahl Angaben, um einen Ueberblick zu gewinnen.
ln. irgendeiner Arbeit oder Beruf sind beschäftigt 95,5 Proz. der
Amputierten. Etwa 4,5 Proz. haben also keine Beschäftigung (Arbeits¬
lose, Pensionisten) oder sind nicht imstande, einer solchen nachzu¬
kommen. Ueber den Umfang, in welchem die Berufstätigkeit aus-
gefüllt wurde, konnte ich folgendes feststellen. Bei den Ober¬
armamputierten in 59,8 Proz. voll und ganz. 24,7 Proz. fast ganz,
10.3 Proz. etwa halb und 5,2 Proz. nur wenig; bei den Unterarm¬
amputierten 56,6 Proz. voll, 17 Proz. fast ganz, 18 Proz. halb und
8.4 Proz. wenig. Ueber die Gesamtzahl berechnet konnten also
80.4 Proz. ihrer Arbeit oder ihrem Beruf voll oder fast ganz
nachkommen.
Diese Zahlen sind an sich sehr erfreulich. Sie zeigen, dass auch der
Amputierte im täglichen Leben verhältnismässig sehr viel leisten kann.
Sie geben aber keinen Aufschluss darüber, ob diejenigen, welche ständig
eine Prothese benutzen, in wirtschaftlicher Hinsicht besser gestellt
sind, als . die Amputierten, welche die Prothese überhaupt nicht oder
nur wenig tragen. Früher war man vielfach der Ansicht, dass man
den Invaliden in erster Linie eine geeignete Stelle (Hausmeister, Auf¬
seher usw.) verschaffen müsste, um die vorhandene Arbeitskraft mög¬
lichst auszunützen. Eine Prothese kam erst in zweiter Linie in Frage.
Auch heute noch gibt es Aerzte, sogar Orthopäden, die, in Unkenntnis
der willkürlich beweglichen Ersatzglieder, den Wert des Verfahrens
gering einschätzen.
Um zu erfahren, ob irgendwelcher Unterschied besteht, zwischen
den Leistungen der Prothesenträger und denen der „prothesenlosen“ Am¬
putierten, habe ich sowohl die Ober- wie die Unterarmamputierten dem
5*
232
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N:
Umfang ihrer Arbeitsleistung nach in 2 Gruppen eingeteilt. Die erste
Gruppe V umfasst diejenigen, welche ihrem Beruf voll odei fast ganz
Ä-T können; die zweite Gruppe W dagegen genasen,
welche nach eigenen Angaben nur wenig zu leisten vei™°Ken-
beiden Gruppen habe ich dann den Grad der Benutzung der Prothese
sowie die Art des Berufes eingetragen. Es ergab sich dann, dass
unter Gruppe V 83 Proz. regelmässig die Prothese tragen; in Gruppe W
dagegen nur etwa 40 Proz. Hieraus folgt, dass die Amputierten, "'eiche
im vollen Umfang arbeiten können, auch als Regel ihre Prothese dabei
benutzen. Der Prothesenträger leistet also in wirtschaftlicher Hinsicht
mehr wie der Amputierte ohne Ersatzglied.
Die Berufe in welchen der Arbeit mit ständiger Benutzung der Pro-
thesen in vollem Umfang nachgekommen werden konnte, waren in
abnehmender Häufigkeit geordnet, folgende ; Kaufleute. Landwirte,
ßSreaugehMen. Handlungsgehiiieu. Postangestellte. Verwaltung, und
Steuerbeamte, Eisenbahnwärter, Fabrikarbeiter, Schreiber, Ingenieure
und Techniker, Ober- und Volksschullehrer, Postschaffner. Magazmiers,
Maschinenwärter, Aufseher und Pförtner, Juristen, Telephon- und Tele-
graohangestellte, Aerzte, Studenten, Bauführer, Geistliche, Bankbeamte
usw Es folgen nunmehr die Berufe, welche die Amputierten vo
ausfüllten, ohne dabei die Prothese zu benutzen. In abnehmen¬
der Häufigkeit geordnet waren es; Hausmeister und Riortner Nacht¬
wärter, Amtsboten, Lehrer, Amts- und Bureaugehilfen, Kaufleute. Kanz-
ieiangesteüte. 0beramlamputierten waren 44,6 proz. in ihrem früheren
Beruf geblieben, 11,4 Proz. in einem ähnlichen; 44 Proz. mussten um¬
schulen (teilweise auch den veränderten Zeitumständen zuzuschiei-
ben) Für die Unterarmamputierten waren diese Zahlen 34,8 Lroz.,
8 3 Proz. und 56,9 Proz. Durchschnittlich konnten also 51,5 I r 0 z.
der Amputierten ihrem früheren Beruf oder einem ähnlichen nach-
Die Erfolge bei Oberarmexartikulierten stehen hierbei wesentlich
zurück. Sowohl diejenigen, welche über Brustkanäle verfügen, als die
mit Schulterzug ausgerüsteten (indirekte Kraftquellen), ei reichen durch-
schnittlich diese Leistungen nicht.
Die Doppeltamputierten (D.A.) können die Brauchbarkeit
einer Prothese am besten beurteilen. Sie sind doch auf ihre Kunstglieder
ausschliesslich angewiesen. Von 14, bei denen ich eine Nachuntersuchung
vornehmen konnte, waren 10 mit ihren Prothesen beiderseits zufrieden,
3 nur mit der Prothese der einen Seite und 1 war nicht zufrieden
(Absonderung der Kanäle). 9 D.A. tragen beiderseits die Kunstlieder
regelmässig, 3 nur die rechtsseitige Prothese; weitere 2 tragen sie un¬
regelmässig (einige Tage in der Woche). Die beiden letztgenannten
sind beidseitig Unterarmamputierte; einer davon ist gänzlich erblindet
und taub; der andere klagt über seine Kanäle (Absonderung).
12 D.A. sind beruflich tätig, und zwar benutzen 9 dabei die beider¬
seitigen Prothes.n und 3 nur die rechtsseitige. 2 arbeiten nicht; diese
beiden sind der erwähnte Blinde und der D.U.A., der wegen Beschwerden
der Kanäle sein Ersatzglied nur unregelmässig gebrauchen kann. Wir
sehen auch hier, dass Arbeitsleistung und Prothesentragen memander-
Der Umfang der geleisteten Arbeit wurde von den 12 arbeitenden
DA. wie folgt angegeben. 5 leisten sie ganz; dem ,^eIu*L\ naA s'nd
sie: Bankbeamter (D.U.A.), Krankenhausangestellter (D.O.A.), 2 Boten
(rechts U.A., links O.A. und D.O.A.), Pförtner (D.U.A.X 5 schätzen
ihre Arbeit als halb ein, und zwar 2 Kaufleute (beide D.U.A.), 1 l ele-
phonist (r. O.A., 1. U.A.), 1 Agent (D.U.A.) und 1 Beamter (r. U.A ,
1. O.A.). Als gering bezeichnen 2 weitere D.A. ihre Leistungen, und
zwar 1 Krankenkontrolleur (r. U.A., 1. O.A.) und 1 Bäckermeister (D.U.A. ).
Der Wert dieser statistischen Untersuchungen kann erst durch einen
Vergleich mit ähnlichen Nachforschungen über die anderen Handmooelle
(Lange, Carnes usw.) hervortreten. Solche liegen bisher nicht vor.
Dagegen verfügen wir über eine grosse Zahl allgemeine Mitteilungen
aus den Kreisen der Versicherungsgesellschaften und der Beiuis-
genossenschaften, aus denen hervorgeht, dass die gewöhnlichen Lisa.z-
glieder in der Praxis eine sehr bescheidene Bedeutung haben. A s
Ergebnis einer Nachuntersuchung im Rheinland über 356 ralle
konnte H orion 1916 feststellen, dass nur ein kleiner Teil der Ampu¬
tierten noch eine Prothese trugen. Im Jahre 1918 teilte v. Eisels-
berg mit, dass die in Oesterreich für die arbeitende Stadtbevölkerung
angefertigen Prothesen meistens wieder zur Seite gelegt waren.
Gegenüber diesen Erfahrungen bedeuten die Erfolge der S a u e r -
b r u c h sehen Kunsthände einen erheblichen Fortschritt. Etwa /1 der
Amputierten trägt sie auch noch nach Jahren ständig. Damit allein
schon wäre ihre Nützlichkeit erwiesen. Denn das, Endurteil .iibei die
Brauchbarkeit liegt weder beim Arzt noch beim Techniker, sondern nur
bei den Kranken. Bringt die Prothese den Invaliden keinen Vorteil,
so wird sie nach kurzer Zeit wieder abgelegt.
arm 3 kg; die Hubhöhe muss bei Operationsstümpfen mindestens 2
bei Unterarmstümpfen an der Beugeseite VA cm, an der Strecfol
1 cm betragen. In der Regel wird weit mehr erreicht, obwohl
Arbeitsleistung der einzelnen Stümpfe sehr versch‘^^n ‘st , Üe‘(
günstigen Stümpfen können die Amputierten Gewichte von 10-21
mit ihrer Spitzgreifhand fassen, halten und hochheben.
Auch nach gelungener Operation kann durch schlechte Austuhi
des Ersatzgliedes der Erfolg beeinträchtigt werden. Falsche Stel
der künstlichen Gelenke, drückende Bandagen, ungenügender Sitz
Lederhülse sind neben mangelhaftem Bau die Ursachen der Unbra
barkeit des Ersatzgliedes. , , . ,
Sehr zu bedauern ist, dass sich die Kritiker des Verfahrens mehr
auf durchaus unzulängliche eigene Erfahrung und auf durch rehk
Operation und Technik bedingte Misserfolge anderer stutzen Aul
Tagung der D. Gesellsch. f. Orthop. im Jahre 1921 berichtete Ros
f e 1 d, dass nach seiner Erfahrung die Saue r b r u c h - Prothesen 111
10 Proz. der Fälle getragen wurden. Wie wir durch Nachfrage bei
selbst festgestellt haben, handelte es sich urn eine Nachuntersuchuni
17 Amputierten; davon sollen 2 mit ihrer Prothese zufrieden sein
sie regelmässig tragen. Wir haben diese Angaben R o s e n f e 1 d s s
nachgeprüft. Unter diesen 17 befinden sich nur 6, welche in Mun
oder Singen operiert waren und dort ihre Prothesen bekommen liai
Von diesen 6 ist, ausser den 2 oben erwähnten, noch ein dritter
zufrieden; ein vierter, Doppeitamputierter, trägt die rechtseitige
these und ist damit zufrieden, die linke gebraucht er nicht. _ Anmu^
sind nicht zufrieden. Von denjenigen, welche die Prothese tr<
haben sich 2 sogar eine grosse Geschicklichkeit erworben; der
benutzt die Kunsthand beim Klavierspielen; der zweite, ein Arzt n
u. a. Lumbalpunktionen und intravenöse Injektionen, hur die 6 in Mur
und Singen Operierten ergibt sich somit, dass in etwa 60 rioz
künstliche Hand benutzt wird (wenn es überhaupt angebracht ist
derartig kleinen Zahlen Prozente auszurechnen). Die 11 andere
Operierten haben wir nicht nachuntersucht; nach Rosentelü
darunter keiner sein, der mit der Prothese zufrieden ist.
Die Mitteilungen von Rosenfeld beweisen somit gar mehl;
oder gegen den Wert des Verfahrens; sie bestätigen aber unsere
fahrungen, dass leider ott sowohl Operation als Prothes
bau schlecht a u s g e f ü h r t werden. Auch B 1 e 11 c k e
neuerüings hervor, dass Missenolge nicht an der Operation als so
sondern -lediglich an der nicht zweck- und sachgemässen Ausful
derselben liegen. Die an sich für einen ausgebildeten Chirurgen
schwierige Operationstechnik scheint aber von vielen Unberu
nicht sachgemäss angewendet worden zu sein. Auch die so
tige Vor- und Nachbehandlung wird zu wenig beachtet und
in zweckmässiger Weise durchgeführt. Von Sauerbrucn
Stadler wurde darauf mehrfach hingewiesen. Anschutz is
Meinung, dass die Operation zwar einfach erscheint, aber es in I
lichkeit nicht ist. In der letzten Auflage der Operationslehre (t
Braun Kümmell) hebt W Müller hervor, dass nur nac
nügender Vorkenntnis zur Ausführung von kineplastischen Operat
geschritten werden soll, wenn man sich grosse Enttäuschungei,
sparen will.
Diesen günstigen Ergebnissen bei unserem eigenen grossen Material
stehen leider einzelne Misserfolge sonstiger Operateure gegenüber. So
verfügten von den Invaliden, welche anderweitig operiert und zur An¬
fertigung einer Prothese nach München geschickt wurden, nur etwa
*/, über brauchbare Kanäle (Bestelmey er). Bei den übrigen waren
erneute Operationen notwendig. Teilweise lagen die Kanäle in falschen
Muskelgruppen oder sogar ausserhalb der Muskulatur. Teilweise waien
Kraft und Hubhöhe der gebildeten Kraftquellen ungenügend, so dass
irgendwelche Leistungen von der künstlichen Hand kaum erwartet
werden konnten. Das trifft auch für die uns überraschenden
Zahlen der Prüfstelle in Berlin zu. Als Mindestforderung an
Kraft stellen wir für den Oberarm 4 bis 5 kg, für den Unter-
Ich habe vei sucht, in kurzer Fassung die Meinungen unserer
puderten aus München und Singen über den Wert der Sauerbri
sehen Operation und Prothesen wiederzugeben. Es ist nur das Wf
lichste aus den manchmal recht ausführlichen Mitteilungen hc
genommen. Nicht nur wurden mehrfach von den Operierten Vorsc
für technische Verbesserungen und Abänderungen, welche wir
prüfen werden, sondern auch sehr bemerkenswerte Einzelheiten
den Gebrauch der Kunsthand und über ihre feineren Leistungen,
die neuen Arbeitsprothesen usw. mdtgeteilt. . _ -1»
Durch die erzielten ausserordentlich günstigen praktischen r
nisse hat sich die willkürlich bewegliche Kunsthand nach Sa
bruch vollauf bewährt. Bis jetzt kann kein anderes Systen:
artige Erfolge aufweisen. Diese sind nur dadurch möglich gev
dass die Kraftquellen für die Prothesen vollkommen pbysiok
arbeiten. In den Veröffentlichungen von Bethe, ten Horn, V
gutli u. a. ist auf den physiologischen Wert der Methode hingew
Die feineren Leistungen der Amputierten sind geradezu erstaunlich
sind bei geschlossenen Augen völlig orientiert über Stand und
welche der Kunstarm einnimmt. Gewichtsabschätzungen waren 1
einem Unterschied von g noqh möglich. Die Ausführung von
bewegungen beruht nicht auf der Hautsensibilität des Stumpfes
der Kanäle, denn nach Ausschaltung dieser Empfindung bleibt di
wegungssicherheit gleich, sondern die Steuerung der Prothese
in erster Linie von der tieferen Sensibilität, dem Muskelgefur
Als wundervollste Aeusserung dieser sensiblen Steuerung, als
Koordination der benutzten Muskeln, sind wohl die Erfolge beim
wurf anzusehen; die Treffsicherheit mit der Prothese erreicht fa
von gleichseitigen gesunden Armen.
Ein Fortschritt der letzten Zeit ist die Einführung willkurln
wegbarer Arbeitshände. Die bisherigen Muster, die mit v;
Mängeln behaftet waren, sind ausgebaut und zum Teil grünes
umgestaltet worden. Naturgemäss brauchen an sich schon v
Amputierte gerade Arbeitsprothesen; infolgedessen sind unsere
rungen noch gering. Immerhin liegen bereits befriedigende A
rungen von Vertretern mehrerer Berufe vor. Näheres hierübe
die zweite Auflage der „Willkürlich bewegliche künstliche
bnilSDas Problem der willkürlich beweglichen Hand ist noch keine
zum Abschlüsse gekommen. Fortschritte sind von neuen Konstrui
'ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
233
I der Prothese zu erwarten. Auch die Verwertung der hergestellten
| tquellen erfordert besondere Beachtung. Man kann aus einer
pe von Synergisten Muskeln herausnehmen und diesen eine funk-
I die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit verschaffen (Muskel-
nziation). Es erscheint auch durchaus möglich, einen einzelnen
cel in zwei voneinander unabhängige Teile zu zerlegen (innere
rziation). Unsere Feststellungen sollten die Aerzte von der Not-
ligkeit überzeugen, den Amputierten häufiger als bisher geschehen
willkürlich bewegbare Ersatzglieder zu verschaffen.
Von seiten der Invaliden wird man kaum auf Widerstand
n die Kanaloperation stossen: eine Unterredung des Ampu-
?n mit einem Prothesenträger genügt, um ersteren von den
eilen zu überzeugen. Diese Aufklärung und Beratung durch
erte Kameraden haben wir in München und Singen grundsätzlich
stets mit Erfolg durchgeführt ,
der Univ.-Kinderklinik Graz. (Vorst.: Prof. Hamburger.)
iber eine modifizierte perkutane Tuberkulinprobe.
Von Dr. Paul Widowitz, I. klinischer Assistent.
Die Frage nach der Brauchbarkeit der Tuberkulinisierungsmethoden
iagnostischen Zwecken ist eine Frage der Verlässlichkeit, der all-
binen Anwendbarkeit und der Handlichkeit. Für Spitalszwecke ist
rdiglich eine Frage der Verlässlichkeit, ln allen jenen die Zahl
iviegenden Fällen, wo wir gezwungen sind, die Tuberkulinisierung
dem Rahmen des Spitals in die allgemeine Praxis hinauszutragen,
i en wir von der Methode ausserdem noch die Anwendbarkeit und
; lichkeit fordern. Der allgemeinen Anwendbarkeit der verläss-
i Methoden der Stichreaktionen und der Kutanreaktion stehen die
|u vor der Injektionsnadel und dem Impfbohrer im Weg. Den bei-
etzten Forderungen nach Anwendbarkeit und Handlichkeit schien
illem die Morosche Perkutanprobe Genüge zu leisten. Leider
: die bisherige Erfahrung, dass ihre Verlässlichkeit hinter die
•en Methoden zu stellen ist. Es bedeutet daher einen Fortschritt,
[durch Hamburger und Stradner mit dem eingeengten
rkulin (M.m.W. 1919/16) der Verlässlichkeitsgrad wesentlich erhöht
e. Jedoch blieb die Verlässlichkeit des konzentrierten Moros noch
j:r hinter denen der Stichmethoden zurück. Von diesen Gesichts-
Üen aus befrachtet, schien also die vor kurzem angegebene F e e r -
Papierprobe allen drei Anforderungen zu genügen und somit die
te Aussicht auf allgemeine Anerkennung zu besitzen (M.m.W. 1921
3). Denn die Verlässlichkeit und Handlichkeit ist auf Grund der
r sehen Angaben über jeden Zweifel erhaben. Jedoch für die
meine Anwendbarkeit wird in der Praxis das übel beleumundete
ürgelpapier, mit dem das Individuum zur Setzung des Impf-
nas geschmirgelt werden soll, sicherlich ein Hindernis sein. Aus
m Grunde kann ich die Papierprobe solange nicht als Methode
Vahl bezeichnen, solange nicht erwiesen ist, dass die von mir an-
iene Modifikation der perkutanen Methode mit äusserst eingeengtem
berkulin unverlässlicher als die Papierprobe ist. — Es ist dies eine
ode. die auf unserer Klinik schon seit einem halben Jahr geübt
an 200 Fällen erprobt ist und die den bisherigen Mangel derÜnver-
chkeit durch einen den Stichmethoden gleichzusetzenden Verläss-
ütsgrad beseitigte. Die Methode selbst ist das Ergebnis von
hiedenen Erfahrungen, die ich gelegentlich der Studien über die
,’hbarkeit der Pirquetschen Kutanreaktion gewonnen habe.
Ergebnis dieser Studien war die Festlegung bestimmter technischer
sen, mit deren Beobachtung oder Vernachlässigung die Verläss-
iit der Kutanreaktion steigt oder fällt. Fs wird einer weiteren
t Vorbehalten sein, auf jenen Umstand näher einzugehen, der die
sslichkeit der Kutanreaktion bedeutend erhöht. Für heute will ich
damit begnügen, die theoretischen Erwägungen, die zu der Mo¬
tion der perkutanen Methode führten, zu übermitteln und die Aus-
ig der Probe selbst bekanntzugeben.
-s lag nahe, den Grund der Un Verlässlichkeit der klassischen
o sehen Probe in dem Umstande zu suchen, dass die Reaktion als
'rovokation einer spezifischen Foliikulitis in erster Linie die Zu-
ichkeit der Hautfollikel voraussetzt. Und nachdem diese Zugäng-
dt in .einer grossen Zahl von Fällen durch ätherlösliche Sekrete
algdriisen behindert ist, so fiel mein nächster Gedanke auf den
■r, der den Zugang für das Tuberkulin freizumachen hat. Weiters
ich aus den Studien über die Brauchbarkeit der Kutanreaktion
'(fahtung gewonnen, dass eine durch Hyperämisierung erzielte
bilisierung der Applikationsstelle viel zum Gelingen der Reaktion
gt. Und auch dieser Forderung trägt der Aether insoferne Rech¬
ts er in seiner reaktiven Wirkungsphase auf eine Gefässver-
ung eine Gefässerweiterung folgen lässt und somit durch Hyper-
erung sensibilisiert. Als Prädilektionsstelle für die Anstellung der
tion erwies sich auch mir das obere Ende des Sternum, woselbst
efässversorgung eine entsprechende ist und die harte plane Unter¬
es Knochens einen guten Reibwiderstand gibt. Wenn wir diese
ment* ins Auge fassen (Verwendung von Tuberkulin, das auf Ge-
skonstanz eingeengt wird, Entfettung der Haut, Sensibilisierung der
lektionsstelle), so ergibt sich die Beschreibung der Methode von selbst
olgt : Mit einem in Schwefeläther getauchten Tupfer reibt man über
kranialen Teile des Sternum in einem Durchmesser von ungefähr
durch eine halbe Minute die Haut, indem man mehreremale den
'rin der Hand eine andere Stellung einnehmen lässt. Dann wartet
eine weitere halbe Minute, bis sich die der Vasokonstriktion fol¬
gende Dilatation durch Rötung der Haut kundtut und trägt nun auf
diese Stelle mittels Glasstab einen Tropfen von eingedicktem Alttuber¬
kulin auf. Man reibt nun die Tuberkulinmenge solange mit der Finger¬
beere, bis sie unter sich trockene Haut verspürt. Beim Verreiben des
Tuberkulins achte man darauf, dass der Finger nicht leer reibt, was
durch Einbringung des immer wieder an die Peripherie gravitierenden
Tuberkulins in die Kreismitte geschieht. Die Reaktionsäusserung ist
am besten am 2. oder 3. Tage abzulesen. Eine traumatische Reaktion
wurde nie beobachtet.
Diese Methode, die unter Wahrung dieser technischen Kautelen
allen drei Eingangs gestellten Forderungen Genüge leistet, will ich
modifizierte Perkutanprobe nennen und' sie zur kritischen Nachprüfung
übermitteln.
Von Dr.Karl Ste rn , Facharzt f. Hautkrankheiten in Fürth i.By.
Unter den Krankheiten, die sehr schwer zu heilen sind, rangiert
das Ekzem mit an erster Stelle.
Während es einesteils Fälle von Ekzem gibt, bei denen es kinder¬
leicht ist, eine rasche Abheilung zu bewerkstelligen, ist andererseits
die Anzahl von Ekzemfällen nicht gering, die entweder nur sehr lang¬
sam und schwer abheilen, oder überhaupt nicht heilen wollen, und so
der grössten Mühe und Sorgfalt des behandelnden Arztes viele Monate
trotzen können.
Es ist entschieden das Verdienst von Hilgermann1). neue
Bahnen in der Ekzembehandlung eingeschlagen zu haben. Von der
Annahme ausgehend, dass das Ekzem durch eine bakterielle Infektion
hervorgerufen werde, sei es nun direkt durch bakterielle Erreger
(Staphylokokken. Stäbchen. Pilze), oder sei es. dass die Bakterien sich
erst sekundär in dem beschädigten Ekzemgewebe ansiedelten und da¬
durch die Heilung des Ekzems verhinderten, behandelte Hilger-
mann die Ekzeme mit Vakzine, und zwar verwandte er eine Auto¬
vakzine, die aus den Ekzemherden selbst hergestellt wird, zur Hei¬
lung der Ekzeme. Er züchtete zu diesem Zweck den Inhalt geschlosse¬
ner Ekzemherde (Eiterbläschen, Pusteln), oder, wenn keine geschlos¬
senen Ekzemherde vorhanden waren, Schuppen- oder Borkenteile, und
stellte daraus eine fertige Vakzine (Autovakzine) her. Mit dieser Auto¬
vakzine hatte nun Hilgermann grossartige Erfolge. Chronische
Ekzeme, die monate-, ja jahrelang nicht abheilten, verschwanden voll¬
ständig nach der Behandlung (Injektion) mit Autovakzine.
Ob nun Hilger man ns Theorie zu Recht oder Unrecht besteht,
so ist doch sicher, dass er in schweren Fällen von Ekzem, die auf keine
Behandlung zurückgehen wollten, mit Autovakzineinjektionen Heil¬
erfolge erzielte. Nun ist die Behandlung mit Autovakzine nur in einer
Klinik durchführbar. Mit der Züchtung der Bakterien, der Herstellung
der Vakzine kann sich der praktische Arzt nicht abgeben: selbst wenn
ihm ein bakteriologisches Laboratorium zur Herstellung der Auto¬
vakzine zur Verfügung stände, würde die Entnahme von Sekretinhalt
(Eiter. Schuppen etc.) und ihre Züchtung soviel Zeit in Anspruch
nehmen und wäre mit so viel Umständen verbunden, dass nur die
wenigsten praktischen Aerzte sich damit abgeben könnten.
In der Praxis kann der praktische Arzt nur eine fertige Vakzine
brauchen, die er jederzeit so wie ein anderes Präparat (z. B. Lö¬
sungen etc.) einspritzen kann.
Ich habe nun versucht, mit Injektionen der Einheits-Mast-Staphylo-
kokkenvakzine „Staphar“2) dieselben Erfolge bei schweren Ekzemen
zu erzielen, wie sie Hilgermann bei der Behandlung mit Auto¬
vakzine hatte.
Fs ist mir gelungen, mit Staohar in vielen Fällen von schwe¬
rem Ekzem, die anderwärts nicht heilen wollten, sehr schöne Erfolge
zu erzielen. Es waren dies immer chronische, der äusseren Salben-
und Puderbehandlung trotzende schwere Ekzeme, die ich mit Staphar
behandelte. Am besten reagierten die impetiginösen und nässenden
Ekzeme auf Stapharinjektionen, während die chronischen mehr schup¬
penden, infiltrierten Ekzeme, und ebenso die seborrhoischen Ekzeme
nicht besonders reagierten. In folgendem will ich nun einige prägnante
Krankengeschichten anführen :
1. Herr A. L., 28% Jahre alt. An beiden Unterarmen, links mehr als
rechts, etwa hohlhandgrosse, rundliche, blassrosarote, stark nässende Ekzem¬
herde, die unscharf von der gesunden Haut begrenzt. sind. Der Rand beider
Herde ist etwas infiltriert und mit stecknadelkopf- bis halbbolmengrossen
Papeln, Bläschen und Pusteln bedeckt. Bisher ohne Erfolg 2 Jahre lang
mit Salben, Puder und Pasten behandelt worden. Auf 3 malige Injektion mit
Staphar (im Zeitraum von 3 — 5 Tagen), ohne sonstige äussere Behandlung,
verschwindet das Ekzem vollständig.
2. Frl. A. T., 20 Jahre alt. Die Haut beider Unterschenkel an den Vor¬
derflachen ekzematös entartet. Das Ekzem nässt stark, hat gelbliches Kolorit
und ist mit gelbroten dicken Borkenmassen bedeckt. Das Ekzem ist bisher,
1 /•< Jahre lang, mit Salben und Pasten ohne jeden Erfolg behandelt worden.
Nach 4 Staphariniektionen, ohne dass eine andere äussere Behandlung statt¬
findet. heilt das Ekzem vollständig ab.
3. Herr E. B., 50 Jahre alt. Ekzem des Afters, seit 3 — 4 Jahren am
After ein stark nässendes, juckendes und den Kranken furchtbar quälendes
Ekzem. Ohne dass eine andere Behandlung stattfindet, wird er von mir nur
mit Staphar behandelt. Nach ungefähr 10 Stapharinjektionen, im Zwischen¬
raum von jedesmal 3 Tagen ist das Ekzem bedeutend gebessert, das Nässen
*) M.m.W. 1921 Nr. 23. Hilgermann: Die Therapie und Aetiologie
der chronischen Hautekzeme.
2) Einheits-Mast-Staphylokokkenvakzine nach Prof. S t r u b e 1 1, her¬
gestellt von der Deutschen Zelluloidfabrik in Eilenburg i. S.
Die Behandlung des Ekzems mit Vakzine unter besonderer
Berücksichtigung der Maststaphylokokkenvakzine Staphar.
234
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N
ist vollständig verschwunden und um den After nur ganz geringe Rötung mit
mässiger Schuppung vorhanden. — Wenn in diesem Falle auch keine voll-
ständige Heilung durch Stapharinjektionen erreicht wurde, so wurde doch
immerhin eine solche Besserung erzielt, dass das Nässen aufhorte und der
Kranke, der vorher vor Jucken und Brennen nicht schlafen konnte, nunmehr
nachts seine Ruhe hatte. . , , , , .
4. Junge A. Sp., 12 Jahre alt. An beiden Unterschenkeln ein akutes
Ekzeni, das am Rande von impetiginösen, erbsen- bis halbkirschgrossen Her¬
den, untermischt mit mhereren Furunkelchen begrenzt wird. Nach 2 Staphar¬
injektionen sind sämtliche etwa kirschgrosse Furunkeln verschwunden, ebenso
die impetiginösen und ekzematösen Herde, ohne dass eine äussere Behand¬
lung stattgefunden hätte. . . . , p.
5. Frau B. W„ 47 Jahre alt. An beiden Handrücken ein chronisches Ek¬
zem. Ergriffen sind ausser den Handrücken sämtliche Finger. Bisher erfolg¬
los mit Salben und Pasten behandelt worden; dabei besteht starkes quälendes
Jucken. Ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hätte, tritt nach
5 Stapharinektionen von je 1,0 vollständige Heilung des Ekzems ein.
6 Frau E. R„ 36 Jahre alt. An der rechten Hand am Daumen und Um¬
gebung ein chronischer, etwas nässender, hellroter Ekzemherd von etwas
über Fünfmarkstückgrösse. Bisher erfolglos mit Salben und Pasten behandelt
worden; ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hätte, tritt nach
4 Stapharinektionen ä 1,0 vollständige Heilung ein.
7. Herr H. M., 58 Jahre. Beide Unterschenkel von handtellergrossen
Ekzeniherden ergriffen, untermischt mit mehreren bohnen- bis kirschgrossen
Furunkeln und Impetigo-simplex-Herden. Nach 3 Stapharinjektionen von 1,0
findet, ohne dass eine äussere Behandlung stattgefunden hatte, eine voll¬
ständige Heilung der Furunkeln, der Impetigo-simplex-Effloreszenzen und fast
sämtlicher Ekzemherde statt. .
8. F r a u A. B., 51 Jahre alt. An beiden Unterschenkeln starke Krampf¬
adern und mehrere zweimarkstückgrosse bis handtellergrosse Ekzemherde,
dazwischen kirschgrosse Furunkeln und einige etwa talergrosse Unterschen¬
kelgeschwüre. Bisher erfolglos mit allerlei möglichen Salben und Pasten be¬
handelt worden. Nach 10 Injektionen, ohne äusserliche Behandlung, sind
die Ekzemherde und Furunkeln ganz verschwunden, die Unterschenkel¬
geschwüre bis auf etwa 3 vollständig abgeheilt. Letztere sind vollständig
gereinigt, am Geschwürsgrund schöne Granulationen, so dass zu erwarten ist,
dass die Geschwüre baid ganz verschwinden.
Bei 8 Fällen von Ekzem wurde also nur mit Staphar allein ein
schöner Heilerfolg erzielt. , _ , .....
Erwähnen möchte ich noch 3 Fälle von Ekzeni der Extremitäten
(teils obere teils untere Extremitäten), wo mit Staphar nur eine ge-
ringe Besserung erzielt wurde. In 3 Fällen von Ekzem (1 Fall von Oe-
sichtsekzem und 2 Fälle von Oberschenkel- und Unterschenkelekzem)
trat auf Staphar nicht nur keine Heilung ein. sondern nicht einmal
eine Besserung.
ln 8 Fällen also erwies sich das Staphar als ein glänzendes Mittel
zur völligen Ausheilung von Ekzemen. Dabei ist zu bemerken, dass
die Hauptdomäne des Staphars Furunkulose und andere septische Er-
krankungen darstellen, wo der Staphylokokkus ätiologisch die Haupt¬
rolle spielt. . .
Ein universelles Heilmittel für Ekzeme ist das Staphar^ nicht, je¬
doch gelingt es in einer ganzen Anzahl von Fällen von Ekzem, die
viele Monate, ja selbst Jahre ohne Erfolg mit äusseren Mitteln (Sal¬
ben, Pasten, Pudern) behandelt wurden; nur mit Staphar allein eine
schöne Heilung zu erzielen.
Dass Misserfolge Vorkommen beweist gar nichts und spricht nicht
gegen die Güte des Präparates; auf jeden Fall ist das Staphar sehr zu
empfehlen.
In Fällen von schwerem Ekzeni, wo absolut kein Fortschritt zu
verzeichnen ist, empfiehlt es sich, mit Staphar eine Behandlung ein¬
zuleiten und in vielen Fällen wird es sich mehr als lohnen.
Ist natürlich auch vom theoretischen Standpunkt aus die Behand¬
lung mit Autovakzine das Ideal, so wird doch in der allgemeinen
Praxis die Behandlung mit Staphar angebracht sein, da die Behandlung
mit Autovakzine in die Klinik gehört. Auf jeden Fall sollte man bei
sehr schweren Fällen von Ekzem, die absolut nicht vorwärtskommen
wollen, nicht versäumen, Staphar anzuwenden.
Erwähnen möchte ich noch, dass in einigen Fällen, wo mit Staphar
eine schöne Heilung erzielt wurde, vorher nicht nur das Ekzem er¬
folglos mit Salben und Pasten, sondern auch mit Röntgenstrahlen be¬
handelt wurde.
Die Injektionen selbst werden anstandslos ausgezeichnet vertragen,
sind nahezu schmerzlos und verursachen fast keine Infiltrate.
Literatur.
1. Ueber Staphar (Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine) von Prof. Dr.
A. Strubel. D.m.W. 1919 Nr. 38. — 2. Ueber Erfahrungen mit Staphar
(Mast-Staphylokokken-Einheitsvakzine nach Prof. S t r u b e 1 1) auf Staphylo¬
kokkeninfektionen mit " besonderer Berücksichtigung der Einwirkung auf
venerische Bubonen von Dr. Georg Krebs in Leipzig. D.m.W. 1920,
Nr. 18. — 3. Erfahrungen mit Staphar von Dr. Ferdinand Rosenberger
in Hamburg. D.m.W. 1920, Nr. 49. — 4. Ueber die Behandlung von Pyo¬
dermien und ähnlichen Affektionen mit Staphar (Mast-Staphyiokokken-Einheits-
vakzine nach Strubel!) von Prof. Dr. E. G a 1 e w s k y in Dresden.
Derm. Wschr. 1920, 71. — 5. Erfahrungen mit Staphar (Mast-Staphylokokken-
Einheitsvakzine) nach S t r u b e 11 von Stadtarzt Dr. D i e n e m a n n- Dresden.
Ther. d. Gegenw. 1921.
Von Dr. O. Muck in Essen.
Vermeidung störender Reflexbewegungen bei Eingriffen
im Schlund.
nügt oft schon der Anblick des einzuführenden Zungenspatels,
Würg- und Hustenreflexe auszulösen. Auf Sondierungsversuche s
eine Schleim- und Speichelsekretion ein von seiten des zu Ui
suchenden, der durch Aussnucken der Sekrete den Arzt sich vork
vom Leib hält. Nimmt er sich „zusammen“, d. h. der I atient, so
fährt er folgendermassen: Er atmet tief ein; um bei weiterer Ut
suchung den Spateldruck zwar zu dulden, dafür aber die übermas
Inspirationsluft, nach Sprengung der Stimmritze, mit laut dröhnen
Fxspirationsgeräusch, meist unter Würg- und Brechbewegungen,
samt den Sekreten am Kopf des beweglichen Untersuchers vorbei
zustossen. Das Bild wird bunter bei operativen Eingriffen, z. B. bei
Tonsillektomie, auch wenn sie schnell ausgeführt wird und trotz
Anästhesie. . , , , ,, „
Wem ist dieser unerfreuliche Hergang nicht bekannt ? Der Kr;
sagt: „Ich kann nichts dafür.“ Er hat recht.
Gibt man dem Kranken aber folgende Anweisung, so bleibt
Ans- und Anhusten und Würgen, das an den vomitus matutinns
Studenten aus der Vorkriegszeit erinnernde Würg- und Brech
geräusch aus und die Untersuchung und Behandlung kann ruhig
statten gehen. Wenn* nämlich yor der Untersuchung der Kranke
gefordert wird, auf eine kurze Inspiration hin möglichst tief a
z u a t m e n und dann unter Stimmritzenschluss den A t e m a n zu 1
t e n, so wird man erstaunt sein, wie leicht auch grössere. Eingriffe,
Ausschälung der Tonsille, vor sich ^ehen. Zweckmässig macht
dem Kranken vor, wie er sich zu verhalten hat. Hat er das Bedö
zu atmen, so kann bei dem Residualluftgehalt der Lunge nur eine
s p i r a t i o n. oder schwache Exspiration eintreten. Das Prusten. 1
gen und Brechen bleibt aus. Eine Blutaspiration ist nicht zu fure
Ein weiterer Vorzug dieser einfachen Massnahme ist, dass
Blutung auffällig gering ist wegen der fehlenden venösen Stauun.:
Kopf. Auf diese Weise gelang es mir beispielsweise, ein luihn
grosses Sarkom der Gaumenmandel ohne nennenswerte Blutung
paratorisch zu entfernen bis auf die Kapsel, vor de l die Geschv ulst
machte. j«
Mit der Mitteilung dieses Vorgehens glaube ich dem Leser <
Wink zu geben, den er dankbar begrüssen wird. Er scheint mir
zu sein. In Lehrbüchern finde ich nicht darauf hingewiesen, .-ffi
habe ich nicht davon, aber das Verfahren ausprobiert.
Psychogenes Fehlen der Zeigereaktion.
(Ein Beitrag zur Hysterie des Vestibularis.)
Von Dr. Bruno Qriessmann,
Hals-, Nasen- und Ohrenarzt in Nürnberg.
Untersuchungen und operative Eingriffe im Schlund (in Frage kommt
in vorliegendem Fall vornehmlich die Gaumenmandelgegend) werden
häufig erschwert oder vereitelt schon bei der einfachen Mundinspek¬
tion. Bei erregbaren Kranken — in der Jetztzeit die Mehrzahl — ge¬
Unter dem Namen der Bä räny sehen Zeigereaktion (Zf.)
steht man die Tatsache, dass bei einseitiger künstlicher Erreguni
Vestibularisendapparate eines normalen Labyrinths durch Drehung
Kalorisation in der dem Nystagmus entgegengesetzten Richtung
beigezeigt wird. Die Umdrehung auf dem Drehstuhl bewirkt iiach
halten der Drehung Vorbeizeigen beider Extremitäten in der Dreh
tung. Bei Kaltspülung eines Ohres wird nach der Seite des ausgti
ten Ohres vorbeigezeigt. -j I
Hysterische Gleichgewichtsstörungen mit abnormem Verhalte;
Zeigeversuchs und der Zeigereaktion hat wohl jeder Otologe ,i
mehrfach beobachtet Gewöhnlich kann man aus der Anamnese b
auf die psychogene Grundlage des Leidens schliessen. Hört man
dass eine Kranke mit schweren Gleichgewichtsstörungen, die von
Zimmerecke zur anderen taumelt, zu Hause auf der Leiter steh
Vorhänge aufmacht, dann wird man leicht auf die richtige Diät
kommen. Trotzdem sind bei solchen Patienten, wenn sie uns
licherweise noch eine begleitende Mittelohreiterung aufweisen, m
mal energische operative Eingriffe, Radikal- und Labyrinthopera I
vorgenommen worden, ohne den erhofften Erfolg zu bringen. A
Ungesetzmässigkeit und W illkürlichkeit des '/Kjj
zeigens, besonders im gegenseitigen Verhalten der beiden Anne,
der in der Funktionsprüfung des Vestibularapparates Geübte rascll
psychogenen Charakter erkennen.
In der Regel nämlich besteht das hysterische Vorbeizeigen irt j
ganz unregelmässigen, ungesetzlichen Durcheinander, einer Ueb<!
bung des Zeigeversuches.
Die Hysterika zeigt nicht nur spontan, sondern auch nach Do
und Kalorisation öfter und intensiver richtig oder falsch ■ v
Brühls [l] Kranke zeigten einfach willkürlich nach aussen
innen, nach oben oder unten, ja sogar völlig kreisförmig.
Levkowitz \2] beschreibt einen Fall von Vestibularliy;
der eine schwere Läsion des Bogengangapparates mit Andeutung
Fistelsymptom und Meniereschem Symptomenkomplex vorspu
Seltener wird die Zeigereaktion psychogen unterdrückt, ge
und dadurch ein organisches labyrinthäres oder retrolabyrinthäre;
den vorgetäuscht.
Der folgende Fall ist in diesem Zusammenhänge von Inte
Witwe L. B„ 38 Jahre alt, Landwirtsfrau. Pat. ist niemals er
krank gewesen, hat 4 gesunde Kinder. Der Ehemann ist 1915 gt
jedoch hatte die Pat., da der Todesfall gerade in die Erntezeit fiel,
reichlicher Arbeit keine Zeit sich dem Schmerz hinzugeben. Vor 3
Grippe. Am 28. August 1921 rechtseitige, nichtperforative Mittelohre
düng. Angeblich mit „fürchterlichen Kopfschmerzen" verbunden. Seit
Zeit rechtseitige Schwerhörigkeit. Niemals Schwindel oder Gleichgee
Störungen. Auch auf dem linken Ohr nimmt seit 14 Tagen die S‘
hörigkeit zu, weshalb die Pat. einem Facharzt überwiesen worden i
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
235
Objektiver Befund: Mittelgrosse, grazil gebaute, etwas
iinische Frau. Innere Organe o. B. Nervensystem o. B. (Dr. S t e c k ei¬
ch e r). Trommelfelle beiderseits leicht streifig getrübt, sonst o. B.
G e h ö r p r ti f u n g: Rechts taub (geprüft mit B ä r ä n y scher Lärrn-
tnmel). Links Flüstersprache 3 m, Weber nach links, Knochenleitung links
rk verkürzt.
C 4. Luftleitung links stark verkürzt; obere Tongrenze links 13 000 Schwin¬
gen. Somit links das klinische Bild einer Innenohrschwerhörigkeit.
Statische Prüfung: Spontaner Endstellungsnystagmus nach bei-
Seiten; kein spontanes Vorbeizeigen; Romberg negativ, auch bei ver-
iedenen Kopfstellungen, kein Fistelsymptom.
Drehprüfung: 1. Drehnachnystagmus nach links Ny 20 Sek. Zr.
+, 1. 0. II. Drehnachnystagmus nach rechts Ny 25 Sek. Zr. r. 0, 1. 0.
itzdem jede Prüfung mehrfach wiederholt wurde und die Patientin etwa
nal ä 10 Drehungen gedreht wurde, zeigte sicli subjektiv kein Schwindel¬
nd und objektiv keine Fallreaktion.
Die Patientin wurde mit starken elektrischen Hochfrequenzströmen be-
delt und gab spontan an, dass sie sich darnach im Kopfe wesentlich
dchtert fühle. Nachmittags wurde die Drehprüfung wiederholt.
III. Drehnachnystagmus nach rechts Ny 25 Sek. Zr. r. 0, 1. +. Die
gereaktion im linken Arm war nur sofort nach dem Anhalten zu beobachten
l dauerte etwa 2 Sekunden lang; nachher wurde wieder richtig gezeigt.
Aus dem Vergleich der beiden Beobachtungen 1 und III zeigte sich, dass
ses Verhalten im Gegensatz zu unseren sonstigen Erfahrungen steht,
ttich [3] hat nachgewiesen, dass die Verbindungen vom Labyrinth zur
chseitigen Kleinhirnhemisphäre stärker sind als die gekreuzten Bahnen,
hätte somit beim Drehnachnystagmus nach links der linke Arm vorbei¬
gen und der rechte Arm richtig zeigen müssen.
Wie ich in einer anderen Arbeit nachgewiesen habe, sind die Ver¬
dungen zwischen Labyrinth und beiden Armen für jedes Labyrinth selb-
ndig. Das Ergebnis der Prüfungen I und III weist auf eine Schädigung
der gleichseitiger Bahnen hin, ein Befund, welcher nur relativ selten
kommt.
Es wurden, daher am nächsten Tage die Drehprüfungen in der Art
derholt, dass jedes Labyrinth für sich axial, d. h. konzentrisch, in die
hachse (Optimumstellung) eingestellt wurde, wodurch eine stärkere Er-
ung der Vestibularisendapparate des betreffenden Labyrinths erzielt wird.
IV. Drehnachnystagmus nach rechts bei conc. R. Labyrinth Ny 25 Sek.
r. +, 1. +. Die Zeigereaktion ist rechts nur sofort nach Anhalten
nur wenige Sekunden lang nachweisbar.
V. Drehnachnystagmus nach rechts bei konz. L. Labyrinth Ny 20 Sek.
r. 0. 1. +.
VI. Drehnachnystagmus nach links bei konz. L. Labyrinth Ny 27 Sek
r. +, 1. +.
VII. Drehnachnystagmus nach links bei konz. R. Labyrinth Ny 30 Sek
r. +, 1. 0.
Bei den Prüfungen IV. und VI. subjektiver Schwindel, während Patientin
V. und VII. fast nicht schwindlig wird.
Wenn wir mit Gii ttich annehmen, dass beim Rechtsdrehen
iptsächlich das linke Labyrinth und bei der Linksdrehung in erster
iie das rechte Labyrinth gereizt wird, so können wir aus den bis-
igen Beobachtungen der Drehreaktion auf eine Untererregbarkeit
; Vestibularapparates schlfessen, da erst die konzentrische Einstellung
■ jeweiligen Labyrinths in die Drehaxe eine vollkommene Zeige-
ktion beidef Arme ergeben hat.
Aus diesem Grunde wurde jetzt die kalorische Prüfung ange-
lossen.
Kalorisation:
VIII. Kalorisation linkes Ohr 5 ccm 27° H2O, Ny + Zr. r. 0, 1. +. '
IX. Kalorisation linkes .Ohr 10 ccm 27 0 H2O,’ Ny + Zr. r. +, I. +.
rechten Arm klingt das Vorbeizeigen rascher ab wie im linken.
X. Kalorisation rechtes Ohr 5 ccm 27 0 H2O, Ny + Zr. r. +. 1. +.
Auffallend ist die mehrere Sekunden lang dauernde Reaktionszeit bis zum
treten der Zr. Bei Versuch X tritt die Zr. links später auf wie rechts
verschwindet früher.
Die kalorische Prüfung mittels der Schwachreizmethode
-h Kobrak [5l ergibt somit eine normale, gesetzmässige Erreg-
•keit des Labyrinths und steht im Widerspruch mit der bei der
-hprüfung mittels konzentrischer Einstellung gefundenen Untererreg-
•keit. Der Verdacht auf die funktionelle Natur des Leidens stei¬
le sich zur Gewissheit. Die Kranke wurde kräftigen hochfrequenten
ömen ausgesetzt und darnach sofort eine Gehörprüfung ausgeführt:
Flüstersprache rechts und links 6 m. Obere Tongrenze beiderseits
400. Die am nächsten Tage vorgenommene Drehprüfung ergab zuerst:
.'hnachnystagmus nach rechts 30 Sek. Zr. r. 0, 1. 0. Auf suggestiven
■pruch hin, dass die Patientin zwar in Bezug auf das Hören geheilt sei,
s sie aber beim Drehen noch nicht genügend schwindelig werde, wurden
Drehungen nochmals wiederholt bis zu dem Ergebnis: Drehnach-
>tagmus nach links 25 Sek. Zr. r. +, 1. +. Drehnachnystagmus nach
hts 20 Sek. Zr. r. +, 1. +, wobei starker, nachhalter, subjektiver
rvvindel mit normalen Reaktionsbewegungen (Zeige- und Fallreaktion)
trat.
Bemerkenswert ist, dass die rein funktionelle Taubheit sofort ver¬
wand, während die für die Kranke praktisch unwichtigere hysteri-
ie Lähmung der vestibulären Reaktionsbewegungen sich bei der
Handlung als hartnäckig erwies.
Dass die Kalorisation sofort die normale Erregbarkeit beider La-
rinthe aufdeckte und damit die Diagnose sicherte, schreibe ich ihrem
'cnotherapeutischen Einfluss zu. Denn die Patientin gab spontan an,
'S sie sich nach der Spülung im Kopfe freier fühle.
Auch Kümmel |6l und Brühl haben durch kalorische Vestibu-
prüfung, bei der allerdings erheblicher Schwindel auftrat, Neurotiker
r'eilt. Man sieht aber, dass hiefür selbst so geringe Mengen wie
ccm Wasser von 27° Temp. ohne Schwindelerregung genügen,
erträglich teilt die Kranke apf Befragen und Vorhalt mit, sich vor
Wochen an dem heissen Eisen ihres Backofens derartig am linken
Vorderarm gebrannt zu haben, dass die Haut in Fetzen weghing. Sie
hat aber damals auffälligerweisc gar keine Schmerzempfindung ver¬
spürt.
Der vorliegende Fall ist in mancher Beziehung lehrreich. Es wird
der Beweis erbracht, dass tatsächlich eine Hysterie des Vestibularis
vorkommt, worüber bisher die Ansichten geteilt waren. Diese Form
der reinen Vestibularishysterie ist natürlich scharf zu unterscheiden
von jenen theatralischen Uebertreibungen, bei denen die objektive
Prüfung normales Verhalten der Labyrinthfunktion aufdeckt. Das psy¬
chogene Fehlen der Zeigereaktion nach der Drehung gehört in die
gleiche Kategorie der aufgehobenen Reflexerregbarkeit,
der funktionellen Anästhesie, wie sie uns bei der Hysterie geläufig ist.
v. Sarbö [7] vertrat die Auffassung, dass der Vestibularapparat
ausserhalb des Bereiches jeder Hysterie liegt. Andererseits versuchten
zahlreiche Autoren aus der Beobachtung des Nystagmus Schlüsse auf
die Ueber- bzw. Untererregbarkeit des Vestibularis bei hysterischen
Personen zu ziehen, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Denn es
ist eine bekannte Tatsache, dass beim Nystagmus eine erhebliche
individuelle Variante besteht und gerade neurasthenische und reizbare
neuropathische Personen sowohl mit dem Nystagmus als auch beim
Zeigeversuch aussergewöhnlich stark reagieren. Gü ttich [4] weist
umgekehrt darauf hin. dass bei apathischen und stumpfsinnigen Men¬
schen der Drehnystagmus oft verkürzt erscheint, ohne dass man bei
ihnen an eine hysterische Beeinflussung denken könnte.
Wichtig für das Verständnis der psychogenen Aufhebung der Re¬
flexerregbarkeit der Labyrinthfunktion sind die Untersuchungen von
Bauer und Schilder |8], welche der Versuchsperson sowohl Dreh¬
schwindel. als das Gefühl einer Eigendrehung von bestimmter Richtung
suggerierten, worauf in entsprechender Richtung vorbeigezeigt wurde.
Wir sehen somit die Zeigereaktion, welche zunächst eine rein
motorische Reaktion auf die Reizung der Vestibularisendapparate dar¬
stellt, einerseits auf psychischem Wege durch Hypnose und Suggestion
zustande kommen und andererseits wieder infolge psychischer Vor¬
gänge durch Hysterie aufgehoben. Parallel mit den vestibulären Re¬
aktionsbewegungen geht das subjektive Schwindelgefühl, welches ebenso
vollkommen psychogen unterdrückt werden kann.
Dieser Fall ist. soweit ich ersehen konnte, der erste in der Litera¬
tur, wo das Fehlen der vestibulären Zeige- und Fallreaktion nach
Drehung mit Sicherheit auf Hysterie zurückgeführt werden kann.
Literatur.
1. Brühl: Passow-Schaefer Beitr. 1918, 11. — 2. Lev-
kowitz: Zschr. f. Ohrenhlkd. 1920, 79, 3 u. 4. — 3. Gü ttich: Pat-
sow-Schäfer Beitr. 1919, 12. — 4. Güttic h: Passow-Schäfer
Beitr. 1918, 11. — 5. Kobrak: Prakt. Ohrenheilkunde 1918, — 6. Küm¬
mel: Passow-Schäfer Beitr. 11, D.m.W. 1918. • — 7. v. Sarbö:
Med. Kl. 1916 Nr. 38. — 8. Bauer und Schilder: W.kl.W. 1919 Nr. 19
sowie Bondy: Zschr. I. Ohrenhlkd. 1920, 80, l/2.
Ein Hilfsmittel zur Prüfung des Romberg sehen
Symptoms.
Von Dr. Hermann Goldbladt (Jekaterinoslaw-Ukraine).
Das hier von mir vorgeschlagene Hilfsmittel zur Prüfung des
Romberg sehen Phänomens ist höchst einfach und besteht in
Streckung beider Oberextremitäten nach vorne, nachdem in üblicher
Weise die Augen geschlossen und die Füsse fest aneinander gerückt
worden sind. Durch ein derartiges Verfahren werden bestehende Gleich¬
gewichtsstörungen sowohl organischen als funktionellen Ursprungs
(Tabes, progressive Paralyse. Kleinhirnaffektionen, Neurasthenie, trau¬
matische Neurose etc.) besonders deutlich zum Ausdruck gebracht.
Die Erklärung dieser Tatsache, d. h. der Verstärkung des R 0 m -
b e r g sehen Phänomens durch Vorstrecken der Oberextremitäten, ist
nicht schwer zu finden: hierdurch wird nämlich eine plötzliche Ver¬
lagerung des Körperschwerpunktes bewirkt, da der Rumpf etwas zurück¬
geworfen wird. Diese Schwerpunktsverlagerung tritt normaliter ent¬
weder überhaupt nicht oder als ganz geringfügige Körperschwankung
zutage. Liegen jedoch irgendwelche Gleichgewichtsstörungen vor, so
gelangen sie in viel stärkerem Masse zum Ausdruck als bei der —
dem Vorstrecken der Oberextremitäten vorangehenden — klassischen
R 0 m b e r g sehen Untersuchungsmethode.
Die O p p e n h e i m sehe Modifikation des Rombergschen Ver¬
fahrens, die bekanntlich darin besteht, dass man den Patienten sich bei
Augenschluss bücken und wiederaufrichten lässt, pflegt, nach meinen
Beobachtungen, in geringerem Grade als die von mir vorgeschlagene
Modifikation vorhandene Gleichgewichtsstörungen zu verstärken. Das
rührt wohl daher, dass beim Romberg-Oppenheim sehen Ver¬
fahren der Körper aus einer ungewohnten Lage in die Normalstellung
gebracht wird, bei der alsdann die Beurteilung der Körperschwankungen
erfolgt. In leichteren Fällen von Gleichgewichtsstörung scheint hierbei
die der normalen Vertikalstellung entsprechende, durch eingeschliffene
Nervenbahnen ausgelöste, übliche Muskelanspannung die Oberhand zu
gewinnen über die durch den. Wegfall der Augenkontrolle einerseits,
durch die Lageveränderung anderseits provozierte Gleichgewichts¬
störung.
Die vielfach empfohlene Modifikation des R 0 m b e r g sehen Phäno¬
mens, die im Hochheben eines Beines bei gleichzeitigem Augenschluss
besteht, bewirkt allerdings eine beträchtliche Steigerung dieses Phäno¬
mens, weil der Körper aus der normalen in eine ganz ungewöhnliche
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
236
Stellung gerät. Leider wird der Wert eines solchen Untersuchungs¬
modus dadurch geschmälert, dass selbst viele gesunde Menschen ein
derartiges Kunststück nicht iertigbringen, so dass man in dieser
Beziehung zu argen Trugschlüssen gelangen kann. (Wie sehr vei-
schieden die Qieichgewichtsvorrichtungen bei verschiedenen Individuen
funktionieren, lässt sich bei Glatteis beobachten: während manche Leute
auf Schritt und Tritt straucheln und sidh durch beständiges Balancieren
vor dem drohenden Fallen schützen, bewegen sich andere ruhig und
sicher auf der glatten Fläche fort.) . . , . D
Ueber das modifizierte Verfahren nach Dejerine, der bei rru-
fung des R o m b e r g sehen Symptoms den Patienten die Augen nicht
schliessen. sondern aufwärts, zur Decke richten lasst, tehlt mir die
Erfahrung. _
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Leipzig.
(Direktor: Geh. Rat v. Strümpell.)
Die Behandlung der B i er m ersehen Anämie.
(Bemerkung zu dem Vorschlag von Prof. Dr, W. Stoeltzner
in Nr. 48, 1921 dieser Wochenschrift.)
Von Dr. A. Adler, Assistent der Klinik.
In Nr 48 (1921) dieser Wochenschrift macht Prof. W. S t o e 1 1 z n e r
den Vorschlag, die Biermersche Anämie durch weitgehende Fett¬
entziehung in der Nahrung zu behandeln. Diese Behandlungsmethode
gründet Stoeltzner darauf, dass er annimmt, die perniziöse An¬
ämie könne bedingt sein durch eine hämolysierende Wirkung der
in der Nahrung enthaltenen Fettsubstanzen: „Nahrungsfettanamie .
Dieser Gedanke ist in der Literatur schon häufiger aufgetaucht und dis¬
kutiert worden. Die Untersuchungen von N o g u c h i (Journ. exp. med.
1 906. 8. 87), F a u s t und T a 1 1 q u i s t (Arch. exp. Path. u. Pharm. 1907.
57, 367), Lamar (Journ. exp. med. 1911, 13, 380). Shimazono
(Arch f. exp. Path. 1912, 65, 361), Meyerstein (D. Arch. f. klm. M.
1912. 105. 68), Sutherland und Mitra (Indian journ. med. re-
search 1917, 4, 698) über die Fetthämolyse und zuletzt noch die
Untersuchungen Glanzmanns aus der C z e r n y sehen pädia¬
trischen Klinik in 'Berlin (jahrb. f. Kinderhlk. 1916), der die hämo¬
lytische Anämie der Kinder direkt auf die hämolysierende Wirkung des
Milchfettes zurückführt. Ich habe nun in- grösseren Untersuchungs-
reihen diese 1 Frage von anderen Gesichtspunkten aus aufgenommen
und konnte zeigen, dass auf die essentielle Biermersche Anämie
diese Vorstellungen sicher nicht anwendbar sind.
Bekanntlich ist die Urobilinausscheidung durch die Fäzes als direk¬
ter Massstab für den Blutuntergang anzusehen. Robertson ),
Eppinger2) u. a. sehen sogar in der Messung der Urobilinausschei-
dung durch die Fäzes einen weit besseren Massstab für die
Erythrozytenvernichtung im Blute, als er in der Blutkörperchenzählung
und Hämoglobinbestimmung gegeben ist. Ich habe nun die Urobihn-
ausscheidung in den Fäzes serienweise bei normalen und kranken
Personen durch längere Zeit hindurch täglich untersucht und den Ein¬
fluss der Ernährung bei Gesunden und Kranken auf die Urobilinausschei-
düng geprüft. Es zeigte sich, dass das Fett die Blutzerstörung, nicht
nur nicht steigert, sondern offenbar einschränkt, dass hingegen tierisches
Eiweiss den Blutzerfall steigert.
Wochen und Monate hindurch fortgesetzte Urobilinuntersuchungen
zeigten in bezug auf die perniziösen Anämien alle in gleicher Weise
eindeutig, dass es nicht eine deletäre Wirkung der Fette sein kann,
die zu vermehrtem Blutzerfall führt. Vielmehr ergab sich in diesen
Fällen eine offenbare schädliche Wirkung des tierischen Nahrungs-
eiweisses. Ich werde in meinen Arbeiten auch einfache therapeutische
Massnahmen diätetischer Natur machen, die sich aber nicht auf die
deletäre Wirkung der Fette, sondern der tierischen Eiweissstoffe
Stoffe stützen.
Ich füge hier zur Illustration des Gesagten den Auszug aus einer
Untersuchungsserie bei einer perniziösen Anämie an, deren wir eine
Reihe besitzen:
Urin¬
menge
ccm
Urobilin
mg
Stuhl
Menge
g
Urobilin
mg
Gewöhnliche Kost (inkl. Fleisch)
Mittel aus 11 aufeinanderfolgenden Tagen ....
931
90.8
78
100
2136
2500
Zuckerzulage
Gewöhnliche Kost ohne Fle'sch .
1000
27.4
107.6
100
1919.5
1800
Fleischzulage
Gewöhnliche Kost . . ■
1800
60.5
85
100
2620
3080
Pflanzeneiweisszulage
Gewöhnliche Kost ohne Fleisch .
1660
15 35
126
100
1700
1400
Fettzulage
Gewöhnliche Kost ohne Fleisch .
•
833
7.06
148
100
352.5
238
Stoeltzner hat nun in einer neueren Arbeit (M.rn.W. 1922
Nr. 1) über Ziegenmilchanämie berichtet, und diese als Paradigma für
seine eingangs erwähnte „Nahrungsfettanämie“ gebracht. Hier sei
eine Tabelle über die Zusammensetzung der verschiedenen Milcharte
die Birk3) entnommen ist, angeführt.
Eiweiss Fett Zucker
Frauenmilch 1.0 4,0 7,0
Kuhmilch 3,0 3,5 4,0
Ziegenmilch 4,5 4,0 4,0
Wenn wir nun unsere Untersuchungsergebnisse betrachten,
ergibt sich auch hier, dass die Ziegenmilch die sowohl absolut als au
erst recht relativ eiweissreichste Milchart ist, Frauenmilch, ate c
adäquateste Säuglingsnahrung die eiweissärmste Milchart und in dies
ist Fett in bezug auf Eiweiss am reichsten vertreten (4 mal so viel
während bei der Ziegenmilch sogar weniger Fett als Eiweiss vr
handen ist. So dass auch diese Beziehungen unserer Auffassung keine
Wegs widersprechen. Ich hübe über meine diesbezüglichen Untfe
suchungen bereits kurz in der hiesigen Medizinischen Gesellschaft a
15. II. v. J. berichtet. Die Arbeiten werden in Kürze erscheinen;
Für die Praxis.
Vorläufige und endgültige Blutstillung.
Von Prof. J. Wieting, Cuxhaven-Sarlenburg, Kinder-
Seehospital.
Sind wir uns darüber klar geworden, dass Blutstillung u
Blutersatz in engster Indikationsstellung mi
einander verknüpft sind, und dass häufig genug beide Mai
nahmen in einer Sitzung zu erledigen sind, können wir sie nunmc
getrennt von einander abhandeln.
Es kann nicht immer vorher gesagt werden, ob die vorzunehmen
Blutstillung eine endgültige sein wird oder nicl
da oft der Erfolg entscheidet, der Arzt hat sich aber doch jedesmal k
darüber zu werden, ob er von vornherein nur eine vorläufige Stillu
will oder ob er bewusst die endgültige anstrebe.
Praktisch wichtig ist nun. dass die allermeisten Bl
tungen, die dem Arzt z u g e f ii h r t werden, durch einfach
Druckverband von selbst zum Stehen kommen.. Wo a
keine zwingende Anzeige, aus anderen Gründen operativ einzugreit
vorliegt, wird zunächst der Druckverband anzulegen sein.
Der Druck hat zweckmässig au! die Wunde selber
wirken. Bei Extremitätenwunden aller Art wird die Extremität ho
gehoben und die Venen zentralwärts ausgestrichen. Dann wird die Wur
— ev nach ihrer operativen Säuberung zu Zwecken der Infektionsverhin
rung (s Kapitel „Wundbehandlung“) — mit steriler glatter Mullkompresse i
Zellstoff (Watte) bedeckt und beide mittels Mull- (nicht Papierstoff-) Bn
durch einige Touren im Anfang leicht in Stellung gehalten st
hat aber die Wicklung von den Zehen resp. den Fingern aus zu beginnen,
jede periphere Stauung auszuschliessen (das gilt natürlich , nur bei wirk!
blutenden Wunden, sonst wird man Verbandstoff sparen wollen!) — und i
erst werden feste komprimierende Touren über die Wunde hinv
gelegt. Einige Striche Mastisol auf die Haut verhindern die spät
Verschiebung der Verbandstoffe. Erscheint die zirkuläre Bindekompress
bedenklich, so empfiehlt es sich, auf der der Wunde gegenüberliegenden S
des Gliedes ein Brettchen oder ein Stück einer Cramerschiene unterzusef
ben, das wenigstens annähernd der Breite des Gliedes entspricht und so j
Druck hier aufhebt. Der Druck auf die Wunde kann unter Umstär
durch Auflegen eines sterilen Bindenkopfes verstärkt werden.
Jede venöse Blutung steht auf Anlegung eines t e c
nisch einwandfreien Druckverbandes; man sollte es v
meiden, z. B. bei Varixblutungen Venenunterbindungen in der Wir
vorzunehmen, schon mit Rücksicht auf die trotz aller Antisei
drohende Veneninfektion. Der Venen innendruck ist sehr gering, v
sogar leicht negativ, so dass die Gefahr der Lufteinsau gu
droht. Darum ist bei Manipulation an Venen, namentlich an bestimm
Gegenden wie an den Sinus des Schädels, am Halse, am Becken
Beckenhochlagerung grösste Vorsicht am Platze: Druck auf die Geg.
des zentralen Endes sichert gegen Luftembolie.
Jeder Druckverband gegen Blutung ist durch Zufügung ein
ausreichenden Schienung zu unterstützen : RuhigsL
lung des blutenden Teiles ist bei äusseren Vj
inneren Blutungen (hier durch Medikamente, wie Morphi
Opium etc.) ein dringendes Gebot. Die Schienung muss
Extremitäten die beiden nächsten Gelenke wie bei Frakturen mit
begreifen. Die Cramer sehe Schiene ist — auch für Kopf und Hai:
am geeignetsten. Wird Gips angelegt, so bedenke man die Gefahr
Nachblutung und Spätblutung und halte sich die Wunde bzw. zuführe:
Schlagader zugänglich.
Der regelrechte Druckverband macht in vielen Fällen die '
läufige zirkuläre elastische Abschnürung überflüssig, um so mehr,
diese doch technisch vielfach fehlerhaft angelegt wird. Dennoch ist
vorläufige Blutsperre oft nicht zu umgehen, jedenfalls muss sie gekr
sein. Zweck hat sie nur bei arteriellen und parenchymatösen !
tungen, anwendbar ist sie nur an den Extremitäten (Becken), wenn
von der Kopfschwarte, dem Penis und anderen ihr etwa zugänglit
Körperteilen absehen. . J
Der T y p u s d e r zirkulären Abschnürung ist die
1 e g u n g des v. Esmarchschen elastischen S c h 1 a u c 1
bzw. der Gu m m i b i n d e, die durch Haken oder Knotung in sich
*) Arehives of Internal Medicine 1916.
2) Heoato-Lienale Erkrankungen. Springer 1920.
3) Leitfaden der Säuglingskrankheiten 1919 S. 18.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
237
i.igt werden. Es sei hier besonders hervorgehoben, dass die Ab-
inürung mit Schlauch und ähnlichem nur bei erschlaffter Muskulatur
i zunehmen ist: also entweder vor der Narkose oder in tiefer
kose, nicht aber im Stadium der Exzitation zu Beginn der Narkose,
meisten Misserfolge auf dem Operationstisch, die venöse Stauung,
lärt sich aus der Nichtbeachtung dieser Regel. Die Frage, ob wir
B. vor aseptischen Operationen das betreffende Glied blutleer
:hen sollen, wurde früher beantwortet (s. Blutsparung!).
Die zirkuläre elastische Abschnürung hat nun viel¬
ten Ersatz erfahren, einmal aus Not als improvisierte
ssnahme wie etwa in Form der elastischen Esmarchschen
senträger, der Tuch- oder Strickknebelung mittels
b, Seitengewehr etc., der Schnürung mittels Brotbeutelverband
. m. Hier liegt besonders die Gefahr der unzureichenden Sperre
e! — Zweitens ging der Wunsch auf Verbesserung der
thodik hinaus. Hier hat besonders die sogen. Sehrtsche
utungsklammer in Form zweier durch Schraubengewinde die
remität umklammernder eiserner Zangenarme ausgezeichneten, leider
; zu spät dem Feldheer vermachten Dienst getan! Die Sehrt sehe
immer mit ihren mannigfachen Verbesserungen (z. B. für Aorta mit
otte) kann in jeder Körperlage angelegt werden ohne die
;e des Gliedes zu verändern, kann prophylaktisch in Stellung
rächt werden, um nach Bedarf jeden Augenblick die Sperre zu he¬
gen. kann während der Betätigung gelockert und wieder
schlossen werden, um den Blutstrom für einen Augenblick frei¬
eben: Kurz, sie ist — ähnlich dem alten Tourniquet, ohne die
der der Unsterilisierbarkeit und Kompliziertheit zu haben — ein
osser Gewinn für die Verletzungschirurgie. Vor-
lt bei der Anwendung (Drucklähmung!) ist geboten, an den Armen
die Anwendung ganz zu vermeiden.
Der Sehrtschen Klammer in der Anwendungsweise ähnliche
rumente sind mehrfach angegeben, ohne sie verdrängt zu haben.
Der Momburgsche Schlauch wird ebenfalls besser durch
e Aortenkompression nach Sehrt scher Art ersetzt.
Der allen zirkulären Blutsperreapparaten gemeinsame Nachteil
r vollständigen Ausschaltung der peripheren G e -
HehaftetauchderSehrtschenKlammeran; alle diese
rarate dürfen nicht länger als 3 Stunden liegen, da
st Gangrän droht. Alle Bestrebungen, diese Nachteile zu vermeiden,
i bisher ergebnislos gewesen. 0 ertlicher Druck auf den
uptgefässstamm reicht meist nichtaus, doch muss
gestrebt werden, damit zum Ziele zu kommen.
Es bieten sich folgende Anwendungsweisen:
a) Vorläufige Blutsperre durch extremste Beugung
r Extremität in dem der Blutung nächst höheren Gelenk und
ierung durch Binden- oder Tuchverband in dieser Stellung, z. B. im
itgelenk, Kniegelenk, Ellenbogengelenk. Die Leistung ist oft aus-
eichnet. Die Stellung kann meist viele Stunden ohne Schaden
gehalten werden, da die Sperre nicht -zirkulär ist. ln der Praxis
d diese Methode merkwürdig selten ausgeführt. Frakturen bilden
ürlich Gegenanzeige.
b) Drucksperre durch die Finger der Hand, nament-
i den oder die Daumen kann nur eine kurze Zeit ausgeübt werden,
h lässt die Zeit durch wechselnde Betätigung der beiden
nde sich wesentlich verlängern. Der Druck wird am besten dort
geübt, wo der Hauptgefässstamm gegen feste Unterlage gepresst
rden kann (Karotis gegen Halswirbel, Femoralis gegen Scham-
n etc.). — In anderen Fällen müssen mit beiden Händen die
eichteile komprimiert werden: das sollte unter Um-
nden für kurz dauernde Operationen, wie Amputationen
B. des Oberschenkels bei septischen Prozessen, schwerer Arterio-
ärose etc. die Methode der Wahl sein, mehr als bisher geübt!
i Vorzüge dieser manuellen Blutsperre während der
eration (kurze Freigabe zur Orientierung über die Blutung, Mindest-
ädigung des Gefässes und seines Inhaltes) sind grosse; doch muss
Operationshilfe mit kräftigen grossen Händen begabt und gut ge¬
ult sein; ich habe in der letzten Zeit des Krieges, namentlich bei
weren Infektionen, fast alle Amputationen mit manueller Blutsperre
Spinalanalgesie gemacht.
c) Als Dauersperre eignet sich die digitale Sperre natürlich
ht. Hier müssten alte Systeme der Tourniquets mit
: I o 1 1 e n verbessert eintreten. Das sog. Knüppel tourniquet
i baquettes) nach Volkers kann als Grundlage dienen: zwei kurze,
hrfach tiefgekerbte Stäbe, deren beide Enden die Extremität zen-
1 von der blutenden Stelle mittels Binden zwischen sich fassen, so
ar, dass der eine Stab quer über den Hauptgefässstamm verläuft
1 ihn abdrückt, ohne die Extremität zirkulär zu fassen.
d) Da es bei dieser Methode oft noch venös weiterblutet aus der
ar komprimierten, aber doch nicht ganz gesicherten Wunde, ver-
-'hte ich seit langem, den Druck unmittelbar auf die
unde wirken zu lassen.
Mein Kompressorium besteht aus einer sog. elastischen Binde,
; sie in den Sanitätstaschen vorhanden war, einem etwa 10 cm langen,
m breiten festen Brettchen und einem Bindenknopf. Der glatte Binden-
’Pf wird auf die Wunde gedrückt, nachdem diese durch gewöhnlichen asep-
dien Kompressionsverband geschützt wurde. Das Brettchen, das mit dem
,en schmalen Ende der Binde durch Nagelung verbunden ist, wird auf die
Wunde gegenüberliegende Seite der Extremität gelegt, quer zu deren
ise und nun die elastische Binde unmittelbar auf die Wunde bzw. den
denknopf (= die „Pelotte“) gegen das Brettchen in mehrfacher Tour fest
:ewickelt. Das Brettchen verhindert die zirkuläre, d. h. vollständige Blut-
Nr. 7.
sperre und erlaubt die periphere Zirkulation bis zu einem gewissen Grade;
die Bindenknopf-Pelotte verschliesst die Wunde und
verhindert die Blutung nach aussen. Eine gewisse Gegen¬
anzeige liegt in Splitterfraktur unter der Wunde. Die erlaubte Dauer der
Kompression ist wesentlich verlängert, die Gefahr der
Gangrän fast gehoben.
Wahrscheinlich wird ein' Instrumentarium nach
Sehrtschem Prinzip mit verschiebbarer aber fest¬
stellbarer Pelotte über dem Verband das Verfahren
vervollkommnen; der Weg . ist der richtige!
e) Die örtliche Kompression unmittelbar auf die Wunde führt über
zum Wundschluss einmal durch Stopfung, sodann durch Naht.
1. Die Wundtamponade oder besser Stopfung, sei es
ohne oder nach vorausgegangenem operativen Eingriff, sollte im All¬
gemeinen eine vorläufige Blutstillung darstellen, sie kann
aber auch zur endgültigen werden, und wird nicht selten die allein
mögliche Methode bleiben.
Als bestes Material ist das Jodoformmull zu betrachten, trotz aller
Einwände. Der Harmönikastreifen oder der v. Mikulicz sehe Beutel sind
die geeignetsten Formen. Wichtig ist, dass die Tiefe der Wunde und wo¬
möglich auch die verdächtige Stelle erreicht werde. Die Stopfmethode
kann gefährlich werden, wenn an lebenswichtigen- Organen hin¬
ter der Stopfung sich Blutungen abspielen, die nun in der Tiefe weiter¬
wühlen und Druckerscheinungen machen. So darf z. B. keine Schädelwunde
„tamponiert“ werden, wenn man die Quelle nicht unmittelbar verstopft; man
kann jede Sinusblutung sehr wohl stillen, wenn man das Sinuslumen
selbst verstopft, man kann aber den Tod herbeiführen, wenn man nur einfach
die Schädelwunde ausstopft. Auch am Halse, am Darm etc. ist Vorsicht
geboten!
Es ist die Tamponade nicht selten, wie gesagt, die einzige uns
bleibende Methode der Blutstillung, wenn andere technisch nicht aus¬
führbar sind, z. B. bei Blutungen aus Tiefenwunden an der Schädel¬
basis (Vena jugularis communis, selbst Art. carotis interna an den
Schädellöchern!)
2. Die temporäre Wund naht, meist über fester
Stopfung, um dieser sicheren Halt zu geben, gegen Hinaus¬
geschwemmtwerden von innen her. Die festeHaut- oder Haut-
f a s z i.ennah t. am besten mit dicker Seide und fortlaufend, bleibt
bisweilen das einzige Mittel zur Rettung bei sonst unstillbarer Blutung.
Die Verschlussnaht über starken arteriellen Frischblutungen, die künst¬
lich ein sog. falsches Aneurysma erzeugt, über stark blutenden Par-
enchymzerreissungen u. a. m., ist bei richtiger Indikations-
Stellung ein äusserst dankbarer Eingriff, der besonders
auch in der Chirurgie unerfahrenen Aerzten. zumal wenn sonstige In¬
strumente und Materialien fehlen, nicht dringend genug empfohlen
werden kann. Ich habe gerade den jungen, wachhabenden
Aerzten in den Lazaretten stets geraten, sich nicht im Dunkel der
Nacht bei unzureichender Hilfe mit schwierigen Blutstillungen abzu¬
mühen, sondern rasch die Wunde über Mullstopfung fest zu vernähen
und zunächst den Blutersatz vorzunehmen, bis sachkundige Hilfe
eintrifft. ,
Die bisher besprochenen Methoden griffen das
blutende Gefäss selbst nicht an, es sind also in¬
direkte Blutstillungsmethoden.
Die direkten Methoden richten sich gegen die
blutenden Gefässe bzw. Gewebe selbst und werden demgemäss
fast immer die endgültige Blutstillung zum Ziele haben.
Als Grundmethode haben wir das Fassen und das ihm
folgende Abbinden des Gefässes anzusehen. In manchen
Fällen aber müssen wir uns mit einer dieser beiden Massnahmen be¬
gnügen, wie wir unten sehen werden.
Als Unterbindungsklemme hat sich mir die K ö b e r 1 e -
P & a n sehe ungezähnte und die Kocher sehe gezähnte Klemme am meisten
bewährt: mit diesen beiden kommen wir fast immer aus, wenn auch für
besondere Zwecke, z. B. Massenligaturen, einmal gerade Adnexklemmen,
Nierenstielklemmen u. a. vorzuziehen sind. Zur Unterbindung soll das Blut¬
gefäss möglichst isoliert werdn; als Unterbindungsmaterial ist Jodkatgut
fast immer ausreichend, namentlich an den Venen. Nur für grosse Arterien
im infizierten Gebiet bevorzuge ich Zelluloidzwirn oder Zelluloidinzwirn; ich
unterbinde stets mit chirurgischem Knoten, der niemals aufgeht. Massen¬
ligaturen — namentlich das Mitfassen von Nerven! — sind zu vermeiden;
sind sie einmal wie es z. B. bei Exstirpation einer schrumpfenden Eiterniere
der Fall sein kann, unvermeidlich, so unterbinde man ausserdem jedes ein¬
zelne Gefäss noch für sich. Ebenso ist jede Künstelei bei Unterbindung,
z. B. auf Faszienstreifen etc., zu unterlassen; am wichtigsten ist stets die
Vermeidung bzw. die Bekämpfung jeder Infektion, da von ihr,
nicht vom Unterbindungsmaterial, die gefahrvolle infektiöse Thrombose aus¬
geht. Zu vermeiden ist die zu weite Entblössung eines Gefässes von seiner
Adventitia, die die Vasa vasorum trägt, wie das Periost die Kortikalis
schützt. Jede zirkuläre Ligatur schafft gefältelten Trichter, also nicht ganz
ideale anatomische Verhältnisse (s. u.); immerhin erfolgt die Heilung der Ge-
fässunterbindung bei normalem, nichtinfektiösem Verlauf ohne nennenswerte
Thrombenbildung durch einfache Intimaverwachsung.
Bei der methodischen Unterbindung der Arterien schwankt manch¬
mal die Entscheidung, ob die Unterbindung am „Orte der Wahl“ oder
am „Orte der Not“ zu erfolgen habe. Die Entscheidung hängt von der
Erfahrung und Kunst des Chirurgen und seinen ganzen Anschauungen
ab; auf Einzelheiten einzugehen, ist daher hier ganz ausgeschlossen.
Nur allgemein ist zu sagen, dass nach Möglichkeit bei Ver¬
letzungen die Blutung in der Wunde = am Orte der Not zu erfolgen
hat; es darf aber die Unterbindung in der Kontinuität = am Orte der
Wahl nicht im Unterricht des jungen Mediziners vernachlässigt werden.
— Eine weitere Frage, ob- bei Verletzung einer grösseren Arterie stets
gleichzeitig die zugehörige verletzte Vene mit unterbunden werden
6
238
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
soll, muss ich auf Grund meiner Eigenerfahrungen ablehnend beant¬
worten.
Als Abweichung von dem s c h u 1 m ä s s i g e n fassen
und Unterbinden eines üefässes haben wir folgende Methoden
zu verzeichnen:
a) Durch stumpfe Gewalt kann die üefässwand nicht zu grosser
Gefässe (bis Art. rad.) fest aufeinander gepresst, die Muskularis zer¬
rissen und zurückgezogen werden im deckenden Adventitiamantel, so
dass die Blutung dauernd steht und keine Unterbindung nötig ist. Be¬
sondere Instrumente (Angiotribe) erleichtern die Methodik; am ge¬
bräuchlichsten ist die Gefässquetsc he nac h B I u n c k, aus der
Veterinärkunde entnommen; für gynäkologische Operationen waren die
Adnexquetschen zur unblutigen Uterusexstirpatiön eine Zeitlang
modern. Immerhin besteht die Gefahr der Spätblutung, die
den Vorteil der Schnelligkeit und den Nachteil des Liegenlassens eines
Fremdkörpers, des Seidcniadens, nicht aufwiegt. Man beschränke die
Methodik daher auf besondere Fälle, z. B. für feine Plastiken, wo Fäden
hindern und die Blutungsgefahr gering ist.
b) Verwandt ist die Torsion der Gefässe. ebenfalls nur auf
kleinere zu beschränken; man dreht das endgefasste Gefäss solange
um seine Achse, bis es von selbst an einer Stelle abgedreht ist.
c) Unter Umständen kann die sichere Anlegung einer Ligatur un¬
möglich sein, namentlich in grossen Tiefen, wo besondere Tiefeninstru¬
mente nicht zur Hand sind, oder die Gefahr des Abreissens des Gefäss-
astes, des Abrutschens oder Abeiterns des Fadens, besonders wenn die
vis a tergo (nahe dem Aortenstamm) gross ist. Dann tut man gut, die
Gefässklemme an dem einmal sicher gefassten Ge¬
fäss e 1 i e g e n z u 1 a s s e n! Ich bevorzuge diese Methode oft grund¬
sätzlich vor anderen; wer schlechte Erfahrungen damit machte, wandte
sie wohl am falschen Orte an. Histologisch bietet ja das exakte
glätte Aneinanderliegen von Intima auf Intima die besten Heilungs¬
bedingungen und zugleich die geringste Infektionsbegünstigung. Wo
man freilich, wie es namentlich von Ungeübten geschieht, bei starken
Tiefenblutungen blind in die Tiefe fasst, zwei, drei Klemmen anlegt und
dennoch nicht sicher ist, der Blutung Herr geworden zu sein, wo z. B.
Karotis, Jugularis und Vagus blind geklemmt sind, da ist ein Misserfolg
sicher, wenn schon einmal auch dem Geübten ein solches Missgeschick
passieren kann! Hier ist von Empfehlen einer Methode auch nicht die
Rede, sondern sie ist dann eine Notwehr. Methodisch muss die
Klemme so angelegt werden, dass, womöglich nach digitaler provisori¬
scher Blutstillung, das blutende Gefäss isoliert, womög¬
lich doppelt gefasst wird, man also genau weiss, was man vor
sich hat. Darum bleibt die gut geriffelte Klemme fest zugedrückt liegen,
ringsum mit Jodoformmull gesichert und aussen durch Wattezellstoff¬
ring geschützt. Nach 4 — 6 Tagen kann die Klemme in situ entfernt
werden. _
d) Die Umstechung eines Gefässes fasst das Lumen
nicht deutlich, sondern schliesst es mitsamt dem es enthaltenden Ge¬
webe: sie fasst also etwas mehr Gewebe als nötig, sichert aber dafür
vor Abgleiten des Fadens; darum ist die Umstechung besonders auch
bei infektiösen Spätblutungen ein gutes Verfahren, des¬
gleichen auch bei Tiefenblutungen, wenn ein isoliertes Gefäss sich nicht
fassen lässt oder ein Faden abzugleiten droht.
e) Seitliche Gefässnaht, zirkuläre Gefässnaht oder Gefäss-
plastik, Resektion und Transplantation, das sind zweifellos die am
besten und vollkommenst en die anatomische
Wiederherstellung gewährleistenden Methoden,
doch sind sie auch die technisch schwierigsten und dazu im Wund¬
heilungsverlauf das Leben am meisten gefährdenden Methoden, zumal
ihre Anwendung nur an grösseren Gefässen (bis etwa A. cubitalis) in
Frage kommt. Es seien einige relative Anzeigen und Gegenanzeigen
vermerkt, ohne auf die Methodik und Nachbehandlung selber eingehen
zu wollen. '
A n g e z e i g t ist die Gefässnaht — als Typus dieses Eingriffes —
dort, wo eine etwaige Unterbindung die von dem Gefäss ernährten
Körperteile der Nekrose aussetzt (A. poplitea), zumal wenn gleichzeitig
das Leben in Gefahr kommt (A. carotis comm. und int.).
Relative Gegenanzeige bilden : bestehende Infektion, Em¬
bolie aus bestehender Thrombose, Gefährdung des Zerreissens einer
etwaigen Naht, z. B. vor langem, notwendigen Transport, bei gleich¬
zeitigen Knochenbrüchen, bei bestehender grosser Wiundhö'hle etc. Sorg¬
fältige Ruhigstellung des betroffenen Körperteils durch Schienung oder
Gips, zweckmässige Lagerung zur Entspannung, allgemeine Beruhigung
durch Morphium u. a. m.. tragen zur Sicherung des Erfolges wesent¬
lich bei.
Diese Methoden der Blutstillui^g sind fast ausschliesslich auf
mechanische Manipulationen an der Gefässwand aufgebaut
und es bleibt dann Sache der histologisch-biologischen Leistungsfähig¬
keit der Gefässwand. wie sie die Heilung zum Abschluss bringen wird.
Störungen im Wundverlauf führen nicht selten zum Wiederaufbruch
schon angebahnter Heilbestrebungen (Spätblutung).
Bestrebungen, die histologischen Vorgänge an der Gefässwand
durch Einwirkung auf das Blut selber im Sinne der
Erhöhung seiner Gerinnbarkeit zu begünstigen, können
recht wirksam sein. Dahin zielen alle unsere älteren und neueren
Methoden, die ich kurz hier anführe. Die erste Veranlassung dazu gab
die Beeinflussung der sog. „H ä m o p h i 1 i e“. bei der mechanische
Massnahmen (Druckverband etc.) unwirksam bleiben.
Solche Mittel sind:
a) Beträufeln der Wunden Hämophiler mit Menschenblut,
noch besser intravenöse Transfusion massiger Mengen (etwa 30- !
50 ccm) verwandten Menschenbluts,
b) Bedecken oder Ausstopfen blutender Wunden mit mensc
liehen Gewebsteilen, die selbst stärker blutgerinnende Si
stanzen (Thrombokinase) enthalten, wie Muskelstückchen n;
K ii 1 1 n e r. j
c) in gleicher Weise Verwendung fremdartiger Gewebsteile, ■
Pferdefibrin (B e r g c 1 1), Koagulen oder Klauden (nach Kocht
Fon io) namentlich bei parenchymatösen Blutungen, für blutet
Stichkanälchen nach Gefässnaht.
d) Adrenalin oder Suprarenin örtlich 10 — 20 Tropfen, subku
Va mg, oder als Zusatz zu Kochsalzinfusionen 20 Tropfen,
e) als chemische, örtlich blutstillende Mittel sind immer noch
geeigneten Fällen zu empfehlen: Lig. ferri s e s q u i c h 1 o r a ti
Watte geträufelt; innerlich 0,2— 0,5 mehrmals täglich (Magenblutungf
2 proz. in Aneurysmen etc.,
f) Jodoform als Jodoformmull zur Wundstopfung,
g) Calcium chloratum (eventuell vor grossen Operatioi
blutsparend, oder) nach Blutverlust blutstillend, 1,0 — 4,0 g pro
(Hämoptoe) auch mit „Gelatina stcrilisata“ zusammen (40 ccin
1 Ampulle nach Merck) subkutan (z. B. bei Magenblutungen). Das 1
parat Kalzine vereinigt beide Medikamente: 1 Ampulle ä 10 ccm Kal-/
= 40 ccm Gelatine Merck und ist weniger schmerzhaft,
h) lOproz. NaCl-Lösung (steril), davon 5 ccm. eventuell
0,5 Kalziumchlorid verbunden, verstärkt die Gelatinewirkung,
nötigenfalls am nächsten Tage zu wiederholen ist,
i) sonst Gelatina alba innerlich lOproz. öfters K — 1 stiind
1 Esslöffel, Gelatina sterilisata Merck lOproz. und 20 proz. in zu
schmolzenem Glasröhrchen 10 und 40 g je nach Bedarf: 40 ccm für
wachsene, 10 ccm für grössere Kinder, 5 ccm für Säuglinge.
Thermische Mittel der Blutstillung sind :
a) Berieseln der Wunden mit E i s w a s s e r,
b) Berieseln mit 45° he iss er Kochsalzlösung b
Wassers,
c) die Bespiilung bedeutender Blutungen aus parenchymatö
Organen, wie die der Leber nach Sneguireff) mit kochend
Wasser oder Dampf hat, da sie praktisch reichlich schwit
durchzuführen ist und da zudem andere Methoden (Stopfung, Uel
nähung, Plattennaht etc.) leichter und erfolgreicher sind, an Anhäiu
Schaft verloren.
Sonstige Mittel der Blutstillung an einzelnen Orga
können hier nicht herangezogen werden, da sie eben oft nur für die
stimmten Organe und bestimmte Erkrankungen Geltung finden könn
sie gehörender speziellen Chirurgie an.
Das letzte und darum auch radikalste Mittel zur Blutstill
bildet immer die operative Entfernung des blutend
Organs, nachdem alle anderen Methoden versagt haben oder als
sehr das Leben gefährdend nicht mehr in Frage kommen. Schon
Endometritis haemorrhagica, die sogen, essentiellen Nierenblutun
u. a. m. geben somit Anlass zur Exstirpation der betroffenen Org;
Die Chirurgie der Verletzungen aus den letzten Kriegen hat di
Indikation auf unstillbare, immer sich wiederholende Extremitä'
blutungen (meist septischer Natur!) ausgedehnt und ihre rechtzei
Befolgung und allgemeine Anerkennung hätte gar manches Mensel
leben retten können.
Forftiidungsvorträge und liehersichtsreferate.
Aus der Psychiatrischen und Nervenklinik in Freiburg i.
(Direktor: Qeheimrat Ho che.)
Der extrapyramidale Symptomenkomplex,
Von E. A. Qrünewald.
Die Encephalitis epidemica und ihre Folgezustähde haben das
teresse der Aerztewelt über den eigentlichen Fachkreis der Neurolr
hinaus im grossen Stil auf eine Reihe von Bewegungsstörungen
lenkt die bis dahin nur bei einer kleinen Gruppe heredodegenerat
Krankheitsprozesse aus dem Raritätenkabinett der Nervenheilkr
beobachtet wurden, (Wilson sehe Krankheit. Westphal-Strii
pell sehe Pseudosklerose, Freund-Bielschowskys tube
Sklerose, Oppenheim - Ziehens Torsionsspasmus, F o e r s t
sehe arteriosklerotische Muskelstarre, Littlesche Starre (Frei
sehe Form). Bielschowskys zerebrale Hemiatrophie. Fri
reich sehe Myoklonie, S h a w - F r e u d sehe Athetosis duplex.) Au
bei diesen Krankheitsbildern sui generis kamen sie aufmerksamen
obachtern auch in der allgemeinen Praxis gar nicht so selten zu
sicht in Form der Paralysis agitans bei Involutionsprozessen,
Chorea bei Intoxikationsneurosen, der Hemichorea und Hemiathe
als posthemiplegische Reizerscheinungen und in Beziehung zu sonst:
Prozessen der motorischen Rinde; ich erwähne nur die Athetose
der zerebralen Kinderlähmung. Beim Erklingen dieser Namer. taue
bestimmte Vorstellungsbilder auf von verschiedenen unwillkürlh
Bewegungen wie Zittern, Wackeln, Schleudern. Mitbewegungen,
gleisungen, Pillendrehen, wurmförmige Kontraktionen, rhythmi
Schwingungen, sowie von Haltungs- und Spannungsanomalien mit 1
sekutiver Bewegungsarmut, Pro- und Retropulsion, Bradybasie
-lalie. Pfötchenstellung. Maskengesicht, gebückte Haltung: alles Eir
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
239
omene einer Symptomatologie, die unter der Bezeichnung des
; (Statischen (Strümpell), des striären (Vogt), des dysto-
en (Stertz), im allgemeinen des extrapvramidalen Symptomen-
lexes zusammengefasst werden. In den determinierenden Epitheta
r Termini sind die Hauptmomente, die für unsere weiteren Be¬
dingen richtunggebende Kraft besitzen, implizite enthalten:
örung der Muskelstatik, 2. Missverhältnisse in dem Tonus und
)kalisation an anderen Neuronensystemen als den Pyramiden-
m, die seit der Entdeckung der motorischen Zentren in der vor-
i Zentrahvindung als deren Projektionssysteme lange Zeit eine
ralvollmacht für alle Motilitätsstörungen besessen haben, infolge-
n andere Systeme sowohl von der klinisch-diagnostischen als auch
ier neuropathologischen Forschung stiefmütterlich behandelt wur-
Es bleibt das dauernde Verdienst Wilsons, als erster 1912
Aufmerksamkeit der Nervenärzte darauf gerichtet zu haben, dass
r „mit experimenteller Schärfe“ vorhandenen Elektiverkrankung
aeiden Linsenkerne die Ursachen für das von ihm aufgestellte
nach ihm benannte Krankheitsbild zu erblicken sei. das als ein
vitam entstandener, chronisch progressiver, tödlicher Autointoxi-
isprozess bei jungen Menschen häufig derselben Familie auftritt
hauptsächlich durch doppelseitige rhythmische tremorartige Be-
ngen charakterisiert ist, die bei willkürlicher Bewegung zunehmen
/on allgemeiner Steifigkeit der Muskeln begleitet sind. Infolge-
n zeigt das Gesicht ein krampfhaftes Lächeln, besteht Dysarthrie
lysphagie wie überhaupt eine hochgradige motorische Hilflosigkeit,
weitere Folge der Hypertonie sind Schwierigkeiten, das Gleich¬
et zu halten, in späteren Stadien Kontrakturen. Psychisch be-
eine gewisse Verengerung des Horizontes. Körperliche Begleit¬
tome sind Leberzirrhose nach Hepatitis, die sich bei Lebzeiten
ings nicht bemerkbar macht, und bräunliche Pigmentierung be¬
iter Gewebe, besonders der Hornhautperipherie, die, von Wil-
allerdings übersehen, erst von Fleischer als „Kornealring“
rieben wurde. Um dieselbe Zeit nahmen C. u. 0. Vogt, an
Namen sich wesentliche Errungenschaften der neuen Lehre knüp-
hre systematische Erforschung chronischer heredodegenerativer
heitsprozesse der Stammganglien auf. Da diese auch zu den
ektionsstellen der Encephalitis epidemica zu rechnen sind, ge-
die extrapyramidalen Syndrome zu den fast täglichen Krankheits¬
unungen in der jüngsten Zeit, so dass ihre Besprechung vor
breiteren Forum in Hinsicht auf ihre Häufigkeit und Intensität
eigt erscheint, obschon unsere Kenntnisse darüber noch im Wer-
nd. Die Hoffnung auf eine Lösung der Probleme erscheint jedoch
ndet, weil die anatomische Grundlage durch die Untersuchungen
0. Vogts weitgehendst gesichert ist. wie Spatz in seinem
1 zur Anatomie der Zentren des Streifenhügels darlegen konnte
n diese Ausführungen als anschliessende gedacht sind. Da die
nischen Tatsachen in dieser Arbeit zur allgemeinen Orientierung
'züglich übersichtlicher Weise zusammengestellt sind, sollen die-
i hier nur in summarischer Form rekapituliert werden, wobei ich
ts Einzelheiten auf den erwähnten Artikel von Spatz verweise,
er Streifenhügel. (Corp. Striatum) der Anatomen gehört zu den
rhiinganglien, die sich aus einer Verdickung des Bodens des
rhirnbläschens- -entwickeln- und wird in Schwanzkern (Nucl. cau-
und Linsenkern (Nucl. lentiformis) mit Schale (Putamen) und
er Kern (Glob. pallidus) durch die weissen Massen der inneren
ln zerteilt, wobei die Trennung keine scharfe ist, sondern graue
^n als Brücken bestehen bleiben, die dem Ganzen den Namen
nilhigel gegeben haben. Spätere Untersuchungen (Wern icke,
Steiner, Edinger, C. u. 0. Vogt) haben nachgewiesen,
•wischen Putamen und Glob. pallidus die scharfe Trennungslinie
rt, während1 Putamen und NcL caudatus ursprünglich zusammen-
*, wie das im Kopfteil noch der Fall ist, Distal haben die
ien Kapselfasern beide auseinandergerissen bis auf die er-
irt g.auen Streifen, weshalb es schon ethymologisch richtiger
die Eigenschaft des Gestreiftseins nur im Namen für diese beiden
n zum Ausdruck zu bringen. Ausserdem aber bestehen Unter-
“. elementarer Natur als das erwähnte grobmorphologische
eichen, die die Neueinteilung im Prinzip rechtfertigen, wie sie
durchgeführt hat, der Nucleus caudatus und Putamen als .Stria-
■ensu strictiori und den Globus pallidus als „Pallidum“ bezeichnet.
Unterschiede näher auszuführen ist die Hauptaufgabe des
zschen Artikels, hier seien nur die Schlagwörter gegeniiber-
1. phylogenetisch:
dlidum als Palaeostriatum (Edi n g e r- K a p p e r s) schon bei
ischen.
1 iatum als Neostriatum erst von den Reptilien an aufwärts.
2. ontogenetisch :
iHkfum dem Zwischenhirnteil des Vorderhirnbläschens entstam-
bei der Geburt markrejf.
dem Endhirnteil des Vorderhirnbläschens entstammend,
icht im 5. Monat markreif. '(Parallel zu den Pyramidenbahnen1,
’ normalerweise positiver Babinsky beim Neugeborenen!).
3. histologisch:
Hidum zellarmes Reflexorgan von sehr primitivem Bau (B i e 1 -
w s k y).
i iatum differenziertes Regulationsorgan von Grosshirnarchitektur,
‘•askularisiert (KoHsko).
4. histochemisch :
Pallidum Kalk-, Fett- und intensive Eisenaffinität (Spatz), elektive
Empfindlichkeit für Toxen (Arnsperger Kohlenoxydgas), und Auto¬
intoxikationen (L e w y - Diabetes).
Striatum nicht im selben Masse chemisch aktiv.
Aus diesen besonderen Chemismen resultiert eine toxische Vulne¬
rabilität. die das striäre System (Striatum und Pallidum) vor anderen
Neuronensystemen kennzeichnet. Ein weiteres Zeichen enger Zusam¬
mengehörigkeit dieser entwicklungsgeschichtlich und morphologisch so
differenten Zentren ist die stark entwickelte interstriäre Faserverbin¬
dung und zwar vom Caudatus zum Putamen und von diesen beiden
zum Pallidum. Hier enden sämtliche striofugalen Fasern, während das
Pallidum Axone in den Thalamus, Hypothalamus1) und mit grösster
Wahrscheinlichkeit auch zu den tieferen grauen Kernen wie N.muber2 3),
N. Darkschewitschi und N. interstitialis sowie zu den Vier-
hü g e 1 n J) durch die hintere Kommissur entsendet. Diese Zentren
sind als Zwischenstationen der peripheren Entladungen des Pallidum
anzusprechen. Von ihnen bestehen im Tractus rubrospinalis, in der
zentralen Haubenbahn, im hinteren Lämgsbündel. in der Vierhügel-
Voi deistrangbahn und in der retikulo-spinalen Bahn die verschiedenen
Verbindungsmöglichkeiten zum R. M. Zentralwärts erhält das striäre
System zahlreich Bahnen vom Thalamus4), der mit seinen Axonen
sowohl Pallidum als Putamen als Caudatus erreicht. Ein- direkter
assoziativer Konnex zwischen Hirnrinde und striärem System besteht
nicht. Dieses erhält seine sämtlichen Anregungen 5 *) aus dem orome-
dioventralen Teile des Thalamus, der seinerseits in direkter Verbindung
mit der Haubenregion steht und indirekt vermittels der anderen Tha¬
lamusgebiete mit der Peripherie und Hirnrinde. Innerhalb des striären
Systems bestehen nun zwei Reflexwege: Entweder gelangen die Reize
vom Thalamus nur an das Pallidum und werden von diesem an den
Lhalamus oder die subthalamischen Zentren weitergcleitet bezw. be¬
antwortet: niedere „Pallidumreflexbahn“. Oder die Reize erreichen
das Striatum, das nun auf das Pallidum seinen Einfluss ausübt. Die
Bahn Thalamus — Pallidum — Subthalamus erhält somit eine Nebenschal¬
tung, die als übergeordnete aufzufassen ist, da sie ein höher differen¬
ziertes Zentrum durchläuft. Die niedere thalamo-pallidäre Reflex¬
bahn und die höhere Bahn Thalamus — Striatum — Pallidum wirken ge¬
meinsam auf die Neuronen des Pallidum, die sich in die tieferen Zen¬
tren versenken, und zwar homo- und heterolateral, während das Stria¬
tum immer nur mit dem Pallidum seiner Seite in fugaler Richtung in
Verbindung steht. Zwischen diesen beiden interstriären Bahnen be¬
steht ein analoges Verhältnis wie zwischen motorischer Rinde und
den subkortikalen Kernen des Tegmentum und der Medulla oblongata
Wichtig erscheinen also folgende Tatsachen: Das Pallidum steht im
unmittelbaren Konnex mit tieferen Zentren beider Seiten. Die direkte
Einflusszone des. Striatums beschränkt sich auf das Pallidum. Alle
striopetalen. bis jetzt sicher nachgewiesenen Bahnen gehen über den
Thalamus. Auf Grund dieser innigen Verflechtung mit dem Thalamus
als sensiblei Zentrale lässt sich die starke Beeinflussbarkeit der stri¬
ären Symptome durch psychische Reize und Reize aus der Peripherie
vei stehen, andererseits ist aus dem fehlenden direkten Konnex dieser
Zentren mit dem Grosshirn abzuleiten.- dass sie in Beziehungen zu
Leistungen stehen, die dem Willen nicht unmittelbar unterworfen sind,
also zu autonomen Leistungen im allgemeinen. Ueber die spezielle
y'J't dtesft Leistungen lässt sich jedoch allein aus den anatomischen
Verhältnissen weiterer Aufschluss gewinnen, wenn wir uns nämlich ver¬
gegenwärtigen, dass die Formel für den Aufbau des Neuralrohres — vorn
motorisch, mitte vegetativ, hinten sensibel — auch noch im Zwischcn-
hiin Geltung besitzt-', und wenn wir weiterhin die von Spatz näher
ausgeführten Verlagerungsvorgänge für die grauen Massen dieses Hirn-
teils berücksichtigen, so können wir dem Pallidum als Abkömmling
der_ basalen Seitenwandteile des Neuralrohres mit Sicherheit und dem
Striatum mit Wahrscheinlichkeit motorische Funktionen zusprechen.
Wenn wir weiterhin das hohe phylogenetische Alter und die onto¬
logisch frühe Funktionsreife betrachten, so dürfen wir erwarten, dass
die von dem Pallidum abhängige Motilität nicht mit den wechselnden
Funktionen der willkürlichen identisch sein kann, wofür ja auch der
primitive Bau nicht ausreichen würde. Im Pallidum haben wir viel¬
mehr ein phylogenetisch uraltes Bewegungszentrum zu suchen, das
primitive unwillkürliche Bewegungen vermittelt. Aufrechter Gang und
Sprechen aber bedeuten hochkoordinierte Handlungen, die mit dem
Pallidum nichts zu tun haben, weshalb das Pallidum der Menschen dem
der niederen Affen (Cercopithecinen) entspricht. Es ist weder phylo¬
genetisch für Gang und Sprache, weiter noch rudimentär zurückgebildet,
woraus man quoad functionem auf die gleiche Gültigkeit wie für
die niederen Klassen schliessen kann, seine Automatismen sind für den
Menschen ebenfalls von Bedeutung. Wie nun im Allgemeinen die
autonomen Innervationen sich aus übereinandergeschalteten Mechanis-
) Aul dem Wege der Linsenkernschlinge, auf dem wahrscheinlich auch
die Subst. nigra erreicht wird.
') Die pallidumbrale Faserung entspricht wahrscheinlich dem F o r e 1 1 -
sehen Bündel H2.
") Hier ist die Kuppelung mit dem optisch-akustischen Reflexbogen und
seine Beziehungen zum Kleinhirn.
) Das Gebiet des Tuber cinereum, Nucleus campi i7 0 r e 1 1 i.
■’) Ausserdem ist eine direkte Vermittlung von Kleinhirneinflüssen über
den N. ruber, Trct. cerebello tegmentalis rubro Thalamicus wahrscheinlich,
die dafür notwendige rubropallidäre Bahn ist noch nicht aufgedeckt. Dagegen
ist im Ncl. ruber die Einschaltungsstelle von pallidofugalen Einflüssen auf
den spinozerebellaren Reflexbogen mit Sicherheit zu erblicken.
6*
240
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
men zusammensetzen, so baut sich auch über dem Pallidum ein über¬
geordnetes Zentrum auf, das Striatum als ein kompliziert sebmrtes Re¬
gulationsorgan. Die ontogenetischen Differenzen zwischen beiden Zent-
ren, die vor allem in der Markreife ihren Ausdruck finden, lassen die
Annahme zu, dass das neugeborene Kind eine Zeitlang Bewegungen
ausführt, die von einem Pallidum regiert werden, das weder vom Stri¬
atum noch von der motorischen Rinde beeinflusst wird. _
Mittels auf- und absteigender Bahnen, die eine mannigfache Unter¬
brechung durch Zwischenstationen erfahren, steht dieses Neuronen¬
system Striatum-Pallidum mit dem Rückenmark in Verbindung. Seine
Angriffsstelle ist hier die Vorderhornzelle, die beim Erwachsenen von
mehreren Leitungsbahnen, wie es unser Schema darstellt, Impulse er¬
hält, die sich nicht einfach summieren, sondern im gegenseitigen Ab¬
hängigkeitsverhältnis sich ergänzen.
I Striatum
Striares System
| Nucl. caudatus (Schwanzkern)
[putamen
durch Horsley und Thiele haben ergeben, dass die Starre er
dann eintritt, wenn man mit dem Querschnitt in die kaudalsten Eben
des Thalamus kommt, die die pallido-fugalen Bahnen durchtrenne
d. h. die Starre tritt ein, sobald die efferenten Bahnen des Stnati
mit ihrem tonushemmenden Einfluss fortfallen. Diese Rigidität ha^ j
der Kontraktur nichts zu tun. die Sehnenreflexe werden nicht bee
trächtigt. da reflektorisch und willkürlich ausgelöste Muskelzuckung
y Interstrio-pallidäre Faserung
_ Fibrae arcuatae
‘‘‘“‘“e“7'" , Thalam. pallidäre Bahn
Pallidum = Glob. pallidus
Erklärung der schematischen Zeichnung:
Die absteigenden Bahnen sind durch ausgezogene, die auf¬
steigenden durch punktierte Linien dargestellt, ausserdem geben
die Pfeile hinter den Bezeichnungen die Verlaufsrichtungen. Die
Unterabteilungen des Pallidum sind zur Vereinfachung der
Zeichnung fortgelassen, ebenso die Fibres of passage, die Uortex
mit Thalamus auf dem Wege durch das striäre Areal verbinden,
ohne dass Aufsplitterungen in diesem nachgewiesen wurden.
Die striopetalen Bahnen sind gestrichelt, die striofugalen Bahnen
ausgezogen gezeichnet in Analogie zu dem an den anderen
Bahnen durchgeführten Prinzip. Die kleinhirnbezüglichen Bahnen
wurden durch „Punkt-Strich“ gekennzeichnet ohne Unterschied
der Verlaufsrichtung. Von den Verbindungen zwischen Mittel¬
hirnganglien und Rückenmark wurde zur Erhaltung der Ueber-
sicht nur ein Repräsentant, der Tractus rubrospmalis gezeichnet,
wegen seiner Beziehungen zum Kleinhirn auch in Punkt-Strich-
manier. Ebenso wurden die verschiedenen Zwischenstationen
der pallidofugalen Bahnen bis auf Hypothalamus (Corpus Luysi)
und Nucleus ruber fortgelassen.
I Pallidum
Thalamus I Reflextfah
Trct. pallido thalam. hypothal. J
Hypothalamus (Corpus Luysi)
- Trct. thalam. (hypothalam.) rubralis olivm
. Trct. rubro thalam. t
Trct. spino thalamicus ^
Hinterstrangbahn f.
Hinterstrangkern
Pyr. Seitenstrang
Vorder
Trct. cerebello tegmentalisT
Trct. rubrospinal. * 1
(Monakow) 4-
---•Nucl. dentat.
Nucl. Deites
Trct. vestib. spin. lat. 4-
Vorderhorn
1. Die kortikospinale oder Pyramidenbahn im Dienste der will¬
kürlichen Myodynamik.
2 Kleinhirn— Bindearm— Roter Kern— M o n a k o w sches Bündel,
ein System von Bahnen als konisch-ordinatorischer Apparat.
3 Ein subkortikaler Reflexbogen, dessen Bahnen oben im Einzelnen
beschrieben sind und der in Pallidum und Striatum seine Doppelkuppel
hat als ein den Automatismen der Ausdrucks- und Begleitbewegungen
dienender Apparat.
Trotz des durch viele Verknüpfungen dieser drei Bahnen
gewährleisteten Zusammenhanges handelt es sich um drei physio¬
logisch differenzierbare Systeme. Die kortikospinale Pyramiden¬
bahn vermittelt die bewussten Bewegungsbefehle. Ihre Impulse
treffen jedoch auf eine Vorderhornzelle, die durch Rückenmarksreflex¬
anregungen in einem gewissen Aktivitätszustand sich befindet, der sie
zum Empfang der Willkürinnervation ungeeignet macht. Infolgedessen
werden ergänzende Innervationen notwendig, die die Ueberladung der
Vorderhornzellen und entsprechend der motorischen Oblongatakerne
kompensieren, sodass diese für die fein differenzierten Impulse der
Pyramidenbahn empfangsbereit werden. Und weiter über diese Emp¬
fangsbereitschaft für das prifnum incitans hinaus, muss die Vorderhorn¬
zelle auch während der Dauer einer Willkürbewegung, die ja einen
fortwährenden Wechsel zwischen Spannung und. Entspannung der Mus¬
kulatur voraussetzt, von hemmenden Zwischenimpulsen gezügelt wer¬
den. Da sie auf dem Wege des kurzen Reflexbogens und der Klein¬
hirnreflexbahn geladen werden kann, müssen übergeordnete Bahnen die
Entspannung innervieren. Diese liefern also nicht eigentlich eine Be¬
wegungsleistung, sondern haben statische -Funktionen, deren Ziel das
richtige Zusammenarbeiten der die einzelnen Gelenke und Glieder fixie¬
renden Agonisten und Antagonisten (Koordination) und, das folgerichtige
und richtige Ablaufen der einzelnen Bewegungsphasen ist, wofür
Haenel den Begriff der Postordination vorgeschlagen hat, der des¬
halb recht brauchbar erscheint, weil die Belegung des in der Auf¬
einanderfolge der Bewegungen wichtigen autonomen Faktors mit einem
besonderen Terminus das dauernde Eingreifen eines solchen akziden¬
tellen autonomen Faktors in den Ablauf einer scheinbar willkürlichen
Bewegung zum Bewusstsein bringt, für die eigentlich nur der Antrieb
willkürlich ist. Die Regelung dieser myostatischen Vorgänge (Strüm¬
pell) ist nur an bestimmte extrapyramidale Neuronensysteme geknüpft,
die beim Abfluss eines kortikospinalen Impulses auf einem hier nicht
näher zu analysierenden Wege zur Mitbeteiligung angeregt werden.
Und zwar beherrschen Kleinhirn und Vestibularapparat die koordina-
torischen Funktionen, während zu den postordinatorischen das striäre
System in Beziehung zu setzen ist, wie experimentelle Untersuchungen
und pathologische Prozesse zwängend fordern. Schon Nothnagel
wies durch Chromsäureinjektion in den Linsenkern kataleptische Er¬
scheinungen nach. Genauere Nachprüfungen der Enthirnungsstarre6)
e) Sherringtons „decerebrate rigidity“.
ihr aufgesetzt werden können. Hierin berührt sich diese Hypertc
mit der Tetanusstarre, bei der ebenfalls reflektorische Zuckungen m1
lieh sind, solange die maximale Verkürzung noch nicht erreicht
(Fröhlich und H. H. Meyer). Verhältnisse, die für ein relati
Unbeschädigtsein der anisotropen Fibrillen (Verkürzungsapparat
Uexküll) und ihrer zugehörigen Nerven sprechen und den Rigor
Innervationsstörung des Sarkoplasmas (Sperrapparat von Uexki
aufzufassen nahelegen, wofür weiterhin die 1 atsachen sprechen, <
die durch das Sarkoplasma geleistete tonische Dauerverkürzung
Muskels ohne Ermüdungserscheinungen, ohne Sauerstoffverbra;
Wärmeentwicklung, Aktionsstrom etc. verläuft. In Parenthese sei
wähnt, dass die Neugeborenen ihre Glieder ebenfalls in Stellun
verharren lassen, die diesen Spannungszuständen ähneln und auch
eben aufgezählten physiologischen Momente aufweisen.
Ein näheres Eingehen auf die Gesetze der Tonusmuskulatur wi
bei der Strittigkeit des Tonusproblems weit über den Rahmen di
Arbeit hinausgehen. Es sei nur erwähnt, dass die anatomische
sache der Doppelinnervation der quergestreiften Muskulatur (synj
thisch und zentral) nicht mehr abzuleugnen ist (Spiegel). Die^
lyse der beim Zustandekommen des Muskeltonus eingreifenden K
ponente wird noch häufig Gegenstand weiterer Untersuchungen
müssen. Möglich ist, dass bei ihnen auch sympathische Einflüsse v.
sam sind, sodass wir im Striatum ein Hemmungszentrum für teilw
sympathisch regulierte Mechanismen zu suchen hätten, wofür der z
fellose Nachweis von sympathischen Ganglienzellen im Hypothala
(K a r p 1 u s und K r e id e 1) zu sprechen scheint bei der nahen,
bindung dieser Grisea zum striären System. Läsionen des Stria
bedingen demnach Steigerung des normalen Muskeltonus zur pa
logischen Rigidität durch Wegfall der auf niedere Zentren von oe
System ausgeübten Hemmungen. Mit dieser hemmenden Funk
steht das Striatum im antagonistischen Gegensatz zum Kleinhirn,
tonussteigernde Wirkung ausübt und dessen zerebellofugale Bahne:
N. ruber Hemmungsimpulsen von höheren subkortikalen Zentren (
atum) unterliegen 7). Da diese Ergisten und Antagonisten zur gier
Zeit befallen, resultiert eine Bewegungsarmut, für die C. und 0. V]
den treffenden Namen der Haltungsrigidität geprägt haben. In di
Haltungsrigidität ist das hervorstechendste und durchgängigste M
mal des striären Syndromes zu erblicken. Auf seiner Basis
Strümpell seinen amyostatischen Symptomenkomplex aufgc
indem er bei gleichzeitigem und gleichförmigem Befallensein der
nisten und Antagonisten Hypertonie. Kontraktur. Stellungsanon
7) Kleist sucht dagegen das Striatum unter den hemmenden Eii
des Kleinhirns zu stellen, das in „Masse und Entwicklung nur vom 0
hirnmantel ubertroffen wird“. Wird das funktionell ihm unterstellte Stn
befreit, so kommt es zu Hyperkinesen. Beweis Bindearmchorea. Auch
s t r o e m postuliert auf Grund seiner Sektionsbefunde und gestützt auf tr:
Untersuchungen (B o n n h o e f f e r, B r e m m e) für diese Störungen 1
1 in der Bindearmgegend.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
241
lungsfixation, mimische Starre und allgemeine Bewegungsarmut,
regelmässiger Abwechslung der tonischen Störungen in den beiden
raren Muskelgruppen eines Gliedes das Symptom des Tremors und
:kelns, bei unregelmässiger Folge und wechselnder Lokalisation
rhalb der Muskeln einer statischen Gruppe Athetose, bei Lieber¬
en auf andere zusammengehörige Gruppen Chorea entstehen s:eht.
Hinblick auf diese Möglichkeit einer einheitlichen Betrachtung des
apyramidalen Symptomenkomplexes nach dem Gesichtspunkt der
keltonusstörung erscheint die S t e r t z sehe Zusammenfassung der
iptome als dystonisches Syndrom gerechtfertigt.
Mit dieser Feststellung sei jedoch keineswegs der Standpunkt ver-
;n. dass sich vom Monosymptom der Haltungsrigidität aus der Poly¬
phismus des striären Systems restlos erklären Hesse. Auch ist
t annehmbar, dass mit den Beziehungen des striären Systems zum
.keltonus dessen Funktionen vollkommen umschrieben sind. Weisen
i einerseits schon die klinischen Bilder des Parkinsonismus bei
ephalitikern mit ihrem von Tageszeiten und Körpertemperatur ab-
jigen psychomotorischen Torpor, mit ihrer Inversion der Schlaf-
/e. ihrem inversen Temperaturtyp auf Störungen des vegetativen
ergismus und zwar vor allem der Wärmeregulierung hin8).
3 n o m o fasst diese Erscheinungen unter dem Ausdruck der Dis-
ation der Gezeiten der körperlichen, von vegetativen Zentren be¬
ten Funktionen und der psychischen Grosshirnfunktionen zusammen,
könnte man mit Recht einwenden, bei Enzephalitis handle es
um einen so diffusen Prozess, dass lokalisatorische Fragen an ihm
t studiert werden können. Darauf wäre zu erwidern, dass auch
echte Parkinson diese Diskrepanz in der nächtlichen Unruhe der
über torpiden Kranken zeigt. Die engen Beziehungen des striären
tems zum Hypothalamus legen eine Beteiligung an dem Einfluss
den Mechanismus der zentralen Wärmeregulation nahe, doch sind
4kten über die Beziehungen noch nicht geschlossen (cf. Spiegels
sches Uebersichtsreferat im Zbl. f. d. ges. N. u. P.).
Vogt und Kleist betrachten das striäre System als Zen-
l für gewisse Automatismen der Muskelinnervation, die aus
logenetisch älterer Zeit erhalten geblieben und in den Ablauf der
ählich entstandenen kortikalen Bewegungen hineingeflochten sind;
zwar führt nach der Vogt sehen Analyse der Ausfall der feineren
atumfunktionen zu fortgesetzten Spontanbewegungen wie Zittern,
eatischen und athetotischen Bewegungen,. Spasmus mobilis, Mit-
egungen, Zwangsweinen, Zwangslachen und zum Fehlen gewisser
3matismen im Mienen- und Gestenspiel, Gang, Sprache und Schluck-
woraus eine Bewegungsarmut resultiert (striäre Akinese). Die
innten Hyperkinesen sind nicht als Reizerscheinungen des Stri-
ns (striäre Hyperkinesen), sondern als substriäre-pallidäre Hyper-
sen infolge Enthemmung des Pallidum aufzufassen. In diesem
le sprach sich auch Wilson auf dem diesjährigen Kongress in
s aus, dass weder Zittern noch Rigidität als Reizsymptom von der
lologisch veränderten Stelle anzusprechen wäre. Der Ausfall der
reren Pallidumfunktionen macht von grösster Bewegungsarmut be¬
tete Versteifung infolge Enthemmung subpallidärer Zentren (sub-
idäre Akinese). Da das Pallidum auf beide Körperhälften einzu-
cen vermag, kommt es zu dem Pallidumsyndrom der Versteifung
bei doppelseitiger Erkrankung des PaLlidum, während einseitige das
itumsyndrom zeitigt. Neuerdings (auf dem erwähnten Kongress)
det sich nun Wilson energisch gegen die Zusammenfassung von
rea, Athetose. Zittern usw. unter dem Namen des Striatumsyn-
ns, da das Striatum nur eine von vielen Quellen der Bewegungs-
ingen ist. Und es erscheint mir in der Tat wichtig, das
ache Zusammenwirken der verschiedenen motorischen Systeme
der Analyse der Bewegungsstörungen zu berücksichtigen. So
eht auch keine zwingende Notwendigkeit, für alle diese Sym-
re ausschliesslich das striäre System als lädiert zu postulieren. Die
ahme, dass z. B. die von Foerster bei der von ihm aufgestell¬
arteriosklerotischen Muskelstarre vorhandenen Erweichungsherde
ler Grosshirn — Brücken — Kleinhirnbahn die den pallidären Hyper-
sen ähnliche Erscheinungen hervorrufen können, erscheint nach
vor berechtigt, da diese Bahn als Arm des kortikofugalen muskulären
rlsstromes ebenfalls zügelnde Wirkung auf den zerebellaren 'Reflex¬
en ausübt. Doch fehlt diesem Syndrom die Beeinträchtigung der
omatismen im Mienen- und Gestenspiel, in Flucht- und Abwehr¬
egungen, woraus sich einerseits die Möglichkeit einer feineren
erenzierung beider Systeme und andererseits die Bedeutung gerade
er Symptome für das palLidäre Syndrom ergibt.
Gegenüber pathogenetischer Fragestellung versagen die Bilder der
zustände, an denen von C. und 0. Vogt die lokalisatorischen Stu-
i durchgeführt wurden, als Effekt der verschiedenartigsten patho-
sch-anatomischen Prozesse. Auch die histologischen Bilder gewäh-
keinen eindeutigen Aufschluss über die Art des Leidens. Als ge¬
eite Tatsache darf gelten, dass die striären Zentren eine besondere
/osition für chemische Noxen, z. B. Kohlenoxyd, Leuchtgas, Mangan
1 tzen (Lu bar sch, Spatz, Nothnagel, Fuchs), auch für
Intoxikationen (W i 1 s q n s Fälle mit Lebererkrankung, B o -
oem, L e w y). Doch eine konzise Abgrenzung der einzelnen Pro-
se gegeneinander vermag das histologische Syndrom noch nicht zu
I 8) Die Versuche (Lust) der jüngsten Zeit, mittels Fiebererregung
nd auf den Parkinsonismus bei Enzepbalitikern zu wirken, sprechen eben—
dafür. Wir konnten in der Klinik eine Enzephalitiskrauke beobachten, die
Vorliebe trotz winterlicher Kälte im Klinikgarten sass, ohne die Kälte
igenehrn zu empfinden.
liefern. Die S p i e 1 m e y e r sehen Untersuchungen der Wilson sehen
Krankheit und Pseudosklerose weisen nach, dass über das Wesen der
Prozesse auf Grund des wechselvollen pathologischen Ensembles nichts
Sicheres zu eruieren ist, dass fliessende Uebergänge zwischen beiden
und zu den Befunden bestehen, die bei chronischer Chorea vorhanden
sind, und nicht zuletzt, dass die Wilson sehe Krankheit nicht „mit
der Schärfe eines Experimentes“, w.ie es frühere Annahmen formulier¬
ten, das Areal der Linsenkerne allein befällt, sondern dass auch in
der Hirnrinde degenerative Prozesse neben besonderen Wucherungs¬
vorgängen am gliösen' (A 1 z h e i m e r sehe grosse Gliazellen) und am
mesenchymalen Apparat ausgeprägt sind. Lässt man die diffusen akuten
Enzephalitiden aus dem Kreis der Betrachtungen und beschränkt die
Anwendung einer histopathologischen Klassifikation auf die herdförmig
lokalisierten chronischen und heredogenerativen Prozesse, so kann man
die Parenchymdegenerationen (Fischer, Jelgersma) mit vor¬
wiegendem Befallensein des Striatum (Status fibrosus C. und
0. Vogts), dem klinisch eine chronisch progressive Chorea entspricht,
den sensiblen oder präsenilen Prozessen (L e w y) unter Mitbeteiligung
des Gefässapparates (Status desintegratus C. und 0. Vogts) unter
besonderer Vorliebe für Striatum (arteriosklerotische Chorea) und
Pallidum (Paralysis agitans M a s s und arterioskleriotische Muskel¬
starre Förster) gegenüberstellen. Während nach dem Markscheiden¬
bilde, dessen alleinige Berücksichtigung Jakob in seinem kritischen
Referat als zu einseitig zurückweist, der Status marmoratus mit isolier¬
tem Ganglienzellenschwund im Striatum (Littlestarre) und der Status
dysmyelinisatus (Untergang der Faserung zwischen Striatum + Pal¬
lidum und Thalamus + Hypothalamus, klinisch progr. Athetose mit Ver¬
steifung) die Gegensätze bilden.
Die pathologischen Forschungen, die nach dem Charakter dieser
Arbeit nur ganz kursorisch dargestellt werden konnten, zeigen das
dringende Bedürfnis nach Vertiefung der Studien nach der histologischen
Seite hin, wie C. und 0. Vogt selbst schreiben, die mit den Mitteln
ihrer Myeloarchitektonik <die topische Diagnose so weit gefördert haben,
dass sie als eine wesentliche Stütze ihrer pathophysiologischen Erklä¬
rungen des striären Syndroms zu betrachten ist. Spielmeyers
Verdienst ist die präzise Formulierung der Probleme, die der weiteren
histologischen Analyse und damit Pathogenese der Prozesse entgegen¬
stehen.
Fassen wir nun die gewonnenen Einblicke zusammen, so müssen
wir zur Anschauung kommen, dass wir im striären System ein höchst
differenziertes sensomotorisches Regulationsorgan vor uns haben. Das
Pallidum besitzt phylogenetisch weit zurückgehend eine grosse Selbst¬
ständigkeit und ist sogar beim Menschen noch für die primitiven hyper-
tonisch-athetoiden Gruppenbewegungen während der ersten Lebens¬
monate verantwortlich zu machen. Später wird es von dem übergeord¬
neten Striatum gezügelt, das ein Zentrum für erlernte sekundäre Auto¬
matismen darstellt. Da diese in Willkürbewegungen eingeschaltet wer¬
den, sind sie dem Impuls der motorischen Rinde als Zentrum für die
Willkürbewegungen unterstellt. Auch zur Kleinhirnfunktion tritt das
striäre System in Beziehung, indem es eine antagonistische Wirkung
zu ihm ausübt in Form eines tonushemmenden Einflusses. Diese beiden
tonusregulierenden Systeme sind kortikal gezügelt und stehen mit dem
Pyramidensystem in gewisser Interferenzwirkung, bezogen auf ihre
Vorderhornzellinnervationen. Kontaktstellen sind für Hirnrinde und
striäres System der Thalamus, für Kleinhirn und striäres System der
Nucleus ruber und Darkschewitschi, sowie die Vierhügel. So
wird für einen geregelten Ablauf der durch Antrieb der Pyramiden¬
bahnen in Gang gesetzten Willkürbewegung gesorgt durch das Klein¬
hirn. indem es die Spannnngsverhältnisse der einzelnen Muskelgruppen,
d. h. die Statik der Glieder so regelt, dass die feinen Pyramidenimpulsc
an den reflektorisch festgestellten Gliedern ein geeignetes Hypomochlion
vorfinden; durch das striäre System, indem es die Ladungen der Vor¬
derhornzelle, die auf den untergeordneten Reflexbögen des Rücken¬
marks und Kleinhirns auf sie einstürmen, in einem Grade kompensiert,
dass dadurch das Ultimum movens in Empfangsbereitschaft für die
Impulse der Willkürbahn versetzt wird, und indem es andererseits
in die Willkürbewegungen Automatismen einfliessen lässt.
Die Bedeutung dieser Funktionen wird aus ihrer Störung ersicht¬
lich: Gemäss der Doppelfunktion des Pallidum haben wir zu unter¬
scheiden den Ausfall der tonushemmenden Funktion, von den Störungen
in der Innervation. Die ersteren führen zur Steigerung des HeiT-
bronner sehen plastischen formgebenden Muskeltonus, des Fixations¬
reflexes oder umgekehrt ausgedrückt zur mangelhaften reziproken An¬
tagonistenhemmung Sherringtons. Symptomatisch resultiert da¬
raus: Haltungsrigidität und -anomalie. Rigor bis zur Versteifung, Kata¬
lepsie, Tremor. Störungen und Verlangsamung im Bewegungsablauf
(Adiadochokinesis). Ob diese Symptome restlos durch die Enthemmung
der Kleinhirnbahn erklärt werden können, oder ob das striäre System
eine direkte Beeinflussung des Muskeltonus durch sympathische bzw.
parasympathische (Frank) Innervationen via Hypothalamus besitzt,
muss dabei offen bleiben. Die Störungen der innervatorischen Funktion
sind kenntlich am Ausbleiben von Mitbewegungen, die automatisch in
den Ablauf einer Willkürbewegung eingeschaltet werden, z, B. beim
Gehen, Sprechen usw., ferner Ausbleiben von Reaktivbewegungen, auf
deren Konto die gestikula torische Armut, die mimische Starre, der
Mangel an Einstellungs-, Abwehr- und Fluchtbewegungen zu setzen
sind. Ein Ausfall des tonuserregenden, Einflusses seitens des Kleinhirns
macht Hypotonie, die häufig als Nebensymptom bei der- Chorea zu
Konstatieren ist (Bindearmchorea!), ferner koordinatorische Störungen,
die als Bewegungsataxie zusammengefasst werden können. Beim Fort-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF T.
fall der das Pallidum zügelnden Striatumwirkung werden wir ein dem
Pallidumsyndrom konträres Symptomenbild zu erwarten haben, da d*e
Pallidumfunktionen sich nunmehr ungehemmt auswirken können. Und
in der Tat bemerken wir unter den hierher gehörigen Symptomen
Herabsetzung des Muskeltonus bis zur Ueberdehnbarkeit. ausgedehnte
Synkinesien in Form von umfangreichen Mitbewegungen und gruppen¬
weisen Mitinnervationen. Doch auch über die Art dieser unwillkür¬
lichen Bewegungsstörungen lässt sich einiges aussagen auf Grund der
Erwägung, dass der Ausfall der Striatumzügelung funktionell einen
atavistischen Zustand zur Folge hat, indem das Pallidum selbständig
Bewegungen vermittelt wie zur Zeit seiner normalen Selbständigkeit.
Wir werden also in diesen wieder frei gemachten Automatismen An¬
klänge an die Bewegungen des Neugeborenen und sogar an die des
Affen erwarten müssen. Das Striatum bildet wie erwähnt die Vermitt¬
lung zwischen Pallidum und motorischer Rinde, dem die Funktion ent¬
spricht, die primitiven Automatismen des Pallidum selektiv in die
WLHkürbewegungen einzuschalten. Durch solche Auswahl und Kom¬
bination werden sie zu sekundären, durch Erfahrung erlernten Striatum¬
automatismen umgebildet. Bei Fortfall der Striatumwirkung zerfallen
nun diese komplizierten Bewegungsvorgänge wieder in ihre pallidären
Bausteine, wie Myoklonie, Tick, athetotische, choreatische Dreh-, Mit-,
Zwangsbewegungen, je nach Tempo, Folge und1 Rhythmik der Einzel¬
phasen, die sich ohne Steuerung seitens der Zweckimpulse sinnlos
durchsetzen und wahllos verbinden. Durch Kombination von Reiz¬
wirkungen und Enthemmungen seitens der einzelnen motorischen
Systeme kommt es zu dem ausserordentlichen Polymorphismus und zu
den fliessenden Uebergängen im extrapyramidalen Symptomenkomplex.
Aus dieser Beeinträchtigung des Syndroms auch von den anderen
Systemen ergibt sich die Notwendigkeit der Einbeziehung der Gross¬
und Kleinhirneinflüsse in die Analyse dieser Bewegungsstörungen, so
zeigt es z. B. gerade die Chorea mit ihrer Korrelation zwischen kortikal
intendierter Bewegung und Entgleisung durch die subkortikalen Auto¬
matismen. Noch deutlicher kommt die Abhängigkeit von den Pyra¬
midenbahnen zum Ausdruck in dem Verdecktwerden der extrapyrami¬
dalen Symptome durch Funktionsausfall der Pyramidenbahn, die mit
ihrer hemmenden Wirkung auf die Vorderhornzelle die Auswirkung der
subkortikalen Impulse erst ermöglichen. Auch die Beeinflussung durch
psychische Reize ist in diesem Sinne anzuführen, wobei differential¬
diagnostisch wichtig gegen den katotonischen Stupor ist, wie sehr die
erhaltene Persönlichkeit trotz des Mangels der Einstellungsbewegungen,
trotz der mimischen und gestikulatorischen Armut doch hindurchschaut,
wobei andererseits auch eine Beeinträchtigung der psychischen
Energien zu spüren ist, da immer neue Willensimpulse für jede Phase
der Willkürbewegung nötig werden. Die auf Erlahmung des Eigen¬
willens zurückzuführenden1 Symptome können deshalb auch durch Auf-
oktroyierung eines fremden Willens zum Verschwinden gebracht
werden, z. B. in der Hypnose.
Trotz dieser vielseitigen Beziehungen zu anderen Neuronengruppen
stellt das striäre System auf Grund seines anatomischen und histo¬
logischen Baues, seiner Entwicklungsgeschichte und seiner physio¬
logischen Eigenart doch ein Neuronsystem im engeren Sinne dar,
dessen Erkrankung eine Anzahl miteinander verwandter Krankheits¬
bilder zeitigt, die bei der Lokalisation derselben Prozesse in anderen
Systemen nicht entstehen, ln Analogie zur Area giganto pyramidalis
ist auch für dieses System eine somatotopische Gliederung zu er¬
warten. Und in der Tat hab„en C. und O. Vogt im Areal des Striatum
einen bestimmten Parallelismus zwischen lokalen Zerstörungen und der
Lokalisation ihrer Funktionen aufdecken können, indem im oralen Teile
Sprache und Schluckakt, im kaudalen die übrige Körpermuskulatur ver¬
treten ist. Als ein klinischer Ausdruck der Architektonik mag gelten,
dass beim Befallensein des vordersten Abschnittes Bulbärerscheinungen
auftreten (Pseudobulbärparalyse Oppenheim-Vogt und S c h i 1 -
dcr-Gerstman n).
Eine kurze Zusammenstellung derjenigen Krankheitsbilder, denen
das striäre Syndrom den Charakter verleiht, ist in der Einleitung ge¬
geben. Wie bereits aus dem Umriss der pathologisch-anatomischen Be¬
funde evident wurde, stösst eine konzise histologische Klassifikation auf
Schwierigkeiten, die noch nicht überwunden sind. Auch die klinische
Einteilung ist noch keine präzise, nicht zuletzt wegen der mangelnden
ätiologischen Kenntnisse von den einzelnen Krankheitsbildern. Am
einheitlichsten grenzen sich diese ab in der Gruppe der Heredo-
degenerationen und Entwicklungsstörungen. Das ganze Gebiet der
extrapyramidalen Bewegungsstörungen lässt sich symptomatologisch
in drei Gruppen einteilen.
I. Das hypokinetisch-hypertonische Syndrom:
1. Charakterisiert durch Vermehrung des Muskeltonus, der sich
durch wächsernen, nicht federnden Widerstand bei passiven Be¬
wegungen, Fehlen der Reflexsteigerungen und Irradiationen und gleich¬
zeitiges Befallensein von Agonisten und Antagonisten vom Pyramiden¬
spasmus mit dem Wernicke-Mann sehen Prädilektionstypus unter¬
scheiden lässt. Folgen dieses „Rigors“ sind Haltungsanomalien, wie
Pfötchenstellung, Klauenfuss, Caput obstipum, kyphotische Wirbelsäule.
2. Durch extrapyramidale Paresen, deren Schwäche mehr bei
kinetischer Innervation als bei Widerstandsbewegungen zum Ausdruck
kommt infolge spastischer Fixation einer jeweiligen Stellung, die erst
überwunden werden muss. Uebergang zur Kontraktur bei maximaler
Steigerung des Fixationsspasmus.
3. Durch Störung der Innervationsbereitschaft mit konsekutiver
Verzögerung des An- und Abklingens der Bewegungen, Einschränkung
der Mitbewegungen9) bis zu deren Fehlen sowohl bei Willkürimpu ;
wie bei Reflexen, Bewegungsarmut wie mimische und gestikulatoriscl
Starre, Haltungsrigidität, Bradybasie und -lalie mit konsekutivem Fehle
der Abwehr- und Schutzbewegungen, z. B. bei plötzlicher Verschiebui:
des Schwerpunktes laufen die Kranken ihrem Schwerpunkt nach (Pro
Retro- und Lateropulsion).
4. Durch Tremor und Wackeln oder Drehbewegungen in Ruhelap:
(statische Ataxie). Zu ihrer Erklärung sei das Beispiel des Mult
plikators gebraucht: dessen Tertium comparationis ist der Ausschle
auf jede feinste Schwankung im geschlossenen elektrischen Stromkrei
dem hier die ungehemmten Erregungen im spinalen und zerebellare
Reflexbogen entsprechen.
Krankheitsbilder sui generis: Die Wilson. sehe Krankheit, d
Pseudosklerose trotz ihres nosologischen Sonderbildes mit Hypotoni
skandierender Sprache und grobem Wackeln, besonders auf Grund dt
im Prinzip identischen histologischen Befundes wie bei Wilsi
(Spielmeyer) und die Paralysis agitans 10).
II. Spastisch - athetotisches Syndrom:
1. Spasmen, die wegen ihres unregelmässigen und paroxysmalen B<
fallenseins von Ergisten und Synergisten als Spasmus mobilis bi
zeichnet werden. Sie stehen der Kontraktur näher als der Rigor, dessc
wächserne Biegsamkeit sie auch nicht besitzen11). Aus ihrer Lokai
sation und Ablaufsrichtung resultieren abnorme Gliederstellungen, d
an fötale erinnern.
2. Athetose, die sich sukzessive aus dem Spasmus mobilis ergil:
indem verschiedene Muskelgruppen abwechselnd betroffen werden vo
Impuls und dessen Lösung. Die langsam ablaufenden wurmförmigt
Bewegungen ähneln denen der Säuglinge und sind in hohem. Masse al
hängig von Erregungszuständen in anderen Neuronensystemen mei
in positivem Sinne, wenn auch maximale heterogene Momente sistiercr
zu wirken vermögen.
3. Lebhafte emotionelle Akte mit Neigung zu langem Verharrei
Zwangsweinen, Zwangslachen, Grimassieren, umfangreiche Mi
bewegungen. Wegen der gesteigerten Reaktionsbereitschaft ist die ai
den angeführten theoretischen Erwägungen zu erwartende Hypoton
und Ueberdehnbarkeit nur selten bei der Prüfung durch passive B
wegungen zu konstatieren.
Krankheitsbilder sui generis sind Athetosis duplex (rein idiopathisi
oder mit Paraplegie oder mit Epilepsie) und der Torsionsspasmus, d
trotz einmal erhobenen pathologischen Befundes wie bei Wilsi
symptomatologisch hierher zu rechnen ist. Unterschiede zwischi
beiden bestehen darin, dass die Athetose häufig an den distalen Glieder
während der Torsionsspasmus der Hauptsache nach an Rumpf ui
Kopf lokalisiert ist. Symptomatisch: Hemiathetosis post hemiplegiai
bei der Enzephalitis gern mit bulbärem Sitz.
III. Choreatisches Syndrom:
Bei ihm kommen die postordinatorischen Funktionen des striiin
Systems als Ausfallserscheinung am klarsten zum Ausdruck, weil b
dieser Gruppe vornehmlich die Aufeinanderfolge der einzelnen B
wegungen gestört ist. Auf Grund unwillkürlicher Innervierung in regt
loser Verteilung auf die Ergisten ohne korrespondierenden Impuls ;
die Synergisten kommt es zu kurzen Zuckungen oder zu eigenartig'!
Bewegungsfolgen, die entgleisten Zielbewegungen ähnlich sehen, ih
Schnelligkeit hängt vom Tonus der Muskeln ab. Hypertonus geht:
nicht zum Syndrom, dagegen, oft Hypotonie nach Foerster infols
Miterkrankung des zerebellaren Systems. Während die Athetose a
Gliede entlang kriecht, befällt die Chorea ganz entlegene. Muskelgruppi
bunt durcheinander, die jedoch statisch zusammengehören. Dabei b
steht lebhafteste reaktive Bereitschaft des motorischen Apparates, i
folge mangelnder Bremsung (Hypotonie) kommt es leicht zu ausfahrc
den, über das Ziel schiessenden Bewegungen.
Als selbständiges Krankheitsbild in Form der Chorea ininor (S>
deitham) und der chronisch progressiven Chorea (Unterform Hui
tington) mit stärkerer psychischer Beteiligung. Symptomatis.
als Herdsymptom und bei Intoxikationen.
Allen diesen Gruppen ist als negatives Merkmal das Fehlen v<
Pyramidenzeichen gemeinsam. Ein event. positiver Babinsky ist b
sonst vorhandenen athetotischen Bewegungen vorsichtig zu bewerte
da durch den Sohlenreiz eine rudimentäre athetotische Dorsalflexij
der grossen Zehe ausgelöst werden kann. Vogt trennt dieses Pb
nomen deshalb als „Pseudobabinsky“ vom echten Hautreflex ab.;
Auf die Beziehungen zu den katatonen Bewegungsstörungen s
hier nur beiläufig hingewiesen; bei ihnen sind ebenfalls schwere Vc
änderungen im Pallidum gefunden worden (Josephi. ital. Autorei
_ _ _ _
9) Diese sind iin Gegensatz dazu bei Py-Läsionen besonders typisef
so z. B. das Flektieren des Vorderarms und Abduzieren des Oberarms be
Händegeben der Hemiplegiker, dass diese dadurch die Prägung des st)
..Feudalgrusses“ bekommt.
10) Ich kann es nicht unterdrücken, selbst auf den Vorwurf hiin. Her
stratenruhm zu verbreiten, einen Herrn Crocq aus Brüssel hier zu zitier,
der die Zunahme der Paralysis agitans in Belgien seit dem Kriege a
die deutschen Grausamkeiten in Loewen und anderen belgischen Orten glau
zurückführen zu müssen, indem er als ursächliches Moment die Aufregung d
Bevölkerung darüber hinstellt. Au ridicule il n’ya qu ’un pas.
J1) Hierher gehört die W e s t p h a 1 sehe paradoxe Kontraktur, die
bei Paralysis agitans beschrieben hat und die von uns bei einem Enzephalitik
infolge spastischer Fixation der Fussstrecker bei Prüfung des Fussklonus ai
gelöst werden konnte.
Februar 1922.
U Encephalitis epidemica hat ihre Prädilektionsstellen mit Vorliebe
, Zwischen- und Mittelhirn; der diffuse Charakter ihres pathologisch-
atornischen Prozesses führt jedoch infolge der häufigen Komplikation
« Störungen des striären mit solchen anderer Systeme zu einer
sserordentlichen Vielgestaltigkeit, die nicht geeignet erscheint zum
udium reiner Typen striärer Erkrankungen. Dass sie sämtliche Re-
ter des striären Syndroms in allen möglichen Variationen zu ziehen
rmag. lässt schon die umfängliche Nomenklatur erkennen: E. chorea-
a, athetotica, amyostatica, cum rigore, myoclonica usw. Auf Grund
s relativ häufigen Auftretens myoklonischer Störungen bei Enze-
alitis scheint die Stert z sehe Auffassung sehr an Wahrscheinlich -
t zu gewinnen, dass die Myoklonie in Verwandtschaftsbeziehungen
n striären System steht. Geben nicht einmal die Prozesse, die eine
r hebe für das striäre System haben, ohne ganz auf dieses beschränkt
sein, eindeutige Krankheitsbilder, so kann das striäre Syndrom noch
■1 weniger bei den Prozessen unverdeckt in Erscheinung treten,
bei vornehmlich anderweitiger Lokalisation auch im Zwischen-
n aüftreten können, wie die progressive Paralyse (Alzheimer),
iltiple Sklerose (Zwangsweinen und -lachen!). Präsenile Gliose,
ilepsie (B i n s w a n g e r - L e w a n d o w s k y).
Hypothetisches und Tatsächliches sind in der Literatur über das
fliegende Ihema noch so innig verwoben, dass eine erschöpfende
tische Würdigung der vielfach differierenden Ansichten weit über
l Rahmen der mir von der Redaktion dieser Zeitschrift gestellten
fgabe hinausgehen würde. Wenn ich trotz dieser aphoristischen
;enntnis der Aufforderung, einen Ueberblick zu geben, nachgekom-
n bin, so geschah es, weil die neugewonnenen Erkenntnisse und
gestellten Probleme infolge ihrer Verquickung mit dem aktuellen
ema der Encephalitis epidemica sehr schnell das allgemeine Inter-
e auf sich gelenkt haben. Wenn unsere Kenntnisse von dem Wesen
extrapyramidalen Bewegungsstörungen noch recht lückenhaft sind,
können wir doch nicht ohne Berechtigung den Satz Edingers
überholt bezeichnen: „dass wir weder von den Funktionen des mäch-
:n Corp. striat- noch von den Symptomen etwas wissen, die eintreten,
nn es zerstört oder gereizt wird“ und nicht ohne einen gewissen
>lz dürfen wir im Bericht F. H. Lewys von der diesjährigen Neu-
jgentagung in Paris lesen: „Im Ganzen empfängt man den Eindruck,
s dem Referatthema (Pa r k i n s o n scher Symptomenkomplex) ge-
lüber eine gewisse Ratlosigkeit bestand.“ Um den dort vermissten
ssen Gesichtspunkt lassen sich die Ansichten unserer Autoren doch
tz mannigfacher Meinungsverschiedenheit in den Einzelheiten
trieren; der führende Gedanke ist aufzufinden und heisst
-feinerung der funktionellen Analyse (Tonusproblem) auf Grund
alogischer und histochemischer Diagnostik an einem kasu-
sch noch wesentlich zu bereichernden und nach den ver-
ierten neurologischen Anschauungen über Bewegungsstörun-
beobachteten klinischen Material. Als Zeichen eines Fort¬
rittes auf diesem Gebiete möge noch der Umstand Erwähnung fin-
. dass bei der Durchsicht der älteren Literatur eine ganze Reihe
1 Fällen sich nach Massgabe der neugewonnenen Erkenntnisse und
gestellungen einer retrospektiven Revision der Diagnose unterwer-
und in das Gebiet des extrapyramidalen Symptomenkomplexes ein¬
ten lässt.
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Wilson: Progressive Degeneration des Linsenkerns. 1912. Lewan¬
dowskys Hb. 5.
i AI.tikel der Enzephalitisliteratur, die Bezug haben zu dem hier be-
handelten Thema sind zum Teil in dem Uebersichtsreferat des Verfassers
(Zbl. f. d. ges. Neurol. 25) angeführt.
Während der Drucklegung erschienen:
>07. m C0assir®r: Halsmuskelkrämpfe und Torsionsspasmus. Klin. Wschr.
19-1 Nr. O. Foerster: Zur Analyse und Pathophysiologie der striären
Bewegungsstörungen. Zschr. f. d. ges. Neurol. 1921, 73.
Bücheranzeigen und Referate.
Pathologische Physiologie. Ein Lehrbuch für Studierende und
Aerzte. I. Abteilung: Die Funktionsstörungen des Herzens, der
Gcfässe und des Blutes von Dr. H. E. H e r i n g, o. Professor der Patho¬
logischen Physiologie in Köln a/Rh. Verlag von Georg T h i e m e.
Leipzig 1921. 120 Seiten. Preis geheftet 19.50 M.
Durch das Schreiben einer pathologischen Physiologie hat Verf.
einer Verpflichtung nachkornmen wollen, die er als einziger ordentlicher
Vertreter des Fachs in Deutschland den Studenten gegenüber in sich
gefühlt hat. Das Buch ist aus Vorlesungen hervorgegangen und enthält
das Wesentliche der pathologischen Physiologie vom allgemeinen patho¬
logisch-physiologischen Standpunkt. Die Kapitel, die den Inhalt der
vorliegenden ersten Abteilung bilden, sind im Untertitel angeführt.
Die Darstellung des für einen nicht dauernd in pathologisch-physiologi¬
schen Gedankengängen Arbeitenden schweren und auch spröden Stoffs ist
trotz einer im allgemeinen knapp zusammengefassten und ausgesprochen
persönlichen Schreibweise klar und verständlich. Besonders wertvoll
und nach Fassung und Inhalt gelungen scheinen dem Referenten die
Ausführungen über die Funktionsstörungen des Herzens. Das Buch
ist ohne Autorennamen, Zitate und Abbildungen geschrieben. In der
nächsten Auflage will Verfasser das nachholen, wenn es allgemein
gewünscht wird. Referent möchte einem derartigen Wunsche Ausdruck
geben. Das Buch würde durch Literaturangaben an Gebrauchsfähigkeit
als Nachschlagebuch beim Studium pathologisch-physiologischer Fragen
gewinnen. Schmincke - Graz.
Prof. Dr. Franz Rost: Pathologische Physiologie des Chirurgen
(Experimentelle Chirurgie). Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte.
Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage. Leipzig, F. C W
Vogel, 1921.
Schon nach einem Jahre liegt das gediegene Buch in neuer Auf¬
lage vor. Daraus ergibt sich, dass das Werk nicht nur einem Bedürfnis
entsprach, sondern dieses Bedürfnis auch erfüllt hat. Es wird ihm
daher auch im Ausland wohl derselbe Erfolg beschieden sein, den es im
Inland schon gefunden hat. Zu der auch von anderer Seite angeregten
Erweiterung des Inhalts nach der experimentellen Richtung hin, hat sich
VerL nicht entschlossen können. Durch Kürzungen in einzelnen Ab¬
schnitten war es möglich, ohne wesentliche Vermehrung des Umfanges
die neuesten Forschungsergebnisse unterzubringen. In dem Rahmen
den sich Verf. gesteckt hat, wird man über jede Frage, für die man
sich interessiert, geradezu mustergütige Aufklärung finden. Die sicheren
Bestände unseres heutigen Wissens treten klar hervor, aber auch das
kommt unverhüllt zum Vorschein, was unsicher ist und wo Lücken
bestehen. So bildet das Buch besonders für den wissenschaftlich orien¬
tierten Arzt eine Fundgrube von Fragestellungen und Problemen,
deren Weiterbearbeitung wertvoll und dankbar ist. — Nicht hinreichend
begi ündet erscheint auch in der neuen Auflage die Zirbeldrüse und
Hypophyse als Anhang des Abschnittes über die männlichen Genita¬
lien. Die beiden Organe haben doch Beziehungen zu den Keimdrüsen
überhaupt — auch zu den weiblichen — und würden besser ihren Platz
beim Abschnitt Gehirn und Rückenmark haben.
K r e u t e r - Erlangen.
H. Tiedje: Die Unterbindung am Hoden und die „Pubertäts¬
drusenlehre“ Jena, Gustav Fischer, 1921. Preis 10 M.
T. unt sucht an 29 Meerschweinchen verschiedenen Alters
systemat’ » den Einfluss der Unterbindung am Hoden auf die histo¬
logische ruktur der Keimdrüse und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass
sich be einseitiger Vas deferens-Unterbindung und anderseitiger
Kastration der jugendliche Hoden normal weiter entwickelt, während
244
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
der geschlechtsreife zunächst degeneriert und später wieder völlig
regeneriert. Beiderseitige Unterbindung führt zu ähnlichem Resultat.
Isolierte einseitige Unterbindung veranlasst völlige Inaktivitätsatrophie
des unterbundenen und kompensatorische Hypertrophie des anderen
Hodens. Erhaltenbleiben und Grad der Ausprägung der sekundären
Geschlechtsmerkmale hängt von dem spermatogen en Anteil des
Hodens ab, während die Zwischenzellen nur als Stoff wechseiapparat
anzusehen sind. Die Steinach sehe „Pubertätsdrüsenlehre wird auf
Grund der Versuche mit Recht abgelehnt. B. R o m e i s - München.
Priv.-Doz. Dr. J. Bauer: Vorlesungen über allgemeine Konsti¬
tutions- und Vererbungslehre. 186 S. Berlin 1921. Springer.
36 M. , D . .
Verf hat sich mit anerkennenswerter Elastizität die Ergebnisse der
modernen Erblichkeitsforschung weitgehend zu eigen gemacht, was
in der 2. Auflage seines grossen Werkes über „die konstitutionelle Dis-
Position zu inneren Krankheiten“ noch nicht in diesem Grade der rall
war. In seinen biologischen Vorstellungen hat Bauer nunmehr die
Autorität Tandlers innerlich ziemlich überwunden, wenn er auch
äusserlich noch an dessen Worten festhält. Die „Konstitution wird
zwar noch allgemein „als Ausdruck sämtlicher in der Erbmasse eines
Individuums enthaltenen Anlagen definiert", die einzelnen „Konstitu¬
tionen“ werden aber auf S. 124 ff. nicht nach den zugrunde liegenden'
Erbanlagen, sondern vielmehr morphologisch und funktionell charak¬
terisiert, was in der Tat rp. E. praktisch am zweckmässigsten ist.
Dass Bauer auch die Tandler sehe Terminologie noch einmal
aufgeben werde, wird man wohl kaum hoffen dürfen, nachdem er sich
einmal mit so viel äusserem Erfolge darauf festgelegt hat. Jedenfalls
aber darf man sich freuen, dass er die T a n d 1 e r sehe Lehre,, dass die
„Kondition“ der gegenwärtigen Generation zur „Konstitution der
künftigen werde, dass also „Individualhygiene selbsttätig zur Rassen¬
hygiene werde“, ablehnt und ihr den Satz entgegensetzt: „Volkshygiene
ist keine Rassenhygiene“. Manchen Einzelheiten der rassenbiologischen
Ausführungen des letzten Kapitels vermag ich freilich nicht zu¬
zustimmen; doch hoffe ich, dass das in der nächsten Auflage schon viel
weitgehender möglich sein wird. Für sehr berechtigt halte ich
Bauers Zweifel an der heute verbreiteten Meinung, dass die Folgen
. der Keimschädigung in der Regel die eigentliche Erbmasse unbeeinflusst
lassen, obwohl anderseits Bauers Ansicht, dass sie in jedem Falle
„Veränderungen der Konstitution“ (in seinem Sinne) bedeuten, viel¬
leicht auch zu weit gehen mag. „
Die „Vorlesungen“ Bauers werden neben der „Einführung von
S i e in e n s, die gegenüber der vorliegenden Auflage noch eine grössere
Klarheit der Begriffe voraus hat, mit Recht ihren Platz behaupten.
Lenz- München.
Dr. G. P. Frets: Heredity of Headiorm in Man. 193 S. mit
16 Tafeln und 9 Diagrammen. Haag 1921. Nijhoff. 12 Gulden.
Ein in Buchform erschienener Sonderdruck aus der holländischen
Erblichkeitszeitschrift „Genetica“. Die Arbeit ist, soviel ich sehe, die
solideste, welche bisher über die Erblichkeit der Kopfform erschienen
ist. Die Klarstellung der Erblichkeit ist aber eigentlich die unerläss¬
lichste Voraussetzung der Verwendung der Kopfform als Rassenmerkmal.
Ueberhaupt hat die Anthropologie der Zukunft m. E. die Wissenschaft
von den erblichen Unterschieden der Menschen zu sein; und dafür be¬
deutet die Arbeit von Frets einen grundlegenden Beitrag, den auch
kein Konstitutions- und Erblichkeitsforscher wird unbeachtet lassen
dürfen. . ,
Frets hat an 3600 Mitgliedern von 360 Familien festgestellt, dass
die Kopfform in erster Linie durch die Erbanlagen bestimmt wird, dass
daneben allerdings auch äussere Einflüsse bei ihrer Ausgestaltung mit¬
spielen. Die meisten Erbanlagen, welche Brachykephalie bedingen,
scheinen sich mehr oder weniger dominant zu verhalten, doch wurde
auch intermediäres Verhalten beobachtet; mikrobrachykephale Formen
scheinen sich rezessiv zu verhalten. In Frets’ Material wurden die
brachykephalen Köpfe im Durchschnitt ein wenig kleiner als die dolicho-
kephalen befunden; das ist besonders deshalb bemerkenswert, weil auf
Grund ungenügender mathematisch-deduktiver Ueberlegungen öfters das
Gegenteil behauptet worden ist Lenz- München.
Theodor Brugsch und Alfred Sch ittenhelm: Lehrbuch kli¬
nischer Diagnostik und Untersuchungsmethodik für Studierende, Medi¬
zinalpraktikanten und Aerzte. 5., vermehrte und verbesserte Auflage.
Urban &. Schwarzenberg, Berlin-Wien, 1921. 968 Seiten
gross 8° mit 418 teils farbigen Textabbildungen und 14 teils farbigen
Tafeln. 156 M. ungeb.
Die neue Auflage des reichhaltigen Buches, die nach 3 Jahren notig
geworden ist, bringt eine Vermehrung des Umfanges um 68 Seiten, der
Textabbildungen um 30 und zwei neue Tafeln. Der Titel ist geändert,
es heisst nicht mehr: Lehrbuch der Untersuchungsmethoden, sondern
1 ehrbuch der klinischen Diagnostik und Untersuchungsmethodik. Es
soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass das Buch mehr enthält
als eine Aufzählung der verschiedenen Untersuchungsmethoden, es will
eine zusammenfasssende Uebersicht der gesamten internen diagnosti¬
schen Wissenschaft sein. Das Anrecht auf diesen Titel ist ein wohl¬
begründetes, gerade die Abschnitte, die über den Rahmen der tech¬
nischen Dinge hinausgehen, sind sehr gelungen. Von Grund auf um¬
gearbeitet ist das Kapitel Untersuchungsmethoden am Zirkulations¬
apparat, die Herzschallregistrierung ist aufgenommen, die in der vorigen
Auflage noch sehr kursorisch behandelte Elektrokardiographie nun in
Breite dargestellt Das Röntgenkapitel ist stark erweitert, das Pneumo¬
peritoneum sehr berücksichtigt.' Bei der Lehre von dem Ikterus sind d
an Hy mans van den B e r g h anknüpfenden Erkenntnisse berüc
sichtigt. In der Tuberkulosefrage wird der Asch off sehe Standpun
vertreten. Von den neuen, so wertvollen Mikromethoden ist die B
Stimmung von Reststickstoff, Harnstoff und Zucker im Blute ai
genommen. Von wichtigeren Methoden, die noch in den Rahmen dies
Buches gehörten, wird nur die Ammoniakbestimmung vermisst. D
Buch ist ein zuverlässiger, auf der Höhe der Zeit stehender Ratgeb
und wird eine interessante Lektüre sein für alle, die sich neu ei
arbeiten oder über den gegenwärtigen Stand der Dinge wieder einn
unterrichten wollen. Kerschenstein et.
Göppert und Langstein: Prophylaxe und Therapie der Ki
derkrankheiten mit besonderer Berücksichtigung der Ernährung, Pfle;
und Erziehung des gesunden und kranken Kindes nebst therapeutisch
Technik. Arzneimittellehre und Heilstättenverzeichnis. 37 Abb. 607
Jul. Springers Verlag, Berlin, 1920.
Das Buch stellt eine pädiatrische Behandlungslehre im besten bini
des Wortes dar; denn einerseits baut es ganz auf der herrschend'
Lehrmeinung auf, anderseits ist es ganz aus der Praxis für die Präs
geschrieben. So kommt es auch, dass gewisse Abschnitte: Nervosit;
Appetitlosigkeit, Kaufaulheit, Erziehungsgrundsätze. Schlaf, Somrm
ferien, Badekuren, schlechte Körperhaltung, Gymnastik u. dgl., Trage
die dem Kinderarzt in der Sprechstunde leider täglich in erbarmunH
loser Eintönigkeit immer wieder begegnen, besonders ausführlich bl
handelt werden. In diesem Sinne füllt es auch tatsächlich eine Lüc
aus, denn gerade über diese Dinge, wird der Suchende in Lehrbüche
fast gar nicht orientiert. Auch in bezug auf die Wahl der einzeln .
Behandlungsmethoden befindet sich Ref. mit den Verfassern in eifrea
liebster Uebereinstimmung. Es ist zu hoffen, dass der Anfangsnahru
(Dnttelmilch) in der nächsten Auflage etwas mehr Milch zugefügt wir
auch als Zwiemilchnahrung halte ich diese Verdünnung sowohl a
praktischen als auch aus theoretischen Gründen für hervorragend n
geeignet. Bei der Asthmabehandlung vermisse ich das Adrenalin, bej
Erysipel die Höhensonne. Heisse Bäder zur Gonorrhöebehandlung sit
in. E. als lebensbedrohend abzulehnen. Morofl
Otto Voss und Gustav Killian: Gehörorgan, obere Luft-
Speisewege. Im Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltknej
1914/18 von Otto v. Schier ning. Leipzig 1921, Johann Ambril
Barth. Preis 90 M. , ,
Im otologischen Teil werden ausser den Verletzungen auch J
Erkrankungen des Gehörorgans beschrieben, während der rhinologiscs
und laryngologische Teil nur die Verletzungen der oberen Luft- ul
Speisewege umfasst. ' ». j
Voss hat die Schuss- und Stichverletzungen des inneren Ohr
die Schussverletzungen des Hörnerven und der zentralen Hör- ul
Gleichgewichtsbahnen und der zentralen Nachbargebiete des Ohrg
sowie die Verletzungen des inneren Ohres und der Zentralorgane duii
stumpfe Gewalt übernommen. Er bringt interessante Ejnzi
heiten, u. a. auch histologische Beschreibung von Felsenbeinen, die t
Symptome der Labyrintherschütterung darboten, aber Fissuren (
inneren Ohres aufwiesen. Voss plädiert überzeugend dafür, dass -
Schädelbasis-Chirurgie nicht den Allgemeinchirurgen, sondern den 0|
Laryngologen gehört, die die anatomischen Verhältnisse des Ohres u
der'Nase besser kennen. ' ..I
Killian hat die Verletzungen des Kehlkopfes und der LuftroB
für sich behalten. Es dürfte die letzte Arbeit des zu früh verstorberl
Führers der Laryngologie sein. Sie ist mit gewohnter Genauigkeit ifl
Klarheit geschrieben, so dass ihre Lektüre dem Leser direkt zum CS
nuss wird. Er betont mit Recht, dass unser diagnostisches Könnfl
um dessen Ausbau er und seine Schule sich besonders verdient £
macht haben, heutzutage weit reicht, um den einzelnen Fall ganz kl
zulegen. Bei Behandlung der Stenosen ging er meist chirurgisch
während er die Dilatationskuren kaum anwandte. Das Kapitel ul
die Lappenbildung bei Laryngostoma sollte jeder Laryngologe gelefi
haben. , , . . , 1
Die übrigen Kapitel sind an Mitarbeiter verteilt, die geschickt a<
gewählt sind. Auf diese Weise ist die ganze, fast unübersehbare Kat
stik zu einem klaren Gesamtbild verarbeitet. Nur Gutzmann beschräl
sich fast nur auf eigene Erfahrungen, aber sicherlich nicht zum Nach?!
der Sache, da er über ein grosses Material verfügt und im Kriege |S
einziger Spracharzt auch eine klinische Abteilung geleitet hat, in ft
er einen besonderen Wert auf die eingehende Beantwortung genau
Fragebögen gelegt hat. ■
Das Handbuch zeigt, dass unsere Friedenskenntnisse durch j
Krieg in mancher Beziehung erweitert und geklärt worden sind,
nenne nur die Lehre von der Perichondritis der Kehlkopfknot;
(Killian), von den Stirnhirnabszessen (W e i n g ä r t n e r), Med
stinitis (Kahler) und Lähmung des N. vagus, Ramus ext. B
N. laryng. sup., sowie den Einfluss der einseitigen Rindenläsion auf :<
Glottisschliesser (N e u m a y e r).
Die Kapitel der einzelnen Mitarbeiter lauten: Fl ei schmal
die Verletzungen des äusseren und des mittleren Ohres, Oertel,'^
Schädigungen des Gehörorgans durch Explosion und SchalleinuüS
G r a h e und S e 1 i g m a n n, Erkrankungen des Gehörorgans infej'
von Kriegsseuchen und unabhängig von ihnen, z. B. durch Kampfgas, !
aber im Ohr und Gleichgewichtsorgan keine besonderen Störungen r
vorgerufen hat. v. Eicken, funktionelle Schädigungen des Gel
Organs durch Kriegseinflüsse, wobei die B e r t h o 1 d sehe Methode
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
245
ilung der funktionellen Taubheit gelobt wird. St enger. Aggra-
tion und Simulation von Gehörleiden bei Feldzugsteilnehmern,
hese, die wechselseitigen Beziehungen von alten Ohrenleiden und
iegsschädigungen des Gehörorgans. Kahle r, die Kriegsverletzungen
r Nasenhaupthöhlen. Rieh. H o f f m a n n, die Verletzungen der Kiefer-
hlen. Weingärtner, Stirnhöhle, Siebbein und Keilbeinhöhle.
. betont mit Recht, dass die Durchschüsse durch die oberen Neben-
hlen zugleich Schädelbasistamgentialschüsse sind, und dass deshalb
»glichst frühzeitig eine gründliche Wundrevision nötig ist. Von seinen
gebnissen sind noch folgende von Interesse. Die Luft in den nor¬
den Nebenhöhlen wirkt als „Stosskissen“. Bei Schussverletzungen
r Nebenhöhlenschleimhaut sieht man immer entzündliches Oedem der
hleimhaut. Fraktur der Lamina cribrosa allein durch Luftdruck. War-
ng vor Spülungen und vor zu frühzeitigen plastischen Operationen,
f. hat ebenfalls durch zu frühzeitige plastische Operationen seitens
les auswärtigen Kollegen einen glücklich geheilten traumatischen
hläfenlappenabszess verloren. Otto Kahler, die Schussverletzungen
s Rachens und der Speiseröhre. Neumayer, die Verletzungen der
; oberen Luft- und Speisewege versorgenden Nerven. Und schliess-
h üutzmann, Stimm- und Sprachstörungen bei Kriegsverletzten,
wendet sich dagegen, dass die Stimmkrarken von den Neurologen
handelt werden, und mit Recht besonders gegen die Anwendung des
rrors und Dolors, wie überhaupt sein humaner Standpunkt sehr wohl-
:nd wirkt: „Der Kranke steht immer in erster Linie, nicht die Wissen-
laft.“ Er scheut sich nicht, wenn ein Fachkollege suggestibler wirkt
; er (Barth), ihm den Kranken zur Behandlung zu überweisen.
Wenn aus einzelnen Kapiteln vom Inhalt nichts erwähnt wird,
begründet sich das durch den Mangel an Raum, der dem Refer. zur
:rfügung steht, und liegt zum Teil auch am Stoff, aber durchaus nicht
der Bearbeitung desselben; im Gegenteil soll besonders betont wer-
n, dass die einzelnen Kapitel trotz der grossen Zahl der Mitarbeiter
erraschend gleichmässig ausgefallen sind, was wohl dem Einfluss
n V o s s und K i 1 1 i a n zugeschrieben werden muss.
Die Beigabe eines Sachregisters wird das Nachschlagen sehr er-
chtern.
Das Handbuch ist ein würdiges Denkmal für unsere verwundeten
d gefallenen Helden. Das feindliche Ausland, das unsere Wissenschaft
mer noch boykottiert — nächster internationaler Otologenkongress
Paris, nicht, wie vor dem Kriege beschlossen, in Deutschland! — .
soll uns ein derartiges Werk einmal nachmachen!
Scheibe- Erlangen.
Fundamente zur Diagnostik der Verdauungskrankheiten. Dia-
ostische Studien, bearbeitet für Studierende und praktische Aerzte
m Dr. F. X. M a y r. Facharzt für Verdauungs- und Stoffwechselkrank-
iten in Karlsbad. Mit 67 Abbildungen auf 26 Tafeln, 332 Seiten,
ien und Leipzig. Universitäts-Verlagsbuchhandlung Wiihelm Brau-
ii 1 1 e r, 1921. Preis 48 M.
Dass die Diagnostik der Verdauungskrankheiten, trotz aller Fort-
hritte in der Physiologie und Pathologie des Verdauungsapparates,
äichwohl noch immer eines sicheren Fundamentes entbehrt, wer ver¬
achte es zu leugnen? So ist denn ein Werk wie das vorliegende
fs wärmste zu begrüssen, nur schade, dass der Verfasser durch die
hinter allzugrosse Weitschweifigkeit und unnötigen Wiederholungen
:h stellenweise selbst um den Erfolg seiner Ausführungen bringt. Dem
sten Teil über die normalen Verhältnisse des Abdomens folgt im
Abschnitt die Beantwortung der Frage, wie und wodurch sich die auf-
ligsten Symptome der Verdauungsstörungen im und am Abdomen
d weiterhin im übrigen Körper entwickeln. Dem schliesst sich als für
n Praktiker zweifellos wertvollster der dritte Teil an mit seinen
isführungen, wie man ohne Anamnese und ohne chemische und instru-
entelle Hilfsmittel, nur mit den unbewaffneten fünf Sinnen sich ein
[»glichst zutreffendes Bild vom Zustand und der Funktion der ein-
Inen Abschnitte des Verdauungsapparates verschaffen kann. Dieser
tztere Abschnitt, wenn er auch nicht in allem unwidersprochen
eiben wird und wohl manche Kontroverse zeitigen dürfte, bietet ohne
veifel so viel des Neuen und Wissenswerten, dass schon um des¬
sen dem Buche weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Die dem
erke beigegebenen zahlreichen Abbildungen sind durchwegs äusserst
struktiv, wenn ich mich auch nicht allen Schlussfolgerungen be-
ngungslos anzuschliessen vermag, und beim Betrachten eines so herr-
hen Kunstwerkes wie der Venus von Milo oder einer Venus von
ndos mich schliesslich doch andere Gedanken beseelen, als dass es
-h hier um einen Kotgasbauch oder eine hochgradige Atonie der Ge-
irme handelt. Trotz dieser, in einer folgenden Auflage ja nicht un-
iiwer zu behebenden Ausstellungen, möchte ich vorliegendes Werk
Ir aufs Angelegentlichste empfehlen, verspreche ich mir doch reichen
swinn davon, wenn wir Aerzte unabhängiger werden von den vielen
ethischen und instrumenteilen Hilfsmitteln und am Krankenbette
ieder besser sehen lernen, sowohl zum besten unserer Kranken, als
ich im wohlverstandenen eigenen Interesse, im Hinblick auf so
anchen in der Kunst des Sehens besser bewanderten Pfuscher und
eilbeflissenen. A. Jordan- München.
Arthur Grurabach: Das Handskelett im Lichte der Röntgen¬
rahlen. Mit 11 Textabbildungen und 15 Tafeln. 1921. Wien und
'ipzig. Braumüller.
Das mit einem Literaturverzeichnis von 715 Nummern versehene,
>0 Seiten umfassende Büchlein will die fast unübersehbare Literatur
s im Titel genannten Gebietes wieder einmal kurz zusammenstellen
und kritisch sichten. Die ersten beiden Teile behandeln die akzessori¬
schen Handwurzelknochen und sind für den forschenden und praktischen
Röntgenologen wertvoll. Teil 3 gibt eine neue Erklärung für die Per¬
sistenz der Sesambeine, während im 4. Teil die Ossifikationsverhältnisse
des Handwurzelskelettes gebracht werden. — Die Arbeit zeugt von
grossem Fleiss und liest sich äusserst anregend.
Alban K ö h 1 e r - Wiesbaden.
R. Stiegler: Lehrbuch der Physiologie für Krankenpflegeschulen.
2., verbesserte Auflage. A. Holder, Wien-Leipzig, 1921. 292 Seiten.
30 M.
Eine kurzgefasste Einführung in die Physiologie, soweit sie für die
Ausbildung von Krankenpflegepersonal in Frage kommt. Die Art der
Darstellung, die Anordnung des Stoffes und die beigegebenen Ab¬
bildungen sind durchweg gut. Die Beschränkung des darzustellenden
Stoffes ist nicht ganz leicht zu finden. Die Grenze ist nach Ansicht
des Rezensenten eher zu weit als zu eng gezogen. Vor allem würde
Rezensent bei Herstellung einer Neuauflage eine noch erheblichere Be¬
schränkung der lateinischen Fachausdrücke empfehlen. Worte wie
Aphasie, Ataxie, Presbyopie, Phagozytose, Kotyledonen der Plazenta,
Neuramöbimeter und ähnliche mehr, wie sie sich in reichlicher Menge
noch im- Texte finden, dürften bei erneuter Herausgabe des sonst guten
Buches wohl unschwer zu vermeiden sein. H. Schade -Kiel.
Zeitschriften - Uebersicht.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie.
Band 34, Heft 4; 1922. Verlag Gustav Fischer.
R. Demel: Beobachtungen über die Folgen der Hyperthymisation.
(Aus der I. Chir. Univ. -Klinik und dem Univ. -Institut f. Bakteriol. u. pathol.
Histol. in Wien.)
Thymusstückchen jüngerer und älterer Ratten wurden jungen Ratten in
eine Muskeltasche implantiert und hielten sich auffallend gut. Die Tiere
zeigten reichlichen Fettansatz und wuchsen bedeutend rascher, namentlich
nach Ueberpflanzung aus jungen Tieren. Die Festigkeit der rascher in die
Länge wachsenden Knochen war nicht vermindert. Eine funktionelle Be¬
einflussung der Nebenniere, der Geschlechtsdrüsen und der Hypophyse war
nicht zu bemerken. Verfütterung von Thymussubstanz beeinflusste weder
den Gesamthabitus noch die hormonalen Organe.
W. Schemensky: Der Wert des „stalagmometrischen Quotienten“
für die Differentialdiagnose zwischen benignem und malignem Tumor, speziell
des Magen- und Darmkanals. (Aus der Med. Univ.-Klinik Frankfurt a. M.)
Urine von Karzinomkranken und klinisch karzinomverdächtigen Fällen
zeigten in über 75 Proz. einen erhöhten stalagmometrischen Quotienten bzw.
Säurequotienten (über 200). Die Erhöhung des ersteren, also die Veränderung
der Oberflächenspannung = Tropfbarkeit beruht auf vermehrter Ausscheidung
hauptsächlich von Eiweissschlacken: Albumosen, Peptonen und Oxyprotein-
säuren. Der Ausfall des stalagmometrischen Quotienten gestattet in der über¬
wiegenden Mehrzahl der Fälle die Unterscheidung maligner Tumoren von
benignen. Die Ursache des zeitweisen Versagens der Methode ist noch un¬
bekannt.
Rheindorf: Zur Appendizitisfrage, zugleich ein Beitrag zur Be¬
deutung der „Wurmschmerzen“ für die Chirurgie, Gynäkologie und die innere
Medizin. (Aus dem path.-anat. Institut des St. Hedwigs-Krankenhauses Berlin.)
Verf. kommt zurück auf seine frühere Monographie (1920), in der er
hauptsächlich die Oxyuren (Trichozephalen und Askariden) für das Zustande¬
kommen der Appendizitis und der sie oft vortäuschenden „Wurmschmerzen“
verantwortlich gemacht hatte. Die durch die Würmer verursachten Epithel-
und Schleimhautdefekte bilden die Eingangspforten für die Infektion. In
zweiter Linie kann jede andere, das Epithel des Wurmfortsatzes zerstörende
Noxe durch sekundäre Infektion zur Appendizitis führen: echte Fremdkörper,
Infektionskrankheiten, besonders Tuberkulose, Typhus, Ruhr. Die „chro¬
nische Appendizitis“ besteht in „Wurmschmerzen“, welche durch Oxyuren
bzw. deren Stoffwechselprodukte hervorgerufen werden, meist vom Wurm¬
fortsatz, aber auch vom übrigen Darm aus. Zahllose Operationen sind in
Unkenntnis dieses Zusammenhanges zwecklos vorgenommen worden.
Herrn. Meyer: Entstehung und Behandlung der Speiseröhrenerweite¬
rungen und des Kardiospasmus. (Aus der chir. Klinik Göttingen.)
An der Funktion der Kardia sind der Vagus und der Sympathikus be¬
teiligt. Jede Reflexstörung, die meist peripher angreift, führt zu einer
Ueberempfindlichkeit des Reizleitungssystems. Mit T h i e d i n g unterscheidet
Verf. 1. Dysphagia intermittens; erhöhter Vagotonus, Ektasie noch nicht
hochgradig. Hier sind Hypnose, Atropin, Diät, Spülungen und Sondierung
zu versuchen; 2. Dysphagia hypertonica permanens; Dauerspasmus, zu¬
nehmende Ektasie. Therapie: Mechanische Dehnung nach G o 1 1 s t e i n,
operative nach Mikulicz oder Kardiaplastik nach Heller; Erfolg ist
nicht sicher; 3. Dysphagia atonica, mit hochgradiger Ektasie; selten. The¬
rapie: Kardiaplastik, Oesophagogastroanastomose und Kardiaresektion, jedoch
nur in besonders geeigneten Fällen, wegen hoher Mortalität.
Ernst Seitz: Das Verhalten des Blutzuckers bei chirurgischen Er¬
krankungen. II. Mitteilung. (Aus der Chir. Universitätsklinik Frankfurt
a. M.)
Bei Tuberkulösen war der Zuckerabbau deutlich vermindert, bei chroni¬
schen Gallenblasenerkrankungen erhöht; bei Erkrankungen der Schilddrüse.
Knotenkröpfen und vor allem Basedow deutete der Blutzuckerspiegel auf er¬
höhte Sympathikusreizung, die aber 14 Tage nach der Operation behoben
war, was gegen die Auffassung der Schilddrüse als lediglich eines „Erfolgs¬
organs“ spricht.
Holzweissig: Ein Beitrag zur Kenntnis der Duodenaldivertikel.
(Aus dem Path.-Hygien. Institut der Stadt Chemnitz.)
Mitteilung von 26 Fällen, mit Operations- und mikroskopischen Be¬
funden. Die Divertikel kommen in allen Abschnitten vor, am häufigsten aber
dicht über, unter oder neben der Papille, ferner mit Vorliebe an der Um¬
biegung der Pars desed. in die Pars horic. inf. Die nahe dem Pylorus sitzen¬
den stehen häufig in Beziehung zu Geschwüren und sind Traktionsdivertikel,
während alle übrigen als erworbene Pulsionsdivertikel unter Mitwirkung
anatomisch disponierender Zustände entlang eines Gefässes durch die Musku-
246
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
.Ni?,
latur oder durch die für den D. choledochus gegebene physiologische Lücke
durchtreten; es sind Schleimhautausstülpungen. Oefters finden £ich neben
Duodenaldivertikeln noch multiple Dünn- oder Dickdarmdivertikel, wobei
oft chronische Stauung zu einer Erweiterung der physiologischen uefäss-
lücken geführt hat. Auch die durch kleine Fibroadenome oder durch ein
Nebenpankreas bewirkte Aufsplitterung der Muskulatur schafft Loca minoris
resistentiae.
Ludw. M e r k - Innsbruck: lieber körperfremde Zellgebllde Im mensch¬
lichen Kropf. .... . , . ..
In frischem Kropfgewebe und Blasensaft finden sich massenhaft
1. Sporen, 2. „Rostzellen“, wahrscheinlich mit den „Kolloidzellen“ anderer
Autoren identisch, 3. selten: eiartige Zellen. AUß drei Formen haben im
auffallenden Licht eine eigentümlich helle Zitronenfarbe. Verf. glaubt, dass
alle drei in den Kreis eines einzigen und zwar tierischen Lebewesens ge¬
hören und denkt zunächst an ein Protozoon. Abbildung der Zellen, Angabe
der Technik. G r a s h e y - München.
Zeitschrift für Tuberkulose. Banti 35, Heft 5.
Emil Szäsz-Pest: Allergie oder Anergle.
Aus Anlass des Aufsatzes von Ddetl in Band 34 erörtert Verf. die
obigen Begriffe. Wenn Allergie „eine in der Richtung vollkommener Ab¬
wehrtätigkeit sich vollziehende Reaktivitätsänderung des Organismus“ ist, so
darf der Zustand ungenügender Abwehrtätigkeit nicht auch mit diesem Aus¬
drucke bezeichnet werden. Wertere Untersuchungen über Allergie müssen
auf Grund der bakteriellen und antitoxischen Immunität (Partialantigene,
Tuberkulin) gemacht werden.
Benzion H i r s c h o w i t z - Prag: Ueber Tuberkulose und ihre Be¬
ziehung zu Karzinom, Ulcus ventriculi, Kyphoskoliose und anderweitigen
pathologischen Prozessen. ,
Die Untersuchungen aus dem Ghon sehen Institut zeigen, dass Kar¬
zinom und Tuberkulose sich im Wesentlichen ausschliessen, dass das Magen-
ulcus mit der Tuberkulose auf die gleiche Konstitutionsanomalie zurückzu¬
führen ist, dass es mit Kyphoskoliose wie mit Karzinom ist.
J. Schuster-Breslau: Zur Frage der Desinfektion des tuberkulösen
Aus wurf cs»
Entgegnung gegen J o e 1 1 e n, der in Elster das Kalkverfahren als un¬
genügend bezeichnete.
Curt Schelenz - Trebschen: Zur Geschichte der Bretsc h neide r-
schen Wechselatmung.
Verf. berichtet, dass der englische Arzt Ramadge in einer von
Hohnbaum übersetzten und 1835 erschienenen Schrift schon die von
B r e t s c li n e i d e r neu erfundene (und für alle möglichen und unmöglichen
Leiden angepriesene) Wechselatmung beschreibt *).
Arnim M a y e r - Frankenhausen: Vereinigung spezifischer und unspe¬
zifischer Heilwirkung zur gegenseitigen Ergänzung bei Tuberkulose.
W& die spezifische Behandlung nicht zum Ziele führte, ist sie durch
unspezifische, z. B. Höhensonne, Caseosan, zu ergänzen. Der Hauptver¬
arbeiter der eingeführten Stoffe ist die Haut. Grundsätzliche, das Gebiet der
Tuberkulose weit übergreifende Untersuchungen sind im Gange. Ihre Er¬
gebnisse werden für später angekündigt.
Ivo Ivancövie und Max P i n n e r - Jugoslavien und Amerika: Zur
Frage der tuberkulösen Infektion im Schulalter.
Am meisten gefährdet die Gruppe im 6. — 9. Jahre, weniger die älteren.
Weitere Untersuchungen müssen zeigen, wieviel Prozent der Kinder den
Weg aktive Kindertuberkulose, scheinbar geheilte, sog. latente Bronchial¬
drüsentuberkulose, fortschreitende Lungenphthise gehen.
In der Heilstätte nbeilage:
G. L i e b e - Waldhof-Elgershausen: Die Arbeitsunfähigkeit der Lungen¬
kranken in Heilstätten.
Zweiter Bericht. Liebe- Waldhof-Elgershausen.
Archiv für klinische Chirurgie. 117. Band, 4. Heft. (Festschrift
für Erwin Payr.)
Otto Kleinschmidt: Ueber Bauchschuss und Schock.
Der Autor versucht den Begriff Schock, der heute noch nicht klar um
schrieben ist, vielmehr als Sammelname für eine ganze Reihe verschiedener
Krankheitsbilder gebraucht wird, näher ‘zu umgrenzen. Störungen, die durch
Blutungen nach innen oder aussen oder durch Intoxikationen herbeigeführt
werden, sind vom eigentlichen Schock zu trennen. Vom Schock soll man
nur dann sprechen, wenn auf einen psychopathisch veranlagten oder durch
schwere körperliche oder psychische Eindrücke nachteilig beeinflussten
Organismus eine Gewalteinwirkung stattgefunden hat, die weder zu einer
starken Blutung Veranlassung gab, noch mit starker Gewebszertrümmerung
einhergegangen ist oder von Intoxikationen oder Infektionen gefolgt ist, bei
der aber trotzdem Störungen eintreten, die sonst durch die eben erwähnten
Ursachen begründet zu sein pflegen. Im Anschluss daran Mitteilung von 26,
an der Leipziger Klinik während der Märztage 1920 operierten Bauchschüsse.
Mortalität 63,6 Proz.
Sonntag: Ueber Induratio penis plastica nebst einem Beitrag zu ihrer
operativen Behandlung.
Mitteilung eines Falles von Induratio penis plastica, die operativ zu
bessern gesucht wurde, mit ausführlicher Beschreibung und bildlicher Dar¬
stellung des eingeschlagenen operativen Verfahrens. Gleichzeitig wird das
Krankheitsbild unter Berücksichtigung aller in der Literatur erreichbaren
Angaben eingehend besprochen. 200 Fälle sind bisher bekannt. Die Krank¬
heit besteht in einer sträng-, knoten- oder plattenförmigen Verhärtung im
Penis zwischen Glans und Wurzel, zwischen Haut und Schwellkörper gelegen.
Abknickung des Penis, Schmerzen bei der Erektion und die damit verbundenen
Störungen sind die Folgen. Prognose ist ungünstig. Therapie nicht sehr
erfolgreich. Radium- und Röntgenbestrahlung sind zu versuchen. Fibro-
lysininjektion meist ohne Erfolg. Exzision der Schwiele ergibt in 75 Proz.
Heilung.
Joseph H o h 1 b a u m: Erfahrungen und Erfolge nach blutiger Mobili¬
sierung versteifter statisch belasteter Gelenke.
Es wird über die Resultate der Nachuntersuchung von 85 totalen Arthro-
plastiken des Kniegelenkes, 20 Hüft- und 4 Sprunggelenksmobilisierungen be¬
richtet aus den Jahren 1911—1921. Die GeSamterfolge sehr zufriedenstell I
Die Resultate der Kniegelenksmobilisierungen am Friedensmaterial (49 F ;)
sind 77,5 Proz. Erfolge und 22,5 Proz. Misserfolge, darunter 1 Todenl
Unter den Kriegsankylosen (36 Fälle) 78 Proz. Erfolge, 22 Proz. Misserke,
kein Todesfall. Unter 20 Hüftgelenksmobilisierungen wurden 11 gute und «
gute Resultate erzielt, 8 Misserfolge, darunter 1 Todesfall. 1 Fall befindet :l
noch in Behandlung. Die 4 wieder beweglichgemachten Sprunggelenke we|
ein aktives Bewegungsausmass von 30 Graden auf. Die besten Erfolge wuia
bei den gonorrhoisch und durch Trauma versteiften Kniegelenken erzt:
weniger günstig scheinen die metastatisch versteiften Gelenke für die Mol
sierung zu sein wegen der dabei besonders in Erscheinung tretei“
schweren toxischen Schädigung der Muskulatur. Die viele Jahre (7 10 Ja
zurückliegenden Fäfle zeigen ausgezeichnete Dauererfolge. Die am läng
in Gebrauch stehenden Nearthrosen sind in der Regel funktionell die be;
Die Ausreifung des neuen Gelenkes und die Erholung der durch Ruhigstel
und Toxine geschädigten Muskulatur braucht in der Mehrzahl der Fälle 1;
Zeit. 1—2 Jahre vergehen in der Regel, bis die Patienten zum vollen Gei
ihres wieder beweglich gemachten Gelenkes kommen.
Gehreis: Der operative Verschluss des künstlichen Afters ohne Sp*
quetschung. .
Es wird zur Beseitigung des Anus praeternaturalis das an der Kj|
Payr übliche Verfahren empfohlen. Dasselbe besteht in entsprechend wt I
Mobilisierung beider Darmschenkel, Anfrischung der Enden und End-zu-ll
Vernähung der Darmlumina an serosabekleideter Stelle; breite Eröffnung j
Peritoneums ist in der Regel dabei gar nicht nötig. Eröffnung des fr i
Peritoneums an der einen oder anderen Stelle kommt häufiger vor, sclil
aber nichts. Ein in der Nähe der Naht herausgeleiteter Jodoformgazestrm
oder Extraperitonisierung der Nahtstelle der Vorderwand macht die folgt 1
Eiterung oder das teilweise Aufgehen der Naht ungefährlich. In 25 F;l
wurde die Fistel durch einen einmaligen Eingriff zum Verschluss sebn i
14 Tage nach der Operation sind die Patienten meist entlassungsfähig. I
einem Falle Tod durch Peritonitis.
L. Frankenthal: Unsere Erfahrungen und experimentellen Uir
suchungen bei Wunddiphtherie. „I
Der Verfasser teilt mit, dass er seit 1 Yi Jahren in der Leipziger Ch:j
gischen Klinik 1. systematisch alle klinisch diphtherieverdächtigen Wunt
2. auch eine grosse Zahl verdächtig aussehender Wunden abgeimpft j
bakteriologisch untersucht hat. In den 186 Fällen unverdächtig aussehe
Wunden hat er 20 mal (10,7 Proz.), in 57 klinisch als Wunddipldl
imponierenden Fällen 12 mal (21 Proz.) Diphtheriebazillen gefunden. F.
tont vor allem, dass das Erysipel für die ganze Frage der Wunddiphtl
ausserordentlich wichtige Rolle spielt, tind er beweist das an ^
eine
*) Er hat auch schon eine Art Pneumothorax, „Parazentese der Lunge“,
gemacht. Leider fehlt in meinem Exemplar die betreffende 4. Tafel. L.
grösseren Anzahl von Fällen, bei denen nicht nur Erysipel vorausgegaij
war, sondern bei denen auch noch später neben den echten Diphtheriebazi
Streptokokken nachgewiesen werden konnten. Das Zustandekommen I
Wunddiphtherie erklärt sich F. so, dass meist Streptokokken (hie und da I
andere Kokken) und Anaerobier das Gewebe primär schädigen und dann !
die Ansiedlung der Diphtheriebazillen ermöglichen (analog Schar! I
diphtherie). Therapeutisch werden vor allem direkte Sonnenbestrahlung,^
Höhensonne, das Jodoform und die Chromotherapeutika gerühmt.
Hermann Kästner: Die bewegliche X. Rippe als Stigma enteroptij«
Da ontogenetisch die Rippen sich distal, kaudokranial fortschreitend,
Brustbeine loslösen, und auch phylogenetisch die Zahl der Rippenpaarelj
nimmt, besonders mit dem Erwerb des aufrechten Ganges, so verdient«
bewegliche X. Rippe als degeneratives Stigma von vornherein Misstrii
Verf. berichtet, nachdem er die radiologischen Kennzeichen der Gastrori
erörtert hat, über 28 Fälle von beweglicher X. Rippe. Unter diesen fa|l
sich bei genauer radiologischer Untersuchung 14 Fälle, also 50 Proz., d
jedes Zeichen einer Magensenkung fehlte. Nur in 3 Fällen stellten sich
gradige Gastroptosen heraus, 11 Fälle waren Gastroptosen geringen Gnj
Die bewegliche X. Rippe bietet darum als Zeichen für Eingeweidesenj
keine grosse Sicherheit.
A. Kortzeborn: Pathologische Luxation im linken Metat;
phalangealgelenk.
Beschreibung, Abbildung und Röntgenbefund eines Falles mit Ifl
gradigem beiderseitigen Hallux valgus, bei dem es am rechten Fasse zu ih
kompletten pathologischen Luxation im linken Metatarsophalangealgelenkc*
gleichzeitiger Luxation der Sesambeine lateral- und proximalwärts gekonk
war. Die Luxation ist als Distensionsluxation aufzufassen.
A. Kortzeborn: Operative Behandlung hartnäckiger Spitzp
Stellungen der Fussstümpfe.
Die Ursache gelegentlich immer wieder rezidivierender SpitzfusssteU
bei Chopart- oder Lisfrancstümpfen ist neben der Kontraktur der Wijj
muskulatur in einem Schrumpfungsprozess der hinteren Sprunggelenkskk
zu suchen. Neben Durchtrennung und plastischer Verlängerung der Achfc
sehne ist auch eine Durchschneidung der hinteren geschrumpften Spi»
gelenkskapsel notwendig.
Gustav Halter: Ein Fall von Luxationsfraktur des Os metacarps
mit Fraktur des Multangulum maius.
Mitteilung eines solchen an der Klinik Payr beobachteten • Falles!
durch -Reposition und kurzdauernden Fixationsverband mit Keulenschiems
gutem Erfolge behandelt wurde. Besprechung 3 anderer in der Lite p
bekanntgewordener einschlägiger Fälle. il|
J. Boysen: Beitrag zur Kenntnis des partiellen Magenvolvulu:
einem Zwerchfelldefekt, kompliziert durch ein blutendes Magengeschwür.
Es wird über einen Fall von Inkarzeration des Magens in einer
matischen Zwerchfellhernie mit partiellem Magenvolvuhis berichtet, der
ein abundant blutendes Ulcus kompliziert war. Der schlechte Allgei
zustand des Kranken verbot den zur Behebung des Leidens notwemö
schweren Eingriff. Tod durch Verblutung in den Darm.
Gebhard Hroinada: Zur Insuffizienz der Valvula Bauhini.
Durch anatomische Untersuchungen und Tierversuche kommt der A
zu folgendem Schluss: Die Valvula Bauhini ist schlussfähig, die K1
schiiesst aktiv durch Kontraktion des Ml sphincter ileocolicus, sowohl <
dem Ileum, wie nach dem Zoekum, und passiv als Rückschlagventil L
den Dickdarm. Die Korrekturoperation nach K e 1 1 o g g - P a y r ist ein]
facher, die Insuffizienz der Valvula Bauhini sicher behebender Eingriff. -
Insuffizienz der Valvula Bauhini kann chronische, jeder Behandlung trotz!
Obstipationsbeschwerden verursachen. Bericht über 16 solcher mit Et
\ Febinar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
247
jerativ behandelter Falle. In einem Falle war die Insuffizienz der Klappe
zidiviert.
Hermann Naumann: Ueber einen Fall von Blutzyste des Mesocolon
ansversum unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Differentialdiagnose und
lierapie der Meseuterialzysten.
Nach Rückblick auf die historische Entwicklung unserer Kenntnisse über
e Mesenterialzysten wird ein Fall von vor der Operation diagnostizierter
lutzyste des Mesocolon transversum beschrieben. Ausführliche Besprechung
:r Differentialdiagnose der Mesenterialzysten gegenüber anderen Tumoren
;s Abdomens. Mit den modernen diagnostischen Hilfsmitteln dürfte es meist
?lingen, Qekrösezysten vorher richtig zu diagnostizieren. Operative Therapie,
e in Exstirpation oder Marsupialisation besteht, ist immer indiziert.
Andreas ITedri: Ein einfaches Verfahren zur Verhütung der Trennungs-
mrome.
Das Entstehen der Neurome am zentralen Stumpfe durchtrennter peri-
lerer Nerven konnte bisher nicht verhindert werden. Verf. hat nach Ver¬
torfung des Nervenquerschnittes mit dem weissglühenden Paquelin bei
mputationsstümpfen das Ausbleiben der Trennungsneurome beobachtet,
xperimentelle und histologische Untersuchungen ergaben eine hoch hinauf-
eigende Degeneration des Nerven und verzögerte Regeneration ohne Neurom-
ildung. Das Verfahren wurde an der Leipziger Klinik bei zahlreichen Ampu-
itionen und Reamputationen mit Erfolg angewendet. Payr empfiehlt neuer-
ings bei Trigeminusneuralgie die Durchtrennung des II. und HI. Astes am
oramen ovale und rot. mit Galvanokauter. Hohlbaum - Leipzig.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 4.
K r e u t e r - Erlangen: Gastropexie mit dem Lig. teres hepatis, als vor-
jreitende Operation zur Röntgenbehandlung gewisser Magenkarzinome.
Während das Rektumkarzinom durch seine Lage und geringe Verschieb-
chkeit den Röntgenstrahlen leicht zugänglich ist und eine Verkupferung mit
achfolgender Bestrahlung hier auffällige Erfolge erzielt, bietet beim Magen
;ine tiefere Lage und seine Beweglichkeit grosse Schwierigkeit, den Tumor
lit genügenden Strahlenmengen zu fassen. Verf. kam daher auf den Ge-
anken, inoperable, aber genügend bewegliche Magenkrebse dadurch unbe-
eglich und für die Röntgenstrahlen angreifbar zu machen, dass er das Lig.
:res an der Leber abträgt, wie eine Schlinge um den Magentumor legt und
i der Nabelgegend fixiert, nachdem vorher eine Gastroenterostomie angelegt
'urde. Aus der beigegebenen Abbildung ist diese einfache Methode leicht
rsichtlich.
J. D u b s - Winterthur: Resektion oder Gastroenterostomie bei pylorus-
:rnem Ulcus ventriculi.
Verf. schildert 1 Fall von pylorusfernem Ulcus ventriculi, bei dem nach
lastroenterostomie anatomische Heilung eintrat, obwohl keine subjektive
■eschwerdefreiheit bestand. Verf. steht auf dem Standpunkt, dass solche
eilungen nach einfacher Gastroenterostomie dem Operateur den Entschluss
ur Gastroenterostomie, wenn eine Resektion nicht mehr möglich ist, er¬
höhtem können.
Alfr. C a h n - Kattowitz: Fall von Fibrom der Bauchdecken in einer
ppendektomienarbe.
Verf. beschreibt kurz 1 Fall von Bauchdeckenfibrom in einer Operations-
arbe, bei dessen Aetiologie die primäre Gewebsschädigung zweifellos eine
'olle spielt. Histologisch handelte es sich um ein Fibrosarkoin von klinisch
utartigem Charakter.
J. E 1 s n e r - Dresden: Einfacher Handgriff zum Nachweis von Senkungs-
bszessen im Bauch.
Zur Feststellung tiefer Bauchabszesse bei Kindern lässt Verf. das Kind
tiie-EHenbogenlage einnehmen und umgreift von hinten mit beiden Händen
ie Darmbeinschaufeln, wobei die Hohlhände auf der Höhe der Darmbein-
ämme ruhen, wie eine Zeichnung deutlich erkennen lässt; man kann so ohne
esondere Schmerzen und Spannung leicht tiefe Abszesse feststellen.
0. Muck-Essen: Entleerung eines Stirnlappenspätabszesses und Ver-
inderung des Ventrikeldurchbruches durch künstliche Blutleere des Gehirns
rorübergehende Karotidenkompression).
Durch kurzdauernde beiderseitige Karotidenkompression — natürlich
line Narkose — ist es dem Verf. gelungen, einen Stirnlappenabszess zur
lUsheilung zu bringen und seinen Durchbruch in den Ventrikel zu verhüten;
.‘desmal bei der Karotidenkompression trat eine Blutflüssigkeitsverminderung
n Schädelinnern und damit eine Vergrösserung der Hirnabszesshöhle auf,
/©durch sich der Eiter in der Tiefe dann leichter entleeren konnte.
Er. J a c o b s e n - Hamburg: Zur Arbeit von Deutschländer;
ieber eine eigenartige Mittelfusserkrankung.
Im Gegensatz zu Deut. schiänder kommt Verf. auf Grund mehr-
icher Beobachtungen zur Ueberzeugung, dass es sich auch bei den von D.
litgeteilten Fällen um eine mehr oder weniger langsam vor sich gehende
Jetatarsalfraktur auf der Basis einer falschen Belastung handelt. Verf.
onnte in allen Fällen durch geeignete, das Quergewölbe besonders berü'ck-
ichtigende Einlagen, sowie durch Bäder und Massage in kurzer Zeit Be-
chwerdefreiheit erzielen.
Eugen S c h u 1 1 z e - Marienburg: Ueber Tetanus.
Verf. berichtet über 1 Todesfall an Tetanus bei einem Soldaten, der 191S
inen Durchschuss durch den linken Unterschenkel erlitten hatte und bereits
mal deshalb ohne Schaden und ohne wiederholte Tetan. -Antitoxin-Injektion
lachoperiert worden war, ohne dass nur einmal Tetanus aufgetreten wäre;
'ei der jetzigen Operation, bei der auch keine Tet. -Antitoxin-Injektion ge¬
flacht wurde, bekam Pat. einen schweren Tetanus, dem er' am 3. Tage erlag;
s wurde also nach 3 Jahren bei Ausräumung einer glattwandigen Sequester-
öhle die „ruhende“ Infektion mobil; vielleicht war auch die Einstülpung
ler Weichteile in die Knochenmulde und damit der Luftabschluss nicht gleich¬
gültig. Deshalb empfiehlt Verf. dringend auch bei Durchschüssen Tetanus-
ntitoxin zu injizieren und offen zu behandeln, ohne Naht.
H. F 1 ö r c k e n - Frankfurt a. M.: Zur Stumpfverletzung bei Kropf-
merationen.
Die von Liek in 1921 Nr. -45 angegebene Methode der Vernähung
les Kropfrestes von Pol zu Pol bzw. von oben nach unten wurde zuerst
•’°n Enderlen geübt; auch Verf. verfährt so seit 2 Jahren mit bestem
erfolg und sehr gutem kosmetischen Resultat; ein weiterer Vorteil dieser
lahtmethode besteht darin, dass man ein Anstechen der Trachea vermeidet,
■vas eine starke inspiratorische Dyspnoe auslöst.
Hch. F i s c h e r - Giessen: Kritisches zum Artikel von Specht; Ist die
'lebennierenexstirpation bei Epilepsie berechtigt? (Nr. 37, 1921.)
In kritischen Auseinandersetzungen verteidigt Verf. seinen Standpunkt
und seine experimentellen Versuche gegenüber den Ansichten von Specht.
Zu kurzem Referat nicht gut geeignet. E. Heim- Sehweinfurt-Oberndorf.
Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. Dezember 1921.
Band 56. Heft 3/4.
M. Beckmann-Wien: Zur perniziösen und perniziosaartigen üravi-
ditätsanämie.
Unter 60 000 Geburten in 18 Jahren wurden an der I. Universitäts-
Frauenklinik in Wien 6 Fälle von Graviditätsanämie beobachtet, davon 1 Fall
im Zeitraum von 1901 — 1915, 5 Fälle im Zeitraum- von 1916 1919, was für
eine Zunahme der Erkrankung in den Kriegsjahren spricht, die auch von
anderen Wiener Aerzten beobachtet wurde. Die Blutbefunde zeigten zum
Teil Abweichungen vom typischen Perniziosabild. In 3 Fällen trat unmittel¬
bar anschliessend an die Geburt eine Besserung ein, ein 4. Fall genas erst
nach einem längeren Stadium der Verschlechterung. Bei 2 weiteren Fällen
führte die Geburt eine Verschlimmerung herbei, die schliesslich zum Tode
führte.
F. H i r s c h e n h ä u s e r - Wien: Ueber das traubige Ovarialkystom.
Ausführliche Beschreibung einer Beobachtung von doppelseitigem
traubigen Ovarialkystom. Totalexstirpation des Uterus und der Adnexe.
Heilung. Mikroskopisch zeigen die einzelnen Zysten niedriges zylindrisches
Epithel, aus Schleimzellen bestehend. Der Inhalt der Zysten besteht aus
Schleim. Verf. glaubt, dass es sich um eine Entwicklung auf teratoider Basis
handelt.
E. M a u t h n e r - Wien : Zur Kenntnis der desinoiden Tumoren des
Ovarium.
Bearbeitung des Materials der I. Wiener Frauenklinik aus den letzten
13 Jahren. Von 682 operierten Ovarialtumoren waren 36, das sind 5,3 Proz.
desmoide Tumoren. 13 Fälle von Fibroma ovarii, 3 Fibromyome, 11 Sar¬
kome. Die Entstehung der Stieldrehung und des Aszites werden kritisch be¬
sprochen. Therapeutisch kommt nur die operative Entfernung in Betracht.
P. S c h u g t - Göttingen: Die bakterizide Wirkung der Hefe mit be¬
sonderer Berücksichtigung ihrer praktischen Verwendung in der gynäko¬
logischen Therapie.
Interessante bakteriologische Untersuchungen mit Hefereinkulturen und
den unter den Namen Xerase und Bolus-Byozyme im Handel befindlichen
Hefepräparaten. Wird lebender Hefe kein Gärmaterial zugesetzt, so besitzt
sie keine bakterizide Kraft. Eine Ueberwucherung von Keimen durch Hefe
findet nicht statt. Hefe, die gärt, besitzt bakterienschädigende Kraft. Doch
ist diese bei den therapeutisch zur Verwendung kommenden kleinen Mengen
Hefe und Gärmaterial sehr gering, und nur gewisse Keime, welche gegen die
durch die Gärung gesetzten Veränderungen des Nährbodens besonders empfind¬
lich sind, werden schwer geschädigt und getötet (Bact. vulgare).
Die Wirkung der Handelspräparate ist weniger auf die Hefe als auf die
den Präparaten beigefügten Salzen und des Zuckers zurückzuführen.
A. S a n t n e r - Graz: Ueber einen Fall von Meningocele occipitalis.
Kräftig entwickelter Knabe .mit einem Doppeltumor am Hinterhaupt, von
dem jeder fast mannsfaustgross war. Ursache: Knochendefekt an der Hinter¬
hauptsschuppe. Die Geburt wurde durch die Meningocele occipitalis etwas
verzögert, ging aber schliesslich doch spontan vor sich. Da durch die Geburt
ein Dekubitalgeschwür entstanden war und zu perforieren drohte und die
Eltern die Operation wünschten, wurde der Tumbr entfernt und die Knochen¬
lücke durch Plastik von der Patella aus gedeckt. Der Erfolg der Operation,
Krämpfe, Sehnervenatrophie und Idiotismus, veranlasst den Verf., vor der
Operation grosser Meningozelen zu warnen. K o 1 d e - Magdeburg.
Zeitschrift für Kinderheilkunde. 3. und 4. Heft.
Richard Lederer: Ueber Hypogalaktie. I. Mitteilung. Qualitative
Hypogalaktie. Die Wirkung der Kriegsernährung auf die Zusammensetzung
der Frauenmilch.
Lederer unterscheidet die konstitutionelle und konditionelle Hypo¬
galaktie. Erstere ist viel seltener,, letztere häufig zu beobachten als Folge
der Unterernährung der Kriegs- und Nachkriegszeit (Hungerblockade). Sie
kann quantitativer und qualitativer Natur sein und zeigt sich in erheblicher
Abnahme des Zuckergehaltes, weniger stark ist die Abnahme des Fettgehaltes
der Frauenmilch. Hierin ist die Ursache des Nichtgedeihens mancher Brust¬
kinder zu sehen.
II. Mitteilung. Die Wirkung der Hypogalaktie auf den Säugling.
Eine grosse Anzahl von Säuglingen, deren Mütter hypogalaktisch sind,
zeigt nicht die klassischen Symptome der Unterernährung bei Brust, Hunger¬
stuhl oder Scheinobstipation, Atonie, verlängerten Schlaf usw., sie bieten
die Zeichen akuter Ernährungsstörung mit Erbrechen und vermehrten Stuhl¬
entleerungen. Für diese Kinder liegt die Erklärung in einer konstitutionellen
Reizbarkeit des kindlichen Magens und Darmes, die auf Inanition mit Er¬
brechen und Durchfällen reagieren. Erfüllung der Indicatio causalis, d. h.
verbesserte Ernährung durch entsprechende Zufütterung usw. führte immer zu
rascher Genesung und normalem Gedeihen der Kinder (Wien).
Karl Heusch: Die Bedingungen der kindlichen Pylorusstenose. (Aus
dem pathologischen Institut der Universität Köln. Prof. D i e t r i c h.)
Die Kasuistik des „hartnäckigen/gallefreien Erbrechens“ der Säuglinge ist
zu einer ansehnlichen Literatur angewachsen, die Heusch einem eingehen¬
den Studium unterwirft. Auf Grund dieses 'und seiner Untersuchungen am
Material des Kölner pathol. Instituts kommt er zu sehr interessanten Re¬
sultaten in Bezug auf die Pathogenese dieses klinisch ebenso einheitlichen wie
ätiologisch verschiedenartigen Krankheitsbildes. In jedem Falle handelt es
sich in letzter Instanz um einen Pylorusverschluss, der entweder als rein
nervöser Pylorospasmus sich darstellt oder ein rein mechanisch-anatomischer
Verschluss ist; dieser letztere beruht auf primären oder sekundären Ver¬
änderungen am Pylorus.
Die primären anatomischen Befunde sind: Kongenitale Stenose des
Pylorus, Geschwülste und Choristome der Pyloruswand, Ulzera, parenterale
Kompression des Pylorus, hochsitzende Duodenalatresie, Darmschnürung durch
absolute Verkürzung des Lig. hepatoduodenale. Diese primären anatomischen
Insulte pflegen im frühen Säuglingsalter sekundäre Spasmen herauszufordern,
so dass man dann, trotz verschiedenster Primärursachen, stets das gleiche
klinische Bild vorfindet.
Die sekundären anatomischen Synergismen sind: Aktivitätshyper¬
trophie der Pylorusmuskulatur. Verkürzung des Lig. hepatoduodenale bei
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1
■■
Uebergrcifen des Bandes über eine sich bildende Pyioras^eschwu s üi.o-
demimabknkkung. bedingt durch relative Verkürzung und StranjJiIdur«. 4es
Lig. hepatoduodenale im Verein mit Gastroptose. Diese sekundären anatomi¬
schen Synergismen sind die Folgen primärer Spasmen oder eines Circulus
vitiosus von primären anatomischen und sekundären nervösen - J g •
sie greifen aktiv in den Krankheitsverlauf ein.
E Nobel und N. Dabowsky: Beitrag zur Diagnose der asthenischen
Pneumonie der frühgeborenen und lebensschwachen Säuglinge.
Die Verfasser veröffentlichen 20 einschlägige Krankengeschichten aus der
Wiener Universitäts-Kinderklinik (Vorstand: Prof. Pirquet), die einen
atypischen Pneumonieverlauf zeigten und bei denen die klinischen Merkmale
mit dem Röntgenbefunde nicht parallel gingen. Mitunter zeigte die Obduktion
wesentlich schwerere Veränderungen als die klinische und Röntgenunter¬
suchung. Die Verfasser kommen zum Schluss, dass die indirekten allgemeinen
Symptome bei Säuglingspneumonien mehr berücksichtigt werden sollten. u
diesen gehören Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, graue Verfärbung der
Haut, galliges, blutiges Erbrechen, meningeale Erscheinungen, Zyanose.
Dyspnoe Die meningealen Erscheinungen können zu Fehldiagnosen fuhren.
Die unter der Diagnose Debilitas vitae zugrunde gehenden Neugeborenen
weisen häufig bei der Obduktion Pneumonien auf.
C. Coerper und L. Werner: Klinische Beiträge zur Aufzucht von
Ammenkindern in der Anstalt. ,. .
Die Beobachtungen der Verfasser erstrecken sich auf 95 Ammenkinder
des' Säuglingskrankenhauses in Barmen (Vorstand: Dr. Th. H o f f a) tn den
Jahren 1907 — 1920. Gleich zuerst ist beachtenswert, dass 19 Proz. derselben
die Folgeerscheinungen echter Hypogalaktie aufwiesen, was um so bedeut-
samer ist. als es sich um Mütter mit ausgesprochenem Stillwillen. schon
wegen des damit verbundenen wirtschaftlichen Nutzens, handelt. Das stimmt
mit dem auch schon von anderer Seite ausgesprochenen Zweifel an der immer
noch behaupteten Stillfähigkeit aller Frauen überein. Eine Uebersicht über
die wesentlichsten Resultate gibt eine Tabelle, in der zum Vergleich die von
Feer angegebenen Zahlen danebengestellt sind. Daraus ergibt sich, dass
die tägliche Trinkmenge bei 5 Mahlzeiten und die wöchentliche Gewichts¬
zunahme hinter den von Feer angegebenen Zahlen Zurückbleiben, das be¬
deutet eine „Entwicklungsverzögerung“ der Ammenkinder in der Anstalt.
Dafür machen die Verfasser hauptsächlich zwei Umstände verantwortlich:
Erstinfektionen, denen Anstaltssäuglinge durch Einschleppung stark ausgesetzt
sind, und die Gewichtsabnahme, die bei 30 Proz. der Säuglinge regelmassig
in der ersten Zeit nach der Aufnahme in die Anstalt stattfindet und bis zu
21 Tagen andauern kann. Menstruation der Mutter konnte mit Störungen des
Kindes nicht einwandfrei in Zusammenhang gebracht werden, wohl aber Er¬
nährungsfehler der Mutter, sofern sie zu Störungen bei der Mutter führten.
Von Rachitis blieben die Ammenkinder nicht vollständig frei. (Zu tadeln ist
die Bezeichnung Allaitement mixte. Die Verfasser dürften kaum imstande
sein, stichhaltige Gründe für den Gebrauch französischer Brocken in einer
deutschen wissenschaftlichen Abhandlung anzuführen, wo doch die deutsche
Sprache reich genug an gleichwertigen Bezeichnungen fz. B. Zwiemilch¬
ernährung] ist. D. Ref.)
Hans Wimberger: Eineiige Zwillinge.
Das morphologisch und biologisch völlig differente Verhalten der beiden
Zwillingsarten erklärt sich durch die verschiedene Genese. Zweieiige
Zwillinge können einander sehr ähnlich oder aber ganz verschieden sein,
eineiige Zwillinge dagegen sind einander bis auf die Fingerabdrücke herab
zum Verwechseln ähnlich. W. hat an eineiigen Zwillingen, die zum Zwecke
von Vitaminversuchen in die Wiener Universitäts-Kinderklinik (Vorstand:
Prof. Pirquet) aufgenommen waren, genaue Beobachtungen gemacht, die
zat interessanten Ergebnissen führten: Die Gewichtskurven sind einander zum
Verwechseln ähnlich und die Zahl der gleichartig ablaufenden Funktionen
überwiegt weitaus die relativ geringen Verschiedenheiten. Interkurrente, zu
gleicher Zeit erfolgende Infektionen beeinflussen beide Organismen in analoger
Weise, Tatsachen, die nur durch eine vollständig homologe zelluläre Zu¬
sammensetzung, hervorgegangen aus einem primär gemeinsamen Keimplasma
zu erklären sind.
E. W o 1 f f - Berlin: Ueber den Einfluss verschiedenartiger Nährlösungen
auf die Säurebildung durch Bacterium lactis aerogenes.
Vorliegende Arbeit ist für den Praktiker von hohem Interesse insofern
als klinische Erfahrungen durch W o 1 f f s Laboratoriumsversuche ihre Er¬
klärung finden und aus den Versuchen wichtige Fingerzeige für die Praxis
sich ergeben. Ueber alle Einzelheiten zu referieren verbietet uns leider der
Raum, auf das Wichtigste sei gestattet kurz hinzuweisen.
Wolff stellt zwei Versuchsreihen auf: eine mit neutralen, die
andere mit sauren Nährlösungen. Bei ersteren zeigte sich, dass die gebildete
Säuremenge trotz des von 1—20 Proz. steigenden Zuckergehalts bei gleichem
Peptongehalt (1 Proz.) schliesslich ungefähr dieselbe ist. Dagegen ist die
Säurebildung bei Erhöhung des Peptongehalts (6 Proz.) ganz erheblich ver¬
mehrt. Bei den Versuchen mit sauren Nährsubstraten zeigte es sich, dass
ein höherer Aziditätsgrad die Bakterien an der weiteren Säureproduktion
hindert, unabhängig vom Kohlenhydratgehalt.
Demgegenüber wirkt beim ernährungsgestörten Säugling
gewöhnliche Milchmischung, die Kohlenhydratzus*itz enthält, stark gärungs¬
fördernd. unabhängig vom Eiweissgehalt. In der Praxis bewährten sich daher
zwecks Gärungsverminderung im Darm Milchverdünnung ohne oder mit ge¬
ringem Kohlehydratgehalt und Zusatz von Eiweisspräparaten wie Plasmon
und Larosan. Hier ist das Gärsubstrat vermindert, dagegen Eiweiss in einem
Grade vermehrt, der im Reagenzglas die Gärung intensiver fördern würde.
Eine zweite Gruppe von Heilnahrungen ist gesäuert, z. B. Buttermilch und
Eiweissmilch. Sie gestatten eine allmähliche Kohlenhydatanreicherung. ohne
dass die Gärungsvorgänge wie bei der nicht gesäuerten Milch stark gefördert
werden.
Zwischen Klinik und Experiment besteht also bei Kohlenhydrat- und
Eiweissgehalt der Nahrung ein Gegensatz, eine Uebereinstimmung aber in
hezug auf Azidität derselben. Ursache für die Unterschiede sind die wesent¬
lich anderen Bedingungen, welche die Bakterien im Magen und Dünndarm
finden, als sie es im Reagenzglas waren; und zwar spielen hier die Abbau¬
produkte des Eiweisses als stärkste Erreger der Sekretion der .Verdauungs¬
säfte eine wichtige Rolle. Durch den Eiweissreichtum der Nahrung wird die
mangelhafte Sekretion der Verdauungsdrüsen und die damit verbundene
Motilitätsstörung des Magens und Darmes günstig beeinflusst. Dadurch wird
die in der Pathogenese der Dyspepsie so massgebende Bakterienaszension in
eine Deszension umgewandelt.
Der Vorzug gesäuerter Nahrungsgemische besteht, in UebereinstiinmuUj
mit den Reagenzglasversuchen, darin, dass eine weitere bakterielle Säuri
bildung aus Kohlenhydraten im Magen und den oberen Teilen des Düni
darms, die für organische Säuren besonders empfindlich sind, nicht mogln
ist. Das Ausbleiben der Gärungssteigerung bei hohen Kohlenhydratgaben
sauren Medien erklärt uns, dass es gelingt, dyspeptische Zustände durch bz\
trotz Steigerung der Kohlenhydrate zu überwinden.
H. Beumer: Ueber die Kreatinintoleranz des Säuglings. (Aus di
Universitäts-Kinderklinik in Königsberg i. Pr. Direktor: Geheimrat Prt
Dr. F a 1 k e n h e i m.)
Der Organismus des Erwachsenen besitzt in hohem Masse die Fähigke ,
verfüttertes Kreatin abzubauen. Bei grossen Mengen aber _ zeigen sh
Grenzen dieser Fähigkeit, daher es wohl erlaubt ist. von einer Kreatiü
toleranz zu reden. Der normale Säugling scheidet im Gegensatz zum g
sunden Erwachsenen im Urin Kreatin aus. Angesichts dieser physiologische:
Kreatinurie des Säuglings hat Beumer den Versuch gemacht, die Kreativ
toleranz in diesem Lebensalter festzustellen. Er machte 2 Säuglingen, eine)
\'/< jährigen Kinde und einem 7 jährigen Knaben intravenöse Injektionen (li
von 5—300 mg Kreatin und fand, dass das injizierte Kreatin so gut wie vn.U
ständig im Urin wiedererscheint. Bei Injektion von 100 mg wird ein Drittj
während der ersten 2 Stunden eliminiert, das übrige erst in den folgend:!
24 Stunden. Das zeigt, dass die Ursache der Kreatinausscheidung nicht ml
in einer besonderen Durchlässigkeit der Niere gelegen ist, sondern noch b I
trächtliche Kreatinmengen mit dem Harn entleert werden, nachdem das Bl ]
häufig die Leber passiert hat und die Bedingungen denen der. stomachahj
Kreatinzufuhr fast gleich geworden sind. Der sichere Nachweis einer ve]
mehrten Kreatinurie liess sich noch bei Injektionsdosen von 30 — 5 mg führe!
Weniger befriedigend sind die Resultate nach Zuführung des Kreativ
per os: am besten hinsichtlich einer quantitativen Wiedergewinnung falb]
die Versuche mit kleinen Mengen aus. Nach grossen Dosen ist die Kreatinui i
oft erstaunlich gering, ein grosser Teil des verfütterten Kreatins fällt in dt
unteren Darmabschnitten der bakteriellen Zersetzung anheim.
Im, Selbstversuch wurden 300 mg intravenös ohne Kreatinurie vertrage
nach 1 g fanden sich 45 mg Kreatin, eine Menge, die noch innerhalb dj
Fehlergrenzen lag.
Schlussfolgerungen: Der Säuglingsorganismus besitzt nicht die Fähigkei
selbst sehr kleine exogene Kreatinmengen anzugreifen. Die Intoleranz gegej,
über exogenem Kreatin ist eine Besonderheit des Säuglingsstoffwechsels (wd
des jugendlichen), die geeignet erscheint, auch das Verständnis für die end
gene Kreatinurie dieses Lebensalters zu erleichtern. Man kann sich den Vor¬
gang so denken, dass bei den Umsetzungen in der Muskulatur stets klei!
Kreatinmengen in die Blutbahn überfliessen, die beim Erwachsenen abgebai|
beim Säugling wie exogenes Kreatin mit dem Urin ausgeschieden werde:
Alle Kreatininjektionen verliefen bei den Säuglingen ohne jede Nebe!
Wirkung auf das Allgemeinbefinden. Der 7 jährige Knabe reagierte a j
0,3 Kreatin mit starkem Tremor. Blässe und Erbrechen. Beim Selbstversul
traten nach Injektion von 1 g Kreatin nach 1 Stunde heftigster Tremor all
Gliedmassen und starke Kopfschmerzen ein. Die Temperatur stieg n|
auf 38.5 °. „Nach 3 Stunden völliges Wohlbefinden.“
Siegfried Fink: Arzneiverordnungen im Kindesalter unter Berüc1
sichtigung der heutigen Preise. (Aus der Göttinger Univ.-Kinderklinik.)
Ziel der Arbeit ist, wie der Verfasser sagt, wirksame Rezepte d
Kinderheilkunde zu geben, die schon heute billig sind und in den kommend'
Wirtschaftsjahren nicht wesentlich den Schwankungen des Marktes untc
worfen sein dürften, Rezepte, die somit für die Unbemittelten in Fra:
kommen. Kein Rezept soll über 5 M„ ausnahmsweise bis 10 M. kosten, s
Die Zusammenstellungen mit Preisangabe werden manchem Praktiker wi
kommen sein. v. Schrenck - München.1
Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 1921. 64. Baij
4. Heft.
Paul Hirsch: Die Frage der Kastration des Mannes vom psychiatrisch]
Standpunkte. (Aus der psychiatr. und Nervenklinik Königsberg i. Pr.)
Die Kastration (Entfernung der Hoden) kommt in verzweifelten Fäll
von krankhaft gesteigertem Geschlechtstrieb als ultimum refugiuin in Fra»
Sie ist beim heranwachsenden Individuum, da sie den Körper schädigt, nid
zulässig, sondern erst nach dem 25. Lebensjahre anzuwenden. Die Folgen 4
Kastration beim Manne sind nicht mehr so eingreifend, allerdings besteht durj
das Klimakterium praecox eine gewisse Disposition zu geistigen Erkrankung«
Bei der angeborenen Homosexualität kommt Kastration mit nad
folgender Implantation normaler heterosexuell gerichteter Hoden naj
Steinach in Frage.
In allen diesen Fällen ist juristisch die Operation als ein Experime
d. h. als ein von der heutigen medizinischen Wissenschaft noch nicht allgenu,
anerkanntes Heilmittel anzusehen. Der Eingriff darf nur mit Einwilligung c,
Kranken unter vorheriger Belehrung über seine Vorteile und seine möglich!
Nachteile gemacht werden.
Eine sozialpolitische Sterilisation ist nach der heutigen Gesetzgebu;
strafbar. Die einfachste nud sicherste Sterilisierung wäre hier die Vasektont
Ra ecke: Perversität und Eigennutz. Beitrag zur forensen Beurtellu:
sexueller Verirrungen.
Die 3 selbstbeobachteten Fälle haben das Gemeinsame, dass eine psyetjj
pathische Phantastennatur sowohl ihrer Sucht nach unerlaubtem Gelderwe,
als auch ihrem Hang nach perverser geschlechtlicher Befriedigung fol.
woraus schwer entwirrbare Verflechtungen der Motive hervorgehen. Eigf
tumsvergehen und sexuelle Verirrung sind da zwar auf derselben mind-
wertigen psychischen Veranlagung erwachsen. Dennoch lässt sich nicht !•
haupten, dass die Perversion das Eigentumsdelikt bedinge, sowenig das u-
gekehrte Verhältnis statthat. Beide sind unabhängig voneinander ’
koordinierte Folgen der einen Veranlagung zu betrachten, ln den v-
liegenden Fällen war ihre Trennung einwandfrei möglich, weil zeitweise ■
Art der Ausführung der Strafhandlung nichts mit der behaupteten Perversi:
zu tun hatte. Aber oft genug mag eine Verdunkelung des Tatbestandes ;•
durch zustande kommen, dass im bestimmten Falle Eigennutz und Perversb
beim Delikt zusammenwirkten und hernach ohne Künstelei nicht zu trem'
sind. In dieser praktischen Schwierigkeit liegt wohl der Hauptgrund, war1
die Lehrbücher es unterlassen, auf die besprochene Kombinationsmöglichkt
trotz ihrer grossen forensischen Bedeutung einzugehen.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
249
H. A. Ti ui in: Ein Beitrag zur Lokalisation der amnestischen Aphasie,
is der psychiatr. und Nervenklinik Rostock-Gehlsheim.) (Mit 5 Text-
nldungen.)
Ein Fall von Tumor des linken Schläfenlappens mit Zerstörung des Marks
der zweiten und dritten Schläfenwindung liefert einen weiteren Beitrag zu
■ Auffassung, dass ein Zentrum der amnestischen Aphasie im Mark des
<en Schläfenlappens und zwar in der zweiten und dritten hinteren Schläfen-
idung zu suchen ist.
W. Medow: Eine Gruppe depressiver Psychosen des Rückbildungs-
jrs mit ungünstiger Prognose. (Erstarrende Rückbildungsdepression.)
is der psychiatr. und Nervenklinik Rostock-Gehlsheim.)
Verf. schält einen Kern depressiver Rückbildungspsychosen heraus, der
:h Verlauf und Symptomatologie mit Sicherheit eine Sonderstellung gegeii-
;r dem manisch-depressiven Irresein einnimmt. Eine Einkapselung der
izen Persönlichkeit in unabänderliche Gewohnheiten, die Ablehnung gegen
:s Neue, das Erlöschen der Tatkraft, die zwangsartige Verwendung einzelner
nloser Worte und die sklavische Kettung an bestimmte Bewegungen charak-
isieren das Schlussbild von extremster Pedanterie und verzerrtem
nservativismus.
Bücherbesprechungen. Germanus F 1 a t a u - Dresden.
Vierteljahrschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitäts-
*en. 62. Band, 2. Heft.
Oskar Löw: Zum Kalkbedürfnis des Menschen.
Erwiderung auf den in Nr. 2 d. J. erschienenen Artikel R u b n e r s, in
n L ö w aus der Literatur eine Reihe von Untersuchungsergebnissen zur
itze seiner Auffassung über die Bedeutung des Kalkes in der Ernährung
ührt. Bezüglich des Wesens der Rachitis erwähnt Löw die Erklärung
er ersten Autorität auf diesem Gebiete, wonach die Auffassung, die echte
chitis sei nicht die direkte Folge von Kalkmangel, zwar noch von manchen
Erhalten werde, aber immerhin nicht positiv entschieden sei. Nach
erikanischen Autoren gebe es nur eine Art von Rhachitis, nämlich die,
Iche durch Kalkmangel entstehe.
K. T h u m m - Berlin-Dahlem: Die Kaliwerke und ihre Abwässer.
Die in den Kaliwerken anfallenden Abwässer gehören in die Gruppe der
ulnisunfähigen Abwässer, die frei von organischen Stoffen sind
1 einfache Salzlösungen darstellen, die das Gewässer, dem sie überantwortet
rden, zwar äusserlich sichtbar ungünstig nicht beeinflussen, die aber seine
:mische Beschaffenheit verändern und den Vorfluter dauernd zu ver-
1 z e n imstande sind. Nach näherer Darlegung der Fabrikationsart und
• für den Kalihandel wichtigen RohsaTze stellt Thumm Leitsätze auf
rdie Beseitigung von Kaliabwässern. Diese kann, da bei
n augenblicklichen Stand der Beseitigung dieser Salzwässer sie nicht durch
bstreinigung verschwinden, nur durch eine einheitliche B e -
beitung ganzer Flussgebiete unter gleichzeitiger Rücksicht-
lme auf die besonderen Verhältnisse des Einzelfalles mit Aussicht auf Erfolg
leihlich gelöst werden. Privatschäden, die hiebei auftreten, seien durch
Identschädigung oder auf andere Weise wieder gutzumachen. Die Zulassung
r Ableitung soll nur an Werke erfolgen, deren Fabrikationsart bekannt
und nur unter Berücksichtigung der Bedürfnisfrage, sowie unter streng
zuhaltenden Bedingungen. Vor allem soll durch vereidigte Beamten viertel-
rliche Kontrolle über die verarbeiteten Rohsalzmengen, über die Menge der
Zeugnisse und der flüssigen und festen Abfallstoffe sowie der Endlaugen
ttfinden. Die salzhaltigen Abwässer seien wasserdichten, widerstands-
ligen Aufhaltebecken zuzufuhren. Die von dort in den Vorfluter über-
tenden Abwässer müssen gekühlt und klar, frei von Oel und neutral sein,
le freies Chlor und Brom, mit salzfreiem Wasser verdünnt sein, so dass
> spezifische Gewicht 1,2 nicht übersteigt. Ausmündungsrohre sind so zu
en, dass rasche Vermischung des Salzwassers mit dem Flusswasser sicher¬
stellt ist. Die festen Rückstände dürfen oberirdisch nur dann gelagert
rden, wenn deren Versickerung keine Schädigung bedingt und eine Aus-
:gung der Halden durch benachbarte Flussläufe nicht zu befürchten ist.
tntiiche die Aufspeicherung und Abführung der Abwässer betreffenden Ein-
htungen bedürfen der Genehmigung nach der Reichsgewerbeordnung. Das
cht uzr Ableitung solcher Salzwässer soll immer nur aufi beschränkte
itdauer, im Höchstfälle auf 20 Jahre erteilt werden.
Kyeytsurc F u j i w a r a - Japan: Ueber die Frage der Bildung von
hlenoxydhämoglobin bei der Methylalkoholvergiitung. (Aus der Unterrichts-
stalt für Staatsarzneikunde Berlin.)
Verf. kann mit Rücksicht auf die Ergebnisse seiner experimentellen Unter-
:hungen die Annahme Curschmanns nicht für zutreffend halten, dass
Hunden, die so grosse Mengen Methylalkohol erhielten, dass sie nach
nigen Tagen eingingen, Kohlenoxyd im Blut entsteht. Er glaubt nicht, dass
i Methylalkoholvergiftungen Blutveränderungen im Sinne einer Kohlen-
ydvergiftung auftreten können. Methylalkohol verwandle sich im Organis-
s durch Oxydation in Formaldehyd, Azeton, Ameisensäure u. a., es sei un-
hrscheinlich, dass bei einer derartigen Vergiftung Kohlenoxyd im Tier-
rper gebildet werde. Die Untersuchungen des Verfassers erstreckten sich
i Kaninchen und Hunde.
Otto Ha ge -Kiel: Ueber Veronalvergiftung. (Schluss.)
Behandelt in ausführlicher Weise die verschiedenen bei Veronalvergiftung
beobachtenden Störungen und Organschädigungen an der Hand einer
ifangreichen Literatur. Er kommt zu dem Schlüsse, dass eine Vergiftung
t Veronal entstehen kann: 1. wenn eine Idiosynkrasie gegen Veronal be-
ht, schon durch kleine oder mässige Gaben, 2. wenn eine übergrosse Dosis
nommen ist, 3. durch wiederholte kleine Dosen. Das Vorwiegen der
ronalvergiftungen bei Frauen — nach bekannten Feststellungen ist das
tunliche Geschlecht mit 25 Fällen, das weibliche mit 52 Fällen beteiligt —
nne zunächst Zusammenhängen mit der Vorliebe der Frau, zur Selbst-
deibung eher zum Gift zu greifen wie der Mann. Eine verminderte Wider-
indsfähigkeit der Frau gegen Veronal sei bis jetzt noch nicht mit Sicherheit
wiesen. Männer seien allerdings gegen die meisten Narkotika sehr
ustent, da sie bereits an eines derselben, den Alkohol, gewöhnt seien,
mit stimme auch die Beobachtung über gute Verträglichkeit des Veronal
~4 g innerhalb 12 Stunden) bei Delirium tremens überein. Seit das Veronal
m freien Verkehr entzogen, haben die Selbstmordtodesfälle durch Veronal
’sentlich abgenommen.
ln forensen Fällen sei, da bei Veronalvergiftungen keine charakteristischen
ganveränderungen gefunden werden, die Untersuchung der Leichenteile und
s Harns auf Veronal vorzunehmen, dessen Nachweis noch in faulenden
Organen gelinge. Beachtenswert sei forensisch, dass nach Veronalgenuss
Amnesien auftreten.
Curt Goroncy: Der Selbstmord in Königsberg i. Pr. (Aus dem
Institute für gerichtliche Medizin in Königsberg i. Pr.)
Eine umfangreiche Arbeit, in welcher das Vorkommen von Selbstmord
in der Stadt Königsberg in statistisch-soziologischer, anatomischer und
psychiatrischer Forschungsrichtung behandelt wird. Die Erhebungen umfassen
den Zeitraum von 1875 — 1918.
K. J o h n - Görlitz: Ueber Darmzerreissungen durch stumpfe Gewalten in
gerichtsärztlicher Hinsicht.
Auf Grund eingehender Literaturstudien fasst John die für den Ge¬
richtsarzt in Betracht kommenden Richtlinien in der Hauptsache in folgenden
Leitsätzen zusammen: Darmzerreissungen entstehen durch breit oder um¬
schrieben, direkt oder indirekt auf das Abdomen einwirkende stumpfe
Gewalten. Die Bauchdecken bleiben bei leichten und schweren Gewalteinwir¬
kungen meist völlig unversehrt, während der Darm unter Umständen ge¬
quetscht werden, bersten oder durch Ueberdehnung in seiner Längsachse
abgerissen werden kann. Die sichere Diagnose einer Darmzerreissung durch
stumpfe Gewalt könne bei dem Mangel ausgesprochener Krankheitserschei-
nungen am Lebenden nur durch Laparotomie gewonnen werden. Bei Be¬
urteilung des Grades der Erwerbsbeschränkung eines derartig Verletzten, der
die Verletzung überstanden hat, habe man sich vorwiegend nach dem allge¬
meinen Kräftezustand des Individuums und nach dem Vorhandensein eventueller
Spätfolgen der etwa überstandenen Peritonitis zu richten. Hie Diagnose
„Tod durch Darmzerreissung infolge Einwirknug stumpfer Gewalt“ könne
der Gerichtsarzt nur nach Vornahme der Obduktion stellen, wobei alle diffe¬
rentialdiagnostischen Momente (Vorhandensein von Darmgeschwüren) genau
in Erwägung zu ziehen seien. Besondere Schwierigkeiten könne unter Um¬
ständen die Entscheidung der Frage bieten, ob der Tod des Verstorbenen
durch ein Verbrechen oder durch Fahrlässigkeit oder durch einen Unglücksfall
oder durch Selbstmord zustande gekommen ist. Eine Körperverletzung, die
zur Darmzerreissung führen kann, müsse vom gerichtsärztlichen Standpunkte,
auch wenn sie in Heilung übergeht, mindestens als gefährlich im Sinne
des § 223 StGB, bezeichnet werden, bei Auftreten von Spätfolgen nach
Peritonitis als schwere Körperverletzung mit 'Siechtum im Sinne des
§ 224 StGB.
W. G 1 o e 1, Polizeiarzt, München: Unter welchen Umständen rechtfertigt
sich ärztlicherseits die Einleitung eines Abortes und wie stellt sich die
Rechtspflege zu derselben?
Verf. behandelt vorstehende Frage von den verschiedenen hiebei in Be¬
tracht kommenden Gesichtspunkten. Er kommt zu dem Schlüsse, dass der
medizinische Abortus, schon im Altertum bekannt, erst seit Mitte des vorigen
Jahrhunderts wissenschaftlich begründete Indikationen erhalten habe. Indes
sei auch heute noch alles im Fluss und der individuellen Auffassung des
Einzelnen sei in den Grenzen der strengen Wissenschaftlichkeit immer noch
ein weiter Spielraum gelassen. Unter den Krankheiten, die Anlass zu Er¬
wägungen über die Notwendigkeit eines Abortus abgeben, stehe die Tuber¬
kulose an erster Stelle, Herz- und Nierenerkrankungen folgen in weiterem
Abstand, Chorea und Hyperemesis seien noch als wichtig zu nennen. Die
soziale Indikation zur Schwangerschaftsunterbrechung zu vertreten, könne den
Aerzten als den natürlichen Anwälten der Armen und da nach V i r c h o w
die soziale Frage zu einem erheblichen Teile in deren Jurisdiktion falle,
zugestanden werden. Das Gleiche müsse von der Notzuchtsindikation gesagt
werden. Der medizinisch indizierte Abortus müsse nach allge¬
meiner Rechtsanschauung und dem gesunden Menschenverstand straflos
bleiben, geschehe er doch zu der vom Sinne des Gesetzes gebilligten, vom
menschlichen Empfinden befohlenen Rettung eines Menschenlebens, das unbe¬
dingt höher einzuschätzen als das der Frucht. Starre Grundsätze für die
Indikation zum künstlichen Abort gesetzlich festzulegen sei unmöglich, für keinen
Fall dürfe die medizinische Wissenschaft unter amtliche Aufsicht gestellt
werden.
James B r o c k - Petersburg: Haben Kinder Wollustempfinden während
an ihnen verübter Notzucht?
Verf. glaubt diese Frage bejahen zu müssen auf Grund gemachter Be¬
obachtung des Verhaltens zweier Kinder unmittelbar nach dem an ihnen
verübten Verbrechen. In dem einen Falle, bei dem der Damm bis zum
Rektum zerrissen war, gab das 5 Jahre alte Mädchen auf die Frage,
ob es heftige Schmerzen während der Tat empfunden habe, zur Antwort:
Anfangs wohl, dann aber nicht mehr. Br. ist der Anschauung, dass die
sexuelle Ekstase während der Wollustempfindung den durch die Verletzung
der Genitalien verursachten Schmerz übertönen und das ganze Benehmen
der Opfer des Verbrechens beeinflussen könne. S p a e t.
Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 2 u. 3.
Fr. M a r t i u s - Rostock: Einige Bemerkungen über die Grundlagen des
ärztlichen Denkens von heute. Nicht zu kurzem Auszug geeignet.
R. C a s s i r e r - Berlin : Halsmuskelkrampf und Torsionsspasmus.
Einige vom Verf. gemachte und näher mitgeteilte Beobachtungen
scheinen geeignet, den echten Halsmuskelkrampf in Beziehung zu bringen
zum sog. striären Symptomenkomplex (W i 1 s o n). Vom 2. Falle liegt auch
die Sektion vor. Man wird künftig in Fällen von Halsmuskelkrampf darauf
achten müssen, ob nicht im Ablauf der Krankheit sich in anderen Muskel¬
gruppen krankhafte Erscheinungen abgespielt haben, welche einen Hinweis
abgeben können, dass es sich nicht um eine lokalisierte Krampfform handle.
Erich Meyer- Göttingen: Ueber rektale Digitalistherapie.
Nach den Erfahrungen des Verf. ist die rektale Digitalistherapie be¬
sonders in Fällen mit vorherrschender hepatischer Stauung geeignet, die intra¬
venöse Injektion zu ersetzen oder wechselweise mit ihr angewendet zu
werden. Die Wirkung der kleinen Klysmen (2 — 3 mal täglich 1 ccm Digipurat
mit 10 ccm Wasser in den Darm mittelst einer sog. Glyzerinspritze einge¬
bracht) ist häufig eine rasche und ausgiebige. Diese Therapie empfiehlt sich
besonders bei Kranken mit ungünstig gelagerten Venen und hochgradigen
Oedemen, bei Embolie- und Thrombosegefahr, sowie eben bei hepatischer
Stauung.
H. K ö n i g s f e 1 d - Freiburg i. Br.: Das Verhalten des Antitrypsins bei
Bestrahlungen mit künstlicher Höhensonne.
Aus den mitgeteilten Untersuchungen ergibt sich, dass bei Bestrahlungen
dieser Art Veränderungen im Antitrypsingehalt des Blutes nachzuweisen sind,
welche aber sekundär von Veränderungen in der Zahl der polymorphkernigen
Leukozyten abhängig sind.
250
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Th. v. Jaschke - Giessen: Die Leistungsfähigkeit der Lumbalanästhesie
in der Gynäkologie.
Die an der dortigen Klinik gemachten Erfahrungen mit der Tropakokain-
anästhesie sind im ganzen durchaus gute, so dass Verf. zu einem anderen
Verfahren nicht überzugehen wünscht! Das Tropakokain scheint vor dem
Stovain und Novokain den Vorzug grösserer Ungefährlichkeit und vielleicht
auch geringerer Nachwirkungen zu haben. Eine Reihe einzelner Erfahrungen
werden mitgeteilt.
E. G r a f e - Rostock: Zur Kenntnis der malignen Lymphdrüsenerkran-
ku ngen. , ......
Verf. berichtet über 7 Kranke mit Lymphogranulomatose (fieberfrei, ge¬
ringe Anämie), sowie 3 andere Fälle einschlägiger Art, bei welcher er ein¬
gehende Stoffwechselversuche angestellt hat. Dieselben sind tabellarisch im
Original niedergelegt.
F. G ö p p e r t - Güttingen: Beteiligung der Hirnhäute bei den fieberhaften
Infektionen der oberen Luftwege. .
Die mitgeteilten Beobachtungen wurden an Kindern im Alter von
4 — 13 »Jahren gemacht. Eine erhebliche Anzahl der Kinder mit Affektionen
der oberen Luftwege zeigte das Kernig sehe Zeichen, neben Kopf¬
schmerzen etc., so dass eine meningeale Beteiligung zu erschliessen war. Die
Steifigkeit verschwand nicht immer zugleich mit der Entfieberung. Aus diesen
Beobachtungen ergibt sich die Forderung, solche Kranke, die scheinbar schon
genesen sind, noch längere Zeit zu schonen.
P. Holzer und H. M e h n e r - Chemnitz: Ueber quantitative Bili-
rubinbestimmungsmethoden im Blute.
Nicht zu kurzer Wiedergabe geeignet.
H. B i b e r s t e i n - Breslau: Mammasekretion und -krisen bei Tabes.
Den 4 bisher beschriebenen Fällen reiht Verf. einen 5. an. Es bestand
bei ihm doppelseitige dauernde Milchsekretion, die begleitenden Schmerzen
kommen krisenartig.
Nick-Berlin: Erfolgreiche Behandlung einer schweren akuten Benzol¬
vergiftung durch Lezithinemulsion.
Bei wiederholten Injektionen konnten unangenehme Nebenwirkungen
dieser Behandlung nicht beobachtet werden, besonders besteht die Gefahr
einer Fettembolie augenscheinlich nicht.
H. Lange: Ueber die Einwirkung des Adrenalins auf die Permea¬
bilität von Muskelfasergrenzschichten.
Es zeigte sich, dass das Adrenalin in hohem Masse die Fähigkeit
besitzt, die Durchlässigkeit der Muskelfasergrenzschichten für gewisse ein-
und austretende Stoffe herabzusetzen.
H. Lange und M. Simon: Ueber Phosphorsäureausscheidung der
Netzhaut bei Belichtung.
Die betreffenden Versuche ergaben, dass die Netzhaut des Frosches auf
Lichtreize mit einer Ausscheidung von P-Säure reagiert.
A. Jarisch: Seife und Serum.
Die im pharm. Institut der Universität Graz angestellten Versuche zeigen
die Lipoide als die Regulatoren des physikalischen Zustandes dfcr Eiweiss¬
körper und scheinen einen Weg zu weisen für das Verständnis der vielen
Zusammenhänge zwischen den Lipoiden und physiologischen und pathologi¬
schen Vorgängen.
H. Curschmann: Rindenepilepsie bei multipler Sklerose.
Kasuistische Mitteilung.
J. Zappert - Wien: Die Behandlung der Enuresis.
Zusammenstellung und kritische Besprechung der gesamten Therapie
dieser Erkrankung. U. a. wird auch die Errichtung von Dauer- und
Sommerheimen für blasenschwache Kinder, welche sehr häufig völlig verkehrt,
nicht bloss von den Eltern, behandelt werden, in Vorschlag gebracht.
P r i n z i n g - Ulm: Die Tuberkulose nach dem Kriege.
Auch in diesem Aufsatze wird der rasche Abfall der Tuberkulose im
2. Halbjahre 1919 erörtert, welcher aber unter keinen Umständen Veran¬
lassung geben darf, im Kampfe gegen diese Krankheit nachzu)assen. Von
einer allgemeinen Anzeigepflicht erwartet sich P. nicht viel, die Hauptsache
ist eine gute Ernährung des ganzen deutschen Volkes.
Herrn, v. Voss- Berlin: Ueber den gegenwärtigen Stand der Frage
der Entstehung der Arten.
Artikel zum 100. Geburtstage von A. R. W a 1 1 a c e.
Nr. 3.
L. A s h e r - Bern: Prinzipielle Fragen zur Lehre von der inneren Se¬
kretion. Uebersichtliche Besprechung des Themas.
E. R e i s s •• Frankfurt a. M.: Die pathologische Physiologie der chro¬
nischen Obstipation. Fortbildungsvortrag.
A. B i c k e 1 - Berlin: Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss
der Vitamine auf Verdauung und Stoffwechsel und die Theorie der Vitamin¬
wirkung.
Aus Experimenten ist zu folgern, dass bei avitaminöser Ernährung das
Sekretionsvermögen der Magendrüsen nicht gestört ist, dass aber das betr.
avitaminöse NahrungSgemisch keine Sekretionsreize ausübt. Trotzdem ist
die endliche 'Zerlegung der Nahrung im Darm und die Resorption von seiten
<)er Darmwand nicht gestört. Aus Versuchen ist weiter zu folgern, dass
das Vitamin die Körperzellen zur Assimilation der Nahrung befähigt, während
Vitaminmangel dieses Vermögen weitgehend erschöpft. Diese Minderung
des Bindungsvermögens gilt auch für den Mineralstoffwechsel, wenn die
Vitamine entzogen werden.
G. Katsch und L. v. F r i e d r i c h - Frankfurt a. M.: Bauchspeichel¬
fluss auf Aetherreiz.
Einführung einer kleinen Aetherdosis ins Duodenum rief in den betr.
Versuchen ausnahmslos einen reichlichen Erguss von Pankreassaft hervor.
Auch die Fermentproben erwiesen sich im allgemeinen als gesteigert. Auch
bei funktionellen Hypochylien des Pankreas erhält man auf Aetherreiz reich¬
lich Bauchspeichel, bei Achylia gast, ist das Verhalten wechselnd. Unter
5 Diabetikern zeigte sich nur bei 1 im Duodenalinhalt eine wesentliche Min¬
derung des Gehaltes an Trypsin und Steapsin.
E. Wolff: Zur Förderung der Röntgendiagnose des subkardialen Ulcus
an der kleinen Kurvatur durch die linke Seitenlage.
Die durch die bezeichnete Methode erreichbaren Vorteile werden durch
Mitteilung verschiedener Fälle illustriert. Die Untersuchung in linker Seiten¬
lage kann das Röntgenbild eines Ulcus ermöglichen, das sonst durch keine
andere diagnostische Methode zu erkennen wäre. Vergleiche die Abbildungen
im Original!
Hans ' O p i t z - Breslau: Der Blutzuckerspiegel nach intravenösen In¬
fusionen hochprozentiger Traubenzuckerlösungen beim Kinde.
Die Resultate dieser Untersuchungen sind in Tabellen und Kurve
niedergelegt. Für das Kindesalter liegen derartige Untersuchungen noch nicli
vor. Die unmittelbare Folge der Injektion ist ein gewaltiger Anstieg de
Blutzuckers, doch sinkt dieser in Kürze wieder zurück, ein diuretischi i
Effekt trat in 4 von 5 untersuchten Fällen hervor. Die Injektionen werde |
von z. T. sehr erheblichen Temperatursteigerungen begleitet. Ein Einflu:
auf die Erkrankung konnte in keinem der betr. Fälle beobachtet werde: j
E. Vey- Giessen: Zur Kasuistik der Ovarialtumoren als Kompllkathi
von Schwangerschaft und Geburt. . . . „
Aus 4 mitgeteilten Fällen wird gefolgert: Bei einem in der Schwange!
schaft erkannten Tumor wird abgewartet, bis eine Anzeige zu aktive:
Handeln eintritt. ebenso unter der Geburt. Bei eintretender Indikati«
sofortige Operation, ohne Rücksicht auf den Schwangerschaftsmonat. Oper;
tionsmethode ist am besten die Laparotomie. Doppelseitige 1 umoren sin f
sofort zu entfernen.
ü. Deusch - Rostock : Erfahrungen mit dem Friedmann sehe
Tuberkulosemittel in der Behandlung der Lungentuberkulose.
Die Ergebnisse waren in Hinsicht auf einen Dauererfolg wenig bi
friedigend. Die Tuberkulose verlief, vielfach nach vorübergehender Bessi
rung, auf die Dauer unbeeinflusst von dem Mittel. Es liegen auch Erfal
rungen vor, dass der wesentliche Vorzug des Verfahrens, die einmalig
Einspritzung, nicht zureichend ist. Bezüglich der Theorie der Wirkuri
scheint es sich um einen Einfluss zu handeln ähnlich dem bei der Proteiifl
kürpertherapie.
A. Buschkc und E. Langer- Berlin: Ueber die WirkungsweisH
und das Altern des Vakzins (speziell bei Gonorrhöe).
Die Verfasser gingen zur Nachprüfung der Vakzinetherapie vor einml
durch klinische Verwendung und durch Prüfung der von ihnen hergestclltt
Vakzine und der verschiedenen Fertigfabrikate. Sie sahen aus den Ve I
suchen, dass das frische Vakzin besser wirkt als das alte. Das Altern scheii
von 2 Faktoren abhängig zu sein, einmal von der Konservierungsform ut j
dann von der speziellen Empfindlichkeit der betr. Bakterienleiber. D {
Gonokokken zerfallen z. B. viel rascher als die Typhusbazillen. Die Techn
bei der fabrnkmässigen Herstellung der Vakzine ist einer Durchprüfung *j
unterziehen.
N. A. Bolt und P. A. H e e r e s - Groningen: Physikalisch-chemlscL
Untersuchungen über die Bildung von Gallensteinen.
Verf. wählten als Versuchsobjekt die überlebende Froschleber ur||
sahen bei Durchströmung mit modifizierter Ringerlösung im Sekret d;
Auftreten von ziemlich steinartig strukturierten Massen. Diese bestände!)
zum grössten Teil aus Cholesterin.
G. Hennig: Tierexperimentelle Untersuchungen an Rekurrenssplr
chäten.
An weissen, mit afrikanischer Rekurrens geimpften und anatomisch ve j
arbeiteten Mäusen untersuchte der Verf. die Untergangsformen der Rekurren i
Spirochäten systematisch, und zwar in ihrem Verhalten in verschiedene!
Organen.
G. Miesch er: Die Chromatophoren in der Haut, des Menschen. II
Wesen und die Herkunft ihres Pigmentes.
Die Chromatophoren sind die kutanen Pigmentzellen, ihr Pigment stamri
aus der Epidermis. Bei allen Pigmentalterationen der Haut geht die Pi
mentschwankung in der Epidermis stets voran, diejenige in der Kutis folj
nach.
B. Uedinghoff: Ein Fall von renalem Diabetes.
Kasuistische Mitteilung.
P e r t h e s - Tübingen: Die funktionellen Ergebnisse der Sehnenoperatie
bei irreparabler Radialislähmung.
44 von Verf. operierte Fälle werden dieser Untersuchung zugruncj;
gelegt, deren technische und sonstige Einzelheiten im Original zu vergleicht);
sind.
G. A. R o s t - Freiburg i. Br.: Zur Behandlung der Frühsyphilis.
Verf. erörtert Grundsätzliches über die Biologie und die Methodij
(Fortsetzung folgt.)
A. E c k s t e i n - Freiburg i. Br.: Zum Mutterschutzproblem.
Beobachtungen an einem Heim für ledige Mütter und Säuglinge ergebe,
dass die Geburtsgewichte der Kinder jener Frauen, welche vor der Entbindui.
annähernd 2 Monate im Heim waren, höher waren als von nicht derart g
pflegten Frauen. Schwere körperliche Arbeit bis zum Schluss der Schwange
schaft kann das Geburtsgewicht ungünstig beeinflussen. In Bezug auf d
Stilltüchtigkeit der Frauen in dem Heim wurden keine günstigen Erfahrung!
gemacht. Das lag in der psychischen Einstellung der ledigen Mütter zu
Stillgeschäft resp. zur Stillpflicht.
F 1 o r s c h ü t z - Gotha: Konstitutionslehre und Lebensversicherung
medizin.
M. v. P f a u n d 1 e r - München: Ueber Gewebsverkalkung.
Ein Sammelbericht.
CI. du Bois-Reymond - Potsdam: China und die deutsche Medizi
Grassmann - München.
Deutsche Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 3 und 4.
F. Sauerbruch und M. L e b s c h e - München: Die Behandlui
bösartiger Geschwülste. Fortbildungsvortrag. (Fortsetzung folgt.)
P. S u d e c k - Hamburg: Die Pharynxsprache bei Laryngektomiertc
Nach einer Demonstration im Aerztl. Verein in Hamburg 11. X. 19)
(Bericht in M.m.W. 1921 Nr. 42).
R. E d e n - Freiburg: Die Bedeutung der gruppenweisen Hämagglu
nation für die freie Transplantation und über die Veränderung der Agglutln
tionsgruppen durch Medikamente, Narkose, Röntgenbestrahlung.
Vor jeder Bluttransfusion ist nach Möglichkeit das Blut sowohl d
Empfängers als des Spenders auf Agglutination zu prüfen; Medikament
Narkose und Röntgenbestrahlung können eine Aenderung der Agglutination
bedingungen hervorrufen. Durch die Feststellung, zu welcher Agglutination
gruppe (die von Brem modifizierte M ö s s sehe Methode unterscheid
4 verschiedene Gruppen) Spender und Empfänger gehören, ist eine sehne
und sichere Weise der Orientierung über die Brauchbarkeit des Spende
blutes gegeben.
H. O p i t z - Breslau: Ueber moderne Diphtherieprophylaxe.
Nach einem auf Veranlassung des Ver. f. Inn. Med. und Kinderhlk.
Berlin (pädiatr. Sektion) am 14. XI. 1921 gehaltenen Vortrage (Bericht
I M.m.W. 1921 Nr. 48).
■'ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
251
E. Epstein und F. Pa ul- Wien: Ueber die chemische Zusatnmen-
ng der bei den serologischen Luesreaktionen gebildeten Flocken.
Die bei der Meinickereaktion gebildeten Flocken bestehen ebenso wie
ler Sachs-Qcorgi- und Wassermannreaktion aus Lipoiden und nicht aus
iss, wie jüngst Klostermann und W e i s b a c h angegeben hatten
1921 Nr. 37).
A. A u e r - Karlsruhe i. B.: „Novalgin“ ein neues Antipyretikum und
'etikum.
Novalgin (Meister, Lucius und Brülning) ist ein neues Pyrazolonderivat,
Pyramidon und Melubrin nahe verwandt; es kann per os, subkutan,
muskulär und intravenös gegeben werden ohne alle störenden Neben-
ungcn. Es besitzt in erster Linie antipyretische, dann aber auch anti-
.istische und analgetische Eigenschaften. Die intravenöse Dosis beträgt
-1,0 g. Indikationen sind akute und chronische Polyarthritis, Muskel-
natismus und Ischias.
B. T ö p 1 e r - Berlin: Ueber Blutreinfusion bei 24 Fällen von Graviditas
uterina rupta.
Das aus der Bauchhöhle ausgeschöpfte und durch 8 fache Mullschicht
•rte Blut wird mit NaCl-Lösung im Verhältnis 1: 1 verdünnt, ohne De-
ierung und ohne Zitratzusatz in die Vena mediana einlaufen gelassen,
liehe 24 Fälle wurden rasch geheilt.
J. Duken-Jena: Zur Frage des „allgemein verbreiteten“ Emphysems.
Das interstitielle Emphysem tritt nur bei sehr vermehrter Exspiration auf.
A. S t ö c k e r - Jassy : Cholesteringehalt der K u p f f e r sehen Stern-
i. Flistochemische Reaktion.
In Forrnol fixierte Gefrierschnitte lassen durch Auftropfen konzen-
,er Schwefelsäure das Sternzellennetz sehr deutlich tiefbraun gefärbt er-
en.
S. S. Scmenow-Stara Zagora: Fall von Myelitis gripposa acuta
mscripta adhaesiva. Kasuistik.
R. K o v j a n i c - Krusevac: Zur Behandlung des chronischen Magen-
iwürs.
Empfehlung eines Pulvers von folgender Zusammensetzung;
Bismut. subgall. 10,0
Bismut. subsalicyl. 40,0
25 Proz. Magnes. peroxyd. 50,0
3 mal täglich 1,0 g, vor der Mahlzeit zu nehmen.
K. Scheel- Charlottenburg: Unzuverlässige Thermometer.
Solche Thermometer sind heute zahlreicher als man glaubt. Zur Ver-
lung sollten nur amtlich abgestempelte Thermometer kommen.
T u n g e r - Leipzig: Zur Brandwundenbehandlung.
Das in Aegypten kennen gelernte Präparat hatte ausgezeichnete Wir-
/J-Naphthol resubl.
0,25
^01. Eucalypt.
2,0
Ol. oliv.
5,0
Paraffin, moll.
25,0
Paraffin, dur.
67,75.
Das geschmolzene Präparat wird auf die Wunden aufgepinselt.
L a s s a r - C o h n - Königsberg: Eine abgeänderte Form des Saccharo-
rs.
E. K r e t s c h m e r - Tübingen: Der heutige Stand der klinischen
hiatrie. Uebersicht.
W. L i e p m a n n - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Praktiker.
Nr. 4.
W. U h t h o f f - Breslau: Zur Aetiologie und Behandlung der Netzhaut-
mng.
Die idiopathische Netzhautablösung entsteht entweder durch primäre
se oder serösfibrinöse subretinale Exsudation oder Transsudation, oder
h sekundäre Ansammlung von Flüssigkeit hinter der Netzhaut infolge
körperschrumpfung. In 61 Proz. der Fälle fand sich die Netzhaut-
;ung bei höheren Graden von Myopie. Die Behandlung besteht zunächst
uhe. Druckverband. Diaphorese. Als operative Behandlung kommen in
acht: Punktion oder Durchschneidung der abgelösten Netzhaut, Skleral-
tion im Bereiche der abgelösten Netzhaut, Hervorrufung von adhäsiven
iindungen im Bereiche der Ablösungsstelle, subkonjunktivale und intra-
uläre Kochsalzinjektionen (2 — 5 proz.) uam. Die Erfolge sind unsicher.
351 dauernd wieder angelegten Netzhautablösungen heilten 31 Proz.
Behandlung. 45 Proz. mit konservativer, 24 Proz. mit operativer Be-
lung. Im Ganzen heilen etwa 8 — 10 Proz. der Fälle.
A. J e s s - Giessen: Die Verkupferung des Auges.
Nach Eindringen kupferhaltiger Messingsplitter in das Auge kommt es
längerer Zeit zu einer zarten, grünen, sonnenblumenförmigen Trübung
Linse, die nur im auffallenden, nicht aber im durchfallenden Lichte
bar ist. Als Ursache findet sich, wie auch ein histologisch untersuchtes
arat zeigte, eine Ablagerung feinster punktförmiger und scholliger, grün¬
gelber Partikel zwischen vorderer Linsenkapsel und dem einschichtigen
elepithel.
W. U f f e n o r d e - Göttingen: Die Prüfung des Hörnervenapparates
der c -Stimmgabel.
Die c5-Stimmgabel ist die letzte in der aufsteigenden Tonreihe, die
Bestimmung der Hördauer für die quantitativen Prüfungen der Hörschärfe.
in Betracht kommt; ihre Tondauer beträgt 30". Eine normale Hör-
r für c5 (untere normale Grenze 25") schliesst eine Störung am Hör¬
enapparat aus.
F. Sauerbruch und M. Lebsche - München: Die Behandlung der
rtigen Geschwülste.
Fortbildungsvortrag (Fortsetzung aus Nr. 3; ein III. Artikel folgt).
R. S t a h 1 - Rostock: Zur Therapie des Ulcus ventrlculi perforatum mit
ung eines subphrenischen Gasabszesses (Pyopneumothorax subphrenicus).
Spontanheilung einer mit Abszessbildung einhergehenden Perforation
$ Magengeschwürs unter das Zwerchfell ist als Ausnahme zu betrachten,
die Therapie ergibt sich daraus die Forderung rechtzeitiger Operation.
G. Oed e r - Dresden: Der Index ponderis des menschlichen Ernährungs¬
andes und die Quäkerspeisung.
Der neuerdings von Huth empfohlene Index, wirkliches Gewicht:
Länge entsprechendes Normalgewicht, ist im wesentlichen nichts anderes
der vom Verf. schon 1910 aufgestellte Index Istgewicht: Sollgewicht.
L- F i n k e 1 s t e i n - Kowno: Studien über Fleckfieber.
Das Fleckfieber ist eine Gefässerkrankung und schädigt -als solche
diene Organsysteme, in erster Linie Herz, Nervensystem und Nieren.
Für die Frühdiagnose wichtig scheint die Verdumpfung der Herztöne,
namentlich an der Spitze und die Temperatursenkungszacke am 3. Tage,
ln der Therapie steht frühe Digitalisdarreichung an erster Stelle.
M. M ö 1 1 e r - Berlin : Zur Prüfung der Korneal- und Rachenreflexe.
Scheinbar fehlender Korneal- und Rache-nreflex stellt sich ein, wenn
bei dem Untersuchten ein leichter Labyrinthschwindel dadurch hervorgerufen
wird, dass man in liegender Stellung den Oberkörper tiefer lagert und
den Kopf etwas nach hintenüber beugt. Bau m - Augsburg.
Medizinische Klinik. Heft 5.
R. Co bet -Jena: Therapeutische Eingriffe bei Pleuraerkrankungen.
Zusammenfassender Vortrag mit praktisch wichtigen Erörterungen über
die Indikationen und die Technik der üblichen Pleurapunktion, der offenen
Punktion usw. ; Besprechung der tuberkulösen Pleuraergüsse und ihrer Be¬
handlung. Die individualisierende Behandlung der Pleuraempyeme durch
Punktion oder Rippenresektion wird klar und für den Praktiker erschöpfend
dargelegt.
R. W a g n e r - Wien und .1. K. P a r n a s - Lemberg: Zur Korrelation
der Blutdrüsen.
Aus den vielseitigen Untersuchungsbefunden, -die bei einem bemerkens¬
werten Fall von Lebererkrankung unter -den verschiedensten Versuchs¬
bedingungen erhoben wurden, ergibt sich der Schluss, dass der Schilddrü’se
eine bedeutende Rolle im Zuckerstoffwechsel zukomme. Im einzelnen ist die
Korrelation von Schilddrüse-Leber-Pankreas in vorliegendem Falle noch
keiner einwandfreien Deutung zugänglich gewesen.
Umfrage über die neue Iniluenzaepidemie.
In den vorliegenden Antworten wird übereinstimmend das Vorherrschen
einer, oft recht schmerzhaften, augenscheinlich umschriebenen Tracheitis.
zusammen mit Pharyngitis betont. Zur Prophylaxe könnte dreimal täglich
0,2 Chinin versucht werden.
Ueber die Behandlung des septischen Abortes.
H. K r i t z 1 e r - Erbach i. O. : Die Feststellung des Kopfstandes bei der
geburtshilflichen Untersuchung.
Zu leicht täuscht sich der weniger Erfahrene über die Höhe des Kopf¬
standes im Becken und glaubt den Versuch einer Zange wagen zu können,
wo der Kopf noch zu hoch steht; und von der hohen und ganz hohen Zange
sollte der Durchschnittspraktiker Abstand nehmen. Für die Beurteilung des
Kopfstandes werden verschiedene Anhaltspunkte und Handgriffe angegeben.
H. W. W o 1 1 e n b e r;g - Berlin; Zur Frage der Sexualität bei spora¬
dischem Kretinismus.
Der beschriebene Fall von infantilem Myxödem war dadurch ausge¬
zeichnet, dass nicht nur die Geschlechtsmerkmale gut ausgebildet und die
Periode seit dem 18. Lebensjahr regelmässig eingetreten war — ganz un¬
abhängig von der zeitweise angewandten Schilddrüsentherapie — , sondern
dass auch die Kranke dreimal äusserst leicht konzipierte.
J. B 1 o c h - Berlin ; Vier Jahre weiterer Erfahrungen mit Testogan und
Thelygan.
Gegen alle Arten von Ausfallserscheinungen beim Mann und bei der
Frau wirksam. „Nicht zu grosse Dosen und nicht zu kurze Behan-dlungs-
d-auer!“
W. Zweig- Wien; Die Behandlung der chronischen Obstipation mit
Paraffin.
Das flüssige Paraffin hat sich als Gleit- und Schiebemittel sehr gut be¬
währt. An seiner Stelle, da jetzt zu teuer, wird das Christolax Dr. Wander.
50 proz. Oleum paraffini, empfohlen.
F. v. Guttfeld und E. W e i g e r t - Berlin: Praktische Versuche zur
Liquordiagnostik mittels Kongorubin.
Die bisherigen Versuche haben zu keinem brauchbaren Ergebnis geführt.
Die Eigenschaften des Kongorubin berechtigen aber trotzdem zu der Hoffnung,
dass es mit anderer Technik gelingt, das Kongorubin zur klinischen -Liquor¬
untersuchung zu verwenden.
B 1 ü h d o r n - Göttingen : Die akuten infektiösen Magen-Darmerkran¬
kungen des Säuglingsalters.
Paratyphus und Abdominaltyphus. S.
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 3. L. H e s s und R. R e i 1 1 e r - Wien: Ueber innere Antisepsis.
Die Versuche betreffen das Problem, die spezifischen Ambozeptoren der
Immunsera als spezifisch gerichtete Träger von Desinfizientien zu benützen.
A m r e i c h - Wien: Ein Fall von direkter Herzmassage.
Die Synkope trat bei einer Sakralanästhesie ein, bei welcher die Novo¬
kain-Adrenalinlösung in den abnorm ausgedehnten Duralsack eindrang. Da
konservative Mittel versagten, wurde die direkte Herzmassage, Adrenalin¬
injektionen in den linken Ventrikel neben der nie zu versäumenden künst¬
lichen Atmung und Kochsalzinfusion vorgenommen. Der Erfolg war ein nur
vorübergehender, er war anscheinend wesentlich den Adrenalininjektionen
zu danken. Bemerkenswert ist, dass wahrscheinlich durch die zuletzt recht
energische Massage der Abriss eines Papillarmuskels bewirkt wurde.
W. Loli- Wien: Zur Diagnose der Darmtuberkulose.
Bei allen tuberkulösen Geschwüren des Darmes enthält der Stuhl Blut:
für die Guajak- und die empfindlichere Benzidinprobe gibt L. Modifikationen
an. Eine stark positive Guajakreaktion sah L. bei Darmtuberkulose nicht,
sie spricht für andere Geschwü're oder Karzinom. Zum Nachweis der
Tuberkelbazillen im Stuhl dient am besten die S t r a s b u r g e r sehe
Methode. Er ist aber durchaus nicht beweisend für Darmtuberkulose, da die
Bazillen sehr oft aus dem verschluckten Lungensekret stammen.
T. Watanabe - Prag: Ueber die Natur des bakteriophagen Virus.
M. S t r a s s b e r g - Wien : Ueber eine neue Injektionsmethode des
Tuberkulins bei ausgebreiteter Hauttuberkulose.
Aehnlich dem Prinzip der von Sahli geübten multiplen Kutan¬
reaktionen verwendet St. -multiple (50 — 60) intrakutane Injektionen von stark
verdünntem (0,1 ccm AT. 100 fach verdünnt, etwa 0,2 ccm pro Injektion) AT.
Näheres im Original.
R. H u s s - Stockholm: Einige Beobachtungen über die Leukozytenzahl
bei der Encephalitis epidemica.
Bei 25 Lumbalpunktionen fand H. im Liquor -die für Grippe im allge¬
meinen typischen Verhältnisse bei unkomplizierten Fällen: Während der
ersten Fiebertage eine mässige Leukopenie, nach dem Fieberabfall Leuko-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
252
Nr.
zytose, bei kompliziertem Verlauf progrediente Leukozytose. Das Ansteigen
der Leukozytenzahl während des hochfebrilen Stadiums auf 7000 8000 weist
auf Komplikationen und ist prognostisch nicht günstig.
A. B e 1 a i - Mödling: Beobachtungen bei einer Epidemie von Tertiana-
fieber in russischer Kriegsgefangenschaft.
Von einem Transport von Gefangenen, der aus einer Malariagegend in
ein weit entferntes anopheles- und malariafreies Lager gelangte, erkrankten
alle bis dahin Gesunden nachträglich noch an Malaria und zwar der letzte
noch nach einem vollen Jahr, so dass für die Inkubation eine Zeit bis zu 1 Jahr
anzunehmen wäre, wenn nicht, wie B. vermutet, eine spätere Uebertragung
der Malaria auf anderem Wege, etwa durch Wanzen, erfolgte. Die Spätfälle
zeigten geringe Virulenz. Andere klinische Beobachtungen über Verlauf und
Behandlung sind hier zu übergehen. Injektionen von Eigenserum schienen
den Krankheitsverlauf in einigen Fällen zu mildern.
B. Schick- Wien: Darmlänge und Sitzhöhe.
Erwiderung auf den Aufsatz von J eil inegg in Nr. 50, 1921.
M. M a y e r - Hamburg: Zur Behandlung der Bilharziakrankheit mit
Emetin. Bemerkungen zu der Arbeit von Ty Skalas in Nr. 48, 1921.
T y Skalas: Erwiderung auf vorstehendes.
Nr. 4. W. Ja ko bi- Jena: Ueber therapeutische Versuche mit dem
B e n k ö sehen Jodpräparat bei Paralysis progressiva.
Von 10 Fällen von Dementia paralytica. die mit Mirion (1 34 — 434 Monate
täglich oder 2 tägig je 5 — 10 ccm intramuskulär, im ganzen 150 — 550 ccm)
behandelt wurden, zeigten 2 eine gute, 1 eine leichte Remission, 4 blieben
unverändert, 3 schritten im Verfall fort.
E. No bei- Wien: Beitrag zur Klinik der asthenischen Pneumonie der
Säuglinge.
Ergebnis: Bei lebensschwachen, frühgeborenen Säuglingen verläuft die
Pneumonie oft ohne die klassischen Zeichen und ergibt die Obduktion oft
schwerere Erscheinungen als der klinische und röntgenologische Befund,
welche letztere beiden oft voneinander abweichen. Die klinische Diagnose
lautet häufig nur auf Debilitas vitae. Als klinische Zeichen sind zu be¬
achten: Gewichtsabnahme, missfärbige Haut, galliges blutiges Erbrechen,
meningeale Erscheinungen, Zyanose, Dyspnoe. Isolierung von ansteckungs¬
fähigen Erwachsenen, Vermeidung von Schnupfenansteckung, daher auch
Unterbringung der Wöchnerinnen und Kinder nicht in Sälen, sondern in
Zimmern ist anzustreben.
N. Frank -Pest: Beiträge zur Methodik der Sachs-Georgi sehen
Reaktion.
Th. B a r s o n y - Pest: Ueber den Pyiorusrhythmus.
W. Nyiri-Wien: Zur klinischen Verwendbarkeit und Handhabung des
Uroineters von Ambard-Hallion.
Das Urometer ist allen bisher angegebenen Apparaten mindestens eben¬
bürtig.
R. Grünbaum-Wien: Zur Technik der perineuralen Injektionen bei
Ischias.
Abweichend von den Angaben Langes und H ö g 1 e r s empfiehlt Gr.
als Injektionsstelle die Kreuzungsstelle des langen Bizepskopfes mit dem
unteren Rand des ülutaeus maximus, ein typischer Schmerzpunkt des
Ischiadikus, der bei Knieellenbogenlage hier auf kurze Strecke sehr ober¬
flächlich liegt und sicher mit einer 7 — 8 cm langen 7Nadel zu erreichen ist.
Dabei sind keine Muskelschichten und keine grösseren Gefässe im Wege.
Die Sicherheit des Erfolges wird erhöht, wenn man nicht senkrecht, sondern
mehr parallel dem Nervenverlauf einsticht. B e r g e a t - München.
Dänische Literatur.
A. Kissmeyer: Die Akridinfarbstoffe (Trypaflavin, Proflavin u. a.) in
der Hauttherapie. (Aus F i n s e n s mediz. Lichtinstitut, Dir. R e y n.)
Ugeskr. f. Laeger 1921 S. 1399.)
Verf. hat bei allen Formen von Pyodermien sehr gute Resultate mit
1 proin. Trypaflavinlösung und 2 prom. Salben gehabt.
Knud Sand: „Vasektomie“ beim Hunde als Regenerationsexperiment.
Ugeskr. f. Laeger 1921 S. 1509.
Verf. hat bei einem 12 jährigen Hund, der sehr ausgesprochen senil war,
mit Haarausfall, Gehör- und Gesichtsschwäche eine rechtsseitige Resectio
epididymitis und linksseitige Vasektomie gemacht. Nach 3 — 4 Wochen be¬
deutende Besserung und nach 5 Monaten ausgesprochene Regeneration fast
aller Funktionen, verjüngtes Aussehen, normale Lebhaftigkeit und Schnellig¬
keit der Bewegungen. Das Tier sah nach Experten „3 Jahre jünger aus“.
Christen Lundsgaard; Die klinische Pulsuntersuchung bei Patienten
mit unregelmässigem Puls, besonders bei Arhythmia perpetua. (Med. Uni¬
versitätsklinik B., Chef: Prof. F a b e r.) (Ibid. 1921 S. 1541.)
Die Arhythmie mit ausgesprochenem Pulsdefizit ist meistens eine Arhyth¬
mia perpetua, doch kann man nicht immer ein Pulsdefizit als pathogno-
monisch für diese Arhythmieform betrachten. Das Verhalten der Pulsdefizit¬
form ist wichtig für die Prognose quoad functionem; in Beziehung zur Pro¬
gnosis quoad vitam muss man es wohl als ein schlechtes Zeichen ansehen,
wenn ein Pulsdefizit nicht während einer korrekten Behandlung schwindet.
Arne Johannessen: Ueber qualitativen und quantitativen Nachweis
von Blut im Urin. (Aus der 3. Abt. des Kommunespitals zu Kopenhagen,
Chef: Prof. S. Bang.) (Ibid. S. 1613.)
Verf. hat die Phenolphthaleinmethode zum Nachweis von Blut im Stuhl
dahin modiziert, dass sie zum Nachweis von Hämaturie brauchbar wird. Als
Reagens benützt er die von Boas angegebene Phenolphthaleinlösung und
96 proz. Alkohol zu gleichen Teilen, mit Zusatz von 1 ccm Oxydol zu 9 ccm
der Mischung. Die Probe zeigte sich sowohl der Benzidin- als der Fluoreszin¬
probe überlegen und muss unbedingt der Guajakprobe vorgezogen werden.
Thorvald Hansen: Der Einfluss oberflächeaktiver Stoffe auf die bak¬
terientötende Fähigkeit verschiedener Desinfektionsmittel. (Aus dem Uni-
versitätsinstitut für aMgemeine Pathologie, Chef: Prof. Salomonsen.)
(Hospitalstidende 1921 S. 657.)
Der Zusatz von Methyl-, Aethyl- und Prophylalkohol wie auch von
Azeton erhöht die desinfizierende Kraft von Salzsäure, Phenol, Sublimat und
Chromsäure; der Zusatz von 10 — 20 proz. Aethylalkohol oder 5 — 10 proz.
Propylalkohol vervielfacht die Wirkung dieser Desinfektionsmittel. Diese
Vermehrung der Desinfektionsfähigkeit ist von der Oberflächenspannung
abhängig.
Chr. J. Baastrup: Os Vesalianum tarsi und Fractura tuberositatis
ossis metatarsi V. (Ibid. 1921 S. 769.)
Verf. findet, dass an der proximalen Extremität des Os metatarsi V zwei
epiphysenartige Bildungen auftreten: 1. die Apophyse, eine häufige, vielleicht
konstante schalenförmige Epiphyse des lateroplanaren Teils des Tuber
2, der proximale Teil des Tuber V hat ab und zu eine Tendenz zu ein,
[ besonderen Ossifikationszentrum. Die Tuberosifas ossis mefatarsi V c,
! spricht morphologisch, phylogenetisch und ontogenetisch einem versehe ,
denen Os tarsale V in der distalen Reihe, so dass das Os Vesalinum als i
atavistisch auftretendes Os tarsale V aufzufassen ist. Dass man es so sei i
findet, lässt vermuten, das das Os tarsale V früh in der Entwicklung zugrun.
gegangen ist. Die Differentialdiagnose gegenüber der Apophyse und ei-
Fraktur von Tuber V muss anamnestisch und röntgenologisch gestellt wert,
A. Kissmeyer - Kopenhagei ,
Norwegische Literatur.
V. Mag n u s: Experimentelle Untersuchungen über die Aetiologie
disseminierten Sklerose. (Norsk Magazin f. Laegevidenskaben 1921 S. ?
Ausgehend von den Versuchen von B u 1 1 o c k über experimentelle
zeugung einer Paralyse an Kaninchen durch Einspritzung von Zerebrospi,
flüssigkeit und den Nachweis von Kuhn und Steiner einer Spirochäte
Blute der Versuchstiere hat Verf. ähnliche Versuche an Meerschweinchen
macht mit intraperitonealen Einspritzungen von Sklerotikerblut, itn gan
von 23 Fällen (an 42 Meerschweinchen und 7 Kaninchen). D i e E i n i m
fungen sind negativ ausgefallen.
Sinding-Larsen: Eine bisher unbekannte Krankheit der Patei
(Ibid. 1921 S. 856.)
Ebenso wie Sven Johansson hat Verf. 2 Fälle bei 10 und 11 jühri
Mädchen gesehen von Schmerzen im Knie, beide Fälle waren einsei
Es besteht Druckempfindlichkeit der Patella. Röntgenologisch konnte tu
eine Unregelmässigkeit der Konturen mit Kalk- oder Knochenschatten in jtj
Weichteilen vor der Patella nachweisen, auch an der klinisch nichtkrani
„i r\ Vitt pn 1 o Ar! ur
Seite. Verf. sieht das Leiden als eine traumatische epiphysale oder pfl
ostale Irritation an, wahrscheinlich wegen Ueberanstrengung beim Sprinjj
oder Tanzen. Die Prognose ist gut; es schwindet in Ruhe von selbst.
A. Kissmeyer - Kopenhagei
Vereins- und Kongressberichte.
Altonaer ärztlicher Verein.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 26. Oktober 1921.
Vorsitzender: Herr H e n o p. Schriftführer: Herr Jen ekel.
Herr Grüneberg demonstriert ein embryonales Drüsensarkom r
Niere eines 134 jähr. Kindes, das operativ mit Erfolg behandelt wurde, Ü
Sitzung vom 23. November 1921.
Vorsitzender: Herr H e n o p. Schriftführer: Herr J e n c k e 1.
Herr J e n c k e I demonstriert: 1. ein grosses Ulcus ieiuni pepticum.
36 jähr. Mann war am 18. VI. 1921 wegen Ulcus duodeni ausgiebig resezS
worden. Einnähung des Magenstumpfes in das Jejunum nach Reichs
12 Tage später starke Melaena 2 Tage lang. Bluttransfusion nh
Oe h lecker hob das Allgemeinbefinden. Am 5. VIII. Entlassung des Krann
zur Nachkur in ein Erholungsheim. Am 9. IX. 1921 Wiederaufnahme. Klan
über Magen- und zeitweise einsetzende heftige Leibschmerzen, die bald nfl
seiner Entlassung sich eingestellt und sich allmählich verschlimmert häti.
Klinische Zeichen des Strangulationsileus. Am 10. IX. 1921 Laparotor:.
Durchtrennung zweier Stränge, die den Dünndarm dicht unterhalb der ('
stranguliert hatten. Magenschmerzen bestanden weiter. Wiederauftreten n
Melaena. Starke Anämie. Am 17. IX. 1921 nochmalige Bluttransfusion nt
Oehlecker. Danach Anurie. 22. IX. 1921 Exitus letalis.
Die Sektion ergab als Ursache der Melaena ein sehr grosses Uls
jejuni pepticum an der Hinterseite der ü.E. Als Todesursache und züglet
zur Erklärung der völligen Anurie liess sich in den Nieren eine NephrS
glomerulosa haemorrhagica, Blut in den Harnkanälchen sowie Hämoglolt-
Zylinder in Rinde und besonders im Mark feststellen. (Folgen der Bii
transfusion bei dem sehr elenden Mann.) Der Fall soll anderweitig v-
öffentlicht werden.
2. Zwei Kranke mit ausgedehnten Hautdefekten, die nach der H; •
pfropfungsmethode von Wilh. Braun (Berlin) innerhalb kurzer Zeit wieh
hergestellt worden waren. Beschreibung der Technik und Vorzüge gegj-
| über den Transplantationen nach Thiersch und Fedor Krause.
Herr M. Frank demonstriert 2 Fälle von Uterusperforation.
Im ersten Falle war die Verletzung wahrscheinlich durch kriminjf
Fruchtabtreibung verursacht. Anamnestisch liess sich wegen des schweji
Zustandes der Kranken nichts erheben. Der Fall wurde mit der Diagnf
Peritonitis eingeliefert. Bei der Operation fand man eine für die Fingerku!«
durchgängige Perforationsöffnung der linken Fundusecke. Diffuse Peritor}!
und altes zersetzes Blut in der Bauchhöhle. Bei der vorgenommenen baktei;
logischen Untersuchung fanden sich im Bauchhöhleninhalt Streptokokken <
F r a e n k e 1 sehe üasbazillen. Es wurde die supravaginale Amputation H
Uterus ausgeführt und das Abdomen ausgiebig drainiert. Die Frau kj»
wie nicht anders zu erwarten war, zum Exitus.
Das zweite Präparat zeigt eine schlitzförmige Perforation des gravii
■ Uterus in der linken Seite in der Höhe des inneren Muttermundes, I1
ausgedehnter Darmverletzung. Die Perforation war gelegentlich einer Ab'
ausräumung erfolgt und es handelte sich um eine Schwangerschaft im 4. Mot
Die Frau wurde 3 Tage nach dem Eingriff unter der Diagnose Uterusperforaji
i und dem klinischen Bild der allgemeinen Bauchfellentzündung eingelieit
Bei der Operation fand sich neben der Uterusverletzung eine Ablösung
ganzen Flexur vom Mesenterium bis hinauf zur Flexura lienalis. Es wi t
der Uterus exstirpiert, die ganze Flexur reseziert und ein Anus pra- '
angelegt. Die Frau kam am nächsten Tage zum Exitus.
Vortr. geht auf die Abortbehandlung ein und warnt vor allem vor >
Wendung der Kornzange. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung "
Abortes ist eine genügende Erweiterung des Zervikalkanals und des Mut'
j mundes, besonders vom 3. Monat ab. Die instrumentelle Ausräumung '
schieht am besten unter Kontrolle des Fingers.
Hierauf zeigt Vortr. ein Präparat von Tubarabort und geht auf 1
anatomischen Verhältnisse beim äusseren und inneren Fruchtkapselaufbril
ein, bespricht die Diagnose und Therapie.
•’ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
253
Herr L i c h t w 1 1 z: Ueber Fettsucht.
Im Laufe der letzten zwei Jahre ist eine auffallende Häufung von Lallen
gener Fettsucht eingetreten. ''Die Krankheit befällt ausschliesslich und
nter sehr plötzlich Frauen, vorwiegend des Alters zwischen 35 und
ähren. Die Fettverteilung zeigt den Typus der Adipositas genitalis,
anchen Fällen ist das Fett eingewulstet, in fast allen Fällen schmerzhaft
ergang zur Dercutn sehen Krankheit). Ausser der Fettablagerung be-
;n folgende Symptome: Asthenie (körperliche und geistige. Leistungs-
ligkeit), Depressionen, Rückenschmerzen, in die Beine einstrahlende
lerzen (fälschliche Diagnose: Ischias!), flüchtige Oedeme. Die Beziehungen
en Inkretdrüsen sind zweifellos vorhanden. Obwohl gelegentlich Ueber-
e zu Myxödem Vorkommen, ist diese Adipositas nicht als eine ausschliess-
Subthyreose aufzufassen. Das lehren die Erfolglosigkeit oder der wenig
edigende Erfolg einer Schilddrü'senbehandlung. L. hat versucht zu analy-
•n, inwieweit die Hypophyse und die Ovarien pathogenetisch beteiligt
L. bespricht die Theorien der endogenen Adipositas und meint, dass
Bindegewebe selbst eine selbständigere Bedeutung zukommen könnte,
mslösende Ursache kommen im wesentlichen seelische Einflüsse (Aerger,
en u. ä.) in Betracht, wie sie die Kriegs- und Nachkriegszeit mit sich
;en. Zum Schluss Erörterung der Indikationen und Kontraindikationen
Schilddrüsenbehandlung und der sonstigen Therapie.
Herr Hueter: Demonstration einer Missbildung.
Fötus von 38 cm Länge mit Enzephalozele. Hasenscharte und Wolfsrachen,
daktylie der Finger und Zehen, abnormer Kürze der unteren Extremitäten,
gel der äusseren Genitalien bei Befund von Hoden und Nebenhoden in
Bauchhöhle. Mangel der Harnblase, polyzystischer Nierendegeneration mit
ler Endigung der Ureteren.
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Henop. Schriftfii'hrer: Herr Jenckel.
Herr Jenckel zeigt 1. einen Tabiker mit frischer, völlig schmerzloser
•Schenkelfraktur und älterer, gut konsolidierter Fractura femoris supra-
ylica des anderen Beines. Die Gelenke sind intakt. Hier ist demnach
Bild der Osteopathia tabetica vorhanden.
Bei dem 2. Kranken handelt es sich um eine ausgedehnte Arthropatliia
tica beider Hüftgelenke, des rechten Schulter-, Ellbogen- und Handgelenkes.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 25. Januar 1922.
Tagesordnung: Ueber Salvarsanfragen. Referenten: die Herren
f t e r, Arndt und K o 1 1 e.
Herr Heffter: Beim Salvarsan handelt es sich um ein Arsenpräparat;
den Salvarsanschädigungen vielfach und in erster Reihe um Arsen¬
ungen, wobei jedoch zu beachten ist, dass beim Kalium arsenicosum
6 — 7 mal kleinere Dosis Vergiftungen bewirkt. Durch Oxydation wird
Salvarsan eine vielfach vermehrte Giftigkeit hervorgerufen, die sog.
nggiftigkeit, da sie z. T. auf mikroskopischen Sprüngen im Glase beruht,
en der schnellen Oxydierbarkeit der Salvarsanlösungen ist in Deutsch-
den Apothekern die Abgabe von Salvarsanlösungen verboten. Neuer-
s hat K o 1 1 e das Sulphoxylatsalvarsan hergestellt, das an der Luft nur
ig oxydabel ist, und das, im Falle es sich sonst bewährt, darum als aus-
sreiches Präparat betrachtet werden muss. Die Diskussion über die
imaldosis des Salvarsans muss als überaus zwecklos betrachtet werden,
l die Maximaldosen sollen nicht verhindern, dass der Arzt die ihm richtig
heinende Dosis anwendet, sondern sie sollen nur ärztliche Irrtümer aus-
lten, da der Apotheker die die Maximaldosis überschreitende Menge nur
ben darf, wenn der Arzt durch ein Ausrufungszeichen seinen diesbeziig-
n Wunsch ausdrücklich zu erkennen gegeben hat. Die englische und
rikanische Pharmakologie kennt überhaupt nur mittlere therapeutische
:n und keine Maximaldosen. Für Antipyrin gibt z. B. die .schweizerische,
sehe und französische Pharmakopoe Maximaldosen an von 1, 2 und 4 g.
irtig grosse Unterschiede ergeben sich bei derartigen Feststellungen, ohne
man darum annehmen könnte, dass die einzelnen Völker sich so ver¬
öden verhalten. Da Salvarsan nur vom Arzte selbst angewendet und
geben wird, so ist die Feststellung einer Maximaldosis überflüssig.
Herr Arndt kommt auf die zahllosen Zeitungsartikel über das Salvarsan
prechen und gibt seiner Anschauung Ausdruck, dass die Sensation in der
arsanfrage schon sehr viel Schaden angerichtet hat und dass sie bei den
enschaftlichen Diskussionei) über die Salvarsanfrage unbedingt ausge¬
ltet werden muss. Dann kommt er auf die wichtige Frage der Salvarsan-
digungen zu sprechen und gibt als warmer Salvarsananhänger der An-
: Ausdruck, dass sich tatsächlich in letzter Zeit die Salvarsantodesfälle
iuft haben. Sie sind in den Tageszeitungen und besonders von Kur-
cherseite ausführlich besprochen worden. Es entbehrt nicht eines ge-
;en Interesses, dass auf Grund von- Krankengeschichten, welche in seiner
k'.inik gestohlen worden sind, in einem Organ, wie das 8-Uhr-Abendblutt
auch seinerzeit als der Moniteur der Friedmanninteressen galt, der Ref.)
vere Angriffe gegen ihn erhoben wurden. Eine Antwort habe er unter
er Würde gehalten, da sein Vorgehen einwandfrei gewesen war und
wissenschaftliche Diskussionen nicht in der Tagespresse führe. Des
teren gibt er eine Uebersicht über seine Salvarsantodesfälle. Im
e 1914 — 1918 hatte er 4 Todesfälle: einen an Encephalitis haemorrhagica
pura haemorrhagica) bei primärer seronegativer Syphilis; im 2. Fall
leite es sich um kombinierte Quecksilber-S^Ivarsanbehandlung, nach der
u einer fieberhaften Lebererkrankung kam: im 3. Fall um Tod an Kollaps
im 4. Fall ebenfalls um Tod an Kollaps nach zweimaliger Anwendung von
0,15 Salvarsan im Falle eines nichtsyphilitischen Ekzems, und der Tod
wahrscheinlich als durch eine endokrine Störung bedingt anzusehen. Im
e 192(1 wurden 24 000 intravenöse Salvarsaninjektionen bei 2104 Kranken
ne Todesfall ausgeführt. Im Jahre 1921 traten bei 14 991 ausgeführten
ivenösen Salvarsaninjektionen bei 1903 Kranken 8 Todesfälle auf, wozu
i 3 Todesfälle bei Kranken treten, die von anderer Seite mit Salvarsan
mdelt worden sind. Von den Gestorbenen sind 4 über 45 Jahr. Es
Jelte sich um Fälle von Encephalitis haemorrhagica, um Myelitis, 3 mal
schwere Dermatitis und 7 mal um akute Leberatrophie.
Gegenüber diesen bedrohlichen Verhältnissen ist die Frage aufzuwerfen,
man sich gegen diese schweren Zufälle am besten schützen kann. Und
da ist zu sagen, dass man in allen Fällen, wo der geringste Verdacht auf
eine Erkrankung des Nervensystems besteht, die milde protrahierte Salvarsan-
kur anwenden muss. Bei einem Teil der Fälle, die mit tödlichem Erfolg
ausserhalb der Klinik mit Salvarsan behandelt worden waren, waren die
Injektionen weitergeführt worden, obwohl Fieber und Dermatitiden als
Warnungssignal aufgetreten waren und unbedingt die weitere Behandlung
hätten aussetzen lassen müssen.
Von dem sog. Salvarsanikterus hat er im letzten Jahre 280 Fälle ge¬
sehen. Es ist dabei zunächst die Frage anfzuwerfen, ob es sich bei ihm um
ein Hepatorezidiv oder um eine akzidentelle Erkrankung handelt. Auf Grund
seiner Beobachtungen an seinem nichtsyphilitischen Material ist er doch der
Ansicht, dass diese Erkrankungen, die besonders häufig bei tertiärer Syphilis
auftreten, nicht auf die Zunahme des Ikterus im allgemeinen zurückzuführen
sind.
Die Tatsache, dass Salvarsan vielfach kritiklos angewendet wird; be¬
deutet eine grosse Gefahr. Bei der tertiären Syphilis wird das Salvarsan
zweckmässig im allgemeinen durch Jod und Quecksilber zu ersetzen sein.
Unentbehrlich ist es bei primärer und sekundärer Syphilis. Bei latenter Früh¬
syphilis verzichtet er im allgemeinen vorläufig auf Salvarsan. Bei viszeraler
und Nervensyphilis dürfte Quecksilber-Jodbehandlung zweckmässiger sein.
Der Vortragende erwähnt dann noch die sog. salvarsanrefraktären Fälle und
gibt eine grosse Reihe von Kontraindikationen an, u. a. Diabetes,
Intoxikationen, Adipositas, fieberhafte Erkrankungen, und erklärt schliesslich,
dass die Leberfunktionsprüfung vor dem Beginn einer Salvarsanbehandlung
ein recht erwünschtes Postulat sei, wenn dieses auch ausserhalb der Klinik
recht schwer Erfüllung finden könnte.
Jede Salvarsanbehandlung soll aber mit kleinsten Dosen begonnen und
unter sorgfältigster Beachtung der Intoleranzerscheinungen durchgeführt
werden. Eine Temperaturzacke ist oft das einzige, Warnungszeichen, das den
anderen schweren Erscheinungen, besonders auch der Dermatitis, vorausgeht.
Häufen sich trotz aller Vorsicht die Salvarsanschädigungen, so muss man doch
annehmen, dass fehlerhafte Präparate in den Handel gekommen sind. Wie¬
weit dies aüf die Tätigkeit von Salvarsanschiebern zurückzuführen ist. liesse
sich erst feststellen, wenn auf irgendeine Weise den Aerzten der Bezug
echter Salvarsanpräparate von Höchst garantiert werden könnte.
Herr Ko Ile spricht über die Prüfungen, denen von der Fabrik aus das
Salvarsan unterzogen wird. Diese Prüfungen sind im Laufe der Zeit immer
mehr verschärft worden. In neuerer Zeit werden neben Mäusen auch Ratten
in grosser Zahl zu den Prüfungen benutzt, bei denen besser neurotrope
Wirkungen festzustellen sind. Bei den Neosalvarsanpräparaten wird, bevor
sie in den Handel gebracht werden, eine klinische Vorprüfung auf angio-
neurotische Phänomene vorgenommen. Einen Schutz gegen anaphylaktische
Wirkungen kann man in gleicher Weise erzielen, wie dies früher Besredka
durch die injection prealable gelungen ist. Ein Zusatz von Traubenzucker
bewirkt eine Entgiftung von Salvarsanlösung, wahrscheinlich dadurch, dass
ein neuer Aldehydkörper entsteht. Das Neosilbersalvarsan hat eine stark
spirillozide Wirkung bei guter Verträglichkeit und relativ grosser Stabilität
der Lösung.
Versuche an infizierten Tieren haben ergeben, dass es durch 3 Salvarsan-
einspritzungen mit grossen Dosen gelingt. Sterilität bis zu 100 Proz. zu er¬
zielen. Nach 30 Tagen nach der Infektion bis zu 50 Proz. Nach 60 — 90 Tagen
gelingt die Sterilisierung nur bei einer kleinen Anzahl von Tieren und nach
90 Tagen überhaupt nicht mehr. Bei der Spätsyphilis soll man die Sal-
varsantherapie überhaupt nicht überspannen, da hier vielfach die Wassermann¬
reaktionen nicht negativ zu machen sind. Hier bleibt noch der Platz, die
Quecksilbertherapie rationell auszugestalten.
Auf der internationalen Zusammenkunft zur Wertbestimmung der Sera
hat er überall hohe Schätzung der deutschen Wissenschaft angetroffen. Nur
hat man ihm offen erklärt, dass man es nicht verstehe, wie im Lande
Robert Kochs die Fried mann sehen Schildkrötenbazillen vertrieben
würden, im Lande Behrings leeres Serum injiziert würde und im Lande
E h r 1 i c h s immer von neuem eine masslose Salvarsanhetze inszeniert
wü'rde.
Sitzung vom 1. Februar 1922.
Vor der Tagesordnung demonstriert Herr B e n d a einen Fall von
Milzruptur bei Malaria tropica. In den Kapillaren des Hirns fanden sich
relativ wenig Plasmodien.
Dazu Herr Ziemann, der mitteilt, dass Milzrupturen ziemlich häufig
sind. Herr B e n d a betont, dass dies für traumatische, aber nicht spontane
Rupturen zutreffe.
Tagesordnung: Salvarsanfragen.
Herr Bonnhöfe r berichtet über 194 Fälle von Nervenlues, bei denen
er Salvarsan angewendet hat. Bei den gummösen Formen waren die Erfolge
günstig, weniger bei den endarteritischen. Von Schädigungen sah er 2 mal
Exantheme, öfter Temperatursteigerungen, einmal bei Tabes eine Abduzens¬
lähmung zweifelhafter Aetiologie. Einmal bei frischem Schanker einen enze-
phalitischen Prozess, der auf das Salvarsan zurückzuführen sein dürfte. Für
ein, beschleunigtes Auftreten der Paralyse nach Salvarsanbehandlung hat er
keine Anhaltspunkte. In grossen Statistiken ist sogar ein Rückgang der
Paralyse nachgewiesen worden, was vieldeutig ist, aber im Zusammenhang
mit der Salvarsantherapie Beachtung verdient.
Herr Lubarsch warnt nach dem Salvarsantaumel davor, alle Schädi¬
gungen nach Salvarsangebrauch auf das Salvarsan zurückzuführen. Zu den
Schädigungen gehört nur der Ikterus und die Hauterkrankungen. Bei der
progressiven Paralyse mit den bestehenden Gefässstörungcn zeigt sich kein
Zeichen einer verstärkten Gefässschädigung nach Salvarsan. Die Fälle von
Leberatrophie haben seit 1919 zugenommen, ohne dass die Fälle sämtlich
mit Salvarsan behandelt worden wären. Die Gründe der Zunahme der
Leberatrophie sind völlig in Dunkel gehüllt.
Herr Citron: Die Syphilis ist eine chronische Infektionskrankheit,
die zeitweise mit Exanthemen verläuft. Der dermatologische Frühlatenz-
begriff ist nicht anzuerkennen, zur Latenz gehört das Verschwinden der
biologischen Reaktionen. Er schlägt dafür den Begriff aktive asympto¬
matische Lues vor. Dasselbe gilt von der Spätlatenz. Auch die aktive
asymptomatische Spätlues ist mit allen spezifischen Mitteln, auch Salvarsan,
zu behandeln. Es ist ein Irrtum, dass Spätformen auf Salvarsan nicht rea¬
gieren. Die Ehrlich sehen Kontraindikationen, wie z. B. dekompensierte
Herzfehler auf luetischer Basis, sind jetzt aufzuheben. Verzettelung der
Salvarsandosen wirkt auf die Spirochäten als Reizdosis: viele Neuro-
rezidive etc. sind auf zu kleine Dosen des Salvarsans zuruckzuführen. Von
254
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
den Schädigungen muss man die aui verdorbenes Salvarsan zurückzuführenden
ausschefden. Beim Silbersalvarsan tritt der kardiovaskuläre Symptomen-
komplex häufiger auf (Blauwerden. Atemnot). Die anderen sog. Salyarsan-
schädigungen beruhen nicht auf dem Salvarsan, sondern auf der Syphilis.
Herr Buschke: Das Salvarsan ist Gefäss: und Nervengift. An der
Leberatrophie hat düs Salvarsan erheblichen Anteil. Die Nervensyphilis hat
zugenommen; es kann dies tatsächlich an Unterbehandlung der Falle liegen.
Die guten Resultate der Kliniken werden mit hohen Dosen erzielt, deren
Risiko der allgemeine Praktiker nicht tragen kann. Die kleinen Dosen
des Praktikers wirken, wie z. B. Jadassohu experimentell an der
Virulenzsteigerung der Spirochäten nachgewiesen hat, nur schädlich.
Herr Bruhns: Das Silbersalvarsan gab sehr viele Exantheme, gut
wirkte das Neosilbersalvarsan. Ein Vorzug der Salvarsangemische (+ Nova-
surol etc.) ist der Wegfall der schmerzhaften intramuskulären Injektion
des Hg. Die Rolle des Salvarsans beim Ikterus lässt sich doch überhaupt
nicht leugnen; meist aber heilt der Ikterus aus und führt nicht zur Leber¬
atrophie. W olff-Eisner.
Aerztlicher Verein zu Danzig.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
Herr Wilhelm: Zur akuten gelben Leberatrophie.
Vom August 1920 bis Dezember 1921 starben an akuter gelber Leber¬
atrophie auf der inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses (Prof.
Wallenberg) 9 Fälle, 8 wurden durch Prof. S t a h r seziert. Die Sym¬
ptome waren die typischen. Bei rasch verlaufenden Fällen war der Ikterus
zunächst gering, einmal war die Leber im Vorstadium erheblich vergrössert.
Urobilin später meist nicht vorhanden. Leuzin und Tyrosin konnten nur in
2 sehr rasch verlaufenden Fällen nachgewiesen werden. Es waren anatomisch
in einigen Fällen beginnende zirrhotische Veränderungen zu finden, 1 Fall
musste als akuter Nachschub einer Atrophie aufgefasst werden.* Erkrankt
waren 8 Männer, 1 Frau, die nicht gravide war, das^ Alter von 20 — 24 Jahren
überwog, mangelhafte Ernährung kam nicht in Frage. 6 hatten sichere
Syphilis, ein 7. stark positive Wassermannreaktion, bei einem 8. ist die
Anamnese und die WaR. nicht bekannt, es war ein französischer Matrose.
1 Fall hatte keine Anzeichen von Syphilis und 'hatte zunächst Symptome
einer infektiösen Cholangie. 6 waren sicher mit Hg und Salvarsan behandelt
worden und zwar kurz vorher oder noch bei Ausbruch des Ikterus. Bei
einem 7. Fall war es nicht ganz sicher, ob er behandelt war, bei dem
Matrosen unbekannt. 1 Fall starb bei Fortsetzung der spezifischen Kur, ein
anderer im Anschluss an eine Abortivkur und war stets seronegativ. Eine
Mitwirkung des Salvarsans am Zustandekommen der akuten Leberatrophie
bei der Mehrzahl der Fälle wird für wahrscheinlich gehalten. Salvarsan-
ikterus und akute Leberatrophie sind verwandte Schädigungen. Sie sind zu
trennen von gleichartigen Erkrankungen durch die Syphilis selbst. In
10 Jahren vorher war nur ein einziger Fall von akuter Leberatrophie im
Krankenhause behandelt worden.
Herr Dackau: Ueber Metastase eines Rundzellensarkoms im 5. Hals¬
wirbelkörper.
Die Kranke,' 23 Jahre alt, fühlt seit Juni 1921 Brennen und Stechen im
Nacken und im rechten Arm bis in die Fingerspitzen. Zeitweise Gefühl der
Lähmung im rechten Arm. Beschwerden wechselnd.
Ursache der Erkrankung „Ueberanstrengung“ (Stenotypistin) im Dienst.
Untersuchungsbefund: Rechter Arm hängt schlaff herunter, kann nicht hoch¬
gehoben werden; fällt auch nach passivem Hochheben schlaff herunter.
Feinere Zweckbewegungen beim An- und Ausziehen werden mit dem Arm
gemacht.
Psychogene Deutung der Erkrankung infolge der Art die Beschwerden
zu schildern und des schnellen Stimmungswechsels.
Nach 10 Tagen Reissen in beiden Armen und im Genick. Objektiver
Befund unverändert. Zunahme der Beschwerden.
Am 30. X. 1921.
Bauchdecken-, Patellar-, Achillessehnenreflexe fehlen beiderseits.
Babinski beiderseits +. Blase und Mastdarm gelähmt. Arme können nur in
den Ellenbogengelenken gebeugt werden.
Sensibilitätsprüfung: Berührungsempfindung normal. Sensibilität für
spitz-stumpf und für Temperatur vom 4. — 5. Zervikalsegment nach abwärts
aufgehoben.
Diagnose: Raumbeengender Prozess in Höhe des 5. — 6. Zervikalsegments.
Röntgenaufnahme: Verschmälerung des 5. Halswirbelkörpers. Unregel¬
mässige zackige Konturen.
Operation: Resektion des 5. Wirbelbogens. Kavernöses Gewebe in der
linken Seite des Wirbelkanals. Exstirpation der Gewebsmassen Abends
Exitus letalis.
Sektionsbefund: 5. Halswirbelkörper geborsten (durchsetzt von Meta¬
stasen). Haupttumor an der Radix mesenterii. — Mikroskopisch: Rundzellen¬
sarkom.
Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 28. November 1921.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungbluth.
Herr Preysing: Ueber Otosklerose.
Diskussion: Herren Meirowsky, Füth, Moritz, Tiefen-
t h a 1.
Sitzung vom 12. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Cahen I. Schriftführer: Herr Jungbluth.
Herr Cahen I stellt den operierten Fall von Aneurysma artcrio-
venosum des rechten Oberarms vor (s. Bericht vom 6. Oktober) mit Demon¬
stration des Präparates.
Herr Auerbach I spricht über Bence-Jones sehe Eiweisskörper¬
reaktion bei multiplen Myelomen und anderen Geschwülsten.
Diskussion: Herr Huysmans.
Herr Samuel: Ueber die Behandlung des Abortes.
Erscheint unter den Originalien der M.m.W.
Diskussion: Herr Löhnberg legt den Standpunkt der gynäk. Univij
sitätsklinik in der Abortbehandlung dar: Grundsätzlich wird der Gebrauch dl
Kürette bei der Ausräumung des abortierenden Uterus auch vor dem zweit |
Monat verworfen. Digitale Ausräumung des Uterus, sobald Zervix für Fing
durchgängig. Die Zervixdilatation wird erreicht durch Laminaria- bzw. Heg;
dilatation und vor allem durch Uterovaginaltamponade mit Jodoformga/
Durch eine rite durchgeführte Uterovaginaltamponade mit dem praktisch |
Rapidtamponator erübrigt sich oft die digitale Ausräumung, da durch c
angeregte Wehentätigkeit der Uterus seinen Inhalt gar nicht so selten hin:
der Tamponade spontan ausstösst. Die Winter sehe Abortzange soll n
zur Entfernung vorher digital gelöster Abortreste Verwendung finden. A
schliessend Spülung des Uterus mit 1,5 proz. Lysoformlösung und nachtr.iglic
Jodoformgazetamponade für 6 — 12 Stunden.
Die Behandlung des fieberhaften Aborts ist an der Kölner Klin
grundsätzlich konservativ, nur bei einer Indikation, starker Blutung, wi
zur sofortigen Entleerung des Uterus geschritten, die dann aber auch
schonend wie möglich zu erfolgen hat. Sonst wird empfohlen zunächst uni
Bettruhe und Eisblase die Entfieberung abzuwarten und dann nach erreichl
Fingerdurchlässigkeit, die am besten durch Uterovaginaltamponade erzi
wird, die digitale Ausräumung vorzunehmen.
Herr Frankenstein und Herr L a m m e r s.
Aerztlicher Kreisverein Mainz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 10. Januar 1922.
Herr Friess: Die Bedeutung der Röntgenuntersuchung für die D
gnose und Prognose der beginnenden Lungentuberkulose.
Unter Berücksichtigung der Grenzen und der Fehlerquellen der Röntget
graphie betont der Vortragende, dass in fast allen Fällen beginnender, s
schlossener Lungentuberkulose die Herde, wenn solche da sind, röntget
graphisch nachgewieseit werden können; allerdings bleiben Katarrhe oh
Verdichtung, die aber selten sind, unsichtbar. Zusammen mit der klinisch
Beobachtung gestattet das Röntgenbild auch prognostische Schlüsse, wie i
Untersuchungen von G r ä f f und K ü p f e r 1 e lehren. So fördert und ergät
das Röntgenverfahren die klinischen Untersuchungsmethoden in ausgezeii
neter und objektiver Weise und ist unter den physikalischen Untersuchunj
methoden mit an die erste Stelle zu setzen; denn zugleich mit Sitz und Ai
dehnung der Krankheit führt die Röntgenplatte mit hinreichender Sicherh
die pathologisch-anatomische Erscheinungsform vor Augen und gibt damit 1
deutende Anhaltspunkte für die Prognose. Heute ist eine physikalisc
Untersuchung der Lungen bei Verdacht oder Nachweis von Tuberkulose nh
vollständig, was Feststellung und Vorhersage des Verlaufs angeht, we
nicht ein technisch gutes und sachgetnäss beurteiltes Röntgenbild der Bri
vorliegt.
Aussprache: Herr Hofmann wünscht, dass die Krankenkass
sich der Anwendung des Röntgenbildes weniger skeptisch gegenüberstellti
Herr Gg. B. Gr über: Es gibt auch auf Grund gerade des Röntgt
bildes gestellte Fehldiagnosen im Sinne der Tuberkulose, welche durch nie
spezifische chronische bronchiektatische Erkrankung oder durch koniotisc
Prozesse vorgetäuscht wurde. Solche Erfahrungen werden, wenn auch ni<
häufig, am Sektionstisch gemacht. Es ist nötig, durch weiter ausgedelu
Vergleichsforschung der Röntgenologen und pathologischen Anatomen au
auf diese Erkrankungen zu achten und zu versuchen, ob sich hier i
Röntgenbilder von den speziell tuberkulösen Formen auf den Röntgenplatl
trennen lassen. Jedenfalls mahnt auch diese Erfahrung dazu, alle Unt
suchungsmethoden wiederholt zu verwenden und nicht einer gerade mode
gewordenen den Vorzug zu geben. Gr
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 8. Februar 1922.
Vor Beginn der Sitzung findet auf die freundliche Einladung von Hei
Prof. Dr. Heine hin eine Führung durch die neue Universitäts - O h r e
k 1 1 n i k statt, die durch den bewährten Architekten K o 1 1 m a n n aus i
Räumen der ehemaligen Hebammenschule in geschmackvoller und zwei
entsprechender Weise geschaffen wurde. So ist also endlich einem Man
abgeholfen, den München mit nur ganz wenigen anderen deutschen Univ
sitäten vordem noch gemein hatte.
Herr Jansen: Krankheitsbilder der Polyserositis.
Vortr. stellt von der nicht häufig vorkommenden Krankheit der Po
serositis vier Fälle vor und weist zunächst auf die Verschiedenheit <
Krankheitsbilder der Polyserositis hin, in deren Mittelpunkt in allen v
Fällen das insuffizient gewordene Herz mit seinen Folgezuständen steht.
Zwei von den vorgestellten Kranken stehen im 2., die beiden anderen
5. bzw. 6. Lebensdezennium. Die physikalischen Untersuchungsbefunde
gaben zweifelsfrei das Bild der bereits abgelaufenen oder zum Teil nc
bestehenden entzündlichen Veränderung sämtlicher seröser Höhlen, des Pt
toneums, der Pleura und des Perikards. In Röntgenbildern werden
schweren schwartigen Verwachsungen zwischen Perikard und Plei
(Pleuroperikarditis), zwischen Perikard und Zwerchfell (Phrenikoperikardi
und zwischen Pleura und Zwerchfell (Pleuritis diaphragmatica) gezeigt,
entweder flächenförmig oder strangartig deutlich zu erkennen sind und so;
zu Form- und Lageveränderuqgen des Herzens und zwar auffallenderwc
hauptsächlich des rechten Herzens, geführt haben.
Die entzündlichen Vorgänge am Peritoneum sind in zwei Fällen' :
der Aszitesflüssigkeit auch nachweisbar und stellen sich ausserdem bei die:
wie bei den übrigen Fällen durch die Vergrösserung und Konsistcnzv
mehrung der Leber und die unebene Beschaffenheit ihrer Oberfläche
Ausdruck der Perihepatitis mit zentralwärts gerichteten bindegewebi:
Wucherungen als sog. Pseudoleberzirrhosis dar. Die Bindegewebsprolife1'
tionen haben in einem der vorgestellten Fälle zur Abkapselung der Asziö
flüssigkeit geführt, was Vortragender daraus schloss, dass diese nur :
häufig wechselnden Stellen per punctionem zu entleeren war, und dann ai{
nur teilweise.
Die Verwachsungen des Herzbeutels mit seiner Umgebung bewirken el
mechanische Behinderung der systolischen Herzkontraktion und somit <1
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
255
■»
, eitsgrösse. so dass bei erhöhter Inanspruchnahme aus äusseren oder
ren Gründen durch Ausfall der physiologischen Anpassungsfähigkeit des
|/inuskels schnell ein Herzschwächezustand mit allen Folgen der Stauung
ritt.
So war in einem der vorgestellten Fälle die Mehrbelastung durch eine
1 gleichzeitig vorhandene Mitralinsuffizienz gegeben, die schon sehr früh-
g dekoinpensiert wurde durch die Unfähigkeit des Herzmuskels zur
jitshypertrophie.
Ferner kommt es durch die schrumpfenden Bindegewebsprozesse zur
dammerung und nachfolgenden Strangulation der Eintrittsstellen der
en und unteren Hohlvene unter Umständen auch der grossen Arterien.
Die in einem Falle besonders starke Verzerrung des Herzens nach rechts
irkte eine Verlagerung der venösen Eintrittspforten und somit auch der
a portarum.
Schliesslich greift die Entzündung des Perikards auch auf die benach-
en Teile des Herzmuskels über und bewirkt hier Entartung der kon-
tilen und nervösen Elemente und Ersatz durch bindegewebige Schwielen,
hatten sich in zweien der demonstrierten Fälle Rhythmusstörungen in
n einer Arhythmia perpetua als Ausdruck dieser Herzmuskelschädigung
cebildet.
Vortr. demonstrierte entsprechend der Lagerung der Symptomenkomplexe
edem einzelnen Falle die jeweiligen ursächlichen Momente, die zu den
veren Stauungserscheinungen der Zirkulation führen mussten, wie z. B.
Pseudoleberzirrhose und damit der Aszites, die Anasarka der unteren
oerhälfte infolge des Aszitesdruckes auf die grossen Venenstämme, oder
untere Hohlvenenstauung infolge der mechanischen Behinderung ihres
usses in den rechten Vorhof (Strangulation und Herzverlagerung), oder
Herzmuskelinsuffizienz durch mechanische Behinderung der systolischen
traktion oder auch durch die Herzmuskelentartung selbst und weist damit
h, dass das eine oder andere dieser ursächlichen Momente oder die
ibination einzelner von ihnen oder die Summation aller die Verschiedenheit
Aussehens und die Schwere des Krankheitsbildes bei der Polyserositis
ingen.
Die Zirkulationsinsuffizienz ist also rein mechanisch bedingt und stets
sekundärer Natur, wenngleich sie das ganze Krankheitsbild be¬
seht. Die Ursache ist die Tuberkulose, wie in zweien der Fälle aus dem
hweis der Tuberkelbazillen in der Aszitesflüssigkeit bzw. aus dem
orrhagischen Charakter eines entzündlichen Herzbeutelergusses, mit dem
Krankheit vor zwei Jahren begann, hervorging. Bei den latent ver¬
enden Fällen ist die Ursache erfahrungsgemäss auch die Tuberkulose,
man in den Schwartengeweben häufig Tuberkel nachweisen konnte.
Die Prognose ist auf jeden Fall zweifelhaft und hängt ab 1. von
i mechanischen Einfluss der Oblitcration auf die Herzarbeit. 2. von der
hanischen Abflussbehinderung aus den beiden Hohlvenen und der Pfort-
r, 3. vom jeweiligen Stand der entzündlichen Vorgänge in den serösen
len und 4. vom Umfang der entzündlichen Mitbeteiligung des Herzmuskels.
Die Behandlung kann von zwei Gesichtspunkten aus erfolgen:
nal kausal oder symptomatisch.
So beobachtete Vortr. in einem Falle erneutes Auftreten der Zirkulations-
■ ungen bei neuerlichen Schüben von Peritonitis. Behandlung dieser mit
tensonne und Schmierseifeneinreibungen des Leibes besserten die Pcri-
tis wesentlich und verhinderten Stauungsrezidive. Im Anfangsstadium
:r exsudativen Perikarditis sollte der Versuch der dauernden Entleerung
Herzbeutelergusses mit nachfolgender Höhensonnenbestrahlung gemacht
den. Der Herzbeutelerguss muss entleert werden bei drohender Herz-
ponade. wie dies bei dem letzten der vier demonstrierten Kranken der
war. Inwieweit spezielle Tuberkulosebehandlung in frischen Fällen hier
)lg verspricht, muss erst die Erfahrung zeigen.
Die symptomatische Behandlung bezweckt die Steigerung der Herzarbeit
:h die für diese bekannten Massnahmen. (Digitalis und andere tonische
tel.) Der Erfolg einer solchen Behandlung ist naturgemäss beschränkt,
die Herzarbeit ja vielfach mechanisch behindert ist. Deshalb sieht man
li anfänglichen Erfolgen bald ein Versagen dieser Therapie.
Ausser dieser Behandlung muss hauptsächlich eine stärkere Diurese an¬
egt werden, die auf Grund der Beobachtungen an den vorgestellten
nken meist besseren und längeren Erfolg verspricht. Von den diuretischen
teln eignen sich am besten diejenigen der Purinreihe und von diesen
der das Theocin zu 3 mal 0,3 g pro Tag in Intervallen. Letzten Endes
isagt auch diese Therapie, wie die beiden letzten demonstrierten Fälle
rzeugend beweisen.. Zuweilen gelingt es dann wieder, die Diurese durch
neue Mittel Novasurol in Gang zu bringen, das in einem der Fälle
izende Wirkung entfaltete, in einem anderen, eine Nierenschädigung setzte
in den beiden letzten Fällen schwerste Hämaturie ohne jede Diurese¬
gerung verursachte. Die Anwendungsbreite dieses Mittels muss demnach
r eingeschränkt werden. Jede Diurese soll zunächst mit einer mechani-
en Entlastung der Zirkulation durch ausgiebige Aszitespunktion begonnen
dann die angestrebte Wirkung der ebengenannten tonischen und diureti-
en Mittel durch Milchtage und kochsalzfreie Diät kräftig unterstützt
rden.
Hiermit ist nur ein Erfolg quoad vitam erreicht, nicht aber quoad sana-
'.em. Vor allen Dingen bleiben solche Kranke arbeitsunfähig. Und letzten
les lassen alle therapeutischen Massnahmen früher oder später im Stich.
Für diese Fälle erörtert Vortr. die Frage nach der Anwendung der
i Brauer angegebenen K a r d i o 1 y s e, die aber nur bei dem Vor-
densein einer systolischen Einziehung der unteren Brustbeingegend ange-
ridet werden sollte, d. h. also bei Verwachsungen des Herzbeutels mit dem
iachbarten Mediastinum, der sog. Mediastinoperikarditis. Da diese Indi-
ion aber hier fehlt und ausserdem in den vorgestellten Fällen die Poly-
osicis das Krankheitsbild beherrscht, so eignen sich diese Krankheitsfälle
h der heutigen Anschauung nicht für eine chirurgische Behandlungsweise.
Vortragender schliesst mit der Bitte an Geheimrat Sauerbruch, zu
Frage der chirurgischen Indikation für die Kardiolyse eine kritische
Uung einzunehmen.
Herr Sauerbruch weist darauf hin. dass die Pericarditis obliterans,
sich auch nach anderen Ursachen, z. B. Traumen,- finde, noch nicht ohne
iteres schwerere Störungen der Herztätigkeit verursache. Wie bei um¬
sreichen Darmverwachsungen erst dann eine erhebliche Beeinträchtigung
Peristaltik eintrete, wenn durch Strangbildung Abschnürungen des Darms
'anlasst würden, gerade so arbeite das Herz ohne wesentliche Mehr-
astung, solange es nur zu Verklebung der beiden Perikardblätter unter-
ander kommt. Sobald aber das Perikard durch Stränge an die Umgebung,
sei es nun Brustwand oder Zwerchfell, gefesselt werde, habe es durch Mit¬
schleppen dieser Teile eine bedeutende Mehrarbeit zu leisten, der es natürlich
nicht auf die Dauer gewachsen sein könne. Oder aber es komme durch die
Stränge zur Drosselung der zu Gegendruck unfähigen Venae cavae und
damit zur venösen Stauung. Allein in solchen Fällen hat die operative Kardio¬
lyse Aussicht auf Erfolg. Sowohl die Brauer sehe Resbktion der ans
Herz fixierten Brustwandteile als auch die Lösung von Narbenzwingen
um die Vena cava hat Vortr. mit bestem, zuweilen augenblicklichem Erfolg
ausführen sehen und selbst ausgeführt. Bei phrenikokardialen Verwachsungen
dürfte sich wohl auch die leicht ausführbare einseitige Phrenikotomie emp¬
fehlen. Für die Frühbehandlung der exsudativen Perikarditiden haben uns
französische Autoren einen Weg der Therapie gewiesen, der die in solchen
Fällen stets drohende Myokarditis hintanhalten soll. Es ist die operative
Dauerdrainage des Herzbeutels, durch die vielfache Punktionen erspart
werden und ebenso ein weitgehender Schutz des Herzmuskels vor Beengung
durch Exsudatdruck erreicht wird.
Herr Thannhauser bringt einige Angaben zur Beurteilung des Nova-
surols. Dieses quecksilberhaltige Mittel war ursprünglich zur Luesbehandlung
bestimmt und erwies sich bei dieser Gelegenheit auch als Diuretikum (S a x 1).
Die nachprüfenden Internisten konnten bestätigen, dass es sich hier um ein
ganz hervorragendes Mittel handelt, das vielfach noch in Fällen wirkt, bei
denen alle anderen Diuretika versagen. Der Hg-Gehalt des Novasurols ist
minimal, weit geringer als im Kalomel, dessen oft unerwünschte Wirkung
auf den Darm es auch deshalb nicht teilt, weil es einzig und allein und
zwar rasch durch die Niere ausgeschieden wird. Hier regt es vor allem
die Kochsalzausscheidung an und mit ihr eine Harnflut, die schon nach
wenigen Stunden abklingt und in etwa zweitägigen Intervallen mehrmals
neuerdings erzeugt werden kann, wenn noch Retention besteht. Mit der
spezifischen Wirkung auf die Nierenfunktion in engem Zusammenhang
steht nun allerdings auch die grosse Gefährlichkeit und strenge Kontra¬
indikation des Novasurols bei allen Erkrankungen des Nierenparenchyms.
Schwere Hg-Vergiftung pflegt die unmittelbare Folge seiner Anwendung bei
nicht rein kardialen Stauungen zu sein und es kann daher nicht genug vor
seiner unvorsichtigen Verordnung gewarnt werden. Referent wendet bei
geeigneten Fällen folgende Medikation an: Zuerst wird 1 ccm der käuflichen,
in Ampullen gelieferten Lösung intramuskulär injiziert und nur wenn schon
hierauf Diurese eintritt, wird jeden zweiten Tag mit 1,5 — 2 ccm fortgefahren
bis hinreichende Entwässerung erzielt ist.
Herr Jansen: Schlusswort.
Vereinigung der Münchener Fachärzte für innere Medizin.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 17. November 1921.
Aussprache über seltenere Elektrokardiogramme und Demonstrationen
von solchen:
Herr Handwerck: 1. Gleichzeitige Aufschreibung von Elektrokardio¬
gramm und Radialispuls eines kurzen Paroxysmus (21 Extra¬
systolen) von ventrikulärer (Typus A) Tachykardie.
Elektrokardiogramm rcgel- und gleichmässig, Radialispuls ungleichmässig.
2. Elektrokardiogramm zweier Fälle mit interpolierten Extra¬
systolen: Strecke a nach der Extrasystole wesentlich länger als ohne
vorhergehende Extrasystole (vergl. H. Straub).
Herr v. Romberg geht auf die Ergebnisse der Straub sehen Be¬
obachtungen näher ein. Neben der verzögerten Ueberleitung der alten
Theorie ist auch die verzögerte Anspruchsfähigkeit (Latenz) zu berück¬
sichtigen. Man wird zum Schluss geführt, dass Ueberleitungsstörungen sehr
verschiedener Art existieren.
3. Elektrokardiogramm von einem Fall mit Adams-Stokesscher
Krankheit. Dissoziation. Ventrikel regelmässig, ungefähr 38,
Vorhof ungefähr 74. Die Vorhoffrequenz zeigt eine Ar¬
rhythmie, indem der Vorhofsschlag nach einer Ventrikelsystole vor¬
zeitiger erfolgt als der nächstfolgende, dem kein Ventrikelschlag vorhergeht.
Wo Vorhof- und Ventrikelelektrokardiogramm in ihrem Beginn zusammen¬
fallen, folgt das nächste Vorhofelektrokardiogramm noch wesentlich später
als sonst die Vorhofelektrokardiogramme, denen kein Ventrikelelektrokardio-
gramm vorausgeht. Der Eintritt einer Ventrikelsystole fördert durch bessere
Durchblutung die Reizbildung oder die Anspruchsfähigkeit der Vorhofmusku¬
latur, wahrscheinlich beides: bei gleichzeitiger Aktion von Vorhof und Ven¬
trikel leidet die Durchblutung.
4. Elektrokardiogramm eines seit 21. IV. 1915 in Beobachtung stehenden
Falles — Dame von 59 Jahren — mit Pulsverlangsamung: bis An¬
fang 1917 bei relativem Wohlbefinden, höchstens leichten Schwindelanfällen,
Puls immer regelmässig. 40 — 48 Schläge in der Minute. Die bis dahin auf¬
genommenen Elektrokardiogramme weisen stets Halbrhythmus auf,
bei dem der kein Kammerelektrokardiogramm auslösende Vorhofschlag dem
vorhergehenden, vom Ventrikel (und zwar ohne Verlängerung der Strecke a)
beantworteten stets in einem merklich kürzeren Abstand folgt, als ihm der
nächste wieder vom Ventrikel beantwortete. — Ohne wesentliche Allgemein¬
störung Ekg. am 27. II. 1917 : Nicht mehr jeder zweite Vorhofschlag wird
beantwortet (und wenn — • mit bedeutender Verlängerung der Strecke a
ungefähr 0,2 — 0,47"), sondern verschiedentlich erst der dritte; dann mit einer
wesentlichen Verkürzung der Strecke « ungefähr 0,15". Interessant ist,
dass bei dem 1:3 Rhythmus die zweite der Vorhofperioden, in denen
kein Ventrikelschlag erfolgt, wieder etwas kürzer ist, als die erste dieser
beiden. (Die noch schlechtere Durchblutung wird ausgeglichen durch die
längere Erholungszeit?) — September/Oktober 1918 mehrere synkopale An¬
fälle, die sich im Dezember 1918 wiederholten. Keine Ekg. -Aufnahmen, da
Vortragender im Feld. Nach einem Anfall am 25. Dezember 1918 33 regel¬
mässige Pulse, zeitweise nur 24, aber dann Doppelschläge. Ekg. vom
22. März 1919: Dissoziation. Bis Januar 1920 bei sehr seltenen, meist
leichten Anfällen Puls ungefähr 33. — Anfang Januar 1920 Puls wieder 40.
Ekg. 10. Januar 1920: wieder Halbrhythmus, seitdem Puls ca. 35.
Keine wesentliche Störung des Befindens bis Anfang September 1921, wo
wieder Anfälle auftraten. Der Fall soll später noch ausführlicher veröffent¬
licht werden.
5. Elektrokardiogramm eines Fräuleins von 27 Jahren mit schwerem
Mitralfehler: Die anfänglich regelmässige und normallange Strecke a
wird bei etwas langsamer werdendem Sinusrhythmus immer kürzer, so dass
256
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
das — in seinem Ablauf sonst unverändert erscheinende P von R überholt
zu werden scheint (atrioventrikuläreAutomatie oderDisso-
ziation?). Ueber 3 Jahre später (1919) hat Herr Taschenberg bei
derselben Kranken ein ganz gleiches Ekg. aufnehmen können (s. u.).
Herr v. Romberg hält die Deutung als atrioventrikuläre Systolen für
wahrscheinlicher.
Herr v. Hoesslin erinnert an das Wandern der Reize vom oberen
zum mittleren und unteren Abschnitt des automatisch schlagenden Knotens
(vergl. Edens).
Herr v. Romberg: Venenpulskurve: Zuerst regelmässiger Rhythmus,
dann kurzer tachykardischer Anfall (mit Vorhofpfropfung).
Ekg. zuerst typisch, dann keine typische A-Welle, dann Bewegung vor der
T-Welle, die dem Vorhof entspricht. Beim Aufhören des tachykardischen
Anfalles erst noch eine A-Welle, die nicht beantwortet wird.
Herr Taschenberg (als Gast) streifte vor seinen Demonstrationen
zur klinischen Elektrokardiographie technische Fragen. Es empfiehlt
sich nicht, über eine Empfindlichkeit von 1 cm bei 10 M-Volt hinauszugehen
und die Umlaufsgeschwindigkeit -d.es Papierstreifens nicht über 54 cm für
1ls Sekunde zu steigern, da andernfalls die feinen Aufsplitterungen des Faden¬
schattens zu störend hervortreten. Dabei handelt es sich um Ströme, die
von Muskelbewegungen des Kranken herrühren, von aussen kommende
Wechselströme geben ein ganz anderes Bild. Ferner wird nachdrücklich die
Forderung unterstützt, stets alle -drei Ableitungen aufzunehmen.
Die dann folgenden Demonstrationen betreffen 1. Disso¬
ziationen von Vorhof und Ventrikeln, darüber vergl. D. Arch.
f. Kl.M. 137, Heft 1/2. Weiterhin eine Kurve, bei der -die Strecke a
zeitweilig auf die doppelte Länge angewachsen ist
und sich plötzlich wieder auf die normale Ausdehnung zurückbildet, ohne
dass der Kammerrhythmus gestört war. Schliesslich eine Kurve von
atrioventrikulärer Automatie (Fall Handwerck), bei der P
vor, in und hinter den Ventrikelkomplex fällt, die Ventrikelkomplexe folgen
sich regelmässig, die P-Zacken ganz unregelmässig. P ist stets deutlich
positiv.
2. Kurven von Eurhythmie bei Flimmern aus oben¬
genannter Arbeit zur Diskussion der Frage, ob die automatische Tätigkeit
des AV. -Knotens eine unregelmässige Frequenz der Kammern im Gefolge
haben muss, was abgelehnt wird.
3. Drei Fälle von anfallsweisem Auftreten von
Tachykardie bzw. Tachyarrhy thmie. Sie betrafen erstens
einen Kranken mit Karzinom des rechten Hilus und weiterhin solche, bei
denen eine anatomische Bedingung nicht zu finden war. Die Ekg. aller
solcher Fälle teilen das Schicksal der meisten ähnlichen in der Literatur: sie
sind schwer zu analysieren. Die Kammerelektrokardiogramme hatten nicht
das Aussehen atypischer; die Schwierigkeiten der Analyse liegen darin, die
P-Zacken einwandfrei festzustellen. Flimmern liegt sicher in keinem der
Fälle vor; am wahrscheinlichsten ist wohl die Annahme, dass bei diesen
Fällen der Reizursprungsort der AV. -Knoten ist. Dabei muss wie bei dem
oben erwähnten Falle von atrioventrikulärer Automatie die Annahme, dass P
in diesen Fällen negativ sein müsse, fallen gelassen werden, andererseits
kann die Frage, warum in manchen Fällen von Herzjagen die Kammern un¬
regelmässig schlagen, vielleicht mit der alten Fredericq sehen Hypo¬
these gelöst werden, wie es vom Autor bereits in anderem Zusammenhang
in der zitierten Arbeit geschah.
Herr v. Romberg: Der AV. -Knoten ist ihm als Ursprungsort in diesen
Fällen weniger wahrscheinlich als die Vorhöfe. Der wechselnde Ent¬
stehungsort der Vorhofreize mag erklären, warum P nur bisweilen negativ
ist. Die Fredericq sehe Theorie ist ebenso abzulehnen wie die von
Mackenzie.
Herr Pöschel demonstriert ein Ekg., welches Gruppen von
atrioventrikulären Extrasystolen in annähernd regel¬
mässiger Wiederkehr zeigt. Ferner wird auf die Entstellung
des Ekg. durch Verkehrtschaltung der Elektroden hin¬
gewiesen.
Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock.
Sitzung vom 9. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Peters. Schriftführer: Herr Triebenstein.
1. Herr Körner spricht über Diagnose, Prognose und Therapie der
otogenen Kleinhirnabszesse.
2. Herr Felke: Herr F. demonstriert originärsyphilitische Kaninchen,
die in Rostock wie auch anderen Orts (Wien, Innsbruck, Berlin, Frankfurt)
bei Züchtern gefunden wurden. Die klinischen Erscheinungen dieser Venerie
sehen flacher, blutreicher und weniger infiltriert aus als Impfprodukte mit
menschlichem Virus, von dem die Erreger weder im Dunkelfeld noch färberisch
mit Sicherheit zu unterscheiden sind. Während bei experimenteller Kanin¬
chensyphilis die WaR. nach Blumenthal meist positiv war, reagierten
die bisher gefundenen originärvenerischen Tiere negativ.
Aussprache: die Herren v. Wasielewski, Felke, Walter,
Felke.
3. Herr Curschmann demonstriert: a) einen Fall von Lungensyphilis.
50 jährige Frau, Infektion vor 7 — 8 Jahren, chronisch rezidivierende Bronchitis
seit 6 Jahren; allmählich — stets ohne Fieber — sehr elend und kachektisch.
Befund einer chronisch umschriebenen pneumonischen Infiltration im rechten
Unterlappen (Röntgenbild). Sputum eitrig, ohne Befund. WaR. ++++.
Chorioiditis luetica. Auf Neosalvarsan-Hg (L i n s e r) innerhalb 5 Wochen
völlige Heilung, klinisch sowohl als auch bezüglich des Röntgenbildes.
b) 38 jähriger Mann mit Asthma bronchiale, tuberkulöse Infiltration des
linken Oberlappens (Tuberkelbazillen +), abgefeufener (nicht spezifischer)
Bronchopneumonie eines Unterlappens und tertiärer Lues des Rachens und
Gaumens (WaR. H — 1 — I — h, Infektion bekannt). Vortragender bespricht die
klinischen Formen der Lungenlues, ihre Therapie und die Koinzidenz von
Tuberkulose und Lues. Die Diagnose lässt sich — auch röntgenologisch —
nur durch den Ausschluss der Tuberkulose, des Abszesses und der grippösen
chronischen Pneumonie und die WaR. stellen; die Prognose ist meist sehr gut.
c) Poliomyelitis adultorum. 35 jähriger Mann; innerhalb 2 Tagen Ent¬
wicklung einer Schulter-Armlähmung mit Parese des gleichseitigen Beins.
Alle Lähmungssymptome gingen zurück bis auf schlaffe Lähmung des M. del-
toideus sin. und Parese des M. pectoralis und biceps mit elektrischer Ent¬
artungsreaktion.
Eine zerebrale Affektion oder B r o w n - S e q u a r d sehe Hulbseitt*
läsion waren auszuschliessen. Bemerkenswert war eine anfängliche Hy]
ästhesie im S. cerv. 3 — 6.
Vortragender teilt mit, dass spinale Lähmungen bei Erwachsenen zurz
in Mecklenburg öfter Vorkommen und betont, dass senile Ausfallserscheinung
bei der Poliomyelitis adultorum nicht ganz selten seien.
Aussprache zu a) und b): die Herren Körner, Friboi
Müller, Curschmann, Körner, Curschmann, Friboes;
c) : die Herren Walter, Curschmann, Müller, Curschmann.
Herr Stahl: Ueber diagnostischen Pneumothorax. Demonstration cj
Röntgenplatten dreier Fälle, in denen durch Ablassen von Exsudat und Nat
fiilltung von Luft in die Pleurahöhle die Röntgendiagnose wesentlich gefördi
wurde. Fall 1: Abgekapseltes Pleuraexsudat inmitten starker Schwarte
bildung. Durch Lufteinblasung wird eine Lokalisation, Beurteilung der nc
vorhandenen Flüssigkeitsmengen, sowie fortlaufende Kontrolle bis zur E
Sorption ermöglicht. Fall 2 zeigt die genauere Lokalisation von Lunge
Zw'erchfelladhäsionen nach subphrenischem Abszess. F a 1 1 3 veranschaulic
die genaue Lagebestimmun« eines Lungentumors, die erst durch Entfernu
des Exsudats und Luftzuführung ermöglicht wurde. Dieses Verfahren veji
dient bei Berücksichtigung gewisser Vorsichtsmassregeln — Wiederablass
der Luft bei Pleurareizung und verstärkter Exsudatbildung, Unterlassung d
Verfahrens bei Empyem — allgemeine Anwendung in Fällen, die durch e
fache Durchleuchtung nicht genügend zu erklären sind.
Aussprache: Herr Deusch: Als Kontraindikation ist, nach ein
unlängst erschienenen Arbeit über diagnostische und therapeutische Pneuir
theraxanwendung, der Verdacht auf Lungenechinokokkus anzusehen weg
Gefahr einer Perforation in die Pleurahöhle.
Herr Curschmann möchte bei vorsichtigem Handeln auch in dt
letztgenannten Fall die Gefahr des diagnostischen Pneumothorax gering i
achten und empfiehlt weitere Erfahrungen auf dem Gebiet zu sammeln.
Herr Müller hat bei Operationen bei dem dabei öfters ganz plötzlich
Entstehen eines Pneumothorax nie eine ernstliche Schädigung beobachtet.
Herr Griinberg: Zur Pathologie und Pathogenese der Otosklero;
Herr G. gibt einen kurzen Ueberblick über die Pathologie der sog. Ot
sklerose, die als primäre Erkrankung der knöchernen Labyrinthkapsel ai
gefasst werden muss, während dabei die oft, aber durchaus nicht immer vt
handene Ankylose der Steigbügeltdatte einen sekundären Vorgang darstel
Das Charakteristische des Prozesses besteht in dem Auftreten scharf u:
schriebener Erkrankungsherde, die bestimmte Stellen der Labyrinthkaps
bevorzugen und beiderseits symmetrisch angeordnet zu sein pflegen. An ein
Reihe von mikroskopischen Präparaten werden die Einzelheiten des Kran;,
heitsprozesses demonstriert.
Ueber das Wesen der Erkrankung bestehen auch heute noch lediglij
Hypothesen. Nach Ansicht des Vortragenden verdient unter diesen die vl
Mayer aufgestellte die grösste Beachtung, weil sie nicht allein die liistji
logischen Veränderungen erklärt, sondern vor allem auch der nicht zu t|
zweifelnden Vererbarkeit des Leidens gerecht wird. Nach dieser Hypothek
handelt es sich bei den otosklerotischen Knochenherden in der Labyrint|:
kapsel um örtliche Gcwebsmissbildungen, die sich geschwulstartig ausdehni
und in die Gruppe der Hamartome einzureihen sind.
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 26. Januar 1922.
Herr v. Ubisch: Ueber die Aktivierung regenerativer Potenzen.
Der Vortragende kommt auf Grund von Transplantationsversuchen
Regenwurmern, vergleichenden Betrachtungen über Entwicklungsvorgän:.
und Literaturangaben über das Ergebnis homoioplastischer und heteroplasj
scher Transplantation an Säugetieren zu folgenden Ergebnissen:
Bei der homoioplastischen Transplantation jugendlicher, kleiner Tei
auf eine ältere Unterlage werden die regenerativen Potenzen des Tranj
plantates durch stoffliche Beeinflussung von seiten der Unterlage in so we
gehendem Masse aktiviert, dass das Ergebnis der Operation ein mehrfa.j
besseres ist als bei Autotransplantation selbst an jungen Individuen. Z
i vollen Aktivierung der regenerativen Potenzen ist das Vorhandensein ein-
kräftigen Differenzierungsgefälles (womit der Gegensatz zwischen hoch uij
niedrig differenzierten Zellen bezeichnet wird) erforderlich, das in wenig;
ausgeprägtem Masse infolge der Entwicklungsvorgänge in jedem Organisrmj
vorhanden und die Grundlage der Regenerationserscheinungen ist. Da duru
homoioplastische Vereinigung ungleich alter Teile das Differenzierungsgeiäl;
experimentell erhöht werden kann, besteht Aussicht, die Transplantation)
tnöglichkeit und die Regenerationsvorgänge auch an höheren Tieren i
erhöhen.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 10. Januar 1922.
Herr J. Kraft demonstriert ein primäres Nierenbeckenepitheliom vtj
einer 56 jährigen Frau, ferner einen Ureter, der im mittleren Drittel vc
Papillomen aufgetrieben ist.
Herr E. Fröschels und Herr L. R e t h i demonstrieren einen 43 jäh
Mann mit 5/4 Oktaven Stimmumfang.
Die Stimme reicht vom Kontra-F bis zum dreigestrichenen f, -das Brus
register bis zum zweigestrichenen c, das Mittelregister bis zum zwe
gestrichenen g.
Herr R e t h i berichtet, dass die Stimmbänder kurz und aufiallerj
breit sind.
Herr A. Fraenkel: Zur Lehre von der Krebskrankheit.
Mehr oder weniger jede Noxe kann karzinogen werden; freilich ij
nicht jede Stelle des Organismus gleichgeeignet. Neben den exogem
Faktoren darf man die endogenen nicht vergessen. Für eine Reihe von Fällt
ist die C o h n h e i m sehe Embryonaltheorie sicher die richtige Erklärut
(branchiogene Tumoren, Nävuskarzinome). Die Theorie von A. Fische
dass Entwicklungsabschluss und Verlust der embryonalen Vermehrungspotci
nicht identisch ist. erklärt vieles. Die das abnorme Wachstum auslösendt
Reize greifen an der Zelle direkt oder auf dem Umweg über den Organismi
an. Im Erbgang verhält sich das Neoplasma wie die Missbildunge
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
257
j s s 1 e). Die Statistiker sind von der Erblichkeit des Karzinoms nicht
rzeugt. Es scheint, dass eine gewisse Krankheitsbereitschaft zur Ent-
mng des Karzinoms notwendig ist; diese Bereitschaft ist durch die üe-
! ltverfassung des Organismus bedingt und kann vererbt werden. Das
I zinom als solches ist nicht vererbbar.
Karzinome können in bestimmten Bezirken gehäuft Vorkommen, in
;em Falle muss man wohl an Parasiten denken. Die Tierpathologie zeigt,
s die Wirbellosen frei von Karzinom zu sein scheinen. Redner, verweist
die Häufigkeit des Magen-, des Rektum- und Uteruskarzinoms -beim
ischen, während Duodenum und Dünndarm sehr wenig Krebsfälle zeigen.
den Pflanzenfressern sind die Karzinome des Respirationstraktes am
figsten.
Manche Autoren bringen die funktionelle Inanspruchnahme mit der Krebs-
ung in Zusammenhang. Doch ist dies hypothetisch ebenso wie der Zu-
imenhang zwischen Parasitismus und Karzinombildung. Die Immunitäts-
;chung hat bisher das Problem nicht gefördert.
fl
Aus ärztlichen Standesvereinen.
Berlin-Brandenburger Aerztekammer.
tzung vom 28. Januar 1922, mittags 1 Uhr im Landeshause.
Vorsitzender: Herr S t ö t e r. Schriftführer: Herr Joachim.
Als Vertreter des Oberpräsidenten Herr Geh. Reg. -Rat v. Gneist.
Nachruf auf die verstorbenen Mitglieder: Selber g, Engelhardt,
w 1 i c k, M i c h e 1 s, K ö p p e 1.
1. Bericht des Vorstandes (liegt gedruckt vor) : Die im vorigen
re errichtete Auskunftsstelle ist von fast 500 Aerzten in An-
uch genommen wegen Gebührenfragen. Steuerfragen, Standesfragen,
hlenzusatzkarten sind in 78 Fällen vom Vorstand beantragt
;^den. Wegen Beschlagnahme von Arztwohnungen wurden
Anträge bearbeitet. Eingabe wegen Neuregelung der G e b ii h r e n f r a g e.
dem im Herbst 1921 durch Säulenanschlag veröffentlichten Beschluss, laut
l für die Beratung in der Sprechstunde 20 Mark, für den Besuch 30 Mark
ndestens zu zahlen sei, wird ein Nachtrag bekanntgegeben, dass
$e Sätze auf 25 und 40 M. zu erhöhen seien. Der ärztliche Arbeit s-
chweis ist in die Wege geleitet. Beratung über Prüfungsord-
n g und Berufsberatung. Antrag zur Abwehr des Sozialdemokrati¬
en Antrages auf Aufhebung der Ehrengerichte. Kündigung
: Vertrages betr. Kriegsfürsorge mit dem erfreulichen Er-
nis, dass der Magistrat Berlin auf die Forderungen des Vorstandes ein-
angen ist. Anträge betr. Steuerfragen.
2. Berichte über die besonderen Einrichtungen der
m m e r (sämtlich gedruckt vorliegend).
a) Ehrengericht: Zu den 74 aus dem Vorjahr übernommenen
hen traten 182 neue Anzeigen, zusammen 256 Sachen. Die Zahl der Ver¬
klungen betrug im nichtförmlichen Verfahren 8, im förmlichen Verfahren 18,
ammen 26, darunter wurde 5 mal auf Veröffentlichung erkannt. Die Zahl
dem Ehrengericht unterstehenden Aerzte betrug 5300.
b) Beim Bericht der Vertragskommission wird die K ü n -
jung der Schulärzte in Neukölln zur Sprache gebracht und ein
rag S c h e y e r angenommen, der das Bedauern der AeK. über diesen
chluss des Neuköllner Magistrats ausspricht.
c) Der 20. Jahresbericht über die Unterstützungskasse (er¬
det von Herrn S. Davidsohn) lässt den weiteren erfreulichen Auf-
wung der Kasse erkennen. Die Höchstunterstutzung im Jahre 1921 an
;n Arzt betrug 4300 M. Im ganzen konnten 143 737 M. an Unterstützungs¬
lern in diesem Jahre gewährt werden. Das Vermögen der Kasse ist auf
000 M. angewachsen.
d) Der Bericht des Kuratoriums für Kriegsentschädigung
>ss-Berliner Aerzte zeigt eine gewisse Verlegenheit, was mit dem ge-
tigen, nicht zur Verteilung gelangten Ueberschuss von 765 301 M. ange-
?en werden soll. Um dieser Verlegenheit abzuhelfen, werden 72 000 M.
die Unterstützungskasse zum Zwecke der Stöterstiftung überwiesen; der
;t wird in eine Kasse überführt, die den Namen für Wohlfahrts¬
lege und Kriegsentschädigung Gross-Berliner Aerzte führen soll.
e) Der Bericht der Kommission zur Bekämpfung der Kur¬
usch e r e i enthält ein sehr eingehendes Rechtsgutachten des preussischen
listers für Volkswohlfahrt über die rechtliche Lage, die bei Bekämpfung
Kurpfuscherei zurzeit besteht. Dieser Bericht sowie die gleichzeitig ab¬
ruckte Verfügung, die der Polizeipräsident von Berlin an den Heilkünstler
stelsky erlassen hat, sind bereits durch die „Aerztekorrespondenz“
öffentlicht.
3. Der Kassenbericht für das Jahr 1921 ergibt, dass die Kammer-
träge fast 336 000 M. einbrachten. Die persönlichen Verwaltungskosten
rügen 108 000, die sachlichen 30 700 M. Die Kosten des Ehrengerichts he¬
gen 19 955 M. An die Unterstützungskasse wurden 100 000 M. uberwiesen.
" Ueberschuss der Einnahmen über die Ausgaben belief sich auf 41 000 M.
rch diesen Ueberschuss und durch den Erhalt des Sanitätsrat Dr. Jen¬
it z a sehen Nachlasses (128 000 M.) stieg das Vermögen der Aerzte-
nmerkasse auf 229 000 M.
4. Der .Voranschlag für 1922 setzt die Beiträge wesentlich in die
he. Es wird beantragt: eine Grundgebühr von 50 M. von den Aerzten
zuziehen, die 1919 ein Einkommen bis 5000 M. hatten und eine Grund-
>ühr von 90 M. von denen, die mehr als 5000 M. zu versteuern hatten,
i! diesen letzteren soll ausserdem 10 Proz. der Staatseinkommensteuer vom
ire 1919 als Zuschlag erhoben werden. Der Voranschlag rechnet, dass
rdurch 574 000 M. einkommen.
Unter den Ans gaben, die wegen der allgemeinen Preissteigerung
ürlich erheblich höher angesetzt werden mussten, seien hier nur 2 Punkte
■'ähnt: die Unterstützungskasse wurde mit 150 000 M. ausgestattet. Als
K e g e 1 d e r für die M i t g 1 i.e der der Aerztekammer wurden
100 M. neu eingestellt. Trotz des hiergegen von 2 Mitgliedern
ebenen Widerspruchs wurde mit 34 gegen 30 Stimmen diese Vergütung
•chlossen. Der übrige Etat wurde ohne jede Aussprache einstimmig be-
Jossen.
5. Ueber Steuerfragen (Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Einkommen-
uer) berichtet Herr Joachim. Durch Besprechung des Vorstandes mit
dem Finanzminister ist erreicht worden, dass die beruflichen Räume des
Arztes nicht der für gewerbliche Zwecke zulässigen Höchstmiete von
120 v. H., sondern mi£ der 70 v. H. betragenden Steigerung unterliegen.
6. Bericht über die durch den Krieg herbeigeführten grossen ge¬
sundheitlichen Schäden und Gefahren und deren Bekämpfung.
Der Berichterstatter, der frühere preussische Ministerialdirektor Kirchner,
schildert in sehr anschaulicher Weise die gesundheitlichen Schäden des
Krieges auf die Bevölkerung, namentlich die Zunahme der Tuberkulose und
schliesst mit einer warmherzigen Mahnung an die Aerzte, sich -ihrer Aufgabe.
Erzieher des Volkes zu sein, bewusst zu bleiben und an der moralischen
Hebung des Volkes mitzuarbeiten.
7. Berufsberatung und Berufseignungsprüfung. Der
Berichterstatter, Herr Moll, unterbreitet der Kammer eine Reihe von Leit¬
sätzen, in denen die AeK. die Berufsberatung und Berufseignungsprufung für
wünschenswert erklärt und die Zuziehung eines Arztes für notwendig ansieht.
Damit sich die Aerzte die hierfür nötigen Kenntnisse verschaffen, werden sie
aufgefordert, die hierfür in Vorbereitung begriffenen Lehrgänge auch zu be¬
suchen.
Herr P e y s e r teilt mit, dass demnächst ein solcher Lehrgang vom
Seminar für soziale Medizin eingerichtet werde.
8. Der Bericht des Herrn Ritter: Die Bezeichnung als Fach¬
arzt, musste wegen der vorgeschrittenen Zeit — leider — vertagt werden.
(Es lagen Leitsätze vor, die sich im wesentlichen mit den Entschliessungen
der Rheinischen Kammer deckten.)
Schluss %7 Uhr. R. Schaeffer.
Auswärtige Briefe.
Berliner Briefe.
(Eigener Bericht.)
Der Streik der städtischen Angestellten und die Krankenfürsorge.
Berlin hat wieder einmal einen Streik erlitten, einen Streik von so
brutaler Rücksichtslosigkeit, wie ihn selbst die streikgewohnten Berliner noch
nicht erlebt haben. Nachdem die Einstellung des Reichseisenbahnverkehrs
durch Verminderung der Kohlen- und Nahrungsmittelzufuhr und durch Auf¬
hören des Stadtbahnbetriebes seine Wirkung auszuüben begonnen hatte, stellte
eines Abends mit überraschender Plötzlichkeit die Strassenbahn den Betrieb
ein, am nächsten Morgen war Berlin — mit Ausnahme einiger westlicher Vor¬
orte — ohne elektrischen Strom, ohne Gas, ohne Wasser. Es war ein Sonn¬
tag, das Strassenbild zeigte ein völlig verändertes Aussehen. Wo sonst die
Stille eines Sonntagsmorgens herrschte, da wimmelte es von Wasserträgern,
an den Brunnen musste man sich anstellen, wie einst vor den Butterläden.
Der Wassermangel wurde am allerschwersten empfunden, weil selbst dem
dringendsten Sauberkeitsbedürfnis nur mit knapper Not genügt werden konnte
und vor allem die Klosettverhältnisse arg litten. War das schon für jeden
Haushalt eine schwere Belästigung, so wurde sie unerträglich drückend, wo
ein Kranker im Hause war. Die Kranken mussten überhaupt die ganze
Schwere eines streikwütigen Terrors erdulden. Ob ihr Arzt sie besuchen
würde, war, falls er nicht in der Nähe wohnte, mindestens zweifelhaft. An¬
fangs waren die Fernsprechämter noch soweit mit Strom versorgt, dass ärzt¬
liche Gespräche ausgeführt werden konnten, dann aber mussten bei einigen
Aemtern auch diese abgelehnt werden. Vielfach waren also die Aerzte von
ihren Kranken, die Kranken von ihren Aerzten abgeschnitten. Die Sprech¬
stunden konnten nicht abgehalten werden, und viele Kollegen genossen eine
unfreiwillige Erholung. Das Alles aber fällt verhältnismässig wenig ins Ge¬
wicht gegenüber den Zuständen in den Krankenhäusern. Operationen waren
nahezu unausführbar. Wo sie wegen dringender Indikationen doch aus¬
geführt wurden, geschah es unter den erschwerenden Umständen unzu¬
reichender Asepsis und mangelhafter Beleuchtung; deshalb mussten mehrfach
die Aerzte den Kranken bzw. ihren Angehörigen gegenüber die Verantwortung
für den Ausgang der Operation ablehnen. Die Zubereitung der Speisen war
fast unmöglich, wo die Küchen mit Dampf betrieben werden; aber auch sonst
war die Bereitung warmer Speisen mit Schwierigkeiten verbunden. Am
schlimmsten sah es in den Kinderkrankenhäusern und Säuglingsheimen aus.
Die Milch war knapp und ihre sachgemässe Zubereitung erschwert, saubere
Wäsche war kaum zu beschaffen, für die Pflegerinnen war die Hände¬
reinigung nur sehr unvollkommen durchführbar. Welche Gefahren mit all
diesen Mängeln verbunden sind, braucht nicht weiter auseinandergesetzt zu
werden. Die Temperatur der Brutkästen konnte nicht auf der erforderlichen
Höhe erhalten werden, und auch in den Krankensälen herrschte wegen
Kohlenmangels eine empfindliche Kälte. In den Krankenhäusern für Er¬
wachsene führte das Versagen der Wasserspülung in den Aborten zu den
hygienisch bedenklichsten Folgen; geburtshilfliche Leistungen wurden nur mit
grösster Sorge vorgenommen, Bäder für Hautkranke waren unerreichbar,
kurz in fast allen Krankenhäusern war der Betrieb so, wie er nicht sein soll.
Soweit als möglich wurden die Kranken entlassen und Neuaufnahmen ab¬
gelehnt. Und das alles geschah aus einem ganz fadenscheinigen, ganz
nichtigen Grunde, so nichtig, dass die meisten Streikenden ihn wohl gar nicht
kannten. Aber in diesen Kreisen herrscht eine eiserne Disziplin, die in ge¬
wissem Sinne anerkennenswert ist und anderen Kreisen zur Nachahmung
empfohlen werden könnte. Leider steht das Verantwortlichkeitsgefühl der
Führer nicht auf der gleichen Höhe; und so konnte es geschehen, dass eine
kleine Anzahl wildgewordener Streikführer in frivolster Weise Leben und
Gesundheit vieler Tausende aufs Spiel setzen durfte. Bei einer früheren
ähnlichen Gelegenheit wurde die Frage erörtert, ob zur Abwehr so schwerer
Gefahren für die Bevölkerung ein Aerztestreik erlaubt sei. Der Gedanke hat
selbstverständlich für jeden Arzt etwas sehr Unsympathisches; und doch ist
angesichts der Zustände, die wir fast eine Woche lang mit angesehen haben,
die Frage berechtigt, ob es nicht Verhältnisse gibt, in denen er das geringere
Uebel ist und zur Abwehr grösserer notwendig wird. Die sozialdemokrati¬
schen Aerzte haben ihn damals, wohl hauptsächlich aus politischen Gesichts¬
punkten, abgelehnt; sie haben aber sicherlich den jetzigen Streik ebenso
energisch verurteilt wie die grosse Mehrzahl der Bevölkerung; auch sie
werden sich also kaum dem Gedanken verschliessen können, dass eine so
verantwortungslose und frivole Gefährdung von Menschenleben nur dadurch
verhütet werden kann, wenn ihre Urheber die Folgen der Arbeitsverweigerung
am eigenen Leibe spüren. m. K.
258
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Kleine Mitteilungen.
Aus den Parlamenten.
(Preussische Bundesversammlung.)
Der Staatshaushaltsplan für die Volksgesundlieit und für die Universitäten.
Wiederum zeigt der Voranschlag für das V olksgesundheits-
wesen, entsprechend dem weiter gesunkenen Geldwerte ein gewaltiges
Anwachsen der Zahlen, nämlich für die dauernden Ausgaben von
24 Yi auf über 40 Millionen*) (im Jahre 1920 waren es nur 7,1 Millionen).
Die Anzahl der vollbesoldeten Kreismedizinalräte ist von 191 auf 223 ge¬
stiegen, die der nicht vollbesoldeten von 267 auf -230 gesunken. An Unter¬
stützungen sind für Medizinalbeamte 62 000 Mk., lür die in den Ruhestand
versetzten Medizinalbeaniten und ihre Hinterbliebenen 24 000 M. vorgesehen,
das sind 66-/3 — 100 Proz. mehr als im Vorjahr. Ein neüer Posten in Höhe
von 60 000 M. ist für die Prüfung der Zahntechniker ausgeworfen, die zur
Behandlung von Versicherten zugelassen werden wollen. Zu diesem Zwecke
sind bei den Oberversicherungsämtern Prüfungsäusschüsse gebildet worden.
Eür medizinalpolizeiliche Zwecke, einschliesslich sanitätspolizeiliche Ueber-
wachung zur Abwehr der Choleragefahr und Unterbringung von Leprakranken
sind 654 000 M. bestimmt, für Ausführung des Gesetzes betr. die Bekämpfung
übertragbarer Krankheiten wiederum 90 000 M., dagegen zur Unterstützung
des Bezirkshebammenwesens 10 Millionen (statt 120 000 M. im Vorjahre),
Beihilfe zur Säuglings- und Kleinkinderfürsorge wieder 1 Million.
Unter den ausserordentlichen Ausgaben sind zu nennen:
Fortbildungslehrgänsre für Medizinalbeamte 100 000 M„ sozialhygienische Aus¬
bildung und Fortbildung der Aerzte und Zahnärzte sowie für hygienische
Volksbelehrung 150 000 M„ Zuschuss an das Institut „Robert Koch“, insbe¬
sondere für Untersuchungen über den Schutzpockenimpfstoff und über die
Bedeutung des Ungeziefers als Krankheitsüberträger 75 000 M., Bekämpfung
der Malaria 40 000 M., Forschungen über Ursachen und Verbreitung der
Krebskrankheit 3000 M„ Bekämpfung der Tuberkulose 1 Million, des Typhus
300 000 M.
Für die Jugend Wohlfahrt sind als Beihilfen für Veranstaltungen
Dritter zwecks Förderung der Pflege der schulentlassenen Jugend und zur
Ausbildung von für die Jugendpflege geeigneten Personen 10 Millionen (und
5 Millionen als ausserordentliche Ausgaben) vorgesehen, zur Fürsorge für die
gefährdete und verwahrloste Jugend 2 000 000 M. (und 800 000 M. ausser¬
ordentliche), Ausführung des Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Minder¬
jähriger 48 Millionen.
Die dauernden Ausgaben für die Universitäten und das
Chariteekrankenhaus Berlin betragen 97,4 Millionen, im Vorjahre 79,16 Mil¬
lionen. Die medizinischen Fakultäten sind dabei nur wenig beteiligt. In
Greifswald und Breslau wird je ein Ersatzordinariat eingerichtet.
In Göttingen, Marburg, Bonn und Münster sind für einige
Kliniken und Polikliniken Zuschüsse in unbeträchtlicher Höhe vorgesehen.
Allgemeine Ausgaben für die Universitäten: Pflege der Leibesübungen
200 000 M., Zuschüsse an planmässig angestellte Professoren und Abteilungs¬
vorsteher 3 Millionen, das sind 2,3 Millionen mehr als im Vorjahr, dieser
Betrag wird als Einnahme aus den Anteilen der Staatskasse an den Vor¬
lesungsgebühren der planmässigen Professoren erwartet. Besoldungszu¬
schüsse und Heranziehung ausgezeichneter Lehrkräfte 1,85 Millionen, für
besondere Lehraufträge 2,25 Millionen (fast 2 Millionen mehr), Beihilfen für
Privatdozenten und jüngere Gelehrte 180 000 M„ dazu einmalig 200 000 M.,
für Studierende 76 000 M., dazu einmalig 300 000 M.
Ausserordentliche Ausgaben: Königsberg: Erweite¬
rung der Ohrenklinik 700 000 M., Neubau der Poliklinik für Haut- und Ge¬
schlechtskrankheiten 900 000 M., Neubau und apparative Einrichtung des
Zahnärztlichen Institutes 1,2 Millionen. Berlin: Anmietung von Räumen
im Kaiserin-Friedrich-Hause 62 000 M„ für Zwecke der Syphilisforschung
15 000 M., Deckungen von Fehlbeträgen am Pathologischen Institut und an
den Kliniken der Charitee 840 000 M. Greifswald: Herstellung hoch¬
wertiger Sera zur Blutuntersuchung für gerichtliche Zwecke 20 000 M.
Breslau: Für Zwecke der Syphilisforschung 15 000 M., Erweiterung und
apparative Ausstattung des Zahnärztlichen Institutes 222 000 M. Kiel: Er¬
weiterung der Frauenklinik 834 000 M„ Instrumente und Apparate für die
Klinik für Ohren-, Hals- und Nasenkrankheiten 30 000 M. Mii'nster:
Für die Neubauten der Kliniken und des Pathologischen Institutes weitere
Teilbeträge von insgesamt ca. 29 Millionen. Marburg: Neubau und Aus¬
stattung der Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten 2 Millionen.
Bonn: Neubau des Hygienischen Instituts 1,8 Millionen, Neubau einer
Röntgenabteilung bei der Chirurgischen Klinik 24 000 M., für Zwecke der
Syphilisforschung 15 000 M„ Erweiterung der Klinik für Ohren-, Hals- und
Nasenkrankheiten 800 000 M„ Zuschuss zur Herstellung von Unterrichts-
räumen bei einer von der Stadt zu errichtenden Kinderklinik 650 000 M.
Frankfurt a. M. : Einmaliger Beitrag für die Universität 1,5 Millionen.
Chariteekrankenhaus Berlin: Deckung eines Fehlbetrages für
sächliche Ausgaben 20 Millionen, Neubau der geburtshilflichen Abteilung der
Frauenklinik 1 Million, zur Erforschung der Krebskrankheit . 200 000 M.
Universitäten allgemein: Beschaffung ausländischer Literatur für
die Bibliotheken 500 000 M., Instrumente für medizinische Institute 350 000 M.,
Zuschüsse für den zahnärztlichen Unterricht 150 000 M.. Deckung sächlicher
Mehrausgaben bei den Kliniken in Berlin und Breslau 48 Millionen, sächliche
Ausgaben der Kliniken an den Universitäten in Königsberg, Berlin, Breslau,
Göttingen, Marburg, Bonn und der Charitee 32 Millionen, ausserordentliche
Wäschebeschaffungen für die Kliniken 4,2 Millionen, für die Charitee 1,2 Mil¬
lionen, Vergütung für ausserplanmässige Assistenten 1,79 Millionen. Das
übersteigt den ursprünglich in Aussicht genommenen Betrag um 887 000 M„
weil sich herausgestellt hat, dass eine erheblich grössere Zahl von Volontär¬
ärzten, als ursprünglich angenommen war, für die Fortführung des Lehr- und
Forschungsbetriebes der Kliniken notwendig ist. Unterstützung sozialer Be¬
strebungen der Studentenschaft 100 000 M. Ein Betrag zur Prüfung des
F r i e d m a n n sehen Tuberkulosemittels (im vorigen Jahre 800 000 M.) findet
sich in dem diesjährigen Haushaltsentwurf nicht mehr. M. K.
*) Die Zahlen sind abgerundet wiedergegeben.
Wie Emil Fischer nach Würzburg kam,
erzählt er in seinen soeben erschienenen Lebenserinnerungen in humorvi
Weise. Fischer, damals in Erlangen, hatte sich in seinem Berui
heftige Bronchitis zugezogen, zu deren Ausheilung er einen längeren Ur
nahm, den er in Korsika und anschliessend in Badenweiler verbrachte. (
so oft, war die Nachricht von seiner Erkrankung stark übertrieben wor
was zur Folge hatte, dass man ihn in Würzburg, wo die Professur für Chii
durch die Berufung Wislicenus’ nach Leipzig frei geworden war.
einen kranken Mann hielt und dementsprechend bei den Vorschlägen für
Neubesetzung unberücksichtigt Hess. Durch einen Zufall wurde es abe)
Würzburger Universitätskreisen noch rechtzeitig bekannt, dass Fi sc,
wieder ganz gesund sei. „Das veranlasste“. so erzählt Fischer, „Profe
Semper,' Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit me
Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusamr
kunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Hei
berg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung me
Gesundheitszustandes, wozu sich offenbar Semper als Zoologe beson
geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzäl
sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen las|
Genug, Semper machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang
Schloss zu unternehmen. Obwohl er viel älter war als ich, schlug er
sichtlich einen raschen Schritt an, so dass er ganz atemlos oben an)
während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo
behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe, Semper schlug vor,
Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da
Genuss von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses F
Stücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunker
des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Exa
war bestanden. Semper reiste nach Würzburg zurück, erklärte se
Fakultätsgenossen, .der Fischer ist ein ganz starker, leistungsfäf
Mann, der uns alle überleben wird1, worin er auch recht behalten hat. Infc
dessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa e
Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzbu
Auch darüber, wie Fischer nach Berlin kam. erfährt man Interessai
Geheimrat A 1 1 h 0 f f war persönlich bei ihm erschienen und hatte ihr
entgegenkommendster Form die Einladung, als Nachfolger HofmannSi
Berlin zu kommen, überbracht. F„ der bei der Wahl „zwischen Würzt
wo er sich glü'cklich fühlte, und Berlin, wovor ihm graute“, sich persoij
am liebsten für Würzburg entschieden hätte, reiste nach Berlin, um die I
hältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Dort wurde ihm von den F
genossen stark zugeredet, den Ruf anzunehmen. „Dazu noch keinesx
entschlossen, fuhr ich nach München, wohin mich der dortige Min
eingeladen hatte. Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in de
mich zur Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst musstet
li4 Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete!
ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet, doi
bleiben. Ich antwortete ihm, dass der Bau doch nicht mir persönlich
willigt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja aufgeben, da er :
gar nicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München etwas verstimmt :
Würzburg zurück.“ Den Ruf nach Berlin hat er dann angenommen.
Das Buch Fischers „Aus meinem Leben“, dem wir
stehendes entnehmen, ist die Einleitung zu einer von M. Bergm,
herauszugebenden Gesamtausgabe seiner wissenschaftlichen Schriften (Vt
von J. Springer). Es bietet eine überaus anziehende Lektüre durch die
spruchslose Art, mit der der grosse Gelehrte von sich selbst und von
vielen bedeutenden Menschen, mit denen er in Berührung gekommen
erzählt. Da sich darunter auch viele Mediziner, mit denen Fischer
freundet war, befinden und da Fischer auch manche treffende medizini
Bemerkung, u. a. über seine wiederholten Berufserkrankungen, einflicht
gewinnt das Buch ein besonderes Interesse auch für Aerzte, abgesehen
dem Genuss, den das engere Bekanntwerden mit einem gottbegnad
Menschen, wie Emil Fischer es war, gewährt.
Therapeutische Notizen.
Wesentliche Abkürzung der Behandlungsdauer ■
Brandwunden dritten Grades.
Es ist mir gelungen, die Behandlung von tiefgreifenden Verbrennu
dadurch wesentlich abzukürzen und eiterfrei zu gestalten, dass ich
entstandenen Brandschorf beim jedesmaligen Verbandwechsel mit <
gesättigten Lösung von übermangansaurem Kali gepinselt und dadjc
in einer ganz ungewöhnlich kurzen Zeit zum Schwinden gebracht 1
Dauerbäder, Umschläge und die ganzen bekannten Unannehmlichkeiten,
mit der eitrigen Abstossung eines Brandschorfs verbunden sind, kommen
in Wegfall.
Ich hatte Gelegenheit, bei einer Anzahl von Verbrennungen das Verfa
als praktisch zu erproben und kann es den Kollegen zur Nachprüfung
wärmstens empfehlen. Die Ersparnis an Verbandstoffen, die reinl
trockene Beschaffenheit der Wunde während der ganzen Dauer der
Handlung und die rasche Heilung bilden die Vorzüge des neuen Verfah
das ich noch nirgends in der Literatur erwähnt gefunden habe.
Den ersten Verband mache ich mit 50 proz. wässeriger Ichthyollö8
er kann bei oberflächlichen Verbrennungen bis zum Schlüsse der Behanc
(8—10 Tage) liegen bleiben. Zeigt sich, dass Verbrennungen dr
Grades vorliegen, so entfernt man die Mullstreifen am besten ganz,
da, wo sie festhaften (wo nur die Epidermis fehlt) recht schonend
verbindet alle 2 — 3 Tage mit 10 proz. Ichthyolsalbe die ganze Wundfl.
wobei regelmässig bis zu der sehr rasch erfolgenden Auflösung des B:
Schorfes mit der Kaliumpermanganatlösung gepinselt wird. Verbandwec
sowie Pinselung sind mit Ausnahme der ersten völlig schmerzlos.
Ich konnte am 8. Februar den Kollegen einen Giessereimeister
stellen (vor genau 3 Wochen ausgedehnte Verbrennung des Fussrückens
flüssigem Eisen; mehrere tiefe bis handtellergrosse Brandschorfe), der be
eingeschlagenen Behandlung bis auf winzige, oberflächlich granulier
Stellen, völlig geheilt war. Dr. Oskar K a t z - Mannhei
Innersekretorische Behandlung der Migräne du
Epiglandol. Es steht uns bekanntlich nur ein geringer Schatz
Arzneimitteln zur Verfügung, wenn es sich um chronische oder periodi
schwere Migräne handelt. Nachdem nun von F r ä n k e 1 nachgewiesen wo*
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
259
dass Epiglandol, ein Extrakt der Epiphyse, eine Dilatation aller Kopf-
se bewirkt und ferner Prof. Marburg auf Grund dieser Feststellung
;reich das Präparat bei Kopfschmerzen vasomotorischen Ursprunges er-
hattc, verwandte ich in meiner Praxis das mir überlassene Epiglandol
;icher Weise und zwar in etwa 20 Fällen schwerer und schon lange be-
nder Migräne, bei der die üblichen Mittel versagt hatten. Es kam be-
•rs zur Anwendung bei der angiospastischen Migräne und zwar in fast
Fällen mit überraschender Wirkung. Es ist .anzunehmen, dass es eine
pezifische Wirkung ausübt auf die Innervation der kleinsten Gefässe des
ns, indem es dem bei der Migräne auftretenden Gefässkrampf entgegen-
. Da die Gehirnanämie und der Krampf der ganzen Blutgefässe bei der
truation besonders stark ist, schon infolge der Hyperämie des Genital-
s, gab ich das Mittel zum Teil prophylaktisch bei Klagen über regel-
ge Menstruationskopfschmerzen. Nach Angaben der Kranken sind die
le, wie ja auch bekannt, besonders beim Eintritt der Menstruation zu
eilten und von bedeutender Heftigkeit. Es ist erstaunlich, dass gerade
ast alle Kranken ein Ausbleiben des befürchteten Anfalles meldeten oder
tens über leichten Kopfdruck klagten. In den meisten Fällen von jahre¬
bestehender Migräne genügte eine Behandlung von 3 Wochen, wobei ich
:den zweiten Tag 1 ccm subkutan verabfolgte. Die Injektion ist völlig
;rzlos und ohne Nebenwirkung. In einem besonders verzweifelten Falle
eite es sich um eine 23 jährige Patientin, die seit ihrem 15. Lebensjahr
Monat schwere Anfälle hatte. Nach 6 Injektionen meldete sie, dass sie
hrer Migräne befreit wäre. Nach einigen Monaten erschien sie wieder
nir, um mir mitzuteilen, dass sie während der ganzen Zeit ohne den
:hen Migräneanfall gewesen wäre und auch während der Menstruation
n Anfall gehabt habe. Aehnlich verhielt es sich mit den anderen Kranken,
nanchen war die Wirkung eine langsamere, bei anderen eine intensivere.
Kranken hatte ich keinen Erfolg. Die sehr auffällige Dauerwirkung, die
r überwiegenden Mehrzahl der Fälle vorliegt, ist vielleicht durch organo-
peutische Wirkung auf die Epiphyse zu erklären, da viele Patienten
weiterbestehender Anämie doch von ihrer Migräne befreit blieben. Die
lie allein löste in der Mehrzahl der Fälle keine Anfälle mehr aus.
Dr. med. R. H a a g e n - Berlin-Friedenau.
Studentenbelange.
Bekanntmachung des Verbandes deutscher Medizinerschaften.
~ür Doktorarbeiten vermitteln wir Maschinenschrift zu erheblich
iligtem Preise.
Ss kostet die Seite 1 M. mit 1 Durchschlag gratis.
Jeder weitere Durchschlag bedingt einen Zuschlag von — .10 M. pro
Papier wird zum Einkaufspreis berechnet und kann auch vom Besteller
ert werden.
Die Anfertigung erfolgt .auf Diktat sowie auch auf Grund der uns zu¬
llten handschriftlichen Ausarbeitung. In letzterem Falle — also bei Zu-
mg des Manuskripts — erhält der Besteller zunächst eine Probeschrift
Durchschlag zur Korrektur, wodurch ein Mehrpreis von — .50 M.
Seite entsteht.
Die Rücksendung erfolgt gegen Nachnahme.
Verband deutscher Medizinerschaften, Leipzig, Liebigstr. 22.
v. V.
Aufruf des deutschen Hochschulrings.
Zu der durch die Göttinger Notverfassung geschaffenen Lage hat der
che Hochßchulring folgenden Aufruf erlassen:
„Deutsche Studenten!
Wir stehen an einem Wendepunkt der studentischen Bewegung. Als
or wenigen Jahren uns zur deutschen Studentenschaft zusammenschlossen,
in unseren Führern der Willensstärke Glaube an eine allstudentische
•inschaft; da haben vor allem auch wir völkischen Studenten gehofft,
r uns mit unseren Brüdern aus Deutsch-Oesterreich und dem Sudeten-
zu verbinden.
Die Entwicklung hat uns eines anderen belehrt. Nicht nur wurde unser
zum grossdeutschen Studentenstaate zermürbt im Streit um Wort und
, nicht nur wurden unsere besten Kräfte in studentischen Parlaments-
fen vergeudet, nicht nur versandete die von uns erhoffte zielbewusste
rarbeit in faulen Kompromissen. — Die harte Wirklichkeit hat uns
Hauben an eine höhere Bestimmung der gesamten Studentenschaft ge-
len, wir betreten mit dem Augenblick dieser Erkenntnis einen neuen
zu unseren hohen Zielen, die sich nicht gewandelt haben.
Die deutsche Studentenschaft, wie Frontsoldaten sie schufen, ist zer-
en — an ihre Stelle tritt jetzt ein wirtschaftlicher Zweckverband. Ihre
aalen und kulturellen Aufgaben fallen den weltanschaulich geschlossenen
pen zu.
Deutsche Studenten! Wenn wir aus voller Ueberzeugung diese Ent-
ung bejahen, so sind wir uns der ungeheuren Verantwortung bewusst,
erade der deutsche Hochschulring mit dieser Wendung übernimmt. In
anderem Masse müssen wir unsere Kraft in den Dienst einer gross-
chen Arbeit stellen. Und in diesem Augenblicke, da ein nur scheinbarer
nmenschluss mit unseren deutschen Brüdern jenseits der Reichsgrenze
heute fällt, in diesem Augenblick erneuern wir feierlich vor aller
das Treugelöbnis, das keine Staatsgrenzen, keine äusseren Wider-
e kennt!
Wir nehmen neue, gewaltige Pflichten auf uns, weil wir vertrauen, dass
deutsche Studenten, fest zu uns steht, dass in Euch noch der uner-
terliche Glaube an unsere völkische Zukunft lebt, dass dieser Euer
je auch zur Tat bereit ist. Es ist kein Grund zu verzagen, unser
ksal liegt in unserer Hand. Treubleiben ist alles!“
Der Hochschulkreis Bayern und die Studentenschaft der Berliner Uni-
tät haben gegen die Notverfassung der deutschen Studentenschaft Ein-
;h erhoben. Die Frage ist also noch nicht entschieden, man muss den
:ren Verlauf abwarten. Unter dringlichster Wunsch kann es nur sein,
die kulturellen Aufgaben, die die deutsche Studentenschaft nicht zu
en vermochte, nunmehr vom deutschen Hochschulring aufgegriffen wer-
wie es der obige Aufruf verspricht. v. V.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 15. Februar 1922.
— Man schreibt uns: Im Preussischen Ministerium für
Volkswohlfahrt fand am 21. Januar d. J. eine Besprechung
zwischen Vertretern des Ministers und dem erweiterten Vorstand des preussi¬
schen Medizinalbeamtenvereins statt, in der die wichtigsten
Fragen der Stellung, der Besoldungsverhältnisse und der Amtstätigkeit der
preussischen Medizinalbeamten erörtert wurden. Der Minister für Volks¬
wohlfahrt beabsichtigt, derartige Besprechungen, von denen er sich für die
gemeinsame Wirksamkeit der Zentralbehörde mit den nachgeordneten Beamten
einen guten Erfolg verspricht, nach Bedarf zu wiederholen.
— Man schreibt uns aus Wien: Vor allen Institutionen Altösterreichs
haben die Wiener Musik, an der wir Vorbeigehen müssen, und die W i e n c r
Medizin ihre internationale Bedeutung wiedergewonnen, genauer ge¬
sprochen: keinen Moment verloren. Die Wiener Schule arbeitet nach wie
vor in unzulänglichen Hörsälen und Instituten, alle Plätze sind überfallt,
jedes Mikroskop wird belagert. Die Mediziner aus dem Neu-Auslande sind
wieder da. die Polen, Ungarn, Jugoslaven und der ganze Balkan; auch die
Aerzte aus dem Alt-Auslande, die Amerikaner, Engländer, Schweizer, Hol¬
länder und Schweden. Mit den Amerikanern hat es komplizierte wirtschaft¬
liche Kämpfe gegeben; die Herren sind organisiert, verlangen Vorlesungen
und Kurse in englischer Sprache und wollen neuerdings die Kurshonorare
regulieren, d. h. nach unten drücken. Das gibt erregte Debatten, die sich
hoffentlich in Wahlgefallen auflösen werden. Von grosser Bedeutung sind
die vier internationalen Fortbildungskurse, welche die Wiener medizinische
Fakultät in Wien pro Jahr veranstaltet. Im Februar werden die Krankheiten
der Verdauungsorgane absolviert; neben 60 Wiener Professoren und Do¬
zenten werden Geheimrat v. Noorden aus Frankfurt a. M„ welcher die
erste Stoffwechselklinik in Wien eingerichtet hat, und Prof. B i e d 1 von
der deutschen Universität in Prag, dessen innersekretorische Arbeiten in
Wien entstanden sind, sprechen. Im Juni kommt innere Medizin an die Reihe,
im September der Landärztekurs und im Dezember Chirurgie, Geburtshilfe
und Gynäkologie.
Dem englischen Parlament wurde ein Gesetzentwurf vor¬
gelegt, der den Beitrag zur Krankenversicherung für Arbeit¬
geber und -nehmer um Y Penny erhöht. Die Krankenversicherung soll auch
auf zahnärztliche Hilfe ausgedehnt werden.
— Die Gesellschaften zur Bekämpfung der Geschlechts-
k r a nkh e it e n in England dehnen jetzt in gross angelegter Weise
ihre Tätigkeit auf die Kolonien aus. Untersuchungsausschüsse in den grossen
und kleinen Kolonien suchen überall Verbreitung und Mittel zur Verhütung
und Bekämpfung zu studieren und womöglich eine einheitliche Regelung zu
erzielen. Aon besonderer Wichtigkeit sind dabei die Vorkehrungen zum
Schutz der Mannschaften der Handelsmarine; hier lag bisher vieles im Argen;
der Schutz vor der Ansteckungsgefahr, die ärztliche Untersuchung, vor allem
die Kontinuität der Behandlung soll gebessert werden; gerade die sorgfältige
Behandlung der Angehörigen der Handelsmarine ist unerlässlich, um im
Mutterlande das immer neue Auftreten von Infektionszentren zu verhüten.
— In der englischen medizinischen Presse werden mit Interesse die
Erfahrungen besprochen, die Prof. Jose Albert in der grossen Lepra-
Kolonie (Culion) auf den Philippinen gemacht hat; in diese Kolonie wurden
in den letzten 15 Jahren 13 000 Leprakranke aufgenommen und unter sicheren
Bedingungen isoliert, und Albert kommt zu dem Schlüsse, dass ein Erfolg
damit nicht erzielt worden sei. Absonderung sei nur erforderlich in den
Fällen mit offenen Ulzerationen und auch hier sei die Gefahr gering bei
Beobachtung der üblichen sanitären und hygienischen Massregeln. A. be¬
rechnet, dass nur in 5 Proz. der Erkrankungen die Ursache in direkter
Uebertragung von Fall zu Fall zu suchen sei. Die strenge Isolierung aller
Leprakranken in Kolonien gäbe ein falsches Gefühl der Sicherheit und führe
zur Vernachlässigung der wichtigeren allgemeinen hygienischen Massregeln.
Jedenfalls weisen die auf den Philippinen, auf Hawai und auch in Nor¬
wegen gemachten Erfahrungen auf die Notwendigkeit hin, die ganze Frage
der Uebertragbarkeit der Lepra und die Isolierung der Leprakranken von
neuem sorgfältig zu studieren.
— Nach Mitteilung des offiziellen Organs der bulgarischen Re¬
gierung wird, in der Sobranje nächstens ein Gesetz über den Verkauf
alkoholischer Getränke eingebracht werden, dem wir folgende be¬
achtenswerte Paragraphen entnehmen:
1. Alle öffentlichen und privaten Schulen haben in ihren Hygiene-
Lehrstoff die Unterweisung über die Schädigungen des Alkoholismus auf-
zunehmen.
2. Studenten, Soldaten und andere Personen unter 20 Jahren dürfen in
Schänken, Wirtshäusern und anderen öffentlichen Lokalen, in denen
alkoholische Getränke verkauft werden, nicht zugelassen werden.
3. Alle derartigen Stätten müssen an Sonntagen und gesetzlichen Feier¬
tagen um 5 Uhr nachmittags geschlossen werden.
4. Geschäftsabschlüsse, Verträge und Schuldzahlungen aller Art, die an
den genannten Orten betätigt werden, sollen ungültig und streng verboten
sein.
5. In Dörfern darf die Zahl der Schänken 1 auf 1000 Einwohner nicht
überschreiten, in Städten 1 auf 2000.
6. Verträge über Kauf und Verkauf alkoholischer Getränke dürfen vom
Staate unter keinen Umständen sanktioniert werden.
7. Die Steuer auf alkoholische Getränke, die Frachtsätze für Spirituosen
und die direkte Steuer auf Alkohol sollen auf 1000 Proz. erhöht werden.
Der Volksvertretung der Tschechoslowakei liegt ein Ge¬
setzentwurf vor, das Landova-Stychova-Gesetz, das jedem Weibe das
Recht zuerkennen will, bis zum 3. Schwangerschaftsmonat selbst darüber zu
entscheiden, ob es Mutter zu werden wünscht oder nicht. In letzterem
Falle soll es ihr freistehen, durch einen approbierten Arzt, aber nur durch
einen solchen, den künstlichen Abort einleiten zu lassen. Bei einer Beratung
des Entwurfes in der Prager med. Gesellschaft wurde beschlossen, die Ein¬
setzung eines Komitees von Aerzten und Soziologen anzuregen, zwecks
Prüfung der Frage und Vorschlägen zur Verbesserung der gegenwärtigen
Zustände.
— Auf der am 25. Januar stattgehabten ersten Tagung des Inter-
nationalenHilfskomitees fürRussland in Genf entrollte dessen
Oberkommissar Nansen ein furchtbar trübes Bild von der Lage in den
russischen Hungergebieten und erhob schwere Anklage gegen diejenigen, die
260
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
schuldig daran geworden sind, dass das von Nansen geforderte und durch
Verträge mit der Sowjetregierung eingeleitete Hilfswerk nicht schon im bep-
tember vom Völkerbund übernommen wurde. Das bedeutete den sicheren
Tod von mehreren Millionen von Menschen, die damals noch hatten gerettet
werden können, jetzt macht es der Winter unmöglich. Es handelt sich jetzt
darum, von den 19 Millionen durch Hungertod Bedrohter zu retten was noch
zu retten ist. Die Regierungen müssten sich aus Menschenpflicht vereinen,
um die Anstrengungen des Komitees, der Amerikaner, der Quäker usw. zu
unterstützen, denn bisher stehen erst 25 Millionen Goldfranken zur *®r"
fügung, die nur 2 Millionen Menschen von den 19 Bedrohten bis zur nächsten
Ernte ernähren können. Nansen schildert schliesslich noch die Arbeits¬
methoden und Grundsätze der Kommission und gedenkt der im Dienste
des Rettungswerkes verstorbenen Aerzte Gärtner und F a r r a r und der
Engländerin Frl. Pattisson.
— Eine Mädchenschule in der Nähe Londons hatte während des
Krieges als Lazarett für geschlechtskranke Soldaten gedient. Die
Eigentümer der Schule verklagen nun den Staat auf Zahlung einer Entschädi¬
gung von 73 000 Pfd. Sterl., da das Gebäude, nachdem es für solche Zwecke
benützt worden war, für die Schule nicht mehr verwendbar sei. Ein Teil
der ärztlichen Sachverständigen wies nach, dass die Räume so desinfiziert
werden könnten, dass jede Infektionsgefahr ausgeschlossen sei, andere aber
meinten, dass an dem Platze ein solcher sittlicher Makel haften bleibe, dass
er für eine Mädchenschule nicht länger verwendbar sei. Dieser Ansicht
schloss sich auch das Gericht an. Die Kenntnis von dem Zweck, dem die
Schule gedient habe, könne einen nachteiligen Einfluss auf die sensible Psyche
junger Mädchen ausüben. Die Geschichte und Tradition* einer Schule sei
von grosser Bedeutung für ihren Erfolg und für ihr Gedeihen. Dement¬
sprechend erging das Urteil.
— Der Landesschutzverband der sächsischen Betriebskrankenkassen
weihte am 28. I. ds. Js. seine neue Waldpark-Krankenanstalt in
Dresden - Blasewitz ein. Die Waldpark-Krankenanstalt mit vor- |
läufig 126 Betten soll in erster Linie eine Klinik für innere Krankheiten sein, t
Doch sind für die Grenzgebiete kleinere Sonderabteilungen mit allen fach¬
ärztlichen (auch operativen) Einrichtungen vorgesehen. Leitender Arzt der
gesamten Krankenanstalt und Leiter der inneren Abteilung ist Dr. Oskar
Fischer. Weiter sind an der Krankenanstalt in leitender Stellung tätig:
Prof. Dr. J. S c h u 1 1 z - Weisser Hirsch (neurol. Abt.), Prof. Dr. Be -
schorner (Lungentuberkuloseabt.), Dr. Friedrich Hesse (chirurg. Abt.),
Prof Dr Küster (gynäkol. Abt.), Prof. Dr. Galewsky (dermatolog.
Abt.), Prof. Dr. Best (Augenabt.), Dr. Dietze (Abt. f. Ohren-Nasen-
Halskr.). _
— Zum Leiter des Krankenhauses des Roten Kreuzes in
München wurde Privatdozent Dr. Hans A 1 b r e c h t ernannt.
— Deutsche ärztliche Gesellschaft für Strahlen¬
therapie. Mit Rücksicht auf die Verlegung des Röntgenkongresses auf
die Zeit vom 23.-25. April ist der Vortragszyklus der Röntgentherapie in
Tübingen an der Chirurgischen Klinik (Prof. Perthes) und der Frauen¬
klinik (Prof. A. Mayer) auf den Oktober verlegt worden. Der vom 6. März
bis zum 1. April in Frankfurt a. M. zu veranstaltende Fortbildungskurs für
Röntgentiefentherapie findet im Institut für die physikalischen Grundlagen der ,
Medizin (Prof. D e s s a u e r). in der Chirurgischen Klinik (Prof. Schmie¬
den) und in der Frauenklinik (Geh. Rat S e i t z) statt.
— Vom 6.— 11. März d. J. findet in der 1. med. Universitätsklinik der
Charitee in Berlin ein Kursus der Krankenernährung mit prak¬
tischen Uebungen in der Diätküche statt, wobei am Vormittag
von Geh. Rat H i s und Prof. G u d z e n t theoretische Vorträge gehalten
werden und nachmittags praktische Kochubungen in der Diätküche statt¬
finden. Auskunft über Stundenplan, Honorar usw. erteilt Prof. Gudzent,
Charitee, Berlin.
- — Die Dozentenvereinigung für ärztliche Ferien¬
kurse in Berlin veranstaltet vom 2—29. März neben den üblichen
Kursen aus allen Gebieten je einen Gruppenkurs über T uberkulose
(vom 13.— 19. März), Strahlenkunde (vom 19.— 25. März) und Herz¬
krankheiten (vom 27. März bis 1. April). Näheres durch die Ge¬
schäftsstelle, Berlin NW. 6, Luisenplatz 2—4 (Kaiserin-Friedrich-Haus).
— Der IV. Karlsbader internationale ärztliche Fort¬
bildungskursus mit besonderer Berücksichtigung der
Balneologie und Balneotherapie findet in der Zeit vom 24.
bis 30. September, also unmittelbar nach der Naturforscherversammlung, in
Karlsbad statt. — Auskünfte erteilt der Geschäftsführer Dr. Edgar
Ganz in Karlsbad.
— Der 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für
Innere Medizin findet vom 24.-27. April 1922 in Wiesbaden unter
dem Vorsitze des Herrn Prof. Dr. L. Brauer (Hamburg-Eppendorf) statt.
Die Hauptverhandlungsgegenstände sind aus dem Gebiete der Leberkrank¬
heiten sowie aus den Fragen der inneren Sekretion gewählt. Die Verhand¬
lungen über die Leberkrankheiten werden eingeleitet durch ein Referat des
Herrn Prof. Dr. Eppinger - Wien über Ikterus, jene des zweiten Haupt¬
themas durch ein Referat von Herrn Prof. Dr. B i e d 1 (Prag) über Hypo¬
physe. Vortragsanmeldungen, denen eine kurze Inhaltsangabe beizufügen ist,
sind bis zum 18. März an Herrn Prof. Dr. L. Brauer, Hamburg-Eppendorf,
Martinistr. 56, zu richten. Vorträge, deren wesentlicher Inhalt bereits ver¬
öffentlicht ist, dürfen nicht zugelassen werden. Die Wiesbadener Hotels und
Pensionen gewähren den Kongressteilnehmern und deren Frauen wesentliche
Vergünstigungen. Die Hotels sind zu diesem Zwecke in 3 Gruppen ein¬
geteilt, für die die folgenden Preise gelten: Gruppe 1 (Luxushotel) Zimmer
mit Frühstü'ck 100 — 120 M., Gruppe II Zimmer mit Frühstück 65 — 75 M„
Gruppe III Zimmer mit Frühstück 45—50 M„ hierzu tritt der übliche Be¬
dienungszuschlag. Bestellungen von Wohnungen bis zum 1. April 1922
spätestens bei dem Städt. Verkehrsbureau. Abteilung Aerztliche Kongresse,
das Wünsche bezüglich bestimmter Hotels nach Möglichkeit berücksichtigen
wird. Ein Zwang, in dem betr. Hotel die Mahlzeiten einzunehmen, besteht
nicht. Ausserdem ist ein Ortskomitee bemüht, für die jüngeren Herren
kostenlos Unterkunft bei Wiesbadener Familien und im Städt. Krankenhause
zu beschaffen. Anmeldungen für diese Privatquartiere werden bis spätestens
zum 1. April ebenfalls an das Städt. Verkehrsbureau, Abteilung Aerztliche
Kongresse erbeten, das den betr. Kollegen Mitteilung zugehen lassen wird,
ob und wo sie kostenlos Unterkunft finden können. Mit der Tagung ist eine
Ausstellung verbunden. Anmeldungen für diese an Oberarzt Dr. G(ronne,
Wiesbaden, Städt. Krankenhaus bis spätestens 18. März erbeten.
— Die 5. Sitzung der Südostdeutschen chirurgischen Vereinigung fin
am 25 Februar 1922 10 Uhr vorm, im Hörsaal der Chirurg. Univers.-Kh
in Breslau statt. Es sind 32 Vorträge angemeldet.
— „Gedenke, dass Du ein deutscher Ahnherr bis
Die Festrede, die Prof. Philalethes Kuh n, der Direktor des hyg. I nsti:
an der technischen Hochschule Dresden, am 92. Gründungstag der Hc
schule (11. Juli 1920) unter diesem Titel über Deutschlands Erneuerung
die Rassenhygiene gehalten hat, ist in 2. Auflage erschienen (Dresden
Leipzig, Verlag von Theod. Steinkopf f. Preis 2 M.). Die 1 atsat
dass die starke erste Auflage dieses ernsten, an die deutsche akademis
Jugend gerichteten Mahnwortes nach so kurzer Zeit vergriffen war, ist
erfreulicher Beweis dafür, dass, wie Prof. Kuhn in seinem Vorwort
2. Auflage sagt, der rassenhygienische Gedanke in Deutschland, insbesond
unter der studierenden Jugend, festen Boden findet. Möge die Schrift n
in vielen Auflagen ihren Weg ins deutsche Volk finden! Bei die
Gelegenheit sei daran erinnert, dass der ausgezeichnete Dresdner Ra:
hygieniker am Montag, den 20. Februar abends 8 Uhr im Hörsaal 133
Münchener Universität einen öffentlichen Vortrag hält über „Di^ Führe
frage und die Zukunft unserer Rasse“. Dem Vortrag
regste Beteiligung seitens der Aerzte zu wünschen.
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 22.
28. Januar wurde 1 Erkrankung bei einer aus russischer Internierung zuri;
gekehrten Frau in Swinemünde (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez. Stet
festgestellt. Für die Zeit vom 9.— 15. Januar wurden nachträglich n
33 Erkrankungen bei Rückwanderern mitgeteilt, davon in Stettin 4 und
Osternothafen (Kreis Usedom-Wollin, Reg.-Bez. Stettin) 29. Oesterre
Vom 8. — 14. Januar 1 Erkrankung in Wien.
— ln der 2. Jahreswoche, vom 8. — 14. Januar 1922 hatten von deutsc
Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Elberfeld mit 3
die geringste Stuttgart mit 11,3 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohl
Vöff. R.-G.-/
Hochschulnachrichten.
Berlin. Prof. Dr. Carl v. Eicken, Ordinarius für Ohren-, Na:
und Halskrankheiten in Giessen hat den Ruf an die Universität Berlin
Nachfolger des verstorbenen Geh. Med.-Rats G. K i 1 1 i a n angenommen. (1
Frankfurt a. M. Verlagsbuchhändler Ferdinand Springer
Berlin wurde von der med. Fakultät zum Dr. med. h. c. ernannt.
Giessen. Für Geburtshilfe und Gynäkologie habilitierte sich
Giessen Dr. med. Adolf S e i t z, Assistenzarzt an der Frauenklinik, mit ei
Probevorlesung über: „Der heutige Stand der Lehre von der Menstruatic
Greifswald. Dem Privatdozenten für Geburtshilfe und Gynäkok
Dr. Siegfried Stephan, Oberarzt der Frauenklinik, wurde die Diel
bezeichnung „ausserordentlicher Professor“ verliehen, (hk.)
Jena. Der a. o. Professor für Anatomie und Prosektor an
anatomischen Anstalt, Dr. Heinrich v. E g g e 1 i n g, hat einen Ruf
o. Professor für Anatomie und Vorstand der anatomischen Anstalt an
Universität Breslau, als Nachfolger von Geh. -Rat Kallius, erhalten.
Kiel. Der Bonner Privatdozent Prof. Dr. med. et phil. Aug
p ti 1 1 e r hat den Ruf an die Universität Kiel als Abteilungsvorsteher
physiologischen Institut als Nachfolger von Prof. Friedr. Klein an
nommen. (hk.)
Leipzig Dr. Bostroem, Assistent an der psychiatrischen ■
Nervenkiinik, hat sich für das Fach der Psychiatrie habilitiert. Antri
Vorlesung: „Symptomatische Psychosen“. Habilitationsschrift: „Der am
statische Symptomenkomplex vom allgemein-pathologischen und klinisc
Standpunkt.“
Marburg. Die Vorschlagsliste für den Lehrstuhl der Pädia
lautete: An 1. Stelle: V o g t - Magdeburg] an zweiter und gleicher Ste
Freuden b erg - Heidelberg, G ö 1 1 - München, Thomas -.Köln. (Wo
die Notiz in Nr. 4 richtiggestellt wird.) — Zur Wiederbesetzung des Le
Stuhls der Kinderheilkunde (an Stelle des Prof. B e s s a u) ist ein Ruf
den a. o. Professor Dr. med. Ernst Freudenberg, Oberarzt der Kinc
klinik (Luisenheilanstalt) in Heidelberg, ergangen, (hk.)
München. Habilitiert für Chirurgie der Oberarzt der Chirurgisc
Klinik Dr. Georg Schmidt. Hab.-Schrift: Stand und Ziele der P;
bioseforschung auf Grund eigener Untersuchungen. Antrittsvorlesung: All¬
meine Gesichtspunkte für die Schmerzbetäubung in der Chirurgie.
Münster i. W. Am 18. Januar wurden in einer eindrucksvo
akademischen Feier, welche in der grossen Stadthalle stattfand, die Gede
tafeln mit den Namen der im Weltkriege gefallenen Angehörigen der l
versität Münster eingeweiht. Unter den 552 Gefallenen befinden sich 105 £
dierende der Medizin und 10 Studierende der Zahnheilkunde.
Rostock. Als Privatdozenten habilitierten sich die Assistenzärzte
der chirurgischen Klinik Dr. Egbert Schwarz mit einer öffentlichen \
Iesung: Ueber den gegenwärtigen Stand der Lehre von der Echinokokk
krankheit“ und Dr. Hartwig Eggers mit einer öffentlichen Vorles:
„Die Epithelkörperchen und ihre Bedeutung für die Chirurgie“. Aerztli
Prüfungskommission im W.-S. 1922/23: Pathologie: i. V. Priv.-Doz. Dr. P
innere Medizin: Prof. Curschmann und Prof. Grafe; Pharmakolot
Prof. Trendelenburg: Kinderheilkunde: Prof. Brüning; Hautkra
heiten: Prof. Frieboes; Chirurgie: Geh.-Rat Müller, Prof. Frani
Priv.-Doz. Dr. Lehmann und Schwarz; top. Anatomie: Prof. EI:
Ohrenheilkunde: Geh.-Rat Körner; Augenheilkunde: Geh.-Rat Pete
Psychiatrie: Prof. Rosenfeld; Hygiene: Prof. v. Wasielews
Würzburg. Der Privatdozent Dr. Baerthlein (Hygiene) erli
den Titel und Rang eines a. o. Professors.
Todesfall.
In Freiburg i. B. starb am 8. d. M. der a. o. Professor
Chirurgie an der dortigen Universität, Dr. med. Hendrik Reerink im A
von 57 Jahren, (hk.)
Amtsärztlicher Dienst.
(Bayern.)
Die Bezirksarztstelle in Sonthofen ist erledigt. Bewerbungen st
bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 25. Februar 1-
einzureichen.
Die Bezirksarztstelle der Stadt Würzburg ist erledigt. Bewerbung
sind bei der Regierung, Kammer des Innern, des Wohnorts bis 25. u
bruar 1922 einzureichen.
Verlag von J. F. Lehmann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26. — Druck von E. Mühlthaler’a Buch- und Kunitdrnckerei, München.
s der einzelnen Nummer 3.— Jt. • Bezugspreis In Deutschland
. und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . .
elgenschluss Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
„ Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Uhr),
für Bezug: an J. F. L eh man ns Verlag, Paul Heyse- trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen-Verwaltung, Weinstr. 2/I1I.
Medizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
8. 24. Februar 1922.
Schriftleitung : Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
Der Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br.
Die angeblichen Gefahren des Dämmerschlafes
bei der Geburt.
Von Erich Opitz.
Zu dem Thema des Dämmerschlafes habe ich mich in wissen-
fflichen Zeitschriften bisher nicht geäussert, da ich keine Vater-
ftsrechte an der Einführung dieses Verfahrens habe. In letzter Zeit
aber mehrfache Angriffe gegen den Dämmerschlaf erfolgt, die mich
i nötigen, das Schweigen zu brechen, denn der Dämmerschlaf wird,
lern ich die Leitung der Frauenklinik übernommen habe, wie früher
weiterhin angewandt. Ich habe auch Veranlassung genommen, das
ahren zu ändern und, wie ich glaube, zu verbessern. Ein weiteres
.veigen könnte deshalb als Bestätigung der Angriffe angesehen
ien.
Zunächst ein Wort zu meiner persönlichen Stellungnahme an der
zen Frage. Ich habe keinerlei Veranlassung, aus anderen, als sach-
n Rücksichten, den Dämmerschlaf zu beurteilen. Lag und liegt mir
Schwören in verba magistri stets fern, so habe ich in diesem Falle
e Veranlassung dazu, da K r ö n i g nicht mein Lehrer gewesen ist.
Nur die objektive Prüfung des Verfahrens hat mich veranlasst, es
ubehalten, aber das Siege Ische Schema zu verwerfen. Keines-
s fühle ich mich veranlasst, auf die Gebärenden irgendeinen Druck
(glich der Einleitung des Dämmerschlafes auszuiiben. Darüber kann
Gebärende selbst die Entscheidung treffen. Ich würde aber nie-
. den Dämmerschlaf anwenden, da ich in ihm lediglich ein Mittel
Erleichterung des Geburtsschmerzes sehe, wenn nach unseren Er¬
lügen irgendwelche Schädigungen damit verbunden wären. Für
i steht und fällt der Dämmerschlaf mit dem gewissenhaften Nach-
- seiner völligen Gefahrlosigkeit für Mutter und Kind.
Wenn man aber einige der letzten Veröffentlichungen liest, so
ite man wirklich zu der Meinung kommen, dass der Dämmerschlaf
sen Schaden mit sich bringe und deshalb muss ich aut einige der
likationen etwas näher eingehen. Wenn sie sich auch gegen den
imerschlaf schlechthin richten, so sind wir doch in Freiburg beson-
daran beteiligt, da das Verfahren- hier von K r ö n i g und Gauss
;earbeitet ist und wir die grössten Erfahrungen haben.
Pe harn hat in seiner Antrittsvorlesung bei Uebernahme der Lehr-
:el Schau tas kurz die Anwendung des Dämmerschlafes gestreift
dabei von den Gefahren des Dämmerschlafes für die Kinder ge-
chen. Er ist dafür den Beweis schuldig geblieben. Die Tatsachen
vielmehr folgende, wie ich sie der Dissertation von Mayer- Kol-
entnehme.
Die Zahl der Geburten vom 18. X. 17 bis 1. V, 20 betrug an der
ik 4279.
Davon wurden im Dämmerschlaf entbunden 2037, ohne Dämmer¬
if entbunden 2242.
Von den i m Dämmerschlaf geborenen Kindern waren totgeboren
starben in den ersten 9 Tagen 43 =2,1 Proz.
^ on den Kindern, die ohne Dämmerschlaf zur Welt gebracht wur-
dagegen starben 84 = 3,75 Proz.
Man sieht also, dass von einer Schädigung der Kinder durch den
imerschlaf in keiner Weise die Rede sein kann, im Gegenteil bei
enüberstellung dieses gewiss nicht zu kleinen Zahlenmaterials von
urten mit und ohne Dämmerschlaf, das sich auf je über 2000 Ge-
en beläuft, ergibt sich, dass die Sterblichkeit der im Dämmerschlaf
orenen Kinder nur reichlich halb so hoch ist, als ohne Dämmer¬
if. Nicht eine Schädigung, sondern ein Schutz dem
'der vor Gefahren ist also mit dem Dämmerschlaf
bunden. Diese zunächst befremdliche Tatsache hat m. E. durch
'hoff eine verständliche Erklärung gefunden, welcher sich vorstellt,
■ durch den Einfluss des Narkotikums die bei der Geburt gelegentlich
vorzeitigen Atembewegungen führenden Reize im Dämmerschlafe
dem Kinde unbeantwortet bleiben und so keine Aspiration von
Lunwege verlegenden Schleimmassen zustande kommen lassen. -
' mit der angeblichen Schädigung ist es, wenigstens so weit meine
ik in Frage kommt, nichts, und es wäre recht erfreulich, wenn man
)n auch allgemein Kenntnis nehmen wollte.
Sehr viel heftiger geht Nassauer in einem Aufsatz gegen den
Dämmerschlaf ins Zeug (Nr. 42/1921 der M.m.W.). Er nimmt bei seinen
Betrachtungen einen mehr philosophisch-medizinischen Standpunkt ein,
was gewiss berechtigt ist. Aber gegen allerlei Einzelheiten muss ich
den lebhaftesten Widerspruch erheben. Nassauer nennt es eine
durch nichts gerechtfertigte Vermessenheit, die Frauen um diesen „Höhe¬
punkt ihres Lebens“ (die Geburt, d. Verf.) bringen zu wollen. Sehr
schön und gut, aber derselbe Herr Nassauer empfiehlt im zweiten
Teil seines Aufsatzes selbst den Dämmerschlaf in abgeänderter Form!
Ein in keiner Weise aufgekärter Widerspruch. Uebrigens wäre auch
schon die Narkose ä la reine, und sei sie nur nach Nassauer mit
Sekakornin rein suggestiv ausgeführt, unter dieselbe Vermessenheit
zu rechnen.
Und nun die Schilderung des Dämmerschlafes, die Herr Nassauer
entworfen hat. Die häufigen Injektionen ergeben ein „Zerrbild eines
ärztlich geleiteten Geburtsvorganges“.
Bei der Schilderung der Gefahren für die Kinder fehlen merkwürdi¬
gerweise die Veröffentlichungen aus der Freiburger Klinik vollständig.
Es ist doch nicht ganz gerecht, Ergebnisse, wie sie von Gauss selbst,
Lembcke, Horn und zahlreichen Dissertationen bekanntgegeben sind,
zu verschweigen und lediglich schlechtere anzuführen. Der Nachweis
der Schädigung von Kindern oder Müttern durch, den Dämmerschlaf
hätte für mich sofort die gänzliche Aufgabe des Dämmerschlafes zur
Folge. Das Gegenteil ist aber, wie gesagt, der Fall.
Dass Anfregungszustände einmal Vorkommen können, soll nicht be¬
stritten werden, aber wie selten sind sie! In der weit überwiegenden
Mehrzahl der Fälle schlafen die Frauen ruhig in den Wehenpausen und
werden während der Wehen ein wenig unruhig, um dann sofort weiter¬
zuschlafen, gelegentlich auch etwas vor sich hinzumurmeln. Das ist der
durchschnittliche Anblick des Dämmerschlafes. Erregungszustände be¬
kommen wir kaum zu Gesicht und sind fast niemals ernstlich störend
aufgetreten. Jedenfalls beweist unsere Puerperalfieber- und sonstige
Statistik, dass den Frauen durch den Dämmerschlaf nicht der geringste
Schaden geschieht. Weshalb man die häufigere Wiederholung von In¬
jektionen so hoch bewerten soll, ist mir nicht erfindlich. Ein harmloserer
Eingriff, als eine sublfttane Injektion, ist doch wohl nicht zu denken,
und dass eine ohne Dämmerschlaf geleitete Geburt bei einer aufgereg¬
ten, vor Schmerz schreienden Frau etwa einen besseren oder erfreu¬
licheren Eindruck gewährte, als eine Geburt im Dämmerschlaf, kann
i c h wenigstens nicht finden.
Ich lade Herrn Nassauer öffentlich ein, sich bei uns einmal die
Geburten im Dämmerschlaf anzusehen. Ich glaube, dass niemand einen
derartigen Eindruck gewinnen kann, der der Schilderung des Herrn
Nassauer entspräche, und ich bin sicher. Herrn Nassauer selbst
durch den Augenschein von der Unrichtigkeit seiner Darlegungen über¬
zeugen zu können.
Des weiteren beanstandet Herr Nassauer den Umstand, dass der
Dämmerschlaf für die Klinik reserviert bleiben solle. Das ist allerdings
meine Auffassung von der Angelegenheit, weil ich durchaus der Mei¬
nung bin, dass ein Verfahren, das erhebliche Sorgfalt und Sachkenntnis
voiaussetzt und auch die ständige Anwesenheit eines Arztes verlangt,
sich für die allgemeine Praxis nicht eignet. Es liegt eben mit dem
Dämmerschlaf so, wie mit den grossen Operationen, wie Kaiserschnitt,
die eben auch im Privathaus nicht oder doch nur unter erheblicher Mehr¬
gefährdung der Frau sich durchführen lassen, die nicht jeder Arzt ohne
weiteres beherrschen kann und die deshalb dem Krankenhaus Vorbehal¬
ten bleiben. Ich muss hervorheben, dass ich den Dämmerschlaf
auch in schematisierter Form keineswegs für die
allgemeine Praxis empfehlen kann und die Verantwor¬
tung dafür rundweg ablehnen müsste. Dass Herr Nassauer einen
anderen Standpunkt einnimmt, ist seine Sache. Dagegen muss ich sehr
lebhaft Einspruch gegen das Verfahren erheben, das Herr Nassauer
für die Praxis empfiehlt in den Fällen, die er selbst als geeignet zum
Dämmerschlaf ansieht. Es ist zweifellos nicht richtig, dass mit der
Methode der 3 Einspritzungen in der Mehrzahl der Fälle eine Schmerz-
unempfindlichkeit erzeugt werden könne. Das wäre aber weiter nicht
schlimm. Für ausserordentlich bedenklich aber halte ich es, dass die
Menge des angewandten „Laudanon, Narkophin etc.“ zu 0,06 angegeben
vvird. Ich halte es für ausgemacht, dass mit solchen Morphingaben
ein hoher Prozentsatz der Kinder geschädigt, ja zum Absterben gebracht
werden muss. (Näheres über die Gefahren des Morphiums findet sich
in der Arbeit von Gauss, Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 11). Es hat sich bei
uns zweifellos gezeigt, dass die Gefahr des Dämmerschlafes in der
Menge des angewandten Morphiums beruht. Aus den letzten, in der
3*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Klinik zusammengestellten Zahlen ergibt sich, dass von 2037 Geburten
im Dämmerschlaf nach Abzug der Kinder, welche schon vor der Ge¬
burt abgestorben waren, oder nachweislich unvermeidbaren Geburts¬
schädigungen zum Opfer gefallen sind, nur 19 = 0,93 Proz. tote übiig-
bleiben. In der Zeit des Dämmerschlafes nach Schema Siegel mit
grösseren Morphiumgaben betrug die Zahl der Todesfälle rmt dieser
eben angeführten Beschränkung 1,1 Proz., dagegen für die Zeit des
morphiumarmen Dämmerschlafes, wie wir ihn jetzt ausüben, nur
0,5 Proz., ist also um die Hälfte herabgesetzt worden. Unter morphium¬
armen Dämmerschlaf verstehen wir ein' Verfahren, bei dem im ganzen
nur 0,02 Narkophin angewandt werden. Das Schema lautet:
Zu Beginn des Dämmerschlafes: Injektion von 1 ccm 2 proz. Narko-
phinlösung und VA ccm 0,03 prom. Skopolaminlösung,
nach % Stunden Injektion von 1 ccm 0,03 prom. Skopolaminlösung
und von da ab stündlich weitere 0,7 ccm 0,03 prom. Skopolamin¬
lösung.
Das ist die schematische Grundlage für den Dämmerschlaf, von
dem wir aber je nach dem Körpergewicht der Kranken und nach der
Reaktion der Kreissenden nach oben und unten abweichen, so dass ein
strenges Schema nicht durchgeführt wird. Wir haben eben die Er¬
fahrung gemacht, dass Gaben über 1 cg Morphium wohl imstande sind,
die Kinder zu schädigen.
Wenn wir nun lesen, dass Laudanon, Narkophin etc., die etwa zur
Hälfte Morphium enthalten, regelmässig in Gaben von 0,08 angewendet
werden sollen, so ist nur festzustellen, dass nach unseren, über viele
Tausende von Geburten sich erstreckenden Erfahrungen ganz sicherlich
eine grosse Anzahl von Kindern zugrunde gehen muss. Ich halte
es deshalb für unzulässig, dass ohne jede statistische Grund¬
lage ein so gefährliches Verfahren dem Praktiker
empfohlen wird, und das von dem gleichen Autor, der
mit Entrüstung den durch gewaltige Zahlenreihen
nach der modifizierten Gaussschen Methode als
ungefähr ich erwiesenen Dämmerschlaf als ge¬
fährlich bezeichnet. Ich warne aufs allerdring¬
lichste vor der Anwendung der Nassauerschen Me¬
thode, die sich unbedingt für viele Kinder als mör¬
derisch erwei'sen muss.
Herr Obermedizinalrat Grass 1 nimmt den Mund noch voller und
spricht gleich von strafbarem Kunstfehler und glatter Körperverletzung
des Kindes, aber, wohlgemerkt, nicht etwa mit Bezugnahme auf den
durchaus unerprobten und, wie eben ausgeführt, recht gefährlichen
Dämmerschlaf nach Nassauer, sondern in bezug auf den von G a u s s
empfohlenen und in vielen tausend Fällen erprobten Dämmerschlaf
unserer Klinik. Man sollte nun von einem Herrn, der in einer ernsten
wissenschaftlichen Frage das Wort ergreift und so schweie Vorwürfe
erhebt, annehmen, dass er über die Angelegenheit sich grüncbch unter¬
richtet hätte. Aber weit gefehlt. Das gestrenge Urteil wird lediglich
mit der Wendung begründet: „wenn Nassauer recht mit se nen Aus¬
führungen hat“; das ist alles.
Dementsprechend dürfte der Wert dessen, was Grass 1 so im Vor¬
beigehen über den grenzenlosen Individualismus in der ärztlichen Kunst
doziert, für den Dämmerschlaf herzlich gering sein. Wenn Herr Grass 1
sich die Mühe genommen hätte, die immerhin nicht ganz unbeträchtliche
Literatur über den Dämmerschlaf einigermassen kennen zu lernen, so
hätte er selbstverständlich feststellen können, dass Nassauer
keineswegs zu seinen Ausführungen berechtigt war.
Trotzdem der grenzenlose Individualismus augenscheinlich in der
ländlichen Gegend, in der Herr Grassl wirkt, unbekannt ist, besteht
aber offenbar dort auch der Wunsch nach Erleichterung des Geburts¬
schmerzes. Diesen bei den „Individualisten“ so streng verurteilten
Wunsch erfüllt Herr Grassl nun auf seine Weise.
Es liegt mir weiss Gott fern, über gläubige Gesinnung zu spotten.
Es ist etwas so Erhabenes und Ehrfurchtgebietendes, dass ich daran
nicht rühren möchte. Aber die Heranziehung von Priestern zur Sug¬
gestion bei Geburten ist doch wohl etwas anderes. Herr Grassl
möge sich doch einmal vorstellen, was wohl eine ungläubige Weltdame
für Augen machen würde, wenn wir ihr bei der Geburt zumuteten, sich
von einem Geistlichen die Schmerzen forttrösten zu lassen. Vermut¬
lich würden die nicht „wie ein Stockerl“ liegen, sondern was ganz
anderes tun. Grassl wird wohl, trotz persönlicher Abneigung gegen
andersgeartete Menschen, als es seine Pflegebefohlenen sind, ihnen das
Lebensrecht nicht abstreiten wollen. Meines Erachtens hat der Arzt
die Pflicht, seine Kranken als Einzelwesen nach ihren körperlichen und
seelischen Eigenheiten zu behandeln und keineswegs die Aufgabe,
ausser in gesundheitlichen Dingen, den Erzieher spielen zu wollen.
Soviel über die Angriffe.
Ich möchte die Gelegenheit benützen, ganz kurz das Verfahren des
Dämmerschlafes sachlich zu besprechen, wie er bei uns in der Klinik
geübt wird. Aus den oben angeführten Zahlen geht ohne weiteres her¬
vor, dass wir keineswegs die Frauen zwingen oder ihnen auch nur leb¬
haft zuredeten, sich im Dämmerschlaf entbinden zu lassen. Das kann
jede Frau halten, wie sie will. Ungefähr die Hälfte bittet um Anwen¬
dung des Dämmerschlafes, die andere Hälfte lehnt ihn ab. Jedenfalls
aber spricht es für den Erfolg des Verfahrens, soweit die Empfindung
der Mutter in Frage kommt, dass sehr viele Frauen eigens deshalb
wieder zu uns kommen, weil sie die Vorzüge des Dämmerschlafes bei
der Geburt nicht missen wollen. Der Dämmerschlaf ist eben imstande.
ü
die Schrecken, die mancher Frau die Geburt einflösst und die Gebt
schmerzen, für das Bewusstsein auszuschalten.
Dass der Dämmerschlaf unschädlich ist, sowohl für die Mutter, j
für die Kinder, habe ich eben aus einer der letzten Statistiken aus s
Klinik nachgewiesen. Die Voraussetzung, unter der allein das Verfalj
angewandt werden darf, ist also zweifellos vorhanden. Es scheint
auch durch die Beobachtung erwiesen, was ich freilich nicht mit exai
Zahlen belegen kann, dass sehr empfindliche, nervöse Frauen von
ganzen Geburtsvorgang weit weniger angegriffen werden und
schneller erholen, wenn das Bewusstsein durch den Dämmerschlaf
geschaltet ist. Den gleichen Eindruck habe ich in Düsseldorf i
Giessen, wo ich nach den erster. Veröffentlichungen aus der Freibt
Klinik zuerst versuchsweise, dann häufiger den Dämmerschlaf
gewandt habe, gehabt und finde ihn in einem weit grösseren Mat
der Freiburger Frauenklinik immer wieder von neuem bestätigt. M
von anderer Seite über Schädigungen mancher Art, sowohl für
Mutter wie für die Kinder berichtet wird, so behaupte ich, dass
nicht an dem Verfahren des Dämmerschlafes an sich, sondern ni
Fehlern der jeweils angewandten Methode oder ungeeigneten i
paraten begründet ist. Jeder, der sich genau an uns
Vorschriften hält und einwandfreie Präparate
nützt, muss nach meiner Ueberzeugung die gleicl
Erfolge erzielen. Es wäre sonst schlechterdings nicht mö?
dass ich an 3 verschiedenen Orten stets gleich Gutes gesehen h
Auf Einzelheiten brauche ich nicht einzugehen. Wer sich mit der F
ernsthaft beschäftigen will, muss die zahlreichen Arbeiten von G a
selbst und die übrigen Arbeiten aus unserer Klinik, die Einzelfr;
behandeln, nachlesem. Ob die Kinder in etwas grösserer oder gering
Anzahl oligopnoisch geboren werden, ob man in den ersten Tagen ei
schlechtere Trinklust sehen kann, ob die Geburt kurze Zeit verlär
wird usw., das sind alles verhältnismässig untergeordnete Dinge,
der subjektiven Beurteilung weiten Spielraum lassen. Wichtig ist
die Frage, ob ernstliche Störungen bei Mutter oder Kind beobac
werden, die sich in grösserem Blutverlust, in Wochenbettserkranl
oder Zunahme der mütterlichen und kindlichen Todesfälle aus
müssten. Das sind Dinge, die der subjektiven Beurteilung entrückt
Und mit diesem Massstabe können wir an der Hand einer an vi
tausenden Geburten .gewonnenen Erfahrung feststeilen, dass w
Mutter noch Kind irgendeine nachweisbare Schädigung durch
Dämmerschlaf erleiden. Für die Kinder ist sogar mit Sicherheit
gestellt, dass bei den Geburten im Dämmerschlaf weniger Kinder
der Geburt und in den ersten 9 Tagen danach zugrunde gegangen
als bei Geburten ohne Dämmerschlaf. Ich lade jeden, der den Däm
schlaf kennen lernen will, ein, sich von der Richtigkeit dieser Ang
durch den Augenschein zu überzeugen. Jeder Kollege ist mir her
willkommen. Viele haben auch bereits sich an der Klinik über das
fahren unterrichtet und unsere Angaben bestätigt gefunden.
Gute Erfolge sind aber nur zu verzeichnen, wenn man die Tee
beherrscht und diese will gelernt sein. Die Möglichkeit schemath
Vereinfachung des Dämmerschlafes ist vorhanden, aber beschränkt,
lässt sich wohl ein Schema aufstellen, aber wir führen ein solches
Gegensatz zu Siegel, nicht streng durch, sondern weichen, je
der Reaktion der Kreissenden, in Zeitabstand und Höhe der Dosis
dem Schema ab. Das ist ja auch selbstverständlich. Allein die Ui
schiede im Körpergewicht machen Unterschiede der Dosen nötig,
ebenso auch das verschiedene Ansprechen auf die verwandten M
Dieses richtig zu beurteilen ist Sache der Erfahrung und Uebung
nicht so schnell zu erlernen. Deshalb halte ich es für verfehlt, ob
eine gewisse Schematisierung möglich ist, das Verfahren für die
gemeine Praxis zu empfehlen, andernfalls würde Schaden nicht
bleiben.
Nicht unwichtig für den Dämmerschlaf ist die ganze Umget
Dass eine Geburt im Dämmerschlaf nicht einfach jeder Hebamme i
lassen werden darf, ist klar. Unsere Hebammen sind durch langjäi
Erfahrung und Uebung, die sich auch auf neueintretende Schwe:
schnell überträgt, glänzend geschult. Die Leitung der Geburt im
dunkelten Zimmer, das ganze Drum und Dran, das sich bei uns
selbstverständlich abspielt, sind sicher nicht ohne Einfluss auf
günstigen Erfolg. Dass natürlich jeder Arzt, der sich die nötigen Kf
nisse und Erfahrungen erworben hat, das Verfahren anw enden 1
ist selbstverständlich. Er muss sich nur auch die Zeit nehmen, die
burt von Anfang bis Ende zu überwachen. Fehlen diese Vo;
Setzungen, so wird aus dem harmlosen Verfahren unter Umstä
etwas recht Gefährliches. Erfahrung gehört auch dazu, die Oligoj
die Apnoe der Kinder zu unterscheiden von Asphyxie. Wenn aucl
genannten Zustände seit Einführung des morphiumarmen Däm
Schlafes selten geworden sind, so kommen sie immer wieder vor
müssen, soll nicht falsche Behandlung einsetzen, auch richtig erk
werden.
Ich hoffe, dass die etwas temperamentvollen Angriffe der Hf
Nassauer und Grassl wenigstens das Gute haben, die allgen
Aufmerksamkeit auf den Dämmerschlaf zu lenken und bessere K<
nisse zu verbreiten, als sie in den genannten Veröffentlichungen zi
treten.
7ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
263
er die Durchlässigkeit der Haargefässwand beim
Menschen*).
Von Dr. Max Qänsslen, Assistenzarzt,
einem Vorwort von Prof. Otfried Müller, Vorstand
der Medizinischen Klinik in Tübingen.
Vorwort.
[m Hinblick auf den Artikel „Blaseninhaltsstoffe über spezifische
rtionen“ von Thomas und Arnold in Nr. 6 dieser Wochen¬
it sehen wir uns veranlasst, mit einer seit etlichen Monaten bei
erdachten und durchgeführten Untersuchungsmethode schon jetzt
orzutreten. Wenn nicht ähnliche Qedankengänge an zwei Orten
lieh aufgetreten wären, würden wir mit dem unseren noch zurück-
iten haben, bis die Methode vielseitiger erprobt ist.
Nachdem die Kapillarmikroskopie der gesamten menschlichen
eroberfläche, wie sie von mir und Weiss in die Wege geleitet
len ist, in einer sehr grossen Anzahl von Arbeiten ihre wesent-
ten Möglichkeiten erschöpft hatte, zeigte sich, dass wir mit dieser
lode nur über Haargefässform und -Strömung unterrichtet würden.
Durchlässigkeit der Qefässwand liess sich mit diesem Verfahren
lann untersuchen, wenn es sich um gefärbte korpuskuläre Elemente,
um Blutkörperchen handelt. Demgemäss wurden alsbald Versuche
nommen, auch diese wichtige Funktion der Haargefässe näher
studieren (van den Velden, Jansen, Morawitz und
: e c k e). Während nun aber van den Velden sowie Mora-
z und D e n e c k e die Blutkonzentration als Maassstab für die
Iarfunktion benutzen wollten, versuchte Jansen Flüssigkeit ins
ebe einzuspritzen, diese nach einiger Zeit wieder herauszuziehen
aus ihren inzwischen eingetretenen Veränderungen auf das Durch-
tkeitsvermögen der Haargefässwand zu schliessen.
Ich selbst war von vornherein überzeugt, dass wir nur weiter-
nen könnten, wenn wir 1. die Blutkonzentration durch intravenöse
ionen änderten und 2. die daraufhin eintretenden Aenderungen in
iewebsflüssigkeit beobachteten. Zu diesem Zwecke veranlasste ich
j ä n s s 1 e n, die alte Länderer sehe Methode zur Messung der
ebsspannung durch Einstechen von Hohlnadeln unter die Haut
er hervorzuholen und nachzusehen, ob sich unter dem Einfluss von
venösen Injektionen differenter Körper Aenderungen im Gewebs-
c nachweisen Hessen. Die Methode versagte, da fast stets Kapil-
1 mit der Nadel angestochep wurden und somit nicht der Gewebs-
;, sondern der Kapillardruck gemessen wurde.
'Junmehr versuchte ich. Gewebsflüssigkeit selbst zu gewinnen, um
: und gleichzeitig das Blut auf refraktometrischem und chemischem
e. zu untersuchen. Ich veranlasste deshalb Dr. G ä n s s 1 e n mit
Pir quetschen Impfspatel nicht blutende Epitheldefekte zu
hi. Aus diesen trat aber Gewebsflüssigkeit in hinreichender Menge
:r spontan, noch bei Aufsetzen von Schröpfköpfen, noch bei An-
iung der Bier sehen Stauung, noch bei der Kombination von
in heraus. Schliesslich schlug Dr. G ä n s s 1 e n vor, wir sollten
eine Blase ziehen, um Gewebsflüssigkeit zu bekommen. Meine
iglichen Bedenken gegenüber diesem Vorgehen milderten sich,
:h sah“, dass der Blaseninhalt nicht nennenswert entzündlich war,
dass man es wohl versuchen könne, durch Verwendung derselben
haridenpflaster an bestimmten Hautstellen unter dem immer
den milden Entzündungsreiz Wasser und gelöste Körper aus dem
; in die Gewebe hinüberzusaugen. Ich gebe der vorläufigen Ver-
tlichung dieser Versuche Raum, weil ich sehe, dass andere, wenn
zu anderen Zwecken, die Blasenmethode ebenfalls gefunden haben,
weil es greifbar naheliegt, sie nunmehr aller Orten auch auf das
uns seit langem bearbeitete Kapillargebiet anzuwenden.
Methode.
Es werden an der Aussenseite der Beine event. serienweise im
and von einer Stunde Emplastra Cantharidum ordinaria in Grösse
2 qcm nach kurzem Erwärmen auf die Haut gelegt. Die Zeit bis
Entstehen einer Blase beträgt bei unserem Präparat am Gesunden
2 Stunden (natürlich muss man bei wechselndem Präparat jedesmal
die Blasenzeit für den Gesunden austitrieren). Es wurde dann
ergens nüchtern die erste Blase steril punktiert und ausgesogen;
r Inhalt sofort mit der Mikromethode von- Bang auf Blutzucker
Reststickstoff nachgesehen; Untersuchungen über Kochsalz, Jod,
t'usw. sind Im Gang; 3. gleichzeitig mit der Punktion der Blase
eine Untersuchung des Blutes auf die gleichen Stoffe vorgenommen;
ich der nüchternen Untersuchung des Blutes und der ersten Blase
eine Injektion hochprozentiger Traubenzuckerlösung gemacht, der
en später aufschiessenden Blasen sowie im Blute gleichzeitig die
hen Erhebungen folgen. Entsprechende Untersuchungen nach
salz- und anderen Injektionen sind im Gang.
Ja sich zeigte, dass die Blasenempfindlichkeit verschiedener Kranker
en gleichen Hautstellen überaus different ist (wir bekamen Unter¬
ste zwischen 3 und 88 Stunden), so legten wir später 6 Pflaster
hzeitig nebeneinander auf. und zogen die einzelnen Pflasterblättchen
3, 5, 7 usw. Stunden ab, um den zur Blasenbildung genügenden
malreiz festzustellen, der oft erst einige Zeit nach Abnahme des
ters wirkt.
*' Vorgetragen am 13. II. 1922 im Med. Verein Tübingen.
Befunde.
1. B 1 a s e n z e i t. Die Normalzeit, welche verging, um bei einem
gesunden Menschen eine erkennbare Blase zu ziehen, betrug für unser
Präparat und die genannte Körperstelle 12 Stunden.
Bei 5 Vasoneurotikem mit Urticaria factitia und Neigung zu ge¬
wöhnlicher Urtikaria, d. h. also mit konstitutionell abnorm durchlässigen
Haargefässen, bekamen wir Blasenzeiten! von durchschnittlich 5 Stunden,
der höchste Wert betrug 6 Stunden, d. h. also die Hälfte der Normalzeit.*
Bei einer Perniziosa mit Neigung zu starken Haut- und Zahnfleisch¬
blutungen betrug die Blasenzeit 3 Stunden, der Blaseninhalt war blutig,
die Blase besonders prall gefüllt. Bei einem Vasoneurotiker mit Pur¬
pura ohne erkennbare infektiöse oder myelogene Ursache- betrug die
Blasenzeit 4 Stunden. Bei einer schweren myeloischen Leukämie mit
Neigung zu Blutflecken betrug die Blasenzeit 5 Stunden.
Bei einem schweren jugendlichen Pankreasdiabetes betrug die
Blasenzeit bis zu 88 Stunden. Bei einer postklimakterischen milden
Form ]6'A und bei einer weiteren milden Altersform 19 Stunden.
Ein Arteriosklerotiker, bei dem sich hin und wieder Zucker im Harn
zeigte, hatte eine Blasenzeit von 12 Stunden. Verlängert war die
Blasenzeit auch bei einem abklingenden Ikterus, dessen Blasen erst
nach 23 Stunden aufgeschossen und deren Inhalt von gelber Farbe war.
Es lässt sich somit sagen, dass gewisse Versuche einen beschleunigten,
andere einen verlangsamten Durchtritt Von Flüssigkeit durch das
Kapillarendothel aufweisen.
2. Uebergang von Traubenzucker. In 8 Fällen wurde
in der oben beschriebenen Weise bei aufschiessender Blasenserie bis
14 g Traubenzucker intravenös injiziert. Drei weitere Fälle bekamen
morgens früh nüchtern unter gleichen Versuchsbedingungen 50 — 60 g
Traubenzucker. Bei intravenöser Injektion zeigte sich im Blutzucker¬
spiegel die bekannte, kurz vorübergehende Steigerung (bis zu 14 Stunde),
die in unseren 8 Fällen bei maximaler Belastung bis zu 0,162 betrug.
In den serienweise aufschiessenden Blasen fanden sich mit nur zwei
Ausnahmen höhere Zuckerwerte, die mit 0,171 gipfelten. Der erhöhte
Zuckergehalt der Blasen liess sich bis zu 8 Stunden post injectionem
nachweisen. Bei zwei Kranken, nämlich einem Fiebernden und einem
Hungernden, war die Steigerung des Gewebszuckers gegenüber dem
Blutzucker nach Traubenzuckerinjektion nicht nachzuweisen. Bei einer
Kontrollperson, die keine Traubenzuckerinfusionen bekam, verhielten
sich Blutzucker und Gewebszucker im Laufe eines Tages folgender-
massen: Blz. nüchtern 0,083, nach dem Frühstück 0,110, nach dem
Mittagessen 0,110. Gwz. nüchtern 0,078, nach dem Frühstück 0.122. nach
dem Mittagessen 0.101. Da ist von solchen Riesenzahlen des Gewebs¬
zuckers nicht die Rede, und man kann deshalb wohl sagen, dass diese
durch Uebertritt aus der Blutbahn entstanden sind, und dass dabei die
Kapillarwand passiert werden muss.
Bei den drei Kranken, die den Traubenzucker per os bekamen, war
die Gewebszuckersteigerung relativ zur Blutzuckersteigerung ebenfalls
nachweisbar, wenn auch beiderseits nicht so hochgradig. Die Maximal¬
zahlen lagen hier im Blut bei 0,142 und im Gewebe 0,162.
Bei Diabetikern wurde bislang keine Zuckerbelastung vorgenommen.
Bei dem oben erwähnten schweren Pankreasdiabefes fand sich früh
nüchtern der Blutzuckerspiegel bei 0,14, der Gewebszuckerspiegel bei
0,18 (M i n k o w sk i?).
3. Refraktrometerwert. Um festzustellen, ob der ent¬
zündliche Reiz der Blase bei einem und demselben Menschen sowohl,
wie bei* verschiedenen bezüglich der Kapillaren normal anzusehenden
Personen ein annähernd gleichkonzentriertes Eiweissgemisch aus der
Blutbahn heraussaugt, haben wir auch die Refraktrometerwerte der
Blasenflüssigkeit bestimmt. Diese betrugen bei einer und derselben
an abklingender Polyarthritis' leidenden Kranken an einem Tage in
zwei verschiedenen Blasen 52.3 und 51,2, an einem anderen Tage 51,9
und 53.3 Pulfricheinheiten. Bei 10 Leichtkranken resp. Gesunden, in
jedem Falle aber nicht als kapillarschwach verdächtigen Personen be¬
trug der Refraktrometerwert durchschnittlich 45,7, die höchste Zahl lag
bei 47, die niederste bei 44.5. Es kommen somit ganz gut überein¬
stimmende Werte zutage. (Wichtig ist, dass bei einem mit Aderlass
behandelten Urämiker der Wert 36,7 betrug und1 bei einem zweiten sub¬
urämischen Nierenkranken 40.0. Diese Kranken haben nach Nägel i
auch einen niederen Refraktrometerwert des Blutserums. Infektions¬
kranke haben nach demselben Autor wegen der Kochsalzretention in den
Geweben ebenfalls einen niederen Refraktrometerwert des Blutserums.
Im Gewebe fanden sich Werte bis zu 53 bei einer Polyarthritis und
48,7 bei einer Pneumonie. Die Basis ist zu schmal, um hier schon
zu urteilen. Immerhin locken die Resultate zu weiteren Bestimmungen
r' es Refraktrometerwertes in Blutserum und Blaseninhalt.)
4. Reststickstoff. Bei normalen Menschen fand sich im
Blaseninhalt durchschnittlich ein Reststickstoffgehalt von 40,0 mg (be¬
rechnet auf 100 g Flüssigkeit, und im Blutserum ergaben sich ähnliche
Werte. Bei vier chronischen Nephritiden (entzündlicher Herkunft) fan¬
den sich deutlich erhöhte Zahlen im Blaseninhalt (107, 105, 85, 79). Da¬
bei waren die Reststickstoffwerte des Blutserums teils höher, teils niedri¬
ger, als diejenigen des Blaseninhaltes. (Die schmale Basis reicht nicht
zu einem Urteil über die Frage der grössten Anhäufung des Reststick¬
stoffes, doch kann diese wohl in Zukunft mit der Methode in Angriff
genommen werden.) Bei einer akuten Nephritis fanden sich in zwei
Untersuchungen normale Reststickstoffwerte im Blut und etwas höhere
in der Blase. Bei Nierenkranken ist wegen der Reizwirkung des Kan¬
tharidins Zurückhaltung in der Zahl der Blasen geboten.
Was wir hier bringen ist ein Anfang, dessen Tragweite und Grenzen
sich heute in keiner Weise übersehen lassen. Wir hätten lieber etwas
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr
264
Abgeschlossenes vor die Oeffentlichkeit gebracht. Warum wir trotzdem
schon heute publizieren, ist eingangs gesagt. Von anderen Fragestel¬
lungen kommend, nach anderen Zielen strebend, haben Thomas und
Arnold die Blasenmethode ebenfalls gefunden und soeben publiziert.
Mit diesen Autoren sind wir auf Grund unserer Untersuchungen einig
in der Auffassung: dass „wir es mit einer nur wenig veränderten Ge¬
websflüssigkeit zu tun haben, wie wir sie auf andere Weise aus dem
Körper sonst nicht erhalten“. „Und somit eignet sich der Inhalt der
Kantharidinblase für einen grossen Teil von Fragestellungen biologischer
Natur.“
Die Blasenmcthode ist für den Kranken so gut wie schmerzlos.
Wenn man bei steriler Behandlung die Epitheldecke zu erhalten ver¬
steht. so ist diese binnen 2—3 Tagen wieder festgeklebt. Kosmetische
Defekte bleiben nicht. Das Verfahren ist für den Kranken weniger
unangenehm wie eine Venenpunktion.
Aus der psychiatrischen Klinik der Universität Erlangen.
(Direktor: Prof. Dr. Q. Specht.)
Das dystonische Syndrom.
(Ein Fall von Torsionsdystonie.)
Von Privatdozent Dr. Q. Ewald.
Jedem Psychiater ist es geläufig, bei der Diagnosestellung streng
zu unterscheiden zwischen Zustandsbild und Erkrankung; er spricht
von einem manischen Zustandsbild bei einer Paralyse und einem
pseudoparalytischen Zustand bei einer symptomatischen Psychose, von
einem depressiven Zustandsbild bei einer Hysterika und einem kata-
tonen Zustandsbild bei einer Melancholie. Nicht so geläufig, wenn auch
nicht fremd, war eine derartige Diagnosestellung der übrigen Medizin,
einschliesslich der Neurologie, da man meist bei bekannten Erregern
oder sicheren pathognomonischen Unterscheidungsmerkmalen in der
Lage war, eine strenge Scheidung der ätiologisch und pathogenetisch
verschiedenen Erkrankungen vorzunehmen, auch wenn die Zustands¬
bilder einander ähnelten. Dass dem so ist, beweist, dass der psych¬
iatrische Lehrer immer mit Nachdruck seinen Hörern den Unterschied
zwischen Zustandsbild und Erkrankung auseinanderzusetzen ge¬
zwungen ist.
Tn den letzten Jahren hat sich nun in der Neurologie gezeigt, wie
ungemein wichtig und fruchtbar auch hier die Auseinanderhaltung dieser
beiden Begriffe erscheint. Die Grippcenzephalitis oder die epidemische
Enzephalitis, über deren Identität hier nicht gesprochen werden soll,
ahmten sonst geläufige, wohl charakterisierte Krankheitsbilder mit
photographischer Treue nach, so dass ohne die Unterscheidung von
Zustandsbild und Erkrankung die Diagnostik auf ganz verkehrte Wege
geleitet worden wäre. Das Bild einer multiplen Sklerose haben wir
alle bei Enzephalitis sich manifestieren sehen, im Vordergrund des
Interesses stand aber das Zustandsbild einer Paralysis agitans mit
und ohne Tremor, das eine ungemein häufige Ausdrucksform der Grippe¬
enzephalitis wurde.
Man hätte sich nun damit begnügen können, einfach von einem
Paralysis-agitans-Zustandsbild oder einem Paralysis-agitans-Syndrom
oder -Symptomenkomplex zu sprechen, allein tiefergehende Analyse
der am Zustandekommen dieses Bildes beteiligten Elemente liess er¬
kennen. dass bei der Erkrankung Paralysis agitans und bei den zum
Verwechseln ähnlichen Zustandsbildern pathogenetisch das Wesentliche
eine Störung in der Tonusinnervation der Muskulatur war. v. Strüm¬
pell1) hat dies als erster erkannt; er wies darauf hin. dass durch die
Störung der gegenseitigen Spannungsverhältnisse der Muskulatur die
Myostatik schwer gestört werde, und gab daher dem gesamten Syn¬
drom dieser Art von Tonusstörungen den Namen des „amyostatischen
Symptomenkomplexes“. Des weiteren wies er darauf hin. dass ursäch¬
lich an dem Zustandekommen des amyoslatischen Symptomenkomplexes
niemals die Pyramidenbahnen beteiligt seien, sondern dass das sogen,
„extrapvramidale System“ in irgendeiner Weise erkrankt sein muss.
In den amyostastischen Symptomenkomplex gingen an be¬
sonderen K r an k h e i t e n ein die Wilson sehe Lentikulardegenera-
tion, die wohl nahezu identisch ist mit der Pseudosklerose Strüm¬
pells, und die Paralysis agitans (Parkinson). Dann aber kamen
hinzu all die als Zustands bi 1 d e r diesen umschriebenen
Erkrankungen ähnlichen Syndrome, wie wir sie jetzt so
häufig nach Grippe — besonders in Parkinson-ähnlichen Bildern —
sehen, und wie sie sonst auch gelegentlich zur Beobachtung kommen bei
Gehirnarteriosklerose und seniler Demenz, bei multipler Sklerose, bei
Tumor cerebri, ja auch bei Paralyse und Epilepsie und anderen organi¬
schen Störungen des Gehirns [Ste. rtz2)l. Ihnen allen sind die be¬
sonderen Tonusstörungen — die von den Pyramidenspasmen grundsätz¬
lich verschieden sind — mit ihrer Störung der Myostatik eigen, nur dass
die Zustandsbilder ätiologisch und nach ihrem Verlauf (Längsschnitt)
anders erscheinen, vielfach auch, der Natur des Grundleidens ent¬
sprechend, sich mit Pyramidenerscheinungen (z. B. Babinski) oder spe¬
zifischen psychischen Erscheinungen (z. B. paralytischer Demenz)
paaren.
Die genannten Erkrankungen (Wilson, Parkinson) zeigten
pathologisch-anatomisch umschriebene Veränderungen im Linsenkern
J) v. S t r ü in d e 1 1 : D. Zschr. f. Nervhlkd. 1915. Neurol. Zbl. 1920 Nr. 1.
-) Stertz: Der extrapvramidale Symptomenkomplex (das dystonisclie
Syndrom). Berlin, Karger, 1921,
bzw. Corpus striatum; auch die zur Sektion kommenden, unter dem U
des amyostatischen Symptomenkomplexes verlaufenden anderen or -
nischen Nervenkrankheiten (Enzephalitis, Tumoren usw.) ergaben
änderungen im Corpus striatum. Allein auch andere, scheinbar von
bisher erwähnten hypertonischen Krankheiten grundsätzlich verscU
dene Störungen zeigten pathologisch-anatomisch ebenfalls V erän -
rungen im striären System, z. B. Athetosis duplex und I orsionsspasn-.
Am auffallendsten musste das erscheinen bei der Chorea mit ihrer a
gesprochenen Hypotonie, den schleudernden, blitzartigen, bei der Hu
t i n g t o n sehen Form allerdings etwas langsameren, immerhin a
ausfahrenden Bewegungen.
Es war daher nicht unwahrscheinlich, dass auch klinisch di
Formen gewisse Beziehungen zueinander haben würden. So w<
Stertz (1. c.) darauf hin, dass trotz der grossen Verschiedenhei
— „Rigidität ist mit Chorea überhaupt nicht vereinbar“ — etwas i
meinsames sich finde in dem auch bei Choreatischen nicht selten
beobachtenden erschwerten Ingangkommen gewollter Innervatio
und endlich der dem choreatischen und athetotischen Syndrom geim
samen Neigung zu Mitbewegungen. Die extrapyramidalen Störur
erschöpfen sich also nicht mit dem amyostatischen Symptomenki
plex; Stertz (1. c.) fasst sie alle zusammen unter dem Namen
„dystonischen Syndrom s“, in dem dann sowohl der am
statische Symptomenkomplex Strümpells (Stertz’ akineti:
hypertonisches Syndrom), das spastisch-athetotische Syndrom, zu <
Torsionsspasmus und Athetosis duplex zu rechnen sind (Stertz),
auch das choreatische Syndrom ihren Platz finden.
Die Verschiedenheiten in der Erkrankungslokalisation innerhalb
extrapyramidalen Systems erklärt dann das Zustandekommen der
schiedenen Zustandsbilder (Syndrome). Das extrapyramidale Sys
umfasst ja nicht nur die Gebiete des Corpus striatum, es kommen
Störungen vom Charakter des dystonischen Syndroms auch die zum
vom Striatum führenden Bahnen in Betracht, also Nucleus .denta
Bindearme, roter Kern, Regio hypothalamica und Thalamus. Erk
kungen innerhalb dieses gesamten Gebietes können dystonische
scheinungen hervorrufen; durch Reizung oder Enthemmung entsteht
kontinuierlicher Erregung Rigidität oder Atome, bei diskontinuierln
Tremor. Athetose. mobile Spasmen. Myoklonie oder endlich schleudc
choreatische Unruhe (Stert z).
Es kann nicht wundernehmen, dass angesichts dieser engen
sammenhänge Uebergänge aller Art Vorkommen. _ So scheinen e
Beziehungen zu bestehen zwischen Wilson und Torsionsspasmus. Di
gehört aber schon in das spastisch-athctotische Syndrom hinein, und
Bewegungen einer Athetosis duplex sind mitunter wieder nicht n
scharf abgrenzbar von denen einer Huntington sehen Chorea, d1
symptomatologische Verwandtschaft mit der Chorea minor ihren Ausd
im gemeinsamen Namen findet. So klärt sich der Widerspruch, der fr
manchem Zweifler ein Lächeln entlocken mochte, dass hypertonische
krankungsformen vom Charakter eines Parkinson oder Wilson mit i
Bewegungserschwerung, ja Erstarrung, und die extrem hypotoni1
Chorea mit ihrem schleudernden Bewegungsüberschuss ähnlich lo!
siert und klinisch eng zusammengehörende Krankheiten sein sollten
sind dystonische Syndrome bei Erkrankung des extrapyramk
Systems, die rigiden Formen wohl im engeren Sinne striäre Erk
kungen, die hypotonischen mehr in Richtung des afferenten Syst
(Kleinhirn-Bindearm-Thalamus) gelegen.
Aber nicht nur das aktuelle Interesse, das diese Symptom
komplexe als Folgezustände der Grippeenzephalitis bekorri
haben, rechtfertigt ihre Behandlung vor einem breiteren Forum als
exklusiv neurologischen. Es liegt im Interesse der Allgemeinheit,
auch die relativ seltenen echten Erkrankungen, wie Wilson,
tosis duplex, Torsionsspasmus und Myoklonie immer besser umsc
ben und erkannt werden. Es unterliegt mir nun keinem Zweifel,
gar nicht so wenig Fälle dieser Erkrankungen dem Neurologen h
überhaupt nicht zu Gesichte kommen, weil sie zeitlebens unter
Flagge eines universellen Tick, eines Tortikollis usw. segeln, c
hysterische Natur nach früherer Ansicht stets zu Recht zu best
schien. Paralysis agitans und Huntington sehe Chorea wurden
noch nicht allzulanger Zeit als Neurosen aufgefasst, der Torsionsspa:
wurde in den ersten Beschreibungen [Schwalbe 1908 3). Zie
191Q 4)1 aufgefasst als „tonische Torsionsneurose“, die zwar nicht d
hysterischen Charakters sei, aber doch Beziehungen _ zur Hysterie
sitzen sollte. Die Myoklonie gilt heute noch vielfach als Neu
während uns gerade die' myoklonische Form der Grippeenzephalitis
zeigt hat, dass eine zentrale organische Grundlage dieser Erkran
sehr wohl denkbar ist. Fügen wir noch hinzu, dass selbst isol
Ticks, ein Fazialis- oder Akzessoriustick, als Reste einer Enzeph
bestehen bleiben können, so dürfte es wohl einleuchten, dass mar
der psychogen-hysterischen Deutung hartnäckiger sog. Neurosen
Charakter der „Torsionsneurose“, des „Tortikollis“ und manchen
verseilen Ticks nicht immer das Richtige getroffen hat.
Im folgenden soll daher ein Fall von Torsionsspasmus mitg
werden der von zahllosen Aerzten als hartnäckige psychogen-hyster
Störung aufgefasst wurde, dessen organische Grundlage für mich
ausser Zweifel steht, wenn auch über die Zugehörigkeit zu der
schriebenen, wahrscheinlich endogenen Erkrankung des Torsions
mus diskutiert werden könnte5).
5) W. Schwalbe: Inaug.-Diss. Berlin 1908.
’) Ziehen: Sitzung des psychiatr. Vereins Berlin 1910.
5) Ich verdanke den Fall der Güte des Direktors der medizinischen
Erlangen, Herrn Prof. Dr, L. R. Müller.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WÖCHENSCHR1FT.
2*5
Februar 1922.
Gl. Josef. 32 Jahre, arischer- Abstammung, Schreinpreiinhaber.
Faniilienanamnese ohne jede Besonderheit. Pat. ist der Jüngste von
Geschwistern, von denen 2 verstorben. Normale Geburt, keine Kinder-
| iimpfe, kein Bettnässen, keine Kinderkrankheiten, keine auffallenden psycho-
thischen Züge. Lernte durchschnittlich, war aber von Jugend auf
nkser. Lernte jedoch gut mit der rechten Hand zu schreiben. Im
ter von 9 Jahren (1898) bemerkte er und auch der Lehrer, dass er mit
r rechten Hand nicht mehr die freie Beweglichkeit hatte wie früher. Er
lsste die rechte Hand beim Schreiben sehr fest auflegen und oft mit
r linken Hand nachhelfen, damit die Schreibbewegungen richtig heraus¬
men. Vom Arzte wurde er als ,, Rheumatiker“ mit heissen Bädern und
ektrizität erfolglos behandelt. Ganz langsam, im Laufe von Jahren, traten
nn unwillkürliche Bewegungen auf; es zog ihm den rechten Arm beim
hen immer vor den Körper, schliesslich traten unwillkürliche Beuge- und
eckbewegungen im ganzen Arm und der Hand auf, gleichzeitig Bewegungen,
i denen es ihm den ganzen Arm nach innen drehte. Er musste nunmehr
!es mit der linken Hand machen, schrieb links, wurde sogar in seinem
! Jahr (1908) Schreiber beim Magistrat. Nach einigen Jahren gab er
:se Stelle auf und beschäftigte sich, die Mutter nach dem Tode seines
ters unterstützend, in der Möbelschreinerei der Mutter mit Anstreicher-
neiten. Im März 1915 nahmen die Bewegungen im rechten Arm an
ensität zu, der Arm zog sich ihm fortwährend nach vorn über den Körper,
bekam, ein Druckgefühl und Reissen auch im linken Arm, auch Zucken
beiden Armen. Er fühlte sich allgemein abgeschlagen und ermüdete leicht
i anstrengender Arbeit; doch konnte er immer noch mit der linken Hand
ihändig Linien ziehen. Erst im Februar 1916 bemerkte er im linken Arm
; der Arbeit mitunter ausfahrende Bewegungen, so dass er den Pinsel aus
r Hand verlor. Wenn er mit Löffel oder Glas zum Munde fuhr, geriet
leicht daneben und verschüttete. Bei Aufregung nahm die Unsicherheit
. und er bekam „zitternde Krämpfe“. Er konnte jetzt nur noch ganz
liecht mit der linken Hand schreiben, wenn er gleichzeitig mit aufliegendem
enbogen die rechte Hand zur Fixation herbeizog. Mitunter bestanden auch
den Waden, besonders links, drückende und reissende Schmerzen. Nun-
■hr stellte er Antrag auf Invalidisierung, erhielt auch eine Rente. Die
itachtendiagnosen lauteten übereinstimmend „ungewöhnliche Krampferschei¬
ngen auf hysterischer Grundlage“. Da er dringend um Behandlung bat.
liess man ihn orthopädisch und in Bädern behandeln, ohne einen nennens-
rten Erfolg. Ende 1917 ging auch ein Zucken im Kopf los, es riss ihm
js Gesicht immer nach der rechten Seite. Sommer 1918 hatte er bereits
I ien richtigen Schiefhals, das Gesicht drehte sich fortwährend nach rechts,
i endlich von seinem Leiden befreit zu werden, begab er sich auf eigene
I sten in chirurgische Behandlung, da man ihm sagte, es bestehe eine
psse Wahrscheinlichkeit, dass durch ausgedehnte Muskeldurchschneidung
n Leiden geheilt werde. Am 3. X. 1918 wurde eine ausgedehnte Muskel-
jrchschneidung hinter dem linken Ohr vorgenommen. Gl. lag 5 Wochen in
ps, der Kopf stand zunächst gerade, aber es traten gleich wieder starke
jckungen auf. Er hing dann längere Zeit regelmässig in der Glisson-
jien Schlinge, aber die Zuckungen Hessen nicht nach, so dass im Jahre 1919
j ei weitere Durchschneidungen hinter dem rechten Ohre vorgenommen
rden mussten. Der anfänglich scheinbare leichte Erfolg war nach wenigen
pchen wieder verschwunden. Gl. gab jetzt um Heilbehandlung bei der
Irsicherung ein; er wollte seine Invalidenrente für die Dauer des Heilver-
rens abtreten und bot gleicherweise seinen Verzicht auf das Hausgeld für
ne Angehörigen an: „Ich möchte gesund werden“. Mehrere Aerzte gaben
der Annahme, dass es sich um eine Neurose bzw. hysterische Störung
idle, auf Befragen an. eine Suggestivbehandlung würde bei der Jugendlich-
t des Mannes und bei seinem ausgesprochenen Willen zur Gesundung
ssicht auf Besserung bieten. So kam Gl. in die medizinische Klinik Er¬
lgen, wo ich ihn zu untersuchen Gelegenheit hatte.
Zur Vorgeschichte gibt er noch an, dass er körperlich (abgesehen von
em Tripper 1912) nie krank war, nie an Kopfschmerzen oder Schwindel-
ällen litt. Sehvermögen stets gut, nie Beschwerden beim Wasserlassen,
r Schlaf ist gut, die Bewegungen hören im Schlaf auf. Auch wenn er
:hts aufwache, ruhig liegen bleibe und nicht an die Bewegungen denke,
j könne er gut wieder einschlafen. Er war kein Trinker und kein Raucher,
- seit 4 Jahren verheiratet, die Frau, sowie 3 Kinder sind ebenfalls gesund,
it 1917 hat er nicht mehr gearbeitet, versieht nur die Aufsicht in seinem
1 schäft.
Befund: Mittelgross, kräftig, entsprechend genährt. Muskulatur
prall sehr gut entwickelt. Innere Organe völlig normal, die Schilddrüse
ht vergrössert. Urin frei von Zucker, Eiweiss und Urobilinogen. Pupillen
llig normal, kein Nystagmus, auch von seiten der übrigen Hirnnerven kein
linkhafter Befund. Kein Kornealring, kein Chvostek. Patient trägt für ge-
hnlicli ein Stützkorsett mit einer festmontierten Kopflehne, gegen die er den
ipf gepresst hält. Zur Zeit kann er das Korsett nicht immer tragen, da
ih infolge Scheuerns am Hinterkopf ein Ekzem entwickelt hat.
Der Kranke kann nur wenige Augenblicke unter Anspannung aller Kräfte
,iig stehen; dann beginnt plötzlich eine ruckweise Anspannung des linken,
unter auch des rechten Sternokleido, das Gesicht dreht sich nach rechts
i oben, der ganze Körper kommt in Bewegung, scheint sich dem Gesicht
didrehen zu wollen, schiebt sich nach rechts vorn (Vogel-Strauss-Stellung),
hrend die rechte und etwas auch die linke Gesichtshälfte in zuckende Mit-
'vegungen verfällt, als ob er Schmerzen hätte, was aber verneint wird,
iichzeitig setzen Spannungen im rechten Arm ein, es zieht ihm den ge¬
eckten Arm unter kräftiger Anspannung des Pektoralis schräg über Brust
d Bauch, mitunter auch rechts hinter den übrigen Körper. Die Finger
gen leichte athetoide, langsame Ueberdelmiingen. Bald wieder wird der
:eps kontrahiert und die Finger krallen sich zusammen. Einige Sekunden
ien die vertrakten Stellungen an, dann lösen sich die Spannungen, der
Pt kehrt in die Ruhelage zurück, der Arm sinkt völlig schlaff herab; nach
nigeti Sekunden beginnt das Spiel von neuem. Der Kranke ist beständig
drebt, eine gewisse Ruhelage einzunehmen. Er hält den Kopf mit dahinter
'krampften Händen fixiert, sucht so gleichzeitig Arme und Kopf ruhig zu
hen. Allein auch dann entgleitet ihm der Kopf noch oft genug, und
nn nicht, so sieht man doch die plötzlich sich anspannenden Muskelwülste
Hals und Arm sich vorwölben. Mitunter hält er auch, den Kopf nur mit
r Huken Hand fixierend, den rechten Arm auf den Rücken gepresst. In
Ruhelage und im Sitzen lassen alle Bewegungen stark nach, beim Gehen
insbesondere bei jeder psychischen Aufregung werden sie heftiger und
r häufig (alle 10 — 15 Sekunden und öfter). Die rechte Schulter stellt
gewöhnlich etwas höher wie die linke.
Im einzelnen wurde folgendes festgestellt: Augenmuskeln und Augenlider
beteiligen sich gar nicht an der Unruhe, die Zunge wird gerade heraus¬
gestreckt, zuckt nicht. Stirnrunzeln und Grimassieren im Sinne von
Schmerzverziehungen sind häufig, aber nicht immer vorhanden. An den Kopf¬
drehungen ist in Überwiegendem Masse der linke Sternokleido beteiligt,
seltener der rechte. Die Bewegungsunruhe ist am grössten im rechten Arm,
wo bald der Bizeps, bald der Trizeps mit einem plötzlichen Ruck vorüber¬
gehend in Spannung geraten. Die Hand wird immer proniert gehalten. Es
besteht dauernd eine mässige Pronationskontraktur, die nur mit grösster Kraft¬
entfaltung bis zu nicht ganz extremer Supination passiv überwunden werden
kann; sobald man loslässt, schnellt der Arm in Pronationsstellung zurück.
Solange keine mobilen Spasmen bestehen, zeigt der ganze
Arm eine hochgradige Hypotonie. Alle Hantierungen gelingen
ohne Mühe. Bei Aufforderung an die Nase zu fassen, fährt er mit dem Hand¬
rücken an den rechten Backen, den Arm aufs stärkste pronierend, und rollt
dann, die Hand etwas supinierend. die Finger zur Nasenspitze. Die Intervalle,
in denen die mobilen Spasmen auftreten, sind ganz wechselnd. Bald kommen
sie nur alle 10 — 15 Sekunden, bald in heftiger Folge. Mitunter kommt es vor,
dass zwischen Dorsal- und Plantarflexion der rechten Hand ein Wechsel von
beinahe tremorartiger Schnelligkeit auftritt. Die athetoiden Fingerbewegungen
wurden bereits erwähnt. Die mobilen Spasmen setzen mit einem plötzlichen
Ruck ein, so dass die Bewegungen etwas schleuderndes, zunächst an Chorea
erinnerndes bekommen, nur dass dann eine tonische Anspannung von mehreren
Sekunden folgt.
Der linke Arm wird für gewöhnlich ruhig gehalten und willkürlich völlig
beherrscht, es besteht ausgesprochene Hypotonie, nur bei intendierten Be¬
wegungen tritt ein choreatisch-schleuderndes Ueberszielhinausschiessen sehr
deutlich in Erscheinung. Mit der rechten Hand kann er fast gar nicht mehr
schreiben, mit der linken Hand ausserordentlich schlecht. Die Schriftzüge
sind hochgradig zitterig, man kann aber das Geschriebene noch entziffern.
Von den Brustmuskeln beteiligt sich der rechte Pektoralis am aus¬
giebigsten an den mobilen Spasmen; fortwährend führt er den Arm einmal
über den Körper hinweg. Im Gegensatz dazu zieht aber auch der Latissimus
dorsi den Arm gelegentlich in mobilem Spasmus nach hinten und innen. Auch
der Kukullaris ist an den Spasmen vielfach beteiligt. In den Bauchmuskeln
bemerkt man besonders rechts ein beständiges, an myoklonisches, nur langsam
verlaufendes Zucken erinnerndes Wogen; die rechte Bauchmuskulatur scheint
gegen links etwas hypertonisch (oder die linke hypotonisch?).
Die Beine sind vollkommen frei von Bewegungserscheinungen, ganz selten
eine leichte unwillkürliche Kontraktion in den Adduktoren oder im Quadrizeps,
auch im Sartorius; ganz selten in den Zehen. Der Gang ist dementsprechend
ruhig und sicher. Er geht langsam und vorsichtig, in der Erkenntnis, dass
schnelles Gehen eine starke Vermehrung der mobilen Spasmen in der oberen
Körperhälfte erzeugt. Befallen ihn solche, dann bleibt er stehen, kommt dabei
oft in die eigentümlich nach rechts und vorn gebeugte Vogel-Strauss-Stellung,
und wartet die Erschlaffung der Muskeln ab.
Lähmungen bestehen nirgends; wenn nicht durch die mobilen Spasmen
gehindert, kann er allen Anforderungen zu beliebigen Bewegungen Folge
leisten. Die Kraft ist nicht vermindert. Die Sensibilität ist völlig intakt.
Schmerzen bestehen nicht, nur wenn sich der Sternokleido. was mitunter
vorkommt, in fast tetanischer Stärke kontrahiert, dann besteht leichter
Krampfschmerz, nur hin und wieder ein drückendes Gefühl in den Armen.
Abends vor dem Einschlafen will er mitunter ein unangenehmes Rucken und
Zucken in den Beinen verspüren, und fragt daher besorgt, ob das Leiden wohl
auch noch auf die Beine übergreifen könne. Die Reflexe sind in normaler
Stärke auslösbar, die Armreflexe vielleicht etwas gering; auch der rechte
Bauchdeckenreflex ist etwas geringer als der linke. Babinski, Mendel,
Rossolimo, Oppenheim negativ. Adiadochokinese ist rechts bei Plantar- und
Dorsalflexion der Hand nur angedeutet, bei Pro- und Supination wegen der
Kontraktur nicht zu prüfen, bei Oberarmbeugung und -Streckung sehr deutlich.
Elektrisch ist alles normal, auch keine myotonische Reaktion.
Die Wassermann sehe Reaktion im Blut war negativ. Punktiert
wurde nicht.
Psychisch: Die Intelligenz ist vollkommen erhalten. Pat. hat sich mit
seinem Leiden resigniert abgefunden, hat keine Hoffnung auf Heilung mehr.
In Gesellschaft kann er auch fröhlich und gesprächig sein.
Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: Bei einem erblich
nicht belasteten Jungen arischer Abkunft traten im Alter von 9 Jahren
unwillkürliche Bewegungsstörungen in der rechten Hand auf, die im
Laufe von Jahren' auch auf den rechten Arm übergingen, und den
Charakter mobiler Spasmen trugen, während in den spannungsfreien
Intervallen Hypotonie bestand. Mit ca. 18 Jahren war die Störung,
die jeder Behandlung trotzte, so stark, dass der Kranke mit dem rechten
Arm nichts mehr arbeiten konnte. Fast unmerklich nahm das Leiden
zu, bis mit 25 Jahren wieder ein stärkerer Schub einsetzte, mit
26 Jahren wurde auch der linke Arm befallen, aber nur durch Be¬
wegungsstörungen choreatischen Charakters, mit 27 Jahren traten
mobile Spasmen in der Halsmuskulatur hinzu, vorwiegend auf der linken,
etwas auch auf der rechten Seite. Ein daraus resultierender Schiefhals
war auch operativ nicht beeinflussbar. Zur Zeit der Untersuchung ist
der Kranke 32 Jahre, in fast ununterbrochener Bewegung, die nur im
Schlaf sistiert. Befallen sind der rechte Arm und die Halsmuskulatur
links wie rechts von plötzlich einsetzenden, einige Sekunden an¬
dauernden mobilen Spasmen bei Hypotonie in der Ruhe, der Körper
macht vielfach torquierende Bewegungen nach rechts, als ob der Kranke
seinem nach oben und rechts gekehrten Gesicht nacheilen wollte; die
Torsion wird nahezu vollkommen, wenn es ihm dabei den rechten Arm
nach dem Rücken zieht, wird etwas verdeckt, w'enn der Pektoralis in
mobilem Spasmus den Arm nach vorn über den Bauch führt. Die Beine
sind nicht beteiligt, der linke Arm nur in Form einer choreatischen Un¬
ruhe. Am rechten Arm sind die Störungen proximal stärker, als distal;
doch fehlen athetoide Fingerbewegungen nicht. Keinerlei Pyramiden¬
symptome, gut erhaltene Intelligenz. Keine Schmerzen, nur mitunter
im Sternokleido etwas Krampfschmerz, in anderen Muskeln unbestimm¬
tes Rucken und Zucken und Drücken, das nicht als Schmerz bezeichnet
wird.
266
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
Mendel8) hat vor 2 Jahren die bis dahin veröffentlichten 33 Fäl e
von Torsionsspasmus monographisch zusammengestellt; mittlerweile
sind einige w’eitere hinzugekommen; der vorliegende Fall hat mit den
bisher veröffentlichten Fällen — und mit einem von mir an der Bon-
h o e f f e r sehen Klinik gesehenen — in wesentlichen Punkten eine so
ausserordentliche Aehnlichkeit, dass ich ihn trotz mancher Verschieden¬
heiten nur als Torsionsspasmus deuten kann.
Dass unser Kranker Arier ist, spielt angesichts der sich mehrenden
nichtsemitischen Fälle keine Rolle mehr. Von familiärer und erblichet
Belastung und sonstiger Aetiologie ist bei ihm, wie bei den meisten
anderen Fällen \on Torsionsspasmus, nichts bekannt. Der Beginn der
Erkrankung wird in das 7. bis 19. Lebensjahr datiert, unser Patient er¬
krankte im Alter von 9 Jahren. In den Fällen, in denen das Leiden an
der oberen Extremität entstand, wurde, wie bei unserem Kranken, zu¬
erst Ungeschicklichkeit, Steifheit der Hand usw. beobachtet, die dann
ganz allmählich Zunahmen. Psyche, Intelligenz, Sprache, Ernährungs¬
zustand bleiben die ganze Krankheit hindurch unverändert, die Kranken
finden sich bei längerem Bestehen des Leidens „geduldig und in philo¬
sophischer Ruhe mit demselben ab. sie sind dann guter Stimmung, auch
heiter, liebenswürdig und zeigen kritisches Urteil in bezug auf ihre
Krankheit“; nicht anders der vorstehende Kranke. Die Hirnnerven wur¬
den, wie auch hier, übereinstimmend als intakt angegeben. Nicht ge¬
wöhnlich ist das bei unserem Kranken beobachtete Grimassieren, das
eigentlich der Athetosis duplex eigen ist, und die starke Beteiligung
der Halsmuskulatur. Auf beide Erscheinungen werden wir noch zu
sprechen kommen. Die dystonische Störung an sich trug aber durchaus
den Charakter des Torsionsspasmus, den ausgesprochenen Wechsel der
mobilen, ruckweise cinsetzenden Spasmen von einigen Sekunden Dauer,
die dann einer sehr deutlichen Hypotonie der erschlafften Muskulatur
Platz machen. Auch fand sich keine Spur von Parese in der hyper-
bzw. hypotonischen Muskulatur bei Widerstandsbewegungen, wohl aber
ein Gefühl subjektiver Schwäche und Ermüdbarkeit, keine Veränderung
in der elektrischen Erregbarkeit der Muskeln.
Die unwillkürlichen Bewegungen trugen durchaus den Charakter
der gemischt choreatisch-athetotisch-tickartigen Störungen, besonders
aber zeigten sie auch den eigentümlich ziehenden und drehenden Typ,
„wurmartig und schlangenförmig11, zwecklos, bizarr und grotesk, so dass
sie manchmal geradezu komisch wirken konnten. Dabei schien es mit¬
unter, als ob der Kranke bestrebt sei, den unwillkürlichen, bizzaren
Bewegungen durch einzelne Ergänzungsbewegungen eine Motivierung
zu verleihen, so wenn er den nach rechts hinten zurückgezogenen Arm
mit der linken Hand hinter dem Rücken ergriff, und nun scheinbar ab¬
sichtlich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen marschierte. Viel¬
fach handelte es sich aber dabei um das Einnehmen einer Art Ruhe¬
stellung, wie sie für Torsionsspastische beschrieben wird. So ging
unser Kranker am liebsten mit hinter dem Kopf gefalteten Händen, oder
wenn er seinen den Kopf fixierenden Apparat trug, mit auf dem Rücken
verkrampften Armen, oder die Arme straff vor die Brust gepresst. In
charakteristischer Weise war der proximale Teil des rechten Armes
erheblich stärker beteiligt, als der distale; am meisten beteiligt _ sind
auch die in der Literatur hiefiir bezeichneten Mm. pectoralis, biceps
und Hand- und Fingerstrecker, aber auch der Triceps, die Pronatoren
und die Beuger rm Vorderarm, dann allerdings in sehr erheblichem
Maasse auch die Sterokleidomastoidei. wie dies F 1 a t e u in seinem kürz¬
lich mitgeteilten Fall beschreibt, der ja auch wegen seines „Tortikollis“
mit Gipskorsett und Operation vergeblich behandelt wurde. Recht
charakteristisch ist auch die Art. wie der Kranke den Finger-Nasenver-
such ausführt; er erinnert sehr stark an den von Fla tau -Sterling
publizierten Fall. Auffallend ist endlich das Freibleiben der Beine, das
nicht gewöhnlich ist. Mari hat den Eindruck, als ob das klassische Bild
des Torsionsspasmus bei unserem Kranken einfach nach oben etwas
verschoben sei; die Beine sind frei, dafür ist der Hals mit befallen. So
erklärt sich auch, dass die Verbiegung der Wirbelsäule, wie sie be¬
schrieben wird, bei unserem Kranken nicht recht ausgesprochen ist,
es nicht allzuhäufig zu der „Vogel-Strauss-Stellung“ kommt. Das Becken
steht bei ihm nicht schief: dafür ist aber die rechte Schulter für gewöhn¬
lich höher gezogen als die linke. Die Zunahme der Bewegungen bei
Gemütsbewegungen und im Gehen war sehr deutlich, wie es auch in der
Literatur immer wieder berichtet wird; Suggestivbehandlung erzielte nur
für ganz kurze Zeit, höchstens einige Stunden, einen ganz leichten Er¬
folg. Im Liegen Hessen die Bewegungen, wie es bisher schon über¬
einstimmend geschildert wurde, nach, und hörten im Schlaf vollkommen
auf. eine Erscheinung, die man zur Unterscheidung von der Athetosis
duplex herangezogen hat. Die inneren Organe waren völlig gesund, der
Blut- Wassermann negativ, von einer Lebererkrankung nichts nachweis¬
bar, das C h v o s t e k sehe Zeichen fehlte.
Als „negative Zeichen“ führt Mendel in seiner Zusammenfassung
folgendes an: „Nie Lähmungen, keine Atrophien, keine Sphinkter-
störungen, keine Störungen der Intelligenz und Psyche, keine Zeichen
eines organischen Nervenleidens, insbesondere keine Pyramidenzeichen,
kein Kornealring. keine Leberveränderungen, meist keine elektrischen
Veränderungen, keine Sensibilitätsstörungen, keine Schmerzen, höchstens
Krampf- und Spannungsgefühl. Alles dies trifft in einwandfreier Weise
auf unseren Fall zu.
Als atypisch ist in unserem Falle zu bezeichnen das Fehlen mobiler
Spasmen in den unteren Extremitäten, das übrigens noch kommen
könnte, dann das starke Pefallensein der Halsmuskulatur, und endlich
das Grimassieren, das, wenn auch nur massig stark, so doch zweifellos
vorhanden war, und endlich die choreatische Störung im linken Ar
Sollten diese Atypien uns nun abhalten, den Fall zum 1 orsionsspasir
zu rechnen? Oder handelt es sich vielleicht um das Zustandsbild eii
Torsionsspasmus bei einer ganz anderen Erkrankung? Die Hyste
dürfen wir hier sicherlich ausschliessen; es fehlt jedes, aber auch jei
psychogen wirksame Moment in der Anamnese, die beharrliche P
gredienz des Leidens bei stetig wirkendem Bestreben, von der Krai
heit loszukommen — wenn man überhaupt jemanden ein solches 1
streben glauben will, so musste man es bei unserem Kranken glaub
der sich auf eigene Kosten in operative Behandlung begab, als ihm
Kasse wegen Aussichtslosigkeit die Behandlungskosten verweigi
wollte — , die völlige Erfolglosigkeit aller therapeutischen Versui
sprechen eine zu eindeutige Sprache. Die vorübergehende Beh<
schung der Bewegungsunruhe nach suggestiven Prozeduren, das ,
rückgehen der Erscheinungen bei Aufmerksamkeitsablenkung und ;
Aufhören der Bewegungen im Schlaf, auf der anderen Seite die ,
nähme der Unruhe bei Emotionen und bei Zuwendung der Aufmerks:
keit verführen zu gern immer wieder zur Annahme einer psychogei
Störung; und doch finde» wir diese Merkmale gerade nicht nur b«
Torsionsspasmus, sondern auch bei anderen extrapyramidalen, dys
nischen Erkrankungen, wie z. B. bei der Paralysis agitans und bei
Chorea. Aber könnte es sich in unserem Falle nicht um einen enzep
litischen Prozess handeln, der in Schüben verläuft? Der erste kön
schon ante partum gelegen sein; daher die Linkshändigkeit;
zweiter könnte dann im 9. Lebensjahr eingesetzt haben, der zu
Störung in der rechten Hand und dem rechten Arm führte, ein dri
konnte im 25. Lebensjahr zur choreatischen Unruhe des linken Ari
und im 26. zu den Störungen in der Halsmuskulatur führen. Es isi
gewiss auffallend, dass unser Kranker erst in höherem Lebensa
solch deutlichen schubweisen Fortschritt seines Leidens zeigt; aber
sicherlich dauernde, ganz langsame Fortschreiten, zwischendurch
einer Art leichter Remissionen unterbrochen, möchte mich doch
der Annahme eines enzephalitischen Prozesses abhalten; ich me
dass wir es mit einem Fall von autochthoner Degenerationserkrank
zu tun haben, der als Torsionsdystonie dem Torsionsspasmus zuzuzäl
ist. Den letzten Entscheid könnte erst die Sektion bringen, auf
wir wahrscheinlich vergebens warten werden1, da der Patient in si
Heimat zurückgekehrt ist.
Nun scheint mir an dem vorliegenden Fall noch von Intere
dass er sehr starke Beziehungen zur Athetosis duplex, und nameni
zur Chorea hat. An die Athetose erinnert das für den Torsionsspas
ungewöhnliche Grimassieren, das bei uns aber, im Gegensatz zur A
tose, im Schlaf schwindet; auch finden wir entgegen der Athetose
proximalen Giiedabschnitte stärker befallen, als die distalen, in di«
aber wieder athetoide Fingerüberstreckungen. Besonders auffallenc
jedoch das Bestehen einer rein choreatischen' Bewegungsstörung
linken Arm, der bei ausgesprochener Hypotonie das Charakteristik
Ansfahren und Ueberszielhinausschiessen (es schleudert ihm den Piu
bei der Arbeit aus der Handi) der Chorea zeigt. Wir sehen hier nell
einander am selben Organismus gleichsam zwei verschiedene For
von Heredodegeneration. einen Uebergangsfal! von 1 orsionsspasmu
Chorea, wie mpn ihn sich besser kaum denken kann, hervorger
sicherlich durch die Eigenart der Lokalisation des Prozesses. Es
dies ein neuer Beweis für das enge Zusammengehören all dieser
tonischen Störungen, der hyperkinetisch-akinetischen (arayostoE'c
mit den athetotischen und den choreatischen, wie es von Ste
kürzlich bei der Aufstellung des dystonischen Syndroms befiirwc
wurde. Das Freibleiben der unteren Extremitäten und das spätere
fallenwerden der Halsmuskulatur aber kann von neuem hinweisen
die von C. Vogt vertretene streng topische Lokalisation nach G
abschnitten auch im striären System. Die Störung bei unserem Krai
liegt mehr in die vorderen Teile des Striatum hinein (ohne die Zen
für Schlucken und Kauen mit zu ergreifen), erstreckt sich aber ig
so weit nach hinten, dass die Beine mit ergriffen wären. Deshalle
scheint das torsionsspastische Bild klinisch etwas nach oben versehet
Mag man mm im vorliegenden Fall einen echten Torsionsspasp
annehmen, wozu ich neige, oder nicht, die Paarung der mobilspastisl
Erscheinungen mit den choreatischen der anderen Seite schien mi|i
Hinblick auf die Frage der Berechtigung eines umfassenden dystonisj*
Syndroms nach S t e r t z (1. c.) bemerkenswert genug, um die Mitte i
des Falles zu rechtfertigen.
Aus der Universitäts-Frauenklinik Würzburg.
(Direktor; Geh.-Rat Prof. Dr. M. Hof m eie r.)
Gynergen, ein neues Mittel zur Bekämpfung dei
Atonia uteri*).
Von Dr. Karl Böwing, Assistent der Klinik.
Vor einem Jahre erlebte ich einen Todesfall in der PlazeS
Periode durch Verblutung. Es handelte sich um eine II-p. mit Plau
accreta und ausgesprochenem Status thymico-lymphaticus, wie«
Sektion zeigte. Jedenfalls ging die Frau an einer schweren atonia
Nachblutung zu Grunde. Das ist für den Geburtshelfer zweifelloi
seltenes unglückliches Ereignis, und so veranlasst«' mich dieser '<
meine ganze Aufmerksamkeit auf die Mittel resp. die Methoden zu-
*) Itn Auszug vorgetragen auf dem Oynäkologenkongress in Nti'rnf
1 Dezember 1921.
*■) Mschr. f. Psycli. u. Neurol. 1919, 46.
L Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
26?
jn, mit denen man einer schweren atonischen Blutung: Herr werden
tnn. In den Lehrbüchern der Geburtshilfe ist im allgemeinen die
herapie der Post-partum-Blutungen ziemlich kurz behandelt. Das er-
ärt sich wohl daraus, dass eine wirklich lebensgefährliche Blutung
der Nachgeburtsperiode nicht häufig, jedenfalls dass eine tödliche
lutung eine grosse Seltenheit ist. Aber sie kommen vor, und sichel¬
nd schwerere Blutungen, die die Frauen für längere Zeit ernstlich
idend machen, in der Nachgeburtsperiode trotz sachgemässer Be-
iridlung gar nicht so selten. Wir sahen z. B. auf 100 Geburten 3 — 4
mnens werte Blutungen durch Atonia uteri; Hof statt er [9] be-
■chnete aus Zusammenstellungen an der Wiener Klinik unter 32 000
eburten auf 100 Geburten 1 — 2 nennenswerte atonische Nachblutun-
.ii. Unter 10 000 Geburten sah er 4 Todesfälle und 44 Fälle, bei denen
; Blutstillung grössere Schwierigkeiten bereitete. — Sind die Kontrak-
men des Uterus in ihrer Intensität und ihrer Frequenz zu gering, so
utet es schon bei liegender Plazenta entsprechend dem Grad der
ilweisen Lösung der Plazenta und der mehr oder minder erfolgten
etraktion der Uterusmuskelfasern. Nun soll man Wehen anregen, die
e völlige Lösung der Plazenta herbeiführen, oder während welcher
an evtl, die C rede 'sehe Expression vornehmen soll. Da kann
an es des öfteren erleben, dass trotz Reibens des Uterus, insbesondere
;r Fundusdecken usw., keine Wehe einsetzt und es sogar stärker
utet, ohne dass man in dieser Wehenpause etwas unternehmen
innte. Das sind höchst unerfreuliche Augenblicke, in denen man Zeit
arliert oder in denen man evtl, zum Aortenkompressorium greifen
uss.
Der durch eine lange Geburt erschöpfte normale Uterus oder der
:hon an sich wenig sensible Uterus reagiert eben auf exogene Reize
>enso schlecht wie auf die endogenen, durch die sonst der normale
blauf der Plazentarperiode gewährleistet wird. Auf die vielfachen
ethoden der Bekämpfung dieser sogenannten Atonia uteri möchte ich
cht näher eingehen, sondern hier nur die medikamentöse Behand-
ng besprechen; denn diese ist für den praktischen Arzt besonders
ichtig, und wenn diese zum Ziele führt, können alle anderen ein-
eifenderen und gefährlicheren Eingriffe unterbleiben. Es stehen uns
i besonders zwei Mittel zur Verfügung, deren Bedeutung dadurch
lerkannt ist, dass sie in allen neueren geburtshilflichen Lehrbüchern
igeführt werden: das Hypophysenpräparat und das Sekalepräparat.
äi'de Präparate, die manchmal Vorzügliches leisten, sind jedoch bis-
ag nicht absolut zuverlässig, denn manchmal sehen wir von ihnen
inen therapeutischen Erfolg. Namentlich in den Fällen, in denen
iS Hypophysenpräparat auf einen erschöpften Uterus trifft, wirkt es,
ie man das in der Austreibungsperiode oft sehen kann, so auch in
:r Plazentarperiode, gering oder gar nicht. Und die jetzt gebräuch-
:hen Sekalepräparate wirken entweder erst ziemlich spät oder sie
id unwirksam, ebenso wie das Chinin für diese Fälle ungeeignet er-
heint. — Da Neu [6] nach den Untersuchungen von Franz,
urdinowski und Kehrer die Mutterkornwirkung für 1. zu ab-
ngig von den verschiedenen Handelspräparaten und 2. solange für
oblematisch hält, bis ein chemisch reiner, exakt dosierbarer Ergotin-
kömmling zur Verfügung steht, hat er in seiner sehr ausführlichen
beit das Adrenalin empfohlen. — Wir brauchen aber hier ein sofort
rrk wirksames und doch unschädliches Mittel.
Als solches hat sich mir nun ein Präparat erwiesen, das ich seit
aem Jahr angewandt habe. Dieses Präparat wurde mir von der
emischen Fabrik vorm. Sandoz-Basel bzw. von der Fabrik pharma-
utischer Präparate, Fritz Augsberger, Nürnberg zu Versuchszwecken
ergeben und kommt jetzt als G.ynergen in den Handel. Es ist von
Stoll [12 1 aus dem Mutterkorn isoliert, Ergotamin genannt, und
m K. Spiro [11] pharmakologisch geprüft worden.
Bekanntlich ist die Frage über die Träger der Mutterkornwirkung
nge Zeit strittig gewesen. Von den vielen Körpern, die als spe-
ische und unspezifische Bestandteile aus dem Mutterkorn isoliert
erden, galten bis vor kurzem als Träger der Wirkung einmal das von
arger und Dale isolierte amorphe Alkaloid Ergotoxin (Kraft s
rdroergotinin) und ferner die proteinogenen Amine, Histamin und
/ramin. Es hat sich aber gezeigt, dass die letzteren, die man auch
s der Hypophyse gelegentlich isolierte, weder hier noch dort spe-
ische Bestandteile, sondern nur sekundäre Fäulnisbasen sind. Da-
t stimmt ja auch die klinische Erfahrung überein, denn weder glei-
en sich Hypophysen- und Sekalewirkung, noch ist. die der prote-
igenen Amine mit der des Mutterkorns identisch.
Das Ergotoxin ist andererseits nicht zu umfangreicherer klinischer
Wendung gekommen. Ihm steht nach den Untersuchungen von A.
toll und K. Spiro das kristallisierte Ergotamin sowohl in che-
scher als auch in pharmakologischer Beziehung nahe. Die Tier-
rsuche ergaben, dass.es die automatischen Kontraktionen des Uterus
regt und verstärkt nicht nur Reiz erzeugend, sondern auch sensi-
isierend wirkt, vor allem, dass die Wirkung anhaltend ist, so dass,
nach der Dosis, stundenlang Kontraktionen und Pausen abwechseln.
Bei der bekannten Inkonstanz der Mutterkorndroge und ihrer Prä¬
rate und der Zersetzlichkeit der wirksamen Bestandteile musste
von grossem Wert sein, festzustellen, ob das vorliegende Präparat
res chemisch reinen Körpers, das Gynergen genannte Ergotamin-
rtrat, von gleichmässiger und konstanter Wirkung ist, und ob es
-ht nur per os, sondern auch zur Injektion Verwendung finden kann
Abgesehen von mehreren Fällen in der Poliklinik, wo es bei jedem
’n uns, der es einmal angewandt hatte, grossen Anklang fand, habe
1 dieses Mittel in etwa hundert Fällen versucht. Auf die ersten
-‘rsuche mit ähnlichen Präparaten (anderen Ergotaminsalzen) und
Nr. 8.
auf die anfängliche Schwierigkeit in der Dosierung will ich hier
nicht eingehen. Nur kurz möchte ich sagen, dass es ante partum, intra
partum und post partum gegeben wurde. Die Versuche ante partum
sind gering. Es zeigte sich, dass der hochgravide Uterus immer mit
mehr oder weniger lang währenden Kontraktionen auf die Injektion
reagierte, besonders, wenn man den Uterus durch Betasten noch reizte.
Diese Wehen klingen erst nach etwa einer halben Stunde — genau wie
bei den Hypophysenpräparaten — wieder ab **).
Intra partum wurde es nur zweimal angewandt. Einmal bei aus¬
gesprochener sekundärer Wehenschwäche, bei der schon zwei Spritzen
Pituglandol vergeblich gegeben waren. Ich gab dann bei der dritten
Spritze Pituglandol 1/i mg Ergotamintartrat = Ta Spritze Gynergen
und wir erlebten einen Tetanus uteri, der die nun nötig werdende
Zangenextraktion ziemlich erschwerte. Das Kind war tief asphyktisch
und schrie erst nach ca. 2Ü Minuten. Es war hier nach meiner jetzigen
Meinung noch zu viel von dem Gynergen gegeben. — Der zweite Fall
betraf eine Il-p., bei der nach 36 ständigem Kreissen wegen sekundärer
Wehenschwäche die Zangenextraktion bei fast völlig erweitertem Mut¬
termund und im Beckenausgang stehendem Kopf vorgenommen wer¬
den sollte. An Stelle der sonst gebräuchlichen prophylaktischen Er-
gotingabe wurde hier Gynergen intramuskulär injiziert. Die von Geh.
Rat Hofmeier selbst ausgeführte Extraktion erwies sich wegen der
ungewöhnlichen Kontraktion des Uterus als sehr schwierig. Das Kind
war tief asphyktisch und erholte sich erst nach 1% Stunden. Auch
hier war zu viel gegeben. Jedenfalls waren in beiden Fällen, in denen
das Hypophysenpräparat versagt hatte, starke Kontraktionen, aber für
uns zu starke Wirkung erzielt.
Neben einer sichtbaren Wirkung des Mittels war in diesen Fällen
aber auch erwiesen, dass das Mittel intra partum nicht indifferent
ist, für die Praxis also intra partum im allgemeinen nicht empfohlen
werden kann.
Die soeben beschriebenen intensiven Kontraktionen der Uterus¬
muskulatur sind nur erwünscht in der Plazentarperiode. Hier wollen
wir intensive Wehen haben. Allerdings Wehen mit Wehenpausen, und
da zeigte sich das Mittel vortrefflich. Etwa K> Minute, manchmal
schon eher nach der intramuskulären Einspritzung kontrainert sich der
vorher schlaffe Uterus für 1U bis 1 Minute, um dann einer richtigen
Wehenpause Platz zu machen. Jedem Beobachter drängt sich sofort
die hohe Sensibilität des vorher atonischen Uterus auf, d. h. man kann
nach Belieben durch Betasten des Uterus leicht wieder eine Wehe aus-
lösen, die nun bei jeder Patientin verschieden lang anhält und ver¬
schieden intensiv ausfällt, jedesmal offenbar der mehr oder weniger
vorhandenen Reizunempfindlichkeit des Uterus entsprechend. Denn
als eine Reizunempfindlichkeit des Uterus möchte ich nach diesen
Beobachtungen die Atonia uteri bezeichnen. Diese Reizunempfindlich¬
keit ist nun immer verschieden, wurde von mir jedoch nie so hoch
befunden, dass nicht der Uterus auf eine zweite Einspritzung sensibili¬
siert worden wäre.
Ganz besonders auffallend ist die Verschiedenheit der Reizemp¬
findlichkeit, wenn man die Wirkung der Einspritzung unmittelbar post
partum und die Wirkung einige Tage später beobachtet. Je näher
noch dem Termin der Geburt, um so. energischer die Wirkung. Die
Frauen selbst empfinden diese als sehr schmerzhafte Nachwehen, die
kontrollierende Hand als steinharte Kontraktion des Uterus. Etwa nach
einer Woche ist die Empfindlichkeit ständig abnehmend, so gering gewor¬
den, dass man eine wesentlich grössere Dosis applizieren musst um einen
sichtbaren Erfolg zu haben. Aber noch nach 10 Tagen wirken 3 mal
täglich eine Spritze ganz auffallend. In mehreren Fällen, in denen
Frauen bei der Entlassungsuntersuchung noch einen faustgrossen Uterus
hatten, in dessen Kavum weiche Massen (Kruor und Dezidua) zu
fühlen waren, war auf diese Gabe hin, nachdem an dem Tage der
Injektionen heftige Nachwehen eingesetzt hatten und' der Uterus seinen
Inhalt ausgestossen hatte, dieser am nächsten Tag auf Halbfaustgrösse
kontrahiert, und die Frauen konnten jetzt entlassen werden.
Entsprechend seiner hohen Wirksamkeit zeigt das Präparat ganz
besonders bei Ueberdosierung eine Nebenwirkung, die, abgesehen von
den wohl selbstverständlichen Schmerzen bei den Nachwehen, in Kopf¬
schmerz und häufig in Erbrechen besteht. Diese Nebenwirkung hält
etwa 2 Stunden an und beginnt schon bald nach der Injektion. Nach
einigen Stunden fühlen die Frauen sich wieder vollkommen wohl.
Schädlichkeiten wurden nicht beobachtet. Diese Nebenwirkun g
bleibt aber immer aus in den Fällen, wo das Mittel
absolut indiziert war, wo es sich um ausgesprochene Atonia
uteri gehandelt hatte. Wesentliche Blutdruckschwankungen konnte ich
nicht feststellen, wie auch bei allen pharmakologischen Untersuchungen
ein Einfluss auf den Zirkulationsapparat nicht erkennbar war; ebenfalls
wurde im Urin niemals Albumen nachgewiesen, so dass eine Kontra¬
indikation mir nie gegeben schien.
Appliziert wurde das Mittel immer an Stelle der Sekalepräparat''.
d. h.
a) prophylaktisch unmittelbar post partum bei den Frauen, die schon
manuelle Plazentarlösungen oder schwere Nachgeburtsblutungen mit¬
gemacht hatten, oder bei denen Placenta praevia Vorgelegen hatte;
b) nach jeder geburtshilflichen Operation;
c) bei Sectio caesarea bei Beginn der Operation i). Es zeigte sich
**) Näheres wird hierüber in meiner demnächst erscheinenden Abhand¬
lung: „Gynergen als Abortivmn“ berichtet.
*) Hier nachdem zuvor Physormon appliziert war, wie überhaupt das
Gynergen das Hypophysenpräpurat nicht ausschliessen soll, sondern gern
mit ihm zusammen gegeben wird, da sich beide offenbar unterstützen.
4
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
268
Nr. {
da durch die auffallende Kontraktion des Uterus die ganze Operation
sehr wenig blutreich und die Naht des Uterus sehr einfach;
d) bei beginnender Blutung und noch liegender Plazenta-):
e) bei Blutung nach Ausstossung der vollständigen Plazenta;
f) bei Spätblutungen im Wochenbett.
Unter diesen Voraussetzungen angewandt versagte es nie. Selbst¬
verständlich wurde es auch bei allen fieberhaften Erkrankungen im
Wochenbett gegeben, sei es, dass sie genitaler oder extragenitaler Natur
waren. Die Fälle von putrider und septischer Endometritis waren in
dem Jahre zu selten, als dass man bei ihnen auf eine besondere
Wirkung des Mittels hätte schliessen können, jedenfalls gelang es aber
in den wenigen beobachteten Fällen auch, den grossen endometritischen
Uterus zu Kontraktionen zu bringen.
Die Dosierung beträgt gewöhnlich in der Plazentarperiode ein bis
zwei Spritzen Gynergen ä K mg Ergotamin, von denen man am
besten eine Spritze intramuskulär und die andere subkutan gibt. Will
man augenblickliche Wirkung erzielen, so injiziert man intramuskulär.
Eine intravenöse Injektion habe ich nicht vorgenommen. Erscheint die
erfolgte Wirkung nicht ausreichend, so sind 3 — 4 Spritzen zu geben,
eine Dosis, die ich anfänglich häufig gab, ohne länger anhaltende
Schädlichkeiten zu beobachten; diese Menge wird jedoch nur in den
seltensten Fällen nötig sein.
Im Puerperium gibt man 2 — 3 mal täglich eine Spritze intramus¬
kulär und wechselt dabei die Injektionsstellc. Manche Frauen klagen
über einige Zeit anhaltende ziehende Schmerzen am Injektionsort.
Per os ist die Wirkung bedeutend schwächer, besonders in I ropfen-
form, während die Tabletten viel intensiver wirken, da das Präparat
offenbar im Magendarmtraktus abgebaut wird.
Bei gynäkologischen Blutungen wurde es auch in einer grösseren
Reihe von Fällen gegeben. Wie weit das Mittel hier an dem Erfolg
beteiligt ist, ist schwer zu sagen, da die objektive Feststellung von
Kontraktionen des Uterus, der noch innerhalb des kleinen Beckens liegt,
schwer ist. Jedenfalls klagten die Frauen alle über Leib- und Kreuz¬
schmerzen nach der Injektion, und es darf wohl angenommen werden,
dass dieses Wehenschmerzen waren.
Literatur.
1. v. Winckel: Hb. d. Geburtshilfe. — 2. E. Bumrn: Grundriss
zum Studium der Geburtshilfe. - — 3. Stoeckel: Geburtshilfe. — 4. Gustav
Vogel: Leitfaden für Geburtshilfe. — 5. Henkel: Zschr. f. Geburtsh. 1902.
— 6. Neu: Arch. f. Geburtsh. 1908. — 7. ü. A. Wagner: Zbl. f. Geburtsh.
1908. — 8. Engelhorn: Zbl. f. Geburts. 1910. — 9. Hofstätte r:
Mschr. f. Geburtsh. 1910. — 10. H. H. Schmid: D.m.W. 1912.
11. K. Spiro: Lieber Ergotamin (Gynergen Sandoz). Vortrag a. d. 13. Tagung
d. Gesellschaft d. Gynäkologen d. deutschen Schweiz. Luzern 8. V. 21. —
12. K. Spiro und A. St oll: Ueber die wirksamen Bestandteile des
Mutterkorns.
Aus der Abteilung und Poliklinik für Nervenkranke im
städtischen Krankenhause Sandhof zu Frankfurt a. M.
(Direktor; Prof. Dr. G. L. Dreyfus.)
Neosilbersalvarsan bei Neurolues.
Von G. L. Dreyfus.
Wie in 2 früheren Arbeiten über Silbersalvarsan ausführlich dar¬
getan, hielt ich U, ") das Silbersalvarsan auch für den Neurologen,
dem der Ausbau der Behandlung der Neurolues am Herzen liegt, für
eine wesentliche Bereicherung seines therapeutischen Rüstzeugs.
Meine klinischen Erfahrungen in bezug auf die Beeinflussung subjek¬
tiver Beschwerden sowie der Serumreaktion und des Liquors sprachen
bereits damals — und auch bei meinen weiterhin durchgeführten
Studien — durchaus dafür, dass das Silbersalvarsan dem Neosalvarsan
und dem Salvarsannatrium an therapeutischer Wirksamkeit bei rich¬
tiger Art der Anwendung deutlich überlegen sei.
Gegen das Silbersalvarsan, das wir mithin gerne als verstärktes
und aktiviertes Salvarsan begrüssten, sprachen im wesentlichen nur
anfänglich öfters, später — bei genauerer Kenntnis des Präparates —
immer seltener auftretende Nebenerscheinungen. Als solche Neben¬
wirkungen beobachtete ich entschieden häufiger als bei anderen Sal-
varsanpräparaten: den angioneurotischen Symptomenkomplex, Fieber,
Kopfschmerz, ferner Mattigkeit mit allgemeinem Unbehagen, endlich
Hauterscheinungen in Gestalt von Exänthemen und ganz vereinzelt
auch von recht unangenehmen Dermatitiden. Durch die von mir ein¬
gehend dargestellte und auch theoretisch begründete Methode der
ein schleichen den Behandlung gelang es späterhin, nahezu
alle diese unerwünschten Nebenerscheinungen zum Verschwinden zu
bringen. Nur zwei Dinge mussten bei der Silbersalvarsanbehandlung
der luetischen Erkrankungen des Nervensystems — und nur von
der sehr viel komplizierteren Behandlung der Neurolues
(also nicht der frischen Lues!) ist hier die Rede — mit in
Kauf genommen werden : 1. dass die individuelle Dosis tole-
rata für Silbersalvarsan durch sorgfältige Beobachtung eventuell
auch ganz geringfügiger Reaktionen des Kranken oft erst festgestellt
werden musste, und dass wir 2. als Gesamtdosis 3 bis höchstens
4 g nicht zu überschreiten wagten wegen einer vielleicht doch im
2) Ich sah im Gegensatz zu H o f s t ä t t e r (9) dabei keine Nachteile.
1) Silbersalvarsan bei luetischen Erkrankungen des Nervensystems.
M.m.W. 1919 Nr. 31.
3) Nebenerscheinungen des Silbersalvarsans. D.m.W. 1919 Nr. 47/48.
Bereich der Möglichkeit liegenden Dermatitis. Besonders die doch reell
niedrige Gesamtdosis empfanden wir bei Behandlung von Ncurorezh
diven. aber auch bei den anderen Formen der Neurolues als unangt
nehme Beschränkung, da wir oft den Eindruck hatten, dass die thera
peutische Wirkung durch längere und damit intensivere üesamtbehaiu
lung nach jeder Richtung hätte verstärkt werden können.
Deshalb waren wir Kolle sehr dankbar, als er uns im Frühjal
1920 — also vor fast 2 Jahren — das Neosilbersalvarsa
zur Verfügung stellte, das die Vorzüge des Silbersalvarsans ohne sein
Schattenseiten haben sollte. Ueber die chemische Zusammensetzun*
und die chemotherapeutische Wirksamkeit des Neosilbersalvarsans he
sich Kolle jüngst eingehend geäussert2 3), so dass es sich an diest
Stelle erübrigt, näher darauf einzugehen. Zi m mern *) hat vor kurzei
als erster vom dermatologischen Standpunkt über sein
klinischen Erfahrungen berichtet.
Nur soviel sei hier gesagt, dass das Neosilbersalvarsan durch Eii
Wirkung von Neosalvarsan -auf Silbersalvarsan als neuer Körpe
gefunden wurde, der weder die chemotherapeutischen Eigenschaften de
Neosalvarsans noch die des Silbersalvarsans hat. Der As-Gehalt de
Neosilbersalvarsans beträgt 20 Proz., der Gehalt an Ag 6 Proz. Di
Dosis tolerata für Kaninchen ist um l/a grösser als die des Silbei
salvarsans und nicht ganz um V» kleiner als die des Neosalvarsan
Kolle fasst auf Grund der Tierversuche das Neosilbersalvarsan a
ein durch die Einfügung der Silberkomponente biologisch aktivierte
Neosalvarsan auf mit annähernd gleichem chemotherapeutischem lnde
wie das Silbersalvarsan. Es verbindet also nach Kolle die cherrn
therapeutischen Vorzüge des Silbersalvarsans mit der guten Vertrat
lichkeit des Neosalvarsans.
Neosilbersalvarsan ist ein braunschwarzes Pulver, das sich auc
in kaltem Wasser sehr rasch ohne Klumpenbildung löst. Zersetzt
Röhrchen geben trübe milchfarbige, bei starker Zersetzung milchkaffe;
artige Lösungen, während das unzersetzte Neosilbersalvarsan in Lösun
etwa wie eine etwas dunkel gefärbte Kollargollösung, ganz entspreche;-
der Silbersalvarsanlösung, aussieht.
Ein sehr grosser Vorzug des Neosilbersalvarsans im Vergleich zu
Silbersalvarsan und Neosalvarsan ist darin zu erblicken, dass eine z
giftigen Endprodukten führende Oxydation an der Luft nur sehr langsa-
vor sich geht. Man kann also getrost mit Stammlösungen arbeite;
die 4 — 6 Stunden stehen.
Wir lösten regelmässig 1,0 Neosilbersalvarsan auf 20 cci|
redestilliertes steriles Wasser in einer 20 ccm-Spritze und gaben vc
dieser 5 proz. Lösung je nach Bedarf 2 — 4 — 6 — 8 ccm (0.1, 0.2, 0.3, Ob
Neosilbersalvarsan) in eine 10 ccm fassende Glasspritze, die auf 5 bU
höchstens 10 ccm mit Wasser aufgefüllt wurde.
Wir verbrauchten unsere Stammlösung im Lauf,;
eines Vor- oder Nachmittags, ohne dass die zuletzt
Injizierten i r g e n d wT i e reagierten. Das Arbeiten mit eina;
solchen Stammlösung empfanden wir als eine recht grosse Annehmlichkeh
und Zeitersparnis, ganz abgesehen davon, dass es hier nicht wie bH
den anderen Salvarsanpräparaten, die wir auch stets in der Glasspritz
zu lösen pflegen, Vorkommen kann, dass ungelöste Partikelchen de
Stempel der Spritze klemmen und dadurch zu technischen Schwierig
keiten führen können.
Zur Frage der Technik sei noch bemerkt, dass ich für d|
technisch einigermassen Geübten die dunkle Lösung nicht im entferi
testen als erschwerendes Moment einer intravenösen Injektion ansehdj
kann. Staut man gut und genügend lange ab, verwendet man nur sei
gute und spitze (Platin-Iridium!) Nadeln und Glasspritzen, £
zeigt der durch den Blutstrom deutlich zurückweichende Spritzet
Stempel klar an, dass die Nadel tatsächlich in der Vene sitzt. Zwecli
mässig ist langsames Spritzen, wie bei allen intravenösen Injektionei
Wir wandten das Neosilbersalvarsan in den vergangenen 2 Jahr«
sowohl in der Klinik wie in der Poliklinik und in der Sprechstunde bl
283 Kranken mit weit mehr als 5000 Injektionen aj
Die Art der behandelten* Kranken geht aus der nachfolgenden Aufstt.
lung hervor:
Frühlues des Gehirns (Neurorezidive) 16 Kranke
Lues cerebrospinalis 64 „
Tabes 92 „
Paralyse 18 „
Lues latens 48
Aortitis luetica 10 „
Nichtluetische Erkrankungen (multiple Sklerose, spa¬
stische Spinalparalyse, Enzephalitis, amyotrophi-
sche Lateralsklerose etc.) 35
283 Kranke.
Die übergrosse Mehrzahl der Kranken wurde nach der anfänglhl
nur klinischen Erprobung des neuen Medikamentes ambulant b/
handelt.
Zumeist wurde das Neosilbersalvarsan allein gegeben, manchtn
in Kombination mit Novasurol (1.0) oder Zyarsal (1,0) in der gleich;
Spritze. Die meisten Kranken führten ihre Kur bis zu der von uijj
gewünschten Gesamtdosis durch. Zahlreiche unserer Kranken macht)
in den vergangenen 2 Jahren 2. 3 und 4 Kuren mit Neosilbersalvarsa1
In letzter Zeit gab ich häufig bei Tabikern Neosilbersalvarsan abwechseh
mit 50 proz. intravenösen Jodinjektionen, zum Teil geradezu mit fra
pierender Wirkung, besonders bezüglich der Ataxie. Bei multipl
3) Ueber Neosilbersalvarsan und die chemotherapeutische Aktivierui
der Salvarsanpräparate durch Metalle. D.m.W. 1922 Nr. 1.
4) Erfahrungen mit Neosilbersalvarsan. M.m.W. 1922 Nr. 2.
'ebruar 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
269
•ose und anderen nicht luetischen Erkrankungen des Zentralnerven-
:ms wurde das Neosilbersalvarsan mehrfach mit gleichzeitigen
muskulären Chinineinspritzungen kombiniert. Gelegentlich schien
;rfolg nicht nur Zufall zu sein.
»
Dosierung.
ch rate, analog meinen Erfahrungen mit allen anderen Salvarsan-
iraten, bei Neurolues dringend zu einschleichender
i e r u n g.
30 schützt man sich vor Sensibilisierung des Kranken durch einen
aligen allzustarken Schlag und erreicht spielend grosse Einzel-
i ohne Nebenwirkungen, ohne das geringste Unbehagen und ohne
tigt zu sein, eine Kur zu unterbrechen.
V\an beginne also in jedem Falle auch bei Neosi lbersal-
sa n mit 0.05 g und steige dann, falls auch weiterhin keine sub-
ren und objektiven Reaktionen auftreten, auf 0.075, 0.1, 0.15, 0.2,
0.3, 0.35, eventuell 0.4 g. Als Intervall empfehle ich 1 — 3 Tage,
2 — 3 Einspritzungen wöchentlich. Im Allgemeinen gingen wir
0.3 — 0.4 als E i n z e 1 d o s i s nicht hinaus. (Also fast das Doppelte
Silbersalvarsan-Einzeldosis.) Als durchschnittliche G e -
tdosis gaben wir 6 — 8 — 9 g in 6 — 10 Wochen. Bei einigen
ken gingen wir aber weit über diese Dosis hinaus. So bekam
Paralytiker in 43 Injektionen 12.0 g (innerhalb 3 Monaten), ein
<er mit Lues cerebrospinalis in 39 Injektionen 14.0 g (3 mal 0.4
entlieh) in 10 Wochen. Beide Kranken hatten keinerlei Neben¬
ingen von dieser hohen Gesamtdosis.
lei luetischer Aortitis rate ich zu kleinen Einzeldosen,
-0.05 — 0.075 — 0.1. Höhere Dosen sind nicht zu empfehlen, weil
meinen Beobachtungen solche Kranke besonders empfindlich sind
auf kleine Einzeldosen mit Intervallen von 3 — 7 Tagen zumeist
gut, auf andere Behandlungsarten oft sehr schlecht reagieren.
Rcht häufig sind Tabiker für ganz milde Kuren viel empfäng-
wie für brüske Einzelschläge, die oft irreparable Schädigungen
n können. Deshalb empfehle ich bei Tabes im allgemeinen
).25 g Neosilbersalvarsan als Einzeldosis , mit 3 — 4 Tagen Zwischen-
nicht zu überschreiten.
Verträglichkeit.
las Neosilbersalvarsan wurde in der oben ge-
lderten Weise durchweg ausgezeichnet vertra-
Auffallenderweise waren nur einige wenige Fälle von Neuro-
ven gegen Neosilbersalvarsan sehr empfindlich. Sie fühlten sich
laglich bei kleinen (0.05) und grossen (0.3) Einzeldosen, verloren
Beschwerden nicht, während sie auf andere nicht mit Ag körn¬
te Salvarsanpräparate sofort gut ansprachen.
ianz anders wie beim Silbersalvarsan braucht man beim Neosilber-
rsan nicht so ängstlich auf die individuelle Dosis tolerata zu achten,
kann schematischer Vorgehen, ohne im allgemeinen Rück- oder
chläge befürchten zu müssen, ohne die Möglichkeit, so leicht zu
►ilisieren und damit eine Pause von 2 — 3 Wochen eintreten lassen
issen. Unter unseren 283 Kranken vertrugen 5 Kranke Neosilber-
san nicht. Sie reagierten z. T. auch bei kleinsten Dosen mit
tagen, Mattigkeit, Herzbeschwerden (Beklemmung, Tachykardie),
werden, die bei einigen unserer Kranken auch bei anderen Sal-
lpräparaten auftraten, bei einigen aber nur bei der Behandlung
eosilbersalvarsan. Solche Idiosynkrasien gegen ein Mittel
man ja bei allen wirksamen Medikamenten. Man muss das
n, sich gegebenenfalls danach richten und nicht unter allen Um-
:n eine Behandlung erzwingen wollen.
s ist notwendig, während einer Kur auf die Diurese und die
uung zu achten. Manche Kranke neigen an und für sich zu Ver-
ng, die eventuell durch Arsen noch verstärkt wird. Trifft man
Aassnahmen. dass täglich genügende Stuhlentleerung erfolgt, so
dicht man damit sichtlich bei einigen wenigen Kranken, die sonst
Aittel nicht vertragen würden, die Verträglichkeit. Chemisch-
skopische Urinkontrollen zeigten, dass auch nach grossen Dosen
sch-zytologische Urinveränderungen nicht vorkamen. Spätikterus,
ie etc. wurde von uns nie beobachtet.
Wirkung.
ie Wirkung des Neosilbersalvarsans ist, soweit man bei Neurolues
uipt auf Grund klinischer Beobachtungen sowie von Serum- und
Kontrollen etwas aussagen kann, in gleichen Dosen nicht ganz so
>iv wie die des Silbersalvarsans, aber intensiver als die nicht
g kombinierter Salvarsanpräparate. Diese anscheinend geringere
lämkeit im Vergleich zum Silbersalvarsan wird aber dadurch iiber-
-nsiert, -dass man etwa das Doppelte der Einzeldosis und das
iche der Silbersalvarsan-Gesamtdosis im Verlaufe einer Kur geben
So erreicht man letzten Endes tatsächlich mit Neosilbersal-
i erheblich mehr als mit Silbersalvarsan.
7o dies möglich war, machten wir eine Liquoruntersuchung vor
ei Abschluss jeder Behandlung. Bei Tabes gelang uns mit Neo¬
salvarsan (5 — 714 g) für gewöhnlich bei einer einmaligen Kur
Normalisierung des Liquors. Nur in einem der von uns kon-
rten Fälle erreichten wir dieses Ziel.
ahingegen konnten wir bei 7 Fällen von Neurorezidlven. die wir
bezüglich ihres Liquors verfolgen konnten, mit Durchschnittsdosen
! — 10 g Neosilbersalvarsan den ursprünglich schwer veränderten
r und die Serumreaktion durch eine Kur normalisieren. So-
vir diese Kranken in Beobachtung halten konten, war der Liquor
auch einige Monate nach der crsteTi Kur noch normal. Selbstver¬
ständlich darf ein solcher Erfolg nicht dazu führen, es bei einem Be¬
handlungsturnus bewenden zu lassen. Liquorerfolge wie nach Neo¬
silbersalvarsan sind mit Neosalvarsan und Salvarsannatrium im allge¬
meinen nicht zu erreichen.
Der klinische Erfolg bezüglich Besserung resp. Beseitigung
subjektiver Beschwerden entspricht dem des Silbersalvarsans, aller¬
dings erst bei grösseren Einzel- und Gesamtdosen.
Bei Tabikern fanden wir — im Gegensatz zum Silbersalvarsan —
fast durchweg keine besondere Empfindlichkeit gegen dieses neue mit
Ag kombinierte Salvarsanpräparat.
Nebenwirkungen.
Vorweg sei genommen, dass wir bei den mehr als
5000 Injektionen irgendwelche unangenehmere Ne¬
benwirkungen niemals beobachteten. Die Verträglichkeit
des Neosilbersalvarsans ist demnach auch bei Neurolues ausgezeichnet.
Ganz vereinzelt beobachteten wir einmal Kopfschmerz nach der In¬
jektion, rasch vorübergehendes Fieber, zweimal einen ganz irrelevanten
Vasomotorismus. Da all diese Erscheinungen -bei Fortsetzung der Be¬
handlung nicht wieder auftraten, nachdem nach einer Pause von einigen
Tagen vorübergehend die Dosis niedriger genommen wurde, so fragt
es sich, ob im Einzelfall dem Mittel oder anderen Momenten die Schuld
gegeben werden muss.
8 mal beobachteten wir leichte Exantheme, zum Teil ver¬
bunden mit Juckreiz, aber immer ohne Störung des Allgemeinbefindens.
Interessant war es, zu sehen, dass verschiedentlich bei gleichzeitigen
anderen Hautaffektionen resp. starken Hautreizen (Ekzeme. Höhensonne
etc.) ein Exanthem auftrat, das später nach Heilung des Ekzems, bei
Weglassen der Höhensonne, nicht wieder kam. Hier war offensicht¬
lich die Haut durch andere Reize gegen Neosilbersalvarsan sensibilisiert
worden. Insbesondere scheinen rote und rotblonde Individuen mit sehr
zarter und auch sonst empfindlicher Haut zu As-Exanthemen zu neigen.
Wenn man aber nur weiss, dass nach Neosilbersalvarsan Exantheme
ganz gelegentlich auftreten können, sich meist durch Juckreiz ankün¬
digen, bevor es zu irgendwelchen unangenehmen Hauterscheinungen
(Dermatitis) kommt, so wird man auf solche Erstlingssymptome achten
und gegebenenfalls sofort pausieren. Für gewöhnlich genügt ein be¬
handlungsfreier Zwischenraum von 2 — 3 Wochen. Dann kann man, mit
kleinen Dosen beginnend, langsam wieder zu normalen Einzeldosen
steigen. Fast alle unsere Kranken, die einmal ein flüchtiges Exanthem
hatten, behandelten wir später ohne den geringsten Nachteil wieder
mit Neosilbersalvarsan. Der Körper kann offenbar auch während einer
Kur einmal infolge der verschiedensten Ursachen das Salvarsan toxisch
abbauen. Dies wissen, damit rechnen und darauf achten ist schon
gleichbedeutend mit vermeiden.
Aus diesen wenigen Bemerkungen sieht man, dass nach unseren
recht ausgedehnten Erfahrungen das Neosilbersalvarsan so frei von
Nebenwirkungen ist, dass man es infolge seiner Wirksamkeit und seiner
Ungefährlichkeit als das z. Z. empfehlenswerteste Salvarsanpräparat
auch für die Behandlung der Neurolues bezeichnen darf.
Vom klinischen Standpunkt des Neurologen kann ich daher Kolle
beipflichten : Das Neosilbersalvarsan verbindet die
chemotherapeutischen Vorzüge des Silbersalvar¬
sans mit den praktisch so wichtigen Vorteilen der
leichten Löslichkeit und guten Verträglichkeit des
Neosalvarsan s, ohne dessen Oxydierbarkeit und
geringere Wirksamkeit aufzuweisen.
Aus der Privatklinik DDr. Patschke-Rubensohn, Köln.
Ueber eine erweiterte Indikation der Talmaschen
Operation.
Von Dr. E. Rubensohn, Köln.
Der geistreiche Vorschlag T a 1 m a s, durch Annähung des Netzes an
die vordere Bauchwand einen Kollateralweg zwischen Pfortaderästen
und Venen der Bauchwand zu erreichen, ist in der Praxis recht selten
geübt worden. Strümpell berichtet selbst noch in seinem Lehrbuch
von einem „scheinbar guten Erfolg“, indem das Wasser sich nicht so
schnell wieder ansammele, anderseits das Befinden des Kranken sich
bedeutend bessere. Auch andere Autoren berichten zuweilen über die
von ihnen ausgeführten Talmaoperationen mit einer gewissen Skepsis.
Es sei uns daher gestattet, über einen guten Erfolg -der Talma sehen
Operation und die von uns (Patschke und Rüben sahn) vor¬
genommenen Modifikationen kurz zu berichten.
Patient F.. 35 Jahre alt, war früher nie ernstlich krank. Er ist weder
übermässiger Trinker, noch huldigt er dem Nikotinmissbrauch. Eine ge¬
schlechtliche Infektion wird verneint und so war er bis zum Ausbruch seiner
jetzigen Erkrankung ganz auf -der Höhe seiner Schaffenskraft. Bei dem
Genuss von Kartoffelsalat habe -er sich vor der Zubereitung der Speise
„geekelt“ und sei sofort 8 Tage darnach an einem „Magenkatarrh“ mit Brech¬
reiz, Aufstossen, Verstopfung und Hautjucken erkrankt. Wenige Tage darauf
zeigte sich Gelbfärbung der Skleren und hierauf des ganzen Körpers, die
bis zur tiefsten Bronzefärbung in wenigen Wochen sich entwickelte. Drei
Wochen später machte sich zunehmendes Oedem der unteren Extremitäten,
weiterhin bedeutender Hydrops -des Skrotum und ständig wachsende Bauch¬
wassersucht bemerkbar. -Die konsultierenden Aerzte stellten akute Leber-
'zirrhose fest und behandelten demgemäss rein symptomatisch mit Diuretizis;
wegen des immer weiter zunehmenden Aszites wurde in einem Zwischenraum
4*
270
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
von 14 Tagen eine Bauchpunktion ohne jeglichen Erfolg vorgenommen. Der
uns nun im Höchststadium der Erkrankung überwiesene Kranke machte nicht
den Eindruck eines Leberzirrhotikers, auch eine spezifische Lebererkrankung
war nicht anzunehmen. Das Blutbild ergab keinerlei krankhafte Verände¬
rungen, die Wassermann sehe Reaktion war negativ, die Leber selbst
zeigte nach erneuter Punktion keine Vergrösserung oder Lappenbildung, nur
die Milz war — sekundär — mässig geschwollen. Der Stuhl war mitunter
acholisch, mitunter mit Fettbeimengung durchsetzt. Der Urin war stets
bilirubinhaltig. Auf Grund der chemischen Untersuchung und der klinischen
Wahrnehmung eines rapid fortschreitenden Prozesses stellten wir die Ver¬
mutungsdiagnose eines Kompressionstumors, der seinen Ursprung vom Pan¬
kreaskopf nahm und eine völlige Kompression der Pfortader und des Ductus
choledochus bedingte. Die zweite Auffassung liess den Primärsitz des Tumors
in der Leber entstehen, der durch sein fortschreitendes Wachstum die gleichen
Erscheinungen wie oben geschildert, zeitigen musste. Ist doch die Leber¬
zirrhose das Endstadium von Schädigung an Leberzellen, seien dieselben
nun bedingt durch chronische Giftwirkung oder chronische Gallen- und
Blutstauung. Mussten wir auch alle weiteren zur Kompression der Pfortader
führenden krankhaften Veränderungen in den Bereich unserer Diagnose
stellen, so erwies sich auf Grund der nun noch vorgenommenen Röntgen¬
aufnahmen der Verdacht eines Leber-Pankreas-Tumors als der wahrschein¬
lichste. Der Zustand des moribunden Kranken erforderte eine sehr rasche
Beendigung der Operation, so dass von einer radikalen Entfernung des
Tumors Abstand genommen werden musste. Es gelang schnell, Pfortader
und Ductus choledochus aus der Umklammerung des Tumors zu lösen, worauf
sich die bisher prall gefüllte Gallenblase auspressen Hess. Bei Oeffnen
des Bauches entleerten sich 5 — 6 Liter dunkel seröser Flüssigkeit. Die Leber
zeigte normale Konsistenz und Grösse, war aber mit hochgradigen Venekta-
sien rosenkranzartig an ihrer Konkavität behaftet und so die schwere Stau¬
ung im Pfortadersystem deutlich demonstriert. Nun wurde der typische
Talma gemacht und zwar wurde das grosse Netz mit dem durch Reiben
wund gemachten Parietalperitoneum vereinigt. Schon wenige Tage nach der
Operation erholte sich der bislang moribunde Kranke. Der Stuhl zeigte schon
nach 3 Tagen zum ersten Male eine dunkelgräuliche Farbe. Nach 8 Tagen
wird der Urin heller und nach weiteren 14 Tagen zeigt schon der Stuhl
normale Beschaffenheit und Konsistenz; der noch einmal sich ansammelnde
Aszites wird nicht mehr punktiert, sondern täglich konnte man die fort¬
schreitende Wirkung der neu geschaffenen Kollateralkreislaufbahn durch die
dadurch bedingte Abnahme des Aszites beobachten. Zwei Monate später war
weder Erguss, noch Ikterus, noch Hydrops der unteren Extremitäten be¬
obachtet und jetzt, % Jahr nach durchgeführter Operation ist der Kranke
völlig genesen, mit einer Gewichtszunahme von 15 Pfund und völlig aus
der Behandlung entlassen.
Es hat unser Fall um so mehr Interesse, als die Literatur wohl von
Resektionen, von Leber-Pankreas-Tumorem berichtet, aber keinesfalls
von der günstigen Wirkung einer Talma sehen Operation, wenn der
Tumor nicht entfernt, sondern nur in eine für das Leben nicht be¬
drohende Lage versetzt bzw. verschoben wird. Ueber die Natur des
Tumors kann leider nichts Näheres berichtet werden, da selbst eine
Teilresektion nicht vertragen worden wäre, doch spricht der Erfolg für
eine benigne Geschwulst. Die Indikation der Talma sehen Operation
dürfte demnach so erweitert werden, dass bei jeder Pfortaderstauung,
sei sie durch einen benignen, sei sie durch einen malignen Tumor be¬
dingt, wo Punktionen nicht zum Ziel geführt haben, der Talma indiziert
ist. Es dürften die Erfolge bei dem rein mechanischen Verschluss im
Pfortadergebiet noch viel grösser sein wie bei den eigentlichen Leber¬
erkrankungen, die ja bis heute die Indikation zur Ausführung der
Talmaoperation geben. Berichtet doch Strobel über 10 Talma¬
operationen bei Leberzirrhosen, wo bei 2 Fällen Heilung erzielt, bei
einem dritten nach 5 Jahren Besserung eingetreten sei, 4 Kranke aber
3 Wochen bis 1/4 Jahr nach der Operation verstorben sind.
Ein Fall von Leberzirrhose, im Jahre 1909 ebenfalls von
Patschke operiert, konnte gleichfalls vollkommen geheilt werden
(Sitzungsbericht der Freien Vereinigung Berliner Chirurgen 1909).
Mit Rücksicht auf unseren letzten diesbezüglichen Erfolg möchte
ich hiermit nochmals auf die Wichtigkeit der Talma sehen Operation
hinweisen, wie auch besonders auf die Indikation, die somit erweitert
werden dürfte auf Fälle, die einen mechanischen Verschluss des Pfort¬
adergebietes und des Ductus choledochus aufweisen, sowie zuletzt bei
Neubildungen, die durch ihr expansives Wachstum unbedingt ein letales
Ende hervorrufen.
Literatur.
Strümpell: Lehrbuch, Aufl. 1914. — Lorenz: Jb. der prakt. Med.
1919. — Strobel: Beitr. z. klin. hir. 88. — Patschke: Sitzungsber.
der Freien Vereinigung der Berliner Chirurgen 1903. — de Quervain:
Chirurgische Diagnostik. Letzte Aufl.
Aus der Hautabteilung der Kinderpoliklinik Dresden.
(Prof. Qalewsky.)
Erfahrungen mit dem Krätzemittel „Catamin“.
Von Dr. R. Schelcher.
Entsprechend der ausserordentlich starken Verbreitung der Krätze
in den letzten Jahren, wurden auch verschiedene neue Krätzemittel in
den Handel gebracht, teils mit mehr, teils mit weniger gutem Erfolg.
Die Eigenschaften, die von einem Krätzemittel erwartet werden müssen,
sind folgende:
es muss die Milben sicher und rasch abtöten,
es muss das Jucken rasch beseitigen und darf die Haut nicht reizen,
es muss sich gut auftragen lassen und darf nicht zu sehr durch den
Geruch belästigen,
es muss die Wäsche und Kleidung schonen
und darf schliesslich — nicht zu teuer sein.
Anfangs des Jahres wurde von der Firma Riedel, Berlin eine n<
Krätzesalbe auf den Markt gebracht, Ca tarn in. Es ist dies e
Schwefel-Zinksalbe mit 10 Proz. Zink und 5 Proz. Schwefel, der n
besonderem Verfahren gewonnen in feinster Verteilung in dem Mi:
enthalten ist. Mit einer geringen Versuchsmenge, die uns die Firma
Verfügung stellte, haben wir in der Hautabteilung der hiesigen Kim
Poliklinik etwa 30 Kinder behandelt, die an ausgesprochener Krü
litten. Auf die Auffindung der Milben wurde aus Zeitersparnis n
in allen Fällen gedrungen, wenn die Diagnose ohnedies sicher war.
Erfolge, die wir hatten, haben uns in vollem Masse befriedigt, so\
es sich bei der poliklinischen Behandlung erwarten lässt, da wir n
immer die Gewissheit haben konnten, dass der Patient sich zu Ha
auch ordentlich einrieb und vor allem, dass auch Kleidung und Wäsi
wie Handtücher etc. gut gereinigt wurden, bzw. lange genug unben
blieben. Wir Hessen die Kranken 3 Tage lang je 1 mal sich einreit
und am 4. Tage ein gewöhnliches Bad nehmen. 2 malige Einreih
am Tage konnten wir bald als unnötige Salbenvergeudung ansehe:
Einen Misserfolg bei einem Fall glauben wir auf oberflächliches!
reiben schieben zu müssen, bei 3 weiteren Fällen lagen 4 — 7 VYoc
dazwischen, so dass Neuinfektion in Frage kommt. Zum mindc;
waren die Erfolge ebenso gut, wie bei anderen Krätzemitteln.
Was uns bei dem Catamin aber als besonders angenehm aui
ist die ausserordentlich rasche Beseitigung des Juckreizes, der
stets schon nach der ersten Einreibung völlig^ geschwunden war.
Eine Hautreizung sahen wir niemals, im Gegenteil fanden wir
besonders grossen Vorzug des Catamins., dass die oft ekzematöse,
reizte Haut ausserordentlich gut beeimflust wurde, so dass eine N;
behandlung mit Zinköl oder anderen milden Salben, wie so oft sc
nur einmal nötig war. Auch eitrige Kratzeffekte, soweit sie nicht
ausgedehnt waren, heilten unter der Cataminbehandlung oft gut ;
sonst wurde mit Zinnobersalbe bald völlige Heilung erzielt.
Da das Mittel die Wäsche nicht angreift und auch durch sei
Geruch nicht belästigt, wurde es von den Patienten gern genomi
Die Dosierung in kleineren Tuben macht das Catamin besonders £
für die Kinderpraxis bequem, wo nicht so grosse Mengen beni
werden und, zumal da es. zurzeit wohl das billigste Krätzemittel
können wir bei den guten Erfolgen, die wir an unserem kleinen
terial sahen, und die sich völlig mit den Erfahrungen Schirm
decken (Ther. Halbmonatsh. 1921 H. 2 S. 491), das Catamin auch
die ambulante Praxis nur empfehlen.
Beitrag zur Frage der Kontagiosität des Condylor
acuminatum.
Von Dr. Ladislaus Lichtenstein, Badearzt in B
Pistyan.
Lieber die Aetiologie des Condyloma acuminatum wurde in
ärztlichen Literatur bereits vielfach diskutiert, ohne dass diese F
klargestellt worden wäre.
Allgemein herrscht die Ansicht vor, dass die Entstehung
„spitzen Warzen“ als Folge eines Reizes des blennorrhagischen Se
tes anzusehen sei, das zur Wucherung dieser Gewebsneubildui
Anlass gebe, ohne dass man sich über den Mechanismus dieses
Stehens klar und eindeutig Rechenschaft geben könnte. Man !
dies um so weniger, da man Condylomata acuminata selbst in sol
Fällen beobachten konnte, bei welchen nicht die Spur eines blenilt
hagischen Sekretes vorhanden war. P e 1 1 e r s hat in solchen F;
die Einwirkung zersetzender Stoffe, wie des Smegmas, als Ursache
genommen. Tatsächlich sieht man ja sehr häufig bei solchen m
liehen Individuen, die wenig auf die Reinigung des Genitales ac
in der Frenularnische isolierte Effloreszenzen dieser Art auftr
ohne dass irgend ein blennorrhagischer Prozess vorhanden wäre.
Allgemein ist die Ansicht verbreitet, dass das Condyloma ac
natum eine absolut nicht übertragbare Erkrankung sei.
Mit Recht wird diese Ansicht von einigen Autoren bestri
Für die mit den „spitzen Warzen“ pathologisch-anatomisch verw
ten Verrucae p 1 a n a e juveniles ist die Frage der Anstecku
fähigkeit längst entschieden. Jadassohn, Variot, De f
Licht, L a n z haben durch mehr oder weniger grosse Serien
Inokulationsversuchen die Kontagiosität der Verruca plana bewi
wobei Jadassohn besonders auf die bei seinen Versuchen oft
5 Wochen bis 8 Monate dauernde Inkubationsdauer hinweist.
Erreger dieser Krankheit zu finden ist allerdings nicht gelungen.
Die experimentelle Uebertragung des Condyloma acumin
wurde von Cooper und Kranz versucht, dieselben berichten
positive Resultate. Demgegenüber stehen die Untersuchungen
Retters und G ü n t z, welche negative Resultate ergaben. J a r i
bezeichnet die Versuche von Cooper und Kranz als nicht
wandfrei, lässt jedoch mit Rücksicht auf die Erfahrungen bei den
gären Warzen und beim Molluscum contagiosum die Wiederaufn;
diesbezüglicher Experimente als wünschenswert erscheinen.
Kranz hat bei 5 Individuen Versuche angestellt, indem er i
getragene Condylome auf künstlich erzeugte Exkoriationen trans
tierte. Die Uebertragung gelang nicht in allen Fällen und me
Versuche ergaben ein negatives Resultat.
Mit Rücksicht auf die Ungeklärtheit der Frage der Aetiologie)
der Kontagiosität des Condyloma acuminatum erscheint ein von'
beobachteter Fall für die Beurteilung des Fragenkomplexes von V<
3ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
271
jit. da er die Kontagiosität dieses Krankheitsprozesses wahrschein¬
macht. Ich erlaube mir daher die Krankengeschichte nachstehend
veröffentlichen.
Anamnese: Frau B. M„ 22 Jahre alt, war bis zu ihrer vor 4 Monaten
gefundenen Verehelichung vollkommen gesund gewesen. Kurz nach der
it trat ein ziemlich starker Ausfluss aus der Scheide auf, 2 Monate
derselben vereinzelte ..Warzen" an den Schamlippen, die sich massen-
an denselben vermehrten, auch in der Aftergegend auftraten und in
Grosse erschreckend Zunahmen, weshalb die Patientin, die auch unter
penetranten Geruch sehr zu leiden hatte, meine Ordination aufsuchte.
Status praesens: Schwächliche, blasse Frau mit normalem
en Organbefund. Am äusseren Muttermund zeigt sich eine mässige
ion, das Zervikalsekret gelb, eitrig. Adnexe und Uterus sonst frei. An
Schamspalte reichlich fötider Eiter. An den Labien zahlreich isolierte,
stenteils erodierte, warzenartige Effloreszenzen, die in der Mitte der
en zu einer hahnenkammartigen Masse konfluieren. In den Falten
chen den grossen Labien und den Oberschenkeln beiderseits konfluieren
Effloreszenzen zu übernussgrossen, an der Oberfläche mit sanguinolentem
et bedeckten, erodierten Tumoren mit deutlich höckerig-biumenkohl-
er Struktur von ziemlich hellrotem Kolorit.
Auch in der Umgebung des Afters und am Damm befinden sich zahl¬
te, isolierte, ebenfalls zum Grossteil erodierte Knoten auf der unver-
rten, nichtinfiltrierten Haut aufsitzend, dieselben sind jedoch nur in
igerer Zahl spitz und von papillärer Struktur, meistens aber breit
abgeflacht. Die Photographie des äusseren Genitales, die auf dem
rsuchungstische aufgenommen wurde, zeigt anschaulich diese charakte-
ichen Eruptionen. Am Körper des Stammes und der Extremitäten sind
;r!ei Exantheme nachweisbar. Ebensowenig an den Schleimhäuten.
: mässig vergrösserte Drüsen in inguine beiderseits.
Urin auf Zucker und Eiweiss negativ.
Wassermann sehe Reaktion negativ. Gonokokken sind weder im
ikalsekret noch in dem auf den Effloreszenzen befindlichen Sekret nach-
bar.
Did histologische Untersuchung einer dieser typischen Eruptionen, vor-
mmen von Herrn Dr. L 6 r ä n d '(Pressburg), dem ich an dieser Stelle
e, ergab folgendes Resultat:
Das Präparat zeigt papilläre Struktur. Die Oberfläche desselben ist mit
:nförmig gelapptem, vielschichtigem Plattenepithel bedeckt, dessen oberste
:hte verhornt ist; die darunterliegenden Schichten zeigen bis zum
um basale den Charakter des normalen, vielschichtigen Uebergangs-
enepithels ohne irgendeine wesentliche pathologische Veränderung auf-
lisen. Diese Plattenepithelschicht ruht über einem Stroma, welches
lieh Blutgefässe und Rundzellen enthält. Inmitten des Gesichtsfeldes ist
Lymphgefäss zu sehen, welches voll von Rundzellen ist und dessen
ebung ebenfalls reich mit Rundzellen infiltriert ist. In derselben Gegend
Fibroplasten zu sehen, was für eine Bindegewebsneubildung und Ver-
ung spricht. — Mit Rücksicht darauf, dass im Präparate keinerlei
tige, für eine Entzündung sprechende und charakteristische Merkmale
bar sind, muss diese neoplastische Veränderung als Condyloma
m i n a t u m angesprochen werden.
Färbung: Hämatoxylin-Eosin.
In einem zweiten nach Löffler gefärbten Gewebspräparat sind
; Gonokokken nachweisbar.
ln einem dritten nach Levaditi gefärbten Gewebspräparat sind
: Spirochaetae pallidae zu finden.
Diagnose: Nach dem Gesagten kann kein Zweifel darüber bestehen,
es sich bei diesem Prozess um Condylomata acuminata handelt. —
edoch die in der Umgebung des Anus befindlichen Effloreszenzen eine
ilichkeit mit Condylomata lata syphilitica besassen, liess ich mir trotz
negativen Wassermann sehen Blutuntersuchung den Ehemann
nen, um die eventuelle luetische Genese auszuschliessen.
Der Mann bot einen mich überraschenden, interessanten Befund. Nach-
:nd die Krankengeschichte:
Anamnese: J. M.. 28 Jahre alt, immer gesund gewesen, keine
>rrhöe oder luetische Infektion zugegeben. Vor 6 Jahren trat in der
zfurche des Gliedes ein hirsekorngrosses Wärzchen auf, das im Laufe der
e in seinem Wachstum immer mehr zunahm und schliesslich jetzt Wal¬
grösse erreichte.
Status praesens: Mittelgrosses, kräftiges Individuum, mit nor-
ni inneren Organbefund. Haut und Schleimhäute ohne Veränderung,
e Drüsenschwellungen, auch in inguine nicht. Im Sulcus coronarius penis
zwar in der Mitte des Dorsums eine etwa walnussgrosse Geschwulst,
elbe ist gestielt, von höckeriger Oberfläche, leicht nässend und erodiert,
lebhaft roter Farbe und lässt deutlich den papillären Aufbau erkennen.
;anzen ist der Tumor etwas abgeplattet, das Präputium ist über dem-
-ii umstülpbar. Urinbefund negativ. Wassermann sehe Reaktion
tiv.
Diagnose: Es besteht demnach mit aller Sicherheit ein seit 6 Jahren
-hendes Condyloma acuminatum.
Therapie: Abtragung des Tumors, in beiden Fällen leichte Kauteri-
m der Basis, in wenigen Tagen Restitution ad integrum.
Aus diesen beiden Fällen ist folgendes zu ersehen:
Ein Mann hat ein seit Jahren bestehendes Condyloma acuminatum
heiratet eine bis dahin vollkommen gesunde Frau, nach zwei-
atlicher Ehe bekommt die Frau ebenfalls die gleiche Affektion. Ein
bischer Zusammenhang dieser zwei Fälle ist so in die
en springend, dass man kaum fehlgeht, wenn man be¬
ttet dass der kranke Ehemann die Frau infizierte: Wenn man
der immerhin gegebenen Möglichkeit absicht, dass ein zufälliges
ammentreffen der gleichen Erkrankung bei zwei Individuen besteht,
muss man mindestens zugeben, dass diese veröffentlichten zwei
£ die Kontagiosität der Condylomata acuminata
hrscheinlich machen. Im Verein mit den eingangs zitier¬
positiven Inokulationsversuehen Coopers und Kranz’ und
Ipeaus sind meine Fälle mit ein Glied zur Kette der Beweise,
che dafür sprechen, dass das Condyloma acuminatum eine
’ t a g i ö s e Erkrankung ist.
Ein Beitrag zur Krebsätiologie auf Grund der Krebs¬
statistik in Cuba.
Von Prof. Dr. W. H. Hoffmann, Habana (Cuba).
In Nr. 34 der M.m.W. von 1921 finden sich interessante Aus¬
führungen von Zweifel über die Aetiologie des Karzinoms, die sich
aus den epidemiologischen Tatsachen ableiten lassen.
Besonders erregte meine Aufmerksamkeit die Angabe, dass B e h I a,
der in so hervorragender Weise das statistische Material in der Krebs¬
frage auszunutzen gewusst hat, zu dem Schluss kam, dass durch das
roh genossene Gartengemüse das Krebsgift in den Körper gelange. Er
hatte nämlich beobachtet, dass in Luckau auf 20 — 30 Todesfälle ein
Todesfall von Krebs kam, während in einer Vorstadt ein Karzinomtodes-
fall auf 9 Todesfälle kam.
Es wird hieran die Bemerkung geknüpft, dass diese Ansicht einer
Nachprüfung wert wäre; man brauchte ja nur in Gegenden, in denen
Gartengemüse nicht roh gegessen werden, nachzuforschen, ob über¬
haupt und wie oft Karzinom vorkommt.
Ich bin nun in der Lage, hierzu eine Erfahrung mitzuteilen, die in
einer Gegend gemacht ist, wo Gartengemüse überhaupt nicht gegessen
wird, weil man sich mit dem Anbau nicht befasst, nämlich auf der
Insel Cuba. Den Ursachen für diese Erscheinung nachzugehen, liegt
ausserhalb des Rahmens dieser Betrachtungen. Jedenfalls besteht die
Tatsache, dass frisches Gartengemüse oder etwas ähnliches als Bestand¬
teil der Nahrung hier keine Rolle spielt. Auch in den grossen Städten
ist frisches Gemüse in der Ernährung ein so unbedeutender Anteil, dass
er vernachlässigt werden kann. Gemüse erscheint hier überhaupt im
täglichen Leben nur in kleinsten Mengen, die ausschliesslich aus Kon¬
serven1 stammen.
Nun ist kürzlich in der amtlichen Zeitschrift des hiesigen Gesund-
heitsministeriums eine Statistik über die Krebshäufigkeit in Cuba ver¬
öffentlicht, die mit grosser Sorgfalt in der statistischen Abteilung dieser
Behörde ausgearbeitet ist.
Danach betrug die Krebssterblichkeit in Cuba in den letzten
20 Jahren auf 100 000 Einwohner berechnet:
1900 . .
. . 26.50
1907 . .
. . 39,97
1914 . .
. . 47,09
1901 . .
. . 30,03
1908 . .
. . 42.87
1915 . .
. . 47.86
1902 . .
. . 31,07
1909 . .
. . 45,17
1916 . .
. . 49,03
1903 . .
1910 . .
. . 44,20
1917 . .
. . 46,46
1904 . .
. . 35,65
1911 . .
. . 42,25
1918 . .
. . 46,79
1905 . .
. . 38,97
1912 . .
. . 42,18
1919 . .
. . 47,98
1906 . .
. . 40,93
1913 . .
. . 46,68
Die absoluten Zahlen sind ja allerdings etwas kleiner, als die meisten
Zahlen, die in Europa bekannt sind, die beispielsweise in Preussen 57,
Bayern 98, Schweiz 132 und Dänemark 140 betragen.
Dabei ist aber zu bemerken, dass die Zahlen in Cuba hinter der
Wirklichkeit wohl etwas Zurückbleiben, da es im Innern wohl noch
grosse Schwierigkeiten machen wird, alle Krebstodesfälle statistisch
zu erfassen.
Jedoch tritt auch in Kuba sehr deutlich die auffällige Zunahme der
Krebssterblichkeit in Erscheinung, die in so vielen anderen Ländern
beobachtet ist, und für die uns noch jede Erklärung fehlt.
Ich glaube somit, dass die Beobachtungen in Cuba mit vpllem Recht
gegen die Annahme angeführt werden dürfen, dass dem Genuss von
rohem Gartengemüse eine wesentliche ursächliche Bedeutung oder
irgendein Zusammenhang mit der Entstehung der Krebskrankheit zu¬
geschrieben werden könnte.
Aus der Abteilung und Poliklinik für Nervenkranke im städt.
Krankenhaus Sandhof zu Frankfurt a. M.
(Direktor: Prof. Dr. Q. L. Dreyfus.)
Zur Frage der endolumbalen Salvarsanbehandlung.
(Erwiderung auf die gleichnamige Arbeit von Benedek in
Nr. 2 dieser Wochenschrift.)
Von Dr Ludwig Fuchs, Assistent der Klinik.
Benedek glaubt zwar Neurorezidive, histologische Meningo¬
rezidive, Meningitis luica und Syphilis cerebrospinalis „fast ausschliess¬
lich" in den Händen der Syphilidologen, nichtsdestoweniger sei es uns
gestattet, von neurologischer Seite aus zu seinen Ausführungen Stellung
zu nehmen, um so mehr als gerade diese Fälle ums in den letzten Jahren
immer zahlreicher von den Dermatologen wegen der schwierigen Be¬
urteilung und Behandlung überwiesen werden. Benedek hat ein
weiteres sehr handliches Besteck angegeben, das durchaus geeignet
erscheint, die Methode der endolumbalen Salvarsanbehandlung auch
technisch zu erleichtern und weiteren Kreisen der Dermatologen und
Neurologen zugänglich zu machen.
Um es gleich vorwegzunehmen: vor dieser weiteren Anwendung
der endolumbalen Methode möchten wir dringend warnen und sie
zunächst immer noch auf die kritische Prüfung in einzelnen Kliniken
beschränkt wissen gerade weil auch die Mitteilung 'B e n e d e k s nicht
dazu angetan ist, uns von der Ueberlegenheit und noch weniger von
der Gefahrlosigkeit des Verfahrens zu überzeugen. Unter seinen
13 Fällen mit zusammen 60 endolumbalen Infusionen ist nach seiner
eigenen Angabe infolge der Behandlung bei einem eine 14 tägige
272
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr.
Detrusorschwäche efnge treten, bei einem anderenKranken eine perineale
Anästhesie, bei einem dritten — einem Tabiker — entstand eine langer
dauernde Paraplegie der Beine und im vierten Fall kam es 'm Anschluss
an die Behandlung zum Exitus; wenn hier der letale Ausgang auch
nicht unmittelbar durch die Therapie verursacht wurde, so ist er docn
für den Arzt gleich fatal.
Derartige Zwischenfälle stehen bei dieser Methode bekanntlich nicht
vereinzelt da. An der hiesigen Medizinischen Klinik wurden vor
mehreren Jahren von D r ey f u s an 8 Patienten etwa 64 endolumbale
Salvarsaninfusionen vorgenommen. Bei 4 Patienten traten trotz vor¬
sichtig einschleichender Dosierung unerwünschte Folgeerscheinungen
auf: ein Patient bekam eine lang anhaltende Blasenschwache, ein
anderer lästige Sakralparästhes'ien, ein dritter über längere Zeit be¬
stehende Ataxie und Sphinkterenschwäche; ein vierter Patient erkrankte
an einer lebensbedrohenden Diplokokkenmeningitis, die erst nach vielen
Wochen abheilte. Nach diesen Misserfolgen wurde die Methode aul-
gegeben An einer fremden Klinik sah ich als Folge von Ueberdosieiung
einen Fall spastisch-paraplegisch werden, einen zweiten infolge Myelitis
unglücklich ausgehen. Auch Gennerich, der sicherlich in Deutsch¬
land die grösste Erfahrung mit der Methode besitzt, berichtet in seiner
Monographie über eine Reihe ähnlicher Zwischenfälle bei allen Formen
der Lues und Metalues. Bedenkt man nun, dass diese Folgeerschei¬
nungen meist aus relativem Wohlbefinden heraus eintreten, so wird
man die allgemeine Zurückhaltung gegenüber der Methode wohl ver¬
ständlich finden. Ihre Nachteile liegen neben der Umständlichkeit des
endolumbalen Verfahrens (jedesmal mehrtägiger Klimkaufenthalt, sub¬
jektive Beschwerden usw.), vor allem in der ausserordent ich grossen
Gefahr der Ueberdosierung. B e n e d e k erklärt die Paraplegie seines
Tabikers z. B. damit, dass statt der von Gennerich vorgeschlagenen
Dosis von 1 mg Sa Na %, — X> mg mehr gegeben wurde! Dass m An¬
betracht der ausserordentlich verschiedenen Widerstandsfähigkeit des
Zentralnervensystems gerade dieses Krankenmaterials bestimmte Do¬
sierungsvorschriften hier überhaupt nur sehr bedingten Wert haben
können, liegt auf der Hand. Tabes und Paralyse sind aus naheliegenden
Gründen am meisten gefährdet, aber auch wenn bei meningealei Lues
oder Neurorezidiven Krampfanfälle provoziert werden oder nach Gen¬
nerich „Herxheimer sehe Reaktionen in Form von Kopfschmerzen
und Fiebersteigerungen für gewöhnlich zu erwarten sind, beeinträch-
tigt dies doch — von der Möglichkeit stärkerer Störungen ganz abge¬
sehen — die Brauchbarkeit der Methode erheblich.
Und nun zu der therapeutischen Wirksamkeit des Verfahrens.
B e n e d e k hat von seinen Fällen keine Heildauer mitgeteilt, sie scheinen
alle noch jung zu sein; der Beweis dafür, dass er nicht „höchstens
nur vorübergehende Scheinerfolge“ erzielt hat, wäre also noch zu
erbringen. Gennerich selbst sieht das Hauptanwendungsgebiet der
Methode, d. ln.also die meisten Erfolge, bei der Frühlues des Nerven¬
systems. Von Tabes und Paralyse hält er im wesentlichen nur die
inzipienten Fälle für günstig; dass aber ein Teil gerade dieser Fälle
sich auch bei intravenöser Behandlung entschieden bessert und zwar
unter Normalisierung des Liquors und auf längere Dauer, haben wir
in den letzten Jahren immer mehr erfahren und zwar in dem Masse
als wir lernten, sie lange und andauernd genug zu behandeln und zu
kontrollieren. Die gleichen Erfahrungen machten wir bei Behandlung
der Frühlues: ausdauernde Behandlung unter fortlaufender Liquor¬
kontrolle, auch jahrelang nachdem der Liquor für unsere heutigen
Methoden sich als „saniert“ erweist, lässt uns auch hier immer mehr
Dauererfolge erzielen, wie bereits über eine Reihe von Jahren kon¬
trollierte Fälle ergeben haben. Scheinerfolge, d. h. Rückfälle oder Fort¬
schreiten des Prozesses stellten sich meist nur dann ein, wenn die
Behandlung von seiten des Patienten zu früh abgebrochen wurde (vgl.
G. L. Dreyfus: Ueber frühluetische Erkrankungen des Zentralnerven¬
systems (D.m.W. 1922). Wenn Gennerich für manche seiner
Fälle eine endolumbale Behandlung von 2 Jahren fordert, so darf für
die intravenöse Behandlung mindestens kein schnellerer Erfolg erwartet
werden. Sie hat dann immer noch den grossen Vorteil, dass die
Kranken (ausser den . wenigen Tagen einer Liquorkontrolle jährlich)
dauernd arbeitfähig sind. Der klinische Rückgang der Symptome tritt
bei geeigneter intravenöser Behandlung ebenfalls sehr rasch ein; auch
die Sanierung des Liquors macht, wie wir sehen konnten, rasche Fort¬
schritte, besonders bei Anwendung der Silberpräparate. Durch aus¬
reichende Nachkuren und jahrelange Kontrolle gilt es dann, beides
dauernd festzuhalten und zu sichern. Zum Vergleich für die Wirksam¬
keit geeigneter intravenöser Behandlung greife ich nur kurz unsere
Neurorezidive der beiden letzten Jahre heraus:
Hinsichtlich der Meningitis und Lues cerebrospinalis sind unss_
Ergebnisse durchaus entsprechend. Wir müssen Gennerich ar
unsererseits beipflichten, wenn er sagt, je früher diese Falle zur
handlung kommen, desto günstiger seien sie für die Therapie. In r
Tatsache, dass einzelne Fälle sich tatsächlich refraktar verhalten, koni,
wir keine Unterlegenheit der intravenösen Therapie erblicken. Ai
unter unseren wenigen eigenen Fällen endolumbaler Behandlung zei>
einer nach 7 Monaten mit 12 Infusionen (bis 3 mg Neosalvarsan) n i
positiven Liquor bei 0,2. Gennerich selbst hat derartig hartnacks
Fälle von Frühlues auch bei endolumbaler Behandlung gesehen und rd
Wir glauben also, dass eine ausdauernde intravenöse SalvarsJ
behandlung mit jahrelang fortgeführter Liquorkontrolle im wesentlich
mindestens die gleichen günstigen Aussichten wie die endolumt*
bietet, ohne deren Nachteile für den Patienten zu besitzen. Gevl
ist auch hier Ueberdosierung möglich, aber mit vorsichtig einschleichi.
den Dosen sind derartige Fälle doch fast ganz aus der Kasuistik \l
schwanden und die mögliche Schädigung zeigt nicht gleich einen <1
artig starken Ausschlag am Nervensystem wie bei direkter untmh-
barer Einwirkung.
Zur klinischen Beobachtung kamen 1920 und 1921 21 Fälle; sie alle
wurden im Verlaute von einigen Wochen oder höchstens 2 3 Monaten so
gebessert, dass sie wieder berufsfähig waren und ambulant weiter behandelt
werden konnten. Nur ein junges Mädchen, das nebenbei sehr blutarm war,
vertrug Salvarsan in keiner Form; sie musste lange lediglich mit Jod
behandelt werden. 3 Fälle konnten noch nicht nachpunktiert werden, fühlen
sich aber subjeJytiv gesund. Von den übrigen 18 Fällen wurde die WaR.
im Liquor bei 13 negativ — 1,0. In 9 von diesen wurde auch die Zellzahl
normal (5 oder weniger), bei den 4 übrigen blieben Zellzahlen von 11, 14,
32 und 40. Auch die Goldsolkurve wurde in 8 Fällen bedeutend verbessert,
in 4 davAn völlig normal; immerhin erwies sie sich als viel schwerer
beeinflussbar als die anderen Reaktionen. Von den 5 hinsichtlich des Liquors
refraktären Fällen konnte nur einer ausreichend behandelt werden, während
3 weitere durch langes Fernbleiben gegen ärztlichen Rat eine verzettelte
oder unvollständige Behandlung selbst verschuldeten; einer von diesen kam
nach mehrwöchentlicher Pause mit einem Meningorezidiv wieder. Als 5. Fall
müssen wir die salvarsanempfindliche Kranke hierher rechnen,
Eine Hauptursache der günstigen Wirkung der endolumbalen
handlung gerade bei allen Formen von Frühlues erblicken wir (
deren ganz allgemein höheren therapeutischen Beeinflussbarkcit
gesehen) ganz entschieden in dem ersten Teil der Methode, nam
der Unschädlichmachung und teilweisen Entfernung des kranken I.iqu
Auch wir lassen in diesen Fällen oft zu Beginn der Behandlung wiet
holt Liquor ab. besonders wenn Druckerhöhung besteht, und beseiti
damit die subjektiven Beschwerden sehr rasch. Bezeichnendem
rät Gennerich immer mehr dazu, bei der Behandlung für Druck'
lastung zu sorgen und etwa 1U des Liquors nicht mehr ernzufüllen. UeS
gens spricht er auch in vielen Fällen einer kombinierten endolumb.|
und intravenösen Behandlung das Wort. . ,
So aussichtsreich uns also der Gedanke erscheint, die Lues des t
tralnervensystems vom Lumbalsack aus direkt anzugreifen, wie
Horsley 1910 zum erstenmal praktisch unternahm, so wenig ha
wir trotz des ausserordentlich verdienstvollen Ausbaus der Met!
durch Gennerich, den Augenblick heute für gekommen, sie in
Praxis einzuführen. Dem steht die hohe Gefahr der Uebeidosierung
schweren Schädigung des Zentralnervensystems nach. wie vor i
schieden entgegen. Vielleicht setzt uns ein künftiges Präparat, das rl
milder in seiner Toxizität und doch möglichst nachhaltig in der VV irk»
sein müsste, in die Lage auf diesem Wege weiterzukommen. Im Irl
esse unserer Kranken wäre es freilich günstiger, wenn der intravencl
Therapie ein Mittel zufiele, das befähigt wäre, die Meningen leichter
durchdringen. Auch hierzu sind Ansätze vorhanden.
Abschliessend ergeben sich also für uijs als Nan
teile der endolumbalen Salvarsantherapie:
1. Umständlichkeit und Schwierigkeit der Tel
n i k f ti r d e n A r z t, . ..
2. Unbequemlichkeit und Kostspieligkeit für d
Patienten
3. Gefahr schwerer Schädigung (infolge Uebr
dosierung) bis zur Lebensbedrohung und
schweremSiechtum;
als Vorteile der intravenösen Behandlung
dass sich die unter 1—3 genannten Nachteile v e r
den 1 a s s e n u n d dass die heutige Einfachheit des
jahrens gestattet, durch genügende Ausdauer i
Intensität der Behandlung in weitaus den m e i s
Fällen Dauererfolge zu erzielen.
Aus der dermatologischen Universitätsklinik Münchenj
(Vorstand: Prof. L. R. v. Zumbusch.)
Die Fachausdrücke der modernen Vererbungslehr
Von Hermann Werner Siemens,
Die moderne Vererbungslehre bedient sich zahlreicher Fach)
drücke, die für den Fernstehenden nicht ohne weiteres verständlich *
und die daher Vielen das Eindringen in die von Jahr zu Jahr an)
deutung wachsende Disziplin erschweren. Einem Wunsche der SciP
leitung entsprechend habe ich deshalb eine Uebersicht über die I
erbungsbiologische Terminologie zusammengestellt, die dem Arzt i
rasche Orientierung über die häufigsten und wichtigsten vererbu?
biologischen Ausdrücke’ ermöglichen soll. Eine ähnliche Ueber:
wurde schon vor 15 Jahren in dieser Wochenschrift von Di)
donne über die Fachausdrücke der Immunitätslehre verfasst und''
sich als ein Hilfsmittel für die Verbreitung immunbiologischer Kennt»
bewährt. Allerdings bietet die Zusammenstellung gerade der vlj
erbungsbiologische n Termini noch eine besondere Schwii
keit infolge des Umstandes, dass vorläufig noch eine ganze Reihe <
schiedener Terminologien nebeneinander gebraucht werden, ohne da
bisher gelungen wäre, einer von ihnen zur alleinigen Anerkennun
verhelfen. Es erscheint mir deshalb notwendig, dem alphabetischen'
zeichnis der Fachausdrücke einige allgemeine Bemerkungen iibeif
Namengebung in der modernen Vererbungslehre vorauszuschicken.
Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass der wichtigste i
zipielle Unterschied, den die Vererbungslehre machen muss, der 1
; 4. Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
273
I ;hen erblichen und nichterblichen. Erscheinungen ist. Die älteren ver-
bungsbiologischen Terminologien hatten nun sämtlich den Fehler,
ass jede von ihnen nur einzelne Phasen der erblichen bzw. der nicht-
blichen Phänomene benannte, so dass man häufig vor die Notwendig-
i eit gestellt war, nebeneinander die Ausdrücke verschiedener Termino-
igien zu benützen. Die Veränderungen der Erbmasse wurden z. B.
„■wohnlich als Mutationen (B a u r) bezeichnet, für die Ursache dieser
eränderungen existierte aber nur der Ausdruck Idiokines'e (L e n z),
;r die Gesamtheit der erblichen Anlagen nur das Wort Genot.vpus
i'ohannsen). So mussten ganz nah verwandte Begriffe mit ganz
srschiedenen Wortstämmen bezeichnet werden. Es bedarf keines Be-
eises, dass eine solche „kombinierte“ Terminologie dem Ferner¬
ehenden den Einblick in die Vererbungslehre ausserordentlich er-
hwerte. Ich habe deshalb geglaubt, dass es für die Lehre einen
ortschritt bedeuten würde, wenn man eine Terminologie ausarbeitet,
e in sich einheitlich ist und folglich mit einer Minderzahl von Wort-
ämrnen auskommen kann1). Die Nebeneinanderstellung dieser Ter-
inologie und der älteren Ausdrucks weisen in einer Tabelle (Tab. 1)
bt, wie ich glaube, einen instruktiven Ueberblick über die vererbungs¬
ologischen Grundbegriffe und ihre Benennung; sie soll das Verständnis
:r in der alphabetischen Uebersicht gegebenen Begriffserklärungen und
or allem das Zurechtfinden unter den zahlreichen Synonyma ermög-
■hen.
Tabelle 1.
Erbsubstanz
Keimplasma, Idloplasma
Idioplasma
Veränderung der Erbsubstanz
Idiokinese
Idiokinese
Resultat dieser Veränderung
Mutation
Idio-Variatlon
Gesamtheit der Erbanlagen
Genotypus
Idiotypus
eitergabe der Erbanlagen an die näch¬
ste Generation
Vererbung
Idlophorie
Erbanlage
Faktor, Gen
Id
xänderung eines Lebewesens durch
Aussenfaktoren
-
Parakinese
Resultat dieser Veränderung
Modifikation
Para-Variation
samtheit der durch Ausseneinflüsse
bedingten Merkmale
Kondition, reiner Phäno-
typus, Konstellation
Paratypus
eitergabe der durch Ausseneinflüsse
dingten Merkmale an die nächste Ge¬
neration
Induktion. Nachwirkung
einer Modifikation
Paraphorie
samtheit der realisierten (idiotypischen
und paratypischen) Merkmale
Soma, Phänotypus
Phänotypus
eichzeitige Abhängigkeit mehrerer
•schiedener Merkmale von einer Erb¬
anlage
Pleiotropismus
Polyphänle
hängigkeit eines Merkmals von ver¬
schiedenen Erbanlagen
Polymerie
Poly-idie*)
ftreten einer Erbanlage bald ln Form
ses, bald in Form jenes Merkmales
Polymorphismus, Hetero¬
morphismus, Transformat.,
generelle Vererbung
Heterophänle
*) Id = Erbanlage
Fiir die medizinische Vererbungslehre gibt es noch eine be-
udere terminologische Schwierigkeit, die dadurch hervorgerufen wurde,
ss eine Reihe von Konstitutionspathologen versucht haben, neue
tchausdriicke für das Erbliche und das Nichterbliche einzuführen,
ese Terminologien sind sehr verwirrend, da das Wort Konstitution
manchen Terminologien Erbliches und Nichterbliches zusammen-
sst, während das gleiche Wort in anderen Terminologien nur
s Erbliche bezeichnet, und da die Fachausdrücke manchmal in
ektem Widerspruch zum Sprachgebrauch stehen (die anomalen Kon-
futionen z. B. sind klinische Syndrome, die durchaus nicht immer
in idiotypisch bedingt sind, wie es die Terminologie Tandlers
11). Diese Terminologien halte ich aber auch deshalb für unglücklich,
iil sie sich nicht bemühen, einen Anschluss an die Ausdrucksweisen
r modernen Vererbungslehre zu finden, trotzdem doch der Fortschritt
r Konstitutionspathologie an ein Zusammengehen mit der Vererbungs¬
ire gebunden erscheint. Ich habe deshalb seinerzeit vorgeschlageu,
n Konstitutionsbegriff in seiner alten, allgemein angenommenen,
sonders von M a r t i u s begründeten Fassung bestehen zu lassen,
d, falls man scharfe verej-bungsbiologische Unterschiede machen will,
'rach die Adjektiva idiotypisch. phänotypisch und paratypisch davor
setzen. Diese Ausdrucksweise würde sich dem bisherigen Sprach-
brauche auf das vollkommenste anschmiegen und trotzdem die aller-
härfste Präzisierung des vererbungstheoretischen Standpunktes ge¬
lten. den man im einzelnen Fall zum Ausdruck bringen will. Auch
-r halte ich es für das Zweckmässigste, um das Zurechtfinden unter
| ) Die Terminologie,, die 1917 im Arch. f. Rassen- und Gesellscluifts-
'logie publiziert wurde, ist unterdessen von einer Anzahl von Autoren,
'i. auch von B a p r, E. Fischer und Lenz akzeptiert worden. (Vgl.
cli Siemens: Einführung in die allgemeine Konstitutions- und Vererbungs-
i Urologie. J. Springer, Berlin 1921.)
den zahlreichen Synonyma zu erleichtern, die in Betracht kommenden
Fachausdrücke alle in einer Tabelle zusammenzustellen (Tab. 2).
Tabelle 2.
M a r t i u s
Erbliche Körperver¬
fassung
Körperverfassung
Erworbene Körperver¬
fassung
M a r 1 1 u s
Erbliche Konstitution
Konstitution
Erworbene Konstitut.
Tandler
Konstitution
—
Kondition
J. Bauer
Konstitution
Körperverfassung
Kondition
< Kahn
Erbkonstitution
—
Konstellation *)
Siemens
Idlotypische Konstitut.
(Phänotypische) Konsti¬
tution
Paratypische Konsti¬
tution
•) Tendeloo hingegen versteht unter Konstellation die Summe aller für eine
bestimmte Wirkung erforderlichen Faktoren und die Beeinflussung dieser Faktoren
untereinander.
Alphabetische Uebersicht.
Ahnentafel = Aszendenztafel.
Ahnen vertust — Ahnenkonzentration — das mehrmalige Auftreten
des gleichen Vorfahren in einer Ahnentafel. Der Almenverlust kommt
durch Verwandtenehe zustande. Heiraten sich z. B. Geschwister¬
kinder, die ja ein Grosseiternpaar gemeinsam haben, so kommt in der
Ahnentafel ihrer Nachkommen dieses Grosselternpaar zweimal vor.
In der Reihe der 8 Ahnen haben deshalb diese Nachkommen nur
6 verschiedene Vorfahren (vgl. Aszendenztafel).
Allelomorphe (Bateson) — Erbanlagenpaarlinge ; die beiden
Partner eines Erbanlagenpaares (vgl. Erbanlagenpaar).
alternative Vererbung - — Synonym für Mendel sehe Ver¬
erbung, gelegentlich auch für das Phänomen der Dominanz und Re-
zessivität im Gegensatz zum sog.' intermediären Verhalten verwendet.
Amphimixis — Kopulation — Befruchtung. Vereinigung der Ge¬
schlechtszellen (Gameten).
Amphi mutation (Plate) — erblich bedingte Variation infolge
von Amphimixis = Mixovariation.
antagonistische Erbeinheiten = Allelomorphe.
Aszendenztafel — Ahnentafel — A-Tafel. Tafelmässige Auf¬
zeichnung aller direkten Vorfahren einer Person, also ihrer 2 Eltern,
ihrer 4 Grosseltern, ihrer 8 Urgrosseltern usf.
Atavismus — Wiederauftreten stammesgeschichtlich älterer Merk¬
male. Beim echten Atavismus entstehen die Vorfahrencharaktere
in der Regel durch Wiedervereinigung von Erbanlagenpaaren, die im
Verlauf der stammesgeschichtlichen Entwicklung eine Trennung er¬
fahren hatten.
aufspalten = mendeln.
Auslese = Selektion.
Auslese, 1 i t e r a r i s c h - k a s u i s t i s c h e (Weinberg). — Bei
vererbungsbiologischer Bearbeitung von Einzelfälleu (z. B. aus der
Literatur), erhält man mehr Kranke, als dem natürlichen Verhältnis
der Kranken zu den Gesunden entspricht, weil 1. diejenigen Ge-
schwisterschaften fehlen, welche zufällig gar kein krankes Kind ent¬
halten, trotzdem die Krankheitsanlage bei den Eltern vorhanden ist
und folglich bei grösserer Kinderzahl auch kranke Kinder zu erwarten
gewesen wären, und weil 2. Fälle mit zufällig besonders gehäuftem
familiärem Auftreten eine grössere Aussicht haben, beachtet zu
werden und zur Publikation zu gelangen. Diese Ursachen des Uebcr-
wiegens der Kranken in kasuistischem Literaturmaterial bezeichnet
man zusammenfassend als literarisch-kasuistische Auslese.
autonome Erbanlagen — Erbanlagen, die nicht zu einem Erb¬
anlagenpaar gehören und die auch keine Koppelung zeigen, deren
Zusammenbleiben bzw. Trennung bei der Bildung der Geschlechts¬
zellen infolgedessen rein vom Zufall, d. h. von den Gesetzen der
Wahrscheinlichkeit abhängt.
Autosomen — Autochremosomen — diejenigen Chromosomen,
welche nicht Geschlechtschromosomen sind.
Bastard — eigentlich ein Lebewesen, das aus der Kreuzung ver¬
schiedener systematischer Rassen hervorgegangen ist; im strengen
vererbungsbiologischen Sinn aber jedes Individuum, das heterozygote
Erbanlagenpaare besitzt.
Biotypus — Erbstamm, Elementarrasse. Kleinste, erblich völlig ein¬
heitliche Gruppe von Lebewesen.
B I a s t o p h t h o r i e (F o r e 1) — Keimschädigung. Naturwissenschaft¬
lich unbrauchbarer, weil mit einem moralischenWerturteil verquickter
Begriff; deckt sich zu einem grossen Teil, wenn auch nicht völlig,
mit dem Begriff der Idiokinese.
Blastovariation (Plate) — blastogene Variation = Idio-
variation.
Chromomer — kleinstes austauschbares Teilchen eines Chromosoms.
Chromosom — Kernstäbchen, Kernbändchen; leicht färbbare, ver¬
schieden geformte Körperchen im Zellkern; sie sind die wahrschein¬
lichen Träger der Erbanlagen und bilden daher vermutlich die stoff¬
liche Grundlage der Vererbung.
crossin g-över (Morgan) = Faktorenaustausch.
D a u e r.m o d i f i k a t i o n (J o 1 1 o s) — induzierte Modifikation
(Reichenhach). Bezeichnung für besonders ausgesprochene
Erscheinungen der Paraphorie bei Pflanzen und Protozoen'; Dauer¬
paravariation.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
274
Darwinismus — die Lehre, nach der die Stammesentwicklung der
Lebewesen nicht durch eine transzendentale Zwecksetzung, sondern
einfach mechanistisch, als folge von Idiokinese plus Selektion zu¬
stande kommt.
Degeneration — Entartung; die Zunahme idiotypischcr Krank¬
heiten von Generation zu Generation.
Degencrationsmerkmal — Entartungszeichen; unzweckmässige
Bezeichnung für eine Reihe kleinerer Missbildungen, von denen man,
oft mit Unrecht, angenommen hat, dass sie in fester Korrelation
ständen zu einer allgemeinen körperlichen und besonders geistigen
Minderwertigkeit (z. B. Naevi, abstehende Ohrmuscheln, Darwin¬
scher Höcker).
Deszendenztafel — D-Tafel; tafelmässige Aufzeichnung sämt¬
licher Nachkommen einer bestimmten Person, des „Stammvaters“
bzw. der „Stammutter“.
Determinante — Erbanteil; kleinster austauschbarer Teil einer
Erbeinheit, oft als Synonym von Erbanlage (Id) gebraucht.
L) i h y b r i d — von Bastardnatur in bezug auf zwei Erbanlagenpaare
(vgl. Hybrid).
Diploid — mit Chromosomen- bzw. Erbanlage paaren versehen.
Diploide Zellen sind die befruchtete Eizelle und alle Zellen des aus
ihr hervorgehenden Organismus, während die reife Geschlechtszelle
nur halb so viel Chromosomen bzw. Erbanlagen, nämlich von jedem
Paar nur einen Paarling besitzt (s. Reduktionsteilung), und daher
als haploid (s. d.) bezeichnet wird.
Disposition — die Wahrscheinücheit, mit der der augenblickliche
Zustand eines Organismus beim Vorhandensein gewisser auslösender
Faktoren das Auftreten einer ganz bestimmten Krankheit bedingt.
Domestikation — der Zustand, in dem die Selektionsverhältnissc
lebender Wesen eine Reihe von Generationen lang unmittelbar und
willkürlich durch den Menschen beeinflusst werden,
d o ui inant (Mendel) — überdeckend; nur anzuwenden, wenn eine
Erbanlage ihren zum gleichen Anlagenpaar gehörigen Anlagenpaar¬
ling überdeckt (vgl. epistatisch). Die Dominanz spielt daher nur eine
Rolle bei heterozygoten Individuen. Eine dominante Krankheits¬
anlage führt, wenn sie nur heterozygot vorhanden ist, in gleicher
(oder fast gleicher) Weise zur Manifestation der Krankheit, als wenn
sie in beiden Anlagepaarlingen (also homozygot) vorhanden wäre;
heterozygot Kranke und homozygot Kranke sind also bei dominanten
Leiden äusserlich nicht zu unterscheiden. Gegensatz: rezessiv.
Dominanz (Mendel) — Ueberdecken. Das Verhalten dominanter
Erbanlagen. Die Dominanz kann unvollständig sein (vgl.
(intermediäres Verhalten) oder unregelmässig, d. h. sie ist
bei manchen Individuen vorhanden, bei anderen nicht vorhanden,
oder sie ist bei manchen Individuen vollständig, bei anderen un¬
vollständig.
E 1 e k t i o n — elektive Selektion — positive Auslese, Auswahl. Aus¬
breitung bestimmter erblicher Formen infolge überdurchschnittlicher
Fruchtbarkeit.
Elimination — eliminatorische Selektion — negative Auslese, Aus¬
merze. Verminderung und Aussterben bestimmter Erbstämme in¬
folge unterdurchschnittlicher Fruchtbarkeit.
Entartung = Degeneration.
E p i s t a s e — Ueberdecken. Das Verhalten epistatischer Erbanlagen,
epi statisch — überdeckend; nur anzuwenden, wenn eine Erb¬
anlage eine andere überdeckt, die nicht zum gleichen Erbanlagcnpaar
gehört (vgl. dominant). Eine Erbanlage kann daher sowohl im
heterozygoten wie im homozygoten Zustand epistatisch sein. d. h.
eine andere, zu einem anderen Erbanlagenpaar gehörige Anlage an
ihrer Manifestation hindern. Beispiel: Mäuse, die ein Erbanlagen-
paar für schwarze und eines für gelbe Farbe besitzen, lassen von
gelb nichts konstatieren, da diese Eigenschaft durch die epistatische
Schwarzanlage überdeckt wird. Gegensatz: hypostatisch.
Erbanlagenpaar — die Grundlage jedes erblichen Merkmals (und
folglich auch jeder erblichen Krankheit) ist nach den Mendel sehen
Vorstellungen nicht eine Erbanlage, sondern ein Erbanlagen d a a r.
Von beiden Paarlingen geht stets nur einer in je eine Geschlechts¬
zelle (der andere wird bei der sog. Reifungsteilung ausgestossen),
so dass also jede Erbanlage bei jeder Zeugung die Wahrscheinlich¬
keit Vi hat, auf den Nachkommen übertragen zu werden. Dies ist
die Grundidee des Mendel sehen Gesetzes (vgl. diploid).
Erbfaktor = Erbanlage.
Erbformel ■ — Aufzeichnung der festgestellten Erbanlagen mit Hilfe
eines für den einzelnen Fall zurechtgelegten Buchstabensystems,
etwa nach Art der chemischen Konstitutionsformeln.
Erbplasma = Idioplasma.
Erb stamm = Biotypus.
erworben — wird von medizinischen Autoren oft als Synonym von
nichterblich (paratypisch) gebraucht. Sehr pn zweckmässiger Aus¬
druck, da viele Leiden, die erst in höherem Alter auftreten. die also
während des Lebens „erworben“ werden, ausgesprochen erblich sind
(z. B. erblicher Altersstar, Myopie, Dementia praecox).
Faktor (Erbfaktor) = Erbanlage.
Faktoren austau sch — Crossing over; der Mechanismus, auf dem
die Koppelung beruht.
field-worker — Hilfsarbeiter bzw. Hilfsarbeiterin bei der Durch¬
forschung vererbungswissenschaftlich interessanter Familien.
Fluktuation (Darwin, de V r i e s) — gewöhnlich im Sinne von
Paravariation gebraucht.
Fortpflanzungshygiene — die Lehre von den optimalen Be-
Nr.
dingungen der Zeugung: ein kleines, praktisch unwesentliches Tei'j
gebiet der Rassenhygiene. I
Gameten — Geschlechtszellen; sie enthalten die durch die Redu!
tionsteilung halbierten elterlichen Erbsubstanzen, d. h. von jede
Erbanlagenpaar je einen Paarling.
Gen (Johannsen) — Erbanlage (Id).
generelle Vererbung (Rüdin) = verschiedenmerkmalip
(heterophäne) Vererbung.
Genotypus (johannsen) — Idiotypus.
geschlechtsabhängige Vererbung — zusammenfassem
Bezeichnung für die geschlechtsbegrenzte und die geschlecht
gebundene Vererbung.
geschlechtsbegrenzte Vererbung — sex-limited heredi
(Morgan) — ein geschlechtsabhängiger Vererbungstypus, bei de
die betreffende Erbanlage zwar nicht in den Geschlechtschromosom<
lokalisiert, aber in ihrer Manifestation von ihnen abhängig ist. E
geschlechtsbegrenzten Erbanlagen sind (wie gewöhnliche dominan
und rezessive Erbanlagen) in gleicher Zahl über beide Geschlecht
verteilt, kommen aber ausschliesslich (totale Geschlechtsbegrenzun
oder vorwiegend (partielle Geschlechtsbegrenzung) nur bei eint
Geschlecht zur Entfaltung.
Geschlechts Bestimmung — der Vorgang, der darüber er
scheidet, ob männliches oder weibliches Geschlecht entsteht. Be
Menschen und bei den höheren Tieren ist die Geschlechtsbestimmu
davon abhängig, ob die Geschlechtschromosome in paariger Jot
in unpaariger Ausfertigung vorhanden sind (vgl. Geschlechtschroir
some).
Geschlechtschromosome — die Chromosome. in denen t
Erbanlagen lokalisiert sind, welche (wenigstens bei allen höher
Tieren) über das Geschlecht entscheiden. Beim Menschen (und 1
den Säugern) kommt es dann zur Ausbildung weiblichen (1
schlechts, wenn die Geschlechtschromosome als Erbanlagen p a a I
vorhanden sind; sind sie unpaarig vorhanden (was bei den übrig'
Chromosomen niemals vorkommt; vgl. Erbanlagenpaare), so ei
stehen männliche Individuen.
geschlechtsgebundene Vererbung — sex-linked hered'j
(M organ) — ein Vererb ungstypus. der dann beobachtet wird, we
die betreffende Erbanlage in den Geschlechtschromosomen' lokalisi
ist. Da die Geschlechtschromosome beim Weibe doppelt (paari
beim Mann nur einfach vorhanden sind, sind auch die geschlech
gebundenen Erbanlagen nicht gleichmässig über beide Geschlech
verteilt, sondern werden bei Weibern häufiger angetroffen. E
sprechend finden sich auch die dominant-geschlechtsgebundeiu
Krankheiten häufiger bei Weibern als bei Männern; bei den rezessl
geschlechtsgebundenen Krankheiten ist es jedoch umgekehrt, i
die geschlechtsgebundenen rezessiven Erbanlagen beim Manne, |
dem sie unpaarig sind (vgl. Geschlechtschromosome). stets zur ma|.
festen Krankheit führen, während sie beim Weibe, bei dem sie stl
als Erbanlagen paare auftreten, durch ihren gesunden Anlagepaarl*
überdeckt, d. h. also an der Manifestation gehindert werden. Trofc
dem die rezessiv-geschlechtsgebundenen Erbanlagen beim Wef
häufiger sind, werden deshalb die rezessiv-geschlechtsgebundeijl
Krankheiten, besonders wenn sie allgemein selten sind, i
ausschliesslich bei Männern angetroffen. jedoch durch (äusser!
gesunde) Weiber auf ihre Söhne übertragen (früher sog. Hornel
sehe Regel). Beispiele: Rotgrünblindheit, wahrscheinlich auch Här!-
philie. _ ■/ySI
Geschwistermethode (W e i n b e r g) — eine statistische A|-
thode zum Nachweis der Mendel sehen Proportionen; der F>
bandenmefhode (s. d.) nahe verwandt.
Gesetz der konstanten Zusammensetzung einer PI
pulation (Baur) — ein Gesetz, welches besagt, dass in ei:
Population, auf die keinerlei Selektion einwirkt (was freilich pri
tisch nie vorkommt), das Zahlenverhältnis der verschiedenen t
liehen Formen zueinander immer konstant bleibt,
gynephore Vererbung (Plate) — älterer unklarer Ausdrr;
dessen Begriff im grossen ganzen mit dem Begriff der geschleclf
gebundenen Vererbung zusammenfällt,
haploid — mit einer Chromosomen- bzw. Erbanlagengarnitur vf
sehen, die von jedem Erbanlagenpaar nur eine n Paarling besiji
Gegensatz: diploid. Haploid sind die reifen Geschlechtszellen: 1
entwickeln sich durch die Reduktionsteilung, welche die Erbanlaß)
paare trennt, aus den diploiden Ursamen- bzw. Ureizellen und \r
schmelzen sich durch die Amphimixis wieder zu der diploiden Zygl
(d. i. die befruchtete Eizelle). . ry
Heterochrom osome — die durch Grösse, Form und Färbbar’^
von den übrigen Chromosomen unterscheidbaren Geschlecl
chromosome.
Heterogametie — Synonym für Hcterozygotie.
heterophäne Vererbung (Siemens) — verschiedemw)
malige Vererbung — ein Vererbungstypus, bei dem eine Erbanlf
(je nach den gerade wirkenden Aussenfaktoren und den gerade
handenen übrigen Erbanlagen) bald diese, bald jene phänotypis
Ausprägung erlangen kann.
heterozygot — verschiedenanlagig. Der Ausdruck besagt, dass '
beiden Paarlinge eines Erbanlagenpaares untereinander verschie
sind. £
Heterozygotie — Verschiedenanlagigkeit. Bastardnatur. Der 1
stand eines Lebewesens mit heterozygoten Erbanlagepaaren.
Homogametie — Synonym für Homozygotie.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
275
mologe Erbeinheiten — Erbanlagen, die zu einem Anlagen¬
paar gehören (vgl. Allelomorpbe).
momerie — gleichsinnige oder homologe Polyidic; die Abhängig¬
keit eines Merkmals von mehreren, zu verschiedenen Anlagepaaren
gehörenden Erbanlagen, die eine gleiche oder ähnliche Wirkung
haben und sich infolgedessen in ihrer Wirkung gegenseitig ver¬
stärken; ein Spezialfall der Polyidie (vgl. polyide Vererbung). Bei¬
spiel: die schwarze Hautfarbe des Negers, die höchstwahrscheinlich
durch mehrere, gleichsinnig wirkende und daher sich gegenseitig ver¬
stärkende Pigmentanlagepaare bedingt wird. Diese komplizierte
erbliche Bedingtheit ist daran schuld, dass nach Kreuzung von
Negern mit Weissen in der Enkelgeneration nicht wieder rein
weisshäutige Individuen herausmendeln.
mozygot — gleichanlagig. Gegensatz von heterozygot; besagt,
dass die Paarlinge eines bestimmten Erbanlagenpaares sich unter¬
einander gleichen.
mozygotie — Gleichanlagigkeit. Der Zustand eines Lebe¬
wesens mit homozygoten Erbanlagepaaren. Lebewesen, die in
sämtlichen Erbanlagen gleichzeitig homozygot sind, kommen bei
höheren Organismen praktisch nicht vor.
■ rnersche R eg e 1, s. geschlechtsgebundene Vererbung.
brid — deckt sich zum grossen Teil mit heterozygot; vgl. auch
Bastard.
postase — Ueberdeckbarkeit, Ueberdecktheit, Latenz; das Ver¬
halten hypostatischer Erbanlagen.
postatisch — überdeckbar, überdeckt; nur anzu wenden, wenn
eine Erbanlage von einer anderen überdeckt wird, die nicht zum
gleichen Erbanlagenpaar gehört (vgl. rezessiv). Gegensatz: epi¬
statisch.
— Erbanlage. Synonyma: Faktor, Gen.
i o k i n e s e (Lenz) — Erbänderung; zusammenfassende Bezeich¬
nung für die transitiven Ursachen des Auftretens neuer Idiovaria-
tionen (s. d.).
okinetische Faktoren (Lenz) — erbändernde Faktoren;
Einflüsse der Umwelt, welche das Auftreten neuer Erbanlagen (Idio-
variationen) verursachen.
iophoric (Siemens) — Vererbung im strengsten Sinne des
Wortes; der Vorgang, welcher das Vorhandensein gleicher Erb¬
anlagen (Ide) bei Vorfahren und Nachkommen bewirkt,
ioplasma (v. Naegeli) — Erbplasma, Erbsubstanz; hat vor
dem unzweckmässigen synonymen Wort „Keimplasma“ die Priorität
voraus.
otypisch (Siemens) — erbbildlich, anlagenbildlich; das. was
durch die Erbanlagen bedingt ist.
iotypus (Siemens) — Erbbild, Anlagenbild. Gesamtheit der
Erbanlagen.
iovariation [abgekürzt; Idation] (Siemens) — Erb Varia¬
tion, Erbabweichung; das Resultat der Idiokinese.
duktion — unklarer Ausdruck, zum Teil identisch mit Paraphorie,
zum andern Teil mit dem Phantom der sog. Vererbung erworbener
Eigenschaften.
termediäres Verhalten — unvollständige Dominanz. Das
Verhalten einer Erbanlage, die bei heterozygotem Vorhandensein
ihren andersartigen Anlagepaariing weder überdeckt, noch sich von
ihm überdecken lässt, sondern mit ihm zusammen ein Merkmal her¬
vorbringt, das etwa in der Mitte steht zwischen den Merkmalen,
die den beiden ungleichartigen Anlagepaarlingen eigentlich ent¬
sprechen würden. Beispiel: trifft bei der Wunderblume eine Anlage
zu roter Blütenfarbe mit einer Anlage zu weisser Blütenfarbe im
gleichen Anlagenpaar zusammen, so resultiert weder eine rote (dann
wäre rot dominant), noch eine weisse (dann wäre weiss
dominant), sondlern eine rosa Blütenfarbe. Die intermediäre Erb¬
anlage macht sich also bei heterozygotem Vorhandensein zwar
bemerkbar, aber doch weniger stark als bei Homozygotie.
zest — extreme Form der Verwandtschaftszucht, engste Inzucht
zucht — Fortpflanzung durch Zeugungen unter Verwandten.
1 implas ma (Weis mann) — wenig glücklicher Ausdruck für
Idioplasma.
on (Shull) — die durch ausschliesslich ungeschlechtliche Ver¬
mehrung aus einem Individuum erzielte Nachkommenschaft: der
Klon ist gleichsam die reine Linie (s. d.) bei solchen Organismen,
die sich durch Selbstbefruchtung nicht fortflanzen lassen,
imbination (Baur) — Kombinationsvariation = Mixovariation.
) n d i t i o n (Tandler) — nicht ganz klarer Begriff, im wesentlichen
zusam menfallend mit dem Begriff des Paratypus.
»nduktoren — Ueberträger; Individuen, welche Erbanlagen, die
sich bei ihnen selbst nicht äussern, auf ihre Nachkommen übertragen.
Mistellation — nach Kahn ein Synonym für Kondition, nach
Ten de 1 oo die Summe aller für die Entstehung eines Merkmals
erforderlichen Faktoren und die Beeinflussung dieser Faktoren unter¬
einander.
Institution — Körperverfassung ; nach Tandler ein Begriff,
der sich grösstenteils, aber nicht völlig mit dem Begriff des Idio-
typus deckt, dem sonstigen Sprachgebrauch nach ein Symptomcn-
komplex, der dem Arzte prognostische Schlüsse gestattet, aber selbst
noch nicht als Krankheit aufgefasst werden kann, da er keine un¬
mittelbare Erhaltungsgefährdung bewirkt.
>ntinuität des Idioplasmas — die Lehre Weis man ms,
nach der der Leib des Individuums nicht aus sich heraus eine neue
Erbsubstanz (Idioplasma) bildet, sondern nach der die Erbsubstanz
eines Individuums ein unmittelbarer Abkömmling der Erbsubstanzen
der Eltern ist, so dass das entwickelte Individuum gleichsam nur
ein Organ zur vorübergehenden Beherbergung und Ernährung der
Erbmasse darstellt.
Kontraselektion (P 1 o e t z) — Gegenauslese, widernatürliche
Auslese; Vermehrung der erblichen Formen, die auf die Dauer sich
doch nicht erhalten können, bzw. Verminderung und Aussterben der
auf die Dauer besonders erhaltungsgemässen Erbstämme.
Koppelung — die Erscheinung, dass Erbanlagen, die nicht zu einem
Paar gehören und die folglich unabhängig voneinander vererben
sollten (vgl. Mendel sehe Regeln), die Neigung haben, in auf¬
einanderfolgenden Generationen häufiger vereinigt zu bleiben, als der
Wahrscheinlichkeit nach zu erwarten wäre, d. h. also häufiger als
in 50 Proz. der Fälle.
Krankheit — ein Leben an den Grenzen der Anpassungsmöglich¬
keit (Len z).
Lamarckismus — die Lehre, welche die Stammesentwicklung der
Lebewesendurch die phantastische Annahme einer unbegrenztenFähig-
keit zu zweckmässigen Reaktionen auf alle Umwelteinflüsse
zu erklären versucht. Eine wichtige (und unhaltbare) Voraussetzung
dieser Lehre bildet die sog. Vererbung erworbener Eigenschaften.
m e n d e 1 n — ein Merkmal „mendelt“. wenn es sich entsprechend dem
Mendel sehen Gesetz vererbt.
Mendelsche Vererbung — Vererbung entsprechend dem
Mendel sehen Gesetz. Soweit wir bis jetzt unterrichtet sind, ist
alle. echte Vererbung Mendelsche Vererbung.
Mendelsches Gesetz — jede Erbanlage hat bei jeder Zeugung die
Wahrscheinlichkeit 'A, auf das Kind überzugehen. Das Gesetz folgt
aus der Tatsache, dass die Vererbung auf Erbanlagepaaren beruht,
deren Paarlinge sich bei der Bildung der reifen Geschlechtszellen
regelmässig trennen (vgl. Erbanlagenpaare).
Mendelsche Regeln — die von Mendel 1865 entdeckten Re¬
geln, aus denen sich das Mendel sehe Gesetz ableiten lässt.
1. U n i f o r m i t ä t s r e g e 1: die Individuen der ersten, aus der
Kreuzung reiner Rassen hervorgegangenen Nachkommengeneration
sind untereinander gleich. 2. Spaltungsregel: bei den Indi¬
viduen der zweiten Nachkommengeneration einer solchen Kreu¬
zung kommen die Merkmale beider Grosseltern (und zwar in einem
ganz bestimmten Zahlen Verhältnis) wieder zum Vorschein. 3. Un¬
abhängigkeitsregel: Unterscheiden sich die zur Kreuzung
kommenden Individuen in mehr als einem Erbanlagenpaar, so ver¬
halten sich die einzelnen Erbanlagenpaare mit Bezug auf die Spal¬
tungserscheinungen unabhängig voneinander. Ausnahmen von dieser
Regel kommen durch die Koppelung zustande.
Mendelsche Proportionen — Mendel sehe Zahlenverhält¬
nisse. Das Verhältnis der behafteten zu den nichtbehafteten Indi¬
viduen, das sich auf Grund der Men de Ischen Vererbung für die
Nachkommen eines bezüglich seiner Erbanlagen bekannten Eltern¬
paares berechnen lässt.
Mixovariation (Baur) [abgekürzt : M i x a t i o n] — Variation, die
durch das Zusammenspiel, durch eine bestimmte Mischung der Erb¬
anlagen bedingt ist.
Modifikation (Baur) = Paravariation.
Modifikation, induzierte (Reichenbach) = Dauermodi¬
fikation.
Modifikationsfaktoren — Erbanlagen, die andere, nicht zum
gleichen Anlagenpaar gehörende Anlagen in ihrer Entfaltung be¬
einflussen.
m o n o h y b r i d — von Bastardnatur in bezug auf ein Erbanlagenpaar
(vgl. hybrid).
m o n o i d — von einer Erbanlage (Id) abhängig.
Mutation (d e V r i e s. Baur) = Idiovariation.
Nachwirkung einer Modifikation (Baur) = Paraphorie.
Parakinese (Siemens) — Nebenänderung; Bezeichnung für die
Ursachen der Aenderung eines Lebewesens in nichterblicher Weise.
Das Resultat der Parakinese ist die Paravariation.
parakinetische Faktoren (Siemens) — nebenändernde Fak¬
toren; Einflüsse der Umwelt, welche das Auftreten von nichterblichen
Merkmalen (Paravariationen) verursachen.
Paraphorie (Siemens) — Nachwirkung von Paravariationen auf
die nächsten Generationen.
paratypisch (Siemens) — nebenbildlich; nicht durch die Erb¬
anlagen, sondern durch Umwelteinflüsse bedingt, nichterblich.
Paratypus (Siemens) — Nebenbild: Gesamtheit der nichterb-
lichen Merkmale eines Lebewesens.
Para Variation [abgekürzt : P a r a t i o nl (Siemens) — Neben¬
variation, Nebenabweichung; Abweichung, die nicht durch die Erb¬
anlagen, sondern durch Umweltfaktoren bedingt ist.
peristatische Faktoren (Fischer) — die Gesamtheit der Um¬
weltfaktoren, also idiokinetische plus parakinetische Faktoren.
phänotypisch (Johannsen) — zum Phänotypus gehörig; „rein
phänotypisch“ ist ein Synonym für paratypisch.
Phänotypus (Johannsen) — Erscheinungsbild, Merkmalsbild ;
Gesamtheit der am Individuum realisierten erblichen (idiotypischen)
und nichterblichen (paratypischen) Merkmale.
pleiotrope Vererbung (Plate) — vielmerkmalige Vererbung
(vgl. polyphäne Vererbung).
polygene Vererbung — vielanlagige Vererbung (vgl. polyide
Vererbung).
5
276
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
polyhybrid — von Bastardnatur in bezug auf viele Erbanlagen¬
paare (vgl. hybrid).
polyide Vererbung (Siemens) — vielanlagige Vererbung; sie
liegt dann vor. wenn ein Merkmal von mehreren oder vielen Erb¬
anlagepaaren zugleich in höherem Grade abhängig ist.
Polymerie — meist als Synonym von Homomerie gebraucht, ge¬
legentlich aber auch als Synonym von Polyidie (Vielanlagigkeit)
(vgl. polyide Vererbung).
polymorphe Vererbung — verschiedenmerkmalige Vererbung
(vgl. heterophäne Vererbung).
polyphäne Vererbung (Siemens) — vielmerkmalige Ver¬
erbung; eine Erscheinung, die dann gegeben ist. wenn eine Erb¬
anlage mehrere oder viele phänotypische Merkmale gleichzeitig be¬
dingt.
Population (Johannsen) — Bestand (von Tieren oder Pflanzen).
Bevölkerung, Zeugungskreis; Gemenge verschiedener Erbstämme.
P r ä i n d u k t i o n — ein nur noch selten gebrauchter Begriff, der zum
Teil mit dem Begriff der Paraphorie zusammenfällt.
Proband — Ausgangsperson; die Person, von der man bei Erfor¬
schung eines Verwandtenkreises ausgegangen ist.
Probanden metho de (W e i n b e r g) — eine statistische Methode,
mit deren Hilfe sich aus der Zahl der kranken und der gesunden Ge¬
schwister von Individuen, die mit einem bestimmten erblichen Lei¬
den behaftet sind, die wahre Mendel sehe Proportion (s. d.) bei
diesem Leiden berechnen lässt. Findet besonders Verwendung zum
Nachweise rezessiven Erbgangs.
Rasse — das Wort hat zwei Bedeutungen: 1. Systemrasse:
naturwissenschaftlich-systematische Unterabteilung der Art. 2. V i -
talVasse (Ploetz): die überindividuelle Einheit dauernden Le¬
bens, die durch einen miteinander in Zeugungsgemeinschaft leben¬
den Kreis ähnlicher Individuen repräsentiert wird; der dauernd fort¬
lebende Volkskörper.
Rassenhygiene (Ploetz) — die Lehre von den Bedingungen
der Erhaltung und der bestmöglichen Entwicklung der Rasse. Man
unterscheidet eine elimin atorische, geburtenhem¬
mende Rassenhygiene (Siemens), weniger zweckmässig
als negative oder englisch-amerikanische Rassenhygiene bezeichnet,
von einer elektiven, geburtenfördernden Rassen¬
hygiene (Siemens), die gewöhnlich positive oder deutsche
Rassenhygiene genannt wird. Die eliminatorische Rassenhygiene
sucht ihr Ziel durch möglichste Hemmung der Fortpflanzung der
Kranken und Minderwertigen zu erreichen, die elektive durch mög¬
lichste Förderung der Fruchtbarkeit der Gesunden und Leistungs¬
fähigen.
Reduktionsteilung — eine Zellteilung bei der Geschlechtszellen-
biidung, durch die aus der diploiden, unreifen Geschlechtszelle die
haploide, reife Geschlechtszelle wird. Bei dieser Teilung werden
... die Chromosomen halbiert, d. h. die Paarlinge der Chromosomen-
bzw. Erbanlagenpaare trennen sich für dauernd voneinander; auf
ihr beruht deshalb das Grundprinzip des Mendel sehen Gesetzes,
nach dem jede Erbanlage nur die Wahrscheinlichkeit hat, in eine
reife Geschlechtszelle hineinzugelangen.
Reifungsteilungen der Geschlechtszellen — die beiden rasch
hintereinander folgenden Zellteilungen, durch welche die reifen Ge¬
schlechtszellen entstehen; die letzte der beiden Teilungen wird als
Reduktionsteilung bezeichnet.
reine Linie (Johannsen) — die durch dauernde ausschliessliche
Selbstbefruchtung eines Lebewesens erzielte Nachkommenschaft.
Die Individuen einer reinen Linie stimmen sämtlich idiotypisch mit¬
einander vollkommen überein, gehören also sämtlich zum gleichen
Erbstamm (vgl Klon).
rezessiv (Mendel) — überdeckbar, überdeckt; nur anzuwenden,
wenn eine Erbanlage von dem zum gleichen Anlagenpaar gehörenden
Partner überdeckt wird (vgl. dagegen hypostatisch). Rezessive Erb¬
anlagen können sich daher im heterozygoten Zustand nicht mani¬
festieren. Gegensatz: dominant.
Rezessivität (Mendel) — Ueberdeckbarkeit, Ueberdecktheit, La¬
tenz; das Verhalten rezessiver Erbanlagen.
Selektion — Auslese; Vermehrung bzw. Verminderung bestimmter
erblicher Formen durch besonders grosse (Elektion), bzw. besonders
geringe (Elimination) Fruchtbarkeit derselben.
Sippschaftstafel — methodische Kombination der Aszendenz-
mit der Deszendenztafel; praktisch im allgemeinen nicht brauchbar.
Soma (Weis mann) — Körper, als Gegensatz zur Erbmasse (Idio-
plasma).
Somation (Plate) — eine Variation, die sich dem Begriffe nach
im wesentlichen mit der Paravariation deckt.
Stammbaum — ein nach namensrechtlichem Gesichtspunkt her¬
gestellter Ausschnitt aus der Deszendenztafel (s. d.).
Synapsis — gewöhnlich als Synonym von Syndese gebraucht.
S y n d e s e — die bei den Reifungsteilungen der Geschlechtszellen er¬
folgende .paarweise Zusammenlegung der Chromosome; während der
Syndese erfolgt wahrscheinlich der Mendel sehe Austausch der
Erbanlagen.
transformierende Vererbung — verschiedenmerkmalige Ver¬
erbung (vgl. heterophäne Vererbung).
Variation — Abweichung; Abweichen eines Individuums von einem
anderen oder von der Gruppe, zu der es gehört.
Vererbung— vgl. Idiophorie.
Verwandtschaftstafel — V-Tafel — jede Form tafelmässir
genealogischer Aufzeichnung, insonderheit die Vereinigung von }\
zendenz- und Deszendenztafel.
x-Chromosom — Geschlechtschromosom.
y-Chromosom — die Geschlechtschromosome der höheren Tii
sind bei einem Geschlecht paarig, beim anderen unpaarig vorhant
(vgl. Geschlechtschromosome). Bei vielen Tieren trifft man alp
bei dem Geschlecht, bei dem man eigentlich das unpaare Ck
schlechtschromosom erwarten sollte, doch einen, wenn auch kleiner
Paarling an; dieser Paarling des x-Chromosoms wird als y-Chron
som bezeichnet.
Zygote — die befruchtete Eizelle, die Ausgangszeile eines neu
Lebewesens, die durch Vereinigung der beiden Gameten (der 1
und Samenzelle), d. h. also durch die Vereinigung der beiden h
bierten elterlichen Erbmassen entstanden ist.
Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage
(am 22. Februar 1922.)
Von Prof. Dr. W. Fl einer in Heidelberg.
Der Name Adolf Kussmaul gehört der Geschichte an, als c
eines der grössten Aerzte und berühmtesten Kliniker aller Zeiten. Dem a
den Zeiten der Not emporstrebenden Mediziner kann er ein Symbol sc
für die Bedeutung des Spruches: „Freie Bahn dem Tüchtigen“, de
im Altdeutschen heisst Kusso der Gute oder Tüchtige und Mulo d
Mutige und Mut gehört dazu, sich selbst eine Bahn zu brechen, wo ni
eine solche nicht schon vorgezeichnet findet. Die medizinischen Träg
des Namens K u s s m a u 1 sind vorbildlich in dieser Beziehung.
Die ärztliche Begabung stammt vom Grossvater und hat sich v
Generation zu Generation potenziert. Er war Chirurgus, d. i. Wundar
in Soellingen bei Durlach, hat aber wohl die ganze ärztliche Praxis i
Dorfe besorgt, denn studierte Aerzte wurden aus der Stadt nur i
äussersten Notfall zu Hilfe gerufen. Er starb schon im 40. Lebensjah
und hinterliess die Witwe mit 4 Kindern in ärmlichen Verhältnisse
Sein ältester, am 23. Dezember 1790 geborene Sohn hat sich vom arm'
Bauernjungen, der seiner Mutter wacker mithalf, die vaterlose Fami
tapfer durchs Leben zu schlagen, zum tüchtigen Arzte emporgearbeit
und sein Enkel, dessen Manen diese Zeilen gelten, vom einfachen Lan
arzt zum berühmten Kliniker. Lehrer und Erzieher mehrerer Gener
tionen von Aerzten.
In den prächtigen „Jugenderinnerungen eines alten Arztes“ schildc
A. Kuss maul den erstaunlichen Werdegang seines Vaters, und <
klingt es fast märchenhaft, wie der gutmütige Soellinger Pfarrer z
fällig bei dem eben der Volksschule entwachsenen, auf der Weide d
Kühe hütenden Knaben einen so ungewöhnlichen Trieb zum Lernen ui
ein so vorzügliches Gedächtnis entdeckte, dass er sich seiner annahi
ihm lateinischen Unterricht erteilte und Lehrbücher schenkte.
Da der Knabe aber Wundarzt werden wollte, wie sein Vater ein
war, so vermochte der Soellinger Pfarrer auch seinen Freund, den Amt
chirurgus in Durlach dazu, jenen in der Knochenlehre und in den A:
fangsgründen der Anatomie, auch in der Verbandlehre und Wundbehan
lung zu unterweisen.
Nach Beendigung seiner chirurgischen Ausbildung auf der von Jo
Pet. Frank begründeten Schule für Hebammen und Wundärzte
Bruchsal legte der Vater Kussmaul 1814 das Staatsexamen
Karlsruhe ab und wurde dann Militärwundarzt bei den badisch«
Truppen in den Befreiungskriegen. Als solcher machte er die Belag'
rung von Kehl und Strassburg mit und kam bis nach Lothringen, wo ii
der Typhus befiel. Wieder genesen, erwarb er sich durch seine chiru
gische Praxis die Mittel, sich in Privatstunden die Kenntnisse z:
gymnasialen Reifeprüfung zu verschaffen und auf den Universität«
Heidelberg und Würzburg Medizin zu studieren. Im Herbst 1820 leg
er in Karlsruhe das Staatsexamen für innere Medizin ab und trat dar
als „Arzt, Wundarzt und Hebarzt“ in den badischen Staatsdiens
Unter dem Titel eines Grossherzoglichen Stabsarztes erhielt er d
erste Anstellung als Assistenzarzt beim Landamte Karlsruhe in Grabe
bei Bruchsal; aber schon 1823 kam die Versetzung als Amtschirurgi
nach Emendingen im Breisgau, 1829 diejenige als Physikus nach Bo;
berg im Taubergiund und zuletzt 1834 diejenige nach Wiesloch b
Heidelberg.
Adolf Kussmaul kam am 22. II. 1822 in Graben zur We
Die Erziehung und den Unterricht seines Erstgeborenen nahm d.
Vater zunächst selbst in die Hand. In Boxberg sollte der kleine Add
die Volksschule besuchen. Der einzige Schulmeister des Ortes, e'
alter Reitersmann, der die Napoleonischen Kriege mitgemacht hatt;
war aber ein kenntnisarmer, gemütsroher Mensch. Als der Vater dit|
erkannt hatte, nahm er sein hochbegabtes, empfängliches Kind nach kurz«
Zeit wieder aus der Volksschule und unterrichtete dasselbe, wie vorht
schon in Emmendingen, daheim und unterwegs auf der Praxis.
Mehr als der Unterricht in den üblichen Schulfächern interessier!
den Knaben der naturwissenschaftliche Anschauungsunterricht in Gott«!
freier Natur: er lernte schauen und die Schönheit der Erde und1 ihre
Geschöpfe bewundern und erkennen. Die „Scientia amabilis“, wie si:
der Vater ihn durch Sammeln, Bestimmen und geordnetes Einlege
der Pflanzen in das Herbarium lehrte, schärfte schon das Auge de
Knaben für künftige, ärztliche Diagnosen — die Freude an den Kinder
Floras ist ihm zeitlebens geblieben.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
277
Als die Regelmässigkeit des Unterrichts mit der Zunahme der Praxis
1 der Amtsgeschäfte des Vaters zu leiden anfing, erbot sich der
rrer von Schweigern aus Dankbarkeit auszuhelfen. Mit dem Schul-
zchen auf dem Rücken trollte sich der kleine Adolf des Morgens
gniigt fünfmal in der Woche vom Boxberger Doktorhause nach dem
rrhause in Schweigern und anfangs ging die Sache ganz gut, denn
Weg war nicht lang, kaum eine halbe Stunde. Aber von Woche
Woche dehnte er sich bis schliesslich die Ankunft in Schweigern
gegen Mittag und die Heimkehr in Boxberg erst gegen Abend er¬
de. „Die Landstrasse liess mich nicht los, das ganze Naturreich
schwor sich, mich unterwegs festzuhalten und wunderschöne Herbst-
e spendeten ihren Segen dazu!“
So wurde dann das ungebundene Leben auf der Landstrasse ab¬
rochen und der neunjährige Knabe aus dem Elternhause in Box-
g in das einige Stunden entfernt gelegene Pfarrhaus in Buch am
m verbracht. Die Pfarrersleute hatten keine Kinder und behandelten
n Zögling wie ihr eigenes. Einen besseren Erzieher, als den
gen und nie verdrossenen Landpfarrer hätte er nicht haben können.
Unterricht war anregend und förderlich und die gemeinsamen Spa¬
gänge ebenso unterhaltend als nützlich. Dazu gab es im Pfarrhause
- gute Bibliothek, die den jungen Zögling zeitweilig zu einer fast
ihrlichen Lesewut anregte. Nie war das1 Leben in dem welt-
eschiedenen Dörfchen einförmig und langweilig: es brachte dem
dkind die Kenntnisse einer Menge von nützlichen Dingen, die dem
itkinde häufig zeitlebens bis zur Lächerlichkeit fremd bleiben.
Nach zwei eilend dahingegangenen Jahren war die Zeit zur gym-
ialen Weiterbildung gekommen. Ungern schied der junge Kuss¬
ul aus dem idyllischen Pfarrhaus, aus dem ihm durch Gewöhnung
geregelte Arbeit ein Segen für das ganze Leben mitgegeben wurde.
Er ahnte seinen Lebensweg und wusste, was er werden wollte,
e er doch an seinem Vater und an seinem theologischen Erzieher
le Vorbilder. „Mir schien der Beruf als Landarzt der beste . .
wollte Landarzt werden und schliesslich Physikus. wie mein Vater,
stand fest bei mir. Nur eine Zeitlang schwankte ich, ob ich niclit
Beruf eines Landgeistichen vorziehen sollte, nachdem ich den kost¬
en Frieden des Landpfarrhauses gekostet, wo ich wie das Kind ge-
en, zwei Jahre lang verweilt hatte. Doch kehrte ich zu meinem
en Vorsatz zurück, sobald ich wieder meinen Vater ärztlich wirken
walten sah.“
Kussmaul besuchte die Lyzeen zu Wertheim, Mannheim und
leiberg.
So lange der Vater in Boxberg angestellt war, lag Wertheim am
reinsten. Aber der Sohn fühlte sich in der anmutig an der Mündung
Tauber in den Main gelegenen altehrwürdigen Stadt nicht behaglich,
derum in einem Pfarrhause untergebracht, musste er sich in der
erreichen Familie mit den Brosamen von Liebe begnügen, die für
„kleinen Fremdling“ übrig blieben und der Pfarrer selbst küm-
te sich in seiner kalten Art kaum um ihn.
Glücklicherweise dauerte der Aufenthalt dort nur 1 Jahr, denn
:m 1834 wurde der Vater als Physikus nach Wiesloch in der Rhein-
ie, nahe bei Heidelberg versetzt.
Inzwischen war die Zahl der Kinder auf 7 angewachsen, deren
-hung den Eltern grosse Sorge machte. Um diese aber zu ermög-
;n, entschloss sich der Vater zu einem Opfer, dessen Grösse nur
ig ermisst, wer den mühseligen Beruf eines Landarztes kennt:
erzichtete auf die Bequemlichkeit der eigenen Familie und schickte
e Frau mit den Kindern nach Mannheim, wo diese gute Schulen
ichen konnten und blieb allein in Wiesloch, wo er sich mit mangel-
ir Bedienung behalf. Oft vergingen mehrere Wochen, bis er von
:n Geschäften abkommen konnte, um nach Frau und Kindern zu
n. Er kam fast ausnahmlos zu Fuss, als guter Fussgänger ab-
ende Wege in den ausgedehnten Waldungen der Rheinebene be¬
end. Nur in den Ferien war die Familie in Wiesloch vereinigt,
m 1838 siedelte die Famile nach Heidelberg über, weil dieses viel
r bei Wiesloch lag, als Mannheim.
Im Wintersemester 1840/41 begann A. Kussmaul das medi-
che Studium in Heidelberg, stolz darauf, von nun an „als freier
der eigenen Kraft“ seine Zukunft selber zu schmieden.
Die medizinische Fakultät bestand damals aus Tiedemann,
Jgele, C h e 1 i u s, Puch eit und Gmelin, welchen sich im
e 1844 noch Henle und Pfeufer hinzugesellten. Tiede-
i n hat zusammen mit Gmelin das von der französischen med.
leime preisgekrönte Werk „über die Verdauung“ geschrieben;
2 ff c 1 e hat die Geburtshilfe durch die Erfindung seiner Zange human
htet und besass deshalb Weltruf. Chelius, berühmt durch seine
:re Hand und seine vornehme, menschenfreundliche Art, war der
asser eines Handbuches der Chirurgie, das 8 Auflagen erlebte und
5 Handbuches der Augenheilkunde. P u c h e 1 1 endlich war ein
gelehrter Herr, der an umfassendem Wissen und literarischer
atbarkeit von wenig Klinikern erreicht wurde. Die Universität be-
schon seit 1817 drei von einander getrennte Kliniken, eine medi-
cne chirurgiseh-ophthalmologische und geburtshilfliche, die alle im
stallhof untergebracht. waren, bis 1842 nur die geburtshilfliche dort
heb und die chirurgisch-ophthalmologische sowohl als auch die
zmische in das ehemalige Jesuitenseminar, die heutige Kaserne,
-gt wurden. Der Anatomie und Physiologie dienten, wie auch
n naturwissenschaftlichen Anstalten, das Dominikanerkloster, das
* e,r .Siegreiche gestiftet hat und jetzt noch Friedrichsbau heisst.
Mosterkirche diente dem anatomischen Unterricht als Seziersaal,
das Chor als helles Amphitheater war Hörsaal und die Sakristei Leichen¬
kammer.
Dahin wanderte alle Morgen Kussmaul und verblieb tagsüber
auf dem Präparierboden oder in den Hörsälen und abends auf der
Bude hinter den Büchern. Auf die Dauer jedoch war er zum Einsiedler
nicht geschaffen.
Der verlockende Zauber, der auf der romantischen Welt des
Burschentums liegt, erfasste auch ihn und als die Schwaben ihn keilten
und seine Bedenken über die Kleinheit des Taschengeldes zerstreut
hatten, sprang Küssmaul noch vor Abschluss des Jahres als Fuchs
ein in das älteste Heidelberger Korps — die Suevia — , das noch heute
fortbesteht. Nun wurde auch noch der Fechtboden so fleissig besucht,
dass sich der Fuchs schon im folgenden Semester zum Burschen heraus-
paucken konnte. Kussmaul muss ein guter Schläger gewesen sein
und häufig auf der Mensur gestanden haben — obgleich er in seinen
Jugenderinnerungen nur eine erwähnt und zwar diejenige mit dem
damaligen Vandalen Rudolf v. Bennigsen — , denn allein im Sommer
1842 wo die Zahl der Korpsburschen der Suevia auf 6 zusammen¬
geschmolzen war und jeder derselben in der Hetze, welche das Korps
Rhenania mit vier anderen gegen die alleinstehende Suevia veranlasst
hatte, musste jeder Schwabenbursche zehnmal losgehen.
Nachdem Kussmaul zuletzt noch als Senior das Korps geleitet
hatte, wurde er inaktiv und unter die Ehrenmitglieder der Suevia auf¬
genommen. In diesem Verhältnis dem Korpsleben fernerstehend, be¬
gann dessen romantischer Schimmer vor den Augen des in die Kliniken
vorgerückten Mediziners im Vergleich mit dem Ernste der Wirklichkeit
und den Aufgaben des ärztlichen Berufes zu verblassen. Hierzu kam
dass der SC. auf der angemassten Suprematie über die Wilden beharrte,
auch dann noch, als die politische Unzufriedenheit in ganz Deutschland
zu einer erstaunlichen Höhe angewachsen war und die allgemeine
Erregung auch an den Universitäten, zumal in Heidelberg, hohe Wogen
r u n c 6 überwiegende Mehrzahl der Studenten verlangte eine gründ¬
liche Reform des Studentenlebens und trat in Opposition zu den Korps
gleiches Recht für alle fordernd.
Kussmaul, der mit lebhafter Teilnahme den Gang der politischen
Ereignisse in Deutschland und Frankreich verfolgte und auf der Seite
der politischen Opposition stand, konnte folgerichtig die studentische
nmht verdammen, da sie die Grundsätze des Liberalismus mit jener
tente Auch kam er auf neutralen Boden, wie ihn botanische Ausflüge
die klinische Gemeinschaft und das Zusammentreffen in Professoren¬
familien gewährten, angenehmen Komilitonen näher, die der Reform¬
partei angehörten, lernte sie schätzen und ihre Bestrebungen würdigen,
oo entfremdete er sich allmählich dem Korpswesen. Es entbehrte der
idealen Ziele, die ein frei und patriotisch gesinntes Herz erstrebt: die
Burschenehre, der die Corps bestimmungsgemäss ihre blutigen Opfer
brachten, wurde ihm unverständlich und die Gunst, deren sie sich bei
den Regierungen erfreuten, verdächtig.
So kam Kussmaul noch im Beginn des letzten klinischen Se-
mersters mit seinem Freunde Eduard B r o n n e r aus Wiesloch überein
dass es eine patriotische Pflicht sei, die studentische Opposition in
ihren Bestrebungen zu stützen und die Spaltung in der Studentenschaft
zu beseitigen. Da aber der SC. alle Reformbestrebungen von Einzelnen
oder von Verbindungen unter dem Vorwurf der Feigheit oder der
Mensurscheu mit Forderungen bekämpfte und zur Mensur zwang
konnten sich — wenigstens für den Anfang — nur Burschen an die
Spitze der Bewegung stellen, welche das Waffenspiel mitgemacht
hatten und durch ihre Vergangenheit über jeden Verdacht der Feigheit
erhaben waren. Das traf zu für Kussmaul, den ehemaligen
Schwabensenior, seinen Freund Bronn1 er und noch einige andere
Schwabenburschen.
■ jüngesäumt schieden die Freunde in Frieden aus der Suevia und
gründeten die neue Reformverblndüng Alemannia, welche die Farcen
Gpld-Blau-Rot trug, die blaugoldene Pracht, die Scheffel noch „im
Weiteren d. Gaudeamus, „dem Tode nahe“ besungen hat. Die Ale¬
mannia sollte keine Waffenverbindüng sein, sondern eine Gesellschaft
ehrenwerter Burschen mit dem Programme Pflege heiterer Gesellschaft,
guter Bitten, vaterländischer Gesinnung, wissenschaftlichen Geistes und
Sorge für Kräftigung des Leibes durch Turnen und Fechten. Rein aus
Pauk lu st gestellte Forderungen sollten durch Ehrengerichte entschieden
und abgewiesen werden, denn Mensurfertigkeit und Ehrenhaftigkeit sind
verschiedene Dinge.
w -Pvl Name und die Persönlichkeit Kussmauls galt damals in der
Heidelberger Studentenschaft so viel, dass die Alemannia in kurzer Zeit
auf nahe 50 Mitglieder heranwuchs. Andere Reformverbindungen
s^.t°ssen sich ihr an und bald zählte die Opposition doppelt so viel
Mitglieder wie die Korps: sie konnte somit die Suprematie der Korps
uberwinden.
Damit war die allgemeine Studentenschaft geschaffen,
in welcher jeder Student als gleichberechtigt galt: ein Verdienst Kuss-
mauls, das ihm zu grosser Ehre gereicht und eines der schönsten
Gesehichtsblätter der Heidelberger Studentenschaft bildet.
io^?im.^lI*(Wesen hat aber die Reformbewegung des Wintersemesters
1844/45 keinen wesentlichen Abbruch getan, denn „mit dem braunen
Sohne Nubiens wetteifert der studierende Deutsche, narbige Abzeichen
auf dem entstellten Gesicht zu tragen“. Bei K u s s m a u 1 fehlten die¬
selben. denn er hat nicht bloss Schlagen, sondern auch Parieren gelernt.
Sein Korpsleben hat ihn nie gereut und keiner seiner früheren Korps-
brüder ist ihm Feind geworden, im Gegenteil: Freunde fürs ganze
Leben hat er ebenso wie im Korps auch in der Reformverbindung ge-
5*
278
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
wonnen und mit ihnen einen goldenen Schatz an freundlichen Er¬
innerungen, aus welchem er noch im höchsten Alter schöpfen konnte.
Als Gymnasiast und als Student hat Kussmaul gelegentlich
seiner Ferienbesuche beim Vater die botanisch und geologisch inter¬
essante Gegend so gut kennen lernen, dass er auf dessen Wunsch nn
Sommersemester 1842 „eine naturwissenschaftliche Topographie des
Amtsbezirks Wiesloch“ für die oberste Sanitätsbehörde des Landes aus¬
arbeiten konnte. ,
Ein viel erstaunlicherer Beweis für die Tatsache, dass das Korps-
leben die medizinische Ausbildung Kussmauls in keinei Weise be¬
einträchtigt hat. ist aber die Lösung der medizinischen Preisfrage
1843/44. Dieselbe war der Augenheilkunde entnommen, die C heim s
mit der Chirurgie gleichzeitig vertrat und verlangte eine Wissenschaft-
iiche Untersuchung der Farbenerscheinungen im Grunde des Auges.
In der Hauptsache wünschte C h e 1 i u s aber eine kritische Zusammen-
Stellung der zahlreichen Theorien über das Wesen des Glaukoms.
In kühnem Griff hat Kuss maul schon beim Studium der Litera¬
tur die Grundfrage erfasst: warum erscheint die. normale Pupille
schwarz? Diese Erscheinung war so selbstverständlich, dass bis dahin
noch niemand nach ihrer Ursache gefragt hatte. Nun sieht man aber
auf dem Hintergrund von frisch ausgeschnittenen Augen von Schlac.it-
tieren, wenn man dieselben unter Wasser betrachtet, die Gefasse der
Netzhaut und den Eintritt des Sehnerven. Kuss maul fand bald eine
richtige Erklärung für dieses Phänomen und versuchte dann durch Ein¬
schaltung von Linsen, welche ebenso wie das Wasser stärker licht¬
brechend waren als die atmosphärische Luft und deshalb ihren Brenn¬
punkt nicht in der Netzhaut, sondern vor derselben hatten, den Augen¬
hintergrund sichtbar zu machen. Das heisst mit anderen Worten:
Kuss maul, der Korpsstudent, befasste sich mit dem Problem eines
Augenspiegels, mit dessen Erfindung er eine neue Augenheil¬
kunde schaffen wollte. Die Erfindung ist ihm nicht geglückt auch
später Brücke und Graefe nicht, erst der geniale Helm ho 1 tz
brachte hinter die stärker lichtbrechende Linse vor dem Auge den durch¬
bohrten Hohlspiegel an, der es ermöglichte, den Augenhintergrund nell
zu erleuchten und somit zu übersehen.
Trotzdem bleibt es aber das allgemein anerkannte und von Bon¬
ders besonders gewürdigte Verdienst Kussmauls, als Erster d:e
Frage aufgeworfen und formuliert zu haben, warum das innere Auge
dunkel erscheint und als Erster versucht zu haben, aus dem Problem
eines Augenspiegels Nutzen für die Praxis zu ziehen.
Die Abhandlung wurde von der Fakultät mit grösstem Lobe über¬
schüttet und ihrem Verfasser einstimmig der Preis, die goldene Karl-
Friedrichsmedaille, zuerteilt. Sie erschien Ostern 1845 bei .1. Gross
in Heidelberg unter dem Titel „Die Farbenerscheinungen am Grunde
des menschlichen Auges“ und mit der Widmung „Meinem Vater P. J.
Kussmaul, Grossherzogi. bad. Physikus als Zeichen der Liebe und
dankbaren Verehrung“. „ . ,
Ausser bei C h e 1 i u s stand K u s s m a u 1 beim alten T 1 e d e -
mann, dem Anatomen und Physiologen, in besonderer- Gunst. Am
besten erkannt und am meisten geschätzt wurde er aber von dem,
seine Fakultätsgenossen überragenden N a e g e 1 e. an dessen Klinik
Kuss maul in seinen letzten 4 Semestern als Assistent fungierte:
er riet seinem Schüler in väterlicher Freundschaft, sich später für
Geburtshilfe zu habilitieren.
Die Pathologie und mit ihr die interne Klinik befand sich damals
im Zustande mächtig fortschreitender Entwicklung. Kussmauls
erster klinischer Lehrer P u ch e 1- 1, der neben der internen Klinik auch
die Poliklinik leitete und durch die Aufstellung des Krankheitsbildes
der Perityphlitis jetzt noch bekannt ist, stand noch im wesentlichen
in der ersten symptomatischen Periode der klinischen Me¬
dizin. Die Diagnosen wurden den Symptomenbildern, welche die Kran¬
ken darboten, entnommen, die Krankheiten ontologisch als be¬
stimmte Wesen aufgefasst und deren Sitz und Ursache nach dem
Vorbilde Morgagnis bei Verstorbenen durch Sektionen festzustellen
versucht. Mit Perkussion und Auskultation einigermasseti vertraut,
begann aber Puch eit doch schon anatomische Diagnosen zu stellen
und vermochte die verschiedenen Stadien der Pneunomie und diese
selbst von Ergüssen in der Brusthöhle zu unterscheiden. Jedoch mit
der Erkenntnis der Krankheitsursachen war es damals noch schlecht
bestellt: nur von einigen Hautkrankheiten kannte man die Erreger,
z. B. Linnes Sarkoptes oder Acarus scabiei, den der korsische Student
Renucci in den charakteristischen Gängen in der Haut Krätzekranker
gefunden und den Fadenpilz Achorion, den Schönlein beim Favus
entdeckt hat. Die Seuchen führte P u c h e 1 1. wie alle alten Pathologen,
noch auf bestimmte Genien zurück, von welchen, ausser dem Genius
epidemicus, rheumaticus, gastricus, biliosus und nervosus eine ganze
Menge angenommen wurde. Erst Heule, ein Schüler des berühmten
Anatomen und Physiologen Johannes Müller, sowie Schwann,
hat, mit des letzteren Zellenlehre schon in Berlin bekannt, in
seinen „Pathologischen Untersuchungen“ (1840) — auf Grund des Nach¬
weises des Acarus, des Achorion und der durch Pilze hervorgerufenen
Muskardine der Seidenraupen — die Theorie auf-gestellt, dass kleinste,
freilich erst noch sichtbar zu machende Lebewesen den miasmatischen
und kontagiösen Seuchen zugrunde liegen.
Nun wurde He nie fast gleichzeitig mit Pfeufer 1844 von
Zürich nach Heidelberg berufen, ersterer als Ordinarius für Anatomie
und Physiologie neben Tiedemann und letzterer als 2. innerer
Kliniker u. o. Professor der Pathologie neben P u c h e 1 1.
In Zürich hatten sich die zwei fast gleichaltrigen (bayerischen)
Landsleute befreundet und ein Jahr vor ihrer Uebersiedelung nach
Heidelberg zur Herausgabe der „Zeitschrift für rationel
Medizi n“ verbunden. Schon der Titel der neuen Zeitschrift kla
herausfordernd, war doch auch die Medizin der älteren Path
löge n rationell, d. h. vernünftig und einsichtig, dem Stande ih
Erkenntnis entsprechend. Aber die neue Medizi n sollte v
Banne der Naturphilosophie, der Theosophie und des Aberglauln
befreit werden und aus einer durch Einsicht geläutert
Erfahrung hervorgehen. Diese Einsicht kann sie nur erlan;
durcii genaue klinische Beobachtung der Kranken mit Hilfe nat
wissenschaftlicher, physikalischer, mikroskopischer, chemischer, ana
mischer und physiologischer Untersuchungen.
Das von He nie geschriebene Programm der Zeitschritt für ra
ne Ile Medizin „über medizinische Wissenschaft und Empirie“ wu
von der medizinischen Jugend der vormärzlichen Zeit, die ein f<
schrittlicher. kampflustiger Geist beseelte, mit Jubel begrüsst.
Hörsäle von Puch eit und von Tiedemann in Heidelberg \
ödeten in demselben Masse, als diejenigen von Pfeufer und Hei
sich füllten. Auch Kussmaul hörte noch in den zwei letzten
mestern vor der Staatsprüfung Physiologie und allgemeine Pathok
bei Henle und die Klinik, spezielle Pathologie und Therapie i
Heilmittellehre bei Pfeufer; man muss sich nur fragen, wie er
Assistent von Na eg eie die Zeit dazu fand. Nach glücklich best
dener Staatsprüfung wurde er noch klinischer Assistent bei Pfeuf
dessen Persönlichkeit, Lehr- und Heilmethode ihn mächtig anzog.
(Fortsetzung folgt.)
Für die Praxis.
Ueber aktive Paralysetherapie.
Von W. Weygandt, Hamburg-Friedrichsberg. ,
Die Paralyse hat seit ihrem Bekanntwerden klinisch, nosologi
ätiologisch, diagnostisch gewaltige Wandlungen erfahren1, prognost
und therapeutisch blieb es jedoch im wesentlichen bei dem gleit,
trostlosen Ausblick: noch keinen sah ich glücklich enden. W
auch in den Lehrbüchern die JMralyseprognose vom Tage der Diagno:
Sicherstellung ab immer auf ein Todesurteil hinauslief, haben doch
bestrebungen nie ganz geschlummert.
Jahrzehntelang mühte sich die Empirie fruchtlos mit Mitteln
vor 70 Jahren etwa Digitalis oder Nux vomica. während in den f
Jahren die Behandlung mit Tartarus stibiatus ein gewisses Ansi
erlangte, so barbarisch auch die oft die Schädelknochen perforiert;
Wirkung erschien; noch 1877 und 1880 wurde sie von Ludwig Me
empfohlen, der 8 von 15 Fällen damit geheilt haben wollte, wäh
Reye 1877 bei seinen Fällen keinen Erfolg sah. Auch Arger
nitricum und Aurum cyanatum spielten zeitweise eine Rolle, d>
später im Experiment eine gewisse spirochätizide Wirkung n
gewiesen werden konnte. I
Therapeutische Tätigkeit muss zwei Bedenken berücksichtn
1. Diagnostische Sicherung. Die Abgrenzung von einer!
mannigfachen- Formen der Lues cerebri, der prinzipielle Heilungsü
lichkeit zuzugestehen ist. muss klargestellt sein. Die Serologie ji
bessere Gewähr als die bekannten klinischen Zeichen: Bei ParalysB
im Blut Wassermann bei1 0,2 gewöhnlich -| — I — h Komplement 1
häufig, Normalambozeptor seltener; Liquor ist klar, selten Stäube
trübung. Pleozytose 10—100, selten mehr im Kubikmillimeter, und fl
grosse und kleine Lymphozyten. Plasmazellen, neutrophile und eo»
phile Leukozyten, Gitterzellen. Fibroblasten; Gesamteiweiss er«
Globulinreaktion meist +, höchstens -| — h 28 proz. Fraktion — , PS
-H-; Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Paralysekurve; Wasser:!
bei 0,2 +++, Hämolysinreaktion zeigt Normalambozeptor in 81
90 Proz. +, Komplementgehalt selten. Bei Tabesparalyse und s|
närerParalyse sind die Befunde schwächer. Dagegen bei Lues cerebp
frischer Meningitis: im Blut Wassermann 0.2 +++, Komplement:
seltener als bei Paralyse; Liquor oft trübe, gerinnt leicht, xal
chrom oder klar und farblos; starke Pleozytose. 100 — 3000
millimeter, meist grosse und kleine Lymphozyten, seltener Phi
zellen und Leukozyten; Gesamteiweiss stark erhöht. Globulinreal
meist +++, bei 28 proz. Fraktion Opaleszenz odler schwach;
Pand-y +++; Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Lues-cej
Kurve oder Meningitiskurve; Wassermann bei 0,2 meBstJ
bei 0.5 schwach + oder +. bei 1,0 H — L bis H I K HämolysinreaJI
Normalambozeptor -j-, im Stadium schwerster Entzündung ist |
plement vorhanden. Bei chronischer Hirnlues dieselben Blutreakti
Liquor klar, farblos, durchsichtig, ohne Gerinnsel, Pleozytose 1|
oder mehr, meist Lymphozyten, Gesamteiweiss nicht oder leicht ei
Globulinreaktion schwach + bis +, 33 proz. Fraktion negativ. n
schwach +, Goldsol- und Mastixreaktion zeigen Lues-cerebri-K'
Wassermann bei 0,2 — , bei 0,5 negativ oder + bis H h bei 1,(1
bis +++, Hämolysinreaktion — . Bei rein endarteriitischer Hu|
sind die Liquorbefunde meist recht gering. N o g u c h i s Luetinre;:
ist bei Lues cerebri meist stark positiv, bei Paralyse nur in 52 i
vorhanden, schwach oder mittelstark.
Auch die Histologie zeigt einzelne Fälle, bei denen die Scheid
zwischen Paralyse und Lues cerebri besonders in der Form einer -
arteriitis der kleineren Rindengefässe ausserordentlich schwer zu »
ist, so von Schröder und Jakob.
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
279
2. Spontane B e s s e r u n g bei Paralyse ist geradezu alltäglich ;
staltsüberführung mit Bettruhe beruhigt oft die erregtesten Paralysen,
inchmal reicht schon Bettruhe im Privathaushalt aus. In Fried-
isberg wurden 1910 bis 1918 in 11,71 Proz. von 875 Paralysefällen
ontanrcmissionen festgestellt, die freilich hinsichtlich Intensität und
uer ungemein verschieden waren. Im allgemeinen haben erregte
J klassische Fälle bessere Remissionsaussichten als die dementen
J depressiven; ungünstig sind die kindlichen Paralysen.
Spontane Heilungen, wenigstens ohne Mitwirkung einer der
neren Behandlungsmethoden, wurden mehrfach auch in neuerer Zeit
schrieben, so ein Fall von T u c z e k, wo Paralyse mit Dekubitus
gnostiziert war, Pneumonie und nach einem Jahr Besserung er-
gte, worauf er geistesgesund schien und beruflich tätig war; nach
Jahren traten tabische Symptome auf und erst nach 14 Jahren
nverere Erscheinungen, Schwachsinn und Tod; Nissl stellt leichte
ralytische Hirnveränderungen fest. S c h ii 1 e erwähnte einen Para-
iker, der nach doppelseitiger Pneumonie und Otitis 20 Jahre gesund
wesen sei. Dobrschansky beschrieb einen Mann, der von Para-
;e geheilt entlassen wurde, nach 6 Jahren Sepsis durchmachte und
5t nach weiteren 9 Jahren wieder paralytisch wurde und 3 Jahre
rauf starb mit histologisch typischem Befunde. Rubin beschrieb eine
au, die nach 3 jähriger Paralyse 12 Jahre gesund blieb, dann unter
ralytischen Zeichen starb und histologisch Paralyse aufwies. N omn e
schrieb 5 Fälle, doch wurden 4 von ihnen durch H och e angezweifelt
d auch der 5. ist noch nicht histologisch untersucht. Hoche gibt
rar im Prinzip die Heilbarkeit jeder Infektion durch einen bekannten
d in seinen Lebensbedingungen untersuchten Erreger zu, will aber
>ch keinen Fall geheilter Paralyse anerkennen und stellt als Voraus-
tzung dessen 5 scharfe Bedingungen auf: 1. die klinische Diagnose
.iss gesichert sein, 2. ebenso die serologisch-zytologische, 3. psychische
iederherstellung muss für Lebensdauer vorliegen, 4. Tod darf nicht in
iralyseverdächtigem Zustande erfolgen, 5. die Sektion muss Riick-
ämde des früher paralytischen, zum Stillstand gekommenen Prozesses
ichweisen. Will man die Skepsis auf die Spitze treiben, dann müsste
an neben 1. und 2. noch verlangen, dass histologisch Paralyse sicher
tchgewiesen sei an einem intra vitam durch Trepanation entnommenen
irnrindenstück, wie es gelegentlich bei Fällen unserer Klinik geschah.
Nur unter diesen Vorbehalten können wir an eine aktive Behand-
ng der Paralyse herantreten. Vorerst soll aber erinnert werden, dass
ich die herkömmliche symptomatische Behandlung zweifel-
3 manchmal remissionsbegünstigend und lebenverlängernd1 wirkt,
ierher gehört die Abtrennung vom erregenden Milieu, Ruhigstellung,
sbesondere Bettbehandlung, Regelung der Ernährung, Vorbeugung des
ekubitus. Vor allem das Dauerbad kann segensreich wirken, zur
eruhigung wie zur Dekubitusverhütung und -heilung. Einer meiner
alle war verwirrt und äusserst heftig erregt, beschädigte sich mehr-
ch selbst, bekam eine Phlegmone am rechten Arm, deren Verband
■ immer wieder abriss, verletzte sich am Augenlid und Ohr, erlitt
eitere Phlegmonen, doch gelang es im monatelangen Dauerbade die
zidierten Wunden zur Heilung und den Patienten zur Beruhigung zu
-ingen. Ohne diese Behandlung wäre er an Sepsis und Erschöpfung
[gründe gegangen, so aber erlebte er eine Remission, die ihm
l4 jährige Berufstätigkeit in Freiheit ermöglichte. Gelegentlich konnten
ir durch das Tag und Nacht fast 2 Jahre lang durchgeführte Dauerbad
as Leben fristen, was unter Umständen für die Familie des Kranken
on grosser Bedeutung ist.
Seit den sero-zytologischen Feststellungen, dem experimentellen
achweis von Himstörung bei mit Spirochaete pallida geimpften Tieren
ad Noguchis Fund des Erregers im Paralytikerhirn ist die Krank-
eit als maligne Luesform' der Diskussion entrückt. Das Problem,
'arum von allen Luikern nur rund 5 Proz. paralytisch werden, und
wieweit Virus nervosus, angeborene oder erworbene Disposition
ieran beteiligt ist, steht noch in lebhafter Erörterung, ebenso die
rage, inwieweit die Spirochätentoxine oder die lokale Mikroorganis-
lentätigkeit die Krankheitserscheinungen bedingen. Aber für eine
ktive Paralysebehandlung ist der Angriffspunkt gegeben in der Be-
ämpfung einer vorwiegend die Hirnrinde treffenden, im Wesen
lalignen, progressiven Störung durch Spirochaete pallida und ihre
’rodukte.
Als aktive Therapie kommt in Betracht 1. spezifische
ntiluische Behandlung. 2. nichtspezifische, fieber-
rregende Behandlung; in letzterer Hinsicht a) chemische
toffe, b) Derivate von Infektionserregern, c) Ueber-
ragung von Infektionskrankheiten. Zunächst sollen die
Üttel einzeln, nebenher und zum Schluss die im praktischen Fall oft
ingebrachten Kombinationen erörtert werden,
Ueber Quecksilber gehen die Meinungen weit auseinander,
omaczewski mass ihm "direkt bakterizide Wirkung bei, Perutz,
(reibich, Neuber nahmen an, dass es auf die Körperzellen an-
eizend zur Luesimmunkörperbildung wirkt. K o 1 1 e und Ritz be-
onen, dass die wirksame Quecksilberdosis sehr nahe der tödlichen
iegt. Fürstner, v. Krafft-Ebing, Obersteiner. Kraepe-
i n, B u c h h o 1 1 z u. a. warnen, da Paralytiker nach Hg-Kur öfter
aschen Körperverfall und plötzlich schwere Erregung zeigen. Nonne
‘mpfiehlt Schmierkur, indem nach 4 Tagen je 4 g grauer Salbe ein
Jade- und1 ein Ruhetag folgt; darauf mtravenös Salvarsan 0,3 — 0,4 ge¬
geben wird; nach einem Ruhetage folgt die zweite Tour; insgesamt
P—40 Einreibungen und 4 g Salvarsan. Ziehen empfiehlt im Prodro-
nalstadium energisch Quecksilber, im vorgeschrittenen wöchentlich nur
;twa 1—2 g graue Salbe. P i 1 c z, R ä c k e u. a. haben Besserungen
gesehen; v. Wagner, der eine Kombination mit Jod und kleinen
Thyreoidindosen empfahl, sah sogar bei dementen Paralysen öfter
Besserung. Marchand sah Besserung durch endolumbale Ver¬
abreichung von 0,002 Sublimat mit 0,02 Jodkali in 4 von 7 Fällen.
Als Ersatz kommen in Betracht intramuskuläre Injektionen von
Kalomel (5,0 mit Natr. chlor. 5,0, Ag. 50,0, Muc. g. arab. 2,5) oder
Ol. cincreum oder Mercinol oder Novasurol oder Enesol (salizylarsen-
saures Quecksilber) oder Richters Kontraluesin (kolloidales Hg) oder
Hydrargyrum succinirmidatum (0,2 intramuskulär 25 mal).
Jod’ kommt nur als Unterstützung anderer Methoden in Betracht
und lässt rückbildende Wirkung luischer Gewebeprodukte erwarten.
F. Klemperer empfahl intravenös eine 10 proz. Lösung 0,1 Jod-
kalium oder Jodnatrium, insgesamt 5 — 20 g.
Silberpräparate wirken auf Tiersyphilis günstig, so gaben
Ko Ile und Ritz Kollargol, dessen Heildosis zur Giftdosis wie 1:3
oder 1:4 steht. Versuche bei Paralytikern von Stonkus und
Weichbrodt waren noch nicht ermutigend. Methylenblau und Try-
panblau haben bisher versagt.
Grosse Hoffnungen galten dem Salvarsan, das Ehrlich als
direkt spirochätizid bezeichnete und alsbald mit A 1 1 „beim ersten
Wetterleuchten der Paralyse“ empfahl. Indes haben die zahllosen Ver¬
suche einer intravenösen Salvarsanbehandlung der Paralyse keine
erkennbaren Erfolge gebracht; gelegentlich wurden weitgehende Re¬
missionen dieser Behandlung zugeschrieben, so von R ä c k e und
Rung e. Immerhin kann ich intravenöse Anwendung dann empfehlen,
wenn mit anderen Methoden, insbesondere der noch zu besprechenden
Impfling, die klinischen und die Liquorsymptome hochgradig gebessert
oder beseitigt sind, aber die Serumreaktion noch stark positiv ist.
Knauer empfahl Neosalvarsan oder Silbersalvarsan (0,45 bis
0,6) in die Karotis zu injizieren und sah dabei klinische und Liquor¬
besserung. Meggendorfer wandte die Methode in unserer Klinik
bei 37 Paralytikern etwa 200 mal an, ohne direkte Schädigung der Kran¬
ken, doch auch ohne wesentliche Erfolge.
Seit 1911 wird Salvarsan auch endolumbal gegeben, so
von Marinesco, Wechselmann, Swift und E 1 1 i s u. a. ; letz¬
tere empfehlen, nach intravenöser Verabreichung von 0,3 — 0,4 Salvar¬
san 40 ccm Blut zu zentrifugieren, nach 24 Stunden 12 ccm dieses
Serums mit 18 ccm Kochsalzlösung zu mischen, Vi Stunde auf 56 0 zu
erwärmen und nach Liquorentnahme durch die Punktionsnadel in den
Lumbalsack zu injizieren. Wechselmann gab Neosalvarsan 0,001
bis 0,003 direkt endolumbal, doch beobachteten manche Forscher hierauf
bedenkliche Folgen. Sehr ausgedehnte Erfahrungen gewann Genne-
r i c h, dessen Methodik ich auch für die einfachste und zweckmässigste
halten muss. Es werden 40 — 90 ccm Liquor in die Bürette gelassen
und in diese eine Lösung von 0,00045 bis höchstens 0,0018 Neosalvarsan
eingetropft, worauf man durch Hebung der Bürette die Mischung in
den Lumbalsack zurückfliessen lässt. Man kann auch grössere Liquor¬
mengen, bis 150 ccm entnehmen, giesst davon vor der Mischung aber
soviel weg, dass nur 70 — 90 zur Verwendung kommen. Bei strenger
Aseptik, Ruhighaltung des Kranken und Tieflagerung des Kopfes ver¬
tragen Paralytiker die Prozedur meist recht gut; andere Fälle, wie
auch gelegentlich sehr gebesserte Paralytiker, verspüren manchmal
Beschwerden, Temperatursteigerung, Kopfschmerz, Uebelkeit, Er¬
brechen. selbst Krampfanfälle, Blasenschwäche, Beinschmerzen. Gen-
n er ich injiziert alle 2 — 3 Wochen, ging manchmal bis zu 30 endo-
lumbalen Injektionen in 1(4 Jahren, unter Verwendung von insgesamt
0,05345 Neosalvarsan und 455,5 ccm Liquor. Damit kombiniert er all¬
gemeine Behandlung mit intravenösem Salvarsan, mehrere, etwa
6 Kuren von je 5 — 8 Injektionen in einer Stärke von 0,2 — 0,5, ausser¬
dem manchmal noch mehrere Kalomel- und Jodkalikuren. Er empfiehlt
diese Behandlung bei frischen Fällen mit lebhaften Entzündungsvor¬
gängen und entsprechend hohen Zellwerten, aber nicht sehr starkem
Wassermann, und warnt vor Anwendung bei Paralyse vom Lissauer-
schen, die gesamte Rinde treffenden Typ. Auch nach dem Verschwin¬
den des Liquorbefundes empfiehlt er jedes Vierteljahr eine Injektion.
Von 38 seiner Fälle seien 18 sehr gut gebessert, mit normalen geistigen
Funktionen, 8 gut gebessert, 7 mässig und 5 unbeeinflusst oder ver¬
schlechtert. Weniger günstig urteilen andere Autoren. Nach meinen
Erfahrungen sind manchmal Erfolge unverkennbar, doch pflege ich die
Methode nur anzuwenden als Ergänzung der Impfbehandlung oder in
Fällen, bei denen letztere nicht durchführbar ist. Wesentlich erfolg¬
reicher ist die Methode bei Hirnsyphilis, bei der ich beispielsweise
einen auch psychisch schwer angegriffenen Fall binnen weniger Monate
durch 8 Lumbalinjektionen von 2198/3 Zellen, Globulinreaktion H — h
Wassermann 0,2 — b auf 0/3 Zellen, Spur Opaleszenz, Wassermann
1,0 — und völlige psychische Intaktheit gebracht habe.
Von mancher Seite wurden noch heroischere Methoden zur Hirn-
salvarsanisation empfohlen, so erwähnte Gennerich den Subokzi¬
pitalstich nach Anton als beachtenswert bei schwerer Rückenmarks¬
veränderung. Marinesco ging intrazerebral vor, H a m m o n d,
B a 1 1 a n c e und Campbell gaben durch den Balkenstich Neosalvar¬
san, B e r i e 1 injizierte Salvarsanserum durch die Fissura orbitalis Su¬
perior und Le v a d i t i, Marie, Märtel gaben durch Stirnhirn¬
trepanation subdural salvarsanisiertes Serum oder ein Gemisch von
Krankenliquor mit dem Serum von impfsyphilitischen, salvarsanisierten
Kaninchen. Die Erfolge sind keineswegs so bemerkenswert, dass sie
zur Uebernahme des erhöhten Risikos der Methodik ermutigen.
Silbersalvarsannatrium intravenös 14 Tage lang je 0,2 g, nach 8 tägi¬
ger Pause wiederholt, bewirkt nach Weichbrodt erhebliche Besse¬
rung der Pleozytose und der Wassermannreaktion. Aehnlich wirkt Sulfo-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
280
Nr.
xylat, gebrauchsfertig in 20proz. Lösung im Handel; 2mal wöchentlich 2,5
bis 3 ccm Lösung. Letzteres Mittel kann im Notfall auch intramuskulär
gegeben werden, da es nur vorübergehend entzündliche Reizung, aber
keine Nekrose verursacht.
Einverleibung von spezifischen Immunkörpern wie auch von Lues¬
vakzinen scheiterte bisher an der Schwierigkeit der Materialgewin¬
nung, auch der Spirochätenzüchtung. 1909 versuchten Browning
und Mackenzie Paralytikern ihr eigenes Serum endolumbal zu
geben.
Die nichtspezifische Paralysebehandlung, eine un¬
spezifische Reiztherapie, die Umstellung der Körperabwehrkräfte an-
streb-t, stützt sich auf alte Erfahrungen, dass Geisteskrankheiten nach
interkurrenten fieberhaften Erkrankungen manchmal in Besserung und
Heilung übergingen. So beschrieb 1786 Reuss Heilung der Tobsucht
durch Pocken und 1875 impfte Rosenblum 22 Geisteskranke mit
Rekurrens, von denen 11 geheilt worden seien. Nasse hat 1870
Besserung von Paralyse durch Malaria beobachtet. Nach Erysipel,
Scharlach, Pneumonie, Typhus, Phlegmone wurde Besserung oder Still¬
stand der Paralyse beschrieben. Freilich kam auch Paralyse in direktem
Anschluss an fieberhafte Erkrankungen zur Beobachtung.
Von chemischen temperatursteigernden Mitteln wurde viel¬
fach Natrium nucleinicum verwandt, 2,0 mit Natr. chlorat. 2,0,
gelöst Aq. 100,0. Donath, der Paralytikern bei Bettruhe alle 5 bis
7 Tage 50 — 100 ccm jener Lösung injizierte, worauf nach 4 — 10 Stunden
Temperaturen von durchschnittlich 38,5° erfolgten, stellte Hyperleuko¬
zytose von durchschnittlich 23 000 fest und erzielte bei 21 Fällen in
47,6 Proz. wesentliche Besserung bis zur Arbeitsfähigkeit, in 23,8 Proz.
Besserung; Dauer der Remission bis zu 3 Jahren. Oskar Fischer
hatte etwas bescheidenere Erfolge, während Kliene berge r,
Löwenstein, Plange, Hauber u. a. nur unbedeutende Ergeb¬
nisse erzielten.
Weich brodt setzte Hoffnung auf die Wirkung hoher Temperaturen
und konnte bei Lueskaninchen durch Erhitzung im Brutschrank auf 42
bis 45° rektal den Schanker zur Heilung bringen.
Erfolgreicher als Fiebererzeugung durch Natr. nucl., Quecksilber-
nukle'in, Albumosen, Milch, Chaulmoograöl u. a. wirken direkte Bak¬
terienderivate. Wagner v. Jauregg versuchte zunächst
Pyozyaneus- und Streptokokkenkulturen und ging 1891 über zu
Tuberkulin. 1898 wandte Friedländer Typhuskulturen an.
Alttuberkulin wird zunächst 0,005 oder 0,01, bei Tuberkuloseverdächti-
gen 0,001, unter die Rückenhaut gespritzt. Erfolgt Temperatur von mehr
als 38,5°, so gibt man bei der nächsten Injektion dieselbe Dosis; bei
38° bis 38,5° gibt man das 114 fache der vorigen Dosis. Alle 2 Tage
wurde injiziert bis schliesslich 0,1 und selbst 1,0. Pilcz, F ried¬
länder, Cramer, Eccard, Tamburin i, Batistess a.
Pappenheim, Volk, Schacherl u. a. haben damit gearbeitet,
mehrfach unter Kombination, v. Wagner selbst gab vor- oder nachher
Hydr. succin. 0,2 25 mal oder Schmierkur, 3 — 4 g graue Salbe 30 mal,
ferner intravenöse Injektion von B e s r e dk a schem Typhusimpfstoff,
25 Millionen Keime = 0,1 ccm der schwächeren Vakzine, mit allmäh¬
licher Steigerung, ähnlich wie Tuberkulin. Die Erfolge sind, auch nach
meinen Erfahrungen, besser als bei Natr. nucl.; Pilcz berichtete 1911,
dass 23 von 86 Fällen wieder berufsfähig wurden. Die Kur lässt sich
wiederholen.
1917 hat v. Wagner mehrere Paralytiker mit Malaria geimpft.
Als mir Frühjahr 1919 Mühlens vom Tropeninstitut Impfstoff von
Malaria und Rekurrens freundlichst zur Verfügung stellte, begann ich
bei einer grossen Reihe von Kranken Impfungen mit Malaria tertiana,
tropica, quartana und mit Rekurrens vorzunehmen. Die Erfolge dieser,
auch von Weichbrodt in Frankfurt und von Plaut und Steiner
in München, später auch von Nonne aufgenommenen Impfungen
sind nach Häufigkeit, Intensität und Dauer der Wirkung wesentlich
günstiger, als bei irgendeiner anderen Methode; auch wenn man an¬
gesichts dpr wenigen Jahre Beobachtungszeit das Wort Heilung ver¬
meidet, sind doch sicher ganz ausgezeichnete, bisher unbekannte Besse¬
rungen erzielt. Wir injizieren 0,2 bis 2 ccm des der Vene eines
malariafiebernden Kranken entnommenen Blutes in oder unter die
Haut des Armes oder Rückens eines Paralytikers; intravenöse An¬
wendung kürzt die Inkubationszeit ab. Rekurrens zeigte keine be¬
sonderen Vorzüge, auch nicht die höchsten Temperaturen; am rat¬
samsten ist Tertiana. Bei Hautimpfung findet man Inkubationszeiten
von 6 Tagen bis 9 Yt Wochen, durchschnittlich 2 bis 3 Wochen. Wir
lassen es in der Regel zu 6 bis 8, gelegentlich auch mehr Fieber-
anfällen kommen, die vielfach 41 0 übersteigen und vereinzelt 42 0 er¬
reichen; meist ergibt sich der Quotidianatypus. Sodann wird Chinin
gegeben, das wirksamer erschien als bei natürlich erworbener Malaria.
Man gibt 3 Tage lang 2 mal 0,5 Chinin, mur., darauf noch mehrere Tage
einmal 0,5 Chinin, mur.; das Chinin lässt sich auch intravenös geben.
Oder man gibt täglich 0,5 Chin. mur. 6 Tage lang, darauf 7 Tage
Pause, dann 6 Tage 0,5, sodann Pause usw., bis insgesamt 10 g.
Erscheint möglichst sofortige Kupferung des Fiebers angebracht,
so gibt man 1 g Chinin-Urethan intraglutäal. In unserer Klinik
sind zurzeit 150 Fälle mit der Impfmethode behandelt. Bei 51
ist die Impfkur seit 1/4 Jahren beendet, bei weiteren 26 seit
1 Jahr. Von den 51 stehen 15 in voller Berufstätigkeit; 15 sind berufs¬
tätig, doch bestehen leichte Defekte; 7 sind psychisch geschwächt,
doch noch arbeitsfähig; 7 sind unverändert und 7 sind gestorben. Re¬
missionen traten also ein in 72,5 Proz., dabei sind die meisten Re¬
missionen intensiver und auch jetzt bereits von längerer Dauer als
die spontanen Remissionen und auch als die durch andere Kuren er¬
zielten Remissionen. Wenn man, wie Kirschbaum berechne
Aussichten auf Spontanremission in 11,7 Proz. annimmt und uns«
Fälle als teilweise ausgewählt, frisch erkrankt und von kräftiger Kc
stitution betrachtet, müssen doch 40 Proz. nur auf Rechnung der K
gesetzt werden. Ebenso günstig sind die Ergebnisse der seit eim
Jahre behandelten wie auch der späteren Fälle. Die Besserungen si
beurteilt nach klinischen, psychologischen und sozialen Gesichtspunkt!
insbesondere hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit. Manche Symptome v
Pupillenstarre und -differenz, W e s t p h a 1 sches Zeichen und die sei
zytologischen Befunde sind dabei manchmal geblieben, mehrfach au
geschwunden, aber keinesfalls immer streng parallel der Berufsfähigkt
Es handelt sich bei den Erfolgen nicht nur um klassische und erreg
Formen, sondern auch um demente und depressive. Die Todesfä
erfolgen meist interkurrent, keinesfalls war den Impfparasiten seil
die Ursache zuzurechnen, es fanden sich weder Plasmodien noch C
meten; eiilmal lag eine uns vorher nicht bekannt gegebene Chin;
idiosynkrasie vor und einmal schien Herzschwäche infolge der Te;
peratursteigerung zum Exitus beigetragen zu haben. Die besten Ai
sichten haben Fälle in jüngeren Lebensjahren, von rüstiger Körpi
beschaffenheit und möglichst frisch nach dem Ausbruch der Paraly;
Das einem fiebernden Malariakranken entnommene Blut bleibt defib
niert und bei Körperwärme 3 Stunden zur Impfung verwendbar. T
Methode ist daher nicht allenthalben anwendbar, sondern nur da, \
Impfstoff zur Verfügung ist; zweckmässig kann man bei grösst
Material von einem Paralytiker zum andern fortzüchten, so dass ze
weise immer wieder Impfstoff vorliegt. Unter Kautelen ist die Methcx
wie auch Mühlens auf Grund seiner parasitologischen Prüfung d
Fälle betont, ungefährlich. Man muss nur Rücksicht auf das He
nehmen, rechtzeitig die Malaria durch Chinin, auch Salvarsan od
Methylenblau kupieren, häufig das Blut kontrollieren und darauf acht«
dass nicht in der Umgebung Anopheles sind1, die die Malaria weit«
tragen könnten. Die günstige Wirkung kann wenige Wochen na
der Impfung eintreten, manchmal aber auch erst nach einer Reihe v
Monaten. Nur bei einem Falle trat ein leichter Rückfall ein, do
reagierte er günstig auf erneute Impfung. Gelegentlich wurden au
3 Impfungen vorgenommen. 2 Fälle seien kurz skizziert:
Ein 38 jähr. Kaufmann war plötzlich erkrankt. Wassermannblut 0,2 +
Liquor 0,5 4 — I — b, Zellzahl 83/3, Globulin 4 — b, Weichbrodt 4 — 1 — b, Mast
reaktion paralytisch; Pupillen ungleich, verzogen, linke reagiert auf Lic
unausgiebig, Zittern der Zunge und Hände, Sehnenreflexe lebhaft, artiku
torische Sprachstörung, Schriftstörung; Euphorie, Grössenideen, Verschw«
dungssucht, Reisedrang, heftige Erregung. Tertianaimpfung intravenc
12 Fieberanfälle; der letzte noch nach Beginn der Chininbehandlung, auf 41
Darauf Besserung, psychologisch und klinisch symptomfrei, volle Einsic
hat auf Reisen im Ausland erfolgreich neue Geschäftsverbindungen geschafft
Zurzeit Zellzahl 8/3, Globulin Spur, Weichbrodt 4", Wassermann Liquor 0,5 -
1,0 4-, Wassermann Blut 4 — b+.
36 jähr. Beamter, Ende 1918 erkrankt, Ende 1919 Anstaltsbehandlung, C
dächtnisschwäche, Grössenideen, Erregung, alle Reaktionen positiv, Anfa
1920 Tropikaimpfung, nach einem Monat klinische Besserung, Sprache wied
nahezu ganz gut, wurde dienstfähig als Hafenaufseher.
Bei allen Erfolgen halte ich es doch für ratsam, noch eine Kon
b i n a t i o n vorzunehmen, entweder mit Salvarsan und Quecksilb«
oder besonders mit Tuberkulin, auch Typhusimpfstoff oder nicht ba
teriellen Stoffen, wie Milch.
Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass bei der Impfmethode c
unspezifische Fieberreaktion doch Abwehrstoffbildung veranlasst, s
weit der Organismus noch dazu imstande ist, und somit die infiltrativ
Störungen bekämpft werden. Als Desiderat ist Mitverwertung sp
zifischer Abwehrstoffe zu bezeichnen, durch die die anscheinend toxis
bedingten Störungen, wie die Parenchymdegeneration, überwund1
werden. Zurzeit muss die Impfmethode als die ergiebigste Par
lysebehandlung gelten, so dass es in jedem Einzelfalle Pflicht des Arzt
ist, zu erwägen, ob eine solche Kur durchführbar ist. Besteht kei
Möglicheit, so sollte wenigstens eine unspezifische Reizmethode, a
empfehlenswertesten Tuberkulinbehandlung, vorgenommen werden,
Verbindung mit Salvarsan, wenn angängig endolumbal. Erst we;
diese Methoden in einer ihrer Formen einzeln oder kombiniert durc
geführt sind oder der Fall von vornherein wegen zu vorgeschritten'
Verfalls oder anderweitiger Gebrechen, wie schwerer Herz- und G
fässerkrankung, ausscheidet, ist man berechtigt, sich mit der üblich
symptomatischen Therapie bei Paralyse zu bescheiden.
Bücheranzeigen und Referate.
Immanuel Kant: Einführung in die Kritik der reinen Vernunft,
neue Form gebracht von Georg Deycke. Verlegt bei Colema
Lübeck.
Der bekannte Forscher Deycke legt nicht ein Buch über Kai
vor, sondern einen Versuch, eine der Hauptschriften Kants oh1
Aenderungen und Zusätze in unsere heutige Sprache zu übersetze
Das ist nicht nur ein schwieriges, sondern auch ein erstaunlich kühn
Unternehmen. Wie immer bei Kant soll in Gebiete des menschlich'
Denkens eingedrungen werden, die dem täglichen Leben fernsteh«!
dessen Hauptbegriffe also in der Sprache des Alltags fehlen. So hab«
sich denn Kunstausdrücke ausgebildet, die nicht ohne weiteres vt
ständlich sind, bei demjenigen, der sie kennt, aber eine lange Rei
geschichtlich festgelegter schwingender Apperzeptionen wecken, c
mit anderen Worten schlechterdings nicht geweckt werden könne
Der, der sie nicht kennt, befindet sich aber einem seltsamen Kaude
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
281
i.sch lateinischer und griechischer Brocken gegenüber, manchmal nur
i ir notdürftig zusammengehalten durch deutsche Satzbindemittel, das
! ohne näheres Studium ganz unverständlich bleiben muss, vor allem
n, wenn die beiden alten Kultursprachen ihm nicht geläufig sind,
das geistige Leben des deutschen Volkes werden dadurch die Ur-
riften K a n t s als solche und unmittelbar geradezu belanglos. Es
i fast ausschliesslich Schriften über Kant und die Benutzung
nt scher Begriffe und Formulierungen innerhalb weitester Kreise
eres geistigen Lebens, die den Einfluss dieses grossen Denkers
das Leben des Volkes vermitteln.
Es muss also zweifellos zugegeben werden, dass eine Uebersetzung
i Uebertragung der Kan t sehen Urschriften in eine lebende Sprache
der grössten Wichtigkeit und Tragweite sein könnte. Nur so wäre
inöglich, dass an diesem Schatz tiefster Gedanken ein ganzes Volk
nicht nur wenige im richtigen Sinne gelehrte Männer teilhaben. Die
sehe Sprache ist so reich, dass sie dem höchsten Gedanken lebendi-
Ausdruck zu verleihen vermag. Erst in deutscher Sprache aus-
irochen ist er Eigentum des deutschen Volkes und in seine geistige
/egunig lebendig verwoben. Dann aber kann er selbst auch um-
altend und fördernd auf die Sprache und das tägliche Leben zurück-
ren. Die Sprache dichtet ja nicht nur für uns, sondern sie denkt
h für uns, weit über das bewusste Gestalten hinaus. Es wäre so
1 aüch noch ein weiterer, damit allerdings eng zusammenhängender
eit zu gewinnen: die grossen ethischen Gedanken der Menschheit
K a n t J ist ja in letzter Beziehung überall auf ein ethisches Ziel
estellt bedürfen geradezu der lebendigen Gegenwirkung des ge-
chenen Wortes: ihre Formulierung muss wie diejenige des Volks-
; und des Sprichworts aus dem innersten Lebensquell eines Volkes
pringen, die persönliche Enge des Einzelnen abstreifen können.
Die Wahl der Schrift kann als eine sehr glückliche bezeichnet
ien. Deycke übersetzt die „Prolegomena einer jeden künftigen
aphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, also eine
immenfassung der Ergebnisse seiner Kritik der reinen Vernunft, mit
Kant dieses gewaltige Werk „nicht für Lehrlinge, sondern für
tige Lehrer übersichtlich zu machen versucht hat. Die Ueber-
mg zeigt auf den ersten Blick die Vertrautheit mit der Gedanken-
Kan.ts. Die schwerfälligen langen Perioden sind mit grossem
:hl?£ kürzere Sätze aufgelöst; in dem ganzen Buch ist kein
wohnliches Fremdwort mehr enthalten. Notwendig ist damit auch
f.?1™"115 *echnicus mit seiner fixierten Bedeutung ausgeschaltet,
duckhch auch seine Klippe an vielen Stellen umgangen ist, so
en doch für den nicht Bewanderten Unverständlichkeiten zurück,
den Wirkungskreis des Buches schwer beeinträchtigen müssen,
cke übersetzt z. B. das Wort Metaphysik mit Uebersinnenlehre;
• hier aber nicht der Umfang und Inhalt dieses Begriffes näher
tert werden? Für den Satz Kants „Metaphysische Erkenntnis
lauter Urteile a priori enthalten“, setzt Deycke: „Uebersinnliche
nntms muss lauter unmittelbare Urteile enthalten.“ Damit ist zwar
Wortlaut nach der Terminus technicus vermieden worden, in un-
nbarem Gewand muss er aber ebensogut enthalten sein, wenn der
einen streng definierbaren Sinn haben soll. Es ist selbstverständ-
dass sich solche Beispiele in beträchtlicher Anzahl geben lassen
mochte deshalb für eine Neuauflage doch einen Kommentar, etwa
r Form eines im Anhänge gegebenen Spezialwörterbuches, für not-
! *2 V.altfn' und zwar gerade deswegen, weil durch die Uebersetzung
ewohnhehen philosophischen Wörterbücher unbenützbar geworden
K a n t selbst steht mit festen markigen Knochen in der geistigen
seiner Zeit und ist ohne Kenntnis ihrer Probleme und der ihm
rgehenden Lösungen nur sehr teilweise verständlich wenn auch
leben werden darf, dass der Ballast historischen Wissens, der dem
2 alten Begriffe Eingearbeiteten unvermeidlich anhängt, nicht
4 und unter allen Umständen von Vorteil ist.
he neuen Worte sind zum Teil ausserordentich treffend, und das
das Deycke sich steckt, die starre begriffliche Schale des Klein-
u sprengen, muss die wärmste Anteilnahme jedes Nachdenkenden
:ken. Kant sehe Gedanken sind die Unterlage für die gesamte
-nschaft von mehr als einem Jahrhundert nach ihm geworden,
em die Form, in der Kant sie gegeben hat, dem Verständnis
^gewöhnliche Schwierigkeiten bereitet hat, die für unsere Zeit
• weiter angewachsen sind. Es ist selbstverständlich, dass ein
tsches Werk sich an Gemeinverständlichkeit nie mit den Schriften
i vf Bleichen lässt. Das dürfte aber auch nie das Ziel sein.
' nachhaltige und gewissenhafte Arbeit wird hier Niemand Einlass
o möge denn Deyckes kühner Versuch möglichst weite Kreise
7 Der Leser wird wohl nicht selten nach dem Kant sehen
t und dann vielleicht nach einem philosophischen Wörterbuch
n; ln™er wird er von dem Studium dieser Schrift, die S c h o p e n -
;r als die schönste Kants bezeichnet hat. bereichert sein.
Karl Ernst Ranke.
, ,r ^ u * ■ S t a r k e : Elemente der physiologischen Chemie.
>age. Mit 15 Figuren im Text. Leipzig, Verlag A. Barth, 1921.
Preis 50 M.
1 dem vorliegenden Buch wird eine Darstellung vom Stande der
»logischen Chemie zu geben versucht, welche nicht ohne Wider-
U0*™ dai'f- Denn an nicht wenigen Stellen finden sich so offen-
• na schwere Fehler, dass es dem Rezensenten nicht möglich er-
7 dieses Lehrbuch einem Lernenden zu empfehlen. Einige Ein-
n, die sich der Zahl nach leicht noch vermehren Hessen, mögen I
dieses Urteil belegen. Seite 303: Der Mageninhalt, „unreiner Magensaft
wie ihn die klinischen Prozeduren liefern“, enthält keine freie Salz¬
säure; denn mindestens zwei Eigenschaften der letzteren fehlen ihm.
S. 351 . Das spezifische Gewicht des Harns wird durch eine einzelne
Zahl, noch dazu mit vierstelliger Dezimale, charakterisiert , ein
spezifisches Durchschnittsgewicht von 1,0175“. S. 381: Harnsäure
Salze reduzieren die Fehling sehe Lösung (keine wehere
Angabe wird beigefügt; man denke an die übliche Methode des
Zuckernachweises im Harn!). Die Bezeichnungen des Gebietes der
Fermentlehre werden in völlig irreführender Beziehung zueinander ge¬
setzt: das Trypsin des Pankreas wird als „Diastase“ bezeichnet (S. 332);
ebenso werden das Labferment, das Steapsin und die Lezithinase sowie
zahlreiche andere, offenbar nicht zugehörige Fermente ständig zu den
” sJ?sen * gezählt (S. 326 etc.). Zymase ist nach Starke der Be¬
griff für die intrazellulären Fermente überhaupt, während demgegen-
^er J.'e extrazellulären Fermente als Enzyme bezeichnet werden
IS. 119). Auf der gleichen Seite findet sich z. B. folgender Satz: „Zy-
masen und Enzyme stimmen in den charakteristischen Diastaseeigen-
schaften so vielfach überein, dass wir sie im' folgenden gemeinschaftlich
beschreiben werden.“ Die Einführung in die Lehre von den Kolloiden
(S._ 82— 84) ist ebenfalls sehr unglücklich; eine grosse Rolle spielen da-
bei „die künstlichen Kolloide“, von denen in der Kolloidchemie selbst
nichts in dem vom Verf. ihnen beigelegten Sinne bekannt ist. S 340
wird berichtet, dass „wenn man anstatt der Zellpresssäfte den aus den
Zellen dargestellten chemischen Körper Nukleohiston selbst auf Zucker
einwirken lässt, sich aus letzterem Alkohol und Kohlensäuregas bildet'4;
wissenschaftlich ist hiervon nichts bekannt! Der Gefrierpunkt des Blu¬
tes wird (S. 213) anstatt bei —0,55 bis —0,58° bei —0,537° als normal
angegeben. In einem Buch, welches Anspruch „auf den Charakter
eines kurzen, klaren, aber immerhin recht vollständigen Lehrbuches
der physiologischen Chemie“ (vergl. Vorwort!) machen will dürften
Angaben wie die vorstehenden nicht enthalten sein. H. Schade - Kiel.
Dr. J. L. E n t r e s: Zur Klinik und Vererbung der Huntington-
schen Chorea. 149 S. Berlin 1921. Springer. 88 M
Vorliegende Monographie ist in der Reihe der von R ü d i n heraus-
gegebenen „Studien über Vererbung und Entstehung geistiger Stö-
r.un®® erschienen und aus der von R ü d i n geleiteten genealogischen
Abteilung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie hervor¬
gegangen der wir ausser Rüdins grundlegendem Werk auch die
wertvolle Studie von Hoffman n über die Nachkommenschaft bei
endogenen Psychosen verdanken.
Ausgehend von 15 neu beschriebenen Fällen hat Entres eine
Reihe sehr instruktiver Stammbäume erforscht. Der Erbgang entspricht
in allen Familien dem sog. einfach dominanten. Da allerdings homo-
gametisch mit der Anlage behaftete Individuen nicht gefunden wurden
so käme, wie Ref. hinzufügen möchte, auch intermediäres bzw. inter-
ferentes Verhalten in Betracht, im Analogie zu den Morgan sehen
Erfahrungen an Drosophila sogar mit grösserer Wahrscheinlichkeit als
eigentlich dominantes. Dieser Unterschied ist allerdings beim Men-
schen mehr von theoretischer als praktischer Bedeutung. Isolierte Fälle
hat tntre s bei seinen fast ein Jahrzehnt hindurch betriebenen Nach¬
forschungen überhaupt nicht aufgefunden. Entres zieht mit erfreu-
iu er Bestimmtheit auch die rassenhygienischen Folgerungen aus seinen
theoretischen Ergebnissen; u. a. fordert er die Zulassung des künst-
hchen Abortes für die Angehörigen der Choreatikerfamilien. Die solide
und bedeutungsvolle Arbeit darf nicht nur die Beachtung der Neuro¬
logen und Psychiater fordern, sondern in mindestens ebenso hohem
urade auch das allgemeine Interesse der Aerzte und Hygieniker.
Lenz- München.
O. Cozzolino: Lehrbuch der Pädiatrie. 3. Aufl. 1. Bd. Neapel
192 1. 571 S.
Vorläufig ist erst der 1. Band des bekannten italienischen Lehr¬
buches erschienen. Er enthält: den allgemeinen Teil, die Säuglings-
ernahrung, die Krankheiten der Neugeborenen, die akuten Infektions¬
krankheiten und die Erkrankungen des Verdauungsapparates. Bei der
Durchsicht der einzelnen Kapitel gewinnt man den Eindruck, dass es sich
H.™ ,eint v5r<;reffliches’ gross angelegtes, ausserordentlich gründliches
Werk handelt, das der italienischen, aber nicht minder auch der
deutschen Pädiatrie alle Ehre macht. Letzteres empfindet man mit be¬
sonderer Genugtuung. Das Buch steht ganz auf der Höhe der Zeit
und verrät eine geradezu stupende Literaturkenntnis des anscheinend
mit Bi.enenfleiss ausgerüsteten Autors. Besonders ausführlich und lehr-
ieich ist der grosse Abschnitt über die akuten Infektionskrankheiten
Bei der Betrachtungsweise der Ernährungsstörungen baut C. auf den
Lehren der deutschen Pädiatrie auf, -schlägt aber bei der Einteilung
derselben eigene Wege ein. Die Ausstattung des Buches entspricht
nicht seinem Inhalt. M o r o.
Thoraxplastik und Skoliose von Dr. Oskar H u g - Zürich Stutt¬
gart, Verlag von Ferdinand Enke, 1921. Beilagenheft der Zeitschrift
für orthopädische Chirurgie. Band XLII.
Im ersten Teil des vorliegenden Werkes bespricht Verfasser
in fesselnder Weise die geschichtliche Entwicklung der ganzen Lungen¬
chirurgie. Von der Freundschen Mobilisationstherapie — aktive Er-
weiterung der Lunge — , die im Gegensatz zur Immobilisationstherapie
(runktionsausschaltung) steht, ausgehend, wird die ganze Pneumo¬
thoraxbehandlung in erschöpfender Weise behandelt: die Pneumo¬
lyse, Lungenplomben bei Spitzentuberkulose, die Phreniko¬
tomie bei Lungeiibasistuberkulose, um dann zu den die Brustwand
282
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr. t
verändernden Eingriffen der Thorakoplastiken überzugehen: die Tem¬
porärresektion, ohne Substanzverlust, die modellierende Resektion —
die Entfernung der lateralen knöchernen Brustwand , die Pleuropneu-
molysis thoracoplastica nach F r i e d r i c h (Entknochung der mittleren
und unteren Brustwand), die Willmsche Pfeilerresektion (partielle
Entfernung der oberen Rippen im Bereiche der 1.— 8. Rippe), die
Sauerbruch sehe Thorakoplastik (Resektion der 1.— 10. Rippe von
12 cm Länge unter Anwendung des Unterdruckverfahrens in Lokal¬
anästhesie).
Der zweite Teil behandelt die Folgeerscheinungen an 1 horax
und Wirbelsäule nach operativen Eingriffen wegen Lungenerkrankungen’,
wobei die Intensität des Eingriffes und das Alter, resp. Modellations-
fälrigkeit des Skeletts, die ausschlaggebenden Faktoren sind. Dieses
Kapitel ist für Phthisiologen, Chirurgen und Orthopäden gleich inter¬
essant. Praktisch wichtig ist die Korrektur der Thoraxwand durch die
richtig dosierte Pneumothoraxbehandlung. Der Einfluss des Empyems
auf das Skelett ist im I. Stadium thoraxstützend, deshalb Konvexität
nach der erkrankten Seite. Im II. Stadium (Kollabierungsstadium) Kon¬
vexität nach der gesunden Seite. Je nach Zunahme des opeiativen
Eingriffs nach Empyem verändern sich die statischen Verhältnisse
des Rumpfskeletts. Die Skelettveränderungen nach Thorakoplastik
wegen Phthise erfahren an der Hand von 22 operativen Fällen eine ein¬
gehende Kritik, gute Bilder veranschaulichen die Resultate. Die post¬
thorakale Skoliose ist eine am schnellsten einsetzende. Das Maximum
der Eindellung liegt fast immer an* dem lateralen oberen Teil; para¬
doxe Atmung bei den meisten Patienten durch Ausschaltung der
Musculi intercostales; direkte Veränderung der Thoraxwand; konvexe
seitliche Abweichung des unteren Stern umrandes, Ausbildung des ge¬
sundseitigen Empyems und dadurch mangelhafter Qasaustausch. Ver¬
lagerung des Schultergürtels, die Skoliose ist immer operationsseitig
konvex und kyphosierend.
Eine eingehende morphologische Besprechung der Rumpf¬
muskulatur und ihre Beziehung zur Wirbelsäulenverkrümmung folgt
diesen Ausführungen.
Im III. Teil bespricht Verfasser die biologischen Grundlagen der
Skciiose im allgemeinen und sucht ihre entwicklungsgeschichtlichen
Tatsachen festzustellen, die an der Basis der Skoliose wurzeln. Er
teilt die Skoliose ein
1. in postthorakoplastische Skoliose (Grund: operative Eingriffe),
2. in habituelle Skoliosen (Grund; die durch den Schulbetrieb ver¬
änderte Lebensweise des Kindes),
3. in rachitische Skoliosen und
4. angeborene Skoliosen.
Im Rahmen eines kurzen Referates lässt sich leider nur streifen,
was der Verfasser in einer Fülle von äusserst fesselnden Gedanken¬
gängen in einem 232 Seiten umfassenden Werk vorführt. Der Inhalt
ist für den Chirurgen, den Orthopäden und den Phthisiologen gleich
wertvoll. Die Lebhaftigkeit der Sprache bringt den Leser auch- über
trockenes Material spielend hinweg. Man legt das Buch nicht mehr
gerne weg, wenn man einmal angefangen hat, sich in seinen Inhalt zu
vertiefen. R. P iir c kh a u e r- München.
Gesammelte Auszüge aus Dissertationen an der medizinischen
Fakultät Köln im Jahre 1919/20. Herausg. von Prof. Dr. A. Dietrich-
Bonn, 1921. Verlag von A. Marcus & E. Weber (Dr. Albert A ii n).
268 Seiten gr. 8. 25 M. ungeb.
Die medizinischen Doktorarbeiten können nicht mehr gedruckt
werden, es werden nur mehr ein Paar Schreibmasehinenexemplare ab¬
gegeben. Das ist eine traurige Sache, denn sie ist ein Zeichen der
unerhörten Not Deutschlands und ganz besonders der deutschen Wissen¬
schaft. Wenn man das von der Kölner Fakultät herausgegebene Buch
mit den Auszügen aus 115 Doktorarbeiten durchblättert, kann man1 sich
aber des Gedankens nicht erwehren, dass diese Not auch etwas Gutes
mit sich bringt. Gestehen wir es ganz offen; die meisten Dissertationen
waren wirklich nicht wert, in der bekannten Breite gedruckt zu werden
und auch der Gedanke, diese 115 Kölner Dissertationen auf einen Hauten
getürmt zu sehen und durchblättern oder gar lesen zu müssen, ver¬
ursacht Alpdrücken. So aber, auf ein und zwei Druckseiten zusammen¬
gedrängt, machen sich auch die „Fälle von . . . “ ganz nett, man freut
sich über das rege Leben in der Fakultät, liest vieles mit Befriedigung
und Gewinn. Man kommt zu dem Schluss, dass dieses neue Verfahren
eigentlich ganz ausgezeichnet ist. So ist das Material der grossen An¬
stalten richtig verwertet, anspruchslos gebracht, aber ausreichend und
übersichtlich. Ein Eingehen auf Einzelheiten ist natürlich nicht möglich,
es steckt aber viel Interessantes in dem Buch. Dauernden Wert haben
vor allem die verschiedenen Arbeiten über die Kriegsgeschehnisse.
Wünschenswert wäre bessere Ordnung der Arbeiten nach Materie und
ein Sachregister. ' Kerschensteine r.
Kumbuke. Erlebnisse eines Arztes in Deutsch-Ostafrika. Von
Arthur Hauer. Mit 8 farbigen Tafeln und 21 Tuschzeichnungen von
Curt Gregorius. 1922. Dom-Verlag, Berlin. 329 S.
Ein stolzes, schönes und wehmütiges Buch. Zum friedlichsten
Werke ausgezogen, mit all dem Wagemut und der Selbstlosigkeit des
deutschen Arztes, bekämpft der Verfasser in unserer Kolonie Deutsch-
Ostafrika die Schlafkrankheit und all die anderen der Kultivierung ent¬
gegenstehenden tropischen Krankheiten, insbesondere deren Erreger,
schweift mit frohem Sinn durch die unendlich weiten Lande des mär¬
chenhaften Gebietes, mit offenen Augen für alles, was die zauberhafte
Tier- (Elefanten, Nashorne, Löwen u. a.) und Pflanzenwelt in erstaun¬
licher Fülle darbietet ... das Herz geht dem Leser auf, gepackt vo
unendlicher Sehnsucht nach all dem Schönen . . . und das Herz vei
krampft sich, wenn man weiter liest von den unsagbaren Muhsalen, di
der Krieg über die Kolonie gebracht hat. Es ziehen die schwere
Kämpfe der Kolonisten mit den feindlichen Truppen an uns vorüber
die treuen Askaris, in ihrem Heldentume für uns, leben in dei
Buche, alles geschaut durch die Augen des ärztlichen Verfassers. 1
spannenden Skizzen stellt der Verfasser in. flottem Stile all das dai
dann erfahren wir von den schweren Erkrankungen des Arzte
selbst, schliesslich seine Gefangenschaft und seinen Transport nac
Indien endlich die Heimfahrt ins unfrei gewordene Vaterland.
Von dem Erleben in Deutsch-Ostafrika möchte man gern
noch mehr erfahren und miterleben, und um ganz in jenei zauberhafte
Stimmung zu verbleiben, möchte man gerne den Teil der Gefangen
Schaft in Indien und die Rückkehr nach Deutschland für ein eigene
Buch reserviert haben. Die Gesamtstimmung wäre einheitlicher. Dt
Buch wird, wie für uns Erwachsene, auch für unsere reifere .lugen
ein dankbares Objekt der Empfehlung sein. Max Nassauer.
Zeitschriften - Uebersicht.
33.
Vereinfachung a
lieferte gegenub
von seltenen Au
Metalle auf die Iminul
Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapi
Band, Heft 1 (Auswahl).
Gaethgens - Hamburg: Beitrag zur Frage der Komplementauswertui
bei der Wassermann sehen Reaktion. . t •
Verf. hat die K a u p sehe Modifikation der WaR. mit der Origim
methode verglichen und eine höhere Empfindlichkeit dei ersten feststcili
können, ohne dass die Spezifität in irgendwie nennenswerter, Weise litt, t
die Komplementauswertung gibt er eine Modifikation und
die ihm ebenso gute Dienste geleistet hat. Die Methode
der Original-WaR. 10 Proz. mehr positive Reaktionen, die,
nahmen abgesehen, spezifischer Natur waren.
Hajos-Pest: Ueber die Wirkung der
agglutination. . . , , ,. ,1
Durch stark verdünnte Metallsalzlösungen wird die Immunagglutinatij
gehemmt. Am stärksten hemmte das TI. Mg, weniger Zn, Al. Mn, die übrig)
Metalle haben kaum einen Einfluss. Die Spuren von Metallen konnten ,
den Metallbakterienaufschwemmungen mit mikrochemischen Reaktionen naej
gewiesen werden.
E. Fried her ge r und K. 0 s h i k a w a - Greifswald: Ueber (j
Wirkung der Einspritzung von Serum, Toxinen und anderen Giften ln c
Karotis zentralwärts bei verschiedenen Tierarten.
Wie Forssmann zuerst gezeigt hat, entsteht bei Einspritzung vj
giftigen Antibammel-Kaninchensera in die Karotis nach dem Herzen zu nie
das bei intravenöser Einspritzung zu beobachtende Symptomenbild dj
Anaphylaxie, sondern ein wesentlich davon abweichender Symptome]
komplex, der sich hauptsächlich in Manege- und Rollbewegungen äussert u
den Forssmann auf eine Affektion des Kleinhirns zurückführt. In aij
gedehnten Nachuntersuchungen unter mannigfaltiger Variation der B
dingungen konnten Verfasser diese Resultate bestätigen und eine Anzahl neij
Ergebnisse finden, deren Wiedergabe hier zu weit führen würde,
histologischer Untersuchungen (Schröder) ergibt sich, dass
Antiserum nicht im Kleinhirn, sondern in der Medulla
hier schwere Veränderungen an den Kernen setzt.
Auf Gru]
das gifti:
oblongata angreift uj
L. Saathoff - Oberstdorf.
Archiv für Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoff weclis
Pathologie und der Diätetik, redig. von Prof. Dr. J. Boas. Bd. XXVI
Heft 5/6. j M
F. G r o c d e 1 - Frankfurt a. M.: Zur Magennomenklatur. (Aus cj
Röntgenabteilung am Hospital zum Heiligen Geist, Frankfurt a. M. Vorstaij
Dr. F. M. G r o e d e 1.)
Die Abgrenzung der einzelnen Magenabschnitte müssen wir in ers
Linie wohl nach röntgenologisch erkennbarer Morphologie und Funktion v
nehmen, da sie allein sich intra vitam mit Sicherheit studieren lassen, wc
auch zuzugeben ist, dass intra vitam und post mortem ähnliche Eormbihj
vorhanden sein mögen. Da nun der anatomische Aufbau des Magens durch:;
nicht eine bestimmte Form bedingt, im Gegenteil eine Reihe von Formmögbj
keifen bietet, denn geformt wird der Magen letzten Endes durch die FätigM
des Nervensystems, so erscheint es auch vergebliche Mühe, eine nach a)
tomischen Richtlinien aufgestellte Nomenklatur für alle Fälle durchführen |
wollen. Erst, wenn wir einmal genügende Klarheit über die nervöse V
sorgung des Magens besitzen, wird es auch möglich sein eine anatonusj
physiologische Nomenklatur durchzuführen.
Nick- Berlin: Ueber hochsitzende Duodenalstenosen. (Aus der innel
Abteilung des Augusta-Hospitals. Prof. Dr. Schlayer.)
Ist es schon äusserst schwierig eine tiefsitzende Duodenalstenose klini
von einer Pylorusstenose zu trennen, so ist bei hochsitzender Stenose d
Differenzierung bekanntlich überhaupt unmöglich. Die 2 hier veröffentlich)
Fälle, die vor der Operation als Pylorusstenose, bedingt durch Karzmr
angesprochen werden mussten, geben Verf. Veranlassung zu folgender Fra
Stellung: Wie kommt es, dass bei der suprapapillären Duodenalsteri.
folgender eigenartiger Symptomenkomplex sich darbietet: Fehlende bi
auffallend geringe Hypertrophie der Muskularis, bei starker Magenekt.*
sowie Retention, in Verbindung mit HCl-Defizit und Auftreten von Mlfl
säure? Zur Erklärung muss seiner Ansicht nach die uns geläufige Erschein
der gutartigen Pylorusstenose nicht so fast als die Folge der mechanisch
Stenose, sondern als Wirkung des erkrankten Pförtners selbst, durch aki
Reizwirkung aufgefasst werden.
B ä r so n y - Pest: Beiträge zur Radiologie des Ulcus duodeni.
B. beschreibt seine seit 1912 gemachten weiteren röntgenologischen
fahrungen und Beobachtungen. Differentialdiagnostisch lenkt er die ■■■
merksamkeit darauf, dass nicht nur im Falle grosser Kolondehnung, sowie
Kaskadenmagen, sondern auch bei nichtkompensierter Stenose, wenn
Beginn kaum Erbrechen vorhanden war, an die Möglichkeit eines Duode^
geschwürs zu denken ist. Im übrigen sprechen Beschwerden im recl
Hypochondrium bei Frauen mehr für Gallensteine, bei Männern mehr
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
283
denalgeschwür, welch letzteres anfangs meist nur nachmittags Schmerzen
j und erst später auch nachts, bei ihm sind die Schmerzen zumeist auch
ich, um dann auszusetzen und nach längerer Pause wiederzukehren,
: reiid bei Gallensteinen die Krampfanfälle in mehrtägigen bis wöchent-
>n Intervallen aufzutreten pflegen.
S c h o p p e - Frankfurt a. M.: Vergleichende Untersuchungen auf tryp-
les Ferment ln den Fäzes und im Duodenalsaft mit der Kaseinmethode.
, der mediz. Universitäts-Poliklinik. Prof. J. Strasburger.)
Während nach Sch.s Untersuchungen die zur Prüfung auf tryptisches
nent im Stuhl unsprünglich angegebene Gross-Koslowski sehe
•inmethode als diagnostisches Hilfsmittel heutigentags nicht mehr ange-
ichen werden kann und auch die von Matko angegebene Modifikation
unter gewissen Einschränkungen einen diagnostischen Schluss gestattet,
rt die Kaseinmethode, mit Duodenalsaft angestellt, brauchbare Resultate.
Annahme einer funktionellen Pankreasstörung allerdings, im Zusammen-
g mit Magenerkrankungen, wird durch Sch.s Untersuchungsergebnisse
t gestützt, weitere Beobachtungen in dieser Richtung sind erforderlich,
auch hinsichtlich der Frage, ob Darmerepsin hei Anwendung der Kasein-
hode im Duodenalsaft wesentlich beteiligt ist.
K e 1 1 i n g - Dresden: Ulcus pepticum iejuni und Pylorusausschaltung.
dem Artikel von Prof. H a b e r e r in Heft 1 d. Zschr. Bd. 28.
K. bestreitet Hab er er die Bedeutung seines einen Falles von
jrusausscbaltung bei Ulcus duodeni nach K e 1 1 i n g hinsichtlich der daraus
jgenen Schlussfolgerungen, umsomehr, als sich nicht ohne weiteres be¬
iten lässt, dass nicht auch trotz der Resektion des ganzen Pylorusteiles
tische Ulzera, wenn auch sehr selten, entstehen können.
B a u e r m e i s t e r - Braunschweig: Pylorospasmus und Pylorusstenose
Röntgenbild.
Wenn B. schreibt, dass zur Entscheidung, ob im Röntgenbilde ein
orospasmus oder eine Pylorusstenose vorliegt, in zweifelhaften Fällen
i noch andere Untersuchungsmethoden herangezogen werden müssten, so
:heint mir diese Deduktion insofern nicht ganz richtig, als normaler Weise
;e Untersuchungen doch schon vorher ausgeführt sein sollten, ehe der
nke überhaupt vor den Schirm gestellt wird.
Rennen- Düren: Pleuritis und Magenschmerzen. (Aus dem städtischen
nkenhaus Düren, Oberarzt Dr. Liebermeister.)
Die Schwierigkeit der Diagnose Ulc. ventric. bei fehlender Blutung macht
uns zur Pflicht, bei Magenschmerzen mit mangelnden, greifbar funk¬
eilen Veränderungen am Magen selbst bzw, an anderen Organen des
lomens auch an die Möglichkeit einer Pleuritis zu denken. Besonders
ide man da nach einer Pleuritis diaphragmatica als Frühsymptom von
erkulose, wobei das Röntgenbild und diagnostische Tuberkulininjektionen
ntbehrliche Hilfsmittel darstellen.
F i n s t e r e r - Wien : Zur Indikationsstellung bei akuten Magen- und
denafblutungen.
Wenn auch die Ansicht der meisten Internisten und vieler Chirurgen
in geht, bei der Indikationsstellung zur Operation 'der akuten Blutungen
konservative Behandlung als Normalverfahren zu bezeichnen, so glaubt
doch mit aller Entschiedenheit gegen Schüllers Beweisführung in
ler Arbeit „Ueber die Indikationen zum chirurgischen Eingreifen bei
irtigen Magenerkrankungen“ in Heft 1 d. Archivs Bd. 28 Stellung nehmen
müssen, denn die Behauptung, dass die Resultate der Operation während
akuten Blutung schlechter seien als die der internen Behandlung, lässt
i nur dann aufrecht erhalten, wenn' man eben vollkommen unrichtige
len zum Vergleiche heranzieht. A. J o r d a n - München.
Zeitschrift für orthopädische Chirurgie einschliesslich der Heil-
nnastik und Massage. XLII. Band. 1. Heft.
Sven Johannsson: Ein Fall kongenitalen Defekts von Radius
Ulna.
Verf. beschreibt einen, bisher in der Literatur noch nicht beschriebenen
eines totalen Defektes beider Vorderarmknochen mit Hautnarbe (wohl
nionfalte); der Humerus zeigt im Röntgenbild an seinem distalen Ende
■ rechtwinkelige Beugung. Diese wurde durch Osteotomie gerade gestellt,
•auf auch der Arm in gerader Stellung korrigiert wurde.
P. M ö h r i n g - Kassel: Ein neuer Osteoklast.
Wirkung geht aus einer Abbildung hervor.
Fr. Staffel: Ein eigenartiger Stützkorsetttypus.
Beschreibung eines vom Verf. unter Weglassung wichtiger auch für das
ginal-Hessingkorsett nötiger Stützen konstruierten Korsettes. Die Vor-
i, die Verf. von seinem „weichen System“ angibt, dürften wohl für Fälle,
einer wirklichen Stütze bedürfen, kaum in Frage kommen.
A. B r ü n i n g - Giessen: Beitrag zur Lehre vom Fussgewölbe und vom
ttfuss.
Verf. hat seine frühere Meinung über den Plattfuss geändert. Unter-
lungen an Studenten, die sich dem Sport widmen, haben ihn davon über-
gt, dass am leistungsfähigsten jene Füsse sind, bei welchen sich unter dem
atarsus I und V Schwielen finden; alle guten Schnelläufer und Fuss-
ger gehören jener Klasse an. Verf. glaubt, dass jeder Pes plan, mit Pes
i. transv. beginnen muss. Selbstverständlich können beide Senkungen
eneinander hergehen. Der Knickfu.ss hängt vom Gang des Menschen bei
wärts gekehrter Fussspitze ab; das Primitive ist die Parallelstellung des
ses. Nach phylogenetischen Betrachtungen hält Verf. die Anschauung für
richtige, die den Metatarsus III als vorderen Bogen des Fussgewölbes
eichnet.
F. S c h u 1 1 z e - Duisburg: Die Einteilung des Plattfusses in seinen ein-
len Formen und deren Behandlung.
Die vom Verf. geübte Technik beim Redressement des Plattfusses mit
!em schon aus der Klumpfussbehandluiig bekannten Redresseur beruht
tatsächlich auf der Veränderung in der Form «nid Stellung des Kalkaneus
'ich und in seinem Verhältnis zum Talus.
M. B r a n d e s - Dortmund: Zur M a d e I ti n g sehen Deformität des
idgelenks.
Br. hat 2 Geschwister, die schon vor 10 Jahren wegen Madelung-
er Deformität von ihm untersucht wurden, einer eingehenden Untersuchung
erzogen. Er fand, dass die Deformität sich seit dieser Zeit noch weiter
gebildet hat und schliesst daraus, dass die von Springer aufgestellte
mrie bezüglich der Entstehungsweise der Madelung sehen Deformität
it in allen Fällen zutrifft, sondern dass in verschiedenen Fällen die eigent¬
lich auslösende Ursache in einem lokalen Prozess des Handgelenks zu
suchen ist. . . , „ . .
M. Brandes - Dortmund : Die Volkmann sehe Sprunggelenk¬
deformität als Folge kongenitaler Luxation der Fibula nach hinten.
Die V o 1 k m a n n sehe Sprunggelenkdeformität, eine hereditäre kongeni¬
tale Luxation des Sprunggelenks wird durch Defekt der Fibula oder durch
Verlagerung der Fibula nach hinten verursacht. Der Verfasser verwirft die
von D r e i f u s s vorgeschlagene Atrothese des Sprunggelenks für solche
Fälle wo es sich nur um eine Verlagerung der Fibula handelt und befürwortet
Sehnenplastik. R. Pürckhauer - München.
Archiv für Orthopädische und Unfallchirurgie. Band 19.
Heft 1. Roeren - Köln: Ueber progrediente Fussdeformitäten hei Spina
bifida occulta. *
Ausführliche Darstellung dieser Deformitäten (Pes equvnus, I es varus.
Pes excavatus). Therapeutisch kann die Verwachsung des Conus medullans
gelöst bzw. ein dort sitzendes Myofibrolipom beseitigt werden. Ausserdem
Wiederherstellung des gestörten Muskelgleichgewichts am Fuss und event.
Operationen an Knochen und Faszie.
Magnus- Jena: Vlerfüssler mit fakultativem Handgang.
Beschreibung eines schweren Falles von Kinderlähmung mit Handgang,
mit Abbildungen seiner ßewegungsfähigkeit.
v. Schütz: Untersuchung über den Gang von Doppelt-Oberschenkel-
atnputierten. .
Mit Hilfe photographischer Augenblicksaufnahmen nach du Bois-
R e y m o n d wurde der Gang untersucht und in zahlreichen Kurven dar-
D e b r u n n e r - Berlin: Ueber den Wert der A 1 b e e sehen Operation
bei tuberkulöser Spondylitis.
Genaue Aufstellung der Indikationen auf Grund der Erfahrungen. Unge¬
eignet bei Fisteln oder Abszessen im Schnittgebiet oder schlechtem Allge¬
meinzustand. Bei schweren, langdauernden Lähmungen angezeigt bei gleich¬
zeitiger Laminektomie, ausserdem bei jeder Spondylitis mit und ohne Abszess.
3 monatliche Bettruhe in Bauchlage und Unterstützung durch die moderne
Tuberkulosetherapie (Sonne, Luft, Ernährung). Kinder bis zum 4. Lebens¬
jahre sind nicht zu operieren, ältere nur dann, wenn mehr als 2 Wirbel
erkrankt sind. Besonders Erwachsene eignen sich für die Operation. Ueber-
mässig grosser Gibbus ist Gegenindikation. Mehrfache Herde sind nicht zu
operieren.
M a t h e i s - Graz: Ein angeborener Schulterblatthochstand nach
F. König operiert.
Embryonale Bildungsstörung häufig mit Skoliose, Muskel-Rippendefekt,
Wirbelspalten, Halsrippen und Keilwirbeln verbunden. Das umgebogene
obere Schulterblattende ist in Schlüsselbeingrube tastbar. Bisweilen Beweg¬
lichkeit des Armes behindert. Im beschriebenen Fall zeigt Röntgenbild
knöcherne Spange vom Querfortsatz des 7. Halswirbels gegen inneren oberen
Schulterblattwinkel ziehend. Operation: Entfernung der Knochenspangen oder
bindegewebigen Stränge zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt |Und des
umgebogenen Schulterblattwinkels, oder die König sehe Operation, hier
modifiziert ausgeführt: Freilegung und Abtragung des inneren oberen
Schulterblattteils, sodann wird ein 1 cm breiter Streifen des inneren Schulter¬
blattrandes mit Meissei abgetrennt, worauf sich das Schulterblatt 4 — 5 cm
abwärts ziehen lässt. In dieser Lage werden die beiden Schulterblattteile
wieder ' miteinander vereinigt. Sodann wird der untere Schulterblattwinkel
so durch einen Knopflochschlitz des Latissmus dorsi durchgeführt, dass eine
ausgiebige Verschiebung des Schulterblattes möglich wird. Gute Beweg¬
lichkeit.
V a 1 e n t i n - Frankfurt a. M.: Zur Kenntnis der Geburtslähmung
(Duchenne-Erb) und der dabei beobachteten Knochenaffektionen.
Stellt fest, dass es sich nicht um Luxation des Oberarms handelt, dass
nur in Ausnahmefällen bei Anwendung grober Gewalt Epiphysenlösung beob¬
achtet wird, da ja bei spontaner Geburt das Leiden auch vorkommt. Deutet
die Veränderung als Folgen der Nervenverletzung, als neurotische Knochen¬
atrophie und sucht die Verletzungsstelle am E r b sehen Punkt. Die Innen¬
rotation erklärt sich durch Lähmung bestimmter Muskeln, in einzelnen Fällen
durch Distarsion des Schultergelenks.
F r i s c h - Würzburg: Ueber Wachstumshemmung im Oberkiefer bei
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.
Die Lippenspalte ist möglichst frühzeitig zu schliessen, weil wegen der
leichteren Formierbarkeit die Aussichten, die durchgehende Spalte in eine
unvollkommene zu verwandeln, am besten sind. Orthodontische Behandlung
nach der Operation notwendig.
v. d. H ü 1 1 e n - Giessen: Zur Klinik elektrischer Unfälle.
2 Fälle von Starkstromverletzung, bei denen wiederholte Blutungen,
offenbar infolge Gefässwandschädigung durch den Strom beobachtet wurden.
In einem Falle mit Kopfverletzung stiess sich ein handtellergrosser Sequester
des Schädeldachs allmählich ab.
R a d i k e - Berlin: Erfahrungen mit Kraftübertragungsapparaten bei
Lähmungen, Schlottergelenken und Gelenkdefekten.
Beschreibung von Bandagen, mit denen durch Schulterheben der Unter¬
schenkel betätigt wird, insbesondere der amerikanischen Fitwellbandage. Am
Arm gelang es bei Pseudarthrosen und Schulferdefekten nur selten, den mit
Schienenhülsenapparat versehenen Arm mit einer solchen Bandage aus¬
reichend zu bewegen. Verwendung der Fitwellbandage zur Bewegung leichter
Beinapparate bei Quadrizepslähmung und Knieschlottergelenk.
Heft 2.
P e r t h e s - Tübingen: Ueber plastischen Daumenersatz, insbesondere
bei Verlust des ganzen Daumenstrahls.
a) Fernplastik nach Nicola doni. b) Umgebungsplastik durch Spalt¬
bildung oder Fingerauswechslung oder Drehung von Fingern gegeneinander,
so dass sie sich zur Greifung berühren können. P. hat nur Umgebungs¬
plastiken ausgeführt: Bildung eines selbständigen Daumenmetakarpus unter
Entfernung des Metakarpus II zur möglichst tiefen Spaltbildung. Bei Verlust
des ganzen Daumenstrahls Anlegung eines Spaltes zwischen 2. Metakarpus
und übriger Mittelhand und Artikulierung des 2. Metakarpus mit dem
Multungulum . majus und schliesslich Drehung des Zeigefingerstumpfes zur
Mittelhand zur Bildung einer Zange. Mit dieser Methode wurde in 3 Fällen
eine sehr brauchbare Hand erzielt.
S c h m i 1 1 - Köln: Bursitis calcarea am Epicondylus externus humeri.
Ein Beitrag zur Pathogenese der Eplkondylitis.
284
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N)
Mitteilung eines Falles mit Schmerzen an der Aussenseite des Ellen-
bogengelenks Im Rüntgenbild am lateralen Condylus hürnen von ihm ab
grenzbar ein unregelmässiger bohnengrosser Schatten von K"ochtgns^stg"j'
Die Operation findet eine mit krümeliger Masse ausgefullte Zyste, du e e t
fernt wird. Dieselbe besteht aus schwieligem (jewebe mit Hohlraumen, die
mit kohlen- und phosphorsaurem Kalk ausgefüllt sind.
Weil- Breslau: Die Aetlologie der Plexuslähmung der Neugeborenen
Nach Kritik der bisherigen Anschauungen über die Ursache des L ndens
stellt er eine neue Hypothese auf. Er glaubt, ebenso wie der hp.eb urt '
fach als intrauterine Druckschädigung anzusehen ist und nicht als (jeburt
Schädigung, auch einen Teil der Entbindungslahmungen als intrauterine Druck¬
schädigung ansprechen zu sollen. _ _ ...
K r e u z - Berlin: Zur intrapelvinen extraperitonealen Resektion des
Nervus obturatorius nach Selig. . . m
ln 13 Fällen ausgeführt, 8 mal nach Selig, o mal von einem supra¬
symphysären Querschnitt. Beschreibung und Krankengeschichten. Nach¬
behandlung mit Schienen und Uebungen.
B a u m a n n - Aarau: Ueber die Dauerresultate der operativ behandelten
Mcniskusverletzungen des Kniegelenks. Pll(,
Anwendung der B r u n sehen Exstirpationsmethode, d. h. der Entfernung
nur des beweglichen Teiles des Meniskus und nur bei schwerer Zerreissung
die totale Entfernung. Von 90 Nachuntersuchten waren 52 Proz. ideal geheilt,
ohne die geringste Einbusse ihrer Leistungsfähigkeit. Bei 41 Eroz. schwankt
die Qualität zwischen glänzend und gut, sie konnten ohne erhebliche Be¬
schwerden ihren Beruf erfüllen. Nur 6.6 Proz. sind mehr oder weniger
ungünstig Hierbei Kombination mit Arthritis deformans. Die Arthritis
deformans steht in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Entfernung
des Meniskus Wiederaufnahme der Arbeit meist schon 4—5 Wochen, sonst
spätestens 8—10 Wochen nach der Operation. Indikation zur Operation,
wenn es nach mehrwöchiger konservativer Behandlung wieder zu einem
Rezidiv kommt. .... . D
Bo eckh -Heidelberg: Beitrag zur Kenntnis der Aetiologie und Be¬
handlung der rachitischen Thoraxdeformitäten.
Unter 1000 Rachitikern beobachtete man fast 700 mal Thoraxrachitis. Die
intramammilläre Einsenkung am Thorax gilt sogar als Fruhsymptom der
Rachitis Der bimförmige Thorax zeigt im oberen und unteren Abschnitt
grosse Unterschiede des sagittalen und Querdurchmessers. Normalerweise
beteiligt sich bei der Atmung des Kindes Thorax und Abdomen gleichmässig.
Beim rachitischen Thorax wölbt sich das Abdomen bei Inspiration stark voi,
während der Thorax sich wenig oder nicht bewegt. Der muskelschwache
Bauch muss gestützt werden, um die rein abdominale Atmung auszuschalten
und sie dem Thorax aufzuzwingen. Dies geschieht durch eine Binde um den
Leib, die auch das seitliche Ausweichen der Rippenbögen verhindert.
F r o s c h - Berlin: Statistik der Knochen- und Qelenktuberkulose in den
letzten 5 Jahren (1915 — 1920).
Aus der interessanten Aufstellung des grossen Materials aus der Berliner
orthopädischen Poliklinik geht hervor, dass dem Mittelstände 20 Proz. mehr
Kranke entstammen, wie dem Proletariat, dass das Leiden in erster Linie
eine Erkrankung des Kindesalters, dass mehr das weibliche als das männliche
Geschlecht beteiligt ist und die rechten Extremitäten etwas bevorzugt sind.
Die höchste Frequenz wurde 1918/19 erreicht.
M o n t f o r t - München: Aus der Beschaffungsstelle für orthopädische
Versorgung Münchens. .
Die Arbeit ist von grossem Wert für alle Aerzte, die mit der •Versorgung:
der Beschädigten zu tun haben. Im Original zu lesen.
v. S c h ii t z - Berlin: Die Fahrkartenlochzange als Ansatzstück.
Der Oberarmamputierte ist für die dauernde und schnelle Arbeit nicht
geeignet. Der Unterarmamputierte mit gut erhaltener Ellenbogenbeugung da¬
gegen vermag wirtschaftlich mit diesem Hilfsgerät zu arbeiten.
Heft 3 und 4.
Li er- Zürich: Die funktionelle Prognose der offenen und subkutanen
Sehnenverletzungen der Finger und der Hand.
Extensorenverletzungen sind häufiger und günstiger als Flexoren¬
verletzungen. Primäre Naht 61 Proz. Heilung der Strecker, 38 Proz. der
Beuger. Sekundäre Naht 32 Proz. Heilungen der Strecker. 17 Proz. der
Beuger. Prognose bei Landwirten am besten, weil glatte Wunden, bei Metall-
und Fabrikarbeitern am schlechtesten, wegen der Zerfetzung. Im Alter von
mehr als 60 Jahren selten Heilungen. Ursache der Misserfolge meist Ver¬
wachsung. Infektion bei den Flexoren erheblich mehr, als bei den Extensoren.
Lokalisation bei Extensoren: Prognose schlecht am Nagel- und Mittelglied,
am besten am Grundgelenk und Handrücken: proximal vom Handrücken
wieder schlechter. Bei Flexoren: gut nur über dein Grundgelenk, in Hohl-
liand und Handgelenk schlecht.
B r a n d e s - Dortmund : Zum Spätresultat der Elfenbeinbolzungen des
Fussgelenkes.
2 mal Bruch der Bolzen, 3 mal Wanderung der Bolzen aus Kalkaneus
und Talus nach oben weit in die Markhöhle der Tibia hinein, offenbar infolge
von Waokelbewegungen bei Schritt und Tritt. Die Erfolge der Knochen¬
bolzung sind im Enderfolg der Elfenbeinbolzung überlegen, besonders wenn
sie periostbedeckt sind, wegen der Bildung von Knochenbrücken, die die
Ankylose herbeiführen.
G r a u h a n - Kiel : Zur operativen Behandlung des angeborenen
Schulterblatthochstands nach König.
Beschreibung eines Falles mit doppelseitigem Hochstand und Defekt der
unteren Partie des Kukullaris. Links abnorme Verbindung des medialen
Randes mit Querfortsätzen der Brustwirbel. Der obere Teil war deformiert
nach oben aussen vorn, so dass er vorn am Hals prominierte und Erhebung
des Armes beschränkte. Operation nach König mit befriedigendem kos¬
metischen und funktionellen Resultat.
S c h u b e r t - Königsberg: Zur Frage der hohen Oberarmbrüche:
Ursache und Behandlung der Schulterversteifung.
Entscheidend ist der Zustand des Deltoideus, der auch bei Atrophie den
Gelenkschluss aufrechterhält. Primär tritt reflektorische Adduktions¬
kontraktur, sekundär Schrumpfung der Gelenkkapsel ein. Für die meisten
hohen Oberarmbrüche empfiehlt sich Streckverband in rechtwinkliger
Abduktion. Während der Verbandbehandlung und nach Abnahme des Ver¬
bandes Bewegungsbehandlung, im wesentlichen mit aktiven Uebungen.
B r a n d e s - Dortmund : Ueber die operative Behandlung der Klaueu-
Hohlfüsse.
20 Fälle. Bei leichten Fällen: Redressement, Faszio- und Myotomie der
Fusssohle und Verpflanzung des Extensor hallucis an das Köpfchen
Sesambein des ersten Metatarsus. Bei Lähmung oder ^rese des Til
anticus Verpflanzung des Peroneus longus auf Tibialis. Quere Durchsc s
düng des Lig Plant long. ist wichtig bei starker Exkavation. Beim typu
Klauenhohlfuss besteht selten ein echter Equinus, meist nur Equinus i
Vorderfusses, mit Abknickung im Chopart. Achillotomie vermehrt de .
die Deformität. In schweren Fällen Keilosteotonne in der (legend i
Chopart. , ..
G a u g e 1 e - Zwickau: Eine Klumpfussoperation.
In bestimmten Fällen gibt Adduktion des Vorderfusses, besonders ,
Grosszehe, Anlass zu Rezidiven. Abduziert man dieselbe, so senkt
der Aussenrand des Fusses abwärts. Drückt man diesen nach oben,
die Grosszehe in Adduktion. Der Aussenrand ist bei Kiurnpfuss lange
der Innenrand. Der 5. Mittelfussknochen widerstrebt der Korrektur. G
mehrfach die Basis des 5. Metatarsus entfernt und die gegenüberlie«
Seite des Kuboids angefrischt, um Verwachsung zu bekommen. Dam!
der Widerstand beseitigt. Gute Resultate
v. Schütz -Berlin: Die Messung indirekter Kraftquellen zur Betatl
k u i i s tli ch et-i r Gl ^ e ^e r^ r 3 f t ^ u e 1 1 e n sind V0I1 Dr. ing. Meyer gemessen wo
v. Sch. hat unter der Leitung von Prof. Schlesinger die indirt
Kraftquellen untersucht und gemessen und in sehr ausführlichen lat
und vielen Abbildungen die Grösse der Dauerleistung ermittelt
Sonntag- Leipzig: Ueber federnde und nichtfedernde Subluxatlor
Ellenköpfchens. . ,
Das nicht seltene Leiden der Subluxation der Ulna im unteren K
Ulnargelenk, das häufig nach Verletzungen auf tritt, ist noch nicht ge!
da anatomische Untersuchungen fehlen. Wahrscheinlich sind Kapsel,
mentum later, int. und Lig. suberuentum zerrissen. Reposition ist b
Retention schwierig. Fester Verband 3 Monate lang. Beim typischen Ra
bruch tritt das Leiden auch auf. Behandlung: entweder feste Lederbar j
oder Operation mit Fixation durch Bandnaht oder Knochennaht mit basl
Verstärkung, nur ausnahmsweise Resektion. _
R ü h 1 e - Göttingen: Röntgenologische Studien über eine mit dem IN
Os acetabuli bezeichnete Veränderung am oberen Pfannenrand.
Das röntgenologische Os acetabuli ist nicht mit dem anatomischen j
stanten 4. Beckenelement identisch. Es ist stets eine pathologische )
änderung. meist Folge rachitischer oder osteomalazischer Erkranku
seltener eine Fraktur, oder ein Sequester, oder eine Ossifikation, Cd
mobile. Bei Spätrachitis ist es als Spontaninfraktion, nach Art einer f
hellungszone aufzufassen.
Bla ss- Worms: Hebung des Hängefusses bei Peroneuslähmung i)
Sehnenplasitk. , . . _ . , <■[
3 Fälle, in denen der Tibialis posticus absteigend Sehne auf .
nach Nicoladoni auf den gelähmten Tibialis anticus verpflanzt v
unter geringer Spannung bei höchstmöglicher Stellungskorrektur inj
Knopfloch der Sehne durch einen subkutanen Fettkanal ohne Abknit
des Muskels. In einem Falle wurde neben dem Tibialis posticus der Fl
hailucis longus auf die Extensoren umgepflanzt, blieb aber funktioi
Offenbar weil er durch die Herumfuhrung um die Aussenseite des l
Schenkels nach vorn abgeknickt wurde.
Tätigkeitsbericht der Prüfstelle für Ersatzglieder Charlottenburg.
Insbesondere Erfahrungen über den Carnesarm.
Ho h mann - Münch!
Archiv für Gynäkologie. Band 115. Heft 2.
O. Zietzschmann: Ueber Funktionen des weiblichen GenitaF
Säugetier und Mensch.
Die führende Rolle für das Genitale ist in allen Stadien der Entwic
und im geschlechtsreifen Zustande bis zum Verlöschen der Funktion)
Keimdrüse zuzusprechen. Die zyklische Tätigkeit des Ovars unti
Gebärmutter steht unter der Herrschaft von Hormonen. Die Mithilfe
interstitiellen Eierstocksdrüse ist noch nicht erwiesen. Der reifende Fel
regt die erste Neubildung der Uterusschleimhaut an. Das Corpus. li
regt fortgesetzte Neubildung im Uterus bis zur Höhe und Ueberleituil
den Schwangerschaftszustand an, Der sich entwickelnde Embryo sichei)
Erhaltung des Corpus luteum.
R. Zander: Ueber Radiumdosierung.
In der B u m m sehen Klinik ist die Technik bei Radiumbehandlunj
üebärmutterkrebses so ausgebildet, dass ausser einem intraut j
liegenden Radiumröhrchen (ca. 50mg) noch gleichzeitig ein zv,
quer vor die Portio gelegt wird. Um Verschiebungen zu vermeiden,
der Apparat durch Eingiessen -einer rasch erstarrenden sog. Stenzmas
die Scheide festgehalten. Wichtig ist die Feststellung, dass Radiumpräri
bis zur Berührung nebeneinandergelagert, sich in ihrer Wirkung addf
und dass auch rechtwinklig zueinander gelagerte Präparate sich verstä
H. Zacherl: Beitrag zur Klinik und Therapie der Eklampsie, j
Bericht über 188 Fälle von Eklampsie, darunter zweimal o
Krampf e. Sterblichkeit der Kinder 33 Proz.. der Mütter 20,7 f
Therapie ist die der ,,sog. mittleren Linie“, d. h. Grundsätze von Si
ganoff kombiniert mit Aderlass; Leitung der Geburt exspektativ. J
sinken der mütterlichen Sterblichkeit von 21,7 Proz. in den Jahren 190'
auf 12.7 Proz. in den Jahren 1911 — 20!
H. Katz: Ueber den plötzlichen natürlichen Tod in Schwangers)
Geburt und Wochenbett.
Sehr eingehende und interessante Durcharbeitung von 95 Fällen, di|
zur Obduktion gekommen sind. 33 Frauen starben plötzlich wä;
der Gravidität, während des Geburtsaktes 14. In unmittelbarem Anstf
an die Geburt starben 29 und im Wochenbett 19. 22 mal waren Krankl
des Herzens und der Gefässe, der Lungen und Niereij Ursache, 3
Schwangerschaftstoxikosen.- Verblutung und Luftembolie verschuldetet
Tod in 24 Fällen; während im Wochenbett 19 Frauen meist an Throi
embolie zugrunde gingen.
F. Kirstein: Ueber die prognostische Bedeutung der Keimhän
bei Kreissenden und Wöchnerinnen.
Auf Grund seiner Untersuchung glaubt K. an die von anderer j
bestrittene pathognomonische Wichtigkeit der Hämolyse. Wichtiger fil
ist die Virulenz der Erreger und die Widerstandskraft der Kranken,
wir aber über diese letztere gar nichts Sicheres wissen, leidet die Prog
zierung an einer bisher noch nicht auszufüllenden Lücke. .
, Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
285
F. Kirstein: lieber die passive Immunisierung des Neugeborenen mit
Behrings Diphtherie-Vakzin „TA“.
Die aktive Immunisierung der Neugeborenen mittels des Vakzins „TA“
lieint möglich zu sein, ist aber für die Bekämpfung der Diphtherie un-
eignet, da sie sich wenig wirksam oder zu langsam entwickelt. Neuge-
irene kann man passiv immunisieren, wenn die Mutter in den letzten
hwangerschaftsmonaten mit „TA“ behandelt wird. Trotzdem dann der
ltitoxingehalt des Neugeborenen so auf das Vierfache erhöht werden kann,
kranken auch solche Kinder ebenso häufig wie Kinder nicht vorbehandelter
iitter. Erfolge bei Neugeborenendiphtherie sind scheinbar weniger auf den
ntitoxingehalt als auf das normale unspezifische Pferdeserum
beziehen.
B. Aschner: Ueber einen eigenartigen Ovarialtumor aus der Gruppe
r Folllkulome.
Auffallende Menstruationsstörungen und ein bisher noch nicht beschrie-
ner Befund in Form einer gänseeigrossen, massiven Corpus luteum-
nlichen Bildung. (Einzelheiten der sehr eingehenden pathologisch-anatomi-
lien Untersuchung lassen sich in kurzen Worten nicht berichten.)
H. Füth: Beitrag zur Scheidenverätzung mit Chlorzink.
Eine an Fluor Erkrankte hat sich anstatt des 5 proz. Protargoltampons
[bst einen Tampon eingeschoben, der mit 50 proz. Chlorzinklösung
; tränkt war. Folge: eine vollständige Abstossung der vollkommen
krotisch gewordenen oberflächlichen Schichten im Scheidengewölbe und
der Portio in Form eines negativen Gipsabgusses. Heilung ohne Scha¬
ni (Solche Beobachtungen kamen in den Zeiten, da man noch den
llorzinkstift nach Dumontpallier verwendete und die Scheide nicht
nügend schützte, doch öfter vor. D. B.)
H. Baumm: Osteogenesis imperfecta.
Von gesunder I.-para wird eine Frühgeburt mit 9 Monaten entbunden,
dien Veränderungen am Schädel sind Arme und Beine stark verkrümmt,
■chter Oberarm und beide Oberschenkel sind gebrochen. Röntgenbild. Er-
hrung an der Mutterbrust. Spontanfrakturen im Verlauf der nächsten
jnate. Das Kind gedeiht sonst gut, kann aber weder gehen noch sitzen,
e Differentialdiagnose ob Osteogenesis imperfecta oder Osteopsathyrosis ist
jht scharf zu machen. Therapeutisch schien Phosphorlebertran von
itzen zu sein.
Rob. Meyer: ..Plattenepithelknötchen“ in hyperplastischen Drüsen der
irpusschleimhaut des Uterus und bei Karzinom.
Im Anschluss an die bekannte Erscheinung, dass Epithelveränderungen,
: im mikroskopischen Bild den Eindruck des Karzinoms machen, klinisch
;er gutartig sind, d. h. oft eben nur durch die Ausschabung geheilt bleiben,
Versuchte M. mit bekannter Gründlichkeit einen eigenen Fall. Zu einem
dgültigen Schluss über die diagnostische Wertung solcher „Plattenepithel-
ötchen“ kommt auch M. nicht, meint aber, es wäre gut, solche Kranke
t im Auge zu behalten.
W. Strakosch und H. E. Anders: Beitrag zu der Lehre von
n Akardiern: Ueber einen Holoakardius eumorphus.
Im Gegensatz zu der allgemeinen Erfahrung hat in diesem Falle der
ardische Zwilling ein völliges Geburtshindernis geschaffen und machte eine
rstückelnde Operation notwendig; ausserdem tiefsitzende Plazenta. Wegen
ehgradigen Oedems des Akardius muss nach spontaner Geburt des ersten
nllings der zweite z. T. embryotomiert werden. Die pathologisch-
atomische Beschreibung des absolut herzlosen Kindes muss im Original
t seinen Abbildungen gelesen werden. W. S. F 1 a t a u - Nürnberg.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 4.
M. Henkel- Jena: Die intrakraniellen Blutungen Neugeborener.
Diese sind durch Traumen intra partum leicht zu erklären; aber nicht in
en Fällen, in denen die Sektion des Neugeborenen diese Blutungen als
desursache aufdeckt, ist das Trauma nachweisbar. Hier muss die Asphyxie
; die Ursache der Blutung angesprochen werden. Diese Annahme wird
durch unterstützt, dass auch sonst bei der Sektion Blutungen, wenn auch
r kleine und kleinste (Herzmuskel, Endokard usw.) festgestellt wurden,
r die Behandlung dieser Geburtskomplikation ergeben sich aus diesen
obachtungen wichtige therapeutische Folgen: rasches Eingreifen durch
rceps bei starker Asphyxie unter besonderer Herztönekontrolle.
J. A r n o 1 d - Innsbruck: Schwangerschaft nach schwerer beiderseitiger
:nexentzündung. Kasuistische Mitteilung,
bl. 1921, Nr. 43.) Antikritik.
M. M ü 1 1 e r - Mainz: Klinische Beobachtungen über Traubenzucker als
ihenförderndes Mittel.
Auf Grund einer Reihe von Versuchen schliesst Verf., dass der Trauben-
cker in 40 — 50 proz. Konzentration in Menge von je 10 ccm intravenös
pliziert, steril, ein gutes wehenförderndes Mittel ist, vornehmlich bei Er-
idungswehenschwäche; er ist schadlos für Mutter und Kind und hat den
rzug der Billigkeit und leichten Erlangbarkeit.
W. S i g w a r t - Frankfurt a. M.: Erwiderung auf den Artikel von
Sachs: Zur Entwicklung des nachfolgenden Kopfes beim toten Kinde.
H. Baumann - Breslau. Zum IV. Handgriff. Polemik gegen Fuchs.
H. H e 1 1 e n d a 1 1 - Düsseldorf: Blutige Verfärbung des Nabels als dia-
ostisches Zeichen von Extrauteringravidität.
Bestätigung der H. sehen Beobachtung durch C e 1 1 e n - Baltimore und
•insohoff - Cincinnati. Werner- Hamburg.
Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 1921.
md 73.
O. F o e r s t e r - Breslau: Zur Analyse und Pathophysiologie der
iären Bewegungsstörungen.
Zu den Bewegungsstörungen, welche mit den Basalganglien im Zu¬
mmenhang stehen, gehören ausser der Chorea diejenigen der Paralysis
itans, die nahe verwandte Gliederstarre bei Arteriosklerose, die Be-
:gungsstörungen bei Pseudosklerose und Wilson scher Krankheit, die
hetose und der Spasmus mobilis, das Krampussyndrom (Torsionsneurose,
’stonia lordotica), der Torticollis spasticus. Die von O. und C. Vogt
ilech thin hierher gerechneten Störungen der L i 1 1 1 e sehen Krankheit sind
ah F. der Ausdruck ganz verschiedener* Prozesse, von denen einer nur die
ramidenbahn betrifft, während andere die Basalganglien beteiligen,
ährend es sich bei allen genannten Störungen um Ausfallserscheinungen
ndelt, gibt es in Zitter- und tonischen Krampfzuständen auch eigenartige
Reizerscheinungen, die auf die Basalganglien zurückweisen. Die Krankheits¬
prozesse, die zu diesen Bewegungsstörungen führen können, sind ganz ver¬
schiedener Art. Sie beteiligen z. T. auch andere Hirnregionen, so dass Misch¬
bilder zustande kommen; aber auch die verschiedenen, den einzelnen basalen
Ganglien zugehörigen Erscheinungen verflechten sich untereinander zu
striären Mischbildern. Die Tatsache einer weitgehenden somatotopischen
Gliederung in den Ganglien, wie der Umstand, dass die Krankheitsprozesse
bald progressiv, bald regressiv verlaufen, erschwert die Herausschälung
einzelner kennzeichnender Grundtypen sehr. Da jedoch einzelne Krankheits¬
bilder ziemlich nahe reinen Typen entsprechen, gelingt es doch, zur Auf¬
stellung von Grundtypen zu kommen, deren F. zwei genau darstellt, nämlich
das hypokinetisch-rigide Pallidumsyndrom und das athetoide Striatum¬
syndrom. Das erstere ist gekennzeichnet durch Tremor in der Ruhe, der
auch fehlen, kann, durch die Erhöhung des plastischen formgebenden Muskel¬
tonus, durch den Rigor (Erhöhung des passiven Dehnungswiderstandes der
Muskeln), durch Spannungsentwicklung der Muskeln bei passiver Annäherung
ihrer Insertionspunkte (Adaptations-, Fixationsspannung, kataleptisches Ver¬
halten), durch tonische Nachdauer der Kontraktion bei elektrischer Reizung,
durch Fehlen der Irradiation bei Reflexbewegungen und tonische Nachdauer
derselben, durch Fehlen der Reaktiv- und Ausdrucksbewegungen und deren
eventuelle tonische Nachdauer, durch Bewegungsarmut, durch verlangsamten
Beginn und Ablauf, geringe Exkursion der Bewegungen, Ermüdbarkeit und
Schwächung der Kraft bei Willkürbewegungen mit eventueller Nachdauer
derselben, Fehlen und mangelnde Verstärkung normaler Mitbewegungen,
Fehlen der für • das Pyramidensyndrom charakteristischen Bewegungs¬
synergien, daher Erhaltenbleiben isolierter Willkürbewegungen. Das athe¬
toide Striatumsyndrom dagegen zeichnet sich aus durch das athetoide Be¬
wegungsspiel in der Ruhe, eine Herabsetzung des plastischen formgebenden
Muskeltonus im Krampfintervall, Haltungsanomalien der Glieder und des
Rumpfes, die der Hockerstellung entsprechen, Ueberdehnbarkeit der
Muskeln, Neigung zu inkonstanter Fixationsspannung, ausserordentlich
intensive und extensive Reaktiv- und Ausdrucksbewegungen mit Neigung zu
tonischer Nachdauer, Mitinnervationen und Mitbewegungen bei willkürlichen
Bewegungen, Unfähigkeit zu sitzen, gehen und stehen, an deren Stelle reaktive
Massenbewegungen, die an Kletterbewegungen erinnern, treten.
Das Pallidumsyndrom beruht auf dem Ausfall der Funktion des Globus
pallidus, der einmal bei der Ausführung willkürlicher Bewegungen mitwirkt,
indem er die notwendigen Mitbewegungen besorgt, Reaktiv- und Ausdrucks¬
bewegungen ihren Ursprung gibt, ein Organ der Massenimpulse ist, auch die
unwillkürlichen Bewegungssukzessionen vermittelt, andererseits aber das
zerebellare System hemmt. So kommt beim Ausfall des Pailidums also
einmal der Verlust der Reaktiv- und Mitbewegungen usw. zustande, dann
aber durch Enthemmung des zerebellaren Systems der Rigor, die Fixations¬
spannung und wohl auch der Tremor. Das Striatum seinerseits ist dem
Pallidum superponiert; bei seinem Ausfall wird das Pallidum enthemmt,
wodurch sich alle angeführten Erscheinungen erklären lassen. Besonders
wird die Aehnlichkeit des Striatumsyndroms mit den Kletterbewegungen der
Affen betont, die, ebenso wie die Neugeborenen, als Pallidumwesen zu be¬
trachten seien.
In einem weiteren Abschnitt wird die Chorea besprochen, deren grosse
Aehnlichkeiten mit der Athetose betont und ihre Genese auf eine gewisser-
massen als Ataxie zu bezeichnende Störung des Striatums zurückgeführt.
Torsionsspasmus, Ticks und Myoklonie endlich werden als lokale Athetose-
syndrome gedeutet.
Die grundlegende, ausserordentlich wichtige Abhandlung ist durch eine
grosse Fülle symptomatologischer Feinarbeit reich, mit mehr als 170 aus¬
gezeichneten Abbildungen ausgestattet. Die Unterschiede der einzelnen
Syndrome werden ebenso scharf gegeneinander als gegen das Pyramiden¬
syndrom herausgehoben, die Erklärungsversuche bis an die Grenzen unseres
Wissens vorgeschoben. Ein dem Inhalt der Arbeit entsprechendes Referat
ist hier unmöglich; diese ist am besten im Original nachzulesen.
F. H. Le wy- Berlin: Zur pathologisch-anatomischen Differential¬
diagnose der Paralysis agitans und der Huntington sehen Chorea.
Während bei der P. a. sich nur leichte Veränderungen im Putamen.
dagegen schwerste im Globus pallidus finden, ist das Verhalten bei der
H. Ch. gerade umgekehrt. Die Erkrankungen des Linsenkerns sind jedoch
bei beiden Prozessen nur Teiler&heinungen viel weiter ausgebreiteter Schä¬
digungen. Ist es auch noch nicht entfernt möglich, aus dem histologischen
Bild Schlüsse auf klinische Symptome zu ziehen, so kann man doch aus dem
Zusammentreffen ätiologischer und bestimmt lokalisierter Schädigungen und
charakteristischer histologischer Bilder urteilen, welcher Krankheitsgruppe
die Präparate angehört haben. L. spricht sich gegen die Zusammenfassung
in gewissem Sinne abgrenzbarer Krankheitsbilder zum amyostatischen usw.
Komplex aus. tritt vielmehr für eine genaueste Einzeldurchforschung ein, die
uns vielleicht sogar Einblicke in die Beziehung des pathophysiologischen
Geschehens zu den Zellerkrankungen ermöglichen werden.
F. Schob: Weitere Beiträge zur Kenntnis der Friedreich-ähnlichen
Krankheitsbilder.
Mitteilung zweier Beobachtungen: 1. Friedreich-ähnliches Bild, das sich
von der F ried reich sehen Krankheit dadurch unterscheidet, dass das
Leiden angeboren ist und sich keine Progredienz und keine ausgesprochene
Heredität und Familiarität zeigt, ausserdem aber Augenerscheinungen:
Chorioiditis dissem., Nystagmus, Abduzens- und Blickparese bestehen. Bei
einer Schwester des 36 jähr. Kranken fand sich desgleichen Chorioiditis und
Abduzenslähmung, so dass also doch eine gewisse Familiarität vorlag.
2. Mitteilung des pathologisch-histologischen Befundes eines in der Fest¬
schrift für Ganser beschriebenen Friedreich-ähnlichen Falles, der sich
wahrscheinlich auf dem Boden kongenitaler Lues entwickelt hatte. Erkrankt
waren die Systeme der Purkinjezellen, die der Kleinhirnkörner, der Oliven¬
zellen und der Hinterstränge. Es wird zum Schluss die Annahme näher
erwogen, ob durch exogene Ursachen wie hier das gleichartige morpho¬
logische Bild der systematischen Parenchymdegeneration entstehen kann.
Die Arbeit ist mit schönen Abbildungen belegt und enthält wertvolle ein¬
gehende, hier aber nicht zu berichtende Einzelergebnisse und Betrachtungen.
B a p p e r t (Hirnverletzteninstitut Frankfurt: Zur Frage der Untersuchung
der körperlichen Leistungsfähigkeit bei Hirnverletzten.
Mit Hilfe verschiedener Apparate (Finger-, Handergograph, Gewichts¬
und Bederhebebückapparat) werden mehr umschriebene Muskelgruppen einer¬
seits, den gesamten Organismus anderseits in Anspruch nehmende unter-
maximale und maximale Gewichts- und Dauerleistungen an Normalen und
2 86
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Hirnverletzten untersucht. Dabei zeigen sich schon sehr grosse persönliche
Verschiedenheiten bei Normalen, so dass man nicht daran denken kann,
..Normalkurven“ zu gewinnen. Verschiedenheiten, die jedoch von den Kurven
Hirnverletzter übertroffen werden. Diese bieten im Prinzip dasselbe Bild
wie die ermüdeter Normaler. Die Ermüdung äussert sich in Schwankungen
der -Hubhöhe und Störungen des Rhythmus, erst des inneren, später auch des
äusseren. Die Kurven sinken bei Ermüdung nicht gleichmässig ab; es bilden
sich vielmehr immer tiefer liegende Plateaus. Dem einzelnen Plateau kann
man nicht ansehen, ob es sich um die Leistung eines frischen oder ermüdeten
Menschen handelt. Auch in der Ermüdung ist noch der ganze Organismus in
Tätigkeit. ... , .
Bei der Beurteilung kommt es nicht auf die Einzelleistung an (man kann
nicht von einer Leistung auf andere schliessen), sondern man muss -diese
zu der Gesamtheit der übrigen Leistungen, dem Leistungssystem, in Be¬
ziehung setzen und feststellen, wie dadurch das Leistungssystem und damit
auch die praktische Leistungsfähigkeit verändert wird. B. betont ausdrück¬
lich den nur methodologischen Wert seiner mit vielen Kurven belegten Arbeit,
die ein neuer Beleg für die Schwierigkeit der Beurteilung ergographischer
Leistungen ist.
W. Mayer-Gross und - G. Steiner- Heidelberg : Encephalitis
lethargica in der Selbstbeobachtung. -
Ausgezeichnete Selbstschilderung eines gebildeten, ..unbestechlich be¬
obachtenden“ Kranken, der nach einer Enc. leth. eine schwere Bewegungs¬
störung (Akinese, Rigidität, Zittern) und eine eigenartige psychische Ver¬
änderung, in -deren Vordergrund Zwangsphänomene stehen, zurückbehalten
hat. Es finden sich ferner mangelnde Ansprechbarkeit der Affekte, nach¬
haltige depressive Stimmungen, eine abnorm gesteigerte Einfühlfähigkeit,
Fehlen der spontanen Urteilsbildung und besonders Störungen auf dem Ge¬
biete des Wollens, Störungen in den Abläufen durch Willkü'reinstellung. Das
nach dem Enderfolg hinzielende Wollen bleibt unwirksam, wenn nicht
„Ueberlegung“ oder „wilde Begeisterung“ zu Hilfe kommen. Bei dem vor
der Krankheit kraftvollen, auf die Wirklichkeit gerichteten Menschen herrscht
jetzt die Reflexion vor. Es sind der Selbstschilderung, die ausserordentlich
interessant ist, nur wenige zusammenfassende und kritische Bemerkungen
beigefügt.
F. Jahnel: Die Spirochäten im Zentralnervensystem bei der Paralyse.
(Referat auf der Jahresversammlung des deutschen Vereins für Psychiatrie
1921.) * *
Man kann bei geduldigem Suchen mindestens bei 50 Proz. aller Paralysen
im Gehirn Spirochäten nachweisen. Die Behauptung einer besonderen Lues
nervosa durch Marie und L e v a d i t i wird -durch J.s Zurückführung von
deren Befunden auf eine eigenartige Kaninchenspirochätose widerlegt. In
den inneren Organen von Paralytikern werden Sp. vereinzelt gefunden. Im
Gehirn zeigen sie sich hauptsächlich in der Rinde, selten in der weissen
Substanz, auch im Kleinhirn und den zentralen Ganglien. Sie finden sich
auch in den Meningen, aber stets nur an wenigen Stellen, bisher noch nicht
über dem Grosshirn. Diese Befunde, denen sicher eine grössere Bedeutung
zukommt, schlagen vielleicht eine Brücke zu gewissen Fällen von Hirnlues,
helfen vielleicht auch die Präparalyse klären. Bei -der Tabes werden selten
Sp. gefunden, vor allem im arachnoidalen Gewebe; ihre Rolle für die Tabes
ist ungeklärt. Das mikroskopische -Bild entspricht ja nur einem Momentbild
aus einem jahrelangen Krankheitsvorgang. Sp. finden sich einmal disse-
miniert, unregelmässig verstreut, ferner herdförmig von kleinen Kolonien bis
zu riesigen Herdbildungen. Zu der letzteren Form gehört auch der vaskuläre
Verteilungstyp. Regelmässige Beziehungen zu bestimmten Gewebselementen
lassen sich nicht nachweisen.
Karl N e u b ü r g e r - München: Histologisches zur Frage der diffusen
Hirnsklerose.
Histologische Darstellung zweier Fälle, die einer besonderen Form nicht¬
eitriger Entzündung des Hemisphärenmarks angehören. Es handelt sich um
eine Erkrankung, die verschieden grosse Bezirke der weissen Substanz,
u. U. das ganze Hemisphärenmarklager betrifft. Die Arbeit bietet vorwiegend
anatomisches Interesse.
Siegfried S a 1 0 m o n - Heidelberger Klinik: Ueber einen Fall von seniler
Paralyse.
Bei einer 71 jähr. Frau, die klinisch als senile Demenz diagnostiziert
war, fand sich anatomisch ein ausgesprochener paralytischer Prozess, un¬
abhängig davon deutliche senile Rindenveränderungen in Form von Drusen
und Alzheimer scher Fibrillenveränderung. Infektion vor 25 Jahren.
Friedrich W o h 1 w i 1 1 - Hamburg: Zur Frage der sog. Encephalitis
congenita (Virchow). II. Teil. Ueber schwere zerebrale Destruktions-
Prozesse bei Neugeborenen und kleinen Kindern. (Kortikale und medulläre
Enzephalomalazien und Sklerosen.)
Es werden 9 Fälle mitgeteilt, bei denen es intrauterin oder in frühester
Kindheit zu ausgedehnten, rein degenerativen Veränderungen, teils Er¬
weichungen, teils sklerotischen Prozessen, gekommen ist, die in verschiedener
Weise lokalisiert sind. Durch die gleiche Schädlichkeit scheint bald das ganze
ektodermale Gewebe vernichtet, bald die Glia verschont zu werden, wobei
offenbar die Lokalisation, vor allem die besondere Art der Glia an den be¬
troffenen Stellen, vielleicht auch die Intensität der Einwirkung mitspielt.
Aetiologisch kommt in einzelnen Fällen wohl das Geburtstrauma in Betracht,
jedoch nicht überall. Einmal wurde zugleich eine Fibrose der Schilddrüse’
angetroffen, was an Beziehungen der Erkrankung zu Blutdrüsenstörungen
denken lässt. Die Fälle stellen grösstenteils frische Stadien derselben
Prozesse dar. die als lobäre oder atrophische Sklerose bzw. sklerotische
Hemisphärenatrophie bekannt sind. Fü'r diese kommt als Aetiologie eine
Enzephalitis so gut wie nie in Frage. Die interessante Arbeit, in der
das Klinische stark zurücktritt, bietet fast ausschliesslich spezielles hirn¬
anatomisches Interesse.
Hans H e r in e I - Hamburg bzw. Rinteln: Ueber Spirochätenbefunde bei
atypischen Paralysen.
Ausser bei stationärer Paralyse, wo ein Parasitenbefund ein Aufflackern
des paralytischen Krankheitsprozesses kennzeichnet, und in den erheblich
affizierten Stellen herdförmiger Paralysen fand sich bei allen Formen
atypischer Paralysen (solchen mit Entwicklung miliarer Gummen, mit End-
arteriitis, sehr rasch verlaufenden Erkrankungen, juvenilen und senilen
Formen) allenthalben Pallida. Dagegen fehlten die Spirochäten bei End-
arteriitis syph. der kleinen Hirngefässe, auch bei kombinierten Lues-
Paralysefällen an solchen Stellen, die vom luetischen Prozess eingenommen
waren.
j. S c h u s t e r - Pest: Ein Fall von multipler Sklerose mit positive
Spirochätenbefund. ....
In einem Falle von multipler Sklerose, der besonders rasch verlauf'
war, fanden sich in frischen Herdchen vereinzelte wohlcharakterisier
Spirochäten, die in älteren Fällen vermisst wurden.
A. Jordan und M. K r o 1 1 - Moskau: Ein Beitrag zur Different!:
diagnose zwischen Nervenlepra und Syringomyelie.
19 jähr. Mädchen, wegen Krätze eingeliefert, z.eigt als auffallendste
Befund neben der Krätze Mutilationen der Finger an beiden Händen, Main
perforans an beiden Füssen, Perforationen der Nasenscheidewand, daneb
eine Reihe von Krankheitszeichen: eigenartige fleckweise Verteilui
dissoziierter Empfindungsstörungen, Lagophthalmus, Verdickung des link
Nerv, medianus, Pigmentationen und Depigmentationen, anästhetische Narbe
bildungen, Vergrösserung der Lymphdrüsen, Ausfall der Augenbrauen, E
haltenbleiben der Nägel an den verstümmelten Fingern, die schon klinis
viel eher für -Lepra sprachen. Die Kranke stammte aus einer Gegend,
der Lepra auch sonst vorgekommen war. In einem Infiltrationsherd Hess
sich tatsächlich Leprabazillen nachweisen. Die Bordet- Gengou sc
Reaktion war negativ. Nicht ein einzelnes Symptom, aber die Summe all
Symptome, ihre Gruppierung, ermöglicht die Stellung der Lepradiagno!
deren Aeusserungen nach Ansicht -der Autoren wohl fast ausschliesslich Fol
der Erkrankung der peripheren Nerven sind, nicht oder doch sehr seit,
durch toxisch bedingte Rückenmarksschädigungen hervorgerufen sind.
Georg S tief Per: Die Seborrhoea faclel als ein Symptom der Enc
phaütis lethargica. ,
2 Fälle von Palliduinsyndrom nach Enc. leth., welche die -bekam!
Erscheinung des Salbengesichts zeigen. Als Ursache der Erscheinung wi
eine Enthemmung entsprechender vegetativer Zentren in der Linsenkerj
gegen-d angenommen.
Karl Grosz- Wien: Zur Klinik der Ostitis deformans (Paget) d
Schädels. t
2 Fälle von Ostitis deformans, die ausschliesslich den Schädel betrat« I
1. 56 jähr. Frau mit Aortenatheromatose. Plötzliches Einsetzen eines se
starken, dauernden Drehschwindels, zerebellaren Gangs; Nystagmus, Kc
nealreflex links herabgesetzt. Internusparese? Dabei auffallende Vergrös«
rung und Deformation des Schädels mit Tympanismus. Hochgradige D
struktion und Deformation der Schädelkapsel, basale Impression, Deformati.
des Gesichtsschädels. Im weiteren Verlauf Zunahme der Deformation, Makrj1
glossi-e, quälende Schmerzen an den Beinen. 2. 49 jähr. Frau, leie)
Arteriosklerose. Vor einem halben Jahre Kopfschmerzen, leichter Schwind 1
Schluckbeschwerden, Doppeltsehen. Objektiv Fehlen der Kornealrefle; i
rechts Abduzensparese. ' Schädeldeformation usw. analog dem ersten Fa
In beiden Fällen leichte endokrine Störungen, im 1. Makroglossie, my
ödematöse Erscheinungen im Gesicht, Fehlen der Augenbrauen, vermehrt)
Blutzucker, im 2. erhöhter Blutzucker und leichte alimentäre Glykosurie. t;
Störungen können auf eine Schädigung der Hypophyse durch den Krankheit
Prozess Hinweisen. Im Hinblick auf andere Erfahrungen sind jedoch andei
Zusammenhänge möglich. Für die Diagnose sehr wichtig ist das Röntge
verfahren
Erwin Thomas- Köln: Ueber statischen Infantilismus bei zerebral
Diplegie. J
Mitteilung von 5 Fällen zerebraler Diplegie verschiedenen Alters, lB
denen im Gegensatz einmal zu den sonst bestehenden spastischen Erschj
nüngen, anderseits zur Beteiligung der Muskelgruppen bei der Hemiplesi
eine auffallende Atonie der Nacken- und Rückenmuskulatur besteht r
früher bestand; diese ist hervorgerufen durch auf Rückständigkeit
geistigen Entwicklung beruhenden Nichtgebrauch.
Heinrich D r e y f u s s - Heidelberg: Multiple Sklerose und Beruf.
Aus einer Zusammenstellung von 1151 gesicherten Fällen von multipi
Sklerose ergibt sich ein Hervortreten der landwirtschaftlichen Berufe -J
den absoluten Zahlen, ferner bei der Differenzierung nach den Handwerk
berufen ein Plus bei den Holzberufen (Schreiner, Tischler usw.) und ei-
sprechende Befunde für das weibliche Geschlecht. Die Untersuchung wur
unternommen unter dem Gesichtspunkte der Annahme Steiners, d.
für die Uebertragung des Erregers Zecken in Betracht kommen, und so 1)
sonders Leute, die viel im Freien arbeiten, betroffen werden.
H. P f i s t e r - Berlin-Lichtenrade: Die diagnostische Bedeutung $
Glutäalklonus. .
Der Glutäalklonus, den man erhält, wenn man dicht an der Rückset
des Oberschenkels von unten her die Hinterbacke umfasst und sie tt
kurzem, kräftigen Rucke nach oben bzw. oben und etwas nach aussen dräi|
und der in Zuckungen analog denen beim Patellar- und Fussklonus besteht, «p
anhalten, so lange die Hand mit der Zerrung nicht nachlässt, ein Phänomf
das am besten in Bauchlage erhalten wird, ist ein echtes Pyramidensymptd,
das auf gleicher Stufe mit Babinski, Patellar- und Fussklonus steht und i
17 Proz. der Fälle mit Schädigung der Pyramidenbahn vorhanden ist. i
ist ein ganz sicheres Zeichen, wie sich einwandfrei erweisen lässt. V«
Pseudoklonus, den man, seltener, bei Neurotikern antrifft, unterscheidet sf
der echte in ganz ähnlicher Weise wie der Pseudopatellar- und Fusskloij
von dem echten Klonus. Gelegentlich kann der Glutäalklonus das ert
Pyramidenzeichen sein.
H H n H h n « p n . Hpirlplhprtr • MüP.hweU ftines Stirntiimors mit Röntß'1
strahlen. , I
Ein Gliom im Stirnhirn Hess sich röntgenologisch nachweisen, ohne d»
eine Verkalkung des Tumors selbst oder Aenderungen in seiner UmgebiJ
am Schädeldach vorhanden waren. Es wird angenommen, dass -der Tun"
sich durch Mineralreichtum auszeichnete.
J o s s m a n n - Breslau: Zur Kritik des Begriffs „unbewusstes P'
ehisches Geschehen“ und
R. A. E. Hoff mann: Zur Einteilung und Bezeichnung der Psyc ■
pathien. Zum Referat hier nicht geeignet.
J. L. E n t r e s - Eglfing: Ueber H u n t i n g t o n sehe Chorea.
Referat einer grösseren, bei Springer erschienenen Arbeit. F
drängte Zusammenfassung der wertvollen Untersuchungen an 15 neuen Fall
von H. scher Chorea, aus denen geschlossen werden kann, dass es sich i
eine dominant gehende, mendelnde Erkrankung handelt. Fälle aus f
Literatur, die scheinbar nicht zu dieser Annahme stimmen, ergeben sich =
aus einem oder dem anderen Grunde unzuverlässig: verschleierte o-<
mangelhaft erhobene Vorgeschichte, Fehldiagnosen, zu frühes Absterben >
Zwischenglieder usw. Die grösste Zahl der Erkrankungen wird zwiscF
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
287
n 30. und 45 Lebensjahr manifest. Früherer Erkrankungsbeginn beruht
:nbar auf komplizierenden Leiden. Einzelne Familien zeigen oft auf¬
end übereinstimmende Manifestationszeit. Auch sonst bestehen gewisse
enheiten in einzelnen Familien: Zurücktreten der fast immer vorhandenen
chischen Störungen. Für eigenartige psychotische Bilder wird eine Mo-
sation latenter, entsprechender Erbanlagen angenommen.
Friedrich M o e r c h e n - Wiesbaden : lieber Pseudopsychosen.
Zum Referat nicht geeignet.
Walter Jacobi-Jena: Zur Frage der allgemeinen Proteinkörper-
raple und aktiven Immunisierung der progressiven Paralyse.
Drei Fälle von Paralyse wurden mit lange fortgesetzten Injektionen
i fötalen luetischen Leberextrakten behandelt. Danach interessante Ueber-
nindlichkeitserscheinungen, selbst nach Injektionen von NaCl. 1 Fall
n unverändert zum Exitus, die beiden anderen zeigten leichte Remissionen,
en Zusammenhang mit der Therapie bezweifelt wird, die am ehesten noch
den im Gefolge der Behandlung auftretenden Fiebererscheinungen zu-
nnengebracht werden.
Heinrich H e r s c h m a n n - Wien: Zwei Fälle von Eigentumsdelikten
dge krankhaften Triebes zum Verschenken.
2 Frauen gegen Ende der 20 er Jahre, wegen ausgedehnter Unter-
lagungen forensisch, kamen zu ihren Delikten vorwiegend unter dem
fluss ihres „Triebes“ zum Verschenken. Beide zeigten hysterische Züge,
ir interessant ist, dass die erste Kranke durch einen Vater belastet ist,
in ganz gleicher Weise Eigentumsdelikte beging, um andere regalieren
1 beschenken zu können. Dabei konnte ein unmittelbarer Einfluss auf
Kranke ausgeschlossen werden, weil der Vater starb, als die Kranke
fahre alt war.
Max Kirsch bäum - Köln: lieber Persönlichkeitsveränderungen bei
dem infolge von epidemischer Enzephalitis.
Mitteilung von 4 Fällen von Persönlichkeitsveränderung bei Kindern
14, 12 und 11 Jahre) nach Enzephalitis, die dreimal in dauerndem oder
übergehendem asozialem Verhalten sich kundgab, einmal am ehesten einem
jomanischen Zustandsbild entsprach. Es wird die Vermutung ausge-
ochen, dass die Enzephalitis auf das jugendliche Gehirn anders einwirkt
auf das ausgereifte. (Es kommen jedoch auch ausgesprochene Persönlich-
tsveränderungen bei Erwachsenen vor [Ref.].) Man muss für möglich
ten, dass es sich vereinzelt auch um eine natürliche Entwicklung, oder
r auch um die Auslösung konstitutionell verankerter Reaktionsformen
delt.
Andreas K 1 u g e-Pest: Die Erweiterung des Foramen occipitale magnum.
Mitteilung von 2 Beobachtungen plötzlicher Todesfälle von Kranken, bei
en es infolge hirndrucksteigernder Prozesse (Tumor und Hydrozephalus)
einer Erweiterung des For. occip. und des Raumes zwischen Opziput und
as und Hereinbeziehung von Gehirnteilen, insbesondere der Medulla
ongata, in diesen Raum gekommen war. Durch Muskelfixation wird im
:emeinen ein Schutz der lebenswichtigen Partien gesichert. In beiden
len trat der Tod infolge von Zufallsbewegungen bei „Vergessen“ der
ation durch Kompression der Medulla zustande.
Heinrich Fischer- Giessen : Tierexperlmentelle Krampfstudien.
Mitteilungen der Protokolle, die anderweitigen Ausführungen des Autors
ir die Genese des „elementaren“ Krampfes zugrunde liegen. Während
linchen gesetzmässig nach Einatmung von Amylnitrit epileptiforme Krämpfe
:ommen, treten diese nicht oder doch sehr abgeschwächt ein, wenn man
Nebennieren ausschaltet. Entfernung beider Nebennieren hat nach den
itokollen einen krampfhemmenderen Einfluss als die einer. Die Krampf-
eitschaft kann gesteigert werden durch vorherige Rindenreizung. Vor-
densein von Beinebennieren machte isch durch die höhere Krampfbereit-
aft bemerkbar. Die Krampffähigkeit ist nicht lediglich eine Fähigkeit des
lirns, sondern des Gesamtorganismus. Die Nebennieren spielen dabei eine
sse Rolle; ihr Angriffspunkt liegt im Tonusanteil der quergestreiften
skulatur. Deren Ansprechbarkeit wird durch Ausschaltung der Neben-
ren herabgesetzt.
Hellmuth G r a g e - Chemnitz: Ein Fall von Isolierter reflektorischer
lillenstarre.
Ungeklärter, doch wohl der Lues verdächtiger Fall (4 Fehlgeburten), bei
i eine isolierte reflektorische Pupillenstarre auf eine nicht sichergestellte
’.ephalitis bezogen wird.
E. P o 1 1 a k und E. Stern schein - Wien : Experimentelle Unter¬
hungen zur Frage des Verlaufes der okulopupillären Fasern in den hinteren
rzeln. (Vorläufige Mitteilung.)
An 2 Kaninchen wurden die hinteren Wurzeln von C 5 bis D 3 reseziert,
waren keine Folgeerscheinungen an der Pupille bemerkbar. Daraus wird
chlossen, dass die hinteren Wurzeln keinen Einfluss auf den 'Dilatatortonus
Pupille ausüben. Lange- München.
Zieglers Beiträge zur pathologischen Anatomie und zur allge-
Inen Pathologie. Band 68. Heft 1. 1921.
Anton Weichselbaum t. Nachruf.
Hugo R i b b e r t t. Nachruf. -
J. Aschoff: Zur Begriffsbestimmung der Entzündung.
A. bringt hier gegenüber J o r e s, der seinen Entzündungsbegriff scharf
egriffen und abgelehnt hatte, noch einmal eine zusammenfassende Darstel-
? seiner Anschauungen und seiner Begriffsbestimmung der Entzündung:
er Entzündung versteht A. vom biologischen Standpunkte aus die Ge-
ltheit der mit klinischen, morphologischen und physiologischen Methoden
hweisbaren, auf pathologische Reize hin erfolgenden Regulationsvorgänge
Organismus; dieselben können in restituierende, reparative und defensive
men eingeteilt werden, sie sind in allgemeine (Fieber, Leukozytose, Anti¬
perbildung etc.) und in lokale defensive Reaktion (Entzündungsherd) zu
inen. Sowohl die restituierende wie die reparative und auch die defensive
Zündung spielen sich nicht nur am Gefäss- und Bindegewebsapparat,
dem, was A. wieder besonders betont, auch am Parenchym ab.
M. Staemmler: Ein Beitrag zur Lehre von der Zystenniere. (Aus
u pathol. -hygienischen Institut der Stadt Chemnitz.)
Auf Grund der histologischen Untersuchung von 7 eigenen Fällen, die
s Erwachsene, teils Kinder (zwei Totgeburten) betrafen, kommt St. unter
tischer Besprechung der Literatur zu der Auffassung, dass bei den Zysten-
ren sowohl der Neugeborenen wie auch der Erwachsenen eine Kombination
er angeborenen Entwicklungshemmung mit einer echten pri¬
mären Geschwulstbildung, einem multilokularen Kystom (N a u -
werck - Hufschmidt) vorliegt, also primäres Neoplasma in einer miss¬
bildeten Niere, wobei die Bildung der Geschwulst oft der Entwicklungs¬
störung nicht parallel geht.
J. Wätjen: Zur Pathologie der trachealen Schleimdrüsen. (Aus dem
pathol. Institut zu Freiburg i. B.)
Bei Grippe, Diphtherie, Pocken und bei Gelbkreuzvergiftungen findet W.
schweren Strukturzerfall der Schleimdrüsen der Luftröhre, die sich neben
Desquamation in Nekrose am abgestossenen wie auch am noch wandständigen
Epithel äussern, was gleichzeitig mit deutlichen funktionellen Störungen der
Schleimabsonderung einhergeht; nach W. sind die Veränderungen nicht bak¬
teriell, sondern zuerst toxisch bedingt. Sie bereiten erst den Boden für
sekundäre Bakterienansiedelungen und deren Folgen (Wandabszesse in der
Luftröhre, den Bronchien und im Lungengewebe, besonders bei Grippe und
bei Gelbkreuzvergiftungefil). Bei Aetzvergiftungen durch Säuren, Alkalien
und Sublimat treten auch Veränderungen der Luftröhrenschleimhaut auf, sie
zeigen jedoch anderen Charakter wie bei den genannten Erkrankungen.
G. Herxheimer und W. Gerlach: Ueber Leberatrophie und
ihr Verhältnis zu Syphilis und Salvarsan. Zugleich ein Beitrag zur Frage
der Leberzellregeneration. (Aus dem pathol. Institut des Stadt. Kranken¬
hauses zu Wiesbaden.)
Im Hinblick auf die in den letzten, Jahren scheinbar gehäuften Beob¬
achtungen über das Auftreten sowohl von einfachem Ikterus wie auch von
akuter gelber Leberatrophie im Verlaufe von Salvarsanbehandlung gewinnen
die auf Grund von 6 einschlägigen Beobachtungen und deren klinischer und
histologischer Würdigung niedergelegten Ausführungen ein besonderes
Interesse: Die Autoren trennen scharf den einfachen Ikterus, dessen
gehäuftes Auftreten dem Salvarsan zugeschoben wird; hjer wären katar¬
rhalische Zustände, wie sie sehr wohl durch die Ausscheidung des einver¬
leibten Salvarsanarsens in der Leber und durch den Magen (vergl. die
Experimente von Aladow an Hunden mit P a w 1 o w scher Fistel!) zu¬
stande kommen, als Ursache des Ikterus anzusprechen; bei den Fällen von
sog. akuter gelber Leberatrophie mit fast immer tödlichem
Ausgang, von denen nach der Zusammenstellung der Autoren in den letzten
8 Jahren 41 Beobachtungen angeblich nach Salvarsanbehandlung mitgeteilt
worden sind — nicht alle sehr kritisch, wie betont wird — weisen die
Verf. darauf hin, dass der Beweis eines Kausalzusammenhanges durchaus
nicht erbracht worden sei; denn die akute gelbe Leberatrophie kommt be¬
kanntlich auch ohne jede Salvarsanbehandlung im Verlauf der Lues zur
Beobachtung, wie es unter den von den Verfassern mitgeteilten 6 Fällen
zweimal festgestellt wurde und — was besonders wichtig ist — , diese
Fälle bieten dann, wie hier gezeigt werden konnte, vollkommen das gleiche
histologische Bild wie die angeblich durch Salvarsanbehandlung verursachten
Todesfälle an akuter gelber Leberatrophie! Es wird auch daran erinnert,
dass in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Quecksilberbehandlung be¬
sonders von englischen Autoren der gleiche Vorwurf gemacht worden sei.
Bemerkenwert ist auch eine Beobachtung der Verf., dass sie bei einigen
kurz nach Salvarsan-Quecksilberkuren Verstorbenen zwar in der Leber
chemisch grosse Mengen von Arsen, aber sonst weder makro- noch mikro¬
skopische Veränderungen am Lebergewebe nachweisen konnten, was gegen
direkte Arsenempfindlichkeit spricht.
V. F. Schilling: Beitrag zur Kenntnis der Parotisgeschwülste. (Aus
dem pathol. Institut zu Marburg.)
Sch. hat in dem von ihm beschriebenen Fall einer Mischgeschwulst auf
die Berstung der epithelialen Schleimzysten und das Eindringen der Schleim¬
massen in das umgebende Bindegewebe hingewiesen, während man sonst
meist eine schleimige Umwandlung des Bindegewebes in derartigen Tumoren
feststellte.
Al. Schmincke: Ueber lymphoepitheliale Geschwülste. (Aus dem
pathol. Institut der Universität München.)
Sch. beschreibt unter Zugrundelegung von 5 Beobachtungen eine be¬
sondere Gruppe von Geschwülsten, die im Bereich der Gaumentonsillen, des
weichen Gaumens und des Epipharynx gelegen sind und hier in die Mund-
und Rachenhöhle vorspringende, bald ulzerierende Knoten bilden, die durch
Röntgen- und Radiumbestrahlung sehr gut zur Rückbildung zu bringen sind;
sie zeigen histologisch ein typisches diffus infiltrierendes Wachstum mit
weitgehender Zell- und Kernatypie. Analog den von J o 1 1 y benannten
lymphoepithelialen Organen, wie sie Thymus (Hammar, M a x i m o w)
und Tonsillen (M o 1 1 i e r) darstellen, ist auch in den beschriebenen Ge¬
schwülsten der histologische und histogenetische Aufbau: ein synzytiales
Epithelstroma mit eingelagerten losgelösten histiogenen und eingewanderten
hämatischen Lymphozyten.
V. Becker: Besteht ein ätiologischer Zusammenhang zwischen
Oxyuren und der akuten Wiirmfortsatzentzündung? (Aus dem Pathologischen
Institut der Hamburgischen Universität.)
ln der Hälfte aller normalen, durch Appendektomie entfernten Wurm¬
fortsätze finden sich ohne histologisch erweisbare Veränderungen Oxyuren
vor; klinisch kann dabei ein heftiger akuter Appendizitisanfall vorgetäuscht
sein. Ein Zusammenhang zwischen histologisch feststellbarer akuter Appen¬
dizitis und der Anwesenheit von Oxyuren besteht nach B. nicht; Oxyuren
finden sich auch in entfernten, akut entzündeten Wurmfortsätzen nicht häufiger
als sonst an der Leiche.
B. weist ferner auf die häufige Mitbeteiligung der kleinen Venen im
Mesenteriolum der Appendix bei Wurmfortsatzentztindiiiig hin (Wandnekrose,
Thrombophlebitis), Gefahr für embolische Prozesse in der Leber!
Kleinere Mitteilungen:
E. Lauda: Physiologische Druckschädigungen und Arteriosklerose der
Duralgefässe.
Ein Beitrag zur Kenntnis der Beziehungen zwischen Arteriosklerose und
mechanischen Einflüssen auf die Gefässwand. (Aus der Prosektur des
Krankenhauses Wieden in Wien.) Herrn. Merkel- München.
Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 4.
Br. B 1 o c h - Zürich: Einiges über die Beziehungen der Haut zum (ie-
samtorganismus.
Die neue Richtung betont wieder viel stärker als bisher die gesetz-
mässigen Beziehungen zwischen Haut und inneren Organen. Auf dieser
Grundlage ergeben sich auch verschiedene neue, oder besser modernisierte
Gesichtspunkte in therapeutischer Beziehung. (Uebersichtsreferat.)
288
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
E. R e i s s - Frankfurt a. M.: Die pathologische Physiologie der chroni¬
schen Obstipation. Zusammenfassendes Referat.
E. A b d e r h a 1 d e n - Halle: Neuere Untersuchungen über das Wesen
und die Bedeutung der Nutramine (Vitamine). .
Aus Versuchen an Tauben zeigte sich, dass, wenn diese Tiere durch eine
bestimmte einseitige Ernährung einer alimentären Dystrophie ausgesetzt wur¬
den, sie eine ausserordentlich stark eingeschränkte Gewebsatmung zeigten.
Fügte man der Nahrung wieder Hefe oder Kleienstoffe hinzu, so stieg der
Qaswechsel sofort wieder stark an. Es scheint also, dass aus den aus
Hefe oder Kleie gewonnenen Produkten dem Organismus Stoffe zugeführt
werden, welche zur Zellatmung in enger Beziehung stehen. Einseitige Er¬
nährung führte bei Tieren auch zur Einbusse der Fortpflanzungsfähigkeit.
H. P e i p e r - Frankfurt a. M.: Grundsätzliche Fragen in der Chirurgie
der Nebennieren. * D ,
Im Gegensatz zum Ausfall von Tierexperimenten und klinischen Beob¬
achtungen nach Nebennierenexstirpation beim Menschen Hess sich am er¬
wachsenen Menschen nach einer 10 Monate zurückliegenden linkseitigen
Nebennierenreduktion zeigen, dass innerhalb dieses Zeitraumes keine nach¬
weisbare kompensatorische Hypertrophie irgendwelchen Nebennierengewebes
aufgetreten war. Der betreffende Fall (23 j ähr . Kranke), mit Sektion, wird
mitgeteilt.
Fr. L a o u e r - Frankfurt a. M.: Ueber die Wirkung des Hochgebirges
aui das Blut und den Flüssigkeitsaustausch zwischen Blut und Geweben.
Aus früheren Untersuchungen steht fest, dass bei Aufenthalt in einer
Höhe ab 1500 m eine langsame Zunahme der roten Blutkörperchen und des
Hämoglobins eintritt. Die Blutregeneration wird durch Höhenaufenthalt be¬
schleunigt. Der Gewichtsverlust nach Bergtouren kann durch Wasser- und
Kochsalzaufnahme rasch wieder ausgeglichen werden. Verf. erörtert schliess¬
lich die Ursachen der zu beobachtenden Blutveränderungen.
A. Neustadt und E. S t a d e 1 m a n n - Berlin: Zur Frage der Wir¬
kungsunterschiede von verschiedenen Tuberkulinen verschiedener Herkunft,
sowie der Tuberkulinschäden nach diagnostischen Tuberkulininjektionen.
Aus den Untersuchungen der Verfasser erhellt, dass es ein Tuberkulin
von absoluter Zuverlässigkeit nicht gibt. Von den gebräuchlichen Alttuber¬
kulinen scheint dem A.T.H. die relativ grösste Zuverlässigkeit zuzukommen.
Verfasser berichten dann noch an Hand mehrerer Fälle über Tuberkulin¬
schäden nach diagnostischen Injektionen. Auf Grund ihrer Erfahrungen
erscheint ihnen der Wert diagnostischer Tuberkulinreaktionen als viel zu
gering im Verhältnis zu dem möglichen Schaden. Sie gelangen daher zu
einer absoluten Ablehnung dieses diagnostischen Verfahrens.
G. J o a c h i m o g 1 u - Berlin: Ueber die Dosis letalis des Arseniks.
Ein näher mitgeteilter Fall lehrt, dass auch eine grosse Arsendosis, auch
wenn kein Erbrechen eintritt, nicht unbedingt zum Tode führen muss. Der
betr. junge Mann hatte gleichzeitig etwa \lA Teelöffel salzsaures Morphin
und einen Teelöffel arsenige Säure genommen. ( Man nimmt im allgemeinen
an, dass die tödliche Dosis des Arseniks für einen Erwachsenen etwa
0,1 — 0,2 g beträgt.
A. E. Al-der-St. Gallen: Die Eigenharnreaktion nach Wildbolz im
Säuglingsalter.
Verf. hat die genannte Reaktion (vergl. Näheres dazu im Original) bei
32 Säuglingen nachgeprüft, sowie bei 8 kleineren Kindern und einem älteren.
Er fand in 80 Proz. eine positive Reaktion, so dass sie eine spezifische Tuber¬
kulosereaktion nicht darstellt. Mindestens für diese Altersklassen ist diese
'Reaktion nicht brauchbar. Der positive Ausfall war in den betr. Fällen auf
die chemische Salzwirkung der Harnsalze zurückzuführen.
F. S c h ö n i n g - Jena: Behandlung der Erythrämie mittelst Röntgen¬
strahlen.
3 derartige Fälle werden mitgeteilt. Sie erweisen die Röntgenbestrah¬
lung als ein ausreichend wirksames Mittel, um die Polyzythämie zur Heilung
zu bringen.
P. György: Phosphate und Zellatmung.
Verf. kommt zum Ergebnis, dass das Phosphat-Ion die Zellatmung er¬
höht, selbst in einer sehr geringen Konzentration.
G. Mies eher: Die Pigmentgenese im Auge nebst Bemerkungen über
die Natur des Pigmentkornes.
Das Wesen der Pigmentgenese im Auge ist durch den Nachweis der
Pigmentoxydase geklärt worden; wir kennen aber die chemische Konstitution
und Herkunft der Muttersubstanz noch nicht. Das Pigmentkorn besteht aus
zwei Komponenten.
L. Pinkussen: Ueber die Beeinflussung des Stoffwechsels der Kohle¬
hydrate durch Strahlung.
Bei Diabetikern gelang es in einer grösseren Reihe von Fällen durch
Bestrahlung nach Sensibilisierung mit Eosin den Blutzucker erheblich
herunterzudrücken und den Harnzucker zu vermindern oder zum Ver¬
schwinden zu bringen.
H. Böge: Echinokokkus der Wirbelsäule und des Rückenmarkes.
Kasuistische Mitteilung.
A. R o s t - Freiburg i. Br.: Zur Behandlung der Frühsyphilis.
Schluss folgt.
L. L a n g s t e,i n - Berlin: Heilnahrungen im frühesten Kindesalter.
Für Unterernährung und Atrophie ist die beste Heilnahrung die Frauen¬
milch. Viele Atrophien und Hypotrophien erfordern stärkere Kohlehydrat¬
zufuhr, als in den gewöhnlichen künstlichen Nahrungsgemischen vorhanden
ist (Malzsuppenextrakt). Kinder mit Neigung zu Enterokatarrh ertragen kohle¬
hydratreiche Mischungen weniger gut, für diese kommen Mischungen in
Betracht, welche zu einer Sterilisierung des Dünndarms fahren. Sie müssen
gärungshemmend wirken und zugleich die Indikation der Darmschonung er¬
füllen. Aus wirtschaftlichen Gründen sollen die Aerzte nicht immer sogleich
zu den teuren Konserven schreiten, sondern die Nahrung aus Milch, Wasser
und Zucker event. mit einem Eiweisspräparat oder Kalk zusammenstellen.
K. K i s s k a 1 1 - Kiel: Scharlachprobleme.
In der kritischen Bearbeitung seines statistischen Materiales führt Verf.
aus, dass die Seuchenforschung gegenwärtig hinter der bakteriologischen mit
Unrecht sehr zurückgetreten sei. Er betont die sehr verschiedene Letalität
der Scharlachepidemien, unter Zugrundelegung des Berliner Materials von
1861 bis 1913. Vor allem fordert er auch — mit Recht! — eine Zentral¬
stelle, welche das statistische Material sachgemäss zusammenstellt und
brauchbare Schlüsse daraus zieht. Grassmann - München.
Medizinische Klinik. Heft 7.
A. H e f f t c r - Berlin : Ueber Salvarsan und die Maximaldosis.
Unbeschadet des grundsätzlichen Wertes der Maximaldosen starkwirkt
der Arzneimittel hat die Feststellung der Salvarsartdosen aus den vt
Verfasser dargelegten Gründen keinen praktischen Nutzen.
E. Sc h i ff -Berlin: Die asthenische Gefässreaktion als konstitutionel
Stigma bei Kindern.
Das refraktäre Verhalten von blassen, schwach gebauten Kindern gegtj
über der blutdrucksteigernden Wirkung des Adrenalins wird als asthenist|
Gefässreaktion bezeichnet. Sie ist in vielen Fällen schon vorauszusaz
aus der Pulsbeschaffenheit des Kindes.
F. Glaser und B u s c h m a n n - Berlin-Schöneberg: Der makii
skopische Hämokoniennachweis.
Für die Diagnose des Ikterus und besonders seiner dissoziierten Form
wird an Stelle der schwierigen mikroskopischen Hämokonienprobe die maki
skopische Betrachtung des Blutserums auf Opaleszenz bzw. Trübung na
Verzehren eines Butterbrotes empfohlen. Durch Ueberschichtung des Seru
mit frisch bereiteter wässeriger 5 proz. Glyzerinlösung kann der Ausfall i
Probe verstärkt werden.
Finkbeiner - Zuzwil : Kretinismus und endemische Ossifikatloi
Störungen.
Von den drei aufgeworfenen Fragen wird die erste, d. h. ob die scha
prinzipielle Trennung von Kretinismus und Chondrodystrophie klinisch ;
rechtfertigt sei, auf Grund eigener Beobachtungen dahin beantwortet, d;
zwischen beiden gewisse klinische Beziehungen im Sinne der älteren Autor
denkbar sind.
W. W e y g a n d t - Hamburg: Tierversuche und klinische Beobachtung
bei Darreichung von Zentralnervensystemsubstanz.
Das bekannte Präparat Promonta erwies sich in Tierversuchen und au
in zahlreichen Fällen von leichten Psychosen usw. als ein wertvolles H<
mittel, das für eine grosse Reihe von Indikationen empfehlenswert ist.
S. Suchy-Wien: Uebermässiger Nikotingenuss als Ursache einer r
gemeinen Endarteriitls.
Der ausführlich mitgeteilte Fall beweist wiederum die schädigen
Wirkung des Nikotins auf sämtliche Gefässe und weist auf die Notwendigk
hin, bei einer das Anfangssymptom der Erkrankung bildenden Gehstörui
zumal zusammen mit abnormen Sensationen, an einen Abusus von Nikot
Koffein usw. zu denken.
K. F e i t - Koblenz: Ueber Pityriasis rosea bei Syphilitikern uf
Jarisch-Herxheimer sehe Reaktion.
Auf Grund des mitgeteilten Falles und sonstiger Erfahrung in der Lik
ratur scheint die Herxheimer sehe Reaktion keine für Lues spezifisch
zu sein.
R. Reinhard - Eichelba um - Berlin : Die Therapie der Ei
didvmitis und Funiculitis gonorrhoica durch den Praktiker.
Arthigon intravenös, Ichthyol örtlich, dazu Heftpflasterverband
Stauung, unter Umständen Terpichin intramuskulär geben gute und raset
Erfolge.
B. C o g 1 i e v i n a - Triest: Die Technik der intralumbalen Dispargi.
therapie.
Bei Meningitis cerebrospinalis epidemica.
H. D o 1 d - Marburg: Zur Kenntnis meiner Trübungs-Flockungsreaktiil
Nur bei 6 Proz. von 600 Fällen blieb die sonst fast regelmässige Uebl
einstimmung zwischen den gebräuchlichen Reaktionen und der D o 1 d scl|
Probe aus. Die einfache und durch Frühablesung praktisch brauchbif
Methode kann also für die einschlägigen Untersuchungen durchaus empfohii
werden, falls die eindeutigen technischen Vorschriften genau befolgt werde
E. Tobias- Berlin: Zur Frage: Hysterie und Hydrotherapie.
Vorsicht!
A x m a n n - Erfurt: Lichterythem und Wellenlänge.
Hinweis auf die praktische Bedeutung der Untersuchungen vi
H a u s s e r und Vahle.
W.: Häufigere Zustandsbilder bei Influenza. S
Oesterreichische Literatur.
Wiener klinische Wochenschrift.
Nr. 5 u. 6. A. F r a e n k e 1 - Wien: Zur Lehre von der Krebskrankh«,
Vorgetragen i. d. Ges. d. Aerzte am 20. I. 1922.
H! Wimberger-Wien: Bemerkenswerter Ablauf einer Spondylii
tuberculosa.
14 jähr. Junge, der nur eine unregelmässige Form der Lendenwirb
gegend und Abnahme des Allgemeinzustandes, sonst nichts Auffallendes zeig
Im Röntgenbild liess sich im Bereich des stark destruierten letzten Brust- ul
der beiden oberen Lendenwirbel ein verkalkender Senkungsabszess na<[
weisen. Vollkommene klinische Ausheilung in der Sonnenstation.
E. Gold und F. Re iss- Wien: Ueber das Verhalten des Leukoderi
syphiliticum der Bloch sehen Dopareaktion.
E. F r o m m e r - Pest: Ein Fall chronischer Invagination, komplizL
durch eitrige Wurmfortsatzentzündung.
Der seltene Fall betraf eine, 58 jähr. Kranke.
A. Kirch: Zur Diagnose der Darmtuberkulose.
Bemerkungen zu dem Aufsatz von Loli in Nr. 3.
A. S e r k o - Ljubjana: Ueber einen Fall von Claudicatio intermltttf
universalis infolge von Hypoplasie des Herzens.
Bei dem 13 jähr. Knaben, bei dem sich eine bedeutende Hypoplasie fej
stellen liess, besteht ein eigentümlicher nach kurzer körperlicher Anstrengu!
hochgradiger Ermüdungszustand vor allem mit Versagen der unteren Extreil-
täten; nach kurzer Erholung stellt sich die Leistungsfähigkeit mehr oir
weniger wieder her. Verf. bezeichnet den Zustand als Claudicatio universa
Th. B a r s o n y - Pest: Kardlaveränderungen bei Speiseröhrenprozess.
Erwiderung auf die Bemerkungen von O. Stricker in Nr. 47, 19r
Nr. 4 u. 5. B. Asch er- Wien: Die praktische Bedeutung der Leb
vom Habitus und die Renaissance der Humoralpathologie als therapeutisb
Konsequenz der Konstitutionslehre.
A. bespricht die noch vielfach strittige und ungeklärte Lehre vom HabL
und der Konstitution (wobei er u. a. auf die Bedeutung der Pigmentverb;-
nisse, Temperament, Innensekretion, Blutmischung, die Frage der Hypo- ul
Hypertonie hinweist) besonders in bezug auf die Frauenheilkunde und b'l
ebruar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
239
allem den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern
r: Bei der Frau sind hervorstechend die Neigung zu Asthenie,
optose und Aehnlichkeit mit dem kindlichen Organismus bei grösserer
arkeit des Nervensystems und rascherer und reichlicherer Blutbildung,
die grössere Neigung zur Bildung von Neoplasmen. Der Bedeutung der
-titution“ entsprechen müssen in der Medizin wieder mehr wie gegen-
r — die Kurpfuscher haben immer mehr daran festgehalten — die
■alen „Allgemeinkrankheiten“ gegenüber den exogenen Infektionen ge-
gt und die Therapie mehr darauf eingestellt werden (Beispiel:
ruelle. klimakterische, postklimakterische Störungen und andere Frauen-
heiten). In therapeutischer Hinsicht ergibt sich eine vermehrte Be-
ig der Abführkuren und anderer ableitenden Mittel, insbesondere aber
derlasses, dessen sehr erweiterter Anwendung A. sehr das Wort redet,
es im Original.
Ir. 6. St. W e i s s und E. Stern- Pest: Ueber Häinolysinbildung nach
xstirpation.
)ie Verfasser bestätigen die Beobachtung von Leuken und B e c h,
;h bei Tieren nach Milzexstirpation die Hämolysinbildung eine beträcht-
Abnahme erfährt.
!>. Saxl und D. Scherf- Wien: Ueber die Ausscheidung von Farb-
l durch Magensaft und durch die Galle.
'rgebnis: Parenteral gegebenes Methylenblau wird durch die Galle und
reichlich durch den Magensaft ausgeschieden. Letztere Ausscheidung
. beschleunigt bei — auch anaziden — Geschwüren des Magens und
;nums. Im übrigen besteht bei Anaziden häufig eine Verlangsamung der
toffausscheidung.
I. H o f m a n n - Wien : Ueber Lungenabszess nach subkutaner Thorax-
zung. Beschreibung eines Falles.
. Po k- Wien: Die Körperseitentemperatur, ein differentialdiagnostisches
littet.
)ie vergleichende Temperaturmessung- gleichzeitig in beiden Achsel-
i ergibt öfters eine, bisweilen sehr ausgeprägte Temperaturerhöhung
er Seite einer lokalisierten entzündlichen Erkrankung und kann zur
entialdiagnose dienen (Beispiele: Adnextumor, uteriner Abortus
.trauteringravidität, Appendizitis — Extrauteringravidität).
II. L e k i s c h - Wien : Eine Modifikation der N e i s s e r sehen Spritze.
4it Abbildungen.
■
Vierter medizinische Wochenschrift.
Ir. 3. M. G r o s s m a n n - Wien: Die Verwendung des Protargols bei
aryngologischen Krankheitsfällen.
las Protargol (Durchspülungen mit 0,5 — 1 proz. Lösung, Einlegen von
ans mit 10 — 15 proz. Lösung) wirkt sehr günstig bei Ozaena; ebensolche
ons sind nützlich bei Asthma nasale mit Sukkulenz der Schleimhaut,
sslich sind bei Angina phlegmonosa Auswischungen der Tonsillarbuchten
onzentrierter Protargollösung zu empfehlen.
ir. 4. E. Eitner-Wien: Ueber Korrektur kleiner Narben im Gesicht.
[1. schildert das Transplantationsverfahren, womit er besonders bei
nnarben gute kosmetische Erfolge erzielt.
lr._ 6. J. S c h i f f m a n n - Wien: Einige seltenere Indikationen zur
caesarea.
) Schwangerschaftsunterbrechung wegen Encephalitis lethargica.
avidität im interponierten Uterus, c) Retroflexio uteri, intraperitoneale
lentverkiirzung. d) Uterus duplex, Endometritis sub partu (anschliessend
Operation). Bergeat - München.
Vereins- und Kongressberichte.
Bamberger Aerzteabend.
Sitzung vom 14. Januar 1922.
’rof. Dr. Lobenhoffer stellt vor: 2 Fälle von arteriosklerotischer
mer Gangrän des Fusses, die mit subkutanen Infusionen von Natr. citr.
wöchentlich 250 ccm) vorbehandelt waren und die Amputation im Be-
des Fusses ohne Weiterschreiten der Gangrän vertragen hatten,
lydronephrose, bei der die Zystoskopie versagt hatte, weil ein sich
;renhöhe teilender doppelter Ureter bestand, von denen der obere in
genes, normal grosses Nierenbecken führte, dem das obere Nierendrittel
orte, während der untere Ureter am Eintritt in den Hydronephrosesack
harte Schwielen verschlossen war. Besprechung der Ursachen der
inephrose und der Differentialdiagnose.
lilzzyste. Im Laufe eines Jahres nach leichtem Trauma entstanden,
sopfgrosser Tumor, der den Rippenbogen vorwölbte. Unterer Milzrand
die dünnen Bauchdecken fühlbar. Blutbild unverändert. Splenektomie.
>le echte Zysten, von denen eine sehr gross, die anderen nur klein
i. Infiziertes Hämatom im Wundbett ohne Leukozytose,
kricht über 4 Epileptiker, bei denen die linke Nebenniere exstirpiert
Einer davon scheidet aus, weil Niere und Nebenniere fehlte. Bei
’• Kranken vorübergehendes Ausbleiben der Anfälle, die nach 2 Monaten
wieder einstellten und häufiger als vor der Operation wurden. Beim
anken erst keine Veränderung, jetzt sind die Anfälle etwas seltener
25 nur 15), beim 4. Kranken wird jetzt entschieden Besserung be¬
st. Anfälle sehr viel seltener und kürzer, stets mit Aura, die früher
arhanden war. Ist lebhafter und arbeitsfrendig. Bei allen 4 handelte
h um junge Männer um 20 Jahre mit relativ leichten Anfällen und ohne
uheblichen geistigen Defekt. Die Operation liegt Y\ Jahre zurück. Stets
n e r scher Schnitt, von dem aus die Nebenniere gut zu erreichen ist.
Epilepsie nach Kopfschuss. Narbe über der rechten Stirnhälfte. Frei-
Abpräparieren der Narbe, unter der sofort der erweiterte Ventrikel
Abfluss von sehr viel Liquor, Ausfullen des Ventrikels mit Netz, von
•>n Zipfel aussen über die narbige Hirnrinde ausgebreitet wird Deckung
reitem Galealappen.
Infangs hohe Temperaturen, im Liquor viele Leukozyten, aber nie Bak-
(ruhende Infektion?), langsames Abklingen; seit der Operation an-
ei.
Ovarialkystom, den ganzen Bauch ausfüllend, mit breiten Verklebungen
era Peritoneum der vorderen und hinteren Bauchwand, die beim Ab¬
lösen stark bluteten. Austapczicren der ganzen Wundflächc mit freitransplan¬
tiertem Netz. »
Unter dem Bild einer hypertrophischen Sklerose eiriliergeliender Skirrlius
des Magens. Lig. gastrocolicum, Netz, Serosa des Darmes und des Mesen¬
teriums mit dicken, sträng- und flächenförmigen, teilweise netzartig unge¬
ordneten Bindegewebsplatten besetzt. Am sehr kleinen Magen Serosa eben¬
falls zuckergussartig verdickt, Muscularis mucosae breites weisses Band,
Schleimhaut teils glatt, teils polsterförmig. Mikroskopisch stellenweise sichere
Karzinomnester. Wahrscheinlich stecken hinter den als Linitis hyperplastica
beschriebenen Erkrankungen stets sehr zellarme Skirrhen.
Medizinische Gesellschaft zu Chemnitz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 23. November 1921.
Vorsitzender: Herr Reichel. Schriftführer: Herr König.
Herr Geheimrat Prof. Dr. Reichel: Zur Spontanheilung maligner
Tumoren.
Vortr. stellt der Gesellschaft einen Patienten mit Spontanheilung eines
Hirntumors vor. den er ihr bereits im Jahre 1902 gezeigt hat. Wegen der
grundsätzlichen Bedeutung des Falles seien die wichtigeren Einzelheiten ge¬
nauer wiedergegeben:
Der Kranke Karl Franz M., Schmied, damals 39 Jahre alt, trat am
17. April 1902 in das Krankenhaus ein. Er gab an, aus gesunder Familie
zu stammen; beim Militär ein kleines Geschwür am Sulcus coron. penis
gehabt zu haben, welches bald abheilte. Seit einem Vierteljahr bemerkte
er an der linken Schläfenseite eine Anschwellung, welche allmählich wuchs.
Er hatte grosse Schmerzen in der linken Gesichtshälfte, die nach dem
Unterkiefer ausstrahlten. Die Sehschärfe war auf dem linken Auge in der
letzten Zeit schlechter geworden, so dass er links Finger nur in 3 m Ent¬
fernung zählte. Ebenso hatte das Gehör auf dem linken Ohr gelitten.
An der Aussenseite des linken Schläfenbeins sah man oberhalb des
Jochbeins eine Geschwulst mit einem Längsdurchmesser von ca. 3 cm, einen
Höhendurchmesser von 2 lA cm. Ihr vorderer Rand reichte bis zur Linea
semicircularis, der obere verlief 3 Querfinger breit oberhalb des Jochbeins,
der hintere bis 1 Querfinger breit vor dem Ohr. Die Geschwulst war hart,
unverschieblich.
Da Patient, wie erwähnt, beim Militär ein Geschwür am Geschlechtsteil
gehabt hatte, wurde zunächst eine Behandlung mit Jodkali eingeleitet. Er
verbrauchte im ganzen 30 g. Eine Besserung trat nicht ein, die Schmerzen
hielten an, so dass Pat. nachts ruhelos umherlief. Der Tumor behielt die
gleiche Grösse. Am 3. Mai wurde daher zur Operation geschritten. Ab¬
lösung eines grossen, nach oben konvexen Weichteillappens mit unterer
Basis, der samt dem Schläfenmuskel nach abwärts geklappt wird. An der
Grenze des Keilbeinflügels und des Schläfenbeins wurde der Tumor sichtbar,
schimmert in Pfennigstückgrösse durch die verdünnte Schädelkapsel. Der
Knochen wurde zunächst in der Grösse eines Zweimarkstückes entfernt.
Es quoll die Tumormasse mit der verdickten Dura vor. Gleichzeitig strömte
viel Arachnoidealflüssigkeit ab. Der Tumor war blaurot, blutete ausser¬
ordentlich leicht. Die Trepanationsöffnung wurde zugleich mit temporärer
Resektion des Jochbeins bis auf über Funfmarkstückgrösse erweitert, doch
kam man nicht an die Grenze der Geschwulst. Da der Puls elend wurde,
musste die Operation abgebrochen werden. Tamponade mit Jodoformgaze¬
verband.
Die von Herrn Prof. Nauwerck vorgenommene mikroskopische
Untersuchung der bei der Operation entfernten Geschwulststücke ergab:
Spindelzellensarkom mit einzelnen Riesenzellen; heröweise
Hämosiderin.
Aus dem Verlauf ist nur folgendes hervorzuheben: Eine sehr starke Ab¬
sonderung aus der Wunde zwang anfangs täglich zum Verbandwechsel. Am
12. Mai hatte sich die Geschwulst fast auf das Doppelte vergrössert und
quoll aus der Schädellücke hervor. Sie zeigte einen grauweissen Belag.
Die subjektiven Beschwerden gingen zurück. Unter dem Belag sah man röt¬
liche Granulationen. Von Anfang Juni an wurde eine allmähliche Verkleinerung
der Geschwulst festgestellt, o|ine dass sich Stücke derselben abgestossen
hätten. Am 20. Juni war sie bis auf Walnussgrösse geschrumpft, am 5. August
bis auf Pfennigstückgrösse. Am 21. August war der Tumor völlig ver¬
schwunden; nur noch eine linsengrosse Oeffnung, aus welcher einige
Tropfen seröser Flüssigkeit quollen, zeigte die Stelle der früheren Geschwulst
an. Später bildete sich hier eine tiefe Einsenkung. Am 30. September 1902
wurde Pat. geheilt entlassen.
Am 30. August 1921, also nach über 19 Jahren, stellte sich Pat. auf
Aufforderung zur Nachuntersuchung vor. Er gab an, es sei ihm seit der
Operation gesundheitlich dauernd gut gegangen, nur sei das Sehen auf dem
linken Auge und das Hören auf dem linken Ohr schlecht geblieben. Nur
hie und da habe er nach schwerer Arbeit in der Hitze etwas Kopfdruck, der
aber meist rasch vorüberginge. Eigentliche Kopfschmerzen habe er nicht.
Im linken Arm habe er nicht dieselbe Kraft wie im rechten; er sei aber
bis jetzt völlig arbeitsfähig.
Objektiv war das Allgemeinbefinden des Untersuchten ein gutes. Die
linke Schläfengegend war stark muldenförmig eingezogen. Eine feste, breite,
völlig glatte Narbe war fest mit dem Knochen verwachsen. Gehirnpulsation
bestand nicht.- Zeichen von irgendwelchen Metastasen fehlten völlig.
Herr Dr. Panofsky: Untersuchungen über Hirngewicht und Schädel¬
kapazität nach der Reichardt sehen Methode.
Die gemeinsam mit Herrn Dr. Staemmler an etwa 1000 Leichen
angestellten Untersuchungen über das Verhältnis Hirngewicht: Schädel¬
kapazität hatten folgendes Ergebnis: Von Krankheiten ohne Hirnveränderungen
haben das geringste Hirngewicht, also die grösste Differenz gegenüber der
Schädelkapazität: die -Tuberkulose und die arteriosklerotischen und zirrhoti-
schen Prozesse. Die stärkste Erhöhung des Hirngewichts findet sich bei
den Infektionen des Peritoneums und den vom weiblichen Genitale aus¬
gehenden septischen Erkrankungen, bei endogenen und exogenen Intoxika¬
tionen und (1 Fall) bei akuter Nephritis. Von Hirnkrankheiten zeigten einige
im epileptischen oder paralytischen Anfall Verstorbene ein höheres Hirn¬
gewicht als dem Durchschnitt bei diesen Erkrankungen entsprach. Das Hirn¬
gewicht der Paralytiker war geringer als bei Normalen.
Das Auftreten postmortaler Quellungsvorgänge und die Unmöglichkeit,
andere zur Vermehrung des Hirngewichtes führende Faktoren (Hyperämie,
Oedem individuelle Verschiedenheiten usw.) sicher auszuschhessen, beein-
'äSt in, Einzelfall den Wert der Reichardt sehen Methode insofern
als nur die Verminderung, nicht aber die Vermehrung des Hirngewicht s
sichere Schlüsse auf das Verhalten des Gehirns während des Lebens gestattet
Eine ausführliche Veröffentlichung erfolgt in der Frankfurter Zschr. 1.
Pathologie.
Diskussion: Herr Hansel.
Aerztlicher Verein zu Danzig.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 5. Januar 1922.
Herr Sebba: Therapie einiger Mund- und Kieferkrankheiten auf Grund
'^^Di^Thefrk^def^'okalen Spirochätose der Mundhöhle zu welcher
K o 1 1 e und Beyer die Stomatitis ulcerosa, Gingivitis, Alveolarpyorrhoe,
Plaut-Vincent-Angina und Noma rechnen, ist ziemlich allgemein abgelehnt.
Dementsprechend tritt an Stelle der Salvarsantherapie, welche keine Dauer-
resultate gibt, für die Stomatitis epidemica die Entfernung der nekrotischen
Schleimhaut- und Zahnfleischpartien, der subgingivalen Konkremente, die
Vibrationsmassage und die Chlorzinkbehandlung. . , Fr^Winis? und
Auch die Alveolarpyorrhöe kann nur chirurgisch durch Frmlegung und
Entfernung der Granulationsmassen, der subgingivalen Konkremente und .der
in Resorption begriffenen Partien des Alveolarrand. « seheü wei rden
S. empfiehlt das Hochziehen des zur Freilegung der Krankheitsherde ge
schaffenen Zahnfleischlappens durch Haltenähte, welche hinter den Zahnen
geknüpft wz"dnerneplantation wendet s hauptsächlich bei der chronischen
granulomatösen Periodontitis, seltener bei akuter und abszedierender Per -
odontitis an. Der extrahierte Zahn wird vom Penodonteum, soweit es er¬
krankt ist, befreit, die Foramina apicalia und die Wurzelkanale des Zahnes
werden abgeschlossen und die kariöse Zahnhöhle mit einer Füllung versehen.
Der so vorbereitete Zahn wird entweder sofort oder nach 1 2 lagen Unter-
vallreplantation nach Sebba) in die leere Alveole replantiert. Die B -
festigung beginnt am 10. Tage; nach 4 Wochen steht der Zahn fest im Kiefer-
knochen und ist funktionstüchtig. Die experimentellen Empflanzungsversuche
Schroeders - Berlin mit Elfenbein zeigen, dass Elfenbein vom Knochen
als ebenbürtig aufgenommen wird. Gehr icke -Berlin hat mit Erfolg
Elfenbeinwurzeln in den Kieferknochen implantiert und Zahnkronen auf die
eingeheilte Elfenbeinwurzel aufgesetzt. Die Röntgenaufnahme nach 3/a Jahren
zeigte, dass die Wurzelknochen mit der künstlich ausgefrästen Alveole ver¬
wachsen waren. S. hat unter 27 Replantationsfällen nur einen Misserfolg
"■ehabt. Ein vor 9 Jahren replantierter Zahn ist noch heute funktionsfähig.
Der Einfluss von eitrigen Mundaffektionen auf die Entstehung von
chronischen, schleichend verlaufenden Allgemeininfektionen (Nephritis, Appen¬
dizitis, Cholezystitis etc.) darf nicht unterschätzt werden Diese können
ebenso wie von anderen latenten Infektionsherden (Urogenitalsystem,
Tonsillen, Furunkulose, Nasenriebenhöhlenaffektionen etc.) auch von der
Mundhöhle ausgehen, worauf auch F i s c h e r - Cincinnati in seiner Arbeit:
Infektionen der Mundhöhle und Allgemeinerkrankungen, neuerdings aufmerk¬
sam macht.
Herr Ad. Schmidt: Die Magenresektion nach Reichel.
Es wird die Gastrojejunostomia retrocolica Reichels nach den Mit¬
teilungen des Autors, wie sie in der Literatur zu finden sind, erklärt. Erwähnt
werden Körnlein. Mikulicz, Graser, A. v. Bergmann, P 61y a,
Wilms, Sasse, Hofmeister, Finsterer und einige französische
Autoren, die ähnliche Methoden anwandten. Zu Naraths Abhandlung ..Zur
Geschichte der zweiten B i 1 1 r o t h sehen Resektionsmethode des Magens
(D. Zschr. f. Chir. 1916) ist Stellung genommen und betont, dass die
Resektionsmethode nach Reichel nicht ohne weiteres als Billroth II an-
gesprochen werden kann. .
In der Klinik des Geh. Rat Barth wurde streng nach den R eiche 1-
schen Vorschriften verfahren, nur wurden alle Fälle in Sauerstoff-Aether-
Narkose operiert. Seit Anfang Mai wurde die Reichel sehe Magen¬
resektion bei 16 Fällen ausgeführt. Hiervon waren 7 Magenkrebs, 4 kallöse
Geschwüre des Magens, 1 narbige Pylorusstenose und 4 Duodenalgeschwüre.
Nachuntersucht wurden 9 Fälle und zwar 1 8 Monate nach der
Operation. Die Säurewerte waren herabgesetzt, doch fanden sich in 3 Fällen
fast normale Werte. Die Form der Mägen nach der Operation wird an der
Hand von Röntgenbildern gezeigt. Die Entleerungszeit schwankt von
1>2— 4K Stunden und beträgt im Durchschnitt 2lA Stunden. Die Grösse des
resezierten Magenteils ist für die Entleerungszeit des Testierenden Magens
ohne Bedeutung. Es fand sich 3 mal noch eine über handbreite Intermediär¬
schicht. Im Duodenum wurden nur vereinzelt Kontrastschatten nach¬
gewiesen. Die Entleerung erfolgte ohne Störungen durch die abführende
Jejunalschlinge. Peristaltik wurde an grossen Magenresfen oft deutlich und
leicht auslösbar beobachtet.
Die Körpergewichtszunahme schwankte zwischen 6 Pfund und 52 I fund
und betrug im Durchschnitt 20 Pfund. Wesentliche Beschwerden wurden
nicht angegeben. Auffallend war der gute Appetit und die Beschwerdefreiheit
bei dem Genuss jeglicher Nahrungsmittel. Kurzer Hinweis auf die funk¬
tioneilen Erfolge bei anderen Magenresektionen und der oben beschriebenen.
Die relativ normale Entleerung wird durch die Art der Einpflanzung des
Magens in das Jejunum erklärt, am Magenausgang wird ein Sporn gebildet
(7pinhni.n<D und die Peristaltik des Dünndarms führt einen zeitweiligen Ver-
Magens in uas JCJUIUUI1 Cliviail, atu .mafc^ua uofeaiift w.iu will
(Zeichnung) und die Peristaltik des Dünndarms führt einen zeitweiligen Ver¬
schluss der abführenden Schlinge, dort wo sie an den Magen angeheftet ist,
herbei. Richtunggebend für die Entleerung des Mageninhaltes ist die Dünn¬
darmperistaltik.
Die Magenverdauung wird durch die Darmverdauung ersetzt und vor¬
zugsweise sind es die Pankreasfermente, die hier vikariierend eintreten.
Galle und Pankreassaftabsonderung erfolgt z. T. mechanisch, z. T. durch das
Prosekretin des Dünndarmes, z. T. auf nervösem Wege. Bei den resezierten
Mägen spielt sich demnach eine Darmverdauung im Magen ab.
Die Reichel sehe Methode wird auf Grund der günstigen Erfahrungen
zur Nachprüfung empfohlen.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 21. November 1921.
Vorsitzender: Herr Pässler.
Schriftführer: Herr Grunert und Herr Wemmers.
Vor der Tagesordnung:
Herr Becker: Ein Fall von TintenstiStverletzung des Auges
Ein junger Mann von 22 Jahren hatte bereits 1916 und 1919 lei
Tintenstiftverletzungen der Augen überstanden; beide Male waren du
die Au een geflogenen Tintenstiftspitzen sofort durch Ausspulungen entl
worden Die jetzige Tintenstiftverletzung hatte vor 18 Tagen stattgefui
und das linke Auge betroffen. Es handelte sich um einen mittelschw
Fall. Beim Schreiben eines Briefes am Abend war die Spitze des Im
Stiftes in das linke Auge geflogen, ohne Beschwerden zu verursachen.
Morgens bemerkte der Kranke verschiedene blaue Flecke im Kopfki
und Drücken im verletzten Auge. Bei der ersten Untersuchung in der Au
abteilung des Johannstädter Stadtkrankenhauses — 17 Stunden nach der
letzung — war das linke Auge stark vioDett gefärbt und ausserst hchtsc
Aus dem Bindehautsack entleerten sich befm Ausspülen nekrotische Bi
hautfetzen und einige Körnchen von einem Tintenstift, ln der oberen Ue
gangsfalte bemerkte man schläfenwärts einen grosseren Defekt der Bul
bindehaut. Die Hornhaut war fast ganz getrübt, in den nächsten lagen
später bis zur Vorstellung des Kranken zentral in grösserem Umfang i
riert, so dass zur Zeit der Vorstellung Finger knapp in A m gezahlt wur
Dabei war am Bulbus nach dem Schwinden der Methylviolettfarbung
mählich eine gemischte Injektion bei heftiger Lichtscheu aufgetreten. B e c
ist der Ansicht, dass nach dem bisherigen Verlauf das Endresultat auch
ein gutes sein wird; er erwähnt noch die Mitteilungen über Tintenstitt
letzungen des Auges von Prof. O 1 o f f - Kiel und von Dr. F T e y } a g ' Fe>
in der M.m.W. und D.m.W. und teilt die Ansicht Oloffs, dass sofo
und wiederholte Spülungen des verletzten Auges von grösster Wichtu
sind weil durch diese das eigentlich schädigende Agens des I intenst
— das Methylviollett — möglichst schnell entfernt wird.
Herr J. H. Schultz: Die modernen Hysterietheorien und ihre Be
tung für die ärztliche Praxis. . .
Vortragender betont zunächst, von der Erörterung e i n z e 1
hysterischer Symptome ausgehend, die relative klinische Se
heit rein hysterisch psychogener Symptome im Gegensatz zu den ube
häufigen „Deck- und Fixationssymptomen“ bei unerkannten oder bereits^
gelaufenen somatischen Beschwerden; oft sind hysterische „Hüllensymptc
Vor- oder Nachläufer organischer „Kernsymptome“. Ein praktisch wicht
bereits von Briciuet oft erwähntes Alltagskernsymptom ist namen
der Muskelrheumatismus in seinen verschiedenen Formen, der meist auf
sprechende Therapie gut reagiert („hysterische Kopfschmerzen! ). Be
ders ist davor zu warnen, Krankheitserscheinungen, die in eines der
läufigen klinischen Bilder nicht passen, ohne weiteres als hysterisch
buchen. (Fall einer atypischen, von sorgfältigen Internisten als nervöse
pepsie überwiesenen Erkrankung eines 19jährigen, die sich gegen jede lt|
pie als refraktär erwies und endlich als Magenkarzinom enthüllte; nut,
Quälerei mit „Psychotherapie“). Sicher psychogene Symptome führen i
obwohl ein erhebliches Bereich unklarer „funktioneller Storu
zugegeben werden muss, bei der Behandlung bald zu tieferen sei
sehen Grundlagen. (Fall von schwerem, ruckhaftem Verbeugt)
tick bei einem 34jährigen; Friedensleiden. Grundlage: Aufstieg vom Arbe
jungen mit 5 Pfennig )4-Stundenlohn zum Direktor und Besitzer eines gro*
Werkes mit 200 000 M. Jahreseinkommen, Heirat mit einer BourgeoistoJ
stark gesellschaftlich beschränkter Art, Verleugnung durch die frülf
Freunde, obwohl noch Mitglied der S.P.D., Gefühl der Fremdheit und }<
Geduldetseins in Familie und Umgangskreis der Frau. Schwinden des
Grundkonflikt,
lins „Entwkr
ptomes nach drei erlösenden Aussprachen über diesen
ptomfreiheit von 1 K> Jahren; Beziehungen zu Kraepe
' U 11 Die Eingliederung echt hysterischer Erscheinungen in die Psyche
öffnet eine Reihe von Fragen. Bewusste E r s t p r o d u k t i o n (Simu
t i o n) auf dem Wege der regulären „Willkür“ ist kaum anzunehmen, dagp
bisher hysterische Symptome nicht bekannt, die nicht durch geeiip
sind oisner uy siei iscuc ojminuim- - - - „
suggestive Massnahmen darzustellen wären, besonders in Hypnose (Lews
d o w s k y), so dass Möbius’ Definition: „Hysterische Symptome !
hypnotische Erscheinungen ohne Hypnotiseur“ in diesem Sinne nicht
widersprechen ist. Die Schöpfung ausgesprochen hysterischer
fordert ein gewisses, wenn auch übel angewandtes Künstlertum, so dasf
Ersterscheinung trotz des parodistischen Resultates die Problerm.li
künstlerischen Schaffens aufrollt. Anders das Festhalten eines köl
lieh dargebotenen Symptomes; es führt auf die von Forel zum erstel
eingehend dargestellte „krankhafte Gewöhnung des Nervensystems", int
Zirkel von Beschwerde und Angst: D u b o i s' Schraubensymptom, zu t
von Kretschmer besonders hervorgehobenen und theoretisch Uberba
Problem der „willkürlichen Reflexverstärkung“. Neben Willkür. Sugge«
Gewöhnungs- und Uebungsmechanismen (die wieder zur Simulation rl
Form zurückführen können) erfordert der Gesichtspunkt des erstrebten L I
im hysterischen Symptome Beachtung (Unfall- und Spät kriegsfälle). autp
Bonhöffe r besonderen Wert legte, während in anderen Fällen wl
Nachahmungstendenzen im Vordergrund stehen.
Ein Versuch, das hysterische Erleben in seiner lebendigen Ganzh
fassen (Kraepelin, Scheler, K 1 a g e s, H e 1 1 p a c h) wird beit
reinen Fällen die „hysterische Canaille“ mit B i n s w a n g e r als degeneri
Komplikation ausscheiden und nach tieferen Kennzeichen suchen lassen J
Urieinheitlichkeit nud Zerrissenheit des Erlebens, das groteske Schleudern^
Abreissen der Stimmungen lassen den J a n e t sehen Begriff der „4
soziation“ als besonders wesentlich erscheinen; er gibt auch für
von Scheler und Klages ausgezeichnet gesehene „übermässige 14
in anderen“ und im ausdrucksmässigen bei innerer Leere und Kälte (K 1 a i
Rückschlag des Darstellungsdranges gegen das Gefühl der Lebensohnma •
ungesuchtes Verständnis, auch nahe Berührungen zu dem psychopathisj
Typus des „Mnemisch Dissoziierten“ (Schultz). Während dieser ’
aber in seiner reinen Form ohne Annahme besonderer Zwischenglieder
Frlebens („Unbewusstes und Unterbewusstes“) leicht verständlich ist, ‘
in vielen hysterischen Mechanismen die Interpolation verständige1
erklärender psychischer Reihen eine ausserordentliche psychokhn
Hilfe dar. Hier liegen die Werte der Breuer-Freud sehen PsychofcD
sis (L Frank) und vieler Gesichtspunkte der nach Ansicht des VortM
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
291
nur bei bestimmten konstitutionellen Voraussetzungen zuständigen Sexual-
;hoanaIyse S. Freuds. Kritische Verwertung der hier gegebenen An-
ingen kann sehr helfen, wie an drastischen Beispielen primitiv-symboli-
r Träume gezeigt wird. (Erwähnung der „dream-therapy“ von Haber-
nn- New York). Wie Freud selbst in den Perioden seines Schaffens
sich selbst hinaus wies, zuletzt besonders überraschend in seiner jüng-
Mitteilung „Jenseits vom Lustprinzip“, so sind die besten Köpfe aus
;m Kreise zu neuen Problemstellungen vorgeschritten: Adler, Jung,
eder vertieften die Kenntnisse der in die Zukunft gerichteten Tenden-
der Neurose gegenüber der rein historisch-psychogenetisch arbeitenden
:inalanalyse Freuds.
Von den psychologischen Theorien der Hysterie, die unsere Zeit beherr-
n ist ausserordentlich viel wertvolles Material zusammengetragen; aber
i sind es „Theorien“; eine wirklich universelle und restlos befriedi-
(e Synthese der verschiedenen Teillösungen liegt bisher noch nicht vor.
wird auch nie im Sinne einer Festlegung der Krankheit Hysterie,
lern nur im Sinne einer evidenten Auflösung der hysterischen Reaktion
u p p) zu erhoffen sein.
Aussprache: Herr Hans H a e n e 1: Bei den verschiedenen Gesichts-
iten, von denen man an das Hysterieproblem herangegangen ist, habe ich
i vermisst, die für mich eine Leitlinie bilden. Wenn ich neurologischen
ten gegenüberstehe, so frage ich mich, wieweit kann ich aus den Sym-
ren des Kranken entnehmen, ob er unter seinen Krankheitssymptomen lei-
oder nicht. Wenn sich in dieser Beziehung ein Missverhältnis heraus-
t,- so ist das eine Verschiebung der Persönlichkeit aus Gründen, die
ler besonderer Analyse bedürfen. So komme ich auf die Diagnose einer
erischen Disposition zu. Ich diagnostiziere also psychoneurotische Re-
onsweisen, selten eine Hysterie. Zum anderen vermisste ich den Be-
des Gesundheitsgewissens. Beim Hysterischen ist dieses defekt. (Wenn
Kranke nicht mehr das Interesse hat, in allen Fällen der Gesundheit den
tritt zu lassen, so entsteht eine hysterische Reaktionsweise.
Herr Kurt Schmidt: Das Gebiet der Hysterie ist wesentlich ein-
hränkt worden durch die fortschreitende Erkenntnis z. B. von den endo-
en Erkrankungen. Organisch bedingte Krankheiten können ausheilen mit
icklassung neurotischer Erscheinungen. Diese müssen dann psychisch
mdelt werden. Wir müssen von der Hysterie die hysterische Disposition
rscheiden. Für die praktische Tätigkeit ist die Psychoanalyse am wich¬
en. Ich verweise da besonders auf die Theaterangst. Der erste Angst-
and hat gewöhnlich eine körperliche Indisposition zum Aniasl Indem
dem Kranken das zum Bewusstsein bringt, kann man Heilung erzielen.
Herr J. H. Schultz (Schlussbemerkung) betont die Unmöglichkeit, im
men eines kurzen Vortrages Vollständigkeit zu erstreben. Kohn-
m m s „Gesundheitsgewissen“ führt leicht zu moralisierend orientierten
sverständnissen, während der von H. H a e n e 1 betonte Widerspruch
sehen Beschwerden und Klagen in der Behandlung der Ausdrucksstörungen
ages) kurzen Raum fand; der prinzipielle Unterschied von „Krank-
“ und „Reaktion“-Hysterie wird nochmals hervorgehoben.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 19. Dezember 1921 .
Vorsitzender: Herr v. Wild. Schriftführer: Herr Grosser.
Aussprache zu den Vorträgen der Herren Flesch-Thebesius
C u n o. (Vgl. Sitzungsbericht vom 5. Dezember 1921, d. W. 1922 S. 216.)
Herr L u d 1 o f f warnt vor der Extcnsionsbehandlung der Köxitis wegen
dir der Miliartuberkulose oder der tuberkulösen Meningitis. Beides ist
dem Gipsverband nicht zu befürchten. Er warnt weiter davor, Spondy-
kranke in Rübkenlage zu behandeln. Der Spondylitiker gehöre auf den
ch. Rückenlage führe häufig zu Pneumonie. Neuerdings hat L. erstaun-
3 Erfolge mit der von Quincke wieder empfohlenen Kauterisations-
mdlung der Spondylitis gesehen, wahrscheinlich infolge Zurückgehens
endlicher Oedeme; auch L. betont, dass man mit dem alten Brenneisen,
it mit dem Paquelin arbeiten müsse. Die Lokalisation des tuberkulösen
zesses beeinflusst die Prognose: am günstigsten ist sie bei Spina ventosa
Schultergelenkstuberkulose, am trübsten bei Koxitis. Für das Kniegelenk
die Resektion die Methode der Wahl. Die Art des Prozesses erfordert
ichiedene Behandlung: proliferierende Formen gehören fast immer in den
sverband, fi'bröse erfordern Osteotomie, kariöse Resektion.
L. fasst eine grosse Zahl .von „Heilungen“ nur als Besserungen auf.
iter weist er darauf hin, dass kleine Tuberkelherde im Knochen der
Stellung durch Röntgenstrahlen entgehen. Im Interesse der historischen
echtigkeit betont er die grundlegenden Verdienste Joachimsthals
Hohenlychen und die Priorität Bernhards vor R o 1 1 i e r.
Herr Grosser möchte bei der Diagnose der kindlichen Tuberkulose
it so grossen Wert auf Drüsenschwellung und Fieber legen, da auch
enrachenaffektionen und Bewegung Fieberursachen sein können. Hilus-
senschwellung kommt sicher auch nach Bronchitis und nach Grippe vor.
ist wenn ein positiver Pirquet gefunden wird, ist damit die tuberkulöse
ur der Hilusdrüsenschwellung noch nicht gesichert. Das Röntgenbild ist
mit stärkster Kritik zu verwerten. Therapeutisch empfiehlt G. allgemeine
'orierung. Von spezifischer Behandlung ist er abgekommen: will man aber
■erkulin geben, so wähle inan eine Methode mit guter Dosierungs-
dichkeit.
Herr W. H o f in a n n bedauert, dass die konservative Behandlung der
urgischen Tuberkulose oft an pekuniären Gründen scheitert. Auffällig ist
gute Erhaltung der Muskulatur bei der Sonnenbehandlung.
Herr S. Auerbach: Bei der neuerdings erkannten Wichtigkeit der
vehrfunktion der Haut wäre zu erwägen, ob man nicht bei metaluischen
rankungen Hautreizmethoden therapeutisch verwerten solle.
Auch Herr Cahen-Brach hat Auftreten und hinterher nach Monaten
schwinden von Hilusschatten bei infektiösen Prozessen beobachtet. Vom
lerkulin Rosenbach hat er in der Kinderpraxis nicht mehr als bei sonstiger
landlung gesehen.
Herr L o e w e weist auf die Wichtigkeit der Eingipsung der Glieder in
r natürlichen Haltung hin. In einigen Fällen sah er Günstiges von der
iluftbehandlung der S c h m i e d e n sehen Klinik, besonders bei Hand-
mkstuberkulosen; für diese Form und die Tuberkulose der Ellbogen kann
auch die Röntgenbehandlung empfehlen. Er äussert sich skeptisch über
die Erfolge der Jodkalibehandlung und wirft die Frage auf, ob nicht syphi¬
litische Prozesse dabei untergelaufen sind.
Herr N e i s s e r betont den klimatischen Unterschied des Höhenklimas
vom Klima der Ebene; die Aenderungen des Klimas sind bereits oberhalb
400 m deutlich. Er begrüsst deshalb den Plan des Rekonvaleszentenvereins,
im Anschluss an die Heilstätte Ruppertshain eine Abteilung für chirurgische
Tuberkulosen zu errichten.
Herr Linke (als Gast) hebt hervor, dass es bei der Heilwirkung des
Höhenklimas nicht so sehr auf die absolute Höhe, sondern auf den Unter¬
schied zwischen der Lage des Kurortes und dem bisherigen Aufenthalt des
Kranken ankomme. Für Frankfurter Verhältnisse seien die Höhenlagen von
Königstein, Falkenstein und ähnlichen Orten im Taunus, die um etwa 300 m
gegen Frankfurt differieren, bereits ein ausreichender Unterschied.
Herr Ascher: Die über einer Stadt lagernde, aus Wasserdampf,
Strassenstaub und vor allem aus Rauch bestehende Atmosphäre nimmt in ge¬
ringer Höhe über den Dächern bereits an Dichte ab, so dass es durchaus
verständlich ist, dass in einer Höhe von einigen hundert Metern über Frankfurt
die Sonnenstrahlung bereits eine ganz wesentlich höhere ist, als in der Stadt,
aber auch nicht wesentlich anders als einige hundert Meter höher am Feldberg.
Im Hochgebirge werden natürlich andere Verhältnisse hinzukommen: ob sie
aber so grundlegende Unterschiede ausmachen, dass eine wesentlich grössere
Leistungsfähigkeit der heilenden Strahlen dadurch - bewirkt wird, bedarf noch
der Untersuchung.
Herr R. Oppenheimer: Ueber die Jodnatriumbehandlung entzünd¬
licher Prozesse.
Ausgehend von einer Arbeit Schacherls, welcher die intravenöse
Jodnatriumbehandlune- bei der Syphilis des Zentralnervensystems erprobte,
versuchte Oppenheimer intravenöse und lokale Jodnatriumbehandlung
bei verschiedenen entzündlichen Vorgängen. Wurden täglich 2 — 5 ccm einer
50 proz. wässerigen Jodnatriumlösung an 4 — 5 aufeinanderfolgenden Tagen
i n t r a v e n ö s injiziert, so traten niemals Erscheinungen von Jodismus,
Ni.erenschädigungen oder stärkere Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens
auf. Von manchen Kranken wurde die Injektion entlang der injizierten Vene
während 5 — 10 Minuten als schmerzhaft angegeben. Der intravenösen Jod¬
natriumbehandlung wurden zunächst 4 Fälle von akuter Epididymitis unter¬
worfen; in dreien zeigte sich schneller Rückgang der Geschwulst und
Schmerzhaftigkeit. Ebenso wurde ein Fall von subakuter Prostatitis ohne
örtliche Behandlung günstig beeinflusst. Ueber die Behandlung von 3 Fällen
von Nebenhodentuberkulose lässt sich Abschliessendes noch nicht sagen.
Versagt hat die intravenöse Behandlung in einem Falle eitriger Parametritis
mit sekundärer Pyelonephritis, sowie bei einem Beckenabszess.
Bei Gonorrhöe und Katarrhen der Vagina und Urethra wurde die ört¬
liche Jodnatriumbehandlung versucht. Zur vaginalen Behandlung wurden
Tampons mit 50 proz. Jodnatriumglyzerinlösung getränkt, zur Behandlung der.
männlichen und weiblichen Harnröhre eine Lösung von Natr. jodat. 5,0,
Glycerin pur. 5,0, Acid. boric. 1,0, Aq. dest. ad 50,0, zehn Minuten in der
Harnröhre belassen. 3 Falle von nichtgonorrhoischem Harnröhrenkatarrh bei
Männern heilten nach wenigen Tagen. Eine subakute weibliche Gonorrhöe,
wo trotz intensiver örtlicher Behandlung während 6 Wochen Gonokokken¬
freiheit nicht erzielt war, wurde durch 4 kombinierte Behandlungen zur
Heilung gebracht. Ebenso konnte in kurzer Zeit ein Fall von Kindergonorrhöe
zur Ausheilung gebracht werden, der sich gegen die übliche örtliche Be¬
handlung refraktär verhalten hätte. Versagt hat dagegen die Jodnatrium¬
behandlung in 2 Fällen akuter Gonorrhöe.
Zur Wundbehandlung wurden Streifen in 50 proz. Jodnatriuiri-
lösung getaucht und täglich 2 mal erneuert. In 3 Fällen von suprapubischer
Prostatektomie, wo infolge Berieselung durch infizierten Harn die Wunde
belegt aussah, erfolgte Reinigung innerhalb weniger Tage. Besonders be¬
weisend für den Erfolg örtlicher Jodnatriumbehandlung war ein Fall von
perinephriti^chem Abszess, der sich bis in das kleine Becken erstreckte. Trotz
zweimaliger Spaltung bestanden hohe Temperaturen und Schüttelfröste weiter.
Nachdem während 6 Tagen täglich 10 — 25 ccm 50 proz. wässeriger Jod¬
natriumlösung in die Wunde eingeträufelt waren, bestanden nur noch sub¬
febrile Temperaturen und der Kranke wurde späterhin geheilt entlassen.
O. empfiehlt daher ausgedehnte Versuche mit der intravenösen und örtlichen
Jodnatriumbehandlung in der inneren Medizin, Gynäkologie und Chirurgie.
Medizinische Gesellschaft Göttingen.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 19. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Stich. Schriftführer: Herr v. Gaza.
Herr Voigt: Neue Untersuchungen über geschützte Silberhydrosole
und die Eigenschaften von Schutzkolloiden.
Für die therapeutischen Erfolge intravenöser Silberinjektionen spielt, wie
auch neuerdings durch die Untersuchungen von Dietrich bestätigt, das
Schutzkolloid keine wesentliche Rolle, da es, allein injiziert, bei den
daraufhin untersuchten Präparaten wirkungslos blieb (Kollargol und Elektro-
kollargol [Dietrich], Dispargen [Voigt]). Wir müssen annehmen, dass
nur solche Stoffe im Organismus leistungssteigernd wirken können, die
ähnlich, wie für das kolloide Silber bekannt, in ihm gewisse Reaktionen aus-
Iösen und erfahren. Für die Charakterisierung der in Frage kommenden
Stoffe ist das Untersuchen zusammen mit kolloiden Metallen (Z s i g in o n d y,
Voigt) ein wichtiges Hilfsmittel. Vortr. berichtet über die Ergebnisse aus¬
gedehnter derartiger Untersuchungen, die demnächst in der Kolloidzeitschrift
veröffentlicht werden, über das Schutzkolloid des Dispargens: 1. Selbst ein
sehr hoher Gehalt an Schutzkolloid (ca. 70 Proz. des Trockenpräparats) ge¬
stattet nicht die Konzentration der Auflösung beliebig niedrig zu ge¬
stalten, ohne dass Ag ausflockt; es erscheint vielmehr ein gewisser Salzgehalt
für die Haltbarkeit" erforderlich. 2. Verschiedene Salze wirken, unabhängig
von der Valenz in dieser Hinsicht verschieden, die Neigung zum Absetzen
wird aber stets mit abnehmendem Salzgehalt (n / 1 0 — -n / 1 60) grösser,
was auch Kontrollversuche mit kolloidem Au bestätigen. Selbst die Ver¬
wendung der Auflösung des reinen Schutzkolloids in der Konzentration
der 2 proz. Dispargenlösung zur Herstellung der Salzlösungen ändert nichts
an dieser Tatsache. Im Gegensatz hierzu nimmt die Neigung mit
wachsendem Salzgehalt z u, wenn die Salzlösungen mit neutrali¬
sierter Schutzkolloidlösung hergestellt sind. 3. Unter dem Einfluss ge¬
wisser Salzlösungen kommt eine erhebliche Teilchenvermehrung zustande, die
292
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nt
wohl durch Einwirkung auf das Schutzkolloid zu erklären ist. Hierbei spielt
offenbar auch die Dauer der Einwirkung eine Rolle: nach einer gewissen Zeit
ist das Optimum der Wirkung erreicht und es tritt dann, verhältnismassig
schnell zunehmend, die entgegengesetzte Beeinflussung des Hydrosols ein.
4. Es ist anzunehmen, dass ähnliche Vorgänge: Ausflockung, Umlagerung,
Um- und Aufladung u. ä. m. sich auch bei der Injektion ,, leistungssteigernder
Stoffe im Körper abspielen, die sich in allen Einzelheiten unserer Kenntnis
immer entziehen werden, in manchen Stadien aber beim Studium des Schic -
sals des kolloiden Ag und AgJ im Säugetierorganismus beobachtet worden sind.
Herr F. Bremer: Demonstration eines 37 jähr. Mannes mit den
Symptomen der amyotrophlschen Lateralsklerose. Da in der Familie 8 Mit¬
glieder in 2 Generationen in ähnlicher Weise erkrankt sind, so ist das Krank¬
heitsbild zu den Heredodegenerationen vom spastisch-paretischen Typus zu
rechnen. Eigenartig ist das Ueberwiegen der Vorderhorn- und das Zuriick-
treten der Pyramidenstörungen.
Herr F. Stern: Chronisch ainyostatische Enzephalitis und enzephali-
tlsche Folgezustände. , . , „
Demonstration von 13 Fällen von vorwiegend klinischen Gesichtspunkten
ausgehend. Der Demonstration vorausgeschickt werden kurze Erörterungen
über die klinische Einheitlichkeit des enzephalitischen Krankheitsprozesses,
der sich auf wenige Formen zurückführen lässt, sowie eine Erklärung der
Pathophysiologie des Linsenkernapparates. Leichtere und schwerere Fälle
des bekannten Parkinsonismus sine agitatione mit charakteristischen vegeta¬
tiven Störungen und psychischen Veränderungen, euphorischer Apathie einer¬
seits, triebhafter. Unruhe andererseits werden zuerst vorgestellt; die Un¬
abhängigkeit der Paresen und der Spontaneitätsstörung von der Hypertonie
kommt an einzelnen Fällen besonders stark zum Ausdruck, ebenso zeigen
einige Fälle überraschend das Symptom der plötzlichen Lösung schwerer
Akinese. Angeschlossen werden mehrere Fälle mit spastisch-athetotischen
Syndromen, einseitig wie doppelseitig, sowie Kombination mit den dys-
pnoischen Atemstörungen, welche bis zu dauernden Anfällen grotesken
Schnaufens sich steigern können und besonders hysterieverdächtig erscheinen;
weiterhin einige Fälle mit Resterscheinungen choreiforiner und tetanieformer
Zuckungen. Kurze Besprechung der Prognose und Therapie. (Genauere
Ausführungen an anderer Stelle.)
Aussprache: Herr G ö p p e r t: In der gleichen Zeit, in der sich die
Enzephalitis vermehrt, sehen wir, wenigstens in Göttingen, und zwar genauer
im Jahre 1920 bis November 1921 bei Kindern als Zeichen meningealer
Reizung das Kernig sehe Symptom auftreten. Meist schliesst sich diese
Störung an wohlcharakterisierte, fieberhafte Erkrankungen der oberen Luft¬
wege, die sog. Kindergrippe, an. Doch ist oft die primäre Affektion ganz
auf den Nasenrachenraum beschränkt, so dass sie nur bei grösster Auf¬
merksamkeit erkannt wird. Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass bei
Fällen, die erst später in Beobachtung kommen, die Patienten von einer
solchen Affektion nichts mehr wissen. Dann sieht das Krankheitsbild recht
merkwürdig aus. Oefters kommen die Kranken zur Behandlung, weil sie bei
körperlicher, namentlich aber bei geistiger Anstrengung Kopfschmerzen be¬
kommen und in der Schule seit kurzer Zeit versagen. Wer die Krankheit
schon einmal durchgemacht hat, zeigt auch bei geringen fieberhaften Affek¬
tionen oft recht langwierige Rückfälle. Vielleicht ist nicht ganz ausge¬
schlossen, dass eine gewisse Verwandtschaft zu den gezeigten Krankheits¬
bildern besteht. Bezeichnend ist übrigens, dass die seit Anfang Dezember
einbrechende epidemische Grippe fast keine neuen Fälle gebracht hat.
Herr Staemmler: Ueber Veränderungen der sympathischen Ganglien
bei akuten Infektionskrankheiten.
Im Verlauf akuter Infektionen (besonders Streptokokken-, Staphylo¬
kokken- und Pneumokokkenerkrankungen) finden sich in den Ganglien des
Sympathikus 1. degenerative Prozesse an den Ganglienzellen (Quellung von
Kern und Protoplasma, Untergang des Kernes, Umwandlung der ganzen
nekrotischen Zelle in eine strukturlose, manchmal kolloidähnliche Masse),
zuweilen begleitet von Wucherung der Kapselzellen; 2. entzündliche Vor¬
gänge am Blutgefässbindegewebsapparat (Hyperämie der Kapillaren, Emi¬
gration weisser Blutkörperchen, mehr oder weniger ausgedehnte Infiltrate im
Gewebe, manchmal unter Bildung neuronophagieähnlicher Bilder).
Die degenerativen Prozesse betreffen meist nur einzelne Zellen, doch
kann auch ein grosser Teil derselben dem Untergang verfallen.
Die Bedeutung dieser Vorgänge liegt einmal in der akuten Wirkung
auf den Kreislauf (Vasomotorenlähmung), zweitens bei wiederholten Infek¬
tionen und dem Fehlen einer Regeneration im Nervensystem, im allmählichen
Entstehen einer "Schwäche des sympathischen Nervensystems, die anatomisch
wohl in der sogenannten Altersveränderung der Ganglien begründet ist.
einer mit Bindegewebsvermehrung einhergehenden Atrophie, oft deutlich ent¬
zündlichen Charakters.
Neben den Infektionskrankheiten werden zweifellos auch andere Gifte
zu derselben Schädigung des Sympathikus führen können, wie Vortr. das für
Diabetes und Alkoholismus beobachtete.
Aussprache: Herren üöppert. Heubner. Reichenbach,
Koennecke, Ebbecke. Stern und Staemmler.
Verein der Aerzte in Halle a. S.
(Bericht des Vereins.)
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
Gewerbemedizinalrat Dr. G e r b i s spricht über Stellung und Aufgaben¬
gebiet des staatlichen Gewerbearztes.
Die Landesgewerbeärzte sollen einerseits als üewerbeaufsichtsbeamte an
der Durchführung und etwaigen Erweiterung der Arbeiterschutzgesetzgebung
mitwirken, allen Behörden als Gutachter und ärztliche Berater zur Verfügung
stehen, anderseits aber zur Erkennung und Verhütung aller Gewerbekrank¬
heiten beitragen. Hierfür ist Mitarbeit der Aerzteschaft erforderlich. Der
Landesgewerbearzt kann durch Erforschung der Arbeitsbedingungen und des
ganzen Milieus in einzelnen Erkrankungsfällen zur Klärung der Aetiologie bei¬
tragen, der Arzt in der Praxis kann den Landesgewerbearzt auf vermutete
gewerbliche Gesundheitsschädigungen in bestimmten Betrieben hinweisen.
Planmässige Untersuchungen ganzer Arbeitergruppen, die von der Arbeits¬
gemeinschaft der staatlichen Gewerbeärzte Deutschlands nach einheitlichen
Gesichtspunkten durchgeführt werden, sollen die Gesundheitsverhältnisse der
verschiedenen Berufszweige sicherer ermitteln, als es die Statistik auf i ,|
bisherigen Grundlagen ermöglicht. j:
In der Besprechung betont Herr Paul S c h m l d t. dass eine ;
kätnpfung der Gewerbekrankheiten ohne die Aerzte ebensowenig möglich i
wird wie eine Bekämpfung der Infektionskrankheiten. Ein Landesgewig
arzt bedarf der persönlichen Beziehungen, um die Schäden kennen zu le *
und sie abzustellen. Gewerbehygienische Zentralstellen wurden schon 1
in. Preussen vermisst, nachdem Bayern und Baden mit gutem Bei
vorangegangen waren. Nur durch Zentralstellen können . die praktis
Erfahrungen vieler Einzelorgane in eine wirksame, systematische Prophj
umgewertet und der Wissenschaft nähergebracht werden. In der 01
Stellung der Gewerbekrankheiten mit den Unfällen möchte S c h in i d
behutsamem Vorgehen mahnen. Die Schweiz hatte diese Gleichstellung ge
lieh eingeführt, aber infolge schlechter Erfahrungen wieder abgeschafft,
grosse Schwierigkeit liegt in dem Mangel objektiver wissenschaftlicher
gnosen bei vielen gewerblichen Krankheiten. Ohne diese werden sich H
chondrie und Hysterie breitmachen. Jedem Arbeitsmann soll sein h
werden, aber auf Grund exakter wissenschaftlicher Diagnosenstellung
auf Grund von Gefühlsdiagnosen. Dazu gehört eine gute spezialisti
Durchbildung der Aerzte auf diesem Gebiete. ■>
Herr Herzfeld verspricht sich von einer besonderen Versiehe
für gewerbliche Krankheiten nichts Gutes. Sie würde die Schäden, wi
der Unfallversicherung anhaften, in erhöhtem Grade mit sich bringen,
viele Beschäftigungen stets ungesund bleiben werden, wäre es von
grössten Wichtigkeit, diejenigen rechtzeitig anderswo unterzubringen, die
bestimmte Arbeit nicht vertragen. An dem Fehlen einer solchen Für?
scheitert trotz allen Aufwandes hauptsächlich die Bekämpfung der Tt
kulose bei den Arbeitern.
Herr Clausen: Zur Entstellung und Behandlung des Begleitschle
Clausen bespricht einleitend die neuesten Anschauungen über
Auge als Organ des Raumsinnes. Er erörtert die Korrespondenz der t
häute und geht kurz auf das binokulare Einfach- und Doppeltsehen
Nachdem er auf die für die Entstehung des Schielens so ausserordentlich '
tige Assoziation der Konvergenz mit der Akkommodation und den
Fusionsvorgang hingewiesen und kurz die Heterophorien gestreift hat, kc
Vortragender zum eigentlichen Thema, dem sog. Begleitschielen, für di
Entstehung eine Reihe von Faktoren mechanischer und nervöser Natu
Frage kommen, so die topographisch-anatomischen Verhältnisse der Oi
i wie Form und Grösse der Bulbi und der Augenhöhlen, Oeffnungswinke:
Orbita, Veränderungen in den Beziehungen zwischen Bulbus und s,
Adnexen, in erster Linie Muskeln und Orbitalfaszien. Hinsichtlich der
vösen Beeinflussung der Augenstellung kommen in der Hauptsache das Fus
bestreben und die Assoziation von Akkommodation und Konvergenz in F
Die grösste Bedeutung für die Stellung der Augen ist von allen Fak
sicherlich der Fusion beizulegen. Letztere ist nach den Untersuchunger
Vortragenden dem Vererbungsgesetz meistens in gleich hohem Masse u
werfen wie die übrigen Faktoren, d. h. die topographisch-anatomischen
hältnisse des Auges und seiner Umgebung wie endlich auch die Refrakt
Verhältnisse. Nach alledem musste eine hochgradige Vererbbarkeit des
gleitschielens erwartet werden, die dann auch durch Anlegung genau
Stammbäume bei allen vorkommenden Schielfällen fast durchweg erw
werden konnte. CI. projiziert 12, zum Teil über 4 — 5 Generationen sic
streckende Stammbäume, aus denen mit zwingender Beweiskraft die I
gradige Vererbung des Begleitschielens ersichtlich ist. Da jedoch nich
einheitlicher Faktor, sondern eine ganze Reihe von Faktoren in Frage kon
die jeweils von verschiedener ausschlaggebender Bedeutung sein köi
und auf die mangelhafte Fusion, wenn auch zum grössten Teil, so doch
allein die Entstehung des Schielens in dem einen oder anderen Fall be>
werden darf, so hat Vortragender zunächst davon abgesehen, besti;
Regeln für die Vererbung des Begleitschielens aufzustellen, weil es sich,
auf Grund der komplizierten Verhältnisse auch nicht anders zu erw.
nicht um eine einfache rezessive oder dominante Anomalie beim Be
schielen handelt. Fast ausnahmslos liess sich jedoch in allen Fällen
starke Vererbung des Begleitschielens aufweisen. Da der Fusion woh
der wichtigste Anteil für die Entstehung des Schielens beizumessen ist
Fusion selbst aber mit dem 6. Jahre völlig ausgebildet zu sein pflegt, so
die Behandlung des Schielens möglichst frühzeitig, wenn angängig schon
1. Lebensjahr ab, einsetzen, zu welcher Zeit eine genaue Korrektion
vorliegender Refraktionsanomalien erfolgen muss. Auch muss mög
schon vom 3. bis 4. Lebensjahr an mit stereoskopischen Uebungen zur
beiführung oder Festigung des Fusionsvermögens begonnen werden. 1
diese konservative Behandlung nach einiger Zeit nicht zum Ziel, so
man mit der operativen Therapie nicht zu lange zögern. In Fällen
nach den augenblicklich üblichen Indikationsstellungen die Tenotomi
Frage kommt, hat Vortragender diese, wenn nötig, unter Umstände
einer Sitzung auch auf beiden Augen ausgeführt und je nach der d
eintretenden mehr oder weniger vollkommenen Beseitigung der Stell
abweichung die Augen ev. noch beim Einwärtsschielen dufch Atropin in
Akkommodation gelähmt, um dadurch den Konvergenzreiz zu unterbi
Um eine oberflächliche Verklebung der Operationswunde zu erreichen, v
das Auge nur für höchstens eine Stunde unter Verband gestellt. Dann v
unter Benutzung der jn Frage kommenden, korrigierenden Brille, gew
inassen im noch labilen Zustand, des operierten Auges, an dem der
tomierte Muskel noch keinen festen Hai; gefunden hatte, sofort ii
Uebungen am Stereoskop bzw. Amblyoskop begonnen. Diese Uebil
müssen in den ersten Wochen nach erfolgter Operation unter ärztlicher»
trolle in sorgfältigster und ausdauerndster Weise fortgesetzt werden.!
dieser Behandlung hat Vortragender fast bei allen Fällen sehr günstigd
sultate erzielt, insofern, als nicht nur die Stellungsanomalie meistens I
behoben, sondern auch, in einzelnen Fällen sogar bei Erwachsenen f
ein binokulares Sehen, ja eine Fusion 3. Grades, meistens allerdings J
längeren mit grosser Energie fortgesetzten stereoskopischen UebungeJ
zielt wurde. CI. hält die im unmittelbaren Anschluss an die Operation
zunehmenden stereoskopischen Uebungen für ausserordentlich wichtig.'
bei mehrtägigem Verbände das operierte Auge, falls nicht etwa eine f
lagerung ausgeführt sein sollte, sich sehr leicht wieder in die ihm gew
Schielstellung begibt und der Muskel an einer unerwünschten Stelle wl
anwächst. Irgendwelche nachteiligen Folgen hat Vortragender von «
offenen Wundbehandlung nicht gesehen, da die kleine Konjunktivalwund
wohnlich nach ganz kurzer Zeit ziemlich fest wieder verklebt ist. j
Februar 1922.
293
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 13. Dezember 1921.
irsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Hnebschmann.
Aussprache über die Vorträge der Herren Marchand (Patho-
;che Anatomie der Lungentuberkulose, M.m.W. 1922 Nr. 1) und
äbsehmann (Zur Pathologie der Lungentuberkulose. M.m.M. 1921,
13. S. 1380).
Herr Marchand gibt eine Zusammenfassung seines Vortrages.
Herr Huebschmänn tut ' das gleiche. Er führt sodann das
■hoff sehe Schema zur Einteilung der tuberkulösen Prozesse in der
;e vor. Pathologisch-anatomisch sei dieses noch nicht ganz erschöpfend,
sch ist nach seiner Meinung die Einteilung von Eugen A 1 b r e c h t vor¬
dien.
Herr Strümpell: Die Kenntnis der gröberen und feineren patho-
isch-anatomischen Veränderungen bei der Lungentuberkulose
durch die eingehenden Arbeiten der letzten Jahre einen gewissen Ab-
iss erreicht. Es fragt sich nun, welchen Standpunkt die Klinik den
ren anatomischen Anschauungen und Einteilungsversuchen gegenüber ein-
len soll.
Ich gehe davon aus, dass die genaue klinische Diagnose eines jeden
;lnen Falles von Lungentuberkulose, nachdem dessen ätiologische Natur
gestellt ist, zunächst eine rein anatomische sein muss. Wir müssen,
;it wie möglich, feststellen, in welcher Ausdehnung die Lungen von
tuberkulösen Erkrankung befallen sind und welche Form die Erkrankung
t. • -Diese Aufgabe kann - — namentlich mit Zuhilfenahme der Röntgen-
irsuchung — bis Zu einem ziemlich grossen Grade von Genauigkeit gelöst
len. Wir können die noch völlig frei gebliebenen Lungenabschnitte von
bereits erkrankten abgrenzen, wir können alle kleineren und grösseren,
tleer gewordenen Teile der Lunge erkennen, wir können die meisten
its erfolgten Einschmelzungsprozesse, also die Kavernen bildungen
;r Lunge, mit Sicherheit erkennen, wir können Schrumpfungsvor¬
ige feststellen, wenigstens soweit sie grössere Abschnitte der Lunge
.■ffen, und können endlich gewisse wichtige sekundäre Prozesse
rankungen der Pleura, Pneumothorax) nachweisen. Wie man sieht, sind
her nur physikalische Aenderungen des Lungengewebes, vor allem
lerungen seines Luftgehalts, die wir erkennen. Unser Urteil über die
to logische Natur der diesen Veränderungen zugrunde liegenden Vör¬
ie ist ein rein sekundäres, abgeleitetes Analogieurteil.
Mit der Feststellung der anatomischen Veränderungen in der Lunge ist
rlich nur die Kenntnis des jeweiligen Zustandsbildes erreicht.
: entsteht die zweite, fast noch wichtigere Frage nach der Aktivität
Prozesses, nach dem Kräfteverhältnis zwischen der Angriffskraft des
ikheitserregers und den Abwehrkräften des Körpers. Ist der festgestellte
js quo ein stationärer, ein in rascherem oder langsamerem Fort¬
reiten oder in langsamem Zurückweichen, d. h. in H e i 1 u n g s -
denz begriffener? Von pathologisch-anatomischer Seite ist bekanntlich
rdings mit grossem Nachdruck behauptet worden, dass die Beantwortung
obigen prognostischen Fragen vor allem von der Feststellung der
on deren histologischen Natur der im Einzelfall vorliegenden
rkulösen Prozesse abhängig sei. Die neu eingeführten Namen der „pro-
ctiven“ und der „exsudativen“ Form der tuberkulösen Ver¬
engen sollen die sichere Leitschnur zur prognostischen Beurteilung der
einen Fälle abgeben. „Der Charakter, d. h. die histologische Art der
isischen Prozesse entscheidet vor allem über die klinische Heilbarkeit
Lungenphthise.“ Dieser Satz mag, was ich nicht zu entscheiden habe,
rein pathologisch-anatomischen Standpunkt aus richtig sein. Eine
mtliche klinische Bedeutung muss ich ihm aber durchaus absprechen,
n erstens glaube ich nicht, dass wir mit irgendwelcher Sicherheit mit
: unserer klinischen Methoden in allen Fällen jene uns Aelteren übrigens
n lange bekannte Unterscheidung der histologischen Vorgänge schon zu
weiten der Kranken machen können, und zweitens müssen doch auch
Anatomen zugeben, dass sich in vielen Fällen „produktive“ und „exsuda-
‘ Prozesse so vielfältig miteinander vereinigen, dass schon hierdurch
Unterscheidung für die Beurteilung des Gesamtzustandes an
t verliert. Natürlich zweifle ich nicht, dass jetzt die Diagnose „produktive
:ise“ und „exsudative Phthise“ infolge der suggestiven Macht des Wortes
der Autorität in gewissen ärztlichen Kreisen modern werden wird. Ich
hte aber, dass die Sicherheit dieser Diagnostik nicht immer im gleichen
lältnis zur wirklichen Einsicht in die vorliegenden Krankheitsprozesse
en wird. Was den Kliniker aber vor allem zur Ablehnung des obigen
:es bewegen muss, ist seine grosse Einseitigkeit. Von wie
reichen sonstigen, teils innerlich begründeten, teils rein zufälligen Er-
issen hängt das Schicksal des einzelnen Kranken ab! Von seiner eigenen
ititutionellen Widerstandskraft, von mannigfachen äusseren Umständen,
dem Eintritt von Komplikationen (Blutungen, Pneumothorax u. a.). von
Ausbreitung der Tuberkulose auf andere Organe (Larynx, Darm, Meningen,
are Aussaat) usw.! Wie kann man da sagen, dass vor allem der histo-
sche Charakter der Erkrankung entscheidet, wenn er auch natürlich als
her nicht ohne Einfluss auf den weiteren Verlauf des Leidens ist. Dies
aber kein klinisch hervortretendes wesentliches Merkmal.
So sind wir also bei der Beantwortung der wichtigen Frage nach
jeweiligen Aktivität des vorliegenden tuberkulösen Prozesses hauptsäch-
immer noch auf die alten klinischen Merkmale. Konstitution und
itus, Heredität und Familiarität, Alter, Ernährungszustand und von den
einen klinischen Erscheinungen vor allem auf das Verhalten der
;enwärme angewiesen, die ein ungemein feines und sicheres Reagens
den jeweiligen Stand des. Kampfes zwischen Krankheitserreger und
pergewebe ist. Völlige Fieberlosigkeit ist mit wenigen Ausnahmen stets
Zeichen der Kampfesruhe, die zum Wiederaufbau und zur Ausheilung
krankhaften Veränderungen benützt werden kann. Jede Fiebersteigerung
eutet eine Aktivität des Angriffes. In nichts anderem spiegeln sich
Phasen und Schwankungen des langwierigen Kampfes so deutlich wieder,
in der fortlaufenden Fieberkurve. Man hat neuerdings gemeint, in den
dfischen tuberkulösen Kutanreaktionen noch sicherere Hinweise auf die
eilige Kampfesstärke des befallenen Organismus zu besitzen. Ich will
hierüber kein abschliessendes Urteil erlauben. Aber nach dem, was ich
'über gelesen und was ich selbst gesehen habe, scheinen mir die Ver¬
russe noch keineswegs genügend geklärt zu sein, um zu bindenden Schluss¬
folgerungen die Berechtigung zu geben. Für den Kliniker ist die Tuberkulose
weder ausschliesslich ein anatomischer Vorgang, noch viel weniger ausschliess¬
lich ein „immunbiologisches Problem“, sondern eine Krankheit, die sich
aus zahllosen Einzelprozessen zusammensetzt, deren Anwesenheit und Be¬
deutung in jedem Einzelfall nach Möglichkeit genau festzustellen die Aufgabe
des klinisch geschulten Arztes ist.
Die schier unerschöpfliche Mannigfaltigkeit in dem Verlaufe und der
Erscheinungsweise der Lungentuberkulose macht auch die neuerdings wieder
stark hervortretende Neigung nach schematischen ■ Einteilungen der verschie¬
denen „Formen“ der Lungentuberkulose mit Aufstellung einer Menge von
Namen und Bezeichnungen von vornherein wenig aussichtsreich und praktisch
wenig brauchbar. Ich halte diese Schemata auch in didaktischer Hin¬
sicht für nicht zweckmässig. Die Wirklichkeit lässt sich in das Prokrustesbett
des Schemas doch nicht ohne Zwang hineinpressen und der Schüler verliert
darüber die Hauptaufgabe des Arztes, jeden Einzelfall nach all seinen be¬
sonderen Eigentümlichkeiten genau zu analysieren, aus dem Auge. Dass
man gewisse Hauptformen der Lungentuberkulose nach ihrer Wirkung unter¬
scheiden kann, versteht sich von selbst. Auch die Aufstellung der drei
Stadien der Lungentuberkulose gilt höchstens für eine gewisse Anzahl aus
der Kindheit stammender Infektionen, aber keineswegs für die m. E. nicht
seltenen Fälle späterer Infektion.
Schliesslich halte auch ich den Vorschlag, statt der ätiologisch voll¬
kommen eindeutigen und gut gewählten Bezeichnung „1 uberkulose
jetzt wieder den alten Namen „Phthise“ einzuführen, für sachlich un¬
zweckmässig und unbegründet. Sollen wir jetzt etwa auch von „phthisischer
Meningitis“, von „Gelenkphthise“. „Hautphthise“ u. a. sprechen?, ganz abge¬
sehen von dem logischen Widersinn einer „produktiven Phthise' . Auch hier
macht sich zwar jetzt wieder die Suggestionsmacht der Autorität geltend.
Ich hoffe aber, nicht für immer.
Herr A s s m a n n betont im Gegensatz zu einer modernen, rein immun¬
biologischen, noch sehr spekulativen Richtung den grossen Wert exakter
pathologisch-anatomischer Grundlagen für die klinische
Beurteilung der Tuberkulose.
Im einzelnen bespricht er zunächst seine Erfahrungen an Kriegs¬
tuberkulosen. In einem Teil derselben fand er bei äusserlich gar nicht
disponiert aussehenden, kräftigen Männern mit gutem Thoraxbau eine auf¬
fallende Ausbreitung der Tuberkulose in den unteren und mittleren Lungen¬
abschnitten bei freien oberen Lungenteilen. Er weist auf die Aehnlichkeit
mit der Ausbreitung der kindlichen Tuberkulose hin. Es liegt der Gedanke
nahe, dass hierfür bei diesen Formen de-r Kriegstuberkulose einmal das unge¬
wöhnliche Mass äusserer Schädigungen, dann aber vielleicht auch ein Mangel
an Schutzstoffen infolge Fehlens einer früher überstandenen Infektion ver¬
antwortlich zu machen ist. In der Mehrzahl der Fälle herrschte aber auch
bei den Kriegstuberkulosen das vorwiegende Befallensein der Oberlappen
und eine absteigende Tendenz des Krankheitsprozesses von oben nach unten
vor, so dass hier kein grundsätzlicher Unterschied gegenüber dem sonstigen
Verhalten angenommen wird.
Zweitens übt A. Kritik an der Theorie, dass die Verbreitung der Tuber¬
kulose beim Erwachsenen in der Regel vom Hiius nach der Spitze auf
retrogradem Lymphtransport erfolge. Die Röntgenbefunde von
S t ti r t z und Rieder, die den Boden für diese Anschauung gegeben haben,
ermangeln ganz einer anatomischen Kontrolle. Eigene ausgedehnte ver¬
gleichende anatomische, röntgenologische und klinische Untersuchungen
lieferten keine Unterlagen für diese Anschauung. A. bittet Herrn Geheimrat
Marchan d, sich vom pathologisch-anatomischen Standpunkte zu dieser
Frage zu äussern. Die Röntgenbilder können auch ganz anders ausgelegt
werden. A. nimmt an, dass wenigstens in vielen Fällen den sog. S t ü r t z -
sehen „lymphangitischen“ Strängen hauptsächlich die blutgefüllten Gefässe.
keine tuberkulösen Veränderungen der Lymphgefässe zugrunde liegen. Er
ist der Ansicht, dass im allgemeinen viel zu viel tuberkulöse Veränderungen,
namentlich in der Hilusgegend bei der Röntgendiagnostik der Tuberkulose
angenommen werden, oft auch in vollständig normalen Fällen.
Bezüglich der Nomenklatur meint A„ dass die Einteilung nach
Fraenkel-Alb recht den praktischen Anforderungen in anatomischer,
röntgenologischer und klinischer, auch in prognostischer Hinsicht am besten
gerecht werde.
Herr Wandel betont 1. die zunehmende Häufigkeit der tuberkulösen
Lymphdrüsenerkrankungen, besonders der Hilustuberkulosen, auch bei Er¬
wachsenen, deren Weiterverbreitung auf das interstitielle Lungengewebe man
in guten Röntgenbildern oft verfolgen kann; nicht so sehr die bekannten
interstitiellen Stränge, als deutlich peribronchitische Umscheidungen in der
Nähe des Hiius zeugen von dem Fortschreiten des Prozesses. Jahrelang können
solche Tuberkulosen interstitiell, d. h. geschlossen, bleiben und klinisch nichts
anderes, als häuiige subfebrile Temperatursteigerungen darbieten, bis plötz¬
lich doch Tuberkelbazillen gefunden werden, weil irgendein Bronchialdurch¬
bruch erfolgt ist.
2. Der Wert der A s c h o f f sehen Einteilung in eine produktive und
eine exsudative Form für die Klinik darf freilich nicht überschätzt werden.
Und doch hat insbesondere die anatomische und röntgenologische Differen¬
zierung der ersteren, prognostisch günstigeren, mit Schrumpfungen aus¬
heilenden Form schon viel genützt. Beispiel einer Infektionsserie von
3 Gliedern, jedesmal mit jahrzehntelangem benignem Verlauf. Die Beurteilung
der prognostisch ungünstigeren exsudativen Form bereitet dem Kliniker
viel mehr Schwierigkeiten, weil ihrem Wesen nach die verschiedenartigsten
Prozesse in der tuberkulösen Lunge dieser Form zugrunde liegen können.
In einer tuberkulösen Lunge können 1. echte pneumonische Prozesse
mit mehr oder minder protrahiertem Verlauf auftreten, oft auch rezidivierend;
während der Zeit der pneumonischen Exsudation vermehrtes, charak¬
teristisches. tuberkelbazillenfreies Sputum. Hierher gehören auch die als
„epituberkulös“ bezeichneten unspezifischen Lungeninfiltrationen. Sie
alle können restlos verschwinden. 2. Luetische Entzündungen in der
tuberkulösen Lunge können die exsudative Form Vortäuschen, bei Jodbehand¬
lung sich vollkommen aufhellen. 3. Können ausgedehnte Lymph¬
stauungen neben tuberkulösen Herden Vorkommen und wieder ver¬
schwinden, so z. B. als H e r d r e a k t i o n e n während der spezifischen
Therapie, manchmal auch spontan. Beispiele. Alle diese Zustände sind rönt¬
genologisch und klinisch von der spezifisch-exsudativen Form schwer zu unter¬
scheiden und fordern zur Vorsicht in der Prognosestellung auf.
Herr Marchand betont, dass ein Vorrücken der Tuberkulose vom
Hiius zur Spitze nur vorkomme, wenn ein Einbruch einer Hilusdrü'se in einen
Bronchus vorliegt.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
294
Herr Hu eck: Die Ansicht der meisten pathologischen Anatomen dürfte
dahin gehen, dass der erste tuberkulöse Herd stets peripher im Lungengewebe
liegt und dass sich die Erkrankung von hier aus zentralwärts zu den Hilus-
drüsen hin ausbreitet. Die Tatsache, dass namentlich die Röntgenunter¬
suchung in der Klinik vielfach die umgekehrte Vorstellung erweckt hat — Aus¬
breitung vom Hlius aus peripherwärts in die Lunge — , kann u. a. oft dadurch
bedingt sein, wie besonders Ranke betont hat, dass anatomisch das
Zwischengebiet zwischen peripherem Lungenherd und Hilusdrüsen im Sinne
einer unspezifischen Lymphangitis erkrankt, die einerseits zu schwieliger Ver¬
dickung der Wand der Qefässe und Bronchien, andererseits zu Bronchial¬
katarrhen führt, die wiederum Atelektasen auch in zentral gelegenen Lungen¬
abschnitten zur Folge haben. .
Die Versuche, die Lungentuberkulose „einzuteilen , erscheinen doch auch
von praktisch-klinischen Gesichtspunkten aus bedeutungsvoll. Zum mindesten
erscheint die Möglichkeit gegeben, die drei prognostisch wichtigen Formen
der indurierenden (zirrhotischen), produktiven (proliferativen) und exsudativen
Tuberkulose mit klinischen Mitteln (insbesondere Röntgenverfahren) zu er¬
kennen und zu unterscheiden. .
Herr Kruse: Für den Hygieniker und Bakteriologen erscheint als be¬
sonders bemerkenswertes Ereignis dieser Aussprache, dass gerade die er¬
fahrensten Kenner der Lungentuberkulose die sehr moderne Theorie, nach der
die Lungentuberkulose der Erwachsenen gewissermassen nur das letzte
Stadium der Kindheitstuberkulose sein soll, ablehnen. Gewiss gibt es
spezifisch immunisierende Vorgänge bei der Tuberkulose, man darf ihre Trag-
weite aber nicht überschätzen (vergl. Zschr. f. Tub. 39, S. 382). Neben dei
spezifischen kann auch eine natürliche Immunität gegen Tuberkulose erworben
werden. So ist wohl die verhältnismässige Widerstandsfähigkeit der zivili¬
sierten Völker durch die jahrhundertlange Auslese im Kampfe gegen die Tuber¬
kulose hervorgerufen worden, nicht durch spezifische Immunisierung.
Herr Klarfeld: Die pathologische Anatomie des Gehirns in ihren Be¬
ziehungen zur Psychiatrie. (Erscheint als Originalartikel in der M.m.W.)
Aussprache: Herr Niessl v. Mayendorf: Nicht Rinden¬
histopathologie, sondern die Gehirnmechanik, die Lehre von dem gesetz-
mässigen Zusammenwirken der Gehirnteile vermögen über die physiologischen
Grundlagen der psychischen Elemente wissenschaftlich aufzuklären. Mikro¬
skopische Anatomie, Physiologie und Pathologie des Gehirns müssen zur Auf¬
findung dieser Gesetze Zusammenarbeiten.
Herr Buinke: Wenn die pathologische Anatomie der Psychosen warten
sollte, bis die Anatomie der sog. psychischen Elemente gefunden ist, so würde
sie recht lange warten müssen; denn wir glauben ja heute gar nicht mehr,
dass es psychische Elemente gibt.
Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 6. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr M ü h 1 m a n n.
Herr Neisser: Ueber die hepatolienalen Erkrankungen.
Zum Referat nicht geeignet.
Herr Lieh teil au er: Die Beziehungen der Chirurgie zu den hepato¬
lienalen Systemerkrankungen.
Es werden folgende Fragen besprochen:
1. Ist die jetzt allgemein vorherrschende Ansicht über die Funktion
dieser Organe im physiologischen und pathologischen Zustande geeignet,
einen Einfluss auf die allgemeine Chirurgie und ihre praktische Anwendung
zu gewinnen?
2. Sind wir imstande, durch chirurgische Massnahmen die Erkrankungen
dieses Systems zu beeinflussen?
Herr Hei mann: Besprechung der Methoden zur Resistenzprüfung der
roten Blutkörperchen und des Bilirubinnachweises nach van den Bergh
und seiner Modifikationen.
Herr F I a t e r: Demonstration des Kolorimeters von Meulengracht
zum quantimetrischen Nachweis von Gallenfarbstoff im Blutserum.
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung v o rn 16. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Jüngling.
Herr Gmelin: Beitrag zur Askaridose aus der Pathologie unserer
Haustiere.
Unter Hinweis auf die Arbeiten von F ü 1 1 e b o r n über die Beteiligung
der Blutbahn an der Vermehrung der Askariden im Körper des Wirts (Arch.
f. Schiffs- u. Tropenhyg. Bd. 24 u. 25) zeigt Ref.. welche Bedeutung diesen
Arbeiten für die tierärztliche Pathologie gerade jetzt zukommt, da seit dem
Krieg eine ganz ungewöhnliche Vermehrung der Askariden nicht bloss bei
den Menschen, sondern insbesondere auch bei den Haustieren festzustellen
ist. Es werden die Askaridosen der Haustiere und ihr wirtschaftlicher
Schaden geschildert und dann die Ursachen der Schädigung des Wirts be¬
sprochen, die nicht bloss in der Massenbesiedelung des Dünndarms und der
gelegentlichen Wanderung der Würmer bestehen, sondern insbesondere auch
in den durch die Askariden ausgeschiedenen Toxinen. An der räumlichen
Ausbreitung der Askariden ist zweifellos die Unsauberkeit des Futters, Ver¬
bitterung von Mühlenstaub, Hinterkorn, schlechter Kleie — vergl. die Müller¬
pferde — ebenso schuld wie Unsauberkeit im Stall. Die Vermehrung im
Wirtstier nach der von F ü 1 1 e b o r n geschilderten Weise, die eine Lücke
im Entwicklungsgang der Askariden ausfüllt, muss dem Veterinärpathologen
ohne weiteres schon darum annehmbar erscheinen, als eine ganze Reihe
älterer Beobachtungen dadurch zwanglos erklärt wird, z. B. der Fund aus¬
gewachsener Askariden bei 10 Tage alten Kälbern (Ga steig er), 14 Tage
alten Fohlen (Ref.), ferner die Erkrankung des Respirationsapparates und der
Nieren, die G a s t e i g e r bei einer Askaridenenzootie in Miesbach-
Tegernsee festgestellt hatte. Dass die Askaridenlarven, obgleich sie
erheblich grösser sind, als die Mikrofilarien, bei ihrer Wanderung durch die
Blutbahn keine erheblichere Störung der Gesundheit bedingen, kann den
Veterinärpathologen nicht verwundern, da ihm eine analoge Wanderung von
dem erheblich grösseren Skierostoma, mit dem 95 Proz. aller Pferde behaftet
sind bekannt ist. Es wird sodann die Entwicklung und Wanderung v
Scle’rostoma vulgare durch die Blutbahn an Lichtbildern und Präparaten i
zeigt.
Aussprache: Herr v. Schleich, Herr Gmelin, Herr A b e g
Herr Reich, Herr Mönckeberg, Herr Birk, Herr Perthes. H
Gmelin.
Herr Vogel: Das Gehörorgan der Singzikaden.
Herr V. berichtet über die von ihm kürzlich gemachte Entdecku
Fast überall im Tierreich, wo kompliziertere Organe der Lauterzeugung v
handen sind, finden wir auch Gehörorgane, so vor allem bei den durch Lunj
atmenden Wirbeltieren. Auch bei den „musizierenden“ Heuschrecken i
Grillen sind Sinnesorgane vorhanden, deren Bau als Gehörorgane gedeu
werden kann: für das Vorhandensein solcher spricht auch das Experime
Noch vollkommenere Organe der Lauterzeugung als bei den eben genann
Gruppen finden wir unter Insekten bei den männlichen Singzikaden (
Weibchen sind stumm). Sie liegen als 2 rundliche, elastische Platten
den Seiten des ersten Hinterleibsringes und werden durch einen riesij
V-förmigen Muskel in Schwingungen versetzt, wodurch eben der „Gesai
der Singzikaden entsteht. Zahlreiche Beobachtungen weisen darauf hin, d
die Singzikaden hören, doch hat man bisher vergebens nach einem e
sprechenden Sinnesorgan gesucht. Das vom Vortragenden als Gehörorj
gedeutete Organ liegt an den beiden Seiten des 2.' Hinterleibsringes in ei
halbkugeligen, mit der Leibeshöhle (=Blutraum) kommunizierenden Kap
ausgespannt zwischen 2 federnden Skelettstücken, von denen das eine (innt
je mit einer grossen, straff gespannten, auf der Bauchseite gelegenen Memb
in Verbindung steht. Diese Membranen wurden von früheren Auto
(hauptsächlich dem berühmten Reaiimur) als Resonatoren gedeutet, e
Deutung', deren Unrichtigkeit L e p o r i bereits 1868 dargelegt hat, wel
sich aber bis auf den heutigen lag erhalten hat. Aus der Lagebeziehung
Membranen zu den Sinnesorganen lässt sich vielmehr ihre. Bedeutung,
akustische Trommelfelle (Tympana) mit grösster Wahrscheinlichkeit ableii
Die in einem Skelettring zwischen 1. und 2. Hinterleibsring ausgespann
rundlichen oder ovalen Trommelfelle besitzen einen Durchmesser von 2
4 min und eine Dicke von vielfach nur 0,0005 mm. In der Mitte zeigen
schöne Farbringe (Prinzip der dünnen Plättchen). Ein am Skelcttr
inserierender kleiner Muskel dürfte als Spanner (Tensor tympani) diei
ein grosser Luftsack (sog. Tracheenblase) verwächst mit der inneren W
düng der Tympana. Da die Tracheenblase durch das Tracheensystem
der Aussenluft kommuniziert, so ist, was physiologisch wichtig ist, auf Inn
und Aussenseite des Trommelfells annähernd gleicher Luftdruck. Das Sim
orgaii selbst besteht aus etwa 1500 sehr langen Sinneszellen, welche du
basale und distale, faserig strukturierte Epidermiszellen straff, wie
Saiten eines Instrumentes, zwischen den schon erwähnten Skelettstüc
ausgespannt sind. Die feinsten Schwingungen der Tympana müssen
auf die Sinneszellen übertragen werden. Der feinere Bau der letzteren, in:
sondere ihre Stiftkörperendigungen, verhalten sich im wesentlichen wie
den Gehörorganen der Heuschrecken und Grillen. Der das Organ im
vierende Nerv kommt aus dem Bauchmark. Das Gehörorgan findet :
nicht nur beim tonproduzierenden Männchen, sondern in, gleicher Gri
auch bei den stummen Weibchen, welche durch den Gesang der Männe
angeloclu werden sollen; die Tympana der letzteren sind jedoch- et-
grösser als die der Weibchen.
Die Ansicht, dass es sich im beschriebenen Organ um ein Gehöror
handelt, ist äusserst wahrscheinlich, bedarf jedoch noch der experimente
Stütze, mit welcher der Vortragende sich im kommenden Sommer befa:
will.
Würzburger Aerzteabend.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung des ärztl. Bezirksvereins v o m 7. Februar
in der medizinischen Poliklinik.
Herr Magnus-Aisleben demonstriert :
1. Syringomyelie (Syringobulbie) : 46 jälir. Mann, typischer Befund
beiden Armen, rechts stärker als links, Spasmen im rechten Bein, Kyi
skoliose, chronische Luxation des rechten Schultergelenks. Ferner: re
Zungenhälfte atrophisch, fibrilläre Muskelzuckungen daselbst, Hypästhesie
rechten Gesichtshälfte, rotatorischer Nystagmus nach rechts. Da. i
neueren Untersuchungen der rotatorische Nystagmus im hintersten Teile
Vestibulariskernes lokalisiert sein soll, wird man den Nystagmus hier ni
der Lähmung des Hypoglossus und des sensiblen Trigeminus wohl als lok
Symptom der von unten nach oben fortschreitenden Bulbuserkrankung
sprechen dürfen.
2. T h o m s e n sehe Krankheit: 15 jähr. Kranker. Bei Händedruck,
sonders links, deutliche Erschwerung der Handöffnung; bei Beklopfen
Streckmuskulatur des Unterarmes beiderseits sekundenlang anhaltende I
traktion. Dieser Zustand hat sich seit 2 Jahren allmählich entwickelt,
älterer Bruder des Kranken, bei welchem im Jahre 1910 in der hiesigen n
zinischen Poliklinik sichere Zeichen von Thomsen scher Kran!
mechanisch und elektrisch festgestellt wurden, ist jetzt völlig beschwerd
und als Schlosser tätig. Bei diesem ist jetzt objektiv nur durch Beklo
der Zunge noch eine Dauerkontraktion nachweisbar; sonst alles völlig o
Die beiden Kranken berichten, dass ihre Mutter als junges Mädchen tneh
Jahre lang an der gleichen „Muskelsteifigkeit“ gelitten hat und seitdem
ständig gesund geblieben ist. (Diese Beobachtungen werden von HI
Dr. Stattmüller ausführlich veröffentlicht werden.)
3. Tabes: 3 Kranke; bei einem derselben, einem 42 jähr. Marmel
Optikusatrophie und sehr starker Ataxie hat Herr Prof. Port die 1
v. Bayer sehe Tonusbandage aus elastischen Zügen angefertigt. Deifi
stration .derselben und Besprechung ihrer theoretischen Grundlagen uber,t
muskuläre Koordination. »
4. Lymphatische Leukämie: 57 jähr. Mann; im Dezember 1920 Behänd«
in der hiesigen medizinischen Poliklinik wegen Bronchitis und Emphyt
Damals wurde Drüsenschwellung am Halse und Vergrösserung der Ton:l
vermerkt. Seit % Jahren zunehmende Anschwellung am Halse mit ziehe*
Schmerzen, Mattigkeitsgefühl; jetzt erhebliche Schwellung der Halsdrtfi
Axillar-, Inguinal- und Bronchialdrüsen; Milz 2 Querfinger unterhalb <
Rippenbogens. Blutbefund am 3. Januar 4 600 000 rote, 65 000 weisse Ö
körperchen, 90 Proz. Hämoglobin. Die weissen Blutkörperchen best;»
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
295
stenteils aus kleinen Lymphozyten. Röntgenbestrahlung der Drüse. i-
iren: 4 Feldern, mit je lA HED. Ain 24. Januar Drüsenpakete zurück-
ngen. Befinden besser, 4 800 000 rote, 34 000 weisse Blutkörperchen,
erum gleiche Bestrahlung. Am 7. Februar Befinden gut, Drüsenpakete
er, 4 700 000 rote und 6900 weisse Blutkörperchen, darunter 40 Proz.
nukleäre, 50 Proz. kleine Lymphozyten, 7 Proz. grössere Lymphozyten,
-oz. Uebergangszellen, 1 Proz. Mastzellen, keine Bestrahlung, Eisen¬
lik.
5. Situs inversus: 47 jähr. Frau. Elektrokardiogramm zeigt in Bestätigung
rer Beobachtungen, dass bei Ableitung I alle drei Zacken nach unten
htet sind, während Ableitung II and III keine deutlichen Abweichungen
der Norm zeigen.
6. Diabetes: 48 jähr. Mann, Besprechung der Haferkur.
7. Demonstration von Röntgenbildern über Pneumothorax.
lysikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzburg.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 2. Februar 9122.
Herr Vogt: Ueber die Dynamik der Keimblattbildung nach Versuchen
Triton.
Quere Abtragung des Daches der Furchungshöhle an Blastulastadien von
;rist. und taen. ergibt bei Spätoperation (dicht vor und im Beginn der
rulation) Embryonen, die ausser Defekten im Kopfbereich normal sind,
Frühoperation (mittleres Blastulastadium) dagegen Exogastrulae von
nel- oder Pilzform. Bei diesen trennt eine tiefe Ringfurche das animale
Uebergangsmaterial vom vegetativen. An der Dotterkugel kann trotzdem
eher Ansatz zur Invagination des Urdarms auftreten. Die Ringfurche
Is die dem Urmundschluss homologe konzentrische Zusammenziehung der
rgangszone zu deuten, die aber an falscher Stelle, nämlich oberhalb
tt unterhalb des Keimäquators erfolgt (der rasch sich vollziehende
rtschluss zieht diese Zone fälschlich animalwärts empor und verhindert
ire normale Verschiebung nach abwärts). Epibolie der Uebergangszone
Invagination der Dotterzellen wirken normalerweise synergetisch, er-
:rn sich aber als lokal getrennt determinierte, aktive Prozesse: das
riment zerlegt die Gastrulation in ihre 2 Phasen. Zum Determinations-
em ergibt sich ferner: die Unterdrückung der Urdarmbildung kann die
mg der Medullaranlage völlig verhindern, trotz Auftretens von Chorda
in Somite, Blutanlage u. a. differenziertem Mesoderm. Kleine Dachstücke
en differenziert zu Flimmerepithel werden. Die Dynamik der Keimblatt-
ng ist weder durch Wachstumsdruck noch durch aktive Einzelbewegungen
Zellen erklärbar, sondern aufzufassen als lokal determinierte, aktive
enbewegung ganzer Keimabschnitte.
Herr Ganter: Untersuchungen über den menschlichen Darm.
Gemeinsam mit van der Reis - Greifswald mittels der von Ganter
führten Darmpatronenmethode am menschlichen Dünndarm ausgeführte
iriologische Untersuchungen haben ergeben, dass gewisse, nicht darm-
e Keime im menschlichen Dünndarm abgetötet werden. Die Abtötung
;ine scheinbare, d. h. sie wird nicht durch motorische oder resorbierende
tionen des Darmes vorgetäuscht. Die bakterizide Funktion kommt dem
des Dünndarms zu. Es wurde mit der Methode weiterhin festgestellt,
der Inhalt des Dünndarms beim Gesunden nicht keimfrei ist, sondern
eine obligate Dünndarmflora vorhanden ist, die allerdings weniger üppig
an Arten weniger reichhaltig ist als die Dickdarmflora.
Dann schildert G. seine neue Versuchsanordnung, mit der sich die Be-
ngen des menschlichen Dünndarms registrieren lassen. Es ergibt sich
len mit dieser Methode angestellten Versuchen und den demonstrierten
en, dass, ähnlich wie dies Trend elenburg beim isolierten Säuge-
irm festgestellt hat, auch am menschlichen Dünndarm bei einem be¬
uten kritischen Innendruck ziemlich regelmässige Kontraktionen auf-
l, deren Frequenz 10 — 12 in der Minute beträgt. Weitere Steigerung
nnendruckes übt keinen Einfluss auf die Frequenz und die Grösse der
aktionen aus. Bei Sinken des Druckes unter den kritischen Punkt hören
lontraktionen momentan auf. Eine Ermüdbarkeit konnte nicht festgestellt
en. Es wird der Beweis erbracht, dass es sich um peristaltische Wellen
:1t. Durch Erweiterung der Versuchsanordnung wird die Geschwindig-
ler peristaltischen Wellen gemessen. Die Versuchsanordnung lässt sich
auf Untersuchungen am Oesophagus und Dickdarm anwenden.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 27. Januar 1922.
Jerr S. Peiler: Ergebnisse der von der Oesterreichischen Gesellschaft
Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit durchgefiihrten
lelforschung. (Von 6000 Aerzten haben bloss 400 die versendeten Frage-
i ausgefüllt.)
Uarr A. Haberda: Stellung des Arztes im österreichischen und im
ehen Strafgesetzentwurf.
Jas österrreichische Strafgesetz stammt eigentlich aus dem Jahre 1803,
das Gesetz von 1852 nicht wesentlich von dem alten Gesetz abweicht,
lern Herrenhause im Jahre 1912 vorgelegte Entwurf ist in der Monarchie
Gesetz geworden. Seit 1918 sind einige Teilnovellen im Nationalrat
gt worden. Auch in Deutschland soll ein neues Strafgesetz dem Reichs-
vorgelegt werden.
7ortr. berichtet über einige Punkte, die die Aerzte interessieren.
• Eigenmächtige ärztliche Behandlung. Während früher
:utschland ein Arzt wegen eines Eingriffes, zu dem der Operierte oder
gesetzlicher Stellvertreter die Zustimmung nicht gegeben hatten, wegen
:rer körperlicher Verletzung belangt werden konnte, kann er (im Falle
esetzwerdung des Entwurfes) nur wegen Einschränkung der persönlichen
eit geklagt werden. Der österreichische Entwurf verbietet nur die
ition gegen den Willen des Kranken, der deutsche verlangt die ausdrück-
Zustimmung. Der österreichische Entwurf lässt auch bei Bewusstlosig-
die vitale Indikation gelten (z. B. bei Selbstmordversuchen). Sehr
ig sind diese Bestimmungen auch wegen event. Entschädigungsklagen
osmetischen Operationen, die nicht gelungen sind. Uebertragung von
Seiten zu Heilzwecken (z. B. Malaria bei Paralyse) ist straffrei.
II. Verletzungen mit Zustimmung des Verletzten sind
nur zu Heilzwecken bei kranken Personen gestattet, z. B. Tubenresektionen
bei gesunden Frauen also nicht, wohl aber bei Frauen, bei denen eine
Gravidität Gefährdung des 'Lebens zur Folge hätte; Blutentziehungen mit
Zustimmung des Blutspenders sind gestattet; die Frage bezüglich der
Steinach sehen Operation ist nicht klar lösbar.
III. Für die Abtreibung der Leibesfrucht gilt nur die
strenge medizinische Indikation als berechtigter Grund.
IV. Tötung der Leibesfrucht im M u 1 1 e r 1 e i b e ist nur
dann straflos, wenn auf andere Weise die Gefahr für die Schwangere nicht
abzuwenden ist.
V. Der „Notstand“ gilt als Strafausschliessungs-
grund nur bei vitaler Indikation.
VI. Verletzung der Schweigepflicht wird strenge
bestraft; auch fahrlässige Verletzung kann durch schlechte Verwahrung
von Krankenprotokollen eintreten. Vortr. macht auf die besonders leichte
und häufige Möglichkeit der Pflichtenkollision bei venerischen Erkrankungen
aufmerksam.
VII. Die An zeige Pflicht beim Verdacht von Ver¬
brechen obliegt nicht dem praktischen Arzt, sondern dem Totenbeschauer.
VIII. Beide Entwürfe kennen keinen Berufszwang.
IX. Der deutsche Entwurf enthält eine besondere Bestimmung für un¬
wahre Bekundungen, also für ärztliche Zeugnisse, die der Wahrheit
nicht entsprechen. Vortr. warnt vor der Ausstellung von Gefälligkeits¬
zeugnissen.
X. Schutz des Arztes gegen ungerechte Anklagen.
Der österreichische Entwurf fordert zur Strafbarkeit, dass ein Schaden ent¬
standen ist.
XL Das Kurpfuschertum wird auch dann bestraft, wenn es
berufsmässig ausgeübt wird, nicht nur wenn es gewerbsmässig betrieben
wird. In dieses Gebiet fallen die Geheimmittel, das Hypnotisieren durch
Laien usw.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 15. Februar 1922.
Tagesordnung:
Herr M. Berliner: Ueber Zwergwuchs.
Fortsetzung der Aussprache: Ueber Salvarsanfragen.
Herr O. Rosenthal: Die Lues primaria seropositiva ist schon als
Sekundärstadium aufzufassen. Die 100 Proz. Heilungen des Herru L e s s e r
sind eine längst widerlegte Behauptung, ganz abgesehen davon, dass inner¬
halb 2 Jahren ein Urteil völlig unmöglich ist. Meningitische Reizung bedeutet
eine absolute Kontraindikation gegen Salvarsananwendung, und er stimmt
mit den Vorrednern darin überein, dass bei der Salvarsantherapie mehr wie
bisher auf die Alarmsymptome zu achten ist. Er bekennt sich als Anhänger
einer chronisch-intermittierenden Behandlung.
Herr v. Wassermann spricht vom biologischen Standpunkt aus.
Das Primärstadium reicht von der Infektion bis zum Eintritt der seropositiven
Reaktion; bis zu diesem Termin liegen keinerlei Gewebsläsionen vor. Den
unabänderlichen Zyklus der Lueserscheinungen vermag nur das Salvarsan
aufzuheben. Das serumpositive Stadium ist in ein allergisches und in ein
nichtallergisches Stadium zu trennen. In dem Verlauf der Lues sind Ruhe¬
pausen eingeschaltet, und das Wesen dieser Latenz ist vollkommen unbekannt.
Man wird dabei an einen biologischen Kompensationsvorgang denken müssen.
Im seropositiven Stadium der Syphilis ist die spirillizide Wirkung des
Salvarsans wichtig. Ist das Stadium der Allergie erst eingetreten, so kann
die ätiologische Therapie keine Abtötung der Erreger mehr erzielen.
Es ist ihm jetzt gelungen, einwandfreie Kulturen der Spirochaete pallida
zu erhalten. Mit ihnen lassen sich durch positives Serum ausserordentlich
eindeutige Agglutinationsphänomene erhalten.
In Zukunft wird die Behandlung der Syphilis sich ausserordentlich kom¬
pliziert gestalten, da man alle möglichen biologischen Phänomene beachten
müsse und sich nicht auf die Beobachtung der Wassermann sehen
Reaktion wird beschränken dürfen.
Herr Ulrich Friedemann: Bei Salvarsanschädigungen wird oft als
Fehldiagnose akute gelbe Leberatrophie diagnostiziert. Es handelte sich in
seinen Fällen um durch Salvarsaninjektionen provozierte Tropikaerkrankungen
(komatöse biliäre Malaria). Ausser seinen 3 Fällen sind 4 weitere in der
Literatur verzeichnet. Sämtliche Fälle wären sonst als Salvarsanschädigungen
angesehen worden. Von seinen Kranken haben 2 in Deutschland die Malaria
tropica erworben, was eine Folge der durch den Krieg zahlreich gewordenen
Malariaträger anzusehen ist. Bei Fieber und Ikterus nach Salvarsan¬
injektionen ist das Blut stets auf Malaria zu untersuchen; durch intravenöse
Chinintherapie ist Rettung dieser Fälle dann noch möglich.
Herr Pinkus: Das Salvarsan erzielt besonders Erfolge bei maligner
frünulzeröser Syphilis. Bei zu stark reagierenden Organen erzeugt das Sal¬
varsan bedrohliche Erscheinungen, wie z. B. die Blutungsreaktionen, die
häufiger im Anfang der Kur auftreten. Trotz Ko 11 es Ausführungen be¬
zweifelt Vortr., dass das Salvarsan so gut hergestellt wird, wie früher.
Herr Morgenroth: Als giftiges Produkt wurde das erste Oxydations¬
produkt des Salvarsans, welches auch den angioneurotischen Komplex er¬
zeugt, gefunden.
Salvarsan
Oxydationsprodukt
des Salvarsans
As == As
O = As As = O
/\ /\
II II
/\ /\
II II
\/NHs
\/NHa
OH OH
OH OH
Salvarsan zeigt in alkalischen Lösungen aber eine ganz verschiedene
(iiftigkeit, beim längeren Stehen tritt sogar eine Entgiftung ein. Giftigkeit und
Entgiftung beruhen auf Aenderung des kolloidalen Zustandes.
Herr Fritz Lesser: Durch schwache Salvarsandosen werden seiner
Erfahrung nach Neurorezidive erzeugt, die bei grossen Dosen ausbleiben.
Vortr. vertritt die Anwendung der minimalen wirksamen Dosis. Bei Wieder¬
holungen der Kur steht die Gewinnchance nicht mehr in richtigem Verhältnis
zur Gefahr. Wolff-Eisner.
296
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin.
Pädiatrische Sektion.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 13. Februar 1922.
Demonstrationssitzung: Hvdm.
Herr Cassel: 1. Fall von Hydrozephalus. Kind mit riesigem Hydro
-/enh ihis erst seit kurzem gelingt es dem Kind, das enorme Kopfgebilde
S1 S»“o » haltt“ Es sind 41 sys«, ns, Ische .
18 Monaten in ziemlich kurzen Intervallen von meist nur 8 14 Tagen vor
genommen worden, wobei jedesmal 80—100 ccm Lumbalflüssigkeit abgelassen
wurden. Der Erfolg wird als günstig beurteilt, da der Kopfumfang seitdem
"ICht2.mdemoSnsTrierteder Vortragende eine Monoplegie, die bei einem Kinde
im 9. Monat in Verbindung mit positivem Wassermann auftrat und von ihm
als syphilitischer Hydrozephalus angesprochen wird. Ein solcher Verlauf ist
ungewöhnlich, da ein syphilitischer Hydrozephalus sonst gewöhnlich nach
Ablauf anderer syphilitischer Erscheinungen im 5.-6. Lebensmonat auftrit t.
Dazu Herr J a p h a, der einen ähnlichen Fall gesehen hat, der dann
später noch eine eitrige Meningitis überstand.
Herr Jap ha: 1. Arthritis chronica. Die Erkrankung begann voi
2 Jahren mit einem unbestimmten Ausschlag, remittierendem Fieber, Er¬
krankung der Gelenke, die steif wurden und sich stark aufgetrieben zeigten,
Anwendung von Sanarthrit besserte die Beweglichkeit und liess auch die
Drüsenpakete verschwinden. Nach 12 Sanarthritinjektionen wV^de d ,
noch Caseosan verabreicht. Jetzt ist nur noch eine Schwellung der
te'le Dazu Herr Karger, der hervorhebt, dass bei dem Erfolg die Be¬
wegungstherapie die Hauptsache sei. T ,
2. Knochen- und Kehlkopflues. Die Differentialdiagnose gegen Tuber¬
kulose war schwierig, die bestehende Kehlkopfstenose wurde durch Neo-
salvarsan beseitigt, das bei Kindern nicht die Gefahren bietet, welche man
sonst ihm nachsagt. „ ., p-,. „
3 Myxödem. Der Vortragende demonstriert eine Reihe von Fallen,
welche meistens durch die Behandlung wesentlich gebessert sind Die Be¬
handlung muss früh, möglichst vor dem 12. Jahre einsetzen und dauernd
durchgeführt werden. n
Herr Gehrt: Drei Fälle von Meningitis serosa mit Amaurose, Der
eine der demonstrierten Fälle wurde frisch während der Entstehung beob¬
achtet. Die Differentialdiagnose zwischen Hirntumor und Meningitis serosa
bereitet einige Schwierigkeiten. Für letztere spricht das akute Einsetzen
der Erscheinungen, ln einem 2. Fall wurden hypophysäre Symptome beob¬
achtet. Der Ausgang der Meningitis serosa in Neuritis mit nachfolgender
Erblindung ist glücklicherweise selten. In den vorliegenden 3 Fallen findet
sich kein Turmschädel, der in den sonst beschriebenen Fallen die Regel zu
bilden scheint und die Erblindung durch Abklemmung der Aquaeduktus im
Sinne von Bönnighaus heFbeiführen. .
Herr Erich Müller demonstriert einen Fall von solitärer Echinokokken-
blase der Lunge, welche durch Röntgendurchleuchtung festgestellt worden war.
Dazu Herr Rabe, welcher die Differentialdiägnose ausführlich schildert,
welche gegen Dermoidzyste schwierig ist. .
Herr Martens betont, dass eine Dermoidzyste natürlich eigentlich
operiert werden müsste und dass es der Begründung bedarf, wenn man darauf
verzichtet Bei konservativer Behandlung hat man 24 — 30 Proz. Exitus und
die Statistik, die auf Grund der Literatur Garre kürzlich veröffentlicht hat.
erscheint für die Operation sehr günstig. Trotzdem muss man natürlich be¬
denken, dass die Statistik ein falsches Bild gibt, da mehr günstige als un¬
günstige Fälle veröffentlicht werden. Im vorliegenden Fall muss wegen der
absolut zentralen Lage und der dadurch sich ergebenden grossen Gefahi die
Operation abgelehnt werden. Von der Punktion ist dringend abzuraten, da
bei ihr wiederholt Todesfälle auf dem Operationstisch, vo.rgekommen sind.
Herr Lauter: Rektalschleimhautbefunde bei kindlicher Gonorrhöe.
Da die meisten Rezidive vom Rektum ausgehen, ist in allen Fällen von
Gonorrhöe bei Kindern die Untersuchung des Rektums und die Abimpfung
von der Rektalschleimhaut erforderlich. .
Herr Hultschinsky: Röntgenbehandlung der Rachitis. Bei Rachitis
wurde erst ganz kürzlich Röntgenbehandlung angewandt. Der Erfolg beweist,
dass auch tiefer dringende Strahlen wirksam sind. .
Herr L. F. Meyer: Syphilitisches Nabelgeschwür. Die Erkrankung
stellte sich zunächst unter dem Bilde einer banalen Nabelulzeration dar, in
der sich jedoch ein positiver Spirochätenbefund ergab. Finkaistein hat
bekanntlich das Vorkommen von syphilitischen Nabelgeschwüren vollkommen
geleugnet. Die Differentialdiagnose, ob es sich um einen Primäraffekt oder
um eine Aeusserung einer kongenitalen Syphilis handelt, ist aus vielen Gründen
schwierig. A. Wolff-Eisner.
Aus ärztlichen Standesvereinen.
Neuer Standesverein Münchener Aerzte.
Erfolg des Streikes konntefl lediglich eine etwas bessere Bezahlung und re:
zweifelhafte Zugeständnisse hinsichtlich der freien Arztwahl verzeich;
werden. — Nunmehr ist die Versicherungspflicht plötzlich auf die Einkomr
bis 40 000 M. unter Wiedererhöhung der Grenze für Versicherungsbereehtig
ausgedehnt worden. Die wiederholt erhobenen Forderungen der Aerzte ha
keine Beachtung gefunden und die Aussichten in dieser Beziehung für
Zukunft sind wenig erfreulich; mit der Entwertung der Mark wird die
Sitzung vom 3. Februar 1922.
Nach Begrüssung der neueingetretenen Mitglieder machte der Vorsitzende
Herr Bergeat auf die in Nr. 42 und 4 des Korrespondenzblattes veröffent-
i ; . i. * unH grösstenteils sehr unbefriedigenden
nerr tsergear aui uie m im. uuu - - -
lichten Honorarvereinbarungen und grösstenteils sehr unbefriedigenden
Honorarverhandlungen aufmerksam.
Als Hauptpunkt kamen sodann „Kassenärztliche Fragen
(Reichsversicherungsordnung)“ zur Besprechung.
Der erste Referent Herr Grassmann gab einen kurzen Ueberblick
über die Entwicklung seit dem Aerztestreik 1920. Dieser war bekanntlich
veranlasst durch die Erhöhung der Versicherungsgrenze von 2500 auf
12 000 M und der Grenze für die Versicherungsberechtigung. Unsere
Münchener Hauptforderung ging dahin, dass nur die wirklich Bedürftigen an
der Wohltat der Krankenversicherung teilnehmen dürften. Auch der Neue
Standesverein hatte zu der Frage Stellung genommen und war in einer
Resolution für möglichste Wiederherstellung der freien
ärztlichen Praxis durch billige Einschränkung der
freiwilligen Fortversicherung. Abschaffung des Pau¬
schale und Bezahlung der Einzelleistung eingetreten. Als
sicherungsgrenze fortschreiten. Wenn von uns etwas et.reicht werden
muss unsere Organisation schärfer am Werke sein, als bisher.
Herr Lukas als zweiter Referent gab ein Bild von der Entwickl
der Honorarverhältnisse in München, kam sodann auf den bayerischen Mar
vertrag zu sprechen, durch den die Möglichkeit eines Streikes der Ae
sehr eingeengt worden sei, und trat für bessere Vertretung unserer luteres
im Parlament ein.
Herr Bergeat bemerkte hiezu, dass eine derartige Erhöhung
Versicherungsgrenze früher von uns wohl nicht so erstaunlich ruhig
genommen worden wäre. Wir bräuchten wieder mehr Selbstvertrauen, <
feste Direktion und einen einheitlichen Willen. Wie 1920 mussten
ethischen Fragen wieder über die Honorarfragen gestellt und diese I
fassung im ärztlichen Nachwuchs rege gehalten werden. Ein fest
Programm tue uns not und für ein solches kämen vor allein die
Fragen : Freiwillige Fortversicherung, Versicheruai
grenze und freie Arztwahl als ein Ganzes in Betracht.
Die Familienversicherung, die Ausdehnung der Versicherung auf alle w
schädlich Schwachen, die Arbeitsgemeinschaft mit den Krankenkassen berij
das Interesse der Aerzte viel weniger. Mit diesen sozialen Forderungen, |
anderen zugute kommen, sollten die Aerzte wirklich nicht immer dem Gest
geber entgegengehen, solange ihre eigenen Hauptforderungen ständig nur I
gewiesen werden und sie auch in Honorarfragen allenthalben nur Widerstl
finden. Deswegen brauche man aber noch lange nicht von einer „Los von |
Kassen“-Politik zu sprechen, die natürlich nicht möglich wäre.
Fortgesetzt müsse die Organisation an der Erreichung obiger L
arbeiten, auch wenn nicht gerade eine gesetzgeberische Aktion in Sicht
Auch unser zentrales Finanzwesen müsse gestärkt werden und Ausgaben, t
der unmässig hohe Zuschuss für das Organ des LV. sollen endlich I
schwinden. „ , ,, , .... .
Fast scheine in Oesterreich, wohl infolge unerträglicher Verhältnis
die kassenärztliche Bewegung z. Z. lebhafter zu sein als bei uns. Der \1
Erfolg eines 6 wöchigen Aerztestreiks in einer Grossstadt wie Wien verd|
alle Beachtung.
Mit der Aufforderung, der Neue Standesverein solle an
von 1920 festhalten und diese neuerdings betonen, schloss
unter allseitiger Zustimmung. ijr
An der kurzen Diskussion beteiligten sich die Herren v. Dessau!
Neger und v. Zumbusch. . ,1
Weiterhin führte Herr Grassmann Klage über die späte .1
Stellung der Morgenpost und Ausfall der Sonntagszustellung, l
durch Bestellungen von Besuchen durch die Post nicht rechtzeitig in (1
Hände des Arztes gelangten und daher erst verspätet ausgeführt wei
könnten. Sein Vorschlag, diesen Missstand der zuständigen Stelle he
Abhilfe mitzuteilen, fand allgemeine Billigung. I
Auch eine Anregung Bergeat s, dass eine Herabsetzung der städtists
Liftsteuer seitens der beteiligten Aerzte anzustreben sei, wurde gutgeheil
und eine gleiche behufs Einführung eines billigen Tarifes für Einzelstre|
der Strassenbahn lebhaft begrusst.
Den Schluss der Sitzung bildete der Bericht des Kassiers über e
günstigen Stand der Kasse, weshalb der V e r e i n s b e i t r a g auf der t
herigen Höhe belassen werden konnte. K. Goert
seiner Resolui
Herr B e r g J
Kleine Mitteilungen.
Galerie hervorragender Aerzte und Naturforsch
Von Adolf Kussmaul, dessen 100. Geburtstag in diesen Tagen }
feiert wird, sind 2 Bilder in der Galerie erschienen, das eine bei sei
80. Geburtstag, das andere die Büste des Kussmaul-Denkmals darstel
Beide Blätter stehen denjenigen unserer Abonnenten, die sie noch i|
besitzen, auf Wunsch kostenfrei zur Verfügung.
Therapeutische Notizen.
St. Engel und Martha T ü’r k - Dortmund geben Beiträge
Behandlung der Säuglings Syphilis.
Bei der Art der Behandlung spielt das Alter der Säuglinge eine j
zu unterschätzende Rolle. Es ergeben sich danach 2 Stadien für diel
handlung. In dem frühesten Säuglingsalter ist infolge der Kleinheit
Venen eine intravenöse Behandlung sehr schwierig. Hier muss)
Quecksilber behandelt werden, und zwar ist das Novasurol, das intramus!
angewendet wird, das Mittel der Wahl. Seine Wirkung ist schnell
energisch, eine vollständige Heilung der Krankheit Wird aber dadurch f
erreicht. . . J
Vom Ende des ersten Lebenshalbjahres an kann ein intravenös d
wendendes Präparat gegeben werden, und zwar kommt hier allein das .
salvarsan in Frage, das von den Säuglingen gut ertragen wird. Das !
salvarsan kann in einer Dosis von 0,15 einmal wöchentlich 6 8 Wd
lang gegeben werden. Nach dieser Kur ist die WaR. meist negativ. ( -
Halbmonatshefte 1921, 8.) H. Thierx)
schs)
H. D i e 1 1 e n - Schatzalp-Davos beobachtete einen Fall von
Somnifenvergiftung mit Ausgang in Heilung.
Eine 23 jährige Kranke, die an schwerer Schlaflosigkeit litt, hatte t
Wissen des Arztes 15 ccm Somnifenlösung genommen, das ist fast das 31
der üblichen immer gut vertragenen Dosis. Die Kranke bekam eine n.
48 Stunden dauernde Bewusstlosigkeit mit lebensbedrohlicher Lähmunb
Zentralnervensystems. — Das Somnifen ist eine Flüssigkeit, die in 1 cci
Diäthylaminsalze- von 0,1 Diäthyl und 0,1 Dipropenylbarbitursäure en:
Es wird in einer Dosis von 30 — 40 Tropfen verabreicht. Die obige E
achtung mahnt aber zur Vorsicht bei höheren Dosen. (Ther. Halbmn
hefte 1921, 18.) H. T h i e r ,
Februar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
297
Studenten belange.
° ,
Bildung von Studentenschaften an den bayerischen Hochschulen.
Das bayerische Staatsministeriuin für Unterricht und Kultus hat unter
i lb. Januar 1922 die schon lange .erwartete Bekanntmachung über die
ung von Studentenschaften an den bayerischen Hochschulen erlassen, die
igkeit hat für die Universitäten München, Wiirzburg und Erlangen, die
^mische Hophschule München, die Hochschule für Landwirtschaft und
.ierei in Weihenstephan und die Handelshochschulen München und Niirn-
- Aus dem Inhalt dieses staatlichen Erlasses ist folgendes hervorzuheben:
Der s 1 bestimmt die Mitgliedschaft: „Die vollimmatrikulierten
lenten deutscher Staatsangehörigkeit an einer bayerischen Hochschule
dle ..Studentenschaft“, Die Studentenschaft wird vom Staats-
sterium für Unterricht und Kultus als Zusammenschluss aller an der Höch¬
te. zugelassenen Studierenden staatlich anerkannt, wenn sie darauf anträgt
sich eine Satzung gegeben hat. die den Vorschriften dieser Bekannt-
iung entspricht. Die Satzung der Studentenschaft kann bestimmen, ob,
welchem Umfange und zu welchen Bedingungen vollimmatrikulierte Aus-
3r an der Studentenschaft oder ihren Einrichtungen teilnehmen dürfen
Studentenschaften der einzelnen bayerischen Hochschulen steht es frei
untereinander sowie mit entsprechenden Verbänden anderer deutscher
ischulen zu vereinigen.“
Die Z wecke des Zusammenschlusses zu Studentenschaften gibt § 2 an¬
al Vertretung der Gesamtheit der Studierenden;
b) Wahrnehmung der studentischen Selbstverwaltung, vor allem auf
Gebiete allgemeiner sozialer Fürsorge für die Studentenschaft;
c) Teilnahme an der Verwaltung der Hochschule in studentischen An-
cenheiten und an der akademischen Disziplin;
d) Mitarbeit an der Erledigung allgemein vaterländischer, wirtschaft-
r und Bildungsfragen;
e) Pflege des geistigen und geselligen Lebens zur Förderung der Gemein-
t aller Hochschulangehörigen;
f) Pflege der Leibesübungen der Studierenden. Ausgeschlossen sind
;ii dei I arteipolitik und des Glaubensbekenntnisses
Die rechtlichen Verhältnisse regelt § 3.
Der § 4 gibt an, was die Satzung, die sich jede Studentenschaft
Beachtung der in der Bekanntmachung gegebenen allgemeinen Vor-
;ten geben muss, enthalten soll. Die Satzung bedarf nach § 5 der Zu-
ning des Senats und unterliegt der Genehmigung des Ministeriums.
J der^Hochsc h u te" Satzung wird die Studentenschaft verfassungsmässiges
üur Beratung und Unterstützung der Studentenschaft in Vermögens-
egenheiten ist ein V e r m ö g e n s b e i r a t bestimmt (§§ 7 und 8)
Jie SS 9 14 enthalten Bestimmungen über Beiträge und Kassenführung.
Venn eine Studentenschaft oder eines ihrer Organe gegen diese Be-
lungeii verstösst, so kann nach § 15 der Senat den Beschluss oder die
e‘ne m,t Gründen versehene an den A.St.A. zu richtende
f^Sn^ct11S^ndnn' wodurch. der betr- Beschluss oder die Massnahme
Jlg ausser Kraft gesetzt wird. Bei einem Einspruch gegen solch eine
■tandung trifft das Ministerium die Entscheidung
:sust ein eigentümliches Zusammentreffen, dass der Erlass dieser staat-
TV4 der Aufstelhlng der neuen •Notverfassung
te deutschen Studentenschaften zusammenfällt. Man muss abwarten
iMto s"£“j£r,'nscha,<en ” de" sich
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 22. Februar 1922.
~ P/r SCU°n iängere Zeit in Bearbeitung stehende Entwurf eines Ge-
/eDhs^i m p f u n g d ® r G e schlecht- skrankheiten wurde
wänv fir ren°mme,n;> De.r Entwurf enthält den ärztlichen Behand-
J ip oL Geschlechtskranke im ansteckungsfähigen Stadium und
1 t die Behandlung durch Nichtapprobierte aus, er enthält weiter den
iiB. vr.n H -fUCl! Krankenhauszwang für Geschlechtskranke, die An-
2LI Jeihnltteln ln f.er Zeitung wird verboten. Jeder Beischlaf
eensahtl l.. h"68 DY'ssentbch Ansteckungsfähigen soll bestraft werden,
den Entwnr?”1/ Tm d6S R.ei(fhsrats stimmte der Vertreter Bayerns
b lÄL h 6 wesentlichen Anträge Bayerns im Ausschüsse
ÄÄ worden seien und der Entwurf in seiner gegenwärtigen
zuwider laufe reIlglosen Empfinden der Mehrheit des bayerischen
? foDendPr5^ .An.scbauung den .tatsächlichen Verhältnissen entspricht,
Veriassungsausschuss ges.e.I.er
,^lrd aafgefordert, dahin zu wirken, dass der dem
sch . ?td Gesetzentwurf zur Bekämpfung der
hrten FWim kra n.k h.e,ten soweit abgeändert wird, dass die be-
ihkcSskranSr des, b.ay,f ischerl Landesrechtes zur Bekämpfung der
nze d öpf (n bei behalt en werden können, dass ferner die Bestim-
hfun^mnpi -zei es-«ber die Straffreiheit der Gewerbsunzucht, der
S”n?d« nLUM dfr, offPn1tllchen Reklame die Mittel, die neben der
X bfsSÄeJdS tSkrankhelten auch der Verhütung der Empfängnis
i Geburten8uenrdUn|ph?v dafÜr wge tragen’ dass gegen die Verhinderung
etzesvm-i U ld Schwangerschaftsunterbrechungen so rasch als möglich
etzesvoHagen im Re.chsrat beantragt werden.
s die zum SnfnLS0" n“f a‘.le unterstellten Behörden dahin einwirken,
g von Grhm-f0P gegenITd‘e tdanmassige und geschäftsmässige Verhinde-
erbrechiincrp n .unc^ Unfruchtbarmachungen sowie Schwangerschafts-
■endet werden.“66'811 gesetzüehen Mittel mit allem Nachdruck an-
mnfen wurden'1561'6 Mmderheit wandte sich gegen diese Anträge, die
p i ung ^ n ifr 6 't i ' uS‘,Ch nach dem Vorgänge der Nationalen Liga zur
n dl eG k“l0f, neuerdings auch eine Nationale Liga
eschlechtskrankhf iten gebildet. Sie zerfällt in
3 Abteilungen mit jeweils besonderem Arbeitsbereich, nämlich: 1 Eine medi¬
zinische zur grösstmöglichen Herabsetzung der Zahl der Infektionsträger, sie
macht die Vermehrung der Armenapotheken des Landes zu ihrer besonderen
Aufgabe. 2. Eine Abteilung für sittliche Aufklärung, die durch Vorträge
Schriften und grosszügige, unermüdliche Propaganda in den Tageszeitungen
die Kenntnis der Geschlechtskrankheiten und ihrer Vorbeugungsmittel in allen
Volksschichten zu verbreiten bemüht ist. 3. Eine Abteilung für soziale
Fürsorge mit der Aufgabe des Minderjährigenschutzes, der Hilfe für
Schwangere mit venerischen Erkrankungen sowie der Errichtung von Heimen
für erbsyphilitische Kinder.
— In dem unter der Leitung von Prof. Dr. B o e h n k e stehenden
^„e,S “ n d b e \ 4 s d 1 e"s \ e d e r Berliner Schutzpolizei (Schupo)
sind z. Z. 29 Aerzte, 2 Zahnärzte. 2 Apotheker und 150 Sanitätspolizeibeamte
tätig. Auf dem 18 Polizeisanitätsstellen tun zu verschiedenen Stunden des
tages insgesamt 10 Schupoärzte Dienst und leiten in den angegliederten
nauskrankenstuben die Behandlung der leichteren Erkrankungen. Für die
schwereren Fälle, auch für einzelne besondere von auswärts steht das
r1SlerteL Rüher® Garnisonslazarett in der Scharnhorststrasse nunmehr
ausschliesslich der Schupo zur Verfügung. Es ist mit 450 Betten, die ge-
Pge,ntbch., schon nahezu sämtlich belegt waren, sowie mit allen notwendigen
Fachabtetlungen und 9 Ambulatorien ausgestattet. Eine Zentrale zur Des¬
infektion und Entlausung der Schupokasernen, die meist mit schwefliger
v.aure vorgenommen wird, ist dem Krankenhaus angegliedert. Auch eine
eigene Kuranstalt mit 100 Betten besitzt die Schupo in Biesenthal Für
Lungenkranke können Heilstättenkuren gewährt werden, entweder in einer
r vertraglich verpflichteten Heilstätten oder in einer beliebigen anderen
bei Auszahlung der Vertragsheilstättentaxe an den Kranken. Die gesamte
lerne !nd fh» ‘ ktÄef 4ikam“,e K"leSSe" d“ Sd™°-
freien VemMgung^ "«"ßrlndenburgiscten B Krankenkassen" d^'fiinTglLgs-
abkommen getroffen, demzufolge für das 1. Vierteljahr 1922 folgende Ge -
für Besucifein^V86 len solltep; 10,M- für Beratung eines Kranken, 20 M.
7 , e nes Kranken, nachts und an Feiertagen das Doppelte. 150 v. H.
Oder Pin/Up 6,1 ,ubrlgen Sätzen der Preussischen Gebührenordnung von 1920
oder eine Pauschalsumme von 100 M. pro Kassenmitglied und Jahr wenn
die Kassen diese Art der Bezahlung vorziehen sollten; ferner 7.50 M für
Nan JaU nde Kdoipeter der Fahrt zum Kranken bei Tage, 12.50 M bei
w fL Dlef0„FordoU1!^en wurden von den Kassenvertretern in der am
. Februar 1922 in Berlin geführten Verhandlung einstimmig abgelehnt Der
Aerzteverband der Provinz Brandenburg legt Wert darauf die abge ehnten
Forderungen ajjch der Oeffentlichkeit bekannt zu geben, um sich von vom
herein gegen den Vorwurf zu schützen, er habe durch übertrieben hohe
Honorarforderungen die Einigung mit den Kassenvertretern unmöglich ge-
M ~ Vom oberbayer. Schwurgerichte wurde der prakt. Arzt Dr Otto
f lahrpn'fi Lunchen wegen V’er V e r b r e c -h e n der Abtreibung zu
M°ua{fn Gefängnis verurteilt unter Anrechnung von 1 Jahr 1 M^nat
Untersuchungshaft. Desgleichen erhielt der prakt. Arzt Dr. Karl Boeckel
in München wegen strafbarer Eingriffe in 3 Fällen eine Gefängnisstrafe
von 1 Jahr 6 Monaten; wegen eines Falles wurde er dem Schwurgerichte
wpSfn' f Dle Verhandlungen zeigten mit erschreckender Deutlichkeit
München eTreicht' w^und’ rbSmäS^ige Vernichtung des keimenden Lebens in
unenen erreicht hat und man kann ermessen, welche Zustände eintreten
Ahtrtm,’ Wen"- d‘e iet,Zt n°ch Mstehenden gesetzlichen Schranken gegen die
Abtreibung, wie manche es wünschen, beseitigt würden.
. . ,In einern Schreiben an die Landesregierungen weist der Peiniic
" ““'“fr,"??"' ht„dr ra' aif »"3 oSAä
r>,r,e„en e"Ber
"s"-d" w”":
In Anbetracht der bedenklichen Zunahme des Alknhnimicc
miMsmsmm
SÄ 'iltSi":’ w väüTÄJs SS
d-aif ?'5m Drucksachen, nri? Jenen cs “m^rkaji
Schwangerscliaft'^reschwerden^veJrinuer^'oder^indere*1'^ N?'v'\»''hUge.
das Rad-Jo nicht nur Heilmittel, sondern auch Geheimmittel (?„SSc-Übris^ns
gKSfArS? „Ä'tadl *- Ä" -äSÄ
auf mehrere Jahre zurückgehender Anfragen an die Ra'd-J^Gesellschaft ' bis
298
MttNG.HP.NER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 8
keine Aufklärung über wesentliche Bestandteile
auf den heutigen Tag noch
des Mittels erfolgt ist. , R „ „ ; n n der Vor-
— Das bayer. Kultusministerium hat den B e* *n v e , .
Tä t1^ aui1^ .^riel^setzt. 1 "Ina^rikulLlon * Utut t vom 20. April
hiS -^Berlin veranstaltete kürzlich Dr. Kurt S i\ in * e r mit^em unter
seiner Leitung stehenden Aerztec lor esetzte Programm, Beethovens
Konzert. Das für Liebhaberkrafe ^ - aite Chorvariation
rs fffiftrr.tT»» .»* ** « —■
'"’,r-WDt S?Ä Association berlch«. «b^
dcckunn eines aus dem 16. Jahrhundert S^^ KataloaisieruriK
Sei 'KJÜ ' ttS ÄXr 'L'stonschen ües«,
s ssl Häsäs
S£g
sstas
? *£r SEEää ä
SlÄrS7e*p»™»s 'tner Zeit. Lehens- «nd Veriiinttunsseiiitiere
_ pc ;st eben alles schon dagewesen. . ..
einen frühen Neanderta typ darstellt und z™“Jen g ^ einer späteren Zeit
Pittdown einzureihen ist, der sich aber . N h der Beschreibung
erhalten haben dürfte, als jene anderen! n Europa. ^^f^Uenes Exemplar,
& SvÄeÄr;£ tAÄS
a ä ss. ™ gxS£sÄ
mächtigen Augenwülste und . *>«“*• «“ ais bei den schon bekannten
Umensch^nschädeln^kanr1 man wohl annehmen dass sm im Leben sich
r^^sSari
raUfnne‘ der 5 Molar ze^gt sogar bereits die Merkmale der Rückbildung.
isiüsipiliH
lÜSliisptl
S’Äi« - 6 Del SS;S-“Ä "dem de”
j52nder?aMl5"nnd B° mer-Schldel (1400) surück. übartrillt aber den von
Oibtahat der nur llOOmsstn jn Dresden ,*« ,,1.1 Mts
eine in QetndnSaft mit de, Deutsche« aeseltschalt zu, B.kantpta* 4er
Oese, dech.sk, ankheiten .e,a„s.aite,e Aus tt. H.U.J.B „
» f™ m. «1 U? S?h S“'r h b , i tt « n b i , d „ , * U „ d
fürsor ge findet Pfingsten 1922 in Hamburg im Museum für Kunst
* af staatliche.
ho„ke» ddun . a «ffi^JetSchwelitSen. ») kewe, bliche Etae.g.isse.
“ kSlerische Ersengnisse. c) . Be, uls.nBteBnh.it«.. 6. Verschiedenen.
t itpratnr Abteilung B. 7. Gehörhilfsmittel. _ ..
DasSeran, ar für soziale Medizin des Gaues Gross-Berlin
des Verbandes der Aerzte Deutschlands veranstaltet vom 27. Februar bis
20 M?rzl922 seinen 23. Zyklus üW das Thema: P r z t“ n d Berufs¬
beratung“. Näheres durch Herrn Sanitätsrat Dr. A. P e y s e r, Char¬
lottenburg 2, Grolmanstr. 42/43. r, r|n,,cn-
_ An der sozialhygienischen Akademie Charlotten
bürg wird im Sommer 1922 vom 24. April bis 29. Juli ein soz'a,lhysienischei
Vollkursus zur Vorbildung von Kreis-, Kommunal-, Schul- und Fursorgearzten
stattfinden Der Lehrgang entspricht den Prüfungsbestimmungen für _Kre s-
“ ebenso die nebenbei fakultativ abgehaltenen dreimonatigen Sonder
1 nrse in mthologischer Anatomie, Bakteriologie und Hygiene sowie gericlt
l'iclier Medizin. ' Aerzte können auch Einzelvorlesungen als Gasthörer be¬
suchen Anfragen und Meldungen sind möglichst bald an das Sekretariat im
Krankenhaus Charlottenburg-Westend, Spandauerberg 15/16, zu richten, das
auch mit Hilfe des Wohnungsamts geeignete Wohnungen vermittelt.
— Im Hygienischen Institut der Universität Greifswald findet in der Zeit
vom 19.— 30. April 1922 ein „Lehrgang der I m m u n i t a t s 1 e h r e m 1 1
praktischen Uebungen“ statt. Besonders berücksichtigt werden
die Serodiagnostik (W a s s e r m a n n sehe Reaktion, Flockungsreaktionen,
[Sachs-Georgi. Meinicke], forensischer Blutnachweis, Agglutination usw.) und
gierungs-^uml A*»*"”*»- * **
"""“De, von D e . «k.c b m a » „ ln, Acr^V^ tirnnt,.,
KASSA*
STÄ S tSTSff SÄ Ä« kos,. . .
VCrf“T 1 e'c'kt lebe ? &
Ä
Marienwerder) 2. ln der Woche vom 5.-11. Februar 1 ™ dje \
vom 22^— 28.' Januar 'wurdeifn'achträ^nch noch 50 Erk^ankungeii ^ raothaf
ku'ngen (undP 68 " Tode°sfölle), davon ^ in 3 f^^n^en^^vön fo Böhm
Po«skaVSs1 1^,1", der Slowakei^ und. in ^
Städten '"übt? Ä» g««« J alfr" uifd* 1000 E
mit 36,6, die geringste Nürnberg mit 12,6 1 odestallen p Vö{f R.-Q.-A
wohner. Jahresw0che, vom 22.-28. Januar 1922, hatten von deutscl
Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Mfchen- aladb.
mit 28,0, die geringste Ludwigshafen mit 6,3 Todesfällen pro Jahr^u d^lOOO F
wohner
' a. 3M. h Dr° Kurt "scherr hat sich für Kinderheilkui
der Antrittsvorlesung: Neuere Ergebnisse über Spasi
und Neurolo
Stern ist
Hochschu
Frankfurt
habilitiert. Thema
philieforschung^ g ^ Dem Privatdozenten für Psychiatrie
Oberarzt an der psychiatrischen Klinik, Dr med- Felix
Dienstbezeichnung a. o. Professor verliehen worden H>k.)
Hamburg. Die Privatdozenten Dr. Johannes B r o a e r s en
tomie) 1 Prosektor am anatomischen Institut, und Dr. Wilhelm
b e r g' (Orthopädie), Leiter des chirurgischen Ambulatoriums Eppendorf.
zu ausserpla. "Sem1 PrivatdOozLTen5 a°.reon RrüfSsoTfür "innere Medizin
Sc^
Ass fs' ten t S<am " h y^g i e ni'schen C 1 n s t i t u f ^i at " 'einen" 1- e h r a uf t r ag6 zur Vertretung
S°ZmM ü n s feT ierwltenDurchhkMinisterialerlaSS vom 28 I. 1922 ist I
beauftragten Dozenten füV Zahnheilkunde Prof. Äpii eJ Stta edd tariat |
medizinisch-propädeutischen Abteilung ein planmassiges Extraordma I
der Verpflichtung verliehen, die Zahnheilkunde in Vorlesungen und Uebuil
an dTüUbineÄ M|ÄWT^^nTetriÄurg. Vorstand des J
logischen Instituts, hat einen Ruf an ' Stelle des verstorbenen Geh.-I
V e r w o r n nach Bonn erhalten. , , t
Basel. Dr. E. S c h 1 i 1 1 1 e r habilitierte sich für das Fach der i
RhmovLarynEo'ogie. 70(1 iäbrise Ofündonssleü, jj
Universität* ^tatt!*1 Der Rektor Proi. Sn Cello bat die Vorbei.,
der Festlichkeiten übernommen-, \ PrSciHpnten i
Paris. Am 17. Dezember 1921 wurde durch den Präs'dente,,(
Republik die neue chirurgische Universitäts-Klinik eingeweih . > |
sich in dem geräumigen Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegs Ru|
Vaugirard. Zu Kriegszeiten war dort
richtet, dessen gesamtes Inventar im
von der Brasilianischen Regierung der
suhenLt _ wurde^^ japanische Gesandte hat dem Rektor der Dniversifät
persönliche Spende von 6 500 000 Kr. zur Linderung der finanziellen -Sch»
keifen der Universität überreicht. - Der *. 0- ^ ^
und Gynäkologie, Dr. Konstantin J. B u c u r a, ist zum Vorstande de g
logischen Abteilung der • Allgemeinen Poliklinik ebenda ernannt w
Als Privatdozenten in der med. Fakultät wurden -^lassen. Dr
Luger für interne Medizin, Dr. Bernhard Gottlieb fu ^ Zahnüeux!
Dr ' Hugo Stern für Laryngo-Rhinologie mit besonderer BeruckMctn|
der Phoniatrie, Dr. Ernst Freund für interne Medizin und .1
Oerstmann für Psychiatrie und Neurologie, (bk.)
das Brasilianische Hospital eil
Werte von 2 000 000 Fr. nun«
Pariser medizinischen Fakultät
Todesfälle. _ , r> „i c ♦ „ r k .-c
Am 1 Februar starb Herr Sanitätsrat Dr. med. Paul Starke
seit über 10 Jahren für die Interessen der Ae^teschaft höchst verdttd
be k a n nt 'wu nie ft !fßff ^eSt^fSer AMeilÄr Stel.envermi.t.un,!
Verbandes, in welcher Eigenschaft er sich durch glkommene D- npa. .
keit und ungewöhnliche Umsicht auszeichnete. Als Geschäftsführer der
digen Kommission der Aerzte und Lebensvers.cherungsge e «schuften
es ihm die Versicherungsabteilung des Verbandes aus kleinen Anfang
einer ergiebigen Einnahmequelle für die Wohlfahrtsabteilungen des Verl
zu untwickeln.^ starb in Dresden an Herzleiden infolge SdilaJ
Verkalkung der am 1 X. 1921 in den Ruhestand getretene leitende
der chirurgischen Abteilung des Stadtkrankenhauses Friedrichstadt. Geh
Rat Prof. Dr. Hermann L i n d n e r im 70 Lebensjahre. p. ,
In Wien starb, 74 Jahre alt, Dr. Julius Heitzmann. -
zusammen mit seinem Bruder C. Heitzmann den bekannten H'
man tischen anatomischen Atlas, der neben dem » V ! [jj ’°bf? ,
jahrzehntelang das wichtigste Lehrmittel für den anatomischen Unter:
Deutschland und Oesterreich bildete.
Ke I. iorenbiaLiier uiuuiauu w vrio, _ _ . . — — - - - - : — ^71 :
V.,l.t 1. F. S.W. 7, P.ni1r.,lSra». - Druck von E. MUlttAP. Buch- »nd K»n,«.r»«l,,r,i, M»h«.
der einzelnen Nummer 3. - d. • Bezugspreis ln Deutschland
und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . .
dgenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
• •
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richteil
für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 8^—1 Ohr),
rar Bezujy : an J. F. Lehmanns Verlag, Paul Heyse- -trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen- Verwaltung, Weinstr. 2/1 II.
Iedizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
9. 3. März 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
»er Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck
gelangenden Originalboiträge vor.
Originalien.
Aus der Universitäts-Frauenklinik in Bonn.
(Direktor: Geh. Rat v. Franque.)
her die postoperativen Bauchfellverwachsungen*).
Dr. Heinrich Martius, Privatdozent und I. Assistent
der Klinik.
Vuf das Problem der Vermeidung von Bauchfellverwachsungen
Laparotomien ist in den letzten Jahrzehnten viel mühsame ex-
lentelle Arbeit verwendet worden. Wenn man bedenkt, dass der
y einer jeden Bauchoperation durch Verwachsungsbeschwerden
trächtigt werden kann und dass ein Teil der Operierten durch
gileus sogar in die höchste Lebensgefahr gerät, so haben diese
ihungen auch ihre volle Berechtigung. Die folgenden Zeilen mögen
n, inwieweit es bei dem heutigen Stande unserer Operations-
ik in unserer Macht steht, die postoperativen Bauchfelladhaesionen
ermeiden und welche klinische Bedeutung den Verwachsungen
dl nach gynäkologischen Bauchoperationen zukommt.
Sesonders umfangreich sind die Versuche, die Entstehung von Ver-
sungen durch irgendeinen chemischen Stoff, der während der
ition in die Bauchhöhle hineingebracht wird, zu verhindern. In
• Beziehung nehmen wir und mit uns die meisten anderen Gynä-
en einen ablehnenden Standpunkt ein. Weder das von Höhne
ie Peritonitisverhütung eingeführte Kampferöl, noch die vielen
en Stoffe, die als „Gleitschmiere“ gedacht sind, verdienen mit
den Ruf, die peritonealen Adhaesionen zu verhüten. Zu dieser
nung haben uns sowohl eigene Misserfolge als auch theoretische
jungen geführt, v. Franque veröffentlichte auf dem internatio-
Gynäkologenkongress in Berlin im Jahre 1912 einen Todesfall
Laparotomie, der nur auf die Kampferölprophylaxe geschoben wer-
ronnte. Die Technik war genau nach den Vorschriften von
n e durchgeführt worden.
iir das Peritoneum bildet wie für jedes lebende Gewebe jede
derung der Lebensbedingungen einen Reiz. Das feine Endothel
erosa hat eine besonders hohe Reaktionsfähigkeit im Vergleich
nderen Gewebsarten allen Reizen gegenüber. Je nach der
intensität erfolgt eine Erregung. Lähmung oder
törung der Lebenstätigkeit der Zellen1). Da die
schwelle für das überaus empfindliche Perito-
n sehr niedrig liegt, so antwortet dasselbe auch
geringfügigsten Aenderungen der Lebensbedin-
; e n gegenüber mit derjenigen Z e 1 1 1 ä t i g k e i t, die
iie Serosa charakteristisch ist, nämlich der so¬
nnten Plastizität. Die Ausscheidung eines plastischen
ates ist eine für die Erhaltung oder Wiederherstellung der pliy-
schen Verhältnisse in der Bauchhöhle eminent wichtige Eigen-
des Bauchfells, ohne die eine erfolgreiche Bauchchirurgie über-
nieh-t möglich wäre. Es könnte also höchstens unsere Aufgabe
die plastischen Eigenschaften der Serosa durch irgendwelche
ahmen auf bestimmte Stellen, an denen Verklebungen notwendig
. B. für die Heilung der peritonealen Wunden oder iür die Lokali-
von Entzündungen usw. zu beschränken,
as Hineinbringen eines chemischen Fremdkörpers dagegen in die
höhle muss, wenn es sich nicht etwa um etwas Indifferentes,
physiologische Kochsalzlösung, handelt, einen Reiz ausüben, der
sionen eher entstehen lässt, als verhütet.
ie Richtigkeit dieser Ansicht ist auch durch die neuesten experi-
Jen Untersuchungen mit arteigenem, flüssigem Fett durch L ö h n -
2) wieder bestätigt worden.
ir halten also die chemische intraperitoneale Adhaesionsprophy-
ir kein erfolgversprechendes Verfahren.
as die anderen Massnahmen zur Vermeidung von Adhaesionen
ifft, so sind sie mehr operationstechnischer Art.
d weitem das Wichtigste ist die exakte Peritoneali-
ing der Wundflächen und Stümpfe. Sie spielt bei
näkologischen Operationen eine besonders grosse Rolle,
wie hohem Masse die Stielversorgung an der Verbesserung der
tionserfolge mitgeholfen hat, kann man am besten an der Ent-
Nach einem Referat in der gemeinsamen Sitzung der Niederrheinisch-
iischen Chirurgen und Gynäkologen in Düsseldorf am 26. November 1921.
S. Verworn: Allgem. Physiol. S. 371 ff.
. 9.
Wicklung der einfachen Myomoperationen verfolgen. Olshausen
erlebte bei 366 Myomoperationen bis 1907 allein 6 Fälle von Rela-
parotomie wegen Ileus durch. Darmverwachsungen am Zervix- oder
Ligamentstumpf, bevor er die Stümpfe versenkte. Die „retroperito-
neaie Versorgung“ des Zervixstumpfes wurde zuerst von Bassini
im Jahre 1886 und dann besonders von Hof m eie r im Jahre 1888
verlangt. Aber erst durch eine Mitteilung von C h r o b a k aus dem
Jahre 1891 wurde die „retroperitoneale Methode“, d. h. die Verlegung
des ganzen durch die Operation gebildeten Wundgebietes hinter das
Peritoneum, zum Prinzip erhoben.
Chrobak vernähte die peritoneale Wunde fortlaufend mit Katgut
ausserhalb des einen Adnexstumpfes beginnend und ausserhalb des
anderen Stumpfes endigend, also genau so, wie wir es jetzt auch noch
machen.
Die Mortalität der abdominalen Myomoperatiönen verringerte sich
in dieser Zeit (1885 — 1906) von 34,8 Proz. auf 5,1 Proz. 3), eine Ver¬
besserung, bei der ausser der Stielversorgung natürlich noch sehr viel
andere Momente mitgespielt haben.
Neben der exakten Peritonealisierung ist zartes, schonendes Ope¬
rieren mit genauer Blutstillung und möglichster Einschränkung der
intraperitonealen Drainage das Wichtigste. BTS e gute Technik
ist die beste Adhäesionsprophylaxe. Dass das Bauch¬
fell vor mechanischen, chemischen und thermischen Reizen möglichst
geschont werden muss, ist bei der grossen Empfindlichkeit desselben
klar.
Noch nicht entschieden ist die Frage, wie weit die Hautdes¬
infektion mit Jodtinktur als peritonealer Reiz in Betracht
kommt. Flesch-Thebesius4) hat kürzlich an dem Material der
Frankfurter chirurgischen Klinik nachgewiesen, dass die postoperativen
StrangileusfäMe zugenommen haben und zwar von 12 auf 22 Fälle,
berechnet auf die gleiche Zahl von Laparotomien in je 4 Jahrgängen
(1911 — 1915 und 1915 — 1919) mit und ohne Joddesinfektion der Haut.
Er schiebt die Zunahme auf dieses Hautdesinfektionsverfahren. Auch
König (Marburg), H o f f m a n n (Meran) und D o o s e (Lübeck) haben
eine Zunahme der Ueusfälie festgestellt.
Wir schützen diie Därme aufs sorgfältigste vor der Berührung mit
der gejodeten Haut, indem das durchschnittene Peritoneum parietaie
ringsherum mit M i k u H c z klammern an Schutztücher aus Billroth-
batist (nicht Gaze, da sie durchlässig ist) festgeklemmt wird. Ein
absolut zuverlässiger Abschluss der Haut für den eventrierten Darm
ist aber auch damit nicht erreichbar. Die Schutztücher können sich
verschieben, und es können Lücken entstehen. Möglicherweise könnte
schon die verdunstende Jodtinktur einen genügend starken Reiz auf
die Darmserosa ausüben. Allerdings kommt es bei unseren Operatio¬
nen, die wir regelmässig in Beckenhochlagerung ausführen, so gut
wie niemals zu einer Eventration der Därme. Dieselben werden viel¬
mehr sofort vor Beginn der Operation im kleinen Becken mit grossen
Bauchtüchern zurückgedrängt und so mehr oder weniger vollständig
aus dem Bereich des eigentlichen Operationsgebietes ausgeschaltet.
Wenn noch anzustellende Versuche ergeben, dass die Jodtinkturdesin¬
fektion tatsächlich auch bei sorgfältigster Abdeckung der Haut die Ad-
haesionsbildung begünstigt, wird man dieses so überaus handliche und
sichere Hautdesinfektionsverfahren bei Laparotomien wieder fallen las¬
sen müssen. Unsere Erfolge sprechen nicht für eine
ursächliche Bedeutung der Joddesinfektion: denn
wir wenden sie immer an und trotzdem erlebten wir
in keinem unkomplizierten Fall die Notwendigkeit
der Re Laparotomie wegen frischer Adhaesionsbil-
d u n g.
Um Dünndarmverwachsungen im kleinen Becken vorzubeugen,
wird ausser exaktester Vernähung des Peritoneums bei unseren Lapa¬
rotomien vor Schluss der Bauchhöhle gewöhnlich die Flexura sig-
moidca über die Peritonealnaht gelegt und dort bis zum
Verschluss des Peritoneum parietale, nachdem die Beckenhochlagerung
in Beckentieflagerung umgewandelt ist. mit einem Stieltupfer fest¬
gelulten oder sogar mit einer Appendix epiploica im kleinen Becken
festgenäht, um so einen dachartigen Abschluss zwischen grossem und
kleinem Becken herzusteHen.
Schliesslich gehört die Entfernung des Prozess us vermifor-
m i s, auch wenn er ganz gesund ist, bei jeder gynäkologischen Lapa-
2) Arch. f. Gyn.
3) Nach Olshausen: Veits Hb. 1907 12. Aufl.
4) D. Zschr. f. Chir. 1920, 157, H. 1—2.
3
300
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr.
rotomie zur Prophylaxe gegen den postoperativen Strangileus. seitdem !
wir erlebten, dass nach einer Totalexstirpation wegen chronischer Ad- j
nexentzündung der Wurmiortsatz zusammen mit einem Zipfe des gros¬
sen Netzes an der Abtragungsstelle der rechten Adnexe verklebte und
eine strangförmige Brücke bildete, unter der sich 19 Tage nach der
Operation eine Dünndarmschlinge inkarzerierte. so dass wegen Ileus
relaparotomiert werden musste.
Wie eng die Nachbehandlung nach den Lapaioto-
mien mit der Adhaesionsprophylaxe verknüpft ist, hat besonders
Vogel5) mit Nachdruck immer wieder hervorgehoben. Nicht
Ruhigstellung des Darmes, sondern frühzeitige An-
regung der Peristaltik muss unser Bestreben sein,
um dem in Bewegung befindlichen Dünndarm keine Zeit zu lassen, an
geschädigten Serosastellen zu verkleben.
Wir gehen nach den gynäkologischen Laparotomien so vor, dass
am Tage der Operation ein oder zwei Tropfklystiere mit Koffein ge¬
geben werden. Bereits in der Nacht nach der Operation, wenn die
Kranke vom ersten Schlummer erwacht, wird löffelweise Tee bewilligt.
Schon am ersten Tage nach der Operation erfolgt ein Darmeinlaul
und am zweiten Tage nach der Operation wird mit Rizinusöl oder
Frangol abgeführt. Vom Lichtbogen wird ausgedehnter Gebrauch ge-
macht. Physostigmin, Peristaltin oder Hypophysin haben wir im all¬
gemeinen nur gegeben, wenn die Darmfunktion nicht in Gang kommen
wollte und sahen keinen ausschlaggebenden Einfluss dieser Mittel.
Auf die Bedeutung der „mechanischen Nachbehandlung“ Lapa-
rotomierter mit frühzeitigen Bewegungsübungen und Aufrichten des
Oberkörpers für die Adhaesionsprophylaxe hat Qoetze') in einem
der letzten Hefte dieser Wochenschrift von neuem aufmerksam gemacht.
Soviel über die Adhaesionsprophylaxe bei und nach
Laparotomien. , ,. ,
Welche klinische Bedeutung haben nun aber die post¬
operativen Adhaesionen speziell nach gynäkologischen Laparotomien?
Bei der Durchsicht des operativen Materials der Bonner Frauenklinik
fanden sich zunächst 4 Fälle von postoperativem Strangileus unter
754 Laparotomien seit 1912. , . , „ .
Es erübrigt sich, auf die Fälle im einzelnen einzugehen. 13ei
zwei von ihnen handelte es sich um Genital- und Peritonealtuberkulose.
Der dritte Fall wurde oben bereits erwähnt. Bei ihm gab der zurück-
gelassene Wurmfortsatz die Veranlassung zur Darmeinklemmung. Der
vierte postoperative Strangileus kam nach einer durch Stieltorsion
vollständig vom Uterus getrennten Ovarialzyste mit starken peri-
tonitischen Reizerscheinungen vor. '
Also alles komplizierte Fälle, während wir nach
unkomplizierten Laparotomien keinen einzigen
Strangileusfall feststellen konnten trotz umfang¬
reicher Na chforschungen, denen z. B. auch sämtliche Fälle
von Wertheim scher Totalexstirpation und sämtliche Fälle von
Laparotomien wegen Adnexentzündung unterworfen wurden.
Ausser den Ileusfällen hat die Durchsicht unserer Krankengeschich¬
ten drei Fälle von Strangbeschwerden nach alter
Ventrifixur ergeben.
Es handelt sich um drei fast vollkommen übereinstimmende ralle,
bei denen der von anderer Seite ventrifixierte Uterus wegen starker
Zerrungsbeschwerden von uns wieder gelöst werden musste, und zwar
hatte sich aus der flächenhaften Anheftungsstelle des Corpus uteri am
Peritoneum parietale der Bauchwand ein derber Strang ausgezogen,
der ausgesprochene Adhaesionsbeschwerden machte, ein Vorkommnis,
das gar nicht so selten ist.
Hier muss die Frage angeschnitten werden, wel¬
cher von den zahlreichen abdominalen Profixur-
methoden mit Rücksicht auf derartige Ereignisse
der Vorzug zu geben ist. Im letzten Jahre haben sich wieder
verschiedene Autoren zu diesem alten Diskussionsthema geäussert ').
Diejenigen abdominalen Profixurmethoden, die den physiologischen
Verhältnissen am nächsten kommen, sind zweifellos die verschiedenen
Arten der Verkürzung der Ligamenta rotunda, sei es nun, dass man die
Bänder nach Baldy-Guggisberg durch die Ligamenta lata hin¬
durchzieht und hinten auf den Uterus aufnäht, sei es, dass man sie nach
Menge vorne auf den Uterus aufnäht oder sei es, dass man die von
Knoop neu empfohlene Werth sehe Methode vorzieht, bei der
die Ligamenta rotunda von dem Bauchschnitt aus in den Leisten¬
kanälen aufgesucht und verkürzt werden. Auch die Methode von
D o 1 e r i s gehört hierher.
Wer im Einzelfall eine festere Fixation des Uterus für erforder¬
lich hält und die Leopoldsche Operation ausführt, muss die An-
nähung des Uterus an die Bauchwand sehr ausgiebig vornehmen und
zwar mit Verödung der ganzen Fossa vesico-uterina
nach Werth, um sowohl der Ileusgefahr als auch der Gefahr der
Adhaesionsbeschwerden vorzubeugen. Wir halten durchweg
die sogenannte „schwebende“ Antefixation des
Uterus durch Verkürzung der Ligamenta rotunda für
ausreichend und führen sie meistens nach Baldy-
Guggisberg oder Dolöris aus.
B) Zbl. f. Gyn. 1904 Nr. 21, D. Zschr. f. Chir. 63, Die Heilkunde 1908,
Zbl. f. Chir. 1916 Nr. 37 und 1917 Nr. 30, Fortschr. d. Med. 1916/17.
6) M.m.W. 1921 H. 44.
7) Eckstein: Zbl. f. Gyn. 1920 Nr. 26. — Hastrup: Zbl. f. Gyn.
1921 Nr. 15. — Garcia de la Serrana: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 36. —
Knoop: Zbl. f. Gyn. 1921 Nr. 36.
Ausser bei Ileus und bei ausgesprochenen Strangsymptcmen sii
wir mit den Relaparotomien wegen Adhaesionsbeschwerden von jeh
sehr zurückhaltend gewesen, so dass unser Operationsmaterial in dies
Beziehung nur klein ist und zur zahlenmässigen Lösung der Fra?
auf die ich jetzt einzugehen habe, nicht ausreicht. Ich meine c
Frage nach der Häufigkeit der postoperativen V er w acl
su n gen. Wieviel Laparotomien haben peritoneale Adhaesionen z
Folge und wieviel heilen ohne solche Verwachsungen aus?
Bisher war es nur bei Gelegenheit von Relaparotomien müglu
ein Urteil darüber zu gewinnen. Jeder Operateur kennt die Verwac
sungen, besonders des Netzes, als harmlosen Nebenbefund. Auf solcs
Beobachtungen fussend, findet man auch in der Literatur nicht seit
die Bemerkung, dass Adhaesionen nach Bauchoperationen nichts lil
gewöhnliches sind und keinerlei Beschwerden machen brauchen,
diesem Sinne hat sich Schatz, Kaltenbach, Ols hau sei
Kehrer, Martin, Pankow und mancher andere geäussert. V
fanden bei der Nachuntersuchung von 62 wegen Adnexentzündung oj-
rierter Frauen 3 mal Adhaesionsbeschwerden, also nur 4,8 Proz.
Sehr genau hat Payr8 9 10) sein Operationsmaterial auf die pol
operativen Adhaesionen hin bearbeitet. Er musste bei 3000 Laparol
mierten in 3,26 Proz. der Fälle wegen Adhaesionsbeschwerden relaffi
rotomieren und stellte bei weiteren 10 — 12 Proz. der Fälle \ erwat*
sungen fest, die aber nicht wieder operiert werden brauchten. All
auch diese einem grossen Material entnommenen und einheitlich >j
wonnenen Zahlen lassen keinen Schluss in der Frage zu: Wie oft sij-
Adhaesionen tatsächlich vorhanden und wie oft nicht?
Es ist ein Verdienst Naegelis, die Röntgenuntersuchung t|
Hilfe der Lufteinblasung in die Bauchhöhle zur Lösung dieser Frag
herangezogen zu haben u). Dabei ergaben sich bemerkenswerte Fi
sultate. Naegeli fand bei dem Material der Bonner chirurgisch
Klinik mit Hilfe des Pneumoperitoneums unter 148 Fällen von Bau>
Operationen 118 mal Adhaesionen = 79,8 Proz. Bei den darunter lg
findlichen 114 „grossen Laparotomien“ fand sich sogar ein Prozents*
von 91,2 mit Adhaesionen; also nur jeder zehnte Fall war frei \i
Bauchfellverwachsung. Wenn man diese Zahlen mit den Angall
von Payr und unseren Nachuntersuchungen in Vergleich setzt.»
ergibt sich der zwingende Schluss, dass die post operativ»
Adhaesionen in der überwiegenden Mehrzahl keil
Beschwerden verursachen.
Bei den N a e g e 1 i sehen Fällen handelt es sich meistens um La]
rotomien in der oberen Bauchhöhle. Was die gynäkologische Operati
anbetrifft, so lässt sich unser K a i s e r s c h n i 1 1 m a t e r i a 1 1 ) 1
gewissem Grade zur Beurteilung der Häufigkeit der postoperati'i
Adhaesionen verwerten. Wir haben in den letzten 11 Jahren 33 wied¬
holte Kaiserschnitte gemacht. Ich fand bei 14 von diesen Fällen»
den Operationsberichten Adhaesionen vermerkt. Dabei handelte S
sich bei 11 Fällen erstmalig um den klassischen Kaiserschnitt.
ihnen zeigten 8 Fälle beim zweiten Kaiserschnitt Adhaesionen. 22 i
handelte es sich erstmalig um tiefe intraperitoneale oder extrapi-
toneale Kaiserschnitte. Von diesen zeigten 6 Verwachsungen bei >i
Wiedereröffnung der Bauchhöhle. “■ I
Wenn also im ganzen die Zahl der Adhaesionsfälle auch viel F
ringer ist als bei dem chirurgischen Material, so fällt doch auf, dä
nach dein klassischen Kaiserschnitt derselbe hohe Prozentsatz vor; I
haesionen zu konstatieren war wie bei den N a e g e 1 i sehen Fäll
Inwieweit diese Kaiserschnittzahlen auf die anderen gynäkokl
sehen Operationen übertragbar sind, muss dahingestellt bleiben. AI
ist durch sie aber doch wohl zu dem Schluss berechtigt, dass a ul
nach den gynäkologischen Laparotomien die poj
operativen Adhaesionen nichts seltenes sind, _al
weit weniger häufig Vorkommen bei denjenig*
Bauchoperationen, aie sich nur im kleinen Becken abspiefl
als bei den Laparotomien, die sich in die grosse Bauchhüll
erstrecken. Aber auch nach den gynäkologischen Baut,
Operationen besteht noch ein erheblicher Unti,
schied in der Zahl der Fälle mit Adhaesionen und ijj
Adhaesionsbeschwerden. . x i
Noch häufiger als nach der ersten Laparotomie scheint die A
bildung von peritonealen Verwachsungen zu sein nach denjemfi
Bauchschnitten, die wegen Adhaesionen ausgeführt werden.
Auch das ist früher schon öfter betont11) und durch die N a e gej
sehen Untersuchungen bestätigt worden. Er fand in fast a|
Fällen (in 39 von 42), die wegen Adhaesionen operiert waren, x
Wochen nach der Relaparotomie bei der Lufteinblasung wieder
wachsungen, meist in ausgedehnterem Masse als vorher, woben
Kranken dann oft beschwerdefrei waren oder auch wieder Beschwer
hatten. . ,
In klinischer Beziehung ist es nun von aliergrosster W
tigkeit, welche Abhängigkeit zwischen den Beschwerden nach el
Laparotomie und den peritonealen Adhaesionen besteht.
Die grossen Schwierigkeiten in der Beurteilt*
der postoperativen Adhaesionsbeschwerden hat
ihren Grund inderhäufigen Differenz zwischen a*
tomischem und klinischem Befund.
8) Zbl. f. Chir. 1914 S. 99.
9) Zbl. f. Chir. 1919 Nr. 41, D. Zschr. f. Chir. 163, 5/6.
10) Der abdominale Kaiserschnitt. Zschr. f. Geb. u. Gyn. 83.
u) z. B. Riedel: Langenbecks Arch. 1904, 47, S. 154.
Aärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Erstens können Adhaesionen vorhanden sein, ohne Beschwerden
machen.
Zweitens können vorhandene Beschwerden als Adhaesions-
chwerden aufgefasst werden, ohne dass Adhaesionen vorhanden
k
Und drittens haben die sogenannten „Adhaesionsbeschwerden“
erlich oft gar nichts mit den vorhandenen und nachweisbaren Ad-
sionen zu tun.
Welches sind nun aber die Symptome, die mit Recht auf
■ postoperativen Adhaesionen bezogen werden
nnen? Ich spreche hier nicht von den d a r m ver¬
wenden Verwachsungen, die ganz getrennt zu be-
adeln sin d.
Das Wesen der Adhaesionsbeschwerden ist durch die eigentiini-
e Sensibilität der Bauchorgane bedingt, die durch die Untersuchun¬
gen Lennander, L. R. Müller, Käppis und anderen ge-
t ist. Wir wissen jetzt, dass das Peritoneum viscerale und die
chorgane unempfindlich sind, dass durch das Mesenterium jedoch
n Zug an den Organen Schmerzempfindungen vermittelt werden,
aber von unbestimmtem Charakter und nicht lokalisierbar sind,
r schmerzempfindlich ist dagegen das Peritoneum parietale. Es
durch die sensiblen Fasern des Sympatikus in der oberen Bauch¬
te unter Vermittlung der Nervi splanchnici an das Rückenmark an-
;hlossen. Auch bei ihnen ist die Lokalisationsfähigkeit der Schmer¬
weit geringer als z. B. bei der Haut.
Wenn nun die normalerweise in gewissem Grade beweglichen
ane der Bauchhöhle durch Verwachsungen fixiert werden, so kann
sich bei den dadurch hervorgerufenen Beschwerden lediglich um
ungsschmerzen am Peritoneum parietale oder an der Befestigungs-
e der betreffenden Organe handeln. Dementsprechend machen
gedehnte, feste, flächenhafte Adhaesionen meistens gar keine oder
iger Beschwerden als Stränge, da die flächenhaften Fixationen den
anen überhaupt keine Bewegungen erlauben und damit keine Mög-
<eit zur Zerrung vorhanden ist. Das gilt besonders für die Organe
kleinen Beckens, die ja, wie z. B. der Uterus, häufig künstlich
rt und zur Deckung gebraucht werden.
Dass, wie Payr meint, die Adhaesionen in der unteren Bauch-
e mehr Beschwerden machen als die in der oberen, können wir
1 unseren Beobachtungen nicht bestätigen. Bei den Genitalorganen
ht die Fixation an und für sich jedenfalls nichts aus, wenn das
rte Organ nicht zufällig auf den Darm, die Blase oder einen
r drückt.
Sehr charakteristisch für Adhaesionsbeschwerden durch sträng¬
te Verbindungen der Organe mit der Bauchwand ist die Ab-
pgkeit der Schmerzen von einer bestimmten Körperhaltung und
■ Lagewechsel. Bei den drei oben erwähnten Fällen von Adhae-
sbeschwerden nach Ventrifixur war dieses Symptom sehr aus-
ägt.
Neben dem Zerrungsschmerz können die Adhaesionen aber noch
andere Art von Beschwerden machen. Oft stehen Funk-
nsstör ungen des Darmes im Vordergründe des
nkheitsbildes: ich meine hier wieder nicht die Ileuserschei-
ren, sondern unbestimmte chronische Beschwerden, wie Druck-
hl .mit Neigung zur Obstipation und zum- Meteorismus, Appetit-
■keit, Abmagerung und eine sich sekundär entwickelnde Neu-
lenie. Diese Erscheinungen- stehen sicher oft in ursächlichem Zu-
uenhang mit Bauchfelladhaesionen und dürften auf einer Herab-
un-g der Motilität des flächenhaft verwachsenen Darmes beruhen,
a auch andererseits wieder hervorznheben ist, dass ausgedehnte
lesionen von Dünndarmschlingen untereinander und mit der Bauch-
d oft völlig erscheinungslos vorhanden sind.
Also auch da wieder die grosse Differenz zwischen anatomischem
klinischen Befund, durch die die Diagnosenstellung so erschwert
Im Allgemeinen wird die Diagnose „Adhaesions-
c h werden" viel zu oft gestellt. Alle diejenigen Krank¬
ender, die sich gelegentlich hinter dieser unbestimmten Diagnose
ergen, aufzuzählen- und zu erörtern, hiesse hier die ganze abdomi-
Diagnostik aufrollen. Aber wenn wir vor der zu häufigen Annahme
Adhaesionsbeschwerden warnen-, so hat dieser negative Standpunkt
s Unbefriedigendes, ebenso unbefriedigend, wie etwa die Kranken
als Psychoneurotiker zu behandeln, die nach Laparotomien wieder
Beschwerden zum Arzt kommen.
Zweifellos sind die Beschwerden nach Laparotomien häufig rein
tioneller Natur und beruhen darauf, dass sich die normalen Vor-
x des Magendarmkanals, z. B die Darmbewegungen, aus unbe-
den in bewusste sensible Funktionen umwandeln12). Eine La-
tomie ist als psychisches Trauma sicher nicht zu unterschätzen,
-ii dieses I rauma kann bei nervös schwach konstituierten Men-
n die Erregbarkeit des Nervensystems so gesteigert werden, dass
normalen Funktionen im Abdomen als Beschwerden empfunden
m' Ehrend den Menschen mit nicht herabgesetzter Reizschwelle
Nervensystems alle diese Vorgänge gar nicht zum Bewusstsein
men. Auf diese Weise können psychoneurotische Krampfzustände
Darmes und der Bauchmuskulatur sowie Hyperästhesie des Peri-
ums manifest werden. Wieweit nicht nur eine erworbene Dis-
-ion oder eine angeborene Konstitution bei der Entstehung der
uesionsbeschwerden, sondern auch bei der Ausbildung
*') W a 1 1 h a r d in Menge-Opitz S. 186.
301
der Verwachsungen selber mit im Spiele sein kann, ist nur
schwer zu entscheiden. Nach Payr neigen Leute mit asthenischem
Stiller sehen Habitus besonders zur Adh-aesionsbildung. Mir scheint
der Zusammenhang eher der zu sein, dass bei solchen minderwertig
konstituierten Individuen die Adhaesionen nur leichter Beschwerden
machen, dass bei ihnen also nicht öfter Adhaesionen, sondern nur
öfter Adhaesionsbeschwerden vorhanden sind, als bei nervenkräftig
veranlagten Menschen.
Aber wie dem auch sei. sowohl die Diagnose der rein oder vor¬
nehmlich psychogen entstehenden Beschwerden, als auch die Annahme
der „Adhaesionsbeschwerden“ selbst, sei es nun, dass Verwachsungen
nachgewiesen sind oder nicht, ist nur erlaubt, wenn alle anderen Ur¬
sachen für die bestehenden Schmerzen ausgeschlossen sind.
Eine dominierende Rolle in der Differential diagnose gegen
die Adhaesionsbeschwerden spielen die in und seit dem Kriege so
häufig gewordenen spastischen Zustände des Darmes und
andere Störungen in dem. verwickelten Ineinandergreifen der Zusam¬
menziehungen und Erschlaffungen verschiedener Darmabschnitte auf
funktioneller Basis. Die durch lokale Darmspasmen herv-orgerufenen
Bläh'Ungsbeschwerden können zu den schwersten kolikartigen und ileus-
ähnlichen Erscheinungen führen. A. Mayer13) hat kürzlich auf die
Bedeutung der lokalen Darmspasmen (segmentärer Dannkrampf) auf¬
merksam gemacht. Für die spastischen- Zustände des Darmes bildet
das Atropin ein souveränes Mittel und wird ex juvantibus die Dia¬
gnose erleichtern. Nach A. M a y e r kommt auch die Lumbalanästhesie
therapeutisch in Betracht.
Von den mannigfaltigen auf einem lokalen Krankheitsprozess be¬
ruhenden Leiden, die differentialdiagnostisch heranzuziehen sind, ist
in erster Linie an ein Rezidiv desjenigen Leidens zu denken, das
zu der ersten Laparotomie geführt hat. Daneben kommen entzündliche
Darmerkrankungen vom gewöhnlichen Darmkatarrh bis zur Kolitis
membranacea in Frage. Dass Nieren- oder Uretersteine, Darm- und
Genitaltumoren und Lageveränderungen1 Gallensteinkoliken und Magen-
ulcera äuszuschliessen sind, dass ferner stets an eine epigastrische Hernie
zu denken ist, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch eine gewöhn¬
liche Zystitis kommt differentialdia-gnostisch in Betracht. Es ist
wohl nicht nur ein Zufall, dass bei zwei uns kurz hintereinander wegen
postoperativer Adhaesionen überwiesenen Frauen sich eine Cystitis
colli fand. Beide Kranken verliessen nach der entsprechenden Be¬
handlung beschwerdefrei die Klinik.
Soviel über die Diagnose der Adhaesionsbeschwerden, die durch
das Pneumoperitoneum eine erfreuliche Erleichterung und Verfeine¬
rung erfahren hat. Aber auch bei Anwendung dieser Un¬
ter s u c h u ng s m e t h o d e wird stets die Möglichkeit zu
berücksichtigen sein, dass die festgestellten Ad¬
haesionen nicht für die geklagten Beschwerden ver¬
antwortlich zu sein brauchen-.
Was schliesslich die Behandlung der postoperativen Adhaesionen
anbetrifft, so ist zunächst zu entscheiden, wann operiert werden soll.
Ausser bei Ileus tritt das operative Vorgehen in sein Recht,
wenn die geklagten Beschwerden einen streng loka¬
lisierten und konstanten Charakter haben und wenn
sie mit dem im Pneumoperitoneum- erhobenen Be¬
funde übereinstimmen. Wir möchten die Forderung aufstel¬
len, dass, wenn nicht etwa Ileus besteht, die Adhaesionsbeschwerden
nur auf Grund dieser Unters uchungsmethode und bei
genauer Kongruenz des erhobenen Befundes und der
geklagten Beschwerden zur Operation gelangen
sollen. Dadurch ist sicher eine grosse Zahl der ohne strengte Indika¬
tion- und unnötig aus-geführten Relaparotom-ien wegen Adhaesionsbe-
schwerden zu vermeiden. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die
peritonealen Verwachsungen einer spontanen Rückbildung fähig sind,
wie auch von Flesch-Thebesius kürzlich wieder hervor-gehoben
worden ist. Eine zu frühzeitige erneute Operation würde -dann nichts
weiter erreichen, als dass sich wieder neue Adhaesionen bilden, also
das Gegenteil von- dem, was erreicht werden sollte.
Wii möchten also unsern zurückhaltenden Standpunkt in -der ope¬
rativen Behandlung der Adhaesionsbeschwerden, immer vorausgesetzt,
dass kein Ileus und keine Strangsymptome bestehen, damit begründen,
dass
erstens sich unter der Diagnose „Adhaesionsbeschwerden“ oft ein
anderes Leiden verbirgt,
zweitens eine Relaparotomie meistens neue Adhaesionen sich aus-
bilden lässt un-d-
driUens in gewissem Grade auch eine spontane Rückbildung der
Adhaesionen möglich ist.
Unter den nicht operativen Behandlungsmethoden
hat sich die Magnetbehandlung des eisengefüllten Darmes nach Payr
bisher nicht eingeführt. Sehr zweckmässig scheint uns jedoch die
Saugbehandlung nach Kr oh14) zu sein, über die wir jedoch keine
eigenen Erfahrungen haben. Auch die Anwendung des Pneumoperi¬
toneums zur Adhaesions be Handlung nach N a e g e 1 i ist noch zu
neu, um schon beurteilt werden zu können. Sie verdient aber der
Nachprüfung und verspricht Erfolg. Es wäre erfreulich, wenn diese
von G ö t z e 15) 'erfundene, so sinnreiche röntgenologische Methode auch
1 ’) Hess: M.m.W. 1918 S. 1382. — A. Mayer: Ueber abnorme Kon-
traktionsphänomene am Darm (segmentärer Darmkrampf). Zbl. f. Gyn 1921
Nr. 45. 14) M.m.W. 1914 Nr. 7.
15) M.m.W. 1918 Nr. 46.
»
3*
302
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 9
therapeutischen Wert gewänne. Eines kann man schon sicher
sagen, dass durch das Pneumoperitoneum die Diagnostik der Ad¬
häsionsbeschwerden ein grosses Stück weiter gekommen ist. Es hat
uns besonders gezeigt, dass die Relaparotomien einzuschränken
sind und dass wir von dem erstrebten Ideal, so zu operieren^ dass
überhaupt keine ungewollten Adhaesionen entstehen, noch weit entfernt
sind.
Aus der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität
Leipzig. (Direktor: Qeheimrat Bumke.)
Die pathologische Anatomie des Gehirns in ihren Be¬
ziehungen zur Psychiatrie*).
Von Dr. B. Klarfeld, wissenschaftl. Assistenten und Vorstand
des histopathologischen Laboratoriums.
M. H.! Die Entwicklung der klinischen Psychiatrie begann mit dem
Augenblick, wo sich die Erkenntnis von dem Zusammenhänge der
Psychiatrie mit der somatischen Medizin durchgesetzt hatte. Der Zu¬
sammenhang zwischen Körper und Geist, die funktionelle Zuordnung
des Psychischen zum Physischen ist ja eine selbstverständliche Voraus¬
setzung der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Geisteskrank¬
heiten sind Gehirnkrankheiten, oder wie es K r a e p e 1 i n ausdrückt,
sind die psychischen Erscheinungsformen mehr oder weniger
feiner Gehirnveränderungen, was natürlich nicht sagen will,
dass die Gehirnveränderungen in jedem Falle morphologischer Art sein
müssen. Allerdings kann uns auch die genaueste Kenntnis der mate¬
riellen Vorgänge im Gehirn nichts über die Einzelheiten des psychischen
Geschehens sagen. Das körperliche und das psychische Geschehen sind
inkommensurabel, die funktionelle Zuordnung darf nicht als ein grober
Parallelismus gedacht werden. Die psychischen Erscheinungen müssen
für sich erforscht werden, das ist das Gebiet der Psychopathologie.
Dagegen werden wir bestrebt sein zu erkennen, inwieweit gesetz-
massige Beziehungen zwischen bestimmten Gehirnveränderungen und
bestimmten psychischen Symptomenkomplexen bestehen.
Die moderne klinische Psychiatrie bemüht sich, analog der soma¬
tischen Medizin Krankheitseinheiten herauszuarbeiten, Einheiten, die
eine bestimmte Aetiologie, ein charakteristisches klinisches Bild, einen
bestimmten Verlauf und Ausgang und einen besonderen anatomischen
Befund haben. Der pathologischen Anatomie fällt die Aufgabe zu, zu
dem Gesamtbilde der psychischen Krankheit die besondere Art des
Hirnbefundes zu ermitteln. Bei der Eigentümlichkeit der Psychiatrie,
die zwei Reihen von zwar verbundenen, aber miteinander nicht ver¬
gleichbaren Tatsachen, das körperliche und das psychische Geschehen
erforscht und nebeneinander stellt, kann die Lösung der Aufgabe nur
in engster Fühlung mit der Klinik gelingen. Die Problemstellung, die
in gleichem Masse die Bedürfnisse der Psychopathologie wie der. soma¬
tischen Medizin berücksichtigen muss, kann für die Anatomie der
Geisteskrankheiten nicht lediglich nach den Gesichtspunkten der patho¬
logischen Anatomie erfolgen. Die pathologische Anatomie der Geistes¬
krankheiten fällt nicht mit der pathologischen Anatomie des Gehirns
zusammen: sie hat eine besondere Problemstellung, verfolgt besondere,
von der Klinik vorgeschriebene Ziele und ist daher als eine ange¬
wandte Wissenschaft, als eine angewandte pathologische Anatomie des
Gehirns anzuseHfen.
In verhältnismässig wenigen Jahren hat die Anatomie der Geistes¬
krankheiten recht Erhebliches für die Psychiatrie geleistet. Ich er¬
innere nur an die Abgrenzung der Paralyse von den „paralyseähnlichen
Krankheitsbildern einerseits, von den sog. einfach luetischen Gehirn¬
erkrankungen anderseits. Auch darf nicht vergessen werden, dass es
schliesslich doch die Anatomie gewesen ist, die durch den Nachweis
von Spirochäten im Paralytikergehirn den endgültigen Beweis für die
luetische Natur der Paralyse geführt hat. Auf dem Gebiete der Er¬
krankungen des Rückbildungsalters war es im wesentlichen die Ana¬
tomie, die die Unterscheidung der spezifisch senilen Erkrankungen von
den auf Gefässveränderungen beruhenden ermöglicht hat. Auch die
Erkenntnis von dem Zusammenhänge gewisser präseniler Erkrankungen,
1 insbesondere der Alzheimer sehen Krankheit mit dem Altersblödsinn
haben wir der Anatomie zu verdanken. Das Gebiet der Epilepsien
wurde mit Hilfe der Anatomie aufgeteit. Dass man heute symptoma¬
tische Epilepsien auf atherosklerotischer, luetischer, enzephalitischer
Grundlage von der genuinen Epilepsie unterscheidet, ist ein Verdienst
der Anatomen. Auch einige Formen von Idiotie, die tuberöse
Sklerose, die beiden Formen der amaurotischen Idiotie, die
kongenital-luetischen Erkrankungen, gewisse Entwicklungsstörungen sind
anatomisch erforscht worden. Auf anderen Gebieten ist es zwar nicht
gelungen, die Hirnveränderung in ihrer Besonderheit zu erfassen, so
doch wenigstens den Nachweis zu führen, dass es sich um organische
Erkrankungen handelt. Dies gilt z. B. für gewisse präsenile Psychosen,
auch für Fälle von Dementia praecox, für Intoxikations- und Infektions¬
psychosen.
Man hört es nicht selten sagen, die Anatomie der Geisteskrank¬
heiten habe ihr Bestes schon gegeben, sie könne für die Psychiatrie
nichts mehr leisten. Dies ist ein Irrtum. Gewiss überstürzen sich
heute nicht die Erfolge, wie dies zu Beginn des Jahrhunderts gewesen
ist. Der Fortschritt jener Epoche kann aber auch nicht zum Mass-
*) Vortrag, gehalten in der Medizinischen Gesellschaft zu Leipzig. Sitzung
vom 13. Dezember 1921.
stab genommen werden. Damals machte man sich an Probleme herai
deren Lösung im Prinzip gelingen musste, weil es sich um grob-org;
msche Erkrankungen handelte. Paralyse, atherosklerotischc Erkrai
kungen, senile und präsenile Demenz, alles Erkrankungen mit scho
makroskopisch wahrnehmbarer organischer Grundlage, deren Erfoi
schung, nachdem N i s s 1 und Alzheimer den W eg gezeigt hattei
im Prinzip gelingen musste. Heute liegen die Dinge ganz ander
Heute suchen wir nach den Hirnveränderungen derjenigen Geiste:
krankheiten, wo es gar nicht im vorhinein feststeht, dass da morpht
logische Veränderungen überhaupt vorhanden sind. Bei Dementia prai
cox, Epilepsie, klimakterischen Psychosen, toxischen und infektiöse
Erkrankungen sehen wir nicht sehen mit dem blossen Auge, dass g<
staltliche Hirnveränderungen in jedem Falle vorhanden sind. Hii
handelt es sich um Veränderungen, wenn sie vorhanden sind, feiner:
Art, für die wir zum Teil erst eine Untersuchungsmethodik ausarbeiti
müssen. Veränderungen, zu deren Verständnis wir eine genaue Kenn
nis der biologischen Vorgänge im Nervensystem brauchen. Die Fo
schungen Heids haben unsere Kenntnisse von der Struktur, den Z>
sammenhängen und der Biologie des Nervensystems ganz neu g<
staltet; für das Verständnis des pathologischen Geschehens aber \vu
den diese neuen Erkenntnisse noch lange nicht genügend verwerte
Ich glaube, in so manchem Falle soll das pathologische Moment gai nie
in einer primären Erkrankung der Nervenzelle, der Nervenfaser g
sucht werden, sondern in einer Störung der innigen Beziehungen d
Nervenelemente und der Glia. Ich stelle mir die physiologische Arbeit
teilung und dementsprechend auch die physiologische Integration i
Nervengewebe so weit fortgeschritten vor, dass die nervösen Elemen
im wesentlichen nur noch ihre spezifischen Funktionen auszuüben ve
mögen; die vegetativen dürften zum grössten Teil von der Glia übt
nornmen worden sein. So dass die Nervenzelle erst im Verein mit d
Glia lebensfähig und funktionell vollwertig ist. Nervenzelle und G
zusammen bilden sozusagen eine Lebenseinheit, zusammen müssi
sie jeden Reiz, jede Schädigung beantworten. Ich glaube, dieselbe Ko
zeption hat N i s s 1 vorgeschwebt, als er bei der Darstellung der tyi
sehen Zellerkrankungen, seiner schweren und akuten Zellveranderur
darauf hinwies, dass zur Charakterisierung der Nervenzellerkrankui
eine bestimmte Giiaveränderung gehöre. Zum Begriff der schwer
Zellveränderung Nissls gehört einerseits die Verflüssigung c
Ganglienzelle, andererseits die amöboide Umwandlung der Glia. LI
akute Zellerkrankung Nissls ist eine Schwellung der Ganghenze
plus eine bestimmte progressive Veränderung der Glia. Ich glaube nie
dass diese Veränderung der Glia als eine lediglich sekundäre Erscheint!
im Sinne W e i g e r t s aufzufassen sei. Wir besitzen Anhaltspunl
dafür, dass die Glia eine das Nervensystem betreffende Schädigung au
direkt beantwortet und nicht nur sekundär, nach vorheriger Schädigu
der nervösen Elemente. Nervenelemente und Glia reagieren zusamm
auf eine gesetzte Schädigung, d. h., dass erst die Summe der nervös
und gliösen Veränderungen der Ausdruck der gesetzten Schädigu1
und der geweblichen Reaktion ist. Eine bestimmte Ganglienzellv
änderung mit neurophagischen Erscheinungen an der umgebenden C
ist der Ausdruck einer qualitativ oder quantitativ anderen Schädigu
als dieselbe Ganglienzellveränderung ohne die neurophagischen
scheinungen.
Die konsequente Durchführung dieser Anschauung von der fu
tionellen Einheitlichkeit des Systems Nervenelement plus Glia wu
unsere Auffassung der pathologischen Vorgänge im Nervensyst
wahrscheinlich nicht unwesentlich modifizieren. Ich kann hier auf dii
Fragen nicht näher eingehen, ich möchte nur erwähnen, dass wa:
scheinlich auch unsere Auffassung der entzündlichen Vorgänge ;
Nervengewebe einer Ueberprüfung unterzogen werden müsste. M
wären imstande, in dem System Nervenzelle plus Glia eine rein regr
slve Störung von einer progressiven Veränderung zu unterscheiden ■
müssten uns daher mit dem V i r c h o w sehen Begriff einer parenchx
tosen Entzündung auseinandersetzen. Ich kann auf diese Fragen ni
eingehen, nicht nur weil die Zeit drängt, sondern auch weil sie n
lange nicht spruchreif sind. j
Die Schwierigkeiten, mit denen die Anatomie der Geisteskrai
heiten auf ihrer jetzigen Entwicklungsstufe zu kämpfen hat, sind zl
Teil recht erheblich. Die feinen Gewebsveränderungen, mit denen jj
es jetzt zu tun haben, kommen nicht nur als das anatomische Komi
psychischer Erkrankungen vor, sie können unter Umstäiden der Ar
druck einer schweren körperlichen Schädigung sein, oder auch nur 1‘
Eingriffes, den der Tod bedeutet. Wir sind daher gezwungen, in eint
jeden Falle zu sondern, was von dem histopathologischen Gesamtbif
in eine Beziehung zur Psychose gebracht werden kann, und was f
die erwähnten Schädlichkeiten zurückgeht. j
Dazu kommt, dass die Dauer der psychischen Erkrankungen ha*
recht lang ist. Die anatomischen Veränderungen wechseln je nach il
Entwicklungsstadium der Erkrankung. Wir können daher bei einem
demselben Prozess verschiedene Veränderungen antreffen, je nach öl
Stadium, in dem der Kranke verstarb.' Es bedarf einer dauernden K
trolle an der Hand der Klinik, um den Entwicklungsgang der anato
sehen Veränderungen rekonstruieren zu können. 1
Und eine andere Schwierigkeit, die in dem eigentümlichen Verhall
der Anatomie der Geisteskrankheiten zur klinischen Psychiatrie begr
det ist. Die Problemstellung geht von der klinischen Psychiatrie ö
dafür muss aber auch die Klinik einwandfreie, eindeutige Fälle
Grundlage der anatomischen Untersuchungen liefern. Das kann *
Klinik in vielen Fällen nicht. So kann uns der Kliniker nicht sag
ob die Dementia praecox als eine einheitliche Erkrankung oder als f
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
3Ü3
nkheitsgruppe aufzufassen ist. Ob gewisse Fälle von Katatonie in
t Rahmen der Dementia praecox hineingehören oder auch nicht,
jnso unpräzis sind die Anschauungen über die Abgrenzung gewisser
tinfektiöser Schwächezustände von der Dementia praecox, über die
itkatatonie, über gewisse präsenile Erkrankungen. Allerdings hat
h die Klinik hier mit sehr verwickelten Verhältnissen zu tun. Das
lim ist ja nur ein Teil des Qesamtkörpers, seine Erkrankungen sind
fig nicht primär, sondern die Folge der Erkrankung eines anderen
;ans. So sind es namentlich Stoffwechselstörungen, die das Ge-
1 in Mitleidenschaft ziehen, Störungen in der Tätigkeit des endo-
len Systems. Manches spricht dafür, dass die eigentliche Ursache
ger Geistesstörungen, der Dementia praecox, der genuinen Epilepsie
um nicht von der Basedowpsychose, dem Kretinismus, dem hypo-
sären Infantilismus zu sprechen — , in der Dysfunktion einer Blut-
$e oder des endokrinen Systems zu suchen ist. Die Gehirnverände-
g ist hier sekundär, wobei es noch fraglich bleibt, inwieweit auch
ogerie Momente anderer Art, wie die besondere Veranlagung des
lirns eine Rolle spielen. Die psychische Erkrankung ist häufig die
ultante mehrerer Faktoren, deren Anteil im einzelnen nicht leicht zu
timmen ist. Eine Klärung kann hier nur durch das Ineinandergreifen
ischer und anatomischer Forschung herbeigeführt werden.
Trotz dieser prinzipiellen Schwierigkeiten mangelt es auch heute
it an Problemen, an deren Lösung die Anatomie mit ihren heutigen
teln erfolgreich mitwirken kann. So z. B. auf dem Gebiete der Idio-
. Idiotie ist ein klinisch-symptomatologischer, kein nosologischer
;riff. Die Hirnveränderung, die dem klinischen Bilde des Sclnvach-
is zugrunde liegt, kann ganz verschieden und das Endresultat gar ver-
edener Prozesse sein. Wohl hat man mehrere Formen der Idiotie
lusgehoben und eine jede für sich analysiert,, aber eine grosszügige,
immenfassende Bearbeitung des Gebietes steht noch aus. A 1 z -
im er hatte es vorgehabt, hat auch ein wertvolles Material zu-
imengebracht, leider starb er, ohne seine Untersuchungen zu einem
chluss gebracht zu haben. Die klinische Psychiatrie verlangt nach
;r systematischen Einteilung der Idiotien, Bumke bezeichnet es
eine dringende wissenschaftliche Aufgabe, die grosse Masse der
eborenen oder früherworbenen Schwächezustände rtach ätiologischen,
comischen und klinischen Prinzipien in verschiedene Krankheiten zu
egen. Ich glaube mit Ziehen, dass eine Einteilung nach ätio-
schen Prinzipien auf sehr grosse Schwierigkeiten stossen würde,
mehr Aussichten bietet eine pathologisch-anatomische Einteilung,
sie von Bourneville versucht worden war. Vor allem müssten
beiden grossen Gruppen der Idiotie durch Entwicklungsstörung und
:h postfötale Krankheitsprozesse reinlich geschieden werden. Inner-
der Gruppe der Idiotien durch Entwicklungsstörung hätten wir die¬
sen Formen, die durch „primäre Aplasie“, durch eine „idiogene“
vicklungsstörung verursacht werden, von den anderen zu trennen,
denen es sich um eine „sekundäre Aplasie“, eine „peristatische“
Wicklungsstörung handelt. Soviel ich sehe, wird diese zweite
ppe auf Kosten der ersteren immer mehr erweitert. So z. B. werden
mit einer Porenzephalie vergesellschafteten Mikrogyrien und Hetero-
en der grauen Substanz auf eine Störung der Korrelationen, auf einen
fall von „Bildungsreizen“ zurückgeführt. Die Unterscheidung zwi¬
rn echter und erworbener Porenzephalie wird aufgegeben, man er-
t alle Porenzephalien für fötal erworbene Schädigungen. Die ex-
mentellen Arbeiten von Spatz über die besondere Reaktionsweise
unreifen Nervengewebes machen es in der Tat wahrscheinlich, dass
1 die sog. echten Porenzephalien das Resultat einer sehr frühen
idigung des Gehirnes sind. Die Beantwortung dieser Fragen wäre
die Psychiatrie von prinzipieller Bedeutung, da sie uns vielleicht sehr
itige Aufschlüsse über die Rolle der Vererbung, wie der Keimschädi-
g in der Entstehung der Geisteskrankheiten geben könnte.
Auch die durch chronische Intoxikationen bewirkten Dauerzustände
en der anatomischen Bearbeitung. Hier kommt in erster Linie der
nische Alkoholismus in Betracht. Die Schwierigkeiten liegen hier
er relativen- Spärlichkeit des Materials und auch darin, dass die An¬
ten der Kliniker darüber, was als eine im kausalen Sinne alkoholische
;tesstörung anzusehen sei, zum Teil auseinandergehen. So z. B.
in der chronische halluzinatorische Schwachsinn der Trinker von
?en Autoren als eine Dementia praecox bei einem Alkoholiker auf-
sst wird. Indessen sind diese Schwierigkeiten nicht unüberwind-
Ein dankbares Gebiet für die Anatomie ist auch die Gruppe der
einer^Erkrankung der Basalganglien einhergehenden Psychosen,
von C. und 0. Vogt, Spiel m eye r, Bielschowsky u. a.
diesem Gebiete erzielten Ergebnisse ermuntern zu weiteren For¬
mten. Die Erforschung gerade dieser Gruppe, wo eine anscheinend
'tzmässige Verbindung bestimmter neurologischer Symptomenkom-
e mit charakteristischen psychischen Krankheitsbildern gefunden
1 — die Erforschung gerade dieser Gruppe kann uns wichtige Auf-
usse über den Aufbau des Psychismus geben. Ich kann hier nicht
er auf diese Probleme eingehen, sie £ind viel zu komplex, um in
ee auch nur flüchtig skizziert werden zu können.
Beim Studium dieser Gruppe müssen wir u. a. auch auf die Frage
i den inneren Zusammenhängen der einzelnen Hirngebiete stossen.
möchte hier nicht auf die Frage der lokalisatorischen Einteilung des
irns in ihren Beziehungen zum Psychischen eingehen. Welche An¬
mutigen man auch darüber haben mag, die Forderung einer exakten
alisierung der festgestellten1 histopathologischen Veränderungen ist
ihaus berechtigt und selbstverständlich. Die Aufgabe wird uns
wesentlich erleichtert durch die grossartigen Vorarbeiten von
; c h s i g, Brodmann, Vogt, v. Monakow. Wir werden ver¬
suchen müssen, sowohl die areale wie die laminäre Lokalisation zu
berücksichtigen. Allerdings wird man hier zu einer Technik greifen
müssen, die zahlreiche Arbeitskräfte und grosse Mittel voraussetzt.
M. H.l Ich könnte hier noch manches aufzählen, was die heutige
Anatomie der Psychosen mit der heutigen Methodik in Angriff nehmen
kann. Doch möchte ich Ihre Geduld und Ihre Zeit nicht über Gebühr
in Anspruch nehmen. Um so mehr als ich noch einige Worte über die
Entwicklungstendenzen unserer Disziplin sagen möchte. In Anlehnung
an die Untersuchungen von W 1 a s s a k und insbesondere von Reich
hat es Alzheimer unternommen, die Stoffwechselvorgänge, ganz
besonders die Abbauerscheinungen im Nervensystem unter pathologi¬
schen Verhältnissen mit Hilfe mikrochemischer und farbenanalytischer
Methoden zu erforschen. Ich brauche kaum daran zu erinnern, wie wich¬
tige Erkenntnisse wir diesen Forschungen verdanken. In einer Reihe
von Psychosen, bei denen uns die üblichen Methoden im Stiche ge¬
lassen hatten, gelang es Alzheimer mit Hilfe seiner Technik einen
ausgedehnten Zerfall des Nervengewebes nachzuweisen und so den Be¬
weis der organischen Natur der Erkrankung zu führen. So für die akute
Katatonie, den genuin-epileptischen Anfall, gewisse Erkrankungen des
Rückbildungsalters.
Diese Forschungsrichtung gewinnt an Bedeutung, wenn man be¬
denkt. wieviel Gewicht auf einen pathologischen Abbau des Nerven¬
gewebes als Grundlage der Erkrankungen in den letzten Jahren von
anderer Seite her gelegt wird. Es ist klar, dass wir mit der mikro¬
chemischen Methodik Vorgänge erforschen, die zum grossen Teil aus¬
gleichbar sind und nicht immer zu einer dauernden morphologischen Ver¬
änderung führen. Dadurch erweitert sich selbstverständlich in un¬
geahnte/ Weise das unsern Untersuchungen zugängliche Gebiet der
Gehirnvorgänge und ihrer Abweichungen unter pathologischen Verhält¬
nissen. Hier liegt auch die Möglichkeit, einiges über den Mechanismus
zu erfahren, durch den das endokrine System in das Gehirnleben ein¬
greift. So wäre es möglich, dass wir mit Hilfe der mikrochemischen
Methodik Einblick gewinnen könnten auch in dasjenige Gebiet der
Psychosen, das man als das organisch-funktionelle bezeichnet hat.
M. H.l Es ist das gewöhnliche Schicksal einer jeden Entwicklung:
je tiefer man in das Wesen einer Wissenschaft eindringt, je mehr das
Verständnis für die Zusammenhänge wächst, um so komplizierter wer¬
den die Probleme, um so mehr wächst ihre Zahl. Um die Probleme der
modernen Psychiatrie erfolgreich in Angriff nehmen zu können, bedarf
es einer zielbewussten Zusammenarbeit des Klinikers, des Anatomen
und des Chemikers, einer Zusammenarbeit, wie sie K r a e p e 1 i n bei
der Konzeption einer Forschungsanstalt für Psychiatrie vorgeschwebt
hat. In dieser Zusammenarbeit für das gemeinsame Ziel, die Erfor¬
schung des geisteskranken Menschen, ist die Anatomie ebenso unent¬
behrlich, wie die Psychopathologie.
Aus der Chirurg. Universitätsklinik (Augustahospital) in Köln.
Oesophagusplastik, Methodik und Erfolge*).
Von Prof. Dr Paul Frangenheim.
Gutartige Verengerungen des Oesophagus, die jeder Sondenbehand¬
lung trotzen oder zu Rezidiven neigen, erfordern die Schaffung eines
neuen Speiseweges. Ehe wir einen Kranken zu einem lebenslänglichen
Magenfistelleben verdammen, soll der künstliche Ersatz der unwegsam
gewordenen Speiseröhre versucht werden. Vielleicht ist die Zeit nicht
fern, wo mit fortschreitender Technik der einzelne auf Grund persön¬
licher Erfahrungen die Oesophagusplastik der Sondenbehandlung mit
ihren vielen Gefahren und ihren Unbequemlichkeiten für den Kranken
vorzieht.
Nachdem der Dünndarm, der Dickdarm, der Magen ganz oder zum
Teil, ferner die Brusthaut in Form eines antethorakalen Hautschlauches
allein oder in Verbindung mit Dünndarm, Dickdarm oder Magen zum
Ersatz der Speiseröhre verwendet wurden, sind die Möglichkeiten der
Oesophagusplastik erschöpft. Die klinische Beobachtung, die Erfolge
werden ergeben, ob das eine oder andere Verfahren als die Methode
der Wahl zu bezeichnen ist oder ob alle gleich gute Resultate er¬
geben.
Ax hausen sieht in der Vereinigung von Dünndarm
mit einem antethorakalen Hautschlauch die Methode der
Wahl. Die meisten Kranken wurden bisher auf diese Weise operiert.
Wir verfügen in der Literatur schon jetzt über eine grössere Anzahl
von Dauerresultaten und sind somit imstande, Endgültiges über dieses
Verfahren zu berichten. Das Verfahren eignet sich für jugendliche und
ältere Kranke und wird dann angewandt werden, wenn es nicht gelingt,
eine ausgeschaltete Jejunalschlinge nach dem ursprünglichen Vorschläge
von Roux bis zum Jugulum emporzuführen. Besteht diese Möglich¬
keit ■*— und bei Kindern gelingt es anscheinend nach unseren Er¬
fahrungen- und denen anderer fast stets, die Dünndarmschlinge bis
zum Halse heraufzuführen — , so ist diese Roux sehe Methode unter
allen Umständen einfacher und aus diesem Grunde der Verwendung
von Dünndarm mit einem Hautschlauch (Lex er, Wu listein) vor¬
zuziehen. Die Kürze des Mesenteriums und die mit zunehmendem
Alter stets ungünstigere Gefässversorgung setzen dem Roux sehen
Verfahren bestimmte Grenzen. Bei zu kurzem Mesenterium wird die
ausgeschaltete Schlinge nur soweit heraufgeleitet, als die anatomischen
*) Vorgetragen in der Sitzung der Med.-Wissenschaftl. Gesellschaft an
der Universität Köln am 13. Januar 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Verhältnisse es gestatten. Die Beobachtung bei der Operation zeigt |
auch, ob die Gefässversorgung eine ausreichende ist; wenn sie un- j
genügend ist, kann die Dünndarmschlinge manchmal nur bis zum
Schwertiortsatz, bestenfalls bis in die Höhe der Brustwarzen ausgeleitet
werden. Die Kürze des Mesenteriums des Dünndarmes führte zur
Ver wendung des Dickdarmes (K ellin g, Vulliet) an Stelle
des Jejunums. Aber auch am Dickdarm (Colon transversum) gibt es
anatomische Verhältnisse, die die Verwendung dieses Darmabschnittes
zur Oesophagusplastik unmöglich machen: zu kurzes Mesenterium,
ungenügende Beweglichkeit der beiden Flexuren, und hierdurch Schwie¬
rigkeiten bei der Enteroanastomose nach Ausschaltung des Colon trans-
versum. , D . .
Gegen die Verwendung des Dickdarmes sprechen nach B 1 a u e l
die grössere Infektionsgefahr und ein physiologischer Grund, nämlich
die Verbindung eines stark säurebildenden Teiles des Verdauungs-
traktus mit einem Teile, der nur ein schwach alkalisches Sekret in
massiger Menge liefert. Dadurch könnte die notwendige _ Neutrali¬
sierung des Magensaftes vielleicht eine unvollkommene sein, sobald
dieser in dem ausgeschalteten Dickdarm aufwärts steigt. Damit soll
auch bei der Verwendung eines Hautschlauches der notwendige Schutz
für diesen fortfallen, ln der Literatur sind Nachteile über die Verwen¬
dung des Dickdarmes nicht bekannt geworden.
Sowohl die Verwendung des Dünndarmes wie die des Dickdarmes
mit der meist in einer Sitzung auszuführenden Enteroanastomose, der
Magendarmvereinigung, und der Ausleitung der ausgeschalteten Dünn¬
darmschlinge nach der Tunnelierung der Brusthaut bedeuten für die elen¬
den Kranken stets einen sehr grossen Eingriff. Durch die Verteilung
der genannten Operationen auf mehrere Sitzungen hoffte man die in der
Regel zuerst auszuführende Darmausschaltung und -ausleitung weniger
eingreifend zu gestalten Die Verwendung des Magens zum
Ersatz des Oesophagus brachte die gewünschte Vereinfachung des Ver¬
fahrens, sofern ein Teil der Vorderwand des Magens (Hirsch) oder
die grosse Kurvatur (Jianu) zur Schlauchbildung benutzt wurden.
Die Zahl der auf diese Weise operierten Kranken ist noch gering.
Gewisse Schwierigkeiten wird die Verwendung eines Teiles des Magens
immer bereiten, da der Magen bei länger bestehenden Verengerungen
der Speiseröhre oft hochgradig geschrumpft ist. Die von K i r s c h n e r
empfohlene und bisher von ihm einmal mit bestem Erfolge ausgeführte
Verwendung des ganzen Magens zur Oesophagusplastik ist
jedenfalls den Teilplastiken vorzuziehen, besonders wenn es, wie in
dem K i r s c h n e r sehen Falle, gelingt, den unter die Brusthaut ver¬
lagerten Magen direkt mit dem1 am Halse quer durchtrennten Oeso¬
phagus zu vereinigen. Wenn der Heilverlauf bei allen auf diese Weise
operierten Kranken stets ein so günstiger ist, wie in dem Kirschner-
schen Falle, so wäre die Verwendung des ganzen Magens zum Ersatz
der unwegsam gewordenen Speiseröhre allen anderen Operations¬
methoden vorzuziehen. Wenn der Eingriff an sich auch ein sehr grosser
ist, so bietet doch die Beendigung der ganzen Plastik in einer Sitzung
ausserordentlche Vorteile.
Die von Esser empfohlene Bildung eines Haut¬
schlauches aus Thierschschen Läppchen und die direkte
Vereinigung dieses Hautschlauches mit einer Gastrostomie vermeidet
die Eröffnung der Bauchhöhle und ist dadurch allen anderen Verfahren
überlegen. Eine Nachprüfung des Verfahrens steht noch aus.
Fast alle bisher bekannt gegebenen Plastiken erforderten eine
grössere Anzahl operativer Eingriffe und erstreckten sich über viele
Monate, selbst Jahre. Neuere Veröffentlichungen lassen aber erkennen,
dass die Zahl der Einzeleingriffe immer geringer wird und die Fertig¬
stellung der Oesophagusplastik dementsprechend kürzere Zeit be¬
ansprucht. Die Mitteilung jedes Einzelfalles und aller Misserfolge sind
insofern von Wichtigkeit, als die Schwierigkeiten, die sich bei jedem
Falle darboten, begangene Fehler u. dgl. allgemein bekannt wurden^ und
so konnte ein jeder vom anderen lernen und jene Fehler vermeiden,
die zu besonderen Komplikationen geführt hatten.
Im vergangenen Jahre ist es mir gelungen, eine Oesophagusplastik
nach Roux in 3 Sitzungen ohne Zwischenoperationen zu Ende zu
führen. Die Plastik erforderte 8 Wochen. Wenn auch von dem letzten
Eingriff bis zu dem Augenblick, wo der Kranke ein Glas Wasser trinken
konnte, noch 10 Tage vergingen, so war doch schon vorher fest¬
zustellen, dass der neue Speiseweg unmittelbar nach der letzten Opera¬
tion benutzt wurde, denn der verschluckte Speichel gelangte nicht nach
aussen. Den guten Erfolg der Plastik verdanken wir dem jugendlichen
Alter des Kranken, nicht minder der Berücksichtigung alles dessen, was
in der Literatur über die Oesophagusplastik niedergelegt ist, wobei uns
eigene Erfahrungen zugute kamen. Wir lassen einige Daten über die
Plastik folgen;
Der 6 jähr. Knabe trank vor 1 Yi Jahren Sodalösung; ein halbes Jahr
später Schluckbeschwerden, die durch Bougierung gebessert wurden. Das
Kind konnte dann mit flüssiger und breiiger Kost ernährt werden. 14 Tage
vor der Aufnahme trat eine Verschlechterung ein. Der Kranke konnte auch
diese Nahrung nicht mehr schlucken, sondern erbrach alles.
Der Kranke wiegt nur 12X> kg. Bei der Durchleuchtung zeigt sich
nach Verschlucken einer kleinen Menge Wismut eine Stenose in der Höhe
des Abgangs des linken Bronchus. Eine Sondierung gelingt nicht.
Zunächst Anlegung einer Magenfistel durch den linken Rektus nahe der
Kardia. Da nach einiger Zeit die Sondierung noch nicht möglich ist, erhält
der Kranke des öfteren eine kleine Stahlkugel, armiert mit einem Seiden¬
faden zum Schlucken; diese wurde stets erbrochen. Eine Sondierung ohne
Ende ist also nicht ausführbar. Allmähliche Gewichtszunahme auf 15 14 kg.
Oesophagusplastik nach Roux.
14. 111. 1921. Ausleitung einer Dünndarmschlinge. Die Kontinuität des
Darmes wird durch eine Scitenanustomose wieder helgestellt. Die ausgi
leitete Schlinge wird seitlich mit dem Magen vereinigt und unterhalb diesi
Vereinigungsstelle mit einem Seidenfuden abgeschnürt. Die Schlinge wir
unter die Brusthaut verlagert. Sie reicht bis zum Jugulum.
14. IV. 1921t Quere Durchtrennung des Oesophagus am Halse, d;
aborale Ende wird übernäht und versenkt, das orale zirkulär mit der Hai
vernäht. c .
9. V. 1921. Vereinigung des Oesophagus mit dem oberen Ende dij
ausgeleiteten Dünndarmschlinge durch einen der linken Halsseite entnommen!
tü'rflügelartigen Hautlappen. , . ,
Am 20. V. 1921 trank der Knabe zum erstenmale Flüssigkeit und a
19. VI. 1921 wurde er geheilt mit gut funktionierendem künstlichem Oesi'j
phagus entlassen. .
13. I. 1922. Die Magenfistel ist geschlossen. Der neue Speiscwi ■
funktioniert ausgezeichnet. Die unter der Brusthaut verlagerte DarmschlinJ
zeigt lebhafte Peristaltik (s. Abb.).
Abweichend von dem Roux sehen Vorschlag wurde die aul
geleitete Darmschlinge retrokolisch ausgeleitet, aber so, dass gleichsaji
nur eine unilaterale Aus¬
schaltung gemacht wurde,
die Vereinigung der Darm¬
schlinge mit dem Magen er¬
folgte durch eine Seitenana-
stomose und unterhalb die¬
ser Anastomose wurde die
ausgeschaltete Jejunal¬
schlinge nur abgebunden,
nicht durchtrennt. Das be¬
deutet eine geringe Abkür¬
zung des Verfahrens. Die
quere Durchtrennung des
Oesophagus am Halse, die
bei vollkommen unweg¬
samer Speiseröhre bedenk¬
liche Folgen haben kann —
Sekretansammlung, Zerset¬
zung, Dilatation — . ist ohne
nachteilige Folgen für, den
Patienten gewesen. Die
Bildung des Oesophagus-
mundes am Halse gestaltet
sich bei querer Durchtren¬
nung entschieden einfacher,
als wenn der Oesophagus
nur quer halb axial eröffnet
wird.
Alle Versuche des Oesophagusersatzes bei gleichzeitig yorhandeneö
Oesophaguskarzinom sind bisher fehlgeschlagen, das wird sich n
ändern, wenn die Plastik erst nach radikaler Beseitigung des Karzinor;
gemacht wird, ein kühner Wunsch, dessen Erfüllung wir noch harrej
Bei gutartiger Verengerung des Oesophagus ist der plastische Ersa
der Speiseröhre des öfteren mit Erfolg ausgeführt worden, der nunmci
auch als Dauererfolg zu bezeichnen ist, da wir Patienten kennen, ci
seit 12 Jahren ihren neuen Oesophagus ohne nennenswerte Beschwerd
benutzen. Die Patientin L e x e r s. die erste 1910 fertiggestellte Plast
klagt zuweilen über lästiges Jucken im Hautschlauch. Dass über dej
artige Beschwerden nicht häufiger geklagt wird, ist uns begreitlkj
seitdem wir durch die anatomischen Untersuchungen Paul Mülle
wissen, dass die Epidermis des Hautschlauches auch nach jahrelang
Benetzung mit Speichel, Speisebrei, Magensaft, keine krankhaften V<|
änderungen erkennen lässt. Die Lanugohaare des zur Bildung dt
Hautschlauches verwendeten Hautlappens waren an der Oberfläcj
nicht einmal zu sehen, geschweige denn in störender Weise ai
gewachsen. Anderseits ist aber auch die mehrfach geäusserte V<1
mutung nicht zutreffend, dass ein zu langer Darmschlauch funktiom
von Nachteil sein kann (Blauei). Die von Stieda als 17jähri)
operierte Patientin bekam 27 jährig starke Beschwerden durch das lf
ihr auftretende Schwangerschaftserbrechen.
In der Literatur sind bisher 28 erfolgreich durch geführ»
Oesophagusplastiken bekannt gegeben worden. Die vj
schiedenen Methoden sind an diesen Erfolgen wie folgt beteiligt: M
thode Bircher L Roux 3, Wullstein-Lexer 16, Kellinl
Vulliet 3, Jianu 1. K i r s c h n e r 1, Esser 1. bei 2 erfolgreich.
Plastiken ist die Operationsmethode nicht bekanntgegeben.
Der Schluckmechanismus bei der Oesophagu-
Plastik ist des öfteren genau studiert worden (Schreiber u. 4
Sobald die Speisen den Halsteil des Oesophagus verlassen haben, fall»
sie in kurzer Zeit in den Magen hinunter. Nur Nicolaysen erwähl
dass bei seiner Patientin flüssige Nahrung rasch herabglitt, währe!
feste Speisen sich zuerst im mittleren Teile des Hautrohres ansammclb
und mit ein paar Mund voll Wasser herabgespült werden mussten od
durch Druck mit der Hand über dem oberen Teil des Sternums her¬
gepresst wurden. Im allgemeinen kann man sagen, dass die Speist
um so rascher in .den Magen gelangen, je länger das zur Plastik v-
wendete Hautrohr ist. Bornhaupt, der einen Patienten nach R o i .
den anderen nach Wullstein-Lexer operiert hatte, fand, dri
der Mechanismus des Schluckens bei beiden Patienten ein ganz v-
schiedener war. Im ersten Falle sah man nach jedem Schluckakt, V
die Speisen mit einem Ruck mit mässiger Geschwindigkeit das aus <ä
Brustwand gebildete Rohr passierten, dann erst setzte eine langsa -
Peristaltik in der subkutan gelegenen Dünndarmschlinge ein.
lärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
305
:iten Falle sah man nach jedem Schluckakt den subkutan gelagerten
in sich peristaltisch aufblähen und gewann den Eindruck, dass die
ise im Darmrohr nicht mit derselben Geschwindigkeit weiter-
irdert wird wie im ersten Falle durch das Hautrohr. Bornhaupt
:hte deshalb behaupten, dass die aus der Brusthaut gebildete Speise-
e den physiologischen Verhältnissen mehr entspricht als die lang¬
te Beförderung der Speise durch die Darmperistaltik. Bei unserem
ienten ist während der Nahrungsaufnahme dauernd eine lebhafte
istaltik zu sehen, die auch durch einfaches Berühren der subkutan
lagerten Darmschlinge ausgelöst werden kann (s. Abbild.). Der
ient schluckt aber jede Nahrung mühelos.
Bornhaupt hat behauptet, dass die Oesophagusplastik nur bei
achsenen und bei Kindern über 10 Jahren angezeigt ist, während
Kindern unter 10 Jahren die Plastik nicht versucht werden seil,
1 Kinder Eingriffe in der Bauchhöhle schlecht vertragen. Die
schenzeit hat gelehrt, dass auch bei Kindern die Oesophagusplastik
Erfolg gemacht werden kann. Hinz hat ein 2% Jahre altes Kind
riert, Sundblad ein 3 jähriges, Verfasser einen 6jährigen Knaben,
benhofer, Axhausen 8jährige. Mehrere 10- und 13jährige sind
Erfolg operiert worden (Axhausen, B 1 a u e 1, R e h n, Mad-
i e r, R o u x), von denen nach vollendeter Plastik einige an Zu-
;krankheiten starben (Status thymico-lymphat., Diphtherie, Pneu-
rie). Die meisten Operierten gehören dem 2. und 3. Dezennium an.
sind aber der Ansicht, dass die Operation in jedem Lebensalter
lacht werden kann, wenn durch vorherige Anlegung einer Magen-
pl der Ernährungs- und Kräftezustand der meistens unterernährten
ienten ein derartiger ist, dass sie dem Eingriff gewachsen sind.
Gross ist das Anwendungsgebiet der Oesophagoplastik nicht, so
|:e es nicht gelingt, das Oesophaguskarzinom mit in ihren Bereich
riehen. Die von Roux empfohlene prophylaktische Frühsondierung
Oesophagus nach Verätzungen ist in ihrem Dauererfolg noch nicht
ibersehen. Von einer gelungenen Sondenbehandlung muss man ver-
;en, dass der Behandelte so viel schlucken kann, dass er normal
ihrt und arbeitsfähig ist. Aber bei lange fortgesetzter Sondierung
ht sich in der Regel eine hochgradige Unterernährung bemerkbar,
er Patient konnte nach längerer Sondenbehandlung nur flüssige
breiige Speisen schlucken. Ausserdem bekam er ein Rezidiv, das
r Sondenbehandlung trotzte. Bei einem derartigen Kranken ist der
Schluss zur Oesophagoplastik leicht gefasst, zumal wenn die an-
andte Mühe so reichlich belohnt wird, wie bei allen bisher
ngenen Plastiken.
Literatur.
Budde: Zur Frage des plastischen Ersatzes schleimhautbekleideter
re. II. Oesophagus. D. Zschr. f. Chir. 161. — Fon io: Ein Fall von
thorakaler Oesophagoplastik. Schweiz, m. Wschr. 1921 Nr. 38 Lit. —
ingenheirn: Oesophagoplastik. Ergehn, d. Chir. u. Orth. 5. Lit.
Hartung: Zur Bildung des Hautschlauches bei der antethorakalen
iphagusplastik. Med. Kl. 1919 Nr. 26. — Hinz: Zur präthorakalen
iphagoplastik. D.m.W. 1921 Nr. 37. — Madien er: Ueber den Ersatz
Speiseröhre durch antethorakale Schlauchbildung. D. Zschr. f. Chir. 155. —
Iler Paul: Anatomische Untersuchungen des Speiseweges nach totaler
Dphagusplastik. Beitr. z. klin. Chir. 118. — Ranzi: Ueber totale
iphagoplastik. W.kl.W. 1919 Nr. 10. — Roux: Oesophago — jejuno —
rostomose et retrecissements cicatriciels de l’oesophage. Grece med. Ig.
Vr. 7, 1920. — Sundblad: Ueber anthethorakale Oesophagoplastik.
i chir. scandinav. 1921, 53, H. 6.
ts der medizinischen Universitätsklinik Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geh.-Rat Prof. Matth es.)
Röntgenbestrahlung bei Asthma bronchiale.
Von Felix Klewitz.
Hinweise auf die günstige Beeinflussung des Asthma bronchiale
:h Röntgenstrahlen finden sich bereits in der älteren Literatur1);
r die Methode hat nicht die Verbreitung gefunden, die sie ver-
it. Zum Teil liegt dies wohl daran, dass die Methodik der Bestrah-
r wenig exakt ausgearbeitet war, wodurch mancher Misserfolg zu
ären sein dürfte. Wir selbst haben seit mehreren Jahren alle
imatiker systematisch mit Tiefenbestrahlung behandelt und in Kürze
-its andernorts2) über unser Vorgehen berichtet. Schon damals
5 sich sagen, dass in vielen Fällen von Asthma bronchiale sehr
i Erfolge erzielt wundert, wir waren aber nicht in der Lage, etwas
eres über die Dauer des Erfolges zu sagen. Auch haben wir
:re Erfahrungen inzwischen an reichlichem Material erweitert, so
ä vir nunmehr ein abschliessendes Urteil über die therapeutischen
•Ige fällen können.
Unser Vorgehen weicht von dem früher angegebenen nur wenig ab;
war es nötig, für das inzwischen aufgestellte moderne Instrumentarium
zweckmässige Einzeldosis neu festzustellen. Diese Feststellung der
eldosis geschah natürlich, wie schon früher betont, auf empirischem
:e; unsere Erfolge beweisen, dass sie richtig gewählt ist. Bei erheb-
:n Abweichungen nach oben und unten sahen wir Misserfolge, mit-
r auch unangenehme Nebenerscheinungen.
Ueber unser Instrumentarium sei folgendes gesagt: Symmetrieapparat;
eröhren bzw. S.H.S. -Röhren, Belastung 2 M.A. (Wintz-Automat). Span¬
tshärtemesser: 108 — 112; Fokushautdistanz: 23 mm; Feldgrösse: 10: 15 cm.
') Literatur bei Wett er er: Hb. d. Röntgenther.
') Strahlentherapie 1921, 12.
Prozentuale Tiefendosis: 18 — 20 Proz. der H.E.D. hinter 10 cm Wasser.
Filter: 0,5mm Zink; H.E.D. (hinter Zink): 45 Min.
Im einzelnen gehen wir so vor, dass im ganzen sieben Felder von je
10: 15 cm Grösse bestrahlt werden, und zwar vier vom Rucken, drei von der
Brust aus 3). Die Dosis pro Feld beträgt Vs H.E.D., die Dauer der Be¬
strahlung pro Feld bei unserem Instrumentarium also 15 Minuten (unter
Zinkfilter, das ausschliesslich verwandt wird). Wir bestrahlten im allge¬
meinen 1 — 2 Felder pro Tag, wobei wir uns in erster Linie nach dem Be¬
finden des Kranken richten; mehr oder weniger starker Röntgenkater ist
nicht ganz selten. In spätestens sieben Tagen ist also die Bestrahlung
beendet; sie kann übrigens ohne Bedenken ambulant durchgeführt werden.
Damit ist die Kur aber nicht beendet; wir dringen darauf, dass in jedem
Falle eine nochmalige Durchbestrahlung erfolgt und zwar spätestens nach
Ablauf von vier Wochen. Diese erneute Bestrahlung soll auch dann statt¬
haben, wenn schon die erste vollen Erfolg gehabt hat. Die Erfahrungen
an unserem immerhin reichlichen Material rechtfertigen diese Massnahme,
deren Durchführung leider nicht selten an der Unvernunft der Patienten oder
äusseren Umständen scheitert. Eine dritte Durchbestrahlung ist nur dann
nötig, wenn bei erfolgreich bestrahlten Fällen nach einiger Zeit wieder
Anfälle auftreten.
In letzter Zeit sind wir dazu übergegangen, unmittelbar im Anschluss
an die erste Bestrahlungsserie eine zweite anzuschliessen. Dieses Vorgehen
scheint besonders wirksam und der Erfolg nachhaltiger. Wir möchten aber
davor warnen, etwa aus Zeitersparnis anstatt der zwei Serien nur eine
mit doppelter Einzeldosis (2/a H.E.D.) zu geben; grössere Dosen werden nach
unserer Erfahrung oft schlecht vertragen und halten die Patienten von
Wiederholung der Bestrahlungen ab.
Der Erfolg zeigt sich mitunter bald, bisweilen schon vor Beendi¬
gung der ersten Bestrahlungsserie : die Anfälle verschwinden, die ka¬
tarrhalischen Erscheinungen nehmen ab. In anderen Fällen stellt sich
der Erfolg erst nach der ersten, selten erst nach der zweiten Durch¬
bestrahlung ein. Mitunter wird nur eine Besserung des Zustandes er¬
reicht. derart, dass die Anfälle seltener und weniger heftig auftreten;
auch in diesen Fällen ist der Erfolg immerhin offensichtlich. Nur
in der Minderzahl der Fälle wird gar kein Erfolg erzielt.
Folgende kurze Zusammenstellung wird das Gesagte näher erläu¬
tern; sie betrifft insgesamt 24 Fälle; die Zahl unserer Beobachtungen
ist nicht unerheblich grösser, doch haben wir ausschliesslich Fälle be¬
rücksichtigt von denen wir auf brieflichem oder mündlichem Wege
Nachricht über ihr Befinden erhalten konnten. Wir haben der besseren
Uebersicht halber den erzielten Erfolg verschieden bewertet und zwar
bedeuten drei +++. dass Anfälle bisher überhaupt nicht mehr auf¬
getreten sind, zwei ++, dass während der ersten Monate gleichfalls
die Anfälle ausblieben, später sich selten und in milderer, den Kranken
wenig belästigender Form einstellten; mit einem + ist ein Erfolg ge¬
bucht, derart, dass die Kranken zwar für einige Wochen ganz anfalls¬
frei waren, dann aber sich wieder Anfälle einstellten, wenn auch sel¬
tener und weniger heftig; ein — bedeutet, dass eine Besserung nicht
erzielt wurde; diese verschiedene Bewertung der Erfolge hat natur-
gemäss etwas Subjektives; da ihr aber ausschliesslich meist schriftliche
Angaben der Patienten zu Grunde gelegt sind, ist die Objektivität wohl
(hinreichend gewährleistet.
Tabelle.
Wie oft
Wie oft
Fall
Erfolg
durch-
Fall
Erfolg
durch-
bestrahlt?
bestrahlt?
1. We.
w
2 mal
13. Rom.
++
3 mal
2. Eu.
2 „
14. Schi.
+++
1 »
3. Ostr.
4. Ti.
++
4 — h
1 ,,
1 ..
15. Ma.
16. Krü.
n
3 „
2 „
5. Ku.
+++
2 ,,
17. Schu.
++
2 ,,
6. Hi.
#
3 ,,
18. Ku.
—
3 ,,
7. Ma.
1 ,,
19. Ba.
—
2 „
8. Su.
2 ,,
20. La.
—
1
9. Ou.
H — 1 — h
1 »
21. Ro.
—
1 >.
10. Zi.
+
1
22. Ko.
—
1 »
11. Sehe.
+
2 „
23. Ha.
—
1
12. Scha.
+
1 ..
24. Kau.
—
Man ersieht aus der Zusammenstellung, dass bei 17 der 24 be¬
strahlten Kranken ein Erfolg erzielt wurde; und zwar war er fünfmal
derart, dass er einer Heilung gleichkam. Neunmal führte er zu vorüber¬
gehender Heilung und späterer nachhaltiger Besserung; zweimal trat
nur Besserung ein. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass bei
keinem der 17 mit Erfolg bestrahlten Fälle die subkutane Anwendung
von Nebennierenextrakt bisher mehr nötig war; dabei hatten einige
dauerndem Adrenalin-abusus gehuldigt. Bei sieben Fällen wurde kein
Erfolg erzielt; bemerkenswerter Weise war bei fünf dieser sieben er¬
folglos bestrahlten Fälle nur eine einmalige Durchbestrahlung vorge¬
nommen worden. Allerdings brachte mitunter auch bei den erfolgreich
behandelten Fällen eine einmalige Serienbestrahlung unter Umständen
sogar vollen Erfolg; aber das hält uns nicht ab, auf eine Wieder¬
holung der Bestrahlung in jedem Falle zu dringen.
Ueber die Wirkungsweise der Strahlen vermögen wir nichts Siche¬
res zu sagen; nur glauben wir mit Sicherheit eine rein psychische
Wirkung ausschliessen zu können. Es ist möglich, dass, wie Schil¬
ling4) annimmt, die Schleim sezernierenden Zellen der Bronchialwan¬
dungen von den Strahlen beeinflusst werden. Es wäre aber auch denk¬
bar, dass auf das autonome Nervensystem eine Wirkung ausgeübt wird.
Das Blutbild wurde mehrmals kontrolliert; die eosinophilen Zellen
wurden nach Abschluss der Bestrahlungsserie selten in gleicher Zahl,
3) Vorn links wird nur 1 Feld bestrahlt, so dass die Herzgegend frei
bleibt. 4) D.m.W. 1909, 42.
3Ü6
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
häufiger reichlicher als vor. Beginn der Bestrahlung gefunden: eine Ver¬
minderung fanden wir nie5 6). .
Wir pflegen während und noch längere Zeit nach Abschluss der
Bestrahlung Jod zu geben, etwa l(- — 2) g pro Tag [meist in Form von
Jodammonium 8)] und haben den Eindruck, dass es gerade bei gleich¬
zeitiger Strahlentherapie günstig wirkt. Gewöhnlich verordnen wir
gleichzeitig Belladonna ev. mit Papaverin7) und Kalk (Calcium chlor.;,
letzterer soll monatelang genommen werden. Die Anwendung von
Nebennierenextrakten wird bei erfolgreich behandelten Fällen bald
gänzlich überflüssig.
Aus der Universitäts-Kinderklinik Erlangen.
(Direktor: Prof. Dr. Jamin.)
Ueber Jodprophylaxe bei Grippe.
Von Privatdozent Dr. Ernst Stettner.
Im Jahre 1920 wurde über den Verlauf der Grippeepidemie in der
Erlanger Universitäts-Kinderklinik des Jahres 1918 berichtet und dabei
neben anderem festgestellt, dass innerhalb 11 Tagen sämtliche in der
Klinik untergebrachten Kinder und1 das gesamte Personal, soweit es
nicht jenseits des 40. Lebensjahres stand, von der Infektion ergriffen
wurde. Bemerkenswert erschien dabei, dass sich innerhalb der kurzen
Zeitspanne von 11 Tagen die Infektionskraft des Grippevirus im Hause
erschöpfte, denn später aufgenommene grippefreie Kinder erkrankten
nicht mehr an Grippe. Im Dezember 1921 ging wiederum eine ähnliche
Grippewelle über unsere Stadt und in einigen Kliniken wiederholte
sich das gleiche Ereignis wie 1918, indem neben den dort unter¬
gebrachten Kranken fast das ganze Personal für Pflege und Haus inner¬
halb weniger Tage an Grippe erkrankte. In unserer Klinik verlief
diesmal die Epidemie anders. Es ist möglich, dass dies auf eine pro¬
phylaktische Massnahme zurückzuführen ist, die wir in Form der Ver¬
abreichung einer kleinen Jodgabe durchführten.
Finck wies 1920 darauf hin, dass mit Hilfe von Jod der Ausbruch
eines beginnenden Schnupfens verhindert oder der Verlauf wenigstens
günstig beeinflusst werden kann. Er empfahl eine Jodjodkalilösung.
Unterdessen sind Arbeiten von J. P losch und Salomon und von
Cheinisse, Aubyn, Farrer und D u f o u r erschienen, in welchen
das Jod, meist in Form von Jodtinktur, zur Vorbeuge und Behandlung
von Infektionskrankheiten, meist Grippe, empfohlen wird. _ Wir prüf¬
ten nun bei der diesjährigen Grippeepidemie die Wirksamkeit der Jod¬
prophylaxe und gaben vom 8. XII. an jeden in der Klinik Anwesenden
und jedem grippefreien Zugang je 1 Tablette Dijodyl-Riedel, Säuglingen
y2 Tablette und glauben damit gute Erfahrungen gemacht zu haben.
Unsere diesmalige Hausinfektion verlief in der Zeit vom 6. bis
17. XII., also wieder innerhalb 11 Tagen. In dieser Zeit waren in der
Klinik 46 Kinder untergebracht und 21 Erwachsene (Aerztc. Schwestern,
Hausangestellte) beschäftigt. Von den 46 Kindern waren 14 als grippe¬
krank eingeliefert und1 8 wegen Scharlach isoliert. Es verbleiben somit
24 grippefreie Kinder und 21 Erwacbc''ne. die der Infektionsgefahr un¬
mittelbar ausgesetzt waren. Ein Blick auf untenstehende Tabelle lässt
den Verlauf der Hausinfektion vor und nach der Jodprophylaxe ohne
weiteres erkennen.
Säuglinge
Kinder
Erwachsene
der Infektion ausgesetzt '
9
15
21
ohne Jodprophylaxe waren
4
10
5
davon erkrankt
2
7
4
unter Jodprophylaxe standen
5
5
16
davon erkrankt
4
0
0
Aus der Tabelle scheint hervorzugehen, dass mit Hilfe von Jod
jenseits des Säuglingsalters ein vollkommener Schutz gegen Grippe
erreicht werden kann1. Das ist natürlich kaum der Fall. Für eine solche
Annahme sind die mitgeteilten Zahlen viel zu klein. Trotz ihrer Klein¬
heit sprechen sie für eine günstige Umgestaltung der Verhältnisse.
Keine Schutzwirkung sahen wir bei den Säuglingen, hier konnte
lediglich eine Verzögerung des Krankheitsbeginnes um 3 — 4 Tage be¬
obachtet werden.
Von besonderer Wichtigkeit scheint uns der Umstand, dass dies¬
mal die Pflegerinnen nahezu völlig grippefrei geblieben sind. Damit
wurde die Verbreitung der Krankheit im Hause am stärksten gehemmt
und es gelang diesmal, die wegen Scharlach isolierten Kinder, auch ohne
Jodprophylaxe, grippefrei zu halten.
Ueber die Behandlung der Grippe mit Jod sind wir noch zu keinem
abschliessenden Urteil gekommen. Wir können einstweilen lediglich
vermerken, dass bei Behandlung mit dem jodhaltigen Yatrenkasein
keine schwereren Lungenkomplikationen mit Todesfolge im Bereiche
unseres kleinen Materials aufgetreten sind.
Die Wirkungsweise des Jods im Organismus unter dem Gesichts¬
winkel der Steigerung der Abwehrkräfte theoretisch zu erörtern, hat
solange keinen Zweck, bis nicht die vermutete prophylaktische Wirkung
an einem umfangreichen Material erhärtet ist. Im Hinblick auf die Un¬
gefährlichkeit, Einfachheit und Billigkeit des Verfahrens empfehlen wir
5) Die Zählungen wurden von Frau L a a s e r vorgenommen, die in ihrer
Doktordissertation ausführlich über die hier nur auszugsweise wiederge¬
gebenen Erfahrungen berichten wird.
6) Jodammon. 5,0. Liqu. ammon. anis. 1 ( — 3), Tinct. Op. benz. 3,0,
Succ. Liquir. 10,0, Aqu. dest. ad 200, 3 — 4 mal tägl. 1 Essl.
7) Etwa Extr. Bellad. 0,3, Papaver. 1,0 für 30 Pillen, 3 mal täglich
1 Stück.
einstweilen für weitere Versuche alle 8 — 10 Tage je 1 Tablette eir
Präparates mit bekanntem Jodgehalt zu nehmen.
Literatur.
1 Jamin und Stettner: Ueber Grippe und Krankheitsbereitscl
mit besonderer Berücksichtigung der Altersdisposition bei Kindern. Jb
Kindhlk. 1920, 91, S. 1—20. — 2. J. F i n c k:
3. E. M e r c k s Jahresberichte, 33. — 34.
M.m.W. 1920, Nr. 15. S.
Jahrg., 1919—1920, S. 158—
426.
■159.
Aus der wissenschaftlichen Abteilung des Sächsischen Seru
Werkes Dresden.
Haut- und Tuberkuloseimmunität*).
(Zugleich ein Beitrag zur Frage der aktiven Tuberkulös«
Immunisierung.)
Von Dr. W. Böhme, Abteilungsvorstand.
M. s. g. H.! Die meisten Erfahrungen, die Sie und andere h
her mit der P o n n d o r f sehen Hautimpfung sammelten, liefen aui .
Koch sehe Alttuberkulin hinaus. Mit ihm baute Ponndori zunäc
in fast 12 jährigen Versuchen seine Methodik aus, dieser Impfstoff bild
bis heute das Kriterium des Erfolges oder Misserfolges einer Metho
die ihre Einführung in das Problem der Tuberkuloseimmunisieru
letzten Endes ja äusseren Beobachtungen verdankt, die bei der Pock
Schutzimpfung gemacht wurden.
Da auf die Technik der Impfausführung durch Demonstrationen ■
sondert eingegangen worden ist, brauche ich dieser bei meinen A
führungen keine besondere Beachtung zu schenken. Jedenfalls, so i
fach sie anzuste-llem, von ihrer richtigen, dem eigentlichen Zweck \
gerecht werdenden Ausführung hängt nicht zuletzt der Erfolg und
Beurteilung der ganzen Impfung — auch vom immunitätswissensch;
liehen Standpunkte aus — ab.
Schon bald nach gewisser Ausbreitung der Hautimpfmethode wur<
Wünsche nach Impfstoffen auf breiterer antigener Basis laut, als
das für subkutane Therapie gebräuchliche Alttuberkulin darstellt. 1
klinische und biologische Verhalten des Organes Haut Hess sie gerec
fertigt erscheinen.
Die Brauchbarkeit der Alttuberkuline hat man durch Vergleichs»
fungen auf verschiedene Stellen- der Haut zu prüfen versucht. Dage;
ist einzuwenden, dass keineswegs jedes einzelne Hautstück unter g
gleichen Bedingungen für die Auslösung der diagnostischen Lol
reaktion steht, dass Wechselwirkungen zwischen den zugleich beimpf
Feldern sicher vor sich gehen und auch der mechanische Vorgang
Einimpfung nicht unbedingt gleichsinnig s-ein wird.
Für die therapeutische Verwendung eines Impfstoffes n
der P o nn-d o r f sehen Methode wird nicht so sehr die Breite der Lol
reaktion ausschliesslich, als vielmehr der antigene Aufbau dessel
und der klinische Effekt bestimmend sein müssen.
Nicht mit vollem Recht ist also auch die Ursache der Schwankun:
im Herstellungsmodus der einzelnen Institute zu suchen: denn die
ist für das Koch sehe Alttuberkulin weder ein Geheimnis, noch ■
besonders empfindlichen Faktoren abhängig. Die richtige Konzentrat
bei der Einengung und die hinreichende Mischung mit bovinem Tut
kulin, das nach den uns heute vorliegenden Erfahrungen eine komp
sierende Reaktionsbreite in besonderen Fällen erkennen lässt, gewi
leistet für jedes Alttuberkulin- Koch die Eigenschaften, die man ■
ihm als Diagnostikum und für den Zweck subkutaner therapeuti.se
Injektionen erwarten darf, wie es das M o r o sehe Tuberkulin zeigt,
Das Schwergewicht der Kritik liegt vielmehr im Wesen der
als Tuberkulinreaktion bekannten Erscheinungen, soweit Alttuberk
in Frage kommt, und in der Anpassung des Impfstoffes an klinische
biologische Tuberkuloseerfahrungen in der durch die Hautimpfm-rth
gegebenen- Erweiterung ihrer Nutzanwendung.
Als nun Ponndorf vor längerer Zeit mit mir in der aus
sprochenen Absicht in Arbeitsgemeinschaft trat. Versuche nach dit
Richtung anzustellen, kamen mir experimentelle Tuberkulosearbc
sehr zu statten, deren erste Anfänge bis in die Jahre 1912 und 1
zurückreichen, als ich den Vorzug hatte, in Instituten autoritär
Tuberkuloseforscher arbeiten zu dürfen, als es Much -Hamburg j
Maragliano - Genua sind.
Es lag zunächst nahe, für die besonderen Zwecke der Hautimpi
das Tuberkulin auf ein praktisch höchstmögliches Mass einzuen
und es mit der autolysierten Leibessubstanz, also dem bazillä
Eiweiss und sein-en uns chemisch bekannten Mantelstoffen- von den
seiner Herstellung benutzten humanen- und bovinen Kulturen se!
stark anzureichern, um so dem Impfstoff die Materialien mitzugel)
aus denen der Organismus den unseren heutigen Kenntnissen nach j
kannten antigen-en Komplex der Tuberkuloseimmunij
aufzubauen scheint. Es ist also hervorzuheben, dass die baziliij
Beimengungen der unter diesem Gesichtspunkte erhaltenen Impfst
nicht ausschliesslich intakte Tuberkelbazillenleichen darstellen, sond
soweit noch mikroskopisch erkennbar, sämtliche Uebergänge '
Much s-chen Solitärgranulu-m zur streptoiden, Ziehl-negativen Bazil
form bis zu intakten, Ziehl-gefärbten Bazillen zeigen. Trotz gj
erheblichen Gehaltes an bazillärem An-tigen wird das mikroskopb
*) Gekürzt nach einem Vortrag, gehalten in der Aerzteversamm 1
Weimar über Erfahrungen mit der Hautimpfung nach Ponndorf,'
27. November 1921.
. ärzl922^
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
307
im vorwiegenden Eindruck durch die Gegenfarbe geformter und
i oser Elemente als Kennzeichen des weitgehenden autolytischen
:sses beherrscht. Es ist damit die Resorption dieser Antigene
| hrleistet, wenn auch Tierversuche den Vollzug der Resorption
loch intakten Bazillen- in den Hautzellschichten gleichfalls erkennen
IC
)a ich nicht behaupten oder zu vermuten wagen möchte, dass die
lierte Einführung Tuberkulin + Tuberkelbazillenantigene (Endo-
e) in der soeben gekennzeichneten Form, etwa dank der bio-
:h völlig gesonderten Stellung der Haut, die heute theoretisch
erfahrungswissenschaftlich geforderten Voraussetzungen der Br¬
ing einer aktiven Immunität ersetzen würde, werde ich am Ende
;r Ausführungen Versuche erwähnen, die die Hautimpfmethode für
n Endzweck Vorspannen. Da „Resistenz“ im praktischen Erfolg
:h beschränkte Immunität ist, wird ihre Dauer nach Hautimpfung
iesen toten Stoffen entscheiden müssen, wieweit sie dem Begriff
unität“ gleichgesetzt werden kann.
)ie einzige Möglichkeit einer objektiven Beantwortung dieser
mentalen Frage über die Leistungsgrenzen der Hautimpfung mit
|i geschlossenen Antigenkomplex können natürlich nur lange Zeit
i breitester Basis fortgeführte, frühzeitige prophylaktische
iungen am tuberkulosegefährdeten Menschen
in Würde die Mortalitäts- und Morbiditätsziffer sicher zu beob¬
inder Impfdistrikte einen markanten Sturz zeigen, wären wir der
uche, die die einzige Hoffnung heute nur noch in der Verwendung
lebenden Vinis erblicken, allerdings enthoben.
Dieser „Tuberkulosehautimpfstoff A“ ist natürlich für
iitane Injektionen keinesfalls verwendbar, da seine hierfür üblichen
brumgen zu tuberkulin- und endotoxinhaltig wären. Er ist kein
jaerkulin. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Dosierung
ie Zwecke der Hautimpfung ist in letzter Zeit von verschiedenen
a zum Gegenstände der Erörterungen gemacht worden. Ob bei der
iodik der Kutanimpfung eine strenge Dosierung erforderlich, oder
eser Begriff einstweilen nur theoretisch der Klinik der subkutanen
rerkulinkur entlehnt ist, wird allein die klinische Beobachtung ent-
len müssen.
Tir scheint logischerweise theoretisch das Erfordernis einer stren-
Dosierung nicht gegeben. Ob ich beispielsweise einen Tropfen an¬
muten Tuberkulins in die Subkutis oder in die kapillaren Lymph-
:n der endermalen Zellschichten bringe, bedeutet ja einen funda-
den Unterschied. Von der Subkutis aus wird das Tuberkulin in
rst kurzer Zeit restlos resorbiert und in voller Dosis unvermittelt
tuberkulösen Gewebe zugeführt. Die letale Dosis liegt nach einem
r Literatur verzeichneten Falle offenbar noch unter 1 ccm unver-
en Alttuberkulins, das den Tod in wenigen Stunden auslöste,
e man die gleiche Menge Tuberkulin restlos in die Interzellular-
- der Haut bringen, so wäre eine derartige Wirkung keinesfalls
ch. Im Durchschnitt bringt man ja tatsächlich bei der Ponn-
schen Methodik Mengen in die obersten Zellschichten, die zwi-
0,2 und_ 0,6 ccm eines hochkonzentrierten Impfstoffes schwanken,
rngen, die nach dieser Applikation über das bald vorübergehende
einer starken lokalen und Herdreaktion in schädigendem Sinne
sgingen, sind, soweit Ponndorf und die Referenten berichteten,
beobachtet worden. Solche Reaktionen treten ja auch gelegent¬
schon1 bei den bisher bekannten diagnostischen Hautimpfungen
Aber noch eins ist zur Beleuchtung dieser Frage aus immuni-
technischen Tierexperimenten von grosser Wichtigkeit zu fol-
Wir besitzen zahlreiche Daten, aus denen eindeutig nach vielen
'ungen hervorgeht, dass die Haut nach Einbringen ganz bestimmter
ionsgifte in einer etwa 100 mal geringeren Dosis, als zur Auslösung
;ischer, humoraler Reaktionsstoffe bei subkutaner Injektion not¬
ig sind, quantitativ das gleiche leistet# ohne hin-
derum bei Steigerung um das Vielfache dieser
is weder serologisch noch klinisch eine k u mu¬
te od e r s u m m i e r t e Wirkung auszulösen!
>iese Ueberlegungen und Erscheinungen sprechen und können nur
ne sehr bedeutungsvolle Schutzfunktion der Haut im Sinne einer
ortunen Selbstdosierung und Ausschaltung der herd-
lgenden Momente sprechen. Es handelt sich hier letzten Endes
as wissenschaftliche Erfassen aller Funktionen eines Organes, dem
empirisch schon lange Zeiten breiten therapeutischen Raum gab.
-rst' in letzter Zeit jedoch scheint man sich mit diesen Begriffen
• nein näher zu befassen, wie aus den Veröffentlichungen von Cie-
s. \\ e i n h ard t. Müller, S c h m i d t - L a b i u m e hervorgeht,
•ollten nun- klinische Beobachtungen doch eine Dosierung1) dieser
toffe für die Hautimpfung in gewissen Fällen erforderlich oder
chenswert machen, so wäre sie auf recht leichte Weise derart zu
:nen> dass man. was den unverdünnten Impfstoff anlangt, nach
en dosiert, weiterhin aber vielleicht mit Vio, Vs oder 1lz der leicht
• herzustellenden Verdünnungen des Ansgangsstoffes arbeitet. Man
m. E. allerdings dabei, sowohl der funktionellen Sonderstellung
aut, als auch einem vieltausendfachen klinischen Material zu wenig
, ns schenken. Offenbar bestehen zwischen einer durch sub-
e Ueberdosierung hervorgerufenen infausten Herdreaktion und der
,» Hautimpfung zu beobachtenden Reizauslösung im tuberkulösen
beachtenswerte Unterschiede. Die Haut scheint in ihrem
nonsablauf die Gefahr für den Herd abzufangen.
I Hautimpfstoffe werden neuerdings in Kapillaren abgegeben, die
ar eine Impfung dosierte Quantum enthalten.
ir. 9.
Dieser Hauptimpfstoff A wird noch eine weitere Anpassung an die
Methodik und an die immunitätswissenschaftlichen Erfordernisse dadurch
erfahren, dass das beigefüfte bazilläre Antigen nicht durch Temperatur¬
grade abgetötet wurde, sondern die Bazillen spontan zum Absterben
gebracht werden.
Dass Temperaturen — und es kommen nur relativ hohe in Frage —
das bazilläre Protoplasma irgendwie so verändern, dass sein antigener
Aufbau wesentlich beeinträchtigt wird, lehren hinreichende Erfahrungen.
So empfiehlt auch Löwenstein mit Recht, es schon für Injektions¬
zwecke mit spontan abgestorbenen^ artgleichen Bazillen zu versuchen.
Besonders in den letzten Jahren ist nun ausser den bekannten
Mischinfektionen klinischer Tuberkulose viel über Krankheitsgruppen
geschrieben worden, die man unter „Mischinfektionen auf
tuberkulöser Basis“ und „tuberkulöse Intoxika¬
tionen“ zusammenfasste. Nähere Einzelheiten müssen in den Litera¬
turstellen nachgelesen werden. Es sei hier nur auf die Arbeiten von
Poncet, Ponndorf und G. Hirsch verwiesen. Besonders in
Frankreich haben diese Ideen Fuss gefasst.
Charakteristisch für beide Gruppen ist wohl das gänzliche Fehlen
klinischer und physikalischer Symptome für Tuberkulose bei Vor¬
herrschen von vielgestaltigen Beschwerden ohne sicher erkenntliche
Ursache. Es ist ja bekannt, dass bei der Mehrzahl von diesen Misch¬
infektionen auf tuberkulöser Basis Streptokokken, neben Pneumokokken,
Influenzabazillen in der Hauptsache und gelegentlich auch Staphylo¬
kokken u. a. im Blute resp. Sputum kulturell festgestellt wurden.
Ponndorf konnte soeben zeigen, dass bei solchen Patienten, im Ver¬
gleich zu Kontrollen von Gesunden, z. B. mit reinen Mischvakzinen
dieser Erreger, spezifische Reaktionen durch Hautimpfungen ausgelöst
wurden.
Es schien daher für diese Fälle Erfordernis, den Hautimpfstoff „A“
mit einer stark dosierten Quote jener Organismen zu verstärken, die
sowohl bei völlig larvierter, als auch bei der klinischen Tuberkulose
das Bild charakteristisch, ja entscheidend beherrschen. Dieser so kom¬
binierte „H a u t i m p f s t o f f B“ löst auch klinisch charakteristische
Sonderreaktionen aus, wie Ponndorf früher und andere soeben be¬
richteten. Beide Impfstoffe werden im Institut kulturell auf lebende
pathogene Keime und am tuberkulösen Meerschwein auf spezifische
Reaktivität (intrakutan) und hierauf schliesslich von Herrn Ponn-
d o r f am Kranken selbst klinisch geprüft. Die fertigen, geprüften Impf¬
stoffe tragen den Namenszug Ponndorf. Die Impfstoffe stellen eine
dicke, braune, stark trübe Flüssigkeit dar, die bei geeigneter Auf¬
bewahrung als praktisch unbeschränkt haltbar gelten können. Theore¬
tisch und praktisch scheint viel dafür zu sprechen, dass man mit dem
Hautimpfstoff „B“ ausschliesslich wird auskommen können.
Die Theorien und Hilfstheorien der biologischen Tuberkulin »virkung
können in diesem Rahmen nicht näher* berührt werden. Ohne den
Vv ert theoretischer Konklusionen für alle naturwissenschaftlichen und
für alle therapeutischen Fortschritte im Besonderen zu verkennen,
scheint es mir doch, als ob die Theorie sich zuweilen etwas zu hoch
über die praktischen Beobachtungen erhebt und, statt in enger An¬
lehnung diese zu unterstützen, ihrer Nutzanwendung hinderlich zu
werden droht. ■ — Es wird über aller Theorie zu oft vergessen, dass
letzten Endes der praktische Erfolg entscheidet.
Die Theorie der Toxin-Antitoxinbindung, die Anaphylaxietheorie,
letztere im klinischen Begriff der negativen und positiven Anergie
(v. Hayek, Kämmerer), die jüngst durch Selter aufgestellte
,,Reizkörper“-Theorie nichtantigener Natur stimmen *praktisch darin
überein, dass die Tuberkulinempfindlichkeit auf jeden Fall
als spezifische Schutzwirkung des tuberkulösen Organismus
aufzufassen ist.
Der Versuch, die Tuberkulinwirkung und wohl auch diejenige art¬
spezifischer Antigene in den grossen Proteinkörpertopf zu werfen, darf
als abgetan gelten, da mit keinem heterogenen Eiweisskörper, selbst
solchen verwandter Art, eine dem Tuberkulin an typischer Gesetz¬
mässigkeit und Intensität gleichkommende Reaktion auszulösen ist.
Dass unspezifische Nebenkomponenten, auch anatomische und physio¬
logische der Haut, eine Rolle beim Reizablauf mitspielen, ist dabei nicht
bestritten.
So gelang es uns natürlich auch nicht, mit heterogenen Körpern,
mit Seren, Vakzinen, Milch, Nährböden u. a. Stoffen die bei der P o n n -
d o r f sehen Impfung auftretenden Phänomene auszulösen. Am ehesten
scheint mir der Versuch aussichtsreich, die Tuberkuhnwirkung in engster
Anlehnung an Histologie- und Biologie des Tuberkels zur Klärung zu
bringen.
Kein biologisches, spezifisches Produkt, das den abgetöteten
Bazillus zum Ausgangspunkt nahm, erreichte nach bisheriger Applika¬
tionsform und Dosierung mehr, als eine bestenfalls weitgehende, aber
vorübergehende Resistenz, durch kein anderes wurde aber auch diese
Wirkung übertroffen. Die bisherigen 12 jährigen Erfahrungen mit der
Hautimpfung in ihrer jetzigen Gestalt lassen es, besonders auch
auf prophylaktischem Wege, möglich erscheinen, die Abwehr¬
kräfte im gesunden Gewebe so weitgehend zu mobilisieren, dass bei
gewissen Tuberkuloseformen eine anatomische Latenz, bei Schutz¬
geimpften eine vielleicht lebenslange Resistenz, natürlich unter Voraus¬
setzung sozialer Normbegriffe, als das Durchschnittsziel zu erreichen
sein wird.
Heilkörper gegen Tuberkulose passiv in Seren durch antitoxische,
bakterizide, präzipitierende, agglutinierende u. a. Stoffe einzuführen ist
von al en namhaften Forschern nach jeder Richtung versucht und von
allen als völlig aussichtslos auch wieder aufgegeben worden. Dass eine
4
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
3Ü8
Nr.
Immunmilch und auf der Partigenlehre aufgebaute Partigensera (S t r u -
bell) in gleichem Rahmen zu beurteilen sind, ergibt sich sowohl aus ,
der Geschichte, als aus dem jetzigen Stande des Tuberkuloseproblems, j
Der schulmässige Antikörpernachweis ist eben nachweislich keines.aiJS
bei Tuberkulose, wie etwa bei Rotlauf und Diphtherie, mit Heil- odei
Schutzkraft identisch, wie ihm ja auch vice versa praktisch weder eine ;
diagnostische, noch prognostische Bedeutung zukommt.
Der Begriff dier absoluten und' relativen Immunität ist nach
heute geltender Anschauung untrennbar mit dem lebenden, artspezifi¬
schen Bazillus verbunden. Ich sage dies jedoch mit der Einschränkung
des vorhin über „Resistenz“ Erwähnten.
Dies kam auch auf den- beiden letzten Kongressen Wiesbaden und
Elster von autoritativer Seite klar zum Ausdruck.
Dass es absolute Immunität auch nicht nur durch Tuberkulose gibt,
zeigen eine Anzahl Tiere (Pferd, Hund, Katze), die zeitlebens kaum
oder überhaupt nicht an Tuberkulose erkranken. Hier handelt es sich
um das zweite Gesicht der Sphinx.
Das. Problem der aktiven Immunisierung mit lebendem Virus wurde
bisher bekanntlich zunächst am Rind von R. K o c h an bis in neuere Zeit
in Angriff genommen. Bis auf wenige Einzelversuche handelte es sich
hierbei allerdings hauptsächlich um nicht artspezifische, lebende
Impfstoffe. Möller behandelte wohl als Erster 2 Kranke mit intra¬
venösen Einspritzungen lebender Menschentuberkelbaziilen in mini- j
malsten Dosen ohne Schaden mit gutem Erfolg, und Wichmann
stellte dem Aerztlichen Verein Hamburg in jüngster Zeit ein Mädchen
vor, dessen Haut- und Schleimhauttuberkulose und Lupus des Gesichtes
er durch aktive Immunisierung, und zwar durch Intrakutanimpfung mit
abgeschwächten, lebenden, menschlichen I uberkelbazillen ohne jede
andere Therapie heilte.
Betrachtet man die Erfolge, die unter Heranziehung der für Aus¬
lösung von Schutzreaktionien so hervorragend geeigneten Haut nach
der Ponndorf sehen Methodik bisher erzielt wurden, so drängt sich
gewissermassen die Frage auf, o b diese Methodik auch für die
aktive Immunisierung mit lebendem Impfstoff als beson¬
ders aussichtsreich herangezogen werden könnte.
Wir müssen dabei fragen, welche klinischen, experimentellen, und
welche theoretischen Grundlagen hierzu berechtigen.
Die klassischen Versuche Römers und Josephs bewiesen be¬
kanntlich, dass die experimentelle Reinfektion auf dem Boden einer be¬
stehenden Tuberkulose nicht angeht, beim Rinde, bei Schafen, Affen,
Meerschweinchen, bei Kindern und Erwachsenen konnte festgestellt
werden, dass minimale Mengen Tuberkelbazillen gegen spätere hohe
Dosen schützten. In eigenen orientierenden Versuchen der letzten
Jahre bei Kaninchen fand ich diese Beobachtungen oft in überraschen¬
der Weise bestätigt. An karzinomkranken Tuberkulösen konnte gezeigt
werden, dass eine experimentelle Reinfektion nicht anging; F. Klem-
p e r e r konnte in einem Selbstversuch erweisen, dass bei subkutanei
Injektion lebender Rindertuberkelbazillen die Tuberkulose völlig lokal
blieb. Die soeben erwähnten therapeutischen Injektionen mit lebenden
Bazillen bei bereits bestehender Tuberkulose sprechen unbedingt für
die Gangbarkeit dieses Weges unter Heranziehung der Haut. Voraus¬
setzung für die Durchführung dieses Problems ist, dass die Methode der
Applikation schädliche Erscheinungen ausschliesst.
Sie wird als ungefährlich gelten müssen, wenn erstens ein Stamm
abgeschwächter Virulenz verwendet wird, ferner eine ausgezeichnet
durchgeführte Emulsion variierende Dosierung ausschliesst und
die Impfung in den Boden einer allergisch hoch-
geimpften Haut erfolgt.
Auch die natürliche Beobachtung spricht für die Gangbarkeit
dieses Weges. Die relativ seltene tuberkulöse Infektion der Haut beim
Menschen, die verschwindend seltenen Fälle solcher Infektionen beim
Tier trotz engster und dauernder Berührung mit Tuberkelbazillen, aie
überraschenden Heilungen von Lupus, Tuberkuliden u. a. Hautinfektionen
durch Impfungen in die abgrenzende gesunde Epidermis, wie aus den
eben gehörten Berichten und Demonstrattonen hervorgeht, sprechen
für eine ausgezeichnete Schutz- tesp. Heilfunktion des Hautorganes.
Diese Ueberlegungen führten dazu, den Weg nach langwierigen Ar¬
beiten im Versuch zu beschreiten und mit einem artspezifischen, leben¬
den Impfstoff soeben charakterisierter Eigenschaften, in seinem eigenen
Tuberkulin suspendiert, Menschen ohne jede Schädigung aktiv zu
immunisieren!
Hier sei nur allein diese nakte Tatsache erwähnt, ohne zu präjudi-
zieren, mir wohl bewusst, dass ein Urteil über die Brauchbarkeit dieser,
auf die aktive Immunisierung erweiterten Ponndorf sehen Impfung
heute keineswegs abgegeben werden kann. An eine allgemeine Frei¬
gabe dieses Impfstoffes soll vorerst gleichfalls nicht gedacht werden,
bis ein Kreis für dieses Problem interessierter Kliniker ein erstes All-
gemeinurteLl abgeben kann1.
Auch Versuche, diese Unterlagen für eine praktische Rinderimmuni¬
sierung zu verwerten1, sind im Gange.
Es wäre lebhaft zu begrüssien, wenn sich Herren bereit erklären
wollten, eine praktische Durchführung dieser Anregung an ihren Kliniken
zu übernehmen, um a priori wissenschaftlich und klinisch die Brauchbar¬
keit der Idee und des Impfstoffes vor Uebergabe an die Allgemeinheit
soweit abzugrenzen, dass Enttäuschungen und Eindrücke vermieden
werden, wie wir sie in den letzten Jahren gerade auf dem Gebiete der
aktiven Tuberkuloseimmunisierung erlebt haben.
Wie die aktive Immunisierung nur ausschliesslich auf eine voll
geschützte Haut erfolgen dürfte, würde der biologische Vollzug dieser
aktiven Impfung möglicherweise durch Nachimpfungen mit dem 11a
Impfstoff vorteilhaft zu unterstützen sein. .
Es dürfte noch interessant sein, zu erwähnen, dass auch für auf
Infektionen, Typhus, Gonorrhöe u. a. Hautvakzinen von etwa bO
100 Milliarden Keimen pro Kubikzentimeter, die unter Ausschluss
chemischen oder thermischen Attacken hergestellt sind. Versuchen
Verfügung stehen, die zeigen sollen, ob die für I ubeikulose entschic
brauchbare Methode vielleicht auch hier praktische Resultate zeiti
kann. Von Herrn Schmidt-Labaume haben Sie soeben erm
gende Ausführungen hinsichtlich der Gonorrhöe gehört.
Am Ende meiner Ausführungen sehen Sie, meine sehr geehi
Herren, dass die seit nunmehr 12 Jahren erprobte Ponndorf s
Hautimpfmethode sowohl befruchtend auf das Bestreben nach H
Stellung breiter basierter, unserem heutigen immunitätswisscnsch
liehen Standpunkte entsprechender Impfstoffe wirkt, als auch geeia
erscheint, dem Tuberkuloseproblem neue, vielleicht verhei<ssungs\
Impulse zu geben.
Clemens: Die Haut als Angriffsorgan der Behandlung. M.ni.W. }
Nr. 31, S. 999. — Weinhardt: Die Bedeutung der inneren Sekretion
Hautkrankheiten, speziell bei der Psoriasis. Med.-Noturwiss. Verein liibin
Sitzung vom 20. Juni 1921. — E. F. Müller: Die Haut als immunisiere!
Organ) M.m.W. 1921, Nr. 29, S. 912. — Schmidt-Labaume:
Verallgemeinerung der Kutanimpfung nach Ponndorf mit besonderer
rücksichtigung der Gonokokkenkutanimpfung. Med. Kl. 1921, Nr. 43, S. 1
— v. Hay ek: Das Tuberkuloseproblem. Gust. Springer, 1921. — E, I
wen stein: Vorlesungen über Tuberkulose. Jena 1920. K. Jose
Ue.ber das Kutituberkulin und seine intrakutane Auswertung. D.m.W. 1
Nr 32, S 920. — H. Kämmerer: Ueber Tuberkulindiagnostik. A
Kl. 1921, Nr. 6 u. 7. — Selter: Ueber das Wesen der Tuberkulinreakt
Zschr. f. Immunität und experim. Ther. 1921, 32, H. 3/4. H. Cursi
mann: Untersuchungen über Tuberkulinreaktionen. Med. Kl. 1921, Nr.
S. 643. — E. Sons und F. v. M i k u 1 i c z - R a d e c k i: Ueber die „|
zifität“ der Tuberkulinreaktion. D.m.W. 1921, S. 735. _ W. Böhia
Immunisierungsversuche gegen Meerschweintuberkulose mit artfremden /jj
genen. D.m.W. 1920, Nr. 43. S. 1187. — W. Böhme: Friedmannimpfl
und Rindertuberkulose. Berl. Tierärztl. Wschr. 1921, Nr. 12 u. 13. (I
auch die weitere Literatur.) — P. U h 1 e n h u t h: Die experimentellen Grj
lagen der spezifischen Tuberkulosetherapie. Med. Kl. 1921, Nr. 25.]
Kruse: Berliner med., Gesellschaft, Sitzung vom 24. November 1920, B.kl
1920, Nr. 51. — v. S z e n t - G y ö r g y i: Biochem. Zschr. 1920/21.
K. Sato: Die Auswirkung der Vakzineimmunität im Anschluss an kui
Impfung. Zschr. f. Imm. Forsch. 1921, Orig.-Bd. 32, Nr. 6. E. S u cl
Ueber Milchinjektionen bei Lungentuberkulose. Med. Kl. 1921, Nr. 46|
F Moro: Ueber ein „diagnostisches Tuberkulin“. D.m.W. 1920, Nr. 44h
H. Grotz: Heildermatitis. München 1921, Verlag R. Müller und Steinl
— E. Sklarz: Die Haut als therapeutisches Organ. Eine Reminiszen.jj
Edward Jenner. B.kl.W. 1921, Nr. 45.
Lieber die Behandlung des Abortes.
Von Dr. Max Samuel, Köln.
Die neue Literatur hat eine Unzahl von Arbeiten über die zwl
mässigste Abortbehandlung gebracht. Insbesondere sind eine Rt
von Abhandlungen veröffentlicht, welche ein verschiedenes VorgiS
fordern bei fieberndem oder nicht fieberndem Abort, ferner ob es t
wiederum bei fieberndem Abort um hämolytische oder nicht hri
lytische Bakterien handelt. Ein weiterer Unterschied ergab sicht
man den Krankheitsfall in der Klinik oder zu Hause behandelt, n
Eine ist bei hämolytischen Keimen für Abwarten, der Zweite wr!
bis bei fieberhaften Fällen Entfieberung eintritt, ein Dritter wartet!
fieberhaften Fällen bis zur Spontanabstossung, ein Vierter tampoij
ein Fünfter geht sofort aktiv vor usw.; ähnlich ist die Unstimihil
bezüglich der Anwendung der Instrumente, denn auch hier schwaijj
die Ansichten vom ausschliesslichen uterinen Gebrauch derselben!)
zum absoluten Verwerfen jeglichen Instrumentes hin und her.
Seit 8 Jahren habe ich viele hunderte Aborte erledigt und 1t
nur fünf Todesfälle, welche nachweisbar einen kriminellen Eingrifft
macht hatten. Bakteriologische Untersuchungen habe ich nicht stk
durchgeführt, weil noch über ihre Bedeutung absolute Uneini.l
herrscht. fl
Der Zweck meiner Ausführungen soll der sein, dem Praktiken
einfachste und sicherste Behandlung des Abortes mit besonderer?
rücksichtigung des fieberhaften Abortes anzugeben und auf einige ffl
griffe hinzuweisen, welche auch bei den schwierigsten Fällen den \
griff erleichtern und ermöglichen. Das Vorgeben ist dasselbe, oljä
Behandlung im Hospital oder in der Praxis geschieht.
Grundsätzlich unterscheide ich das Vorgehen bis zum zw:
Monat von dem, welches nach dem zweiten Monat stets geboten
Jeder Abort bis zum zweiten Monat ist möglichst digital zu erleclf
jeder Abort über zwei Monate unbedingt digital; vor zwei Mob
darf in bestimmten Fällen kürettiert werden. Ich verwende \U
Tamponade noch Spülungen nach Erledigung des Abortes. Wäru»
oberster Leitsatz digitale Austastung?! Sowohl bei fiebernden'
nichtfiebernden Fällen ist durch digitale Ausräumung absolute Ge i
dass alles heraus ist und, dass keine Verletzung gesetzt wird. ■
digitale Ausräumung oder Kürettage soll nach vorherigem Katb:
sieren in Narkose gemacht werden.
Es ist sicher, dass nicht jeder Fall von Blutung gleich ausger
werden muss, und die Schwangerschaft bei drohenden FehlgebU
auch wenn Wehen da waren und Stücke abgegangen, bleibt oft :
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
eiter bestehen. Dies hat man besonders bei ganz frommen Jüdinnen
obachtet, denn nach altjüdischem Gesetz darf der Ehemann sich von
iner Frau sofort scheiden lassen, wenn sie nach 10 Jahren der Ehe
in Kind geboren hat. In solchen Fällen blieben Frauen selbst monate-
lg absolut still liegen und erreichten oftmals, dass die Schwangerschaft
ieb. Es ist also sicher nicht absolut notwendig, bei geringen Bin-
ngen gleich den Fall aufzugeben.
Wir dürfen aber nicht ausser acht lassen, wie gross der Prozentsatz
tifizieller Abtreibungen ist. Es ist nicht richtig, dass jeder fiebernde
>ort kriminell sein muss. Warum bin ich aber bei jedem fiebernden
iort besonders für digitale Ausräumung? Es ist sicher, dass mit
inem Instrument so bestimmt Verletzungen auszuschliessen sind, wie
t dem Finger, und wie oft merkt man bei der digitalen Austastung
rletzungen, durch die allzuleicht dann instrumenteil eine grössere Ge-
:ir heraufbeschworen wurde. In den ersten zwei Monaten darf bei
chtfieberiMem Abort kiirettiert werden, wenn die Blutung stark ist
d die Zervix sich nicht bis zur Möglichkeit einer digitalen Austastung
hnen lässt. Grundsatz ist, bei einer Kürettage in Klinik oder Privat-
us keinerlei Hilfskraft zum Halten von Instrumenten oder der Beine
benötigen, denn erstens geht ohne Hilfskraft alles bequemer und
'eitens wird die Aseptik eher gewährleistet. Jeder Eingriff — digitale
istastung oder Kürettage — ist im Privathause auf einem Tische zu
tchen^ wobei die Beine durch ein gedrehtes und links seitlich ge-
otetes Betttuch maximal gebeugt gehalten werden. Ein zweites ge¬
eiltes Bettuch wird an dem einen freien Zipfel der Knotenstelle
geknotet, dann oben um beide Tischbeine geschlungen und auf der
;hten Seite der Patientin wiederum an das erste Bettuch angeknotet,
tzt sind die Beine fest und unverschieblich, auch seitlich auseinander
halten. Diese zuverlässigen, improvisierten Beinhalter lassen sich
jedem Hause sofort hersteilen und es entfällt damit jegliches Mit-
hmen von Beinhaltern (Abbildung).
Falls der Narkotiseur wünscht, die linke Hand zu befestigen, um
an der rechten Hand den Puls zu fühlen, ist es ein leichtes, an dem
eiten noch freien Zipfel des ersten geknoteten Bettuches ein ge-
htes Taschen- oder Handtuch anzubinden und so, um das Hand-
enk gedreht, wiederum am Bettuch zu befestigen, dass auch die linke
id unverschieblich hält.
Vor Beginn jedes Eingriffes ist nochmals genau in Narkose zu
ersuchen, ob sich doch noch irgendein pathologischer Befund an den
längen ergibt Um Assistenz unnötig zu machen, soll jeder Arzt
sich selbst haltendes hinteres Spekulum besitzen. Sehr zweckmässig
der verbesserte Spiegel nach Auvard (Abbild.). Ein vorderer
egel steüt dann die Portio ein, welche mit zwei Kugelzangen gefasst
cL Zwei sollen es deshalb sein, weil um so weniger ein Ausreisscn
m zu befürchten ist. Wenn man diese Kugelzangen federnd in der
.en Hand hält und mit der Sonde in der rechten die Uteruslänge vor-
itig misst, hat man eine Perforation nicht zu befürchten. An dieser
Ile möchte ich auf die partielle Erschlaffung des Uterus aufmerksam
■ihen, welche von verschiedenen Beobachtern beschrieben ist. Diese
seht eine Perforation vor, doch wenn man eine Weile wartet, fühlt
n bald wieder den Widerstand der Uteruswand. Man dehnt mit
‘garsdien Dilatatoren vorsichtig bis 12 und benutzt dann die
etten in der bekannten Weise. Man verwende möglichst Küretten,
che dann nahezu in ihrer Grösse Nr. 12 der He gar sehen Dilata-
en entsprechen.
Bei fieberndem Abort ist es am angenehmsten, wenn die digitale
naumung schon möglich ist. Oft gelingt es bei vorsichtiger Dehnung
Hegar Nr. 17 oder 18 auszutasten. Sollte bei fieberndem Abort
och die Dehnung bis Nr. 12 nur möglich sein, so lege man zwei bis
! sphde lange Laminariastifte ein und räume den nächsten Tag aus.
i einiger Uebung gelingt die Austastung mit dem Finger stets, und
lte die Zervix die gelösten Reste nicht passieren lassen, so drückt
n vom hinteren Scheidengewölbe die gelösten Reste — die äussere
309
Hand fest auf dem Uterus — heraus. In einigen Fällen muss man den
W i n t e r sehen Abortlöffel hierzu nehmen. Eine Verletzung ist nicht
möglich, wenn der Löffel gerade ist un^l beide Löffelöffnungen genau
aufeinander passen. Handelt es sich um einen Abort im 3., 4 oder
späteren Monat, gleichviel ob er fiebert oder nicht, und die Zervix ist
ru einen Finger durchgängig, so ist meine Methodik folgendermassen :
Ehe ich mit dem Finger, welcher im Uterus ist, irgendetwas mache
taste ich mich nach dem Kopfe, drücke diesen mit dem Finger gegen
die der Uteruswand aufliegende äussere Hand und bohre dabei den
ringer in eine Fontanelle ein, ebenso eventriere ich Bauch und Brust.
Der eingehakte Finger bringt dann bequem den Fötus heraus oder
aber es ist jetzt leicht mit dem Wi nt ersehen Abortlöffel. Jedenfalls
hat man auf diese Weise nicht mehr nötig, stundenlang nach dem ab¬
gerissenen Kopfe zu suchen oder andere Instrumente zu Hilfe zu nehmen.
Ist der Uterus leer, so steht die Blutung; in einzelnen Fällen von Atoiiie
ist Sekakornin oder 'I enosin angebracht.
Eine Tamponade oder Spülung nach der Ausräumung habe ich seit
2 Jahren nicht mehr benötigt. Nach jeder Kürettage oder Austastung
drücke ich — die äussere Hand fest auf dem Uterus, die innere Hand
im hinteren Scheidengewölbe — die letzten gelösten Reste und Blut¬
gerinnsel heraus.
Zusammenfassung.
Jeder Abort soll möglichst digital ausgetastet werden, ohne nach-
herige Anwendung von Instrumenten.
Im Privathause sollen, sowohl bei Curettage wie Austastung, meine
aus 2 Bettüchern improvisierten Beinhalter verwandt werdend
Bei nicht fieberhaften Aborten bis zum 2. Monat darf kürettiert
werden, wenn die Zervix sich nicht weiter als bis He gar. Nr. 12 in
einer Sitzung dehnt. Eine Kürette soll rhit hinterem Selbsthalter-
spekulum ohne Assistenz gemacht werden. Auch bei fieberhaften
Aborten bin ich für aktives Vorgehen.
Nach 2 Monaten soll stets digital ausgetastet werden. Der Kopf
des Kindes ist dann vor der Ausräumung dadurch zu verkleinern’, dass
der eingefiihrte Finger sich bei Gegendruck der äusseren Hand in eine
fl°nt,ane11? embohrt. Gelöste Reste dürfen im Notfälle mit dem Abort-
loffel nach Winter entfernt werden.
Tamponade und Spülungen halte ich nicht für nötig.
Aus der Universitäts-Augenklinik zu Greifswald.
(Direktor: Prof. Dr. W. Löhlein.)
Intrakardiale Adrenalininjektion bei Narkoseherzstill¬
stand eines Säuglings.
Von Dr. C. Bliedung, I. Assistent der Klinik.
Es ist in diesen Blättern erst vor kurzem von Vogt und von
Frenzei über intrakardiale Adrenalihinjektionen bei Narkoseherzstill¬
stand berichtet worden. In der zusammenfassenden Arbeit von Fren¬
zei wird darauf hingewiesen, dass .bei der Bewertung des Mittels
nui jene Fälle zu berücksichtigen sind, bei welchen im sonst gesunden
Organismus das Herz infolge akuter Schädigung versagt. Bei dieser
koirektem Betrachtungsweise fallen dem Mittel nicht jene Versager zur
Last, welche durch ungünstige Nebenumstände, wie organische Herz-
sch wache, Erschöpfung des Herzens durch vorhergehende Infektions¬
krankheiten oder durch Ueberreizung nach langdauernder Behandlung
mit Exzitantien usw., bedingt sind. Unter diesem Gesichtspunkt ge-
winnt das Mittel überraschend an Bedeutung. Denn es kommen dann
auf 9 aus der Literatur bekannte Fälle 5 Dauererfolge.
Ueber den Angriffsort des Mittels gehen die Ansichten auseinander.
Auch über die Technik besteht noch keine eindeutige Ansicht. Das
Adrenalin soll das Gangliensystem und vor allem die sympathischen
Nervenendigungen erregen. Sicher ist es jedenfalls nach den prak¬
tischen Erfahrungen, dass das Mittel imstande ist. den Kreislaufmotor
un gefahrdrohenden Moment wieder in Gang zu bringen und so eine
Entgiftung des Blutes zu bewirken. Dabei erweisen sich die gleich-
zeitige Erweiterung der Koronararterien und die vasokonstriktorische
Wirkung auf die peripheren Gefässe neben der Herzreizwirkung als er¬
folgreich. Wird rechtzeitig injiziert, so können irreparable Schädigungen
des Zentralnervensystems vermieden werden.
Je nach dem Ort. der Applikation unterscheidet man intraperi¬
kardiale, intramyo'kardiale und fntraventrikulare Injektionen. Da die
Injektion immer ein Eingriff ins Dunkle bleibt, leuchtet es ein, dass
das Perikard nicht mit Sicherheit getroffen werden kann. Besonderes
Gewicht wird von einzelnen Autoren auf die intraventrikulare Injek¬
tion gelegt. Dabei wird von manchen wieder der linke Ventrikel be¬
vorzugt. Ausschlaggebend für den Erfolg scheinen die Resorptions¬
verhältnisse zu sein. Da nun der gefäss- und lymphspaltenreiche Herz¬
muskel nach Henschen in hervorragender Weise an der Resorption
beteiligt ist und da ferner das Reizleitungssystem des Herzens wahr¬
scheinlich in der Herzmuskulatur selbst zu suchen ist, dürfte es bezüg¬
lich der Schnelligkeit und Ausgiebigkeit der Wirkung von untergeordne¬
ter Bedeutung sein, ob die Injektion in einen Ventrikel oder in die
Muskulatur erfolgt. Die praktischen Ergebnisse sprechen jedenfalls da¬
für. Auch soll das Adrenalin am Herzmuskel selbst keine Schädigungen
hervorrufen. Weit wichtiger ist es, die Gefahrzonen zu meiden," zu
denen ja die. hintere Herzwand gehört. Dies wird natürlich um so
schwieriger, je mehr man sich darauf kapriziert, mit der Spitze der
Kanüle ein eng umschriebenes Ziel zu erreichen. Solange nur
4*
310
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
eine Reizwirkung erreicht werden soll, erscheint es daher besser, hebe
auf eine intraventrikuläre Injektion zu verzichten, als den Erfolg des
Eingriffes durch ein allzu kühnes Vordringen mit der Nadel zu gefährden.
Anders liegen die Dinge, wenn mit der Reizwirkung eine Entlastungs¬
punktion des überdehnten rechten Ventrikels oder eine Infusion in den
linken Ventrikel zum Zwecke der Wiederherstellung seines normalen
Schlagvolumens verbunden werden soll. Das beifolgende Schema von
Hen sehen gibt einen guten Uebcrblick über die Wahl des Einstich¬
punktes für die verschiedenen Zwecke.
Projektion der einzelnen Herzabscknltte
auf die vordere Brustwand.
Stellen für die Entlastungs-
vi/ Jy punktion des r. Vorliofes.
/-x\ r?\ Stellen für die Entlastungs-
Dy punktion d. r. Ventrikels.
/T\ /C'. Stellen für die Infusion d. 1.
Uy Dy Ventrikels.
Neben den Gefahrzonen, Scheidewand der Vorhöfe und der Ventrikel,
Zone des H i s- T a wa r a sehen Bündels, oberes Drittel der vorderen
Längsfurche, Basis des rechten Herzohres, Einmündungsstelle der beiden
Hohlvenen (sino-aurikuläres System) und hintere Hälfte der atrioventri¬
kulären Grenzen ist auf die Dosierung des Reizmittels zu achten
(Henschen). Eine Ueberdosierung kann unter Umstanden infolge
Erschöpfung der Schlagenergie des Herzens erneuten Herzstillstand nach
Wiederbelebung zur Folge haben. Die Reizdosis des Adrenalin scheint
nach den bisherigen Erfahrungen beim Erwachsenen bei 1 mg zu liegen.
Irgendwelche Erfahrungen über Dosierung und Technik bei Säuglingen
liegen nach der Literatur bisher nicht vor. Bekanntgegeben wurde ein
Fall von Brünings, üocti blieb die von ihm ausgeführte Injektion
bei einem 6 Monate alten Kinde erfolglos.
Der erste Dauererfolg wurde in unserer Klinik erzielt. Es handelte sich
um ein Kind, das zur Zeit der Injektion 4 Monate alt war. Es hatte einen
doppelseitigen Buphthalmus. Der intraokuläre Druck betrug beiderseits
50 mm Hg. Herz und sonstige Organe waren gesund. 7 Tage nach der
Aufnahme wurde in Chloroformnarkose eine druckentlastende Operation des
rechten Auges vorgenommen. Da diese erfolglos blieb, wurde nach weiteren
10 Tagen abermals in Chloroformnarkose eine E 1 1 i o t sehe Trepanation aus¬
geführt Der Dauererfolg blieb auch jetzt aus. Nach 16 Tagen Wiederholung
der Operation in Chloroformnarkose. Nach Beendigung dieser dritten Opera¬
tion und Narkose war der Puls klein, die Atmung oberflächlich und das
Aussehen des Kindes sehr blass. Es musste längere Zeit hindurch künstliche
Atmung angestellt werden. Obgleich das Kind herzgesund war, machte es
nach dieser Narkose einen recht ungünstigen und verfallenen Eindruck.
Auch durch die dritte Operation wurde keine dauernde Druckherabsetzung
erzielt Sollte also das Sehvermögen des Kindes nicht dem vollständigen
und sicheren Verfall überlassen werden, so musste abermals zur Operation
geschritten werden. Infolge dieser zwingenden Indikation wurde nach einer
14 tägigen Pause eine weitere Trepanation nach El Hot in Chloroform¬
narkose ausgeführt. Operation und Narkose waren kaum nach etwa 5 Mi¬
nuten beendet, als der Puls sehr klein und die Atmung oberflächlich wurde.
Haut und Schleimhäute waren blass. Das Kind hatte 1 g Chloroform be¬
kommen. Nach einigen Minuten künstlicher Atmung trat vorübergehende
geringe Besserung des Pulses und der Atmung ein. Eine bessere Durch¬
blutung war anderweitig nicht zu bemerken. Die Besserung dauerte jedoch
nur kurze Zeit, infolgedessen wurden nunmehr 2/io ccm Kajnpferöl gegeben.
Die künstliche Atmung war inzwischen fortgesetzt worden. Nach der
Kampferinjektion waren einige kräftige Pulsschläge zu fühlen. Sehr bald
darauf wurde der Puls wieder schwächer und etwa 5 Minuten nach Be¬
endigung der Narkose trat Herzstillstand und gleichzeitig Stillstand der
Atmung ein. Das Kind sah blass und verfallen aus. Unter diesen bedroh¬
lichen Erscheinungen wurden ihm etwa 1 Minute nach dem Herzstillstand
2/io ccm einer 1 prom. Adrenalinlösung langsam intrakardial injiziert. Der
Herzmuskel sprach fast augenblicklich an. Es setzte ein überraschend regel¬
mässiger und kräftiger Puls ein. Gleichzeitig tat das Kind die ersten
Atemzüge, die alsbald tiefer und regelmässiger wurden. Das Lebensrot stellte
sich wieder ein. Eine halbe bis eine Minute nach der Injektion machte es
mit Händen und Füssen Abwehrbewegungen, öffnete die Augen und stiess
den ersten Hungerschrei aus. Im Laufe des Tages und der folgenden Zeit
traten keine auffallenden Erscheinungen oder Erregungszustände auf.
Die Injektion wurde in der folgenden Weise ausgeführt: Nach Ab¬
schätzung der Länge der Kanüle, die etwa 3 34 cm betrug, wurde diese
im vierten Interkostalraum hart am Stemum in der Mitte zwischen
4. und 5. Rippe eingestochen. Nach etwa 1 cm tiefem Eingehen fühlte
man veränderten, härteren Widerstand des Herzmuskels. Unter Ab¬
schätzung der Länge des draussen verbliebenen Endes der Kanüle wurde
diese unter leichter Neigung nach medianwärts langsam um einen
weiteren Zentimeter vorgeschoben und dann 2/io ccm der Lösung langsam
injiziert. Der leitende Gedanke war hierbei, wenn nicht den rechten
Ventrikel, so doch sicher die Herzmuskulatur annähernd in der Mitte
der vorderen Herzwand zu treffen, wo diese der Brustwand dicht an-
Andererseits sollten auch die
liegt und von der Pleura unbedeckt ist.
Gefahrzonen vermieden werden. „ j
Als wesentliches Ergebnis des Versuches ist wohl die Feststellung
der zureichenden Reizdosis, welche im ersten Lebensjahr bei Tio mg
zu liegen scheint, anzusehen. Auch die Technik, die nicht wesentlich
von den bis jetzt am meisten gebräuchlichen Arten abweicht, durfte
wohl wegen ihrer Einfachheit zu empfehlen sein.
Es ist von F r e n z e 1 die Forderung aulgestellt, die intrakardiale
Adrenalininjektion unter den typischen W leaerbelebungsmassnahmei
aufzunehmen und bei jeder Narkose das Instrumentarium hierzu bereit-:
zuhalten
Für den Ophthalmologen ist das Mittel jedenfalls eine bedeutungs¬
volle Reserve. Gerade bei Operationen an Jugendlichen kommt er mch
ohne Narkose aus. Eine kurze Statistik über das Material unsere j
Klinik im letzten Jahr ergibt, dass bis zum 5. Lebensjahr alle Opera¬
tionen im 9. Lebensjahr noch 50 Proz., über das 15. Lebensjahr lnnaui
nur noch 1 Proz. der Operationen in Narkose vorgenommen werden
Ls erscheint daher die genannte Forderung für unser Fach gerecht!
fertigt, zumal stets eine zwingende Indikation vorliegt, wenn bei Jugendl
liehen’ operiert werden muss.
Literatur.
Frenzei: Bekämpfung des Narkoseherzstillstandes durch intrakardial
Adrenalininjektionen. M.m.W. 1921 S. 730. - Vogt: Ueber die Grundlage I
und die Leistungsfähigkeit der intrakardialen Injektion z»r Wiederholung
Ebenda S. 732. _ ___
Aus dem städt. Säuglingsheim Dresden. (Prof. Bahrdt.)i
Ueber die intravenöse Injektion von Kampferwasser
bei Säuglingen.
Von Dr. R. Scheich er.
ln Fällen von äusserster Herzschwäche, in denen wir durch sut
kutane Gaben von Kampferöl zu langsame oder gar keine Wirkurj
mehr erzielen konnten, versuchten wir Kampfer in wässeriger Losur
intravenös zu geben. Das Präparat wird von der Firma E. Merck .
sterilen Ampullen zu 40 — 500 ccm in den Handel gebracht und ste?
nach dem Vorschlag von Prof. Leo-Bonn eine Ringerlösung tu
einem Kampfergehalt von 0,142 Proz. dar. ,
Gleich einer unserer ersten Versuche bot einen überraschend!
Erfolg. Ls handelte sich um den 7 Monate alten Säugling Gerhard :
mit Kapillärbronchitis. Am 2. 6. 1920 um 6 Uhr morgens kollabier,
das Kind plötzlich; es trat stärkste Dyspnoe auf, der Puls war sei
schlecht gefüllt, deutliches Trachealrasseln war hörbar. Trotz su
kutaner Injektion von Kampferöl trat weitere Verschlechterung d,
Zustandes ein; der Puls war nicht mehr zu fühlen, die Atmung setz
aus — der Exitus schien gekommen. Da spritzte ich in eine Schade
vene langsam 8 ccm Kampferwasser ein. Während der Injektion zeig
sich starke Rötung in reichlich Handtellergrösse um die Injektion
stelle. Der Puls wurde allmählich wieder fühlbar und war 2 Stund
später voll und kräftig; auch die künstliche Atmung war nach et\
3 — 4 Minuten nach der Injektion überflüssig. Das Kind hat von da an r
mehr Kampfer nötig gehabt (auch nicht Kampferöl subkutan) und wur
7 Wochen später als geheilt in gutem Ernährungszustände entlassen.
Dieses anscheinend so günstige Ergebnis veranlasste uns, öftt,
Kampferwasser intravenös anzuwenden. Bestimmend für uns \m
in erster Linie, eine möglichst rasche Kampferwirkung zu erziel«)
Wir gaben im allgemeinen Dosen von 10 — 20 ccm; das entspräci
einer Kampfermenge von 0,014—0,03 ccm, also etwa dem 20.— 30. 1
einer subkutanen Kampferölinjektion von 0,5 ccm. Nach den Angaben vl
Leo (D.m.W. 1913, H. 13) genügt bei wässriger intravenöser
jektion der 50. Teil der Kampfermenge einer subkutanen Oelinjektri
um das Gleiche zu erreichen. Nicht unwesentlich dürfte fernerhin \
einem Säugling in mehr oder minder ausgetrocknetem Zustande !
Einverleibung von 10—20 ccm Flüssigkeit direkt in die Blutbahn st
Unsere Versuche erstreckten sich bisher über 54 Fälle und zw.
27 Bronchopneumonien,
3 Kapillärbronchitis, J
10 schwere Ernährungsstörungen (Dekomposition, Intoxikation!
9 schwere Ernährungsstörungen und Bronchopneumonie,
4 Ruhr,
1 Meningitis epidemica.
Wenn unsere absoluten Erfolge auch als gering anzusehen sil
so ist dabei zu berücksichtigen, dass die weitaus meisten Fälle
Zeit der Injektionen sich in moribundem Zustande befanden. Bisweil
wurden mehrere Injektionen innerhalb eines oder mehrerer läge
macht; 11 davon in den Sinus sagittalis, da aus technischen Grünj
die Injektion in eine Vene unmöglich war. . J
Irgendwelche Reizerscheinungen der Injektionsflüssigkeit, die nei|
das Gefäss gelangte, wurden niemals beobachtet. — In 5 Fällen
sehr schlechtem Turgor wurde das Kampierwasser subkutan apphzj
in Mengen bis zu 100 ccm. Auch dabei zeigte sich keinerlei lol-
Reizung und die Resorption ging gegenüber andern Flüssigkeiten n
langsamer vonstatten. Eine Kampferwirkung war bei dieser Art
Applikation nicht festzustellen. — Einmal wurde bei einem sehr sdr
dekomponierten, moribunden Kinde im Alter von 3 XA Monaten
Kampferwasser intraperitoneai (80 ccm) gegeben, allerdings o
irgendwelche sichtbare Wirkung. Der Exitus trat nach 2 Stunden
; März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
311
Zur Technik der Injektion ist nur zu sagen, dass sie mit einer
j e r sehen Spritze und mittelstarker, ausgeglühter Platinkanüle aus¬
führt wurde. — Eine deutliche günstige Wirkung der intravenösen
ektion, wenn auch mehrmals nur für kurze Zeit, konnten wir in
Fällen feststellen, derart, dass meist noch während der Injektion,
: stets langsam ausgeführt wurde, der Puls grösser wurde, öfters
ir der nicht fühlbare Puls wieder deutlich zu fühlen. Dabei liess die
spnoe nach, die Atmung wurde ruhiger und tiefer, und das Aussehen
s Kranken besserte sich sichtlich. Das würde sich völlig mit den
fahrungen Hosemanns (D.m.W. 1916, H. 44) und Leos (D.m.W.
13, H. 13 und M.m.W. 1913, H. 43) decken. Besonders von der
irkung auf das Atemzentrum hebt Leo hervor, dass sie ungleich
irker und rascher ist und ebensolange anhalte wie bei bei weitem
irkeren subkutanen Oelinjektionen.
In 8 Fällen, die freilich sowieso als „verzweifelte Fälle“ anzusehen
iren, konnten wir keine Wirkung des Kampferwassers feststellen,
ihrend in den übrigen Fällen die Wirkung zweifelhaft schien. Ein¬
il erlebten wir bei einem moribunden Fall den Exitus während der
iektion, wohl sicher aber nicht „propter hoc“.
Eine pneumokokkenwidrige Wirkung des Kampfers, die von ver¬
miedenen Seiten hervorgehoben wurde, haben wir bei der wässerigen
I ektion nicht erwartet und uns auch von einer etwaigen prophylak-
chen Wirkung nicht überzeugen können. Die einmal ausgebrochene
ankheit lässt sich durch Kampfer nicht heilen (Rosenthal, Verh.
Kongr. f. inn. Med. 1914). wie Leo auch besonders betont (D.m.W.
18, H. 11) und die prophylaktische Bekämpfung gelänge nur bei
rem Bruchteil der Pneumokokkenstämme.
Eines unserer Fälle sei noch besonders gedacht wegen der unerwünschten
benwirkungen : H. P., 3 Monate alt. Ausgedehnte Bronchopneumonie
derseits. Im Zustand stärkster Dyspnoe und Zyanose wird bei nicht fühl-
rem Puls eine langsame Injektion von 20 ccm Kampferwasser in eine
hädelvene gemacht. Während der Injektion wird die Umgebung der Injek-
nsstelle in reichlich Fünfmarkstückgrösse sehr blass, nach einigen Stunden
rötet. Puls und Atmung bessern sich sichtlich. Da am nächsten Tage
eder stärkere Dyspnoe auftritt, werden in die gleiche Vene, wenig unter-
b der gestrigen Injektionsstelle, wiederum 20 ccm Kampferwasser injiziert,
be: zeigt sich ebenfalls Erblassen, dann Rötung in der gleichen Ausdehnung
e gestern, mit unregelmässig gezackten Rändern. Wirkung gleichgut wie
|i Tage vorher. Es sei besonders bemerkt, dass beide Male eine frische
rpulle genommen wurde und die Injektion in die Vene glatt von statten
ig. Im Verlaufe der nächsten Tage wurde die Rötung immer stärker,
id, bis am 8. Tage eine oberflächliche Hautnekrose begann und sich fast
er das ganze gerötete Gebiet erstreckte. Unter Salbenbehandlung heilte
: Nekrose bald ab, das Kind hatte die Pneumonie überstanden und konnte
Wochen später als geheilt entlassen werden.
| Trotz dieser recht unangenehmen Nebenwirkung und unserer ja
pht gerade glänzenden Erfolge dürften doch weitere Versuche mit
iTavenöser Kampferwasserinjektion zu empfehlen sein, soweit diese
ethode jetzt nicht durch die intravenöse Kampferölinjektion überholt
rd (Fuld, Ther. Hrnh. 1920, S. 460 und Fischer, B.kl.W. 1921,
869). über die aber wohl die Akten noch nicht geschlossen sind,
denfalls dürfte bei atrophischen, wasserverarmten Säuglingen, bei
nen neben der Herzwirkung auch die Flüssigkeitszufuhr in Betracht
mmt, die wässerige, intravenöse Injektion vorzuziehen sein, und
eitere Versuche damit sind erwünscht.
P.S. Während des Druckes erschien eine Arbeit von L e o in der
m. W. 1922 S. 155: Ueber die Wirkung intravenöser Kampferöliniek-
n, in der besonders über die Wirkung auf die Atemgrösse berichtet
rd: Rascher und hoher Anstieg der Atemgrösse mit baldigem Abfall,
nn allmähliches und viele Stunden anhaltendes Ansteigen weit über
in Anfangswert der Atemgrösse. Bei subkutaner Oelinjektion nur
nz allmähliche und geringe Wirkung. — Das bestätigt aufs Beste
isere Beobachtungen der Kampferwasserwirkung auf die Atmung.
jezifische Therapie und Prophylaxe des Gelbfiebers.
Von Prof. Dr. Ol pp- Tübingen.
Schon 1907 hat A. M. Stimson vom U. S. Public Health Service
len spiralförmigen Protisten demonstriert und veröffentlicht, den er
s der Niere eines in New Orleans 1905 an Gelbfieber gestorbenen
anken nach L e v a d i t i gefärbt hatte. Nfo g u c h i, dem wir die 1918
erst im Leberbrei vom Meerschweinchen, dann auch beim Menschen
folgte Entdeckung des Gelbfiebererregers verdanken, den er Lepto-
ira icteroides nannte, hat den von Stimson gefundenen Parasiten
it dem von ihm beschriebenen als identisch erklärt. 1919 und 1920
■lang es Noguchi und KI i gl er in Yukatan und in Peru, Gelb-
ber auf Meerschweinchen zu übertragen und den Erreger aus ihnen
eder zu isolieren. Le Blanc vom Rockefellerinstitut hat diese Be-
nde 1921 in Verakruz bestätigt.
Nach vorausgegangenen experimentellen Tierversuchen und Vor-
hriften N o g u c h i s haben nun L y s t e r und P a r e j a zum erstenmal
- Serumbehandlung beim Menschen mit Erfolg durchgeführt, und zwar
i einem amerikanischen Matrosen von Honduras und bei dem mexi-
uiischen Gesandten von Nikaragua. Das spezifische Serum wurde
m Pferden gewonnen. Bis zum 31. Dezember 1920 waren 170 Fälle
'f diese Weise behandelt. Hierbei zeigte es sich, dass die Kranken,
- das Anti-Ikteroides-Serum innerhalb der ersten 3 Krankheitstage erhal-
n hatten, nur eine Mortalität von 13,6 Proz. aufwiesen, d. h. 13 Todes-
lle bei 95 Erkrankungen, während die Sterblichkeit bei den 75 Fällen,
die erst nach dem 4. Tage mit dem Serum behandelt waren, 52 Proz.
Detrug (39 Todesfälle). Dies würde mit der längst bekannten Tatsache
übereinstimmen, dass die Stegomyia fasciata von einem Gelbfieber¬
kranken während der 3 ersten Fiebertage Blut gesogen haben muss,
um eine Infektion hervorrufen zu können.
Während derselben Epidemien wurden 783 Gelbfieberfälle, die nicht
mit Serum behandelt wurden, beobachtet, von denen 442 starben. Das
ergibt eine Mortalität von 56,4 Proz.
Wenn sich die Serumbehandlung weiterhin als erfolgreich ausweist,
ist ein ungeheurer Fortschritt in der Gelbfiebertherapie erzielt. Es
wäre das erstemal in der Geschichte der Spirochätenkrankheiten dass
ein Leiden, dem wir bisher therapeutisch machtlos gegenüberstanden,
nicht durch Arsenpräparate, sondern durch ein spezifisches Serum er¬
folgreich behandelt werden kann.
Noch wichtiger erscheint mir die Prophylaxe, die Noguchi emp¬
fiehlt. Er gibt Injektionen von 2,0 ccm einer abgetöteten Leptospira-
ikteroides-ReinkuItur, die mindestens 2 000 000 000 Keime pro Kubik¬
zentimeter enthält. Von 3230 auf diese Weise 2 mal geimpften Per¬
sonen bekam keine das Gelbfieber, während 267 Fälle unter den nicht¬
geimpften Individuen auftraten. Beide Gruppen waren der Infektion in
gleichem Masse ausgesetzt in Guatemala, Salvador und Tuxpan. Diese
Versuche sollten noch in grösserem Massstabe nachgeprüft werden.
Wenn sich die prophylaktische Impfung tatsächlich bewährt, so wäre
die grosse Gefahr wesentlich herabgemindert, auf die m. W. M a n s o n
zum erstenmal hingewiesen hat. nämlich die Verschleppung des Gelb¬
fiebers von der Ostküste Amerikas durch den Panamakanal nach der
Ostküste Asiens, die mit Stegomyia fasciata reichlich versehen ist und
in hygienischer Beziehung noch sehr viel zu wünschen übrig lässt. Bei
etwaiger Einschleppung des Gelbfiebers nach China und angrenzende
Länder wäre es dann nur noch eine Frage von Geld und ärztlichem
Personal, um prophylaktisch und therapeutisch erfolgreich Vorgehen zu
können.
Literatur.
A. H. Stimson: Note on an Organism Found in Yellow Fever Tissue.
Reports U. S. P. H. S. 22, Part 1, 451, 1907. — Hideyo Noguchi: Etiology
of Yellow Fever, Papers I — XIII. Journ. Exper. Med. 29: 547—596, Juni 1919;
30: 1—29, Juli 1919; 30:87—93, August 1919; 30: 401—410, Oktober 1919;
31: 135—168, Februar 1920; 32: 381—400, Oktober 1920; 33: 683—692,
Juni 1921. — Noguchi and Kl i gl er: Experimental Studies on Yellow
Fever occuring in Merida, Yukutan. Journ. Exper. Med. 32: 601, Nov. 1920
und 627, Nov. 1920. — Noguchi and Kl i gier: Experimental Studies
on Yellow Fever in Northern Peru. Journ. Exper. Med. 32: 239 und 253,
Febr. 1921. — Hideyo Noguchi: Serum Treatment of Animais Infected
with Leptospira icteroides. Journ. Exper. Med. 31: 129, Febr. 1920. —
Noguchi and P a r e j a, Wenceslao: Prophylactic Inoculation against
Yellow Fever. Journ. Amer. Med. Assoc. 76: 96, Jan. 1921. — Hideyo
Noguchi: Prophylaxis and Serum-Therapy of Yellow Fever. Journ.
Amer. Med. Assoc. 77: 181 — 185, Juli 1921.
Eine Kriegsneurose in ärztlicher Selbstbeobachtung.
Von Dr. med. A. Am b old.
Alter 27 Jahre. Schon vor dem Kriege ausgesprochene neurasthenische
Beschwerden, hauptsächlich zerebral-psychischer und kardiovaskulärer Rich¬
tung (rasche körperliche und geistige Ermüdbarkeit, Insuffizienzgefühl, nasale
Reflexneurose mit starker wässeriger Sekretion, Arrhythmie). Wegen der
Herzgefässneurose erst 1916 eingezogen. Im Feuer 3 Wochen, sonst beim
Feldlazarett oder in der Heimat. Oktober 1818 leichte Grippe ambulant
überwunden, seither elend gefühlt. 8 November 1918 nach angreifenden
Strapazen völlig erschöpft mit begonnener Pneumonie ins Feldlazarett; am
folgenden Tage hochfiebernd mit dem Räumungstransport des Lazarettes in
dem Durcheinander des Rückzuges mit Lazarettzug abtransportiert.
Hier erwache ich am 3. Tage des Transportes plötzlich mit einem
ganz groben Schüttelzittern meiner beiden Arme. Mein erster Eindruck
— als ich überhaupt begriffen hatte, was vor sich ging, war Erstaunen,
dann meldete sich das psychologische Interesse, sowie auch eine gewisse
Genugtuung, denn — über den Zweck des Schiittelns war ich mir als¬
bald klar: manifeste „schwere Krankheit“ sollte die fehlende ärztliche
Hilfe (die bei der Ueberlastung des Zuges mit nicht transportfähigen
Schwerverwundeten nicht im entferntesten den dringendsten Aufgaben
gerecht werden konnte) erzwingen. Nach kurzem Schwanken, ob ich
das Symptom in dem angedeuteten Sinne verwerten solle, machte ich
mir klar, dass dies Ziel auch direkter zu erreichen sein müsse und unter¬
drückte alsbald das Schütteln, was eine ständige, nicht unerhebliche
Kraftanstrengung erforderte. Das Schütteln selbst ermüdete mich trotz
meinet elenden Körperverfassung in keiner Weise.
Am nächsten Morgen — und dieser Beobachtung wegen ist der
sehr klarlievende Fall vielleicht von Interesse — lanen die Arme ruhig,
aber der Schüttelmechanismus stand mir völlig nach
Belieben zu Gebote: ich konnte ohne Mühe schütteln oder
die Arme ruhig halten und ohne weiteres vom einen zum anderen
übergehen.
Als der Verlauf der Krankheit und die äusseren Geschehnisse mich
nach 8 Tagen im Heimatlazarett noch fiebernd und kaum gebessert
daran denken liessen. den Schüttelmechanismus wieder zu probieren,
stand er mir nicht mehr zu Gebote.
Ohne meine ärztliche Kenntnis der Sachlage hätte mir der Schüttel¬
tremor mit seiner Plötzlichkeit und Heftigkeit wahrscheinlich als echte
Krankheitsäusserung imponiert.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
312
Aus dem Pharmakologischen Institut der Universität Bonn.
(Direktor: Geh. Rat Prof. Leo.)
Albertan, ein neues Antiseptikum.
Von Prof. Dr. C. Bachem.
Neben den jodhaltigen Ersatzpräparaten des Jodoforms hat man
neuerdings erfolgreich auch Verbindungen von Aluminium mit an¬
deren Körpern verwendet. Das neueste Produkt auf diesem Gebiete
ist das Albertan. Ich habe dieses Präparat durch Herrn H. Har¬
ten scheidt prüfen lassen und es sind die Ergebnisse eingehend
in dessen unter meiner Leitung entstandenen (zahnärztlichen) Inau¬
guraldissertation, Bonn 1921, niedergelegt.
Albertan besteht chemisch aus einer Verbindung von Aluminium
und Phenolalkoholen und ist nach Angabe der herstellenden Fabrik1)
als ein Aluminiuinpolyphenylat aufzufassen mit einem Gehalt von
8 Proz. Aluminium. Die Darstellung selbst ist Geheimnis der Fabrik.
Das einen chemisch einheitlichen Körper darstellende Präparat ist von
neutraler Reaktion und in allen bekannten Lösungsmitteln unlöslich.
Albertan ist ein überaus feinkörniges Pulver von graugelber Farbe.
Die feine Verteilung der Teilchen ist so gross, dass es leicht gelingt,
das Pulver in Staubform der Luft mitzuteilen. Im Gegensatz zu Jodo¬
form ist Albertan völlig geruchlos. Bei der Nachprüfung der
Löslichkeit wurde versucht, das Mittel in Wasser, Aether und Alkohol
zu lösen, indem die genannten Lösungsmittel 5 Tage lang unter zeit¬
weiligem Schütteln einwirkten. Niemals war indes die geringste Lö¬
sung festzustellen. Wenn demnach überhaupt eine nennenswerte. Dis¬
soziation bei der antiseptischen Wirkung auf Wunden usw. stattfindet,
so muss diese ausserordentlich langsam vor sich gehen, was seiner¬
seits wieder eine protrahierte Wirkungsdauer garantiert.
Infolge der feinpulverigen Beschaffenheit besitzt Albertan eine
grosse Adsorptionsfähigkeit. Hierin scheint ein grosser Vor¬
teil des Präparates zu liegen. Die Adsorptionsfähigkeit wurde durch
Entfärbung einer Farbstofflösung geprüft und zwar wurde das
Präparat nach dieser Richtung mit zwei anderen Mitteln von hoher
Adsorptionsfähigkeit, nämlich weissem Bolus und Tierkohle, verglichen.
10 Reagenzgläser wurden mit je 10 ccm einer verdünnten Methylen¬
blaulösung (0,02 Proz.) gefüllt. Den Lösungen wurde das zu prüfende
Albertan zugesetzt und zwar von 0,1 angefangen stufenweise aufwärts
bis zu 1 g. Die nach 12 Stunden vorgenommene Filtration zeigte,
dass die Methylenblaulösung, der 0,3 g Albertan zugesetzt war, sich
vollständig entfärbt hatte, während die Lösung von 0,2 g noch einen
bläulichen Schimmer zeigte. Zum Vergleich wurden analoge Versuche
mit Bolus alba und Tierkohle angestellt und gefunden, dass die Me¬
thylenblaulösung durch Zusatz von 1 g Bolus alba entfärbt wurde,
während bei der Prüfung mit Tierkohle schon die geringe Menge von
0,01 genügte, um eine Entfärbung herbeizuführen. Wenn Albertan also
auch nicht die Adsorptionsfähigkeit der Tierkohle erreicht, so übertrifft
es in dieser Hinsicht Bolus alba ganz erheblich. Ein weiterer Unter¬
schied zeigte sich bei den genannten Versuchen darin, dass sich am
Spiegel der Flüssigkeit dauernd kleine Mengen mit Farbstoff beladener
Albertankörnchen absetzten, die wenig Tendenz zeigten, zu Boden zu
sinken, was bei Bolus alba nicht der Fall war, dass ferner die Albertan¬
körnchen ungleich länger im Wasser suspendiert blieben als die Bolus¬
körnchen, eine Erscheinung, die ebenfalls zu Gunsten des Albertans
spricht.
Auch die Kapillarkraft des Albertans wurde in einer zwar
etwas rohen, aber für die praktischen Bedürfnisse hinreichenden Form
geprüft und zwar in der gleichen Weise, wie dies bereits Diebel2)
in seiner Inauguraldissertation (Zur Wundbehandlung mit pulverför¬
migen Substanzen) festgestellt hatte und der auch bezüglich der Me¬
thylenblauversuche zu ähnlichen Resultaten gekommen war. In kleine,
vierfach gefaltete gleichgrosse Gazebeutelchen wurde die gleiche, ge¬
nau abgemessene Menge Albertan sowie Bolus und Kohle gegeben. Die
Wägung ergab für das Bolussäckchen 8,85 g, das Albertansäckchen
7,25 g und das Tierkohlesäckchen 7,06 g. Die drei Säckchen wurden
nun gleichzeitig in ein Gefäss mit Wasser eingetaucht und nach
10 Minuten wieder herausgenommen. Nachdem sie 10 Minuten frei
aufgehängt und abgetropft hatten, ergab eine erneute Wägung, dass das
Bolussäckchen 38,65 g, das Albertansäckchen 42,50 g und das Kohle¬
säckchen 40,7 g schwer waren. Zusammen mit der Gaze hatte al$o
Bolus 29,80 g, die Tierkohle 33,64 g und Albertan 35,25 g zugenommen.
Andere Versuche ergaben ähnliche Resultate. — Diese Versuchsanord¬
nung gestattet uns zwar nicht, genaue Schlüsse über die Kapillarkraft
der untersuchten Pulverarten zu ziehen; da aber die Prüfung unter
den gleichen Versuchsbedingungen stattfand, gibt uns die Anordnung
wenigstens ein vergleichendes Resultat. Albertan übertrifft also
an Kapillarkraft Bolus alba bei weitem, und selbst die Tierkohle,
deren hohe Adsorptionskraft bekannt ist, erreicht nicht die Kapillarkraft
des Albertans. Dieb el. der zu den analogen Versuchen statt Wasser
Hydrozelenpunktat benutzte, hatte ebenfalls bei der nämlichen Ver¬
suchsanordnung beim Albertan im Verhältnis zu Bolus eine vermehrte
Gewichtszunahme beobachtet.
In einigen Versuchen wurde sodann die bakterizide Kraft
des Albertans festgestellt. Unter den nicht pathogenen Keimen
*) Hergestellt von den Chem.-pharmaz. Fabriken Albert & Lohmann,
O. m. b. H. in Fahr a. Rhein.
2) J. Diebel: Zur Wundbehandlung mit pulverförmigen Substanzen.
Inaug.-Dissert. Berlin, 1921.
Nr. 9
wurde Bazillus prodigiosus gewählt, dessen Wachstum sich bekanntlich j
durch rötliche Farbe auszeichnet und daher leicht verfolgt werden
kann. In einer mit Nähragar beschickten Petrischale wurden die Pro-'
digiosus-Kultnren strichweise verimpft und die Impfstriche teils mii
dem zu prüfenden Albertan bedeckt, teilweise mit Jodoform, währenc
andere Striche zur Kontrolle frei blieben. Nach 24 ständigem. Ver¬
weilen im Brutschrank konnte in beiden Fällen eine geringe Wachs-,
tumshemmung beobachtet werden, welche jedoch nach 48 Stunden be
den Kulturen unter Einwirkung des Jodoforms bedeutend stärker in dk
Erscheinung trat, als unter Albertaneinwirkung. Gleiches Resultat er¬
gaben die Versuche mit Reagcnzglaskulturen mit schräg erstarrten
Agar.
Von pathogenen Keimen wurden Bakterium coli und der Mikro-
kokkus pyogenes aureus in der gleichen Weise mit Albertan (bzw
Jodoform) behandelt, wobei sich das gleiche Resultat wie bei den Ver¬
suchen mit nicht pathogenen Keimen ergab. . J
Die Giftigkeit des Albertans wurde an Kaninchen in der Weist
geprüft, dass die Tiere das Mittel in aufsteigender Menge, mit Wassei
aufgeschwemmt, per os erhielten. In Intervallen von 2 Tagen wurde
die Einzeldosis bis auf 5 g gesteigert. Während der ganzen Versuchs¬
dauer trat nicht die geringste Störung im Allgemeinbefinden auf, selbs:
5 g schienen keine üblen Wirkungen hervorzurufen. Theoretisch könnt;
eingeworfen werden, dass die Phenolkomponente des Präparates eint
Ausscheidung von Eiweiss bedingen könnte. Jedoch ergab die tägliche
Harnuntersuchung, dass dieser Einwand in praxi unbegründet ist.
Auf Grund der angestellten Versuche scheint also die wertvolish
Eigenschaft des Albertans die geringe Giftigkeit und grosse Adsorp-
tionsfähigkeit zu sein. Bei sezernier enden Wunden wird durcl
Albertan eine gründliche Trockenlegung der Wunde in kurzer Zeit er¬
reicht, wodurch eine schnelle Einschränkung der Sekretion erfolgt, wi<
aus folgendem Tierversuch hervorgeht: Einem’ Kaninchen wurden durcl
Reiben mit grobkörnigem Sandpapier zwei fünfmarkstückgrosse Wun
den gesetzt, welche binnen kurzer Zeit starke Sekretion zeigten. E:
wurde nun die eine Wunde in dünner Schicht mit Albertan bestreut
während die andere Wundfläche zur Kontrolle freiblieb. Bereits naci
12 ständiger Einwirkung war eine deutliche Verminderung der Sekretioi
und nach weiteren 12 Stunden eine völlige Austrocknung der Wundt
zu beobachten. Dabei war eine Schädigung der Wunde oder ihrer Um
gebung in keiner Weise festzustellen. Verschorfung und Epithelisie t
rung fand in kurzer Zeit statt. Die Kontrollwunde zeigte nach 24 Stun
den noch Rötung und Sekretion, heilte also langsamer als die m:
Albertan behandelte.
Wenn auch die bakterizide Kraft des Albertans hinter der des Jodo!
forms zurücksteht, so entzieht es doch infolge seiner sekretionsvermin.
dernden und austrocknenden Wirkung den Bakterien den Nähr
bo den und hemmt auf diese Weise deren Wachstum.
Inzwischen ist Albertan nun auch klinisch erprobt worden)
Nachdem bereits Diebel nach nur 3 — 4 maligem Aufstreuen eim
starke Sekretionsverminderung mit Granulationsbildung beobachtet hat)
wurde auch aus anderen Krankenhäusern (Universitätskliniken usw.
berichtet, dass das Mittel bei zahlreichen Wunden seine Schuldigkeil
tut, wobei besonders* auf die austrocknenden Eigenschaften hingewieseij
wird. Bei Brandwunden schien es sich besonders zu bewähren. Aul
diesem Grunde empfehlen sich auch Alberta n - Brandbinden)
die bei Verbrennungen zweiten Grades in Frage kommen und als Er
satz der Wismutbinden gedacht sind. Während Albertan selbst ge
ruchlos ist, kommen1 ihm ausgesprochen desodorierende Eigenschafte’
zu. Mit seiner sekretionseinschränkenden Wirkung hängt auch di<
schnelle Reinigung schmieriger Wunden und Granulationen zusammer
Im Anschluss an diese Ausführungen sei noch kurz einer zweite;
Verbindung gedacht des Albertan-Wismuts, einer Phenyl
Wismutverbindung mit 29 Proz. Wismut. In seinen äusseren Eigen
schäften gleicht dieser Körper sehr dem Albertan; er ist aber trot
seines Gehaltes an Wismut voluminöser als Albertan. Während voi
diesem 20 g einen Raum von 41 ccm einnehmen, füllen 20 g Albertan
Wismut einen solchen von 49 ccm. Auch dieses erwies sich im Tier)
versuch als praktisch ungiftig und es dürfte vor allem zur Behandlung
von Darmerkrankungen, bei denen neben der Wismutwirkung eine uni
mittelbar desinfizierende Wirkung erwünscht ist, in Frage kommen
Diesbezügliche Versuche werden meines Wissens zur Zeit von anderel
Seite angestellt.
Ein Beitrag zum Zustandekommen nächtlicher Waden
krämpfe.
Von Dr. Kurt Ochsenius, Chemnitz.
In einem dankenswerten Artikel hat Prof. M ar w e d e 1 - Aachen
in Nr. 35 des vorigen Jahrganges dieser Wochenschrift über das Zui
standekommen und die Verhütung der nächtlichen Wadenkrämpfc be
richtet. Dankenswert ist der Aufsatz deswegen zu nennen, weil ei
Kapitel des Alltags, das keinen Anspruch auf hochwissenschaftliche Be
deutung erheben kann, für würdig befunden wurde, in dieser Wochen
Schrift bzw. in einer Vereinigung von Chirurgen zur Diskussion gestell
zu werden, was bisher in der Regel ja leider nur dann zu geschehe
pflegt, wenn — wie auch im vorliegenden Fall — der betr. Autor da
Leiden am eigenen Körper kennen zu lernen Gelegenheit hatte.
Der Wunsch der im praktischen Leben stehenden Kollegen, e
möchten in den medizinischen Zeitschriften noch mehr Fragen des Al1
lärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
313
; behandelt werden, hat ja bereits zu einer Aktion geführt, die aller-
1; wohl noch nicht in die Oeffentlichkeit getreten ist. Mit dem er¬
nten Artikel ist ein vielversprechender Anfang gemacht worden;
! l wir darin ein günstiges Omen!
v'on jeher sind Selbstbeobachtungen von Aerzten ganz wertvoll
■ 'sen ; es sei mir daher als vorübergehendem „Wadenkrämpfler“ ein
■ gestattet. Dass Ueberstreckung des Fusses im Sinne der Spitz-
: tellung am Tage bei mir eine Schmerzhaftigkeit der Wadenmuskula-
is zur Dauer von 3 Tagen verursacht, habe ich erst in diesen Tagen
< zur Genüge ausprobiert; das will ich dem Autor gerne zugeben.
> es resultiert daraus nicht ein nächtlicher Anfall. Zu dieser Dis-
iion zu Muskelkrämpfen muss m. E. noch ein auslösender Faktor
men.
ps sind nun 10 Jahre her, dass ich von dem unangenehmen Krampf
:r Muskulatur beider Waden morgens geweckt wurde; er stellte
an den nächsten 3 Morgen regelmässig um die gleiche Zeit —
; um A 6 Uhr — wieder ein. In der Lebensweise hatte sich nichts
jlert, das Herumlaufen bei den Patienten war stets das gleiche, die
ppathie war auch dieselbe. Ich überlegte hin und her, da fiel mein
auf das neue Paar Sockenhalter, das am oberen Teil der Wade
tigt wird und das ich erst seit 4 Tagen trug. Ich Hess es weg, am
Hten Tag kein Krampf; am folgenden Tag wurde es wieder an-
\ t, prompt trat der Krampf wieder auf. Seitdem liess ich es ganz
und habe keinen Anfall mehr gehabt, obwohl, wie gesagt, die
jerzhaftigkeit der Wadenmuskulatur willkürlich durch Ueberexten-
; jederzeit ausgelöst werden kann. Da Wadenkrämpfe im Kindes-
. sehr selten sind, bezieht sich meine Erfahrung nur auf Beobach-
sn an 2 Bekannten, bei denen der Anfall ebenfalls erstmalig nach
ben eines straffen Sockenhalters auf trat.
Es würde meines Erachtens erspriesslich sein, wenn auf das aus-
;de Moment bei dem Anfall in Zukunft die Aufmerksamkeit noch
i gelenkt würde. Und in diesem Sinne schien mir dieser kurze
1 eis als Ergänzung zu den interessanten Ausführungen berechtigt,
1 ja auch von seiten der Nervenärzte die Kompression der Nerven
licht zum wenigsten auch der Gefässe mit der daraus resultierenden
hhlechterung der Blutversorgung verantwortlich gemacht wird.
Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage
(am 22. Februar 1922.)
Von Prof. Dr. W. Fl einer in Heidelberg.
(Fortsetzung.)
j/or der Gründung einer eigenen Praxis wollte Kussmaul, an-
kt vom Ruhme der neuen Wiener Schule, den Meister der pat'ho-
]:hen Anatomie Rokitansky und seinen Schüler, den Kliniker
; d a. in ihren Arbeitsstätten wirken sehen. So reiste er zusammen
Feinem Freunde Bronn er im Sommer 1847 nach Wien, wo er
Jesenkomplex des allgemeinen Krankenhauses in der Alservorstadt
medizinischen Erwartungen durch die Fülle dessen, was er für
; ärztliche Ausbildung vorfand, weit übertroffen sah. In den
nnaten des Wiener Aufenthaltes wohnte er 300 klinischen und
jhtlichen Sektionen bei, die Rokitansky selbst ausführte und
Protokolle der Meister in gedrängter Kürze und doch erschöpfend
rte. In der chirurgischen Klinik von Dum reich er sah er die
Chloroformnarkose; kurze Aethernarkosen hatte er schon bei
er in Heidelberg ausgeführt. Sehr lehrreich fand er die Haut-
bei Hebra und den Kurs bei Bednar,, im Findelhause über
dieiten der Neugeborenen. In grösster Dankbarkeit und Ver-
ig gedenkt Kuss maul in seinen Jugenderinnerungen des treff-
l Ignaz Philipp Semmelweis, welcher die beiden Assistenten
geles in ihren Studien so viel als möglich förderte und ihnen
eltene Erlaubnis verschaffte, sechs Wochen im Gebärhause zu
izieren. Kurz vorher — Frühjahr 1847 — hatte S e m m e 1 w e i s,
Kenntnis der Mikroorganismen, lediglich auf Grund pathologisc'h-
'tnischer Befunde und klinischer Beobachtungen die Identität der
envergiftung und des Wochenbettfiebers erkannt. Mit Vorliebe
:c die Seuche im Gebärhause die Abteilung für den Unterricht
erzte und verschonte diejenige für den Unterricht der Hebammen.
Erklärung lag nahe: die Mediziner beschäftigten sich mit patho-
:h-anatomischen Studien im Leichenhause, die Hebammen nicht,
fliese Erwägung gestützt, wurde fortan kein Mediziner mehr zu
Jsuchungen in der Frauenklinik zugelassen, der sich nicht vorher
ältig die Hände mit Chlorkalklösung gereinigt hatte. So ist
melweis zum Wohltäter der Menschheit geworden; der Ge-
bh des Chlorkalks war der Anfang der Antisepsis und die
'liehe Waschung der Hände der Anfang der Asepsis. Beide
baden sind zur Grundlage des Erfolges der chirurgischen Technik
I rden.
'as klinische Haupt der neuen Wiener Schule war Skoda, der
ante Diagnostiker auf dem Gebiete der Atmungs- und Kreislauf-
he. Er bezog die von der Norm abweichenden, perkutorischen
Auskultatorischen Schallerscheinungen nicht mehr wie Laentiec
wine Schüler direkt und symptomatisch auf bestimmte Krank-
A, sondern streng wissenschaftlich nur auf physikalische Verände¬
rt in den betreffenden Organen. Dann wurden die Möglichkeiten
dacht, welche pathologischen Zustände das physikalische Verhalten
untersuchten Organe verändert haben könnten und zuletzt erst
die Diagnose der Krankheit gestellt, welche die pathologisch-anatomi¬
schen Organveränderungen hervorgerufen hatte. Die physikalische
Diagnostik stand somit auf einem sicheren, wissenschaftlichen Boden
und die klinische Diagnose war ein komplizierter Denkakt, eine logische
Schlussfolgerung.
Kussmaul besuchte die Skoda sehe Klinik mit höchstem In¬
teresse. fand aber in ihr doch keine innere Befriedigung, denn für
Skoda galt nur Diagnostik und pathologische Anatomie, die Heil¬
kunst aber — wenn es sich nicht um mechanische und äussere Ein¬
griffe handelte, wie sie die Chirurgen und Hebra übten — gar nichts.
So entstand in Skodas Klinik der therapeutische Nihilismus, denn
Lehrer und Schüler vergassen die eigentliche Aufgabe der Medizin:
das Heilen. Damit sank die beste aller menschlichen Künste von ihrer
Höhe tief herab. Der Ruf wissenschaftlich gebildeter Aerzte litt
Schaden in den Augen des Publikums und der Pfuscherei wurden Tor
und Tür geöffnet.
In Prag, wohin die Freunde gleich nach Weihnachten 1847 zogen,
war das anders. Von Professoren und Dozenten freundlich aufgenom¬
men und wie Kollegen behandelt — nicht wie „medizinische ABC-
Schützen und Ignoranten“ — fühlten sie sich bald heimisch und hielten
die Prager für „bessere Menschen“ als die Wiener.
Dem berühmtesten und beliebtesten Lehrer Prags, dem internen
Kliniker Oppolzer bewahrte K u s s m a u 1 zeitlebens ein dankbares
Gedächtnis. Er schildert den reicherfahrenen, von den humanen Auf¬
gaben der Heilkunst durchdrungenen Mann als einen getreuen Ekkehard
in allen Nöten und Gefahren der Praxis und stellte ihn höher als
Skoda.
Inzwischen war Virchows Stern aufgegangen: seine Kritik
von Rokitanskys „Handbuch der pathologischen Anatomie“ und
sein Programm, mit dem er das zusammen mit Reinhard heraus¬
gegebene „Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie“ er-
öffnete, wirkte so mächtig auf K u s s m a u 1, dass er gerne mit Bron-
ner gleich nach Berlin gereist wäre, um Virchow zu hören — da
erfolgte Ende Februar mit dem Sturze Louis Philipps die Erklärung
der Republik in Frankreich. Auch in Deutschland drohte die Revo¬
lution. Das zwang zu rascher Abreise.
Glücklich von Prag in die Heimat zurückgekehrt, folgte Kuss-
m a u 1 der Aufforderung des badischen Kriegsministeriums zum Eintritt
in das Heer, weil bei der unsicheren Weltlage und der erschütterten
Ordnung die Zeit zur Gründung einer eigenen Praxis nicht günstig war.
Als Feldarzt dem Bat. Holtz in Rastatt zugeteilt, machte Kuss-
maul die Heerfahrt der badischen Brigade nach Holstein mit, die
aber — bis auf 1 Bataillon — schon im Herbst 1848 zurückberufen
wurde, um den Rheinwinkel bei Basel von Staufen bis Wehr zu be¬
wachen, weil S t r u v e und B 1 i n d von der Schweiz aus in der
Markgrafschaft die Republik proklamiert und1 bewaffnete Haufen ge¬
sammelt hatten. Als Oberarzt und Leiter des Feldspitals fand dann
den Winter über Kuss maul in Lörrach und in Rändern eine
befriedigende ärztliche Tätigkeit, die ihm das Vertrauen sowohl1 der
Offiziere als auch der Mannschaften und der Bürgerschaft eintrug.
Im April 1849 zum 2. Male nach Schleswig Holstein kommandiert,
verblieb Kussmiaul dort mit dem Bat. Porbeck, bis dasselbe nach
dem' schmählichen Waffenstillstand zwischen Preussen und Dänemark
wegen der in der Heimat ausgebrochenen Meuterei1 des badischen
Heeres, die den Grossherzog zwang, das Land zu verlassen, heim¬
berufen wurde.
Die militärische Laufbahn Kussmauls endete mit einem monate¬
langen, schweren, kaum zu bewältigenden Dienst in der Festung
Rastatt. Dort hatte sich das aufständische badische Heer auf Gnade
und Ungnade den belagernden Preussen ergeben und wurde zusammen
mit bürgerlicher Volkswehr und Freischaren — an 6000 Mann — in
die Kasematten abgeführt, wo neben der grössten Not auch' das Stand¬
gericht herrschte. Endlich kam Ende Dezember 1849 der schon lange
erbetene Abschied und die grossherzoglich badische Felddienstmedaille
für treuen Dienst im Heere.
In K a ti d e r n hatte Kussmaul ein so gutes Andenken hinter¬
lassen, dass man nach dem Wegzug des einen der beiden dort prak¬
tizierenden Aerzte ihn aufforderte, die Stelle des Abgegangenen ein¬
zunehmen. In den ersten Tagen des März 1850 folgte er dem will¬
kommenen Rufe, denn, „an der Schlei und der Eider hatte er oft sehn¬
süchtig der herrlichen Landschaft in der badischen Heimat oben bei
Basel gedacht, wo der Rheinstrom nach dem Norden sich wendet und
Wiese und Kander, die munteren Töchter des Schwarzwaldes, sich mit
ihm vermählen. Der gesegnete Winkel umschliesst die Aemter Lör¬
rach, Schopfheim und Müllheim, den südlichsten Teil der altbadischen
oberen Markgrafschaft, das Heimatland Hebels, verklärt vom Schim¬
mer der Poesie. Ein Volk alemannischen Stammes, regen und betrieb¬
samen Geistes bewohnt die schönen Gauen“ (Jugenderinnerungen,
S. 451/2).
Es gelang ihm rasch, Vertrauen und Praxis zu erwerben. Die
ärztliche Tätigkeit gewährte ihm volle Befriedigung und ein mehr als
ausreichendes Einkommen. Jetzt war der feste Boden gefunden, wo¬
rauf er den eigenen Herd gründen und die seit 4 Jahren mit rührender
Geduld „des fahrenden Doktors“ harrende Braut heimführen konnte.
Da starb plötzlich der verehrte Vater und die Hochzeit musste ver¬
schoben werden, bis der Herbst ins Land zog.
Nach 3 Jahren reinsten Glückes fand die Tätigkeit in Rändern
ihren jähen Abschluss. Den ungeheuren Strapazen einer an Umfang
immer mehr zunehmenden Praxis in der gebirgigen Gegend zur strengen
Winterzeit waren die Kräfte K u s s m a u 1 s auf die Dauer nicht ge-
314
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ni)
wachsen. Im Februar 1853 lähmte ihn eine schwere, rheumatische
„Meningitis lumbalis“ und fesselte den jungen Arzt monatelang ans
Krankenbett oder auf den Fahrstuhl. Er sah sich gezwungen, die
Landpraxis aufzugeben.
Als aber mit dem Gefühle der wiederkehrenden Gesundheit neuer
Lebensmut erwachte, tauchte aus den Sorgen wieder das Ideal der
Studienzeit auf: die akademische Laufbahn. Die Fähigkeit
hierzu hat zuerst N a e g e 1 e, der Geburtshelfer, bei seinem hoch-
begabten Schüler Kussmaul erkannt, als dieser, noch vor dem
Staatsexamen, bei ihm Assistent war. Der Vorschlag erschien aber
Kuss maul damals aus Mangel an Mitteln unausführbar
In Wien und Prag erweckte die Freude an der medizinischen
Wissenschaft aufs neue die Idee bei Ku s s m au 1, sein Glück als Dozent
in Heidelberg zu versuchen; der Ausbruch der Revolution zerstörte aber
diesen hochstrebenden Zukunftsplan. Erst bei der Genesung von
schwerer Krankheit zeigte sich die Möglichkeit zur Verwirklichung der
Idee, war Kussraaul doch durch die in der Praxis erworbenen Mittel
in den Stand gesetzt, noch einmal für einige Semester auf eine Uni¬
versität zu gehen. Er dachte s>ich nunmehr die pathologische Anatomie,
die durch Virchow eine neue Gestalt und reichen Inhalt gewonnen
hatte, als künftiges Lehrfach und zog deshalb nach Würzburg, wohin
Virchow von Berlin berufen worden war. In Würzburg immatriku¬
liert, beschäftigte Kussmaul stich bei Virchow. Koelliker und
Scherer vorwiegend mit anatomischen, physiologischen, chemischen
und pathologisch-anatomischen Studien und besuchte die Kliniken nur
ab und zu aus Neugier, ihre Leiter lehren zu sehen.
Virchow nahm grosses Interesse an Kussmaul, riet ihm aber
mehr zum klinischen Lehrfache, als zum pathologisch-anatomischen
und empfahl ihn zuerst an Griesinger in Tübingen und, da dessen
mit einem Dozenten zu besetzende Assistentenstelle inzwischen ver¬
geben war, hernach an Hasse in Heidelberg, den Nachfolger
P f e u f e r s.
Nach erfolgter Promotion im Sommer 1854, bei welcher ihm sein
Freund Nikolaus Friedreich, der nachmalige Heidelberger Kliniker,
opponierte, verliess Kuss maul Würeburg und wandte sich nach
Illenau, der Badischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt, um unter
Rollers Leitung sich praktische Erfahrungen in der Psychiatrie zu
sammeln. In der Illenauer Bibliothek stiess Kussmaul beim Stu¬
dium eines psychiatrischen Werkes von J a k o b i - Siegburg auf Ver¬
suche über die Kompression der Karotiden zu Heilzwecken. Es traf
sich gut, dass ein früherer Assistent J a k o b i s, der später auf so tra¬
gische Art aus dem Leben geschiedene Gudden zugleich mit Kuss¬
maul in Illenau weilte und diesem das in Siegburg oft geübte Ver¬
fahren zeigen konnte. Wie vom Schlage gerührt verliert ein Mensch,
sobald die Blutbahn seiner Karotiden gesperrt wird, das Bewusstsein
und den willkürlichen Gebrauch seiner Muskeln, denn die von den
Wirbelarterien zugeführte Blutmenge reicht nicht aus, die Funktionen
des Gehirns zu unterhalten. Kussmaul brachte diese Beobachtungen
zusammen mit den berühmten Versuchen Claude B e r n a r d s, die dieser
2 Jahre zuvor über die Verrichtungen des Halssympathikus angestellt
hatte. Auf Durchschneidung, also Lähmung, und auf elektrische Rei¬
zung des Halssympathikus am Schnittende des Kopfteils traten mit
gesetzmässiger Regelmässigkeit bestimmte Veränderungen in der Blut¬
fülle, Farbe und Wärme der entsprechenden Kopfhälfte und bestimmte
Bewegungen am Auge der gleichen Seite ein, welche Donders,
de Ruyter, Schiff und Virchow aus der vasomotorischen
Natur des Halssvmpathikus erklärten. Falls nun, sagte sich Kuss¬
maul, die Annahme eines besonderen vasomotorischen Nervensystems
richtig war, so musste es gelingen, dieselben Erscheinungen am
Kopfe, die man durch Lähmung oder durch Reizung des sympathischen
Halsnerven hervorrief, durch einfache mechanische Sperrung und
Wiederherstellung des Stromlaufes in den grossen Schlagadern, die
den Kopf mit Blut versorgen, zu erzielen.“ Vom Gedanken erfüllt, „mit
der Leuchte des physiologischen Versuches in der Hand in die dunkle
Provinz der Pathologie der Zirkulationsstörungen des
Gehirns siegreich vorzudringen“, zog Kussmaul von Illenau nach
Heidelberg, um da sein Glück als Dozent zu versuchen.
Aus der in Illenau konzipierten Idee entsprangen drei wichtige
experimentelle Arbeiten, die im Laboratorium von Dr. B o r n-
träger ausgeführt wurden, bei welchem Kuss maul chemische
Analyse belegt hatte. Die erste: „Untersuchungen über den
Einfluss, welchen die Blutströmung auf die Be¬
wegungen derlrisund anderer Teile des Kopfes aus¬
übt“ nahm einen grossen Teil des Winters 1854/55 in Anspruch. Sie
wurde der Würzburger Fakultät als Dissertation vorgelegt und fand
Aufnahme in den Verhandlungen der physikalisch-medizinischen Ge¬
sellschaft dortselbst (Nr. 1. VI, 1855). Die zweite: „Ueber den
Einfluss der Blutströmung in den grossen Gefässen
des Halses auf die Wärme des Ohrs beim Kaninchen
und ihr Verhältnis zu den Wärmeveränderungen,
welche durch Lähmung und Reizung des Sympathi¬
kus bedingt werden“2) erfolgte unter Mitarbeit der Studenten
T e n n e r und B ü 1 a u, und die dritte Arbeit: „Untersuchungen
über Ursprung und Wesen der fallsuchtartigen Zuk-
kungen bei der Verblutung, sowie der Fallsucht
überhaupt“3) von Kussraaul und T e n n e r war der Glanzpunkt
jener experimentellen Arbeitsperiode; sie hat die Lehre von der Epilepsie
2) Moleschotts Untersuchungen zur Naturlehre I.
3) Ibidem III.
mächtig gefördert und bewiesen, dass manche Formen der Fällst
in einem Krampfe der Gefässmuskeln der Hirnarterien beruhen.
Die Habilitation in Heidelberg war mit manchen Schwierigke
verknüpft: die alte Fakultät war nicht mehr da, mit Ausnahme
Chelius, und der neuen war Kuss maul bei seiner Wieder
nach Heidelberg ein Fremdling. Der schöne Traum vom Lehrfache
pathologischen Anatomie schwand gleich nach dem ersten Besuche
Hasse, denn dieser war an eine ältere Abmachung gebunden.
Theodor v. Dusch, den nachmaligen Polikliniker, Sohn des i
maligen badischen Staatsministers A. v. Dusch und Schwiegers
des Chemikers G m e 1 i n. Hasse konnte somit Kussmaul in sei
Vorhaben, trotz Virchows Empfehlungsbrief nicht stützen. Der
N a e g e 1 e, Kussmauls väterlicher Freund war verstorben und
der Augenheilkunde hatte sich Kussmaul schon in Wien und 1
abgewandt, weil ihm die sichere Hand für die feinen Operationen
Auge versagt war. So wandte er sich dann, auf den Rat seines a
Gönners Chelius der Pharmakologie und Toxikologie
und nahm daneben noch gerichtliche Medizin- und Psy
i a t r i e in Aussicht, denn es traf sich geschickt, dass damals ge
die Stelle eines Assistenzarztes beim Physik
Heidelberg frei wurde, um welche sich Kussmaul bewarb,
wurde ihm am 30. April 1855 übertragen. Hierzu haben ihm sic
neben der psychiatrischen Ausbildung in Illenau, einige Veröff
lichungen aus der Praris vieles geholfen: z. B. die Arbeit über
endemische Wurstvergiftung, die er zusammen mit sei
Vater, vor dem Eintritt in das badische Heer im Frühjahr 1848 in W
loch beobachtet und samt Leichenbefunden in der Zeitschrift der I
sehen Aerzte für Staatsarzneikunde erscheinen Hess und die Arbc
über „P o 1 y o s t i t i s“ — die wohl die erste Beschreibung der ak
Osteomyelitis war — , über „K o n t a g i o s i t ä t und B e h a n dl i
der Ruh r“, über „Septische Stomatitis“ und über den
dominaltyphus in der Umgebung vonKandern , di-
alle als praktischer Arzt in Kandern verfasst und zumeist in den
teilungen- des badischen ärztlichen Vereins publiziert hat.
Da die Würzburger Dissertation zur Habilitation in Heidelberg r
galt, musste Kussmaul hier nochmals in einem Kolloquium vor
Fakultät den Nachweis guter Kenntnisse liefern. Eine besondere Hr
tationsschrift wurde ihm aber erlassen, weil er seinerzeit die
demische Preisfrage gelöst und1 die Abhandlung „Ueber die Far1
erschein-ungen am Grunde des menschlichen Auges“ als Druckse
herausgegeben hatte. Endlich erfolgte am 14. Juli 1855 nach Abhai
einer, von der scholastischen Aera übernommenen öffentlichen Di
tation die Habilitation: die venia legendi wäre aber noch bei’
gescheitert an der frivolen Art, mit welcher ein Opponent — de
Name Kussmaul zwar verschwiegen, aber nie vergessen ha
die achte These angriff und auf regierende Häuser überleitete: „Die
unter Verwandten ist aus sittlichen, nicht aus physiologischen Grüi
verwerflich“ (Kussmaul: Aus meiner Dozentenzeit, S. 37).
politische und kirchliche Reaktion war eben damals so mächtig,
kurz vor Kussmauls Habilitation freie Denker wie Kuno F i s ei
und 0. Moleschott des Rechts beraubt wurden. Vorlesungei
halten.
Den Studenten hatte die interessante Disputation Kussma
besser gefallen als der Fakultät, er fand deshalb schon bei der ei
Vorlesung über Arzneimittellehre, die er nur auf dem schwr
Brett ankündigen konnte, weil das Vorlesungsverzeichnis für das Wr
semester 1855/56 schon gedruckt war, volle Bänke. Gut besucht
auch das im Sommersemester 1856 gelesene Publikum über die Hr
fragen der Biologie, das er ungefähr in der Art von Bi chats
cherches phvs-iologiques sur la vie et la mort“ gestaltete. Dann fol
Vorlesungen über Toxikologie, gerichtliche Anthropologie, Psychi
für Mediziner und- Juristen, gerichtliche Medizin für Juristen, ger
liehe Medizin und Toxikologie für Mediziner — die Toxikologie
meinsam mit Dr. Bornträger — und über allgemeine Patholi
insgesamt 9 verschiedene Vorlesungen in 7 Semestern, eine g e v
tige Leistung neben- experimentellen Arbeiten und beruh
Tätigkeit.
Kussmauls Lehrmethode entsprach wohl am meisten !
Go eth eschen Vorschrift, die er seinen Faust dem Wagner and
fehlen Hess:
Such’ Er den redlichen Gewinn. Sei er kein schellenlauter Tor!
Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vorj
Doch lasse ich Kussmaul über seine Vortragsweise Selber re
habe ich doch nicht das Glück gehabt, ihn noch in der Klinik zu hi
„Der freie Vortrag ist mir nicht leicht geworden; ich brauchte'
Mühe Zeit und Uebung, bis ich mir eine Redefertigkeit, wie sie1
Dozent besitzen muss, erwarb . “
„Anfangs arbeitete ich meine Vorträge sorgfältig auf dem Papier,
bis ich erkannte, dass ein wissenschaftlicher Aufsatz und ein wisj
schaftlicher Vortrag recht verschiedene Dinge sind.“ Seine L1
in Heidelberg batten ihre Werke immer noch vorgelosen.
„Der Leser mag sich nach Lust Zeit zum Verständnis 'I
Aufsatzes nehmen, _ der Hörer kann das nicht. Der Vortrag
wehrt dem Hörer jede Zerstreuung und zwingt ihn, auf jedes Wor-
nau zu merken und den Gedankengang mitzugehen, er bedarf
Sprache, die ihn fesselt durch Lebhaftigkeit. Bestimmt!
des Ausdruckes und sicheres Denken,
Lange, wenn auch kunstvolle Perioden, die den Leser viell
‘entzücken, ebenso ein allzu gleich massiger, 'wenn auch wohlgese1
Gang der Darstellung, der den Leser anspricht, aber den H f
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
315
V
1
März 1 922.
ischläfert, taugen für den Vortrag nicht. So begreift man auch, warum
>le Gewohnheiten des Lehrers, wie z. B. das Zupfen am Bart, das
iuspem, das Einlegen sinnloser Flickworte u. dgi. m., den Hörer an
r fortgesetzten Aufmerksamkeit, die der Vortrag verlangt, nicht zer-
reuen und schädigen dürfen.
„Um meinen Zweck zu erreichen, beschränkte ich mich deshalb bald
rauf, mein Thema auf dem Papier nur zu ordnen und arbeitete auf
eser Grundlage den Vortrag darüber im Kopfe aus. Ich sagte mir ihn,
if und abgehend, so lange laut oder halblaut vor, bis er sich glatt
ie ein Faden von der Spule abwickelte.“
„Ab und zu gönnte ich den Zuhörern eine Ruhepause, um sie vor
müdung zu schützen und frisch zu erhalten . Auch behielt ich
eine Zuhörer stets im Auge, um aus ihren Mienen zu entnehmen, ob
2 dem Vortrage mit Verständnis folgten . Kurz vor dem Vortrage
irfte ich mich nicht mit Memorieren und Aufsagen quälen, auch nicht
irher stundenlang in der dumpfen Stube sitzen: am besten geriet der
prtrag, wenn ich mich vorher ein Stündchen im Freien erging.
Trotz redlicher Mühe, die ich mir gab, habe ich es aber nie zum
liprovisator auf dem Katheter gebracht, denn so lange ich lehrte,
usste ich mich auf jede Vorlesung vorbereiten, der klinische Unter¬
st allein liess eine Vorbereitung nur teilweise zu.“
Aus seinen Vorlesungen hat Kussmaul manche Anregungen zu
men Arbeiten geschöpft. Die Untersuchungen über Toten- und
hloroformstarre, auch diejenigen über Zerreissung der
arotiden beim Erhängen entstammen der gerichtlichen Medi-
n und die Untersuchungen über die GiftwirkungdesFliegen-
ihwammes, bei welcher, nach Maschkas Angaben, die Toten¬
arre fehlen sollte, der Toxikologie. (Die Totenstarre fehlt aber bei
esen Pilzvergiftungen nicht, wohl tritt dieselbe aber sehr schnell auf
id verschwindet auch nach wenigen Stunden wieder: Maschka
heint demnach nur zu spät beobachtet zu haben.) Das berühmte Buch
>er die Bildungsfehler der Gebärmutter verdankt Kuss-
a u 1 seiner gerichtsärztlichen Stellung in Heidelberg. Die amtliche
Jktion einer im 3. Monat ihrer ersten Schwangerschaft unter den Er-
.heinungen einer inneren Verblutung gestorbenen Frau, welche die
achbarschaft für vergiftet hielt, ergab eine linksseitige Eil eit er-
chwangerschaft und innere Verblutung durch Berstung des
mchtsackes. Merkwürdigerweise enthielt aber der linke Eierstock
;in Corpus luteum, während der rechte zwei solcher aufwies, von
eichen der eine dem Zustand in den ersten Schwangerschaftsmonaten
ltsprach.
Das Ei, welches sich im linken Eileiter entwickelte, musste also
)m rechten Eierstock, wo es erzeugt worden war, quer durch die Ge-
irmutter hindurch in den linken Eileiter hinübergewandert sein.
Eileiterschwangerschaften hatte man fälschlicherweise auch bei
inigen Präparaten der Heidelberger anatomischen Sammlung an-
mommen. Ein genaueres Studium lehrte aber K., dass es sich hier
n Schwangerschaft in einem mangelhaft entwickelten Nebenhorn einer
inhörnigen Gebärmutter handelte. Diese Entdeckung gab ihm Ver¬
fassung zum Studium der Entwicklungsgeschichte und
hysiologie der einhörnigen Gebärmutter. Auch wies
r nach, dass die Schwangerschaft in Nebenhörnern fast ausnahmslos,
ach noch an der Leiche, für Eileiterschwangerschaft gehalten wurde,
»en Abschluss des Werkes bildete eine Abhandlung über Nach-
mpfängnis, ein für Physiologen und Juristen gleich anziehendes
hema, das in innigem Zusammenhang mit der Verdoppelung der Ge-
ärmutter steht.
Die Monographie ging unter dem Titel „Vondem Mangel, der
erkümmerung und Verdoppelung der Gebärmutter,
on der Nachempfängnis und der Ueber Wanderung
es Eies, mit 58 Holzschnitten (Würzburg, Stahels Verlag, 1859) in
ie Welt hinaus, verbreitete Kussmauls Ruhm und galt noch 1900
ach Hegars Beurteilung, als eine fundamentale Arbeit, welche der
iynäkologie ein neues Gebiet erschlossen und allgemeine Bedeutung
ewahrt hat.
Das letzte Werk aus der fruchtbaren Dozentenzeit Kussmauls
l Heidelberg bildeten die „Untersuchungen über das
eelenleben des neugeborenen Mensche n“.
In seinen Vorlesungen über die Seelenstörungen, als1 welche K. die
'sychiatrie angekündigt hatte, empfand er es als einen Mangel, dass
isher niemand jener Frage nähergetreten war. Die Philosophen Kant
jind Hegel bemassen das Seelenleben des Neugeborenen übermässig
och. Mich eiet, der Hegelianer, nannte sogar das Schreien des Neu-
eborenen das Entsetzen des Geistes über das Unterworfensein unter
he Natur; Aerzte und Naturforscher dagegen sprachen dem neu-
eborenen Menschen jede Spur von Intelligenz ab; Karl Vogt be-
auptete sogar, dass derselbe auf einer tieferen Stufe geistiger Be-
abung, stehe, als jedes andere Säugetier. Kuss maul hat durch Ex-
erimente und Beobachtung diese Widersprüche aufgeklärt und eine
uverlässige Grundlage geschaffen, auf welcher die Psychologie weiter¬
auen konnte. Die grosse Bedeutung des inhaltsreichen kleinen Büch¬
eiris, das 1859 bei Winter in Heidelberg erschien, ist erst später voll-
uf gewürdigt worden: 1885 und 1896 hat dasselbe neue Abdrücke durch
Jietzker in Tübingen erfahren.
Die Dozentenzeit Kussmauls in Heidelberg fiel in die grösste
, nd ruhmreichste Periode, welche die Ruperto-Carola in den fünf Jahr-
mnderten ihres Bestehens erlebte. Seit 1852 wirkte in ihr B u n s e n,
er grosse Chemiker und seit 54 neben ihm sein Freund K i r c h h o f f,
er grosse Physiker, und 1858 wurde durch die Berufung von H e 1 m -
oltzauf den nunmehr von der Anatomie abgetrennten und selbständig
Nr. 9.
gewordenen Lehrstuhl der Physiologie ein Triumvirat geschaffen, wie
es an der gleichen Universität wohl noch nie vorgekommen ist.
Kussmaul hat ein Semester lang K i r c h h o f f s Vorlesung über
Elektrizität und in einem anderen diejenige von Helmholtz über die
Sinnesorgane und das Nervensystem regelmässig besucht. Auch trat er
mit vielen, später berühmt gewordenen jüngeren Gelehrten aus aller
Herren Länder, die in den Laboratorien der genannten drei grossen
Männer wissenschaftlich arbeiteten, in nähere Beziehungen. Um nun
einen regen Gedankenaustausch über die Bestrebungen und Arbeiten
zwischen den jüngeren Naturforschern und Aerzten zu ermöglichen,
gründete Kussmaul, unterstützt von Kekule, dem Chemiker,
Wundt, dem Physiologen und späteren Philosophen, und von Can-
t o r, dem Mathematiker, am 24. Oktober 1856 den Naturhisto¬
risch-medizinischen Verein, den auch die älteren Profes¬
soren werktätig unterstützten: eine Schöpfung, die heute noch besteht
und in der wissenschaftlichen Welt grosses Ansehen geniesst.
Mit der Berufung Friedreichs nach Heidelberg, im Frühjahr
1858, mit welchem ihn schon seit der Würzburger Studienzeit eine
innige Freundschaft verband, trat Kussmaul der inneren Klinik und
damit seinem eigentlichsten Berufe wieder näher und war, solange er
noch in Heidelberg weilte, Friedreichs treuer Begleiter bei den
klinischen Visiten und regelmässiger Gast in der Klinik.
Auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte im Sep¬
tember 1857 in Bonn hatte K u s s m a u 1 durch seine wohlgelungenen
Experimente über die vasomotorischen Funktionen des Halssympathikus
und über die fallsuchtartigen Zuckungen das Auge des Erlanger Ana¬
tomen Ger lach auf sich gezogen und bei näherer persönlicher Be¬
kanntschaft -dessen Sympathie erworben. G e r 1 a c h glaubte schon da¬
mals in dem jugendlichen Forscher Kussmaul den richtigen Mann
für die Nachfolgerschaft des, einem Siechtum verfallenen. Klinikers
Dittrich gefunden zu haben und bewirkte nach des letzteren Tode
die Berufung Kussmauls an die innere Klinik in Erlangen im
Jahre 1859. (Schluss folgt.)
Für die Praxis.
Behandlung und Prognose der akuten Mittelohrentzündung.
Von Scheibe-Erlangen.
Die grössere Hälfte der akuten Mittelohrentzündungen heilt ohne
Durchbruch des Eiters, allein durch Resorption (imperforative Form).
In der kleineren Hälfte der Fälle wird mehr Sekret gebildet, als die
Mittelohrräume zu fassen vermögen, und es kommt zum Durchbruch
(perforative Form). Es besteht nicht, wie man früher annahm, ein
prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied, deshalb ist auch
die früher übliche Trennung in Katarrh und Eiterung jetzt fast allgemein
aufgegeben. Man kann es aber der imperforativen Form nicht ansehen,
ob sie nicht doch noch zum Durchbruch führen wird. Hiebei kommt
aber nicht lediglich der Durchbruch durch das Trommelfell in Betracht.
Dieser kann auch durch den Knochen erfolgen, sei es nach aussen,
sei es nach innen. Aus rein praktischen Gründen, besonders mit Rück¬
sicht auf die Behandlung, ist es aber zweckmässig, die Unterscheidung
in perforative und nicht perforative Otitis media bei¬
zubehalten
Wichtiger noch ist die Einteilung in genuine und sekundäre Mittel¬
ohrentzündung und zwar im Hinblick auf die Verschiedenheit der Pro¬
gnose. Es ist deshalb notwendig, auf diesen Unterschied näher ein¬
zugehen.
Man nennt die Otitis mit einem nicht gerade glücklich gewählten
Ausdruck „genui n“, wenn sie nach operativen Eingriffen in der
Nase, nach Katarrh, Angina, oder ohne bekannte Ursache, also im sonst
widerstandsfähigen Organismus eintritt.
Zwei Drittel der genuinen Mittelohrentzündungen heilen ohne
Durchbruch nach aussen. Wenn eine Perforation des Trommelfells ein¬
tritt, so ist sie unsichtbar klein und gewöhnlich nur an der Wucherung
ihres Randes oder dem Heraussickern des Sekretes zu erkennen. Als
Loch ist sie nur dann zu sehen, wenn der Durchbruch in einer zufällig
bestehenden Narbe oder in einer atrophischen Stelle erfolgt. Niemals
entstehen zwei Perforationen; ebenso vereitern die zugehörigen Lymph-
drüsen nie. Infolge der starken Reaktion der Schleimhaut entsteht
häufig Retention in einer oder einigen Zellen, d. h. ein Empyem. Der
unter Druck stehende Eiter bricht sich meist durch die Knochenwand
Bahn. Dies geschieht durch Knocheneinschmelzung bzw. durch rarefi-
zierende Otitis, dagegen sehen wir im sonst wiederstandsfähigen
Organismus keine Nekrose des Knochens. Bei freiem Abfluss aus allen
Zellen ist keine endokranielle Komplikation zu befürchten.
Als „sekundär e“ Eiterungen bezeichnet man die nach be¬
stimmten Allgemeinkrankheiten. Sie sind ausgezeichnet durch mangel¬
hafte Reaktion der Schleimhaut: es kann zu nekrotisierender Ent¬
zündung kommen. Nur ein kleiner Teil der sekundären Form —
etwa Yz — heilt ohne Durchbruch des Trommelfells, dabei sind die
Influenzafälle mit eingerechnet, die von den sekundären am meisten
Aehnlichkeit mit den genuinen haben. Es können zwei oder mehr
Perforationen entstehen, die oft als mehr oder weniger grosse Löcher
sichtbar sind. Wie das Trommelfell, kann auch die Schleimhaut nekro¬
tisch zerfallen. Infolgedessen kann es auch zur Nekrose des
Knochens kommen, und zwar — was hervorgehoben werden
muss — mit Vorliebe gerade bei vollständig freiem Abfluss.
5
316
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 9.
Die Drüsen können vereitern. Zu Empyem kommt es infolge der
geringen Schwellung der Schleimhaut sehr selten, dagegen können
endokranielle Komplikationen auch bei vollständig freiem Abfluss ent¬
stehen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei betont, dass in Fällen
von leichten Allgemeinkrankheiten die erwähnten Unterschiede nicht
auitreten müssen; auch sind es nicht alle Allgemeinkrankheiten, die
diesen Unterschied im Verlauf bedingen, sondern nur die sog. kon¬
sumierenden Allgemeinkrankheiten, insbesondere die akuten Infektions¬
krankheiten und die Tuberkulose. Die nicht mit Abmagerung einher¬
gehenden Allgemeinkrankheiten, wie Chlorose, Arteriosklerose und
Gicht, lassen diesen Einfluss auf den Verlauf der Mittelohreiterungen
nicht erkennen.
Zum Verständnis des klinischen Verlaufs müssen noch folgende
drei pathologisch-anatomische Tatsachen besonders betont
werden:
1. Die Mittelohrentzündung erstreckt sich nicht nur auf die Haupt¬
räume, sondern immer auch auf alle oder die meisten peripheren pneu¬
matischen Zellen. Es besteht also in jedem Falle eine Mitbeteiligung
des Warzenteils, also gleichsam eine Mastoiditis. Die beliebte Be¬
zeichnung „Mastoiditis“ für die Retention im Warzenteil und deren
Folgen ist deshalb irreführend.
2. Die Entzündung betrifft nicht bloss die Schleimhaut und deren
tiefste periostale Schicht, sondern greift vom Periost aus auch auf die
benachbarten Markräumc über. Dies ist der Grund, warum so oft
gleich im Beginn eine Druckempfindlichkeit des Warzenteils, also des
äusseren Periosts, sich einstellt.
3. Die Entzündung erstreckt sich nicht nur auf die Räume
des Mittelohrs, sondern auch auf die Nachbarräume, Gehör¬
gang, Labyrinth und Schädelhöhle. Das geht aus dem zweiten
Satz hervor. Am besten sieht man dies im knöchernen Gehörgang,
noch ehe das Trommelfell durchbricht. Die Mitbeteiligung der Schädel¬
höhle können wir aus dem häufigen einseitigen Kopfweh und die des
Labyrinths aus dem häufigen starken Sausen, der Einengung der oberen
Tongrenze und den nicht seltenen Schwindelanfälleü schliessen. Bis
zum Entstehen einer Pachymeningitis externa aber oder einer Laby¬
rinthitis ist noch ein ebenso weiter Weg, wie bis zur Entstehung eines
subperiostalen Abszesses auf dem Warzenteil.
Die Diagnose der akuten Mittelohrentzündung bietet dem Prak¬
tiker meist keine Schwierigkeiten. Schwer ist sie nur dann, wenn
gleichzeitig ein Furunkel des Gehörgangs besteht. Allerdings, wenn Per¬
forationsgeräusch zu hören ist oder Schleim in der Spülflüssigkeit
schwimmt, oder wenn Druckempfindlichkeit des ganzen Warzenteils
vorhanden ist, kann kein Zweifel aufkommen. Fehlen alle diese An¬
zeichen, so lässt sich für die Diagnose häufig ein Symptom verwerten,
das merkwürdigderweise bisher fast in keinem Lehrbuch Erwähnung
findet. Es ist das der Ohrschmerz bei Ruktus. Er entsteht durch Kon¬
traktion eines Binnenmuskels in der Paukenhöhle und fehlt im Beginn
der Mittelohrentzündung nur selten. Aber man muss darnach fragen,
da die Kranken ihn von selbst fast niemals erwähnen,
Behandlung.
Am wichtigsten ist die A 1 1 g e m e i n b e h a n d 1 u n g. Ueber sie
bestehen keine nennenswerten Meinungsverschiedenheiten. Im Vorder¬
gründe steht das Vermeiden von Schädlichkeiten, wie kör¬
perliche und geistige Anstrengung und Alkohol. Wenn man bedenkt, dass
62 Proz. Männer und nur 38 Proz. Frauen den Ohrenarzt wegen Mittel¬
ohrentzündung aufsuchen, so ist das sicherlich dem Umstande zuzu¬
schreiben, dass durch die obengenannten Schädlichkeiten „Kongestion“
nach dem Kopfe und damit eine Verschlimmerung des Ohrenleidens her¬
vorgerufen wird. Stuhlverstopfung soll aus dem gleichen Grunde be¬
kämpft und die Tieflage des' Kopfes vermieden werden. Gewöhnlich
hat es der Kranke Helion selbst herausgefunden, dass Schmerzen und
Ausfluss geringer sind, wenn er ausserhalb des Bettes ich befindet,
oder im Bette durch ein paar Kissen die Kopflage erhöht.
Ueber die Lokalbehandlung herrschen die verschiedensten
Ansichten — kein Wunder, da die meisten Mittelohrentzündungen, be¬
sonders die genuinen, ohne, ja selbst trotz falscher Lokalbehandlung
heilen.
Am wenigsten Widerspruch werde ich wohl finden, wenn ich bei
der imperforativen Form empfehle, gegen Schmerzen 10 proz. Karbol¬
glyzerin einzuträufeln, obgleich diese Behandlung vielleicht den wenig¬
sten Einfluss hat; aber der Kranke kommt damit am leichtesten über
die schmerzvollen Nächte hinweg, ohne den Arzt in seiner Nachtruhe
zu stören. Daneben empfiehlt es sich, Morphium, Aspirin u. dgl. gegen
die Schmerzen zu verordnen. Nicht nur gegen die Schmerzen, sondern
gegen die Entzündung selbst soll der Eisbeutel helfen, besonders
wenn Druckempfindlichkeit des Warzenteils oder Klopfen besteht. Viele
Ohrenärzte verordnen zwar warme Umschläge und erwarten von ihnen
wohl Vermehrung der Eiterung und Durchbruch nach aussen: damit
dürfte aber auch stärkere Schwellung verbunden sein. Das wollen wir
aber gerade vermeiden. Am festen ist die Heilung ohne Durchbruch
des Trommelfells und ohne Retention in den Zellen. Die dankbarsten
Fälle in der Praxis sind die, welche nach fortgesetzten warmen Um¬
schlägen mit Schwellung hinter der Muschel zum Arzt kommen. Hier
geht die Schwellung auf Eisbeutel noch verhältnismässig häufig zurück.
Eine ebenso grosse Streitfrage ist die Luftdusche, obgleich
durch zwei überzeugende Statistiken von Brieger und Denker
nachgewiesen ist, dass die mit Luftdusche behandelten Fälle schneller
heilten als die. bei welchen sie weggelassen wurde. Nur soll man sie
nicht gleich in den ersten Tagen anwenden, da sic. ebenso wie der
Schneuzakt, Schmerzen hervorrufen kann. Bei Druckempfindlichkeit
sieht man dieselbe manchmal direkt nach der Luftdusche entschieden
geringer werden oder ganz verschwinden. In die Augen springend
ist auch bisweilen darnach die Hörverbesserung. Vor allem aber jrieht
man die günstige Wirkung der Luftdusche bei den perforativen Fällen,
wenn sie Eiter aus der Paukenhöhle in den Gehörgang schleudert. Sie
ist dem V a 1 s a 1 v a sehen Versuch vorzuziehen, da bei ihm Stauung
im Kopfe entsteht. Die Bedenken, welche gegen die Luftdusche vor-
gebracht werden, sind rein theoretischer Natur und brauchen hier nicht
erörtert zu werden. . ,11
Auch die Frage der Anwendung der Parazentese ist strittig
und wird es noch so lange bleiben, bis die Lehre von der Entstehung
des Empyems der Warzenzellen Allgemeingut der Ohrenärzte geworden
ist. Nach meiner Erfahrung, die sich mit der von Zaufal. Piff 1.
Siebenmann und P r e y s i n g deckt, ist die Parazentese keine
lebensrettende, sondern höchstens eine schmerzlindernde Operation.
Der Praktiker kann ruhig ohne Gefahr für seinen Kranken auf den
Trommelfellschnitt verzichten. Das Empyem der Paukenhöhle bricht
auch von selbst durch, und auf das gefährliche Empyem der Warzen¬
zellen hat die Parazentese keinen Einfluss. Das Trommelfell ist das
beste Sicherheitsventil; darum sind Durchbrüche durch die Fenster ins
Labyrinth bei der imperforativen genuinen Mittelohrentzündung ausser¬
ordentlich selten 1), und eine Fistel im Boden der Paukenhöhle nach dem
Bulbus der Vena jugularis- zu ist noch kaum beobachtet worden.
Will man den Spontandurchbruch des Empyems der Paukenhönle
ev. unter Zuhilfenahme des Eisbeutels und schmerzlindernder Mitte
nicht abwarten. so kann man die Leiden des Kranken um einen oder
einige Tage abkürzen, wenn man die Parazentese bei folgenden Sym¬
ptomen macht: Schmerzen, Klopfen, Vorwölbung und ev. gelbliches
Durchscheinen des Trommelfells, Fieber und Druckempfindlichkeit des
Warzenteils im Beginn der Mittelohrentzündung, zumal wenn die Hör¬
weite für Flüstersprache weniger als 50 cm beträgt. Bei besserer Hör¬
weite ist die Schleimhaut noch resorptionsfähig genug, so dass das Em¬
pyem noch zur Aufsaugung gelangen kann.
Die Parazentese ist sehr schmerzhaft, sie ist kein leichter Eingriff j
da der Untersucher nur mit einem Auge in den Gehörgang sient, so dass
er die Tiefe schwer abschätzen kann. Die Schmerzen lassen sich be¬
deutend lindern, wenn man eine Viertelstunde vorher einen kleiner
Wattebausch auf das Trommelfell legt, der mit einem Brei aus Alypir
und Adrenalin bestrichen ist. Eine Gefahr für die Gehörknöcheicbei
besteht nicht, wenn der Trommelfellschnitt im hinteren unteren Qua¬
dranten gemacht wird.
Erfolgt Ausfluss, so soll sich die antiseptische Behänd]
lung anschliessen. Der Gehörgang wird mit lauwarmer Borsäuie-|
oder physiologischer Kochsalzlösung ausgespritzt. Die Spritze ist zwa
bei manchen Ohrenärzten verpönt, aber auf andere senonendere Weist
lässt sich der Eiter und besonders die abgestossene Epidermis gar nich
entfernen. Nach der Ausspritzung wird die Luftdusche gemacht. Daiu|
wird unter Spiegelkontrolle sehr sorgfältig ausgetrooenet. Man benütz |
dazu eine feine, watteumwickelte, biegsame Sonde, mit der man be
grösserer Perforation in die Paukenhöhle hineingeht. Wie wichtig di<
gründliche Austrocknung, besonders bei grösseren Perforationen ist
sieht man an den Kranken, die sich selbst ausspritzen, die sich abe
nicht genügend austrocknen können. Meist geht bei diesen die Heiluni
nicht eher vorwärts, als bis man die Austrocknung selbst übernimmt
Die vielfach beliebten starren Holzstäbchen oder die Pinzette sind da
zu ungeeignet. Also die Devise lautet: Trockenbehandlung, aber nich
für sich allein, wie sie gegenwärtig noch sehr modern ist, sondern ers
nach vorheriger Ausspülung! Zum Schluss wird zwe'ckmässi'g ein amt
septisches Pulver in den Gehörgang geblasen. Dazu nimmt man an
besten Borsäure, die im Gegensatz zu Dermatol, Jodol und ähnlichen
vom Eiter aufgelöst und fast von allen Kranken gut vertragen w'rd. De
Gehörgang wird oberflächlich mit einem Wattepfropf verschlossen, Lei
der Patient wechseln muss, so oft er nass ist.
Die antiseptische Behandlung ist absolut notwendig bei den Otitidei
mit grosser Perforation, da ohne sie ein grosser Prozentsatz durch Ein
dringen von Fäulnispilzcn chronisch wird, aber auch bei den gcnu'nei
Eiterungen mit unsichtbarer Perforation hat sie grosse Vorteile. Ersten
bekommt man ein viel klareres Bild vom Trommelfell und von dei
Hämmerteilen; das ist aber, wie an anderer Stehe nusgeführt wt-dei
soll, sehr wichtig für die Diagnose des Empyems im Warzenteil. Zwei
tens sehen wir niemals Fötor auftreten, und drittens bildet sich sei:
selten ein Furunkel oder Ekzem.
Vor der Tamponade des Gehörgangs und vor der Bier sehen Stau
ung möchte ich warnen. Dölger berichtet über 22 Fälle, die mi
Tamponade behandelt worden waren. Bei 11 davon war das Sekre
übelriechend, und bei 9 musste die Aufmeisselung des Warzenfort
satzes gemacht werden. Es scheint, dass die Fäulnisgifte durch di-;
Perforation hindurch auf das Mittelohr ungünstig einwirken, auch wen?
die Saprophyten selbst nicht eindringen. Uebrigens wirkt die Gaze an
den Abfluss immer eher hindernd als fördernd, die abgestossene Epij
dermis aber vermag sie überhaupt nicht aufzusaugen. Der Gehörgan:;
ist das schönste Drainrohr, das man sich denken kann. Warum so
man dies noch durch Gaze verlegen? Auch hier liegt, ebenso wi
bei der Spritze, ein Missverstehen chirurgischer Grundsätze vor. Bt
Wunden — der Gehörgang ist keine Wunde — lässt sich die Tamponad
oft nicht entbehren, aber auch da ist sie von Uebel.
1) Viel häufiger sehen wir die Labyrinthitis bei der sekundären Mittet
ohreiterung und zwar je grösser die Trommeifellperforation desto häufiger
also unabhängig von Retention durch das Trommelfell.
5. März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Ueber die Nachteile der Bi ersehen Stauung kann ich mich kurz
assen, da sie wohl allgemein aufgegeben ist. Sie hat gleichsam wie
hin Experiment von neuem bewiesen, wie schädlich die Stauung für die
Mittelohrentzündung ist. Im Anschlüsse an ihre Anwendung wurden
.usserordentlich häufig Empyeme im Warzenteil mit rapider Einschmcl-
:ung des Knochens beobachtet. Einsichtige Ohrenärzte haben dies
orausgesehen und deShalb die Bier sehe Stauung, die eine Zeitlang
ielfach Mode war, nicht mitgemacht.
Prognose.
Der Kranke will in erster Linie von seinen Schmerzen befreit sein.
)ie nächste Frage aber ist, wie seine Mittelohrentzündung verlaufen
vird. Wie lange wird das Leiden dauern, wird das Gehör wieder nor¬
mal, heilt das Loch im Trommelfell wieder zu, oder wird die Eiterung
chronisch werden, ist eine Operation notwendig, ist das Leiden lebens¬
gefährlich? Diese Fragen auf Grund von ohrenärztlichen Statistiken
beantworten zu wollen, würde dem Praktiker gar nichts nützen, da die
Ibrenärzte fast nur die schweren Falle sehen. Den folgenden Aus¬
übungen ist deshalb eine Statistik2) der sog. Frühfälle zugrunde ge¬
egt, das heisst derjenigen Fälle, welche innerhalb der ersten 3 Tage
n Behandlung kommen. Bedingung war natürlich, dass sie bis zu Ende
leobachtet werden konnten. Die Behandlung war die in den obigen
Ausführungen geschilderte.
Was zunächst die Prognose der genuinen Mittelohrentzündung
betrifft, so heilten zwei Drittel ohne Durchbruch und nur in einem Drittel
rfolgte Ausfluss, sei es spontan, sei es nach Parazentese.
J Wenn nach der Dauer gefragt wird, so antwortet man am besten,
lass sie sehr verschieden ist und sich nicht genau bestimmen lässt,
n einem Tag können alle Beschwerden vorüber sein, die Krankheit kann
ber auch mehrere Wochen oder Monate dauern. Eine längere Dauer
ils ein halbes Jahr kommt selbst in den kompliziertesten Fällen kaum
emals vor. Damit ist zugleich gesagt, dass kein Fall chronisch wird,
venigstens nicht bei sachgemässer Behandlung. Die durch-
Tchnitt liehe Dauer der imperforativen, also der leichteren Fälle
jtis zur Wiederkehr des normalen Gehörs betrug 10 Tage, die durch-
chnittliche Dauer des Ausflusses in den perforativen Fällen 12 Tage.
)as Trommelfell schliesst sich in allen Fällen wieder, und die Hörweite
vird wieder normal resp. wie vorher. Restitutio ad integrum sehen wir
neist sogar ohne Behandlung. Nur in den Fällen mit einer grossen
Perforation in einer Narbe oder atrophischen Stelle des Trommelfells
vird die Eiterung infolge des Eindringens von Fäulnispilzen ohne Be-
landlung leicht chronisch.
Komplikationen, und zwar Empyem mit seinen Folgen, bekamen
,-on 100 drei. Ein Fall unter 200 musste operiert werden. Bei unbehan-
lelten Fällen ist die Anzahl der Komplikationen und der Operationen
vesentlich grösser.
Die wichtige Mortalitätsziffer der genuinen Otitis lässt sich vor-
äufig nur abschätzen, da die Zahl der behandelten Frühfälle — 175 —
:u klein war. Da aber unter den 175 Fällen 5 Empyeme beobachtet
wurden, und da nach einer grösseren ohrenärztlichen Statistik, die sich
mf die gleichen Behandlungsmethoden aufbaut, auf 15 Komplikationen
Todesfall trifft, so würde auf 500 Frühfälle 1 Todesfall entfallen. Da
iber die Komplikationen bei den Frühfällen sofort in Behandlung
:ommen, während in jener ohrenärztlichen Statistik viele verschleppte
■'äile sich finden, so kommt schätzungsweise 1 Todesfall auf 1000 Fälle,
a vielleicht auf 2000 oder 3000. Die Lebensgefahr ist also eine ge-
inge, aber ausschliessen lässt sich der letale Ausgang trotz sofortiger
.achgemässer Behandlung nicht mit Sicherheit; das kommt von der
inzugänglichen Lage einzelner peripherer, pneumatischer Zellen.
In den ohrenärztlichen Statistiken kommt schon auf 100 akute
Aittdohreiterungen 1 Todesfall. Das lässt eher verstehen, warum die
Aittelohrentzündungen nicht nur in Aerzte-, sondern auch in Laien-
ireisen so gefürchtet sind. Noch verständlicher aber wird es, wenn man
ledenkt, dass die Kranken mitten aus voller Gesundheit manchmal in
venigen Wochen, ja Tagen dahingerafft werden, und dass die meisten
Todesfälle gerade im besten Alter erfolgen. Zwar im Greisenalter sind
lie Mittelohreiterungen wegen der starken Entwicklung der pneuma¬
ischen Zellen am gefährlichsten, aber alte Leute erkranken selten daran.
3ei Kindern dagegen tritt die akute Mittelohrentzündung zwar am
läufigsten auf, ist aber infolge der geringen Entwicklung der pneuma¬
ischen Zellen fast ungefährlich, wie jeder vielbeschäftigte Kinderarzt
bestätigen kann.
Ich komme nun zum Schluss zur Prognose der sekundären
fiterung. Bei ihr ist der Verlauf ein ganz anderer. Bei Influenza zwar
leilte die Otitis noch öfter ohne Durchbruch des Trommelfells als bei
ler genuinen, und die durchschnittliche Dauer des Ausflusses betrug
iur 8 Tage, bei Masern aber dauerte der Ausfluss schon 19 Tage, bei
Scharlach 38 Tage, und bei Tuberkulose gar sehen wir nur ganz aus-
lahmsweise Heilung eintreten.
Immerhin wurden auch von den sekundären Fällen bei sofortiger
lehandlung nur 1 Proz. chronisch, in unbehandelten Fällen allerdings
usserordentlich viel mehr; bei der sekundären Form ist der Einfluss
er Behandlung ganz augenfällig.
Der Verschluss des Trommelfells bleibt häufig aus, besonders bei
ien schweren Fällen von Scharlach und bei tuberkulöser Eiterung. Bei
etzterer habe ich nur einmal die Perforation sich schliessen sehen.
Während bei Influenza, Pneumonie, Masern und Typhus das Gehör
neist wieder normal wird, bleibt in den schwersten Fällen von Schar-
717
lachotitis fast immer Schwerhörigkeit zurück, bei Tuberkulose aber ist
die Wiederkehr normalen Gehörs ausgeschlossen.
Komplikationen treten fast dreimal so häufig auf, wie bei der
genuinen Otitis. Bei Influenza, Diabetes und anderen leichteren All¬
gemeinkrankheiten sehen wir auch Empyeme wie bei der genuinen
Otitis, bei den schweren Scharlachfällen aber und bei der Tuberkulose
fast nur Nekros'e des Knochens, manchmal mit ausgedehnter Sequester¬
bildung. Da die Nekrose der spontanen Rückbildung weniger fähig ist,
als das Empyem, führen die sekundären Eiterungen verhältnismässig
häufiger zur Operation als die genuinen. Bei ihnen musste schon von
50 Fällen einer operiert werden.
Infolge der nekrotisierenden Entzündung schreitet die Zerstörung
sehr häufig unaufhaltsam bis zur Dura und bis ins Labyrinth fort. Die
Labyrinthitis hat meist dauernde Taubheit und bei Kindern, wenn sie
doppelseitig ist, meist Taubstummheit zur Folge. Dagegen führt sie im
Gegensatz zur Labyrinthitis bei der genuinen Eiterung — die glück¬
licherweise sehr viel seltener ist — fast niemals zur Meningitis. Die
Entzündung macht also fast immer im Labyrinth Halt.
Das gleiche gilt von der Dura. So häufig Pachymeningitis externa
bei Scharlach und Tuberkulose entsteht, so selten greift die Entzündung
von der Dura auf die weichen Hirnhäute, das Gehirn und auf die .Sinus
über. Bei Tuberkulose habe ich nur einen einzigen Todesfall erlebt,
ebenso wie Troeltsch und Bezold. Und bei Scharlach habe ich
trotz schwerster Zerstörung im Mittelohr noch keinen Fall vom Ohr
aus tödlich enden sehen.
. Wir können also den Satz aufstellen: Je mehr Neigung zur Heilung
besteht, desto gefährlicher ist die Mittelohreiterung, je grösser aber die
Zerstörung im Ohr und je geringer die Neigung zur Heilung ist, desto
ungefährlicher. So paradox dieser Satz auch ist, er ist durch grosse,
hier nicht näher anzuführende Zahlen bewiesen. Es ist eben ein
Heilungsvorgang und zwar die reaktive Schwellung der Schleimhaut,,
welche zur Retention in den Zellen und. damit zu den tödlichen endo-
kraniellen Komplikationen führt, während die nekrotisierende Entzündung
zwar sehr häufig unaufhaltsam bis ins Labyrinth und bis zur Dura fort¬
schreitet, aber, wie schon^gesagt, hier Halt macht. Eine Erklärung für
dieses Verhalten vermag ich vorläufig nicht zu geben.
Ueber die Retention in den Zellen, d. h. das Empyem in der näch¬
sten Nummer!
Soziale Riesizio uns fierztliciie sianfleoonoeieseinieißa.
Grundlagen und Ziele der Tuberkulosebekämpfung*).
Von Medizinalrat Dr. G. Seiffert, München.
Wie bei jeder menschlichen Tätigkeit kann man auch bei der
Tuberkulosebekämpfung nur dann erfolgreiche Arbeit leisten, zu Fort¬
schritten kommen und sich selbst zur Arbeit richtig einstellen, wenn
man sich über die allgemeinen Bedingungen, das Wesen und den Zweck
der Arbeit möglichste Klarheit verschafft hat. Nur wenn man sich der
wissenschaftlichen Grundlagen bewusst ist. wird man ein schematisches
Arbeiten nach bestimmtem Rezept vermeiden, wird man sich nicht in
unfruchtbare Kleinarbeit verlieren. Geht man an eine Erörterung über
die Grundlagen und Ziele der Tuberkulosebekämpfung heran, so muss
man zunächst die Grundsätze, denen die Tuberkulosebekämpfung folgen
soll, nach ihrer epidemiologischen Berechtigung und ihre Durchführ¬
barkeit unter den Verhältnissen der Wirklichkeit prüfen, dann weiter
untersuchen: wie soll praktisch vorgegangen, wie soll Geleistetes be¬
urteilt, in welcher Richtung soll weitergearbeitet werden?
Die Methodik der Tuberkulosebekämpfung zeigt gegenüber der Be¬
kämpfung anderer übertragbarer Krankheiten offenkundige Verschieden¬
heiten. Haben diese Differenzen ihre Berechtigung, oder ist vielleicht
die Tuberkulosebekämpfung gegenüber der Bekämpfung anderer Infek¬
tionskrankheiten noch lückenhaft und rückständig? Die Seuchen¬
bekämpfung sieht heute ihre Hauptaufgabe darin, durch Ausschalten des
Erregers die fortlaufende Kette der Infektionsfälle zu unterbrechen,
mag man die Ausschaltung durch Erregervernichtung, z. B. durch Des¬
infektion oder durch eine möglichste Abschliessung des Infektions¬
herdes, z. .B. durch Isolierung des Kranken erreichen wollen. Der
theoretisch und logisch unanfechtbare Gedanke, durch Erregerausschal¬
tung ein Weiterschreiten der Krankheit zu verhüten, stösst bei seiner
Durchführung in der Praxis auf Schwierigkeiten, die je nach Art der
einzelnen Krankheiten verschieden grosse sind. Wenn eine Krankheit
nur selten und vereinzelt auftritt, wie z. B. die Pest oder Cholera
unter unseren Breiten, ist es sehr leicht, den Erreger durch Vernichtung
auszuschalten und hierdurch weitere Infektionen zu unterbinden. Je
verbreiteter aber eine Infektionskrankheit im Volke ist. desto schwieriger
wird es. die auch entsprechend mehr ausgestreuten Erreger zu erfassen
und unschädlich zu machen. Die Tuberkulose ist wohl die verbreitetste
Infektionskrankheit, sie stellt für Europa z. B. den grössten Gegensatz
gegenüber der Pest dar. Ihr Erreger, der freilich nicht ubiquitär,
sondern in gewissem Grade an die nähere Umgebung des Tuberkulösen
gebunden ist, macht allein durch seine weite Verbreitung eine völlige
Ausschaltung unmöglich. Hierzu kommt seine relativ grosse Unempfind¬
lichkeit gegenüber äusseren Einflüssen, z. B. Austrocknung usw.
Neben der örtlichen Kiankheitsverbreitung beeinflusst auch die zeit¬
liche Krankheitsdauer die Menge der ausgestreuten Keime. Je kürzer
*) Vortrag, gehalten Im ärztlichen Fortbildungskurs am 27. X. 1921.
5*
2) Dr. Alb recht: M.m.W. 1906 Nr. 21.
318
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 9.
der Krankheitsverlauf, je grösser die Aussicht, die Erreger zu erfassen,
eine wirksame Bekämpfung im Sinne der Erregerausschaltung durch¬
zuführen. Die zeitlich ausserordentlich lange Dauer der Tuberkulose¬
erkrankung — man kann durchschnittlich eine 5 jährige Krankheitsdauer
mit ungefähr 2 jähriger Bazillenausscheidung annehmen — macht eine
völlige Erregerausschaltung bei Tuberkulose illusorisch.
Kommt zu einer langen Krankheitsdauer noch hinzu, dass der
Kranke nicht durch die Schwere seines Leidens am Verkehr mit seinen
Mitmenschen stark behindert ist, wie etwa ein bettlägeriger Typhus¬
kranker, so wird hierdurch der Wirkungsbereich der Erreger so ver-
grössert, dass ihre Erfassung kaum oder gar nicht mehr möglich wird.
In besonders 'hohem Grade trifft dies für die Tuberkulose zu* die einem
Kranken bei stärkster Bazillenausscheidung gestattet, oft jahrelang
seinem Beruf nachzugehen und seine bisherige Lebensweise beizu¬
behalten. Wiederum eine neue, fast unüberwindliche Schwierigkeit,
die Tuberkelbazillen zu erfassen und unschädlich zu machen.
Verbreitung, Krankheitsdauer und Krankheitsverlauf erschweren im
Gegensatz zu fast allen anderen übertragbaren Krankheiten das wich¬
tigste Ziel der Seuchenbekämpfung, Ausschaltung des Erregers, bei der
Tuberkulose in so hohem Grade, dass dieses Ziel auch unter den günstig¬
sten Verhältnissen wohl nie vollkommen erreicht werden kann. Das
Krankheitsbild der Tuberkulose erklärt es ohne weiteres, dass man mit
einer reinen Erregerbekämpfung bei der Tuberkulose Fiasko erleiden
würde. Man könnte einwenden, in früheren Jahrhunderten ist durch
strengste Isolierung Kranker und hiermit auch der Erreger aus der
menschlichen Gesellschaft bei einer anderen, der Tuberkulose in ihrerr
Art sehr nahestehenden Infektionskrankheit, dem Aussatz, Aehnliches
gelungen. Bei dieser hervorragendsten Tat des Mittelalters auf dem
Gebiet der Seuchenbekämpfung darf man aber nicht vergessen, dass
die Lepra eine gar nicht mit der Tuberkulose in Vergleich zu bringende
geringe Verbreitung hatte. Weiterhin muss man bedenken, dass sich
unsere heutigen Anschauungen über die Freiheit der Person gegenüber
dem Mittelalter so geändert haben, dass man sich heute nicht mehr
zu gesetzlichen Massregeln herbeilässt, die eine erfolgreiche Bekämp¬
fung durch rücksichtslose Zwangsisolierung aller Kranken ermöglichen.
Schliesslich wäre auch bei der grossen Verbreitung der Krankheit eine
entsprechende Bekämpfungsweise heute in ihrer Durchführung finan¬
ziell undenkbar. Man muss daher bekennen, dass der Krank'ieits-
charakter der Tuberkulose es heute nicht erwarten lässt, dass man
durch umfangreiche Desinfektionsmassnahmen, Isolierung von Kranken
usw. auch bei Aufwendung grösster materieller Mittel allein eine wirk¬
same Bekämpfung durchführen kann.
Hiermit wird man nun keineswegs zu dem Schluss gelangen dür¬
fen, bei den geringen Aussichten auf völlige Erregerausschaltung sei
jede Erregerbekämpfung zwecklos. Man wird bei der Tuberkulosebe¬
kämpfung diese Aufgabe niemals vernachlässigen dürfen, nur muss man
sich stets bewusst sein, dass die direkten Bekämpfungsmethoden des
Erregers, die bei den meisten anderen übertragbaren Krankheiten allein
zu vollem Erfolg führen, hier nur unterstützend mitwirken. Man darf
aber die Erregerbekämpfung im Verein mit anderen Massnahmen nicht
gering anschlagen. Sie ist in der Kette der Bekämpfungsmassnahmen
der Tuberkulose ein unentbehrliches Glied, das, nur für sich allein ge¬
nommen, praktisch von keinem zu grossen Wert ist.
Wieweit ist die direkte Erregerbekämpfung bei der Tuberkulose
durchführbar und was kann von ihr erwartet werden? Die Bazillen¬
bekämpfung kann in- und ausserhalb des kranken Körpers erfolgen.
Bis heute besitzt man kein Mittel zur Vernichtung der Tuberkelbazillen
im menschlichen Körper. Soweit sie im Körper des Angesteckten oder
Kranken unschädlich gemacht werden, ist es der angeborenen, erwor¬
benen und durch ärztliche Massnahmen geförderten Widerstandskraft
des menschlichen Körpers zu verdanken. Diese vernichteten Erreger
kommen aber gegenüber den ausgeschiedenen Tuberkelbazillen prak¬
tisch gar nicht in Frage. Eine Vernichtung der Tuberkelbazillen im
Sinne der Ehrlich sehen sterilisatio magna des Körpers durch ein
chemotherapeutisches Mittel erscheint zur Zeit aussichtslos, ebenso ist
es unmöglich, durch irgendeine aktive oder passive Immunisierung eine
Abtötung der Tuberkelbazillen im Körper zu erreichen. Irgendwelche
wirksame Methoden zur Abtötung der Tuberkelbazillen im mensch¬
lichen Körper, die an sich die radikalste, sicherste und auch durch¬
führbare Tuberkulosebekämpfung darstellen würden, sind bis heute
nicht entdeckt.
Die Vernichtung der Tuberkelbazillen ausserhalb des Körpers kann
im Auswurf theoretisch sicher durchgeführt werden. Durch Kochen,
Zusatz von Desinfizientien ist die Vernichtung der Bazillen im Aus¬
wurf gesichert. In Heilstätten und bei vernünftigen Kranken wird sich
die Auswurfbeseitigung hygienisch einwandfrei durchführen lassen. Im
täglichen Leben werden aber dauernd mit dem Auswurf grösste Mengen
Tuberkelbazillen unbedacht oder gewissenlos ausgestreut, hiergegen
kann man praktisch so gut wie gar nicht vorgehen. Tuberkulöse, die
sich regelmässig einer Spuckflasche bedienen, sind leider ausserhalb
einer Heilstätte, fern von dem Auge eines Arztes oder einer Für¬
sorgerin nicht allzu häufig. Spuckverbote werden auch unter Androhung
hoher Strafen nicht allzuviel erreichen. Eher wird sich etwas durch
Belehrung Kranker und durch entsprechende hygienische Erziehung der
Bevölkerung, insbesondere der Jugend, langsam erreichen lassen.
Gegen die von den Tuberkulösen ausgehusteten Tröpfchen, die
Tuberkelbazillen enthalten und bei langem und engem Zusammenleben
mit Tuberkulösen zweifelsohne zu Ansteckungen führen können, ist
ein völliger Schutz praktisch schwer durchzuführen. Gegen die Tröpf¬
cheninfektion, deren Bedeutung vielleicht von mancher Seite zu hoch'
eingeschätzt wird, ist nur ein indirekter Schutz — sieht man zunächst)
von der Trennung des Kranken von seiner Umgebung ab — für der
täglichen Verkehr durch gesundheitliche Erziehung des Kranken um
seiner Angehörigen zu gewissen Vorsichtsmassregeln, die aber prak¬
tisch nur bei gewissenhaften und verständigen Personen Nutzen ver¬
spricht, zu erreichen. •
Die Desinfektion der von Tuberkulösen bewohnten oder verlassene!
Räume hat nur Wert, wenn sie sachgemäss durchgeführt wird. Die
völlige Abtötung der Tuberkelbazillen durch Raumdesinfektion ist tech¬
nisch nicht leicht und wird in der Praxis nur selten vollkommen er¬
reicht. Glücklicherweise scheint eine indirekte Ansteckung durch dir
Wohnung viel seltener wie durch den Kranken zu erfolgen. Immer-]
hin muss man schlechtgehaltenen Wohnungen als Inf ektionsverrnittlei j
ernste Beachtung schenken. Wenn die Sauberkeit der Bewohner eint
mangelhafte ist, können in der Wohnung eines Tuberkulösen sich Kin-j
der durch verschmierten Auswurf anstecken, kann tuberkelbazillen-j
reicher Staub eine Ansteckung vermitteln. Die Wohnungspflege uik
die Reinlichkeit ist daher bei tubetkulösen Familien besonders zu be¬
achten und zu fördern. Eine Wohnung in gutem baulichen Zustand
die ein Tuberkulöser verlassen hat, wird nach einer gründlichen Säu¬
berung und Scheuerdesinfektion für die Nachbewohner ungefahrlict
sein. Eine Formalindesinfektion wird bei ganz besonders gelagerter
Einzelfällen hin und wieder anzuwenden sein, ihren Zweck wird siel
aber nur bei strengster Durchführung erfüllen können.
Die Erregerausschaltung ist in der Praxis in der Hauptsache au:
ein Unschädlichmachen des Auswurfs, Förderung der Wohnungspflego
und der Reinlichkeit beschränkt. Dazu kommt bei einem Wohnungs-|
Wechsel des Tuberkulösen die gründliche Scheuerdesinfektion. Bis zt
einem gewissen Grade kann durch persönliche Vorsichtsmassregeln
des Kranken und seiner Umgebung die Gefahr der Erregerübertraguru|
vermindert werden.
Da die Erregerausschaltung im praktischen Leben nur sehr begrenz j
möglich ist, wird man weiterhin überlegen, wie die Gefahr, die vor
dem bazillenausscheidenden Kranken ausgeht, zu verringern ist. Da;
sicherste Vorgehen besteht in einer Isolierung des Kranken, etwa ir
einem Krankenhaus oder in einer ähnlichen Anstalt. Es wurde schor
oben angedeutet, dass eine Isolierung aller Bazillenausscheider, die
nur unter gesetzlichem Zwang zu erreichen wäre, für die nächste Zei !
undurchführbar ist. Gesetzt die hierzu erforderlichen Mittel, entspre¬
chende Anstalten wären vorhanden, so würden sich nur wenige Men
sehen einer Isolierung während einer durchschnittlich doch mehrjäh-|
rigen Krankheitsdauer freiwillig unterziehen. Ob eine Volksvertretung
heute die Energie fände, Entsprechendes zum Gesetz zu erheben. olj
eine Regierung die Gewalt hätte, das Gesetz durchzuführen, muss ernst-]
haft angezweifelt werden. Eine zwangsweise Dauerisolierung alleii
Bazillenausscheider, die wirksamste Bekämpfungsmethode, wird wohl
nie durchgeführt werden.
Immerhin wird schon etwas erreicht sein, wenn man einen Teil
der Bazillenausscheider bewegt, sich freiwillig wenigstens zeitweise in
eine Anstalt aufnehmen zu lassen, wenn man einen Teil der Schwer !
tuberkulösen bis zu ihrem Ende hospitalisiert. Ihre Ansteckungsgefahr
ist für die Zeit der Isolierung beseitigt. Es muss daher jede Aufnahme
eines Bazillenausscheiders, mag sie auch nur wenige Wochen dauern
in eine Heilstätte oder ein Krankenhaus als Ansteckungsverringerunü
wertvoll erscheinen. Man muss anstreben, möglichst viele offene Tu
berkulosefälle möglichst lange freiwillig zu isolieren.
Wenn hiermit heute noch keine grossen Erfolge erzielt sind, stj
liegt es einmal daran, dass geeignete Unterkunftsstellen noch wenisj
zahlreich sind, zweitens daran, dass die Volksanschauung sich noch zt
wenig mit einer Isolierung Tuberkulöser vertraut gemacht hat, vielmehi
in jeder Hospitalisierung eine gewisse Vorbereitung auf einen baldigei
Tod sieht. Weiterhin darf man auch nicht die Psychologie des Tuber
kulösen unberücksichtigt lassen, der oft egozentrisch denkt, nicht au j
seinem gewohnten Lebenskreis ausscheiden will und den Ernst seine
Krankheit für sich und noch viel weniger für seine Ufngebung voll ein
sieht. Schliesslich ist die Hospitalisierung wiederum eine Geldfrage
einmal eine Frage nach Deckung der Verpflegskosten und zweiten]
nach der Unterhaltsbestreitung für die Familie des Kranken.
Trotz der Schwierigkeiten muss die Hospitalisierung als direkte
Bekämpfungsmassregel der Tuberkulose ernsteste Beachtung finden
Bei entsprechender Beeinflussung der Volksanschauung und richtige!
Ueberredung des Kranken wird es möglich werden, eine ständig wachj
sende Zahl von Bazillenausscheidern einer mehr oder minder längere.!
Isolierung zu unterwerfen.
Ist eine einwandfreie Wohnung vorhanden, ist durch die Einsichj
und Gewissenhaftigkeit des Kranken und seiner Familie ein entspre!
eilendes hygienisches Verhalten gesichert, so kann auch ohne Hospita!
lisierung die Ansteckungsgefahr bedeutend herabgesetzt werden. Di
Ansteckungsgefahr ist am grössten, wenn der Bazillenausscheider i:
einem überbelegten, wenig oder gar nicht gelüfteten Schlafzimmer di
Nacht mit seiner Familie zubringt. Bei Tage ist die Infektionsgefah
wohl eine geringere. Hauptsache ist daher Verbesserung des Schlaf
raumes. Die Forderung eines eigenen Schlafraumes für den Kranke1
kann bei der heutigen Wohnungsnot und den hohen Lebenskosten nu
in wenigen Fällen erfüllt werden. Es muss wenigstens erreicht werder
dass der Kranke ein eigenes Bett erhält und es auch wirklich nur fü
sich benutzt. Schliesslich wird man daran denken können, offen Tuber
kulöse während der Nacht z. B. in einer Walderholungsstätte zu iso
Heren.
Münchener medizinische Wochenschrift.
319
. irz 1922.
»ann der Kranke nicht isoliert oder durch anderweitige
lahmen ungefährlich gemacht werden, so muss man die Jn-
j nsgefahr dadurch zu vermindern suchen, dass man die bedrohten
[ ienmitglieder, insbesondere die Kinder von ihm trennt. Einer
■; rtrennung, die -meist ein Zerreissen der Familienbande bedeutet,
m sich nur wenige Familien unterziehen. Es fehlt auch sehr oft
eeigneten Unterbringungsmöglichkeiten der Kinder, es können
durch die Trennung bedingten höheren- Unterhaltskosten nicht auf-
1 werden. Man wird sich zunächst damit begnügen müssen
man diese Trennung bei besonders misslichen Verhältnissen
* ht. Auch hier wird man ernsthaft überlegen müssen, ob man
i wenigstens eine Halbtrennung während der Nacht durchsetzen
i
aucd eine Gesamtisolierung aller Bazillenausscheider un-
tührbar erscheint, ist vorübergehende Hospitalisierung eines Teils
anken. Halbisolierung während der Nacht, Verbesserung der Woh-
. Verhältnisse, Trennung oder Halbtrennung der Familienmitglieder
.ranken bei einem Teil der Tuberkulösen aussichtsvoll und er-
; ar.
ie bisherigen Ausführungen über direkte Bekämpf ungsmöglich-
3 der Tuberkulose dürften bewiesen haben, dass unter den jetzigen
] Itnrssen und nach dem augenblicklichen Stand der Forschung hier
bmmenes nicht erreicht werden kann. Man muss aber mit allen
'n ^ ^ Mögliche anstreben; das, was heute zur direkten Tuber-
Bekämpfung getan werden kann, wird trotz seiner Unvollkommen-
viele Neuansteckungen verhüten können.
iel mehr wie bei anderen übertragbaren Krankheiten spielen bei
uberkulose indirekte Bekämpfungsmethoden eine Rolle. Der Um-
Hieser indirekten Massnahmen ist sehr gross, die Art und der
ihrer Anwendung sehr wechselnd. Sie werden von den ver-
l ensten Momenten bestimmt, sie sind daher im Einzelnen nicht
! festzulegen, geschweige denn gesetzlich zu regeln. Ebensowenig
man immer klar die Wirkung indirekter Massnahmen erkennen
.n, zumal nicht in kurzen Zeitspannen. Ihr Einfluss auf übertrag-
e Krankheiten, besonders auf die Tuberkulose, wird oft unter-
5 1 und bleibt vielfach unerkannt.
welcher Richtung sind von indirekten Massnahmen bei der Tu-
«osebekampfung Erfolge zu erwarten? Um diese Frage zu be-
srten, muss man zweierlei berücksichtigen, einmal den durch-
]. liehen Krankheitsablauf der Tuberkulose und zweitens die Krank-
eeinflussung -durch günstige bzw. ungünstige Urmveltsbedingun-
. Die Krankheitsbilder der Tuberkulose schwanken zwischen den
:nen subakuter und chronischer Krankheitsformen. Die Tuber¬
bietet in ihren einzelnen Verlaufsformen das Bild einer Streuungs-
ij dar bei der die höchste Zahl von jenen Verlaufsbildern er-
} wird, der Infektion ein mehrjähriges Latenzstadium folgt,
ch ausserlich durch gar keine oder nur sehr geringfügige Krank-
rscheinungen bemerkbar macht, das dann in ein längeres Krank-
}adium übergeht, dessen Symptomenkomplex nach Art, Schwere
>auer kaleidoskopartig wechselt. Praktisch hat sich fast jeder
h einmal mit Tuberkulose infiziert. Der Prozentsatz der Er-
ngen ist aber den Infektionen gegenüber verhältnismässig sehr ge-
Die durchschnittliche Erkrankungsresistenz ist bei der mensch-
j .^asse unter günstigen Lebensbedingungen hoch. Der Grad der
cikungsresistenz zeigt Schwankungen im Verlauf des Lebens;
: in den allerersten Lebensjahren gering, nimmt bis zum Ent-
■ r s . r ^hebjich zu, um dann stark zu sinken und im
en Alter wieder mässig anzusteigen. Wie bei allen Lebens-
• men findet man naturgemäss auch hier grosse Verschiedenheit,
cm durchschnittlichen Krankheitsverlauf kann man für die Tuber-
oekampfung wichtige Fingerzeige gewinnen. Soweit es geht,
lurch direkte Bekämpfung die Infektion jedes Lebensalters ver-
“ werden müssen. Der Gedanke, dass eine Infektion nach dem
{ en Kindesalter und vor dem Entwicklungsalter einen gewissen
r 2&gen spätere exogene oder endogene Reinfektionen bieten
.muss noch als recht problematisch und noch zu wrenig bewiesen
Tnen, um eine Infektion in genannter Lebenszeit unberücksichtigt
sen oder gar zu begünstigen. Auf Grund der Erfahrungen über
■ankheitsresistenz in den einzelnen Lebensaltern muss man alles
‘hen. um eine Infektion in den ersten Lebensjahren, in denen die
leitsdisposition am grössten ist zu verhüten; das Gleiche gilt für
itwicklungsjahre. Schliesslich wird man bei erfolgter Infektion
'ernuhen müssen, besonders in den Lebensperioden erhöhter
leitsdisposition, wie z. B. dem Entwicklungsalter die Latenz-
. möglichst lange auszudehnen, damit das Individuum möglichst
Aratte sammelt, um ohne schwerere Erschütterungen und tiefer-
ae Veränderungen ein beginnendes Krankheitsstadium mit Erfolg
naen zu können. Eine Durchseuchungsresistenz im Sinne völliger
; jnsabwehr wird schwerlich zu erreichen sein. Eine sehr wesent-
.rhohung der Erkrankungsresistenz liegt dagegen im weiten Be-
les praktisch Möglichen.
'S dem durchschnittlichen Krankheitsablauf ergeben sich für die
uiosebekämpfung folgende Forderungen: Verhütung der Infektio-
sonders im frühesten Kindesalter, der Infektionen bzw. Reinfek-
1 im Entwicklungsalter, möglichste Ausdehnung des Latenzsta-
zwischen Infektion und offenkundiger Krankheit oder gar Ver-
leglicher Krankheitserscheinung.
•rEÄs der Umweltsbedingungen auf die Tuberkulose äussert
Erhöhung der Infektionsgefahr, Verkürzung des Latenzstadiums
und schnellerem und schwererem Verlauf des Krankheitsstadiums.
Hauptsächlich kommen in Frage ungünstige Einflüsse, die bedingt sind
durch die Wohnungs-, Ernährungs- und Berufsverhältnisse, den Stand
der Lebenshaltung und die Art der Lebensführung.
Die Wohnungsverhältnisse erhöhen in erster Linie die Ansteckungs¬
gefahr, je enger die Menschen bei ungeeigneter Wohnungspflege zu¬
sammenwohnen. desto grösser die Infektionsaussichten. Ungesunde,
feuchte, lichtarme -und kalte Wohnungen werden dazu beitragen können,
das Latenzstadium zu verkürzen und den Krankheitsverlauf wesent¬
lich zu verschlechtern.
- Per TEinfIlISS d?r Ernährung äussert sich in bedeutsamster Weise
am das Latenzstadium im Sinne einer Verkürzung, auf die eigentliche
Erkrankung im Sinne schwerer und schnell verlaufender Organzerstö¬
rungen. Hierfür spricht eindeutig das Aushungerungsexperiment des
verflossenen Krieges. Die Infektionsgefahr wird durch den Ernährungs-
zustand insoweit beeinflusst, als die Zahl der offenen Tuberkulose bei
schlechten Ernährungsverhältnissen steigt. Es ist aber auch anzuneh-
men, dass ein unterernährter Mensch ein günstiger Boden für eindrin¬
gende Bakterien ist, dass er exogenen und endogenen Reinfektionen
weniger Widerstand leisten kann wie ein guternährtes Individuum.
, Enge schmutzige und ungelüftete Arbeitsräume erhöhen die In¬
fektionsgefahr, wenn sich unter den Arbeitern Bazillenhuster befinden,
ist der Körper des Arbeiters der Arbeit nicht gewachsen, durch über¬
massige Arbeit geschwächt, wirken auf ihn schädliche Einflüsse ein,
unter denen die Staubeinwirkung auf die Lunge an erster Stelle steht
so wird die Arbeit ähnlich wie Unterernährung wirken. Die Bakterien
rinden bei einer Infektion einen günstig vorbereiteten Boden, die La¬
tenzzeit wird verkürzt, der Krankheitsverlauf verschlechtert.
Der Stand der allgemeinen Lebenshaltung, die sich ihrerseits in
der Hohe des Einkommens widerspiegelt, ist für die Tuberkulose von
weitgehender Bedeutung. Die Lebenshaltung bedingt die Güte der
Wohnung und den Stand der Ernährung. Ausreichender Erwerb schützt
VOl.r-V,-b1erarr,beit und macdt es möglich, durch anderweitige Massregeln
schädliche Berufs- und Umweltseinflüsse zu paralysieren.
Schliesslich spielt für den Verlauf der Tuberkulose die Lebens-
iuhrung; des Einzelnen eine massgebende Rolle. Je weniger sie den
Gesundheitsnormen folgt, je mehr sie sich gesundheitlichen Exzessen
uberlasst, desto ungünstiger wird nach jeder Richtung der Verlauf und
die Verbreitung der Tuberkulose beeinflusst.
Was ist hieraus für die Bekämpfung der Tuberkulose zu ent¬
nehmen? Sie muss, soweit es in ihrer Möglichkeit liegt, die
gesundheitliche Verbesserung der Wohnungs-, Ernährungs-, Berufs¬
verhältnisse und der Lebensführung beeinflussen. Auf die Höhe der
Lebenshaltung, des nötigen Durchschnittseinkommens sowie der all¬
gemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse kann sie keinen Einfluss aus-
. ^ies ist Aufgabe der Staatswirtschaft, der gegenüber nicht aus¬
drücklich genug betont werden kann, dass eine Tuberkulosebekämp-
nI!?.inur Aussicht auf Erfolg hat, wenn die äussere und innere
Politik eines Volkes die gesamte Wirtschaftslage vor einem Herabsinken
auf ein niedrigeres Lebensniveau bewahrt. Die Höhe des Lebens¬
niveaus entscheidet über die Höhe der Tuberkuloseverbreitung.
Die Wohnungsfrage im Sinne der Beschaffung ausreichender, preis¬
werter, geräumiger und gesunder Wohnung kann die Tuberkulosebe¬
kämpfung praktisch wenig beeinflussen, sie wird dagegen auf die Woh¬
nungspflege durch die Bewohner in Bezug auf Reinlichkeit und Erhal¬
tung der Wohnung durch die Heimfürsorge einwirken können. Sie
wird durch Mietzuschüsse und ähnliche Mittel das dichte Zusammen¬
wohnen Tuberkulöser mit ihrer Umgebung zu verhüten suchen Da
bei der heutigen Wohnungsnot in dieser Richtung nicht zu viel zu
erwarten ist. muss der laufenden Wohnungspflege besondere Beach-
£escaen^I werden, hier kann durch Belehrung auch mit wenigen
Mitteln etwas erreicht werden.
Auf die allgemeine Verbesserung der Ernährung kann die Tuber¬
kulosebekämpfung nicht einwirken. Sie wird aber versuchen müssen,
iur tuberkulöse Kranke und Gefährdete, insbesondere deren Kinder. Nah¬
rungsmittel zu verbilligten Preisen unter Hinzuziehung geeigneter Stel¬
len zu vermitteln. Zum Teil lässt sich auch durch Belehrung bei der
Heimfursorge erreichen, dass die zur Verfügung stehenden Nahrungs¬
mittel wirtschaftlicher ausgenutzt und besser zubereitet werden.
Die für die Tuberkulose wichtigen Berufsgefahren werden, soweit
es sich um unhygienische und überfüllte Arbeitsräume, um Staub-
betriebe Ueberarbeit bei Frauen und Jugendlichen handelt, auf Grund
gesetzlicher Massnahmen durch die Gewerbeaufsicht usw. vermindert
werden können. Die eigenen Aufgaben der Tuberkulosebekämpfung
bestehen nur darin, Tuberkulöse und Tuberkulosegefährdete auf ihren
ungeeigneten Beruf hinzuweisen und sie den Stellen zuzuführen, die
für eine Berufsberatung und Berufsumstellung in Frage kommen. Die
in der Tuberkulosebekämpfung tätigen Personen werden sich hier meist
nur auf allgemeine Ratschläge beschränken können, sie werden vor
ungeeigneten Berufen warnen. Tuberkulöse den ihnen entsprechenden
Berufen zuzuführen, wird die Fürsorge gewöhnlich nicht in der Lage
se‘n* da ihr nähere Berufskenntnisse fehlen und sie über die wirt¬
schaftlichen Berufsaussichten nicht genügend unterrichtet ist.
Die Lebensführung lässt sich durch allgemeinhygienische Beleh-
rung, die in früher Jugend einsetzen soll, in gewissem Grade gesund-
heitlich bestimmen, hierbei soll auch die Tuberkulosebekämpfung in
ihrem Rahmen mitwirken. Freilich wird in der heutigen Zeit ein all¬
zugrosser Optimismus nicht am Platze sein, dass das Volk und in erster
Linie die Jugendlichen dieser Belehrung folgen werden.
■MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Im Sinne einer indirekten Bekämpfung der Tuberkulose arbeitet
jede Massnahme, die dem allgemeinen Gesundheitsschutz und der
Gesundheitsfürsorge dient. Es ergibt, sich hieraus als selbstverständlich
dass die Tuberkulosebekämpfung engst verbunden mit allen anderen
Zweigen der Gesundheitspflege und Gesundheitsfürsorge zusammen-
Jrl LDer Ueberblick über die einzelnen Bekämpfungsmöglichkeiten der
Tuberkulose, ihre Begründung und Bewertung unter Berücksichtigung
der praktischen Verhältnisse ergibt dass unter den mannigfachen Mass¬
nahmen keine einzige für sich durchgreifend wirksam sein kann dass
nur dann, wenn der ganze Komplex der Massnahmen in Tätigkeit tritt,
ein Erfolg zu erwarten ist. Die Vielheit der Bekamprungsmassnahmen
erlaubt keine schematische Behandlung. Die Bekämpfung muss nach
Lage des einzelnen Falles individuell durchgeführt werden Es werden
je nach den sich im Einzelfall ergebenden Bedürfnissen und Notwendig¬
keiten bestimmte Massnahmen in den Vordergrund treten, andere we¬
niger berücksichtigt bleiben können.
Die Tuberkulosebekämpfung hat sich heute auf verschiedenen Ge¬
bieten zu bewegen. Sie will neue Ansteckungen verhüten und ihnen
durch Fürsorge vorbauen. Sie will Angesteckte durch körperliche Kral-
tigung und Resistenzsteigerung vor einer Erkrankung bewahren und
schliesslich sucht sie durch therapeutische Massnahmen Erkrankte zu
heilen und den Erkrankten möglichst lange erwerbsfähig zu erhalten.
Letzte Aufgabe gehört streng genommen nur insoweit zur eigentlichen
Tuberkulosebekämpfung, als hierdurch eine Bazilienausscheidung ver¬
hütet oder durch Abheilung zum Verschwinden gebracht wird. Die
therapeutische Beeinflussung der Tuberkulose ist historisch so eng mit
der Tuberkulosebekämpfung verknüpft, dass man diesen Teil von ihr
nicht mehr wird scharf abtrennen können. Hiermit steht die Tuber¬
kulosebekämpfung vor einer so grossen Zahl von Aufgaben, wie su. bei
keiner anderen Krankheit und in keinem anderen Fursorgezweig zu er-
iUlleiKönnen die bestehenden Einrichtungen der Tuberkulosebekämpfung
den gestellten Aufgaben gerecht werden? Wie kann durch weiteren
Ausbau die Bekämpfung erweitert und verbessert werden?
Zur Bekämpfung einer Krankheit muss man die Krankheitsfälle
kennen und möglichst vollständig erfassen. Hierfür hat sich bei den
übertragbaren Krankheiten die Meldepflicht als notwendig erwiesen.
Bei der Tuberkulose ist eine allgemeine Meldepflicht aller Tuberkulose¬
fälle praktisch undurchführbar. Das sehr wechselnde Bild der in den
verschiedenen deutschen und ausserdeutschen Landern bislang be¬
stehenden Meldepflicht der Tuberkuloseerkrankten ergibt, dass sich
die Meldepflicht fast nur auf offene Lungen- und Kehlkopftuberkulosen
erstreckt, aber auch hier mit weitergehenden Einschränkungen. Meist
sind nur die Todesfälle an offener Lungen- und Kehlkopftuberkulose
meldepflichtig, ausserdem Erkrankungen an offener Lungen- und Kehl¬
kopftuberkulose unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Der neue
Entwurf zur reichsgesetzlichen Bekämpfung der Tuberkulose sieht eine
Meldepflicht für ansteckende Erkrankungen an Lungen-, und Kehlkopt-
tuberkulose vor. Ob durch diese Meldepflicht,' falls der Entwurf zum
Gesetz werden sollte, alle in Betracht kommenden Fälle erfasst werden,
muss bezweifelt werden. Es wird immerhin durch eine derartig um¬
fassende Meldepflicht ein wesentlich grösserer Twl der Tuberkulose¬
erkrankten bekannt werden wie bisher. Diese Meldepflicht hat ab¬
gesehen von ihrer medizinalstatistischen Bedeutung aber nur Wert,
wenn die Bekämpfungseinrichtungen so ausgebaut sind, dass in den
Einzelfäjlen auch eine wirksame Bekämpfung getrieben werden kann.
Hiervon ist man aber heute noch weit entfernt und die Geldnot wird
auch in der nächsten Zeit einen entsprechenden Ausbau leider kaum
gestatten. An sich könnte man trotzdem einer ausgedehnteren Melde¬
pflicht das Wort geben, damit man über den wirklichen Umfang der
Erkrankungsfälle und ihre näheren Verhältnisse genauere Unterlagen
wie bisher gewinnt. Man muss sich aber auch darüber klar sein, dass
einer richtigen Durchführung der Meldepflicht mannigfache praktische
Schwierigkeiten im Wege stehen. Jedenfalls wird die Meldepflicht
für die nächste Zeit nach Inkrafttreten eines Reichsgesetzes medi-
zinalstatistisch nur annähernde Wirklichkeitsbilder ergeben, hat nian
doch bislang mit der bestehenden sehr begrenzten Meldepflicht in den
einzelnen Ländern nur recht bescheidene Erfolge erzielt.
Ob die geplante reichsgesetzliche Bekämpfung der Tuberkulose
ihren Zweck in weitem Umfang erfüllen kann, wird in erster Linie
davon abhängig sein, ob die zur Durchführung nötigen Mittel beschaut
werden können. Hiergegen dürften bei der jetzigen Lage Deutsch¬
lands sehr erhebliche Bedenken bestehen.
Die ältesten Einrichtungen gegen die Tuberkulose sind die Heil¬
stätten. Der ursprüngliche Zweck der Heilstätten war — und an ihm
wird auch heute noch festgehalten — , durch Heilbehandlung den Ein-
tritt der Invalidität zu verhüten oder hinauszuschieben, den Tuber¬
kulosekranken wieder erwerbsfähig zu machen und möglichst lange
erwerbsfähig zu erhalten. Sie sollten als therapeutische Massnahmen
im Rahmen der Kranken- und Invaliditätsversicherung dienen. Erst
später erblickte man in den Heilstätten auch eine Massnahme zur
Tuberkulosebekämpfung. Wie weit die Heilstätten ihre ursprüngliche
Aufgabe erfüllen, soll an dieser Stelle unerörtert bleiben. Es soll nur
untersucht werden, wieweit die Heilstätten für die eigentliche Tuber¬
kulosebekämpfung in Frage kommen. Durch die Isolierung der Kranken
in den Heilstätten wird für diese Zeit die von ihnen ausgehende In¬
fektionsgefahr für ihre Umgebung ausgeschaltet. Der Heilste ttenauf-
cnthalt trägt, wenn er auch verhältnismässig nur kurz ist, stets etwas
zu einer Ansteckungsverringerung bei. Weiterhin kommt für die
berkulosebekämpfung in Frage, dass bei einer Anzahl von hallen d
die Heilstättenbehandlung eine Besserung und damit oit auch das
hören der Bazillenausscheidung herbeigeführt wird, dass bei e
anderen Teil durch die Heilstättenbehandlung eine JBazillenausscbei
überhaupt verhütet wird. Der erzieherische Einfluss, den die Heils
auf ihre Insassen in Bezug auf gesundheitliche Lebensführung, ric
Beseitigung des Auswurfes usw. ausübt, ist wertvoll, er
meist nur bei einsichtsvollen und gewissenhaften Patienten vo^S
haltiger Wirkung sein. So lange die Heilstätten nur besserungst;
Patienten für beschränkte Zeit aufnehmen können, ist ihr YB
engeren Rühmen der li^berkulosebckämpiung beschränkt. HB
Tuberkulosebekämpfung würden sie dagegen von höchster Bedet
werden, wenn sie auch nichtbesserungsfähige oder erst durch lai
Behandlungsdauer beeinflussbare Kranke für viele Monate aufnel
könnten. Dem steht aber' die bisherige gesetzliche Regelung ube
Heilstättenaufnahme entgegen. Die Erfüllung dieser Aufgabe n
weiterhin die unzureichende Bettenzahl unmöglich, deren Hohe 1
den ursprünglichen Anforderungen genügt und deren Umfang in
heutigen Zeit nicht wesentlich erhöht werden kann. Schhesshc
geben sich noch Schwierigkeiten bei der Kostendeckung für die
pflegung Schwertuberkulöser. Die angeführten Schwierigkeiten m:
cs zweifelhaft, ob es praktisch durchführbar und wirtschaftlich
ist, die Heilstätten in diesem Sinne zu verwerten. Man Wird
wohl zunächst darauf beschränken müssen, die Heilstätten ihrei
sprünglichen Heilaufgaben zu erhalten und sie diesen Bedürfnissen
sprechend zu erweitern. Bei den ungeheuren Kosten für Neubat
Betrieb ist man gezwungen, den Kreis ihrer Aufnahmen auf ausge
teste Fälle zu beschränken. Die Heilstätten werden vielfach be
durch ungeeignete Fälle und Nichttuberkulöse; eine strengere
tung. die vornehmlich durch eigene Beobachtungsstationen en
könnte, ist eine Notwendigkeit. Eine Musterstation wurde z. B. i
die Landesversicherungsanstalt Mittelfranken in Nürnberg eingen
Unter dem Gesichtspunkt der Tuberkulosebekämpfung wird der rl
zweck der Heilstätte darin gesehen, Bazillenausscheider tempor;
isolieren, besserungsfähige Tuberkulöse nicht zu offenen Tuberku
werden zu lassen und bei offenen Tuberkulösen die Bazillenaus!
düng zu beseitigen. Es liegt aus diesem Grunde auch die Lord'
aller Heilstätten, die sich der kindlichen Tuberkulose annehmei
grössten Interesse der Tuberkulosebekämpfung.
Die Isolierung möglichst zahlreicher Bazillenausscheider auf
Zeiträume ist die wichtigste Frage, deren Lösung die Tuberkulc
kämpfung entscheidend beeinflussen wird. Hier liegt der Hebe
zu einer wirksamen Tuberkulosebekämpfung mit aller Kraft angi
werden muss. Es wurde schon oben darauf hingewiesen, dass
zwangsweise und dauernde Isolierung aller Bazillcnausscheide
einzige wirklich durchgreifende Massnahme, aus verschiedenen Gr
heute undurchführbar ist. Es wird sich aber doch erreichen 1.
für längere Zeiträume freiwillig Kranke zum Eintritt in geschlc
Anstalten zu bewegen. Eigene Krankenhäuser oder Heime für bc
tuberkulöse haben sich erfahrungsgemäss nicht bewährt, da in
das Volk nur Sterbehäuser sieht und deshalb seine Angehörigen
hingibt oder länger belässt. Zweckentsprechender sind Kra
häuser. die alle Formen der Tuberkulose aufnehmen. Sie finde
schon in einzelnen Städten und man hat bei entsprechender Bee
sung durch den Arzt und die Fürsorge erreichen können, dass
ein grosser Teil der offenen Tuberkulösen eintritt und ein sehr t
licher Teil Tuberkulöser in ihnen stirbt. Gegen diese Kranken!
bestehen nur finanzielle Bedenken. Ihr Bau und ihre Einrichtui
fordern erhebliche Mittel, die man heute kaum aufbringen kann
Netz derartiger Anstalten über das ganze Land auszubreiten, vet
die Geldnot. Es besteht dagegen ein anderer gangbarer Weg, de
wenig beschritten wird. Die Kranken sollen in kleineren Kn
häusern, besonders in ländlichen Gegenden, in besonderen 1 uberk
abteilungen, die mit nur verhältnismässig wenig Mittel ausgebaui
den können, auf genommen werden. Verschiedentlich haben su
Landesversicherungsanstalten bei invaliden Schwertuberkulösen
erklärt, an Stelle der Invalidenrente die Pflege in einem Krankl
treten zu lassen. Wirksam wird diese Ablösung aber nur sein,
wenigstens ein Teil der Rente den Angehörigen belassen wi
Kranke sich nur zum Eintritt in eine Anstalt entschlossen \v
wenn in dieser Form wenigstens teilweise Sorge für ihre Larnil
troffen wird. Es ist notwendig, ausreichende Mittel zu beschafft
auch Schwertuberkulösen, die nicht Invalidenrentner sind, la
Aufenthalt in Krankenhäusern zu ermöglichen. Es wird längs;
erreichen sein — hierfür sprechen Erfahrungen z. B. in Engla
das Volk an die Unterbringung Schwertuberkulöser in die Kr
häuser mehr und mehr zu gewöhnen, wenn der Aufenthalt aus
liehen Mitteln oder auf dem Versicherungswege bestritten wird. 1
hin wird nur ein Bruchteil der Schwertuberkulösen aufgenommei
den können. Es wird ernstlich zu erwägen sein, ob man nicht
Fällen, wo aus Mangel an Pflege, aus Widersetzlichkeit des K
und Aehnlichem eine stark erhöhte Ansteckungsgefahr besteht, fl
lieh eine Zwangsisolierung in Krankenhäusern durchsetzen so
Der Gedanke, erwerbsfähige Tuberkulöse ln eigenen Arbei
nien anzusiedeln, ist theoretisch gut gedacht, gegen die pra;
Durchführbarkeit bestehen aber sehr ernsthafte Bedenken. Ehe
der Gedanke, Tuberkulöse mit ihren Familien in besonderen n
unterzubringen, durchführbar, es bestehen aber auch hier ZI
ob auf die Dauer die Familien die bald als Tiiberkulosehäuscr g'
•z 1 922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
321
j eten Wohnungen beziehen werden. Jedenfalls wäre es nur bei
t lrung sehr hoher Mietsbegünstigungen möglich,
an muss offen gestehen, trotz mannigfacher Vorschläge ist die
j der Isolierung von Bazillenausscheidern praktisch nicht gelöst,
i iuss aber in Einzelfällen jeden gangbaren Versuch machen, dieses
i erreichen; der Versuch wird, richtig aufgefasst, gar nicht so
j gelingen.
!e Behandlungsmassnahmen, die eine Abheilung der Tuberkulose
amit ein Aufhören der Bazillenausscheidung erzielen können,
vom Standpunkt der Tuberkulosebekämpfung unterstützt wer-
Besonders gilt dies für die aussichtsvolle Behandlung der kind-
Tuberkulose. Sicher wird auch die Pneumothoraxbehandlung,
und Stranlenbehandlung. die chirurgische Behandlung der Lun-
lerkulose für die Tuberkulosebekämpfung eine immer mehr wach-
Rolle spielen. Ob und wieweit die immunbiologischen Methoden
i Tuberkulosebekämpfung von Bedeutung werden, müssen erst
e Erfahrungen lehren. Bei Angesteckten, Krankheitsbedrohten,
ehr leicht erkrankten Tuberkulösen wird man durch körperliche
;ung und geeignete therapeutische Massnahmen sehr günstige
j erzielen und hiermit zur Tuberkulosebekämpfung wirksam bei¬
können. Es werden die schwereren Erkrankungen vermieden,
rd erreicht, dass aus den Angesteckten keine Bazillenträger
i.
er liegt auch die grosse Bedeutung der Walderholungsstätten,
wohl nach ihrer Zahl wie nach ihrer Betriebsart eines inten-
Ausbaues bedürfen, der auch heute noch durchgeführt werden
Der ursprüngliche Sinn der Walderholungsstätten, nach dem
leute meist noch verfahren wird, ist. Krankheitsgefährdete oder
tuberkulöse während des Tages aufzunehmen, für die Nacht
die Patienten in ihre Wohnung zurück. Sicherlich ist der
rufenthalt in den Walderhglungsstätten von Nutzen. Frische
intsprechende Lebensweise und gute Beköstigung werden einen
ünstigen Einfluss auf den- Körper im Sinne einer erhöhten Er-
ngsresistenz ausiiben. Die Rückkehr am Abend in oft sehr un-
;e Wohnungsverhältnisse, in die gewohnte Umgebung und damit
Sorgen und Leiden des Alltags werden aber einen grossen Teil
l Tage für die Gesundheit Gewonnenen wieder zunichte machen.
Form des Tagesaufenthaltes erfüllt die Walderholungsstätte ihre
>en nur teilweise. Sie kann als solche sehr zweckmässig sein
ärkung und Erholung be ansteckungsgefährdeten Kindern. Immer
aber ihr Erfolg beschränkt, wenn sie ihre Insassen zur Nacht-
ix Familie, zuriickgibt. Die Walderholungsstätten werden ihren
nur dann voll erfüllen können, wenn sie ihre Kranken sowohl
Nacht wie für den Tag aufnehmen könnten. Die finanziellen Be-
■ Segen einen Nachtbetrieb der Walderholungsstätten dürften
uheblich sein, da die laufenden Betriebskosten keine sehr grosse
ing gegenüber dem Tagesbetrieb bedeuten werden. Es kommt
; einmalige Ausgabe die Bereitstellung der Schlafräume und ihrer
tung in. Frage. Für den Vollbetrieb der Walderholungsstätten
s wichtig in die Wagschale, dass viele Leichtkranke, die jetzt
Stätten aufgenommen werden, mit gleichem Erfolge in Wald-
lgsstätten behandelt werden können, vorausgesetzt, dass der
halt dauernd ist. So wird es möglich, die Heilstätten zu ent-
und hier mehr Platz für solche Fälle zu schaffen, die einer
:n Heilstättenkur bedürfen. Ein Heilstättenneubau ist heute fast
lieh, die wesentlich geringeren Kosten für Errichtung einer Wald-
igsstätte sind eher aufzubringen. Bestehende Walderholungs-
sollen für Dauerbetrieb ausgebaut werden. Für neu zu er¬
de Walderholungsstätten sind Bau- und Betriebspläne von vorne-
aut Dauerbetrieb anzulegen. Da Walderholungsstätten mit Dauer-
nicht in nächster Nähe bei den Wohnorten der Kranken liegen
i, können sie auch der ländlichen Bevölkerung dienen, fiir die
Tagesbetrieb meist verschlossen bleiben. Walderholungsstätten
cenbetrieb können nur von grösseren Städten oder in dichter bc-
en Gegenden durch Interessenverbände mehrerer Gemeinden
-t werden. Für kleine Städte und ländliche Gegenden kommt
>atz der Walderholungsstätten in der Form in Frage, dass man
-inrichtung an kleinere Krankenhäuser anlchnt. Die Erholungs-
muss nicht immer im Walde liegen, sie kann auch in einem
, staubfreien Garten nahe bei oder in einer kleinen Stadt ge-
cin. Im Krankenhausgarten können die nötigen Liegehallen und
-'hlafbaracke errichtet werden, eventuell können für das Ueber-
1 geeignete Krankenhausräume hergerichtet werden. Das Wich¬
el Kostensparende liegt darin, dass der Betrieb der Erholungs-
besondeis der Küchenbetrieb, mit dem Krankenhausbetrieb ver-
wird, dass vielleicht auch die Aufsicht durch das Kranken-
visonal ausgeiibt wird. Wird das System der Walderholungs¬
unter diesen Gesichtspunkten ansgebaut - und dieser Ausbau
otz der Geldnot ausgeführt werden — , so wird man hierdurch
i .irekte Tuberkulosebekämpfung bei Krankheitsgefährdeten und
- ’apeutische Beeinflussung früher Tnberkulosefälie sehr wesent-
fdem.
I'uptauigabe der Fürsorgestelleu wird es sein, die Kranken, Krank-
jund Ansteckungsgefährdeten zu erfassen, Erkrankungen bzw.
Kung. festzustellen, den Einzelnen je nach Bedürfnis den besteh-
' Einrichtungen zuzuführen und durch Heimfürsorge in der Fa-
Ansteckungsgefahr möglichst herunterzudrücken. Die Für-
- eile erfüllt einmal rein ärztliche Aufgaben. Als solche dient sie
-r Linie der Diagnose der Krankheit und ihres Stadiums. Dass
in der Fürsorgestelle eigentliche Behandlung getrieben wird, dürfte
abzulehnen sein. Vom Standpunkt der Tuberkulosebekämpfung er¬
scheint es nötig, in einer Fürsorgestelle das Hauptgewicht auf die
eigentliche Fürsorgearbeit zu legen, unter der die Heimfürsorge weit¬
aus an erster Stelle steht. Die Heimfürsorge soll einmal die In¬
fektionsgefahr vermindern, indem der Kranke zu hygienischer Lebens¬
weise, zu richtiger Behandlung seines Auswurfes angehalten wird. Die
.Heimfürsorge wird prüfen, wie eine Isolierung des Kranken, wie die
Trennung von infektionsgefährdeten Familienmitgliedern, besonders
von Kindern erfolgen kann, sie wird geeignete Unterbringungsmöglich¬
keit suchen und durch taktvolle Ueberredung die Kranken und ihre
Angehörigen zu einer entsprechenden Isolierung bewegen. Die Heim¬
fürsorge wird die Wohnungspflege verbessern und die Familie des
Tuberkulösen zur Reinlichkeit und zu gesundheitlicher Lebensführung
erziehen. Sie wird Winke geben, wie die Lebenshaltung, die Ernäh¬
rung verbessert werden kann. Das grosse Gebiet der vielseitigen,
kleinen Massnahmen der indirekten Tuberkulosebekämpfung ist das
eigenste Gebiet der Heimfürsorge. Will diese Arbeit Erfolg sehen, so
muss sie von geeigneten Arbeitern ausgeführt werden; hierfür werden
wohl nur weibliche Fürsorgepersonen in Frage kommen, bei denen
ein praktischer Blick .für die Lebensverhältnisse, die Gabe, das Zu¬
trauen des Befiirsorgten zu gewinnen und ein menschliches Mitgefühl
ebenso erforderlich sind wie ein entsprechendes hygienisches und für¬
sorgerisches Wissen. Der . Erfolg der Heimfürsorge ist in höchstem
Masse von der Persönlichkeit und Eignung der Fürsorgerin abhängig.
Der Ausbau der Fürsorgestellen wird sich in erster Linie in der
Richtung der Heimfürsorge zu bewegen haben. Jede Fürsorgestelle
soll mindestens über eine Fürsorgerin verfügen, die mit Vorteil gleich¬
zeitig auch auf anderen Gebieten der Gesundheitsfürsorge tätig sein
kann. Eine Fürsorgestelle, die keine Fürsorgerin für Hausbesuche hat,
ist unfertiges Stückwerk, das seinen Hauptzweck nicht erfüllt. Der
Ausbau der Fürsorgestellen in der ärztlichen Richtung muss einmal
in der Weise geschehen, dass nur Fürsorgeärzte mit guten spezia-
listischen Kenntnissen verwandt werden, dass andererseits bei kleinen
Fürsorgestellen Anschluss an Krankenhäuser mit Röntgeneinrichtung
gesucht wird, da Röntgenuntersuchung für die Tuberkulosediagnose
unbedingt nötig ist, heute aber eigene Röntgenapparate nur von den
grössten Fürsorgestellen beschafft werden können. Sehr nötig ist es,
dass auch unter den praktischen Aerzten das oft fehlende Verständnis
für die Tuberkulosefürsorge geweckt wird, dass die Fürsorgestelle
in engster Weise mit den praktischen Aerzten zusammenarbeitet und
ihr Vertrauen besitzt, nur dann wird es möglich sein, die Tuber¬
kulösen weitgehendst zu erfassen und in Fürsorge zu nehmen.
Zur indirekten Tuberkulosebekämpfung gehört schliesslich noch
die Volksbelehrung über Wesen und Verhütung der Tuberkulose. Das
Wissen des Volkes ist auf diesem Gebiete sehr mangelhaft. Man kann
durch Vorträge, Belehrungsfilme, Presseaufsätze, Merkblätter usw. die
Erwachsenen auf die Gefahren hinweisen und wird bei systematischer
Belehrung langsam erreichen, dass das Wissen in die Masse dringt und
wenigstens von dem einsichtigeren Teil der Bevölkerung auch an¬
gewandt wird. Recht wichtig erscheint es, diese Volksbelehrung schon
in der Schule einsetzen zu lassen. Gesundheitliche Volksbelehrung
muss mehr wie bisher in den Unterrichtsstoff der Schule eingefügt wer¬
den; In dieser Richtung müssen neben dem Arzt Lehrer und Geistliche
auf das Volk einwirken. Es muss. Volksanschauung werden, dass die
Tuberkulose eine heilbare und vermeidbare Krankheit ist. dass jeder
Fall möglichst frühzeitig dem1 Arzt und der Fürsorge zuzuführen ist.
Das Arbeitsprogramm der Tuberkulosefürsorge ist sehr gross, seine
richtige .Durchführung ist abhängig von dem speziell medizinischen und
dem sozialhygienischen Wissen und Verständnis, der Organisationsgabe,
der Energie und Hingabe des Arztes, der die Tuberkulosebekämpfung,
an erster Stelle betreiben soll und ihre Leitung in der Hand behalten
muss, von dem Verständnis der Behörden, die diese Arbeit unter¬
stützen sollen, vom Zutrauen, vom guten Willen und von der Einsicht
der Befiirsorgten und schliesslich vom Ausschlaggebendsten, den nötigen
Mitteln. Flieran fehlt es und wird es voraussichtlich in der nächsten
Zukunft stark mangeln. Das Reich und die Länder werden die vollen
Kosten der Tuberkulosebekämpfung nicht aufbringen können. Die
kommunalen Mittel sind unter der heutigen Steuergesetzgebung stark
beschränkt. Bei den steigenden Kosten für anderweitige, oft weniger
wichtige kommunale Aufgaben kommt die Tuberkulosebekämpfung ge¬
wöhnlich zu kurz. Die freiwillige Hilfstätigkeit kann nicht mehr in
dem Masse Mittel zur Verfügung stellen, wie es in vergangenen, besse¬
ren Zeiten möglich war. Man muss sinnen, wie die wenigen Mittel
am besten ausgenützt, wie sie etwa gesteigert werden können. Jede
Verzettelung der Mittel muss streng verhütet werden. Ueberall. wo
es durchgeführt werden kann, müssen die in Betracht kommenden Geld¬
geber zu Interessengemeinschaften zusammengefasst werden; die ein¬
zelnen, an. sich unzureichenden Mittel müssen zusammengeworfen wer¬
den, um in ihrer Gesamtheit wirkungsvoll zu werden. Landesver-
si.cherungsanstalten und Krankenkassen müssen noch weit mehr wie
bisher einen Teil ihrer Mittel für die Tuberkulosebekämpfung bereit¬
stellen, entlasten sie doch hierdurch auch die für ihre Pflichtleistungen
aufzubringenden Kosten. Organisationen, die sich zu wirtschaftlichen
oder anderen Zwecken zusammengeschlossen haben, sollen ebenfalls
einen Teil ihrer Einnahmen der Tuberkulosebekämpfung bei ihren Mit¬
gliedern zukommen lassen. Vornehmlich sollen hieran die Organisatio¬
nen des nichtversicherten Mittelstandes denken, der heute materiell
am schwersten durch die 1 uberkuloseerkrankungen seiner Angehörigen
3 22
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N;
betroffen wird. Ein Teil der Gewinne aus öffentlichen und indu¬
striellen Unternehmungen sollte der Tuberkulosebekämpfung zufliessen.
Derartige Mittel können durch die Tätigkeit einer Zentralstelle nur
beschränkt erschlossen werden, es gibt manche ergiebige Quellen lo¬
kaler Natur, die durch persönliche Beeinflussung, z. B. durch den Leiter
einer Tuberkulosefürsorgestelle mit Geschick und Geduld auch heute
noch gar nicht so selten eröffnet werden können. Alle lokalen
Fürsorgeeinrichtungen müssen sich der Mühe unterziehen, derartige
Stellen aufzufinden und für die Tuberkulosebekämpfung zu gewinnen.
Durch diese wichtige Kleinarbeit werden sich die pekuniären Hilfs¬
mittel auch jetzt noch nicht unwesentlich vermehren lassen.
Hierzu kommt eine bessere haushälterische Verwendung der Mit¬
tel. sie dürfen nicht einseitig oder in oft gegensätzlicher Nebeneinander¬
arbeit ausgegeben werden. Jede Fürsorgeeinrichtung soll ihren Haus¬
haltplan aufstellen und hierbei überlegen, wie durch Einsparung un¬
nötiger Ausgaben ihre Mittel für das unbedingt Nötige vermehrt wer¬
den können. Bei jedem einzelnen Fürsorgefall muss kritisch geprüft
werden: welche Massnahmen versprechen bei geringstem Mittelauf¬
wand den besten Erfolg? Wenn unter derartigen Gesichtspunkten ge¬
arbeitet wird, so wird sich trotz der Geldarmut die Fürsorge am Leben
erhalten können. Die Fürsorgestellen werden den Kampf um ihre
Kostendeckung am ehesten durchführen können. Viel schwerer ist
dieser Kampf bei Anstalten und ähnlichen Einrichtungen. Bei manchen
Anstalten besteht die Befürchtung, dass es aussichtslos ist, dass die
Anstalten zu einer Schliessung gezwungen werden. In diesen Fällen
wird man schlechtere Anstalten, die ihren Aufgaben nur unvollkom¬
men genügen, rechtzeitig aufgeben, wenn hierdurch die Erhaltung guter
Einrichtungen gesichert wird. Neueinrichtungen dürfen nur mit gröss¬
ter Vorsicht geschaffen werden, wenn die materiellen Voraussetzungen
vorhanden sind, dass der Betrieb wirklich durchgeführt werden kann.
Sonst bedeuten Neueinrichtungen nur Mittelverzettelung zum Schaden
des Bestehenden.
Wer soll den Kampf gegen die Tuberkulose führen? In erster
Linie der Arzt, der aber über entsprechende Vorbildung und Eignung
verfügen muss. Da die Tuberkulosebekämpfung mit den verschiedenen
anderen Massnahmen zur Gesundheitspflege und Fürsorge eng ver¬
knüpft ist, soll sich ihrer der Amtsarzt, besonders in ländlichen Ge¬
genden, annehmen. In Gichter bevölkerten Gegenden und in Städten
wird er sich die Aufsicht erhalten, die praktische Einzelarbeit aber
eigenen Tuberkulosefürsorgeärzten überlassen müssen, die je nach den
Verhältnissen diese Arbeit haupt- oder nebenamtlich versehen. Neben
dem Arzt sind für die eigentliche Fürsorge Fürsorgerinnen nötig, die
eine gute Ausbildung in der Tuberkulosefürsorge erhalten müssen.
Grössere Städte werden vielleicht eigene Tuberkulosefürsorgerinnen
anstellen. In kleineren Städten und auf dem Lande soll die Tuber¬
kulosefürsorge von Bezirksfürsorgerinnen neben ihrer anderen Fürsorge¬
arbeit übernommen werden. Es muss aber Vorsorge getroffen werden,
dass von ihnen die Tuberkulosefürsorge auch richtig durchgeführt wird
und nicht aus Arbeitsüberhäufung oder besonderer Vorliebe für andere
Fürsorgezweige vernachlässigt wird.
Der individuelle Charakter der Tuberkulosefürsorge erlaubt kein
schematisches Arbeiten. Sie kann daher nicht durch eine Zentral¬
stelle nach einheitlichen strengen Normen organisiert und geleitet
werden. Der Fürsorgetätigkeit muss den lokalen Verhältnissen Ent¬
sprechend freier Spielraum gelassen werden. Anderseits ist es aber
notwendig, dass die Fürsorge, so weit es geht, nach einheitlichen Grund¬
sätzen arbeitet. Eine Zentralstelle muss daher vorhanden sein, die
Leitlinien gibt, Auskünfte erteilt, bei der Geldverteilung aus öffentlichen
Mitteln mitspricht und wissenschaftlich die Tuberkulosebekämpfung
fördert. Hierfür haben sich die aus ärztlichen Fachvertretern und
Vertretern des Staates lose gebildeten Landesverbände zur Bekämpfung
der Tuberkulose als sehr zweckmässig erwiesen. Sie werden den
genannten Aufgaben einer Zentralstelle gerecht und vermeiden dabei
die üblen Folgen, die sich aus einer zu intensiven Zentralisierung wo¬
möglich unter straffen gesetzlichen Vorschriften ergeben.
Das Grundgerüst für die Tuberkulosebekämpfung ist aufgerichtet.
In ihren einzelnen Teilen ist sie schon mehr oder minder ausgebaut.
Der Plan des Gebäudes ist, so weit es der heutige Stand der Wissen¬
schaft ermöglicht, fertig. Der völlige Ausbau wird noch lange Zeit
erfordern, es wird wie bei vielen anderen Bauten hauptsächlich davon
abhängen. ob sich zu seiner Fertigstellung die nötigen Mittel finden
werden. Wenn der jetzige Plan der Tuberkulosebekämpfung auch, rein
theoretisch gedacht lückenhaft und angreifbar ist so muss man doch
stets berücksichtigen, dass seine Durchführung zu eng und zu vielfach
mit dem praktischen Leben in Verbindung steht, dass man wie im
Leben immer auch hier Kompromisse schliessen muss, freilich nur unter
der Voraussetzung, dass man mit den gemachten Konzessionen seinem
Ziel am nächsten kommt und jederzeit Gutes durch Besseres ersetzt.
Was die Zukunft, vor allem dje wissenschaftliche Vorarbeit, der Tuber¬
kulosebekämpfung an Fortschritten und neuen Aufgaben bringen wird,
ist noch unsicher. Der gemachte Anfang ist aber gut und entwicklungs¬
fähig. Man wird unentwegt an ihm Weiterarbeiten, wenn auch die reife
Frucht der Arbeit, die völlige Ausrottung der Tuberkulose, vielleicht
erst in Jahrhunderten, vielleicht auch nie geerntet werden kann.
Bücheranzeigen und Referate.
Prof. Dr. Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa
besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich und
Schweiz. IV. Band, zweite Hälfte. München, J. F. L e h m a n n.
Schon mehrfach wurde auf das grosse, prachtvoll illustrierte
wissenschaftlich die höchsten Ansprüche befriedigende Werk in di
Wochenschrift hingewiesen. Es ist durch die Ungunst der Kriegs-
Nachkriegsverhältnisse immer noch nicht zum vollen Abschluss gebr
aber weit gefördert und seit einiger Zeit darf man hoffen, dass es
wieder rasch vorwärts geht.
5 starke Quartbände (je 5—600 Seiten) sind jetzt vollstä
1, 2, 3 behandeln die Gefässkryptogamen, Gymnospermen, M
cotyledonen, 3 und 4 die Choripetalen, welche der eben begon
Band 4 (2) und 5 zu Ende bringen wird. Band 6 (1) den ersten
der Sympetalen vorführend, ist ebenfalls vollständig. Band 6 (2)
deren 2. Teil, darin die Hauptmenge der Kompositen, bringen.
Die Arbeit ist so gross angelegt und durchgeführt, dass Hegi
nach Mitarbeitern umsehen musste; so sind die Sympetalen
H a j e k bearbeitet, während an den Choripetalen Prof. R
Keller, Dr. Josias Braun-Blanquet, Dr. Gams und
Schmid und andere grössere oder kleinere Abschnitte bearb'
Der Charakter des Buches ist dabei aber ein durchaus einheiti
geblieben. Hegi hat selbst viele Zusätze beigesteuert. Neben
wildwachsenden Pflanzen des grossen Gebietes sind sehr zahlr
Einschleppungen und bekanntere Kultur- und Gartenpflanzen anh,
weise behandelt, natürlich nicht mitnumeriert und nur gelegentli
schwarzen Ergänzungsbildern vorgeführt. Ja durch kurze Exkurs
es gelungen, stets die mitteleuropäische Flora im Rahmen der '
flora zu zeigen. Neben der Morphologie und Systematik k<
Pflanzengeographie und -biologie sehr vielseitig und interessan
Wort. Viele Literaturangaben gestatten über kritische Fragen n
Quellen zu benützen. In gleicher Liebe wie früher sind die lateini;
Namen erklärt, insbesondere aber von Dr. M a r z e 1 1 die mannigf;
deutschen Namen gesammelt und erläutert. Nutzen und Schade
Pflanzen, chemische Bestandteile, kurz, was man nur wissen wi
zu finden.
Der Bilderschmuck in Farbtafeln, schwarzen Ergänzungsbilden
photographischen Aufnahmen und das Papier ist gleich gut und
wie früher. Und was die Hauptsache ist — man kann mit dem I
praktisch gut arbeiten, sorgsame Bestimmungstafeln lassen au
schwierigen Gattungen die Arten sicher ermitteln.
Das prächtige Werk bringt also dem Liebhaber wie dem Bota
dem Anfänger wie dem Vorgerückten reiche Belehrung und sol
keiner Bibliothek fehlen. Mir ist es ein sehr oft und gern ben
zuverlässiger Freund geworden.
Den Autor, seine Mitarbeiter und den Verlag, die trotz
Schwierigkeiten das Werk mit zäher deutscher Ausdauer weiter?
haben, darf man zu dem bisher Geleisteten aufs' wärmste be:
wünschen. K. B. Lehma
H. K. Corning: Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des
sehen. Mit 672. davon 105 farbigen Abbildungen. 1921. Bergm
München.
Corning stellt in seinem neuen Lehrbuch die Entwicklun
Menschen in den Mittelpunkt der Darstellung und kommt damit
einem nicht unberechtigten Wunsche unserer heutigen Medizine
gegen. Im Gegensatz zu anderen Werken wird daher die vergleic
Embryologie der früheren Entwicklungsperioden, wie Furchung. B
der Keimblätter usw. in möglichster Kürze gegeben. Durch Eint
in zahlreiche kleinere Abschnitte wird die Uebersicht für den An
nach Möglichkeit erleichtert. Eingestreute Kapitel allgemeinen
haltes, wie z. B. über den Wert der einzelnen Furchungszellen
die Gastrulationstheorie, über Plazentarbildungen, über das Exkn
System, über Hermaphroditismus usw. erwecken in trefflicher und
fasslicher Weise bei dem Studierenden das Interesse an der En
lungslehre und bringen ihm ihre Bedeutung zum Bewusstsein. N
der Wahl des Zeichners war Corning weniger glücklich. Die A
düng der in der Heraldik zur Versinnbildlichung der Farbe gebräucl
Strichmanier auf mikroskopische Zeichnungen ist wenig nachaf
wert. Auch den plastischen Zeichnungen würde man öfters gern
mehr künstlerisches Empfinden wünschen. Worunter der wissen
liehe und didaktische Wert ja nicht zu leiden braucht. Manche
mata, wie das nach Bryce (Fig. 5) zur Veranschaulichung der Sp
histogenese. wären bei der 2. Auflage besser durch neuere zu er:
wobei im Text auch die doch völlig gesicherte Beteiligung der
somen am Aufbau des Spermiums u. a. erwähnt werden könnte,
sonst müsste der eine oder der andere Abschnitt, wie z. B. de
die Entwicklung der Lunge, in Hinblick auf neuere Ergebnisse
umgearbeitet werden. Diese Wünsche sollen jedoch nicht hinde
Corningsche Werk zur Einführung in die Entwicklungslehr
wärmste zu empfehlen. B. R o m e i s - Mün<|
H. Helfe rieh: Atlas und Grundriss der traumatischen Fr:
und Luxationen. Mit 64 farbigen und 16 schwarzen Tafeln.:
427 Figuren im Text. 10. Auflage. J. F. Lehmanns Verlag, Mi
Preis 100 M. 'J
Das bei allen bisherigen Auflagen erstrebte Ziel des Verl
das Buch auf der Höhe der Zeit zu erhalten, tritt auch diesmal wi'
deutlich zutage.
: März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
323
Sowohl im allgemeinen, wie im speziellen Teile haben alle Er-
1 , rangen der letzten Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Be-
rfnisse des praktischen Arztes Verwertung gefunden; so in ersterem
I besondere die neuen Formen der Behandlung mit Dauerzug; aber
; ;h im zweiten Teile sind viele Abschnitte umgearbeitet und ergänzt.
: Tafeln und Textbilder sind wesentlich vermehrt und namentlich
truktive Röntgenaufnahmen in reichlicher Anzahl eingefügt. Papier,
ick und Ausstattung sind trotz der Not der Zeit vorzüglich.
So erfüllt das Buch auch in seiner jetzigen Auflage den Wunsch
; , Verfassers, „es möge den Studierenden die Einführung in das wich-
2 Gebiet der Frakturen und Luxationen erleichtern und Aerzten ein
-uchbarer Führer sein“, vollauf.
Es dürfte wohl kaum lange dauern, so wird dieser zehnten eine neue
ulage folgen; denn „der Helferich“ soll sich im Besitze eines jeden
dizinstudierenden befinden und muss in jeder Handbibliothek eines
iktischen Arztes, auch in der bescheidensten, vorhanden sein. KI.
H. Brüning: Kurzgefasstes Lehrbuch der Untersuchung am Kran-
abette des Kindes. F. Enkes Verlag., Stuttgart. 1921. 312 S.
Mit der Veröffentlichung dieses Buches sollte einem Mangel ab-
lolfen werden, den der Autor, wie er im Vorwort sagt, schon seit Be¬
tt seiner pädiatrischen Tätigkeit stets empfunden hat. indem „der
iderheilkunde, im Gegensatz zu den meisten übrigen medizinischen
jzialfächern, ein besonderes Lehrbuch der Untersuchung am Kran-
lbett fehlt“. Freilich hat es sich nicht vermeiden lassen, „dass
nche Dinge* welche in ähnlichen Werken, insbesondere der inneren
dizin und der speziellen klinischen Diagnostik geschildert werden.
:h in dem vorliegenden Buch sich wiederfinden“. Immerhin war B.
niiht, „die letzteren möglichst kurz zu fassen, das rein Kinderärzt-
le schärfer herauszuheben und vor allem auch durch kurze klinisch-
gnostische Abschnitte zu vervollständigen“. Morn
Emmerich und Hage: Winke für die Entnahme und Einsendung
l Material zur bakteriologischen, serologischen und histologischen
tersuchung. Ein Hilfsbuch für die Praxis. Springer, Berlin 1921.
(ns: 9 M.
Das kleine Heftchen von 45 -^Seiten beantwortet kurz und
ndlich wohl so ziemlich alle Fragen, die im Verkehr zwischen ern¬
tendem Arzt und Untersuchungsstelle auftauchen können. Es weist
j die Fehler hin, die erfahrungsgemäss häufig bei der Einsendung
Inacht werden und bespricht, wie man es dabei nicht machen soll,
r Vorzug des Hilfsbuches ist, dass es nicht einseitig vom Standpunkt
Seuchenbekämpfung beschrieben ist, sondern, dass es auch, histo-
ische Untersuchungen, mehr klinische Verfahren (Opsonischer Index,
.ierhaldenreaktion). gerichtlich-medizinische Untersuchungen (Blin¬
ken. Spermanachweis) usw. berücksichtigt. Tn der Einleitung wird
Recht darauf hingewiesen, dass manche einsendenden Aerzte die
:teriologische Untersuchung überschätzen und andere Aerzte sic
erschätzen und dass beide Auffassungen auf Unkenntnis beruhen,
u hilft die Benutzung dieses Hilfsbüchleins sicherlich ab. Es wäre
wünschen, dass es Verbreitung fände. Leider wird es aber denen
it helfen können, die durch Halbwissen auf diesen Sondergebieten
i zu falscher Kritik und: zum Misstrauen gegen die Arbeiten einer
dersuchungsstelle verleiten lassen. R i m p a u - Solln (Isartal).
Lehrbuch der gerichtliche l Medizin mit Zugrundelegung (le¬
tschen und österreichischen Gesetzgebung und ihrer Neuordnung
i'Dr. Julius Kratter. Hofrat, o. ö. Professor der gerichtlichen Medi-
i. R. an der Universität Graz. 2 Bände. Erster Band. Theore-
her Teil. 2., wesentlich erweiterte Auflage. Stuttgart. Verlag von
dinand Enke. 1921. 724 Seiten. Preis: broch. 132 M.. geb. 150 M.
Das ausgezeichnete Lehrbuch unseres Altmeisters der gerichtlichen
dizin liegt hier in neuer und in verschiedenen Kapiteln erweiterter
m vor; die erste Auflage war 1912 erschienen und ihr folgte dann
9 das als 2. Band gedachte schöne, durch zahlreiche, dem 1. Band
lig fehlende Abbildungen ausgezeichnete Werk: „Gerichtsärztliche
xis“ des gleichen Verfassers, das auch in dieser Wochenschrift
20, S. 462) angezeigt worden ist. Der vorliegende Band ist nun
1. Band des ganzen Werkes bezeichnet. Kratter hat es ver-
nden. trotz der mehrfachen Umarbeitungen und Ergänzungen ein-
ier Kapitel doch den Umfang des Werkes nicht wesentlich zu er¬
lern (100 Seiten), was sich äusserlich durch die Wahl eines etwas
neren Papiers der neuen Auflage gar nicht bemerklich macht.
Sehr erfreulich ist, dass jetzt u. a. auch die Benzidinprobe,
wegen ihrer grossen Schärfe und ihrer gegenüber der Gtiajak-
fflprobe doch bedeutend einfacheren Ausführbarkeit sehr wichtig ist.
: ihrem Recht kam: bei dem Kapitel: Beurteilung von Narben
te Ref. auch gerne die sehr interessante und praktisch wichtige histo-
sche Arbeit Marchands (W.m.W. 1915 Nr. 6) erwähnt gesehen,
!ehe auf die Altersbestimmung der Narben und auf die ausserordent-
e Wichtigkeit von Fremdkörpereinschlüssen in solchen hinweist.
Wie die 1. Auflage, so möchte Ref. auch diese 2. Auflage aufs aller-
' niste empfehlen, es wird aus dem Buch nicht nur der praktische
t. der sich in dem Werke einmal gelegentlich Rat sucht, sondern
der Berufssachverständige immer wieder Belehrung und Bereiche-
’g seiner eigenen Erfahrung gewinnen. H. M e r k e 1 - München.
. Das ärztliche Heiratszeugnis. 71. S. Leipzig 1921. Kabitzsch.
is 15 M.
Vorliegendes Sammelheft bringt eine Reihe von Vorträgen, die in
••Aerztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik“ in
Berlin gehalten worden zu sein scheinen. Nach einem einleitenden
Vorwort von dem Vorsitzenden dieser Gesellschaft, Geh. Rat Posn er
spricht sich Prof. Westenhöfe r, der Vorsitzende der Berliner Ge¬
sellschaft für Rassenhygiene, unbedingt für obligatorische ärztliche
Heiratszeugnisse aus. Wenn er allerdings sagt, dass das eigentliche
Mittel, welches zur Gesundung der Rasse führe, „sich zum grossen
Teil mit radikalen politischen und wirtschaftlichen Forderungen deckt,
die von den Arbeitern aller Länder erhoben werden“, so ist das m. E.
bedauerlich, .weil es die Frage der Rassenhygiene ohne Not in das
Gezänk der Parteien zerrt. Der zweite Beitrag von dem Augenarzt
Crzellitzer handelt von der „Farr.ilienforschung als Grundlage für
das Heiratszeugnis“.- Der dritte Mitarbeiter, der Psychiater Lepp-
m a n n, verhält sich gegen das Heiratszeugnis radikal ablehnend, zeigt
sich allerdings nicht ganz mit der modernen Erblichkeitsforschung ver¬
traut. Auch der nächste Beitrag von Prof. Heller, welcher die Frage
hinsichtlich der Geschlechtskrankheiten behandelt, kommt zur Ab¬
lehnung eines obligatorischen Zeugnisses. Geh. Rat Strassmann
berichtet über tatsächliche Erfahrungen, welche er als Gynäkologe bei
der Eheberatung gemacht hat. und spricht sich ebenfalls gegen obliga¬
torische Zeugnisse aus. Der Jurist Sontag erklärt sie zwar für höchst
wünschenswert, aber für vorläufig bei uns leider undurchführbar. Der
letzte Beitrag von dem Herausgeber des Heftes, dem Frauenarzt und
Rassenhygieniker Hirsch, ist sehr wertvoll und beachtenswert. Er
spricht sich für obligatorische Heiratszeugnisse ohne Eheverbote und
ohne Zwang zum Austausch aus. Die Untersuchung soll m der Haupt¬
sache nur jedem Ehekandidaten selber Klarheit über seine Ehefähigkeit
bringen. Dann ist es auch nicht notwendig. Männer und Mädchen, die
niemals geschlechtskrank waren, mit allen Provokationsmethoden und
Schikanen darauf zu untersuchen. „Die Deutsche Gesellschaft zur
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hat ein solches obligatorisches
Untersuchungsverfahren ausgearbeitet und meines Erachtens damit ge¬
zeigt. wie es nicht gemacht werden soll.“ Dem kann sich Ref. nur
anschliessen. Lenz- München.
Arthur Kittel: 37 Jahre Landarzt in Preussisch-Litauen. 1869 bis
1906. Verlag Kittel, Königsberg. 46 Seiten.
„Den Tag meiner' endgültigen Abfahrt aus Russ machte ich nicht
bekannt . . . mein Neffe (mein Nachfolger) brachte mich frühmorgens
an den Strom . . . doch kam ich noch zur Zeit in Tilsit an zum Zuge
nach Königsberg. Hier unterhalte ich einen lebhaften Verkehr mit
meinen alten Universitätsgenossen. Im März 1919 erblindete ich.“
So schliesst das kleine Büchlein, das der 83 jährige blinde Kollege nieder¬
schrieb. In ihm erzählt er einfach und schlicht von aufreibendster ärzt¬
licher Tätigkeit in seinem kleinen litauischen Oertchen. immer voll freu¬
digster Lebensbejahung, sich aufreibend in segenspendender Betäti¬
gung. Es rollt das Leben des Landarztes vorüber, wie sie tausendfach
sich opfern, keines Lohnes gewärtig . . . darum ist das Büchlein liebens¬
wert und lesenswert. Max Nassauer.
Zeitschriften -U ebersicht.
Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie, red. von G a r r e,
K ü 1 1 n e r und v. Brunn. 125. Bd. 1. Heft. Tübingen, Laupp. 1922.
Aus der Marburger Klinik berichtet A. L ä w e n über Operationen an
den Plexus chorioidei der Seitenventrikel und über offene Fensterung des
Balkens bei Hydrocephafus Internus. Der von Dandy eingeschlagene Weg
durch die Gehirnsubstanz in den Seitenventrikel gibt die einzige Möglichkeit,
den ganzen Plexus aus einem Seitenventrikel herauszubekommen, erscheint
aber nur zweckmässig, wenn es sich um bedeutende Ausdehnungen der Ven¬
trikel handelt. L. schildert einen Fall, in dem er wegen Hydrocephalus int.
auf einer Seite die Resektion des Plexus chor. vornahm, die von dem Kinde
3 Wochen überlebt wurde, bei dem aber wegen Bildung einer Liauorfistel die
Wirkung der Operation nicht festgestellt werden konnte. L. stellte an grossen
und mittelgrossen Hunden Versuche an. von einer Inzision durch den Balken
aus den Plexus aus einen Seitenventrikel herauszuziehen, von denen er drei
längere Zeit am Leben erhalten konnte und zeigt an einem weiteren Fall
("Operation wegen nichtlokalisierbaren Hirntumors), dass die offene Balken-
fensterung technisch durchführbar ist und vertragen wird (wenn sie auch in
dem beschriebenen Fall nur die Somnolenz und andere Hirndrucksymptome
beseitigte). Weiterhin schildert L. einen Fall, in dem er wegen schwerster
Eklampsie die Balkenfensterung vornahm, bei dem sich eine wesentliche
Abnahme des Hirndrucks danach konstatieren Hess, der Eingriff aber infolge
des raschen Zusammensinkens der noch relativ dicken, viel Blut führenden,
die Wand der Seitenventrikel bildenden Hemisphärenschicht auf die Blut¬
verteilung im Gehirn wirkte und die lebenswichtigen Zentren in der Medulla
oblongata schädigte.
Erich E i c h h o f f gibt aus der K ü 1 1 n e r sehen Klinik Beiträge zur
Chirurgie des Rektums. Bericht über die an der Breslauer Klinik behandelten
Rektumkarzinome. Derselbe stützt sich auf das Material von 1879 — 1920
(1021 Fälle: von denen allerdings 21.6 Proz. nur für einige Zahlenangaben ver¬
wertet werden konnten und 800 Fälle in nähere Verwendung kamen und 610
159.7 Proz. der Gesamtzahll in Behandlung genommen wurden). Im 1. Teil
bespricht E. Alter und Geschlecht. Sitz und Form der einzelnen Tumoren.
Symptome und Diagnostik. Auch nach F s Material ist das Rektumkarzinom
fast doppelt so häufig bei Männern als bei Frauen, und findet sich eine Reihe
von jugendlichen Kranken (2. — 3. Dezennium), von denen nur 13 opei'abel
waren und der itingste Kranke 17 Jahre alt war. Bezüglich des Sitzes unter¬
scheidet er die seltenen Karzinome des Anus, die der Portio perinealK die
häufigen Karzinome der Amnulle (60.7 Proz.) und die hochsitzenden Rektum¬
karzinome. Im 2. Teil bespricht E. die Radikaloperation bzw. die Indikations¬
stellung hiezu, solange noch Aussicht auf Erfolg besteht, soll radikales Ver¬
fahren eintreten, wenn nicht besondere Gegenindikationen (Herz- und Lungen¬
affektionen. zu schlechter Allgemeinzustand) bestehen, auch bei 70- und
75 jährigen Kranken wurde noch radikal operiert. Eine gewisse Vorbereitung
324
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 9
(5—8 Tage vorher täglich 1—2 Esslöffel Rizinusöl), am Tag vor dem Eingriff
Darmspülung, 2—3 Tage vor der Operation nur flüssige Kost, ist von grosser
Bedeutung. Auch die Breslauer Klinik hält eine präliminare Kolostomie nicht
für notwendig, d. h. nur bei bedrohlichen Zuständen (drohendem oder kom¬
plettem Darmverschluss) für indiziert. Die Mehrzahl der Radikaloperationen
(75 Proz.) wurde in Allgemeinnarkose, von 1900 ab in Mischnarkose oder
Rückenmarksanästhesie ausgeführt, letztere mit 0,15 proz. Novokain nach
'/, Stunde vor der Operation gegebenen 0,02 Morphium. Im allgemeinen wird
in linker Seitenlage mit gebeugten Oberschenkeln und etwas nach vorn ge¬
neigter rechter Seite operiert, gelegentlich auch in Bauchlage, mit stärkerer
Beckenhochlagerung; E. bespricht die verschiedenen Arten
Operation (partielle Exzisionen, Amputationen (113 Fähe), Resektionen
(199 Fälle) und Invaginationen (4 Fälle) und die Nachbehandlung. Die
Operationsmortalität betrug 24,5 Proz.. die Dauerresultate, und funktionellen
Resultate werden eingehend gewürdigt, auch die Technik des Anus Praeter-
naturalis wird erörtert (auch bezüglich der Dauerresultate) und in Tabellen
das Resultat der einzelnen Operationsniethoden zusammengestellt
Alexander H e 1 1 w i g bespricht aus der Frankfurter chir. Klinik die Hyper¬
thyreosen leichteren Grades (eine vergleichende klinische und pathologisch¬
anatomische Studie) und geht auf die als unausgebildete Formen (formes frustes
Charcot), Kropfherz. Basedowoid etc. beschriebenen näher ein und gibt
10 Krankengeschichten mit dem histologischen Befund der operierten
Thyreoidea mit Abbildungen, er betont in den leichten Formen genaue Er¬
hebung der Anamnese. Wenn auch dem Exophthalmus die diagnostische
Bedeutung nicht allgemein zugesprochen wird, so äst doch der Glanz der
Augen, die Erweiterung der Lidspalte in der Mehrzahl der leichten Thyreosen,
der feinschlägige Tremor in zahlreichen leichten Fällen zu konstatieren,
ebenso Schlaflosigkeit und Hyperhidrosis, besonders der Blutbefund wird zur
Entscheidung, ob man es bloss mit nervösen Erschöpfungszuständen oder mit
einer progressiven Hyperthyreose zu tun hat, herangezogen. Die histo¬
logischen Befunde lassen zwischen den Hyperthyreosen leichten Grades und
dem klassischen Basedow prinzipielle Unterschiede nicht erkennen. H. sieht
in dem Vollbasedow das charakteristische Endglied in der grossen Kette von
Krankheiten, die bei aller Ungleichartigkeit ihrer klinischen Erscheinungen
doch sämtlich von derselben Ursache herzuleiten sind, der Hypersekretion der
Schilddrüse. , . . , .... ..
H. F. O. H a b e r 1 a n d gibt aus der Kölner chirurgischen Klinik experi¬
mentelle und klinische Untersuchungen mit Chelonin bei chirurgischer Tuber¬
kulose und kommt nach ausführlicher Schilderung seiner Versuche, bak¬
teriellen und klinischen Beobachtungen zu dem Schluss, _ dass es ein Kunst¬
fehler ist, eine prophylaktische oder therapeutische Vakzination mit lebenden,
wenn auch avirulenten, den menschlichen Tuberkelbazillen verwandten |
Mikroben zu üben. .
Ellen L e c h n e r gibt aus der Bonner Klinik einen Beitrag zur Kasuistik
der Hirnangiome und beschreibt nach Anführung von 56 Fällen aus der Lite¬
ratur (von denen 51 auf das Grosshirn entfallen) und Besprechung der
Symptomatologie und des Verlaufes ein faustgrosses Angiom des Schläfen-
lappens, das operiert wurde, aber grosse Schwierigkeiten dabei bot.
Heinr. Altemeyer gibt aus den Dortmunder Krankenanstalten eine
Arbeit zur Technik der Beseitigung von gutartigen Stenosen der Papilla
Vateri und teilt eine von H e n 1 e in mehreren Fällen erfolgreich geübte
Operationsmethode mit. .
Walter Altschul gibt aus der chirurgischen Klinik fn Prag einen
neuen Beitrag zur Äetiologie der Schiatter sehen Erkrankung; teilt 7 neue
Fälle mit. nach denen er seine Ansicht bestätigt findet, dass es sich bei dieser
Erkrankung um eine Verletzung der Tibiaepiphyse, sei es durch direkte sei
es durch indirekte, wenn auch manchmal recht geringfügige Gewalt handelt.
Paul Caan gilbt aus der Kölner Klinik einen Beitrag zur Frage des
Wesens und der Pathogenese derOstitis deformans (Paget) und kommt im
Anschluss an 2 näher mitgeteilte, hauptsächlich Veränderungen an der Tibia
aufweisende Fälle zu der Ansicht, dass es sich dabei weniger um neuro-
pathische Störungen als um Dysfunktion mehrerer zueinander in Wechsel¬
funktion stehender hypokriner Drüsen handelt, deren Hormone entzündungs¬
erregend auf das Knochenmark wirken, denen hyperplastische Wucherungen
und degenerative Umwandlungsprozesse folgen.
Gerhard W o 1 f f beschreibt aus dem Breslauer jüdischen Krankenhause
eine typische, durch Muskelzug entstandene Abrissfraktur der unteren Hais¬
und oberen Brustwirbeldorne und geht auf den Mechanismus, bei dem es
sich meist um einen mit dem Arm zu leistenden Kraftaufwand handelte und
bei dem besonders der Trapezius in Betracht kommt (Heben schwerer Gegen¬
stände vom Boden), näher ein und erwähnt die dabei vorkommenden Sensi¬
bilitätsstörungen. Sehr.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 5.
F. v. Hofmeister: Unterbindung der Art. hepat. propria ohne Leber¬
schädigung.
Verf. schildert 1 Fall von Ligatur der Art. hepat. propr. jenseits des
Abganges der Art. gastr. dextr. bei gleichzeitiger, fast totaler Magenexstir¬
pation mit völlig ungestörter Heilung. Der glatte Heilverlauf erklärt sich
vielleicht daraus, dass eine Triplizität der Leberarterie — normale Art. hepat.,
Art. für den linken und Art. für den rechten Leberlappen — vorlag; jeden¬
falls verdankte die Leber ihre arterielle Versorgung nicht ausschliesslich
dem Kollateralkreislauf durch die Adhäsionen. Trotzdem ist die Art. hepat.
propr. stets mit äusserster Vorsicht zu behandeln.
Prof. Vidakovits - Pest: Zur Frage der Drainage nach Struniektomie.
Verf. ist heute noch Anhänger der Drainage nach Strumektomie und be¬
gründet seinen Standpunkt.
Duschan M a 1 u s e 1 r e w - Subotica: Ueber das Verhalten des Blut¬
druckes bei Achsendrehuiig des Mesenteriums.
An 2 Fällen von Torsion des Mesenteriums konnte Verf. beobachten, dass
die Torsion am Anfang mit einer bedeutenden Blutdrucksteigerung einher¬
geht, während das Zuruckdrehen des torquierten Mesenteriums eine kritische
Blutdrucksenkung zur Folge hat; wodurch die Erhöhung des Blutdruckes
bedingt ist, ist noch ungeklärt, während das Sinken des Blutdruckes durch
die Erweiterung der durch die Torsion gelähmten Mesenterialgefässe ver¬
ursacht wird. Mit 2 Krankengeschichten.
R. V o g e 1 e r - Berlin-Steglitz: Der quere bogenförmige Bauchschnitt
bei eitrigen Bauchoperationen.
Auf Grund günstiger Beobachtungen weist Verf. darauf hin. dass der
quere Bogenschnitt mit Durchtrennung der geraden Bauchmuskeln in be¬
liebiger Höhe auch für eitrige Bauchoperationen die günstigste Bauch
eröffnung darstellt. Die Eiterung einer queren Bauchwunde greift nicht au
die Faszie über, während bei dem Medianschnitt die Eiterung fast stets i
die Tiefe greift' dieser Vorteil wird aber nur erzielt durch die quere Durch
schneidung der Muskulatur. . ...
A. W. F i sehe r -Frankfurt a. M.: Bemerkungen zur Arbeit vo
E. Makai: Zur Frage des sog. Ulcus simplex des Darmes.
Verf. widerlegt kurz die von Makai erhobenen Einwandc.
E. Heim- Schweinfurt-Oberndori.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. 5 und 6.
F. Lichtenstei n- Leipzig: Intra partum spontan entstandenes Bauet
deckenhamatom. ^ g { au{ diese relativ seltene Geburtskomplikation au
merksam gemacht hat, mehren sich die Veröffentlichungen über derartig
Fälle, deren Verlauf und Äetiologie mehrere Abweichungen voneinander bictei
H. Hinsei mann- Bonn: Die Entstehung der Trophoblast- un
Synzytiallakunen des menschlichen Eies. , ,1
Bemerkungen zu der Arbeit von T emesväry: „Ueber ein sehr jungt
menschliches Ei in situ“ im Arch. f. Gyn. Bd. CXV, Heft 1.
Fr. Klee-Bonn: Ein Karzinomsarkom des Uterus.
Schilderung eines grossen Mischtumors. Diese Uteruskombinatiun:
tumoren sind sehr selten. .
Fr. H e in 1 e i n - Bochum: Zur Behandlung der Placenta praevia l.ni
treuryse oder Kaiserschnitt. Ein Beitrag zur kürzlich erschienenen Motu
graphie von F. Hitschmann: „Die Therapie der Placenta praevia .
Kritisch-statistischer Bericht über 133 Fälle unter 11 000 Geburten se
1906. 3 Todesfälle = 2,3 Proz. Kindliche Mortalität — 19,5 Proz. Metrei
ryse ist die Methode der Wahl.
H. R e h - Frankfurt a. M. : Der fünfzigprozentige Alkohol zur Blu
Auswischung bzw. Ausspülung des blutenden Endometriums führt ?
einer stumpfen und raschen Blutstillung, die für manche Situationen ang<
bracht und empfehlenswert sein kann. Bei atonischen Blutungen. Blutung«
post abortum und bei endometritischen Blutungen brachten Spülungen m
50 — 70 proz. Alkohol bald Blutstillung.
N. L o u v o s - Athen: Echinokokkenzyste im Douglas als Geburt
hindernis.
Nr. 6.
J. A m r e i c h - Wien: Ein Fall von primärem Tubenkarzinom.
Der primäre Tubenkrebs ist keineswegs eine besondere Seltenheit. D
Veröffentlichung dieses Falles wird damit begründet, dass der Fall z
Klärung der Frage, welche Rolle die Entzündung für die Entstehung d
Tubenkurzinoms spielt, beitragen kann und auch noch bezüglich der path
logischen Anatomie Besonderheiten aufwies.
V. Hie ss und F. H i r s c h e n h a u e r - Wien: Zur Behandlung d
Wochenbettfiebers.
Bericht über einige Versuche mit kolloidalem Silber, Elektrokollargi
Dispargen, Caseosan, P r e g 1 scher Jodlösung mit den verschiedensten R
sultaten. ...
P. v. K u b i n y i - Szegedin (Ungarn): Herabsetzung der Mortalität d
Freund-Wert heim sehen Karzinomoperation.
Die vom Verf. vorgeschlagenen Verbesserungen bestehen in:
1. gründlichster Vorbereitung des Krebses vor der Operation,
2. verschärfter Wundschutz, insbesondere ein kreisendes Instrume
tarium,
3. Gebrauch von Eingiessung von Wasserstoffsuperoxyd in die Barn
höhle, .,
4. Bevorzugung der kombinierten vagino-abdominalen oder abdomir
vaginalen Methode,
all dies in Verbindung mit der Tiefentherapie als Nachbehandlung.
A. L ö s e r - Berlin : Trichomonas vaginalis und Glykogengehalt
Scheide in ihren Beziehungen zur Kolpitis und zum Fluor.
Polemik mit Höhne, Stephan, Abel in der Bazillosanfrage.
Bettina N e u e r - Nürnberg: Virulenzprüfung der Streptokokken na
S i g w a r t s Methode.
Ausgedehnte Nachprüfung des S i g w a r t sehen Zeichens Hessen ki
einheitliches Ergebnis erkennen: bald Wachstum, bald völlige Wachstun
hemmung der Streptokokken auf den Filtraten, ja selbst unterschiedlicl
Verhalten ein und demselben Filtrat gegenüber. Die S i g w a r t sehe M
thode führt nicht zur Differenzierung und Virulenzerkennung der Strep
kokkenstämme.
M. B e h r e n d - Frauendorf (Stettin): Schwere Schädigung der Unt'
leibsorgane intra partum.
Interessante Kasuistik. Werner- Hamburg
Zeitschrift für Kinderheilkunde. 30. Band. 1. u. 2. Heft. '9
(Nachträglich.)
B. S a 1 g e - Bonn : Die Bedeutung der Geschwindigkeit der Entwickli
für die Konstitution.
Die normale oder anormale Beschaffenheit des kindlichen Körpers
bestimmten Entwicklungsabschnitten ist abhängig von der Geschwindigk
der Entwicklungsvorgänge ; viele als konstitutionelle Anomalien bezeichn
Zustände sind nichts anderes als Anachronismen, als ein Hineinragen frü
normaler Zustände und Funktionen in Lebensabschnitte, in denen sie sei
überwunden sein müssten.
Jos. B e c k e r - Bonn : Ueber Haut und Schweissdrüsen bei Föten i
Neugeborenen.
Aenne S c h m i t z - Bonn: Zur Entwicklung der quergestreiften Mus
latur.
Beide Arbeiten sind durch S a I g e s oben zitierte Meinung veranlag
die eine beweist an Haut und Schweissdrüsen, die andere an der Faserdi-
der quergestreiften Muskeln bei Föten und Neugeborenen, dass grosse jrj
viduelle Verschiedenheiten im Ausbildungszustand beider Arten von Elemen'
bei gleichalten Kindern bestehen. Diese Formelemente entwickeln sich
ungleich rasch, was auf Verschiedenheiten der Konstitution beruhen mt
Albert H u t h - München: Ernährungszustand und Körpermaasse.
31 Schüler einer Klasse wurden von Schulärzten nach klinischen <1
sichtspunkten hinsichtlich ihres Ernährungszustandes beurteilt und in t’
’Z 1 922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
325
;te gebracht. Vom gleichen Schülermaterial wurden verschiedene
maassindizes berechnet und auch diese in Ranglisten angeordnet; es
(sich nicht die mindeste Korrelation zwischen Ernährungszustand und
i:inem Körpermaassindex.
artin V i c t o r - Charlottenburg; Ueber plötzliche Todesfälle lm Säug-
, er als Folge von akuter Nebenniereninsuffizienz.
vei Fälle. Klinische Zeichen: Purpuraartige Hautblutungen, plötzlich
ende gehäufte Konvulsionen, in der anfallsfreien Zeit hochgradige
e, Dyspnoe, kaum fühlbarer, weicher Puls. Anatomischer Befund;
;ung bzw. frische Blutung einer Nebenniere.
. Pfaundler und K. S c h ü b e 1 - München ; Verdauungsversuche
nndarm junger Ziegen bei Einverleibung arteigener und artfremder
abgebundene, aber in situ belassene Darmschlingen neugeborener
|i wurde z. T. Ziegen-, z. T. Kuhmilch, sowohl in nativem als in
i lautem Zustand eingebracht und dann nach einiger Zeit der Rückstand
[ cht. Es ergab sich mangelhafte Erledigung der Kuh- gegenüber der
jnilch, also Resorptionsbehinderung der artfremden Milch, analog den
; en Anschauungen über die pathogene Rolle der Resorptionsverlang-
i für die Entstehung der akuten Verdauungsstörungen beim Säugling,
itz W e n g r a f - Wien; Ueber die Ausscheidung getrunkenen Wassers
läugling.
je wasserausscheidende Fähigkeit der Niere ist schon in den ersten
'tilgen voll ausgebildet. Die Wasserausscheidung ist beim Brustkind
| liessend, beim hypotrophischen etwas verzögert, beim dyspeptischen
jtändig.
ltau v. B a r a b ä s - Pest: Die Behandlung von Säuglingskrankheiten
inschlichen Blutinjektionen.
ite Erfolge bei chronisch ernährungsgestörten und bei exsudativen
igen. Injektion von 8 — 10 ccm Blut der Mutter 6 — 7 mal in Abständen
-5 Tagen.
i ter K u 1 1 e r - Berlin : Masernschutz durch Rehonvaleszentenserum.
Istätigt Degkwitz' Angaben, nur hält er rudimentär verlaufende
i für ungeschwächt kontagiös.
i Pfaundler und L. v. S e h t - München: Ueber Syntropie von
leitszuständen.
wird eine Formel aufgestellt, nach der sich das bisher bloss nach
I ven Eindrücken behauptete vorzugsweise ZusKmmentreffen zweier
jeitszustände in Zahlen ausdrücken lässt. Für verschiedene wichtige
icungen des Kindesalters wird an grossem Material diese Zahl, die
i oder negativ sein kann (Syn- bzw. Dystropie), angegeben. Näheres
jjinal. Gott.
litschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. 74. Bd.
Heft.
[ul Schilder: Bemerkungen über die Psychologie des paralytischen
!i wahns.
Uteilung dreier Fälle von Paralyse, bei denen in ähnlicher Weise, wie
s früher bei Manie festzustellen versuchte, auf der Psychose voraus-
: unliebsame Erlebnisse eine in entsprechenden Grössenideen sich
de, ins Uebermass getriebene Reaktion erfolgte. Die durch die un-
imen Erlebnisse in Gang gesetzten Abwehrmechanismen sind durch
■alytischen Prozess abgeändert (die Grössenideen tragen den Stempel
itiklosigkeit). Während bei 2 Kranken die Grössenideen rasch ab-
, dauerte die dritte Psychose, in welcher die Wahnbildungen einen
bhizophrenen Anstrich hatten, lange Zeit fort.
. thur K r o n f e 1 d - Berlin : Ueber schizophrene Veränderungen des
itseins der Aktivität.
^schafft sich in einer Reihe von Abschnitten: „die psychopathologi-
liennzeichen psychotischer Primärsymptome“, „der gegenwärtige Be-
jswandel des Schizophreniebegriffes“, „psychotische Primärsymptome
I Schizophrenie“, „Bemerkungen zur Phänomenologie des Aktivitäts-
j:seins“, „das Ich und die Gefühle“ erst ein breites Fundament und
ft dann in einem kurzen Abschnitt zuerst die qualitativen Modifiku-
des Bewusstseins der Aktivität, die bei Schizophrenen gleichartig
iert sind wie bei Nichtschizophrenen als ein von psychologischen
ngen genetisch abhängiges, sekundäres, pychisches Geschehen. Spe-
schizophren werden sie erst dann, wenn die primären genetischen
ngen und Fundamente schizophren sind. Die qualitativen Aenderungen
häufigeren. Das seltenere primäre Fehlen des Aktivitätsbewusstseins,
dem Erlebniskorrelat der objektiven katatonischen Sperrungen, Para-
und sonstigen psychomotorischen Anomalien zum Ausdruck kommt,
echtes primäres Symptom der Schizophrenie anzusehen. Hier sind
a der Erlebniskontinuität, wie sie sich eben nur im psychotischen
geschehen finden und dieses eindeutig von allen charakterologischen
ten und Blüten des Schizoids unterscheiden.
iien K a h n - München: Ueber die Bedeutung der Erbkonstitution für
iätehung. den Aufbau und die Systematik der Erscheinungsformen des
s.
unternimmt den Versuch, einige Erscheinungsformen des Irreseins in
iifachen Beziehung zu Erbkonstitution, Konstellation und Umwelt zu
j en, wobei unter Konstellation die durch Umwelteinflüsse erworbene
rrutig des Organismus verstanden wird. Konstellative Eigenschaften
'O im Laufe des Lebens erworbene, nicht vererbbare Eigenschaften,
schliesslich konstitutionell bedingte Krankheiten werden das manisch-
ve Irresein, die Dementia praecox und die Epilepsie besprochen und
I aufzuzeigen versucht, wie man sich ihr Zustandekommen erbbio-
! erklären muss. Kahn nimmt für alle drei Krankheiten das Zu¬
wirken zweier verschiedener Faktoren an, für das manisch-depressive
- eine endokrin-zirkuläre Grundstörung und eine auf diese abge-
]• affine (elastisch-labile) Affektivität, für die Schizophrenie eine An-
’ Schizoid (die allein in gewissen psychopathischen Typen sich aus-
md eine zur Prozesspsychose, für die Epilepsie eine Anlage zu Epi¬
ker allein wieder ein Psychopathentyp entspricht), und eine Anlage
feptisch-endotoxischen Grundstörung. Im Gegensatz zu diesen erb-
i tionell bedingten stehen die vorwiegend konstellativ verursachten
jiten, von denen Kahn die Paralyse und das Delirium tremens be-
Ist im allgemeinen bei der Paralyse die Verursachung und die be-
I Ausbildung der Erkrankung konstellativ bedingt, so muss man bei
('typischen Formen das Hereinspielen in der Anlage gelegener Fak¬
toren annehmen. Die reinen erbkonstitutionellen Formen bedürfen zu ihrer
Manifestation nur der Einwirkung der gewöhnlichen Lebensreize, die reinen
konstellativen dagegen können auf dem Boden jeder beliebigen Erbkonstitution
entstehen. Bei der systematischen Ordnung werden die reinen erbkonsti¬
tutionellen Formen als eigene Gruppen ins System gestellt werden können.
Die konstellativen Formen werden als grosse Gruppen (mechanische,
toxische, infektiöse) zusammengefasst werden müssen. Da jedoch mannig¬
fache Mischanlagen Vorkommen, ausserdem konstellative Faktoren bei erb¬
konstitutionell bedingten Krankheiten und umgekehrt wesentliche Verände¬
rungen der Krankheitsbilder hervorrufen können, wird es oft nicht möglich
sein, eine einfache Diagnose zu machen; es ist dann die mehrdimensionale
Diagnostik im Sinne Kretschmers am Platze. Die erbkonstitutionell-
konstellative Auswertung der pathogenetischen Komponenten — ein Gesichts¬
punkt, welcher der erbbiologischen Forschung zu verdanken ist — verspricht
Klärung auf vielen Gebieten und Beseitigung mancher alter Vorurteile.
Karl B i r n b a u m - Berlin: Grundgedanken zur klinischen Systematik.
Die Psychose ist eine lebendige funktionelle Einheit, die aus dem Zu¬
sammenspiel verschiedenartiger Kräfte sich ergibt. In diesem Zusammen¬
spiel wirken Faktoren sehr verschiedener Valenz, hochwertige, die nahe mit
dem jeweiligen Krankheitsvorgang Zusammenhängen, — das sind formale
Strukturelemente von allgemeiner elementarer Natur — und geringerwertige,
die als Einschaltungen, Aufpflanzungen, Ableitungen, Ausgestaltungen, als
pathoplastische zusammengefasst, nicht zum Wesen einer Krankheit gehörig
betrachtet werden können. Die allgemeineren Grundformen, nach denen sich
praktisch brauchbare klinische Krankheitseinheiten abgrenzen lassen, sind zu
finden als diejenigen, die sich erfahrungsgemäss konstant und gleichartig bei
dem gleichen pathogenen Agens zeigen, die als letzte klinische Gegebenheiten
erscheinen und übrig bleiben, wenn man alles pathoplastische Beiwerk abge¬
streift hat. Dieser letzte Weg ist zurzeit der brauchbarste. B. gibt, um
zu veranschaulichen, wie der Aufbau eines Krankheitssystems nach seinen
Anschauungen zu denken ist. ein vorläufiges Orientierungsmodell, ein kompli¬
ziertes Schema, das hier nicht näher zu besprechen ist.
Hermann H o f f m a n n - Tübingen: Studie zum psychiatrischen Konsti¬
tutionsproblem. Ein Beitrag zum erbbiologisch-klinischen Arbeitsprogramm.
Es ist die Aufgabe der psychopathologischen Forschung, konstitutionelle
und konstellative Eigenschaften zu unterscheiden und vor allem auch aus
den konstellativen die konstitutionelle Komponente herauszuschälen. Bei der
Konstitution ist zunächst zu achten auf die Konstitutionsvalenz, die ver¬
schieden gross anzunehmen ist, je nachdem geringfügige oder starke Milieu¬
faktoren zur Entfaltung des Phaenotypus nötig sind. Die Frage der K.-
Valenz ist von grosser praktischer Bedeutung für die Aufstellung exakter
Erblichkeitsregeln. Unter Hinweis auf Kretschmer bespricht H. ferner
von Konstitutionsarten vor allem die manisch-depressive und schizophrene in
ihren Auswirkungen. Auf den erbbiologischen Zusammenhang des präsenilen
Beeinträchtigungswahns, der Paraphrenien und der Paranoia mit der Schizo¬
phrenie wird hingewiesen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um Konsti¬
tutionslegierungen, „intermediäre Konstitutionen“, deren Bedeutung an ein¬
zelnen Fällen mit manisch-depressiver und schizophrener Erblichkeit aufge¬
zeigt wird. Für manche Melancholien des Rückbildungsalters darf die An¬
nahme einer derartigen . intermediären“ Konstitution als relativ gut bewiesen
gelten. Auch für die Ausgestaltung vorwiegend konstellativer Leiden kommen
sicher meist besondere konstitutionelle Momente in Betracht. In dem
dritten Teil seiner Ausführungen betont H. die Bedeutung der Familien¬
forschung für die Klinik und gibt eine Reihe von in jedem einzelnen Falle
notwendigen Fragestellungen. Als hereditäre Vizinitätsregel stellt er den
Satz auf: Treten zwei klinische Abnormitäten, die bislang in der Systematik
als selbständige Einheiten geführt wurden, besonders häufig in enger heredi¬
tärer Nachbarschaft nebeneinander in einer Familie auf, so ist damit eine
biologische Verwandtschaft, die Beteiligung gleicher Konstitutionselemente
bewiesen.
F. K e h r e r - Breslau : Der Fall Arnold. Studie zur neueren Para¬
noialehre.
Ausführliche Mitteilung einer Krankengeschichte mit guten Selbstschilde¬
rungen und einer eingehenden Analyse, die zu beweisen versucht, dass auf
dem disponierenden Boden der pubischen Persönlichkeitsumbildung als Ant¬
wort spezifisch angelegter Persönlichkeiten auf die entscheidenden Lebens¬
konflikte dieser Altersstufe echte Wahnreaktionen mit derselben Schärfe der
Systematisierung in derselben Aufeinanderfolge von Beziehungs-, Ver-
folgungs- und Grössenwahn Zustandekommen, wie sie bisher als charakte¬
ristisch für die chronisch unheilbare Paranoia gegolten haben. K. glaubt
von einer rein reaktiven, d. h. in kurzer Phase zur vollen Ausheilung
kommenden, also subakuten, echten Paranoia sprechen zu können. Auf Einzel¬
heiten des Falles wie der Analyse kann hier leider nicht eingegangen werden.
Alfred Meyer-Bonn: Ueber das1 L e r i sehe Handvorderarmzeichen.
Wesen und diagnostische Bedeutung.
Das Leri sehe Vorderarmzeichen besteht darin, dass bei Beugung der
Finger gegen die Hohlhand und weiterhin der Hand gegen den Unterarm eine
Kontraktion des Bizeps und Brachioradialis erfolgte, die sich in einer
Beugung des Unterarms äussert. Es findet sich bei 98 Proz. der Gesunden,
fehlt bei Lähmungen, im epileptischen Anfall usw. Asymmetrien sind fast
immer ein pathologisches Zeichen. Sein Fehlen wurde als besonders feines
Symptom der Pyramidenbahnerkrankung angesehen. M. kommt nun an der
Hand von Untersuchungen an einem grösseren Krankenmaterial und Beobach¬
tungen an Gesunden im Gegensatz zu anderen Untersuchern zu der Ver¬
mutung, dass es sich beim L d r i sehen Zeichen nicht um einen Reflex,
sondern um eine Schmerzreaktion handelt.
_ Siegmund A u e r b a c h - Frankfurt a. M.: Ueber zentrales Fieber nach
Gehirn- und Rückenmarksoperationen.
An der Hand eigener Fälle, solcher aus der Literatur und der physio¬
logischen Untersuchungen kommt A. zu dem Schluss, dass die Hauptursache
der zentralen Hynerthermie in den die Ventrikel eröffnenden oder die Ven¬
trikelwand ohne Eröffnung in einen Reizzustand versetzenden Verletzungen
gelegen sei. Erheblicher Abfluss oder Stauung von Liquor bewirkt eine
derartige Reizung. Um die Annahme einer individuell verschiedenen La¬
bilität der wärmeregulierenden Zentren kommt man nicht herum. Für die
Indikationsstellung kann die Möglichkeit der offenbar für sehr junge und alte
Menschen gefährlichen Hyperthermie nichts ändern.
Josef Gerstmann - Wien: Ueber die Einwirkung der Malaria tertiana
auf die progressive Paralyse. II. Mitteilung.
G. berichtet zusammenfassend über 200 Fälle, vorwiegend Paralysen,
die mit Mal. tert. behandelt wurden. Ausser 25 früher besprochenen, bei
326
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
denen günstige Erfahrungen erzieh wurden, blieben von 116 neu verwerteten
Paralysen nur 38 ungebessert; von den übrigen wiesen 42 mit einer KranK-
heitsdauer bis zu 2'A Jahren Remissionen ohne Zeichen einer psychischen
Defektuosität auf, 22 solche, bei denen die Defekte nicht ohne Ä'fn “
erkennen waren (Krankheitsdauer bis zu 3 A Jahren) und “d . ,
missionen (Krankheitsdauer bis zu 6 Jahren) mit ohne weiteres erkennbaren
Schwächezuständen. Die angegebenen Zahlen sind keine endgult'^®n- ' d* d'e
unvollkommenen Remissionen noch spät zu vollkommenen werd •
Unter dem Einfluss der Behandlung traten vielfach Aenderungen des KranK-
heitsbildes auf. delirante, paranoide, halluzinoseartige, katatone, hysteriforme
Bilder, die nun die Szene beherrschten und kurz oder lange anh>e“en, ohne
die Prognose zu verschlechtern. Zwischen dem serologischen und klinischen
Verhalten besteht keine Uebereinstimmung. Die unvollkommenen Remis¬
sionen zeigen eher weitergehende Besserungen des serologischen Befundes
In vielen klinisch gebesserten Fällen findet sich sogar eine Verschlechterung
des serologischen Befundes. Die günstigsten Aussichten bieten die am wenig¬
sten fortgeschrittenen Fälle. Die Remissionen können sehr rasch., aber auch
erst nach Monaten deutlich werden. Sie scheinen dauerhaft zu sein ; manche
dauern schon 4 Jahre an. Ob man nun die Malaria mit Chinin bekämpft
oder ob man ausserdem noch Salvarsan gibt, scheint ohne Belang für die
Behandlungsaussichten zu sein. . .
V K a f k a - Hamburg: Die Kolloidreaktion des Liquor cerebrospinalis.
K bespricht auf Grund seiner ausgedehnten Erfahrungen die Kolloid-
reaktionen. die eine Erweiterung unserer bisherigen Liquordiagnostik be-
deuten, weil sie am empfindlichsten sind und uns ein Bild der qualitativen
Eiweissverhältnisse geben. Schlüsse *us den gewonnenen Kurven dar!
freilich nur der ziehen, der die Technik beherrscht und die kolloidchemischen
Grundlagen genau kennt. Die Ergebnisse der im ganzen besten Goldsol-
reaktion sind nur verwertbar, wenn die Lösung makroskopisch und vor
allem biologisch einwandfrei ist, d. h. auf Salz- und Kolloidempfindlichkeit
geprüft worden ist. Da die Empfindlichkeit der Goldsolreaktion gegen
äussere Einflüsse eine sehr grosse ist und man diese bisher nicht auszu¬
schalten versteht, ist die durch besondere Verfahren empfindlicher gemachte,
dabei viel weniger diffizile Mastixreaktion oft vorzuziehen. K gibt als
besondere Modifikation die gefärbte Normomastixreaktion an und empfiehlt
bei einer Verdünnung von 1 : 1 anzufangen. Die Berlinerblaureaktion bei
einer Verdünnung von 1:100 ist nur verwertbar für die Diagnose des nor-
malen Liquors, wenn sie negativ ist, und für die Erkennung der Meningitis.
Die anderen Kolloidreaktionen (Cercolid-, Kollargol-, Benzoereaktion der
Franzosen) kommen neben den drei ersten nicht oder noch nicht in Betracht.
Die charakteristischen Kurven sind die der Paralyse und der Meningitis. Bei
nichtparalytischen syphilitischen Erkrankungen des Nervensystems -finden sich
abgeschwächte Meningitiskurven, deren Minimum die sog. Lueszacke ist.
Die sog. abortiven Paralysekurven bei luetischen Prozessen konnte K. als
nach links verschobene Lueszacken deuten. Als Grundlage der Kolloid-
reaktiönen ist das qualitative, weniger das quantitative Verhalten der Liquor-
eiweisstnischung anzusehen. Die Kolloidkurven erleichtern vielfach die
klinische Diagnose vor allem im Bereiche der luetischen Erkrankungen.
Wenn sich gegenüber einigen Krankheiten (mutt. Sklerose, Tumoren, mit
starkem Abbau einhergehende Arteriosklerose) Schwierigkeiten ergeben, so
gestattet doch das Gesamtbild der Liquorveränderungen im Verein mit der
Klinik meist die Diagnose. Bei günstiger Entwicklung können die Kolloid-
reaktionen dahin führen, bei der Erkennung des pathogenetischen Prozesses
mitzuhelfen.
F. K. W a 1 1 e r - Rostock : Zur Histologie Und Physiologie der mensch¬
lichen Zirbeldrüse. , ,,
W. tritt zunächst gegenüber anderen Autoren für die Nervenzellennatur
der von ihm beschriebenen Pinealzellen mit Fortsätzen und Endkolben ein.
Ferner stellt er im Anschluss an einen genauer beschriebenen Fall (Gliome im
Kleinhirn. Verwirrtheitszustand, zunehmende Hirndruckerscheinungen, epi-
Icptiformc Anfälle, Tod im Anfall nach langjähriger Krankheitsdauer), bei
dem sich die Zirbel um das Dreifache vergrössert fand und vor allem die
Randgeflechte hypertrophisch waren, unter Heranziehung einiger weiterer
Fälle die Hypothese auf, dass der Zirbeldrüse eine hirndruckregelnde Funk¬
tion zukomme.
F. P 1 a u t - München: Vergleichende Untersuchungen über Phagozytose
in Serum, Kochsalzlösung und Liquor.
Während gewaschene und ungewaschene menschliche Leukozyten in
aktivem Serum gleich stark Amylum phagozytieren. geht die Phagozytose in
inaktiviertem Serum verlangsamt vor sich und erreicht geringere Werte.
Gewaschene Leukozyten nehmen weder in 0,85 proz. Kochsalzlösung, noch
in Normosallösung, noch endlich im Liquor Amylum auf. Dagegen phagozy¬
tieren ungewaschene Leukozyten in Kochsalzlösung nach anfänglicher Verlang¬
samung in gleichem Umfange wie in aktivem Serum. Im Liquor, gleichgültig ob
dieser erhitzt wurde oder nicht, phagozytieren ungewaschene Leukozyten erst
nach längerer Exposition und in geringerem Prozentsatz. Der Eiweissreichtum
in den untersuchten Grenzen spielt dabei keine Rolle. Auch wenn man dem
Liquor Serum zusetzt, ist die Phagozytose beschränkt, bei 10 Proz. Serum¬
gehalt noch sehr gering. Der Zusatz von Liquor zu Kochsalzlösung schwächt
die Phagozytose ungewaschener Leukozyten erheblich ab; sie bleibt von
einem 40 proz. Zusatz an nach 20 Minuten nahezu aus. Mehrstündige
Digestion ungewaschener Leukozyten mit Liquor verändert die Phagozytose
nicht. Digeriert man jedoch mit Liquor bei 37°, so wird die Phagozytose
abgeschwächt, jedoch nicht mehr als bei Digestion mit Kochsalzlösung oder
Serum bei 37°. Wäscht man die Leukozyten jedoch nach der Digestion
bei 37°. so zeigt sich keine Veränderung der Phagozytose gegenüber nicht-
digerierten Leukozyten. Es wird gefolgert, dass der hemmende Einfluss des
Liquors auf die Phagozytose nicht darauf beruht, dass die Leukozyten in
dieser Flüssigkeit in besonderem Masse geschädigt werden.
Zum Schluss bespricht P. mit grösster Vorsicht die Bedeutung seiner
Befunde, wenn sich heraüsstellen sollte, dass .auch für die Bakterienphago¬
zytose der Liquor als solcher ein ungeeignetes Medium ist und um so ge¬
eigneter wird, je mehr er den Charakter des Serum annimmt.
von äusseren Umständen ab. sei nicht als diagnostisches Zeichen zu vi
wenden. Das Verhalten der Kinder beim Liebesgebahren sei als charakte:
logisches Kennzeichen zu verwerten, es deute oft eijd^n^l^g e^ünchen
Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 nicht eingetroffen, w
später referiert. Nr. 6 u. 7.
Al. E 1 1 i n g e r - Frankfurt a. M.: Die Angriffspunkte der Diuretika.
Uebersichtsreferat.
F. Karewski - Berlin: Ueber den Bauchschmerz und seine different
diagnostische Bewertung bei akuten abdominellen Erkrankungen. I
Verf. erörtert zunächst die Bedingungen,’ unter welchen abdominelle
krankungen zu Schmerzen führen, gibt eine kurze Charakteristik der abdo '
nellen Schmerzen. Die Beschaffenheit spontaner Bauchschmerzen kann
klare klinische Bilder bei kritischer Beurteilung wenigstens soweit :l
klären, dass man sagen kann, ob die Erkrankung noch das ursprünglich
fallene Organ betrifft, oder ob sie schon auf das Peritoneum ubergegru
hat. Die richtige Art der Untersuchung wird auseinandergesetzt, auf die
die Differentialdiagnose sehr viel ankommt, die anatomischen Unterlagen
die richtige Lokalisierung des Ausgangspunktes der Schmerzen werden!
Kürze dargestellt. Skeptische Beurteilung, sorgfältige und Zusammenhanges
klinische Beobachtung, Wertung der psychologischen Fehlerquellen kfivj
die richtige Diagnose weitgehend sichern
E. Billigheimer - Frankfurt a. M.: Der Kalziumspiegel Im Blute :
seine Beeinflussung durch verschiedene Gifte. ]
Zunächst ergaben die angestellten Versuche, dass der Kalziumspiegel I
bei jedem Menschen der gleiche ist, nämlich ca. 9,4 mg-Proz. betragt. Nl
Adrenalininjektionen wurde Sinken des Kalkspiegels gefunden, nach Pilokaa
zeigte sich eine Tendenz zur Steigerung, nach Atropin blieb der Kalkspul
am konstantesten, auf Natriumphosphat zeigte sich ein Absinken. Verf. I
schliesslich eine Theoriß der Wirkungen dieser Gifte.
H. Meyer- Göttingen: Die chronische Duodenalstenose.
2 Fälle dieser in ihrem Wesen noch nicht geklärten Erkrankung werj
mitgeteilt. In beiden wurde operiert und die Duodenojejunostomie ausgtfiij
Die klinischen Erscheinungen sind spärlich, Verwechslungen mit Pyloi
Stenose liegen nahe. Das Krankheitsbild des artenomesenterialen Duodef
Verschlusses gibt vielleicht Erklärungsmöglichkeiten.
Eva Langanke-Königsberg: Ueber die morphologischen Bestandli
des Duodenalinhaltes und ihre differentialdiagnostische Bedeutung.
Verf. hat auf Grund der Rothman-Manheim sehen Angaben
20 Fällen die durch die Duodenalsonde gewonnene „Galle“ auf ihre morii
logischen Bestandteile untersucht. Sie kann sich aber der Ansicht der bei
genannten Autoren, dass eine äusserste Zellarmut den Duodenalinhalt cr.a
terisiere, nicht anschliessen, in den meisten Fällen fand sie zahlreiche zej
Bestandteile, z. T. auch Leukozyten. . •
C P o s n e r - Berlin: Eine bisher unbekannte Form der Azoosper:
In einem näher mitgeteilten und noch 2 weiteren Fällen bestand I
dem Kranken, der nie geschlechtskrank gewesen war und dessen Potenz m
war, Azoospermie aus dem Grunde, dass infolge eines noch nicht aulgeklaj
Hindernisses die im Hoden tatsächlich nachgewiesenen Spermatozoen nicti
das Ejakulat gelangen konnten. P. bezeichnet diese Form als angeboi
Obliterations-Azoospermie. Eine Therapie ist bisher nicht gefunden.^
J. K 1 i p s t e i n - Mannheim: Ueber einzeitige Salvarsan-Embarin- I
Saivarsan-Cyarsal-Behandlung. ... .
Die bisherigen Versuche führten zu dem Eindruck, dass die beiden
nannten Methoden die syphilitischen Symptome rasch beseitigen, die V
günstig beeinflussen und ernstere Zwischenfälle nicht verursachen. Ein na
vorteil liegt in der absoluten Schmerzlosigkeit der Anwendung. Ein we;
licher Unterschied in der therapeutischen Wirksamkeit der beiden MetM
wurde nicht festgestellt. , , .
R. Schelcher - Dresden: Zur Behandlung der Dlphtheriebazillentri
mit Dlphthosan. , .
Das Diphthosan ist ein Flavizidpräparat, das mit Sussstoff versetzu
Das Ergebnis der Versuche fordert zu weiterer Prüfung auf. Die Behandl
mittelst Spülungen oder Einträufelungen einer Lösung von 1 : 5000 kann ,
im Privathause durchgeführt werden. Bei einfachem Schnupfen wurde!
Erfolg des Mittels nicht gesehen.
Th. G ö 1 1 - München: Psychische Anomalien im Klelnklndesalter.
Der Zeichnung der verschiedenen klinischen Bilder, welche sich ausl
mannigfaltigen psychischen Anomalien der Kleinkinder ergeben, schliesst I
sehr bemerkenswerte Ausführungen an, wie sich die Verkennung dieser
stände gestalten kann, d. h. die unrichtige Annahme solcher Anomalien,
recht vielen Fällen, welche den Eindruck von psychischen Anomalien i
bieten, handelt es sich um das Ergebnis von Nichterziehen durch Eltern]
sich selbst nicht in der Hand haben. Fehler und Unterlassungssünden u
frühesten Erziehung des Kleinkindes spielen eine sehr grosse Rolle, eine sl
leitete geistige Entwicklung liegt oft zugrunde.
de Bo er: Paroxysmale Tachykardie.
Die ventrikuläre Form von paroxysmaler Tachykardie ist dasselbe’
gehäufte Extrasystolie der Kammern, bei welcher die Erregung lantl
aber nicht „ruckweise rundkreist“. Durch das Experiment beim rrj
herzen wurde gezeigt, dass man die künstliche paroxysmale Tachyk
beenden kann, indem man der rundkreisenden Erregung durch einen IO
tionsschlag eine zweite Erregung entgegenschickt.
S. d e B o e r - Amsterdam: Die Prädisposition der Vorhöfe zum '
Jakob K 1 ä s i - Zürich: Beitrae zur Frage der kindlichen Sexualität.
K. gibt eine Reihe von wirklich netten Kindergeschichtchen, mit denen
er beweisen möchte, dass es ein Erwachen des Geschlechtsempfindens im
Sinne des Manifestwerdens nach vorangehender vollständiger Ruhe nicht
gebe. Der Sexualtrieb könne sich schon im frühesten Lebensalter, wenigstens
auf psychischem Gebiete, mit allen seinen besonderen Qualitäten äussern
wie bei Erwachsenen. Ob es dabei zu sexuellen Akten komme, hänge rein
mern.
fl« # y-V . « ,
Beim Flimmern zirkuliert die Erregung ruckweise in einer Kien
dieser Bedingung kann von den Vorhöfen leichter entsprochen werde'
von den Kammern, da bei den ersteren eine ziemlich zirkumskripte I
trittsstelle der Erregung besteht.
H. Langer und E. M e n g e r t - Charlottenburg: Ueber Hellprin;’
der akuten Ernährungsstörungen im Säuglingsalter und die Möglichkeit
Koliserumtherapie. ..
Die Bedeutung des Koliserums scheint den Verfassern darin zu n]
dass es durch Zuführung von spezifischen Schutzstoffen das ergänzt,
der künstlichen Heilnahrung fehlt und sie von der Frauenmilch untersch
Das injizierte Koliserum beschleunigt in vielen Fällen die Reparation.
F ü 1 1 e b o r n: Ueber den Infektionsweg bei Askaris.
Auf Grund neuer Versuche kann Verf. bestätigen, dass mit den Eierr
schluckte, reife Askarislarven sich verhalten wie verfütterte Strongy'
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
327
z_1922.
me, indem sie von den Darmwänden aus durch die Pfortader zur
und dann auf dem Blutwege zur Lunge gelangen. Ein Teil der
larven gelangt regelmässig durch die Lungen zum linken Herz und
mn in alle Organe eingeschwemmt werden.
gen S c h u 1 1 z e - Marienburg: Oberschenkelosteomyelitis nach Zahn¬
ung.
suistische Mitteilung.
Haudek und A. Kriser-Wien: lieber die Röntgenbehandlung
s e d o w sehen Krankheit.
f Grund ihrer Erfahrungen und zahlreicher Angaben in der Literatur
lie Verfasser lebhaft für diese Therapie ein. Die Misserfolge betragen
:rschiedenen Statistiken nur 10 — 25 Proz. lieble Begleiterscheinungen
sich heute durch entsprechende Technik vermeiden, auch die Kapsel-
hsungen, wegen welcher Eiseisberg vor den Bestrahlungen
treten nicht in dem befürchteten Grade auf. Die Technik wird be-
n.
ch bei Herzneurosen mit kardiovaskulären Beschwerden haben die
er bei richtiger Dosierung oft Gutes erreicht. Verfasser bekennen sich
Standpunkte, dass kein Basedow operiert werden soll, ehe er nicht
lt worden ist.
Engelsmann - Kiel: Die neue Desinfektionsordnung und der prak-
Arzt.
ly.
F r a n k - Breslau : Das Tetaniesyndrom und seine Pathogenese,
rbersichtsartikel.
. R e h n - Freiburg i. Br.: Ueber myoelektrische Untersuchungen bei
scher Katalepsie.
rf. hat zu seinen Untersuchungen eine eigene Methode mittelst sog.
stichelektroden angewendet und konnte im Gegensatz zu den Ergeb-
von Fröhlich und Meyer zeigen, dass im hypnotischen Zustand
orische Entladungen in der Muskulatur bestehen, welche anscheinend
iem Typus der normalen Innervation entsprechen. (Vergl. die Kurven
iginals!) Der Muskel leistet im Zustand der Hypnose eine elektrisch
ire Tätigkeit, welche unmittelbar mit der äusseren Arbeit verknüpft
: ist zu folgern, dass die kataleptische Muskelstarre einfach als Tetanus
gehäufter gewöhnlicher Innervationen anzusprechen ist.
K ü s t n e r - Breslau: Schwangerschafts- und Menstruationsglvkosurie.
:rf. berichtet über Versuche zur Klärung der Frage, ob die Glykosurie
ersten Monaten der Gravidität renalen Ursprungs ist. Aus diesen
nen scheint hervorzugehen, dass der renale Diabetes nicht in ursäch-
Zusammenhang mit dem Ei resp. der Plazenta steht, sondern dass
die veränderte Funktion des Ovariums die Zuckerausscheidung be¬
st.
S a 1 o m o n - Giessen: Die entzündlichen Augenerkrankungen der Neu-
len in der Nachkriegszeit.
itsprechend der Zunahme der weiblichen Gonorrhöe in der fraglichen
iegen auch die entzündlichen Augenerkrankungen der Säuglinge an.
rzlich erschienene Statistik aus Bayern, welche das Gegenteil darzutun
, muss Zweifeln begegnen. Die nichtgonorrhoischen Augenentzundungen
lerdings zurückgegangen. Ihre Prognose ist durchaus günstig, wenn
er Behandlung jede Polypragmasie vermieden wird. Für die Prophy-
r gonorrhoischen bewährte sich die Sopholanwendung (Verbindung von
Formaldehyd und Nukleinsäure). Davon wird I Tropfen einer 5 proz.
: ins Auge gebracht. Verf. fordert die obligate Anwendung der
höeprophylaxe durch ganz Deutschland.
F r ä n k e 1 - Breslau: Erfahrungen und Dauerergebnisse in der
othoraxbehandlung der Lungentuberkulose.
e Erfahrungen an 75 resp. 57 Fällen sind dem Berichte zugrunde gelegt,
usbleiben des Erfolges bei einem Teile dieser Fälle wird von Verf.
ichlich dem vorzeitigen Abbrechen dieser Behandlung zur Last gelegt,
mg der Erfahrungen und der bei der Methode beobachteten Gesichts-
Bezüglich der Technik hat die Stichmethode sich in ihrer heutigen
Ikommnung durchgesetzt. Das Verfahren ist im grossen und ganzen
r, kann aber kaum in die Hand des praktischen Arztes gelegt werden,
auptkampf gegen die Tuberkulose liegt nach wie vor auf sozialem
. L o t s c h - Berlin : Die traumatischen Läsionen des Talus.
ergl. Bericht der M.m.W. (1921 Nr. 50) über die Sitzung der Berl.
lesellschaft vom 1. Dezember 1921.
S e 1 b r i g - Berlin-Weissensee: Die operative Frakturbehandlung nach
;rf. hat viele Frakturen mit dem Verfahren der Knochenverschraubung
eit, das La ne 1894 angegeben hat. Der Vorteil der Knochennagelung
esonders in der Herstellung einer normalen Knochenkonfiguration, auch
ran die Methode bei infizierten und komplizierten Frakturen mit Erfolg
len. Die Methode verdient eine grössere Beachtung.
Michaelis: Die Abhängigkeit der Wirkung der Chininalkaloide
kterlen von der Alkalität,
icht zu kurzer Inhaltsangabe geeignet.
. Königsfeld - Freiburg i. Br.: Ueber die Beeinflussung des mensch-
Stoffwechsels durch Chlorophyllpräparate.
erf. teilt in Kürze mit, dass es durch Zufuhr von Chlorophyllpräparaten
5san) gelingt, den menschlichen Stoffwechsel im Sinne einer Steigerung
anflussen.
• Dreser: Die Bewegung der Atemluft in den Alveolargängen der
3? '
halt kann nicht gekürzt wiedergegeben werden.
La n d e n b e r ge r - Würzburg: Tuberkulinprobe und Skrofulöse
len Erfahrungen bei der augenärztlichen Klientel.
ie hier mitgeteilten Erfahrungen zeigen, dass die Tuberkulinprobe bei
hugenärztlichen) Bild der Skrofulöse als diagnostisches Hilfsmittel kaum
;tge kommt; sie gibt jedoch einen wichtigen Anhaltspunkt für den
der Allergie des kranken Körpers und besonders seines Integuments,
lergie läuft weitgehend mit der Ekzembereitschaft des Körpers parallel,
r. L ö f f 1 e r - Halle a. S.: Grundregeln für den Fixationsverband,
usammenfassende Instruktion für den Praktiker über dieses Thema,
f f 1 e r - Danzig: Der Arzt als Gesundheitslehrer,
erf. fordert innerhalb der berufsmässigen Hingabe an das Volkswohl
ing der neugestellten Aufgabe, Gesundheitslehrer zu werden,
echtsanwalt H. .Friedländer - Charlottenburg: Steuergesetze.
H. G r ü s s: Flüssige Kristalle. Feuilleton.
R. F r e i s e - Berlin : Klinische Mikromethoden unter besonderer Berück¬
sichtigung der neueren Verfahren.
Referat. Grass mann - München.
Medizinische Klinik. Heft 6.
F. Deutsch und R. P r i e s e 1 - Wien : Herzuntersuchungen bei
Schwangeren und Gebärenden.
Auf Grund zahlreicher radiologischer Befunde zeigt sich das gesunde
Herz wohl unter dem Einfluss der Gravidität vergrössert, jedoch nur in sehr
geringem Maasse. Ausserdem ergab sich, dass diese Vergrösserung auf
Rechnung beider Herzanteile zu setzen ist, dass dieselbe durch die Wehen¬
tätigkeit keine weitere Zunahme erfährt und sich im Wochenbett sehr rasch
zurückbildet. Der objektive Befund akzidenteller Herzgeräusche in der
Gravidität dürfte auf eine gewisse Neigung zur Funktionsschwäche hinweisen.
H. B i b e r s t e i n - Breslau: Ueber Hautdiphtherie, insbesondere die
ekzematoide Form.
Die „Diphtheria ekzematoides“ ist den nicht charakteristischen Formen
der Wunddiphtherie- an die Seite zu stellen und durch genaue bakteriologische
Untersuchung mit Sicherheit zu diagnostizieren. Die Wirksamkeit der Serum¬
behandlung ist ungenügend; bewährt hat sich dagegen das Eukupin: Betupfen
mit 5 proz. alkalischer Lösung, Verband mit 2 proz. Salbe.
Umfrage über die neue Influenzaepidemie.
Prophylaxe gegen die Tröpfcheninfektion ist allgemein hygienisch; die
Inkubationszeit dürfte nur nach Stunden zählen. Erworbene Immunität wird
von manchen angenommen. Der Eintritt feuchter Witterung hat zweifellos
einen Einfluss auf die Infektionswelle; abgehärtete Personen bleiben gewöhn¬
lich verschont. Der Pfeiffer sehe Bazillus wurde im Sputum oft ge¬
funden. Charakter der Epidemie allgemein als leicht bezeichnet. Salizyl-
präparate bewähren sich am besten. Der von einem der Beantworter ge¬
machte Vorschlag der „Alkoholprophylaxe“ wird sehr bald den Weg in die
Tageszeitungen finden.
L. Lindenfeld - Wien: Ueber Meningitis gonorrhoica.
Mitteilung der Krankengeschichte und des genauen Obduktionsbefundes;
der histologische Befund der Meningitis war übrigens nicht spezifisch.
A. L i n h a r t - Plan: Ueber vorübergehenden Verschluss von Körper¬
öffnungen mittels Hautknopflöchern.
Empfehlung für den Verschluss des abdominalen Anus praeternaturalis.
H. v. 0 r t e n b e r g - Santa Cruz: Zur Kasuistik seltener Ileusfälle.
Persistenz des strangförmigen Ductus omphalo-mesentericus und Strangu-
lationsileus.
F. Friedländer- Charlottenburg: Nachtrag zu meiner Arbeit: Ueber
senile Hysterie (Astasie-Abasie und Vagotonie).
Sektionsbefund bestätigte die klinische Diagnose.
R. Feustell - Grünau: Ueber praktische Erfahrungen mit Lytophan.
Gegenüber geringen Erfolgen bei chronischer Gicht ist für rheumatische
Erkrankungen aller Art und jeden Verlaufes das Mittel dem Praktiker zu
empfehlen.
W. Gaethgens und G. S a 1 v i o 1 i - Hamburg: Beitrag zu Theorie
und Praxis der Ausflockungsreaktion von Sachs und G e o r g i.
Bei der Kombination von S.-G.-R. mit der Wa.R. ergeben nur spezifische
Ausflockungen eine Hemmung der Hämolyse, während unspezifische Aus¬
füllungen negativ reagieren. Da letztere vornehmlich nach kürzerer Ein¬
wirkung der Bruttemperatur auftreten, empfiehlt sich die Ablesung in zweifel¬
haften Fällen erst nach 48 Stunden.
Ernst T o b i a s - Berlin : Ueber die Bedeutung der Hydro- und Thermo-
therapie für die Physiologie und Pathologie des weiblichen Sexualapparates.
Klinischer Vortrag. S.
Schweizerische Medizinische Wochenschrift. 1921. Nr. 50 (nach¬
träglich).
Hotz: Zur Kropffrage.
Verf. fand bei behäbigen, fetten Frauen im Klimakterium mit grosser
diffuser oder knotiger Struma (grober Kolloidkropf mit Hypothyreose) guten
Erfolg von Jodkali (5 proz., je 5 Tropfen an den ersten 5 Tagen jeden Monats),
wahrend bei vorzeitig erschöpften kropfigen Frauen im geschlechtsreifen Alter
Jod sehr gefährlich ist, die rechtzeitige Operation vollen Erfolg bringt. Bei
Kindern sah er, dass in der gleichen Familie jüngere Kinder kretinisch, ältere
hyperthyreotisch waren bei ganz gleichen, weichen, pulsierenden Kröpfen,
kleinbläsig mit flüssigem Kolloid, hohem Epithel. Ist bei der ersteren Gruppe
Jod erfolglos, soll man operieren und hat dann oft noch Erfolg. Verf.
befürwortet sehr die Jodprophylaxe im Kindesalter nach K 1 i n g e r u. a.
Galli-Valerio - Lausanne: La flagelliase des Euphorbiacees en
Suisse. (3e contribution ä l’adaptation des parasltes.)
M a s s i n i - Basel: Ueber tuberkulöse Myokarditis.
Bei einem Fall von chronischer Myokarditis, der weder intra vitam noch
bei der Sektion Zeichen von spezifischer Tuberkulose irgendeines Organs
darbot, wurden mittelst Tierversuchs aus dem Herzmuskel Ttiberkelbazillen
vom Typus humanus gezüchtet.
W. L ü s c h e r - Basel : Ueber Myocarditis tuberculosa.
Sehr ausführliche Beschreibung von 2 Fällen mit ganz verschiedenem
histologischem Charakter (produktiv-entzündliches Granulationsgewebe und
chronisch fibroplastische Entzündungsform), aber positivem Bazillcnbefund.
Verf. weist darauf hin, dass bei systematischer Anwendung des Tierversuchs
Myokarditisfälle wohl häufiger als tuberkulös erkannt würden, wofür ja auch
Liebermeisters Erfahrungen sprechen. E. Jacob- Bremen.
Oesterreichische Literatur.
Wiener Archiv für innere Medizin. III. Band, Heft 3.
N. Roth -Pest: Respirations-Stoffwechselversuche an Röntgen-behandel-
ten Basedow-Kranken.
Die Respirationsstoffwechselanalyse gibt Aufschluss über den bei
Basedowkranken gesteigerten Oxygenverbrauch und die Kohlensäureausgabe.
In den untersuchten, ausgesprochenen Basedowfällen wurde nach Röntgen¬
bestrahlung in beiden Punkten eine Wiederherstellung zur Norm gefunden
und somit die Wirksamkeit der Behandlung erwiesen. Bleibt diese Wir¬
kung aus, so ist die Fortsetzung der Bestrahlung aussichtslos. In der
328
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
unausgebildeten Form fehlt obige Stoffwcchselstörung, weshalb auch diese
Kontrolle des Bestrahlungserfolges nicht tunlich ist.
St. Rusznyak - Pest: Krankheiten und Jahreszeiten.
Der Einfluss der Jahreszeiten auf die Krankheitshäufigkeit ist vielfach
beobachtet, die Ursachen noch wenig aufgeklärt. Aeussere, zumal klimatische
Einflüsse kommen vor allem für die Infektions- und ..Erkältungs krankheiten
in Betracht, für andere Krankheiten sind periodische Einflüsse der Innen¬
sekretion und Regulationen von Seite des vegetativen Nervensystems, auch
wechselnde Zustände der Anaphylaxie, anzunehmen. Eine grössere Zahl
von Krankheiten zeigt eine jährlich zweimalige Häufung (Frühjahr und
Herbst), so die Tuberkulose, die Rheumatismen, Malaria, Nephritis, das
Magengeschwür, Cholelithiasis und Neurosen, klimakterische Störungen.
Andere häufen sich im Frühjahr: Geisteskrankheiten, Tetanie, Basedow,
Gicht, Diabetes, Chlorose. Herzfehlerbeschwerden, andere im Herbst: Tabes,
Duodenalgeschwür, Asthma, Hirnblutungen.
A. v. F e k e t e, D. Fuchs, B. M o 1 n a r - Pest: Ueber die Nephro-
pathia gravidarum. .
Für die Nephropathia gravidarum lassen sich zwei, allerdings häufig
sich vermischende Typen aufstellen: 1. der nephrotische, verbunden mit
Kochsalz- und Wasserretention (Oedeme), ohne Blutdrucksteigerung, Augen¬
hintergrundsveränderung und ohne Vermehrung des Restnitrogens im Blut¬
serum, 2. der nephritische mit Nitrogenretention, Blutdrucksteigerung und
Retinitis albuminurica. Ersterer reagiert meist gut auf wasser- und kochsalz¬
arme Diät, letzterer tut das nicht und zeigt rasche Progression und führt
oft zur künstlichen Unterbrechung der Schwangerschaft. Die Eklampsie be¬
trifft — ausser scheinbar Gesunden — vorzugsweise die nephrotischen
Formen. Die Nephrose hat ihre pathofogische Grundlage in einer Erkrankung
der Gefässe des Unterhautzellgewebes oder auch der Nieren, die Nephritis
in der Erkrankung der Nierengefässe, die Eklampsie in der Erkrankung der
Gehirngefässe.
L. Karczag und D. Marko-Pest: Zur Differentialdiagnose der
sterno-mediastlnalen Dämpfungen.
Für die Differentialdiagnose sind vor allem zu beachten die anatomischen
und respiratorischen Verhältnisse der rechten Lunge, welche bis zur Mitte
des Brustbeins reicht und sich keilförmig zwischen das Brustbein und die
Mediastinalgebilde einschiebt und die Veränderungen der Aorta (Aorta pro¬
minens und praecurrens), welche röntgenologisch festzustellen sind.
St. Rusznak und J. Barat-Pest: Ueber den Mechanismus
der Resistenzveränderung der roten Blutkörperchen.
Betrifft vor allem die erhöhte Resistenz der jungen Blutkörperchen gegen¬
über der osmotischen und chemischen Hämolyse.
F. S t e r n b e r g - Pest: Ueber Purpuraerkrankungen.
Analyse verschiedener Fälle von essentieller Thrombopenie, chronisch
intermittierende Thrombopenie, akuter essentieller Thrombopenie, anaphylak¬
toider Purpura, toxischer, Ernährungspurpura.
K. Hajo s-Pest: Ueber den Einfluss des Magensaftes auf die Bakterien
der Typhus-Koli-Dysenteriegruppe.
Die keimtötende Wirkung des Magensaftes auf die genannte Bakterien¬
gruppe beruht nur auf seinem Salzsäuregehalt. Die Abtötung erfolgt bei
dem normalen Magensaft in 15 — 20 Minuten. Ihr entgehen am ehesten die
mit Flüssigkeit eingeführten, den Magen also eher verlassenden Bakterien.
Der hypo- und anazide Magensaft ist daher weniger wirksam. Mischinfek¬
tionen kommen oft dadurch zustande, dass durch eine primäre Ruhrinfektion
die Azidität des Magensaftes herabgesetzt wurde.
L. Csaki-Pest: Ueber die Verteilung des Blutzuckers im strömenden
Blute.
Die Blutkörperchen des Gesunden sind auch bei vermehrtem Blutzucker¬
gehalt zuckerfrei, die des Diabetikers sind auch bei niedrigem Zuckerspiegel
zuckerhaltig. Ketonkörper haben auf dieses Verhältnis keinen Einfluss. Nach
Defibrinieren oder Zusatz von gerinnungshemmenden Körpern verhält sich
das Blut des Gesunden wie das des Diabetikers.
E. Földe s-Pest: Diabetisches Oedem und Azidose.
Einfluss der Azidose auf die Oedembereitschaft. Vergrösserung der
roten Blutkörperchen bei Diabetikern mit bedeutender Azidose. Abnahme
der Grösse durch Sodagaben (Laugenwirkung), Vergrösserung der Blutkörper¬
chen bei Oedembereitschaft. Oedembereitschaft als Folge geschädigter
Nierenfunktion infolge der Azidose. Beziehungen der Hydrämie zur Oedem¬
bereitschaft; Einfluss der Sodagaben auf die Hydrämie, die Zahl der roten
Blutkörperchen und die Oedembereitschaft.
G. Hetenyi und J. V and o r f y - Pest: Experimentelle Unter¬
suchungen über den Mechanismus der Regurgitation beim Menschen.
Bei der Magensekretion kommt stets eine physiologische Regurgation
zustande, wenn der Salzsäurespiegel des Mageninhaltes einen gewissen,
individuell verschiedenen Grad erreicht hat, und zwar in zwei Phasen:
anfangs fliesst Pankreassaft in den Magen, dann Galle und Darmschleim.
Bleibt die Regurgitation aus, so kann es zur Hyperazidität kommen.
E. v. Haynal-Pest: Der diagnostische Wert des S c h i 1 1 i n g sehen
Blutbildes.
St. Rusznyak, J. Barrat und G. Daniel -Pest: Experimentelle
und klinische Untersuchungen über das Antitrypsin.
Untersuchungen über die Natur der Antitrypsine (Kolloide, aber weder
Fettkörper noch Eiweissverbindungen). Die Antitrypsinreaktion des Blut¬
serums ergibt häufig paradoxen Ausfall, ist nicht charakteristisch für Krebs.
Die Kachexie, bei welcher sie häufiger positiv ist, ist auch auf andere Weise
zu erkennen. Immerhin spricht die positive Reaktion mehr für Krebs als
die negative gegen einen solchen. Bergeat - München.
Amerikanische Literatur.
A. W. Hewlett und J. P. S w e e n e y: Chinidinbehandlung bei Vor¬
hofflimmern. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 23.)
Chinidin wurde in 11 Fällen von Vorhofflimmern angewandt, wobei fünf
Fälle geheilt wurden. Verf. kommen zu folgenden Schlussfolgerungen: Das
Chinidin stellt in einer gewissen Anzahl von Fällen einen normalen Herz¬
rhythmus her. Frische Fälle von Vorhofflimmern werden am günstigsten
beeinflusst, ln einigen Fällen kann das Chinidin schwere Symptome hervor-
rufen, welche einen ungünstigen Einfluss auf die Kompensation ausüben. Es
ist daher ratsam das Chinidin nur zu gebrauchen, nachdem die Dekompen¬
sation durch andere Mittel behandelt worden ist.
S. B. Burk: Bluttransfusion in den Sinus longitudinalis superior
Säuglingen, die an Ernährungsstörungen leiden. (Med. Record, N. Y„ 1921
Nr. 18.) ••
Die Transfusion zitrierten Blutes bei Säuglingen mit Ernahrungsstorun
hat sich praktisch bestens bewährt. Die Transfusion bei Säuglingen wird
besten durch den Sinus longit. sup. gemacht. Bei Kindern unter 2 Jahren
die vordere Fontanelle leichten Zutritt zum Sinus, der sich wegen sc
Grösse und oberflächlichen Lage sehr zur Bluttransfusion eignet.
A. H. E b e 1 i n g und A. C a r r e 1: Endresultate kompletter Hn
transplantation der Hornhaut. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, XX) |
Nr. 5.)
Es wurde ein kleines üewebestiiek, welches die ganze Dicke der Hi,
haut einer Katze einnahm, auf die Hornhaut einer anderen Katze überpfb ;
Das Stück wurde nach 2 Jahren untersucht und vollständig transparent ;
funden. Die Wölbung der Kornea schien normal zu sein.
A. Carrel und A. H. E b e 1 i n g: Alter und Vermehrung der Eil .
blasten. (Journ. Exper. Med., Baltimore, 1921, XXXIV, Nr. 6.) 1
Experimentell besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Wachs*
einer reinen Kultur von Fibroblasten, die in Plasma kultiviert werden. |
dem Alter des Tieres, von welchem das Plasma herrührt. Die Zellvermehtj
nimmt ab, je älter das Tier ist. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen :
Lebensdauer der Fibroblasten in vitro und dem Alter der Tiere. Die ’j
schiedenheit der Wachstumsrate einef reinen Kultur von Fibroblasten !i
als Reagens gewisser Modifikationen, welche unter dem Einfluss des AI
im Blutserum auftreten, gebraucht werden. Der Einfluss des Alters auf
Serum ist charakterisiert nicht durch die Abnahme eines akzelericrerj
Faktors in der Vermehrung der Fibroblasten, sondern durch die Verstärk«
eines Hemmungsfaktors.
L. Clend enning: Die Ursachen ungünstiger Symptome nach Gas
enterostomie. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr, 16.
Beobachtungen an 36 praktischen Fällen führen Verf. zu folgenden Rtj
taten: Die Gastroenterostomie ergibt gute Resultate nur in sorgfältig auf
wählten Fällen. Die günstigsten Resultate werden erzielt in Fällen von L.«
pylori mit Obstruktion. Am wenigsten günstig sind die Resultate bei 1
schwüren, die vom Pylorus abliegen. Die Kranken, bei denen die Gail
enterostomie ausgeführt wird, haben geringe oder gar keine Verdamu
beschwerden, wenn die Fälle gehörig ausgewählt werden. Die Ursau
ungünstiger Folgen der Gastroenterostomie sind Jejunalgeschwür, Rezii
des Geschwürs, besonders Geschwüre an der hinteren Magenwand, Dian
infolge zu schneller Beförderung der Nahrung, Erweiterung des Jejunumi
folge einer zu grossen Oeffnung, gastrische Stasis infolge zu hoher .1
führung der Gastroenterostomie und endlich nachfolgende Magenerkrankj
L. Fisher und A. Cohen: Lungenabszess bei Erwachsenen i
Tonsillektomie unter Allgemeinnarkose. (Journ. Am. Med. Assoc., Chici
1921, LXXVII, Nr. 17.)
Wahrscheinlich sind mehrere Ursachen für das Entstehen eines Fünf
abszesses verantwortlich. Es ist leicht möglich, dass Aspiration infiziei
Materials einen Lungenabszess hervorrufen kann, wobei eine fe'nlerll
Technik eine Rolle spielt. Sehr wahrscheinlich liegt aber in den mea
Fällen die Ursache darin, dass infizierte Emboli durch die Lymph- oder ll
gefässe weitergetragen werden und sich in den, Lungen festsetzen.
Wie kann nun diese schwere Folge vermieden werden? An der h
eines grossen statistischen Materials zeigen Verf., dass Lungenabszessei
nahe ausschliesslich nach Operationen’ unter Allgemeinnarkose auftrl
während bei lokaler Anästhesie nachfolgende Lungenabszesse sehr selten I
Diese günstige Wirkung der Lokalanästhesie ist auf folgende Weise m
klären: 1. Sie verhindert Aspiration infizierten Materials. 2. Sie fuhrt 1
Kontraktion der Lymph- und Blutbahnen im Operationsfeld herbei und 1
hindert auf diese Weise eine Weiterbeförderung infizierten Materials. 3.!
allgemeine Schock und die allgemeinen üblen Einwirkungen sind geringen
bei der Allgemeinnarkose. 4. Lokalanästhesie kann einen ruhenden Infekti!
herd im Respirationstrakt unmöglich zum Ausbruch bringen.
H. C. Bumpus und J. C. Me iss er: Herdinfektion in Fällen 1
Pyelonephritis. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. i
Bei 82 Kaninchen wurden Injektionen eines grüne Farbe produziere!
Streptokokkus gemacht, der von den Gaumenmandeln, von Harn und 1
von Kranken gewonnen wurde, die an Pyelonephritis litten. Bei 62 di
Versuchstiere wurden Läsionen in den Nieren hervorgerufen. Veri;
glauben, dass dies ein Beweis sei, dass Pyelonephritis oft durch eine H
infektion, welche Streptokokken enthält, verursacht wird. Die Streptoko!
zeigen eine Vorliebe für den Harntraktus. Der Kolonbazillus, welcher)
wohnlich für die Krankheit verantwortlich gemacht wird, hat nur eine ul
geordnete Bedeutung.
J. A. Fordyce und I. Rosen: Laboratoriumsergebnisse bei ll
und Spätsyphilis. Eine Uebersicht über 1064 Fälle. (Journ. Am. Med. Asl
Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 26.)
Etwa 25 — 30 Proz. aller Fälle von Sekundärsyphilis weisen eine Infell
des Zentralnervensystems auf. Dies kann nur durch eine Lumbalpun'l
festgestellt werden, da die klinischen Symptome in den ersten Monaten:
bedeutend sind. Das Nervensystem wird bei Männern viel häufiger in j
leidenschaft gezogen als beim weiblichen Geschlecht. Die Wassermal
sehe Probe des Blutes bleibt häufig negativ, während die Zerebrospl
Flüssigkeit einen aktiven luetischen Prozess anzeigt. Keine Kranken «1
als geheilt entlassen werden ohne eine Untersuchung der Zerebrospinalflii
keit. Eine Unterlassung dieser Untersuchung kann oft schwere und unwj
rufliche Folgen haben.
Pupillenanomaliem und Paralyse der Gehirnnerven sind oft Pi
gnomonisch und weisen immer auf Syphilis des Nervensystems hin. I
Fehlen klinischer Symptome schliesst Syphilis des Nervensystems nicht1
Die klassischen Symptome der Tabes können bei negativem Blut- und LU
befund Vorkommen. Die Kolloidgoldprobe ist von den Verfassern wät'
der letzten 6 Jahre angewandt worden und hat sich von grossem diagt
sehen und praktischen Wert erwiesen.
G. H. Weaver: Beobachtungen über die Behandlung des Schar
fiebers durch menschliches Immunserum. (Journ. Am. Med. Assoc., Chi«;
1921, LXXVII, Nr. 18.)
Schon vor 3 Jahren hat Verf. einen Artikel veröffentlicht über die
handlung des Scharlachfiebers durch Injektionen von Immunserum, das«
Scharlachrekonvaleszenten gewonnen wurde. Seitdem hat er diese Bel«
lungsmethode in vielen Fällen akuter Erkrankung angewandt und durc
;irz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
329
jige Resultate erzielt. Das Serum wurde meistens intramuskulär in
i von 60 — 90 ccm eingespritzt. Nur in wenigen Fällen wurde dasselbe
renös gebraucht. Wenn die erste Dosis keine Besserung brachte, wurde
j 24 Stunden eine zweite Einspritzung gemacht. Eine lange Erfahrung
dass die Serumbehandlung frühzeitig angewandt werden muss.
(. M. Blackford: Magensymptome. Beobachtungen an 1000 Fällen,
n. Am. Med. Assoc., Chicago, 1921, LXXV1I, Nr. 18.)
Jnter den 1000 Fällen wiesen 14 Proz. organische Erkrankungen des
ns auf. Alle diese Fälle wurden ziemlich genau vermittelst der Röntgen-
en diagnostiziert. In 34 Proz. der Fälle lag abdominale Erkrankung
i wobei die Magenfunktion auf dem Reflexwege gestört wurde. Gallen-
, lentzündung verursacht mehr Störungen der Magenfunktion als irgend-
mdere Abdominalerkrankung. In 18 Proz. aller Fälle konnte allgemeine
i merkrankung als Ursache der Magenstörung festgestellt werden. In
•oz. konnten keine objektiven pathologischen Veränderungen entdeckt
:n. Hier musste die Störung der Lebensweise und allgemeiner
äche zugeschrieben werden. Bei einem Drittel aller Fälle, bei denen
r eine Operation vorgenommen worden war, war die Störung funktionell.
Proz. aller Fälle konnte keine Diagnose gestellt werden. Bei 13 oder
Proz. der untersuchten Kranken war der Wurmfortsatz entfernt worden,
ei 10 Proz. aller untersuchten Frauen war vorher eine Beckenoperation
normnen worden.
Z. C. Browning: Bericht über einen Fall von Tuberkulose des
mmarks. (Med. Record, N. Y„ 1921, C, Nr. 24.)
n diesem Falle bestand zugleich Tuberkulose der Nebennieren und der
Iklappe des Herzens.
i. A. Koser und R. B. Edmondson: Beobachtungen über Bacillus
nus-Infektion von in Blechbüchsen verpacktem Spinat. (Journ. Am.
Assoc., Chicago, 1921, LXXVII, Nr. 16.)
n letzter Zeit sind eine Anzahl von Fällen von Botulinusvergiftung durch
enspinat vorgekommen. Hierauf hat das chemische Bureau zu
mgton eine Reihe von Untersuchungen über büchsenverpackten Spinat
:ht, die zu folgenden Resultaten führten: Bacillus botulinus, Typ A, kann
n Büchsenspinat vermehren und sein charakteristisches Toxin produ-
. Eine Temperatur von 37 0 C ist dem Wachstum des Bazillus günstig,
die Vermehrung des Keimes hinreichend zugenommen hatte, so war
n des Spinatsaftes genügend, ein Meerschweinchen innerhalb 18 Stunden
ten. Das Wachstum des Bacillus botulinus erfolgt unter Gas- und
scher Toxinbildung. Von 174 Probebüchsen verdächtigen Spinats wurde
acillus botulinus oder dessen Toxin in 6 Büchsen gefunden. In allen
war es Typ A. Diese 6 Büchsen waren alle aufgetrieben und ver-
ten beim Oeffnen einen widerlichen Geruch. Das Aussehen und der
h solcher Büchsen bilden daher ein Warnungszeichen gegen den Genuss
r Nahrung.
. A. McLeod und W. F. Jacobs: Hypernephrom des Sternums.
Record, N. Y„ 1921, C, Nr. 23.)
'erfasser berichten über 2 Fälle dieser Erkrankung, die beide mit Tod
;en.
L Einhorn: Fälle von Gallenblasenerkrankung andere Affektionen
/erdauungsapparates vortäuschend. (Med. Record, N. Y„ 1921, C,
1.)
.. berichtet über 3 solcher Fälle. In einem Falle bestand ein typisches
les Magenkarzinoms; ein anderer Fall täuschte ein Duodenalgeschwür
ind im dritten Falle hatten kompetente Aerzte die Diagnose auf Darm-
iktion gestellt. In allen diesen Fällen wurde die richtige Diagnose
direkte Untersuchung des Duodenalinhaltes vermittelst des Duodenal-
ches gemacht.
. T w i d d e 1 1: Vitamine in der Kinderernährung. (Med. Record, N. Y.,
C, Nr. 22.)
erf. hat eine Anzahl von Säuglingen, die an Ernährungsstörungen litten
eine Zunahme an Gewicht zeigten, in der Weise behandelt, dass er die
r mit frischem Eigelb, in Milch verrührt, ernährte. Die Kinder nahmen
:h an Gewicht zu und gediehen vortrefflich bei dieser Nahrung.
. Twiddell: Bemerkungen zur operativen Behandlung besonderer
von eiternder Meningitis. (Med. Record, N. Y., 1921, C, Nr. 17.)
'erf. berichtet über 2 Fälle von eitriger Meningitis, die nach einer
idektomie auftrat. Es wurde eine Dekompressivoperation ausgeführt,
mlicher senkrechter Einschnitt und Entfernung des Knochens. Die Dura
war straff gespannt, so dass beim Einschnitt der Eiter herausspritzte.
Kultur wies den Streptokokkus auf. Am oberen und unteren Wund-
1 wurde je ein Gummidrain unter die Dura mater eingelegt. Wund-
s mit Katgutnaht. Innerhalb 4 Stunden sank die Temperatur. Das
im verschwand nach einigen Stunden. Heilung.
. R. Pennington: Die Anwendung von Kaliumnitrat bei Osteo-
is und anderen Infektionen. (Med. Record, N. Y., 1921, C, Nr. 23.)
»ie Kaliumnitratlösung wird in Verbindung mit einem Umschlag von
locken gebraucht. Das Salz wird mit dem Hafer gemischt und
^nd Wasser zugegossen, um das Ganze in einen Brei zu verwandeln.
je nach der gewünschten Reaktion 1 — 4 g per 28 g.) Der Verband
in einer Dicke von etwa 3 mm auf die kranke Fläche gelegt. Diese
dlungsmethode hat sich in einer grossen Anzahl von Fällen aus-
hnet bewährt. Während nach operativen Eingriffen Rezidive häufig
'St bei diesem Verfahren nicht ein einziger Rückfall beobachtet worden.
• Aaron und E. Beck: Die Phenoltetrachlorphthaleinprobe für die
iunktion. (Journ. Am. Med. Assoc., Chicago. 1921, LXXVII, Nr. 21.)
'henoltetrachlorphthalein (Abkürzung: Tetrachlor) wurde zuerst von
lorff und Black hergestellt. Es ist ein geruch- und geschmackloses
•misches Pulver, unlöslich in Wasser und bildet mit Alkalien tief ge-
Salze. Es wird hauptsächlich durch die Galle ausgeschieden und in
‘uodenalinhalt geworfen. Schon früher wurden von Rowntree und
eil Versuche gemacht, das Tetrachlor als Probe für die Leberfunktion
rwerten. Der letztere spritzte das Tetrachlor intravenös ein und ge¬
lte den Duodenalschlauch zur Untersuchung des Duodenalinhaltes.
'a sich das Tetrachlor leicht verändert, haben Verfasser ein besseres
rat hergestellt. 2,5 g Tetrachlor wird mit 5 ccm einer doppelt normalen
mnydroxydlösung und 45 ccm dreifach destillierten Wassers in eine
ische (200 ccm haltend) gefüllt. Kochen während 20 Minuten mit Rück-
mdensator und Filtrierung in eine 100 ccm haltende Flasche. Das j
at ist eine wässerige Lösung des Dinatriumsalzes von Phenoltetrachlor- {
ein, welche eine tiefe Purpurfarbe annimmt und sich sehr leicht zersetzt, I
da das Alkali des Salzes sich mit dem Silikat des Glasbehälters zu verbinden
strebt und so ein Niederschlag entsteht. Um dies zu verhindern, werden
Reagenzgläser mit geringem Silikatgehalt in eine reinigende Flüssigkeit ge¬
setzt. Dann werden sie sechsmal in reinem Wasser gewaschen und in einem
Waschapparat von der Reinigungsflüssigkeit freigemacht. Dann werden die
Röhrchen dreimal in destilliertem Wasser gewaschen und getrocknet. Hierauf
werden sie mit reiner Baumwolle geschlossen und während lK> Stunden in
einen heissen Lüftsterilisator gesetzt. Alles muss mit grösster Reinlichkeit
ausgeführt werden.
1,5 ccm (75 mg Tetrachlor) wird in ein Reagenzglas gegossen und ver¬
siegelt. Diese Tuben zeigen keine Veränderungen während mehrerer Monate.
Bei der Anwendung wird ein Gummischlauch in den Magen und das Duodenum
eingeführt. Wenn der Kranke auf der rechten Seite liegt, fliesst der Duodenal¬
inhalt tropfenweise vom Schlauch ab. Wenn ein guter Abfluss hergestellt
ist, wird mit einer Tuberkulinspritze 1 ccm der Lösung (50 mg) in eine Vene
des Unterarms eingespritzt. Der Abfluss vom Duodenalschlauch wird in ein
Porzellangefäss geleitet, das eine 40 proz. Natriumhydroxydlösung enthält.
Der Farbstoff erscheint zuerst als ein schwacher Purpurring, der allmählich
tiefer und intensiver wird, bis das Maximum erreicht ist.
Dieses Verfahren wurde bei 7 praktischen Fällen angewandt und ergab
befriedigende Resultate. Es ist jedoch klar, dass die Methode in einer
grösseren Anzahl von Fällen verwendet weroen muss, um ein bestimmtes
Urteil zu ermöglichen. Wenn mehr als 15 Minuten verstreichen bis die ersten
Zeichen des Farbstoffes erscheinen, kann man mit Sicherheit Leber¬
veränderungen annehmen. Alle Kranken, bei denen die Leber nicht normal
funktionierte, ergaben eine Verzögerung des Farbstoffes.
A. A 1 1 e m a n n.
Im Druck erschienene Inauguraldissertationen.
Universität Breslau. November — Dezember 1921.
Knosalla Johannes: Selbstverstümmelung bei Soldaten im Kriege mit
besonderer Berücksichtigung der chirurgischen Seite.
Sabath Hanns Georg: Systematische Untersuchungen über Vorkommen
von Soor und Hefe in der weiblichen Vagina.
Schwartz Theodor: Ueber einen Beitrag zur operativen Behandlung des
Mastdarmprolapses bei Kindern.
Vereins- und Kongressberichte.
Medizinische Gesellschaft zu Chemnitz.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 14. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Reichel. Schriftführer: Herr König.
Herr Tittel: Ueber Schwangerschaftspyelitis.
Die Pyelitis als Schwangerschaftkomplikation ist durchaus nicht selten.
Die Diagnose ist meistens leicht, kann jedoch exakt nur mit Zystoskop und
Harnleiterkatheter gestellt werden. Neben der üblichen Behandlung mit
reichlich' Flüssigkeitszufuhr per os, Seitenlage, Harnantiseptizis ist die direkte
Beeinflussung durch Nrerenbeckenspülungen im subakuten und chronischen
Stadium zu empfehlen. Die Erfolge dieser Behandlung sind so, dass künst¬
liche Unterbrechung der Schwangerschaft wegen Pyelitis1 nicht mehr in Frage
kommt.
Diskussion: Herr K r u 1 1 und Herr Ochsenius.
Herr Büttner: Ueber Bedeutung und Anwendung der Proteinkörper¬
therapie.
Es wird über die Erfolge mit den verschiedenen Präparaten berichtet.
Bei Gelenkerkrankungen in subakuten und schon chronischen Stadien werden
mit 2 — 5 ccm Milch intraglutäal bemerkenswerte Besserungen erzielt. Ab¬
szesse wurden nie gesehen. Den Vorzug leichterer Dosierbarkeit hat das
Caseosan, aber auch da sind die Dosen verschieden an Individuum und
nach Krankheit. Wenn auch eine gewisse Allgemeinreaktion wünschenswert
erscheint, so kann eine übermässige hier besser vermieden werden als bei
Milch. Herdreaktion ist in positivem und negativem Sinn ebenso damit
auslösbar, während die Lokalreaktion so gut wie wegfällt. Anwendungs¬
gebiet ist der subakute Gelenkrheumatismus, der gonorrhoische Gelenk¬
rheumatismus, die Komplikation der Gonorrhöe überhaupt und verschiedene
Hauterkrankungen. Bei akutem Gelenkrheumatismus und besonders dessen
Komplikation der Endokarditis sowie bei Endocarditis lenta und krypto¬
genetischer Sepsis sind Dosen von 2 — 5 ccm einer 2 — 5 proz. Kollargollösung
intravenös auch in 3 — 5 tägigen Abständen besonders wirksam. Das Silber
wirkt nicht chemotherapeutisch, sondern katalytisch. Schüttelfröste werden
dabei häufiger gesehen bei älterer Kollargollösung, seltener bei frischer und
Fulmargin, das auch intramuskulär anwendbar und wirksam ist ohne zu starke
Lokalerscheinungen, aber deutliche Herdreaktion gibt. In seiner Wirksam¬
keit ähnlich ist das Vakzineurin bei Neurotiden und Neuralgien, unwirksam
ist es bei den Veränderungen der Enzephalitis. Bei primär oder sekundär
chronischen Gelenkerkrankungen werden mit Sanarthrit mehr oder weniger
lang anhaltende Besserungen der Schmerzhaftigkeit und der Arbeitsfähigkeit
erzielt je nach dem Grade der bereits vorhandenen anatomischen Verände¬
rungen. Obgleich eiweissfrei, so scheinen auch bei diesem Präparat, ebenso
wie dem 20 proz. Terpentin Eiweissspaltprodukte zu entstehen, die sekundär
erst wirksam werden. Das Grundprinzip ist die Leistungssteigerung nicht
einzelner Zellen, sondern des ganzen Körpers. Wenn auch die Basis dieser
Art von Behandlung sehr breit zu sein scheint, so ist vorläufig die spezifische
Therapie doch nicht als abgetan zu bezeichnen. Prophylaxe konnte bisher
mit diesem Präparat praktisch noch nicht getrieben werden wie etwa bei
der Diphtherie oder dem Tetanus. Eine gewisse elektive Gruppenwirkung
scheint dennoch zu bestehen. Proteinkachexie wurde nicht gesehen, wohl
aber Andeutungen von Anaphylaxie, 2 mal bei Milch, häufiger bei Kollargol,
wenn auch rasch vorübergehend. Die altbewährten Behandlungsarten sind
nicht aufzugeben, können aber sehr wertvoll durch parenterale Eiweissgaben
unterstützt und verstärkt werden.
In der Diskussion werden anaphylaktische Erscheinungen nach
Aolan von Dr. H a r f f erwähnt, ausserdem sprechen Geh. -Rat R e i c h e 1,
Prof. Clemens, Dr. N e u b e r t und Dr. Wagner.
330
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.«
Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden.
(Vereinsamtliche Niederschrift.)
Sitzung vom 28. November 1921.
Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r.
Schriftführer: Herr Q r u n e r t und Herr Wemmers.
Herr Schneider (a. G.): Die Lehre vom Eigenwillen (Thelematologie)
und ihr Verhältnis zur Psychologie und zu den angewandten Geisteswissen¬
schaften. , .
Die Tatsache des Eigenwillens, die allgemeinste und festeste unserer
Eigenschaften, wird in Leben und Lehre zu wenig berücksichtigt. Der Eigen¬
wille verdient Gegenstand einer besonderen Wissenschaft zu werden, der
Thelematologie. Diese ist eine aus der Psychologie herausgewachsene Er¬
fahrungswissenschaft, die sich zu dieser verhält, wie die Technik zur Physik.
Diese Thelematologie ist die grundlegende Wissenschaft für die Ethik,
Pädagogik, Volkswirtschaft, Soziologie und Politik. Der Eigenwille lässt sich
sondern in Eigenhilfe und Eigennutz. Eigenhilfe ist die Entwicklung und Be¬
tätigung der eigenen Anlagen ohne Forderung irgendeines Opfers fremden
Eigenwillens. Eigennutz ist die gewünschte oder vollbrachte Hemmung eines
fremden Eigenwillens, d. h. je$e Form von Einzelgewalt.
Das Ziel des menschlichen Eigenwillens ist das persönliche Glück, das
nur in der Form des Eigenhilfs- oder Tätigkeitsglückes durch das Mittel
der Sittlichkeit erreicht werden kann. Sittlichkeit ist die Notwendigkeit der
Anpassung der eigenen Eigenhilfe, d. h. des persönlichen Tätigkeitsglückes,
an die Eigenwillen der vielen, verschiedenen, gedächtnisbegabten Mit¬
menschen. Gefühlsbegabte Menschen sind von Natur zur Rücksicht auf
andere Menschen, d. h. zur Nächstenliebe und Eigenhilfe geneigt; Menschen
ohne Gefühlsbegabung neigen zur Rücksichtslosigkeit und zum Eigennutz.
Daher sind nur gefiihlsbegabte eigenhelfende Menschen zur wahren Sittlich¬
keit zu erziehen, gefühlsunbegabte eigennützig veranlagte Menschen können
nur zur Verstandes Sittlichkeit erzogen werden, d. h. sie müssen durch
thelematologische Verstandeserkenntnisse und praktische Lebenserfahrungen
inmitten der anderen eigenwilligen Menschen das ersetzen, was ihnen an
natürlichem Gefühl fehlt. Eigennützige Menschen sind unglückliche Gefühls¬
krüppel.
Die Tatsache der Vererbung der geistigen Veranlagung im besonderen
und der geistigen Kausalität im allgemeinen muss uns veranlassen, unsere
Mitmenschen nicht für ihren Charakter verantwortlich zu machen, d. h. uns
nicht zu entrüsten und nicht zu hassen. Der eigenhelfende Verzicht auf
Einzelgewalt ist bei der Stärke des menschlichen Eigenwillens nur in dem¬
jenigen Gesamtwesen, Staat möglich, der die Gemeingewalt zur Sicherung
der Einzeleigenhilfe wirksam anwendet. Der Staat ist die Eigenwillen-
Organisation' eines Volkes, er muss daher das Räderwerk seines Organismus
durch die natürliche Wirkungsrichtung der einzelbürgerlichen Eigenwillen
treiben lassen. Innerhalb des thelematologisch organisierten Staates wird
der notwendige Kampf ums Dasein nicht mehr in der niedrigen Form des
Gewaltkampfes, sondern in der höheren Form des W ettkampfes
geübt. Der Staat hat die thelematologische Aufgabe, jede Einzeleigenhilfe zu
befreien, und jeden Einzeleigennutz zu überwachen, d. h. auszunützen, aus¬
zuschalten oder zu hemmen.
Die staatliche Befreiung der Einzeleigenhilfe besteht in der Schaffung
freiester Entwicklungs- und Betätigungsmöglichkeit aller Begabungen. Der
Einzeleigennutz wird vom Staate ausgenützt, d. h. besteuert, wenn er
sich mit dem Eigennutz der Mitmenschen ohne Eigenwillenschädigung aus¬
tauscht, ausgeschaltet, wenn er gegen den Staat wirken will (Steuer¬
reform), unterdrückt, wenn er den Eigenwillen der Mitmenschen hemmt
(bürgerliches und Strafrecht).
Bei dieser Unterdrückung des verbrecherischen Eigennutzes ist das Ziel
der staatlichen Gemeingewalt nicht die Bestrafung des Verbrechers, sondern
die Sicherung der Gesellschaft. Der einzelne Staat ist gegenüber seinen
Bürgern ein G e m e i n w i 1 1 e, d. h. frei von jedem Eigennutz; der Staat
ist gegenüber den anderen Einzelstaaten ein Gesamteinzelwille,
d. h. erfüllt von starkem Gesamteigennutz, neben staatlicher Gesamt¬
eigenhilfe.
Das Vorhandensein von vielen gesamteigenwilligen Staaten neben¬
einander auf der Erde wird allmählich zur Anerkennung einer zwischen¬
völkischen Gesamtsittlichkeit und einer zwischenvölkischen Organisation
zwingen.
Letztere wird zur Aufstellung eines über den Einzelstaaten stehenden
Gemeingesamtwillens der „Menschheit“ führen, dem die den Einzelstaaten
entzogene Gesamteinzelgewalt als Gemeingesamtgewalt über¬
tragen wird.
Nur diese Organisation der Staaten zur Menschheit sichert einerseits
die notwendige Befreiung der staatlichen Gesamteigenhilfe, d. h. der freien
völkischen Kulturentwicklung, andererseits den organisierten Völkerfrieden.
Der Krieg wird eingeschränkt, nicht durch Verzicht auf den völkischen
Gesamteigenwillen, sondern durch die mit Hilfe der zwischenstaatlichen
Organisation ermöglichte Befriedigung der völkischen Gesamteigen¬
hilfe.
Die Ethik des Christentums erstrebt das falsche Ziel der irdischen
Selbstverleugnung mit dem richtigen Mittel der Nächstenliebe; die
Ethik des Herrenmenschentums erstrebt das richtige Ziel der persön¬
lichen Selbstbehauptung mit dem falschen Mittel der Einzelgewalt;
die Ethik des auf die Thelematologie gegründeten Lebensglaubens erstrebt
das richtige Ziel der persönlichen Selbstbehauptung mit dem rich¬
tigen Mittel der Nächstenliebe.
Aussprache: Herr Ganser kann sich in vielen Punkten den Aus¬
führungen des Vortragenden nicht anschliessen. Von Einzelheiten, auf die
einzugehen die Zeit nicht gestattet, abgesehen findet er die Methode der
Untersuchung anfechtbar. Der Vortragende hat das ganze psychische Ge¬
schehen unter den Gesichtspunkt des Willens gestellt. Wenn auch bei dieser
einseitigen Betrachtung dem Gegenstände interessante Seiten abgewonnen
werden können, so hat doch die dialektische Behandlung mit Begriffs¬
erklärungen, die vielfach blosse Umschreibungen waren, eine tiefere Er¬
kenntnis nicht vermitteln können; ja sie hat in wichtigen Punkten gefehlt,
indem sie die Gefühle von Lust und Unlust teils unberücksichtigt gelassen,
teils verstandesmässig und dazu recht subjektiv gewertet hat, ohne zu be¬
rücksichtigen, dass sie in ihrer Ursprünglichkeit jeder Erklärung unzugänglich
sind.
Herr Hans Hacuel: Ein grosser Teil der Ausführungen des Vort
stützt sich auf die Feststellung eines Unterschiedes zwischen der Eigei
hilfe auf der einen und dem Eigennutz auf der anderen Seite. Ich bring
es nicht fertig, diesen Unterschied zu erkennen. Für mich ist alles a
dem Selbsterhaltungstrieb beruhend. Ich glaubte auch weitere Widersprüci
zu erkennen, die auf dem fehlerhaften Grundgedanken bestehen. .
Herr Schneider: Die Lehre vom Eigenwillen leugnet nicht d
hohe Bedeutung des Gefühlslebens auf die Gestaltung des Willens, behaupt
jedoch, dass zusammengesetzte Affekte aus Gefühlen und Vorstellung!,
hervorgehen und daher durch Verstandes- und Vernunftsvorstellungen g
wandelt werden können. Die Scheidung des Eigenwillens in Eigenhilfe ur
Eigennutz ist lehrmässig und praktisch durchzuführen und ergibt wertvol
Ausblicke für angewandte Geisteswissenschaften und für das praktisct
Leben. „
Herr Ganser: Der Vortr. hat mich nicht überzeugt. Er vergisst, da:
die Gefühle das Ursprüngliche und einer Analyse nicht zugänglich sin
Seine Betrachtungsweise muss auf Irrwege führen.
Sitzung vom 5. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr P ä s s 1 e r.
Schriftführer: Herr Grünest und Herr Wemmers.
Tagesordnung:
Wahl des Vorstandes für 1922/23.
Herr Galewsky: Die persönliche Prophylaxe (Selbstschutz) bei d
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. '
Vortr. bespricht kurz die Grundlagen der Bekämpfung der Geschlechl
krankheiten, die 1. in der Prophylaxe, 2. in der Hpilung bestehen, und ve
breitet sich dann eingehend über die modernen Bestrebungen, die z
Förderung des Selbstschutzes dienen sollen. Er berichtet über die Ei
richtungen und Bestrebungen in England, Amerika usw. und referiert du
über die Konferenz der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der G
schlechtskrankheiten am 30. September und 1. Oktober in Berlin, bei der vi
5 Referenten die Themata bearbeitet waren. G. erwähnt, dass unter d
mechanischen Schutzmitteln sich nach allen bisherigen Erfahrungen am best
Sublimat und Silbersalze bewährt haben, und dass auch frisch bereite
Sublimatsalben ebenso wie Chininsalben gute Erfolge erzielt haben.
Nach Hervorhebung der Schwierigkeiten, die in der Bekämpfung zwei
verschiedener Krankheiten wie der Gonorrhöe und der Syphilis liegen, t
richtet Vortr. über die Erfolge, die in Manchester, London, Berlin und Koble
in eigens dazu eingerichteten Stationen und Rettungswachen erzielt word
sind, und erhofft ebenfalls von der Einrichtung derartiger Desinfektionsstell
Gutes, wenngleich er sich der Schwierigkeiten dieser Einrichtungen w<
bewusst ist.
Nach Besprechung der verschiedenen Methoden der Prophylaxe 1
Mann und Frau, insbesondere bei den Prostituierten, wendet .sich G. zi
Schluss zur Organisation und Propaganda und hofft, dass — wie auch
anderen Ländern — im neuen Strafgesetzbuch der Vertrieb aller zur Pi
phylaxe dienenden Mittel, wenn er in dezenter und nicht anstössiger We
vor sich geht, freigegeben werden wird, wie es im neuen Gesetzentwi
bereits vorgesehen ist, wo eine scharfe Trennung zwischen empfängn
verhütenden und schützenden Mitteln bereits durchgeführt ist.
Aussprache: Herr Mann.
Herr Flachs fragt an, ob eine prophylaktische Behandlung mit S
varsan gegen Infektion mit Lues schützen würde.
Herr Galewsky verneint die Frage des Herrn Flachs.
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 2. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr S e u f f e r t. Schriftführer: Herr Rosenhaupt.
Herr Schlosser: Das Stadtgesundheitsamt.
Die nationale Not verhilft dem Volk zu den verantwortlichen Stel
amtlicher Gesundheitsfürsorge und dem Arzt zur Anerkennung als Faclnm
in der Verwaltung. Solange die Gesundheitsämter aber verschönerte sta
ärztliche Dienststellen verbleiben, können sie ihren Zweck nicht erfüll
Der Grossstädte, in denen das Stadtgesundheitsamt seinen Namen rec
fertigt und eine vollberechtigte und vollverpflichtete selbständige Abteili
der Verwaltung darstellt und seiner Aufgabe durch Bestellung eines Arz
als Amtsvorsitzenden Rechnung getragen wird, sind einstweilen nur v
einzelt wenige, aber es geht entschieden und deutlich voran. Die Orga
sationsform ist — bezeichnend für die Jugend der Einrichtung — bisher r
mals in 2 Grossstädten die gleiche; mit Recht hält sich die aufstrebei
Reformation von jeder Schablone fern und passt sich den Lokalbedinguni
an. Frankfurt hat vielleicht seine Besonderheit darin, dass die Umstell;
aus der juristischen auf die medizinische Vorbildung nach schweren Müh
dann aber so radikal erfolgte, dass sämtliche Verwaltungsstellen mit Me
zinern besetzt sind ohne juristische Facharbeiter und Hilfsarbeiter:
Amtsvorsitzende, sämtliche Dezernenten, der Verwaltungsdirektor des stäi
sehen Krankenhauses (Universitätskliniken) sind Mediziner, 2 Ordinarien 1
Fakultät (Hygieniker und Psychiater) im Nebenamt Dezernenten des Sta
gesundheitsamtes. Zweckmässigerweise ist die Personalbegutachtun
abteilung von den eigentlichen Aufgaben des Amtes abgetrennt und dem Ofc
stadtarzt selbständig unterstellt. Sämtliche ärztliche Kräfte sind im Sta
gesundheitsamt vereint: 5 Stadtärzte, 2 Stadtassistenzärzte, nebenaintl
16 Schulärzte, 2 Fürsorgeärzte, 4 Krippeärzte, sämtliche Krankenhaus- l
Anstaltsärzte. Das ganze Gebiet ist aufgeteilt in 8 Dezernate:
1. Stadtmedizinalwesen, Statistik.
2. Stadthygiene (einschliesslich Infektionskrankheiten), Nahrur
mitteikontrolle.
3. Verbindung mit dem Wohlfahrtsamt. (Freies W<
fahrtsarztwesen, Volksseuchen, Fürsorge für die Kriegsopfer, hygienis
'Volksbelehrung, Ausbildung.)
4. Verbindung mit dem Jugendamt. (Säuglingsfürsoi
Kostkinder, Krippen, Säuglings- und Kinderheime, Rachitiker- und Krüpi
fürsorge, Erholungsfürsorge.)
5. Schulhygiene. (Schulärzte, Schulzahnklinik, Kindergärten
Horte, ärztliche Berufsberatung.)
,ärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
331
6. Psychopathenfürsorge. (Fürsorgestelle, Gefährdeten-
rge, Heilerziehungsheime.)
7. Rettungswesen. (Zentralisiert.)
8. Anstaltswesen, ärztliche Fortbildung.
Die Schöpfung des neuen Amtes erfolgte ohne Anforderung neuen Per-
ls und ohne weitere Raumansprüche.
Die Gesundheitskommission auf staatliche Verordnung ist personell
isch mit der Deputation fü'r das städtische Gesundheitswesen, bereichert
i Polizeipräsidium und Kreismedizinalräte als Mitglieder. — Das Für-
.■wesen wird zurzeit auf allen Gebieten unter städtische Führung ge-
. neu Tuberkulosefürsorge, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten,
lingsfiirsorge, jedoch unter Beibehaltung der ausführenden privaten
nisationen. Die Einheitlichkeit des Wohlfahrtswesens wird gesichert
l einen städtischen Wohlfahrtsverband sämtlicher sozialer Aemter: Wohl¬
samt, Jugendamt, Stadtgesundheitsamt, Arbeits- und Wohnungsamt.
Herr Karl Landauer: Das Tetanoid.
Am Material der Poliklinik wurde nach tetanoiden Symptomen gefahndet,
ruf diese Weise eventuell einer nosologischen Einteilung der Psycho-
en näherzukommen. Insgesamt wurden über 1000 Kranke untersucht,
anden sich erstens das Fazialisphänomen von Chvostek bei zirka
’roz., zweitens das Trousseau sehe Phänomen (R.-R. 200 mm,
kling hausen sehe Manschette, Dauer der Anwendung 2 Minuten) :
■ Phase: sensible Reizerscheinungen bei ca. % der Untersuchten, also
hologisch ; zweite Phase : myokloitiforme Zuckungen bei etwa 20 Proz. (+) ;
: Phase: Ulnariskrampf, das ist Geburtshelferhand, federnder Krampf bei
5 Proz. (++); vierte Phase: Allgemeinerscheinungen: allgemeine
ungen, tetanische Krämpfe, epileptische Krämpfe und Abszencen in
illen. Ferner wurden beobachtet: kataleptischer Trousseau in ca. 3 Proz.
in 6 Fällen ein Krampf unter Extension und Abduktion des Daumens bei
ung der übrigen Finger in allen Gelenken (Epitrousseau). Drittens
rische Uebererregbarkeit (E r b sches Phänomen) in 28 Fällen. Ferner
en beobachtet bei Kranken, die ein oder mehrere dieser Symptome
eil : Uebergreifen der Zuckung bei mechanischer Erregung auf Nachbar¬
te in 10 Proz., myoklonieähnliche Zuckungen besonders in Form sehr
ifter Sehlafzuckungen bei etwa 30 Proz., grobschlägiger unregelmässiger
lor bei 12 Proz., Spontankrämpfe der Waden und Grosszehenballen in
roz., einmal des linken Fazialis und zweimal des Daumenballens rechts,
ikteristikum: passive Ueberwindung erfordert geringe Kraft und kupiert.
Ile von spontanen tetanischen Anfällen. In 20 Proz. der Fälle folgende
hlafstörungen : Alltagsgedanken lassen nicht zur Ruhe kommen; Kranke
;n nicht aufhören zu denken und zwar an gleichgültige Dinge, Tagreste.
Symptom nur hervorstechender Teil der allgemeinen inneren Unruhe,
ble Reizerscheinungen in 25 Proz. Sehr häufig Schlafstörungen im Sinne
ngstträume und des Aufschreckens, überhaupt häufig Angsterscheinungen,
re Beobachtung von Katarakten, Zahn-, Nagel- und Haarerscheinungen,
le, die als Magentetanien imponieren. 1 mal Quincke sches Oedem.
Die Symptome wurden gefunden bei ganz verschiedenen Erkrankungen;
is: einer postoperativen und 4 Graviditätstetanien, zweitens 5 juvenilen
den, in deren Kindheit die Spasmophilie eine Rolle spielte. Drittens
lepressionen : vor allem häufig Chvostek, entsprechend der Uebererreg-
it des Fazialis (Zucken um den Mund) bei normalem Schmerz. Viertens
tzuständen aller Art vom katatonen Raptus bis zur physiologischen Angst
jesunden Kindes. Hier auch Trousseau sehr häufig, immer aber sehr
ger, oft nach wenigen Minuten nicht mehr nachweisbar. Fünftens bei
iren Psychopathen. Bei solchen mit psychogenem- Einschlag häufig
iptischer Trousseau. Sechstens bei Hysterie. Hier zweimal halb¬
er Trousseau, einmal Trousseau und Chvostek gekreuzt. Siebtens bei
tomatischer Neurasthenie namentlich im Gefolge von Grippe, chronischer
lohreiterung (in 36 Fällen), Typhus, Ruhr und Arteriosklerose. Achtens
lirnkranken aller Art: Chorea, zerebrale Kinderlähmung, Paralyse und
raumen, sowie vor allem Enzephalitis.
n der Therapie erweist sich Kalk in leichten Fällen als Kalkan, in
ren als Ca. lact., in schweren als Ca. chlorat. intravenös als frappant
Mittel. Erb und Trousseau verschwinden oft bereits 10 Minuten nach
rijektion. Beim Versagen des Ca. Magnesium chlorat. intravenös. Dies
Glich in jener kleinen Gruppe mit Epi-Trousseau, die charakterisiert ist:
itige, aber sehr reizbare Psychopathen, welche auf geringfügige Anlässe
nfälle haben von Zittern und Gewaltakten mit dem Gefühl, dass sie die
lt über sich verloren haben. Inkontinenz der Affekte. In 2 Fällen
meen, sonst stets auch auf Epilepsie verdächtige Symptome. Hier war
hvostek positiv und Ulnaris übererregbar, dagegen stets der Medianus,
der Radialis an der Grenze des Normalen. Diese Fälle werden unter
etanie zusammengefasst, wobei offen bleibt, ob dies eine Krankheit
meris oder eine Mischung von Epilepsie und Tetanie.
Ja tetanoide Symptome somit bei den verschiedensten Erkrankungen
ten, dürfte das Tetanoid nur ein anderer Name für Uebererregbarkeit
Es bleibt nur ein ganz kleiner Rest von echten Tetanien, juvenilen
ien (als Wiedererscheinung der Spasmophilie) und die Gruppe des Epi-
)ids. Basedowoide Symptome waren bei 30 Proz. der Tetanoiden
zeisbar. ebenso häufig Infantilismus, in wenigen Fällen Akromegalie,
dem und Eunuchoidismus. Der J e u s c li sehe Versuch der Einteilung
’syehopathen in basedowoid und tetanoid ist daher verfehlt.
izinisch-biolog. Abend der Universität Frankfurt a. M.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 7. Februar 1922.
Vorsitzender: Herr Voss. Schriftführer: Herr Völker.
,err Oppenheimer: Die Ausscheidung von Scharlachrotöl durch
eher (Demonstration.)
lacn Verbitterung von Scharlachrotöl an Versuchstiere, insbesondere
-• tritt eine Rotfärbung in den Gallengängen auf. Bei gleichzeitiger
reichung von Cholesterin wird diese Veränderung wesentlich intensiver,
ss eine makroskopisch sichtbare Rotfärbung der Leber zustande kommt.
lerr Fischer: Völliger Abriss eines Papillarmuskels im linken Veu-
durch Koronarsklerose. (Demonstration.)
>ei einem bisher gesunden Kranken, der ganz plötzlich unter äusserst
luichen Herzerscheinungen erkrankte und nach 10 Monaten ad exitum
srgab die Sektion folgenden Befund: ein Papillarmuskel war völlig ab¬
gerissen und die Sehnenfäden, an denen das obere Stück hing, hatten sich
mehrfach überdreht. Die Muskulatur unterhalb der Abrissstelle zeigte eine
Nekrose, die auf mangelnde Blutversorgung infolge hochgradiger Sklerose der
ernährenden Koronararterie zurückzufüWen war.
Herr Berber ich: Die Pubertätsdrüse.
Nach einer kurzen historischen Einleitung setzt sich Vortr. mit den An¬
schauungen Steinachs auseinander. Die eigenen Untersuchungen sprechen
(ebenso wie die noch unveröffentlichten von J a f f 6) gegen eine trophische
und resorptive, aber für eine gewisse innersekretorische Funktion der
Zwischenzellen. Es ist wahrscheinlich, dass es sich bei letzterer mehr um
eine korrelative Funktion handelt, während die innersekretorische Funktion
der Genitalsphäre von den Hodenzellen ausgeht.
Herr Mader: Ueber die regulatorische Dysfunktion des thermo-
genetischen Apparates bei missbildeten Neugeborenen.
Bei 2 Missgeburten, -die u. a. erhebliche zerebrale Missbildungen zeigten,
wurden Temperaturschwankungen zwischen 35 und 42° beobachtet, die durch
keinerlei äussere Momente (Erwärmung oder Abkühlung) beeinflusst werden
konnten.
Herr Leichen Ueber den Kalziumgehalt des menschlichen Blutserums
und seine Beeinflussung durch Störungen der inneren Sekretion.
Thyreoidinfütterung und Basedow bewirkten ein Sinken, Myxödem ein
Steigen des Kalkspiegels; bei Hypophysenverfütterung fand sich ebenfalls
Senkung, in einem Falle von Hypophysentumor Erhöhung. Behandlung mit
Ovarienpräparaten hatte Senkung, Kastration Erhöhung zur Folge. Auch
bei Suprarenininjektion konnte Senkung beobachtet werden. Das Suprarenin
wirkt im kalkarmen Milieu besser, während bei erhöhtem Blutkalk eine
Hemmung der Adrenalinwirkung eintritt. Bei Zuführung von Epithelkörper¬
chen kam eine Steigerung des Blutkalkspiegels zustande.
J. E. Kayser-Petersen.
* Aerztlicher Verein in Hamburg.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 14. Februar 1922.
Herr Lippmann berichtet über einige Fälle von Icterus catarrhalis
mit Leber- und Milzschwellung und positivem Bazillenbefund (Paratyphus A
oder Typhus) oder entsprechender Agglutination. L. sah etwa zehnmal soviel
Fälle von klinisch gleichem Verlauf, mit und ohne Fieber, ohne dass der
Nachweis einer gleichen Infektion erbracht werden konnte, glaubt aber doch,
dass sie auch als Infektionsfolgen aufgefasst werden müssen, und nimmt
damit Naunyns Cholangielehre auch für den Icterus catarrhalis an.
Herr Tlieys stellt eine Kranke vor, bei der eine isolierte Kaverne
im rechten Oberlappen nahe der Pleura bestand. Operative Eröff¬
nung der Kaverne nach Rippenresektion hatte guten Erfolg. Pneumo¬
thorax oder Thorakoplastik, die bei ausgedehnteren Zerstörungen eines
Lungenlappens die Methoden der Wahl sind, kamen im vorliegenden Falle
nicht in Betracht.
Herr Dan zieer zeigt ein durch Operation gewonnenes Präparat von
Pseudomyxoma oeritonei, einen höckerigen Tumor, der, unter dem Colon
transversum gelegen, anscheinend vom Pankreas ausging.
Herr Hellmuth: Differentialdiagnose zwischen Schwangerschaftsniere
und chronischer Glomerulonephritis in graviditate. Untersuchung der Oedem-
flüssigkeit mit dem P u 1 f r i c h sehen Refraktometer ergibt, dass die
Schwangerschaftsnierenerkrankungen mit den Nephrosen in Parallele gesetzt
werden können, während die Glomerulonephritis einen wesentlich höheren
Eiweissgehalt der Oedemflüssigkeit aufweist.
Herr Nürnberger fand an dem Material der Frauenklinik sehr
häufig Schädigungen bei Bluttransfusionen; Untersuchung von Blutproben auf
Hämaegiutinine ergab, dass sie bei Graviden ungleich häufiger sind als bei
anderen Menschen. Zur raschen Feststellung dieses offenbar bei
den Schädigungen in Betracht kommenden Faktors mischt N. einen Tropfen
Spender- und Empfängerblut in einem Tropfen Natriumzitratlösung auf dem
Objektträger; man kann dann schon makroskopisch sofort die Agglutination
erkennen.
Herr Paschen berichtet über Versuche betreffend den Wert der
Revakzination: Impft man Kaninchen auf der einen Seite mit Vakzine unter
Zusatz von Wiederimpflingsserum, das unmittelbar vor der Revakzination
entnommen -ist. auf der anderen Seite mit der gleichen Vakzine 4* Serum des
gleichen Spenders, 14 Tage später entnommen, so zeigt sich auf der einen
Seite keine, auf der anderen starke Hemmung, selbst wenn bei dem Wieder¬
geimpften keine erhebliche Reaktion aufgetreten war.
Diskussion zu dem Vortrage des Herrn Bonne: Kann unser
deutsches Volk sich aus dem Boden unseres Vaterlandes selbst ernähren?
(Vergl. d. W. Nr. 6, S. 217.)
Herr Cal Vary: zur Abstinenzfrage; Herr Hahn: Kritik der Klein¬
siedelungen; Herr Klean Schmidt: zur Frage der Milchversorgung.
Vorzüge der Trockenmilch; Herr Weygand t: psychischer Faktor der
Siedlungspolitik; zur Alkoholfrage; Herr Wichmann: hält Klein¬
siedlungen in mancher Beziehung für bedenklich; Herr Lichtwitk;
Herr Z i p p e r 1 i n g: Bodenreform; Herr Engel mann; Herr Kestner:
über Vollkornbrot; Herr Knack: Polemik über soziale Fragen.
Herr Bonne; Schlusswort.' Max F r a e n k e 1 - Hamburg.
Medizinische Gesellschaft zu Jena.
Sitzung vom 11. Januar 1922.
Herr B u c h h o 1 z und Herr Zange: Röntgenstrahlenbehandlung der
Kehlkopftuberkulose. (Mit Lichtbildern und Krankenvorstellung.)
Herr Runge: Ueber die Bedeutung des C o r t i sehen Organs für das
Hören.
Sitzung vom 25. Januar 1922.
Herr Ergeeilet zeigt einen 47 Jährigen mit ausgedehnter fleckiger
Melanosis der Sklera, Melanosis der Iris und Aderhaut. Sehnervenscheibe
pigmentfrei. Die tiefbraune Iris ist dick. Bälkchen und Krypten fehlen im
Ziliarteil ganz. Eine Kontraktionsfurche ist nahe dem temporalen Randteil
entwickelt. Im steil abfallenden Pupillenteil kleine Wärzchen. — Die Iris des
anderen Auges ist im allgemeinen hellgrau (an einzelnen Stellen Pigment¬
fleckchen), sie zeigt aber auch eine Bildungsstörung in Gestalt einer ziemlich
332
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
dicken Gefässschlinge, die im lockeren Irisgewebe korkzieherartig gewunden
auf der temporalen Seite von der Iriswurzel bis zum Sphinkter zieht.
Herr Hannemann: Remonstration eines Falles von Polykorie des
rechten Auges. In der Iris zeigt der Pupillartei! eine eigenartige Wulstung in
der Art, dass der nasale Teil anch vorn zu umgestülpt ist. Nach Homatropin¬
einträufelung sieht man mehrere teils grössere, te*ls, !tl®1(nere, °fff"“n^re" ’J"
Irisdiaphragma konzentrisch dem Pupillarrand im Sphinktergebiet, im ganzen
6 an der Zahl, einschliesslich der an normaler Stelle befindlichen Hauptpupille.
Herr A. Schmitt: Kurze Beschreibung eines Falles von ungewöhn¬
licher Form der Altersatrophie der Iris mit Ablösung des vorderen Irisblattes
und Aufsplitterung desselben in einzelne in der Vorderkammer flottierende
Fasern. (Erscheint anderweitig ausführlich.) , , . ,
Herr Seile: 1. Cholestearinkristalle ln der Vorderkammer bei Phthisig
2. Demonstration einer vergoldeten Silberkugel in einem Exenterations-
stumpf des Auges, die 30 Jahre beschwerdelos getragen und dann mit dem
Stumpf wegen Entzündungserscheinungen entfernt werden musste. ,
Herr A Schmitt: Das Starkrankenmaterial der Umv. -Augenklinik
Tübingen 1901—1919, 8614 Fälle betreffend, wird statistisch-klinisch nach ver¬
schiedenen Gesichtspunkten, wie Bevorzugung des männlichen oder weib¬
lichen Geschlechts, zuerst erkrankte Seite, Refraktion, Astigmatismus, Alter
der Starerkrankung. Beruf, Heredität, Missbildungen der Augen, angebliche
Aetiologie, vorhergegangene und gleichzeitige Erkrankungen untersucht und
die Wahrscheinlichkeit einer endogenen Ursache der Starerkrankung gemäss
den Ergebnissen festgestellt. (Erscheint anderweitig ausführlich.)
Herr Erggelet: Vorführung des Differentialpupilloskop von Hess.
Herr Brückner: Zur Zytologie des Auges.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 19. Januar 1922.
Herr .1 o r e s: 1. Pathologisch-anatomische Demonstrationen.
2. Zur Frage des postembryonalen Gefässwachstums.
Vortr. hat Anlass genommen, noch einmal auf die Wachstumsvorgange
in der Intima zurückzukommen, die sich nach der Geburt in der Aorta des-
cendens zuerst zeigen und die hier wie auch im übrigen Gefässsystem bis in
die späteren Lebensalter hinein sich fortsetzen. Jores stützt sich dabei aut
ein Material, das hauptsächlich schon vor längerer Zeit gesammelt war und
das z. T. von Dr. Uyama bearbeitet worden war.
Im Hinblick auf die Untersuchungen Rankes und H u e c k s über die
Strukturen des Gefässbindegewebes, hält Jores die strenge Unterscheidung
einer elastischen Hyperplasie und einer regenerativ-bindegewebigen Intima¬
verdickung nicht mehr aufrecht. Die Untersuchung erstreckte sich auf ver¬
gleichende Betrachtung der gleichen Gefässabschnitte an Fällen verschiedenen
Alters. Legt man hierfür die Befunde an der Aorta thoracica zugrunde,
so zeigt sich, dass eine Intimaschicht mit vorwiegend elastischer Grund¬
substanz sich nach der Geburt in wenigen Monaten bis zu einer gewissen
Stärke entwickelt, die dann annähernd konstant bleibt. Längsmus'kulare
Anteile dieser Intimaschicht sind zwar in der Ablage schon beim Neu¬
geborenen vorhanden, bilden sich aber erst später aus und dann nur gering.
In der Regel wird die Längsmuskulatur durch starke Hyperplasie elastischer
Grundsubstanz verdeckt. Eine stärkere Zunahme der Intima, insbesondere
in Form kollagener Bestandteile wird von Mitte bis Ende des 2. Jahrzehnts
an häufiger angetroffen. Aber ihr Vorkommen ist nicht an ein bestimmtes
Alter gebunden, auch ist die Zunahme mit dem Alter ungleichmässig, so dass
eine mit dem Alter parallel gehende Verstärkung der Intima nicht fest¬
zustellen ist. Reichliche Ausbildung der elastischen Elemente fand sich zu¬
weilen auch noch im 6. Jahrzehnt, allerdings in einer Form, die die nachträg¬
liche Elastinimprägnation in vorher überwiegend kollagen angelegten Schichten
als wahrscheinlich annehmen lässt. Rechnet man hinzu, dass im Alter Elastin-
fasern in der Gefässwand auftreten, deren Vorhandensein leicht bei Elastin-
färbung übersehen werden kann, so ergibt sich, dass der Gefässwand die
Fähigkeit zur Bildung elastischen Gewebes auch im Alter nicht abgeht. Die
stärkeren Grade einer Intima, namentlich soweit sie als kollagen imprägnierte
Lagen und Schichten auftreten, sind pathologisch und als Anpassungs¬
wachstum aufzufassen. Mit dem Lebensalter können sie nicht direkt Zu¬
sammenhängen, aber ihr häufiges und in späteren Jahrzehnten regelmässiges
Vorkommen ist auf pathologische Schädigungen zurückzuführen, von denen
mit .zunehmendem Alter so gut wie alle Menschen betroffen werden.
Schwieriger ist zu beurteilen, ob die bald nach der Geburt auftretende
subendotheliale und vorwiegend elastische Schicht physiologisch oder patho¬
logisch ist. Ihr regelmässiges Vorkommen spricht gegen die letztere An¬
nahme. Aber da Vortragender eine elastisch-hyperplastische Schicht bei
einer 44 cm langen Frühgeburt vorfand, die 9 Tage gelebt hatte, so scheint
ein Zusammenhang zwischen der Ausbildung der Schicht in der Aorta und
dem Beginn des postembryonalen Lebens zu bestehen. Andererseits können
die namhaft gemachten physiologischen Einflüsse, wie Wegfall des Plazentar¬
kreislaufes (T h o m a), Dehnung und Spannung der Aorta durch Längen¬
wachstum (A s c h o f f), deswegen nicht in Betracht kommen, weil die Ent¬
wicklung der Schichten bei den daraufhin untersuchten Säugetieren, auch bei
den domestizierten fehlt. Somit ist selbst für die erste Anlage der Intima¬
schichten nach der Geburt die pathologische Entwicklungsweise nicht ganz
auszusch Hessen.
Bemühungen des Vortragenden über die Art derjenigen Schädigungen,
auf welche das Arteriensystem mit elastischen und bindegewebigen Hyper¬
plasien der Intima reagiert, näheren Aufschluss zu gewinnen, haben nicht
zum Ziele geführt. Aber Jores glaubt der Vorstellung entgegentreten zu
können, dass das Arteriensystem einer physiologischen Uber die allgemeinen
Alterserscheinungen hinausgehenden Abnutzung unterliege.
Medizinische Gesellschaft zu Leipzig.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 10. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr S u d h o f f. Schriftführer: Herr Huebs.chmann.
Herr Klein Schmidt stellt einen 50 jähr. Kranken vor, bei dem ein
walnussgrosses Fibrosarkom, das von der Dura ausgehend in die Gegend der
linken Zentralwindung vordringend, exstirpiert worden war. Der Tum
hatte ausser allgemeinen Hirndrucksymptomen eine Lähmung der rec.i
seitigen Extremitäten verursacht. Nach Umschneidung der Dura war t
Tumor ohne Schwierigkeiten und ohne Verletzung des Gehirns enukleu
worden. Trotzdem entwickelte sich bei nicht ganz ungestörter Heilung ei
hauptsächlich motorische Sprachlähmung, die sich jetzt allmählich bessert,
Lähmung der Extremitäten hat sich ebenfalls etwas gebessert.
Aussprache: Herr B o s t r o e m bespricht die neurologische D
trtiosc dos t^cillos
Herr Payr: 1. Ueber eine keimfreie kolloidale Pepsinlösung zur Narb:
erweichung. Verhütung und Lösung von Verwachsungen. (Ist nn Zbl.
Chir 1922, Nr. 1 erschienen; ref. d. W. Nr. 4, S. 134.)
2. Demonstration eines Falles von operiertem Sarkom der Membra
interossea des Unterarms bei einem 14 jähr. Mädchen.
3 Fall voll operiertem retrosternalem Kropf von Zweimannsfaustgros
Herr Hohl bäum: 1. Schwierige Beseitigung eines Anus praet
Be'i einem auswärts wegen Appendizitis operierten 23 jähr. Mädcher i
stand ein linksseitiger lliakalafter, der dem Zoekum angehorte und n:
ungewollter Durchtrennung der Sigmaschlinge angelegt worden war. B6
Stümpfe waren blind verschlossen. Die abführende Schlinge war dui
Gefässschädigung bis auf Fingerdicke geschrumpft und verengert bis i
Beginn der Rektumampulle, das proximale Ende der Sigmaschlinge endete,
der Höhe der linken Spina il. a. s. und lag hinter dem verlagerten Zoe kt
Durchziehen des mobilisierten oralen Sigmastumpfes durch eine neugeschafh
Oeffnung im Beckenboden. Extraperitoneale Anastomose dieses mit d
Rektum. Reposition des Zoekums und Verschluss des Zoekalafters führtej
Stuhlentleerung auf normalem Wege mit völliger Kontinenz.
2. Aneurysma der Poplitea nach Osteotomie wegen Genu valgum.
5 Wochen nach primär geheilter Osteotomie trat nach Abnehmer
Gipsverbandes ein faustgrosses Aneurysma der Poplitea auf. Durch N
einer erbsengrossen Oeffnung an der Hinterwand derselben und Deckung ■
Naht mit dem Sartorius wird das Aneurysma zur Heilung gebracht. I ms
Tib. ant. und post, nach der Operation, sowie gegenwärtig, 6 Monate spa
normal. Die Entstehung des Aneurysma wird durch Elevatonumdruck
die Arterie erklärt. . . ,
3. Spontantetanie, mit Epithelkörperchentransplantation behandelt.
Bei einer 22 jähr. Schwester waren akut sich häufig wiederhole
Tetanieanfälle aufgetreten. Es wurden 2 Epithelkörperchen (auch durch hi:
logische Untersuchung als solche festgestellt) aus einer Leiche wenige Mim
nach dem Tode entnommen und der Kranken präperitoneal transplanh
7 Stunden nach der Operation noch ein kurz dauernder Anfall, dann Sistie
der Anfälle bis heute, 2 Monate später. Gegenwärtig nur noch Lhvos
kaum angedeutet, Trousseau und Erb negativ. ..
Aussprache: Herr Payr gibt Bemerkungen zur Technik der Kn
Operation. Eine postoperative Tetanie hat er bei 2000 Strumaoperatio
nie gesehen.
Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 2. Februar 1922.
Herr Teu scher: Knochenoperationen bei Verkrümmungen der unti
Ex t rem i tä te n
T zeigt an der Hand von Lichtbildern die in der orthopädischen f
anstalt" von Prof. Dr. B 1 e n c k e üblichen Operationen zur Beseitig
knöcherner Deformitäten der unteren Extremitäten mit Heranziehung
hierzu überhaupt angegebenen Methoden.
Gezeigt werden photographische Aufnahmen und Röntgenbilder
Kranken mit knöchernen Ankylosen im Hüftgelenk, hauptsächlich auf
Boden tuberkulöser Koxitiden entstanden, bei denen durch die schräge
trochantere, die intertrochantere oder die pelvotrochantere Osteotomie
gute Korrektur der Flexions-Adduktionskontraktur des Oberschenkels er
wurde. Bei knöchernen Ankylosen des Kniegelenkes in starker Be
Stellung erwies sich die Drehmann-W erndorff sehe paraartikr
Methode als sehr erfolgreich. Sehr zahlreich sah T. Genua valga zur (
ration kommen, die in den meisten Fällen in der suprakondylären Osteot<
nach M a c E v e n bestand und gute Resultate zeitigte. An der Hand
Röntgenbildern konnte der Vortragende die starken arthritischen
änderungen zeigen, die beim Ausbleiben der operativen Behandlung eintn
Bei Totalkrümmung der Beine im Varussinne wurde gewöhnlich in einer
mehreren Sitzungen schräg durchmeisselt, je nachdem Tibia oder Femur
der stärksten Verkrümmung war. Auch die keilförmige Osteotomie mt
mehrfach in Anwendung treten, um zufriedenstellende Resultate zu erzi
Es kam immer zu glatten Heilungen mit guter Konsolidierung der 1 ragnu
Nur in einem Fall trat eine Katguteiterung ein. die einen nochmaligen Ein
erforderte, da sonst die Gefahr der Sequestrierung einer Knochenzacke
stand, die sich bei der Durchmeisselung nicht hatte vermeiden lassen,
einem anderen Kranken verursachte eine derartige Zacke Beschwerden
den ersten Gehversuchen. Beide Male nach Abmeisselung der Zacke gl
Erfolg. Bei Kindern mit rachitischen nullförmigen Unterschenkelverk
mungen gute Resultate nach A n z o 1 e 1 1 i und Röpke. Bei scharfen
Knickungen im unteren Drittel wurde regelmässig schräge oder keilfor
Osteotomie 'vorgenommen, mit der immer eine befriedigende Korrektur
reicht wurde. Schliesslich berichtet T. noch über gemachte Erfahrunger
Hallux valgus-Operationen. von denen die nach der kürzlich von H o h m
angegebenen Methode ausgeführten sehr zuverlässig und erfolgreich ersehe
Diskussion: Herren Kirsch, Habs, Tfchmarke, A. Bien
und Reichardt.
Herr A. Blencke: Demonstration eines Kriegsverletzten, der m
einer Schussverletzung am linken Fuss eine Spitz-Klumpfussstellung r
Durch Sehnenverlängerung und keilförmige Osteotomie wurde erreicht,
der Fuss wieder ganz aufgesetzt und voll belastet werden kann.
Herr A. Blencke: Der augenblickliche Stand der Behandlung
Knochen- und Gelenktuberkulose. i
(Der Vortrag erscheint in Bruns’ Beiträgen zur klinischen Ohiru:
HR -
/ '
.
z 1922. MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 333
Aerztlicher Verein München.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 22. Februar 1922.
rr Thann ha user: Demonstriert das seltene Krankheitsbild eines
i sarkoms mit diffuser Melanose. Die ganze Hautoberfläche der Kranken
iiel braun-schwarz verfärbt, auch die Schleimhäute und sogar die Zähne
ihr oder minder stark pigmentiert. Im übrigen finden sich in der Haut
i .ehwarze Knötchen -eingelagert, im Abdomen ein mächtiger Tumor und
ollige Leber. Den Ausgangspunkt des Leidens dürfte ein von Jugend
(teilender Pigmentnävus auf der Brust bilden. Der Urin ist dunkelbraun
it Melanogen: in den letzten Tagen auch Melaninreaktion. Um der
unbekannten Konstitution des Melanins auf die Spur zu kommen, hat
i.ender mit H. Weiss zusammen die Vorstufe, das Melanogen, aus
in isoliert und einen Körper, der die Brenzkatechinreaktion gibt, wahr-
ch Protokatechusäure oder Homoprotokatechusäure darin entdeckt,
rr Rosenberger stellt einen Fall von lange Zeit unerkannt ge-
Ur Granatsplitterverletzung des Gehirns vor und knüpft daran die
j !g, bei unklaren Nervensymptomen auch leichter Art, soweit sie
Uilnehmer betreffen, niemals die Röntgenuntersuchung zu versäumen,
ifig, wie im vorliegenden Falle, rasche und vollständige Aufklärung
1
s rr Oberndorfer projiziert eine grössere Anzahl der in seinem
i kürzlich gesammelt erschienenen Diapositive von pathologischen
I ten. Die äusserst plastisch wirkenden, bis in alle Einzelheiten und
: des Abdomens klar durchgezeichneten Bilder häufiger und seltener
ischer Abnormitäten und pathologischer Veränderungen erweckten
: ine Bewunderung.
rr Grassmann verliest eine Entschliessung gegen die geplante
ng des alten Botanischen Gartens, dessen Erhaltung im Interesse der
: ner Volksgesundheit dringend geboten wäre; sie wird einstimmig
inmen.
Irr Kämmerer spricht über Bronchialasthma. (Der Vortrag er-
i demnächst in ausführlicher Form.)
skussion: die Herren Eskuchen, Thannhauser, Ranke
1 r u t z.
migung der Münchener Fachärzte für innere Medizin.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 2. Februar 1922.
! sitzender: Herr R. May. Schriftführer: Herr Handwerck.
Irtsetzung der Aussprache über seltenere Elektrokardiogramme und
itrationen von solchen:
rr Mobitz (als Gast) zeigt Elektrokardiogramme eines 20jährigen
Ins, bei welchem im Verlauf einer Pneumonie einen Tag lang eine
idige Dissoziation zwischen Vorhof- und Kammertätigkeit bestand.
Iz des Vorhofs f23, der Kammer 128 in der Minute. Es wird nach-
n, dass die Leitung zwischen Vorhof und Kammer intakt bleibt, denn
er Sinusreiz ausserhalb der refraktären Kammerperiode einfällt, findet
iberleitung statt. Somit entsteht die hochgradige Dissoziation lediglich
en geringgradigen Frequenzunterschied der Reizbildung im Sinus- und
I I f f sehen Knoten.
rr v. Romberg: 1. Das Chinidin hat nach einer Zusammenstellung
eratur durch Herrn v. Kap ff in etwa der Hälfte der Fälle von
| :11er Arhythmie regelmässigen Rhythmus herbeigeführt. Auch die
liinische Klinik hatte bei ihren Kranken etwa 53 Proz. Erfolge. Typisch
5 Vorhofflimmern oder -flattern über regelmässige Vorhoftachysystolie
Iweiser Blockierung der A.-V.-Ueberleitung in den regelmässigen
us über (Demonstration von Kurven). Leider scheint der Erfolg nie-
i wirklich dauernder zu sein. Seine längste bisher beobachtete Dauer
n der Klinik 10 Monate. Auch chronische Darreichung von Chinidin
in dem vorübergehenden Charakter des Erfolges anscheinend nichts,
lieh kommt eine Zeit, in der das Mittel nicht mehr wirkt oder nicht
:rtragen wird. Trotzdem bildet es eine sehr wertvolle Bereicherung
rapie.
5 Chinidin wurde nach den Angaben v. Bergmanns nur immer
m Essen gegeben. Bei älteren oder sehr empfindlichen Leuten
lie Einzeldosis auf 0,2 begrenzt. Sie wurde dann unter Umständen
m Tage wiederholt. Wenngleich einzelne Fälle guter Chinidinwirkung
Insuffizienz bekannt sind, so sind das doch grösste Ausnahmen. Das
sollte als ein lähmend wirkendes Mittel nur gebraucht werden, wenn
Tätigkeit vorher und zwar möglichst schon einige Wochen befriedigend
11t ist. Die gleichzeitige Verordnung von Chinidin neben Digitalis
v. R. nicht zweckmässig.
Demonstration der EKG. von selteneren Arhythmien: a) regelmässige
ichystolie mit der ganz ungewöhnlich hohen Frequenz von 660 in
lute. Die Kammersystole folgt mit verschiedener Ueberleitungszeit
i. bzw. jedem 6. Vorhofreiz. Nach 1,2 Pulv. fol. Digit, geht die
ktion in Flimmern mit einer Frequenz von 675 — 600 über. Durch
Blockierung wird die Kammertätigkeit regelmässig, 75 in der Minute,
j Aus der unter Leitung von H. Straub (jetzt Halle) angefertigten
!von S t r a u b e 1 (D. Arch. f. klin. Med.) und aus entsprechenden
1 tungen der Klinik 6 EKG. von Sinusvorhofblock, davon einer bei
2 jährigen Arbeiter mit gesundem Herzen, der bald vorü'bergeht. Es
p verschiedene Wirkung auf die Ueberleitung von Vorhof zur Kammer
Den und auf die Erklärungen hingewiesen, wie sie Wenckebaeh
jlcrseits H. Straub gegeben haben.
Aus der Straubei sehen Arbeit mehrere EKG. totaler Sinus-
' ie (Sinusflimmern). Der Herzschlag macht in diesen Fällen den
p perpetueller Arhythmie. Den R-Zacken gehen aber regelrechte
|n voraus. Als Vorhofextrasystolie ist die Störung nach dem ganzen
Vht aufzufassen. Die Erklärung einer völlig regellosen Reizerzeugung
sknoten entsprechend dem Flimmern oder Flattern der Vorhöfe bei
ähnlichen perpetuellen Arhythmie hat am meisten für sich,
s-sp rache: Herr Handwerck fragt, ob Herr v. R. Chinidin
' ambulanten Kranken in der Sprechstunde verordne,
r v. Romberg: Die Chinidinbehandlung bedarf fortlaufender sorg-
eobachtung, wenn es sich um perpetuelle Arhythmie handelt. Der
Kranke sollte möglichst zweimal täglich vom Arzt gesehen werden. Er muss
Bettruhe halten.
Herr Handwerck gesteht, dass, so ermutigend auch die Berichte
v. Bergmanns gewesen wären, er sich nach der Lektüre der vorher¬
gehenden Veröffentlichung Freys nicht habe entschliessen können, Chinidin
ohne weiteres in der Sprechstunde zu verordnen, obwohl dies vielfach zu
geschehen scheine. So habe ihm ein 57 jähr., noch sehr rüstiger Herr, der
angeblich seit seinem 28. Jahr an Anfällen von Herzjagen (anfänglich alle
Monate einen Anfall, seit seinem 50. Jahr seltener, 1917 — 1920 überhaupt
keinen Anfall) leide, und der ihn vor einem Jahre zum erstenmal in der
Sprechstunde mit einem Anfall von Tachyarhythmie (120 vollkommen unregel¬
mässige Herzaktionen in der Minute) konsultiert habe, berichtet, dass er bei
seinen beiden letzten Anfällen (Mai und Oktober 1920) von je 3 — 4 Tage
langer Dauer an früher nicht beobachteten Ohnmachtsanwandlungen gelitten
habe, auch nachher habe er noch 1 — 2 Monate sich nicht so wohl gefühlt
(gegen Morgen Erwachen mit momentanem Herzaussetzen). Die Frage: Sie
haben wohl Chinidin erhalten, wurde bejaht. Der Rat, Chinidin bei dem
neuen Anfall nicht zu nehmen, wurde befolgt: Der Anfall dauerte 30 Stunden,
danach Wohlbefinden wie in früheren Jahren nach den Anfällen. Ausser
Blutdruck: 180/100 mm Hg R.-R. kein Herzbefund. Darmatonie.
Herr v. Romberg: Bei Behandlung der paroxysmalen Tachykardie
oder Tachyarhythmie bewährt sich eine einmalige Gabe von 0,4 — 0,5 Chinidin
in einer Anzahl von Fällen vortrefflich zur Kupierung der Anfälle. Bei
häufigen derartigen Anfällen kann eine solche einmalige Dosis ein- oder
zweimal wöchentlich, unter Umständen nur einmal oder mehrmals monatlich
auch prophylaktisch günstig wirken. Voraussetzung ist auch bei dieser
Anwendung eine tadellose Herztätigkeit und im Allgemeinen das Fehlen auch
leichter zerebraler Störungen. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich die
allmähliche Erreichung der wirksamen Dosis wie bei perpetueller Arhythmie
oder die längere Verabfolgung kleinerer Mengen.
Herr Neubauer frägt an, ob der Herr Vortragende die gleichzeitige
Anwendung von Chinidin und Digitalis unter allen Umständen ablehnt. Wir
befolgen zwar ebenfalls die Regel, dass Insuffizienzerscheinungen vor An¬
wendung des Chinidins durch Digitalis beseitigt werden sollen; aber wir
pflegen dann die Digitalismedikation während der Chinidinkur fortzusetzen,
in der Annahme, dass dadurch einerseits die günstige Wirkung des Chinidins
auf das Vorhofflimmern unterstützt, anderseits ungünstige Nebenwirkungen des
Chinidins ausgeschaltet werden können. Wir haben mit dieser Kombination
keine ungünstigen Erfahrungen gemacht.
Herr v. Romberg: Die mögliche ungünstige Wirkung des Chinidins
auf die Herzkraft glaubt v. R. durch gleichzeitige Digitalisverabfolgung nicht
vermeiden zu können. Der Angriffspunkt der beiden Mittel ist offenbar zu
verschieden. Die unmittelbare Gefährdung insuffizienter Herzen durch
Chinidin kann so gross sein, dass v. R. nochmals dringend empfiehlt, Chinidin
nur bei befriedigender Herztätigkeit anzuwenden.
Herr Neubauer stellt weiter die Anfrage, wie der Herr Vortragende
die Kombination von Chinidin mit anderen Kreislaufmitteln, z. B. mit Koffein,
bewertet.
Herr v. Romberg: Die Kombination des Chinidins mit Koffein wurde
von ihm noch nicht versucht. Die Anregung ist jedenfalls im Auge zu be¬
halten.
Herr Grassmann hat bisher üble Nebenerscheinungen bei der
vorsichtigen Anwendung des Chinidins noch nicht gesehen. Hinsichtlich der
Kombination von Digitalis mit Chinidin erwähnt er eine frühere Mitteilung
von Wenckebaeh, welcher den gleichzeitigen Gebrauch dieser beiden
Medikamente unter gewissen Modalitäten empfohlen hat. Der ausgedehnteren
Anwendung des Chinidins in der Privatpraxis steht der Umstand entgegen,
dass der Preis des Mittels für den Mittelstand unerschwinglich ist. Man
müsste geradezu einen Fonds, ähnlich wie s. Z. für Radium, schaffen, um
diesen von der Krankenversicherung ausgeschlossenen Kreisen die Benützung
von Chinidin zu ermöglichen.
Herr v. Romberg: Auch in der von Wenckebaeh empfohlenen
Art scheint v. R. die Kombination von Digitalis und Chinidin nicht zweck¬
mässig. Zur Erzielung guter Wirkung erfordert die perpetuelle Arhythmie
grössere Digitalisgaben als der regelmässige Rhythmus. Gibt man sonst
z. B. 0,3 Pulv. fol. Digital, titrat., sind bei perpetueller Arhythmie 0,4 — 0,5.
ev. 0,6 in 24 Stunden zu gebrauchen. Die Wirkung kommt dann bekanntlich
bisweilen rascher, in vielen Fällen aber auch nicht schneller oder erst später
als bei regelmässigem Rhythmus mit den Normaldosen. Mit der Verordnung
kleiner Digitalismengen bei vorwiegender Arhythmie kann man nur eine
chronische Digitalisierung unterhalten. Sie scheint v. R. neben Chinidin, wie
betont, unzweckmässig. Umgekehrt sind bei vorwiegender Herzinsuffizienz
neben grossen Digitalismengen relativ kleinere Chinidindosen nur eine Hem¬
mung für den vollen Digitaliserfolg. Man kommt sicher mit der getrennten
Verabfolgung der beiden Mittel weiter. Die alte Zusammenverordnung von
Chinin mit Digitalis verwendete nach unseren heutigen Anschauungen ganz
unzureichende Chininmengen von etwa 0,3 in 24 Stunden.
Herr v. Romberg: Demonstration der Kurven von Diurese, Körper¬
gewicht, Pulszahl und Pulsdruck bei einer schweren Herzinsuffizienz einer
älteren Frau mit Hypertonie, Kropf, mit merklichen thyreotoxischen Erschei¬
nungen (Glanzaugen, Zittern, Schwitzen, anhaltender Tachykardie, Unter¬
ernährung) mit perpetueller Arhythmie, mit anfänglich schwerer Herzschwäche,
besonders allgemeinem Hydrops. Durch entsprechende Digitalisbehandlung.
Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr, durch zeitweise salzarme Kost zunächst
gute Besserung und befriedigende Entwässerung. Dann aber kein rechtes
Weiterkommen. Fortbestehen beträchtlicher Reste der Oedeme, dauernd hohe
Pulsfrequenz. Dann unter Aussetzen der Digitalis Jodkur nach E. Neisser
3 mal täglich 1, 2, 3 usw. Tropfen Sol. Kal. jodat. 1:20. Schon bald nach
Beginn bessere Diurese, bei 3 mal 7 Tropfen beträchtliche Verlangsaipung
des Pulses auf normale Frequenz, Zunahme der Entwässerung, sciir gutes
Gesamtbefinden. Weitergabe der nützlichen 3 mal 7 Tropfen für etwa
3 Wochen beabsichtigt, wenn der Puls ruhig bleibt. Meist dann
Pause von etwa 1 Monat und Wiederholung der Jodkur für 3 Wochen
in noch mehrmaligem Wechsel ratsam. Die Neisser sehe Jodbe¬
handlung ist in derartigen operativ wegen des Herzens nicht anzufassenden
Erkrankungen ein grosser Vorteil. Sic verlangt sorgliche Beobachtung der
Pulsfrequenz, sofortiges Abbrechen bei Zunahme der Pulszahl, ev. Zurück¬
gehen auf noch kleinere Jodmengen als angegeben.
Aussprache: Herr R. May erinnert an die Empfehlung des
Thyreoidins für sich allein und in Verbindung mit Diuretin, Digitalis usw.
I zur Behandlung der Oedeme durch E p p i n g e r.
334
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
N
Herr R. v. H ö s s 1 i n demonstriert Elektrokardiogramme eines Kranken,
bei dem ursprünglich Zweifel bestanden, ob die bradykardischen Anfälle nur
durch vagotonische Einflüsse oder durch Veränderungen im Bündel bedingt
waren. Eine hochgradige Verbreiterung der R. -Zacke an deren Spitze liess
letztere Annahme berechtigt erscheinen. Ein in einem bradykardischen An¬
falle 1913 aufgenommenes Elektrokardiogramm 'zeigte bei Halbierung der t uls-
zahl ausser den regelmässigen P-Zacken vor R noch an anderen btellen An¬
deutungen von P-Zacken, während solche in einem 1915 im Anfall ange¬
nommenen Elektrokardiogramm nicht zum Vorschein kamen. Nach
reicher Operation eines Duodenalulcus hörten die Beschwerden und Anfälle
völlig auf, so dass diejenigen Recht zu behalten schienen, welche die Herz¬
störungen lediglich auf vagotonische Einflüsse zurückführten. Im Jahre 1919
kehrten die bradykardischen Anfälle in verstärktem Masse wieder und nun
zeigten die Elektrokardiogramme völlig ausgebildete Dissoziation und regel¬
mässig von den Vorhöfen ganz unabhängige Kammerautomatie.
Im Gegensatz zu diesem Falle konnte v. H. in einem anderen Falle,
welcher klinisch die Symptome einer Adams-Stokes sehen Krankheit
mit Erbrechen und Bewusstseinsverlust im bradykardischen Anfall aufwies,
durch das Elektrokardiogramm nachweisen, dass es sich um eine reine Sinus¬
bradykardie ohne jede Andeutung einer Ueberleitungsstörung handelte. Der
Fall verlief dementsprechend auch günstig.
Wissenschaftlicher Verein der Aerzte zu Stettin.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 10. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Hager. Schriftführer: Herr M ü h 1 m a n n.
Herr HoHmann stellt einen Doppelt-Unterschenkel-Amputierteii vor,
der mit ganz einfachen Kunstbeinen (Holztrichter ohne Oberschenkelschienen)
vorzüglich geht: ferner werden Armamputierte mit modernen Armprothesen
(Carnes, Kresser, Hüftner, Sauerbruch, Krukenberg) vorgestellt.
Herr E. O. Schmidt: Ueber Meniskusverletzungen.
Meniskusverletzungen sind eine keineswegs seltene Erkrankung. Die
Häufigkeit wird demonstriert durch die beobachteten Fälle an dem allge¬
meinen Krankenhause Hamburg-Barmbeck und dem allgemeinen Kranken¬
hause Bethanien-Stettin. Nach geschichtlicher Uebersicht wird auf die
Anatomie des Kniegelenks eingegangen. Die Mechanik des Kniegelenks wird
näher erläutert. Jede erfolgte Streckung wird von einer Aussenrotation des
Unterschenkels beendet, jede Beugung beginnt mit einer Innenrotation. Die
statischen Verhältnisse der Articulatio genus werden genauer präzisiert.
Nach Erläuterung der P a n r a t sehen Bilder der Meniskusverschiebung bei
Beugung — Aussenrotation und — als Neues — der Innenrotation bei
„Streckung“, wird auf die Entstehungsmöglichkeiten der Meniskusverletzung
hingewiesen. Die Meniskusverletzung • — rascheste Aussenrotation bei fest¬
stehendem Unterschenkel „reflektorischen Herumreissen“ des Körpers bei
gerade gerichtetem Gang — die Hyperextension, ungehemmt, beim Fussball-
spiel, durch Fehlen des Balles, die „reflektorische Innenrotation“ bei den
einzelnen Sportarten wird beleuchtet. Aussenrotation — bei Beugung —
lässt eine mediale, Innenrotation — meist, doch nicht durchweg bei
Streckung — lässt eine laterale Meniskusverletzung zustande kommen. Es
wird dann auf die Diagnose der Meniskusverletzungen eingegangen, die Be¬
deutung der mehr oder minder langen Einklemmung, das ruckartige Ver¬
schwinden derselben, die typischen Druckpunkte usw. werden hervorgehoben.
Ueber die Therapie lässt sich nur sagen, dass nur die chirurgische Therapie
eine rationelle ist.
Konservative Behandlung kommt nur bei den wenigen dazu geeigneten
Fällen in Betracht.
Bei der Operation soll man erhalten was nicht losgelöst ist. wobei zu
bemerken ist, dass von den kleinsten Teilen, die zurückgelassen sind, Rezidive
ausgehen können.
Diskussion: Herr Selig: Die frischen Fälle bei jungen Leuten zu
operieren, ist wohl allgemeine Ansicht und wie auch Nachuntersuchungen,
so u. a. die von Konjetzny dartun, sind dabei die Endresultate gut. Be'
älteren Kranken und zur Operation sonst ungeeigneten Fällen sind andere
Massnahmen erforderlich. Um zu vermeiden, dass diese gleich nach Ab¬
klingen des Unfalls umherlaufen und sich dadurch schwere Schädigungen zu¬
ziehen, müssen wir ihnen sofort beim Aufstehen einen das Knie entlastenden
Apparat geben. Die Beschwerden verschwinden meistens ganz. Ob spontane
Auflösung des teilweise abgelösten Meniskus dazu beiträgt, bleibe dahin¬
gestellt.
Herr Lichtenauer: Meniskusverletzungen sind keine seltenen Er¬
krankungen. Ich habe im vorigen Jahre 5 Fälle operiert. Auffallend ist, dass
selbst bei rezidivierenden Fällen die Diagnose so selten gestellt wird. Die
Operation gibt gute Resultate. Iii dem von Herrn Selig angeführten Falle,
der spontan geheilt sein soll, hat es sich m. E. nicht um eine Meniskus¬
verletzung gehandelt.
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 30. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr Jüngling.
Herr Röder: Demonstration eines Bronchialfremdkörpers.
An Hand eines Falles (2 jähriges Kind mit Erbse im rechten Haupt¬
bronchus und sekundärer Pneumonie rechts) wird die Frage erörtert, ob bei
kleinen Kindern die obere und untere Bronchoskopie ausgeführt werden soll.
Vortr. kommt zu dem Schluss, dass stets die obere Bronchoskopie angewandt
werden soll. Die primäre untere Bronchoskopie lehnt er wegen der infolge
der Tracheotomie begünstigten Lungenkomplikationen ab.
Herr Noltenius berichtet über Beobachtungen betreffend Raum¬
empfindungen und Fallgefühl beim Fliegen.
Das Schiefstehen der Erde erklärt er aus einer Verwirrung der normalen
reflexmässigen Raumempfindung durch die im Kurvenflug auftretende
Zentrifugalkraft. Das Fallgefühl beruht auf einer Aufhebung der Nervenreize,
die normalerweise vom Statolithenapparat der Muskulatur zufliessen, einer
Aufhebung des Ewald sehen Labyrinthtonus. Physikalische Erwägungen
verlangen, dass diese Fallempfindung nur bei senkrechter Kopfha5
empfunden werden könne. Das steht mit den Beobachtungen des ortrage
im Einklang.
Aussprache: Herr R © i s s, Herr Noltenius.
Herr B e n t e 1 e berichtet über gehäuftes Auftreten von Diplokol
otitiden im Anschluss an Grippe. , ,
Charakteristisch ist nahezu symptomloser Verlauf bis zu den schwe
Komplikationen. Besondere Neigung zu Meningitis und Sinusphle
Genaueste Ohruntersuchung ermöglicht rechtzeitiges Erkennen und tingr
Herr Alb recht: a) Ueber die Behandlung der doppelsei
Postikuslähmung (Demonstration). ,
A bespricht zunächst die bisher angegebenen Methoden und geht
auf seine eigenen Versuche über. Von den verschiedenen Behandlung,
hat sich ihm folgende bewährt: Laryngofissur. Ablösung der Schiein
einer Seite vom Morgagni sehen Ventrikel bis zur Trachea. Submt
Resektion des Aryknorpels. Abtragung der Weichteile zwischen Schiein
und Knorpel. Tamponieren der Schleimhaut gegen den Knorpel.
Aussprache: Herr Perthes, Herr R e i s s. Herr A 1 b r e c h
b) Ueber die Vererbung von Ohraffektionen.
Die konstitutionell sporadische Taubstummheit vererbt sic$> monoli;
rezessiv, die hereditäre Labyrinthschwerhörigkeit dominant, die Otoskf
sowohl dominant wie auch auf andere bisher noch nicht erkannte Art.
otosklerotische Prozess ist somit nicht als biologische Einheit aufzufasse
Aussprache: Herr Perthes, Herr A 1 b r e c h t, Herr V e i
Physikalisch-medizinische Gesellschaft zu Würzbu
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 16. Februar 1922.
Herr Braus: Pfropfungen von Gliedmassen.
Herr B. berichtet über seine eigenen Pfropfungsversuche und über
von Harrison und seinen Schülern stammende Experimente über T
plantationen von Gliedmassen. Es gelingt bei Amblystoma. punctatun
vordere rechte Extremitätenknospe, wenn sie anf die entsprechende
Seite verpflanzt wird, zu einer typischen linken Extremität auswachse
lassen, wenn bei der Verpflanzung (über den Rücken her) die Stelle
rechts dorsal lag, links ventral zu liegen kommt (harmonische Verpflanz
Die verpflanzte rechte Extremitätenanlage ergibt jedoch auf die linke
gebracht, eine rechte Extremität, wenn die Anlage um die Vorderseite
Kopfes herumgebracht und so eingepflanzt wird, dass die Stelle, die r
dorsal lag, links wiederum dorsal zu liegen kommt (disharmonisch),
man es in der Hand hat, an beliebiger Stelle eine linke oder rechte Extrc
zu erzeugen, beruht darauf, dass in der Anlage vorne und hinten im früh
Stadium bereits festgelegt ist, dorsal und ventral jedoch durch die Umgs
verändert wird. Beweisend hiefür ist die Beobachtung, dass man i
Drehung der Extremitätenanlage an Ort und Stelle um 180° auf der 1
Seite eine rechte Extremität erzeugen kann. Die verpflanzte Extremit;
auch von Einfluss auf ihre Umgebung derart, dass, je' weiter sie kaudal'
gesetzt wird, auch aus entsprechend kaudalwärts gelegenen Rückenm
Segmenten ihre Innervierung erfolgt.
Arzneiinlttelkommission der Deutschen Gesellschaft für in
Medizin, unterstürzt vom deutschen Aerztevereinsbur
Bericht über die Sitzung vom 3. Januar 1922 in W ü r z b
(Anwesend : Gottlieb, Heffter, Holste, Penzoldt, v. R
b e r g. Spatz, S t i n t z i n g.)
Der Vorsitzende (Penzoldt) gab eine Uebersicht über die fr
Tätigkeit der A.-K. Zur Bekämpfung der überhandnehmenden Schädel
Arzneimittelwesens wurde die A.-K. 1911 vom Kongress für innere Mi
gegründet. Als Ideal schwebte ihr der Council on Pharmacy and Cher
of the American Medical Association vor. Für deutsche Verhältnisse 1
’r jedoch Vorbilder und vor allem grössere Geldmittel. Mit dem JV
eines Vorbildes sind wohl auch manche Fehler, die unleugbar im Anfan
macht wurden, zu entschuldigen. Mit dem Fehlen genügender Mittel häi
zusammen, dass sich die A.-K. zunächst auf die Bekämpfung der rek
haften und irreführenden Anpreisungen u. ä. beschränkte. Diese mi
Arbeit in zahlreichen schriftlichen und mündlichen Beratungen durchgeh
Bestrebungen, die in Gestalt der Arzneimittellisten in die Oeffentlichkeit t
stiessen in den beteiligten Kreisen vielfach auf Gleichgültigkeit, noch
aber auf ausgesprochene Feindseligkeit, welch letztere sich zu heftige:
griffen in der Presse und sogar zu gerichtlichen Klageandrohungen steig
Es fehlte aber auch nicht an Zustimmung insbesondere seitens der
liehen Verbände. Es gelang der A.-K. hervorragende konsultierende Mitg
zu gewinnen. Vor allem wurde eine Verständigung mit den besonders
essierten Vereinigungen (dem Verband der chemischen Grossindustrie
pharmazeutischen Fabriken, den Verlegern der medizinischen Fachpresse
erreicht, teils angebahnt. Der Erfolg war eine wesentliche
besserung des Anzeigewesens.
Nur die Regierungen verhielten sich gegen den Gedanken einer Prü
stelle für Arzneimittel vollständig ablehnend.
Während des Krieges haben verschiedene Generalkommandos erireu
weise Verfügungen nach den Grundsätzen der A.-K. zum Schutz'
Kranken getroffen. Die Tätigkeit der A.-K. ruhte während des Ki
Herbst 1919 nahm infolge der erneut und erhöht hervortretenden St
des Arzneimittelwesens die A.-K. ihre Arbeit wieder auf. Damals
beschlossen, im Aufträge der A.-K. verfasste aufklärende Ver off
lichungen über neuere Arzneimittel der Fachpresse zur Verfügu
stellen. Um eine Auskunftsstelle und womöglich eine P r ü f u
stelle für Arzneimittel einzurichten, wandte sich die A.-K. an die deu
Aerzte um Beiträge. Die Sammlung ergab leider nur eine Summe, ui
die Einrichtung und der Betrieb der Auskunftsstelle nicht länger als eii
möglich ist.
Deshalb wurde am 3. Januar 1922 entsprechend dem Anträge' de
schäftsführers (H o 1 s t e - Jena) der Beschluss gefasst: Die A.-K.. dere
nennung in dem oben stehenden Sinne ergänzt wird, soll sich an die de
Aerzteschaft mit der Bitte wenden, 60 000 M. im Jahre ihr zur
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
335
rz 1922.
zu stellen. Nur so sei es möglich, die Auskunftsstelie im Be¬
rn erhalten. Wenn jeder Arzt jährlich den geringen Beitrag von
.-eben würde, so wäre die Auskunftsstelle gesichert. Bei dieser kann
■.der Arzt Belehrung über die ihm unbekannten Arzneimittel u. ä.
os erholen. Diese Auskunftsstelle, wie die Arbeiten der A.-K. über¬
sind von grossem Werte für den ärztlichen Stand, den auf der wissen-
chcn Höhe auch in der Arzneimittelbehandlung zu erhalten eine hohe
e ist, sowie auch für das Wohl der Kranken, die vor schädlichen und
;en Mitteln zu schützen jedem Arzte am Herzen liegen muss. Eine
e Zahl von aufklärenden Veröffentlichungen in den med. Zeitschriften
die nächste Zeit in Aussicht genommen worden. Die Gründung einer
dien, pharmakologischen und therapeutischen Prüfungsstelle soll, wenn
afür die Mittel zu bekommen sein sollten, im Auge behalten werden.
Auswärtige Briefe.
Berliner Briefe.
(Eigener Bericht.)
e Vorstands wählen in der Medizinischen Gesellschaft. — Der Vertrags-
f über die Familienversicherung.
ich niemals seit dem Bestehen der „Berliner Medizinischen Gesell¬
war das Interesse der Mitglieder in so weitgehendem Maasse für die
les Vorstandes, insbesondere des ersten Vorsitzenden, in Anspruch ge-
n wie in diesem Jahre. Das kann man begrüssen, weil er eine engere
{ zwischen Vorstand und Mitgliedern zur Voraussetzung hat; man
» aber auch bedauern, weil es uns wieder zum Bewusstsein bringt, dass
:ht mehr, wie früher, über eine Anzahl überragender Persönlichkeiten
j n, die neben ihrer anerkannten wissenschaftlichen Bedeutung auch die
."igenschaften eines Vorsitzenden der grössten ärztlichen Körperschaft
In. Die Zeiten sind vorüber, wo neben V i r c h o w Männer wie
rgmann, Senator, Waldeyer und später Orth wirkten, so
ir die Frage entstehen konnte, wer von mehreren der geeignetste sei,
d wir uns heute eimgestehen müssen, dass man ein wenig in Ver-
Iit kam, um einen geeigneten zu finden. So war, da Orth schon
1 letzten Jahren nur aus besonderem Pflichtgefühl das Amt beibehalten
etzt aber aus Gesundheitsrücksichten eine Wiederwahl in keinem Falle
en zu können erklärte, die Neuwahl schon lange Gesprächsstoff in den
r Aerztekreisen gewesen, und man sah ihr mit einer gewissen
ng entgegen. Damit sie besser, wie es bei früheren Gelegenheiten
len war, vorbereitet werde, hatte sich ein Ausschuss gebildet, der die
Jer der Gesellschaft wiederholt aufforderte, Wünsche und Anregungen
gelangen zu lassen. So war eine Stelle geschaffen, bei der jeder, der
ir die Sache interessierte, seine Ansichten zum Ausdruck bringen
Der Ausschuss nahm seine Arbeit auf, und bei seinen sehr ein¬
en Beratungen wurde natürlich an erster Stelle die Kandidatur des
:en stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Kraus, besprochen, der
rsammlungen in mustergültiger Weise geleitet hatte. Aus rein sach-
Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen wurde, die er selbst
rrchaus anerkannte, und hauptsächlich, weil er mit anderen Aufgaben
Iin Anspruch genommen ist, nahm man davon Abstand, ihm diesen
anzubieten, und man kam überein, Herrn Körte vorzuschlagen,
erklärte sich auf Befragen auch bereit, den Posten anzunehmen, falls
einer grösseren Mehrheit gewählt würde. Soweit schien alles in
den Bahnen zu verlaufen, da ereignete sich etwas Unerwartetes. Eine
i von Aerzten war mit diesem Vorschläge nicht zufrieden, vielleicht
, weil sie ein Mitglied der Fakultät als ersten Vorsitzenden wünschte,
zte sich aber nicht mit dem Ausschuss in Verbindung, erklärte später,
öffentlichungen über das Bestehen eines solchen übersehen zu haben,
ternahm ihrerseits Schritte, um Herrn Kraus zur Annahme einer
itur zu bewegen. Dieser erklärte, dass er das Vorgehen des Aus-
s allerdings gebilligt habe; wenn aber eine grössere Mehrheit der
Jer ihn als Vorsitzenden wünschen sollte, so würde er sich ihr
ersagen. Damit war eine recht unerquickliche Situation geschaffen;
Woche, die der Wahl vorausging, herrschte die Stimmung eines
mpfes; die Mitglieder erhielten Zuschriften von beiden Gruppen, in
lie Wahl des einen bzw. des anderen Kandidaten empfohlen wurde. Es
imerhin ein wenig erfreulich, dass es doch mehr als einen gibt, auf
h das Vertrauen einer grösseren Zahl der Berliner Aerzte vereinigte;
hr wenig erfreulich war der Eindruck, den man bei der Wahl selbst
Die Versammlung verlief stürmisch wie eine erregte Volksver-
ng. Gewählt wurde schliesslich Herr Kraus. Dass damit die
der Gesellschaft einer sicheren Hand anvertraut ist, bezweifeln auch
en nicht, die ihm ihre Stimme nicht gaben. Nur bleibt es bedauerlich.
Ibst bei einer Gelegenheit, die ausschliesslich dem wissenschaftlichen
;enkreise angehört, die Berliner Aerzteschaft nicht die Ruhe und
aufbringen konnte, die man bei ihrer sozialen Stellung zu verlangen
igt ist.
r Zufall fügte es, dass wenige Tage zuvor in demselben Saale des
beck-Virohow-Hauses ein ähnliches Bild mangelnder Diszipliniertheit
n Augen des Zuschauers sich entrollte. Am 18. Februar fand eine
^ame Mitgliederversammlung des Gross-Berliner Aerztebundes und
Wirtschaftlichen Abteilung statt. Gegenstand der Verhandlung war die
ung der Familienversicherung, ein Thema, das schon wiederholt die
r erregt hatte, allerdings auch von einschneidender Bedeutung für die
aftliche Existenz sehr vieler Aerzte ist. Wie schon früher an dieser
lerichtet wurde, besteht eine vertragliche Verpflichtung zwischen den
ikassenverbänden und dem Aerztebund, über die ärztliche Ver-
: der Familienmitglieder zu verhandeln. Diese Verhandlungen waren
n Mangel zuverlässiger statistischer Unterlagen für die Kassen und
Unübersehbarkeit der wirtschaftlichen Einwirkung für die Aerzte
rdentlich schwierig; sie drohten schon zu scheitern, und es trat
•in Zeitpunkt ein, wo einige Kassen versuchten, einzelne Aerzte fest
den. Dieser Versuch ist misslungen. Die Verhandlungen wurden
aufgenommen und führten unter gegenseitigen Zugeständnissen schliess-
einem Vertragsentwurf, der von den Vertretern der beiden Parteien
nmen wurde. Der Vertrag soll zunächst nur für eine Versuchszeit
,em Jahre abgeschlossen werden, die genügen kann, um seine Wir¬
kung zu erproben, anderseits nicht so lang ist, dass schwere Schäden aus
ihm erwachsen können. Wegen seiner ganz besonderen Bedeutung aber
sollten vorher die Mitglieder befragt werden. Der Vertragsentwurf ist
ganz gewiss nicht frei von Schönheitsfehlern. Ebenso gewiss aber ist es,
dass in ihm das erreicht ist, was erreichbar war. Nichtsdestoweniger war
man auf Widerstände gefasst, und diese kamen in der Mitgliederversammlung
in recht heftiger Form zum Ausdruck. Wieder waren es die Kollegen einiger
Vororte, die die grössten Schwierigkeiten machten und auf keines ihrer ver¬
meintlichen Rechte verzichten zu dürfen glaubten. Sie erreichten es auch,
dass ihnen gewisse Zugeständnisse gemacht und Mindestsätze gewährleistet
wurden. Der Verlauf der Versammlung war so, wie leider erwartet werden
konnte: sehr stürmisch und nicht sehr würdig. Das Ergebnis war so, wie
glücklicherweise erwartet werden konnte: Dem Vorstande wurde die Er¬
mächtigung zum Vertragsabschlüsse erteilt. M. K.
Zum Entwurf der bayerischen Standesgerichtsordnung.
Von Sanitätsrat Dr. Bergeat in München.
Die Notwendigkeit, das ehrengerichtliche Verfahren bei den ärztlichen
Bezirksvereinen durch einheitliche Vorschriften zu ordnen, ist schon zu der
Zeit erkannt worden, als wir in Bayern noch keine gemeinsame Landes¬
ärztekammer, sondern noch nur acht selbständige Aerztekammern hatten. Im
Jahre 1910 ist von mir den Aerztekammern der Entwurf einer Ehrengerichts-
ordnung vorgelegt worden. Die Beratung ergab in der oberbayerischen und
der mittelfränkischen Kammer in wichtigen Punkten beträchtliche Ab¬
weichungen. Der Plan, durch Ausgleich dieser Unterschiede zu einer allge¬
mein gültigen Fassung zu gelangen, scheiterte 1913 vor allem an dem
grundsätzlich ablehnenden Verhalten einer Aerztekammer. Im Krieg ist die
Tätigkeit der Aerztekammern erloschen. Immerhin ist das früher Geschaffene
nicht vergeblich gewesen; vielmehr hat sich gezeigt, das$ sich die Ehren¬
gerichtsordnung da, wo sie eingeführt war, bewährt und gute Dienste ge¬
leistet hat.
Nun hat, wie in Nr. 6 der M.m.W. mitgeteilt, der Landesausschuss
der Aerzte Bayerns, in fortschreitendem Ausbau des Standeswesens begriffen,
auch diese Angelegenheit aufgenommen und gemäss dem vorjährigen Be¬
schluss der Landesärztekammer den Bezirksvereinen den Entwurf einer
Standesgerichtsordnung zur Beratung unterbreitet. Die mit der Ausarbeitung
betraute Kommission hat ihren Beratungen eine von mir ausgeführte, ein¬
greifende Umbearbeitung zur Grundlage genommen. Von besonderem Werte
und, wie ich sagen darf, zu einer wirklichen Freude, ist uns die Mitarbeit
eines seit Jahren in der ärztlichen Standesgerichtsbarkeit tätigen juristischen
Beraters geworden, des Herrn Stadtrates Dr. Merkel in Nürnberg. Ihm
verdanken wir die unverdrossene Sichtung der oft eigenartig verwickelten
Materie und die straffe und erschöpfende Fassung der von uns für notwendig
erachteten Bestimmungen. Man kann nur wünschen, dass wir Aerzte auch
künftig, wo immer wir uns Gesetze schaffen wollen, uns solcher sachver¬
ständiger Mithilfe bedienen und zu erfreuen haben werden. Stadtrat
Dr. Merkel hat dem Entwurf eine ebenfalls bereits veröffentlichte l) aus-
. fü’lirliche Begründung beigegeben, welche s. Z. einen wertvollen „Kommentar“
zur Ehrengericihtsordnung bilden wird. Im Folgenden soll nun ein kurzer
Ueberblick über den Inhalt- des Entwurfes gegeben werden.
Der Stoff der Standesgerichtsordnung hat gegen früher einen stark ver¬
änderten Aufbau und durch die Vervollständigung der alten, sowie die Auf¬
nahme neuer Bestimmungen eine ganz wesentliche Erweiterung erfahren.
Durch die Gliederung in Abschnitte mit entsprechenden Bezeichnungen hat
die Uebersichtlichkeit viel gewonnen. Als Einleitung zum Ganzen wird der
Zweck und die Zuständigkeit der Standesgerichtsbarkeit in gedrungener Form
dargelegt und jedes Mitglied der Bezirksvereine verpflichtet, vor der An¬
rufung öffentlicher Gerichte jede aus dem Berufsleben entspringende Klage
gegen einen Kollegen — unbeschadet der gesetzlichen Rechte — zuerst der
Standesgerichtsbarkeit zu unterbreiten. Ebenso wird die Verpflichtung ausge¬
sprochen, jeder Ladung vor das Schieds- und Ehrengericht Folge zu leisten.
Die ersten Stellen der Gerichtsbarkeit bilden die Schieds- und Ehren¬
gerichte bei den Bezirksvereinen. Man hat vor Jahren schon daran gedacht,
diese Gerichte durch Angliederung an die Aerztekammern aus dem engen
örtlichen Kreis herauszuheben, in dem die Sachlichkeit nicht immer leicht zu
wahren ist. Da aber zur geeigneten Schlichtung der meist anfallenden ört¬
lichen Streitigkeiten auch die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse notwendig
ist und ausserdem die zunehmende Verkehrsunterbindung eine Zentralisierung
immer mehr erschwert, wurde der Gedanke nicht weiter verfolgt. Als
Berufungsgericht für die Urteile der Vereinsehrengerichte dienen die Kammer¬
ehrengerichte. je, eines für den Bereich der Aerztekammer.
* Die Schieds- und Vereinsehrengerichte sind mit drei Richtern (Aerzten)
besetzt, wozu auf Beschluss des Ehrengerichtes als vierter Richter ein mit
der Befähigung zum Richteramt ausgestatteter Jurist treten kann; das
Kammerehrengericht besteht aus fünf Richtern, von denen einer Jurist sein
muss, der gleichfalls von der Aerztekammer zu wählen ist. Das bisherige,
stellenweise durch Zuruf recht summarisch vollzogene Verfahren zur Wahl
der Ehrenrichter wird durch die Vorschrift der geheimen Abstimmung ver¬
bessert. Früher bestand teilweise ein recht lebhafter Widerspruch gegen
die Zuziehung eines Juristen zum ärztlichen Ehrengericht. Dieser Wider¬
spruch kann hoffentlich als überwunden gelten. Wo diese Einrichtung ins
Leben getreten ist, hat sie sich in jeder Weise für das Ansehen der Gerichte
sowohl wie für das Interesse der Parteien als so nutzbringend erwiesen,
dass man nicht mehr darauf wird verzichten wollen. Ebenso wird hoffentlich
jetzt die von mir von jeher vertretene Uebertragung des vollen Stimmrechtes
an den juristischen Richter keinem Einwand mehr begegnen. Sie ist meines
Erachtens ein Gebot der Standeswürde des Richters. Neu aufgenommen wurde
die förmliche Verpflichtung der Ehrenrichter durch ein Handgelübde und die
dafür bestimmte Formel. Hier wäre nebenbei bemerkt noch eine kleine
Aenderung am Platze durch wenigstens teilweise Uebertragung des Vollzuges
an den Vorsitzenden des Gerichtes (statt des Vorsitzenden des Bezirks¬
vereines oder der Aerztekammer).
Der Entwurf bringt diie höchst notwendige strenge und vollkommene
Trennung des schiedsgerichtlichen (Schlichtungs-) Verfahrens von dem eigent¬
lichen ehrengerichtlichen (Straf-) Verfahren. Das schiedsgerichtliche Ver-
') Bayer, ärztl. Korr.Bl. 1922 Nr. 6 u. 7.
336
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr
fahren beim beruflichen Streit zweier Aerzte gipfelt nach dem Scheitern einer
Vermittlung in einem Schiedsspruch, sofern sich beide Parte“"
verbindlichen Unterwerfung unter den Schiedsspruch vorher bereit eiklaren.
Cine Berufung gegen den Schiedsspruch gibt es nicht. , |
Das ehrengerichtliche Verfahren tritt ein auf Strafantrag der Vorstand
Schaft des Bezirksvereins, auf Strafantrag eines Arztes oder auf Selbst¬
anzeige Klagen von Laien werden von der Vorstandschaft des Bezirksvereins
geprüft und gegebenenfalls übernommen, wodurch die Vorstandschaft zur
Partei im Verfahren wird. Zur Wahrung der Unabhängigkeit des Ehrenge¬
richtes wird diesem im Gegensatz zu früher das Recht zur selbständigen
Einleitung eines Strafverfahrens in dem vorliegenden Entwurf nicht mehr
ungesäumt., ßedürfnjs erwiesen sich ausdrückliche Bestimmungen (§15) über
die Dauer der Klagefristen und solche über die Wiederaufnahme des Ver-
fahrens (§ 19). Beide Punkte sind in Dr. Merkels Begründung an der
Hand der einschlägigen Vorschriften der Reichsstrafprozessordnung genauer
erläutert. Auch die Vorkehrungen für den Fall, dass ein Richter oder ein
ganzes Gericht (auch das ist schon vorgekommen), als befangen abgelehnt
werden sollte, sind ergänzt und erweitert worden, so dass es zu Ver¬
legenheiten und Zweifeln kaum mehr kommen dürfte. = . ,,
Nach § 17 erkennt das Ehrengericht im Falle der Verurteilung auf a) Ver¬
weis oder b) Geldstrafe oder c) Aberkennung des aktiven und passiven Wahl-
rechtes auf bestimmte Dauer oder d) auf Androhung der hrklärung der
Standesunwürdigkeit oder e) Erklärung der Standesunwürdigkeit. Verbindung
der Geldstrafe mit einer anderen Strafe und Verschärfung der Strafen durch
Veröffentlichung ist zulässig. . . . .
Die Fassung der Punkte d) und e) bereitete nicht geringe Schwierig¬
keiten, welche in der staatlichen Verfassung der Bezirksvereine liegen, ^ins¬
besondere bezüglich des Ausschlusses aus einem Bezirksverein. Der Aus¬
schluss aus dem Bezirksverein steht nicht dem Ehrengericht zu, sondern unter¬
liegt dem Beschlüsse der Vereinsversammlung. Das Ehrengericht muss sich
daher auf die Feststellung der Standesunwürdigkeit beschränken und die
Folgerungen dem Vereine uberlassen. Beschliesst dieser den Ausschluss, so
steht dem Betroffenen noch eine Beschwerde an die Aerztekammer (Be-
schwerdekommission) offen, welche in diesem Fall noch gewissermassen die
oberste Instanz über dem Kammerehrengericht bildet. Infolgedessen war es,
einerseits zur Wahrung des Ansehens der Ehrengerichte, anderseits mit Rück¬
sicht auf die schweren moralischen und wirtschaftlichen Folgen des Aus¬
schlusses, geboten, für Entscheidungen nach § 17 e die Einstimmigkeit des
Gerichtsbeschlusses zur Voraussetzung zu machen. Die Kommission hat nicht
verkannt, dass hier die Geschlossenheit des Verfahrens einiges zu wünschen
übrig lässt. Ein wichtiger Grund mehr neben anderen wichtigen Gründen,
um eine baldige zeitgemässe Umänderung der durch Allerhöchste Verordnung
von 9. VII. 1895 festgelegten bayerischen Standesverfassung eifrig zu be-
Weitere eingehende Bestimmungen, die hier nicht erörtert werden sollen,
regeln als eine Art Geschäftsordnung das eigentliche Verfahren bei den
Ehrengerichten: Die Aufgaben des Vorsitzenden, die Zusammensetzung des
Gerichtes, die Ladungen, die Berichterstattung und Vernehmung, das Protokoll,
die Entscheidung des Gerichtes und Bekanntgabe derselben, die Kosten¬
deckung (zu welcher die Parteien im ziemlichen Urrifang herangezogen
werden), die Aktenbildung, die Wahrung des Geheimnisses und den Jahres¬
bericht der Gerichte.
Vieles an diesen Bestimmungen mag als selbstverständlich und deshalb
überflüssig erscheinen, ist es aber nicht bei der unserem freien Beruf im Blut
steckenden Neigung zur Formlosigkeit; erst durch die ausdrückliche Fest¬
legung wird das einheitliche und selbstsichere Arbeiten der Ehrengerichte
gewährleistet und ihr Verfahren vor unfreundlichen Angriffen, welche wie
bekannt in der Regel die Form bemängeln, geschützt.
So leicht es im allgemeinen der Kommission gelungen -ist, sich auf be¬
stimmte Beschlüsse zu einigen, in einem Punkte ist sie nicht einig geworden,
das ist die Zulässigkeit des Ehrenwortes. Daher legt sie für § 32 zwei
Fassungen vor:
Die Abnahme des Ehrenwortes ist unzulässig
oder
I. Die Abgabe des Ehrenwortes nach dem Ermessen der Parteien,
Zeugen und Sachverständigen ist unzulässig.
II. In besonders bedeutungsvollen Fällen kann das Gericht be-
schliessen, einer Partei, einem Zeugen oder Sachverständigen das Ehren¬
wort abzunehmen, was in förmlicher Weise zu geschehen hat. Solche
Aussagen sin‘d wörtlich aufzuzeichnen und nach Anerkennung durch den
Aussagenden in das Protokoll aufzunehmen.
Die Frage ist von -solcher praktischer und ethischer Bedeutung, dass sie
nicht durch Uebergehung sich selbst überlassen werden kann, sondern gelöst
werden muss. Die Lan-d-esärztekammer wird die letzte Entscheidung zu treffen
haben. Unser juristischer Berater und mehrere Mitglieder der Kommission
lehnen das Ehrenwort ab, andere vertreten die zweite Fassung. Da ich zu
den letzteren zähle, mögen mir einige Bemerkungen erlaubt sein 2),
wobei ich vorausschicke, dass bisher auch die Aerztekammern in dieser
Frage soweit überhaupt eine geteilte Stellung einnahmen. In Oberbayern galt
bisher -dem Sinne nach die zweite Fassung, -die mittelfränkische Kammer -hat
die ganze Bestimmung als überflüssig gestrichen.
-Das Dilemma, richtig gefasst, ist ein sehr enges: Soll die Abnahme des
Ehrenwortes unter allen Umständen untersagt oder soll sie unter gewissen
engbegrenzten Umständen zulässig sein?
Die juristische Auffassung -beruft -sich vor allem darauf, -dass im Straf¬
verfahren der öffentlichen Gerichte der Parte-ieneid ausgeschlossen -ist. Man
wird die Grunde, -die dazu geführt haben, sehr wohl würdigen und sich auch
der Ansicht nicht verschldessen, dass das ärztliche Ehrengericht um so ein¬
wandfreier nach aussen dasteht, je mehr sich sein Verfahren dem der ordent¬
lichen Gerichte anschliesst, doch lassen sich auch für die andere Auffassung
gewiss recht gute, weniger rechtswissenschaftliche als allgemeine Gründe
beibringen. Kein Gerichtsverfahren kann zur Feststellung der Wahrheit und
des Rechtes heroischer Mittel, d. h. der besonders feierlichen Aussage, ent¬
behren. Dem öffentlichen Gericht dient dazu der Zeugeneid. Gerade hierin
2) Soeben, nachdem obige Betrachtungen im wesentlichen nieder¬
geschrieben waren, erschien in -Nr. 8 des Bayer. Aerztl. Korresp. ein Aufsatz
Dr. Merkels, in dem der Gegenstand von der juristischen Seite beleuchtet
wird.
kann sich das ärztliche Ehrengericht, dem die Vereidigung nicht zusteht, ,
öffentlichen Gericht eben gar nicht anpassen und dafür kann, von vornlie
nur im beschränkten Maasse, nur in dem Ehrenwort ein Ersatz cefu i
werden für die Fälle, wo andere Mittel nicht zum Ziele führen. Auch der Zeu.
cid ist bekanntlich nicht frei von der Möglichkeit schwerster moralis
Konflikte, welcher Möglichkeit -die verfeinerte und humanere Rech tspi
unserer Zeit auch Rechnung trägt. Dieselbe Umsicht in der Abwägung
Zulässigen kann auch unseren Ehrengerichten zur Pflicht gemacht wer
Dem ganzen Wesen nach unterscheidet sich aber das Ehrengericht doch;
von dem ordentlichen Gericht. Ich meine, natürlich cuin grano saus,
Objekt seiner Tätigkeit. Das ordentliche Gericht setzt bei seinen Angekla
eine grosse Menge von mala fides oder nur recht wenig bona fides vor
es gibt ihnen fast das Recht, sich mit allen Mitteln, auch -dem der Unw
heit, der Bestrafung zu entziehen. Das wollen wir, so scheint mir wen-igsi
bei einem ärztlichen Standesgericht doch nicht ohne weiteres als Grund
übernehmen Wir verlangen von dem, der vor seinen Standesgenossen
Richtern steht, auch Wahrhaftigkeit in seinen Aussagen und verurteilen n
gewiesene Unwahrheit jedenfalls weit schärfer als es das ordentliche Oe:
tut. Daher besteht m. E. nicht ein absolutes Bedenken gegen -das Ehren'
einer Partei. Ausgeschlossen in jeder Weise wäre es freilich, das Ehren’
als moralische Daumenschraube zu benützen, um die Beweisführung zu
leichtern und dem Beklagten das Bekenntnis seiner Schuld abzuzwingen.
Bedenken g-egen eine solche grausame Art des Rechtsverfahrens dürfte .
der Grund dafür sein, dass das ordentliche Gericht im Strafprozess auf
Parteieneid — im Zivilprozess spielt der Parteieneid sogar eine gr
Rolle — verzichtet, zumal bei der drakonischen Strafe, die auf den Mei
gesetzt ist. Meine Ueberzeugung ist aber, dass mit dieser radikalen
lehnung des Parteieneides dem persönlichen Rechtsempfinden und Rei
bedürfnis manches Angeklagten empfindlicher Abbruch geschieht, indem
ihm den Gegenei-d zu seiner Verteidigung versagt. Die Lücke, die man
empfindet, ist der Hauptgrund, warum ich bei unseren Ehrengerichten,
vielleicht doch einer etwas feineren Differenzierung fähig sind, als die orc
liehen Gerichte, das Ehrenwort, auch bei den Parteien, nicht ganz
geschlossen sehen möchte. In erster Linie zum Schutz des Beklagten. Ge
bei der Art des ärztlichen Berufslebens, das sich so vielfach ohne Zeugen
spielt, sind nicht schwer Fälle denkbar, in denen ein tadelfreier Man
schweren Verdacht geraten oder gebracht werden kann und alles
seinen Ungunsten zu sprechen scheint und wo auch der Makel eines ,
liquet“ von verderblichster Wirkung ist. Hier soll jedes Mittel der
tei-digung offengehalten, keines aus Grundsatz verschlossen bleiben,
dürfen zu den Ehrengerichten, denen wir ja die Initiative Vorbehalten
denen das Recht der freien Beweiswürdigung immer gegeben ist, das Vcrtr
haben, dass sie von der ihnen gegebenen Vollmacht den richtigen Gehr
zu machen w-issen und ebenso, dass die juristische Beratung Missbrauche
Missgriffe zu verhindern imstande sein wird.
Mein Empfinden spricht für den Sinn -des zweiten Paragraphen;
geeignetere Fassung, welche jede Sicherung gibt, wird, wenn erfordei
gefunden werden. Möge -die Entscheidung, wie sie auch ausfalle, uns;
Stande zum Wohl gereichen, wie wir dies von der ganzen neuen Star
gerichtsordnung erhoffen dürfen.
Kleine Mitteilungen.
Therapeutische Notizen.
Ein merkwürdiger Fall von Heilung einer Darm tu b
k u 1 o s e.
Im Frühjahr 1915 wurde ich zu dem damals etwa 50 Jahre alten l
halter Karl Schm, in Ründeroth gerufen.
Er lag schon 2)4 Jahre schwer krank zu Bett. Ueber-einstinu
hatten alle bisher untersuchenden Aerzte die Krankheit als Darmtuberk
bezeichnet. Der Zustand war so bedenklich geworden, dass der behänd
Arzt, die pflegende Schwester, wie auch die Angehörigen das Ableben
Kranken für die allernächsten Wochen erwarteten.
Befund: Abendliches Ansteigen der A.-T. auf etwa 40 '. Abmagt
„bis zum Skelett“. Passive Rückenlage. Dekubitus in Sakral- und Fe
gegend. Stuhl stets schokoladenbraun; eingesandte Probe enthielt Tube
bazillen. Hochgradige Schwäche: der Kranke ist seit Monaten nicht
in der Lage, sich im Bette zu setzen.
Behandlung. Ich baute meinen Heil-plan auf den Versuchen
Gräfin Prof. Linden in Bonn auf, durch Kupfer den Koch sehen Ba
zu beeinflussen.
Mein Gedanke war, durch regelmässige Darreichung von minit
Mengen eines Kupfersalzes zu erreichen, dass monatelang ständig eine ge
Menge von Kupfer im Körper anwesend sei.
Ich wählte das Kup-fersulfat. Seiner wässerigen Lösung liess ich <
Gelatine alba und, zwecks Kontrahierung der Darmwandgefässe <
Adrenalin beifügen.
Die Darreichung geschah genau gleichmässig jede Stunde von ino
8 Uhr bis abends 10 Uhr. Es durfte kein Brechreiz auftreten; baid
die richtige Dosis ermittelt.
Nebenbei liess ich zur Herabdrückung des Fiebers von 3 — 9 Uhr
mittags alle 2 Stunden einen Esslöffel einer einprozentigen Pyramidonh
geben. Das war die ganze Behandlung.
Verlauf: Nach 1 Woche Stuhl normal gefärbt, Befinden bede
besser; es gelingt dem Kranken, sich im Bette aufzurichten. Nach 2 W-
kann er auf einige Minuten selbständig aufstehen, um Bedürfnisse zu
richten. Nach 3 Wochen finde ich ihn im Garten sitzen. Nach 4 W-
geht er 1 km zu Fuss. Nach 3 Monaten tritt er seinen Dienst wiede
nimmt aber das Kupfer noch weitere 3 Monate. Bis heute, also
6 Jahren, ist der Mann gesund geblieben.
Dr. med. Hubert Kahle- Köln a.
H. H a r 1 1 u n g, Knappschaftskrankenhaus Emanuelsegen O.S., ber
über die im dortigen Krankenhaus mit gutem Erfolg durchgeführte B e h :
lung von Verbrennungen. H. richtet sich in seiner Behan
nach den von T sch marke dargelegten Grundsätzen, d. h. er sieht in
Verbrennung eine frische, nicht infizierte Wunde und sucht diese vor
Dingen vor Infektionen zu bewahren. Die von ihm angewandte V
irz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
327
■gung besteht darin, die Haut mit Jodtinktur zu desinfizieren, danach die
rmisfetzen abzutragen, die Blasen mit ihrem gallertigen Inhalt zu
:n und einen sterilen Verband anzulegen. Er bevorzugt dabei Jodoform¬
wegen ihrer schmerzstillenden Wirkung. Den ersten Verband lässt er
Tage liegen, weicht ihn danach im Wasserbad los und versorgt die
c weiter mit Salben- oder feuchten Verbänden. Auf diese Weise be¬
it er die Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Bei den Ver-
mgen dritten Grades lässt er den Schorf auf der Wunde möglichst un-
t.
on grosser Wichtigkeit ist es, schon bei den ersten Verbänden die sehr
eintretenden Kontrakturen zu berücksichtigen und die Verbände so
gen, dass diese vermieden werden. So z. B. bei einer Verbrennung
andrückens die Hand in leichter Beugestellung, bei einer solchen der
.äche die Hand in überkorrigierter Streckstellung einzubinden. (Ther.
onatshefte 1921, 15.) H. T h i e r r y.
/alter Körting-Prag (Universitätsklinik) berichtet über die Be-
lung der Grippe bei Schwangeren, wie sie an der dortigen
lklinik mit relativ günstigem Erfolg durchgeführt wurde. Es handelt
:ier besonders um die mit Pneumonie komplizierten Grippefälle, wo
s einer massenhaften Exsudation seröser Flüssigkeit in die Alveolen
»ronchien das Leben der Schwangeren akut bedroht ist. Hier wurde
eine frühzeitig angewendete Adrenalintherapie Günstiges erreicht. Das
alin wurde intramuskulär, alle 3 — 4 Stunden, je 1 ccm Stammlösung
)0) gegeben. Oft wurden bis zu 18 ccm der Lösung verabreicht. Kör¬
gründet den Heilerfolg darauf, dass es durch die Grippeerkrankung zu
toxischen Schädigung der Nebennieren gekommen ist, die zu einer
en Durchlässigkeit der Kapillaren führt und dadurch zu der enormen
ation in die Alveolen. Durch die künstliche frühzeitige Einverleibung
.drenalin kann diese Hypofunktion des Adrenalinsystems ausgeglichen
n. (Ther. Halbmonatsh. 1921. 21.) H. T h i e r r y.
ie Behandlung gewisser Lungenaffektionen mit
nikpräparaten in hohen Dosen und zwar 50 proz. Lösung
la. cacodylicum oder Arrhenal empfiehlt F. Nidergang (Presse
ile 1921 Nr. 78). Bei ausgesprochener Lungentuberkulose gibt
Behandlung keinerlei Erfolg, doch liegt ihr Indikationsgebiet haupt-
:h im Lungenemphysem, mit oder nicht mit Bronchitis verbunden und in
irklichen, asthmaähnlichen Dyspnoen, ferner noch vielleicht bei fötider
litis und Lungengangrän. Es werden immer eine Reihe von 10 — 12 In¬
ten gemacht und zwar alle 2 Tage oder wenigstens 2 mal pro Woche
enös, indem man allmählich mit der Dosis (jedesmal um 1 ccm) an-
und das Maximum von 5 — 6 g des Arseniksalzes schliesslich erreicht
Eine Anzahl nach dieser Methode behandelter Patienten haben seit
Jahre keinen neuen Anfall von Empyhsem mehr, andere nach völliger
g neue Anfälle, die im allgemeinen weniger heftig waren und rasch
t wurden, gehabt. N. nennt seine Methode eine antiseptische und
ipnoische Lungenbehandlung. St.
Studentenbelange.
im Streit um die Verfassung der deutschen Studentenschaft.
er Verfassungsstreit, der die deutschen Studentenschaften seit langer
rregt und daher an dieser Stelle schon des öfteren behandelt wurde,
rch den Erlass der Notverfassung in ein besonders entscheidendes
im getreten. Es dürfte deshalb von grossem Belange sein, das Urteil
Hannes zu hören — Universitätsprofessor Dr. jur. L e n t - Erlangen — .
e kein anderer in der Lage ist, die Vorgänge mit unvoreingenommenem
ju betrachten, hatte er doch den Vorsitz des Spruchhofes, der über die
ceit der Erlanger Verfassung zu entscheiden hatte. Die folgenden Aus¬
gen sind einem Artikel aus dem „Fränkischen Kurier“ entnommen,
ch in den „Deutschen Akademischen Stimmen“ erschienen ist.
egen die auf dem Erlanger Studententag beschlossene Aenderung der
tger Verfassung hatten mehr als 12 Studentenschaften Einspruch er-
1 weswegen die Angelegenheit dem Spruchhof überwiesen wurde, der
Gern Vorsitz von Prof. Dr. L e n t in einer Sitzung am 10. XII. 1921 ent-
< dass Stück 1 der Erlanger Verfassung, welches eine Gliede-
3 ler bisher einheitlichen deutschen Studentenschaft in drei autonome
i;n: die reichsdeutsche, die deutsch-österreichische und die sudeten-
■ he Studentenschaft vorsieht, wegen satzungswidriger Abstimmung un-
lj g sei. Durch diese Lage wurden einige Führer zu dem Entschluss
usst, die Gegensätze gar nicht mehr zum Austrag kommen zu lassen,
*1 sie die deutsche Studentenschaft auf eine völlig neue Grundlage
> i. Mit einem Gewaltstreich wurde die neue Verfassung als Not ver-
jü für gültig und bis 1925 unabänderlich, zugleich die Erlanger und
Ger Verfassung für aufgehoben erklärt.
Rechtlich ist die Notverfassung unzweifelhaft u n -
g. Mit vollem Recht haben daher der Kreis Bayern und die S tu -
schäften von den Universitäten Berlin und Marburg und von der
shochschule Leipzig die Notverfassung als ungültig abgelehnt.
J der Frage, ob die Notverfassung ein Fortschritt oder eine günstige
t ist, die verdient, von der deutschen Studentenschaft nachträglich
>niert zu werden, äussert sich Prof. Lent wie folgt: „. . . Sie be-
kt die deutsche Studentenschaft auf einen wirtschaftlichen Zweckver-
dem daneben noch hochschulpolitische Aufgaben zufallen. Dagegen ist
beit für die deutsche Kultur und Volksgemeinschaft, die noch in der
er Verfassung festgelegt war, ausgemerzt. ... Es ist der klare Ver-
•uf die hohen Ziele, welche den aus dem Kriege heimkehrenden, durch
wolution erschütterten Studenten vorschwebte, das deutliche Zeichen
bebbens jenes ideellen Strebens nach Mitarbeit am Wiederaufbau,
jetzt, wo alles darauf ankommt, allen Volksgenossen ihre Pflicht zur
■ an Staat und Volk über den Beruf hinaus einzuprägen, die furchtbare
I Gültigkeit zu bannen, mit welcher weite Kreise allem staatlichen Ge-
n gegenüberstehen, ist es in meinen Augen tief bedauerlich, dass die
lie Studentenschaft nicht mehr feierlich allen ihren Angehörigen die
zur Mitarbeit am deutschen Volke vor Augen hält. . . . Tief be-
ch ist auch die völlige Trennung der deutschen Studentenschaft von
terreichisohen und sudetendeutschen.“
Den Gesamteindruck, den Prof. Lent von der Notverfassung
hat, können wir aus folgendem Satze entnehmen: „Das Ganze kommt mir
vor — ich kann mich irren, aber ich fühle so — als ein Sieg von Kräften,
die um jeden Preis verhindern wollten, dass die deutsche Studentenschaft
ein Werkzeug des nationalen Aufstiegs, von einheitlichem nationalem Geiste
erfüllt würde.“
Ich glaube, diese Ausführungen sprechen eine deutliche Sprache und be¬
dürfen keiner Ergänzung. v. V.
In Freiburg haben die Wahlen zu dem von 48 auf 20 Sitze ver¬
ringerten Allgemeinen Studentenausschuss für das Sommersemester eine
absolute Mehrheit für den Hochschulring deutscher Art ergeben, der mit
039 Stimmen 11 Sitze erhielt. Der Hochschulverband katholischer Stu¬
dierender erhielt 6, die freie Hochschulgruppe 3 Sitze. Die Wahlbeteiligung
betrug 63 v. H. — Bei der gleichzeitig stattfindenden Urabstimmung über
die Frage: Sollen vom S.-S. 1922 an die Studierenden der beiden ersten
Semester verpflichtet sein, wöchentlich 2 Stunden Leibesübungen zu treiben,
ergab sich eine Zweidrittelmehrheit für Einführung der pflichtmässigen Leibes¬
übungen mit 1283 gegen 577 Stimmen.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 3. März 1922.
Am 27. v. Mts. wurde der Erweiterungsneubau der
chirurgischen Universitätsklinik in München in feier¬
licher Weise eingeweiht. Eine zahlreiche Festversammlung, die höchsten
bpitzen der Münchener Behörden, der Stadt und der Universität ein-
schliessend, füllte den mit Pflanzen geschmückten grossen Hörsaal der chirur¬
gischen Klinik. Der Rektor der Universität, Geheimrat v. Drygalski,
eröffnete die Feier mit Dankesworten an den Leiter der Klinik und an die
Stellen, deren einsichtiges Entgegenkommen trotz der Ungunst der Zeiten den
Bau ermöglicht hatte, worauf Prof. Sauerbruch die Festrede hielt. Er
gab einen Ueberblick über die Entwicklung der chirurgischen Klinik im vorigen
Jahrhundert, der Verdienste seiner beiden Vorgänger Nuss bäum und
engerer besonders gedenkend, und erläuterte dann die Aufgaben und die
Anordnung des Neubaues. Mit bewegten Worten dankte auch er allen, die
sich um den Bau verdient gemacht haben, insbesondere dem künstlerischen
Schöpfer des Baus, Oberregierungsrat Kollmann, und schloss mit einem
Appell an die anwesenden Studierenden, trotz schwerer Not festzuhalten im
Vertrauen auf die Zukunft des Vaterlandes. Nach der Feier, deren Eindruck
durch stimmungsvolle Gesangsvorträge erhöht wurde, führte ein Rundgang die
ei Sammlung durch die neuen Räume. Diese enthalten im Hauptgeschoss
Uperationssäle, Vorbereitungs- und Waschräume, eine S a u e r b r u c h sehe
Druckdifferenzkammer, im Erdgeschoss Laboratorien und im 2 Stock
Bibliothek, Sammlung und Assistentenwohnungen. Man war überrascht und
ertre«1 dder d*e Schönheit und vollkommene Zweckmässigkeit des Ge¬
schaffenen. Wenn auch der Bau -an künstlerischem Beiwerk einfacher ge¬
halten ist, als andere noch in der Vorkriegszeit entstandene JJniversitäts-
bauten desselben Baükünstlers, z. B. Poliklinik und Frauenklinik, so steht er
doch m bezug auf Gediegenheit des Materials und der Arbeit auf voller Höhe.
Dass das im verarmten Deutschland noch möglich gewesen ist, ist erfreulich
und gereicht zum besonderen Ruhme dem eigentlichen Schöpfer des Baus
Geheimrat Sauerbruch. Wie schon der Rektor der Universität in seiner
Rede andeutete, ist der Bau i h m bewilligt. Nur das ausserordentliche Ver-
trauen und die Autorität, die er sich in der kurzen Zeit seines Wirkens in
München zu erwerben gewusst hat, haben es vermocht, die zähen Wider-
Stande zu überwinden, die sonst einer so hohen Forderung seitens der Re¬
gierung und des Landtags sicher entgegengesetzt worden wären. Insoferne
bedeutet die Eröffnung des Klinikbaus einen Ehrentag für unseren soeben auch
mit der Kussmaul-Medaille ausgezeichneten Professor Sauerbruch.
— Man schreibt uns: Das Gesetz über die Prüfung und Be¬
glaubigung von Fieberthermometern, das jetzt in Kraft ge¬
treten ist, legt nicht nur den Fabrikanten die Verpflichtung auf, alle von
ihnen hergestellten Fieberthermometer amtlich prüfen zu lassen, bevor sie sie
in den Verkehr bringen, sondern es verlangt von den Gross- und Kleinhänd¬
lern, dass sie ihre Bestände den Prüfungsanstalten zur Kontrolle vorlegen
Dabei ergab sich, dass ein beträchtlicher Teil der Lagerware aus Apotheken
und Drogerien — durchschnittlich 30 Proz. — bei der Prüfung als unbrauch¬
bar ausgeschieden werden musste, sei es, dass die Instrumente falsch an¬
zeigten — Abweichungen von Qrad und mehr sind gar kejne Seltenheit _
sei es, dass die Instrumente andere Mängel aufwiesen, die für die Beurteilung
einer Krankheit verhängnisvoll werden können. Es zeigte sich ferner, dass
diese durchschnittlich 30 Proz. unbrauchbarer Thermometer nicht den gewöhn-
F«he!l AfUSfa a bH- !?,er ,Prüfung darstellen, dass vielmehr gewissenlose
Sh,mr?n™ni Ufld H^ndleIr ,dan(ach «strebt haben, allen bei ihnen aufgehäuften
Schund noch vor dem Inkrafttreten des Gesetzes an den Mann zu bringen
Dabei sind die aus diesen Kreisen der Zwischenhändler zur Prüfung ein¬
gereichten Mengen von Thermometern verhältnismässig nur klein; man muss
also annehmen, dass noch viel mehr minderwertige Ware, entgegen den Be¬
stimmungen des Gesetzes, von Kleinhändlern heimlich ungeprüft an den Ver¬
braucher abgesetzt wird. Die ungeprüften Fieberthermometer bilden also
'eiztMln deT Uebergangszeit eine grössere Gefahr für Leben und Gesundheit
der Menschen als je zuvor Es ist Pflicht eines jeden Arztes, das seinige dazu
beizutragen, um solche schädlichen Instrumente so schnell wie möglich aus-
zumerzen und dadurch die Segnungen des Gesetzes in vollem Umfange herbei-
zufuhren. Zur amtlichen Prüfung von Fieberthermometern sind zurzeit ausser
der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg noch die beiden
thüringischen Staatsprüfämter in Ilmenau und Gehlberg und das anhaitische
. taatsprufamt in Zerbst berechtigt. Jedes Thermometer, das die Prüfung be¬
standen hat, wird von allen vier Anstalten in gleicher Weise durch Aufätzen
des Zeichens DR, einer laufenden Nummer und der Jahreszahl beglaubigt
Amtliche Prufungsscheine werden im allgemeinen nicht ausgestellt; die bisher
vielfach von den Verfertigern mitgegebenen Fabrikscheine, welche die amt¬
liche Prüfung Vortäuschen sollen, sind gänzlich wertlos und, soweit sie zahlen
massige Angaben über die Fehler des Instruments enthalten, sogar vielfach
unrichtig und irreführend. Mit amtlichen Stempeln beglaubigte Fieberthermn
meter hefern — die Maximumthermometer auch nach dem Erkalten — auf
(1.1 richtige Angaben der I emperatur des Kranken. Da ein solches Thermo
338
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
meter aber möglicherweise um diesen Betrag zu hoch oder zu niedrig zelge" ]
kann, so können zwei derartige Instrumente im ungünstigsten ralle um das ,
Doppelte, also um 0,2 u voneinander abweichen. Ob sich diese Grenzen mit
der Zeit enger ziehen lassen — vorausgesetzt, dass in Ae.r.zt®kr.eis®"
haupt ein Bedürfnis dafür besteht — , muss einer spateren Ueberlegung vor-
behdlU.ii Dreibein ^ ^ k r i m i n e 1 1 e n Aborte hat die bayerische Re¬
gierung veranlasst, die Abgabe von Q u e 1 1 s t i f t e n in Apotheken unter
Rezeptzwang zu stellen. (S. u. Amtliches.) . , cfr„t
— Im April d. J. werden die psychiatrischen Abteilungen bei dem Straf¬
vollstreckungsgefängnisse München (Stadelheim) — „ fü.r , ,dle
gerichtsbezirke München und Augsburg — und denx,QerJchtsge*ang"lsseniltl”]
Nürnberg — für die Oberlandesgerichtsgefängnisse Nürnberg, Bamberg und
Zweibrücken — eröffnet. Sie werden von Fachärzten geleitet und mit dem
erforderlichen Pflegepersonal ausgestattet sein aber wegen Raummangels
vorerst nur männliche Untersuchungs- oder Strafgefangene aufnehmen können.
Aus dem nämlichen Grunde sollen auch, zumal von auswärts, nur solche
Gefangene eingewiesen werden, bei denen die Begutachtung durch einen
Facharzt unumgänglich ist. Bei den engen Zusammenhängen zwischen
Kriminalität und psychischer Entartung oder Erkrankung durfte es den neuen
Beobachtungsstellen nicht an Material fehlen und man darf sich wohl von
ihrer Arbeit manches wissenschaftlich wertvolle Ergebnis erwarten und
ebenso manchen strafrechtlichen Fortschritt in der heiklen Frage der Ver¬
antwortungsfähigkeit vieler Verbrecher.
— Nach amtlichen Berichten betrug in F r a n k r e ic h ^ ®rs*|,n
Semester des Jahres 1921 die Zahl der 0 ebu r t e n 421 180 424 668 ,
die der Todesfälle 348 329 (356 728), die der Eheschliessungen 228 185 (332 1 242)
die der Scheidungen 15 567. Der Geburtenüberschuss betrug also '2 851
(67 940), in Deutschland war er in den 3 ersten Monaten desselben Jahres
179 356. Die entsprechenden Zahlen des Vorjahres sind in Klammern beigefügt.
— Der Reichsausschuss für Leibesübungen veranstaltet gemeinschaftlich
mit dem Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Halbblutes in
der Zeit vom 15. Juni bis 2. Juli 1922 in der grossen Automobil-Ausstellungs¬
halle am Kaiserdamm in Berlin, also in der unmittelbaren Nahe der Statte
der gleichzeitig stattfindenden deutschen Kampfspiele, dem Stadion, eine
Deutsche Sport-Ausstellung, die einen umfassenden Ueberblick
über die Leistungsfähigkeit aller für die verschiedensten Gebiete des Sportes,
sowie Turnen, Wandern, Reiten, Fahren usw. tätigen deutschen Industrie¬
zweige bieten wird. Das Bureau der Ausstellung befindet sich in den Ge¬
schäftsräumen des Reichsausschusses für Leibesübungen, Berlin W 35, Kur-
fürstenstr. 48/III. , , . .
— Zum Leiter der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung an den
neuen Krankenanstalten der Stadt Mannheim wurde
Prof. Holzbach, früher Assistent bei Prof. Seil heim in Tübingen,
ernannt. In der engeren Wahl waren ausser ihm Proff. G a u s s - Freiburg,
E n g e 1 th o r n - Jena und E y m e r - Heidelberg.
— Herr Dr. K. Reicher hat sich nach 9 jähriger Tätigkeit in Bad
Mergentheim in Bad Homburg niedergelassen.
— An den Akademischen Heilanstalten zu Kiel werden vom 20. Mai bis
29 Juli d J an den Sonnabenden unentgeltlich Fortbildungskurse für Aerzte
in 'allen klinischen Fächern, einschliesslich Physiologie, Hygiene, Pathologie,
Pharmakologie, soziale und gerichtliche Medizin und Physikochemie gehalten.
Teilnahme nach vorheriger Anmeldung gegen eine Einschreibgebühr. Auskunft
erteilt Prof. Klingmüller, Direktor der Univ. -Hautklinik, Kiel, Hospit.il-
strasse 26
“ — Vom 3. — 8. April findet an der medizinischen Fakultät
der deutschen Universität in Prag ein Fortbildungs¬
kurs über Herz - und Gefässerkrankungen statt. Zuschriften
sind an das Dekanat der deutschen medizinischen Fakultät in^ Prag II
(Krankenhausgasse) zu richten mit dem Vermerk „Fortbildungskurs auf dem
Briefumschlag. Programme werden auf Wunsch zugesendet.
— Vom 6. — 11. März d. J. findet auf Anordnung des sächsischen Mini¬
steriums des Innern unter Leitung des Stadtbezirksarztes Ob.-Med.-Rat Dr.
H a u f f e in Chemnitz ein ,,L ehrgang für Aerzte über Schul¬
gesundheitspflege“ statt, der in erster Linie für sächsische Bezirks¬
ärzte und solche Aerzte Sachsens bestimmt ist, die sich schon als Schul¬
ärzte betätigen oder dies zu tun beabsichtigen.
— Die 46. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chi¬
rurgie findet vom 19. bis 22. April 1922 im Langenbeck-Virchow-Hause,
Berlin NW. 6, Luisenstr. 58/59, statt. Als Hauptthemata stehen zur Be-
sprechung: „Die experimentellen Grundlagen der Wunddesinfektion . Ref..
Herr Prof. N e u f e 1 d - Berlin (als Gast). „Die chirurgische Allgemein¬
infektion“. Ref.: Herr Prof. L e x e r - Freiburg. „Die Bedeutung der histo¬
logischen Blutuntersuchung“. Ref.: Herr Dr. S t a h 1 - Berlin. „Die Muskel¬
verpflanzung“. Ref. : Herr Prof. W u 1 1 s t e i n - Essen. Eine Ausstellung von
Instrumenten, Apparaten und Gebrauchsgegenständen zur Krankenpflege ist in
Aussicht genommen. (Anmeldungen an die Hauskommission des Langenbeck-
Virchow-Hauses zu Händen des Herrn M e 1 z e r.) Demonstrationsabend für
Röntgenbilder am Mittwoch, den 19. April, abends 8 Uhr, im Langenbeck-
Virchow-Hause.
— Die 13. Tagung der Deutschen Röntgen-Gesell¬
schaft findet am Sonntag (nach Ostern), den 23. April bis Dienstag, den
25. April 1922 im Langenbeck-Virchow-Hause, Berlin NW. 6, Luisenstr. 58/59
statt. Vortragsanmeldungen werden spätestens bis 1. März an die Adresse
des Vorsitzenden, Prof. Dr. Franz G r o e d e 1 in Frankfurt a. M„ Hospital
zum Heiligen Geist, erbeten. Anmeldungen und Anfragen bezüglich Aus¬
stellungen sind zu richten an: Herrn Direktor Hirschmann. Berlin N. 24,
Ziegelstr. 30. Die Mitgliedskarten sind bei Herrn Melzer, Berlin, Langen-
beck-Virchow-Haus, baldigst gegen Einzahlung des Jahresbeitrages (30 M.)
vorauszubestellen (Postscheckkonto H. Melzer, Berlin, Nr. 3757). Nicht¬
mitglieder können die Tagung gegen Lösung einer Teilnehmerkarte zu 30 M.
besuchen.
— Die diesjährigen Jahresversammlungen des
Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuber¬
kulose finden vom 17. — 19. Mai in Bad Kosen statt. Am 1. Tag wird
die Tuberkulose-Aerzte-Versammlung (nur für Aerzte) abgehalten werden,
am 2. Tage die Generalversammlung und die Ausschusssitzung und am
3. Tage je eine Sitzung der Mittelstands-, Lupus- und Fursorgestellenkom-
mission. Für jede Versammlung ist ein allgemein interessierender Vortrag
mit anschliessender Erörterung vorgesehen.
— Die „V ereindgung der leitenden Verwaltungsbt
amten von Krankenanstalten Deutschlands hält in d<
Tagen vom 2—4. Juli ds. Js. in Wiesbaden ihren Kongress ab. D
Tagung geht vom 29. Juni bis 1. Juli ein Fortbildungskursus im städtisch.
Krankenhause für schon im Amte befindliche
leitende Verwaltungsbeam
voraus. p ^ g { portUgal. Vom 13.— 26. November v. J. 5 Erkrankung
und 3 Todesfälle in Ribeira Grande (Azoren). Britisch Ostafrika. Vc
1 August bis 30. September v. J. 85 Erkrankungen und ab Todesfälle
Uganda. — Brasilien. Vom 30. Oktober bis 5. November v. J. 3 Erkra
kungeri und 4 Todesfälle in Bahia. , , . _ ,
— Cholera. Britisch Ostindien. Vom 16. Oktober v. J. bis 7. J
nuar d. J. 76 Erkrankungen und 79 Todesfälle in Kalkutta; vom 11. Se{
tember bis 5. November v. J. 57 Erkrankungen und 52 Todesfälle in i Karact:
vom 11. Dezember v. J. bis 7. Januar d. J. 2 Erkrankungen und 3 Todesfall
in Madras. , _
— Fleckfieber. Deutsches Reich. In der Woche vom 12.— 18. F
bruar 1 Erkrankung im Kreise Neidenburg (Reg.-Bez. Allenstein). Für d
Zeit vom 29. Januar bis 4. Februar wunden nachträglich 8 Erkrankung
(und 3 Todesfälle) ermittelt. Ferner wurden nachträglich gemeldet ai
Frankfurt a. O. für die Zeit vom 22. — 28. Januar 8 Erkrankungen (ui
2 Todesfälle), vom 15.— 21. Januar 16 (8) und vom 8.— 14. Januar 26 (1). •
Danzig. In der Woche vom 22.-28. Januar 2 Erkrankungen in der Sta
— In der 5. Jahreswoche, vom 29. Januar bis 4. Februar 1922 liatt
von deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkt
München-Gladbach mit 30,9, die geringste Barmen mit 11,7 Todesfällen p
Jahr und 1000 Einwohner. R--G--A.
Hochschulnachrichten.
Bonn. Prof. Dr. W. Trendelenburg, Direktor des pharmak
logischen Institutes in Rostock hat einen Ruf in gleicher Eigenschaft na
Bonn erhalten an Stelle des Geh. Rats Prof. Dr. Leo.
Erlangen. Am 23. Februar hielt Dr. med. et med. dent. Karl Haue
stein zwecks Habilitierung für das Fach der Zahnheilkunde seine Prob
Vorlesung „Ueber Alveolarpyorrhöe“. Der Titel der von der medizinisch1
Fakultät angenommenen Habilitationsschrift lautet: „Kieferhöhlenerkra
kungen“. , . ,
F r a n k f u r t a. M. Dr. Kurt Sehe er (nicht Sc her r, s. vor. N
hat sich für Kinderheilkunde habilitiert. ...
Freiburg i. B. Dr. Ferdinand W agenseil. Assistent . des an
tomischen Instituts, habilitierte sich für Anatomie und Anthropologie.
Giessen. Für das Jahr 1922/23 wird von der medizinische
Fakultät folgende Preisaufgabe gestellt: 1. Für den akademischen Prei
Es soll bei Fällen von Pseudologia phantastica untersucht werden, ob si
dabei Störungen der optischen Merkfähigkeit nachweisen lassen. 2. 1 ür d
Baiser-Preis: Die pathogenen Hyphomyzeten in der Giessener Gegend. C
staatlichen Preise betragen je 180 M„ der Preis der Balserstiftung besteht
den ungefähr 500 M. betragenden Jahreszinsen des Stiftungskapitals. Es ka
auch die Hälfte der Preise zur Verteilung kommen. Die Bewerbungsschr
ist vor dem 1. April 1923 an die Fakultät einzusenden, (hk.)
G ö 1 1 i n g e n. Der a. o. Professor der Zahnheilkunde und Direktor d
zahnärztlichen Instituts, Dr. Hermann Euler, wurde zum ord. Profess
ernannt, (hk.) »sJ
Hamburg. In der medizinischen Fakultät habilitierten sich Dr. Er
Le Blanc für innere Medizin und Dr. Hans Schmidt für Immunität
Wissenschaft, (hk.)
Heidelberg. Anlässlich des 100. Geburtstags Adolf Kussmau
verlieh die medizinische Fakultät den Kussmaul-Preis dem Direktor d
Münchener chirurgischen Klinik Prof. F. Sauerbruch für seine Verdien:
um die Förderung der Lungenchirurgie.
Kiel. Ernannt wurde der Privatdozent für Physiologie und allgemei
Biologie, Prof. Dr. phil. et med. August Putter in Bonn vom 1. April d.
ab zum Abteilungsvorsteher am physiologischen Institut und zugleich zt
Ordinarius an der Universität Kiel, (hk.)
Todesfälle.
Am 23. Februar 1922 starb plötzlich und vollkommen unerwartet Dr. J
hann S a p h i e r, der Chefarztstellvertreter der dermatologischen Uinvi
sitätsklinik. Sein Tod bedeutet nicht nur für die Münchener Klinik, sonde
auch für die dermatologische Wissenschaft einen schweren Verlust. A
seiner Feder sind bereits eine Reihe höchst beachtenswerter Veröffentlichung
hervorgegangen, noch grösseres war, da er erst im 37. Lebensjahre stai
zu erwarten. In letzter Zeit beschäftigte er sich am meisten mit ä
Dermatoskopie, er hat sie als Erster für die Erforschung der Hautkrar
heiten nutzbar gemacht. Er war nicht nur als Arzt und Forscher hervi
ragend tüchtig und begabt,' sondern auch ein ethisch ausserordentlich hoc
stehender Mensch. Sein Name wird in der dermatologischen Wissensch
fortleben. * L.v Zumbusch.
ln Hamburg ist am 23. d. M. der a. o. Professor für Geburtshilfe u
Gynäkologie an der dortigen Universität, Oberarzt am Allgemeinen Kranke
hause Barmbeck Dr. Walter R ü d i n im 61. Lebensjahre gestorben, (hk.)
Nr. 5346 c 2.
Amtliches.
(Bayern.)
Verordnung über Abgabe von Quellstiften in Apotheke
Auf Grund des Reichsstrafgesetzbuches § 367 Ziff. 5 und des Poliz
Strafgesetzbuches Art. 2 Ziff. 9 wird verordnet:
§ 1. Stifte, Sonden oder Meissei aus Laminaria, Tupeloholz oc
anderen quellfähigen Stoffen dürfen nur auf schriftliche, mit Datum u
Unterschrift versehene Anweisung (Rezept) eines Arztes oder zum Gebrai.
in der Tierheilkunde eines Tierarztes zu Heilzwecken abgegeben werd<
§ 2. Sie dürfen — ausserhalb der Tierheilkunde — nur auf jedesn
erneute, schriftliche, mit Datum und Unterschrift versehene Anweisung eii
Arztes wiederholt abgegeben werden.
München, den 24. Februar 1922.
I. A. gez.:
Graf v. Lerchenfeld. Dr. M e y e r. Dr. Schweyer. Dr. M a
Dr. v. Deybeck. Oswald. Wutzlhofer. Hamm.
Verlag von J. F. Leh m ann in München S.W. 2, Paul Heysestr. 26.
Druck von E. Mühlthaler’s buch- und Kunstdruckerei, München.
der einzelnen Stummer 3.— U. • Bezugspreis In Deutschland
und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. . . .
i Igenschluss immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Zusendungen sind rti
** ""“"hi " viiijii , */m.
Iedizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
10. 10. März 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz. Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann, Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
er Verlag behält sich das ausschliessliche Recht der Vervielfältigung 7nd' yeiTrmtu7g7e7 i7cüeaer Zeitschrift zum Abdruck gelangenden^Origina^eiträge
Originalien.
der medizinischen Klinik des St. Marienkrankenhauses
in Frankfurt a. M.
Ueber die Funktion der Nebennierenrinde.
Von Richard Stephan in Frankfurt a M.
'ie experimentellen Beobachtungen über die Bedeutung der Neben-
jri in ihren Beziehungen zu dem Gesamtsystem der endokrinen
, :n haben sich im Laufe des letzten Jahrzehntes zu einem wahrhaft
i ‘rsehbaren Material gesteigert; vor allem aber ist es nahezu un-
;;h geworden; die am Tier festgestellten Einzeltatsachen über die
j nogische Wirkung der Nebenniere unter den verschiedensten Be¬
rgen des Experimentes zu einem überzeugenden und nicht wider-
ren Ergebnis einheitlich zusammenzufassen. Das erhellt eindeutig
er Tatsache, dass die klinische Betrachtungsweise einen nur sehr
leiden en Nutzen aus der verschwenderischen Fülle der experimen-
ä Einzelheiten gezogen hat. Im grossen und ganzen sind wir über
[Schon von Addison erschöpfend geschilderten Symptomen-
ex des akuten Nebennierenschwundes nicht hinausgekommen;
lie Entdeckung des Adrenalins mit seiner nunmehr bis ins Letzte
iten Einwirkung auf Blutdruck, sympathisches Nervensystem und
eres Kapillarrohr hat die pathologische Physiologie der Neben-
nicht irgendwie entscheidend zu beeinflussen vermocht. Der
ch des Ausbaues einer klinischen Nebennierensymptomatologie ist
Addison noch einmal durch französische Kliniker mit der Prü¬
des Begriffes der „Hyperepinephrie“ in Zusammenhang mit dem
nenten Hochdruck und der primären Nierensklerose unternommen
;n, aber schon in den Anfängen steckengeblieben. Die in dieser
mg sich bewegenden Mitteilungen von Vaquez, Aubertin
u b a r d sind von Wiesel, Schwarz und Goldzieher zum
estatigt und in wichtigen Einzelheiten ergänzt worden, haben im
:i aber merkwürdig wenig Nachprüfung erfahren. Es kann un-
! r vorausgesagt werden, dass sie die weitere Forschung über das
!i der sog. essentiellen Hypertension aus ihrem Literatschlummer
ken wiia; für unser Thema mag ihre kurze Erwähnung zunächst
Im.
s gesicherte Tatsachen, die für das Verständnis des folgenden
elang sind, seien vorausgeschickt: Die Nebenniere baut sich auf
inde und Mark. Die Trennung in zwei Gewebsarten — Inter¬
im un.d chromaffines Gewebe — ist anatomisch und entwick-
eschichtlich scharf ausgesprochen. Das Markgewebe ist ekto-
er Herkunft, die Rinde wird aus dem ventralen Anteil des Meso-
s entwickelt. Eine ganz besondere Betonung erfordert dabei der
nd, dass das Interrenalsystem — von äusserst seltenen Aus-
n abgesehen — ausschliesslich in der Nebennierenrinde zur Ent-
j ng gelangt, während das chromaffine Gewebe nach den wichtigen
juchungen Kohns in starker Verbreitung regelmässig ausser im
Jauch im Grenzstrang des Sympathikus, in den Paraganglien der
ii. im Plexus solaris und im Ganglion stellatum sowie im Verlauf der
nmalarterien und der sympathischen Nerven nachweisbar ist.
.muss sicheinprägen, dass das Markgewebe nur
i Bruchteil des chromaffinen Systems im Orga¬
ns ausmacht, und dass demgemäss die operu-
. Entfernung beider Nebennieren nur das g e -
i e Kind engewebe aus dem Körper eliminiert, das
s y stem hingegen quantitativ kaum beeinfluss*,
ildung des den chromaffinen Zellen entstammenden Adrenalins
• t so wahrscheinlich keine nennenswerte Störung. Weiterhin ist
.meutung zu wissen, dass im wachsenden Organismus der Funk-
J.r Nebenuierenrinde eine bedeutungsvolle, in ihren Einzelheit in
i licht hinreichend geklärte Rolle bei der Regulation der Wachs-
jipulse zukommt und dass bei Adenomen der Rinde im Kindesalter
holt eine prämature Gesamtentfaltung und Hypergenitalismus
Kt wurden. In der Periode des abgeschlossenen Wachstums sind
Kenntnisse noch sehr viel dürftiger; die Atrophie des Genital-
' k U* der Hypophyse darf wohl als regelmässiger Begleiter
hrbus Addisonii bezeichnet werden, falls der Ablauf der Erkran-
■i.enugend Zeit zur Involution übrig lässt. Und schliesslich mögen
Die eigenartigen Beziehungen der Rinde zum Cholesterinstoff-
r vermerkt werden und darauf hingewiesen sein, dass in der
■ Kmden- oder Markschwund der Pathogenese der Addison-
jeit zugrunde liegt, die widersprechendsten Meinungen vertreten
■ 1U
werden. Die Mitbeteiligung der Nebennieren an den klinischen Sy.m-
ptomenbildern der pluriglandulären Erkrankungen ist noch strittig und
nicht analysierbar; ebenso muss vorläufig die Existenz eines primären
Nebennierendiabetes als durchaus fraglich bezeichnet werden.
Unsere eigenen Untersuchungen und Beobach-
t u n ge n i n dieser Richtung gingen, ursprünglich von
k 1 i n i s c h e n Studien über Blutdruckschwankungen
i n der Klimax aus. Sie galten zunächst der Erforschung des Zu-
sammenhanges von subjektiven Beschwerden und objektiven Krank¬
heitsäusserungen in ihren jeweiligen Beziehungen zu Biutdrucksteige-
rung und eventueller Störung der Nierenfunktion; soweit sie sich nicht
unmittelbar auf das im Titel fixierte Thema zurückführen lassen, sollen
sie hier ausser Betracht bleiben. Aus dem in systematischer
Weise an einem grossen Krankenbestand v o r genom¬
menen Prüfungen resultierten in durchaus ein¬
deutiger W e ise zunächst zwei Ergebnisse: Einmal
d i e u n g e w öhnliche Häufigkeit permanenter, in der
Intensität starkem Wechsel unterworfener Hyper-
tension als Vorläufer und Begleiter des Klimak¬
teriums; und sodann eine fast gesetzmässige Poly¬
globulie mittleren Grades, die im Durchschnitt zwi¬
schen 5,8 — 7 Mille pro Kubikmillimeter beträgt und
tageweise Schwankungen bis IVg Mille erkennen
lasst. Die Kurve der Blutdruckerhöhung geht dabei keineswegs der¬
jenigen der Erythrozytenzahl parallel. Dass es sich um eine wahre
Vermehrung der roten Elemente in der Volumeinheit, nicht um eine
sekundär bedingte Erscheinung — durch Wassereindickung der Blut¬
flüssigkeit oder um Verschiebungserythrozytose — handelt, liess sien
nn Einzelfall unschwer feststellen. Wir vermerkten in einer grossen
Zahl von Einzelbeobachtungen zunächst diese Befunde, ohne auf ihre
I athogenese einzugehen. Es sei dabei noch angeführt, dass als regel¬
massiger Begleiter von Hypertension und Polyglobulie das Endo-
thelsymptom1) in wechselndem Ausmasse in Erscheinung tritt.
Hy Pertension, Polyglobulie und positives Endo¬
thelsymptom als charakteristische Trias der kli¬
makterischen Allgemeinstörung — das w-ar das dia¬
gnostische Ergebnis unserer grossen Untersu¬
ch u n g s r e i h e.
Weiterhin leiteten uns therapeutische Erwägungen auf der Basis
der Arbeitshypothese, dass einem Teil der objektiven klimakterischen
*- i-mptome eine endogen bedingte Dysfunktion der Nebennieren patho¬
genetisch zugrunde liege; die Berechtigung einer solchen Betrach¬
tungsweise soll hier ausser Diskussion bleiben. Ziel dieser Versuche
musste sein, durch temporäre oder zeitliche Ausschaltung von Neben¬
nierensubstanz die theoretisch postulierte Hyperfunktion — Blutdruck-
Steigerung zu vermindern. Das gegebene Verfahren war das röntgen-
therapeutische, das auch für die Beeinflussung der Nebenniere schon
seine Vorläufer hat, die freilich alle vor der Zeit exakter Dosierungs¬
möglichkeit liegen und denen daher nur mehr ein sehr beschränkter Wert
zukommt; immerhin konnte die Ungefährlichkeit der Tiefenbestrahlung
dei Nebenniere aus ihnen erschlossen werden. Unser Vorgehen wich
gegenüber allen bisherigen Versuchen in zwei prinzipiellen Punkten ab:
V\ u beschränkten uns stets auf die linke Nebenniere und belasteten
dlC; 111aut elner einzigen Sitzung bei einem Einfallsfeld von 18 : 24 cm
mit der Maximaldosis harter, zinkfiltrierter Strahlung in der Absicht,
soweit wie technisch möglich, die linke Nebenniere durch den Röntgen-
strahl zu schädigen. Die Beobachtung einer event. Wirkung wurde in
täglicher, klinischer Kontrolle durchgeführt. Abgesehen von einem
Rontgenkater wechselnden Grades wurden Schädigungen der Patienten
me beobachtet in einer Versuchsreihe, die zunächst 10 Fälle schwerer,
ausgeprägter klimakterischer Störungen umfasste.
In teil weis er Uebereinstimmung mit den Mit¬
teilungen der Literatur konnten wir auch bei dieser
intensiven einseitigen Bestrahlung der Neben¬
niere in keinem Falle eine irgendwie sichere Be¬
einflussung des Blutdrucks konstatieren, von vor¬
übergehenden, auch spontan häufigen’ Schwa n-
Rungen der Werte nach unten abgesehen. Dagegen
ergab sich bei der fortlaufenden Beobachtung in
jeaem Einzelfall das zunächst überraschende Er¬
gebnis, dass die erhöhten Erythrozyten zahlen zur
No rm ab sanken und trotz derweiter bestehenden üb-
rigen Sym ptome stets auf normaler Höhe blieben. Die
N Vergl. B.kl.W. 1921: Ueber das Endothelsymptom.
3
340
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Verminderung setzte gewöhnlich nach zwei lagen ein und war nach yei-
lauf einer Woche beendet. Bei 6 von 10 Kranken war das allmähliche
Absinken von einem deutlichen Skleralikterus und einer Urobilinuric
begleitet; es waren dies jene Fälle, bei denen die Polyglobulie vor dem
Versuch besonders ausgeprägt war. Ueber den Einfluss der Neben¬
nierenbestrahlung auf das Endothelsymptom sagten die Versuche nichts
Sicheres aus, weil das Stauungsphänomen in der Klimax auch ohne
therapeutischen Eingriff quantitativ grossem Wechsel unterworfen ist.
Die naheliegende Frage nach der Ursache der Erythrozytenverminde¬
rung musste, so sehr sie verständlicherweise im Vordergrund stand,
zunächst offen bleiben. Es kamen allzu verschiedene Ursachen in Be¬
tracht: Milzreizung, Leberschädigung, direkte Stromaschädigung usw.
Beim damaligen Stand der Versuche durfte allein
das Fazit gezogen werden, dass die einmalige Tie¬
fenbestrahlung einer Nebenniere das P a r e n c.h y m,
insbesondere das Mark, nicht zu zerstören vermag,
es wird im folgenden zu zeigen sein, dass diese
Schlussfolgerung in der Hauptsache falsch war.
Die therapeutischen Versuche wurden im weiteren Verlauf auch
auf das Krankheitsbild der „essentiellen Hypertension“ der blanden
Nierensklerose ausgedehnt, das mit dem Symptomenkomplex des
pathologischen Klimakteriums mehrere führende Symptome gemeinsam
hat. Auch hier war der Endzweck die Herabsetzung des dauernd er¬
höhten Blutdrucks; in gleicher Weise wie bei den übrigen Bestrahlungen
blieb auch bei diesen Fällen der hypothetisch angestrebte .Erfolg aus
Aber auch hier wurde der merkwürdige Einfluss aut
die über die Norm gesteigerte Zahl der roten B 1 u t -
elemente vermerkt. Bei zwei besonders schweren Fällen
essentieller Hypertension, bei denen schon monatelang alle klinischen
Behandlungsmethoden erfolglos erschöpft worden waren, schlugen wii
schliesslich den Kranken die einseitige Nebennierenexstirpation vor,
immer noch in dem Gedanken, dass die Röntgenbeeinflussung perkutan
keine genügende Konzentration der Bestrahlung am Wirkungsort er¬
laubte. Die relative Gefahrlosigkeit des Eingriffes war durch die an
Fischers Entdeckung sich anschliessenden Mitteilungen über Neben¬
nierenreduktion bei Epilepsie hinreichend erwiesen. In grösster Kürze
seien zunächst die Krankengeschichten angeschlossen: alle klinischen
Daten und Erwägungen, die sich nicht unmittelbar auf unsere heutige
Fragestellung beziehen, fehlen hier und werden anderwärts ausführlich
mitgeteilt.
Fall 1. J. B.. 41 jähr. S. In poliklinischer, ständiger Beobachtung
seit August 1920.
Anamnese auch familiär o. B. Früher nie ernstlich krank, vor
19 Jahren Fall auf den Kopf. Bewusstlosigkeit. Seitdem häufig Kopf¬
schmerzen, grosse Reizbarkeit. 1916 im Felde grosse Aufregung bei Trommel¬
feuer. Nach 4 Wochen in die Heimat. Monatelang Anfälle, angeblich mit
Bewusstlosigkeit und Krämpfen. Damals in wenigen Wochen ergraut. Blut¬
druck soll bei wiederholten Untersuchungen über 200 mm Hg betragen haben.
Objektives war darüber nicht zu erfahren. Nach Entlassung vom Militär
Besserung. Seit Anfang 1920 viel seelische Erregungen; seitdem wieder
Anfälle, häufige Erregungszustände, Schwindel, viel Herzklopfen, absolute
Schlaflosigkeit. Zu keiner Arbeit fähig.
Objektiv wurde poliklinisch festgestellt: Nervöses, äusserst reiz¬
bares Wesen, frühzeitiges Ergrauen. Keine pathologischen Veränderungen an
den Innenorganen, insbesondere keine Herzvergrösserung und keine Albumin¬
urie. Nervensystem ohne erkennbare objektive Störungen. Wassermann in
Blut und Liquor negativ.
Blutdruck (zu verschiedenen Tageszeiten und Tagen) schwankend
zwischen 220/170 systolisch, 160/90 diastolisch.
Erythrozytenwerte zwischen 7 200 000 und 6 200 000
schwankend, Hämoglobin entsprechend erhöht; einmal wurde ein Wert
von 8 800 000 festgestellt. Leukozyten zwischen 8 und 40 000. Keine Ver¬
schiebung der Leukozytenformel. An den Erythrozythen frisch und in ge¬
färbtem Präparat keine pathologischen Veränderungen.
Klinische Aufnahme am 1. II. 1921. Dem obigen Befund nach¬
zutragen ist von der stationären Beobachtung, dass die Nieren funktionell bei
wiederholter Untersuchung intakt gefunden werden. (Wasserversuch, Harn¬
menge etc.) Nüchternwerte von Blutzucker und Reststickstoff in Serum
98 mg-Proz. bezw. 21 mg-Proz. Im Urin kein Urobilin und Urobilinogen.
Serum ganz hell und klar. Wiederholte serologische Unter¬
suchung auf den Gehalt des Serums an Gerinnungsfer¬
ment ergibt regelmässig stark unternormale Werte,
wie sie für eine Hypofunktion des Mihsystems cha¬
rakteristisch sind.
Während der ersten Woche des Krankenhausaufenthaltes absolute Bett¬
ruhe. Starke Erregung. Anfälle von Tachykardie, Schlaflosigkeit. Wiederholt
Ohnmächten mit Erloschensein der Patellarreflexe, aber Erhaltenbleiben der
Pupillenreaktion. Keine typischen epileptischen Anfälle. Erythrozyten dauernd
über 6 'A Mille. Blutdruckwerte fortlaufend, bei Bettruhe systolisch gemessen.
190, 180, 172, 198, 166, 172, 166, 170, 158, 160, 165, 166, 148, 145 mm Hg.
Vom 14.- — 25. Tage zwischen 140 — 155 mm Hg. Endothelsymptom in wech¬
selnder Stärke positiv. Während der ganzen Beobachtungszeit im auffallen¬
den Gegensatz zu dem hohen Erythrozytenwerte äusserste Blässe der ge¬
samten Haut. Massiger Dermographismus.
Am 20. II. im Einverständnis und nach Aufklärung
des Kranken operative Entfernung der linken Neben¬
niere (Dr. Flörcken). Ganz minimale Blutung während der Opera¬
tion. Am Morgen der Operation 6 800 000 Erythrozyten, 6 Stunden nachher
6 700 000 E„ 8200 L.
Am 3. III. gutes Allgemeinbefinden, deutlicher Skleralikterus, E. 6 200 000,
Urin o. B.
Am 4. III. Ikterus der Sklera noch mehr ausgesprochen. Urobilin +.
Urobilinogen ±, E. 5 140 000.
5. III. E. 5 200 000. Ikterus kaum mehr vorhanden, Urobilin schwach +.
6. III. Gutes Befinden, kein sicherer Ikterus mehr. Urin o. B.
Nr. H
•'7 — 15 in se|ir rasche Erholung. Operationswunde heilt reaktionsli
Erythrozytenwerte zwischen 4 700 000 = 5 200 000. Blutdruck während d
ganzen Zeit nie unter 145 schwankend zwischen 145 175 mm Hg, also i
verändert gegenüber den Zahlen vor der Nebeunierenexstiipation.
10 Tage vor dem Eingriff Bestrahlung eines Hautfeldes mittels <1
Quarzlampe in einer Dosierung, die bei normalen . Kontrollfällen leid
Rötung und deutliche Braunfärbung erzeugt. Haut bleibt völlig reaktionsl
14 Tage nach der Operation Bestrahlung an korrespondierender Stelle un
gleichen Bedingungen ergibt ausgesprochene Bräunung.
Die Erythrozytenzahlen sind bisher — bei poliklinischer weiterer E
obachtung dauernd normal geblieben (bis Dezember 1920). Der Blutdru
schwankte wie vor dem Eintritt zwischen 140 und 185 mm Hg. blieb a!
völlig unbeeinflusst. Das Endothelsymptom, das wochenlang nach der Opei
tion negativ geblieben war, ist inzwischen wieder in wechselnder Stär
nachweisbar. Einen sicheren Einfluss auf den Allgemei
b e f u n d hat die N.-N. - Exstirpation nicht gezeitigt.
Die exstirpierte Nebenniere war makroskopisch auffallend gross, insl
sondere das Mark. Mikroskopisch (Prosektor Dr. R e i n h a r d t - Leipz
lautet die Epikrise: „Es ist also ein dem allgemeinen Lipoidstoffwecli
des Individuums parallel gehender hoher Lipoid- und Cholesterinestergeh
der Nebennierenrinde und ein die klinisch festgestellte Hypertension a
klärender, durch den Reichtum an chromafiinen Zellen in der stark e
wickelten Marksubstanz nachweisbarer, hoher Adrenalingehalt der Nebi
niere festgestellt.“
Fall 2. Schä. Ch„ 36 jähr. 2. In poliklinischer Beobachtung s
Januar 1920, stationär ab 13. VI. 1921. ’jj
Anamnese: Eine Schwester mit 38 Jahren an S c h 1 a
anfall gestorben, angeblich bei Schrumpfniere, sc
aber vorher ganz gesund gewesen sein. Die Kranke sei
früher gesund, aber immer sehr nervös. Seit 19 Jahren verheiratet, kinderl
4 mal Abort, 2mal Totgeburt. Früher wiederholt angestellte Untersuchum
auf Wassermann sollen stets negativ gewesen sein. Mann gesund. Eh
falls mit negativer WaR. Vor 3 Jahren mehrere Monate sehr hefti;
„Nervenrheumatismus" im ganzen Körper. Seit ca. :'A Jahren äusst
heftige Kopfschmerzen, die die Kranke völlig schlaflos machen. Ausserd
heftige, wandernde neuralgieforme Schmerzen überall. Angeblich 30 Pfi
Gewichtsabnahme.
Befund: Grazil, leidlicher Ernährungszustand, blasse Gesichtsfar
Sensorium vollkommen klar, fieberfrei. Nervensystem ohne objektive V
änderungen. Innere Organe ohne sichere Veränderungen; insbesondere H
nicht vergrössert (Röntgenologisch relativ klein). Geringe Vergrössen
der Schilddrüse.
Urin o. B. Spez. Gewicht 1015 — 20. Wasserversuch ergibt aus
geringer Verzögerung der Gesamtausscheidung keine Anomalien. Rest
19,5 mg-Proz., Harnsäure im Serum 1,25 mg-Proz., Blutzucker 114mg-Pn
WaR. — . ,
Blutdruck: Bei häufigen Messungen 280/150, 260/125. 270:160 u
Bettruhe ändert nichts an der Höhe des Druckes.
Blutbefunde laufend E. 6 700 000, 6 360 000, 6 900 (
6 300 000 usw. Leukozyten stets um 9000, Hämoglobin 100 — 110 Proz. Leu
zytenformel o. B. Endothelsymptom regelmässig ++++. Im Augenhin
grund kleine, fleckige Blutungen. Serologische Untersuch u
auf Gerinnungsferme n.t ergibt starke Verminderu
bei fast normaler Gerinnungszeit. Bei der absoluten Un
einflussbarkeit des Zustandes durch klinische Behandlung wird der Kran
die Exstirpation einer N. N. vorgeschlagen.
Operation am 24. VI. 1921 (Dr. Flörcken). Exstirpation
linken Nebenniere in Mischnarkose, die technisch rasch und leicht geh
Minimaler Blutverlust bei der Operation. Die Kranke erholt sich in wem
Tagen von dem Eingriff.
Erythrozyten am Morgen der Operation 6 700 1
6 Stunden später 6 800 000, am 25. VI. 6 662 000. 26. VI. 6 1 00 000, 27.
5 540 000. 29. VI. 5 600 000. 2. VII. 5 500 000. 9. VII. 5 200 000. 15.
4 900 000. Von hier ab bis Dezember 1921 bei poliklinisch
Beobachtung um 5 000 000. 24 Stunden nach der Operation au:
sprochener Skleralikterus, der 3 Tage anhält und von mittelstarker Urob
urie begleitet ist. Sehr erhebliche, monatelang anhaltende klinische Be
rung, nach der N.-N. -Exstirpation, insbesondere völliges Freisein von K
schmerzen und ausgezeichneter Schlaf. Serumwerte 14 Tage post
Rest-N. 40 mg-Proz. Harnsäure 0,9 mg-Proz. Blutzucker 77 mg-Proz. C
r innungsferm ent jetzt in normaler Menge vorhand
In gleicher Weise wie bei Fall 1 wurde vor und nach der Operatio:
ein korrespondierendes Bauchfeld mit der Quarzlampe bestrahlt: vor •
Eingriff starke Rötung, mittelstarke Pigmentierung, nachher starke Röi
und ganz aussergewöhnlich starke Braunfärbung der Haut.
Makroskopisch ist die exstirpierte Nebenniere von normalem Ausse
sicher nicht vergrössert. Mikroskopisch (Prosektor Dr. Reinhardt) fii
sich ebenfalls keine eindeutigen Zeichen für Hypertrophie des Parenchj
Die linke Niere ist bei der Operation makroskopisch von norm:
Aussehen, auf der Oberfläche ganz glatt. Ein zwecks mikroskopischer Ui
suchung exzidiertes Nierenstückchen ist leider beim Versand verloren
gangen.
Derkritischen Besprechung dieser beiden O p e
tionsfälle, deren Ergebnisse sich in fast allen Pur
ten decken, sei noch eine dritte Beobachtung ans
reiht, die für das Verständnis des folgenden \
Bedeutung erscheint: Bei einer 58jährigen Frau, die an
operablem Magenkarzinom litt und solaminis causa bestrahlt wei
sollte, wurde ein Rückenfeld auf die linke Nebenniere in der gleit
Anordnung und Intensität wie bei den bisher erwähnten Fällen ai
ziert. Die Kranke starb nach 6 Wochen an einer interkurrenten Blut
Die Obduktion ergab eine starke Verkleinerung der linken Nebent;
gegenüber rechts, in der Hauptsache die Rinde betreffend. Mik
skopisch war fast das gesamte Rindenparench
zerstört und bindegewebig organisiert. Das M
liess ebenso wie die rechte NN. keine Strahl
Schädigung erkennen. Die zum Teil dem Strahlenkegel
gänglich gewesenen Organe — Leber, Pankreas, Niere, Darm — b
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
341
lärz 1922
irmales Aussehen. Es war mit diesem Versuch somit
i escn, dassdie einmaligeBestrahlungdcr Ncben-
: c in einer Dosis, die höchstens 30 P r o z. der HED.
■ i c h t, zu einer Nekrose des Rindenparenchyms
1 1, während das chromaffine System nicht er-
tibar geschädigt wird; m. a. W.: Die NN. -Rinde ist
I hem Masse radiosensibel, das Markgewebe hin-
n durch praktisch anwendbare Strahlendosen
: t beeinflussbar.
issen wir die Resultate des bislang Mitgeteilten unter einheitlichen
,itspunkten zusammen — der verfügbare Raum muss das Sum-
he des Vorgehns an dieser Stelle erklären so lassen sich
de Ueberlegungen als erwiesen aussprechen: Die einmalige
genbestrahlung der Nebenniere mittels einer
rbierten Dosis von ca. 30—35 Proz. HED. hat die
Iteration des Rindenparenchyms im Qefolge;
Dark bleibt unbeeinflusst. Ein klinischer Effekt
in ne einer Verminderung des Blutdruckes ist
h die Tiefenbestrahlung nicht zu erzielen. Wie
ergleich mit den Ergebnissen der operativen Therapie lehrt, darf
negative Effekt aber nicht auf die ungenügende Beeinflussung
romaffinen Gewebes bezogen werden; denn auch die einseitige
oation der NN. bleibt ohne Einfluss auf die anormal hohe Ein-
g des arteriellen Druckes. Es stehen hier demgemäss
Folgerungen zur Diskussion: Entweder ist die Regu-
des Blutdruckes durch zentrale Fakto-en bedingt und ganz un-
dg von der Funktion des Markgewebes, oder aber die Ausschal¬
es Markes einer Nebenniere ist an Masse zu gering, um gegen-
ier Gesamtfunktion des chromaffinen Systemes in Betracht zu
m. Wir hätten also bei der einseitigen NN.-Reduktion — einerlei
ch das Messer oder durch Strahlung — zwar mit einer Halbierung
ndengewebes, aber nur mit einer relativ ganz geringen Verminde-
er chromaffinen Gewebssubstanz zu rechnen; sie bedeutet also,
len naheliegenden Vergleich aus der Therapie des Morbus Base-
heranzuziehen, in bezug auf das Mark eine ungenügende Keil-
on der Thyreoidea, in bezug auf die Rinde aber eine Halbseiten¬
ation mit einer Verminderung um die Hälfte des Parenchyms. Die
gs erwähnten Befunde K o h n s sprechen für diese Auffassung,
'lieh vorläufig noch nicht sicher zu beweisen ist. Es muss mit
iedenen Möglichkeiten bei den einzelnen Krankheitsbildern ge-
t werden; hier wird vor allem eine sorgfältige klinische Anali-
; jedes einzelnen Falles einzusetzen haben. Die Fragen des
len Effektes, der therapeutischen Auswirkungsmöglichkeiten
ollen hier ganz ausser Betracht bleiben.
is will in ersterLinie vielmehr das Problem b e -
tigen, auf welchem Wege die Umstellung der
globulie auf normale Erythrozyten werte in der
mein heit zustande kommt. Sekundäre Momente, wie
rkungen des Wasser- und Eiweissgehaltes der Blutflüssigkeit
_d nach dem Eingriff, kennten mit Sicherheit ausgeschlossen wer-
-benso zeigte sich unwiderlegbar, dass die vielfach geltende, von
e r inaugurierte Ansicht vom Kapillarspasmus als ursächlichem
it der kompensatorischen Polyglobulie nicht zu Recht besteht:
iie Reduktion der NN. -Rinde bewirkt stets normale Erythro-
erte auch dann, wenn die Hypertension und damit der hypo-
i erhöhte Kapillartonus unverändert fortbesteht. Es blieben
esslich zur Erklärung nur mehr zwei Möglich-
n : Eine von der Funktion der Rinde in irgendwelcher Weise
ige, vermehrte Bildung der roten Blutkörperchen — eine ver-
Markfunktion — oder aber eine auf dem gleichen Modus be-
- 1 Verminderung der physiologischen Mauserung der Erythro-
eine verminderte Hämolyse, deren Angriffspunkt dann in einer
nten Funktion des retikulo-endothelialen Zellapparates zu suchen
Für die erstere Annahme Hessen sich keinerlei
Itspunkte gewinnen; die letztere aber konnte
n wandfreier, experimenteller Beweisführung
bewiesen werden.
^wurde in früheren Untersuchungen 2) gezeigt, dass der quanti-
jehalt der Blutflüssigkeit an proteolytischem Ferment abhängig
der Funktion des Milzsystemes: durch chemische und physi-
Funktionsreize der Pulpazelle lässt sich regelmässig eine Ver-
g des Fermentes erzielen. Ihre quantitative Fixierung hat statt
'Og. „Gerinnungsanalyse“, die zwar keine absoluten Zahlenwerte
in ihren Ausischlägen gegenüber Normalblut aber praktisch völlig
lende Vergleichsmomente zeigt. Es muss dabei noch hinzu¬
werden1, dass hämolytische Tätigkeit der Pulpazelle und Fer-
)duktion quantitativ Hand in Hand gehen; eine dauernde Ver-
ing an proteolytischem Ferment im Serum charakterisiert nach
i ausgehenden Versuchen auch stets eine gegenüber der Norm
lerte Hämolyse im Organismus. So viel von der theoretischen
Setzung. In allen Fällen von Polyglobulie mit
.rtension wurde nun absolut regelmässig eine
je Verminderung des proteolytischen Fer-
;^sin der Blutflüssigkeit in zahlreichen Einzel-
b'ergl. R. Stephan sowie Stephan und Wohl: Untersuchungen
'•> proteolytische Serumferment, Qerinnungsferment und proteolytisches
1 rment. Zschr. f. d. ges. exper. Med- 1921. Die ausführliche Publi-
uer Versuchsprotokolle, auf der sich die weiteren Ausführungen
: erfolgt a. a. O.
versuchen f e s t g e s t e 1 1 1. Die Tatsache der dauernd anormal
niedrigen Funktion des Milzsystems bei den oben erörterten Krankheits-
zuständen war damit sicher festgestellt, die verminderte Hämolyse als
Ursache der Erythrozytenvermehrung in der Volumeinheit aber nur
wahrscheinlich gemacht. Sie wurde erwiesen durch die
Wirkung der Rindenreduktion: Sowohl durch die Strahlen¬
nekrotisierung wie auch durch den chirurgischen Eingriff trat schon
24 Stunden nach der Ausschaltung der linken NN. eine erhebliche Stei¬
gerung des Fermentgehaltes auf, der nach ca. 3 Tagen normale Werte
eri eichte und in der Folge auf dieser Höhe blieb. Der Vermehrung der
Fermentmenge gingen parallel die Zeichen der durch die Rindenreduktion
bedingten Steigerung der Hämolysie: Rasche Verminderung der Erythro¬
zyten, leichter Ikterus, Erhöhung der Serumbilirubinkonzentration und
Urobilinurie. Wir sind gewohnt, diese Symptome auf eine gesteigerte
Blutmauserung zurückzuführen und sie auf eine Hyperfunktion des
retikuloendothelialen Zellsystemes zu beziehen. Der Vergleich der
klinischen Analyse mit den Ergebnissen des Experimentes sagt dem¬
gemäss aus : D i e Funktion des Milzsystemes unterliegt
der Regulierung durch die Nebennierenrinde; Hyper-
Junktion des Rindenparenchyms bedingt Hypofunk¬
tion des Milzgewebes, als deren klinischer Ausdruck
Polyglobulie, als deren serolog ischer Vermindern n g
der Ferment ko nzentration im Serum zu gelten hat.
Ob der Antagonismus der beiden endokrinen Drüsen auch in umgekehr¬
ter Richtung zur Auswirkung kommt, ist vorläufig ungeklärt. Hier haben
weitere klinische und experimentelle Forschungen einzusetzen. Sie
werden von Bedeutung sein vor allem für die Frage von der Patho¬
genese mancher Formen der perniziösen Anämie. Es spricht schon jetzt
manches für die Annahme, dass einzelne Formen von Polyzythämie und
Anaemia perniciosa pathogenetisch Antipoden sind und dass die Funktion
der NN.-Rinde dabei im Mittelpunkt des Geschehens steht. Davon
anderwärts mehr.
Die Linie, auf der die weitere Forschung sich zu bewegen hat, :st
damit klar vorgezeichnet r Es ist vor allem zu prüfen, ob das gefundene
Gesetz von der hormonalen Zügelung der Miizfunk-
tion durch das Rind e n i n kr e t nur für die Pulpazelle Geltung
hat oder ob es auch auf alle übrigen Zellen des Organismus ausgedehnt
werden darf. Einige Beispiele liegen bereits vor. In unseren Kranken-
geschichten sind die Hautreize mittels ultravioletter Strahlung erwähnt
denen eine eindeutige Auslegung zukommt: Die gleiche Dosis elektro¬
magnetischer Reizung der Epithelzelle, die vor der Rindenreduktion
überhaupt nicht oder nur zu minimaler Pigmentbildung in der Epidermis
führt, bewirkt nach dem Eingriff eine starke Bräunung der bestrahlten
Hautpartien. Kontrollen nach andersartigen Operationen blieben stets
negativ. Die Regulierung der Zellfunktion durch die NN.-Niere ist da¬
mit auch für das Hauptepithel in hohem Masse wahrscheinlich gemacht
und damit die gleichzeitig wie bisher nur auf komplizierterem YVege er¬
klärbare Pipientierung bei der Addisonkrankheit auf sehr einfache Weise
dem Verständnis nähergerückt: Die Schwächung oder der totale Aus-
fall der Rindenfunktion bei NN. -Schwund hebt die physiologische Rc
gulation der Epidermiszellfunktion auf und verursacht Funktions-
anomalie in dem Sinne, dass nunmehr jeder Reiz, gleichgültig welcher
Art und Intensität, die spezifische Funktion der Hautzellen — eben die
Pigmentproduktion — in Tätigkeit treten lässt. In der gleichen Rich¬
tung wäre die postmortale Pigmentierung von Hautstücken ini Brut¬
schrank einer Erklärung zugänglich. Versuche, die wir mittels Röntgen¬
strahlenreizes auf verschiedene Organe bei der essentiellen Hyper¬
tension durchgeführt haben, sprechen gleichfalls für eine Hemmung
der Funktion aller Zellen; auf Einzelheiten kann hier nicht eingegangen
werden. Im gleichen Sinne wären vereinzelte Beobachtungen der
Hypertensionsliteratur zu verwerten: Einmal die von Böen he im er-
Hyperchlgrämie bei Epilepsie und deren Schwinden nach der
NN. -Exstirpation, und sodann vor allem die Tatsache, dass beim Hyper-
tonikei der Ausgleich zwischen Blut und Gewebe nach intravenöser In¬
jektion hochprozentiger Traubenzuckerlösung viel langsamer statthat
als beim Normalen. Hyperglykämie haben wir in unseren Fällen ver¬
misst, von anderer Seite ist sie als häufiger Begleiter der permanenten
Blutdruckerhöhung beschrieben worden. Derartige Befunde könnten
nur dann als beweisend angesehen werden, wenn sie im Anschluss an
eine Leistungsprüfung des Organismus beobachtet würden; für die Be¬
ut teiluug im nüchternen Zustand sind die Ausschläge unserer Metho¬
den wohl nicht hinreichend scharf. Im ganzen dürfen wir aus
dem Mit geteilten den Schluss ziehen, dass das In-
K r e t der NN. - Rinde mit Gewissheit auf hormonalem
Wege und in antagonistischer Weise die Funktion
d e s ' M i 1 z systemes beherrscht und dass mit Wahr¬
st . ‘Z1 1 *.c h k e * * die Annahme einer Zügelung der Zell-
t ä t i g k eit durch die Nebenniere auch für den gesam¬
ten Organismus Gültigkeit hat.
Es werden durch diese Feststellungen eine Reihe
von physiologischen und klinischen Fragen auf¬
gerollt, von denen hier zum Schluss nur die wichtig¬
sten gestreift werden können: In therapeutischer Hinsicht
ist die Unbeeinflussbarkeit der Blutdruckerhöhung durch direkte Ein¬
wirkung auf die NN. erwiesen. Bei der hohen Radiosensibilität des
Rindenparenchyms sind doppelseitige Tiefenbestrahlungen, auch in
kleinen Dosen, unter allen Umständen kontraindiziert. Die von Dresel
eingeführte Reizbestrahlung der NN. bei Diabetes verbietet sich damit,
da Spätschädigungen niemals auszuschliessen sind. Für die Tumor¬
therapie lässt sich die Unmöglichkeit der Beeinflussbarkeit solcher Neo-
3*
MßNCHENER_MED IZ I NI SCH E _W 0 C HENSCH RI FT.
Ö42
Plasmen ableiten, die in der Nachbarschaft der NN. gelegen sind und
bei deren Durchstrahlung der obere Nierenpol mehr als 30 Proz. der
HED. appliziert erhält. Eine grosse Reihe fremder und eigener Be¬
obachtungen von „Bestrahlungskachexie“ beim Magen-, 1 ankreas- und
( iallenblasenkarzinom finden auf diese Weise ihre einfache trklaiung
Die Behandlung der Polyzythämie durch NN. - k c-
duktion befindet sich noch im Versuchsstadium; sie
Kann so lange nicht allgemein empfohlen werden, als grössere vei suchs¬
reihen nicht vorliegen und wir noch nicht sicher imstande sind, pathoge-
netisch verschiedene Gruppen dieser Erkrankung klinisch abzutrennen.
Wir selbst sind mit diesen Fragen augenblicklich beschäftigt, rur die
Beeinflussung der perniziösen Anämie sollen Untei suchungen über die
Wirkung subkutaner Injektionen von reinem Rindenextrakt unter¬
nommen werden; die Beschaffung geeigneter Präparate ist bisher noch
nicht gelungen. Durch Adrenalin lässt sich das Rindeninkret selbst¬
verständlich nicht ersetzen. ■
Und schliesslich sei noch eine weitere therapeutische Auswirkungs-
möglichkeit kurz erwähnt, die sich aus den obigen Ergebnissen zwang¬
los herleiten: ln welcher Weise ist der Ablauf von Infektionskrankheiten
und von Tumorerkrankungen von der Funktion der Nebennierenrind^
abhängig? Es ist a priori nicht unwahrscheinlich, dass auch die Tätig¬
keit des zellulären Abwehrmechanismus des Organismus der Steuerung
durch das Rindeninkret unterworfen ist und dass wir künftighin Wege
finden werden, die Regulierung des Verlaufes in zweckmässigem Sinne
durch therapeutische Einwirkung zu beherrschen. Hier stehen wir ganz
im Beginn der Erkenntnis, die nur durch strengste Kritik und sorgfältigste
klinische Beobachtung gefördert werden kann. Ein ausführliches Ein¬
gehen auf diese theoretisch wie praktisch gleichennassen wichtigen Fra¬
gen verbietet sich in einer Abhandlung, deren 1 enoi ausschliesslich am
das Herausarbeiten der Grundtatsachen eingestellt ist.
Aus der Medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg.
Ueber Leberfunktionsprüfungen.
Von Privatdozent Dr. Lepehne.
I, Chromodiagnostik.
In einer kürzlich erschienenen Mitteilung fl] hatte ich darauf
hingewiesen, dass von mir, unabhängig von den gleichartigen Unter¬
suchungen Ros ent hals und v. Falkenhausens L2J, ebenfalls
eine „Chromodiagnostik“ der Leber mittels. Farbstoffinjektion und
Duodenalsondierung versucht worden war. Hier soll über die Eigeb-
nisse etwas ausführlicher berichtet werden. Im Gegensatz zu den
genannten Autoren, die eine subkutane Injektion von Methylenblau
verwandten, habe ich Indigo kann in intravenös gespritzt und bin
dabei zu abweichenden Resultaten gekommen.
Zuerst wurden, wie berichtet, fertige Tabletten zur Herstellung der
Indigokarminlösung benutzt, später injizierte ' ich stets 2,0 ccm einer 2 proz.
wässerigen Indigokarminlösung (nur kurze Zeit haltbar) intravenös, was stets
gut vertragen wurde. Der Duodenalsaft wurde in Abständen von 5 Minuten
gesondert aufgefangen.
Bei Lebergesunden trat — bisher nur mit 1 Ausnahme —
durchschnittlich 35 Minuten nach der Injektion eine
plötzlich beginnende Grünfärbung der bis dahin
gelbbräunlichen Galle auf, die meist ganz scharf einsetzte,
oft so, dass cie untere Hälfte der auigefangcnen Portion noch
gelb, die obere grün war. Der früheste Beginn war einmal
15 Minuten, der späteste 50 Minuten nach der Injektion.
Die Stärke der Grünfärbung war nicht ganz gleichmässig,
meist recht beträchtlich und hielt, mitunter etwas nachlassend,
bis zum Abbruch des Versuches (etwa 1/4 Stunden) an. Ein¬
mal konnte nach 1 Stunde 40 Minuten, zweimal nach 2 Stunden die
Wiederkehr der normalen Gallenfarbe beobachtet werden. Eine Mengen¬
zunahme des Duodenalsaftes, die nach Rosenthal den Beginn der
unsichtbaren Methylenblauausscheidung bedeutet, konnte ich bei Beginn
der Grünfärbung nicht feststellen. Ueberhaupt ist die Menge der auf¬
gefangenen Portionen sehr wechselnd (Spasmen des Choledochus-
sphinkters, cf. Stepp [3], M e y n e r [4]). Mitunter versiegte gerade
kurz nach der Injektion der Gallenfluss fast völlig, was vielleicht als
eine psychisch bedingte Reaktion des Sphinkters anzusehen ist.
Bei Leberkranken waren die Resultate nicht ganz gleich¬
mässig. Im Gegensatz zum Lebergesunden wurde
bei dem Icterus catarrhalis und einem Ikterus
infolge chronischer Cholangitis1) das Indigo¬
karmin nicht mit der Galle ausgeschieden. Ein
Fall von Icterus catarrhalis wurde einmal, 4 weitere Fälle sowie
die Cholangitis im Abstand von 5—7 Tagen zweimal untersucht. Jedes¬
mal blieb eine Grünfärbung bei diesen teils auf der Höhe des Ikterus,
teils im Abklingen begriffenen Fällen bis zu 2)4 Stunden nach der
Injektion völlig aus. Eine etwaige Leukoverbindung des Farbstoffes
konnte weder nach der Methode von Rosen th al, noch sonstwie
nachgewiesen werden. Somit scheint in diesen Krankheiten
die — vielleicht diffus geschädigte — Leber in der Regel
zur Ausscheidung des Indigokarmins unfähig zu sein. Im Gegen¬
satz hierzu fanden Rosenthal und v. Falkenhausen, dass ge-
») 34 jähr. Mann; seit 2 Jahren krank, leichter Ikterus, Leber vergrössert
und hart; Milz palpabel. Blutbild o. B. Im Serum „Stauungsbilirubin“;
Urin: Ug ++. WaR. — .
rade bei Leberkranken das subkutan injizierte Methylenblau besom
rasch ausgeschieden würde und betrachten dies als eine Stütze
Minkowrski sehen Theorie des Ikterus durch Parapedese (erh<
Durchlässigkeit der Leberzellen). Hiermit stehen meine Befunde r.
in Einklang, da sie gerade eine erschwerte Duiciilässigkeit
den Farbstoff erwiesen haben. .
Positive Indigoausscheidung b e 1 I k t e r u skr .
k e n erhielt ich zweimal. Einmal bei einem fast abgelaufenen Ict
catarrhalis. Der zweite Fall betraf einen abklingenüen Icterus ca
rhalis eines Kindes (Urobilinogenurie, Subikterus, palpable Leber)
zeigte nach 40 Min. Grünlarbung.
Von 2 Cholelithiasisfällen verlief der eine am Tage i
einem schweren Anfall ohne Ikterus mit „positiver Chromocht
(25 Min.), der zweite, eine chronische Cholelithiasis ohne Ikterus
g'rosser, harter, druckempfindlicher Leber dagegen mit „negativer Chro
cholie“. Wie Lebergesunde verhielten sich eine leichte Hepatitis am!
einer Salvarsankur mit Gallensäureausscheidung im Urin (s. Teil
sowie ein multiples Zystadenom der Leber, das dieselbe in einen ries
Tumor verwandelt hatte. Negative Chromocholie bei einem anscheit
Lebergesunden konnte bis jetzt nur einmal festgestellt werden
einem jungen Menschen mit Rückenschmerzen ohne klinischen Bei
aber positivem Urobilinogengehalt der Lebergalle (s. 1 eil Ill),.i
Zusammenfassend müssen wir sagen, dass in diagnostisc
Hinsicht diese Methode nicht weiterzuführen scheint. Vielleicn
die Methylenblauprobe Rosenthals eher dazu geeignet, wenn
auch infolge der ausbleibenden sichtbaren Verfärbung der Galle 1
plizierter ist -). Ob es möglich ist in progno st i s eher H in s i
nach dem positiven oder negativen Ausfall der Indigochromochohe
Stärke der noch vorhandenen allgemeinen Leberschädigung zu
urteilen, muss dahingestellt bleiben.
Dass das P h e n o 1 s u 1 f o p h t h a 1 e i n sich als nicht gallel
erwies, habe ich schon in der ersten Mitteilung berichtet. Kongp
— 20 ccm einer 2 proz. wässrigen Lösung3) intravenös — wurdt
Lebergesunden nach 20—35 Minuten ausgeschieden. Die Rotiar
uer Gatle setzt nicht so scharf ein, nimmt allmählich an Starke zu
ist vielfach schlecht zu erkennen. Unsere Resultate bei Leberkru
waren nicht eindeutig. Bei Ikteruskranken wird der Farbstoff in
Regei anscheinend rasch ausgeschieden. ;
" Ein Versuch, nach intravenöser Yatreninjektion Jod in der »
nachzuweisen, misslang. Wie mir Rosen thal brieflich rnitt
wird Jod auch durch den Pankreassaft ausgeschieden. San;
säur e, die ich in der Form der Mendel sehen [5] intravenöse:
jcktion4) gab, wurde weder bei einem Lebergesunden, noch bei
Cholelithiasis, noch bei einem Icterus catarrhalis im Verlauf von 2
und 3 Stunden nach der Injektion mit der Galle ausgeschieden.
Lisenchloridreaktion war in allen Portionen negativ, obgleich minin
Spuren von zur Galle zugesetzter Salizylsäure eine tiefe Violettiar
gaben. Der Urin gab stark positive Reaktion. Zu Zwecken der L<
funktionsprüfung ist die Salizylsäure also unbrauchbar. Diese L
achtung dürfte auch eine direkte therapeutische Sali;
Wirkung vom Blutstrom her auf die Gallenwege in Frage s
len, zumal die Salizylsäureinjektion auch keinen besonders reicnl
oder etwa konzentrierten Gallenfluss nach sich zog. Ob nic‘>'
Indigokarmin oder das Kongorot in den Fällen mit pos
Ausscheidung eine therapeutische Wirkung auf die ü;
wege ausiiben könnte, muss weiteren Untersuchungen uberlassen bk
Positive Kongorotausscheidung scheint mit einer Konzentration der
oder einem Zufluss von „Blasengalle“ einherzugehen (s. u.). Bc
kenswerterweise nehmen die im gefärbten Duodenalsaft gotunc
Zellen keine Vitalfärbutig an.
Ueber die Frage, ob der Beginn und die Dauer der Chromoi
wesentlich durch Erkrankungen der Niere beeinflusst wird, kan
bisher noch keine sichere Auskunft geben. Theoretisch müsst
schleunigte oder gehemmte Farbstoffausscheidung durch die Nterc
den Ausfall unserer Probe von Bedeutung sein. Kongorot wird mr
Urin nicht sichtbar ausgeschieden.
Schliesslich sei noch das Problem der sogen. „Blas eng;
erörtert, dem ich auch auf dem Wege der Chromocholie näh
kommen suchte. Während die meisten Autoren bisher annahmen
die auf intraduodenale Injektion von Wittepepton, Magnesiumsulfa
subkutane Injektion von Pilokarpin etc. und auch mitunter spontai
leerte wesentlich dunkler gefärbte Galle durch Beimischung von U
biasengalle infolge Kontraktion der glatten Gallenblasenmuskulat
erklären sei (cf. Lyon [6], Simon [7], Stepp [3], R o t h ma n
Lepehne [9]), wendet sich neuerdings Einhorn 1101 gegen
Auffassung. Er behauptet, dass der auch durch Einführung von
kose, Kalomel, Kochsalz etc. zu erzielende dunklere Gallenfluss n
die Produktion einer konzentrierteren Galle als Folge des ehern
Anreizes aufzufassen sei. Einhorn sah nämlich auch nach Exstir
der Gallenblase dunklen Gallenfluss und konnte anderseits
einer Laparotomie bei eingefiihrter Duodenalsonde keine Kontrakt
Gallenblasenmuskulatur nach Magnesiumsulfatinjektion beobachte!
-) Möglicherweise dürfte aber die Probe durch die von Sax
Scherf beobachtete Methylenblauausscheidung in den Magen gestört '
(W.kl.W. 1922 Nr. 6). Indigokarmin wurde im Tierversuch dieser
nicht in den Magen ausgeschieden.
3) Acltere Lösung wirkte toxisch! (vorübergehende Amaurose,
schmerzen). . „„ „ .
') Na. salic. 8,0, Coffein, natrio salic. 2,0, Aqua dest. 50,0, davon .
intravenös bei gut gestauter Vene.
lärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
343
t konnte ebenso wie in meinen früheren Untersuchungen bei 2 Kran-
ijrtit Cholezystektomie keine „BlasemgaHe“ erhalten. Allerdings trat
j sonst der Reflex diesmal nicht regelmässig, sondern nur in einigen
p auf. Die Chromocholie könnte in dieser Frage vielleicht insofern
Bedeutung sein, als die Intensität der Grün- oder Rotfärbung der
nicht zunehmen dürfte, wenn die Dunklerfärbung nach Magnesium-
nur auf einer Zumischung von Blasengalle beruht, denn es ist an-
imen, dass in der kurzen Zeit nach derF'arbstöffinjektion (bis2Stun-
bei dem ständigen Abfluss der Lebergalle so gut wie kein Farbstoff
je Gallenblase übergetreten sein dürfte. Bei Verdünnung dieser
:j engalle“ mit Wasser bis zur Intensität der vorher erhaltenen hellen
. ;rgalle“ müsste dann der grüne oder rote Farbton bedeutend an
e abnehmen. Mir standen bisher nur 4 einwandfreie Resultate zur
'gung. Zweimal erwies sich die Grün- bzw. Rotfärbung der f iinf-
ll verdünnten Blasengalle wesentlich schwächer als in dfer farbigen
gaüe, in> 2 anderen Fällen jedoch war die Intensität der grünen
i auch nach lOfacher Verdünnung noch ebenso stark wie die der
3 Kalle! Dieses widerspruchsvolle Verhalten kann ich noch nicht
1 en. Die praktisch-therapeutische Bedeutung dieser Frage liegt
I :r Hand.
a c h t r a g bei der Korrektur: In einer soeben zum Referat
i enen Arbeit hat auch Hatieganu i. m. Injekt. von Indigo-
:n zur Leberfunktionsprüfung verwandt und in Uebereinstimmung
teinen Versuchen beim Icterus cat. fehlende Indigoausscheidung
Iden (Annales de med. 1921, 10, S. 400).
II. Die Galiensäuren im Duodenalsaft und Urin.
/ährend in Frankreich die Untersuchung insbesondere des Urins
aliensäuren schon lange in den Kreis der Leberfunktionsprüfungen
en war, hatte man in Deutschland den Störungen des Kreislaufs
illenfarbstoffe das Hauptinteresse zugewandt (cf. Botzian [ 1 1 ],
n t h a 1 Ll2], L e p e h n e [13] u. a.). Dies lag zum grossen Teil
' fehlenden leichten Methodik. Unlängst hat nun Hermann M ii 1 -
14j die in Frankreich viel benutzte Haysche Schwefelblumen-
einer ausgedehnten Kontrolle ihrer Brauchbarkeit unterzogen. Er
u dem Schluss, dass ausser Galiensäuren nur die meist mit ihnen
; Geschäfte ten Aminosäuren eine gleiche Herabsetzung der Über¬
spannung des. Urins bewirkten. Diese exakten Untersuchungen
es nahe, die Schwefelblumenprobe als Leber¬
tionsprüfung zur Fesstellung von Störungen
Galiensäuren Sekretion mittels Untersuchung
J r i n s und des Duodenalsaftes zu verwenden. In-
icn haben die französischen Autoren Gilbert, Chabrol und
rd [15] vergleichende Untersuchungen auf Galiensäuren am Urin
■ Tropfenzählers und im Blut mittels der Pe 1 1 e n'-k of e r tchen
veröffentlicht. Ferner hat Be.th [16] eine Methode der quanti-
i Schätzung der Galiensäuren im Duodenalsaft und Harn mittels
nzählung ausgearbeitet, die aber infolge ihrer überaus grossen
iziertheit für praktische Zwecke nicht in Frage kommt,
ü meinen Untersuchungen, die zusammen mit Medizinalpraktikant
mann (s. a. Inaug.-Diss. Königsberg 1922) ausgeführt wurden,
e ich die Probe in folgender einfacher Form an, die eine verhält¬
st exakte Ablesung ermöglichte.
if in Petrischalen oder Uhrschälchen gegossenen stubenwarmen Urin bzw.
alsaft in verschiedenen Verdünnungen (s. u.) wurde mittels Messerspitze
z kleines Häufchen von Schwefelblumen (Sulfur praccipitatum crudum)
inger Höhe darauf fallengelassen. Nach Ablauf von 5 Minuten wurde nun
i. ob sich ein ..Randschleier“ gebildet habe: Bei herabgesetzter Über¬
spannung verteilen sich nämlich die Schwefelblumen in dieser Zeit als
ner, dünner Schleier um das Häufchen, während sie bei fehlenden
äuren sich überhaupt nicht ausbreiten oder höchstens einen gröberen
enkranz bilden, der sich, besonders mittels Lupe, leicht von dem
chleier“ unterscheiden lässt. Mitunter wird die Probe nach 10 bis
Uten noch positiv: wir betrachteten jedoch 5 Minuten als Grenze,
miger Uebung gelingt die Unterscheidung zwischen positivem und
ein Ausfall der Probe auch bei geringem Gallensäuregehalt leicht,
das bei positivem Ausfall eintretende Zubodensinken von Schwefcl-
als Kontrolle dienen kann. Auch wir stellten noch einige Kontrollen
itung der Methode an. Kochsalz, Fettsäuren und Azetonkörper sollten
h a b r o 1 und Benard sowie nach Doumes [17] die Oberfiächen-
ng herabsetzen. Kochsalz ergab nur in praktisch nicht vorkommenden
Nationen, Azetonkörper zeigten überhaupt keine positive Reaktion,
ach Eingabe von Cadechol (Kampfer + Desoxycholsäure) blieb die
i be negativ.
ttds dieser Probe gelingt es nun zwar nicht, ein exaktes Maass
i ^geschiedenen Gallensäuremengen zu erhalten, wohl aber eine
er gl e ic h sz wecken genügende Schätzung der-
u vorzunehmen, indem am Duodenalsaft und a in
Diejenige Verdünnung festgestellt wird, die g e -
noch einen positiven Ausfall gibt. In der Regel
3 rnehrere, zu verschiedenen Zeiten der Sondierung aufgefangene
plportionen untersucht werden, um Fehlerquellen möglichst aus-
Ussen.
Um Lebcrgesunden fällt die Probe a m Urin stets n e -
aus. Nach den französichen Befunden soll auch das Blut des Ge-
trei von Galiensäuren sein. Im Duodenalsaft waren die er-
n Verdünnungszahlen sehr ungleichrnässig. In der Mehrzahl lagen
Ja h 1 e n d e r „L e b e r g a 1 1 e“ zwischen 1 : 200 und 1 : 500.
Jere und höhere Werte wurden seltener angetroffen, wo-
Uen unter 1:50, vielleicht sogar unter 1:100 bei Leber-
pn wohl auf Verdünnung des Duodenalsaftes durch
I °9er Pankreassaft oder auf Schleimbeimengung beruhen.
, 'Höhere Werte fanden wir bei einem Ulcus duodemi mit früherer Chole¬
zystektomie (1:600), bei einem Diabetes (1:800) und bei einer per¬
niziösen Anämie mit Pleiochromie (1:800, I: 1000). Hierbei muss man
an eine mehr oder weniger starke Beimischung von „Blasengalle“ den¬
ken. Daher wäre es zweckmässig, um brauchbarere Vergleichszahlen
zu erhalten, zugleich eine quantitative Schätzung des Biliriibingehaltes
vorzunehmen, da eine Beurteilung nur nach der Farbintensität sich als
nicht ausreichend erwies. Meist war für uns eine quantitative Bili¬
rubinbestimmung wegen der gleichzeitigen Farbstoffausscheidung un¬
möglich. Positive Indigokarminausscheidunig änderte übrigens die Gal¬
lensäurezahlen nicht. Bei der Kongorotausscheidung aber zeigten die
roten Portionen immer höhere Zahlen (z. B. 1:900; 1:1200). Ent¬
weder ist es also durch den Reiz des ausgeschiedenen Farbstoffes zu
einer Gallenblasengallebeiinischung oder zu einer konzentrierteren Leber¬
gallensekretion gekommen °). Auch die teils spontan, teils nach intra¬
duodenaler Injektion von Pepton oder Magnesiumsulfat erhaltene dunk¬
lere „B 1 a s e n g a 1 1 e“ ergab wesentlich höhere Werte
b i s zum f ü n f f a c h e n d e r „L e b e r g a 1 1 e“, wie folgende Tabelle
Diagnose
Leber
galle
Blasengalle
Myalgie .
1
80
1
500
Leukämie .
t
l
120
l
600
II
1
200
1
700
Neurasthenie .
1
150
1
700
Splenomegalie . . .
1
180
1
650
Bronehiektasie . .
I
1
250
1
1200
II
1
250
1
1200
Diabetes .
1
800
1
1800
Basedowoid ....
I
1
400
1
2500
II
1
500
1
2500
Mehr übereinstimmend und von grösserer pathologisch-physiologi¬
scher und diagnostischer Bedeutung sind die bei Leberkranken
erhaltenen Zahlen. Der Duodenalsaft (Lebergalle) von
9 Fällen von Icterus catarrhalis sowie von dem oben¬
erwähnten Fall von chronischer Cholangitis wie?
bei wiederholt vorgenom rnener Untersuchung in
verschiedenen aufgefangenen Portionen auf der
Hölle des Ikterus die niedrigen Verdünnungszahlen
von 1 : 20 bis 1 : 50, etwas höhere Zahlen bis zu normalen
Werten beim Abklingen des Ikterus auf (s. Tabelle).
Die Werte der Blasengalle waren dabei verhältnismässig hoch. D i e
Gallen saurem engen i m Urin wäre n, wie wir in Ueber¬
einstimmung mit den französischen Autoren fanden, dagegen ganz
auffallend gering oder fehlten ganz, obgleich doch an
eine Retention wie des Bilirubins, so auch der Galiensäuren zu denken
wäre. Meist gab nur der unverdünnte Urin eine positive Probe, die
Stärkstmögliche Verdünnung betrug auf der Höhe eines Icterus cat.
1 : 3. Bei einem totalen Choledochusverschluss infolge von Karzinom
sprach der stark bilirubinhaltige Urin sogar nur bis zu einer Verdünnung
von 1:5 an! Dies stimmt damit überein, dass die genannten Autoren
auch im Blut nur Spuren von Gallensäuren fanden. Dabei hat Zusatz
von Urin zu Duodenalsaft oder zu einer Lösung von Na. glycocholic.
keine Hemmung, sondern gerade eine Erhöhung der Verdünnungszahl
zur Folge. Die folgende Tabelle gibt eine Uebersic'nt über die in der
Lebergalle, der Blasengalle und1 im Urin gefundenen Verdünnungszahlen
sowie einen Hinweis auf die Farbe der Lebergalle, auf Bilirubinurie
und Urobilinogenurie und den Ausfall der Chromodiagnostik mit Indigo¬
karmin. (G. = Galiensäuren.)
Diagnose
Datum
Lebergalle
Blaseu-
galle
Urin
Chromo¬
cholie
Icter. catarrh.
30. XI.
5. XII.
I : 20 hell
1 : 30 bell
1 : 20
-
Bil. + Ug. ? G. 1 : 3 +
Bil. + Ug. — G. 1 : 0 +
negativ
negativ
negativ
Ieter. catarrh.
19. XU.
1 : 20 bell
I : 40
—
Iiil. + Ug. + G 1 : 1 +
Abkling. Icterus
catarrh.
29. XI.
1 : 30 normal
1 : 40
1 : 20
1 : 60
—
Bil. — LTor.
G. —
positiv
Icter. catarrh.
14. XII.
21. XII.
1 : 50 bell
I : 70
1 : 50 hell
1 : 120
Bil. + Ug + G. l : 1 +
van. G. —
negativ
negativ
Ieter. catarrh.
Rezitiv.
24. I.
1. II,
8. II.
15 II.
23. II
1 : 40 dunkel
1 : 7 dunkel
1 : 8 dunkel
1 : 30 dunkel
1 : 15 dunkel
I : 260
1 : 600
l : 300
Bil + Ug. G. l :0 -h
Bil. + Ug. + G. —
Bil. + Ug. ++ G. -
BU.+ Ug.-f+4-G. -
Bil. + Ug. -H- + G. -
negativ
negativ
Abkling Icterus
catarrh.
25. X.
1. xr.
1 : 100 normal
1:10
1 : 40 normal
Bil. - Ug. ++ G. -
Bil. — Ug. J- G —
negativ
negativ
Abkling. Icterus
catarrh
6. XII.
20. XI t
1 : 150 dunkel
vac. dunkel
1 : 150 dunkel
1 : 210
1 :2m dunkel
1 : 250
1 : 800
1:60
Bil. ? Ug. -f- + G. —
Bil. - Ug. ++ G. -
positiv
Abkling Ikterus
catarrh.
12. I.
17. 1.
1 : 380
1 : 700
Bil. - Ug. ++ G. -
Bil. — Ug.-f+G.l :0 +
-
Abkling. Ikterus
cat arrh
5.1.
1 : 3U0 dunkel
—
Bil. — Ug. +- j- G. 4 : o -]-
—
Chron. Cholangitis
subicterus
t'. XI.
23. XI
23. XI [
1 : 40 dunkel
1 : 100 normal
1 : 65 hell
l : 400
1 : 500
1 : 700
Bil. 4- Ug. +++ G. -
Bil — Ug.+++G 1:0 +
Bii. - Ug. +++ G. -
negativ
negativ
8) Zufügung von Kongorot zu Lebergalle ergab keine verstärkte Herab¬
setzung der Oberflächenspannung.
34-1
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
Einige weitere Untersuchungen bezogen sich auf Leberkranke
ohne Ikterus. Bei einer Cholelithiasis erhielten wir am
Tage nach einem schweren Anfall niedrige Gallensäurezahlen der
dunkelgefärbten Lebergalle (1 : 150) bei positiver Gallensäureausschei-
dung im Urin: 1:1 + (Bil. — Ug. +++). Bei verringerter Gallen¬
säureausscheidung in den Darm war es also zu einem Uebei tritt von
üallensäuren in das Blut und somit in den Urin gekommen. Vielleicut
dürften diese Untersuchungsmethoden, besonders die Schwefelblumen-
probe am Urin, eine differentialdiagnostische Bedeutung gerade für die
Gallensteinkoliken haben. Vier Tage nach dem Anfall harn es an¬
scheinend zu einer Ausschwemmung der retinierten Salze. Anstieg in
der Lebergalle auf 1 : 350 und 1 : 500, Uringallensäuren fehlend. Auch
bei einem Kranken am Ende einer Salvarsankur konnten wir Gallen-
Säureausscheidung im Urin bei auffallend, niedrigen Werten im Duo¬
denalsaft (1 : 80; 1 : 70) feststellen. Im übrigen hatten wir nur Gelegen-
'heit, den Urin einiger Leberkranken zu untersuchen. 2 Fälle von
Ca. hepatis ohne sichtbaren Ikterus gaben stark positive Proben (1.2
und 1 : 3), ein dritter Fall reagierte negativ. Positive Probe ergab
auch eine Bronchopneumonie mit grosser Fettleber (Autopsie). Hier
zeigte die Untersuchung des Blutserums, dass zugleich ein latenter
Ikterus vom Typus des „Stauungsbilirubins“ bestand. Negativ verlief
die Reaktion bei einer schweren Leberzirrhose und bei der schon ge¬
nannten Zystenleber.
III. F a 1 1 a sehe Gallenprobe. Urobilinogenurle.
Falta, Högl er und Kn ob loch f 19] haben vor kurzem an¬
gegeben, dass nach Eingabe von 3 g Fel tauri siccum dep. es nur bei
Leberkranken zu einer „alimentären Urobilinogenurie“ käme, voraus¬
gesetzt, dass keine Pleiochromie bestände, da hierbei die alimentäre
Urobilinogenurie auch ohne Lebererkrankung auftreten könne. Ich
habe diese Probe an einer Anzahl von Fällen nachgeprüft unter Ver¬
wendung des Merckschen Präparates. Da von den Autoren _ keine
Zeitangaben gemacht waren, so verabreichte ich das Pulver meist am
Vormittag und untersuchte den Urin vorher, dann 3— 5 Stunden später,
zum zweiten Male nach 6 — 7 Stunden und in 4 Fällen 12 Stunden
nach Eingabe. Ich konnte mich von der Eindeutigkeit dieser Methode
nicht überzeugen, besonders wenn wir auch die Urobiliinprobe an¬
stellten, Wir erhielten positive Urobilinogenurie 4 Stunden nach Ein¬
nahme des Pulvers bei einer Leukämie, bei einem völlig kompensierten
Herzfehler und bei einer grossknotigen verkäsenden Lungentuberkulose,
positive Urobilinurie 12 Stunden nach Beginn des Versuchs bei einem
Basedowoid, bei Hyperazidität und Epilepsie, also bei Erkrankungen, bei
denen auf eine Leberveränderung nicht zu schliessen war. Anderer¬
seits gab die mehrfach erwähnte chronische Cholangitis mit Subikterus
bis 6 Stunden nach der Einnahme kaum einen nennenswerten positiven
Ausschlag, . wie folgende Tabelle zeigt.
V
900 a. m. vor
]9C0
300
der Einnahme
Übg.
schwach
■T
schwach +
Cb.
schwach +
schwach -p
schwach -j-
Meine Untersuchungen führten mich auf die Vermutung, dass es
Tagesschwankungen auch bei der spontanen Urobilinogenurie gebe.
Daraufhin wurde bei der früher erwähnten Cholelithiasis vom 4. Tage
nach dem letzten sehr schweren Kolikanfall ab der Morgen- (9 Uhr) und
Abendurin (6 Uhr) täglich im Reagenzglase so stark verdünnt, bis
nach Zusatz des Urobilinogenreagens eine Rotfärbung nach Ablauf
von 3 — 5 Minuten nicht mehr zu erkennen war. Dabei ergaben
sich nun, wie die folgende Kurve zeigt, ganz uner¬
wartet grosse Unterschiede im Urobiiinogengehalt
des Morgen - und Abendurins. Die Abendportion ent¬
hielt 4 bis 7 mal so viel Urobilin ogen als die Morgen-
Portion. Gleichartige Unter¬
suchungen bei Lebergesunden
und anderen Leberkranken zeig¬
ten einige Male ebenfalls, wenn
auch bedeutend niedrigere Ta¬
geskurven. Wahrscheinlich hängt
diese, in der Literatur (Hilde-
b r a n d t [20], Meyer-Betz
[21]) nicht erwähnte Erschei¬
nung von dem stärkeren Gallen¬
fluss nach der Mittagsmählzeit
ab. Nur Grimm [22] hat schon
auf den Einfluss bestimmter Er¬
nährung auf die Urobilinogenurie
hingewiesen, ohne aber auf die
praktische Wichtigkeit einzu¬
gehen, Verschiedene Konzentra¬
tion der Urinportionen könnte
allerdings zu ähnlichen Befunden
führen. Trotzdem müsste unter
Berücksichtigung meiner Befunde beim Suchen nach einer diagnostisch
wichtigen Ürobilinogenuiie oder Urobilinurie bei negativem Befunde
am Vormittagsurin stets auch der Abendurin untersucht werden, um
nicht zu falschen Resultaten zu kommen. So müsste auch bei der
Gallenprobe Faltas die Einnahme des Pulvers in den Morgenstunden
und die Urinuntersuchung bis etwa gegen 3 Uhr nachmittags analog
dem oben angeführten Versuch stattfinden, da eben eine positive l
bilinogenprobe bei Leberkranken auch bei negativem Morgen- und \
mittagsurin am Spätnachmittag spontan auftreten kann.
Zum Schluss sei noch ganz kurz auf d i e d i a g n o s 1 1 s i
Bedeutung der Urobilinogenocholie hingewiesen (cf. i
Strisower [23]. Im Gegensatz zur Norm war sie in der „Le1
galle“ sehr stark ausgesprochen bei obiger Cholelithiasis und bei
Salvarsanhepatitis. Positive Rotfärbung ergaben auch ein abklinge
Ikterus, ein Ulcus duodeni und der anscheinend lebergesunde Ivra
mit negativer Chromocholie, während die Fälle von Icterus cat.
Urobilinogen in der Lebergalle aufwiesen. Stets urobilinogenh:
erwies sich, wie bei meinen früheren Untersuchungen 191, nur
„Gallenblasengalle“.
Literatur.
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Kongresszentralbl. 1921, 20, S. 292. — 18. Fuhrmann und Kisch:
d. ges. exp. Med. 1921, 24, S. 84. — 19. F a 1 1 a, H ö g 1 e r und K n o b 1 r
MmW 1921 Nr. 39. — 20. Hildebrandt: Z. f. klin. Med. 1906
S 351 — 21. Meyer-Betz: Erg. d. inn. Med. u. Kindhlk. 1906
o. ooi. — ui. m ^ y w i v «. ^ . . . ' _
S. 733. — 22. Grimm: Virch. Arch. 1893, 132, S. 246. — 23. S t r l s o »
f
Aus der Medizinischen Universitätsklinik Frankfurt a. I
(Direktor: Prof. Dr. v. Bergmann.)
Zur Frage der Pankreasfunktion bei der Ruhr.
Von Dr. Ladislaus v. Friedrich.
Das alljährlich immer von neuem beobachtete Aufflackern und
treten der Ruhr wäre schon allein genügend, um unser Interesse d
Krankheit zu widmen. Wenn wir uns überlegen, dass zu diesen al
frischen Fällen noch zahlreiche der chronischen Formen — welche i
von Kriegszeiten stammen — hinzukommen, so ist es erklärlich,
nicht nur der chronisch werdende Charakter dieser Infektionskran
das Interesse der Klinik in den letzten Jahren auf sich lenkte, sot
auch andere, vielseitige, mit dieser Krankheit Zusammenhang
Probleme.
Die zahlreichen Beobachtungen der Kriegszeit — wo infolge
grossen Materials auch bei der Ruhr besonders reichliche Erfahru
gesammelt werden konnten — haben ergeben, dass Magenstöru
bei Dysenterie durchaus häufige Erscheinungen sind. Dass scho
akuten Stadium der Magen in Mitleidenschaft gezogen wird, ist ins
nicht zu verwundern, da dies schon von allen fieberhaften Erkrankt
und vor allem von solchen bekannt ist, die entweder durch
schweren toxischen Eigenschaften oder wegen anderer Umstänc
ich erwähne nur den grossen Wasser- und Kochsalzverlust —
Organismus schädigen. Anders liegen die Verhältnisse in der Ri
valeszenz und nach Ablauf der Krankheit. Während nach den nu
Infektionskrankheiten die begleitende Gastritis oder funktionelle Mi
Wertigkeit des Magens zur Norm zurückkehrt — rein klinisch :
durch gesteigerten Appetit sich kennzeichnend — , finden wir be
Ruhr gerade da erst Klagen von den Kranken angeführt, die
über die Rekonvaleszenz reichen. U f f e 1 m a n n konnte scho
Jahre 1875 bei ruhrkranken Kindern An- oder Subazidität festst
Vermehrt erfolgten solche Publikationen im Kriege, es seien
Schlesinger fl], Porges [2], Edelmann [3], Cahn
B r ii n a u e r [5], Roubitschek und L a u f b e r g e r [6], S cl
der [7] u. a. genannt. Nur ln der Deutung der postdysenteri:
Achylie sind sich die Autoren nicht einig. Ein Teil nimmt an,
die Achylie schon vor der Infektion da war, nur latent gebliebe
und gerade diese begünstigte die Ruhrinfektfon. In diesem
äusserten sich Porges, Cahn, Roubitschek. Dagegen gl:
die andern es als Ruhrfolgezustand auffassen zu können. _ S c h r ö
der seine 37 Fälle schon während der Krankheit lind in der R
valeszenz beobachten konnte, meint, dass die Achylie eine Folg
Ruhrtoxinwirkung auf die Magendrüseif sei. Er meint ferner, da:
schwersten Achylien bei der S h i ga - K r u s e - Ruhr vorkommet
allgemeinen verlaufen ja die S h i ga - K r u s e - Ruhrfälle am sc
sten. Doch ist es nicht die Regel, wie ich [8] das auch bei Bes
bung einer Epidemie' zeigen konnte, bei welcher der Shiga-Kr
Bazillus in allen Fällen entweder bakteriologisch oder serologisch
gewiesen werden konnte und die Fälle doch in kürzester Zei
leichtesten Ablauf zeigten. Die Klinik ist also hier inassgebcndei
das neuerdings wieder von S t ra u s s [9| betont wird. Ueber die n
keit der postdysenterischen Achylien ist auch noch keine Heb
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
(■MF
. vmung in der Literatur. Die Mehrzahl der genannten Autoren
al in 21 3 oder 50 Proz. ihrer Fälle Anazidität. Dagegen fand
Laus s [101 in Uebereinstimmung mit R ö in h e 1 d und A. A 1 e xa n -
I r nur in 30 Proz. der Fälle Achylie; aber es mag wohl, wie er
j betont, vom Zeitraum der Beobachtung abhängen.
Ausser den Magenbeschwerden, die ihre Erklärung teilweise in
Anazidität oder Achylie finden, stehen die Darmerscheinungen auch
den chronischen Ruhrformen bei einer grossen Gruppe der Er-
x ikten im Vordergrund der klinischen Symptome. Wir wollen von
kolitischen Erscheinungen ganz absehen, weil sie doch selbstver-
tidlich zum eigentlichen Bild der Ruhr gehören. Wenn wir mit
asburger[ll] drei Formen der chronischen Ruhr anerkennen, so
es hauptsächlich die dyspeptisch-diarrhoischen Fälle, die uns vor
ii interessieren. Es wechseln dabei oft Obstipation mit häufigen
chfällen. Bei der Häufigkeit der Achylie resp. der Subazidität war
laheliegend, bei denjenigen Fällen; wo nicht mehr erkennbare Zei-
l eines Dickdarmkatarrhs vorliegen, an gastrogene Diarrhoen zu
cen oder, was auch naheliegt, an eine Schädigung der Pankreas-
tion.
Wir wissen ja, dass die Salzsäure der natürlichste und stärkste
;ger der Pankreassaftsekretion wenigstens im Tierexperimente ist.
;ler Literatur liegen mehrfache Untersuchungen vor. die das Ver-
ien der Pankreassekretion bei Achylia gastrica zum Studium wähl-
: So fanden Frank und Sch itten heim [12] bei Anaziden im
riihstück V o 1 h a r d s Trypsin, ebenso Gross [13] im Stuhl. V o 1 -
d [14] traf bei 22 Achylikern 9 mal kein Trypsin im ausgeheberten
eninhalt nach Oelfrühstück an. Gross fand neben Achylia gastrica
Jylia pankreatica auch bei Kranken ohne Durchfälle. Ehr mann
"Lederer [15] fanden bei 98 Fällen von Achylie und Anazidität
ipsin überaus reichlich im Mageninhalt. Kuttner [16] sagt, dass
Achylia gastrica auch eine Achylia pankreatica hinzutreten kann,
li ist das ein seltenes Vorkommnis, v. Noorden [17] fand nor-
i; Ausnutzung der Nahrung bei Achylikern und nur selten niedere
enentwerte im Duodenalsaft. Aehnliohe -Beobachtungen machte
l z b u r g [18], — Glässner [19] teilte vor kurzem Resultate mit,
er bei akuten und chronischen Ruhrkranken erhob, er zeigte, aller-
js an einem sehr kleinen Material (8 Fälle), dass die akuten Ruhr-
mit einer Pankreashypochylie einhergehen, bei den chronischen
ihn fand er eine vollkommene Pankreasachyiie im Duodenalsaft,
■untersuchte aber nur auf Trypsin. Katsch und ich [20]
> teil vor kurzem bei Angabe einer neuep Methode der Pankreas-
! etionssteigerung an einem grossen Material von Achylien zeigen,
i die Magenachylie keineswegs, parallel mit einer Pankreasachyiie
i ergeht, ja wir konnten in keinem Fall eine komplette Pankreas-
: iie finden. Was die Durchfälle betrifft, konnten wir keinen Pa-
; iisrnus zur Pankreasfunktion finden; die funktionellen Pankreas-
ochylien verliefen nicht gleichzeitig mit Diarrhoe. Wir untersuchten
ili auch einige Ruhrfälle mit demselben Ergebnis. Von diesen er-
» nen Befunden ausgehend schien es ganz lohnend, eine grössere
ie von Ruhrkranken auf das Verhalten des Pankreas zu unter-
! en und zwar in verschiedenen Stadien der Krankheit.
Die Technik war die übliche. Ich untersuchte den mittels der
llenalsonde gewonnenen Duodenalsaft auf Trypsin und Diastase;
i Steapsin wurde diesmal nicht untersucht, da es sich bei den vor-
lehenden Untersuchungen zeigte, dass sein Verhalten wechselnd ist
keine charakteristischen Eigenschaften der Pankreasarbeit dar-
; . Ich w'andte auch die in der erwähnten Publikation empfohlene
! erreizmethode an. Die Fermentuntersuchungen sind nach der
i lode von F u 1 d und Wohlgemuth ausgeführt worden. Da
ch bei den Vorversuchen zeigte, dass der unverdünnte Duodenal¬
in allen Röhrchen verdaut wurde, wurde ein lv 10 verdünnter Saft
wendet. Untersucht wurden insgesamt 20 Fälle. Es wäre zu
ührend, auf alle Fälle einzugehen; am besten veranschaulichen
■rhobenen Resultate Tabelle 1 und 2. wo getrennt die akuten von
chronischen Fällen zu sehen sind.
Jeberblicken wir die Tabelle 1, wo die akuten Rulirfälle zusummeii-
•Ült sind, so sehen wir vor allem, dass in keinem der 10 Fälle die für die
i easverdauung charakteristischen Fermente Trypsin und Diastase fehlen,
öintersuchten Fälle sind sichere Ruhrfälle gewesen. Die Diagnose wurde
1 -'der bakteriologisch oder serologisch gesichert, oder gelang dieser, Nach-
; nicht, was ja bei der Ruhr öfters zutrifft, so war das klinische Bild das
i einwandfreien Dysenterie. Es befinden sich da Fälle, die ganz am
n der Erkrankung untersucht wurden, ferner solche, die nach einigen
i nach Aufhören der akuten Erscheinungen untersucht wurden, und auch
D; bei welchen die akuten Erscheinungen zwar abgeklungen waren, die
£ immer noch breiige Durchfälle ohne Schleim- und Blutbeimengungen
G (Fall 1 und 4). Die Magenuntersuchung ergibt, wie das ja schon bc-
r . bereits im akuten Stadium eine Subazidität (Fall 4 und 9), aber auch
Achylie. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass die Untersuchung
üchternen Mageninhaltes, welchen wir mit der Duodenalsonde gewinnen,
er in das Duodenum gelangt, nicht gleichzusetzen ist mit dem Ergebnis
’robefrühstiicks (siehe die Fälle 2, 4, 5, 7). Ist doch das Probefrühstück
anz anderer sekretorischer und motorischer Reiz auf den Magen, als
1 Godenalsonde. Was zunächst das Trypsin betrifft, so sehen wir den
: gsten Wert in 'Fermenteinheiten, ausgedriickt: 16 vor der Aether-
fung bei Fall Nr. 3, wo noch Fieber und Durchfälle bestanden; dass aber
5 Pankreas funktionsfähig ist, zeigt die Reizbarkeit nach Aether-
itzung. Fall Nr. 8 zeigt ebenfalls niedrige Werte, dagegen finden wir
1 all 7 iin Beginn der Erkrankung äusserst hohe Fermenteinheiten. Die
Gsewerte waren am niedrigsten bei Fall Nr. 8, wo auch die Trypsin-
: nieder ausgefallen sind. Die höchsten Werte sehen wir bei Fall 4 bei
äusserst schweren Ruhr. Dass beide Fermente nicht parallel abge¬
345
sondert werden, bessel- gesagt nachgewiesen werden können, wurde schon in
der erwähnten Arbeit von Katsch und mir betont und wir sehen hier
wieder die Bestätigung dieser Beobachtungen (siehe Fall 1, 4, 5). Es können
daher bei der Beurteilung der Pankreasfunktion durch einseitigen Ferment¬
nachweis auch aus diesem Grunde Fehler erwachsen. Dass nicht die Schwere
des Falles, noch weniger die Verschiedenheit des Erregers, das Maassgebende
ist, beweisen einige Fälle (Nr. 2, 8, 10). Ebensowenig ist für die Durchfälle
die Magenachylie maassgebend. Wenn wir uns klarmachen, dass die er¬
haltenen Befunde sich alle auf 1 : 10 verdünnten Duodenalsaft beziehen, so
müssen wir erkennen, dass bei den akuten Fällen nur selten eine deutliche
Hypochylie des Pankreas nachgewiesen werden konnte. Dass das Pankreas
nur funktionell hypochylisch war, beweist am besten, dass mittels Aether-
reizes in den meisten Fällen eine erhöhte Tätigkeit zu erkennen war. Die
Titrationsazidität schwankte zwischen. 8 — 15 ccm n/10 NaOH mit Phenol¬
phthalein als Indikator auf 100 ccm Saft berechnet. Das spezifische Gewicht
des Saftes betrug 1008 — 1014.
Wenden wir uns zu der Tabelle 2, zu den chronischen Fällen, so sehen
wir hier 10 Fälle untersucht, bei welchen die Ruhrinfektion schon lange
zurückliegt, aber die Krankheit noch gar nicht zum Stillstand gekommen ist
oder nach zeitweisem Wohlbefinden immer von neuem aufflackert oder sogar
von neuem beginnt, so dass wir in diesen Fällen von einem Ruhrrezidiv
sprechen können. Zunächst finden wir hier bei den Magen.inhaltsunter-
suchungen in den meisten aber nicht in allen Fällen eine Achylie. Noch
auffallender ist hier die Erscheinung, dass der nüchterne Mageninhalt weniger
verdauungstüchtig ist als der nach dem Probefrühstück gewonnene, was nach
dem Gesagten selbstverständlich ist, doch berücksichtigt werden muss. Bei
einem einzigen Fall (Nr. 6) sehen wir kein tryptisches Ferment im Duodenal¬
saft. Allerdings ist sehr zu betonen und bemerkenswert, dass derselbe Fall
nach Aethereinspritzung doch Trypsin aufweist, doch vor allem ist in ihm die
Diastase reichlich vorhanden. Starke Durchfälle bestanden in diesem Fall
trotz der vorhandenen Magenachylie und Mangel des tryptischen Ferments,
nicht. Die niedrigsten Trypsinwerte vor Aether zeigt Fall 7, ein äusserst
hartnäckiger chronischer Fall; doch nach Aether zeigt auch er normales Ver¬
halten. Sehr hohe Werte zeigen Fall 2 und 4 trotz der bestehenden Durch¬
fälle. Diastase fehlt in keinem Falle, doch sind die Werte vor Aether, also
im nicht präparierten Duodenalsaft in vielen Fällen niedrig. Parallelismus
zwischen Diastase und Trypsin fehlt öfters, wie dies Fall 2 und 4 zeigen.
Vergleichen wir die beiden Tabellen, so sehen wir keine wesentlichen Unter¬
schiede. Wir können also in den chronischen Fällen auch -nur höchstens die
Hypofunktion des Pankreas feststellen, ohne dass hierbei die Schwere des
Falles beurteilt werden könnte.
Es ist keinesfalls aus unserem Material zu er¬
sehen, dass die Achylie bei der Ruhr gleichzeitig
von einer Pankreasachyiie begleitet wird oder gar,
dass das Ruhrtoxin in spezifischer Weise das Pankreas schädige,
wie es scheinbar beim Magenparenchym der Fall ist. Dass
bei akuten schweren Krankheiten, also auch bei der Rühr, die Drüsen¬
organe keine normale Funktion entfalten, ist geläufig und so ist es
auch nicht zu verwundern, dass bei den akuten schweren Fällen, wo
der Wasser- und Chlorverlust des Organismus hochgradig ist, auch
die Pankreasfunktion darniederliegt. Ebenso kann man sich die Hypo¬
funktion oder' zeitweilige Afunktion des Pankreas erklären bei den
schweren chronischen Formen, die zur Kachexie führen, oder bei den
ödetnatösen Formen. Leider hatten wir keine Gelegenheit, solch eine
toxisch-kachektische Form zu untersuchen. Wenn wir uns also über¬
legen, worin die prinzipiellen Unterschiede unserer Untersuchungen
gegenüber denen G 1 ä s s n e r s bestehen, so können wir uns leicht vor¬
stellen, dass er durchweg solche schwere Formen der chronischen
Ruhr untersuchte. Allerdings fehlten uns seine klinischen Daten und
seine Untersuchungen beziehen sich nur auf das tryptische Ferment.
Dass aber bei der Ruhr Stühle zu beobachten sind, die so gedeutet
werden können, dass sie auf eine Pankreassekretionsstörung hinweisen,
wird von vielen Autoren beschrieben. So betont schon Porges
(1. c.) dass man auch in der Rekonvaleszenz der Ruhrkranken öfters
Stühle sieht, die unveränderte Speisereste enthalten, manchmal wieder
Stühle, die eine Gärungsdyspepsie zeigen. Die Ursache derselben nach
diesem Autor sei die vorhandene Magenachylie, es seien daher diese
Störungen gastrische Diarrhöen, aber er denkt auch schon an eine Mit¬
beteiligung des Dünndarms im Sinne einer Gastroenterokolitis. A 1 b u
[21 1 sagt, dass die Dünndarmbeteiligung mit einer gleichzeitigen Hyper-
motilität des Magens häufig bei der Ruhr vorkommt. Kuttner und
L ehma n n [22] deuten die Diarrhöen meist als funktionell oder als
Zeichen einer chronischen Kolitis. Schmidt und Kaufmann [23]
glauben, dass diese unveränderten Speisereste im Stuhl auf Fort¬
bestehen des Katarrhs im Ileum hinweisen. M a 1 1 h e s [24], Löwen-
t h a l [25] u. a. heben auch sowohl bei akuten und chronischen wie
postdysenterischen Kolitiden den Dünndarmcharakter in einzelnen Darm¬
entleerungen hervor. S t r a s b u r g e r (1. c.) untersuchte bei der dys¬
peptischen Form der chronischen Ruhr die Pankreasfunktion mittels
der S c h m i d t - K a s c hiv a d o sehen Kernprobe und fand hierbei
keine Veränderung. Jedoch betont er, dass diese Probe nur gröbere
Störungen der Pankreasfunktion aufzudecken imstande ist. Er meint,
dass bei den Fällen, wo in den Fäzes unverdaute Nahrungsreste zu
finden sind, es sich nicht um eine gastrogene Diarrhöe handelt, son¬
dern um Funktionsstörungen des Dünn- und Dickdarmes, ferner, dass
die Durchfälle nicht durch Fehlen der Salzsäure bedingt seien, sondern
es handele sich um koordinierte Störungen gleichzeitig des Dünndarmes
oder der Bauchspeicheldrüse. Strauss (1. c.) fand in einer grossen
Anzahl Fälle, die er mittels der Probedarmdiät untersuchte, viele, die
auf Pankreasstörungen hinwiesen. Wir fanden selbst bei Anwendung
der Schmidtseben Probekost öfters bei den untersuchten Fällen
geringgradige Störungen; teils viel Neutralfett, Fettnadeln, Stärkereste
oder Muskelfaserreste. Jedoch konnten wir in keinem Falle aus
dieser Probe einen auffallenden Ausfall der fermentativen Tätigkeit
346
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1(
Tabelle 1. Akute Fälle.
Nr.
Name und Alter
Probe¬
frühstück
Mit, der Duodenalsonde
Trypsin- | Diastase-
Einheiten
Klinik und Bemerkung
- - — - -
Magen¬
inhalt
Duodenalsuft
Vor j Nach
Aether
Vor | Nach
Aether
1
1
A. R. 18 J.
35 ccm
25 : 48
80 ccm
8 : 14
12 ccm Jk XaOH
1
125
125
1
64
250
Leichte Ruhr. 3. Woche nach Beginn der Erkrankung untersucl
Stühle noch breiig.
2
W. St 50 J.
62 ccm
18 : 38
20 ccm
6 : 28
10 c cm ~ NaOH
125
N. B.
125
X. B.
-\V i dal : 1 : 320 positiv auf Shiga-Kruse Seit einem Monat DurcUfal
Schleim und Eiter im Fäzes. Rektoskopisch : 8 cm über de
Spinkter 2 erbsenarosse Ulcera.
3
M. Z. 24 J.
70 ccm
16 : 36
Sofort kam
Duod.-Saft
N. B.
16
32
64
125
20. Tag der Erkrankung. Noch Temperaturen. 5— 6 mal tägl. sclileimi
breiige Stühle. Im Stuhl Y-Bazillen.
4
K. B. 54 J.
10 eem
8 : 25 •
25 cem
0 : 4
12 ccm NaOH
64
250
250
250
64. Tag der Erkrankung. Schwere Ruhr. Schleim und Nacligäru
im Stuhl.
5
M. G. 11 J.
50 ccm
20 : 43
40 ccm
5 : 12
10 ccm Jjj NaOH
125
N. B.
64
N. B.
Leichte Ruhr. 7. Tag der Erkrankung. Noch blutig-sclüeim. Durckfäl
6
J. R. 24 J.
15 cem
4 : 28
30 cem
0 : 4
12 ccm Jjj NaOH
64
125
125
125
Am 6. Tag der Erkrankung. Stuhl ent! alt kein Blut mehr.
7
E. B. 53 J.
80 ccm
18 : 30
25 ccm
0 ; 6
N. B.
250
N. B.
125
N. B.
2. Tag der Einlieferung. Frische Ruhr. Durchfälle, Tenesmen.
8
A. P. 40 J.
40 ccm
0 : 6
N. B.*)
15 ccm ^ NaOH
32
32
32
64
Am 14. Tag der Erkrankung. Zeitweise diorrhoische Stühle
9
Fr. H. 9 J.
45 ccm
5 : 24
80 ccm
0 : 20
8 ccm ^ NaOH
64
N. B.
125
N. B.
Bakteriologisch: Flexuer 5. Tag der Erkrankung.
•
10
B. 0. 64 J.
1
40 ccm
O : 12
U «->*<>*
1 J
125
1
125
250
500
4. Woche. Zeitweise noch Durchfälle. Bakteriol.: Typus Y.
1
•) N. B. = Nicht bestimmt.
Tabelle 2. Chronische Fälle.
Nr.
Name und Alter
Probe-
frühstück
Mit der Dnodenalsonde
Trypsin- | Diastase-
Einheiten
Klinik und Bemerkung
o'-
Magen¬
inhalt
Duodenalsaft
Vo t | Nach
Aether
Vor | Nach
Aether
1
M. H. 40 J.
55 ccm
0 : 11
40 ccm
0 : 8
4 ccm NaOH
16
1
64
64
250
1915 Ruhr. Seitdem Magen- und Darmbeschwerden. Seit 2 Wocl
besonders nach Schwarzbrot neuerlich Schmerzen uud Dutelifa
2
A. R; 21 J.
80 ccm
25 . 40
10 ccm
4 : 18
10 ccm NaOH
500
500
125
250
August 1920 Ruhr- Darnach monatelang krank. Jetzt zeitweise s
schmerzhafte Dickdarmspasmen unil Durchfälle.
3
G. K. 43 J.
64 ccm
0 : 14
Sofortkam
Duod.-Saft
12 ccm NaOH
125
N. B.
64
N. B.
1916 Ruhr. Seit 3 Wochen neuerlich Beschwerden. Appetitlosigk
Durchfälle. Flexner aggl. positiv.
4
G. K. 28 J.
113 ccm
7 : 38
20 ccm
0 : 15
11 ccm ^ NaOH
250
250
64
250
1917 Ruhr. Seitdem Blähungen. Täglich dreimal Stühle.
5
J. K. 39 J.
115 com
10 : 26
10 ccm
0 : 14
8 ccm ^ NaOH
64
N. B.
64
N. B.
Juli 1920 Ruhr. Flexner aggl. positiv. Jetzt wieder Durchfälle
Stuhlbeschwerden.
6
K. S. 30 J.
225 ccm
0 : 14
20 ccm
0 : 8
N. B.
-
16
500
1000
1919 Ruhr akquieriert. Seitdem Beschwerden. Rektoskopisch n
Geschwüre.
7
F. D. 50 J.
43 ccm
0 : 4
N. B.
6 ccm ^ NaOH
32
125
125
250
Juli 1918 Ruhr. Im April 1921 Autnanme m uiu jvuiuk
iheumatoid. Bei schweren Speisen oder olme Salzsaurem
kation staike Durchfälle.
8
M. W 27 J.
N. B.
20 ccm
18 : 30
25 ccm
0 : 15
8 ccm NaOH
125
N. B.
250
N. B.
Vor 114 Jahren Ruhr. Nach gewöhnlicher Nahrung, hauptsäcb
Brot, Durchfälle.
9
E. W. 19 J.
30 ccm
26 : 40
10 ccm NaOH
64
125
64
125
Vor V« Jahr Ruhr. Subakute Form.
10
E. Th. 28 J.
85 ccm
0 : 6
Sofort kam ■„ -o.
Duod.-Saft. [ D-
125
125
1
250
N. B.
1
Vor 2 Jahren Ruhr. Zeitweise Durchfälle.
des Pankreas oder des Darmes erkennen. Wir glauben daher,
dass die mangelhaft ausgenutzten Nahrungsreste
auf Dünndarm Schädigungen zurückzuführen seien.
Dass d’ie anatomischen Grundveränderungen im Dünndarm durchaus
nicht so selten sind, beweisen die Arbeiten Schmidt und Kauf¬
manns (1 c.). Grub er und Schaedels [26], die sogar allein im
Dünndarm die Ruhrgeschwüre als isolierte Erscheinungen beschreiben.
Aber es braucht gar keine anatomische Grundlage
im Dünndarme vorzuliegen, eine gesteigerte Peri¬
staltik infolge Unstimmigkeiten im vegetativen
Nervensystem genügt auch zur Erklärung dieser
Befunde.
Wenn wir also zu der Erklärung der diarrhöischen Zustande und
der dyspeptischen Erscheinungen durchaus nicht das Pankreas als
Hauptfaktor oder im Mittelpunkt der Erkrankung stehendes Organ an¬
erkennen. so stehen wir hier im vollen Einklänge mit der Auffassung
von v. Noordens (1. c.). der die Hypochylia des Pankreas nicht
hoch einschätzt und im Fehlen der Salzsäure noch keinen Grund zum
Versiegen der Pankreassekretion annimmt. Die diarrhöischen Zustände
sind teils Folgezustände der zu Achylia gastrica sich hinzugesellenden
Affektion des Dünndarmes oder derselbe wird vom Dickdarm aus as-
zendierend infiziert. Strasburger weist auf diesen „schwachen
Darm" nach Ruhr hin, ohne dass wir mit Sicherheit wüssten, ob immer
ein anatomisches Substrat dahintersteckt. Jedenfalls ist nach unserer
Auffassung die Pankreasschädigung bei der Ruhr, wenn überhaupt v
handen, nur selten — Grote [27] konnte an einem grösseren Mate
auch nur zwei Fälle beobachten — und von funktioneller Natur i
wir müssen da mit v. Noorden und Strasburger an eine koo
nierte Folge gleicher Ursachen denken, dagegen die diarrhöischen
stände als durch den Dünndarm bedingte auffassen.
Literatur.
1. W. Schlesinger: Vereinsber. d. Oes. f. hin. Med. W
Februar 1915: ref. M.m.W. 1915 Nr. 10. — 2. Porges: M.m.W.
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Nr 24. — 5. B r ü n a u e r: W.m.W. 1917 Nr. 6 u. 7. — 6. R o u b 1 1 s ch
und Laufberger: Tlier. Mh. 1915 Nr. 6. — 7. S c h r ö de r: D.m.W. .
Nr. 37. — 8. v. Friedrich: D.m.W. 1917 Nr. 51. 9. H. S t r au
Sammlg. zwangt Abhandl. d. Verdauungskrankh. 1921 7, H. lli.
10. Ders.: Verhandl. d. Oes. f. Verdauungskrankh. in Homburg 1901,
Karger. — 11. Strasburger: D.m.W. 1921 Nr. 16, 17 u. IS.
12. Frank und Schittenhelm: Zschr. f. exp. Path u. Ther. 191J, »
13. Gross: M.m.W. 1912 'S. 2797. — 14. Volhard: M.m.W. 1907 S.
— 15. Ehrmann und Lederer: B.kl.W. 1908 Nr. 31. — 16. K nt t n
Kraus-Brugsch’ Spez. Path. u. Ther. 1914. 17. v. N o o r d e n -S c h nn
Klinik der Darmkrankheiten 1921. — 18. Günsburg: M.K1. 1918 Nr 4S
19. Glässner: W.kl.W. 1920 Nr. 39. — 20. Katsch und v. Fr iedri
Klin. Wschr. 1922 H. 3. — 21. Albu: M.K1. 1920 Nr. 39 und M.m.W.
Nr. 16. — 22. K u 1 1 n e r und Lehmann: M.K1. 1920 Nr. 2.
Schmidt und Ka uff mann: M.m.W. 1917 Nr. 23. 24. Matth
März 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT
347
rschauer Kongr. f. inn. Med. 1916. — 25. Löwenthal: Arch. f. Ver-
ungskrankh. 1919. — 26. Qruber und Schaedel: M m W 1918
I 35. — 27. Grote: M.KI. 1920 Nr. 35.
Aus der medizinischen Klinik Würzburg.
(Vorstand: Prof. Dr. Morawitz.)
!jer die Gewinnung von Dünndarminhalt beim Menschen.
Von Prof. Dr. Ganter.
Durch die von mir angegebene Darmschiffchenmethode [l] sind
1 in den Stand gesetzt, beim Menschen ohne grösseren Eingriff
i ohne. dass durch die Untersuchung pathologische Zustände gesetzt
• den sind, aus jedem beliebigen Darmabschnitt Inhalt zur bakterio-
< sehen oder chemischen Untersuchung zu gewinnen. Die von mei-
i Mitarbeiter van der Reis [2] angegebene Methode ermöglicht
in entsprechender Weise, gelöste Substanzen an beliebigen Stellen
( Darmkanals auszugiessen. Die Schwierigkeiten, die den angege-
P Methoden anhaften, sind wohl die Ursache, weshalb diese keine
j;ere Verbreitung gefunden haben, trotz des Interesses, das man,
: die zahlreichen Zuschriften beweisen, ihnen entgegengebracht hat
j Hauptschwierigkeiten liegen zunächst darin, dass für die Verfahren
: starker Magnet erforderlich ist. dessen Beschaffung wegen des
■:n Preises den wenigsten Kliniken möglich sein wird. Weiterhin
ort zur Anwendung der Verfahren eine meist wiederholte Röntgen-
. hleuchtung. Dann ist die Ausführung ziemlich zeitraubend und
irdert ein sehr gewissenhaftes und aufmerksames Pflegepersonal,
1 auch von Seiten des Kranken setzt die Durchführung eine gewisse
inerksamkeit voraus. Mit dem Verlust von Schiffchen ist immer
echnen.
Wenn sich die angegebenen Methoden bei Gesunden oder leicht
siken, wie unsere Erfahrung gezeigt hat, unschwer durchführen
p, so begegnen sie doch bei Schwerkranken beträchtlichen Schwie-
j Uten, die sich aus der verminderten Beweglichkeit des Kranken
|ben. Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen auch bei Anwendung
Trochoskops und die Anwendung des Magneten stellen Anfor-
jngen, denen Schwerkranke gelegentlich nicht gewachsen sein
len.
Schliesslich war man bei den Schiffchen an eine gewisse Grösse
finden, unter die man praktisch nicht heruntergehen konnte. Die
j derlichen Dimensionen machten die Anwendung in dem Zweige
; Medizin gerade besonders schwierig, bei dem die Untersuchung der
jnflora von besonderem Interesse und von weittragendster Bedeu-
I ist, nämlich in der Kinderheilkunde.
| Seit Anwendung der Methode bin ich bestrebt, sie zu verbessern
* sie derart auszugestalten, dass die obenerwähnten Schwierig-
i n wenn nicht beseitigt, so doch vermindert werden. Eine Voraus-
iing für die Anwendung einer neuen diagnostischen Methode ist
| Unschädlichkeit. In der Furcht zu schaden, werden wir immer
{Neigung haben, uns möglichst weit von der Gefahrzone zu halten
Nissern Sinne mit Unrecht insofern, als wir uns damit häufig
; Mittels begeben, das zur richtigen Diagnose führt und so zum
Entscheidenden Vorteil des Kranken wäre. Je mehr man eine
j eilende diagnostische Methode beherrscht, um so sicherer wird
in der Beurteilung der Grenze, an der eine Gefahr für den
jken droht. Bei der Schiffchenmethode hat sich sehr bald ge-
, dass sie völlig gefahrlos ist. Daraus ergab sich, dass die
jiode zur Erreichung des Endziels wesentlich angespannt werden
■ Die Richtung, in der die Verbesserung anzustreben war, wurde
1 nur von den obenerwähnten Schwierigkeiten bestimmt, sie ergab
| auch aus den Erfahrungen, die ich bei meinen Untersuchungen
1 Dünndarmperistaltik [3] gesammelt hatte. Bei diesen Unter¬
fingen hatte ich anfänglich die Sorge, ob auch nach Ablassen
Unt aus dem Gummikranz bei der Entfernung des Schlauches aus
Dünndarm nicht Schwierigkeiten entstünden. Die Versuche haben
Borge als völlig unbegründet erkennen lassen, der Schlauch mit
(kollabierten Kranz Hess sich leicht herausziehen. Diese Erfahrung
4 es nahe, zu versuchen, ob nicht durch Anwendung eines dünnen
huch es, den man vom Munde aus durch Oesophagus und Magen
hn Dünndarm befördert, gewissermassen durch eine verlängerte
h o r n sehe Duodenalsonde, Darminhalt zu gewinnen wäre. Es
dies doch eigentlich die einfachste und naheliegende Lösung des
lems. Es zeigt sich, dass die Einführung und, was ebenso wichtig.
Entfernung eines mehrere Meter langen Schlauches sehr wohl
?t. Nachdem dies festgestellt ist, muss praktisch auch aus den
i en Abschnitten des Darmes Inhalt ähnlich zu gewinnen sein wie
'-lern Duodenum. Sobald es sich aber um bakteriologische Unter-
■ingen handelt, die mit dem Dünndarminhalt vorgenommen werden
n, so >st die einfache verlängerte Duodenalsonde nicht ohne
Lres anwendbar. Es würde sonst nach Einführung des Oliven-
-5 in den Magen Mageninhalt in den Schlauch treten. Bei An-
-‘n von Dünndarminhalt würde eine Mischung mit dem Magen-
d erfolgen und die Bakterien des letzteren würden die Unter¬
fing des Dünndarminhaltes zum mindesten sehr erschweren.
fS war daher eine „Sonde“ zu verwenden, die beim Einfuhren
[nSe geschlossen ist, bis das Kopfende die Stelle des Dünndarmes
-'ht hat, aus der Inhalt entnommen werden soll,
he Forderung wurde auf folgende Weise erfüllt: Es wurde
em einen Ende eines mehrere Meter langen dünnen Schlau¬
er. 10.
chcs die mehrlöcherige Olive der üblichen Duodenalsonde befestigt.
Ucber den freien, löcherigen I eil der Olive wurde ein kurzes etwas
weiteres, dünnwandiges Schlauchstück gestülpt, dessen Ende verschlos-
Sen Yi11"- Durch dieses iibergestiilpte Schlauchstück wird der Zutritt
von Magen- und Darminhalt verhindert. Zum Verschluss des kurzen
Schlauchstückes kann ein kleiner Metallzylinder Verwendung finden,
der bei eventueller Röntgendurchleuchtung leicht neben der kleineren'
Olive zu erkennen ist.
Ist das auf die angegebene Weise vorbereitete Kopfstück nun in
den Teil des Dünndarmes gewandert, aus dem Inhalt entnommen wer¬
den soll, so wird mittels einer Spritze, die an das aus dem Mund
hängende Ende des Schlauches gesetzt wird, eine rasche Druck¬
steigerung im Schlauchinnern erzeugt; dadurch erweitert sich das
auf die Olive aufgesetzte kurze Schlauchstück und wird abgestossen.
Dieses Schlauchstück interessiert nicht weiter; es wird per vias na¬
turales entleert. Man sollte erwarten, dass nunmehr durch Ansaugen
mit der angesetzten Spritze Darminhalt gewonnen werden könnte.
Das gelingt aber nicht ohne weiteres, da die Menge des anzusaugenden
Inhaltes im Allgemeinen gering ist. Man wird praktisch, wenn es
sich einfach darum handelt. Qualitative Untersuchungen des Darm-
inhaltes durchzuführen, sich so helfen, dass man physiologische, auf
Körpertemperatur gebrachte, sterile Kochsalzlösung oder eine zweck¬
massig zusammengesetzte Nährlösung durch den Schlauch injiziert,
wiederholt ansaugt und erneut injiziert. Man spült auf diese Weise
das Darmstück aus und saugt schliesslich die zur Untersuchung er¬
forderliche Menge der Flüssigkeit an. Das „Spülwasser“ enthält die
Bakterienflora und lässt sich bakteriologisch verarbeiten Die an¬
gesaugte Flüssigkeit zeigt eine Trübung, gelegentlich kleine Teile
(Speisereste) und regelmässig mindestens bei Normalen leichte Gelb¬
färbung, von der Galle herrührend. Man wird nicht erwarten dürfen,
die gesamte, durdi den Schlauch eingespritzte Flüssigkeitsmenge wie¬
der ansaugen zu können. Ein Teil der Flüssigkeit wird durch die
Peristaltik des Darmes sogleich weiterbefördert und geht dem Versuch
verloren. Da die Olive mehrere Oeffnungen trägt, so wird ein Fest¬
saugen der Olive beim Ansaugen mit der Spritze vermieden.
Es braucht nicht gesagt zu werden, dass man durch Auskochen
des Schlauches samt dem Verschluss diesen vor der Einführung steri¬
lisieren kann, am besten in physiologischer Kochsalzlösung. Zweck¬
mässig wird das aus dem Munde heraushängende Schlauchstück hart
am Ende durch eine Klemme abgeschlossen, damit nicht Keime von
aussen in den Schlauch eindringen können. Wenn man vor Aufsetzen
der sterilisierten Spritze das Schlauchende bis zur Klemme abschneidet,
so ist man sicher, dass bei der bakteriologischen Verarbeitung ge¬
fundene Keime eben nur aus dem Darmabschnitt stammen können,
aus dem man Inhalt angesaugt hat. Man kann den Schlauch gut
mehrere Tage liegen lassen, ohne dass der Kranke ausser der kleinen
Unannehmlichkeit des Schlauches im Munde, belästigt wird. Der Kranke
ist in der Lage, Flüssigkeit und schon zerkleinerte Speisen ohne
Schwierigkeit zu sich zu nehmen. Es kann so zu verschiedenen Zeiten
Darminhalt gewonnen werden.
Wenn es sich nun darum handelt, quantitative Untersuchungen
mit dem Darminhalt anzustellen, so wird das angegebene Verfahren,
bei dem man nur verdünnten Darminhalt unbekannter Konzentration
gewinnen kann, nicht genügen. An einer Stelle des Darmes ist nicht
genügend Inhalt vorhanden, als dass er den gesamten Hohlraum des
langen, wenn auch dünnen Schlauches ausfüllt und gar noch in die
Spritze angesaugt werden kann. Durch eine einfache Ventilvorrichtung
als Kopf des Schlauches, wobei durch Ansaugen mit der am heraus¬
hängenden Ende des Schlauches aufgesetzten Spritze das Ventil ge¬
öffnetwird, gelingt es unschwer, unverdünnten Darminhalt zu gewinnen.
Zur Entnähme dieses Inhaltes aus dem Ventil muss jedoch der Gummi¬
schlauch nach dem Ansaugen aus dem Dünndarm herausgeholt werden.
Einfacher liegen die Verhältnisse noch, wenn man aus therapeu¬
tischen oder diagnostischen Gründen Arzneimittel oder Kulturen in
tiefere Stellen des Darmes bringen will. Hier wird es im allgemeinen
nicht auf steriles Arbeiten ankommen. Man wird infolgedessen auf
den Verschluss des eingeführten Schlauchendes verzichten können.
Zweckmässig setzt man aber eine Olive wie bei der Duodenalsonde
an, um dem Darm eine gewisse Angriffsmöglichkeit an den Schlauch
zu geben, so dass diese, einmal in den Dünndarm gelangt, rasch weiter¬
befördert werden kann. Durch Feststellung der Länge des eingeführten
Schlauches weiss man jederzeit, an welcher Stelle des Darmes sich das
Schlauchende befindet.
Die Vorteile, die diesem Verfahren gegenüber der Schiffchen¬
methode eigen sind, liegen auf der Hand. Zunächst kostet das Instru¬
mentarium sozusagen nichts. Ein Magnet ist nicht erforderlich. Von
einer Röntgendurchleuchtung kann abgesehen werden. Die Anwendung
des Verfahrens ist auch bei Schwerkranken möglich. Man ist unab¬
hängig von der Aufmerksamkeit des Kranken und des Pflegepersonals.
Den Hauptvorzug aber sehe ich darin, dass die Dimensionen der Vor¬
richtung leicht derart gewählt werden können, dass sie auch bei Kin¬
dern. ja Säuglingen anwendbar ist.
Die Fragestellungen, die sich mit dem angegebenen Verfahren be¬
arbeiten lassen, liegen so nahe, dass ich darauf nicht einzugehen
brauche. Ich habe die wesentlichsten Arbeitsrichtungen schon in meiner
oben zitierten Arbeit angegeben. Es stellen dieselben wohl nur einen
kleinen Teil dar, wenn man das Gebiet der Kinderheilkunde ein-
schliesst.
Dass das Verfahren völlig gefahrlos ist, geht auch aus der Arbeit
von Einhorn [4] hervor, die erschienen ist, nachdem ich meine Ver-
4
348
mhnchener medizinische Wochenschrift,
Nr. 1(
Suchstechnik ausprobiert und niedergeschrieben hatte^
lässt einen Schlauch verschlucken und fuhrt, nachdem das untere
Schlauchende das Coecum erreicht hat medikamentös^ tes
Dickdarmes bei Kolitis aus. Zur Entnahme von Darminhalt hat n 1 n
h o r n den Schlauch nicht verwendet.
Literatur.
l Ganter- Ein Verfahren, aus beliebigen Teilen des Darmes Inhalt zu
entnehmen Dm W 1920 Nr 9. - 2. van der Reis: Ueber eine Methode.
"srz; dSawÄ
behandelt wurde. Klin. Wschr. 1922 S. 366.
Aus der medizinischen Universitätsklinik Erlangen.
(Direktor: Prof. Dr. L. R. Müller.)
Die Behandlung der Tuberkulose mit Röntgenstrahlen.
Von Dr. med. Fritz Hilpert,
Vorstand des Röntgenlaboratoriums.
In den letzten Jahren haben sich in der Tuberkulosebehandlung die
Röntgenstrahlen eine Stellung erworben an der heute kein Internist
mehr achtlos vorübergehen kann. Zahlreich sind die Arbeiten, die
dieses Gebiet erschienen sind, verschieden jedoch die Methoden und
Dosen, die von den verschiedenen Autoren angewendet und eI"PfoJjle”
werden. Lange Zeit wurde mit kleinen Dosen gearbeitet bis Wint
mit seiner Tuberkulosedosis, die 50 — 60 Proz. der von ihm angegebene!
Hauteinheitsdosis (HED.) entspricht, auf dem Plan erschien. Ausdrück¬
lich sei erwähnt, dass sich diese Dosis nicht auf die Behandlung d
Lungentuberkulose bezieht, über die W in tz nicht berichtet.
Im Gegensatz dazu wendet Ba enteister sehr kleine Dosen ai
und Stephan kommt auf Grund theoretischer Erwägungen zu einer
allgemeinen „Tuberkulosedosis von 10 Proz. aei HLD J Ls ist nie
zu verkennen, dass der Begriff einer allgemeinen Tuberkulosedosis eine
gewisse Verwirrung in die Behandlung der verschiedenen tuberkulösen
Erkrankungen gebracht hat. Wir haben uns hier nun die Trage vor¬
zulegen, gibt es eine allgemeine Tuberkulosedosis und wie gross ist
diese oder sind für die verschiedenen tuberkulösen Erkrankungen ver¬
schiedene Dosen in Anwendung zu bringen. Optimale Dosis ist jedes¬
mal diejenige, die den tuberkulösen Prozess rasch und günstig beein¬
flusst, ohne dass schädliche Nebenwirkungen eintreten. Zugleich muss
die Behandlung auch auf soziale Gesichtspunkte Rücksicht nehmen, so
dass der Kranke möglichst bald wieder arbeitsfähig wird, und wenn
die Behandlung bei Arbeitsfähigkeit durchgeführt wird, dass er dann
nicht allzuhäufig von der Arbeit abgehalten wird. Dieser letztere Ge¬
sichtspunkt kommt wohl nur bei der Drüsen- oder bei leichter Knochen¬
tuberkulose in Betracht, er fällt selbstverständlich bei der Behandlung
der Lungen- und Bauchfelltuberkulose weg, denn für den Erfolg des
Kampfes gegen diese Lokalisationen der Tuberkulose ist völlige Scho¬
nung und möglichste Ruhe Vorbedingung.
Die in der Röntgenliteratur von den verschiedenen Autoren an¬
gegebenen Dosen lassen sich häufig nicht miteinander vergleichen, da
die verschiedensten Masseinheiten gebraucht werden. Ls lasst sich
nach dieser Angabe häufig nur schätzen, ob kleinere, mittlere oder
grössere Dosen zur Anwendung kamen.
Für die Behandlung der Lungentuberkulose besteht Ueber-
einstimmung, dass nach der Vorschrift Bacmeisters, dem sich die
meisten Autoren angeschlossen haben, nur kleine Dosen gegeben
werden sollen. Diese Dosen wirken als Reiz für die Umgebung
des Tuberkels, insbesondere auf das Bindegewebe, ohne jedoch einen
raschen Zerfall des tuberkulösen Granulationsgewebes zu verursachen,
der zur Kavernenbildung führen würde. Bacineister bestrahlte
Lungenherde, deren Lage er durch die Röntgendiagnostik genau test¬
gestellt hat, mit je 6 kleinen Feldern von vorne und hinten, die m
Abständen von einigen Tagen gegeben werden. Jeder Herd wird zwei¬
mal von vorne und hinten bestrahlt. Die Dosis für das Feld .betragt
10—15 X auf die Haut. Ausserdem wird die Behandlung mit künstlicher
Höhensonne verbunden. Behandelt werden indurative und chronisch
progrediente Formen der Tuberkulose. Exsudative und rasch un¬
günstig verlaufende Fälle werden von der Behandlung ausgeschlossen.
Nach seiner letzten Mitteilung in der Strahlentherapie wendet Bac-
meister jetzt ein Verfahren an, wie es ähnlich auch von uns seit
längerer Zeit geübt wird, indem er mit kleinen Dosen beginnt und die
Dosen allmählich steigert. Er verabreicht auf diese Weise 8—30 I roz.
der HED. P , .
Sc hl echt- Kiel geht ähnlich vor und gibt für das Feld 5 bis
7 bis 10 X, gleich V«— % HED. , Feldgrösse 10X10 cm, Filter 4 mm
Aluminium. Aehnlich ist auch noch die Methode von B o g e - Magde-
bUfSS c h r ö d e r - Schömberg kam auf dem Wege des Tierexperimentes
ebenso wie früher Bacineister zur Ansicht, dass grosse Dosen
*) Anmerkung bei der Korrektur: De la camp (Med. Kl.
1921 Nr. 48) vertritt die Ansicht, dass „der Begriff der Tuberkulosedosis
lediglich im orientierendem Sinne gebraucht werden soll. Strahlenwahldosis
hat sich dem Organ anzupassen, in dem der tuberkulöse Prozess zur Ent¬
wicklung kam." Er ist somit der Ansicht, dass die tuberkulöse Erkrankung
der verschiedenen Organe mit verschiedener Dosis zu behandeln ist.
verabreicht werden müssen, um einen Erfolg bei der Lungentuberki
lose zu erreichen. Er bestrahlte 11 Fälle mit 0,6— U HLD. lur jede
Feld, und zwar in 2-3 wöchigen Zwischenräumen je 1 Fe.d Dab.
sah er in 5 Fällen Verschlechterung, darunter 1 1 odestall. Die L
folge bei den übrigen Fällen „waren keinenfalls besser als wie ma
sie sonst bei gleichwertigem Material ohne btrablentherapie zu t
reichen pflegt". Er hat deswegen die Röntgentherapie der Lunge:
tuberkulöse wieder aufgegeben. K ^ ,
Ausgehend von den Erfahrungen, die wir bei der Behandlung dt
Lungentuberkulose mit Alttuberkulin gemacht haben, haben wir vt
sucht, die Röntgenbehandlung ähnlich zu gestalten, indem wir n
kleinen Dosen beginnen und allmählich die Dosen steigern. Die B
Strahlung geschieht auf Grund des Röntgenbefundes. Es werden r
die erkrankten Partien bestrahlt. Die Durchstrahlung des Thorax »
eine möglichst gleichmäsisge sein, deshalb bestrahlen wir dieseö
Lungenpartie von vorne und von hinten. Die Feldgrosse betra
mindestens 10 T 15 cm, Fokushaiitabstand 30 cm, Filter 0,5 mm Zn
selbsthärtende Siederöhre am Symmetrieinstrumentarium der Firr
Reiniger, Gebbert & Schall mit W i n t z schein Regenenerautoni:
Der eigentlichen Lungenbestrahlung schicken wir m jedem Falle, ec
Vorschläge F r ä n k e 1 s folgend, eine Bestrahlung dei Milz mit A HE
auf die Haut voraus. Nach der Milzbestrahlung haben wir ebenso u
Fränkel eine mässige Lymphozytose, cL h. eine Vermehrung c
Lymphozyten bis etwa 10 Proz. feststellen können. Die Lungenbehan
lung beginnt mit einer Dosis von Vs bis U« HLD. auf die Haut \
vorne und von hinten. Auf den Erkrankungsherd in der Dunge dur
ungefähr in der Nähe des Hilus nach unserer Berechnung 5—6 Pri
der HED. zur Einwirkung gelangen. Genaue Messungen konnten leie
nicht durchgeführt werden, da die Messung mit dem Wasserphanti
die Absorptionsverhältnisse im Lungengeyvebe unrichtig angibt u
eine andere dem Lungengewebe gleichartige künstliche Masse uns nit
zur Verfügung steht. Der ersten Bestrahlung folgt alle 4 Tage ein andei
Feld von vorne und hinten mit geringer Steigerung der Dosis bis
>/, HED auf der Haut, was in der Mitte der Lunge einer Dosis von i
gefähr 15—20 Proz. der HED. entsprechen durfte. Nach grosser
Dosen legen wir eine Zwischenpause von 6 Tagen ein. Ls werden :
mit die erkrankten Lungenpartien wiederholt mit immer steigend
Dosen bestrahlt. Die Behandlung führen wir 2—3 Monate dur
Schädliche Einwirkungen haben wir bei dieser Art der Iherapie i
gesehen. Dagegen haben wir ganz entschieden den Eindruck i
wonnen, dass so behandelte Fälle einen günstigeren Verlauf boten
gleichartige Lungenerkrankungen, die nicht mit Röntgenstrahlen
handelt wurden, und ausserdem haben diese Fälle dauernde und ;
haltende Besserung gezeigt. Bestrahlt wurden freilich nui chroni:
indurative und langsam progrediente Formen. Leider ist die Zahl
so bestrahlten Fälle noch sehr klein, jedoch glauben wir aut ün
des bei diesen Kranken erzielten Erfolges die Methode zur Nachahmi
empfehlen zu dürfen. Bei einem mit künstlichem Pneumothorax v
bundenen Fall zeigte sich eine sehr beträchtliche Schrumpfung
ganzen kranken Seite. Allerdings bestand auch längere Zeit ein mit
grosses Pleuraexsudat. ... *
Wenn ich nun die von uns durchgeführte Methode mit der 1
anderer Seite angegebenen vergleiche, so muss ich sagen, dass wir
jeden einzelnen Herd eine grössere Gesamtdosis verabreichen aL
anderen Autoren. Bacmeister und Schröder haben durch .
experimente bewiesen, dass grössere Dosen wirksamer sind als klein
Die klinische Erfahrung am Menschen hat gezeigt, dass grosse Do
auf einmal verabreicht schlecht vertragen werden. Unsere Metti
gestattet uns, mit kleinen Dosen zu beginnen, die Dosen zu steis
und insgesamt eine grosse Dosis gewissermassen als „dosis refrac
zu verabreichen. Dabei lässt sich die Methode weitgehend mdividr
sieren und jedem einzelnen Fall anpassen.
Eine Bestrahlung der Kehlkopftuberkulose führen
auch nur bei stationärer oder langsam fortschreitender Lungentul
kulose unter gleichzeitiger diätetischer AlJgemeinbehandlung durch.
Bestrahlungstechnik dabei ist folgende: Die Feldgrösse 6X8
Fokushautabstand 30 cm, Filter 0,5 mm Zink. A HED. am die H
Als wirksame Dosis trifft auf den Kehlkopf ungefähr 25 Proz.
Bestrahlung ward alle 3 — 4 Wochen wiederholt, nach der 4. Bestrahl
setzen wir eine längere Pause ein. Die Erfolge sind in den bisher!
Fällen befriedigend. Bei rasch fortschreitender Lungentuberkulose
schlechtem Allgemeinzustand dagegen wirkt die Bestrahlung di
verschlechternd. Eine ambulante Röntgenbehandlung der Lungen-
Kehlkopftuberkulose erscheint unzweckmässig.
Für die Bestrahlung der tuberkulösen Lymphome, die r
unter der Haut gelegen sind, werden von den verschiedenen Aut
bald kleinere, bald grössere Dosen .als beste Methode empfohlen.
Autoren, welche kleine Dosen anwenden, wiederholen in kurzen 1
sen. z. B. alle 14 Tage die Bestrahlung mit der gleichen Dosis,
durch wird sicherlich eine Summation und als Endergebnis eine grös
Dosis erreicht. Dies ist daraus zu ersehen, dass die Haut der so
strahlten Fälle häufig Pigmentation aufweist. Die Gesamtdosis
eben in diesen Fälled als „verzettelte“ Dosis verabreicht. An
Röntgenologen empfehlen grössere Dosen, so verabreicht K 1 e u
für jedes Feld eine HED. unter 3 mm Aluminium und wiederholt
solche Bestrahlung nach 5 — 6 Wochen.
Wir verabreichen bei den tuberkulösen Lymphomen */s HED.
die Haut unter 0,5 mm Zink bei einer Feldgrösse von 6X8 cm
einem Fokushautabstand von 23 cm, unter Umständen auch 30
Wir erreichen damit als wirksame Dosis in 2 — 4 cm Tiefe 40 — 50 l
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
349
iVlärz 1922,
■ HEIX Nach 6 Wochen1 wird die gleiche Dosis nochmal und nach
i eren 8 Wochen eine dritte derartige Bestrahlung gegeben. Wir
) ten in allen in dieser Weise behandelten Fällen wesentliche
i erung erzielen, wenn nicht gleichzeitig ein fortschreitender Lungen -
1 ess bestand. Nicht alle tuberkulösen Drüsen reagieren gleich-
. dg auf die Bestrahlung. Diejenigen mit mehr bindegewebiger
stur reagieren mit Schrumpfung und es bleibt als Endeffekt ein
■ er harter Knoten zurück, der gewöhnlich gute Verschieblichkeit
■■ Die Umgebung selbst ist reizlos, die Haut nicht oder nur gering
; entiert. In den anderen Fällen, in denen die Lymphome weichere
l.istenz haben und von vorneherein eine mehr exsudative, käsige
i)i zeigen, kommt es rasch zur Einschmelzung. Ist der grösste Teil
iDriise oder des Drüsenpaketes erweicht und zeigt sich deutliche
jtuation, so wird der Inhalt durch Stichinzision entleert. Von ver-
! denen Autoren wird die Eröffnung des Abszesses abgelehnt und
• ohlen, den Inhalt mit Nadel und Spritze anzusaugen. Doch nur in
wenigsten Fällen gelingt dies, in den anderen verstopft sich die
1 sofort durch Käsebröckel, die sich nie durch die Spritze ent-
n lassen und deren Beseitigung doch wesentlich für einen raschen
ngsverlauf ist. Es entsteht allerdings durch die Stichinzision eine
I, die sich aber nach der zweiten oder dritten Bestrahlung nach
tändiger Reinfgung und Entleerung des Abszesses schliesst. Die
ehende Narbe ist klein, reizlos und meist auch auf der Unterlage
|:hieblich. Da nur ~is der HED. gegeben wurden, verträgt die
ij den Reiz, der durch das Sekret der Fistel bewirkt wird, ohne
—res. Grössere Dosen zu geben halte ich aus kosmetischen Grün-
i und wegen der Gefahr für die Haut für unrichtig, da die stark bestraül-
-ßtellen auch später noch einen locus minoris resistentiae für In-
rrn bilden. Was die kleineren Dosen betrifft, so können sie wohl
leien Fällen durch häufiger wiederholte Bestrahlungen, was einer
zettelten“ Dosis gleichkommt, zum gleichen Effekt führen, doch ist
!l eltenere Bestrahlung mit etwas grösserer Dosis für den Kranken
angenehmer als die häufigen Bestrahlungen, zumal wenn es sich
n handelt, dass die Bestrahlung ambulant vorgenommen wird,
5 lass die Kranken von auswärts zur Bestrahlung kommen. Schäd-
1 Einwirkungen sah ich bei der Art unserer Anwendung nie. Die
hr, dass es bei der raschen Einschmelzung zu einer miliaren Aus-
i kommen könnte, halte ich für sehr gering.
j’tepp, der über eine grössere Zahl von Drüsenbestrahlungen
ehr gutem Erfolg berichtet, verwendet 30—40 X für das Feld, was
lj ähr unserer Dosis von 2/s Hauteinheitsdosis entsprechen dürfte.
(Sensibilisierung der Drüsen durch Jodpräparate, wie sie von diesem
I- empfohlen wurde, haben wir nicht angewandt und halten sie auch
für nötig.
)ie Hilus'drüsen tuberkulöse bestrahlen wij- mit je einem
von Brust und Rücken, von einer Feldgrösse 10 X 15 cm, 30 cm
ihau tabstand und 0,5 mm Zinkfilter und verabreichten % HED.
wirksame Dosis dürfte auf den Hilus ungefähr 40 Proz. der HED.
ni Die Erfolge sind durchweg gut. Diese Art der Bestrahlung
doch nur zu empfehlen, wenn kein stärkerer und kein fortschrei-
r Lungenprozess vorliegt. Kleine Herde in der Nähe des Hilus
enbronchitische Stränge bilden keine Kontraindikation,
leb er die Behandlung der Knochentuberkulose möchte ich
hier nicht verbreiten, da dies ausschliesslich chirurgisches Ge¬
st.
ur die Behandlung der Bauchfelltuberkulose werden
^alls von den verschiedenen Autoren verschiedene Methoden und
j hiedene Dosen angegeben. Seitz-Wintz geben als wirksame
I ^ Proz. ihrer HED. auf das Bauchfell verabreicht gedacht
tuchen dies_ dadurch zu erreichen, dass sie unter 0,5 mm Zinkfilter
< orne und hinten je ein Fernfeld geben, um so eine möglichst homo-
Durchstrahlung des ganzen Abdomens zu erreichen. Schlecht
e 4 Felder von vorne und hinten 10 X 10 cm zu 2/3 HED. oder
r eld 10 X 15 cm von vorne und hinten unter 4 mm Aluminium-
Die Fernfeldbestrahlung hält er für unzweckmässig, ohne sein
; zu begründen.
Mewitz gibt 16 — 20 kleine Felder — täglich ein Feld, gleich
(HED. — unter 3 mm Aluminiumfilter. Böge empfiehlt 4 Felder
HO cm in zwei Sitzungen, auf das Feld Vs— 'A HED. unter 3 mm
jniumfilter und wiederholt diese Dosis alle 3 Wochen,
he Bestrahlungstechnik, die wir seit 2 Jahren durchführen, ist
h der von W i n t z angegebenen. Wir verabreichen bei der Bauch-
lerkulose je ein Feld von vorne und hinten, von ungefähr
20 cm Grosse und einem Fokushautabstand von 45—50 cm und
reichen unter 0,5 mm Zinkfilter 2/3 HED. auf die Haut. Damit
hen wir bei unserem Apparate als wirksame Dosis auf das Bauch-
1—50 Proz. der HED. Diese Methode verwenden wir sowohl bei
brösknotigen Form, als auch bei der exsudativen Form, freilich
em wir vorher den Aszites durch Punktion entleert haben. Er-
it bei der fibrösknotigen Form der Prozess auf ein bestimmtes
! t des Abdomens beschränkt, so, verwenden wir für diese Form
! tinzelfelder mit Konzentration auf den Erkrankungsherd und vei-
Hien dort 40—50 Proz. der HED. Die Bestrahlung wird gewöhnlich
0C^en wiederholt. Nach weiteren 8 Wochen wird eine dritte
chlossen. Eine vierte Bestrahlung ist nur selten notwendig ge-
\ Natürlich ist diese Behandlung mit allgemeinen Massnahmen
utt-, Sonnen-, Ernährungsbehandlung) zu vereinen. Aus wirtschaft-
Gründen ist es nur selten möglich, die Patienten während der
n. Behandlung in der Klinik zu behalten. Unter 12 Kranken hatten
e> 7 sehr gute Erfolge, doch sind 5 Patienten ad exitum gekommen.
Ueber diese muss ich besonders berichten. Bei 2 Fällen handelte es
sich um Polyserositis tuberculosa. Nach der ersten Bestrahlung (vorher
Bauchpunktion) füllte sich der Aszites sehr rasch wieder, der Allgemein¬
zustand besserte sich nicht und wir sahen deshalb von einer zweiten
Bestrahlung ab. Wir glauben nicht, dass bei der Polyserositis tubercu¬
losa, wenn es sich um ausgesprochene Fälle handelt, durch die Röntgen¬
bestrahlung des Abdomens ein Erfolg zu erzielen ist. 2 Fälle, die auf
die Bestrahlung während des Klinikaufenthaltes günstig reagierten,
gingen später ausserhalb der Klinik an Darmtuberkulose zugrunde.
Das Vorhandensein von tuberkulösen Darmgeschwüren scheint uns eine
Gegenindikation für die Bestrahlung zu bieten. Auf jeden Fall muss
beim Vorhandensein von tuberkulösen Darmgeschwüren eine sehr vor¬
sichtige Dosierung angewandt werden, damit nicht die tuberkulösen
Infiltrate, die vorwiegend an den Lymphfollikeln des Darmes sitzen, zur
raschen Einschmelzung kommen. Dadurch könnten rasch breite Darm¬
geschwüre entstehen, die eine wesentliche Verschlimmerung des
ganzen Zustandes bewirken würden. Ein 5. Fall, der monatelang in
der Klinik lag und nebenbei einen fortschreitenden Lungenprozess
hatte,^ wurde während des Klinikaufenthaltes durch die Bestrahlung sehr
günstig beeinflusst. Der vorher bestehende Aszites - war vollständig
verschwunden,' frühere Drüsentumoren, im Abdomen waren nach den
Bestrahlungen nicht mehr nachweisbar, der Allgemeinzustand hat sich
wesentlich gebessert. Jedoch ein halbes Jahr nach der Entlassung ist
der Kranke zu Hause gestorben1. Was die Todesursache war, liess sich
nicht genau feststellen, jedoch ist anzunehmen, dass eine unzweck¬
mässige Lebensführung em Wiederaufflackern des Lungenprozesses her¬
vorgerufen und so den ungünstigen Ausgang bewirkte. Der Erfolg
während des Klinikaufenthaltes zeigt in diesem Fall, dass eine gleich¬
zeitig bestehende fortschreitende Lungentuberkulose an und für sich
keine Gegenindikation gegen die Bestrahlung bildet, wenn damit eine
entsprechende Allgemeinbehandlung durchgeführt werden kann.
Was die klinisch geheilten und günstig beeinflussten Fälle betrifft,
so sahen wir bei den exsudativen Formen, dass ein beträchtlicher
Aszites dann, wenn sich die Kranken zur zweiten Bestrahlung ein-
steilten, häufig schon verschwunden oder dass nur ein ganz geringer
Rest noch vorhanden war. Das Allgemeinbefinden hob sich, was aus
einer Gewichtszunahme zu entnehmen war. Die fibrösen Formen
reagierten mit Zurückgehen und vollständigem .Verschwinden der früher
fühlbaren Knoten und mit wesentlicher Besserung des Allgemein¬
befindens. Bei der Bestrahlung von fieberhaften Fällen der Bauchfell¬
tuberkulose konnten wir wiederholt eine günstige Beinflussung der
Körpertemperatur feststeilen. Es zeigte sich, dass am Tag der Be¬
strahlung oder am nächsten ein Temperaturabfall eintritt, dem in
manchen Fällen dauernd normale Temperaturen folgen; in anderen
Fällen folgt nach einigen Tagen ein nochmaliger Anstieg und erst danach
ein Abfall. Bei einer dritten Gruppe freilich kam es nach kollaps-
ai tigern remperaturabfall wieder zum Anstieg mit dauernd hoher Tem¬
peratur. Auf Grund der Kurven ist es in den meisten Fällen möglich
ein prognostisches Urteil abzugeben.
Eine genaue Erklärung der Ursachen, die die Temperatureinwir¬
kungen bedingen, ist schwer zu geben. Das Fieber selbst wird erzeugt
durch die Zerfalls- und Sekretionsprodukte der Tuberkelbazillen und
durch den Zerfall der körpereigenen Zellen in den tuberkulösen Herden
Durch beide gelangen toxische Produkte in den Kreislauf, die die Wärme-
i egulationszenti en im Zwischenhirn erregen. Durch die Bestrahlung
selbst wird wohl der Tuberkelbazillus in seiner Vitalität nicht verändert,
doch dürfte die Vitalität der Zellen der tuberkulösen Herde gestärkt
werden. Sind nun in der auf die Bestrahlung folgenden Zeit die Zellen
der tuberkulösen Herde durch den Strahlenreiz in ihrer Leistungsfähig¬
keit gefördert, so wird der Infektionsprozess in mehr oder weniger
kuizer Zeit eingedämmt und dementsprechend kehrt die Temperatur
sofort nach kürzeren subfebrilen Schwankungen zur Norm zurück. Ist
die Infektion aber so schwer, dass die Körperzellen trotz des ausgeübten
Strahlenreizes nicht mit ihr fertig werden, so gehen die Temperaturen
nach dem kollapsartigen Abfall wieder in dauernd hohen Stand hinauf,
was ein Fortschreiten der tuberkulösen Erkrankung bedeutet.
■ Hauttuberkulose wurden von dermatologischer Seite
kleine Dosen unter 1 — 4 mm Aluminiumfilter empfohlen. Die Bestrah¬
lung muss in bestimmtem meist kurzen Intervallen wiederholt werden.
Da wir durch kleine Dosen bei starken tuberkulösen Infiltraten der Haut
keine Besserungen sahen, so sind wir zu grossen Dosen übergegangen
und bestrahlen heute die Hauttuberkulose mit einer HED. pro Feld unter
0-5 miTi Zinikfllte.r und wiederholen dieses Dosis 2 bis 3 mal nach je
6 Wochen. Es ist durch diese Methode vollständige Rückbildung der
tuberkulösen Infiltrate zu erzielen. Bei Lupus sind wir auch allmählich
z}} grösseren Dosen übergegangen. Vor der Bestrahlung werden
die Fälle in der Hautklinik so lange mit 20 proz. Pyrogallussalbe vor¬
behandelt, bis die obere Schicht der Epidermis sich losgelöst hat. Ist der
Lupus nur ganz oberflächlich, so bestrahlen wir aus ökonomischen
Gründen die erkrankte Stelle mit einer HED. nicht unter Zink, sondern
unter 3 mm Aluminium filter. Bei allen tiefergreifenden Fällen
verwenden wir das 0,5 mm Zinkfilter, verabreichen ebenfalls eine HED.
pro Feld. Die Bestrahlung wird nach 6 Wochen wiederholt und, falls
die Erkrankung nicht zur Abheilung gekommen ist, nach weiteren
6 Wochen noch ein drittes Mal durchgeführt. Die Erfolge der Röntgen¬
behandlung der Hauttuberkulose sind durchwegs sehr gute.
Zusammenfassung.
Die Frage, ob es eine allgemeine Tuberkulosedosis gibt, ist
zu verneinen. Die von Wintz angegebene Dosis von 50—60 Proz.
4*
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
350
der HED., die sich auf die Bestrahlung der Drüsen- und Bauchfelltuber-
kulose bezieht, erscheint uns für diese Erkrankungen ais etwas zu hoch.
Wir schätzen die hiefür nötige Dosis auf 40-50 Proz dei HEU.
Stephan hat als Tuberkulosedosis 10 Proz. d HED an¬
gegeben. Diese Dosis kann nach unserer Ansicht als Mittelwert für
die Behandlung der Lungentuberkulose gelten. Wir beginnen
bei dieser Erkrankung mit ungefähr 6 Proz der HED. ^ steigen im
Laufe der Behandlung allmählich auf 15—20 Proz. der HED. Hur die
Larynxtuberkulose dürfte die optimale Dosis bei ungefahi
25 Proz der HED. liegen. Weit grössere Dosen müssen zur erfolgi eichen
Bekämpfung des Lupus und der Hauttuberkulo ^eangewende
werden. Wir schätzen die bei diesen Erkrankungen E>osj auf
mindestens 80 Proz. der HED. Diese in Prozentzahlen
Dosen sind auf den Erkrankungsherd zu verabreichen Bei ober lachl ich
gelegenen Erkrankungen wird diese Dosis gewöhnlich durch e in Ein-
fallsfeld bei tiefer gelegenen durch zwei und mehr Emfallsfelder er¬
reicht. Unsere Erfahrungen mit der Strahlentherapie haben uns gezeig ,
dass die Röntgenstrahlen nicht nur im Kampf gegen Drusen- und Bauch¬
felltuberkulose, sondern auch gegen die Lungen-, Kehlkopf und Haut¬
tuberkulose ein wertvolles therapeutisches Hilfsmittel darstellen.
Literatur.
Seitz und Wintz: Unsere Methode der Röntgentiefentherapie.
Urban & Schwarzenberg. 1920. -Küpferie: Strahlenther Bd. 2 He t 2
- Ders.: Strahlenther. Bd. 5. Heft 2. - Bacmeister: Dun-W. 1916
Nr. 4. — Ders.: Zschr. f. Lungentub. Bd. 27. — ^ e„r. s;Q.S,tr®hrle "thü:
Bd 12 Heft 1. — Küpferie und De 1 a Camp. M.K1. 1913 Nr. 9.
De la' Camp Ther. d. Qegenw.. Mai 1921. — M. Fränkel: Fortschr.
a. d Geb d Romgenstr. 22 m 26. - Ders. Strahlenther B^ 9 Heft 1
und Bd. 12, Heft 2 u. 3. - S t e p ha n: Strahlenther. Bd 11. S‘ep^
Strahlenther. Bd. 10, Heft 1. - Schlecht: M.mW 1920 Nr. 28^
K 1 e w i t z: M.m.W. 1920 Nr. 10. — M 0 r y: M.m.W. 1921 Nr. 4 B ose.
M Kl 1921 Nr. 36. — Mühlmann: Ther. Halbmonatschr., Jg. 34, Nr. .
Sehr ötter: Strahlenther. Bd. 11. Heft 2. — Schröder: D.m.W. 19.1
Nr. 45. _
Blutung. Bei der Aufnahme bestand hochgradige Anämie. Digitale Löst
von Plazentarresten. Geringer Blutverlust. Nach 24 Stunden FaUus info
Anämie, trotz Kochsalz- und Bluttransfusion (500 ccm m die Kubituhei
Sektion ergab eine hochgradige Ausbildung aller Organe.
Ich erwähne diesen Fall nur deshalb, weil der Veiblutungs
bei den Abortfällen aus den ersten Monaten der Schwa ngersch
ausserordentlich selten ist. Hegar hat in 40 jähriger 1 atigkeit ub
haupt keine Abortverblutung erlebt , ... n
ln der folgenden Tabelle habe ich die afebrilen und febrilen Abc
fälle zusammengestellt, wie sie sich auf die einzelnen Jahre verteil
Die Zahlen der letzten Kolumne zeigen den prozentualen Antei,
septischen Aborte.
Tabelle 1.
Aus der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik.
(Direktor: Qeheimrat Menge.)
Zur Frage der Therapie des septischen Abortes.
Von Dr. Ludwig Handorn, Assistent der Klinik.
Seitdem Winter1) auf dem Kongress der deutschen Gesellschaft
für Gynäkologie in Strassburg 1909 für die konservative Behandlung
puerperaler Erkrankungen eintrat und 2 Jahre später, etwa zu gleiche!
Zeit wie Trau g ott2). auch für die Therapie des septischen Abortes
durchaus neue, konservative Richtlinien aufstellte ist der Kampf um
die beste Art der Behandlung des febrilen Abortes nicht zur Ruhe
gekommen. Immer noch stehen sich die Ansichten schroff gegenube
und fast unübersehbar sind die Veröffentlichungen, in denen die eu mei¬
nen Autoren sowohl für das aktive, wie auch für das konservative Ver¬
fahren beim septischen Abort eintreten. Die Abortfrage ist in den
letzten Jahren zu einem höchst aktuellen Thema geworden. Und dem
schweren Problem, wie die Fehlgeburt im einzelnen Fall zu behandeln
sei steht der praktische Arzt ratlos gegenüber, wenn er von beiten
namhafter Autoren das eine Mal hört, Heim fieberhaften Abort muss
sofort ausgeräumt werden, das andere Mal, der fieberhafte Abort iS
ein „noli me tangere“, weil mit der Ausräumung das grösste Unheil
angeriohtet werden kann.
Nur an der Hand von umfänglichen Statistiken kann man zur Klä¬
rung dieser Frage kommen. Aber die Statistiken müssen einheit¬
lich geführt sein, wenn sie als Vergleichsobjekte brauchbar sein
sollen. Die beste Aussicht versprechen ln dieser Beziehung solche
Zahlenzusammenstellungen, die nicht einzelne Fälle einander gegen¬
überstellen, sondern die eine aktive und konservative Behandlungsara
als Unterlage haben. .... , . ,
Nur L a t zk 0 3) und Z e 1 n i k - K e r m a u 11 e r 4) haben bisher ein
derartiges Material verwertet. ,
Um dieses auswertbare Material zu vergrossern. habe auch ich
die Abortfälle der Heidelberger Frauenklinik unter diesem Gesichts¬
punkte bearbeitet. . _ T,_ „„
Wir verfügen über 1323 Aborte aus einem Zeitraum von 13 Jahren
(1908—1920, klinische Leitung: Ge'heimrat M en ge). , ^°npdl®^nf S
Aborten verliefen 1139 (86,1 Proz.) afebnl und 184 (13,9 Proz.) febril.
Als fieberhafte Aborte habe ich nur solche bezeichnet, bei welchen
die Temperatur 38° und darüber betrug. Da über die Behandlung der
afebrilen Aborte volle Einmütigkeit herrscht, werden in folgendem nur
die „septischen“ Aborte zur Betrachtung kommen. Beim afebrilen
Abort räumen wir, wenn er nicht mehr aufzuhalten ist, grundsätzlich
möglichst bald aus. Bei diesem Vorgehen haben wir nur einen ein¬
zigen Todesfall erlebt, der aber nicht die Therapie belastet. Die Frau
starb an Verblutung.
Frau M. St.. 46 Jahre, 14,-Gebärende. Abortus incompletus mens. 4.
Aufgenommen 4. IX. 1918, gestorben 5. IX. 1918. V1. „ etnrkp
Vor 4 Wochen Abort. Seit dieser Zeit ausserhalb der Klinik starke
Jalir
Ge samt zahl
Atebrile
Febrile
Proz. der
der Aborte
Aborte
Aborte
febr.Aborto
1908
1909
69
71
61
52
8
19
11.6
26,8
1910
1911
61
80
52
65
9
15
14,8
18, x
1912
100
83
17
1913
112
96
16
14,3
1914
146
125
21
• ha
1916
128
112
16
12,5
1916
110
101
9
8,2
1917
1918
91
62
80
53
11
9
12,1
11,5
1919
141
124
17
32,1
1920
152
135
17
Gesamtzahl
| 1323
| 1139
| 181
13,9
Die Gesamtzahl der Aborte hat auch in der Heideibergei hai
klinik in den letzten Jahren stark zugenommen. Das Prozentverhal
der febrilen Aborte ist dagegen im allgemeinen gl®J|j2ebkeben, t
Erscheinung, die auch Latz ko an seinem grossen Material festste
konnte. Er kam zu folgenden Verhältniszahlen für die septisc
Aborte: 1911 33,75 Proz.
1913 28,0
1916 33,75 ,,
1917 33,0
1919 34,87 „
Wie sich die septischen Aborte auf die einzelnen Monate
Schwangerschaft verteilen, geht aus folgender Tabelle hervor:
Tabelle 2.
Verteilung der septischen Aborte auf die einzelnen Monate:
mens. I
— 4
—
2,2 Proz.
mens. II
— 62
—
33,7 „
nfiens. III
— 65
—
35,3 „
mens. IV
— 22
—
12,0 .,
mens. V
— 16
—
18,7 „
mens. VI
— 7
—
3,8 ,,
mens. ?
— 8
'
4,3 ,,
!) Winter: Verhdl. d. deutsch. Ges. f. Gyn. 1909, 13, Zbl. f. Gyn. 1911,
Nr. 15. Med. Kl. 1911. Nr. 16. . „
2) Traugott: Zschr. f. Geburtsh. 1911, 68, 1914, 75.
3) Latzko: Zbl. f. Gyn. 1921, Nr. 12.
4) Zelnik: W.kl.W. 1920, Nr. 27.
Ueber 2/s aller febrilen Abortfälle kommen demnach auf de
und 3. Monat der Schwangerschaft
Das durchschnittliche Verhältnis der gesamten Aborte zu den
bürten ausgetragener Kinder berechnet sich aus unserem Materia
1: 6 Hegar hat seinerzeit für das Grossherzogtum Baden die
hültniszahl 1 : 8 — 10 berechnet. Stellen wir bei unserem Materia
Jahre 1908 und 1920 einander gegenüber, so bekommen wir die
hültniszahl 1:7 für 1908 und 1 :4 für 1920. Auch bei dieser
rechnung ergibt sich also eine starke Zunahme der Abortziffer.
Bei der Behandlung der fieberhaften Aborte gingen wir bis
Jahre 1914 aktiv vor. Von 1915 an wurde konservativ
fahren, wobei in dem Uebergangsjahr 1915 der eine oder andere
tische Abort noch nach aktiven Prinzipien behandelt wurde Bis
Jahre 1914 wurde demnach bei jedem Abort, ob er fieberhatt v
oder nicht, sofort nach der Aufnahme ausgeräumt. Von 1915 ab g
wir folgendermassen vor: Bei jedem fieberhaften Abort enthielte
uns streng jeglichen uterinen Eingriffes. Die Kranken müssen
ruhe enthalten. Durch Darreichung von 2 mal 0,5 Chm in. sult. 1
halb einer' Stunde wird der Uterus zu stärkeren Kontraktione
geregt. Auf diese Weise gelingt es oft, die„ SPpatanentleerunp
Uterus zu erreichen. Bei dem im Gang befindlichen Abort is
Chinin in der Tat ein glänzendes, wehenanregendes Mittel Mi
Entleerung des Uterus kommt es meistens zum Abfall der fiebert
Temperatur zur Norm. Tritt bei der Chinmmedikation kein Mol
so verhalten wir uns weiterhin vollkommen abwartend. Bei
ster Bettruhe klingt dann das Fieber gewöhnlich in einigen läge
Die Anhänger der aktiven Therapie weisen immer wiede
die Gefahren retinierter. infizierter Plazentarteile hin. Sie behai
dass von diesen aus der Körper immer von neuem von Keimen
schwemmt werde (S c h 0 1 1 m ü 1 1 e r, v. F r a n q u e). Nach un
Dafürhalten liegt gerade diese Gefahr bei der Ausräumung des irr
ten Uterus viel näher als bei der abwartenden Behandlung. JA
stens sehen wir immer von neuem, dass die in Ruhe gelassenen
tierenden, septisch infizierten Frauen in der Regel nach einige,
ganz von selbst entfiebern. Theoretisch kann man die gute we
im Befinden sich so vorstellen, dass sich ein Leukozyten vall
den abgestorbenen und in Zersetzung begriffenen Eiteilen bildet.
Cher eine weitere Keiminvasion in die Gewebe verhindert.
lebendes Gewebe sind durch ihn gewissermassen vonelnanac
Aärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
351
;;den. Mit der Zeit kann auch eine Autoimmunisierung zustande
itnen, sodass der Organismus Herr wird über die eingeschwemmten
: erien, zumal deren Menge durch die sich hinter dem Infektions-
: bildende Reaktionszone allmählich abnehmen muss.
Greift man bei solchen Verhältnissen digital oder instrumenteil
! so durchbricht man den DemarkationswalL
Der Vergleich mit der Entleerung eines Abszesses, wie ihn manche
ren für die Ausräumung des infizierten Uterusinhalts gebraucht
n, ist meines Erachtens nicht richtig. Bei der Eröffnung eines
:esses verschaffen wir nur dem Eiter Abfluss, durchlöchern aber
i die pyogene Membran, deren Schutz für den Körper uns bekannt
Bei der Ausräumung des infizierten Uterus wird dagegen der aus
ulationszellen bestehende Schutzwall ausgedehnt durchbrochen
damit der Allgemeininfektion *Tür und Tor geöffnet. Derselbe Ein¬
ist späte r, wenn die Bakterien durch die Leukozyten und die
en Abwehrkräfte des Körpers abgetötet oder in ihrer Virulenz
liwächt sind, ungefährlich.
Die Ausräumung des Uterus wird bei dem Abortus febrilis in der
elberger Frauenklinik gewöhnlich erst vorgenommen, nachdem die
peratur mindestens 8 Tage lang völlig normal gewesen ist. In
;m Stadium stellt sie, wie oben gesagt ist, einen gefahrlosen Ein-
dar.
Jnsere Technik der Ausräumung ist folgende: Nach voraus-
lickter Uterusspülung mit Jodalkohol vermittelst eines dünnkalib-
i, doppelläufigen Uteruskatheters wird, falls es nötig ist, der Zer-
kanal gut erweitert. Wir benützen hierzu längsperforierte H e -
sehe Dilatatorien. welche Menge für die Aufschliessung des
haltigen Uterus bei febrilen Aborten und für die Dilatation des
ikalkanals bei jauchenden Karzinomen speziell zur Durchführung
eventuell notwendigen Intrauterintherapie hat anfertigen lassen5),
i Gebrauch dieser längsperforierten Erweiterungssonden wird jede
ipelwirkung vermieden. Solide Dilatatorien drängen das infektiöse
■rial nach der Stelle des geringsten Druckes. So kann bei dem
auch solider Instrumente eine weitere Ausbreitung der Infektion
i die Tuben, auf das Bauchfell vermittelt werden. Dann wird
Ei oder sein Rest digital oder instrumentell von der Uteruswand
löst und mit der Abortzange entfernt. Wenn man digital Vorgehen
so darf man dies nur bei genügend erweitertem Zervikalkanal
Menge legt grossen Wert darauf, den Finger bei der Ausräu-
; septischer Aborte nur dann in die Uterushöhle einzuführen, wenn
Zervikalkanal ihn sehr leicht passieren lässt. Auch der Finger
Itet bei ungenügender Erweiterung der Zervix eine Stempelwir-
Menge hält es, wie Opitz und S t o e c k e 1, im allgemeinen
weckmässiger, die Ausräumung der infizierten Uterushöhle über-
t nicht digital vorzunehmen, weil bei diesem Verfahren der Uterus
ier äusseren Hand dem .einzuführenden Finger entgegengedrückt
en muss. Eine stärkere Quetschung der infizierten Uteruswand
sich dabei gewöhnlich nicht vermeiden. Durch diese Manipu-
t können nicht nur Keime in das Wandgewebe direkt eingetrie-
sondern solche, die schon tiefer in der Wand sitzen, auch weiter
istreut werden. Besonders in den Fällen, bei welchen eine be¬
ende parauterine Infektion infolge diagnostischer Schwierigkeiten
erkannt wird, muss dieses Vorgehen schwerwiegende Folgen
sich ziehen. Schonender wirkt hier die grosse stumpfe Kürette,
nan in all den Fällen anwenden soll, bei welchen die zervikale
ige für den Finger nicht ausreicht. Sie wird auch zum vorsich-
Nachkiirettieren gebraucht, wenn vorher der Finger nicht alles
rnen konnte. Wir haben bei unseren, mit der Kürette behandel-
'ällen nie eine Perforation erlebt und glauben, dass bei zartem'
auch des grossen, stumpfen Instrumentes Uterusverletzungen sich
rlich vermeiden lassen.
)ie Resultate unserer aktiven und konservativen Behandlungsära
in den folgenden statistischen Zahlen einander gegenübergestellt.
Latz ko glauben wir, dass es wenig Sinn hat, Einzelfälle mit-
der zu vergleichen. Nur die Gegenüberstellung grösserer Reihen
nach aktiven und konservativen Prinzipien behandelten Fällen,
sie bis jetzt nur von Z e 1 n i k aus der Kermauner sehen
: und von La tzko selbst gegeben wurde, kann Aufschluss da¬
bringen, welches therapeutische Verfahren vorzuziehen ist.
:r Aktivist wird eine Reihe von Fällen nicht operieren — wegen
hender Komplikationen, wegen Spontanabgang des Uterusinhaltes
der Nonaktivist wird sich genötigt sehen, trotz seiner Prinzipien
allzu selten einzugreifen und zwar gewöhnlich wegen Blutun-
(Latzko). Wird man als Anhänger der konservativen Thera-
wegen Blutung zum Eingreifen gezwungen, so wird der Fall
t vorher schon einige Tage konservativ behandelt worden sein,
iss er in Wirklichkeit doch nicht zu den rein aktiv behandelten
i zu rechnen ist. Der „Aktivist“ hätte einen solchen Fall sofort
träumt. Und umgekehrt werden bei den konservativ behandelten
i aus der aktiven Aera häufig die komplizierten Fälle, also solche
’on vornherein viel schlechterer Prognose, an Zahl überwiegen,
ss eine Statistik, welche diese Besonderheiten nicht berücksich-
ein falsches Bild geben muss, da prognostisch ungünstige Fälle
ünstigeren verglichen werden. Unter komplizierten Fällen
ehen wir solche, bei denen die Infektion den Uterus bereits iiber-
ten, also auf die Rarametrien, die Adnexe und das Beckenbauch¬
bergegriffen hat. Diese komplizierten Fälle ganz auszuschalten,
E y m e r hat diese hohlen Erweiterungssonden in der Zschr. f.
enther. 10, S. 900 beschrieben.
wie manche Autoren, vor allem Halban, fordern, ist m. E. nicht
zulässig. Es wird viele Fälle geben, bei denen die Entscheidung, ob
die Infektion noch rein uterin oder schon parauterin sitzt, sehr schwer
ist. Der Tastbefund kann hier völlig im Stich lassen. Es ist deshalb
nötig, zur Erkennung der besten Behandlungsmethode alle Fälle heran¬
zuziehen. „Sowie wir einem auf subjektivem Urteil beruhenden
Moment, wie der Anwesenheit von Komplikationen zur Zeit der Ein¬
lieferung einen entscheidenden Einfluss auf die Statistik einräumen,
öffnen wir der Willkür Tür und Tor“ (La tzko).
Ich lasse nun unter Zugrundelegung dieser Art von Vergleichs¬
methode unser Material folgen.
Tabelle 3.
Aktiv beh. Aborte . . .
Kons. „ „ ...
1908—14
1915—20
105 sept Aborte
79 „
5 Todesfälle
7
4,8%
8,9%
Mort.
n
Gesamtsumme .
184 sept. Aborte
12 Todesfälle
6,5%
Mort.
Nach dieser rein zahlenmässigen Zusammenstellung hat die kon¬
servative Aera eine fast zweimal so grosse Mortalität aufzuweisen wie
die aktive Aera. Sie liefert also als ersten Eindruck den, dass die
aktive Methode der konservativen weit überlegen ist. Bei näherer
Betrachtung der einzelnen, letal ausgegangenen Fälle ergibt sich jedoch
ein ganz anderes Resultat. Betrachten wir kurz die 12 Todesfälle.
1. Frau S. B., 40 Jahre, X.-para. Abortus incompletus mens. 5. Auf¬
genommen 24. X. 1909, gestorben 2. XI. 1909.
Zuhause einmal Schüttelfrost bis 40,9 °. In der Klinik Metreuryse, Frucht
spontan geboren. Digitale Plazentarlösung und Kürettage bei 39,0° Tem¬
peratur. Hierauf 2 Schüttelfröste und intermittierendes Fieber um 39 — 40"
bis zu dem nach 9 Tagen erfolgenden Exitus.
Sektionsprotokoll: Bild der Bakteriämie mit multiplen Abszessen in
Nieren und Lunger.
2. Frau A. G., 35 Jahre, VIII. -para. Abortus incompletus mens. 3. Auf¬
genommen 11. VIII. 1912, gestorben 13. VIII. 1912.
Perforation der Zervix nach kriminellem Abort (Einspritzung von
Seifenwasser). Mehrere Schüttelfröste. Erbrechen.
Operation: Totalexstirpation des Uterus unter' Mitnahme beider Adnexe
bei allgemeiner Peritonitis. 2 Stunden nach der Operation Exitus.
3. Frau F. N., 39 Jahre, XI. -para. Abortus incompl. mens. 3. Auf¬
genommen 3. IX. 1912, gestorben 18. IX. 1912.
5 Tage vor der Aufnahme Schüttelfrost. Bei 40,3° Fieber Ausräumung
und Kürettage. Abends Anstieg der Temperatur auf 41,3°, dann steiler
Temperaturabfall. In den nächsten Tagen langsamer Anstieg des Fiebers.
Vom 11. Tage ab 5 Schüttelfröste mit tiefen Remissionen. Daher Unter¬
bindung der beiden Venae spermaticae und der Vena iliaca interna dextra.
Am nächsten Tage Exitus.
Sektionsprotokoll: Puerperaler Uterus, Status nach Unterbindung beider
Venae ovaricae, der rechten Vena iliaca und zweier Zweige des Plexus
lumbosacralis, der linken Arteria iliaca. Thrombophlebitis der Vena cava
inferior und der Venae femorales.
4. Frau M. St., 34 Jahre, II. -para. Abortus incompl. mens. ?. Aufge¬
nommen 19. XI. 1913, gestorben 23, XI. 1913.
Am 4. XI. vom behandelnden Arzt wegen Fieber und putrider Eihaut¬
reste Ausräumung vorgenommen. In septischem Allgemeinzustand einge¬
liefert. Im Blut fanden sich Staphylokokken. Therapie: Kollargol, Kochsalz
intravenös, Digalen. — In der Klinik Schüttelfrost und zunehmende Ver¬
schlimmerung. Nach 4 Tagen Exitus.
Sektionsprotokoll: Eitrige Endometritis. Abszess im rechten Para-
metrium, jauchige Thrombophlebitis in der rechten Hypogastrika mit throm¬
botischem Abschluss gegen die Iliaka. Frischer Thrombus in der rechten
Spermatika. Metastatischer, eitriger Milzinfarkt mit Durchbruch ins Peri¬
toneum und abgekapseltem subphrenischem Abszess links. Multiple eitrige
Lungeninfarkte.
5. Frl. A. R., 27 Jahre, II. -para. Abortus incompl. mens. 3. Aufge¬
nommen 30. VII. 1914, gestorben 28. VIII. 1914. Ausserhalb der Klinik
schon 4 Tage Schüttelfröste. Nach Spontanabgang der Frucht in der Klinik
bei 39 5 Fieber digitale Plazentarlösung, dann dauernd remittierendes Fieber.
37,5 — 41,5° mit 14 Schüttelfrösten. Therapie: Pantopon und Morphium.
Sektionsprotokoll: Puerperale Septikopyämie, putride Endometritis mit
lymphangitischer Parametritis abscedens, septisch erweichter Infarkt in der
Milz und rechter Niere, metastatischer Abszess in beiden Lungen und im
Myokard. Frische verruköse Endocarditis mitralis.
6. Frau E. S., 40 Jahre, VIII. -para. Abortus incompl. mens. 2. Auf¬
genommen 28. VII. 1915, gestorben 29. VII. 1915.
Ausserhalb der Klinik vom Arzt trotz Fieber 4 mal abradiert. In ausge¬
sprochenem septischem Allgemeinzustand eingeliefert. Am nächsten Tage
Exitus.
Sektionsprotokoll: Jauchige Endometritis, eitrige Salpingitis, diffuse,
eitrige Peritonitis.
7. Frl. A. R., 23 Jahre. I.-para. Abortus spontanea mens. 4. Aufge¬
nommen 22. XII. 1916, gestorben 29. XII. 1916.
Bei der Aufnahme 40,5 0 Fieber. Am 2. Tag Spontanausstossung vo i
Frucht und Plazenta. Temperatur 40,0°. Dann 4 Tage lang Febris continua
um 40°. Gestorben an Sepsis. Therapie: Herzmittel.
Sektionsprotokoll: Endometritis puerperalis, Sepsis, septischer Milztumor,
Infarkt in Milz und Nieren.
8. Frau S. K., 42 Jahre, XIII. -para. Abortus incompl. mens. 2. Aufge¬
nommen 14. X. 1918, gestorben 26. X. 1918.
Vor der Ausräumung 6 Tage Temperatur um 37,0°. Am 7. Tag wurde
wegen starker Blutung die Ausräumung vorgenommen. Am 7., 8. und
9. Tag fieberfrei. Am 10. Tag 38,2°. In den nächsten Tagen Anstieg bis 40,0°
Temperatur. Am 13. Tag Exitus infolge Grippe.
Sektion verweigert.
9. Frau E. K., 35 Jahre, V.-para. Abortus incompl. mens. ?. Aufge¬
nommen 20. IX. 1919, gestorben 22. IX. 1919.
Ausserhalb der Klinik wegen Abortus incompl. trotz Fieber ausgeräumt.
5 Tage später Fieber bis 40° mit Schüttelfrost. Temperatur bei der Auf¬
nahme 38,8°. 2 Tage später an Sepsis gestorben. Therapie: Kollargol.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
352
Sektionsprotokoll: Putride Endometritis, multiple Abszesse in Lunge,
Leber. Milz, Herzmuskel. Frische, verruköse Endokarditis, Penkarditis.
10. Frau V. H.. 37 Jahre, Xl.-para. Abortus incompl. mens. 2. Aut-
genominen 23. XII. 1919, gestorben 3. I. 1920.
Von dem behandelnden Arzt trotz Schüttelfrost Abrasio vorgenommen.
Bei der Aufnahme 39,8" Temperatur. Dann 12 Tage lang bis zum Exitus
Febris continua um 40° herum. Therapie: Kampfer, Digitalis.
Sektionsprotokoll: Eitrige Endometritis, eitrige Lymphangitis m beiden
Parametrien, Salpingitis und Oophoritis sinistra. Douglasabszesse, phleg¬
monös eitrige Entzündung im retroperitonealen Zellgewebe entlang der Vena
spermatica sinistra bis zum unteren Nierenpol. .
11. Frau K. E„ 31 Jahre,. Vl.-para. Abortus incompl. mens. 2. Aut-
genommen 18. VI. 1920, gestorben 2. VII. 1920. u
Vom behandelnden Arzt ausserhalb der Klinik wurde trotz Schüttelfrost
Abrasio vorgenommen. Bei der Aufnahme Temperatur von 40,0 . 15 Tage
lang Febris continua um 40". Septischer Allgemeinzustand. Therapie:
Kollargol, 5 ccm intravenös, 4 mal. Im Blut fanden sich hämolytische
Streptokokken.
Sektionsprotokoll: Thromboendokarditis, septischer Milztumor mit sep¬
tischem Infarkt, septischer Infarkt der linken Niere, allgemeine Sepsis.
12. Frau L. S.. 38 Jahre, IV.-para. Abortus incompl. mens. 2. Auf¬
genommen 10. XII. 1920, gestorben 22. II. 1921.
Ausserhalb der Klinik wurde trotz Fieber die Ausräumung vorgenommen.
Dann Temperaturanstieg bis 40°. Bei der Aufnahme 39,8" Fieber. Sep¬
tischer Allgemeinzustand. Im Blut fanden sich hämolytische Streptokokken
bis zum Tode. Die Temperatur war intermittierend von 38,5 — 40,0 .
Sektionsprotokoll: Endometritis, Endokarditis mitralis ulcerosa, septi¬
scher Milztumor mit teilweise septischer Infarzierung, septischer Nieren¬
infarkt. , „ . , ...
Von den 5 Todesfällen der aktiven Aera darf ein Fall (Nr. 2) nicht
der Ausräumung zur Last gelegt werden, denn er ist an einer durch
einen der- Operation vorausgegangenen kriminellen Eingriff entstan¬
denen Peritonitis gestorben. Fall Nr. 4, der ausserhalb der Klinik vom
Arzte trotz Fieber ausgeräumt wurde, wäre bei uns in der Klinik
in der damaligen Zeit ebenso behandelt worden.
In der Zeit 1914—1920 (konservative Aera) wurden von den 7
ad exitum gekommenen Fällen 5 (Nr. 6, 9, 10, 11 und 12) von den
behandelnden Aerzten ausserhalb der Klinik trotz bestehenden Fiebers
ausgeräumt und in septischem Allgemeinzustand in die Klinik ein¬
geliefert. Sie können demnach nicht als konservativ behandelte Fälle
gelten. Fall Nr. 8 ist an Grippe gestorben. Er darf also nicht mit¬
gezählt werden. Von Todesfällen, die dem konservativen Verfahren
zur Last gelegt werden können, bleibt demnach nur einer (Nr. 7).
Unter Berücksichtigung dieser Sachlage muss also Tabelle 3
folgendermassen
lauten :
Tabelle 3.
Aktiv bell. Aborte .
Kons. „ „
. . 1908—14 105 sept. Aborte
. . | 1915-20 1 79 „ „
4 Todesfälle
l Todesfall
3,8% Mort.
1,3% „
Aus der berichtigten Tabelle geht demnach hervor, dass die Mor¬
talität bei aktivem Vorgehen bedeutend höher ist als bei konserva¬
tiver Behandlung. Latzko berechnete für sein Material (Aborte über
38") bei aktivem Vorgehen 11 Proz.. bei exspektativem Verhalten
7,8 Proz. Mortalität. H a 1 b a n “) kommt bei durchweg aktivem Vor¬
gehen auf eine Mortalität von 3,13 Proz.. wobei aber zu berück¬
sichtigen ist, dass H a 1 b a n komplizierte Fälle ausschaltet, während
Latzko dies bei seiner Statistik nicht tut.
Zwei Momente werden gegen das abwartende Verfahren immer
wieder ins Feld geführt: Der lange Krankenhausaufenthalt und die
Blutungsgefahr. Ich habe die durchschnittliche Dauer des Kranken¬
hausaufenthaltes aus unserem Material berechnet und bin dabei zu
folgenden Zeiten gekommen: Bei aktivem Vorgehen 12 Tage, bei kon¬
servativem 15 Tage Krankenhausaufenthalt. Traugott erhält bei
exspektativem Vorgehen einen durchschnittlichen Krankenhausaufenthalt
von 17,5 Tagen. Die bei unserem Material zum Vorschein kommende
geringe Differenz von durchschnittlich 3 Tagen im Krankenhausaufent¬
halt bei konservativer Behandlung einerseits und aktivem Vorgehen
andererseits kann auf keinen Fall ausschlaggebend sein für die Bevor¬
zugung eines therapeutischen Verfahrens, das für den Kranken weniger
Lebenssicherheit bietet.
In der allgemeinen Praxis wird der Arzt bei konservativem Vor¬
gehen manchmal auf Schwierigkeiten stossen; die Kranken werden
ungeduldig, da sie unter dem Eindruck stehen, dass „nichts an ihnen
gemacht werde“. Ein zielsicherer und sich der Verantwortung be¬
wusster Arzt wird trotzdem den von ihm für richtig erkannten Weg
weitergehen.
Die Verblutungsgefahr ist, wie ich schon oben erwähnte, bei den
Aborten in den ersten Monaten sehr gering. Trotzdem wird sie der
Praktiker aus naheliegenden Gründen mehr fürchten als die Klinik,
in der irnmei ein Arzt zur Stelle ist. der nötigenfalls sofort eingreifen
kann. In der Praxis wird daher die Indikationsstellung nicht immer so
streng gehandhabt werden wie in der Klinik. Mancher Arzt wird bei
einem septischen Abort eingreifen, bei dem der Kliniker noch abge¬
wartet hätte. Doch bedeutet es, wie Latzko sagt, schon sehr viel,
wenn das Fieber an sich als Anzeige zur Ausräumung aus dem Ge¬
dankengang des Arztes verschwindet.
Auf Grund unserer therapeutischen Ergebnisse werden wir dem
konservativen als dem schonenderen und überlegenen Verfahren auch
in der Folgezeit treu bleiben.
Zum Schluss noch ein Wort zur bakteriologischen Indikationsstel¬
lung. Wir entnehmen bei allen septischen Aborten Blut aus der Kubital-
vene und säen die entnommene Probe sofort am Krankenbett auf Näh
böden aus. Der Blutbefund . soll uns aber nur einen diagnostisch!
und prognostischen Anhalt geben. Bei positivem Streptokokkemiac!
weis ist die Prognose fast immer ungünstig. Die beste Zeit zur Blu
entnähme ist auf der Höhe des Schüttelfrostes odei kurz danach.
Auch der bakteriologische Befund des Scheiden- und Uterusexsi
dates ist für uns von diagnostischem und prognostischem Wert. I
bestimmt aber in keiner Weise unser therapeutisches Handeln.
nehmen also in dieser Frage einen ähnlichen Standpunkt ein w
Veit7), Bumm, Bondy8), Mansfeld") u. a. Abgesehen davo
dass eine exakte Identifizierung der einzelnen Keimarten sowohl ba
terioskopisch als auch durch das Nährbodenverfahren ausserordentHi
schwierig sein kann, schwankt die Pathogenität desselben Bakteriur
oft so stark hin und her. dass beim Nachweis des hämol\ tischt
Streptokokkus im Uterusinhalt ein Fall ganz gutartig verläuft, währo
ein anderer einer höchst foudroyanten Sepsis erliegt. Auch kann i d
Uteruskavum schon wieder keimfrei geworden sein, wenn in der Tie
des Gewebes die Infektion fortschreitet. Im Gegensatz zu Pa n k o
sind wir der Anschauung, dass sich die bakteriologische Indikation
Stellung für die Praxis noch weniger eignet als für die Klinik.
Meine Erfahrungen mit Neösilbersalvarsannatrium
Von Prof. Dr. E. Qalewskv, Dresden.
Der Wunsch, verschiedene kleine Unannehmlichkeiten, die dt
Silbersalvarsan anhaften, zu beseitigen und die therapeutische Braue
barkeit des Präparates noch zu erhöhen, auf der anderen Seite t
Lösungen des Silbersalvarsans noch mehr zu stabilisieren und dal
zu entgiften, hatte Geheimrat Kolle veranlasst, auf diesem Gehn
weiterzuarbeiten. Es ist ihm m'it seinen Mitarbeitern gelungen, c
Ziel zu erreichen und ein neues Präparat, das Neosilbersalvarsa
natrium, zu finden. Ich habe das Silbersalvarsannatrium seit dem J\
1920 angewendet und möchte heute über die Resultate, die ich r
demselben erzielt habe, berichten. * „ , ..
Ich habe mit dem neuen Präparat bisher an 290 Kranken ut
2800 Injektinen gemacht, glaube also, dass ich nach einem Zeitrai
von fast 2 Jahren bereits in der Lage bin, ein Urteil über cas Mit
zu fällen. , , . .• ,
Das NeoSiSaNa. ist ebenso wie das alte Silbersalvarsan ein dun]
schokoladebraunes Pulver, welches in Ampullen von 0,2 bis 0,5 ccm ;
liefert wird. Wenn es sich zersetzt, wird es grauschwarz, die Losu
nimmt eine schwarz schmutziggraue Farbe an, im Gegensatz zur n
malen ichthyolbraunen Lösung. Das in der Ampulle zersetzte Pul
darf selbstverständlich auch hier nicht angewendet werden.
Der Vorzug des Neösilbersalvarsannatrium vor dem alten bilb
salvarsan besteht schon bei der Lösung darin, dass es sich se
leicht und vollkommen löst und dass die Lösungen, verglüh
mit denen des Neosalvarsan (aber auch des alten Silbersalvarsan) s
stabilisiert sind. Das Präparat hält sich 24 Stunden an der Luft ol
wesentliche Zunahme der Giftigkeit, in 2 — 4 Stunden erfo.gt ub
haupt keine Zunahme der Giftigkeit, während Neosalvarsanpraparate
3__4 Stunden das Zwei- bis Dreifache der Giftigkeit, in 24 btum
das Sechs- bis Siebenfache erreichen können.
Was die Schnelligkeit und Vollkommenheit der Lösung anbelai
so sind die Lösungen von Neösilbersalvarsannatrium völlig gleich
des Neosalvarsans. Als weiteren Vorteil hat das NeoSiSaNa, dass
in einer Dosis, die halb so gross ist, als die des Neosalvarsans. her'
heilend im Tierversuch wirkt. Dies ist deshalb wichtig, weil
NeoSiSaNa. auch aufzufassen1 ist als ein chemisch st
b i 1 i s i e r t e s, biochemisch verstärktes N e o s a 1 Iv ä r s
Ms weiterer Vorzug des NeoSiSaNa. spielt das Moment eine Ro.le, fl
sich das Präparat leicht mit Hg mischen lässt und sich infolgedes
besser zur Kombinationskur mit Hg — wegen der Methylen-Sulfoxy
KomDonente, die es enthält — als Mischspritze verwenden lasst.
Ich habe das Präparat stets in Dosen von 0,2, 0,3. 0,35,
0 45 und 0,5 angewendet. Die Dosis 0,2 habe ich nur als taste
Dosis verwendet. Als normale Dosis zur Behandlung hat sich am bei
0,3 — 0,45 bewährt (alle 4 — 5 Tage).
Was die Wirkung des Präparates auf die Spirochäten und die
scheinungen selbst anbelangt, so ist sie eine ausserordentlich g
Die Spirochäten im Primäraffekt verschwinden im allgemeinen her
nach der ersten Injektion. Die Wirkung auf den Primäraffekt seihst
ebenfalls sofort zu erkennen. Derselbe heilt schnell ab, die Dm
bilden sich ebenfalls rasch zurück, wenn man ohne Hg behandelt,
allgemeinen ist das NeoSiSaNa. vielleicht um eine Kleinigkeit schwur
als das alte 9iSa„ dafür ist aber seine Verträglichkeit e
um so grösssere. Ebenso schnell verschwinden Exantheme
andere luetische Erscheinungen, Auch Schleimhauterscheinungen v
den ausserordentlich günstig beeinflusst.
Mein Behandlungsschema w'ar im allgemeinen: 10 — 12 Injektu
NeoSiSaNa. zur Abortivbehandlung bei seronegativer Lues I. 10
12 Injektionen mit Hg kombiniert (oder auch allein) bei seroposit
Lues I. Jeder Abortivkur lasse ich nach 6 Wochen Pause eine zw
Sicherheitskur von 4 — 6 Injektionen folgen (ev. wieder mit Hg k
biniert). Sowohl vor der Kur wie nach den ersten Injektionen als *
7) Veit: Ergehn, d. Uyn. 1914.
8) Bondy: Zschr. f. üeburtsh. 70.
°) Mansfeld: Gyn. Rdsch. 1916,
M.m.W.
H. 17.
1911, Nr. 38.
6) Halb an: Zbl. f. Gyn. 1921, Nr. 12,
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
353
.
i;h Schluss der Kur schalte ich gewöhnlich die Blutproben eSo, um
. Schwankungen der Blutprobe festzustellen.
Mit dieser Abortivbehandlung (also 14 — 18 NeoSiSaNa.-Injektiouen)
ji primärer serologischer Lues habe ich bisher 30 Fälle behandelt, die
i 1 — 1A Jahre serologisch und klinisch verfolgen konnte1). Alle
, ese Fälle sind bisher o'hne Rezidive verlaufen.
Gleicht liegt das daran, dass ich zu dieser Abortivkur nur Fälle ver-
» nde. die möglichst frühzeitig zu mir kommen, und dass ich Fälle
i der 5. oder 6. Woche nicht mehr zur reinen Abortivkur nehme,
sserdem behandle ich bei jedem Kranken Primäraffekt und die dazu-
1 lörende Scleradenitis mit Hg-Salben usw. Ich glaube, dass — so-
■it man nach \V< Jahren überhaupt rechnen kann — in meinen
llen die Abortivbehandlung als gelungen anzusehen ist, da bisher
ntliche Wa.-Blutproben negativ ausgefallen sind und klinische Re-
ive nicht aufgetreten sind.
Neben diesen reinen Abortivkure'n wurden auch kombinierte
iren von NeoSiSaNa. und Hg gemacht, um zu sehen, ob die-
ben kräftiger und nachhaltiger wirken, und um die Verträglichkeit
n Hg und NeoSiSaNa. zusammen zu prüfen. Einen wesentlichen
terschied zwischen beiden Behandlungsmethoden für die Abortiv-
landlung kann ich bei meinen Frühfällen nicht anerkennen. Ich
re nicht den Eindruck, als ob mit Hg ein wesentlicher Fortschritt
feit würde, wenn man zeitig genug anfängt. Dagegen vertragen
e Kranken die reine Sal varsankur sicherlich
ss er als die kombinierte. Ich glaube aber, dass in allen
llen, wo die Blutprobe positiv ausfällt, eine kombinierte Kur in der
gel am Platze ist. Ganz zweifellos ist dies der Fall in den Fällen
ii manifester sekundärer Lues. Hier werden wir auf die kombinierte Kur
rläufig nicht verzichten können. Ich habe aber auch bei positivem Wa.
Fällen, in welchen die Kranken sich vor Hg scheuten oder nach der
iten schlecht vertragenen Injektion das Hg verweigerten, mit reinen
oSiSaNa.-Injektionen auch bei Lues I seropositiva sehr gute Re-
tate erzielt, und mit reinen Salvarsankuren ein absolutes Freibleiben
rt serologischen und klinischen Rezidiven erreicht.
Was die Verträglichkeit des Mittels anbelangt, so scheint
r dieselbe eine ausserordentlich gute zu sein. Der
jioneurotische Symptomenkomplex tritt so gut wie gar nicht mehr
:. Die beängstigenden, aber im allgemeinen harmlosen Erscheinungen,
2r die ich als Erster beim SiSa. berichtet habe, fehlen hier so gut
2 ganz. Nur äusserst selten, vielleicht 2—3 mal, habe ich eine Wal-
gshyperämie im alten Sinne — aber viel leichter — konstatieren
inen.
Von besonderen Nebenerscheinungen habe ich in 2 Fällen Erbrechen
ebt; ab und zu trat ein leichter Schüttelfrost auf. aber doch nur
Ingen Grades. Stärkere Schüttelfröste traten nur in den Fällen
:, in denen der Wa. bereits positiv war und unmittelbar auf die In-
tfon eine starke Jarisch - Herxheim er sehe Reaktion auftrat,
o in den Fällen, wo es sich bereits um einen starken Spirochäten¬
fall und ein richtiges Spirochätenfieber handeln musste. Zwei meiner
mken vertrugen das NeoSiSaNa. im allgemeinen schlecht; sie fiihl-
sich nach dem Gebrauch desselben nicht wohl und gaben an, dass
en früher das reine Neosalvarsan besser bekommen wäre. Tat-
dilich war dies auch der Fall, als ich dieses wieder verwendete.
:se Kranken scheinen also eine besondere Empfindlichkeit gegen
; neue Präparat gehabt zu haben. Das gleiche trat in einem dritten
II ein, in dem ich einem Kranken mit einer starken ulzerösen Spüt-
s der Nase NeoSiSaNa. gab. Dasselbe wirkte zwar ausgezeichnet,
■ Kranke klagte aber über ein so auffallend starkes Schwitzen und
esmaligen leichten Schüttelfrost, dass ich auch hier wieder zum Neo-
varsan überging, welches er besser vertrug. Sonst wurde das Prä-
'at überall ausgezeichnet vertragen und, abgesehen von 10 Kranken,
über starkes Fieber klagten2), habe ich weitere Nebenerscheinungen
nittelbar an die ersten Injektionen nicht konstatieren können. Da¬
ten habe ich zweimal Ikterus beobachtet; einmal bei einem Kranken.
■ bereits längere Zeit mit Neosalvarsan, Silbersalvarsati und
oSiSa. 4- Hg behandelt war, bei welchem es also zweifelhaft war.
lchem der Präparate der Ikterus zuzuschreiben war. In einem zwei-
i Fall trat im Anschluss an die 8. NeoSiSaNa. -Injektion bei einer sehr
pfindlichen Kranken ein Exanthem auf. dem später ein Ikterus folgte,
dass die Kranke das Krankenhaus aufsuchen musste. Ausser dieser
en schweren Salvarsandermatitis habe ich noch 4 Fälle von Salvar-
idermatitis im Verlaufe der letzten \A Jahre gesehen. Es handelte
h in 2 Fällen um leichtere Erkrankungen, die verhältnismässig schnell
rübergingen; nur in einem Falle, den ich bereits 'in der Dermatol,
sehr. 3) veröffentlicht habe, in welchem es sich um eine Röntgen-
i Salvarsandermatitis handelte, musste der Kranke mehrere Wochen
> Zimmer hüten. Sonst verliefen die anderen Fälle im allgemeinen
dit und günstig. Dann habe ich noch einen leichten Arsenzoster
einem Kranken gesehen, der aber in kurzer Zeit wieder verschwand,
sind also 1m allgemeinen sehr wenig Nebenerscheinungen, die auf-
Geten sind, und abgesehen von 2 Fällen von Exanthem, die die Kran-
■i veranlassten, das Krankenhaus aufzusuchen, die aber auch günstig
^liefen, habe ich keine ernsteren Nebenerscheinungen gesehen.
Im letzten Jahre habe ich, um auch diese Methode zu prüfen.
oSiSaNa. als Mise hin jektion mit Novasurol oder
ü a r s a 1 gegeben und habe mich von der guten Mischbarkeit mit
b Ausser diesen 30 Fällen sind noch eine grosse Anzahl von kurzer
fobachtungszeit mit ebenfalls bis jetzt sehr guten Resultaten in Behandlung.
") Darunter 4 an einem Tage (Wasserfehler?).
3) Derm. Wschr. 1921.
beiden Hg-Präparaten und von der guten Wirkung dieser Mischinjek¬
tionen überzeugt. Von einem bin ich allerdings fest überzeugt: dass
diese Mischspritzen nicht so energisch und nicht so
anhaltend wirken wie die Kombination von S a 1 v a r -
san + Hg intramuskulär injiziert. Ich habe bereits von
andern Kollegen behandelte Kranke mit Lues II nach dieser Injektions¬
methode gesehen, die im Sekundärstadium schnellere und ernstere
Rückfälle gehabt haben als ich sie in meiner Praxis gewöhnt bin. Ob
dies an den vielleicht geringeren Dosen oder an der Mischung liegt,
kann ich heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Ich glaube also, dass
die Mischinjektionen zwar eine schnelle Wirkung, aber doch nicht eine
so nachhaltige besitzen. Diese klinischen Beobachtungen stimmen mit
den von Kolle bei Kaninchenschankern ermittelten Tatsachen, die
er in Hamburg auf dem Kongress der D. dermatol. Ges. mitteilte, überein.
Wie vorsichtig man mit der Deutung von Nebenwirkungen sein
muss, zeigten mir 2 Fälle, die ich in der letzten Zeit erlebte. Einer
meiner Patienten, der mich mit einem starken Primäraffekt und posi¬
tivem Wa. aufsuchte, erhielt zuerst eine schwache NeoSiSa.-Injektion;
darauf Jarisch-Herxheimer sehe Reaktion, Schüttelfrost und
Fieber. Zweite Injektion besser vertragen, nur noch ganz leichte Tem¬
peratursteigerung. Dritte Injektion NeoSiSa. 0,3 + Novasurol als
Mischspritze ruft eine akute Hg-Intoxikation hervor (Fieber, sehr zahl¬
reiches Erbrechen,, gehäufte Durchfälle; nach Weglassen des Nova-
sarols und Erholungspause werden die NeoSiSaNa.-Injektionen sehr gut
vertragen. In einem zweiten Fall bei einem 16 jährigen Mädchen mit
Lues congenita werden die NeoSiSaNa.-Injektionen sehr gut vertragen.
Als ich zur Steigerung Cyarsal zusetzte, erfolgte ebenfalls ein Kollaps,
starkes Erbrechen, Durchfall, Schüttelfrost. Auch hier wieder wurden
die ersten NeoSiSaNa.-Injektionen gut vertragen1).
Ausser diesen beiden Misserfolgen habe ich bei den Mischspritzen
sonst keine wesentlichen Nebenerscheinungen gesehen.
Ganz kurz möchte ich noch über einige interessante Fälle berich¬
ten, die die Wirksamkeit des neuen Präparates zeigen sollen.
1. Eine schwere beiderseitige Keratitis parenchymatosa, sehr lange mit
Hg vorher vergeblicli behandelt, ist nach zwei NeoSiSaNa. -Injektionskuren
fast völlig ausgeheilt.
2. Eine äusserst hartnäckige Leukoplakie, die seit 4 Jahren mit Neo¬
salvarsan und Hg behandelt worden ist, und nebenbei schwere vegetierende
Lueserscheinungen an Nase und Ohr zeigt, erhält zuerst eine Zittmannkur
und dann 9 NeoSiSaNa.-Injektionen. Leukoplakie und Lues vegetans heilen
sofort ab, obwohl Patient ein starker Raucher ist und sehr unregelmässig zur
Kur kommt. Ein leichtes leukoplakisches Rezidiv der Zunge heilt nach
wenigen Injektionen einer zweiten Kur sofort ab.
3. Ein Patient, welcher eine kombinierte Neosalvarsan- und Hg-Kur- von
zusammen 7 Salvarsan- und 20 Hg-Spritzen erhalten hat wegen primärem
Ulcus durum, erkrankt kurze Zeit nach Beendigung der Kur an schwerer
ulzeröser Lues im Gesicht, an der Urethra und am Arm bei positivem
Wassermann und Spirochäten im Urethralgeschwür. Mit 10 NeoSiSaNa.-Injek¬
tionen ist das schwere Rezidiv abgeheilt. Der Patient, der an einer schweren
galoppierenden Lues erkrankt ist, ist z. Z. noch bei mir in Behandlung,
sein Wassermann ist negativ, Erscheinungen hat derselbe z. Z. nicht mehr,
nachdem er noch einmal ein zerebrales Rezidiv durchgemacht und seitdem
noch 2 NeoSiSaNa. -Kuren erhalten hat.
Fasse ich mein Urteil zusammen, so halte ich das
Neosilbersalvarsannatrium für ein sehr wirksames,
bei weitem das Neosalvarsan überragendes Präpa-
r a t. welches dem Silbersalvarsan 'in seiner Wirkung fast gleich ist
und den Vorzug hat, dass es in höheren Dosen verträglicher ist als das
Silbersalvarsan. Man kann infolgedessen höhere Dosen geben als beim
Silbersalvarsan. ohne dass die Verträglichkeit darunter leidet. Der Vor¬
zug desselben liegt, wie 'ich schon oben anführte, darin, -dass der angio-
neurotische Symptomenkomplex fast ganz wegfällt, dass das Präparat
in einer Dosis, die halb so gross wie die des Neosalvarsan ist, schon
heilend im Tierversuch wirkt, dass das NeoSiSaNa. sich ebenso schnell
und vollkommen wie das Neosalvarsan löst, und dass diese Lösungen
von NeoSiSaNa ausserordentlich haltbar und stabilisiert sind. Ein
Stehenlassen der Lösungen länger als Id Stunde ist aber trotzdem zu
vermeiden. Ich kann das NeoSiSaNa. auf Grund meiner Erfahrungen
insbesondere für die Abortivbehandlung zur reinen Salvarsankur auf das
wärmste empfehlen. Es ist aber auch ebensogut in Kombination mit
Hg oder als Mischspritze bei der sekundären Lues und auch bei der ter¬
tiären Lues 'in Verbindung mit Jod ein ausserordentlich wirksames, gut
verträgliches Präparat.
Aus dem hygienischen Institut der Universität Qiessen.
(Direktor: Prof. E. Qotschlich.)
Ein Anreicherungsverfahren zum Nachweis von wenigen
oder in ihrer Wachstumsenergie gehemmten Keimen im
menschlichen Harn.
Von Prof. Huntemüller.
Das Verschwinden der Krankheitserreger aus dem Blute des
kranken bzw. genesenden Körpers ist schon sehr bald nach den grund¬
legenden Entdeckungen Robert Kochs und seiner Schüler Gegenstand
der Forschung gewesen. Hierfür konnten einmal die bakterientötende
Wirkung des Blutes, die Ablagerung in den verschiedenen Organen und
1) Aehnliche Erfahrungen habe ich auch mit Suifoxylat + Hg als
Mischspritze gemacht.
354
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 10.
endlich die Entfernung mit den Se- und Exkreten des Körpers verant¬
wortlich gemacht werden.
„Die Fähigkeit des Organismus, mittels der Nierensekretion sich
nicht bloss von gewissen gelösten, sondern auch von organisierten
Giften zu befreien, „sollte bis zu einem gewissen Grade als eine wert¬
volle Einrichtung der Natur zu begrüssen sein“ (Cohn heim Uj) utlld
deshalb der Harn „ein ausgezeichnet günstiges Objekt für die Unter¬
suchung auf die Anwesenheit von Organismen im Körper darbieten
(Klebs[2l). , . . t .. ..
Die bakteriologische Urinuntersuchung hat aber nicht die diagnosti¬
sche Bedeutung erlangt (Neumann [3]), wie man es auf Grund
theoretischer Ueberlegung annehmen zu müssen glaubte. Denn an der
Hand einer grossen Reihe von experimentellen Untersuchungen
(W y s s o k o w i t s c h [4]. Opitz [5], J. Koch |6| u. a.) konnte
nachgewiesen werden, dass die Ausscheidung von Bakterien durch die
Nieren kein physiologischer Vorgang ist (Biedl und Kraus |7J),
sondern erst nach Schädigung der Nierenzellen stattfindet.
Eine Schädigung der Nieren im Verlaufe von Infektionskrankheiten
infolge von Toxinwirkung oder, wje wir gleich noch sehen werden,
durch Ablagerung von Krankheitskeimen, wird aber häufig beobachtet,
so dass der Befund der spezifischen Krankheitserreger im Urin bei
inneren Krankheiten nicht gar so selten ist. und z. B. beim Typhus
auch diagnostisch verwertet wird. In neuerer Zeit sind sogar mehr¬
fach im Urin Diphtheriebazillen nachgewiesen (Conra di und Bier-
a s t [8], Beyer [9] usw.), so dass wir auch bei dieser als reine
Toxikose aufgefassten Krankheit mit einem gelegentlichen Eindringen
der Erreger in die Blutbahn' zu rechnen haben. Denn an die Herkunft
der Keime aus dem Blut ist in diesen beiden Fällen wohl nicht zu
zweifeln, während wir andererseits auch mit einer Infektion des Urins
auf dem Lymphwege vom Darm aus oder aszendierend durch die
Urethra zu rechnen haben.
Die Ausscheidung der Typhuskeime im Urin ist für die Epidemio¬
logie des Typhus von grosser Wichtigkeit und kann, wie die Erfahrung
lehrt, jahrelang fortdauern, nachdem die Typhusbazillen längst aus dem
Blute verschwunden sind. Diese Keime stammen aus Bakterienherden
in der Niere selbst, und Orth [10l bezeichnet gewisse Entzündungs¬
herde in der Marksubstanz der Nieren bei septischen Erkrankungen als
„Ausscheidungsaffektionen“, eine Bezeichnung, für deren Richtigkeit die
oben schon erwähnten Arbeiten über das Schicksal der ins Blut inji¬
zierten Mikroorganismen den Beweis erbracht haben. Nach Wysso-
ko witsch [4] verschwinden diese schnell aus dem Blute und werden
hauptsächlich in der Leber, ferner in der Milz und nur in Ausnahmefällen
in der Niere abgelagert. Ob es sich dabei um einen physiologischen
Vorgang handelt, möchte ich sehr dahingestellt sein lassen. Jedenfalls
können diese Ablagerungen, wenn es sich um pathogene Keime handelt,
wie J. Koch [6] nachweisen konnte, zu eitrigen Nephritiden führen
und „der Nachweis von Traubenkokken im Urin kann daher für die
Diagnose eitriger Nierenerkrankungen, bei Pyämie. Osteomyelitis.
Endokarditis, Phlegmone, Furunkel und Karbunkel von Bedeutung sein.“
Hu eb sch mann [11] kommt auf Grund ätiologischer und patho¬
logisch-anatomischer Untersuchungen zu dem Schluss, dass eine echte
akute Glomerulonephritis nie durch echte Bakterientoxine oder sonst
irgendwie gelöste Gifte, sondern ausnahmslos durch endotoxische Bak¬
terien hervorgerufen wird.
In vielen Fällen werden sich die primären Herde oder die Eingangs¬
pforten der infektiösen Keime gar nicht mehr feststellen lassen. Denn
eine leichte Angina, eine kleine eiternde Hautwunde, ein Darmkatarrh,
Stuhlverstopfung, Gravidität usw. können den Mikroorganismen Ge¬
legenheit geben, in den Organismus einzudringen, um dann auf dem
Blut- oder Lymphwege in die inneren Organe zu gelangen und hier
zunächst abgelagert zu werden. Die Keime können jetzt selbst längere
Zeit im Latenzzustand verharren, bis eine Resistenzherabsetzung des
Organismus ihnen die Möglichkeit bietet, die Schutzkräfte des Körpers
zu überwinden und ihre pathogene Wirkung zu entfalten. Diese Ab¬
lagerung kann nun überall im Körper stattfinden, und wir sehen der¬
artige Herde bei der Staphylokokkenpyämie, dem Paratyphus usw. in
den verschiedensten Organen auftreten, doch scheinen, wie es auch
Wy ssokowitsch experimentell feststellen konnte, Leber, Milz und
Nieren bevorzugt zu werden.
Die Herde in der Leber sollen an anderer Stelle den Gegenstand
unserer Betrachtung bilden: hier vollen wir uns speziell mit der bak¬
teriellen Infektion der Harnwege beschäftigen.
Durch die guten Erfolge der Autovakzinbehandlung nach W right
besonders bei infektiösen Blasen- und Nierenerkrankungen, ist die bak¬
teriologische Urinuntersuchung wieder in den Vordergrund des Inter¬
esses getreten. Ueber ihre Bedeutung für die Diagnose und Therapie
speziell der akuten Nephritis hat sich Scheidemantel [12l des
näheren geäussert. Er hält die Untersuchung des gefärbten Sediment¬
ausstriches in der Bakteriologie der Nephritis deshalb für besonders
wichtig, weil nach seinen Erfahrungen im Gegensatz zum eitrigen Harn
bei Zystitis der nep'hritische Harn häufig steril bleibt, obwohl im Aus¬
strich reichlich Bakterien nachzuweisen sind. Ich kann diese Beob¬
achtung nur bestätigen, habe aber gerade mit auf Grund dieses Be¬
fundes die von Scheideman tel verworfene Nährbouillon mit gutem
Erfolg zu unseren Züchtungsversuchen herangezogen. Denn die in
ihrer Wachstumsenergie gehemmten Bakterien entwickeln sich nur sehr
schwach und zögernd auf den festen Nährböden, so dass ihr Nachweis
häufig misslingt.
Diese Wachstumshemmung ist bei den aus der Niere stammenden
Keimen wohl in erster Linie auf -eine Schädigung durch die Immunstoffe
des Körpers zurückzuführen, eine Annahme, die in dem verspäteten
Wachstum von Typhuskeimen aus dem Blut bei der C o n r ad i sehen
Gallenanreicherung ihre Bestätigung findet und die neuerdings besonders
wieder bei Schutzgeimpften nachgewiesen werden konnte.
Auch in den Urin können diese Immunstoffe übergehen, wenigstens
ist dieser Beweis für die Agglutinine geliefert. Das Vorkommen vor
Antikörpern im Urin' ist nach G. Michaelis [13l schon von W right
bei seiner Vakzinationstherapie beobachtet und gibt einen guten In¬
dikator für die Fortschritte der Immunisierung. Es handelt sich hierbe
um das Auftreten von Fadenbildungen bei Bact. coli, wie sie vor
Pfaundler [14] im Immunserum beschrieben wurden. Die Aus¬
scheidung von Agglutininen durch den Harn, denn hierauf beruht das
Phänomen, findet aber nach den Untersuchungen von H. v. H ö s s •
lin [15] nur bei Schädigung der Niere statt, während gesunde Nieren
für Agglutinine undurchlässig sind. _
Ferner können auch chemisch wirksame Stoffe im Urin auftreten
Durch die Untersuchungen von K. B. Lehmann [16l und I. Rich¬
ter [17] wissen wir, dass frisch gelassener Harn durch seinen Gehalt
an sauren Phosphaten, aromatischen. Substanzen u. dgl. bakterizic
wirken kann. Auch Meyer -Betz [18] konnte beobachten, dass
der dünne, schwachsaure Harn bei Pyelitiskranken dem Bact. coli di»
üppigste Vermehrung gestattet, während stark saurer Harn im all¬
gemeinen, im besonderen der stark saure konzentrierte Harn der hoch
fiebernden Kranken ein Bakterienwachstum unter den gewöhnlich«
Verhältnissen lange Zeit nicht aufkommen lässt. Ebenso könnt«
Hoppe-Seyler [20] feststellen, dass konzentrierte, an aromatischer
Verbindungen' (Aetherschwefelsäure und Glukuronsäure) reiche Urin-
beigemengte Kolibazillen absterben lassen. Er strebte daher ebens-
wie M e y e r - B e t z [18] und H a a s [19] bei der Behandlung der Koli
pvelitis und Zystitis eine stark saure Reaktion und starke Konzentratiot
des Harnes an. Auch nach Jahn [21] ist bei tierischem Harn der be
deutende Einfluss der Azidität bzw. Alkaleszenz bei der keimtötende)
Wirkung offensichtlich.
Aber nicht nur die verminderte Wachstumsenergie, sondern aucl
die geringe Zahl der Keime erschwert häufig ihren Nachweis. Hier ver
sagt auch die mikroskopische Betrachtung des gefärbten Sediment
ausstriches, da ein Bodensatz bei positivem Bakterienbefund nicht vor
handen zu sein braucht. Besonders ist dies bei frischen Fällen voi
infektiöser Nephritis der Fall, wo erst geringe pathologische Verände
rungen Platz gegriffen haben. Hier kann eine rechtzeitige, positive bak
teriologische Harnuntersuchung die Diagnose klären, und der Prozes
bei geeigneter Therapie ohne grosse Funktionsschädigung zur Abheilun;
kommen. . . ,
Unter Berücksichtigung dieser verschiedenen Punkte habe ich de:
flüssigen Nährboden trotz seiner Nachteile zur Anreicherung heran
gezogen, ln der bakteriologischen Diagnostik wird ja die Anwenduii;
eines flüssigen Mediums zur Anreicherung mehrfach empfohlen. So is
die Anreicherung des Stuhles in Peptonwasser bei Cholera, des Lum
balpunktates in Zuckerbouillon bei Meningitis* und des Blutes in Gail
bei typhösen Erkrankungen Gemeingut der bakteriologischen Techni
geworden. Von Travinski [22] ist die Gallemanreicherung auc
zum Nachweis von Tvphusbazillen im Urin mit gutem Erfolg benutz
Er konnte durch dieses Verfahren bei 343 Harnproben 104 m:
(30,32 Proz.) Typhusbazillen nachweisen, während es bei direkter An¬
saat auf Drigalski-Conradi-Platten nur 69 mal (20,12 Proz.) gelans
Wurde der Urin durch den Katheter entnommen, so konnte bei 78 Unter
suchungen 25 mal (32,18 Proz.) ohne und 35 mal (45 Proz.) mit dt
Gallenanreicherung ein positives Resultat erzielt werden.
Bei diesen AV. handelt es sich allerdings um den Nachweis gan
bestimmter Keime, die unter normalen Verhältnissen im oder ar
menschlichen Körper nicht Vorkommen. Doch hat das Conradi
Kayser sehe Galle-AV„ besonders in der Modifikation vo
P. Schmidt [23] auch bei Staphylo- und Streptokokkensepsis gut
Erfolge ergeben.
Die Beschaffung von einwandfreiem, steril entnommenem Ausgang:
material macht hier ebenso wie bei der Entnahme von Härnprohe
Schwierigkeiten. Dass diese mit dem Katheter unter streng aseptische
Kautelen zu geschehen hat, braucht wohl nicht extra betont zu werde!
Für den vielbeschäftigten prakt. Arzt ist sie daher in den meisten Fällt
nicht durchzuführen. Doch lassen sich bei geeigneter Technik die Fehlt
auf ein erträgliches Mass zurückschrauben.
Uns stand für unsere Untersuchungen das Material der Universität1
kliniken sowie einiger Fachärzte in Giessen zur Verfügung. Zur Kot
trollierung unserer Befunde wurden mehrere Portionen des gleiche
Harns untersucht und, falls die Menge ausreichte, was bei dem dur.
Uretherenkatheterismus gewonnenen nicht immer der Fall war, je 2 cc
zu einer Agarplatte ausgegossen. Falls das Resultat aus den ve
schiedenen Proben nicht übereinstimmte, wurde eine erneute Einsci
düng erbeten. Auf diese Weise gelang es auch bei schubweiser Air
Scheidung einwandfreie Resultate zu erzielen.
Nachdem wir uns in früheren Versuchen von der Brauchbarkeit d<
Anreicherung überzeugen konnten, gehen wir jetzt in der Weise v<
dass wir von dem Bodensatz des möglichst frischen, steril entnommene
Harns ein gefärbtes Ausstrichpräparat anfertigen und je eine gros:
Oese auf Agar- und Endonährboden ausstreichen. Beim Fehlen ein*
Sedimentes unterbleibt das mikroskopische Präparat, dagegen werde
in beiden Fällen 2 ccm des gut durchgemischten Harns zu einer Aga
platte verarbeitet, ein Teil mit der gleichen Menge Bouillon verset
und ein Teil unverdünnt bebrütet. Der Rest wird auf Neutralität tu
Eiweiss geprüft. Wurden von einem Harn mehrere Portionen eii
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Tabelle 1. Blasenharn.
1 alten kn ltnr
lositiv beim
Koli
beweg! | unbewegt
Alkali -
bildner
Typhus
Paratyphus
B
Proteus
Gono¬
kokken
Staphylo- | Strepto¬
kokken
Varia
Pos tiv
insgesamt
Verun-
reinignng
Steril
Ausstrich so-
ort .
PQ
(6,5%)
101
(16,83%)
15
(2,5%)
1
(0,17%)
1
(0,17%)
3
(0,83 %)
1
(0,17 o/0) •
35
(5,83 °/0)
4
(0,67 o/o)
16
(2,67%)
216
(36%)
9
(1,5 /„)
!4 stg. Anc. .
—
25
<4,17%)
15
(2,5%,)
1
(0,17%)
1
■ (0,17» 0)
(0,83 %)
—
84
(14%)
6
(1%)
5
(0,83 %)
142
(23,67%)
(4,83® 0)
172
,-iuastr. nach
8 st". Anr. .
1
0\17 /o)
2
(0,B3o 0)
i
(0,17%)
—
- —
—
—
29
(3,67%)
_ 2
(0,33%)
28"
(4,67 n „)
4
(0.67%)
(,<30,0/ /q)
igesau.t . . .
40
(6,67%)
1 6
(21.33%)
31
(5, 17%)
2
(0,34%)
2
(0,34 0 0)
(1,33 o/o)
i
(0,17» o)
141
'23,5°Jo)
10
(1,67®/*)
23
(3,83%)
386
(64,34%)
42
(7%)
17.'
(28,67%)
Tabelle 2. Ureterenharn.
lus«tiieli so-
3rt . . .
5
25
7
—
—
2
—
3
2
3
47
4
iusstr. nacli
4 stg Anr. .
—
9
12
-
2
—
10
—
5
38
—
103
\usstr. nach
8 stg. Anr. .
1
2
—
—
—
—
—
4
-
-
7
2
gesamt . . .
6
' _ <
36
19
—
—
4
-
17
2
8
92
6
103
Tabelle 3. Mehrfache Untersuchungen bei gleichen Kranken.
Pat. B Nr. 859
* 912 r
„ 913 1.
„ 1X61 r.
„ 1162 1.
„ 1232 1.
„ 1275 r.
„ 1276 1.
„ 1261 r.
» 1262 I.
„ 3846 r.
„ 3847 I.
Bl.
Urei.
n
v
Baet. coli (atyp.) sofort
77 77
— — Staphylokokken (Verunreinigung!)
Bact. coli (atyp.) sofort
n n
Bact. coli (atyp.) sofort
Bact. coli (atyp.) sofort
n nach 24 stg. Anr.
„ sofort
Pat
M Nr. 2650 Bl.
„ 2651 1. Ijret
„ 2652 r. .,
.. 2814 Bl
,. 2815 I. Uji't.
„ 2816 r
„ 2843 Bl.
2901 l. Uret.
Staphylokokken nach 24 stg. Anr.
Staphylokokken nach 24 stg. Anr.
77 r
Staphylokokken nach 24stg. Anr.
„ 2902 r.
;andt, so wird jede auf diese Art verarbeitet. Die 2-ccm-Platte gibt
; neben der Kontrolle der AV. zugleich auch Aufschluss über die Zahl
entwicklungsfähigen Keime in der Urinprobe.
Auch ohne Zusatz von Nährbouillon kann man in den meisten
len durch Bebrütung der Urinproben bei 37° ein gutes Resultat er-
en, da der Harn im grossen und ganzen einen guten Nährboden für
(terien bietet. Denn stark saure Urine, die das Bakterienwachstum
gere Zeit hemmen, sind nach unseren Erfahrungen in der Praxis
ten, und die Verminderung der Wachstumsenergie bei den aufgefun-
len Bakterien ist daher wohl in erster Linie auf die Wirkung der Ab-
hrstoffe des Körpers zurückzuführen.
Diese Ansicht findet ihre Bestätigung durch unsere Kulturergebnisse,
iterium coli, dessen Infektionsweg wohl hauptsächlich bei Frauen
steigend durch die Urethra führt und dessen Sitz daher meist die
'•nblase ist, wuchs zum grössten Teil, in etwa 80 Proz. der Fälle,
n ersten Ausstrich aus dem Originalurin (s. Tab. 1). Die 3 Stämme
Proz.), die eine 48 sttindige Anreicherung zum Nachweis gebrauch-
und in ihrer Wachstumsenergie stark gehemmt waren, sind, wie
Tab. 2 ersichtlich ist, aus Ureterham, also aus der Niere gezüchtet
waren d'er Wirkung der Abwehrkräfte des Körpers ausgesetzt ge-
5en- Demgegenüber wurden Staphylo- und Streptokokken, die wohl
zugsweise vom Blut aus ihren Weg absteigend durch die Nieren ge¬
nmen hatten, nur in 27 Proz. der Fälle beim ersten Ausstrich gefunden,
egen in 14 Proz. erst nach 48 ständiger Anreicherung. Wenn hierbei
h die geringere Zähl der im Ausgangsmaterial vorhandenen Keime
lfach eine Rolle spielt, so Hess sich anderseits diese Wachs tums-
imung bei der Kultur auf festen Nährböden auch sehr gut nach weisen,
onders die Staphylokokkenkolonien zeigten häufig starke Qrössen-
Jrenzen, so dass man oft an eine Mischinfektion denken konnte, bis
h die Zwergkolonicn durch die Bouillonkultur als Staphylokokken
innt wurden. Dieser Zwergwuchs verlor sich erst nach mehrfachem
lerimpfen auf frische Nährböden. Die gleiche Beobachtung konnte
Bakterien aus der Koligruppe, Paratyphus und anderen gemacht
den. Auf den mit 2 ccm Harn gegossenen Agarplatten zeigte sich
;es verspätete und spärliche Wachstum ebenfalls. Mehrfach blieben
; Ausgangsplatten aber steril, während die Kultur durch Anreicherung
ii gelang. Auch der Fortgang der Heilung, d. 'h. das Anwachsen der
lunstoffe im Körper kam hierdurch gut zum Ausdruck.
Der lange Aufenthalt im menschlichen Körper führte aber noch zu
teren Variationen. So wurde z. B. bei den Staphylokokken die Farb-
ibildung vermisst; die Kolonien zeigten auf der Agarplatte fast
chweg ein grauweisses Aussehen. Das Bacterium coli hatte meist
c BewglicTikeit eingebüsst und war atypisch geworden; oft fehlte
I raubenzucker-, hin und wieder auch die Milchzuckervergärung,
■gegenüber fanden sich häufig Schleim- und Fadenbildung, die auch
Eire Autoren (s. G. Michaelis [13]) beschreiben. Mehrfach konn-
■ auch bei den vom gleichen Kranken, aber zu verschiedenen Zeiten
lichteten Stämmen Verschiedenheiten in der Beweglichkeit. Säure-
uasbildung festgestellt werden. Auch die aus dem rechten und lin-
' ureterurin des gleichen Kranken gezüchteten Stämme zeigten der-
,re Unterschiede.
2 Fällen konnten im mikroskopischen Präparat sowohl wie
Uh das Anreicherungsverfahren wiederholt Fäden mit echten Ver-
Nr. lu.
zweigungen festgestellt werden. Ueber diese als Streptotricheen anzu¬
sprechenden Gebilde habe ich bereits an anderer Stelle [24] berichtet.
Mischinfektionen wurden in 20 Tüllen beobachtet, und zwar handelte
es sich 4 mal um .Koli und Staphylokokken, 4 mal um Staphylo- und
Streptokokken, einmal um Staphylokokken und Hefen, 2 mal um Koli
I und Proteus, in 6 hallen wurden neben Staphylokokken und in 3 Fällen
neben Koli Gram-positive, kurze, pseudodiphtherieähnliche Stäbchen ge¬
funden, die aber nur vorübergehend festzustellen waren. Vielleicht
handelt es sich hier um Diphtheriebazillen, die durch die Kö-rperpassage
atypisch geworden waren (s. ob. Conrad i), eine Vermutung, die noch
durch weitere Untersuchungen geklärt werden muss.
Verunreinigungen aus der Urethra, von der Haut und aus der I.uft
konnten in zweifelhaften Fällen durch mehrfache Untersuchung des
I gleichen Kranken als solche erkannt werden. Sie treten auch bei ge¬
eigneter Entnahmetechnik viel seltener auf, als man im allgemeinen
anzunehmen geneigt ist (s. Tab. 3). Auch sind meiner Ansicht nach
Staphylokokken, die aus der Niere stammten, sehr häufig als Verunreini-
j gung angesehen worden, einmal, weil mit einer Staphylokokkenaffektion
der Niere nicht gerechnet und ferner die für den Staphylococcus pyo¬
genes verlangte Farbstoffbildung vermisst wurde.
Analoge Befunde bei der Leber, die, wie oben gesagt, an anderer
Stelle mitgeteilt werden sollen, weisen darauf hin, dass wir auch bei
Nierenaffektionen viel häufiger mit Staphylokokken als der Ursache zu
rechnen- haben, als allgemein angenommen zu werden pflegt.
Schmerzen in der Nierengegend bei klarem, sedimentfreiem Urin
erwecken klinisch den Verdacht auf Tuberkulose. In diesen Fällen ver¬
sagt auch die mikroskopische Untersuchung. Bei 52 steril entnommenen
Urinproben, die uns zur Untersuchung aüf Tuberkelbazillen eingesandt
waren, konnten nur einmal Tuberkalbazillen mikroskopisch festgestellt
werden, einmal fanden' sich säurefeste Stäbchen, die sich bei weiterer
Untersuchung als Streptotricheen erwiesen, in beiden Fällen war ein
starker Bodensatz im Urin vorhanden. Vor Anstellung des Tierversuches
sollte stets die kulturelle Untersuchung mittels des Anreicherungsver-
fahrems herangezogen werden, da sie oft die Aetiologie des Leidens
klärt und sich der jetzt recht kostspielige Tierversuch erübrigt. So
konnte der 38 mal geforderte Tierversuch 8 mal unterbleiben, da ander¬
weitige Bakterien gefunden wurden, die den klinischen Befund restlos
klärten; 7 mal fiel er positiv und 23 mal negativ für Tuberkulose aus;
doch muss dabe; berücksichtigt werden, dass bei vorliegender Tuber¬
kulose auch andere Bakterien als Mischinfektiomen Vorkommen können.
In den auf Tuberkulose verdächtigen Fällen konnten insgesamt 16 mal
Bakterien aus der Koligruppe, 6 mal Staphylo- resp. Streptokokken
und 4 mal verschiedene andere Keime nachtgewies'en werden.
Auch bei septischen Erkrankungen kann die Anreicherung des Urins
Aufschluss über die Natur des Leidens geben. So konnten bei 3 auf
Typhus verdächtigen Fällen, bei denen die G r u b e r - Wi d a 1 sehe
Reaktion negativ ausfiel, aus Harn und Blut Staphylokokken gezüchtet
und dadurch die Aetiologie geklärt werden. Hier konnte das Ergebnis
der Harn-Bouillon-Anreicherung durch die C o n r a d i - K a y s e r sehe
Blutkultur bestätigt werden.
Das Harn-Bouilion-AV. gibt aber nicht nur in einem weit grösseren
Prozentsatz als bisher frühzeitig Aufschluss über die Aebioiogie der
Erkrankung und gestattet weit sicherer als bisher die Feststellung der
Bakterienfi eiheit bei behandelten hallen, bei denen v ir ja hauptsächlich
5
m
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT..
Nr. 1
mit einer Wachstumshemmung zu rechnen haben, sondern es set^
auch zugleich in den Stand durch eine Autovakzintherapie das Leiden
MK 7 U cberZ<lieb Erfdge* de"’ Autovakzintherapie soll später gemeinsam mit
Prof, üot sch lieh berichtet werden.
wsch>; *-• ‘fÄlH 74 Kd
,oo7 26 — 8 Conradi und Bierast: D.m.W. 1912. 9- a e j c i.
vi mW 1913 — 10 Orth: Kongr. in Rom, zit. n. Baumert. Jali ■
K-UHOb.chn.ann: Med. Kl 1920. — 12. S c! 1^. de ... *1
'«'3. -13. OM 1 |h ..1 »= F« ■ *»** ^
hiv, “-«''JA V ‘-fcVf
D.m.W 1910. Zi. __ Schmidt: D.m.W. 1915. — 24. Hunte¬
rn ülfer:' Festschrift fü’r Bostroem Zieglers Beitr. 1921. 69. - D e r -
selbe: Zbl. f. innere Medizin 1921, Nr. 52.
Aus dem balneologischen Institut Bad Nauheim.
Ueber die Verwendung von Aluminiumsaiten zur Auf¬
nahme des Elektrokardiogramms.
Von Proi. Dr. A. Weber.
Wertheim-Salomonson1) hat darauf hingewiesen, dass
die Verwendung von dünnen Aluminiumsaiten gegenüber den sonst
gebräuchlichen Quarz- und erst recht gegenüber den Platinsaiten aus¬
serordentliche Vorteile bieten würde; auf Grund theoretischer Berech¬
nung die durch das Experiment vollaut bestätigt wurde, stellte er
fest, 'dass die Normalempfindlichkeit von 4 p dicken AlurmmumsEuten
4 bzw 7 fach grösser sei als die von Quarz- resp. Platinfaden. B s
vor einigen Jahren war die Herstellung von ganz dünnen Alumimum-
saiten nicht möglich. Die Firma Heräus, Hanau hat auf Veranlassung
von Wertheim-Salomonson ein Verfahren misgearbeitet, auch
ganz dünne Fäden bis herab zu 3 p Dicke aus A kimmium herzu¬
stellen. Mit Hilfe eines Apparates, den die Firma Lei tz, Wetzlar
baute ist es ein leichtes, Aluminiumsaiten von 3 p Durchmesser aus
den von der Firma Heräus bezogenen Wollastfäden selbst herzustellen-).
Solche Saiten von der erforderlichen Länge für das E d e 1 m a n n sehe
grosse Elektromagnet-Galvanometer haben einen Widerstand von rund
800 Mit einem Ballastwiderstand von 2000 - im Kreise haben
sie eine Ausschlagsgeschwindigkeit von 0,0065 Sek., wenn man eine
Spannung von 1 Millivolt anlegt und die Fadenspannung so reguliert,
dass bei tausendfacher Vergrösserung ein Ausschlag von 1 Zentimeter
resultiert
Eine' derartig rasche Reaktionsgeschwindigkeit ist mit Platinfaden
niemals zu erreichen. Sie ist insofern von praktischer Bedeutung als
es jetzt möglich sein wird, auch mit kleineren Modellen von Saiten
galvanometern vollkommen richtige Elektrokardiogramme zu zeichnen,
worauf schon S a m o j 1 o f f und Wertheim - Sa o in onson in
gewiesen haben. Bei Verwendung von 2 p dicken Aluminiumfaden
würde für die klinische Elektrokardiographie ein Permanent-Saiten-
galvanometer ausreichend sein3). Das dürfte eine Kostenersparnis vo
schätzungsweise 80 Proz. bedeuten. Jedenfalls wird man künftighin
ui Stelle von Platinsaiten nur noch Aluminiumfaden benutzen, die ab¬
gesehen von allen anderen Vorteilen, auch noch den der grossen Halt¬
barkeit haben.
WWWWvVWAVWAWAV^AVAV^AV
—
Zu Adolf Kussmauls 100. Geburtstage
(am 22. Februar 1922.)
Von Prof. Dr. W. Fleiner in Heidelberg.
(Schluss.)
Kussmaul ist auch als Kliniker seinem Jugendideal vom Arzte
und dem vom Vater übernommenen Glauben an die hippokratische Heil-
kunst treu geblieben. Galt seine Dozentenzeit in Heidelberg im wesent¬
lichen der wissenschaftlichen Medizin, so suchte er als Kliniker in
Erlangen mit emsigem Fleisse durch genaue klinische Beobachtung der
Kranken mit Hilfe von physikalischen, chemischen, physiologischen und
pathologischen Untersuchungen die durch Einsichtgel ä u t e 1 e
Erfahrung sich anzueignen, die r a t i o, welche H e n 1 e und Di e u -
f e r in ihrer Zeitschrift als Grundlage der praktischen Medizin forderten.
Er fühlte sich in Erlangen noch als Lernender, denn als er auch in den
Ferien den ganzen Tag in der Klinik verbrachte, gab er seinem alten
Gönner Gerlach auf die Frage, „was er denn da immer zu tun natte,
v) Pflügers Arch. 1914, 158, S. 107. . . . .
2) Der Apparat und seine Anwendung ist. in einem in Gilde me i sters
) lOCI {\piJdlrtl uuu aciuc Aiiwvnuwiif, ~ i • t
Zschr. i. biol. Technik und Methodik erscheinenden Aufsatz beschrieben.
3) Anmerkung bei der Korrektur: Al.-Saiten von 2 u Dicke
habe ich in allerletzter Zeit aus von der Firma Heräus bezogenen
Wollestondraht mühelos hersteilen können.
es waren doch keine Studenten da“, zur Antwort; „Ich bin eben selb
"0ChIn Wie? hatte es den jungen Arzt schwer bedrückt dass der we
berühmte Diagnostiker Skoda über % e K Asm,“
Heilens vergessen hatte. Als junger Kliniker stiebte * “ S! “J
darnach diesen Fehler auszugleichen und der letzteren zu gieic.k
Rechte zu verhelfen. In der akademischen Antrittsrede in Freibu
über die Entwicklungsphasen der exakten Medizin“ hat er dann s.
eigenes klinisches Programm und Glaubensbekenntnis verkündigt. ..
Wenn Wissenschaft M a c h t ist, so muss die Medizin,
mehr sie sich zur Wissenschaft erhebt, auch um so mächtiger .
Kunst sich erweisen, denn die Therapie ist d.e golde,
Frucht um derentwillen das Feld der med.z i n i s c Id
W issen schaftbebautwird. All unsere Arbeit und Muhe ua
vergebens, wenn aus dem medizinischen Wissen nichts erwüchse. ,
die trostlose Gewissheit unseres Unvermögens.
Mit rastlosem Fleisse und gleichem Interesse für alle Gebiete i
Medizin hat er die Wissenschaft und die Kunst in gleicher \\ eise j
fördert! Alle seine Arbeiten, gross an Zahl und Verschiedenheit i
Stoffes sind Meisterwerke in ihrer Art, inhaltsreich, klar, und zuv
lässig. So waren auch seine Vorträge in der Klinik und die letzt,
überdies besonders anregend, weil sie sich, der Erfahrung und d
Bedürfnis des Arztes entsprechend, einer gewissen Universalität
freute. Ausser der auch die Augenheilkunde umfassenden Chirurgie,
Geburthilfe samt der im Entstehen begriffenen Gynäkologie und <
internen Medizin gab es damals noch keine anderen klinischen Sond
fächer _ Das Gebiet der inneren Medizin war also besondtrs gn
umfasste es doch ausser den eigentlichen inneren Erkrankungen .
Erwachsenen auch die Kinderheilkunde, die Haut- und Geschlechtskra
heiten, die Kehlkopfkrankheiten, die Nervenkrankheiten und zum 1
auch die Geisteskrankheiten. Auch war die innere Medizin nicht sei.
abgegrenzt von der Chirurgie und Gynäkologie, Grenzgebiete umsaun
ringsum das eigentliche Mutterland. Darum stellte sich Kussma
auch niemals die Frage des Celsus: quae ratio medicinae potissima
aut chirurgica, aut pharmaceutica. aut diaetetica? Er wählte die Mit
ohne persönliche Vorliebe für das eine oder das andere, nur nach <
Erfordernissen des Einzelfalles, geleitet von strengen Indikationen
sich aus der genauen Diagnose und der Einsicht in den inneren Met
nismus des Krankheitszustandes ergaben.
Hervorragend war Russmaul in der hippokratischen Kunst,
Ernährung und Lebensweise dem individuellen, konstitutionellen
dürfnis und Leistungsvermögen seiner Kranken anzupassen Die .
iachsten, geradezu populär gewordenen diätetischen Mittel Ku:
m a 11 1 s z. B. die Hafergrütze, die gebrannte Mehlsuppe und die bat
milch, hat er in der Landpraxis im badischen Oberland kennen gelei
sie dienten den alemannischen Bauern zum Frühstuck oder Abendes.
Pfeufer hatte aber seinen Klinikern schon in Heidelberg als arztii
Pflicht eingeschärft, alle ihre Sinne im Interesse ihrer Klienten ir
liehst auszubilden und insbesondere dem Geschmackssinn sein gi
Recht nicht vorzuenthalten, selbst auf die Gefahr des Zipperleins
Kehre es bei ihnen ein, so möchten sie sich mit Sydenham, <
englischen Hippokrates trösten: „Die Gicht bevorzuge die geistreic
Leute.“ Die gute Küche hatte also mit ihrem Wohlgeschmack und i
Bekömmlichkeit auch ihren Platz in der Kussmaul sehen Diätetik
In der Arzneimittellehre erfahren, wie kaum ein anderer, wä
Kussmaul nur die mildesten Mittel und vetordnete dieselbe!
einfachster Form. Wenn irgend möglich, vermied er die scharfwirker
Agentien; vor den grossen Gaben des Kalomels. wie dieselben k
Zeit üblich waren zur Behandlung der Ruhr und des TyPhuS- “
stets gewarnt, weil dessen Nutzen gering ist und auch, durch mii
Mittel erreicht werden kann. Die Volksmedizin hat er in seiner c
ländischen Praxis vielfach und die Heilmethoden der Natura
aus ihren Schriften, deren Lektüre er mir manchmal ar.ernp
gründlich kennen gelernt. Viel zu klug und zu freidenkend,
überlieferte Erfahrungen zu verachten oder die Gegner der Schulme.
zu unterschätzen, suchte er in beiden den Kern von Wahrheit, der
enthielten und verwandte das Brauchbare in der Therapie, ohne dad
seiner eigenen Grösse Abbruch zu tun, Physikalisch-therapeuti
Massnahmen, zumal die Anwendung des Wassers in Form von
schungen, kamen wegen ihres Einflusses auf die Vasomotoren
Kussma u ls Klinik vielfach in Anwendung, hat er doch deren Nt
schon in jungen Jahren am eigenen Körper erfahren. Die kalten ö
wie dieselben zurzeit bei Typhus üblich waren, ersetzte er in hum
Weise und mit gleichem Erfolge durch Teil- oder Ganzwaschungen
Einschlagen des Körpers in nasse Leintücher auf einem neben
Krankenbett gestellten Ruhelager.
Unter den zahlreichen werktätigen Handleistungen mechani:
Art, welche dem Namen nach zur Chirurgie gehören, aber vom i
tischen Arzt mit gleichem Erfolge wie vom chirurgischen oder gyi
logischen Operateur ausgeführt werden können, verdient die von K t
maul ersonnene und viel geübte Kompressionstampon
der Portio vaginalis uteri zur Einschränkung oder V erm
der übergrossen menstruellen Blutverluste der Frauen, besondere:
wähnung. Die Quelle so vieler Leiden, welche die fortschreitende
armung des Blutes und der Kräfte zur Folge hat, ist durcr
„Blutsparungsmethode“ Kuss m'auls verstopft worden ;
selbe hat sich auch vielfach bewährt, wo innere Mittel versagten
die Massnahmen der „kleinen Gynäkologie“, die Auskratzungen sic
nutzlos erwiesen.
[ März 19 22.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
357
Am engsten verknüpft mit dem Namen Kussmauls, im Volks-
t nde geradezu identisch mit ihm, ist die Behandlung der
igenerweiterung mittels der Magenpumpe. Voraus
i g dieser Erfindung die „Behandlung des Schnupfens der Säuglinge“
. ch Katheterisierung der Speiseröhre und Einlaufenlassen der Milch in
ji Magen, wenn den armen Wesen durch Behinderung der Nasen-
\ riung das Saugen unmöglich geworden war. Manchem, der sich für
% hält, wird dieses Thema höchst unbedeutend und eines grossen
' nnes kaum würdig erscheinen: eine Mutter aber, die ihr Kind dem
\ hungern nahe gesehen hat, denkt anders.
So gut man nun einem Säugling einen Katheter über den Kehlkopf-
»gang hinweg in die Speiseröhre, kann man bei Erwachsenen eine
ülutidsonde unter Benützung des Schluckaktes in den Magen hinab-
i ieben. Aus Mitleid mit den Kranken, die von den im erweiterten
gen angestauten, sauren und zersetzten Massen furchtbar gequält
1 durch fortgesetztes Erbrechen doch nie ganz befreit wurden, schritt
<zur Einführung der Schlundsonde und zur Entleerung des Magens
tels der Pumpe. Daran schloss sich die Spülung des Magens mit
sser oder Salzlösungen: die Lokalbehandlung der Magenschleimhaut,
"welcher auch die Bedeckung von Geschwürsflächen mit Wismut ge¬
lt. Die starre Sonde wurde bald ersetzt durch eine weiche und die
■inpe durch einen Trichter, welcher durch einen längeren Gummi¬
llauch und ein kurzes gläsernes Schaltstück mit der weichen
gensonde in Verbindung gebracht wurde. Hatte man Wasser durch
porheben des Trichters in den Magen einlaufen lassen, so kam durch
-rikung des Trichters eine Heberwirkung zustande, welche ent¬
deckend der Mageninhalt nach aussen ablaufen konnte, ohne jegliche
Ürchwerden für den Kranken. Was in den ausgespülten Massen als
ij erdaulich für den betr. Magen erkannt worden war. wurde in der
:t weggelassen. Hatte die chemische Untersuchung einen Ueber-
iuss an Säure ergeben, so wurde dieser durch Alkalien neutralisiert
i. im Gegensatz hierzu ein Mangel an Säure ersetzt. Für Diätetik
i medikamentöse Therapie ergaben sich also bald zuverlässige
nkationen. Als dann die Methodik der Spülung oder Ausheberung des
igens so schonend als möglich ausgebildet war, schritt man auch zur
ersuchung der Funktionen normaler Magen und so erwuchs allmäh-
i aus der ursprünglich therapeutischen Methode Kussmauls eine
Imostische und aus dieser eine neue Physiologie und Pathologie der
/Igenverdauung, wenigstens in sekretorischer Hinsicht.
Im engen Zusammenhang mit der neuen Behandlungsmethode der
igenerweiterung standen Kussmauls Versuche, die Speiseröhre
i selbst das Innere des Magens zu sniegeln. Tatsächlich hat er die
i e direkte Oesophagoskopie mit Erfolg ausgeführt (1868).
Von den motorischen Verrichtungen des Magens ergab dessen
rgendliche Spülung nur die Suffizienz oder Insuffizienz, was an Stö-
igen dazwischen lag, blieb verborgen. Wer das Büchlein über ..Die
rorischen Verrichtungen des menschlichen Magens“ gelesen hat, die
1 isaufgab^ der Strassburger Universität, die K u s s m a u 1 gestellt
: Poensgen bearbeitet hat, wird staunen, mit welchem Eifer und
(wand an Arbeit der erstere nach der Erkenntnis dieser Vorgänge ge-
hbt hat. Sie ist ihm versagt geblieben, erst das Röntgenverfahren,
Kussmaul nicht mehr erlebt hat. hat sie erbracht.
Dagegen erkannte Kussmauls klarer Blick die Grenzen der
•!>iung seiner Behandlungsmethode der Magenerweiterung: er wmsste,
ijs sie nur Beschwerden lindem und das Leben verlängern, aber
uhanische Verengerungen des Magenausganges nicht beseitigen
nte. Er glaubte, dass nur die Chirurgie hier Hilfe schaffen könnte,
so hat K u s s m a u 1, der interne Kliniker, die erste Anregung dazu
eben, Magenkrankheiten, welche für die interne Behandlung unheil¬
sind, auf operativem Wege in Angriff zu nehmen (Kussmaul:
Arch. f. klm. M. 6. S. 485).
Schneller als Kussmaul es für möglich gehalten hat, ist die Chirur-
■ unter dem Schutze erst der Antiseptik und dann der Aseptik mit ihrer
■ iderbar entwickelten Technik in Gebiete vorgedrungen, welche einst
! schliesslich der internen Medizin angehört haben. Anlässlich der
Lveihung des neuen Operationssaales der Heidelberger chirurgischen
'iik sagte der alte Herr in einer geistvollen Rede, halb im Scherz
j halb im Ernst: „Wenn ich noch einmal jung wäre, so würde ich bei
h Assistent werden und darnach streben, die vielen Fälle, welche
3t zu Czerny wandern, der medizinischen Klinik wieder zurück-
i ewinnen.“
„ Czerny, der nach 30 jähriger, ruhmvoller Leitung der chirurgischen
uik in Heidelberg das Krebsinstitut, das jetzige Samariterhaus, grün-
U, hat zum Gedenken seines ehrwürdigen Schwiegervaters, des
1 spen Arztes, den Kussmaulpreis für Verdienste um die Heilkunde
Giftet und der medizinischen Fakultät das Recht verliehen, alle
ahre, am 22. II., dem Geburtstage Kussmauls, demjenigen
rischen Arzte zugleich mit der Kussmaulmedaille den Preis zu er-
welcher ein neues Heilverfahren ersonnen hat, das sich dann in
Praxis bewährte. Wir haben diesmal Sauerbruch gewählt,
ven seiner Verdienste um die Chirurgie der Brustorgane.
Auch auf diesem Gebiete ist K u s s m a u 1 ein Vorkämpfer gewesen,
1 n er hat „DieThorakozentesebeiPleuritis, Empyem
4 Pyopneumothorax“ (D. A. f. klin. M. 1868, 4.) zum Ge-
"ngut der Aerzte gemacht. Das Verfahren war nicht neu. denn schon
tpokrates hat vor 22 Jahrhunderten dasselbe manchmal mit Glück
■geführt. Aber die neue Wiener Schule, deren therapeutischer Nihilis-
: schon wiederholt erwähnt worden ist, hatte aus den verunglückten
■ suchen des Chirurgen Schuh und des Diagnostikers Skoda, die
mündlichen Ergüsse in die Brusthöhle operativ zu heilen, den Schluss
gezogen, „dass es besser sei, die Heilung dieser häufigen Krankheiten
der Natur zu überlassen, es müsste denn sein, dass der Eiter durch¬
brechen wollte und die Natur bei ihren Heilbestrebungen doch nicht
ganz geschickt verfahre.“
Kuss maul vermochte nicht, der schliesslich zum Tode führen¬
den Atemnot dieser Gequälten untätig zuzusehen und entleerte die
Pleuraergüsse durch Punktion, Schnitt oder auch durch Rippenresektion.
Zur exakten Indikation für das im Einzelfalle zu wählende Opera¬
tionsverfahren reichte die physikalische Diagnostik nicht aus: so kam
er allmählich zur P r ob e p u nk ti o n, einem Verfahren, das jetzt all¬
gemein üblich und über die Wahl der Operationsmethode entscheidend
geworden ist. Wässerige Ergüsse konnten durch einfache Punktion zur
Heilung gebracht werden, eitrige nur durch breiten Schnitt oder Rippen¬
resektion. Die Spülungen der Pleurahöhle mit desinfizierenden Flüssig¬
keiten, wie Lösungen von unterschwefligsaurem Natron (das er auch
bei Magenspülungen verwandte, in der Annahme, dass die schweflige
! Säure, wie beim Schwefeln der Fässer, hemmend auf Pilzwucherungen
wirkte) und von Kreosotwasser, ebenso wie die von ihm konstruierten
doppelläufigen Drainröhren, erweisen sich jetzt nicht mehr als nötig.
Von dem, was Kussmaul in der medizinischen Wissenschaft und
Kunst geleistet hat, ist in diesem engen Rahmen nur ein keines Bild ge¬
zeigt worden ; auf schlichtem Hintergrund eigentlich nur die Marksteine,
welche den Weg und die Richtung des Aufstiegs zur Höhe der Meister¬
schaft in der Heilkunde 4) kennzeichnen. Für eine des seltenen Mannes
würdige Biographie ist noch viel übrig geblieben.
Wohl kann man den Ruhm des Gelehrten nach dem bleibenden Wert
seiner Werke bemessen, zur vollen Würdigung des grossen Arztes und
seines erfolgreichen Wirkens gehört aber noch die Kenntnis von der
Eigenart seiner hervorragenden Persönlichkeit. War sie schon
<rross in ihrer Wirkung des Studenten auf seine Komilitonen zur Zeit der
Gründung der allgemeinen Studentenschaft und grösser in ihrem Ein¬
fluss auf Freunde und Kollegen zur Zeit der Gründung des Naturhisto¬
risch-medizinischen Vereins in Heidelberg, so stieg sie mit wachsender
Menschenkenntnis und Lebenserfahrung in der klinischen Laufbahn und
erreichte ihren Höhepunkt wohl in Strassburg, wo Kussmaul und
seine Klinik das stamm- und sprachverwandte alemanische Volk jenseits
des Rheins dem Deutschtum viel näher brachte, als eine grosse Zahl
von norddeutschen Offizieren und Beamten zusammengenommen. Wenn
er von seinem Vater sagte, „dass seine ruhige und teilnehmende Art
j mit den Kranken zu verkehren, ihm überall das Vertrauen der Leute
bald gewann, dass er niemals, um die Gunst der Menge buhlend, von
der Höhe seiner Bildungsstufe herabstieg und gegen Vornehm und Nieder
; stets die gleiche, achtungsvolle Höflichkeit bewahrte, die dem Arzte
die Gemeinheit fernhält und demselben besser als rohe Manieren auch
die Wertschätzung der Niedergestellten gewinnt, die sich durch höf-
I Heftes Benehmen der höher Gebildeten geehrt und gehoben fühlen“, so
galt das alles und wohl noch in höherem Masse auch von ihm. Für
! jeden seiner Kranken fand er den richtigen Ton, einen gütigen Blick
| und den tröstenden oder aufrichtenden Zuspruch. An Menschenkennt¬
nis hervorragend wirkte Kussmaul durch die Macht seiner Persön¬
lichkeit suggestiv auf seine Kranken, sie glaubten fest an ihn. an sein
! Wissen und Können und ergaben sich willig und voller Vertrauen seiner
j Führung! Die hypnotische Suggestion vermied er, weil er glaubte, dass
diese Therapie gegen einen der obersten Grundsätze in der Behandlung
der Nervenkrankheiten verstiesse: „alles zu meiden, was das ge¬
schwächte Ich noch mehr schwächt und nichts zu unterlassen, was es
kräftigt und insbesondere den ohnmächtigen Willen aufrichtet. Nur zu
leicht macht sie den Kranken zum energielosen Werkzeug des Hypnoti¬
seurs und zum traurigen moralischen Schwächling.“ So hat Kuss-
m a u 1, um ein Beispiel zu erwähnen, einem jungen, hochbegabten Medi¬
ziner, der an peinlichen vasomotorischen Störungen litt und stets er¬
rötete, wenn er mit anderen Menschen als seinen Familienangehörigen
ins Gespräch kam oder ein fremdes Lokal betrat, wieder zum Selbst¬
vertrauen verholten, indem er denselben veranlasste. in eine schlagende
Verbindung einzutreten, wo er bald auf der Mensur und in freier Rede
seinen Mann stellen lernte .
Sein verewigter Landesherr hat K u s s m a u 1 einen gottbegnade¬
ten Arzt genannt, dasselbe tat auch Nauny n. sein Nachfolger in
Strassburg, und mit ihm noch viele Freunde. Kollegen und dankbare
Kranke.
In der Vollkraft seiner Jahre habe ich Kussmaul nicht gekannt
und seine Bekanntschaft erst 1889 auf der Naturforscherversammlung in
Heidelberg gemacht, wohin er sich ein Jahr zuvor nach ruhmreicher Vol¬
lendung seiner akademischen Laufbahn von Strassburg zurückgezogen
hatte, ermüdet von der Last der klinischen Tätigkeit und bedrückt von
der Sorge um das schwere Leiden seiner treuen Lebensgefährtin.
Mit der ersehnten Ruhe in Heidelberg war es aber ein eigen Ding.
Durch sein wunderbar erfolgreiches Wirken am Krankenbett war in
so weiten Kreisen mit dem Namen Kussmauls die Vorstellung des
Wohltäters und Helfers verknüpft, dass gar manche Leidende ihren Weg.
wie früher nach Freiburg oder Strassburg, nunmehr nach Heidelberg
nahmen. Und Kuss maul, der grosse, menschenfreundliche Arzt,
kannte nicht die Hartherzigkeit, die es erfordert, einen Hilfesuchenden
abzuweisen. So blieb denn auch die Heidelberger Zeit eine arbeits¬
reiche. gab es doch manche Tage, sogar Wochen, wo der greise Meister
4) Ausführlicher ist mein „Rückblick auf die literarischen Arbeiten
A. K u s s m a u 1 s“ in der Festschrift zum 80. Geburtstage (D. Arch. f. klin.
Med. 1902, 73) und vollkommen das literarische Verzeichnis Kussmauls
und seiner Schüler, der Anhang des von V. C z e r n v herausgegebenen
Nachlasswerkes Kussmauls: „Aus meiner Dozentenzeit“. Stuttgart 1903.
5*
358
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 10
sich kaum den für seine Gesundheit nötigen Spaziergang gönnen konnte.
Als die Notwendigkeit der Assistenz sich fühlbar machte, muss mein
guter Stern das Augenmerk Kussmauls auf mich gelenkt haben.
Freudig folgte ich der Aufforderung zur Mithilfe, anfangs nur bei diesem
oder jenem Kranken, nach und nach bei fast allen, und bald war ich,
ebenso wie seine Kranken, vom Zauber der K u s s m a u 1 sehen Per¬
sönlichkeit ganz umfangen. Ich glaube Hippokrates in Person hätte
mir nicht mehr als Kuss maul imponieren können. Mit wachsender
Bewunderung sah ich, der ich doch schon 5 Jahre Assistent an der
Erb sehen Klinik und 2 Jahre Privatdozent, also in Wissenschaft und
Praxis nicht mehr ganz Novize war, die meisterhafte Diagncsenstellung.
die klassische Einfachheit der Behandlung, welche für jede Klage und
für jede Störung Linderung und Abhilfe brachte, und die glänzenden
Heilerfolge.
Die Vorträge und Erzählungen, in denen Kussmaul, wie im
schönsten Privatissimum mir seine Erfahrungen mitteilte und die
Gründe seines Handelns in diesem oder jenem Falle auseinandersetzte,
oleiben mir unvergesslich. So kam ich auch bald dem Menschen näher
und verehrte in Kussmänl nicht nur den Lehrer und Meister, sondern
auch den väterlichen Freund. Mehr als 10 Jahre währte die Zeit ge¬
meinsamer Arbeit, die schönste meines Lebens. Obwohl ich auch sein
Arzt war, war ich doch bei Kussmauls Tode nicht zugegen; ähn¬
lich wie derjenige seines Vaters, erfolgte er am Morgen des 28. Mai
1902, unerwartet, plötzlich und schmerzlos.
In zwei vorzüglichen Bildern hat Lenbach die Erscheinung
Kussmauls der Nachwelt erhalten. Das eine von diesen zeigt uns
die vornehme Erscheinung Kussmauls, den edelgeformten, durch¬
geistigten Kopf mit den feinen Gesichtszügen und den wunderbar klar,
gütig und seelenvoll blickenden blauen Augen in sprechender Aeh.nlic'h-
keit. Wegen des umgehängten Pelzmantels, der die Vornehmheit des
Bildes wirksam hervorhebt, hat sich aber Kussmaul entschuldigt,
denn er sagte mir, dass er niemals einen Pelzmantel besessen und
niemals einen getragen hätte. Lenbach hätte aber darauf, bestan¬
den, dass dieser Pelzmantel umgehängt würde, es sei der „Bismarck¬
mantel“. — nennen wir ihn den Mantel des Ruhms.
Das zweite Bild, mehr skizzenhaft gehalten, zeigt Kussmaul
im Profil und lässt die dolichozephale Schädelform, ein Zeichen alt-
germanischer Abstammung, auf welche Kusstnaul immer stolz war,
besonders schön hervortreten; das Bild ist der 1. Auflage der ...Jugend¬
erinnerungen“ als Titelbild vorangestellt und hat auch der Kussmaul- !
medaille und der grösseren Kussmaulplakette als Modell gedient. Das |
vor der Freiburger medizinischen Klinik stehende Denkmal Kuss-
m a u 1 s ist von Bildhauer H. V o 1 z in Karlsruhe.
Ein grosser Mann, der sein Leben lang nichts getan hätte, als
vorwärts streben, um in Wissenschaft und Kunst vergänglichen
Ruhm in einer vergänglichen Nachwelt zu erwerben, wäre uns sicher
langweilig. Kussmaul war das nicht: er besass einen Reichtum an
Witzundflumor, der für das ganze Leben ausreichte.
Schon als Gymnasiast hat er ein „metaphysisches Kneiplied“ ver¬
fasst mit dem Refrain: „Die Welt ist rund und muss sich drehn.“
Es war eine Parodie auf den trockenen Lehrer der Philosophie am
Heidelberger Gymnasium, der seinen Primanern Gott und die Welt und
die Emanationen all ihrer Kräfte in Gestalt von konzentrischen Kreisen
auf der Tafel begreiflich zu machen glaubte.
Der Name Kussmaul findet sich auch im Kommersbuch, denn
u. s. stammt das Lied vom verlorenen Sohn: „In dem Land Mesopota¬
mien“ etc. von ihm. In den Fliegen den -Blättern vom Jahre
1 850' 51 hat er eine Reihe von „Weiland Gottlieb Biedermaiers, Schul¬
meister in Schwaben auserlesenen Gedichten“ veröffentlicht, also den
Namen Biedermaier geschaffen. Im 2. Bande der gesammelten
Dichtungen von Ludwig Eichrodt, einem Jugendfreunde Kuss¬
maul s, finden sich dieselben, nebst Beigaben des Buchbinders
Horatius Treuherz und des alten Schartenmaier gesammelt,
allerdings schwer von denjenigen Kussmauls zu trennen. Wer für
naiven Humor und unbewusste Biederkeit seinen Sinn frisch erhalten
hat, wird sieh am Buche Biedermaier, dessen Vorwort K. geschrieben
hat, eine heitere Stunde bereiten können. An Weihnachten 1893 hat
Kussmaul für seine Freunde die „Poetischen Jugendsünden des
Dr. Oribasius“ drucken lassen, eine Sammlung von Gedichten, die auf
der I^ndpraxis in Kandern entstanden, als er die Landschaft vom
hohen Blauen bis zum Isteiner Klotz fast täglich durchschritt und durch¬
schritt. Der fromme Fuchs, der ihn „dichtend und Rezepte schreibend“
zu den kranken Bauern trug“, ward zum Pegasus. — Schon in Kandern
wurden die Blätter aus den Augen verloren und kamen erst nach
40 Jahren auf dem Speicher des Heidelberger Hauses, unter alten Büchern
vergraben wieder zum Vorschein.
Kussmaul meinte, „die Muse hätte ihn gemieden“, seitdem er
die Biedermaiergedichte nach dem Vorbild Sauters verübt hätte.
Als er aber in Heidelberg die „.Tugenderinnerungen eines alten Arztes“
zu schreiben begann, ist ihm die Muse wieder in voller Schönheit zur
Seite gestanden, das sagt uns schon das Vorwort zu denselben. Und
wenn wir wissen, dass der Druck der „Jugenderinnerungen“ wenige
Monate nach dem Tode von Kussmauls Gattin begonnen wurde,
so wird uns der tiefe Emst jener Verse erst recht verständlich;
„Musst du Gram im Herzen tragen und des Alters schwere Last,
Lade Dir aus jungen Tagen die Erinnerung zu Gast.“
Ich brauche auf dieses prächtige Werk nicht näher einzugehen,
gehört es doch auch jetzt noch zu den in weiten Kreisen mit Vorliebe
gelesenen Büchern, voll Geist und Gemüt wie wenig andere.
Kuss m a u 1 hat in den „Jugenderinnerungen“ seinem Vater ein Denk¬
mal errichtet, wie es schöner und dankbarer kein Sohn tun kann. Wi
uns die Gestalt dieses Mannes im Buche entgegentritt, ist sie Achtum
gebietend und Sympathie erweckend: ein würdiges Vorbild seine:
grossen Sohnes. Wir Aerzte haben allen Grund, dem Verfasser de
„Jugenderinnerungen eines alten Arztes“ dankbar zu sein; denn we
dieses unvergleichliche Buch zur Hand genommen hat, wird es nich
weglegen, ohne das Gefühl der Hochachtung und Ehrfurcht vor unserer
schweren und schönen Berufe gewonnen zu haben.
Für die Praxis.
Diagnose und Behandlung des Empyems der Warzen¬
zellen im Verlaufe der akuten Mittelohrentzündung.
Von Scheibe -Erlangen.
Wie ich in der letzten Nummer dieser Wochenschrift gezeigt hab¬
ist in den meisten letalen Fällen von akuter Mittelohrentzündung Rf
tention in den Zellen, d. h. Empyem, die Ursache der endokranielle
Komplikation Die wichtigste Frage für den praktischen Arzt ist dahe
Ist ein Empyem vorhanden oder nicht? Diese Frage ist entgegen di
allgemeinen Ansicht, wie wir sehen werden, auch von dem Praktik
leicht zu beantworten.
Wir unterscheiden das Empyem der Paukenhöhle, der Warzei
höhle (Antrum mast.) und der peripheren Zellen.
Das Empyem der Paukenhöhle ist nicht gefährlich. Es bricht dun
das Trommelfell bald nach aussen durch. Man muss zwar annehme
dass gleichzeitig mit der Paukenhöhle auch alle frei mit ihr kominur
zierenden Mittelohrräume unter Ueberdruck stehen. Durch den Durc
bruch des Trommelfells aber werden auch sie entlastet. Wir köiini
diese Empyeme im Gegensatz zu den isolierten als solche erster Or
nung bezeichnen.
Die isolierte Retention im Antrum ist selten, da die Kommumkatii
zwischen ihm und der Paukenhöhle auch bei stärkerer Schwellung d
Schleimhaut meist noch genügt. Nur bei kleineren Kindern beobacht
v. jr öfter Empyem in der Warzenhöhle. Dies erklärt sich ohne weiter
aus der in diesem Alter noch erhaltenen embryonalen, d. h. dicker
Schleimhaut. Bei der oberflächlichen Lage des Antrum bricht der Eit
fast immer nach aussen durch.
Am gefährlichsten ist das isolierte Empyem der peripheren Zellt
und im folgenden soll deshalb nur von ihm die Rede sein.
Die pneumatischen Zellen bestehen bei der Geburt noch, nicht, :
beginnen in den ersten Lebensjahren sich allmählich zu entwickeln u
nehmen bis zum Greisenalter an Zahl und Grösse immer mehr zu. II
Entwicklung ist individuell ausserordentlich verschieden. Sie grenz
vielfach an die Schädelhöhle und nicht selten auch an das Labyrinth,
Retention in einer Zelle unterscheidet sich pat.hologisc
anatomisch schon makroskopisch von einer .. einfachen Zc
lungeiterung mit freiem Abfluss. Am besten können wir d
bei der Aufmeisselung des Warzenteils beobachten. Wenn i
Zelle an die Aussenfläche grenzt, so sehen wir in der Koi
kalis erweiterte Gefässlöcher oder nach erfolgtem Durchbn
eine zirka linsengrosse Fistel, die mit dunkelroten Granulation
ausgefüllt ist. Der hervorquellende rahmige, gelbe Eiter steht deutl
unter Druck. Luftblasen entleeren sich nicht. Wenn Luftblasen a
steigen, so ist der Abfluss noch fre-i. Nach Abtupfen des Eiters si
man in der Empyemhöhle genau die gleichen, dunkelroten Granulatior
wie in der Fistel. Nach Abfluss des Eiters dehnt sich die entlast
granulierende Schleimhaut aus. ,
Bei der histologischen Untersuchung können wir feststellen, d;
die entzündlich infiltrierte Schleimhaut bis auf das 80 fache verdickt
Das Epithel fehlt grösstenteils an der Oberfläche und kann sich
Schläuchen angeordnet in der Tiefe finden. Die Wand der Zelle i
der benachbarten Markräume ist überall besetzt mit Osteoklasten
H o w s h i p sehen Laknnen.
Ueberraschend ist die Neigung des Knochenprozesses zur Heim
Schon bei Druckentlastung durch Durchbruch unter das äussere Pen
können wir nach wenigen Tagen konstatieren, dass an Stelle der Ost
klasten überall Osteoblasten sitzen, welche die Lakuneli wieder
osteoider Substanz zudecken. Es ist klar, dass die Bezeichnung „Kari
für diese Knochenerkrankung ebenso falsch ist wie die Bezeichn!
Ulcus für die, dieselbe Heilungstendenz aufweisende, Perforation
Trommelfells bei der genuinen Mittelohreiterung. Bei beiden liegt v
mehr ein an und für sich zweckmässiger Vorgang vor; die Knoch
einschmelzung kann allerdings beim Durchbruch nach innen zum T
führen.
Ehe wir auf die Behandlung eingehen, müssen wir noch die rr
erörtern : Warum entsteht ein Empyem nur in ein
kleinen Teil der Fälle?
Wir sehen das Empyem viel häufiger bei der genui
Eiterung sich entwickeln, als bei der sekundären,
widerstandsfähiger der Organismus, desto stärker die entziindli
Schwellung der Schleimhaut, desto leichter kann sich der Ausführui
gang in einer oder mehreren Zellen verstopfen, so dass der Eiter n
oder nicht genügend abfliessen kann und Ueberdruck entsteht.
Von den Empyemkranken sind 75 Proz. Männer und nur 25. P
Frauen. Dieses Zahlenverhältnis deutet auf die schädliche Einwirk
der körperlichen und geistigen Anstrengung, sowie des Alkohols
Doch dürfte auch dem Unterschiede in der Entwicklung des War;
Ijlärz 1922
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
359
r . itzes beim Manne und Weibe eine erhebliche Bedeutung für das
u .ndekommen dieses auffälligen Zahlen Verhältnisses zukommen,
iiliese Annahme spricht auch die Beobachtung, dass das Empyem
: um so leichter entwickelt, je verbreiteter und besonders je
c er die Zellen sind. Mit der Grösse der Zelle wächst nicht in
|iem Verhältnis auch die Weite des Ausführungsganges.
/on weniger Einfluss ist die Art der Bakterien. Dass sich viel
[t ger Kapselkokken finden als kapsellose Eiterbakterien, erklärt sich
| tsächlich aus der Tatsache, dass die Kapselkokken bei der genuinen
t ing viel häufiger gefunden werden als bei den konsumierenden
i meinkrankheiten. Die Art der Bakterien scheint jedoch nicht ganz
r Einfluss zu sein. Besonders der Streptococcus mucosus findet sich
i mpvemeiter verhältnismässig häufiger als bei der unkomplizierten
:i n Mittelohrentzündung.
Diagnose.
, )er praktische Arzt stellt die Diagnose des Empyems gegenwärtig
ivhnlich nur, wenn. Druckempfindlichkeit oder Schwellung des War-
i ils vorhanden ist. Hiebei ist aber darauf hinzuweisen, dass einer-
•i die Ursache der Schwellung nicht immer Retention, sondern
Bihmal auch nekrotisierende Entzündung ist. und dass anderseits
s:mpyem bereits im Beginn erkannt werden soll, wenn es noch
i Erscheinungen an der Aussenfläche macht; vor allem aber wird
jj og. 'latente Empyem, das wegen seiner tiefen Lage am gefährlich¬
eiist, bei diesem Vorgehen überhaupt der Diagnose entgehen. Wenn
irdle diagnostischen Hilfsmittel, die uns heutzutage zur Verfügung
e n. zu Hilfe nehmen, darf es aber kein „latentes“ Empyem geben,
^ für den Praktiker nicht.
leim „latenten“ Empyem kann Druckempfindlichkeit vollständig
u. Der Ausfluss aus dem Gehörgang kann sistieren oder hat über-
i: nicht bestanden. Die Temperatur kann normal sein oder steigt
Atens bis 37.4 oder 37,6 und übersteigt selbst bei Kindern nur
in 38°. Das Gehör kann ebenfalls wieder annähernd normal sein.
1 erzen fehlen im späteren Verlauf meist ganz, selbst wenn der Eiter
t so hohem Druck steht, dass er bei der Aufmeisselung in. Massen
rkquillt. Ich stimme Bier darin vollständig bei, dass Eiterung au
diir sich keine Schmerzen macht.
ins welchen Symptomen stellen wir nun in solchen Fällen trotz
s'ehlens der obigen Erscheinungen die Diagnose?
■-inen Fingerzeig gibt uns schon die Dauer der Erkrankung. Es
: imer verdächtig, wenn diese bei der genuinen Form die durch-
hittiiche Zeit von 2 Wochen wesentlich übersteigt.
Vichtige Anhaltspunkte bietet ferner das Trommelfellbild. Die
Indliche Schwellung ist so stark, dass von den Hammerteilen —
und kurzer Fortsatz — nichts zu erkennen ist. Ja selbst die
nergefässe sind von den übrigen Gefässen des Trommelfells meist
abzugrenzen. Solange ein Empyem in einer Zelle besteht, hellt
las Trommelfell nicht auf. Man darf deshalb von einem Empyem-
nelfell sprechen. Theoretisch ist es schwer zu verstehen, warum
rommelfell infolge eines kleinen, ganz entfernt liegenden Empyems
?e geschwollen bleibt, aber die Tastache steht fest. Die Erken-
r dieses Symptomes setzt natürlich gründliche Reinigung des Gehör-
n mit der Spritze und vor allem Uebung im Otoskopieren voraus.
chliesslich steht uns noch ein Symptom zur Verfügung, das bisher
epu wenig berücksichtigt wird, das aber auch der Praktiker ohne
e res verwerten kann. Es ist dies das Klopfen. Pulsieren, auch
r.'ken, Hämmern, Schlagen oder Toben genannt. Es fehlt beim
R em fast niemals. Nur muss man den Kranken darnach fragen, da
ei.vürdigerweise die meisten Patienten es von selbst nicht angeben,
ui Kontrolle mit dem Puls kann man sich auch objektiv leicht von
nVorhandensein des Klopfens überzeugen. Es wird vom Kranken
il gehört als gefühlt. Durch Einführung einer Lärmtrommel, wie sie
fl Nachweis einseitiger Taubheit benützt wird, in den Gehörgang
sj.rariken oder auch des gesunden Ohres lässt es sich gewöhnlich
(Verschwinden bringen. Ist es schwächer, so verschwindet es schon.
die Lärmtrommel auf 10 oder 20 cm genähert wird. Man ist aiso
i ;r Beurteilung der Intensität nicht ganz auf das Urteil des Kranken
vieseti. Das Pulsieren besteht auf der Höhe der Krankheit ununter¬
en Tag und Nacht, keine Minute aussetzend. Nachts bei tiefer
des Kopfes ist es stärker als am Tage. Bei körperlicher An-
Emng. Alkoholgenuss oder auch nach reichlicher Mahlzeit verstärkt
■n ebenfalls.
lur bei Kindern in den ersten Lebensjahren müssen wir die Dia-
; ohne dieses wichtige Symptom zu stellen suchen,
n keinem Organ spielt das Pulsieren bei der Diagnose eine so
c ige Rolle, wie im Ohr. Bei Empyem des Wurmfortsatzes und der
Mnblase wird es anscheinend nicht wahrgenommen. Oder fragen
- inrurgen zu wenig darnach? Beim Panaritium wird es sehr deut-
1 e.iihlt. ist aber für die Diagnose kaum nötig.
R denjenigen Fällen von Fmpyem, in welchen Ausfluss besteht —
i-as sind die meisten — bietet auch das Sekret charakteristische
K tum.ichkeiten. Der Eiter ist erstens rahmig und füllt zweitens
■Eumen des Gehörgangs ganz aus, während er in den unkompli-
- in Fällen von Otitis media dünnflüssiger, auch schleimiger ist
t?ur den Boden bedeckt. Bisweilen wechselt er in der Menge
[end stark, und in diesem Falle kann er vorübergehend auch blutig
T nt sein.
;jber zur Diagnose ist der Ausfluss, wie gesagt, nicht notwendig.
1 können sie schon stellen, wenn Klopfen besteht und das
, mm elf eil sich nicht aufhellt. Voraussetzung ist. dass
Ostens 2 Wochen, seit Beginn der Otitis verflossen sind. Das
■em der Paukenhöhle kann zwar die gleichen Erscheinungen machen.
Nach Ablauf von 2 Wochen kommt dieses aber nicht mehr in Betracht,
weil es schon früher durchbricht.
Behandlung.
Die Behandlung kann zunächst konservativ sein. Sie unterscheidet
sich in nichts von der bei der unkomplizierten akuten Mittelohreiterung.
In den Fällen mit Ausfluss ist die Borsäurebehandlung zu empfehlen.
In allen Fällen tut die Luftdusche gute Dienste; wir sehen darnach bis¬
weilen Klopfen und Druckempfindlichkeit momentan geringer werden.
Auf den Warzenteil wird ein Eisbeutel gelpgt. D^s grösste Gewicht aber
ist auf absolute körperliche und' geistige Ruhe, Vermeidung von Alkohol
und Hochlagerung des Kopfes zu legen.
Nehmen unter dieser Behandlung alle Erscheinungen ab, so kann
mit der konservativen Behandlung fortgefahren werden. Setzt das
Klopfen erst einmal einige Minuten aus, so bedeutet das gewöhnlich
den Anfang der Heilung, vorausgesetzt, dass keines der übrigen Sym¬
ptome zunimmt. Die klopffreien Pausen werden mit jedem Tage länger,
die Hörweite nimmt zu, der Ausfluss, falls er vorhanden war, hört all¬
mählich auf, im Trommelfell erscheint der kurze Fortsatz wieder, und
erst zuletzt verschwinden etwa bestehende Druckempfindlichkeit und
Schwellung.
Unter der konservativen Behandlung heilen mehr als ein Drittel
der Empyeme.
Eine wichtige Frage ist nun: Wann soll operiert werden?
Nehmen trotz der Behandlung die Erscheinungen oder auch nur ein
Teil derselben zu. wird das Klopfen stärker, wird das Gehör schlechter,
oder vermehrt sich der Ausfluss, steigt die Temperatur, wenn auch
nur wenig, und tritt Druckempfindlichkeit oder Schwellung auf, sei es
an der Aussenfläche oder unter der Spitze oder am Jochbogen oder im
knöchernen Gehörgang, so ist jedes dieser Symptome für sich als An¬
zeichen dafür aufzufassen, dass der Eiter durchbrechen will, und damit
die Operation angezeigt.
Die Operation ist auch notwendig, wenn zwar das Klopfen aussetzt,
aber eines der übrigen Symptome unverändert fortbesteht oder gar zu¬
nimmt. In diesem Falle ist das Aussetzen des Klopfens kein gutes,
sondern ein schlechtes Zeichen und deutet auf Druckentlastung durch
Durchbruch nach der Schädelhöhle hin. Die Kranken behaupten in
diesem Falle häufig, dass in dem Moment, wenn das „harte“ Klopfen
aussetzt, ein „weiches“, gleichfalls pulsierendes Rauschen dafür eintritt.
Deutet schliesslich ausserdem das Auftreten von stärkeren ein¬
seitigen Kopfschmerzen auf das Fortschreiten nach innen hin. oder treten
gar weitere zerebrale oder Labyrinthsymptome auf, so ist natürlich
mit der Aufmeisselung erst recht nicht zu zögern.
Man soll sich deshalb jeden Tag über die Gesamtheit der Symptome
orientieren. Tut man das nicht, so ist die Verantwortung, die man mit
dem Zuwarten übernimmt, zu gross, und die Folge kann der plötzliche
Eintritt einer tödlichen zerebralen Komplikation sein.
Die Operation selbst ist in den Händen des Geübten ungefährlich.
Sie ist in manchen Fällen sehr leicht, aber andererseits bisweilen auch
sehr schwer, so dass die genaueste Kenntnis der komplizierten ana¬
tomischen Verhältnisse Vorbedingung für den Operateur ist Sitzt das
Empyem gar in der Pars petrosa oder in einer Tubenzelle, so findet
es auch der geübteste Operateur meist überhaupt nicht. Dies sind dm
gefürchteten Fälle, in denen auch bei frühzeitiger, sachgemässer Be¬
handlung der Tod nicht mit Sicherheit zu verhüten ist.
Es empfiehlt sich deshalb für den praktischen Arzt im allgemeinen,
den Kranken zur Operation an den Facharzt zu verweisen. Nur wenn
Druckempfindlichkeit, Schwellung oder Fluktuation auf eine oberfläch¬
liche Lage des Empyems hinweisen, kann er bei mangelnder spezialisti-
scher Hilfe sich an die Operation heranwagen. Er wird dann oft beim
ersten Meisselschlag das Empyem finden. Er erkennt es an dem her¬
vorquellenden rahmigen Eiter und an den dunkelroten Granulationen.
Das Antrum, der Hauptraum des Warzenteils, braucht dann nicht eröffnet
zu werden.
Die Granulationen sollen nicht mit dem scharfen Löffel, sondern
mit einem stumpfen Spatel herausgeschabt werden, da bei längerer
Dauer des Empyems sehr häufig die granulierende Dura in der Höhle
blossliegt. Die erkrankte Dnra soll überall bis ins Gesunde blossgeleet
werden, wobei der Spatel als Schützer sich sehr bewährt. Fehlt iedes
Symptom einer weiteren Komplikation, so kann man nach Reinigung
mit irgendeinem Antiseptikum die Höhle mit Ausnahme des unteren
Wundwinkels schliessen. Heilung ist bei primärem Verschluss oft in
1 — 2 Wochen zu erzielen. ^
Genügt aber der Operationsbefund nicht, um alle Symptome zu
erklären, so beginnen erst die Schwierigkeiten der Operation. Man
wird deshalb verstehen, wenn ich dem Praktiker im allgemeinen emp¬
fehle. seine Kranken, sobald die Operation angezeigt ist, dem Facharzt
zu überweisen. Er soll sich auf die Stellung der Diagnose und bei
Fehlen jedes ernsteren Symptomes auf die konservative Behandlung
beschränken, aber nur so lange, als keine Zunahme der Empvems-
symptome eintritt.
Mit der Stellung der Prognose nach der Operation soll man
immer vorsichtig sein, da die Möglichkeit besteht, dass noch ein zweites
tiefer liegendes Emnyem bei der Operation unentdeckt geblieben ist,
und da in keinem Falle von Emovem eine bereits latent bestehe^"
tiefere endokranielle Komplikation ausgeschlossen werden kann. Im
allgemeinen ist die Prognose aber günstig. Von 100 Fällen akuter
Mittelohrentzündung, die mit Fmpyem der Warzenzellen kompliziert sind,
stirbt höchstens einer, vorausgesetzt, dass das Empyem frühzeitig in
Behandlung kommt.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
360
Soziale Medizin und Aerztliche Standesangelegenhelten.
Die reichsgesetzliche Ordnung der Wochenhilfe.
Von Dr. Q. Seiffert, München.
Wer weitsichtig die Volksgesundheit erhalten und verbessern will,
muss sein Hauptaugenmerk auf das kommende Geschlecht richten, auf
die geborene und noch ungeborene neue Generation. Er weiss, dass
er nicht für dtie Gegenwart, sondern für die Zukunft seines Volkes
schafft, die noch im Schosse der Mütter liegt. Alle Bestrebungen sozial¬
hygienischer Natur, die den Müttern und ihren Kindern zugute kommen,
müssen unter dem Gesichtspunkt, dass sie der Erhaltung und Verbesse¬
rung des Volksbestandes dienen, bevölkerungspolitisch auf das höchste
bewertet und gefördert werden. So wird man auch in den gesetz¬
geberischen Massnahmen, die der Wochenhilfe und Wochenfürsorge
dienen, einen wertvollen Gewinn seihen und ist wohl berechtigt, sie
„als die bedeutendste sozialpolitische Errungenschaft der Kriegszeit'
zu bezeichnen.
Es war ein langer Weg, bis sich aus den ersten Anfängen in der
Krankenversicherungsordnung vom 15. Juni 1883 die reichsgesetzlichen
Bestimmungen über Wochenhilfe und Wochenfürsorge in ihrer heutigen
Form herausbildeten. Der kleine Kreis der Frauen, denen zunächst eine
Wochenhilfe für 3 Wochen nach ihrer Niederkunft in Form von Kranken¬
geld zustand, erweiterte sich mehr und mehr, bis heute praktisch jedei
ihrer bedürftigen Frau die Wochenfürsorge in wesentlich erweiterter
Form zusteht. Die meisten Leistungen waren ursprünglich freiwillige
Kassenleistungen; wenn auch langsam die Zahl der Kassen wuchs, die
sich zu diesen freiwilligen Leistungen entschlossen, so konnte sich das
Erstrebte erst voll auswirken, als aus den fakultativen Leistungen
obligatorische wurden. Diese Wandlung wäre vielleicht sein lang¬
samen Schrittes in vielen Jahrzehnten erfolgt, wenn nicht der Einst
der Kriegsnot die Notwendigkeit gezeigt hätte, das heranwachsende
Geschlecht mit aller Kraft zu schützen und zu erhalten, um die Wunden,
die der Krieg dem Volkskörper schlug, wenigstens in den kommenden
Jahren durch eine kräftige, neue Generation wieder schliessen zu
können.
Am 3. Dezember 1914 erschien die Reichsverordnung über
die Wochenhilfe während des Krieges, wodurch eine Beihilfe bei
der Entbindung und bei Sc'hwangerschaftsbeschwerden sowie das Still¬
geld zur Regelleistung wurden, freilich für den immerhin recht be¬
grenzten Kreis der unmittelbaren Angehörigen von Kriegsteilnehmern.
Doch sehr bald erweiterte die Reichsregierung diesen Kreis durch neue
Verordnungen. Während und nach dem Kriege bewies die früher um¬
strittene, nun aber staatlich anerkannte Wochenhilfe .ihre Notwendigkeit
und ihre Durchführbarkeit. Es wurde so eine endgültige Regelung dieser
Frage durch Reichsgesetz nach Friedensschluss ©ine von allen Seiten
gestellte Forderung, die sich trotz mancher, insbesondere finanzieller
Bedenken endlich erfüllen konnte. Unter dem 26. September 1919
wurde ein entsprechendes Reichsgesetz erlassen, das die Weiterführung
der Kriegs wochenhilfe in der Friedenszeit bezweckte. Der Inhalt des
Gesetzes war ein guter, seine Fassung aber ausserordentlich mangelhaft
und wenig durchdacht, so dass schon nach einem halben Jahre eine
Ueberarbeitung als Gesetz vom 30. April 1920 erfolgen musste. Aber¬
mals mussten Neuänderungen erfolgen im Gesetz vom 29. Juli 1921 und
schon am 17. Dezember 1921 erfuhr dieses wieder eine wenn auch
geringe Aenderung, Trotz dieses langen und eigenartigen legislatori¬
schen Entwicklungsganges ist das Gesetz nicht als vollkommen zu
bezeichnen. Man muss in ihm etwas Vorübergehendes sehen, da es bei
Neubearbeitung der Reichsversicherungsordnung in diese einbezogen
werden soll; die Fertigstellung und Verabschiedung dieses Gesetzes
wird sich aber voraussichtlich noch auf eine Reihe von Jahren hinaus¬
zieh en>.
Bei der Wichtigkeit des Gesetzes über Wochenhilfe. das auch für
den Arzt nicht ohne Bedeutung ist. wird eine Darstellung der be¬
stehenden Vorschriften in ihrer heutigen Form nicht ohne Wert sein.
Fs kommen in Frage einmal ergänzte oder erneuerte Paragraphen
der Reichsversicherungsordnung und zweitens das eigentliche Gesetz
über Wochenhilfe und Fürsorge.
Nach dem Gesetz gibt es drei Formen der Wochenhilfe: Kassen¬
wochenhilfe. Fanulienwochenhilfe und Wochenfürsorge. Kassen¬
wochenhilfe kommt in Frage, falls die Versicherte mindestens
6 Monate vor der Niederkunft gegen Krankheit _ versichert war,
Farni lien wcch enhilfe für die Ehefrau, Töchter. Stief- und Pflege¬
töchter von Versicherten, die mit ihnen in häuslicher Gemeinschaft
leben. Wochenfürsorge aus Mitteln des Reiches erhält jede im Inland
wohnende minderbemittelte Deutsche, für die die obengenannten
Formen der Wochenhilfe nicht in Frage kommen. Als minderbemittelt
gelten solche, bei denen das eigene Einkommen oder das des Mannes
im Jahr vor der Entbindung 15 000 M. nicht überstieg; dieser Betrag
erhöht sich für jedes Kind unter 15 Jahren um 500 M. Geleistet sollen
werden;
1. Aerztliche Behandlung, falls solche bei der Entbindung
oder Schwangerschaftsbeschwerden erforderlich ist. Die Gewährung
ärztlicher Behandlung wird erfolgen, sobald über ihre Durchführung und
die Vergütung der Aerzte alle Verhandlungen abgeschlossen sind. Bis
dahin wird eine Geldbeihilfe in der Höhe von 50 M. gewährt.
Die Wöchnerin soll durch Rechnung oder anderweitig nachweisen, wann
und warum Arzt oder Hebamme gerufen wmrden. An Stelle dieser Oeld-
beihilfe kann die Kasse ärztliche Behandlung, Hebammendienst und i
forderliche Arzneimittel gewähren.
2. Ein Entb indungsbeitrag in der Höhe von 100 M. — Ai
hier kann Sachleistung durch die Kasse erfolgen.
3. Ein Wochengeld in der Höhe des Krankengeldes
10 Wochen, von denen mindestens 6 in die Zeit nach der Niederkr
fallen müssen. Der Mindesttagessatz des Wochengeldes ist 4.50
bei der Kassenwochenhilfe, 3 M. bei der Familienwochenhilfe i
Wochenfürsorge. Besondere Bestimmungen gelten für den Fall, d;
die Wöchnerin gleichzeitig Anspruch auf Wochengeld und Krankeng
hat. Kassen können an Stelle des Wochengeldes Aufnahme in
Wöchnerinnenheim und Hilfe lind Wartung durch Hauspflegerinnen
währen; in letzterem Falle muss der Wöchnerin die Hälfte des Wochi
geldes verbleiben.
4 Ein Stillgeld, solange die Wöchnerin ihr Neugeborenes st
bis zum Ablauf der 12. Woche nach der Niederkunft. Das Stillg
muss täglich mindestens 4.50 M. betragen. Stillgeld wird auch geza
wenn die Brust nur einmal, daneben aber Beikost gegeben wird. 1,
gestillten Zwillingen wird doppeltes Stillgeld gewährt. Das Stillg
kann nicht durch Sachleistung ersetzt werden. Der Nachweis
Stillens wird für gewöhnlich durch Zeugnis eines Arztes oder ei
Hebamme erbracht. Sehr weitgehend eingeführt hat sich die Ausstelli
des Stillzeugnisses durch die Säuglingsberatungsstellen.
Die Kassen können, falls ihre Versicherten infolge, der Schwank
schaft arbeitsunfähig werden, ein Schwangerengeld in der Höhe
Krankengeldes bis zu 6 Wochen zubilligen und auf die Dauer die
Leistung die Zeit der Gewährung des Wochengeldes vor der Niet
kunft anrechnen. Bei der Familienwochenhilfe kann Wochen- und ;•
geld bis zur Hälfte des Krankengeldes erhöht werden.
Die Anträge auf Wochenhilfe sind zu stellen für Kassen-
Familienwochenhilfe bei der Krankenkasse der Versicherten bzw.
'•ersicherten Familienangehörigen, für die Wochenfürsorge beim \|
sicherungsamt des Aufenthaltes der Wöchnerin.
Bei Verweigerung der Wochenhilfe entscheidet das Versicherur
amt. Berufung kann an das Oberversicherungsamt erfolgen. Fra
grundsätzlicher Bedeutung können durch das Reichsversicherungs
verbeschieden werden. Die Kosten der Kassenwochenhilfe y
den ausschliesslich von den Krankenkassen getragen, sie r
nen zu diesem Zweck erhebliche Beitragserhöhungen (bis
io Proz ) vornehmen. Die Kosten der Familienwochenhilfe tra
Krankenkasse und Reich zu gleichen Teilen. Die Wochenfürsorge
streitet das Reich ganz. Für Wöchnerinnen, die in ihrer Sache!
betreffend Wochenhilfe brauchen, hat der Landesverband für St
lings- und Kleinkinderfürsorge, München, Ludwigstrasse 14/1, 3.
(rang eine Beratungsstelle eingerichtet, die unentgeltlich,
Ersatz etwaiger Portokosten, entsprechende Auskunft erteilt. Eingeh
behandelt ist die gesetzliche Unterlage der Wochenhilfe in einem I
faden Jägers durch das Gesetz vom 19. Juli 1921 (München. O. B e
Man kann naturgemäss sichtbare und statistisch ausdriiekbare
folge des Gesetzes noch nicht erwarten; hiiefür ist das Gesetz nocl
kurze Zeit in Kraft. Erfolge, die man auf seine Vorgängern,
Kriegswochenhife, zurückführen will, müssen mit Vorsicht beur
werden, da hierbei manche andere Faktoren entscheidend mitsprac
Die starke Zunahme des Selbststillens während des Krieges wurde ;
fach der Kriegswochenhilfe zugeschrieben; bei einer Anzahl von F<
mag dies zutreffen, bei dem erheblich grösseren T eil aber dürften
Schwierigkeit und die hohen Kosten, Milch für das Kind zu bescha
zum Selbststillen bestimmt haben, beobachtet man doch jetzt an
schiedenen Orten, dass mit der Verbesserung der Emährungsverl
nisse die künstliche Ernährung wieder zunimmt, wenn auch nicht in
JVIansse wie in der Vorkriegszeit. Es ist unmöglich zu sagen, wie
bei der Stillzunahme ein Erfolg der Kriegswochenhilfe zu sehen
Auch heute, wo die Milchbeschaffung äusserst schwierig und der M
preis ein unangemessen hoher ist, werden diese Umstände oft viel j
wie das Stillgeld entscheiden. Die Erfolge der Kranken- und Invali
Versicherungen sind im Sinne einer Hebung der Volksgesundheit
fast 40 Jahren mit Sicherheit nicht erkennbar; die Auswirkung des
setzes über die Reichswochenhilfe zeigt sich vielleicht erst bei
nächsten und übernächsten Generation. Dass das Gesetz ganz y
Erfolg bleibt, wie vereinzelte Schwarzseher annehmen, wird hof
lieh nicht zutreffen. J
Die Durchführung des Gesetzes erfordert ausserordentlich
Mittel; trotz der grossen Gesamtaufwendungen mag manche Er
leistune gering erscheinen. Man versucht sie dauernd zu erhöhei
dies aber bei der täglich wachsenden Verarmung Deutschlands in
sprechendem Masse weiter geschehen kann, ist zweifelhaft. Die
währten Leistungen werden nie im ganzen Umfange Vollentsc
gungen sein, es wird schon wesentlich damit gedient sein, wem
einen nicht zu kleinen Zuschuss darsteilen. Es liegt aber nicht ;
in den Geld- bzw. Sachleistungen die einzige Bedeutung des Oese
Der Gedanke der Wochenhilfe ist lebendig geworden und wirbt c
das Dasein des Gesetzes täglich für sich; man denke allein ar
indirekte Propaganda für das Selbststillen durch das Stillgeld. I
zu erwarten, dass diese Gedanken immer fester in den Gedanken
des Volkes eingewebt werdbn, dann erfüllt sich das Gesetz auc
seiner ideellen Richtung. Auch nach anderen Richtungen bedeute
Gesetz Fortschritte oder bereitet einen Fortschritt vor. Als seh
deutsam muss hervorgehoben werden, dass das Gesetz bei seiner
keinerlei Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Mutter rr
März 1922.
Münchener medizinische Wochenschrift.
361
i fakultative Ablösung des W'ochengeldes durch Hauspflege wird ohne
; :ifel den Ausbau dieser wichtigen Einrichtung fördern. Dadurch.
Ü vielerorts die Beratungsstellen für Säuglinge das Stillzeugnis aus-
t en, erhöht sich die Zahl der befiirsorgten Säuglinge, die zum Teil
m nach Ablauf des Stillgeldes noch in der Fürsorge bleiben. So
i et das Gesetz mannigfache neue Möglichkeiten, um die Fürsorge
i Vlutter und Kind extensiver und intensiver zu gestalten.
ln manchen Fällen mag vielleicht das Gesetz das Gewollte nicht
r ichen. Manche werdende Mutter wird die Zeit, in der sie sich vor
r nach der Niederkunft von der Erwerbsarbeit enthalten soll, nicht
i er zweckmässig, oft gar zu ungeeigneter und schwerer Beschäfti-
Ir benützen. Für manche, weniger gewissenhafte Frau wird auch
Stillgeld in seiner jetzigen Höhe kein Lockmittel zum Selbststillen
. Derartige Nachteile werden aber den aus dem Gesetz erwach-
: n Nutzen nie überwiegen. Die besten Einrichtungen zeigten ein-
Je Fehlschläge, man darf an ihnen nicht irre werden, man muss
Ganze sehen. Es ist auch zu hoffen, dass das Gesetz bei seiner
ültigen Fassung im Rahmen der Reichsversicherungsordnung seinem
cke noch besser gerecht werden dürfte wie bisher, wird man doch
dahin auch weit mehr aus den praktischen Erfahrungen über die
Iihabung und Durchführung des Gesetzes gelernt haben. Man darf
Wirkung des Gesetzes im ganzen nicht unterschätzen. Man soll
vergessen, dass das Gesetz eine bessere Zukunft für die kommen-
Generationen und ihre Mütter schaffen will und hierbei wird man
; an die Worte Friedrich Naumanns denken müssen: „Die
ner regieren, die Frauen aber sind zur Grösse der Nation das
;ste. Denn nur Völker mit leistungsfähigen Müttern setzen sich
h, die Mütter sind das erobernde Element. Wird in einem Volke
Mutterschaft schwach, so nützt alle übrige Kultur nichts mehr,
s Sinken der Mütter ist der Niedergang an sich, der Sturz in das
dsenalter der Völker.“
Gesundheitsverhältnisse der jüngeren und ältesten
rgänge des deutschen Volkes bei der gegenwärtigen
Ernährungslage.
c Oberregierungsrat Dr. Bogusat, Mitglied des Reichs¬
gesundheitsamtes.
'Obwohl die Freigabe vieler Nahrungsmittel aus der Zwangswirt-
ft und die reichlichere Lebensmittelzufuhr aus dem Auslande die
meinen Ernährungsverhältnisse in Deutschland wesentlich gebes-
haben, ist die Lage derjenigen Altersklassen des deutschen Volkes,
ehon während der Kriegszeit am meisten unter Ernährungsschwie-
:iten litten, nämlich die der Kleinkinder, der Schulpflich-
3 n und der nicht mehr oder nur in bescheidenstem Maasse E r -
1 b s f ä h i g e n immer noch keine beneidenswerte.
Sind die Kleinkinder auch im allgemeinen nicht mehr dadurch
• erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt, dass sie. wie in den Jahren
—1918, infolge der ausserhäuslichen Berufstätigkeit der Mütter in
ergärten, Krippen und ähnlichen Anstalten zusammengedrängt
en, so leidet ihr Wohlbefinden neben anderem doch ganz erheblich
i die hohe Verteuerung der Lebensmittel sowie die oft geradezu
^ammerns werten Wo'hngelegenheiten. Leider liegt
i den Gesundheitszustand der Kleinkinder kein gleichmässiges sta-
! ches Material aus dem ganzen Reiche vor. Immerhin erhält man
ungefähres Bild von dem Umfange der Schädigungen, wenn man
einschlägigen Angaben aus einer Reihe von Bezirken und üross-
i en des Reiches beachtet, nach denen Vs — Vs der dort woh-
;den Kleinkinder deutliche Krankheitserschei-
-gen darbieten. Namentlich wird über die auch jetzt noch
gen Fälle von Rachitis, und zwar gerade der schweren For-
(Verkrüppelungen nicht nur der Gliedmassen, sondern
des Brustkorbes) bei den Zwei- und Dreijährigen geklagt,
ig finden sich ausserdem bei Kleinkindern Darmerkrankun-
wohl infolge der in manchen Familien nicht ausreichenden Ver-
Isng der Kleinen mit Griess, Kinderzwieback sowie anderen geeig-
i Nährmitteln und der Verabfolgung des nicht immer einwandfreien
3S an Stelle jener leichtverdaulichen Nahrung. Auch Blutarmut
och sehr häufig, und in einzelnen grösseren Städten, besonders in
Iitriegegenden, fällt fast allgemein bei den Kleinkindern ein schlech-
-rnährungszustand auf, wenn auch überall eine gewisse Besserung
nüber dem Vorjahr zugegeben wird.
schwerer als bei den Kleinkindern treten die körperlichen und
^chen Folgeerscheinungen der allgemeinen Not der letzten Jahre
'len Schulkindern in die Erscheinung, wenn auch bei diesen
! "ossen und ganzen eine gewisse Besserung gegen das
(iahr nicht zu verkennen ist. Hauptsächlich ist noch
•r der Nachwuchs des sogenannten Mittelstandes, dessen Bedräng-
> iel zu wenig bekannt ist, in Mitleidenschaft gezogen. So wurde,
•’iur einige Beispiele anzuführen, noch vor kurzem aus Lübeck
;htet, dass dort in den Mittelschulen 79,49 und in den Volksschulen
■ Proz, aus Bitterfeld, dass in höheren Schulen 70 Proz., in Volks-
, en 55 Proz. der Kinder deutlich unterernährt wären. Be-
‘ 2rs sind durch unzureichende Ernährung in den Städten die Kinder
'westbesolideten und Witwen, sowie solche aus kinderreichen und
'steilnehmerfamilien geschädigt, auf dem Lande Kinder von Ar-
beitnehrnern, die keinen eigenen Landbesitz haben, oder aus Familien,
die aus Unverstand oder Gewinnsucht ihren Kindern die notwendigen
Nahrungsmittel entziehen, um sie zu teuren Preisen zu verkaufen.
Die durch mangelhaft zusammengesetzte oder nicht ausreichende Be¬
köstigung unter der Bezeichnung „Unterernährung“ zusammengefassten
Störungen, die eigentlich erst nach dem Kriege bei unserer Schul¬
jugend beobachtet werden konnten, sind mannigfacher Natur. Eine
Reihe von Kindern zeigt geringes Fettpolster und schlaffe Muskulatur,
ein müdes, blasses Gesicht und ist in körperlicher sowie geistiger
Leistungsfähigkeit merklich beeinträchtigt. Andere wieder haben zwar
ein leidliches Aussehen, sind aber an Rumpf und Gliedmassen ausser¬
ordentlich mager. Bei einer dritten Gruppe fällt mehr eine Unter¬
entwicklung auf; die Kinder bleiben klein und zart und bieten kein
ihren Lebensjahren entsprechendes Aeusseres, stammeigentümliche
Unterschiede sind hierbei allerdings zu berücksichtigen. Dem Alter
nach sind wohl vor allem die jüngsten Jahrgänge der Schule, denen
in den ersten Entwicklungsjahren die wichtigsten Nahrungsmittel mehr
oder weniger fehlten, wesentlich betroffen, in einzelnen deutschen
Orten auch ältere Kinder, welche die ganze Hungerzeit des Krieges
und der Nachkriegszeit als Schüler durchmachten. Dem Geschlecht
nach haben fast überall in den in Frage kommenden Gebieten d i e
Knaben mehr gelitten als die Mädchen, letztere in einigen
Städten nur in den späteren Lebensjahren. Die Anzahl der ihrem Er¬
nährungszustände nach nicht vollwertigen Kinder schwankt in ver¬
hältnismässig weiten Grenzen, sie ist geringer in Gegenden mit wenig
oder gar keiner Industrie und beträchtlicher in Industriegebieten sowie
einigen Grossstädten.
Von besonderen Krankheitsformen ist an erster Stelle
die T u b e r k u 1 o s e zu nennen, die in der Form der Drüsen-, Knochen-
und Gelenktuberkulose nicht nur bei den Grossstadtkindern, sondern
auch bei denen in mittleren und kleineren Orten sowie bei der Land¬
jugend eine ausserordentliche Vermehrung erfahren hat. Vor allem
macht die Drüsentuberkulose (Skrofulöse) viel von sich reden, stel¬
lenweise sind bis 50 Proz. der Kinder skrofulös. Das
Umsichgreifen des Leidens in ländlichen Gebieten ist besonders ver¬
hängnisvoll, da hier die Wurzeln der Volkskraft angegriffen werden
und bei dem noch immer geringen Verständnis der Bewohner für
hygienische Erfordernisse und dem Mangel an Einrichtungen frühzeitiger
Fürsorge besondere Gefahren drohen.
Weiterhin sind wie bei den Kleinkindern so auch bei den Schul¬
kindern hohe Grade von Blutarmut sehr oft festgestellt worden,
die, da andere Ursachen nicht nachgewiesen werden können, in vielen
Fällen vermutlich auf tiefer liegenden Stoffwechselstörungen beruhen.
Ausser Tuberkulose und Blutarmut hat die Rachitis bei den
Schulkindern eine nicht unerhebliche Verbreitung gewonnen, nicht
selten in den schwersten Formen. Knochenveränderungen auf ra¬
chitischer Basis kommen zumal bei Schulanfängern viel öfter vor als
früher, und bei den älteren Schülern schwinden die Zeichen einer über¬
standenen Rachitis nicht in dem Maasse, wie es beim Vorherrschen
besserer Lebensbedingungen sonst zu geschehen pflegt.
Auffallend ist eine in der jetzigen Ausdehnung kaum gekannte Ver¬
schlechterung der Zahnverhältnisse unter den Schulkindern,
die in nicht wenigen Fällen mit Skrofulöse vergesellschaftet ist. Bei
den in ihrem Ernährungszustände zurückgebliebenen Kindern tritt
ausserdem der Zahnwechsel oft verspätet ein. verschiedentlich wurden
Kinder von 7 — 8 Jahren angetroffen, bei denen der Zahnwechsel noch
nicht eingesetzt hatte.
Bei dem engen Zusammenhänge, in dem Körper und Geist zu
einander stehen — mens sana in corpore sano — , nimmt es nicht
wunder, dass als Folge des nicht befriedigenden Allgemeinbefindens
auch geistige Fähigkeiten der Kinder wie Aufmerksamkeit,
Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis bei vielen merklich gelitten
haben. Die seelische Regsamkeit ist z. T. verringert, die Unterrichts¬
ergebnisse lassen häufig noch zu wünschen übrig.
Man geht nicht fehl in der Annahme, dass die Hauptschuld an dem
bedauerlichen Gesundheitszustände unserer Kinder der herrschenden
M i 1 c h n o t zuzuschreiben ist. In der Zeit vor dem Kriege erhielten
nicht nur Säuglinge und Kleinkinder Milch, sondern es stand ebenso
den anderen Familienmitgliedern täglich ein fast beliebiges Quantum
Milch zur Verfügung. Während und nach der Kriegszeit fiel die Milch¬
belieferung für die Kleinkinder teilweise, für Schüler und Schülerinnen
wohl überall völlig fort. Bekanntlich ist nun aber die Milch als Nah-
rungs- und Aufbaumittel für den wachsenden Organismus in den ersten
Lebensjahren durch kein anderes Nahrungsmittel zu ersetzen und zwar
besonders deshalb nicht, weil, wie neuere Forschungen lehrten, in der
Milch und den aus ihr hergestellten Produkten Rahm, Butter, Käse
bestimmte Nahrungsstoffe (Vitamine) enthalten sind, die für Wachstum
und Entwicklung jüngerer Individuen anscheinend nicht entbehrt wer¬
den können. Das Fehlen oder der Mangel an Milch macht deshalb
gewissermassen einen Einschnitt in die körperliche Entwicklung der
betreffenden Jugend. Die Wachstumsintensität verringert sich, der
Mineralstoffwechsel ist beeinträchtigt, die Knochenentwicklung gestört,
die Blutbildung vermindert. Als Ersatz für die vitaminreiche Milch
und. das Butterfett ein .Lebensmittel mit gleich hohem Vitamingehalt
zu finden, stösst noch heute auf Schwierigkeiten. Neben der Milchnot
besteht dazu für viele Kreise ein Mangel an Fleisch und Eiern, der
zu einer Einseitigkeit der Ernährung führt und auf den Gesundheits¬
und Kräftezustand besonders der älteren Kinder nachteilig einwirkt.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
362
Eine weitere Altersklasse, der die gegenwärtige Besserung
der Ernährungslage nicht in wünschenswertem Umfange Erleichterung
gebracht hat. umfasst alle diejenigen, die infolge vorgerückter Jahre
nicht m e h r oder nur in ganz bescheidenem Maasse als e r w e rb s -
fähig an zusetien sind und denen anderweitige ausreichende ueld-
mittel zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhaltes nicht zur
Verfügung stehen, also vor allem Witwen, Klein - und Sozial¬
rentner, Altpensionäre, Angehörige freier Berufe
u. a. m. Wie zahlreich diese Bedauernswerten in gesundheitlicher
Beziehung Opfer der herrschenden Zeitverhältnisse werden, davon
reden vorläufig nur die Listen der privaten Wohlfahrtsvereinigungen,
besonders der Tuberkulosefürsorge, denn noch besteht bei den Ge¬
nannten vielfach grosse Scheu, ihre Leiden und Beschwerden zustän¬
digen Stellen bekanntzugeben oder öffentliche Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Ueberhaupt pflegen diese Personen sich um fremde Unter¬
stützung, und sei es auch zur Behebung körperlicher Krankheits¬
zustände, nicht früher zu bemühen, bis alle eigenen- Hilfsmittel er¬
schöpft sind, bis alle nicht dringend erforderliche Bekleidung, aller
überflüssiger Hausrat verkauft, eine etwaige Lebensversicherung ver¬
pfändet und jede Aussicht auf Selbsthilfe geschwunden ist. Wenn auch
das während der Kriegs- und Nachkriegszeit beobachtete massen¬
hafte Absterben dieser ältesten Jahrgänge wesent¬
lich zurückgegangen ist, so bleibt vorerst die Frage offen,
inwieweit die. niedrigere Sterbeziffer dadurch zustande gekommen sein
dürfte, dass der Tod bei den Angehörigen dieser Altersklasse in den
Vorjahren eben ganze Arbeit gemacht hat. Im übrigen geht aus ein¬
zelnen bereits vorliegenden Zahlenangaben hervor, dass die Sterblich¬
keit dieser Personen noch immer höher ist als kurz vor dem Kriege.
So besagt eine Hamburger Statistik, dass 1920 im dortigen Staats¬
gebiet von über 70 jährigen Personen 107,53 vom Tausend dei Be¬
völkerung gleichen Alters gegenüber 103,9 im Jahre 1913 verstürben.
Um einer ernsten Gefährdung der in vorstehendem gekennzeich¬
neten Bevölkerungsgruppen vorzubeugen, waren in den letzten Jahren
amtliche und private Stellen nach Kräften bemüht, die bekannten
Schwierigkeiten zu verringern. Unter anderem wurden aus Reichs¬
mitteln ausser einmaligen Beiträgen zur Förderung der Erforschung der
Tuberkulose, zu den Fahrtkosten für die Unterbringung erholungs¬
bedürftiger Kinder im Auslande u. a. m. fortlaufend 3 000 000 M. zur
Förderung der auf sittliche und gesundheitliche Hebung des Volkes
gerichteten Bestrebungen, soweit sie allgemeine Bedeutung haben,
bewilligt. Weitere 400 Millionen Mark sind in' dem Haushalt des
Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für 1921/22 vor¬
gesehen zur Besserung der Milchversorgung und zwar für solche Ge¬
meinden. in denen die Milchversorgung besonders notleidet, d. h. der
Milchbedarf nur bis zu einem bestimmten, noch festzusetzenden Bruch¬
teil gedeckt ist. Im Hinblick auf die hohe Bedeutung des Jugend-
wanderns für die körperliche und geistige Wiedergesundung unserer
Jugend wurde ferner dem deutschen Hauptausschuss für Jugendher¬
bergen von der Reichsregierung eine bestimmte Summe überwiesen.
In mehreren Ländern, z. B. Sachsen, Württemberg und Mecklenburg-
Strelitz, fand die Wohlfahrtspflege bereits eine gesetzliche Regelung.
In Preussen wurden durch einen Erlass des Ministers für Volks¬
wohlfährt vom 1. März 1921 Kur- und Badeorte den Sozialversicherten
und der minderbemittelten Bevölkerung dienstbar gemacht; überdies
wurde alljährlich durch einen besonderen Erlass des gleichen Ministers
die Unterbringung von Stadtkindern auf dem Lande unterstützt. Bayern
stärkte die Bestrebungen der Kleinkinder-, Schulkinderfürsorge, Tuber¬
kulosebekämpfung u. a. m durch reichliche Zuschüsse. Die _ Landes¬
versicherungsanstalten, denen § 1274 RVO. die Möglichkeit gibt, Auf¬
wendungen zur Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse der ver¬
sicherungspflichtigen Bevölkerung zu machen, haben Unternehmungen
und Anstalten, die der allgemeinen Kinderfürsorge dienen, mit reich¬
lichen Beihilfen bedacht. Durch besondere Beiträge haben ausserdem
zahlreiche Kommunalverwaltungen für eine Verbilligung des Milch¬
preises auch für Kleinkinder Sorge getragen. Schliesslich ist auf dem
Gebiete der privaten Wohltätigkeit von sehr vielen Vereinen und Ver¬
bänden helfend eingegriffen worden; leider kann im Rahmen dieses
kurzen Aufsatzes auf die einzelnen hierhin gehörigen, höchst anerken¬
nenswerten Leistungen nicht näher eingegangen werden, besonderer
Erwähnung bedürfen indes die Arbeit des Vereins „Landaufent¬
halt für Stadtkinder“, der den Charakter einer Reichs¬
zentrale besitzt, und die Hilfsaktion der religiösen Gesell¬
schaft der Freunde (Quäker) von Amerika, Der erst¬
genannte Verein, der in dem berüchtigten Kohlrübenwinter 1917
aus privater Hilfsbereitschaft entsprang und in engster Fühlung
mit den Reichs- und Landesbehörden steht, hat bis jetzt nahe¬
zu die gesamte Erholungsfürsorge der deutschen Kinder geregelt. Ihm
ist es oft unter unsäglichen Mühen gelungen, in den einzelnen Jahren
seit seiner Gründung eine erstaunlich grosse Anzahl erholungsbedürf¬
tiger Kinder im In- und Auslande unterzubringen, so im Jahre 1920
allein in Preussen 76 981, im übrigen Reich 130 999 und im Auslande
36 083. In aufopferndster und dankenswertester Weise hat ferner seit
Frühjahr 1920 das grosszügige und straff organisierte amerikanische
Liebeswerk der Quäker unseren Kindern Hilfe gebracht. Die Haupt¬
aufgabe der Mission besteht in der Ausgabe einer täglichen Zusatz¬
mahlzeit an Kleinkinder, Schulkinder. Jugendliche bis 18 Jahre und
werdende sowie stillende Mütter, die durch Unterernährung besonders
schwer gelitten haben. Durch die Hilfsmission wurden Mitte 1920 in
etwa 800 Orten täglich ungefähr 725 000 Kinder und Mütter gespeist.
Bis zum Jahresende hatte sich die Zahl der Orte, in denen Speisungen
stattfanden, auf ungefähr 600 vermehrt. Der Höhepunkt dieser m
schenfreundlichen Tätigkeit wurde im Juni 1921 erreicht. Zu die
Zeit wurden täglich 1 Million Portionen in 1640 Orten abgegeben. 1
Reich leistete bisher zu der Quäkerspeisung einen Beitrag in H
von 50 Millionen Mark zur unentgeltlichen Bereitstellung von M
und Zucker. In dem laufenden Etatsjahr sind vom Reiche für
Zwecke der Ernährungsfürsorge für unterernährte Kinder, die wie \
dem in Verbindung mit der Arbeit der Quäker ausgeübt werden ;
100 Millionen ausgeworfen.
Zu erwähnen bleibt, dass sich der infolge vorgeschrittenen Al
gar nicht oder nur noch in bescheidenstem Maasse Erwerbsfähigen,
weit Sozialrentner in Frage kommen, das vom Reichstag beschloss
Gesetz über Notstandsmassnahmen zur Unterstützung von Renl
empfängern der Invaliden- und der Angestelltenversicherung \
7 Dezember 1921 annimmt. Auch für die notleidenden Kleinkapi
rentner, deren Zahl in Deutschland auf 4—500 000 geschätzt wird,
mancherlei geschehen. So haben beispielsweise Bayern im Jahre 1
5 Millionen ' Mark Staatsbeitrag und das Ergebnis einer Sammlung
der Höhe von 12 Millionen Mark, zusammen 17 Millionen Mark,
Jahre 1921 weitere 20 Millionen Mark, Sachsen 5 Millionen M:
Baden 500 000 M„ Thüringen \'A Millionen Mark für Kleinrenh
Mecklenburg-Schwerin für Minderbemittelte einen Betrag
1 050 000 M. zur Verfügung gestellt. Ferner hat Mecklenburg-Stn
durch das Gesetz über Altersbeihilfen für Kleinrentner vom 31. IV
und 13. Juli 1921 eine Altersbeihilfe für die genannten Personen
Form einer Leibrentenversicherung eingerichtet, bei der das Land
Hälfte der Kosten trägt. Das Reich will, wie in einer dem Ha
ausschuss des Reichstages von der Reichsregierung unterbreit!
Denkschrift hervorgehoben wird, sich an diesen Unterstützungsm;
nahmen mit einem Zuschuss beteiligen, der für die Zeit vom 1. Oktc
1921 bis 31. März 1922 auf 100 Millionen Mark bemessen ist.
Zuschuss soll auf die Länder verteilt werden und grundsätzlich
solchen Kleinrentnern zugute kommen, die selbst — oder, falls es
um Witwen handelt, deren Ehegatten — ein Vermögen durch Ar
erworben oder erhalten haben, um sich gegen Alter oder Erwe
Unmöglichkeit zu schützen. Welche Einzelmassnahmen noch
anderer Seite — Kommunalverwaltungen, privater Wohltätigkeit i
- für die in Rede stehende Altersklasse getroffen wurden, kann
nicht näher ausgeführt werden.
Ist für die jüngeren und ältesten Jahrgänge unseres Volkes
sprechend den Forderungen der Gegenwart von den verschieden!
amtlichen und privaten Stellen auch schon viel geleistet worden,
bleibt immerhin noch viel zu tun übrig. Im Interesse unserer Kin
auf denen unsere Zukunft beruht, ist zu wünschen, dass das J ugei
wohlfahrtsgesetz. das die amtliche Zusammenfassung ;
Jugendbestrebungen beabsichtigt und dessen erste Lesung von dem
ständigen Ausschuss des Reichstags nunmehr beendet wurde, bald
Verabschiedung gelangt. Durch einheitliches Handeln wird alsc
ganz ausserordentlich mehr geschafft werden können als durch
derzeitige Nebeneinanderarbeiten der verschiedensten Faktoren,
lange dieses Ziel nicht erreicht ist, wird man sich naturgemäss
Sondermassnahmen begnügen müssen, als deren dringlichste wohl
Ausdehnung der vielerorts bewirkten M i 1 s h v e r b i 1 Hg u ng ;
auf ältere Kinder anzusehen ist. Neben den Jüngeren sollte man ;
auch die A e 1 1 e s t e n, vor allem diejenigen, die durch bereits ge
fene Bestimmungen nicht erfasst werden, nicht vergessen, da cs
Staat, abgesehen von Rücksichten der Menschlichkeit, keitiesv
gleichgültig sein kann, wenn sorgsam aufgespeicherte Kräfte, die
Allgemeinwohl nach einer oder anderen Richtung noch zu nützen
mögen, hilflos zugrunde gehen. Wie das im einzelnen zu gesc'hi
hat, ob durch Einführung einer Alterspensionsversicherung, Erhol
des Existenzminiimums, weitere Steuererleichterungen oder and
mehr, muss der Prüfung berufener Instanzen Vorbehalten bleiben,
vornehmste Gebet eines jeden Kulturstaates muss es jedenfalls
das Alter, das einen unschätzbaren Reichtum kostbarer Erfahrui
repräsentiert, soweit zu schützen, als das überhaupt möglich i
Bücheranzeigen und Referate.
J. Meisenhelmer: Geschlecht und Geschlechter im Tierrei
I. Die natürlichen Beziehungen. Jena 1921. Verlag
G. Fischer. 896 Seiten mit 737 Abbildungen im Text. 180 1
210 M.
Der Verfasser, dessen Arbeiten über die sekundären Gesellet
merkmale jedem Biologen bekannt sind, hat in dem vorliegenden I
ein Werk geschaffen, das sicher auf lange Zeit hin grundlegend
wird. Mit peinlichster Gewissenhaftigkeit wird alles behandelt, was
die natürlichen Beziehungen der Geschlechter zueinander in allen A
des Tierreiches Bezug hat. Hier im einzelnen auf den Inhalt
Werkes einzugehen, würde zu weit führen.
In klarer, leicht verständlicher Weise, erläutert durch zahlrt
vorzugi Lena Abbildungen, werden die bisher ermittelten Tatsachen
schildert und an sie die Schlussfolgerungen angeknüpft. Dabei
schränken sich die Ausführungen niemals darauf, eine einzelue Ers>
nung nur bei einer bestimmten Art zu ermitteln und die dabei ge\
nenen Ergebnisse, so wie dies heute leider vielfach üblich ist, zu
allgemeinem, sondern stets werden alle bisher beobachteten Erst
nungen in gleicher Weise berücksichtigt und die widersprecnei
März 1 922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
303
iide in sorgfältiger Weise gegeneinander abgewogen. Dabei zeigt
: dass häufig genug ganz nahe verwandte Arten hinsichtlich des
s lechtlichen Verhaltens weit von einander abweichen, während
r entfernte ähnliche oder gleiche Vorkommnisse darbieten.
Gerade in der umfassenden Behandlung aller Erscheinungen und
! Gegenüberstellung unterscheidet sich die Darstellungsweise M.s
i legend von fast allen den zahlreichen anderen Veröffentlichungen,
ich heute mit dem Sexualitätsproblem beschäftigen. Sie stützen
eistens ihre überphantasiereichen Ausführungen nur auf diie an
i! Art, in erster Linie am Menschen ermittelten, oft recht zweifel-
1i Ergebnisse und glauben durch sinnlose Verallgemeinerung einer
■ nen Beobachtung das Sexualitätsproblem lösen zu können.
Vas dagegen M. bringt, ist sachliche Darstellung, echte Wissen-
i . Ueberall stellt er die eigene Anschauung scharf in den Vorder-
B. eine ausführliche Besprechung der entgegengesetzten Anschau-
gi unterbleibt, da sie bei dem riesigen Umfang des behandelten
B tes zu weit geführt hätte. Gewissenhafte Hinweise auf die
jj en. aus denen die gemachten Angaben stammen, ermöglichen es
h leicht, sich noch genauer über einzelne Fragen zu unterrichten.
Das Buch ist wohl in erster Linie für den Forscher gedacht, ihm
[l es reichste Belehrung und ihm wird es dauernd ein wertvolles
Bchlagewerk sein. Es wäre nur zu wünschen, dass jeder, der in
'! olge das Geschlechtsproblem behandelt, die Art der Meisen-
:i er sehen Darstellung und vor allem seine Gründlichkeit nach-
ijien suchte. Das wird ihn vor übereilter, sinnloser Theorien-
l!g, wie sie heute so vielfach geübt wird, schützen.
:ber auch der Arzt, der sich die Zeit nehmen kann, das, Buch
erarbeiten, wird aus einem solchen Vorgehen reichen Gewinn
Bi. Bei der Beurteilung vieler ärztlicher Fragen spielt ja heute
a; das Geschlechtsproblem eine wichtige Rolle. Wer das Meisen-
ji e r sehe Werk kennt, wird mit dem Verfasser einsehen, „dass
lisch vertieftes Verständnis dieser Seite menschlichen Wesens
us der erweiterten vergleichenden Erfassung der Probleme ge-
r:n werden kann. Der Mensch ist hier wie überall in der Natur
n Spezialfall“.
er Verlag hat bei der Herstellung Vorzügliches geleistet: Grosser
erleichtert das Lesen, die Abbildungen sind gut, das Papier
:i ismässig. die ganze Ausstattung gefällig.
3 vereinigt dieser erste Band alle Vorzüge eines wissenschaft-
< Werkes in sich und wir dürfen mit grosser Spannung dem
j:n Bande entgegensehen, in dem in erster Linie die theoretischen
i' behandelt werden sollen, die sich an das Geschlechtsprobiem
Wen. H. Stieve.
Stellung nicht leiden, dabei aber manchem Mediziner erfahrungsgerfiäss
sympathischer werden.
Im übrigen wird eine lückenlose Darstellung aller Anwendungs¬
formen der Hochfrequenzströme (primäres Solenoid, Autokonduktion,
Kondensation, Fulguration usw.), sowie der verwandten Stromarten
(Morton sehe Ströme, Wave-current, Monodische Voltaisation ge¬
geben. Steffens behandelt in einem eigenen Kapitel seine Anionen¬
therapie, B ii h 1 e r bespricht ausführlich die Hochfrequenztherapie des
pathologisch veränderten Blutdruckes; mit seiner Anschauung, dass die
Blutdrucksenkung auch bei Applikation von Diathermieströmen eine
spezifische Wirkung der raschen elektrischen Schwingungen und nicht
der Wärme sei, steht er im Gegensatz zu den allgemein üblichen An¬
sichten.
Die Diathermie wird in einem eigenen Teil behandelt. Die
physikalische Einführung hiezu ist eine Wiederholung aus dem ersten
Teil. Wenn auch hier wie im ersten Teil überall die reiche Erfahrung
des Verfassers zum Ausdruck kommt und oft in kurzen Sätzen präzisiert
ist, so wird derjenige, der sich eingehender mit diesem Zweige
der Therapie beschäftigen will, doch noch eines der ausführlichen
Speziallehrbücher der Diathermie zu Hilfe nehmen müssen. Ein Kom¬
pendium kann nicht alle Einzelheiten bringen; wenn es aber, wie das
vorliegende, eine umfassende, kritische Uebersicht gibt, dann hat es
seinen Zweck voll erfüllt. H a m m e r- München.
Erhard Riecke: Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Verlag von Gustav Fischer. 884 S. Preis 125 M.
Das bekannte Werk von 12 Autoren, von Riecke herausgegeben,
erscheint jetzt in 6. Auflage. Es erlebte in 15 Monaten 2 Ausgaben.
Der Grund seiner Beliebtheit liegt erstens wohl in seiner Natur, halb
Atlas halb Lehrbuch zu sein und zweitens in der Art seiner Darstellung.
Verfasser sagt im Vorwort, dass sich die Neuherstellung zahlreicher
alter Abbildungen als notwendig erwies. Das ist unbestreitbar. Dass
ferner . viele neue Abbildungen, lehrreichere, eingetauscht wor¬
den seien. Dieser Tausch dient dem Ganzen nur zum Vorteil.
Ganz neu umgearbeitet sind die Pilzerkrankungen. Die modernen
Behandlungsarten und Heilmittel sind besprochen, soweit sie sich Hei-
matsrecht erworben haben. Der Umfang hat dadurch allerdings um
30 Seiten zugenommen.
Einige Bilder — Ekthyma gangraenosum, Lupus erythematodes
faciei z. B. — könnten verschwinden.
An Stelle von Tomasczewski ist Friboes getreten.
Der Preis, auf Goldmark umgerechnet, ist erstaunlich mässig, Druck
und Papier sind ausgezeichnet. Karl T a e g e - Freiburg i/B.
Weidenreich: Das Evolutionsproblem und der individuelle
> tungsanteil am Entwicklungsgescheiten, Heft 27 der Vorträge
. ifsätze über Entwicklungsmechanik der Organismen von W. Roux,
i 1921. J. Springer. Preis 48 M.
. weist mit Recht darauf hin, dass heute kein kritisch denkender
s er eine einigermassen befriedigende Erklärung der Artentstehung
könne und versucht dann die schwebende Frage von seinem
ninkt aus zu erklären. Er lehnt sich in seinen Anschauungen
Rächlich an Naegeli und Oskar Hertwig an. Seine Aus-
Gen sind gut durchdacht, berücksichtigen aber fast ausschliesslich
eren, schon in alle Lehrbücher aufgenommenen Tatsachen, ohne
gebnisse neuerer Arbeiten auch nur zu erwähnen. Die Braus-
nschauung z. B., auf die W. Bezug nimmt, dass die Gelenkenden
2desmal neu durch gegenseitige Beeinflussung der artikulierenden
fn ihrer zweckdienlichen Form gestaltet werden, sondern dass die
1 der Gelenkenden vererbt sei, ist durch die neuen Arbeiten von
; endgültig widerlegt. Auch bei der Frage der Parallelinduktion
<<die Kenntnis neuerer Arbeiten, welche die Abhängigkeit der
jrüsen vom Zustand des GeSämtorganismiss beweisen. W.s
l gnahme sicher beeinflussen können. Im ganzen bieten aber die
! rungen W.s, gerade weil sie sich in Gegensatz zu der heute
Senden Hauptrichtung setzen, viel Anregungen und können zur
i ung in die behandelten Fragen empfohlen werden.
I \ • * H. S t i e v e.
■’h nee: Kompendium der Hochfrequenz in ihren verschiedenen
dungsformen einschliesslich der Diathermie. 344 Seiten, 179 Abb.
von Otto Nemnich, Leipzig 1920. Preis geb. 36 M.
:r Verfasser durfte das Erscheinen seines Werkes nicht mehr
i, er erlag nach Abschluss desselben einem im Felde erworbenen
• A. Laqueur hat daher das1 Buch vor seiner Drucklegung
esehen und mit einigen neuzeitlichen Ergänzungen versehen,
s Hochfrequenztherapie hat sich, mit Ausnahme der Diathermie,
äärneinen in Deutschland nicht recht einbürgern können. Schnee
d in seinem Buche eine Lanze für sie zu brechen. Die Aus-
ren über die Bedeutung dieses Zweiges der physikalischen
!e wirkten vielleicht überzeugender, wenn die biologischen und
■ utischen Wirkungen etwas ausführlicher und spezialisierter ab¬
wären. (Den Vorwurf, dass die beobachteten Heilwirkungen
Art seien, entkräftet Verfasser dadurch, dass er die thera-
i Erfolge auf objektiv nachweisbare biologische und physi-
latsachen zurückführt. In der richtigen Erkenntnis, dass nur
' cckmässiger Applikation und Kenntnis der physikalischen Vor-
- befriedigende Erfolge erzielt werden können, werden die physi-
On Grundlagen — für ein Kompendium mitunter zu ausführlich —
Fielen die mathematischen Formeln weg, so würde die Dar-
Die operative Behandlung der Lungentuberkulose. Von Prof. Dr.
S. Jessen, Geh. Sanitätsrat in Davos. Mit 11 Abbildungen im Text.
3., gänzlich umgearbeitete und erweiterte Auflage. Leipzig, Verlag von
Curt K ab i t z s c h. 1921.
Kurze Zusammenfassung persönlicher Erfahrungen. Tritt mit
Sauerb r u c h für die Einrichtung von Anstalten ein. in denen operativ
gegen die Lungentuberkulose vorgegangen werden könnte. „Nicht
starres Festhalten an einer Methode führt uns weiter, sondern die Ver¬
bindung und der Ausbau aller Wege.“ Karl Ernst Ranke.
L. W. Samson: Prostitution und Tuberkulose. Klinische und
sozialmedizinische Untersuchungen. Leipzig, G. T h i e m e, 1921.
Preis 18 M.
An Hand klinischer Untersuchungen von 1300 Berliner Prostituierten
1 sucht Verfasser über die Verbreitung der Tuberkulose bei Prostituierten
ein Bild zu gewinnen, Er fand unter diesen mehr wie ein Drittel
Tuberkulöse, etwa ein Viertel hiervon traf auf mittlere Stadien.
166 hatten zur Zeit der Lhitersuchung Auswurf (bakteriologische Unter¬
suchung erfolgte nicht). Er untersucht weiterhin den Einfluss von
Lebenshaltung. Berufsschädlichkeiten. Wohnung. Lues, Alkoholismus und
I abakmissbrauch auf den Verlauf der Tuberkulose bei Prostituierten.
Er kommt dabei zu manchen beachtenswerten Ergebnissen. Da er
glaubt, dass die Prostitution bei der Verbreitung der Tuberkulose eine
nicht unwichtige Rolle spielt — - er dürfte diese Gefahr wohl etwas zu
hoch einschätzen — fordert er die Miteinbeziehung der Tuberkulose
in die bei der Kontrolluntersuchung in Betracht kommenden Krankheiten.
In der von ihm gedachten Form wird sich dies wohl kaum durchführen
lassen; immerhin wird man, wenn durch ein Reichstuberkulnsegesetz 1
eine Meldepflicht für Tuherkuloseerkrankungen eingeführt werden sollte,
auch bei den Kontrolluntersuchungen der Tuberkulose Beachtung
schenken und die Erkrankten indirekt durch die Meldung der Tuberku¬
losefürsorge zuführen können. S e i f f e r t.
Karl Birnbaum: Kriminalpsychooathologie. Systematische Dar¬
stellung. Julius Springer. Berlin 1921.
Das Buch zerfällt in drei Teile, in denen hintereinander die
Kriminalpsychopathologie im engeren Sinn, die Pönalpsychopathologie
und die kriminalforensische Psychopathologie behandelt werden. Im
ersten — grössten — Teil werden nach einigen einleitenden Erörte¬
rungen zuerst die psychopathologischen Erscheinungen als Obiekte der
Kriminologie und dann die kriminellen Erscheinungen als Objekte der
Psychopathologie dargestellt; ein eigenes Kapitel über das naturwisson-
schaftliche Verbrecherproblem wird angeschlossen. Der zweite Teil
führt über die allgemeine Psychopathologie der Haft zu den Haft-
psychosen, zur Simulationsfrage und zu den Strafbehandlungswirkungen.
Im dritten Teil werden die einschlägigen strafgesetzlichen Normen
.364
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
und die Aufgaben der kriminalforensisch-psychiatrischen Begutachtung
besproch B^h hat u a den grossen Vorzug der gedrängten Kürze; es
gibt kaum eine kriminalpsychopathologische Fragestellung, über die : es
nicht wenigstens in grossen Zügen orientieren wurde. Die Darstellung
ist so. wie wir sie von dem rühmlichst bekannten Verfasser gewohnt
sind Psychiater, Kriminalpsychologen und Juristen werden sich des
Buches mit Freude und Nutzen bedienen. Es ist jedem warm zu emp¬
fehlen. der sich für den grossen Problemkreis bjteress^rt. dem es
gewidmet ist. EuSen Kahn- München.
Magnus H i r s c h f e 1 d: Sexualpathologie. Ein Lehrbuch für Aeizte
und Studierende. 3. Teil: Störungen im Sexualstoffwechsel mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Impotenz. Mit 5 Tafeln (Photographien
und einem Innervationsschema). Bonn 1920. 341) b. .
Der vorliegende Band der Sexualpathologie behandelt; Fetischismus.
Hypererotismus, Impotenz, Sexualneurosen (Sexualverdrangung). Die
in' Betracht kommenden Erscheinungen sind mit ausserster Akribie und in
grosser Breite zusammengetragen. In der theoretischen Auffassui g
iiberwiegt eine somatologische Auffassung durchaus (theoretische. Auf¬
stellung' der .Inkrete“: „Andrin“ und „Gynaecin“, „psychoinkretonscher
Parallelismus“). - Wer eine möglichst vollständige Zusammenstellung
sexualpathologischer Erscheinungen wünscht, mag nach dem Buche
greifen. An kritischer Durcharbeitung fehlt es durchaus, und darüber,
ob der Verf., wie er meint, „das Glück der Liebe mehrt . werden die
Meinungen wohl auch sehr auseinandergehen. I s s e r 1 i n - München.
85 S. Stuttgart 1921.
Dr. M. Hirsch: Die Fruehtabtreibung.
Enke
Verf., der ein Berliner Frauenarzt ist und der auch als Verfasser
mehrerer rassenhygienischer Schriften sowie als Herausgebei des
Archivs für Frauenkunde und Eugenetik“ bekannt geworden ist,
verficht in vorliegender Schrift, wie auch schon in früheren die sogen,
„soziale“ (d. h. eigentlich privatwirtschaftliche) und die sogen „eugene-
tischc“ (d. h. rassenhygienische) Indikation zum künstlichen Abort mit
manchem Geschick und Ungeschick. Als Beleg für letzteres mochte ich
nur anführen, dass Hirsch von seinen Forderungen als Konsequenz
ins Auge fasst, dass sie „die Fruchtabtreibung nicht verhindern, sondern
nur' aus der Hand der Frau oder der gewerbsmässigen Abtreiber m die
der Aerzte umleiten“ (S. 71). Solche Auslassungen sind leider geeignet,
gerade verantwortungsbewusste Aerzte in das Lager der unbedingten
Gegner einer an und für sich durchaus erwägenswerten „ache zu
treiben Jedenfalls zeigen sie meines Erachtens, dass die rassen¬
hygienische Indikation, nicht wie Hirsch will, dem Ermessen des
einzelnen Arztes überlassen werden darf, sondern dass sie unbedingt
einem vom Publikum unabhängigen Fachausschuss Vorbehalten bleiben
müsste Es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass sie
/um Deckmantel für Operationen aus ganz anderen Motiven werde.
Lenz- München.
C. M u z i o: Geograiia medica. Mailand, U. H o e p 1 i, 1922. 1212 b.
56 Tafeln und Karten. Preis 28 Lire.
Der Titel verleitet zu der Vermutung, es sei hier , ein Wen;, in
italienischer Spräche gelungen, wie es Deutschland in der ..leider
schon 1860 erschienenen „historisch-geographischen Pathologie von
August Hirsch besitzt. Es wird jedoch eine freilich oft mühsame
und in Einzelheiten interessante und nicht wertlose Zusammenstellung
von Reiseerfahrungen des Verfassers als Sch.iffsarzt und Lesefrüchten
ohne Quellenangabe geboten, die in erster Linie für Laien bestimmt ist,
um diesen als Gesundheitsführer bei der Auswanderung in fremde Lander
zu dienen. Muzios Buch ist ein neuer Beweis dafür, dass für eine
wirkliche „medizinische Geographie“ in neuzeitlicher Forscherarbeit
gewonnene Grundlagen noch fehlen. T i c h y - Schreiberhau.
0. H e r t w i g; Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des poli¬
tischen Darwinismus. 2. Auflage. Jena 1921. Preis geh. 14 M
Fast unveränderter Abdruck der 1. Auflage. An. vielen Stellen sind
kleine Aenderungen und Zusätze angebracht, wie sie den verändeiten
politischen und sozialen Verhältnissen der Gegenwart entsprechen.
v. M ö 1 1 e n d o r f f - Freiburg i. Br.
Zeitschriften -Uebersicht.
und experimentelle Therapie.
33.
der
Zeitschrift für Immunitätsforschung
Band. Heft 2 u. 3.
S. Büchner und W. Zorn- Greifswald :
v’e^faTs'er’ haben eine Reihe von Versuchen angestellt, aus denen sie
weitere Stütze der Ansicht von Fried berger
Beiträge zur Agglutination
schliessen, dass sie eine
des Bazillus OX 19 von W e i 1 - F e 1 i x für
Ergänzung der WaR.. sie ergibt noch du häufig gute Resu täte, wo diese I
sagt Jedoch muss die Beobachtungsdauer 98 Stunden betragen. Neben
inaktiven Serum empfiehlt sich dringend die Verwendung aktiver Sera ,
Versuchszeit wird dadurch abgekürzt, die Empfindlichkeit bedeutend
steigert, ohne dass unspezifische Resultate auftreten. Auch eignet sie sich
zur Luesdiagnose beim Kaninchen. Der Flockungsvorgang beruht U'
scheinlieh auf demselben Vorgang wie bei der WaR. Jedoch spielen ko!
chemische Zustände bei der Flockungsreaktion eine grossere Rolle.
Heft 3 (Auswahl). . n , . .
W Bach mann -Düsseldorf: Beitrag zu den Beziehungen zwls
Organabbauprodukten und Wassermannscher Reaktion.
Bei Zusatz von ülykokoll und Leuzin zu einem vorher Wassern,
negativen Serum gelingt es. dieses Serum positiv zu machen, und zwai
ülykokollzusatz in einem Grade, welcher der Konzentration der zugeh
Glykokollösung parallel gehen kann. Durch Einspritzung von Am.nosh
sowie von Partigenlipoid gelingt es bei Kaninchen die WaR. zu b
flussen. Die Resultate sind aber mit Vorsicht zu verwerten, da daSjnor
Kaninchenserum schon erhebliche Schwankungen im Ausfall der WaR. ;
enteiweisster syphilitischer Sera stimmt gut mit
möglich, dass die Reaktion an Organabbaustufei
Art sich jedoch nichts Sicheres aussagen lässt.
Die Ninhydrinreaktion
WaR. überein. Es ist
knüpft ist, über deren
scheint bisher nicht einwandfrei bewiesen, dass es sich bei der WaR
eine Antigen-Antikörperreaktion handelt. Ebenso ist der sichere Nachweis,
• , 1 • \\t Z. ^ n n n cr*ViPn AtlT. 11 TU einen LlDOldkt
Substanz um einen Lipoidk
bei der Rekurrensinie
es sich bei der Wassermann sehen
handelt, noch zu erbringen.
R. W e i c h b r o d t - Frankfurt: Studien
zwecks Beeinflussung von Psychosen. . , ",
Verf hat die von Plaut und Steiner neuerdings wieder in
rierte Therapie der Paralyse mit Einimpfung von pathogenen Rekur
stammen nachgeprüft. Das wichtigste Heilmoment erblickt er in d«
zielung von Temperaturen über 41 °. Während der ganzen Krankheit kt
die Spirochäten im Blute des Kranken. Nach Ueberstehen der Infektion v
die Geimpften bis zu 18 Monaten gegen eine Neuinfektion geschützt.
Liquor waren meist 2 — 3 Tage nach dem ersten Anfall Spirochäten
zuweisen, nie mit Hilfe des Dunkelfeldes, nur durch Ueberimpfen am \
Blut und Liquor von Kranken, die eine Rekurrensinfektion überst;
Irvben vermögen bei einer Maus eine Infektion zu verhindern oder zu
zögern. Der klinische Erfolg der Behandlung war wechselnd Hier
dort gute Remissionen, in manchen Fällen nicht der geringste Einfluss,
schlägt daher, ebenso wie Plaut und Steiner, vor, neben der r
therapie auch eine energische Salvarsankur bei der Paralyse einzu.eitei
L. S a a t h o f f - Oberstd
Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Band 49, Heft 2.
Hertha Liebe (Heilanstalt Waldhof-Elgershausen): Bericht
104 Pneuniothoraxfälle. I
Es handelt sich um 59 Männer und 95 brauen, denen I neumothora!
gelegt wurde. Verf. wandte einen neuen Apparat mit Stichmethode aii
gegeben von Dr. Liebe sen.; das Wesentliche ist, dass er drei Gasfl?
enthält, eine O-Flasche, eine N-Flasche und eine mit beiden kommunizu!
Mischflasche, in die das einziublasende Gas (Sauerstoff oder Stickstoff) !
eine Sublimatwassersäule gepresst wird. Benutzt wurde Sauerstoff und l
stoff, das Gas selbst strömte in den Thorax, ein wesentlicher Druck, '
bei dem Leschke sehen Apparat angewandt werden kann, ist aussei
der Sublimatsäule nicht vorhanden, atmosphärische Luit wurde j
benutzt. Zur Ersteinfüllung wurden 400 — 700 ccm O bzw. 350 1200 c
zur zweiten Füllung 500—800 ccm O bzw. 200 — 1400 ccm N bej
Während der Behandlung auftretende Exsudate wurden nicht ptm
Doppelseitige Lungentuberkulose in bestimmten Fällen, zum Teil auch
kopi- und Darmtuberkulose, waren keine Gegenindikation. In drei Falle:
Auftreten von Embolien angenommen. 35,6 Proz. Patienten starben, 10, >|
der behandelten zeigten keine Besserung. Die Mindestdauer der Belia-
war zwei Jahre. Endgültiges über die Erfolge lässt sich nicht sagen, ■
Teil, wie es ja bei einer Heilanstalt erklärtlich ist, aus der Beobachtur
schwunden ist. ... . „
Anna K 1 e e m a n n (I. med. Klinik München): Ueber das weisse 13
und seine Aenderungen im Verlaufe der Lungentuberkulose.
Von Bedeutung sind 1. Zahl der Neutrophilen, 2. die Linksverscm
3. die Zahl der Leukozyten, 4. die Zahl der Eosinophilen. Die Gj
leukozytenzahl allein gewährt Stützen weder für diagnostische noC|
gnostische Schlüsse. Neutrophilie (relative) auch bei fehlender Erhöhui
Leukozytenzahl kann nach Sekundärinfektion bzw. Hämoptoe auftreten
allgemein in bezug auf Prognose ungünstig zu werten, desgleichen
Verschiebung des weisseu Blutbildes. Lymphozytose findet sich Vorzug
in leichteren Fällen, sie ist prognostisch günstig zu werten. Eosinopluh
sich bei günstig verlaufender! Fällen. , 'J
Brinkmann und Schmoeger (Krankenhaus St. Georg, Lt
Erfahrungen in der Tuberkulosetlierapie mit Partialantigenen nach Dev
Much. ......
Nach längeren theoretischen Ausführungen über den Streit, ob die l
wie D e y c k e und Much behaupten, oder das Eiweiss (L a n g
Spezifische sind, kommen Verfasser auf Grund ihrer Statistik zum E
einer günstigen Beurteilung. Von 298 Tüberkulosepatienten (cf. Tab
Tabelle 1.
über die ätiologische Bedeutung
das Eieckfieber sind. .
Hans Sa hl mann -Heidelberg: Ueber das Verhalten der Albumine
und Globuline beim serologischen Luesnachweis. - ...
Verf. findet die wirksamen Stoffe des Luetikerserums bei den ver¬
schiedenen Ausflockungsmethoden sowohl in der Albumin-, als in der Globulin-
fraktion vertreten. Beim Kohlensäureverfahren erhält man die grösste Menge
m der Albuminfraktion. Die WaR. und die S a c h s - G e o r g i sehe Reaktion
dürften auf den gleichen Eigenschaften des syphilitischen Serums beruhen
Abweichungen im Verhalten sind wohl durch sekundäre Faktoren bedingt.
Walther J a n t z e n - Hamburg: Theoretische und praktische Ergebnisse
mit den Flockungsreaktionen nach M e i n i c k e.
Die dritte Modifikation M e i n i c k e s (D.M.) eignet sich vorzüglich zur
Stadium
Zahl
! %
Positive
Erfolge
Negative
Erfo’ge
Ver¬
schlechtert
%
°/o
%
1
39
27,7
89,7
5,1
5,1
11
51
37,1
66,7
21,6
11,8
III
51
37,1
21 6
13,5
64,7
Tabelle 2.
Stadium
Positiv e
Et folge
Negative
Erfolge
Ver¬
schlechtert
°/o
°/o
°/o
I
72,7
9
18,2
It
63,6
31,4
4,5
III
4,8
14,5
80,6
lärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
365'
! n 141 Patienten (Tabelle 1) mit Partialantigenen, davon 20 in mehrfacher
ehandelt.
I. v. Hayek und R. Peters- Innsbruck: Anatomische und biologische
ienzierung tuberkulöser Lungenerkrankungen.
>ie tuberkulösen Krankheitserscheinungen der Lungen treten als bio-
i he Reaktionsänderungen >und pathologisch-anatomische Zustandsände-
j i auf. Darauf bezieht sich die konsequente Durchführung des Aschoff-
1)1 sehen Schemas (exsudative und produktive Formen etc.), das in die
• übertragen werden muss, was nach Ueberzeugung der Verfasser nur
die Radiologie möglich ist. Die Unterschiede frischer und narbiger
i sse in radiologischer Hinsicht werden erläutert.
T. P e t e r s - Innsbruck: Zur Technik der röntgenologisch differenzierten
i nuntersuchung.
’ie Röntgenuntersuchung tuberkulöser Lungen erfordert eine besonders
lischentzündliche und noch nicht im Narbenstadium befindliche Erkran-
j i eingestellte Untersuchungstechnik, und zwar muss von Durchleuchtung
3 ufnahrne Gebrauch gemacht werden. Die Durchleuchtung lässt nur die
i| Verwachsungen und den pathologisch-anatomischen Charakter der Fälle
Uen, die extrem einer bestimmten Gruppe zuneigen, nicht aber den der
gütigen Zwischenstufen. Bei der Aufnahme kommt es auf die Ruhe des
Ies (Muskelentspannung, Atemstillstand, tiefste Inspirationsstellung) und
ior-anterioren Strahlengang an. Die Strahlung muss weich, die Be-
; grösstmöglich sein wegen der kurzen Expositionszeit. Um Unscharfen
Ausschaltung nichtzentrierter Strahlen zu vermeiden, sind möglichst
,i kleine Einzelaufnahmen verschiedener Lungengebiete angezeigt. Der
i rkungsschirm wird abgelehnt, da er durch das „Korn“ Unschärfen ver-
It. Das Wesentliche bei der Platte ist diagnostische Verwertbarkeit, d. h.
Reichtum und Schärfe.
|i. Orszägh: Ueber die Einwirkung von Pleuraexsudaten auf die
«tuberkulöse.
i erf. gibt eine historische Uebersicht über die Theorien der Entstehung
je Prognose von Exsudaten bei Tuberkulose. Er untersuchte die Allergie-
«mg bei Pleuritiden und fand negative Allergie bei Spontanpleuritiden,
ij e dagegen bei Pleuritiden im Gefolge von artifiziellem Pneumothorax
jlgert daraus ein unterschiedliches Verhalten der Pleuritiden. Auf Grund
^Statistik kommt Verf. dann zum Ergebnisse, dass der grösste Teil der
Btiden (wo fast stets eine Lungenkomplikation hinzukommt) eine un¬
sre Prognose hat und die Prognose nicht so sehr vom Exsudate als dem
Ater des Lungenprozesses und der Widerstandskraft des Organismus
a:t.
■ Frisch (II. med. Klinik Wien): Ueber tuberkulösen Kopfschmerz,
erf. berichtet über Fälle mit „tuberkulösem Kopfschmerz“, die er als eine
Je fruste“ einer Meningitis serosa tuberculosa darstellt. Als führende
fome sind zu nennen Zeichen von Tuberkulose an einer Stelle des
i s, Kopfschmerz und endokranielle Druckerhöhung, gemessen durch die
E|'lröntgenuntershichung und die Lumbalpunktion, welch beide Methoden
[>tets gleiche beziehende Resultate lieferte. Die Genese, Symptomato-
i Diagnose, Differentialdiagnose der Forme fruste werden besprochen
s der Erfahrung heraus therapeutisch Lumbalpunktion und Alttuberkulin
i ilen.
Boenheim: Beitrag zur Kenntnis des Chlorstoffwechsels. IV. Der
itoffwechsel bei Lungentuberkulose.
jer NaCl-Spiegel im Blute Tuberkulöser ist niedrig. Eine Abhängigkeit
i en Magenazidität und dem Chlorspiegel im Blute Tuberkulöser war
• eststellbar. Die Hypochlorämie hängt nach Verfassers Ansicht mit der
uralisation zusammen. Die Untersuchungen des Verfassers ergaben bei
tlen und leichten Formen von Tuberkulose einen NaCl-Harnanstieg kurz
! lern Essen, in schweren Fällen kehrte sich das Bild. Die NaCl-Aus-
! mg stieg post coenam nicht an, sondern erst eine Stunde später. Da
cht einmal Normazidität des Magens vorlag wie bei leichten und mittel-
> en Fällen, so muss diese Retention auf einer noch unbekannten Noxe
1 n- N e u f e 1 d - Hamburg.
mtralblatt für Herz- und Gefässkrankheiten. 1921. Nr. 22—24.
j M a t z n e r - Birkfeld: Klinische Beobachtungen über Disotrin.
erf. hat das Disotrin, eine Kombination von Digitalis mit Strophanthus-
iden in 208 Fällen der verschiedensten Herzkrankheiten angewendet,
i Form der intravenösen Injektion, teils in Form von Tropfen oder
1 en. Er erzielte mit dem Mittel Erfolge, welche ihm das Disotrin als
leales Herzmittel“ erscheinen lassen. Nur in 2 Fällen von Leber-
: )men wurde ein Versagen hinsichtlich der Herzwirkung gesehen, ln
ringlich liegenden Fällen verwendete Verf. das sog. Kollapsdisotrin,
: s einen Zusatz von Adrenalin enthält. Bezüglich der Diurese trat die
'kung erst nach 8 — 12 Tagen ein. um sich dann durch viele Wochen auf
ihe zu halten. Bei allen kompensierten und unkompensierten Herz-
! leistete das Disotrin sehr Gutes. Hervorragend war die Wirkung bei
' den Herzschwächen in Grippe- und anderen Pneumonien. Fälle
^ sten Kollapses wurden überwunden. Die Injektionen dürfen nie sub¬
gemacht werden. Eine gastrische oder intestinale Störung hat Verf.
I gesehen. Bei kruppösen Pneumonien gibt Verf. 3 — 4 Tage intern
> n, bei Grippe schon gleich von Beginn an, etwa 2 — 3 mal täglich
' pfen.
Busch -Mainz: Ueber traumatisches Aortenaneurysma,
i unmittelbaren Anschluss an ein schweres Brusttrauma stellten sich
jiem bis dahin ganz gesunden Schwerarbeiter Herzbeschwerden von
1 Charakter ein. welche anfangs überwunden wurden. Nach 5 Monaten
- bereits Aortenaneurysma gefunden. Für das Zustandekommen dieses
u smas bleibt als Erklärung nur das Trauma. Einschlägige Literatur
l| rörtert.
Stadler- Plauen: Ueber Isthmusstenose der Aorta bei syphil tischer
: erkrankung.
■rf. beschreibt. 2 Fälle von Isthmusstenose der Aorta bei syphilitischer
kung derselben. Die Verengerung sitzt in diesen Fällen an der Stelle
ahtungsänderung der Aorta zur Deszendens, nach Abgabe der linken
■'Ga. Die Erklärung für diese Stenosierung lag im beschriebenen einen
Druck des erweiterten Aortenbogens auf die Isthmusgegend. Be¬
rten für das Auftreten solcher Stenosen sind: erhebliche Erweiterungen
ifsteigenden und Bogenteils, besonders im Bereich der Konkavität,
‘gige Form der Aorta mit plötzlicher Richtungsänderung nach der
dens hin. Die Stenose wird zunächst rein mechanisch hervorgerufen.
sie kann aber gesteigert werden durch bindegewebige schrumpfende und
atherosklerotisehe Prozesse, welche durch die veränderte Richtung des
Hauptblutstroms begünstigt werden. Grassmann - München.
Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 167. Band, 5.-6. Heft.
Tomosuke May e da: Untersuchungen über Parablose mit besonderer
Berücksichtigung der Transplantation und Hypernephrektomie. (Aus der chir.
Klinik der Universität Basel. Vorstand: Prof. Dr. G. Hotz.)
Verf. war in der glücklichen Lage, mit Unterstützung von G. Hotz-
Basel durch ausgedehnte Parabioseexperimente an weissen Ratten unsere
Erfahrungen über dieses hochinteressante Problem weiter auszubauen. Die
wichtigsten Ereignisse: Die Parabiose ist einer Homoioplastik gleichzusetzen,
es wird das ganze Tier transplantiert. Entsteht wie bei einer gelungenen
Homoioplastik ein inniger und dauernder Zusammenhang zwischen den
Partnern, wobei beide Tiere gut weiter wachsen, so spricht Verf. nach einem
Vorschläge von Hotz von homogener Parabiose, während in anderen Fällen
die Partner durch eine organische Trennungslinie voneinander geschieden
bleiben und Neigung haben sich zu trennen. Dabei magert das eine Tier ab,
wird anämisch, bleibt zurück und stirbt bei normaler Entwicklung des
anderen Tieres: heterogene Parabiose.
Die Hauptursache der heterogenen Parabiose ist eine toxische Beein¬
flussung des kleinen Organismus, oft Hämolyse. Unvollkommene Heilung
der Naht. Misslingen der vitalen Färbung des Partners, mangelhafte Blut¬
gefässkommunikation, Misslingen der Uebertragung eines Hautmuskelstückes,
Absterben des einen Tieres bei doppelseitiger Nebennierenexstirpation sind
die Kennzeichen der heterogenen Parabiose, während bei der homogenen
Parabiose bei glatter Wundheilung mit kontinuierlicher Epitheldecke ein
reichlicher Säfteaustausch möglich ist, vitale Färbung beiderseits gleich stark
auftritt, ein angrenzender Hautmuskellappen einheilt und das beider Nieren
beraubte Tier am Leben bleibt.
Heterogene parabiotische Paare fanden sich in 67 Proz., etwas mehr bei
Tieren verschiedenen Wurfes als bei Tieren gleichen Wurfes. Der Aus¬
tausch der Körpersäfte erfolgt im wesentlichen durch die interzellulären
Lymphspalten, die Blutkapillarenkommunikation, ist, ganz gleich ob homogene
oder hetrogene Parabiose, nur schwach. Gelingt bei Tieren ein homoio-
plastischer Hautaustausch (in 44 Proz. bei Geschwistern, in 28 Proz. bei
nicht blutsverwandten Tieren), so hat die Parabiose viel bessere Aussichten,
dagegen wird durch die Parabiose die Homoioplastik zwischen den Partnern
nicht erleichtert, im Gegenteil tritt sowohl gegen autoplastische wie homoio-
plastische Hautübertragung eine Sensibilisierung ein.
Bei Trennung der homogenen parabiotischen Paare etwa 4 Wochen
nach der beiderseitigen Hypernephrektomie kann das nebennierenlose Tier
weiterleben, weil eine Hypertrophie der akzessorischen Nebenniere eintritt.
Eventuell kann das parabiotische Paar auch nach Exstirpation beider Neben¬
nieren weiterleben. Bei kleinen Partnern der heterogenen Parabiose findet
sich zunächst Reizung, dann Degeneration des Knochenmarks und gelegentlich
myeloide Herde in der Milz.
H. Haugk: H i r s c h s p r u n g sehe Krankheit und enges Becken.
(Aus der chir. Abt. des Krankenhauses St. Georg-Leipzig. Leit. Arzt: Prof.
Dr. Heller.)
Bei dem 20 jährigen, durch seiii langes Leiden mit Kolitis und Gärungs¬
dyspepsie sehr heruntergekommenen Kranken wurde durch Resektion des
Megakolon Heilung erzielt. Als anatomische Ursache des Leidens wird
eine hochgradige Beckenverengerung mit horizontal einwärts vorliegendem
Steissbein aufgefasst. Die Verengerung war so hochgradig, dass von der
Durchziehung des Darmes Abstand genommen werden musste und ein defini¬
tiver Anus praeternaturalis angelegt werden musste. Die Beckenverlagcrung
ist in Zukunft als ätiologisches Moment mit in Erwägung zu ziehen.
Oskar Stracker: Luxationen nach Schussverletzungen. (Aus dem
orthop. Spital in Wien. Direktor: Prof. S p i t z y.)
Im Anschluss an Schussverletzungen der Gelenkkörper kann es entweder
plötzlich oder allmählich zur Luxation kommen, entweder durch direkte Ge¬
walteinwirkung des Geschosses oder durch den gleichzeitigen Sturz des
Verletzten oder durch sekundäre Verschiebung durch Muskelzug. Die
federnde Fixation fehlt, häufig kommt es zu ankylotischen Verbindungen und
Einschränkung von Bewegungsresten durch Kallusbildung. Therapeutisch
wurde vielfach mit Redressement Besserung erzielt. Im allgemeinen Vorsicht
mit blutigen Eingriffen wegen der latenten Infektion.
Felix Mandl und Josef P a 1 u g y a y: Ueber die Beiiideformitäten
der Fussballspieler. (Aus der II. chir. Univers. -Klinik in Wien. Vorstand: '
Hofrat Prof. Dr. J. H o c h e n e g g.)
Bei einer grossen Anzahl von Kranken fanden sich Varusdeformitäten.
welche sich bei Ausübung des Fussballsports durch funktionelle Anpassung
an die kinetische Inanspruchnahme entwickelt hatten. Verf. schlagen zur
Verhütung dieser Deformitäten eine „funktionelle Orthopädie“ im Sinne
Roux vor, nämlich Verhinderung der einseitigen Fussausbildung durch
das Spiel mit beiden Füssen, ferner Wechsel in der Funktion der Spieler
und Einhaltung einer bestimmten Altersgrenze für Jungmannschaften.
Oskar Wiedhopf: Die Neben- und Nachwirkungen der örtlichen Be¬
täubung. (Aus der chir. Univ.-Klinik Marburg. Direktor: Prof. Dr. L ä w e n.)
Die Nebenerscheinungen bei der Lokalanästhesie sind nicht Wirkungen
des zugesetzten Adrenalins, das infolge der starken Verdünnung unschuldig
ist, sie sind vielmehr auf die Reposition des. Novokains zurü'ckzuführen und
im wesentlichen zerebraler Natur. Ausser leichteren Nebenwirkungen
(Uebelkeit. Erbrechen, Herzklopfen. Schwindel, Schweissausbruch u. a.) wur¬
den Kollapse. Erregungs- und Schlafzustände und 14 Todesfälle in der Literatur
beschrieben. Vermeidung der Intoxikationsgefahr durch Sterilisieren des
Instrumentariums in sodafreiem Wasser, Benutzung dünner Kanüle, Ver¬
meidung von Gefäss- und Duraverletzungen, Benutzung von Novokain¬
bikarbonat oder Zusetzung von Kalium sulfuricum. Als Nachwirkungen wer¬
den beobachtet: Wund- und Nachschmerz, Nierenreizungen, Hautnekrosen.
Für die einzelnen Anästhesierungsverfahren kommen durch die anatomischen
Verhältnisse bedingte Schädigungen in Frage. Die Dosis des Novokains soll
1.25 g nicht überschreiten. Auch die Lokalanästhesie hat ihre strenge Indi¬
kation (vgl. Brau n).
V. E. Mertens- München: Ueber ein aufsaugbares Füllmittel fiir
Wundhöhlen und Fisteln.
Der Portugiese J. de Seixas-Palma stellte zunächst für die
Zwecke der Veterinärmedizin einen Wundkitt her, der „in erhöhtem Maasse
das schaffen soll, was die eintrocknende Wundabsonderung zur Verklebung
366
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIF_T_
Nr.
der Wundränder leistet“. Das Präparat ..Palmasse“ genannt, besteht aus
Tannin. Gelatine und Borax, wird heiss in die Wunde^ gegossen und soll
in der Wundhöhle eine gleichmässige gallertige Plombe bilden. .M. ver
wandte das Mittel nach Operationen, bei denen tH.ohl^au^fp^“f ^Sr
(Schenkelbruch. Leistenbruchoperationen nach Perthes, Enf®rnan.^ /i '^ei
Tumoren etc.), ferner zur Behandlung von Fisteln. Voraussetzung ist dabei,
dass die Fistel genügend desinfiziert war. Die beigebrachten Beispiele sind
keineswegs überzeugend (Ref.). . . _ v c Knlm
Niedlich: Mediale Leistenhernien bei Frauen. (Aus dem knapp
schaftskrankenhaus im Fischbachthal. Chefarzt: Prof. Dr. ° r “ n ® ,
Unter 1000 seit 1011 operierten Leistenhernien, an denen 78 weibjjcne
Kranke beteiligt waren, wurden 3 mediale Hernien und 4 weiche Leisten
gefunden. Die Seltenheit wird erklärt durch die Untersuchungen Dona 1 1 s,
der feststellte, dass die hintere Leistenkanalwand besonders in der Gegend
der Fovea ing. med. durchschnittlich bei der Frau widerstandsfähiger ist
und zwar durch Faserzüge, die von der hinteren Faszie des Transversus
ausgehend nach unten und aussen verlaufen (Lamina pubo-transversalis).
H. Flörcken - Frankfurt a. M.
Zentralblatt für Chirurgie. 1922. Nr. 6 u. 7.
Hch. Harttung - Eisleben : Zur Frage der postoperativen Tetanie
und Unglücksfälle bei Anästhesien. ' . ... . „
Verf. schildert 1 Fall von postoperativer Tetanie mit psychotischen
Zuständen, der durch Darreichung von Nebenschilddrüsentabletten in Heilung
ausging; wahrscheinlich wäre aber auch ohne diese Tabletten Teilung ein¬
getreten, da es sich nur um eine vorübergehende Schädigung der Epithel¬
körperchen handeln konnte. Ein 2. Fall, der ad exitum kam, ist wohl al
schwere Novokainvergiftung aufzufassen, da wahrscheinlich Novokain in die
Blutbahn eingespritzt wurde. .... .
L. A rn sp er ge r- Karlsruhe: Retrograde Dünndarminvagination nach
Gastroenterostomie. p _„.rn
Verf. schildert ausführlich einen kürzlich beobachteten Fall von retro¬
grader Dünndarminvagination des abführenden Schenkels der Gastroenteio-
stomie. die vor 11 Jahren angelegt worden war. Verf. ist geneigt, als
Ursache dieses Circulus vitiosus, der bereits vor 11 Jahren 3 mal m geringem
Grade sich zeigte, spastische Zustände an der Gastroenterostomiestelle und
der obersten Dünndarrnschlinge anzunehmen, wofür auch die sehr starKen
Verwachsungen der obersten Dünndarmschlinge sprechen würden.
Hs. Lehmann- Wien: 10 proz. Jodkalilösung zur Darstellung von
Fistelgängen. Abszess- und Empyemhöhlen im Röntgenbilde.
Veranlasst durch die vorzüglichen Resultate, die Rub r 1 1 i u s mit
10 proz. Jodkaliumlösung bei Blasen-, Ureter- und Nierenbeckenfullungen -er¬
zielte, hat Verf. diese Lösung mit bestem Erfolge auch zur Füllung von
Fisteln, Abszess- und Empyemhöhlen verwendet. Die sehr einfache Technik
ist kurz beschrieben. 10 proz. K.-J.-Lösung macht intensiven Röntgenschatten,
setzt keinerlei störende Nebenerscheinungen, lässt sich sehr leicht in feinste
Fisteln bringen und ebenso leicht wieder entfernen. _
A. Wagner -Lübeck: Zur Technik der späten zweizeitigen Prostat¬
ektomie.^ fjehlt eine tecllnjsche Verbesserung, die darin besteht, dass
er vor de'r Prostatektomie das Bauchfell oberhalb der Blasenfisteln durchtrennt
und es einige Zentimeter tiefer der Blase exakt aufnäht. Durch dieses Extra-
peritoneallegen der Blase wird die Operation erleichtert und ihre Dauer ver¬
kürzt Bei exakter Seidenanheftung ist das Bauchfell sehr rasch verklebt.
J. Hohlbaum- Leipzig: Tödliche Embolie nach Varizenbehandlung mit
Pregllösung.
Verf. hat kürzlich bei einem Kranken nach intravenöser Injektion von
80 ccm P r e g 1 scher Lösung in eine Krampfader unterhalb des Kniegelenkes
eine fortschreitende Thrombose der Vena saphena, erlebt, aus der sich zwei
grosse fingerlange Emboli ablösten und zum Exitus untei den Zeichen einer
Lungenembolie führten. Um solche fortschreitende Thrombose bis zur
Schenkelbeuge zu verhindern, empfiehlt Verf., zuerst ein Stück Vene vor
ihrem Eintritt in die Vena femoralis zu resezieren und dann erst die Pregl¬
lösung zu injizieren; dadurch verliert die intravenöse Behandlung an Gefähr¬
lichkeit, die sonst ein einfaches und sicheres Mittel zur Beseitigung aus¬
gedehnter Varizen darstellt.
Herrn. M e y e r - Göttingen : Nasenkorrektur bei Hasenscharten¬
operationen. , ,, ,, £
Um -die unschöne Breitnase bei Hasenscharten zu korrigieren, geht Verf.
so vor dass er im oberen Nasenlochwinkel einen dreieckigen Ausschnitt
anlegt lind diesen mindestens 14 cm weit in den Nasenflügel hineinführt; gleich¬
zeitig macht er noch eine rhombenförmige Exzision am Grunde der Nasen¬
öffnung. Aus einer beigegebenen Skizze ist die Schnittführung leicht er¬
sichtlich. ,, „ „
Rud. Oppen he im er- Frankfurt a. M.: Ein operativ geheilter Fall
von tabischer Blasenparese.
Verf. hat eine tabische Blasenstörung dadurch zur Heilung gebracht, dass
er die motorische Funktion des M. detrusor durch Aufpflanzung der funktions¬
tüchtigen M. recti verstärkte; er bildete aus den beiden Mm. recti einen
Muskellappen, den er auf der Vorder-Hinterwand der vorher angefrischten
Blase anheftete. Die Technik dieser Plastik ist kurz beschrieben; sie eignet
sich für alle Formen von Detruscparesen, bei denen die ursächliche
organische Nervenerkrankung unterhalb Ti sitzt.
Dr. E. H e i m - Schweinfurt-Oberndorf.
ln einer kurzen Mitteilung wird angeregt, an grösserem Material i
Beeinflussung der sog. Ausfallserscheinungen durch Suggestion in llypnc
\yP U t e r - Heidelberg: Prinzipielle Bemerkungen zur Technik i
Grossfeldfernbestrahlung^strahiungszeit, Einschränkung des Röntgenkuh
möglichst genaue Einstellung der Röhre. Kompression des Leibes und da;
Annäherung der Röhre an den Erkrankungsherd; Vermeidung der Dur
Strahlung überflüssig grosser Körpermassen. Minderung in der Einwirkung
ungewollten Streustrahlung. . . , ,,
W. F e 1 d m a n n - Düsseldorf : Ueber den diagnostischen und the
peutischen Wert des Pneumoabdomen bei postoperativen Verwachsungen m
Laparotomien. WQ ^ Verdacht auf Verwachsungen mit der vorde
oder seitlichen Bauchwand besteht, empfiehlt sich zur Sicherstellung der E
guose die Röntgendurchleuchtung eines Pneumoabdomens, und wenn di
deii Verdacht bestätigt, zur Therapie die Laparotomie mit sofort an
schlossener Sauerstoffüllung der Bauchhöhle. Anzustreben ist m ledern F,
zur Kontrolle des klinischen Resultates eine Durchleuchtung ungefähr
IKlCl'w. K aPm p s c h u 1 1 e - Duisburg: Subperitoneales Dermoid als Gebu
Am weiteren Heruntertreten und am Austreten wird der Kopf gehinc
durch eine die hintere Vaginalwand vorwölbende Geschwulst. Längssch
über den Tumor in 6 cm Länge. Dann lasst Sich die Geschwulst le
enukleieren. Geburtsbeendigung durch Forzeps. Naht des Geschwulstbe
mit tiefgreifenden Knopfnähten. Heilung nach 14 Tagen.
A. P r o b s t n e r - Pest: Primäre und Spätresultate der chirurgisch
handelten chronischen Adnextumoren auf Grund 5 jährigen Materials.
Die die Arbeit beschliessende Zusammenfassung lautet: Wir •
schliessen uns zur operativen Therapie nur in Fällen von seit Jahren
stehenden, häufig rezidivierenden, jeder konservativen Therapie trotzem
lästigen Beschwerden oder Arbeitsunfähigkeit, mehrere Monate nach
klingen der letzten Entzündung. Wo die soziale Lage des Kranken samtl:
Forderungen der konservativen Therapie nicht ermöglicht, stellen wir
Indikation früher auf. In der Regel wählen wir die radikale Methode,
entschieden einseitigen Entzündungen (puerperale) gehen wir konservativ
Mit Hilfe der radikalen Operation gelang es uns bei 88,1 Proz. endgul
Heilung bzw 95,5 Proz. vollständige Arbeitsfähigkeit zu erzielen, mit n
ganz 5 Proz. Mortalität. Die Resultate unserer konservativen Operatic
sind trotz rigorosester Auswahl der Fälle schlechter, als die der radik
Operation. Die sog. Ausfallserscheinungen entstanden in erster Linie
Frauen mit nervöser Disposition, aber in keinem Falle erreichten sie e
solchen Grad, dass sie -den guten Erfolg der Operation in Frage ges
hätten. Werner- Ha.nbur
Frankfurter Zeitschrift für Pathologie. 26. Band, Heft 2.
Zentralblatt für Gynäkologie. 1922. Nr. /.
O. Frankl- Wien: Zur Klinik und Pathologie der Adenomyosis.
Die Adenomyosis uteri, früher wenig beachtet, ist häufiger, als man ge¬
glaubt hat. F. entwickelt an einer grossen Zahl von Beispielen die Patho¬
logie des Leidens und ihr histologisches Substrat.
F. S c h u 1 1 z e - R h on h o f - Heidelberg: Der hypnotische Geburts¬
dämmerschlaf. .... , , . „ ,
Die Heidelberger Frauenklinik hat sich im letzten Jahr ganz speziell aut
die schmerzlose Geburtsleitung in Hypnose eingestellt. Verf. schildert die
Methode nochmals und berichtet über eine Versuchsreihe von 79 Fällen mit
einem vollen Erfolge von ca. 90 Proz. — Die Methode eignet sich aber in
allererster Linie für Anstalten, weniger für die Allgemeinpraxis.
P. W o 1 f f - Darmstadt: Die Beeinflussung der sog. Ausfallserscheinungen
durch Hypnose.
Frieda Malkwitz: Beitrag zur Kenntnis polypöser Bronc'
karzinome. (Pathol. Institut Leipzig, St. Georg.) , j
Ableitung von versprengtem Keim. ^ . , ...
W. Sch war zacher: Plötzlicher Tod an Erstickung infolge
legung des Kehlkopfeinganges durch ein faustgrosses Epitheliom des Zun
grundes. (Institut für gerichtl. Medizin in Graz.) .
Benignes Epitheliom, abzuleiten- vom Ductus lingualis. Keine Sc
Franz Peter er: Ueber Glioma llnguae. (Pathol. Institut Basel.)
Taubeneigrosse, abgerundete, blasse, glatte Geschwulst unter der Zu
breitbasig in die Muskulatur übergehend; ist als teratoide Geschwulst
zusehen. aus unipotentem. nur in Gliagewebe differenzierbarem Ke;m
zuleiten. Fliessender Uebergang derartiger einfach gebauter Tumoren bi
den Epignathi. .
Adolf Hart wich: Bakteriologische und histologische Untersuchu
am Fettmark der Röhrenknochen (Oberschenkel) bei Abdominaltyi
(Pathol. Institut Hamburg-Eppendorf.) , T
In allen untersuchten Fällen Hessen sich im Fettmark kulturell lyl
bazillen, und histologisch spezifische kleine Nekroseherde nachweisen,
aber immer bazillenfrei waren, wahrscheinlich also Toxinen ihre Entste
verdanken; es ist noch fraglich, ob derartige Nekroseherde in Jedem Fa l
Typhus Vorkommen müssen, oder nur der Ausdruck schwerster lntekti
Smd Rudolf Jaffe: Pathologisch-anatomische Veränderungen der Keimdi
bei Konstitiitioiiskrankheiteii, im besonderen bei der Pädatrophie. (ri
furt a. M., S e n c k e n b e r g isches Pathol. Institut.)
Der normale kindliche Hoden hat nur wenige Zwischenzellen, die
oder nur Spuren Fett enthalten; bei chronischen Infektionskrankheite
das Bindegewebe zwischen den Hodenkanälchen erweitert, ödematos.
Zwischenzellen vermehren sich dabei nicht; dagegen sind bei konstitu i
minderwertigen Kindern die Zwischenzellen stets vermehrt und entli
richlich Fett. Regelmässig ist dieser Befund bei Pädatrophikern.
Zwischenzellenvermelirung ist also ein anatomisches Merkmal für konsti
nelle Minderwertigkeit, wohl aufzufassen als Störung innerer Funktionei
den Zwischenzellen auch im frühesten Kiiidesalter zukommen.
Johanna Supp es: Ueber das Knorpelglykogen der Rippenepiphyse
Rhachitis. (Pathologisches Institut Dresden-Friedrichstadt.)
Die Abweichung des Glykogengehaltes des rhachitischen Knorpels
dem Normalen ist gering, sie besteht fast nur in einer Abnahme des Glyki
und einem weniger geordneten Auftreten desselben im wuchernden Kn<
Walter Oppenheimer: Uebermässige Hyperplasie des t
metriuins. (Pathologisches Institut Danzig.) .
Weib, 21 Jahre. Uterus wegen 3 wöchentlich sich wiederholender stj
Blutungen mit den Adnexen entfernt. Der Uterus war stark vergroj
seine Schleimhaut stark gequollen, bis 2)4 cm dick, in hirnwindungenähn
Falten aufgeworfen. Histologisch fand sich eine Hyperplasie der Dt|
Schicht ohne Entzündungszeichen. Ursache wahrscheinlich Störung,
inneren Sekretion vonseiten der kleinzystisch veränderten Ovarien.
Kubig: Beiträge zur pathologischen Anatomie der Milz. U utn
sches Institut Dresden-Friedrichstadt.)
a) Knotige Hyperplasie der Milzpulpa. Krebsmetastasen vortausc
b) Blutzyste der Milz.
c) Nebenmilzartiger, zirkumskripter Tumor der Milz.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
367
zeigte der gewonnene Lipoidextrakt nach Z i e li 1 keine oder nur eine mini¬
male Säurefestigkeit. Wahrscheinlich spielen physikalisch-chemische Unter¬
schiede im Aufbau der Bakterien eine Rolle.
W. Pfannenstiel - Frankfurt a. M. : Vergleichende Untersuchungen
über die Extrahierbarkeit verschiedener säurefester Bakterien mit Aetlier-
Azetongemischen.
Es gelang mit Aether-Azeton ge mischen aus allen säurefesten
Bakterien Lipoidsubstanzen zu extrahieren. Die Säurefestigkeit und
die Extrahierbarkeit gehen aber nicht parallel. Daher kann auch die Säure¬
festigkeit nicht allein durch den Lipoidgehalt bzwi durch die Wachshülle
bedingt sein. Es scheinen noch chemisch-physikalische Eigenschaften mit¬
zusprechen, die auch für die Tierpathogenität eine Rolle spielen mögen
und durch eine differente Plasmastruktur bzw. „die Dispersität der Plasma¬
kolloide“ bedingt sind. Die echte Tuberkulose, die Hühnertuberkulose und
saprophytische durch Tierpassagen gesteigerte Stämme sind durch Extraktion
ihrer Säurefestigkeit kaum zu berauben. Die Anpassung an das Tier scheint
zu einer Aenderung des chemisch-physikalischen Aufbaues zu führen, mit dem
auch vielleicht die Pathogenität zusammenhängt.
Georg H e u e r - Berlin: Untersuchungen über den Agglutinationsvorgang
unter Verwertung des Agglutinationsoptimums. Der Einfluss der Kochsalz¬
verdünnung auf die Antikörper der Sera.
B u c h n e r - Berlin: Sind die Crithidien der Schaflaus für Mäuse
pathogen?
Neue Versuche, die den L a v e r a n sehen angepasst waren, zeigten, dass
durch Verfüttern von Schaflauscrithidien Mäuse nicht infiziert werden konnten,
was L a v e r a n behauptet hatte. Diese Differenz ist demnach noch nicht
aufgeklärt.
Ludwig Bitter-Kiel: Ueber die Prüfung und Begutachtung von Des¬
infektionsmitteln.
Es wird an einem Beispiel, dem Desinfektionsmittel „Phenoco“, das
ausgezeichnet begutachtet worden ist, gezeigt, wie unrichtig es ist, nicht
die 5 wichtigen Punkte, 1. hohe Desinfektionskraft, 2. Ungiftigkeit, 3. Geruch¬
losigkeit, 4. Wohlfeilheit, 5. Unschädlichkeit für das Material etc. zu berück¬
sichtigen. Bei Nachprüfungen ergab sich, dass das „Phenoco“ nicht einmal
die Desinfektionskraft der Kresolseife erreichte.
Eugen F r a e n k e 1 - Hamburg: Ein weiterer Beitrag zur Menschen¬
pathogenität des Bacillus pyocyaneus.
Beschrieben wird ein Fall von Pyozyaneusinfektion bei einem
zweimonatigen Kinde, bei dem wahrscheinlich durch Verschlucken der Er¬
reger sich zuerst eine nekrotisierende Magenwanderkrankung etablierte, an
die sich später eine umschriebene Lebernekrose anschloss. So ist wohl
nunmehr kein Organ mehr bekannt, bei dem nicht der Bacillus pyocyaneus
sich festsetzen könnte. Wegen seiner Pathogenität ist grösste Sauberkeit
bei den Kindern am Platze, um vorbeugend zu wirken.
R. 0. Neumann - Bonn.
März 1922.
Walter Lii scher: Ueber Myocarditis uraemica. (Pathologisches In -
i Basel.)
lei der diffusen, akuten Myocarditis interstitialis ist in ätiologischer
Jhung eine infektiös-toxische und eine rein toxische Form zu unter-
i len ; zur letzteren Gruppe gehört die Myocarditis uraemica, wahr-
i dich bedingt durch Ausscheidung von Harnsubstanzen ins Myokard. Die
; nkung ist eine seltene.
C Bann wart: Zur Pathogenese des Morbus Addisonii. Zerstörung
: ebennierenmarkes und des Grenzstranges durch ein Lymphangio endo-
ma peritonei metastaticiun. (Pathologisches Institut Basel.)
)er Fall bildet einen weiteren Beweis für die Annahme, dass der Morbus
ton eine Folge der Erkrankung des Nebennierenmarkes und der Para-
i en ist, die beide im beschriebenen Fall von Tumormassen substituiert
l*
ilarnewitz: Zur Kenntnis des Neuroblastoma sympathicum. (Patho-
| lies Institut Kiel.)
7 jähr. Frau, primärer Tumor der linken Nebenniere. Metastasen im
I Lungenoberlappen und in beiden Ovarien; besteht histologisch aus
iLympathoblasten-ähnlichen Zellen, also aus unreifen Elementen.
|:. -Hübscher: Exostosis cartilaginea des Scheitelbeins. (Pathologi-
I Institut Basel.)
(norpelige Exostose auf der Innenfläche des Scheitelbeins, also auf
bindegewebig entstandenen Belegknochen; Genese entweder phylo-
sch zu erklären oder Vorliegen einer sekundären Bildung, ähnlich der
lg von Knorpelgewebe bei Frakturen auch bindegewebig präformierter
en.
Ierdinand Wietold: Die grossen Exsudatzellen bei Meningitis tuber-
i und käsiger Pneumonie. (Senckenberg isches Pathologisches
it, Frankfurt a. M.)
Tie Zellen sind sicher nicht hämatogener Abstammung, sondern Ab-
linge fixer Gewebszellen, bindegewebiger oder endothelialer Natur. Es
t ihnen offenbar besondere Funktion im Kampf gegen das tuberkulöse
zu, die morphologisch in Formveränderung, Loslösung aus dem Zell-
tid, Phagozytose zum Ausdruck kommt.
k Yamanoi: Ueber autoplastische Transplantation der Thymus in
ilz bei Kaninchen. (Pathologisches Institut Basel.)
lei schonendem und schnellem Arbeiten gelingt bei Kaninchen regel-
? die autoplastische Transplantation von Thymusgewebe in die Milz;
ransplantat bleibt lebensfähig, zeigt zuerst degenerative Erscheinungen,
erationen erst vom 21. Tage ab; zuerst vermehren sich die kleinen
eilen, dann treten auch die H a s s a 1 sehen Körper auf, die Unter-
igen machen wieder wahrscheinlich, dass die kleinen Thymusrinden¬
epithelialer Natur sind. Oberndorfer - München.
eitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 1922. 95. Band,
:ft.
.d. R e i n h a r d t - Leipzig: Ueber den Einfluss des Trypaflavins auf
phtherieinfektion und die Diphtherievergiftung.
s konnte bei experimenteller Wunddiphtherie der Meerschweinchen ge¬
worden, dass das T rypaflavin sowohl eine giftneutrali¬
nde als auch eine bakterizide Wirkung ausübt. In Verdünnungen von
und 1: 1000 vermag das Trypaflavin die auf das Gift zurückzuführende
Wirkung der lebenden Diphtheriebazillen Yz und % Stunden nach der
on aufzuheben, ebenso die Wirkung der vorher durch Toluol abge-
l Bazillen in einer Verdünnung von 1: 100; ausserdem neutralisiert es
ierie-(Bouillon-)-Gift, das in Wunden eingerieben wurde. In den oben-
lten Verdünnungen tötet Trypaflavin auch lebende, in der Wunde ver-
e Diphtheriebazillen ab, wenn das Mittel Fa und V\ Stunden nach der
on an die Wunde gebracht wurde.
d. R e i n h a r d t - Leipzig: Ueber experimentelle Wundinfektion und
desinfektion nach Versuchen an Meerschweinchen und Mäusen mit
rcholerabazillen, Pneumokokken und Streptokokken.
s gelingt mit infektiösem Material, wie z. B. den vom Verf. benützten
tercholeraerregern, den Pneumokokken und S t r e p t o-
; e n fortschreitende Wundinfektionskrankheiten bei Meerschweinchen
läusen zu erzielen und diese dann durch Ueberrieselung mit geeigneten
izientien zur Heilung zu bringen. Für Hühnercholera eignete
rypaflavin am besten. Sublimat 1:1000 und Silbernitrat lOproz..
lodoform und Jodtinktur kamen nahe an Trypaflavin heran. P n e u m o-
:en und Streptokokken wurden durch Trypaflavin am besten
usst. O p t o c h i n erwies sich als weniger geeignet, V u z i n wirkte
. Es sind also Mittel, die die betreffenden Erreger elektiv beeinflussen
ugleich allgemein chemotherapeutisch wirken; diese Eigenschaften sind
dlein nicht ausschlaggebend.
s wird auch darauf hingewiesen, dass es mit dieser Methode der
ichen Infektion gelingt, fragliche Mittel auf ihre Wirkung im Tier¬
ment zu prü'fen.
. S c h i e m a n n - Berlin: Weitere Beiträge zur experimentellen Wund-
:ktion.
Jm Klarheit zu schaffen, ob die Wirkung der Antiseptizis eine direkte
Utende sei, oder ob unspezifische Reizmittel die Schutzwirkung hervor¬
wurden Mäuse bzw. Meerschweinchen mit Friedländerbakterien, Mäuse-
>. Streptokokken und Staphylokokken infiziert und dann mit Trypa-
j Sublimatlösung, Dahlia und auch mit Reizstoffen, Yatrenpuder und
fitinölpaste behandelt. Die Reizmittel hatten keine Erfolge aufzuweisen,
Ts geschlossen werden musste, dass die Wirkung auf eine direkte Keim-
zurückzuführen ist. Trypaflavin übte auch in Form von Streupulver
;l tarke Heilwirkung aus.
. Schlossberger und W. P f a n n e n s t i e.l - Frankfurt a. M.:
*• Versuche zur Differenzierung der sog. säurefesten Bakterien mittels
fementbindung.
erf. benützten ausser dem Typus humanus und bovinus der echten
1 culose, Stämme von Arloing, Fried mann, 3 Meerschweinchen-
■estämme, Hühner- und Froschtuberkulose, den Stamm Ra bin o-
Ich aus Butter und den Timotheebazillus. Eine Differenzierung gelang
mit der Agglutination noch mit der Komplementbindungsreaktion,
welche Gesetzmässigkeiten waren nicht vorhanden, dagegen aber eine
Gruppenspezifität. Die Hühnertuberkulose machte eine Ausnahme
Tn. als sie im Vergleich mit den übrigen Stämmen noch bei erheblich
ren Verdünnungen des homologen Stammes positiv reagierte. Auch
Klinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 (nachträglich).
(3. B u m k e - Leipzig: Psychologie und Psychiatrie.
Uebersichtsreferat.
S. B e r g e 1 - Berlin: Die natürlichen Abwehrmittel des Körpers gegen
die syphilitische Infektion und ihre Beeinflussung besonders durch Quecksilber.
Auf Grund der neueren biologischen Anschauungen, welche nach Verf.
mit den anatomischen Befunden und klinischen Erfahrungen übereinstimmen,
muss gesagt werden, dass das Hg die jeweils vorhandenen Abwehrkräfte des
Körpers zu einer einmaligen, meist unzureichenden Auswirkung auf die Spiro¬
chäten gelangen lässt, aber die dauernden natürlichen Heilungsvorgänge durch
Vernichtung der lebenden Produktionsquellen der Antistoffe zeitweise ver¬
hindert, ohne selbst unmittelbar auf die Erreger einzuwirken.
R. H e n n e b e r g - Berlin: Ueber Salvarsan-Hlrntod.
Verf. teilt 3 Beobachtungen mit Sektionsbefunden und Abbildungen der
Präparate mit, bei welchen in 2 sog. hämorrhagische Salvarsunenzephalitis
vorlag, während sich im 3. Fall ein grösserer Bluterguss im Pons fand.
Epikrise. Der Umstand, welcher zu diesem ungünstigen Ausgang führte,
konnte nicht klargestellt werden.
J. Markwalder - Baden (Schweiz): Wirkungswert von Bulbus
Scillae.
Verf. machte Versuche, um eine exakte Orientierung über den Wirkungs¬
wert der Droge zu gewinnen. Mitteilung der Methodik. Bezüglich der im
Handel befindlichen sog. Extrakte ergaben die Untersuchungen, dass diese
Extrakte an herzwirksamer Substanz weniger wirksam sind als das Ausgangs¬
material. Verf. versuchte, die herzwirksame Substanz zu isolieren.
A. H e 1 1 w i g - Frankfurt a. M.: Klinische Narkoseversuche mit
Solaesthin.
Das S. ist ein von den Höchster Farbwerken rein hergestelltes Methylen¬
chlorid, das sich als Inhalationsanästhetikum vollwertig brauchbar erwies für
kurzdauernde Eingriffe, dann zur Einleitung der Vollnarkose oder zur Halb¬
narkose, kombiniert mit örtlicher Betäubung. Der Artikel bringt ausser den
einschlägigen Urversuchen eine kurze technische Anweisung für die An¬
wendung in der Praxis.
O. Fleischmann - Frankfurt a. M.: Zur Frage der Sero- und Chemo¬
therapie der otogenen und rhinogenen Meningitis.
Die Grundbedingungen für eine wirksame Chemotherapie sind von der
Blutbahn aus gegeben, während in den Lumbalsack eingebrachte Stoffe kaum
über den Bereich des Rückenmarks hinaus wirksam sein können. Verf. be¬
richtet über Versuche mit Trypaflavin, das bei Meningitis nachweislich in
nennenswerter Menge in den Liquor übergehen kann. Die richtige Dosierung
ist noch nicht genügend festgestellt.
R. R o u b i t s c h e k - Karlsbad : Die renale Schwangerschaftsglykosurie
als Frühsymptom der Gravidität.
In der Gravidität erscheint Traubenzucker im Harn bei normalen oder
wenig erhöhten Blutzuckerwerten. Zur Schwangerschaftsdiagnose kann die
zuckermobilisierende Wirkung des Adrenalins verwendet werden. Verf. hat
mit einer bestimmten Methode, die sich hierauf gründet, 20 Gravide untersucht
und konnte bei 19 die Glykosurie nachweisen.
G. S i e f a r t - Charlottenburg: Zur Frage der Abortbehandlung.
Feststellungen zu einem früherem Artikel in Nr. 51 der B.kl.W. 1921.
Katzumi K o j i m a - Berlin : Ueber die Beziehungen des Saprophytlsmus
zum Parasitismus bei Bakterien.
Aus Versuchen des Verf. ergab sich, dass der Welch-Fränkel sehe
Bazillus zwei verschiedene Lebenskreisläufe hat, einen saprophytischen und
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
einen parasitären. Es kommt nur auf das Nährsubstrat an, welchen Weg von
beiden der Bazillus schliesslich einschlägt.
E. E reudenberg und P. Q y ö r g y - Heidelberg: Untersuchungen
iiber die Pathogenese der infantilen Tetanie.
Nicht zu weiterer Kürzung des wesentlichen Inhalts geeignet.
M. Koch nt a n n und P. Schmidt- Halle: Ueber die Trage der
Anaphylaxie bei den isolierten Organen des Frosches.
Aus den Versuchen muss der Schluss gezogen werden, dass sessue
Rezeptoren am Frosch nicht nachweisbar sind und dass im anaphylatoxischen
Serum keinerlei gelöste Substanzen vorhanden sind, die eine Giftwirkung auf
die isolierten Froschorgane haben.
G. A. R o s t - Freiburg : Zur Behandlung der Frühsyphilis. (Schluss.)
F. s kam dem Verf. darauf an zu zeigen, dass nur bei Auffassung der
Syphilis als eines chronischen Infektionsvorganges es möglich ist, mit einiger
Sicherheit eine Ausheilung zu erreichen. Die symptomatische Behandlung ist
als unzureichend abzulehnen. Die richtige Behandlung der Syphilis erfordert
grosse Erfahrung und Uebung. Der Praktiker soll sich, wo möglich, des
Rates und der Mitwirkung des Facharztes bedienen.
K. Kassowitz und R. Schick- Wien : Neue Wege der Diphtherie-
prophylaxe. , ... .
Die Verfasser fordern nicht die ausschliessliche Bekämpfung des Diph¬
theriebazillus. sondern die Ausarbeitung der Methoden, mittelst welcher dem
Organismus inehr Schutzstoffe zugeführt werden können. Die lntrakutan-
injektion ist das Rüstzeug’ für die aktive Immunisierung.
H. U 1 r i c i - Sommerfeld : Die Krankenauswahl für die Anstaltsbehand¬
lung Tuberkulöser.
O M e y e r li o f - Kiel: Ueber die Energetik des Muskels.
Refent Grassmann - München.
Deutsche medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 5 und 6.
F^. Sauerbruch und M. L e b s c h e - München: Die Behandlung der
bösartigen Geschwülste. (Schluss aus Nr. 4.)
Die von der Gynäkologie veröffentlichten grossen Erfolge der Strahlen¬
therapie beiin Uteruskarzinom konnten von der Chirurgie nicht bestätigt
werden Der Begriff der Karzinomdosis trägt ausschliesslich den physikali¬
schen Verhältnissen Rechnung, während bei der therapeutischen Beein¬
flussung bösartiger Geschwülste biologische Vorgänge mindestens eine sehr
bedeutende Rolle spielen, wie die sicher nachgewiesenen Spontanheilungen
solcher üeschwülte deutlich genug erkennen lasen. Eine tiefergreifende
Kenntnis vorn Entstehen und Vergehen maligner Tumoren wird in Zukunft
eine zielbewusste Strahlentherapie vielleicht den Weg einschlagen lassen,
auf dem es ihr gelingt, die natürlichen Abwehrkräfte des Organismus, welche
der Rückbildung oder gar Ausheilung bösartiger Geschwülste dienen, zu
vermehrter Wirksamkeit anzureizen. Einstweilen muss die Chirurgie in der
Frühdiagnose und Frühoperation der malignen Tumoren die sicherste Gewähr
für eine Heilung erblicken und vermag zur Zeit noch in der Strahlentherapie
ein überlegenes Verfahren nicht anzuerkennen.
Braun- iN/ickau : Die Grenzen der örtlichen Betäubung in der Chi¬
rurgie.
Lumbal- und Sakralanästhesie sind nur bei ganz bestimmter, strenger
Indikition berufen, die Narkose zu ersetzen. Alle Formen der pa-raverle-
bralen Anästhesie haben sich als zu gefährlich herausgestellt, um niclft ver¬
lassen zu werden. Die örtliche Betäubung im engeren Sinpe tritt vor allem
bei den Operationen an den Kiefern, im Gesicht, in Mundhöhle und Rachen,
sowie am Halse in erfolgreichsten Wettbewerb mit der Narkose; weniger (
ist dies schon am Hirnschädel der Fall. Auch die Brust korb chirifrgie
arbeitet vorteilhaft mit der örtlichen Betäubung, während Operationen im
Innern der Brusthöhle wegen Gefahr des reflektorischen Herz- und Atem-
. Stillstandes, des Wogens der Lunge und der Pressatmung beim nicht narkoti¬
sierten Menschen nur in Narkose gestattet sind (S a u e r b r u c h). Grössere
Bauchoperationen werden zweckmässig kombiniert ausgeführt: örtliche Be¬
täubung für die Bauchwand, kurze Narkose für die Eingriffe am Bauchinhalt.
Für Operationen im Gebiete des Plexus sacralis ist die parasakrale An¬
ästhesie ein ausgezeichnetes und ungefährliches Verfahren. An der oberen
Extremität ist die Plexusanästhesie mit Injektion dreiquerfingerbreit ober¬
halb des Schlüsselbeines bei besonderer Indikation zweckmässig, während an
der unteren Extremität praktisch höchstens die Lumbalanästhesie für die
Narkose eintreten kann. B. selber hat niemals bei viel mehr als 50 Proz.
seiner Operationen die örtliche Betäubung angewendet.
G. S u 1 t a n - Berlin: Ueber Nebennierenexstirpation bei Epilepsie.
Unter 5 Fällen, bei denen die von Fischer angeregte Nebennieren¬
reduktion gemacht worden war, konnte einmal eine Besserung des psychischen
Zustandes, ein anderes Mal eine Verminderung der Anfälle bei fortgesetzter
Luminaldarreichung gesehen werden. Die übrigen drei Fälle blieben unbe¬
einflusst.
H. Leo-Bonn: Ueber die Wirkung intravenöser Kampferölinjektion.
Nach intravenöser Injektion von Kampferöl - — s/s der injizierten Oel-
menge wird in den Lungen festgehalten (Fischer) — kommt es fast un¬
mittelbar zu einem jähen Anstieg der Atemgrösse, dem ein allmähliches Ab¬
sinken folgt, worauf ein neuer, den ersten erreichender oder gelegentlich
gar übertreffender, länger dauernder Anstieg eintritt. Während der erste
Anstieg als ein Reflexvorgang auf die Oelablagerung in den Lungenkapillaren
angesehen werden muss, ist der zweite die Folge einer Kombination von
örtlicher Oel- und resorptiver Kampferwirkung. Im Tierexperiment wurde
nachgewiesen, dass 0,2 ccm Oel auf das Kilogramm Körpergewicht bei intra¬
venöser Injektion gefahrlos vertragen wurden. Gleichwohl bleibt äusserste
Vorsicht bei therapeutischer Anwendung geboten. Vielleicht kann die Ab¬
lagerung des Oeles in der Lunge zu einer Heilwirkung bei Lungentuberkulose
benutzt werden.
E. R u n g e - Berlin : Zur Behandlung der akuten Anämie sub partu.
Auf Grund günstiger eigener Erfahrungen empfiehlt Verf. bei jeder
einigermassen beträchtlichen Geburtsblutung das Blut aufzufangen, im Ver¬
hältnis 3: 2 mit physiologischer NaCl-Lösung, der 1 Proz. Natr. citr. zugesetzt
ist, zu verdünnen und davon eine grössere Menge (600 — 700 ccm) als ge¬
wöhnliches Klysma, den Rest als Tropfeinlauf zu geben.
H ü b n e r - Elberfeld: Schmierseifeneinreibungen als Mittel zur Verbesse¬
rung der Syphllisbehandlung.
Bei gleichzeitiger Sclnnierseifeneinreibung — täglich 10 g 15 Minuten
lang — neben Neosilbersalvarsan und Cyarsal konnte durchgehends ein er¬
heblich rascheres Negativwerden der WaR. festgestellt werden. Als Or
wird die Reizwirkung auf die Haut (Esophylaxie) angesehen.
G. K r e h s - Leipzig: Neosilbersalvarsan (N.S.S.) und seine eiitzei
Verwendung mit Novasurol.
Die genannte Kombinationsbehandlung wird als das gegenwärtig v,
samste und dabei unbedenklichste Verfahren gerühmt.
L. Brandt und IM. F r a e‘,n k -e 1 - Charlottenburg: Verödung
Tränendrüse durch Röntgenstrahlen.
Durch Röntgenbestrahlung der Tränendrüse (6 Sitzungen an je 2
einanderfolgenden Tagen mit Pausen von je 1 Woche- Gesamtdosis 6 '
Aluminiunülter 4 mm) wurde das nach operativer Entfernung des 1 r,T
sackes zurückgebliebene Tränenträufeln beseitigt.
F. M. M e y e r - Berlin: Zur Technik der Quarzlichtbehandlung.
Fortbildungsvortrag.
A p e 1 - Charlottenburg : Zur Behandlung des schwachen Haarwue
nach Z u n t z und K a o p.
Das Kapp sehe Verfahren wirkt auch ohne Keratinzusatz lediglich d
den Reiz, welchen Ammoniak und Galvanisation auf der! Haarboden au;
Zweckmässig ist die Kombination mit der innerlichen Hiimagsolanbeiiandl
M ö 1 1 e r - Peine: Das Erdöl als Heilmittel.
Historisches.
ü. Sing er- Wien: Der gegenwärtige Stand der Pankreaserkrankun
Schluss folgt.
W. Liepmann - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Prakt
H. S c h o 1 1 in ü 11 e r - Hamburg: Ueber den angeblichen Zusami
hang zwischen Infektionen der Zähne und Allgemeinerkrankungen.
Verf. hält den Zusammenhang zwischen septischen Allgemeinerk
kungen und infektiösen Zahnkrankheiten, wie er von Fischer behai
wird, für ausserordentlich selten gegeben.
N o n n e n b r u c h - Wü’rzburg: Ueber Beziehungen der Gewebe
Diurese und über die Bedeutung der Gewebe als Depots.
Eine gestörte Wasser- und Salzausscheidung durch die Nieren lr
bei intakter üewebsfunktion zunächst noch keine hydrämische Plethora
die Gewebe einen Ueberschuss von Wasser und Salz aus dem Blute^ r
entfernen. Die Hauptursache der Oedeme liegt im Zustande der Ge'
selbst, insbesondere der Blutgefässe. Die Diuretika der Purinreihe und;
Novasurol haben neben der Nierenwirkung auch noch die Eigenschaft,
Gewebe zu entwässern und zu entchloren, woraus sich eine Konzentrij
des Blutes mit absoluter Vermehrung des Bluteiweisses ergibt.
E. T a n c r e - Königsberg: Erfahrungen mit Vitaltuberkulin.
Es ergaben sich keine Kontraindikationen gegen die Verwendung aj
sch Wächter lebender humaner Tuberkelbazillen beim tuberkulösen Menst,
K. B u r c h a r d i - Baden-Baden: Experimentelle Untersuchungen
die Kontagiosität des Lupus vulgaris.
Der ulzerierte Lupus der Haut und der Nasenschleimhaut bietet
geringe Ansteckungsgefahr.
K. N a s w i t i s - Berlin: Ueber „Auslösung“ von Zellverinehru
durch Wundhormone bei höheren Säugetieren und dem Menschen.
Die nach Autotransfusion durch Gefrierenlassen und Wiederauftauen I
störten Blutes gesehene Blutkörperchenvermehrung wird als Folge
Reizwirkung von Blutzerfallprodukten angesehen.
A. Weil-Berlin: Geschlechtstrieb und innere Sekretion.
Beschreibung eines weiblichen Eunuchen und eines männlichen f
choiden mit vergrösserter Unterlänge, verbreiterter Sella turcica«und fej
dem bzw. stark herabgesetztem Geschlechtsempfinden (1 Abbildung).
S c h e i d t - München: Die respiratorische Exkursionsbreite des Ei
umfanges und ihre Bedeutung.
Die mechanischen Bedingungen für die Atmungsfunktion des TI
werden bestimmt durch den auf die Körpergrösse bezogenen absoluten li
Brustumfang bei Exspiration )*!
umfang, durch den Exkursionsquotienten "
Brustumfang bei Inspiratio
oder durch die auf den Brustumfang bei ruhiger Atmung bezogene ab;
Differenz zwischen den Umfängen bei tiefster Inspiration und Exspir,
und durch den Thorakalindex.
F. K ö t h e - Leipzig: Quecksilber als Reizmittel bei Stomatitis ule«
Orale Verabreichung von Hydrarg. oxydulat. nigr. 0,01 — Sachar.
ad 10,0, dreimal täglich 1 Messerspitze bei sorgfältiger Zahnreinigung
Entfernung von alten Eiweisszerfallsprodukten), häufigen Mundspiilungei
1 proz. HaOs und Aetzung der Geschwüre mit 8 proz. Zinc. chlorat. 1J
auch in den langwierigen Fällen zu rascher Heilung, vermutlich durch
Wirkung.
E. Liek-Danzig: Nochmals zur Frage der Röntgenschädigungen.
Polemik gegen Kurtzahn.
C. W e g e 1 e - Königshorn : Die temporäre Ausschaltung des N
phrenicus.
Die Ausschaltung des Phrenikus durch Novokainisierung zur Beseit
eines hartnäckigen Singultus ist vor der eingreifenden Durchschneidu
Anwendung zu bringen. Mitteilung eines durch einmalige Injektion da
geheilten Falles.
ü. Singer- Wien: Der gegenwärtige Stand der Pankreaserkranki
(Schluss aus Nr. 5.)
W. Liepmann - Berlin: Gynäkologische Ratschläge für den Pral
Baum- Augsb'
Medizinische Klinik. Heft 8.
Arndt- Berlin: Salvarsanfragen.
Die ungewöhnliche Zunahme der schweren Dermatitiden, die zun
tödlich verlaufen, ist höchstwahrscheinlich eine Folge der Zunahme de
handlung mit Salvarsan überhaupt. Die vom Verfasser beobachteten 12 1
fälle werden im einzelnen besprochen.
G. H e r r n h e i s e r - Prag: Ueber die Manifestation von Pan
erkrankungen im Röntgenbilde.
Ausführliche Zusammenstellung der an Magen und Duodenum
logisch wahrnehmbaren Zeichen, die bei Pankreasaffektionen zur Beobat
gelangen können.
Umfrage über die neue Influenzaepidemie.
Uebereinstimmend wird der leichte Charakter der Epidemie sow
schubweise Auftreten grosser Wellen mit Abbruch des Frostwetters h
gehoben. Der Pfeiffersche Bazillus wird oft gefunden; es schein
erworbene Immunität, wenn auch keine vollständige, zu geben. Dun
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ärz 1922.
369
J n dürfte die Krankheit nicht in besonderem Maasse propagiert werden.
Ü.g sind einige Fälle von Enzephalitis neu aufgetreten.
. R o m i c h - Qrimmenstein : Die Behandliingsincthoden der Knochen-
elenkstuberkulose in der Volksheilstätte Grimmenstein,
le Behandlung ist individualisierend und vor allen! kombiniert, d. h.
t: ausgiebiger operativer Therapie wird die konservative im Gestalt von
ji- und Luftbehandlung, Stauung usw. gehandhabt. Keine Vorteile durch
lulinbehandlung; nur diagnostische Verwendung von Röntgenstrahlen.
{ o e 1 c h a u -.Berlin: Lieber die Methoden der Messung der Körper-
i atur und über ein neues Verfahren der Schnellmessung.
urch Benützung eines kleinen Drahtgestelles, welches den Thermometer
i und in ein Uringlas gehängt wird, lässt sich das zuverlässige und
:i auszuführende Verfahren ohne Schwierigkeit bei beiden Geschlechtern
«den; seine Vorteile sind ausserdem noch darin zu sehen, dass bei
I einer Infektionsgefahr eine grosse Menge Messungen binnen kurzer
ritereinander zu bewerkstelligen ist.
!. N a g e 1 s c h m i d t - Berlin: Ueber die Praxis der Röntgentiefen-
i: mg.
ihsammenfassender Vortrag, der erneut darauf hin weist, dass mit sorg-
, n Gebrauch auch der besten Messinstrumente die Fehler der Dosierung
I licht ausgeschaltet sind.
i n k b e.i n e r - Zuzw.il: Kretinismus und endemische Ossifikations¬
gen.
bzwar vorzeitige Verknöcherung bei Gesunden im Endemiegebiet so
■ie anderwärts vorkommt, so sind doch bisher sichere Fälle von
smus mit prämaturer Ossifikation noch nicht beobachtet worden,
man das ganze Problem als ein Schulbeispiel von Klassenvariation be¬
it, so ergeben sich höchst bemerkenswerte Tatsachen, die weiteren
3 ms wert sind.
i. B r a u n - Steglitz: Zur Behandlung der Oxyuriasis (Wurmkrankheit),
npfehlung und zweckmässige Gestaltung der Butolankur.
. Frisch und W. S t a r 1 i n g e r - Wien : Ueber das Flockungs-
igen des Blutplasmas bei Lungentuberkulose.
as Flockungsvermögen des Blutplasmas ist für klinische Zwecke ein
( hend genaües Maass der Grösse der Fibrinogenfraktion und somit des
jszerfalls; so gibt die Reaktion für die Beurteilung der Aktivität und
dienz eines tuberkulösen Prozesses ein einfaches Hilfsmittel an die
T o b i a s - Berlin : Ueber die Bedeutung der Hydro- und Tliermo-
lie bei einigen funktionellen Nervenkrankheiten.
oilepsie, Chorea minor, Beschäftigungsneurosen, Tick. Paralysis agitans,
: d o w sehe Krankheit. S.
chweizerische Medizinische Wochenschrift. 1922. Nr. 2 und 3.
. G u g g i s b e r g - Bern: Die fötale Indikation zur operativen Be¬
ug der Geburt.
Jaquet: Der Oszillotonograph zur graphischen Registrierung der
orischen Pulsdruckschwankungen.
^Schreibung und Abbildung eines neuen Apparates, der eine Modifikation
a c h o n sehen Oszillometers darstellt und die oszillatorischen Puls-
: chwankungen aufschreibt. Aus dar Kurve lässt sich auch ziemlich
: die Höhe des systolischen Druckes bestimmen.
Staehelin- Basel: Die Pathologie der Atmung. (Schluss.)
F r i c k e r - Bern : Kritische Bemerkungen zur Frage der Funktions-
uen des Magens.
ir die Praxis ist das Ewald-Boas sehe Probefrühstück dem E h r -
:i sehen Alkoholfrühstück vorzuziehen, schon deshalb, weil durch den
i die Magensekretion beeinflusst wird und weil es auch viel besser zur
iätsprüfung geeignet ist. Man darf die bewährte Methode nicht deshalb
Ln, weil sie übertriebene Erwartungen nicht erfüllen kann. ,
Schnyder: Zur Kasuistik der Zwillingslagen,
n Fall von Einstellung des ersten Kindes in Fusslage und des zweiten
3 fiage.
r. 3.
unziker und v. W y s s - Adlis wil : Ueber systematische Kropf-
e und Prophylaxe.
ie Verfasser haben 745 Kinder ein Jahr beobachtet, von denen nach
ig der Schilddrüse ca. die Hälfte aus jeder Altersstufe (6.— 16. Lebens-
/öchentlich 1 mg Jodkali bekam, im ganzen 0,04 g. Bei den Behandelten
fi die Schilddrüsen durchschnittlich um mehr als die Hälfte kleiner,
(also nicht nur eine Prophylaxe, sondern auch eine Therapie des Kropfes
ij Schule auf breiter Grundlage möglich. Für die Prophylaxe wird
ilmgsweise eine 5mal kleinere Dosis genügen. Es ist aber jedenfalls eine
L Dosierung für jede Altersstufe anzustreben und man muss die Jodalkalien
Den, weil sie völlig resorbiert werden, während bei den organischen
>ibindungen die Dosierung wegen der unsicheren Resorption zu un-
L| ist. Der Körper braucht physiologischerweise Spuren von Jod und die
(sserung der Schilddrüse in gewissen Gegenden ist nur eine physio-
fe Einstellung der Bevölkerung auf zu jodarme Ernährung. Unser Ziel
Fein, die physiologisch nötige Spurendosis Jod festzustellen und dem
Ö zuzuführen, am besten als Zusatz zum Kochsalz. Dann wird die
-uhr ungefährlich sein. (Vergl. auch M.m.W. 1922 S. 47.)
fenninger - Zürich: Ueber die Beziehungen der Tiertuberkulose zur
';ulose des Menschen. Antrittsvorlesung.
G 1 a n z m a n n - Bern: Die biologische Bedeutung der Vitamine für
iderheilkunde. Schluss folgt.
J' u n g - St. Gallen: Klinischer Beitrag zur Schwangerschaftshyper-
V der Schilddrüse.
ei einer im 7. Monat Schwangeren (früher 9 normale Geburten) sah
S rasch zunehmende Sehstörung, bitemporale Hemianopsie, partielle
1 satrophie und typisches Röntgenbild. Nach Hysterotomie und Tuben-
’ation rascher Rückgang aller Erscheinungen. Akromegalie, Poly- und
Furie fehlten.
o e m i s c h - Arosa: Ueber die Wirkung der T r e u p e 1 sehen
Hen bei mit Schmerzen verbundenen Krankheitserscheinungen.
mpfehlung der Tabletten im Beginn entzündlicher Vorgänge (Angina,
j)fen, Magen-Darmkatarrh), besonders aber im Beginn der Migräne, wo
1 >ei sich selbst immer prompten Erfolg hatte. L. J a c o b - Bremen.
Vereins- und Kongressberichte.
Aerztlicher Verein zu Danzig.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 19. Januar 1922.
Herr A. Schmidt: a) Ein Beitrag zur zentralen Luxation des Ober¬
schenkelkopfes.
Es wird das Röntgenbild einer zentralen Luxation gezeigt. Ein Kriegs¬
teilnehmer, der auf dem Rückmarsch 1918 von einem Auto angefahren wurde,
fiel um' und zog sich eine zentrale Luxation zu. Er versuchte noch weiter
zu marschieren, Hess sich dann aber in ein Feldlazarett aufnehmen und
marschierte nach einigen Tagen, da das Feldlazarett aufgelöst wurde und die
zurückbleibenden Kranken dem Feind übergeben werden sollten, weiter. Der
Oberschenkel stand in Strecksteilung im Hüftgelenk fixiert. Wegen der
günstigen funktionellen Stellung kam eine Operation nicht in Frage. Es wird
auf den Entstehungsmechanismus hingewiesen. , Fixation des leicht
abduzierten Beines, die bei der Schrittstellung gegeben ist. Begünstigt wird
die zentrale Luxation durch Gewalteinwirkungen in der Achse des Schenkel¬
halses, von Bedeutung ist die auf Zug- und Druckwirkung aufgebaute
Bälkchenstruktur des Schenkelhalses und Kopfes. Es werden die Gewalt¬
einwirkungen besprochen, die zu Frakturen führen müssen. Von differential-
diagnostischen Merkmalen ist die Vorwölbung der Gegend der Hüftgelenks¬
pfanne, die vom Mastdarm aus palpiert werden kann, von besonderer Be¬
deutung neben der die Situation klärenden Röntgenaufnahme. Therapeutisch
ist es von Wichtigkeit, ob eine gleichzeitige Beckenfraktur vorliegt. Im vor¬
liegenden Falle bestand keine gleichzeitige Beckenfraktur. In frischen Fällen
kann eine Extension mit Hebelwirkung auf den Schenkelhals und Kopf zum
Erfolg und günstigen funktionellen Resultat führen. In alten Fällen kommt bei
ungünstiger Stellung des Oberschenkels die Resektion des Kopfes oder die
subtrochantere Osteotomie in Frage.
b) Ein Beitrag zur Kasuistik der Zwerchfellhernie.
Es werden die Röntgenbilder eines Mannes mit einer Zwerchfellhernie
gezeigt, der zu einer poliklinischen Röntgenaufnahme der chirurgischen Ab¬
teilung des Krankenhauses • überwiesen wurde. Das erste Bild in dorso-
ventraler Richtung lässt die Vermutung einer linksseitigen Verlagerung der
Baucheingeweide in die Brusthöhle aufkommen. Dfe zwei folgenden Bilder
werden nach Verabfolgung einer Bariumaufschwemmung in dorsoventraler
und dextro-sinistraler Richtung angefertigt. Aufnahmen nach einem Kontrast¬
einlauf und einem Pneumoperitoneum konnten bei dem poliklinischen Kranken
nicht angefertigt werden. Mit Hilfe von Skizzen wird der sich aus den
Bildern ergebende Situs erklärt. Ein zwerchsackähnlicher Magen war in die
Brusthöhle verlagert. Ob Dickdarm mit verlagert ist, konnte nicht mit Be¬
stimmtheit angegeben werden.
Es handelt sich um einen Kriegsteilnehmer, der 1914 liegend durch ein
russisches Infanteriegeschoss verwundet wurde. Einschuss in der Höhe der
linken 9. Rippe in der hinteren Axillarlinie. Das Geschoss wurde unter dem
rechten Rippenbogen in der Matnmillarlinie in einem russischen Lazarett ent¬
fernt. Der Mann hat ein sehr wechselreiches Gefangenenleben in Russland
hinter sich und musste z. T. sehr schwer arbeiten (Kohlengruben). Er hatte
häufige, z. T. ileumartige Beschwerden, die auch jetzt noch anfallsweise auf-
treten. Zur Operation, die dringend, angeraten wurde, konnte er sich bisher
nicht entschlossen.
Besprochen werden die präformierten Zwgrchfellücken, der Larrey-
sche Raum und das Foramen Bochdaleki und ihre Bedeutung für die Hernia
diaphragmatica vera. Die - Geschossart und Richtung, die resultierende
Grösse des Zwerchfelloches, der Verlagerungsmechanismus unter Mitwirkung
des negativen Druckes im Brustfellraum und der Bauchpresse und die
klinischen Symptome. Jede Schussverletzung der Brust oder des Bauches,
bei der eine Tympanie in der linken unteren Brusthälfte, Plätschergeräusche
oder Geräusche des Verdauungskanales daselbst nachweisbar sind, muss den
Verdacht einer Zwerchfellhernie wecken. Die Diagnose wird geklärt durch
die Röntgenaufnahme in zwei Richtungen unter Zuhilfenahme der Kontrast¬
mahlzeit, des Kontrasteinlaufes und des Pneumoperitoneums. Die Therapie
ist eine operative. Statistik von Loebell: Arch. f. klin. Chir. Bd. 117,
H. 3, 97 Fälle. Von 20 nicht operierten Fällen sterben alle bis auf einen’
68 Fälle operiert mit 35 Heilungen. Statistik von Schioes smann
50 Proz. Mortalität. Frey: 33 Fälle, von denen 4 geheilt wurden, 2 davon
durch Operation. Berchthold: 24 operierte Fälle mit 22 Heilungen
. Sutter: 70 operierte Fälle mit 64 Heilungen.
Der operative Weg ist bei frischen Verletzungen durch den Einschuss
gegeben, bei älteren Verletzungen nach Wietings Vorschlag zunächst
abdominal, später event. thorakal. Unser Streben muss dahin gehen, nach
gestellter Diagnose zur Operation zu drängen, da der sonst unvermeidliche
Ileus das Schicksal des Kranken besiegelt.
In der Diskussion zeigte Herr Wilhelm Röntgenbilder der
inneren Abteilung des Städt. Krankenhauses von einem weiteren Fall von
Zwerchfellhernie nach Schussverletzung aus der Kriegszeit. Es handelt sich
um eine Verlagerung von Magen und Colon transversum.
Herr Wolff: Die Behandlung der schweren Skoliosen.
W. sprach über die Behandlung der schweren Skoliosen, der Kypho¬
skoliosen. Er ging zuerst auf die Korsettbehandlung ein und empfahl, an dem
Hessingkorsett, das nichts weiter als stützen soll und kann, nur diese Eigen¬
schaft auszunützen. Dann streifte er kurz die blutigen Behandlungsmethoden,
über welche vorläufig noch kein Urteil abzugeben ist. Gymnastik und
Massage sind bei den schweren Skoliosen nur Hilfsmittel fü’r die übrige Be¬
handlung. Da^ gilt auch für die K 1 a p p sehen Kriechübungen. Das Wesent¬
lichste bei der Behandlung der schweren Skoliosen wird stets die gewaltsame
Redression bleiben. In dieser Beziehung hat die W u 1 1 s t e i n sehe Methode
sich nicht besonders bewährt, während die A b b o 1 1 sehe wesentlich
Besseres leistet. Vielleicht ist die Kombination beider geeignet uns dem
Ziele zu nähern.
370
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
(Offizieller Bericht.)
Sitzung vom 16. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr S e u f f e r t. Schriftführer: Herr Rosenhaupt.
Herr Qroedel: Die Röntgenbehandlung klimakterischer Erscheinungen.
Nach Röntgenkastration treten, im Gegensatz zu der noch immer in
Laienkreisen verbreiteten Meinung, keine stärkeren klimakterischen Be¬
schwerden auf als bei nicht bestrahlten Frauen.
Vielmehr findet man nach sachgemäss vorgenommener Bestrahlung oft
einen leichteren Verlauf der Wechseljahre.
Uer Vortragende hat daher amenorrhoische Frauen, besonders solche mit
Hypertonie, bestrahlt und teilt genauer die Resultate bei 15 derartigen Fällen
mit, von denen 2 gebessert, 13 geheilt wurden.
Auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen glaubt G., die Eierstock¬
bestrahlung mit einer doppelseitigen Applikation von je einer Hauttoleranz¬
dosis als derzeit bestes Mittel zur Beseitigung protrahierter klimakterischer
Beschwerden, im besonderen zur Bekämpfung des klimakterischen Hochdrucks
bestens empfehlen zu können. Ein abschliessendes Urteil möchte er sich aber
noch nicht erlauben, da seine Beobachtungen noch nicht zahlreich genug sind.
Auch bezüglich der Deutung seiner Erfolge will er sich noch alle Reserve
auferlegen. Er vermutet, dass die klimakterischen Erscheinungen beseitigt
werden, wenn es gelingt, durch Röntgenbestrahlung die innersekretorisch
tätigen Zellen des Ovariums zu gesteigerter Funktion anzuregen, wobei die
Reizdosis dieser Zellen offenbar gleich der Vernichtungsdosis des Follikel¬
apparates, also der Kastrationsdosis, zu setzen ist. (Der Vortrag erscheint
in d. W.)
Herr H o 1 S e 1 d e r: Aerztliche Reiseeindrücke aus den Vereinigten
Staaten von Nordamerika.
Vortr. war 4 Monate in den Vereinigten Staaten, um einer Einladung der
American Röntgen Ray Society, einen Vortrag zu halten, Folge zu leisten
und um in dem State-institute for the study of malignant diseases in Buffalo
die Frankfurter Röntgentiefentechnik einzuführen. Er hatte Gelegenheit, eine
grössere Rundreise durch den Westen und durch Zentralamerika zu machen
und dort viele hervorragende Chirurgen, Röntgenologen und Krebsforscher
kennen zu lernen. In Buffalo befasste er sich eingehend mit der Radium¬
emanationsbehandlung maligner Tumoren, die in den letzten Jahren in
Amerika zu besonderer Blüte entwickelt worden ist. Er hat einen grossen
Eindruck von dieser Therapie gewonnen, die auf das wünschenswerteste in
ihren Erfolgen sich mit der deutschen Röntgentechnik ergänzt, indem beide
Techniken einander gerade da helfen, wo die andere die grössten Misserfolge
zu verzeichnen hat. Die Verbindung der deutschen Tiefentherapie mit der
amerikanischen Radium-Emanations-Nadeltechnik verspricht einen grossen
Fortschritt im Ausbau der Strahlentherapie zu bringen. In Chicago hatte
er besondere Gelegenheit, das akademische Leben Amerikas kennen zu lernen
und hat von den grossen wissenschaftlichen und experimentellen Forschungs¬
instituten einen ausserordentlich guten Eindruck gewonnen. Besonders
interessant war ein Besuch der Mayo-Klinik in Rochester-Minnesota, die
in ihrer Organisation zur gründlichen Untersuchung einer grossen Menge
von Kranken einzigartig in der Welt dasteht und unter den besonderen ameri¬
kanischen Verhältnissen ganz Hervorragendes leistet. In Cincinnati lernte
er sehr sorgfältig vergleichende röntgenoskopische und pathologische Unter-
suchungsreihen über die Lungentuberkulose in dem Hospital von Dr. Dun-
h a m kennen, die die Arbeiten der Freiburger Schule auf das Glücklichste
ergänzen. Auf die speziellen chirurgischen Studien in Johns Hopkins Hospital
in Baltimore, in der Harvard University in Boston und in zahlreichen
New-Yorker Hospitälern kann hier im einzelnen nicht näher eingegangen
werden. Besonders eindrucksvoll war ein Besuch in dem Rockefeller-
Institut, wo er Gelegenheit hatte, unter Führung von Dr. C a r r e 1 die
wunderbaren Präparate von einem Stückchen Hühnerfleisch zu sehen, das
durch sieben Jahre lang in künstlichen Kulturen am Leben und bei voller
Wachstumsenergie gehalten wird und bei dem es Carrel gelungen war,
durch mikrokinematographische Aufnahmen das Wachsen der einzelnen Ge¬
webszellen durch Teilung kinematographisch darzustellen. Vortragender hat
überall in Amerika eine überaus gastfreundliche Aufnahme gefunden und
von der Entwicklung der amerikanischen medizinischen Wissenschaft sehr
günstige Eindrücke gewonnen. Dass die äusseren Erscheinungen des ärzt¬
lichen Lebens vielfach von dem uns gewohnten Bild abweichen, berührt in
der ersten Zeit sehr fremdartig, ist aber durch die Natur der amerikanischen
Verhältnisse begründet und bedeutet gerade dadurch wieder andere bei uns
undenkbare Forschungsmöglichkeiten. Gerade deshalb ist aus einer Wieder¬
vereinigung der wissenschaftlichen Kreise beider Länder für jeden ein grosser
Vorteil zu erhoffen, und es steht nur zu wünschen, dass die Wiederanbahnung •
der wissenschaftlichen Beziehungen, die einst so eng gewesen sind, in kurzer
Zeit zu vollem Erfolge führen möge.
Naturhistorisch-medizinischer Verein zu Heidelberg.
(Medizinische Sektion.)
Sitzung vom 6. Dezember 1921.
Vorsitzender: Herr Sachs. Schriftführer: Herr Freuden b erg.
Herr Freudenberg: Ueber die Ursache der Griinfärbung von Säug¬
lingsstühlen. (Erschien in der Klin. Wschr.)
Herr Heller: Die Rolle der Galle bei der kryptischen Verdauung.
(Erscheint im Jb. f. Kindhlk.)
Aussprache: Herren v. R e d w i t z, Gross.
Herr G y ö r g y: Neue Untersuchungen über die Wirkung der Molke auf
das Darmepithel. (Erscheint im Jb. f. Kindhlk.)
Herr Gott lieb: Umstimmung durch unspezifische Reize (nach Ver¬
suchen mit Dr. Freund).
Aussprache: Herren M o r o, Freund, S i e b e c k, G o 1 1 1 i e b.
Sitzung vom 10. Januar 1922.
Herr Bett mann: Krankenvorstellung. •
Herr Teutschlaender: Demonstration über experimentelle Teer¬
karzinome und über gehäuftes Vorkommen sonst seltener Lokalisationen von
Spontankarzinomen bei entsprechend lokalisierten Ausnahmezuständen.
Projektion von Diapositiven von Hautveränderungen und E p i -
JL
! theliomen, welche nach der Methode von Yamagiwa und 1 c h i k a \
durch monatelange Pinselung mit Gaswerkteer erzeugt werd
Alle 5 (der 55 gepinselten) Mäuse, welche den 4. -7. Pinselungsmonat üb
lebten, zeigten epitheliale Tumoren. Bei 3 davon kann nach dem his
logischen Bild an der biologischen Bösartigkeit der Gewächse kein Zwe
bestehen (Bildung z. T. medullärer Epithelzapfen, Atypie der Epithelzeli
zahlreiche Mitosen, starkes Tiefenwachstum, Eindringen in die Muskulat;
wenn auch destruierendes Wachstum nicht sicher nachgewiesen wert
konnte. Die Veränderungen der 2 übrigen Tiere sind mikroskopisch nc
nicht untersucht, stimmen aber makroskopisch mit den auch mikroskopi-
untersuchten überein. — Unabhängig von den T. erst vor kurzem bekai
gewordenen Mitteilungen B 1 o c h s unternommene, Herrn cand. med. J o r d .
übertragene Experimente mit verschiedenen Teerfraktionen (welchen ein A
satz von Ross über die Bedeutung der verschiedenen Teerfraktionen bei (
Entstehung mancher Berufskrebse als Basis diente), zeigten, dass es mit eii
gewissen Teerfraktion schon nach einem Monat gelingt, makroskopisch' äl
liehe Wucherungen zu erzielen wie bei 4 monatlicher Pinselung mit Vollte
Diese Versuche sind noch nicht abgeschlossen.
Im Anschluss an die Teertumoren werden dann seltenere Sporn-,
karzinotne demonstriert, welche T. auf relativ spezifische, parasitär-chemisc
Reize zurückführt: Zunächst ein Bilharziakarzinom der Harnbla
an dessen Peripherie noch zahlreiche Bilharziaeiep zu erkennen sind, v
solche von T. 1921 auch bei einem an Hämaturie und Papillombildung c
Harnblase leidenden Aegypter im Urin nachgewiesen werden konnten.
Endlich mehrere der 19 von T. beobachteten Fälle von „K a 1 k b e i
karzino m“, d. h. von Mittelfusskarzinom des Haushuhns, das, nicht seit
doppelseitig, im Anschluss an die durch die Cnemidocoptes mutans-Milbe vt
ursachte Fusskrätze („Kalkbein“) sich entwickelt.
Aussprache: Herren Bettmann, Sachs, T eutschlaendi
Herr Denn ig: Gefässreflexe bei Rückenmarkskrankheiten.
Aussprache: Herren v. Weizsäcker, Dennig, Hansen.
Herr Falkenheim: Serologische Untersuchungen über die Strukt
und die Herkunft der Blutplättchen.
Mit Herrn Dr. Rosenthal an der Breslauer med. Klinik gemeins,
ausgeführte Versuche zeigten, dass durch Immunisierung von Kaninchen r
Aufschwemmungen von Erythrozyten, Leukozyten und Blutplättchen d
Menschen Agglutinine gebildet werden, deren Spezifität sich im serologisch
Reagenzglasversuch folgendennassen kundgab: 1. Erythrozytenimmunsen
agglutiniert Erythrozyten vollständig, Leukozyten mässig, Plättchen nie
2. Leukozytenimmunserum agglutiniert Erythrozyten gering, Leukozyten u
Plättchen stark. 3. Plättchenimmunserum agglutiniert Erythrozyten nie
Leukozyten und Plättchen stark. Gleichgerichtete Versuche mit Immunse;
kernhaltiger Erythrozyten und kernhaltiger Spindelzellen des Huhnes ergab
keinerlei zellverwandtschaftliche Beziehungen zueinander und zeigten, da
der Ausfall der Menschenblutversuche nicht durch Kernsubstanzen in Leuk
zyten und Blutplättchen (nach Schilling) und ihr Fehlen in Mensche
erythrozyten hervorgerufen sein konnte. Damit konnte die S c h i 1 1 i n g sc
Lehre der erythrozytär-karyogenen Abstammung der Plättchen abgelehnt u
auf ausgesprochene zellverwandtschaftliche Beziehungen der Blutplättchen
dem System der weissen Zellen geschlossen werden. Von welchen Zell
dieses Systems im einzelnen die Blutplättchen abstammen, ergab sich aus d
Versuchen nicht, ihr Ergebnis wurde als Stütze der W r i g h t sehen Theoi
der megakaryozytogenen, leukozytär-protoplasmatischen Herkunft d
Plättchen gewertet.
Medizinische Gesellschaft zu Kiel.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 2. Februar 1922.
Herr Griitz: Ueber eine Mikrosporieepidemie in Kiel.
Trotz sehr reichlich in Kiel vertretener Dermatomykosen wurde bis 19
keine Mikrosporie beobachtet. Der erste Fall, der zur Beobachtung ka
betraf ein Kerion Celsi, das in nichts den Verdacht einer Mikrosporie e
weckte, bis die. Kultur überraschenderweise ein einwandfreies Mikrospon
Audouini ergab. Kurz darauf wurde bei 4 Geschwistern einer Famil
typische Mikrosporie mikroskopisch und kulturell festgestellt, die iner
würdigerweise ebenso wie der erste Fall keine weiteren Infektionen ve
ursachte. Dagegen wurde in einer Kinderzufluchtstätte in Kiel durch einen i
September 1921 dort aufgenommenen mit einer, „schuppenden kahlen Stell«
am Kopf behafteten Knaben aus Lübeck die Mikrosporie erneut zugeschlepj
Binnen 2 Monaten wurden von den 48 Insassen des Kinderheims 29 infiziei
von denen 15 nicht entzündliche typische Kopfherde, 9 mässig entzündlicl
Hautherde und 5 gleichzeitig Haut- und Kopfherde aufwiesen. Bei sämtlich'
Fällen wurde derselbe Erreger, das Mikrosporon Audouini, nachgewiesc
Behandlung mit Röntgenepilation und Anlegung von Zinkleimkappen zur Ve
hütung der Sporenverstreuung.
Diskussion: Herren Schirren, Klingmüller, Grütz.
Herr Pa u Isen: Pygmäeneigeiischaften in der deutschen Bevölkeren:
Die Pygmäen und Buschmänner vereinigen in sich eine grosse Zahl v«,
anthropologischen Eigenschaften, die entwicklungsgeschichtlich als primiti’
anzusehen sind. Vereinzelt finden sich diese Eigenschaften rassemässi
familiär oder individuell auch bei anderen Rassen und Völkern. Die Häufm
dieser Eigenschaften bei den Pygmäen und Buschmännern ist das Chara'
teristische und erweist sie als die primitivste jetzt noch lebende Rasse. S
sind anzusehen als verhältnismässig wenig differenzierte, primitive Form, d
langschädeligen, grosswüchsigen, pigmentarmen Nordeuropäer als mei
spezialisierte Form der Menschheitsentwicklung. Damit erweist sich eh
Reihe individueller Abnormitäten in unserer Bevölkerung als Erbgut v«
primitiven Vorfahren. (Erscheint ausführlich im Archiv für Anthropologif
Diskussion: Herren v. Stark, Ahschütz, P a u 1 s e n.
Sitzung vom 16. Februar 1922.
Herren Siemerling und Oloff: Vorstellung eines Falles v(
Pseudosklerose (Westphal-Strümpell) mit Lebererkrankung, Kornea
ring (Kayser-Fleischer) und doppelseitiger, nur bei seitlicher B>
leuchtung sichtbarer Katarakt, die der nach Verletzung durch Kupfersplltt«
entstehenden Katarakt ähnlich ist.
43 jähr. Arbeiter, seit 1917 in Beobachtung. Mutter hat 4 mal an Ikteri
gelitten. 1 Bruder Veitstanz. Im Alter von 10 — 12 Jahren einmal Ikteru
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
> Beginn des Zitterns in den Händen. 1917 Zittern des Kopfes, Zittern
Hände, besonders rechts allmähliche Zunahme des Zitterns. Status:
, kes Wackeln und Schütteln des Kopfes, 120 Oszillationen in der Minute,
j extremen Stellungen, besonders beim Beugen nach rückwärts, hört das
1 ;keln auf, ebenso in völliger Ruhelage des Kopfes. Starrer Gesichtsaus-
:k, Spraclie langsam, aber nicht artikulatorisch gestört. Schilddrüse nicht
irössert. An den Armen in der Ruhe leichtes Zittern des ganzen Armes,
Bewegungen, z. B. nach Vorwärtsstrecken der Arme, starke Zunahme
j Schütteins, förmliches Flügelschlagen und Schwimmbewegungen (S t r ü m-
1). Stossende Zuckungen im Pectoralis major. Bei komplizierten Be-
ungen, z. B. Auskleiden, Essen, Schreiben sehr starkes Schütteln, ln
I unteren Extremitäten viel geringeres Zittern. Kein Romberg. Keine
- und Retropulsion. Hypotonie sehr ausgesprochen. Abdominal-
xe fehlen. Sehnenreflexe gut erhalten. Leberdämpfung nicht verkleinert.
Blutbild nichts besonderes. WaR. im Blut negativ. An der Haut keine
e, keine besondere Pigmentierung. Psychisch: gleichmässige, ruhige
imung. Geht seiner Beschäftigung nach. Keine Demenz. Im Urin
uilinogen und Urobilin schwach positiv. Lumbalpunktion: Druck 90 — 100.
m 17. Nonne +.
Herr Oloff: Ueber Augenbefunde bei Pseudosklerose.
Als charakteristisches Augensymptom, das auch im vorliegenden Falle
ausgesprochen beiderseits vorhanden ist, gilt der zuerst von F 1 e i -
i e r richtig gedeutete und näher erforschte grüne Hornhautring, der 2 min
t nahe dem Hornhautrande in der deszemetischen Membran gelegen ist.
nimmt an, dass er ebenso wie die Streifenhügelerkrankung durch toxisch-
nische Einflüsse, wahrscheinlich von der Leber aus, entsteht. Genauere
ibnisse über die nähere chemische Beschaffenheit des Fleischer sehen
;es stehen leider noch aus. Von sonstigen klinischen Augensymptomen
den bisher nur Nystagmus und zwar angedeutet in 1 Falle beobachtet;
übrige Auge war stets frei. An dem vorliegenden Falle von Pseudo¬
rose bot sich dem Vortr. Gelegenheit, noch eine andere Augenverände-
i; in Gestalt einer beiderseitigen nur bei seitlicher Beleuchtung aber nicht
Durchleuchtung sichtbaren, sonnenblumenartigen Linsentrübung im Seh¬
gebiet festzustellen, die auf Grund der Kriegserfahrung nur bei Anwesen-
von Kupfer im inneren Auge vorkommt und ihren Sitz im Kapselepithel
Linse hat. Eine Kupfersplitterverletzung hat der Kranke nie erlitten,
nhautring und Linsentrübung sind bei ihm rechts stärker entwickelt als
i. Nach Untersuchungen von Siegfried und M ö r n e r sind D e s -
n e t ische Membran (= Sitz des Fleischer sehen Ringes) und Linsen¬
iel in Bezug auf ihre chemische Zusammensetzung miteinander verwandt,
iren beide zum retikulären Bindegewebe. Vielleicht sind auch im vor-
inden Falle Hornhautring und sonnenblumenartige Linsentrübung durch
gleiche mikrochemische Ursache, die in ähnlicher Weise wie das Kupfer
elektive Wirkung auf das Augeninnere entfaltet, entstanden.
Herr Siemerling: Nach den Symptomen: Lebererkrankung, Zittern,
otonie, grünbräunliche Pigmentierung, sonnenblumenähnliche, graue Fär-
; in der Linse, die nur bei seitlicher Beleuchtung zu sehen ist, kann es
nur um Pseudosklerose handeln. Psychische Abweichungen fehlen bisher,
anders ist. hervorzuheben die eigenartige Linsenveränderung, die dem
Kupferkatarakt ähnlich ist. Zum Schluss wird der anatomische Befund
der Pseudosklerose besprochen an der Leber und im Gehirn. Pseudo¬
rose und Wilson sehe progressive lentikuläre Degeneration werden in
ereinstimmung mit Spielmeyer als identische Krankheitsbilder au-
:hen.
Hingewiesen wird auf die Sonderstellung des lentikulären Systems und
extraperitonealen Bahn sowie den besonderen Chemismus des Globus
dus und der Substantia nigra, wie er durch die Eisenreaktion von Spatz
igewiesen ist.
Diskussion: Herr Bürger.
Herr Hanssen: Ueber Seuchenbekämpfung in Kiel im 18. Jahrhundert.
Vortr. geht im Anfang kurz auf den Gang der Epidemien in Schleswig-
stein ein. (Vergl. Oeffentl. Gesundht. 1920 H. 5 — 8.) Nach den Akten
Kieler Magistrats ergab sich ein übersichtliches Bild über den Verlauf
Epidemien in Kiel, besonders über Pest und Ruhr im 18. Jahrhundert,
dem Jahre 1596 ist eine Anfrage des Rates der Stadt Hamburg erhalten,
eher um „billige Moderation“ der Zulassung von Hamburger Kaufleuten
Kieler Umschlag (Markt) bittet. Sehr zahlreich sind Verordnungen, An-
en, Berichte über die Pest in den Jahren 1709 — 1711. Man kann genau
Gang der Pest verfolgen von Polen bis zu ihrem Eintritt in die Herzog¬
er selbst. Die ersten Fälle kamen in Friedrichsort bei Kiel vor im
re 1711. Die Pest ergriff dann 1712 auch ülückstadt und Rendsburg.
Strafen, welche gegen Uebertretung der Absperrungsmassnahmen ange¬
lt wurden, waren sehr strenge. Wer ohne Gesundheitspässe in die
zogtümer sich einschleichen wollte, wurde mit Brandmal und Staupen¬
ag bedroht, ja mit der Todesstrafe am Galgen. Schiffe mussten eine
:ere Quarantäne durchmachen, das Lotsengeld musste in mit Seewasser
illte Eimer geworfen werden. Infizierte Häuser wurden niedergerissen,
darin befindlichen Sachen verbrannt. Ersatz des Verlorenen erfolgte
publico. Gegen die Ruhr im Jahre 1798 wurden auch zahlreiche Verord-
gen erlassen. Ro^s Obst durfte nicht verkauft werden. Die Aus¬
ungen der Ruhrkranken mussten in besondere, zu dem Zwecke gegrabene
her geschüttet und mit ungelöschtem Kalk bedeckt werden. Die Leichen
an Ruhr Gestorbenen mussten bei Nacht und ausserhalb der Stadt be¬
tet werden. Die Aerzte mussten jede Woche über alle von ihnen be-
delten Kranken an die Polizei berichten.
Zum Schluss geht Vortr. auf die Akten betreffend die sog. Entzündung
Wassers des Kleinen Kiels ein. Die medizinische Fakultät stattete
iber ein Gutachten ab.
Der Vortrag erscheint ausführlich im Arcli. f. Gesell, d. Med.
Herr A. Schultz: Ueber die sog. schleimige Degeneration der Gefäss-
id.
Die von neueren Autoren (A s c h o f f, Stumpf, S a 1 t y k o w und
allem H u e c k) hervorgehobene Bedeutung der „schleimigen Degenera-
i“ für den arteriosklerotischen Krankheitsprozess wird dadurch in ein
es Licht gerückt, dass es Vortragendem gelang nachzuweisen, dass ganz
malerweise die Bindegewebsgrundsubstanz der Gefässwand einen
ikoiden“ Charakter besitzt. Mittels einer eigenen Modifikation der
' r k e 1 sehen Schleimfärbung mit Kresylechtviolett (Färben in 5 proz.
iseriger Lösung, Differenzieren in stark verdünnter Essigsäure, Einbetten
-ävulosesyrup) liess sich das Bindegewebe grösserer Gefässe schon beim
871
Fötus in deutlicher metachromatischer Rotfärbung zur Darstellung bringen.
Mit zunehmendem Alter wird im weiteren Verlaufe des. Lebens die Intensität
der metachromatischen Farbnuance immer deutlicher. Die „Schleimreaktion“
ist am ausgesprochensten in den tieferen Schichten der Aortenintima und in
den inneren Lagen der Media. Mit abnehmendem Kaliber der Gefässe nimmt
auch die Deutlichkeit der Reaktion ab. Zahlreiche vergleichende Unter¬
suchungen lehrten, dass Metachromasie der Bindegewebsgrundsubstanz überall
dort auftritt, wo elastische Fasern in Entstehung begriffen, sind. Aus diesem
Zusammenhang erklärt sich auch die Zunahme des „mukoiden Gewebes bei
arteriosklerotischen Prozessen, soweit sie elastisch-hyperplastische Vorgänge
betreffen. Kombinierte Färbungen mit Kresylviolett + Scharlachrot ergaben
das interessante Resultat, dass die Lipoide in der mukoiden Grundsubstanz
zur Ausfüllung kommen, so dass dieser offensichtlich eine gewisse „Fett-
afiinität“ zuzusprechen ist und das gleichzeitige Vorkommen von elastischen
Hyperplasien und fettiger Degeneration somit eine ungezwungene Erklärung
findet. Der Ausdruck „schleimige Degeneration“ muss fallen gelassen wer¬
den, da es einmal fraglich ist, ob es sich überhaupt um einen Degenerations¬
prozess handelt und zweitens die Veränderung, die der Fettablagerung un¬
mittelbar vorangeht, sich in einem von Natur aus „schleimigen“ Gewebe
abspielen würde. Neben der „Fettaffinität“ besitzt dieses Gewebe auch eine
ausgesprochene „Kalkaf finität“, wie Untersuchungen an sklerotischen Aorten
und Schenkelarterien mit „reiner Mediaverkalkung“ ergaben. Beide Eigen¬
schaften teilt das Gefässbindegewebe mit dem Knorpel, mit welchem sich in
histochemischer Beziehung mannigfache verwandtschaftliche Beziehungen nach-
weisen lassen. Dass die Bindegewebsgrundsubstanz der Gefässwand in der
Tat ein „Mukoid“ enthält, erwies sich mikrochemisch an dem Unterschied
zwischen Gefrier- und Paraffinschnitten, indem letztere sehr deutlich durch
Alkoholfällung entstandene, fädig-körnige Gerinnungsfiguren erkennen Hessen.
Durch Einwirkung schwacher Alkalien auf Gefrierschnitte liess sich ferner die
„Schleimsubstanz" extrahieren, so dass die spezifische Färbung negativ aus¬
fiel. Schliesslich gelang der chemisch-analytische Nachweis, indem ein Kalk¬
wasserextrakt von Aorten einen Eiweisskörper enthielt, der die für Mukoide
charakteristischen Reaktionen mit Essigsäure zeigte. Die mit Kresylviolett
gefärbten Schnitte bewiesen gleichzeitig in sehr schöner Weise, dass der
Umwandlungsprozess des Elastins in Elacin bereits im Kindesalter beginnt.
Während nämlich die elastischen Lamellen der Gefässwand beim Neugeborenen
vollkommen ungefärbt bleiben, zeigten sie mit zunehmendem Lebensalter eine
etwa mit zehn Jahren beginnende, Schritt für Schritt intensiver werdende
Blaufärbung, die etwa mit dem 7. Dezennium zum tiefen Kobaltblau wurde.
Das systematische „Altern“ eines bestimmten Gewebes wird uns hiermit
sinnfällig vor Augen geführt.
Diskussion: Herr J o r e s. Emmerich.
Med.-wissenschaftl. Gesellschaft an der Universität Köln.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 13. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Hering. Schriftführer: Herr B e 1 1 z.
Geschäftlicher Teil:
1. Bericht des Schriftführers.
2. Neuwahl des Vorstandes: Vorsitzender: Herr Hering, stell¬
vertretender Vorsitzender: Herr Moritz; Schriftführer: Herr Siegmund,
stellvertretender Schriftführer: Herr Haberland.
Wissenschaftlicher Teil:
Herr Frangenheim: 1. Traumatische Zwerchfellhernie.
Brust-Bauchschuss (Inf.-Gewehr) September 1914. Seit dieser Zeit Er¬
brechen nach jeder Mahlzeit, Atemnot, Gewichtsabnahme 30 Pfund. Eine
Röntgenaufnahme zeigt die Verlagerung des Magens in die Brusthöhle.
Operation nach vorheriger Phrenikusunterbrechung. Schnitt am linken
Rippenbogen. Magen und Flexura coli sinistra sind in die linke Brusthöhle
verlagert und hier sowie am Zwerchfelldefekt angewachsen. Die Lösung
gelingt ohne Organverletzung. Naht des Zwerchfelldefektes. Alle Be¬
schwerden sind sofort geschwunden. In kurzer Zeit Gewichtszunahme um
30 Pfund. Die Lunge hat sich zum grössten Teil wieder ausgedehnt.
Diskussion: Herr Dietrich.
2. Oeosphagusülastik, Methode und Erfolge. (Der Vortrag ist in Nr. 9,
S. 303 d. W. abgedruckt.)
Diskussion: Herr Hering.
Aerztlicher Verein zu Marburg.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 11. Januar 1922.
La e wen: Zur Behandlung angiospastischer Schmerzzustände an der
unteren Extremität. (Wird ausführlich anderwärts veröffentlicht.)
G. Bes sau: Moderne Tuberkuloseprobleme.
Der Koch sehe Fundämentalversuch beweist die Existenz eines spe¬
zifischen Tuberkuloseschutzes. Dieser Schutz beruht nicht auf Antikörpern
(Agglutinine, Präzipitine, komplementbildende Antikörper sind nachgewiesen,
haben aber keine Beziehung zum spezifischen Schutz; Bakteriolysine sind
nicht vorhanden — R. Pfeiffer sehe Schule (B a a t z) entgegen Kraus-
Hofer; eine sonstige spezifische antiinfektiöse Serumwirkung ist bisher
auch nicht als erwiesen zu betrachten); der spezifische Schutz geht nicht
von der Mutter auf den Säugling über.
Wir beobachten beim tuberkuloseinfizierten Individuum das Phänomen
der Tuberkulinemphndlichkeit. Dieses Phänomen (nicht zu verwechseln mit
der Tuberkelbazillen-Eiweiss-Anaphylaxie) beruht nicht auf Antikörpern, selbst
im Parabioseversuch überträgt es sich nicht (Römer und Köhler), es
geht nicht von der Mutter auf den Säugling über.
Der Vergleich zwischen Serum- und Tuberkulinempfindlichkeit ergibt
wichtige, z. T. grundsätzliche Unterschiede:
1. Symptomatologisch: Bei der Tuberkulinvergiftung vermissen wir den
anaphylaktischen Schock und fast immer Exantheme, ein Verhalten, das ver¬
mutlich mit der Art der Giftentstehung bei der Tuberkulinempfindlichkeit
Zusammenhängen dürfte.
2. Wichtig ist, dass Serum antigen, Tuberkulin niemals antigen wirkt.
3. Wenn serum- und tuberkulinempfindliche Individuen in ihrer Empfind-
372
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
lichkeit gesteigert werden, ergeben sich durch Beobachtung der lokalen
(lokal = am Orte der Darreichung) Empfindlichkeitsreaktion Unterschiede:
a) zeitlich (bei der Steigerung der Tuberkulinempfindlichkeit fehlt oft
jede Inkubation, bei der Steigerung der Serumempfindlichkeit ist stets eine
Inkubation — in der Regel 5 Tage — nachweisbar),
b) quantitativ (die Tuberkulinempfindlichkeit steigt oft ganz langsam
und allmählich, die Serumtiberempfindlichkeit plötzlich-sprunghaft),
c) qualitativ (bei der Tuberkulin-Lokalreaktion liegt das Maximum der
Entzündung stets im Zentrum, bei der Serumüberempfindlichkeit oft in der
Peripherie: Phänomen der Kranzbildung).
4. Im weiteren Verlauf der Empfindlichkeit sehen wir bei täglicher
Serum- bzw. Tuberkulinapplikation einen weiteren Unterschied auftreten: die
Serumüberempfindlichkeit erlischt sehr schnell (Katanaphylaxie), die Tuber¬
kulinempfindlichkeit bleibt bestehen (teleologisch bedeutsam).
5. Bei der Tuberkulinempfindlichkeit beobachten wir Herdreaktionen, bei
der Serumüberempfindlichkeit unter keinen Umständen. (Lokale Tuberkulin¬
reaktionen sind durch Tuberkulin zum Aufflammen zu bringen, lokale Serum¬
reaktionen durch Serum nicht!).
Aus der Herdreaktion bei der Tuberkulinempfindlichkeit folgt, dass die
Tuberkulinempfindlichkeit an das tuberkulöse Gewebe gebunden ist, an Zellen
mit spezifischer Funktion (Tuberkulozyten). Aus dieser Definition folgt, dass
die verschiedenen Erscheinungsformen der Tuberkulinempfindlichkeit nicht
die gleiche Bedeutung haben:
1. Die Herdreaktion ist der Ausdruck der Reaktion zwischen
Tuberkulin und tuberkulösem Gewebe.
2. Die Allgemeinreaktion ist die Folge des bei der Herdreaktion
entstehenden und in den Kreislauf gelangenden Giftes.
3. Die Lokalreaktion stellt einen auf Tuberkulinreiz neu ent¬
standenen tuberkulösen Herd dar; Beweis:
a) histologisch: die Tuberkulinlokalreaktion enthält spezifisch tuber¬
kulöses Gewebe;
b) biologisch: sie gibt typische Herdreaktionen bei Herantritt von
Tuberkulin.
Hie Tuberkulinlokalreaktiou ist also der Ausdruck des Vermögens, auf
Tuberkulinreiz tuberkulöses Gewebe zu bilden.
Bei der Serumüberempfindlichkeit beobachten wir nur Lokal- und Allge¬
meinreaktionen. Beide haben im Prinzip die gleiche Bedeutung: sie sind
Ausdruck der Antigen-Antikörperreaktion.
Bei der Tuberkulinempfindlichkeit besteht zwischen Allgemein- und
Lokalreaktion kein Parallelismus: vorgeschrittene Fälle zeigen in der Regel
starke Allgemeinempfindlichkeit (viel tuberkulöses Gewebe vorhanden) und
oft schwache Lokalreaktionen (schwaches Vermögen auf spezifischen Reiz
neues tuberkulöses Gewebe zu bilden; daneben wohl auch andere Ursachen):
abgeheilte Fälle zeigen geringe Allgemeinempfindlichkeit (wenig tuberkulöses
Gewebe vorhanden), dabei oft starke oder wenigstens leicht steigerbare
Lokalempfindlichkeit. Aus diesen Ableitungen ergibt sich die verschiedene
diagnostische Bedeutung der Lokal- und Allgemeinreaktion; es handelt sich
hier nicht, wie es meist dargestellt wird, um verschiedene Grade der Fein¬
heit dieser Reaktionen, sondern um Reaktionen von verschiedener Bedeutung.
Beziehung zum spezifischen Tuberkuloseschutz kann nur die lokale
Tuberkulinempfindlichkeit haben; das dynamische Moment, die Fähigkeit, spe¬
zifisches Gewebe zu bilden, nicht das statische Moment, die Menge des
vorhandenen Gewebes, ist Maassstab des Schutzes. An die spezifisch er¬
worbene Fähigkeit, auf eine Substanz des Tuberkelbazillus mit Entzündung
zu reagieren, dürfen wir ohne weiteres die Vorstellung eines Schutz¬
mechanismus knüpfen.
Ist die Tuberkulinempfindlichkeit ohne Tuberkuloseinfektion zu erzielen?
Die Erzeugung der Allgemeinempfindlichkeit setzt eine grössere Quantität
tuberkulösen Gewebes voraus, deren Entstehung wohl nur durch Infektion
möglich ist; für die Frage der Erzeugung des spezifischen Tuberkulose¬
schutzes ist bedeutsam die Frage der Hervorrufung der lokalen Tuberkulin¬
empfindlichkeit, die der Ausdruck des Vermögens der Bildung spezifischen
Gewebes ist.
Warum erzeugt Tuberkulin keine lokale Tuberkulinempiindlichkeit? Im
Tuberkulin muss das „sensibilisierende“ Agens enthalten sein, denn mit
Tuberkulin lässt sich ja oft eine bestehende lokale Tuberkulinempfindlichkeit
steigern. Im übrigen ist es a priori unwahrscheinlich, dass jemals eine
Substanz A gegen eine Substanz B spezifisch empfindlich macht. Wurde
die Tuberkulinempfindlichkeit auf Antikörpern beruhen, so würde sich mit
Tuberkulin die Tuberkulinempfindlichkeit unschwer erzielen lassen. Die
Tuberkulinempfindlichkeit setzt aber die Bildung spezifischen Gewebes voraus;
es liegt sehr nahe, anzunehmen, dass zu dieser Gewebsumstimmung das
spezifische Agens längere Zeit an einer bestimmten Stelle im Gewebe liegen
muss, um hier langsam diese Umstimmung zu erzwingen (entsprechend dem
Vorgang bei der Infektion).
Ist dann erst an irgend einer Stelle diese Gewebsumstimmung erfolgt,
dann gewinnt der Körper die Fähigkeit, dieselbe auch auf den flüchtigen
Tuberkulinreiz hin in Erscheinung treten zu lassen. Zur primären Er¬
zeugung dieser Gewebsumstimmung dürfte das Tuberkulin deshalb unge¬
eignet sein', weil das Tuberkulin zu leicht und zu schnell resorbiert wird.
Die spezifische Substanz muss zur Erzeugung der lokalen Tuberkulin¬
empfindlichkeit in möglichst unresorbierbarer Form eingebracht werden: mit
vorsichtig abgetöteten Tuberkelbazillen (bekanntlich schwer resorbierbar),
die in kleinen Dosen in die verschiedensten Gewebe (Kutis, Subkutis, Lunge,
Milz, Leber, Bauchhöhle) des Meerschweinchens gebracht wurden, Hess sich
in einem Teil der Fälle starke lokale Empfindlichkeit erzielen. In jedem
Versuch waren auch Fehlresultate zu verzeichnen. Am ungünstigsten waren
die Ergebnisse bei intravenöser Injektion (zu starke Verteilung des spezifi¬
schen Agens), am günstigsten bei intraperitonealer (Erzeugung einer sterilen,
makroskopisch und mikroskopisch typischen Netztuberkulose). Die Lokal-
cmpfindlichkeit bestand Wochen bis Monate. Die stärksten lokalempfindlichen
Tiere zeigten keine nennenswerte Allgemeinempfindlichkeit (der Voraussetzung
entsprechend), dagegen auf grössere, subkutan verabfolgte Tuberkulindosen
typische Herdreaktionen an den Tuberkulinlokalreaktionen: biologischer Be¬
weis, dass hier spezifisches Gewebe entstanden war.
Sind die Tiere, welche die lokale Tuberkulinempfindlichkeit erworben
haben, spezifisch geschützt? Bisher nur 1 Versuch, der in diesem Sinne
spricht. Die Erzeugung der lokalen Tuberkulinempfindlichkeit dürfte die
experimentelle Grundlage einer Tuberkuloseschutzimpfung darstellen; über die
Aussichten einer solchen beim Menschen lässt sich noch kein Urteil fällen.
Beim bereits tuberkulös infizierten Individuum lässt sich durch Tu •
kulin ein günstiger Erfolg erzielen:
1. Durch Steigerung der Lokalempfindlichkeit. Durch Tuberkulink
reaktion lässt sich eine solche erzielen bei inaktiven bzw. abgeheilten !
zessen; bei aktiv progressiven Erkrankungen ist eine Steigerung in der R
nicht möglich. Der Kampf mit dem Tuberkelbazillus treibt den Qrganis
auf das im gegebenen Moment mögliche Maximum seiner lokalen Reakti
fähigkeit, ein künstlich erzeugter Tuberkulinherd spielt gegenüber dem na
liehen Infektionsherd keine Rolle. Bei inaktiven Prozessen sinkt, so
Makro- und Mikroorganismus ausser Wechselwirkung treten, die Lc,
empfindlichkeit ab, aber in einer Form, dass auf leichten Tuberkulinreiz
lokale Reaktionsfähigkeit sofort wieder gehoben wird. Die Steigerung
Lokalempfindlichkeit spielt also therapeutisch keine nennenswerte Rolle,
ist aber in diagnostischer Hinsicht bedeutsam: leicht erzielbare sh
Steigerung der Lokalempfindlichkeit spricht für ein inaktives Stadium
Tuberkulose (wenigstens im Kindesalter).
2. Durcli Erzeugung von Herdreaktionen, d. h. durch Steigerung der
Zündung am tuberkulösen Herde. Hier liegt der Schwerpunkt der gew.
liehen Tuberkulinbehandlung. Die Herdreaktion als solche ist als heilsan
betrachten, aber: starke Herdreaktionen lösen Allgemeinreaktionen aus. D
bedingen den Zustand der „Giftantianaphylaxie“. Die Giftantianaphyl;
die unspezifisch auf alle Ueberempfindlichkeitszustände sich erstreckt, v
schädlich (vergl. Masern!), sie hebt plötzlich und in hohem Grade die Tu
kulinempfindlichkeit auf und beraubt dadurch den Organismus des spezifis*
Schutzes. Daher die wohlbegründete Furcht vor stärkeren Allgem
reaktionen. — Bei Behandlung mit langsam steigernden Dosen ist auch
wirksame Moment die Herdreaktion, die unter der Schwelle klinischer \\
nehmbarkeit verlaufen kann. Wird die Herdreaktion = 0, so sinkt die Tu
kulintherapie zur Scheinbehandlung herab. Eine eigentliche Immunisiei
findet nicht statt. Zwar schwindet die Tuberkulinempfindlichkeit, ein 1
gang, der recht komplexer Natur sein dürfte: beim Sinken der Allgen
empfindlichkeit kommt zunächst der Schwund tuberkulösen Gewebes in F
(analog dem .Vorgang bei der Spontanheilung der Tuberkulose); das Absii
der Lokalempfindlichkeit weicht von dem Verhalten bei der Spontanhei
ab; hier bleibt eine leichte Steigerungsfähigkeit bestehen, die nach Tuberki
behandlung fehlt. Was bedeutet diese Tuberkulinunempfindlichkeit? Höt
wahrscheinlich keinen Immunitätszustand, für den die theoretischen Vor
Setzungen fehlen (die Pickert-Löwenstein sehen Antitoxine
stehen nicht); auch zeigt zeitlich und quantitativ der Eintritt dieses
empfindlichkeitszustandes wichtige Unterschiede gegenüber dem Eintritt
Immunitätszuständen. Teilweise handelt es sich wohl um Giftantianaphyl;
dieser Teil ist unspezifisch (kürzlich durch klinische Beobachtungen
Rank bestätigt); ein grosser Teil ist spezifisch und möglicherweise
Analogon der Katanaphylaxie bei der Serumüberempfindlichkeit. Wenn d
Tuberkulinlokalunempfindlichkeit mit klinisch günstigem Verhalten vereii
ist, so liegt dies wohl daran, dass sich nur günstige Fälle in diesen Zus
versetzen lassen, bei denen am Schluss der Behandlung die tuberkuli
Herde gut abgekapselt sind. Ob sich wirklich mit dieser Tuberkulink
Unempfindlichkeit ein höherer spezifischer Schutz verknüpft, als er bei
stehender Tuberkulinlokalempfindlichkeit vorhanden war, ist nicht erwie
das Gegenteil wahrscheinlich. Eine Entscheidung könnten nur Reinfekti
versuche bringen, die beim Menschen undurchführbar sind. Wochen i
Monate nach Abschluss der Tuberkulinbehandlung kehrt die Lokalempfind
keit allmählich zurück.
Die Tuberkulinbehandlung muss als ihr biologisches Ziel das erstre
was wir bei der Spontanheilung der Tube/kulose sehen: möglichste
j Senkung der Tuberkulinallgemeinempfindlichkeit als Ausdruck der Abhei
i der tuberkulösen Herde, dabei möglichste Erhaltung der Lokalempfindlicl
I als Ausdruck des spezifischen Schutzes; wenn die Lokalempfindlichkeit
sinkt, sollte sie wie bei der Spontanheilung leicht steigerbar bleiben. E
derartigen (teleologisch sehr verständlichen) Zustand erzielt die Tuberk
behandlung bisher nicht. Sie vereinigt nützende (Herdreaktion)
schädigende (Giftantianaphylaxie, event. Katanaphylaxie) Momente. Es
die Kunst des Therapeuten, den Nutzen gegenüber dem Schaden mögli
! ergiebig zu gestalten.
Zwei Probleme sind unerwähnt geblieben, die heute die Literatur
herrschen, ohne einen Fortschritt zu bedeuten:
1. Die Theorie der Partigene. Eine Zerlegung der spezifischen Tu
kulinsubstanz in einzelne spezifische Anteile ist bisher nicht erwiesen,
theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen höchst zweifelhaft, f
der dargelegten Auffassung handelt es sich wahrscheinlich darum, dass
] spezifische Substanz in möglichst unresorbierbarer Form („Rückstand“)
sonders geeignet ist zur lokalen Erzeugung spezifischen Gewebes, dass
i selbe Substanz in möglichst resorbierbarer Form („Lösung“) sich beson
I zur Erzeugung von Herdreaktionen eignet.
2. Die Immunisierung nach Friedmann. Bei Meerschweinchen
zeugen die Friedmann sehen Bazillen keine oder keine nennensw
Tuberkulinlokalempfindlichkeit; sie haben hier also eine geringere biologi
Aktivität als tote humane Bazillen. Nach Lust erzeugen sie nicht eii
eine Empfindlichkeit gegen Schildkrötentuberkulin. Sie sind also zur
zifischen Tuberkuloseprophylaxe denkbar ungeeignet. Für die Therapie bi
sie gegenüber dem Tuberkulin sicher keine Vorteile, wohl aber Nachh
dem entsprechen die klinischen Erfahrungen.
Originalarbeiten: Jb. f. Kindhlk. Bd. 79 u. 81. — M.m.W. 191:
B.kl.W. 1916.
Rheinisch-westfälische Gesellschaft für innere Medi;
Nerven- und Kinderheilkunde.
(Offizieller Bericht.)
36. Sitzung in Köln am 27. November 1921.
Vorsitzender: D i n k 1 e r - Aachen. Schriftführer: La s p e y r e s - Bon,
L e n z m a n n - Duisburg: Diagnose und Behandlung der P 1 a u t - V
Cent sehen Angina.
L. empfiehlt Behandlung der Geschwüre durch mehrmaliges Betupfen
Salvarsanlösung.
M o h r - Coblenz: Ueber die Behandlung der Organneurosen.
Da die neurotischen Symptome sich bei diesen Krankheitsformen
weit mehr als bei anderen neurotischen Störungen hinter rein orgar
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
,373
. leinende verstecken und umgekehrt die ersteren die letzteren nicht selten
rk verdecken, so ist für die Organneurosen eine systematische psycho¬
tische Behandlung besonders angezeigt und in hervorragender Weise ge¬
ilet, die innigen Wechselbeziehungen zwischen Psychischem und Physi-
• em' zu zeigen. Die Erfolge sind bei systematischem Vorgehen fast immer
. r gute. Neben einer konsequenten Berücksichtigung der bei jedem Medi-
I ncnt und jeder physikalischen Prozedur vorhandenen unmittelbaren psy-
. schon Wirkungen, gilt es, durch Heranziehung der Hypnotherapie und für
• • schwierigeren Fälle durch Anwendung einer vernünftigen Kausalanalyse
ychoanalyse) die psychische Seite des Circulus vitiosus zwischen Körper¬
en, und Seelischem zu beeinflussen und ihn dadurch zu unterbrechen,
chtig ist dabei die Häufigkeit der einzelnen Sitzungen und die Dauer
ganzen Behandlung, die meist viel zu kurz bemessen wird. Ausser
rz- und Magen-Darm-Neurosen, Basedowfällen, Leberkoliken, nervösen
men von Glykosurie kommen vor allem für eine solche Behandlung die
isten Fälle von Asthma bronchiale, Schwangerschaftserbrechen. Blasen¬
rungen und viele Menstruationsanomalien in Frage. (Eigenbericht.)
G o 1 d b e r g - Wildungen: Zur Differentialdiagnose der Nierentuber¬
ose. (Mit Röntgendemonstration.)
A) Das klinische Bild der Nierentuberkulose (RNTbc.) ist ein so viel-
taltiges, dass man behaupten darf: Alle typischen urologischen Syndrome
anderen Erkrankungen der Harnwege bietet gelegentlich auch die
rentuberkulose. Während die Krankheitsbilder einer chronischen refrak-
»n Zystitis, einer septischen Pyonephrose, einer infizierten Nephrolithiasis
erenkoliken, Hämaturie, Pyurie) recht oft vorgetäuscht werden, die Ali¬
cen eines Tumors der Harnwege (intermittierende reine Hämaturie) zu-
ilen Frühformen begleiten, berichtet G. über 2 recht seltene Erscheinungs-
isen der RNTbc.
1. 50 jähr. Frau, faustgrosse, bewegliche Geschwulst im rechten Meso-
.trium abtastbar, keinerlei subjektive Erscheinungen, Harn nor-
1 1, o. B. Rtg. : Vergrösserte, verlagerte Niere. Diagnose: Gutartige
schwulst einer ektopischen Niere. Operation: Geschlossene tuber¬
löse Pyonephrose, verödet und verkalkt. Heilung.
2. 35 jähr. Mann, sucht im Juli zum ersten Male ärztliche Hilfe, stirbt
on nach 4 Monaten urämisch. Aber vor 10 Jahren spontan aufgebrochener
1 spontan zugeheilter Hodenabszess. Es bestand Pyelonephritis, Pyurie,
rimpfung positiv; nie* Nierenbeschwerden; kystoskopisch r e c li t e s
iterostium Krater, Ulcus daneben. Funktion: Polyurie von 3—5 (!) Liter,
niedrig (auch nach Fasttag), fast fixiert, nach Indigkarmininjektion iiber-
ipt kein Blau! Rtg.: Rechts kleiner, kreisförmiger Nierenschatten mit
•dichtungsherden oben; links normal grosse und normal geformte Niere
ic Dichtigkeitsdifferenzen. Also Bild einer erst ganz schleichend, dann
pid progredienten Nephrosklerose.
B) Das einfache Röntgenogramm muss mehr zur Lokalisation, d. i.
tenbestimmung der RNTbc. herangezogen werden, als es bisher geschieht.
Pyelographie ist bei RNTbc. überflüssig und unzulässig. Steinähnliche
latten im Nierenbilde erschüttern keineswegs die auf anderem Wege ge¬
llte Diagnose. Auf den Gesamtnierenschatten kommt es an; man muss
■s daran stezen, ihn exakt auf die Platte zu bringen. In denjenigen Fällen,
welchen Kystoskopie und Ureterenkatheterismus unmöglich sind, werden
i, natürlich immer im Zusammenhang mit allen übrigen anamnestischen
I klinischen Befunden, zuweilen entscheidende Hinweise auf die zu ope-
•ende Seite aus exakten Nierenbildern ergeben.
C) Die Schwierigkeiten der Differentialdiagnose der Art der Erkrankung
rden sich bei negativem Impfergebnis in Zukunft steigern dadurch, ^ dass
f 1 u e n z a nephropyelozystitiden einer mit Mischinfektion verknüpften
rentuberkulose bzw. Harnbefund und örtlichem Befund zum Verwechseln
dich sein können; heilen sie _ab, so ist die Diagnose ja geklärt; andern-
s bleibt sie in suspenso, bis schliesslich die Tierimpfung gelingt. V. belegt
mit Beispielen aus seiner Erfahrung.
S i e g m u n d - Köln: Krebsentwicklung in Bronchiektasen.
Der Vortragende demonstriert 4 Fälle von Plattenepithelzellkarzinomen
Lunge, die in chronischen Bronchiektasen zur Entwicklung gekommen
ren. Er verwertet die Befunde im Sinne der Reiztheorie und bespricht
Beziehung von reaktiver und autonomer Gewebsproliferation. Chroniscli
zündliche Veränderungen mit fortgesetzten Regenerationsprozessen am
thel führen in den verschiedensten Organen gelegentlich zur Krebsent-
:klung. Die Charakterveränderung der Geschwulstzellen braucht nicht un-
lingt angeboren zu sein, sondern kann auch erworben werden. Für die
lei bestehende Störung der Wachstumsregulation ist der Fortfall von
webswiderständen verantwortlich zu machen, wobei die Insuffizienz zellu-
:r Abwehrleistungen von grosser Bedeutung ist.
R 1 n d f I e i s c h - Dortmund demonstriert an Röntgenbildern die Schwie-
<eiten, die sich der Deutung der Schatten und der Diagnose der^sie he¬
genden Erkrankung entgegenstellen.
Thomas- Köln: a) Reaktionsbefördernde Stoffe bei Tuberkulose.
Der Vortrag erscheint unter den Originalien der M.m.W.
b) Zur Frage der erworbenen und ererbten Immunität bei Tuberkulose.
Der Vortrag erscheint unter den Originalien der M.m.W.
Schott-Köln: Ueber die Registrierung des Nystagmus und anderer
tenbewegungen vermittels des Saitengalvanometers.
Zur Registrierung des Nystagmus und anderer Augenbewegungen kann
n in der Art Vorgehen, dass man an den Bulbus unmittelbar Metall-
ntroden anlegt. Die Tränenflüssigkeit stellt dann gewissermassen die
zlösung eines Elementes dar und durch mechanische Bewegung des Bulbus
Dingte Verschiedenheiten in der Eintauchtiefe des Metalls bedingen
tentialdifferenzen, welche sich in Schwankungen der mit den Polen
bundenen Saite des Saitengalvanometers kundtun. Wählt man die Elek-
den aus identischem Metall und registriert man unter Einschaltung eines
idensators, so hat man optimale Bedingungen. Jede Bewegung des Bulbus
lingt einen Ausschlag der Saite, eine Zacke in der Kurve, die umso grösser
je grösser die mechanische Bewegung war. umso steiler, je rascher
Bewegung erfolgt ist. Die Ausschläge sind relativ sehr gross, die
rven übersichtlich. Es lässt sich bei Horizontalnystagmus und gleich-
ibender Polschaltung die Richtung der Augenbewegung aus der Kurve all¬
en. Man kann bei offenen wie bei geschlossenen Augen registrieren.
besteht die Möglichkeit, auch im Tierexperiment ohne Verletzung des
Ibas die Bewegung des Augapfels aufzuschreiben. Das Trägheitsmoment,
V bei allen direkten mechanischen Registrierungen in der Zahl der Be¬
dungen eine obere Grenze bedingt, spielt hier überhaupt keine Rolle.
Es werden Kurven von endständigem Nystagmus, von kalorischem
Nystagmus, weiter von Drehnystagmus des normalen und Nachnystagmus
beim Menschen, beim Hund und Kaninchen, ferner Lesekurven demonstriert.
..'lärfq?' pfjfxi '/Tj?,'. " j,T l/fc'
'.S'-SJK
o. /
Sehr auffallend ist die Unregelmässigkeit in der Schlagfolge des Ny¬
stagmus. Wenn man ganze Reihen von Kurven beim Dreh- und beim kalori¬
schen, beim Nystagmus beim Blick nach den Seiten durchmustert, so ergibt
sich, dass man wohl einmal von durchschnittlich raschem, das andere Mal
von langsamem Rhythmus sprechen kann, aber eine wirkliche Regelmässig¬
keit ist niemals vorhanden. Bei gleichbleibender Stärke des zur Auslösung
von Nystagmus führenden Reizes und der sonstigen inneren Bedingungen ist
eine derartige Unregelmässigkeit im Vergleich mit sonstigem physiologischen
oder pathologischen Geschehen — etwa in Analogie zur Auslösung des
Herzschlages — als etwas sehr Ungewöhnliches zu bezeichnen und nicht ohne
weiteres erklärbar.
Naturforschende u. medizinische Gesellschaft zu Rostock.
Sitzung vom 12. Januar 1922.
Vorsitzender: Herr Peters. Schriftführer: Herr Triebenstein.
Herr De usch: A d d i s o n sehe Krankheit mit pluriglandulärer In¬
suffizienz.
Demonstration eines 43 jähr. Mannes mit typischem Addisonsyndrom
(Pigmentierung, Blutdrucksenkung bis 55:25 mm Hg, hochgradige Adynamie,
Asthenie und Kachexie), Kopf- und Barthaar gelichtet, schütter, Versuchen
der Schweisse, Trockenheit der Haut mit Atrophie und Hyperkeratosis an
Händen und Füssen, Oedeme an den unteren Extremitäten. Erlöschen der
Libido und Potenz. Schilddrüse klein und derb, an Hoden und Hypophyse
Veränderungen klinisch nicht nachweisbar. Trockenheit im Munde, Ana-
denie der Zunge, Achylia gastrica, Diarrhöen mit Steatorrhöe. Verände¬
rungen der Leber- und äusseren Pankreasfunktion mit Hilfe der Funktions¬
proben nicht nachweisbar. Hochgradige hyperchrome Anämie: Hglb. 40 Proz.,
Er. 1.3 Mill. Leukopenie mit mässiger Lymphozytose, Aniso- und Poikilo¬
zytose, Normoblasten . Viskosität des Blutes 2,2, des Ser-ums 1,4. Serum¬
eiweissgehalt (refr.) 5,9 Proz. Blutzucker nicht vermehrt, keine alimentäre
und Adrenalinglykosurie. Das Krankheitsbild entwickelte sich im Laufe der
letzten beiden Jahre im Anschluss an eine chronisch-rezidivierende Kolitis,
die nach einer 1914 überstandenen Ruhr aufgetreten war, Tuberkulose ist
nicht nachweisbar. Es liegt nahe, die pluriglanduläre Störung, in deren Bild
das Addisonsyndrom führt, und die perniziöse Anämie auf dieselbe Noxe
zuruckzuführen und mit der postdysenterischen rezidivierenden Kolitis in ur¬
sächlichen Zusammenhang zu bringen.
Aussprache: Die Herren Walter, Deusch, Curschmann.
Herr Curschmann: Ueber Endocarditis chronica (lenta).
Demonstration eines mittelschweren und eines finalen Falles. Beide
zeigten typischen Verlauf und Befund: 1. schleichende Entstehung der
Herzbeschwerden (im Fall 1 ohne, Fall II mit Polyarthritis). 2. Ausbildung
eines komplizierten Klappenfehlers und Vorwiegen der Aorteninsuffizienz.
3. Leichte, unregelmässige, meist subfebrile Temperaturen. 4. Milztumor.
5. Herdnephritiserscheinungen (geringe Hämaturie). 6. Trotz aller Therapie
zunehmende Verschlechterung, insbesondere zunfehmende typische (sekundäre)
Anämie. 7. Im Blut bei beiden hämolytische Streptokokken (nicht Str.
viridans). Im Fall II Milzinfarktsymptome; schwere rezidivierende Ton¬
sillitis. Nach Ausschälung der Tonsillen Auftreten meningitischer Sym¬
ptome (Liquordrucksteigerung, Lymphozytose, bakteriell steril), die sich
später (Okulomotoriuslähmung) als vorwiegend basal herausstellten. Be¬
sprechung der Frage der Zunahme der Endocarditis lenta Schott¬
müllers. An Curschmanns Klinik sind im .letzten Jahre 12 Fälle
beobachtet worden, «anz entsprechend der anscheinenden Häufung der Mor¬
bidität andernorts (Hamburg, Berlin. Greifswald, Heidelberg etc.). Trotzdem
glaubt Curschmann aus mancherlei Gründen, dass im wesentlichen eine
häufigere Diagnostizierung des Leidens vorliegt. Bis vor kurzem
betrachtete man Klappenfehler mit und ohne Dekompensation fast nur vom
Standpunkt der Funktion, nicht des bakteriologischen Blutbefundes. Seitdem
auf Schott mü Ilers Anregung letzteres geschieht, häufen sich die
Diagnosen, nicht die Fälle selbst, die früher unter dem Bilde der Kompen¬
sationsstörungen der Klappenfehler und Myokarditiden und auch der Aortitis
luetica in ihrem Sepsischarakter oft unaufgeklärt blieben.
Uebrigens bestätigt Curschmann die Befunde von M o r a w i t z,
Ges sie r u. a. bezüglich der relativen Seltenheit der Str. viridans-Befunde :
unter seinen 12 Fällen fand sich nur einmal Str. viridans, dagegen 6 mal
hämolytische Streptokokken. Prognose bisher infaust. Die ganze übliche
Sepsistherapie versagt; unter Curschmanns 12 Fällen starben bisher 6.
keiner genas. Die einzige Hoffnung ruht in der rechtzeitigen Entdeckung
und Entfernung der Infektionsdepots (Tonsillen, Gingiven. Nebenhöhlen, Pro¬
stata!). In schweren Fällen Vorsicht mit Totalausschälung der Mandeln.
Curschmann sah in einem Falle Exitus rasch post Operationen!, in zwei
anderen schwere, bedrohliche Verschlimmerungen.
(Der Vortrag erscheint ausführlich in d. Wschr.)
Aussprache: Die Herren v. W a s i e 1 e w s k i, Pol, Felke,
Grafe, Grünberg. Stahl.
Herr Weinber«: Ueber Schwefeltherapie.
Erscheint ausführlich in einer Zeitschrift.
Aussprache: Die Herren Curschmann, Grafe, Peters.
Herr Stahl: Ueber Leberfuiiktioiisprüfuiigeii.
Kurzer Rückblick auf die früheren klinischen Methoden der Leberfunk¬
tionsprüfung unter besonderer Berücksichtigung der noch heute mit Vorteil
374
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
verwendeten S t r a u s s sehen Lävulosepr'obe, sowie des Urobilmnachweises
im Urin. Die neuerdings von Ealk angegebene Belastungsprobe durch Ein¬
nahme von 3 g Fel tauri depurat. mit Urobilin- und Urobilinogennachweis
in den nächsten zweistündlichen Urinproben hat sich in 50 Fällen als klmisch
sehr gut brauchbar und leicht ausführbar erwiesen. Die W i d a 1 sehe Frobe
mittels der „hämoklasischen Krise“ wurde gleichfalls in 50 Fällen geprüft
und dabei u. a. v o r, sowie in Abständen von 20 Minuten nach dem Genuss
von 200 ccm Milch in nüchternem ' Magen die Leukozytenzahlen, sowie die
Serumeiweisskonzentration bestimmt. Hierbei stellte sich heraus, dass in
über der Hälfte der ..lebergesunden“ Patienten eine deutliche Leukozyten¬
verminderung bis 20 Proz. eintrat. Die Probe erscheint daher für klinische
Zwecke zu empfindlich. Da in 13 der 50 Fälle eine direkt entgegengesetzte
Bewegung der Leukozyten- und Serumeiweisskurve beobachtet wurde, so
scheinen auch konstitutionell vermehrte oder verminderte Ansprechbarkeit
des Leukozyten- und des Serumeiweisssystems die Ergebnisse zu beein¬
flussen. die daher nur mit grosser Vorsicht zu bewerten sind.
Medizinisch-Naturwissenschaftlicher Verein Tübingen.
(Medizinische Abteilung.)
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung vom 13. Februar 1922.
Vorsitzender: Herr Stock. Schriftführer: Herr .1 ii n g 1 i n g.
Vor der Tagesordnung.
Herr O. Müller: Eine neue Methode zur Untersuchung von Gewebs¬
flüssigkeit. (Vergl. die Arbeit von O. Müller und Gänsslen in Nr. 8,
^ 203 d j
Herr W e i t z demonstriert einen Apparat, um Farbton und Farbintensität
von Flüssigkeiten zu bestimmen. ... ,, ,
Als Standardfarben werden die Farben des O s t w a 1 d sehen Farben¬
atlas benutzt.
Aussprache: Herr John Miller.
Herr W e i t z spricht über die Dynamik des Herzens bei Herzerweiterung
und über die Arteriotomie bei Lungenödem.
Er weist darauf hin, dass die Muskulatur des Herzens, um das gleiche
Schlagvolumen gegen den gleichen Aortendruck zu entleeren, bei zunehmender
Füllung eine immer grössere Kraft aufwenden muss, sich dafür aber weniger
zu verkürzen braucht. In Analogie mit der Ueberlastungszuckung des
Skelettmuskels liegt in der mit zunehmender Füllung grösser werdenden
Anfangsspannung ein Faktor, der das Herz günstiger arbeiten lässt. Auch die
zunehmende Belastung wirkt bis zu einem gewissen Grade günstig, darüber
hinaus aber ungünstig. Der Einfluss der Anfangsspannung und der Belastung
bewirkt, dass bei einer mittleren Anfangsfüllung die Arbeitsleistung optimal
ist. Wird das Herz zu staVk gefüllt, so sinkt die Arbeitsleistung wegen der
zu grossen Belastung des Herzens. Wenn bei akuter Schwäche des linken
Ventrikels dieser überdehnt wird, während der rechte Ventrikel noch mit
normaler Kraft weiter arbeitet, wie es beim Lungenödem häufig der Fall ist,
so muss der linke Ventrikel schnell und energisch entleert werden. Das
geschieht besser als durch die Venaesektion durch Punktion des linken Ven¬
trikels oder durch die Arteriotomie, auf deren günstige Wirkung beim Lungen¬
ödem kürzlich von Eckstein und Noeggerath in dieser Wochenschrift
(1921, S. 1485) hingewiesen ist.
Aussprache: die Herren O. Müller, Perthes, O. Müller,
Trendelen bürg, Weitz, Birk, Trend elenburg. Weitz,
R e i c h, W e i t z.
Herr Gänsslen: Ueber hämolytischen Ikterus und seine Therapie.
Mit Krankenvorstellung (nach 20 eigenen Beobachtungen und 4 Milzexstir¬
pationen).
Zunächst Demonstration eines typischen Falles, dann eingehendere Be¬
sprechung auf Grund des ausgedehnten Materials.
Hämolytische Anfälle: Ausser den üblichen auslösenden Ursachen kommen
noch Salvarsaninjektionen (2 Fälle) in Betracht. Während des Anfalles ist
Milzvergrösserung festgestellt; Lebervergrösserung wahrscheinlich. Beim
Urin wird das hochgradige Sed. lat. geradezu als pathognom angesprochen
(1 mal trat Bilirubin im Urin und Entfärbung des Stuhls auf). Erscheinungen
einer hämorrhagischen Diathese: Rumpel-Leede; häufig Zahnfleisch- und
Nasenblutungen. Neigung zu Hauterkrankungen. Uebliche Blutbefunde:
3 familiäre Fälle ohne deutliche Resistenzverminderung. Der veränderte, der
Kugelform genäherte Zellbau der E. wird als Hauptursache der Resistenz¬
verminderung angesprochen; dem entspricht auch die auffallende Ueberein-
stimmung zwischen Grad der Aniso-Mikrozytose und Grad der
Resistenzverminderung. (Bei typischen Fällen ist auch die resistenzerhöhende
Wirkung des ikterischen Serums zu berücksichtigen.) Erbgang an Hand
mehrerer Stammbäume einfach dominant. Prognose auf Grund zweier
Todesfälle etwas schlechter angesprochen. Demonstration der mit bestem
Erfolg splenektomierten Kranken; postoperativ der übliche Blutbefund (auch
Normoblasten und Monozytose, langdauernde Leukozytose). Verstärkung des
Ikterus nur auf Chloroformnarkose. In zwei Fällen jetzt fast Polyglobulie.
Resistenz gebessert, nie normal. Blutplättchen ausgesprochen hohe Werte
(auch bei 2 infolge Milzruptur Splenektomierten). Dreimal Lymphdrüsen-
hyperplasie. Milzvenenblut: Lymphozytose (hochgradiger noch in den
Milzpulpaabstrichen), Verminderung der Blutplättchen (Milz ihr Grab; in
Milzpulpaabstrichen massenhaft), Resist., einmal gleich, einmal vermindert.
Bilirubin 4 mal stark vermehrt (hepato - 1 i e n a 1 e r Ikterus, F. p p i n g e r).
Abgrenzung gegen perniziöse Anämie nicht schwierig. Unterscheidung und
Demonstration von 3 Formen: Klassische (polysympt.) Form; monosympt.
Form (entweder ohne Anämie, oder ohne Ikterus). Kompensierte Form
(o h n e Anämie u n d Ikterus). Ablehnung einer erworbenen Form unter Hin¬
weis auf die kompensierte Form. Auftreten einer weiteren Anomalie, eines
Turm Schädels, in 10 Fällen. Die pathologisch-anatomischen Befunde
noch nicht abgeschlossen, scheinen denen Eppingers zu entsprechen. Im
Gegensatz zur Hyoersplenie (E p p i n g e r) wird auf Grund einzelner Rezi¬
dive nach der Operation, der bleibenden Mikrozytose und Resistenzvermin-
derung eher eine primäre Resistenzschwäche der E. (N ä g e 1 i) als patho¬
genetisches Moment angesprochen.
Aussprache: Herr O. Mü'llef.
—
Würzburger Aerzteabend.
(Offizielles Protokoll.)
Sitzung des Aerztl. 'Bezirksvereins vom 21. Februar 19.
Herr Ma nasse demonstriert zunächst einige Fremdkörperfälle:
1. Münze aus dem oberen Teil des Oesophagus mit der Zange um
Leitung des Fingers entfernt. .
2. Münze aus dem unteren Teil des Oesophagus ösophagoskopisch ei
fernt. . .. _ . .. •
3. Stück Gips, bei zahnärztlicher Manipulation in die Speiseröhre g
langt, per vias naturales abgegangen. , . , T
4 Schuhnagel aus einem Bronchus II. Ordnung bronchoskopisch entfer:
5. cm langes Holzstück aus der Nase, welches beim Holzhacken ei
gedrungen war und 2 Monate gelegen hatte, durch Operation entfernt.
Sodann Vorstellung eines Kranken mit Stenose des Larynx nach V<;
ätzung; durch Laryngofissur und Resektion der stark fibrös verändert
■Taschenbänder geheilt. — Ferner 2 Fälle von akuter Osteomyelitis d
Stirnbeins nach akuter Stirnhöhleneiterung bei Grippe, der eine mit auss
dehntem extraduralem Abszess beider vorderen Schädelgruben, der ande
mit partieller Nekrose des Stirnbeins, aber ohne intrakranielle Koniplikatt
— Schliesslich eine Basisfraktur mit akuter Otitis media, durch A
meisselung geheilt.
Berliner medizinische Gesellschaft.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 22. Februar 1922.
Auf der Tagesordnung stand nur die Generalversammlung.
Der Geschäftsbericht des Vorstandes zeigte, wie nicht anders zu i
warten war, die schwierige Situation, im welcher sich infolge der Not c
Zeit alle deutschen wissenschaftlichen Gesellschaften befinden. Besonde
Schwierigkeiten bietet die Aufrechterhaltung der Bibliothek, bei der i
Kriegslücken auszufüllen sind und Zeitschriften zu beschaffen, die später _e;
weder überhaupt nicht oder nur unter unverhältnismässigen Opfern käuili
zu erwerben sind. Der augenblickliche Notstand wird wohl beseitigt werdi
da ein von dem Bibliothekar Hans Kohn erlassener Aufruf von seiten c
mit guten Einnahmen gesegneten Kollegen ganz ungewöhnlich f reundlic
Aufnahme und aktive Zahlungsbereitschaft findet. Diesem erfreulichen Zeicli
des Interesses an der Bibliothek steht leider als Passivum eine ganz i
gewöhnlich geringe Inanspruchnahme derselben durch die Berliner Aer
gegenüber. Wenn man aus eigener Erfahrung verallgemeinern darf, so liindt
die hohen Fahrpreise, die schon öfter hier besprochene nicht zentrale u
verkehrstechnisch nicht günstige Lage des Langenbeck-Virchow-Hauses u
vor allem die Notwendigkeit, jede Minute für die Erwerbung der Lebei
notwendigkeiten auszunützen, den Besuch der Bibliothek des Langcnbec
Virchow-Hauses, deren ständiger Besucher man in früheren besseren Zeil
gewesen war.
Zum erstenmal seit langer Zeit war eine Sitzung nur der Gener
Versammlung gewidmet, während früher meiner Erinnerung nach der wissi
schaftliche Teil nie ganz ausfiel. Es wäre wünschenswert, wenn der a
Modus wieder sich einführte, nachdem erst einmal die neuen Statuten s'
eingespielt haben. Bei einem Protest gegen die vollzogenen Wahlen wur
sachlich sehr richtig ausgeführt, dass ja durchaus die Möglichkeit beste;
dass ein Anwesender mehrere Stimmzettel abgibt. Trotzdem würden >
erforderlichen Kontrollmaassnahmen für die Wahlen dann mehrere Sitzung
erfordern, was mit dem Zweck der Gesellschaft sich kaum vereinigen lass
dürfte. In der Sitzung gab es dann noch eine nicht uninteressante Gescjiäf
Ordnungsdebatte über die vom Vorstand getroffene Anordnung, dass ade
der Berl. fned. Gesellschaft gehaltenen Vorträge der „Med. Klinik“ zur V
öffentlichung übergeben werden müssten. Herr Julius Schwal
protestiert gegen diesen Zwang, der nicht den Interessen der Vortragenc
entspricht, und verweist darauf, dass bisher auch schon ein offizielles Org
bestanden hätte, ohne dass ein solcher Zwang ausgeübt worden wäre.
Herr F. Kraus als stellvertretender Vorsitzender hebt hervor, dass
gar kein absoluter Zwang bestehe, nur eine Art „Nötigung“. Der Vi
tragende kann ja einen Auszug geben und dann seinen Vortrag anderwei
veröffentlichen.
Herr Benda betont die sachliche Notwendigkeit, alle in der Berl. m<
Gesellschaft gehaltenen Vorträge an einer Stelle zusammen zu vereinigen.
Herr Hans Kohn gibt vom Vorstandstisch der Ansicht Ausdruck, d;
man Herrn Kraus missverstanden haben müsse, da nach den Beschluss
des Vorstandes ausdrücklich nur mit Genehmigung der Redaktion ein Vortr,
der in der Gesellschaft gehalten worden ist, anderweitig erscheinen darf.
Die Wahlen waren diesmal von einem Komitee vorbereitet worden, di
die Herren S. Alexander und Lennhoff angehörten, welche in di
Gross-Berliner-Aerzteblatt mitteilten, dass sie ihr Mandat von der gesamt!
Berliner Aerzteschaft hätten. Der Vorgang ist insofern bemerkenswert, j
die von ihnen aufgestellte Liste Körte als Vorsitzenden, H i s, Bum;
Henius als stellvertretende Vorsitzende bei der Wahl des 1. Vorsitzende
nicht durchging, sondern in beachtenswerter Minderheit blieb. B r a n d e i
bürg, Czerny, Für b ringer, Goldscheider, Kleewit1
A. Lazarus, L u b a r s c h, Max Meyer, Morgenrot h, Orth ifl
A. v. Wassermann forderten in einem Rundschreiben zur Wahl v
F. Kraus auf, der auch mit sehr grosser Mehrheit gewählt wurde und
Annahme der Wahl betonte, dass er vor allem den wissenschaftlicl
Charakter der Berl. med. Gesellschaft aufrecht zu erhalten gedenke.
Sitzung vom 1. März 1922.
Fortsetzung der Salvarsandebatte.
Herr Lennhoff berichtet über 2 Salvarsantodesfälle, von denen sl
einer als Grippepneumonie erwies. Man darf daher nur von Salvarsantodi
fällen sprechen, wenn die Sektion keine anderen Ursachen ergeben hat. j
Herr Umber berichtet über den vollständigen Erfolg einer Salvars,;
kur in Verbindung mit Jod und Quecksilber bei Diabetes insipidus, ebenso <
einmaliger Salvarsangabe bei Diabetes, der völlige Toleranz für einige Ja!
erlangte. Auch er hat in den letzten Jahren die kolossale Zunahme (|
akuten Leberatrophie beobachtet und glaubt, dass primär eine Bereitschj
der Leberzelle zur Autolyse, vielleicht durch Ernährungsverhältnisse bedin
vorhanden sei.
März \m. _ MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Herr ß c n d a hebt hervor, dass die Steigerung der Leberatrophiefäüe
i schon 1917 eingetreten sei. Mit dem infektiösen Ikterus hat sich ein
jammenhang nicht feststellcn lassen. 1917 kamen 6 Prom. Sektionsfälle
akute gelbe Leberatrophie, in den späteren Jahren 4 Proz.! In allen
s en lässt sich durchaus nicht konstant Salvarsanbehandlung und nicht
aal Syphilis nachweisen. Bei der Sektion ist die von Friedemann
•orgehobene Verwechselungsmöglichkeit mit Malaria nicht gegeben.
Herr Friedemann: Herr Wechsel mann hat 3 Fälle von
i rus nach Salvärsan auf Malaria untersuchen lassen und hat in allen
allen Malariaplasmodien gefunden.
Herr Joachlmoglu erörtert die komplizierten Reduktions- und Oxy-
onsverhältnisse, die sich bei der sog. Mischspritze, der Kombination von
, arsan und Quecksilber, ergeben.
Herr A. H. Isaack betont den Wert des Salvarsans.
Herr Saalfeld regt eine Enquete über die Technik an.
Herr Schumacher spricht auf Grund von Versuchen über die
jrmakologische Wirkung. Spirochäten sind nukleinsäurefrei und färben
! daher mit Giemsa rot. Das Gleiche. lässt sich durch analoge Behandlung
J Hefezelle erreichen. Ionisierte Hg-Präparate sind für therapeutische
;cke ungeeignet, da sie für die Körperzelle früher giftig sind, als für die
ochäten. Für Salvarsan liegen die Verhältnisse umgekehrt sehr günstig,
bewirkt die Mobilisierung der Nukleinsäure, welche in den Leukozyten
i Körper dargeboten wird.
I Herr P 1 e h n fragt nach den Gründen der Zunahme des Ikterus und
| ter gelber Leberatrophie. Die Häufung trat erst nach der Hungerzeit ein.
ührt sie gerade auf Ueberlastung der Leber zurück. Biliöse Malaria ohne
Qoglobinurie ist ungewöhnlich und nur auf die jetzt bestehende Ikterus-
. -itschaft zurückführbar.
Herr F. Schlesinger gibt vom Standpunkt des Praktikers eine Ueber-
jt über die Meinungsverschiedenheiten, die in der langen Salvarsandebatte
: ge getreten sind. In letzter Zeit ist das Salvarsan schwerer löslich ge-
enn was wohl mit den Zufällen bei der Therapie in Zusammenhang steht,
positive Wassermann darf nicht die Grundlage der Therapie werden.
Die Wahlen zum Vorstand wurden gestern abgeschlossen. Stell-
retende Vorsitzende wurden: H e n i u s, Fedor Krause, B u m m.
riftiührer: Benda, Umber, Morgenrot h, M. Borchardt.
atzmeister: Ernst U n g e r. Bibliothekar: Hans K o h n.
Wolff-Eisner.
rein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 20. Februar 1922.
Tagesordnung.
Herr Paul Lazarus: Radiothorium. (Vorläufige Mitteilung.)
Das Radiothorium hat vor Thorium X eine weiche Alpha- und Beta-
hlung voraus. Die von der Auergesellschaft zur Verfügung gestellten
chen Radiothorsalze verankern sich in Knochenmark, Leber und Milz
erzeugen dort stets Thorium X. Die sog. Halbwertsdauer beträgt beim |
rium X 3,64, beim Radiothor 700 Tage. Infolge der langen Nachwirkung
sen kleinere Dosierungen und grössere Intervalle gesetzt werden.
Bei der Maus lassen sich infolge der Verankerung an den genannten
len nach Radiothorinjektion Skelett, Leber und Milz photographieren,
n Hund entsteht nach tödlicher Dosis Knochenmarksreizung und Leuko-
e. Der Tod erfolgt dann an hämorrhagischer Diathese. Versuche an
r Krebsratte ergeben, dass das Radiothor tumoraffin ist.
Heilversuche an Menschen zeigen als Reizdosis 50 — 100 Einheiten, als
imungsdosis 200 — 300 Einheiten. Bei Blut- und Stoffwechselerkrankungen
kleinere Dosen zu geben. Bei Karzinom kommt örtliche Anwendung un-
cher Radiothorsalze in Betracht, um toxische Wirkungen einerseits und
'.dosen anderseits zu vermeiden. Bei schweren Bluterkrankungen hat
tragender eine Reihe auffallender Besserungen beobachtet.
Herr V. Schilling: Einige überzeugende Beispiele von praktischer
tbildverwertung.
Vortragender gibt eine Uebersicht über die Bedeutung der Arneth-
:n Untersuchungen für die praktische Medizin, und führt 3 Fälle von Peri-
tis an, bei denen das Vorkommen prozentual gesteigerter stabkerniger
isndformen Diagnose und Prognose stellen Hessen. Der Fall, in dem sich
ällig viel Jugendformen fanden, kam zum Exitus, während die anderen
e gerettet wurden. Es folgt die Demonstration ausführlicher Tabellen.
Die Diskussion für beide Vorträge wurde auf die nächste Sitzung ver-
■ W.-E.
Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(Eigener Bericht.)
Sitzung vom 10. Februar 1922.
Herr H. Finsterer demonstriert das Präparat eines Muskelangioms.
Nach mehrfachen falschen Diagnosen einer in der rechten Nackengegend
:genen Geschwulst wurde bei einer Probepunktion reines Blut entleert.
Der Tumor ging, wie die Operation ergab, vom M. rhomboideus minor
Heilung.
Herr M. Jerusalem: Typische Verletzungen der Bau- und Industrie¬
leiter.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Betriebsunfälle ist bedeutend.
• 2 Statistik der Nachkriegszeit dürfte erheblich höhere Ziffern ergeben als
I Fliedensstatistik, weil die Zahl der jugendlichen und ungeübten Arbeiter
" rie der in den Betrieben angestellten Kriegsbeschädigten eine sehr be¬
itende ist. Ausser körperlicher Minderwertigkeit als Kriegsfolge,
'igelnder Uebung und jugendlichem Leichtsinn erweist sich als häufigste
■ allursache der Alkoholmissbrauch. Ferner konstatieren wir des öfteren
‘iitverwendung vorhandener Schutzvorrichtungen, überhaupt Nicht-
: »Igung der Betriebsvorschriften, ungeeignete Kleidung, mitunter auch
'geringe Intelligenz des Arbeiters. Seltener ereignet sich die Verletzung
Hrend des normalen Ganges der Maschine, als vielmehr bei dem Versuche,
• Hindernis zu beseitigen oder bei Reinigungsarbeit vor völliger Abstellung,
'hstverständlich muss ein gewisser Prozentsatz von Unfällen als unver-
dlich angesehen werden. Es ist im allgemeinen recht schwierig, über den
gang des Unfalles verlässliche Angaben seitens des Kranken zu erhalten.
Die Befangenheit fast jedes Kranken dem Arzte gegenüber, in welchem er
nicht nur den Therapeuten, sondern auch den Begutachter sieht, spielt ohne
Zweifel eine grosse Rolle.
Sitzung vom 17. Februar 1922.
Herr E. L e x e r - Freiburg i. B. (als Gast): Wiederherstellungstherapie.
Zu den Aufgaben der Wiederherstellungschirurgie gehören 1. die Heilung
von Gewebsdefekten, 2. die Trennung von Verwachsungen, 3. die Heilung von
Defekten und Beseitigung von Verwachsungen. Die kineplastischen Opera¬
tionen am Amputationsstumpf gehören eigentlich nicht in das Gebiet der
Wiederherstellungstherapie. Er hält grundsätzlich daran fest, zu warten, bis
der Untergrund der Narben weich geworden ist, bis die Narben anämisch
sind. Dann ist nicht zu befürchten, dass Narbenschrumpfung eintritt. Eine
wesentliche Beschleunigung der Erweichung des Narbengewebes konnte durch
Röntgenreizdosen (zweimalige Bestrahung in 6 wöchentlichem Intervall) be¬
wirkt werden.
Vortr. hat in einer grossen Anzahl von Fällen bei der Rückpflanzung
des Stieles von Lappen die Granulationen nicht angefrischt und glatte Heilung
erreicht. Bei der Lappenplastik nach der italienischen Methode (Bildung von
Lappen aus ider Armhaut) hat sich die Fixation des Armes mittels Segel-
tuchpflasters sehr bewährt. L. schildert Methoden zur Bildung der Falte
im oberen Augenlid, zur Bildung des Philtrum bei Oberlippenplastik und zur
Bildung des Oberlides aus Nackenhaut, zur Beseitigung mimischer Stö¬
rungen bei Fazialislähmung durch Heranziehung der Mm. temporales und
masseter.
L. meint, dass von den gesunden Muskeln aus Nervenfasern ins ge¬
schädigte Gebiet hineinwachsen. Ausführlich berichtet er über die Verwen¬
dung von Knochen und Knorpel bei der Gesichtsplastik, über die Resultate
der freien Knochenplastik und die plastische Behandlung von Pseudarthrasen,
ferner über Gelenksplastik mit Fettgewebe.
Aus ärztlichen Standesvereinen.
Aerztlicher Bezirksverein München-Stadt.
Vollversammlung vom 2. März 1922.
Wahlen. Schwebungen, Stimmungen nannte man es, Missstimmungen
waren es, welche zu einem heftigen Vorstoss hauptsächlich der jungen Aerzte
gegen die bisherige Vorstandschaft Anlass gaben. Fast gleichstark standen
sich die Parteien gegenüber. So kam am 21. Dezember eine Wahl der
Gesamtvorstandschaft nicht zustande. Die einzelnen Parteigruppen hatten bis
zum heutigen Tag Zeit, sich zu ordnen und je nach dem Reichtum ihrer
Temperamentsschattierungen und nach ihrer Stimmungslage sich auszuwirken.
Das Endergebnis war die Wiederwahl Kastls zum 1. Vorsitzenden (mit 212
von 381 Stimmen) und Kustermanns zum 2. Vorsitzenden (252 Stimmen
von 374); 1. Schriftführer wurde v. H e u s s, 2. Schwaab; Schatzmeister
Freudenberger (einstimmig) : Beisitzer : Kersch ensteine r,
P 1 ö g e r, Uhl, Althen. Kästle, C a s e 1 1 a, Aug. Bauer, Petten-
k o f e r, Cohn, S t r ö b 1. Den Vorsitz in der Versammlung führte gewandt
und energisch Küster mann. Das Verlesen der seinerzeitigen Rücktritts¬
erklärung Kastls mit ihrer Begründung veranlasste die Assistenten zu der
Erklärung, sich weiter am Wahlakt nicht zu beteiligen, weil dies gegen die
Abmachung geschah und die Jungen dadurch in ein ungünstiges Licht ge¬
bracht wurden. — Mögen nun die Recht behalten, -welche sagen: der Streit
ist jetzt vorüber — Schwamm drüber.
Scholl berichtet über die Verschmelzung der Organi¬
sation des Leipziger Verbandes mit der des Aerzt-
liehen Bezirksvereins München aus Gründen der Vereinfachung
und Verbilligung der Verwaltung, nachdem ja die wirtschaftlichen Ab¬
teilungen der ärztlichen Bezirksvereine nach der bayerischen Aerzteordnung
auch für die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der bayerischen Aerzte
zuständig sind. Die Vorsitzenden der ärztlichen Bezirksvereine, bzw. deren
Vertreter sollen als Obmänner des Leipziger Verbandes gelten, die Vor¬
sitzenden der freien Aerztekammern oder deren Vertreter als die Gau¬
vorsitzenden (Vertrauensmänner), der Landesausschuss der Aerzte Bayerns
als der Landesausschuss Bayern des Leipziger Verbandes anzusprechen sein.
Die Stadt München und Oberbayern-Land sollen je einen Gau bilden. Der
Aufbau des Leipziger Verbandes ist sonach nicht unitaristisch, sondern
förderalistisch, nicht die einzelnen Mitglieder, sondern die einzelnen Provinzen
und Länder bilden seine Basis. Wenn Bezirksverein und Leipziger Verband
sich vereinen, können alle deutschen Aerzte umfangen und alle wirtschaft¬
lichen Belange erfasst werden. — Die Verschmelzung der beiden Vereine
wird beschlossen. Vertrauensmann des Gaues München: K r e c k e, Stell¬
vertreter: Kuntzen, 1. Schriftführer: Alexander. 2.: Kallen¬
berg e r. Kassier: Scholl. Beisitzer: 1 n g e r I e, Wassermann.
Frau Democh-Maurmeier. Hiezu kommen noch: der Vorsitzende
des Bezirksvereins und des Aerztevereins für freie Arztwahl, sowie ein Ver¬
treter der Assistenten und der Volontäre.
Grünwald: Gebühren in der Privatpraxis unter Ein¬
schluss der Gebühren für Ausländer. Unter Zugrundelegung
der Beschlüsse des Landesausschusses von 6. XL 1921 bespricht Ref. kritisch
die Entwicklung der jetzigen Gebührenvorschriften und hebt die Bedenken
gegen die bindenden Bestimmungen in denselben hervor. Die gleitende Skala
ist die einzige Möglichkeit, in allen Fragen der Wirtschaft zu einer Lösung
zu kommen. - — Von Ausländern werden immer häufiger Klagen gegen die
deutschen Aerzte wegen massloser Ueberforderung geäussert. Auch die
Presse beginnt sich damit zu beschäftigen. Das schadet unserem Ruf. Seine
Ausführungen fasst Grünwald in folgende, einstimmig angenommene An¬
träge zusammen:
1. Vorläufig die von G r ü n w a 1 d folgendermassen modifizierte An¬
weisung des Landesverbandes anzunehmen und die Gebührenkommission an¬
zuweisen, in möglichster Kürze neue Vorschläge zu machen.
2. Anschlag in Warte- und Sprechzimmer. Bekanngabe in der Tagespresse:
Die Entlohnung ärztlicher Leistungen erfolgt in der Regel (für Aus¬
länder ausschliesslich) nach freier Vereinbarung. Wenn keine
solche stattgefunden hat, gelten für Ausländer die Sätze der bayerischen
Gebührenordnung vom 17. Oktober 1901 vervielfacht mit dem Reichs¬
teuerungsindex, wozu noch ein Zuschlag von 200 Proz. tritt.
376
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr. 1<
in d e u t s c
Beträge in
h e r Währung
der Währung
ein
Es empfiehlt sich. Rechnungen für Ausländer
auszustellen unter Anfügung der entsprechenden
des betreffenden Landes.
Ein Antrag Kerschenstein er s, die Vertragskommission
rein wirtschaftliches Organ — zukünftig der freien Arztwahl zu übertragen
und die entsprechenden Schritte dieserhalb bei der
wird prinzipiell angenommen.
Vorstandschaft zu tun.
Freudenberger.
Auswärtige Briefe.
Berliner Briefe.
(Eigener Bericht.)
Zu S. Alexanders 70. Geburtstag. — Die staatlichen Polikliniken
und die Krankenkassen. — Zunahme der Kurpfuscherei.
In einer Zeit, in der die materiellen Interessen allenthalben im Vorder¬
gründe stehen und auch im ärztlichen Leben die kollegialen und Standes¬
fragen zu überwuchern drohen, ist es eine besondere Freude, solcher Männer
zu gedenken, die in selbstloser Weise ihre ganze Arbeitskraft dem allge-
meinen Wohl ihres Standes widmen. Zu diesen Männern gehört
S. Alexander, dem die Berliner Aerzteschaft heute ihre Glückwünsche
zum 70. Geburtstage darbringt. Alexanders Lebensarbeit galt dem
Ausbau und der Entwicklung der ärztlichen Standesinteressen, und es gibt
kaum ein Gebiet, auf dem er nicht beratend und führend mitgewirkt hat;
auf jedem aber konnte man ebenso sehr seine erstaunliche Sachkenntnis, seine
klare Darstellungsweise wie seine nie versagende Arbeitsfreudigkeit be¬
wundern. Er ist auch ausserhalb Berlins und besonders den Besuchern der
Aerztetage nicht unbekannt, seine Hauptarbeit aber galt seiner Heimatstadt.
Schon in seinen ärztlichen Jugendjahren trat er als eifriges Mitglied der
Standesvereine hervor, dessen Geschäftsausschuss er seit dem Tode
Bechers als Vorsitzender in mustergültiger Weise leitet. Allgemein ge¬
schätzt wird seine Tätigkeit in der Aerztekammer, dessen Vorstand er seit
vielen Jahren als Kassenführer angehört. Wenn wir noch seine Verdienste
um das Zustandekommen und die Entwicklung des Berliner Rettungswesens,
die Schaffung des Kuratoriums für Kriegsentschädigung der Gross-Berliner
Aerzte, die ärztliche Darlehenskasse, die ärztliche Versorgung der Kriegs¬
hinterbliebenen, den Zentralkrankenpflegenachweis, das ärztliche Versiche¬
rungswesen. die Mitarbeit im Gross-Berliner-Aerztebund erwähnen, so ist
damit der Umfang seines Arbeitsgebietes noch nicht annähernd erschöpft.
Und auf jedem Gebiet spielt er noch heute eine führende Rolle. Wer ihn eine
Versammlung leiten sieht oder ein Referat halten hört, der fühlt, dass er die
Höhe seiner Leistungskraft noch nicht überschritten hat. Aus jedem seiner
Worte spricht dieselbe Sicherheit, dieselbe Sachlichkeit, aber auch dieselbe
Frische wie vor 10 Jahren, und das lässt uns hoffen, dass seine Arbeitskraft
der Berliner Aerzteschaft noch recht lange erhalten bleiben wird.
Einen Streitpunkt, der in. früheren Jahren die Gemüter häufig erregt hat
und doch niemals befriedigend gelöst werden konnte, bildete das Polikliniken-
wesen und seine Einwirkung auf die wirtschaftlichen Interessen der Aerzte.
Die Polikliniken, besonders die staatlichen, hatten einen Zulauf, der weit über
die Bedürfnisse der Forschung und des Unterrichtes hinausging, zu einem
nicht geringen Teil auch von zahlungsfähigen Kranken, und die Aerzte sahen
darin eine unberechtigte Schwächung ihrer Praxis. Dann wurde es eine Zeit¬
lang still von diesen Klagen, und schliesslich trat fast das entgegengesetzte
Verhältnis ein, die Leiter der Polikliniken klagten über Materialmangel. Die
Ursache für diesen Umschwung der Verhältnisse liegt in der Entwicklung der
Krankenversicherung, für die chirurgischen Polikliniken auch in der des
Rettungswesens, das den Zugang frischer Verletzungen verringerte, und
schliesslich auch in der allgemeinen Teuerung. Die Fahrt zur und von der
Poliklinik kostet so viel Geld und Zeit, dass die Unentgeltlichkeit der Be¬
handlung viel von ihrem Reiz verloren hat. Zu den Besuchern der Poli¬
kliniken gehörten auch Kassenkranke; in manchen Polikliniken wurden sie
aus kollegialer Rücksicht abgelehnt und den Kassenärzten überwiesen, in
anderen ohne weiteres behandelt. Die Unkosten für Verbände, Röntgen¬
aufnahmen u. dergh, sowie einen kleinen Wochenbeitrag, der infolge
ministerieller Erlasse, zur Deckung der allgemeinen Unkosten erhoben wurde,
mussten sie zahlen, erhielten sie aber von der Kasse zurück. Besonders die
chirurgischen Polikliniken glaubten auf diese Kranken nicht verzichten zu
können, weil sonst ein geordneter Unterricht nicht möglich gewesen wäre.
Nach Inkrafttreten des Vertrages zwischen Krankenkassen und Aerztebund
lehnten die ersteren aber die Rückzahlung der Beträge grundsätzlich ab, und
die Leitung des Aerztebundes, die die Ansicht vertrat, dass Kassenmitglieder
grundsätzlich nicht in staatlichen Polikliniken behandelt werden sollen, er¬
klärte die Ueberweisung in solche für unstatthaft. Die Folgen für den chirur¬
gischen Unterricht machten sich deutlich fühlbar. Man musste aber be¬
fürchten, dass sie für den gesamten akademischen Unterricht bedrohlich
würden, sobald die Familienversicherung eingeführt ist; denn dann würden
auch die Frauen und Kinder der Versicherten den Polikliniken fernbleiben,
und da die klinischen Kranken zu einem erheblichen Teil aus den Polikliniken
überwiesen werden, müsste auch der Krankenbestand der Kliniken bedenklich
zurückgehen. Diesen Erwägungen konnte der Vorstand der Wirtschaftlichen
Abteilung des Aerztebundes sich nicht entziehen; es kam zu Verhandlungen
zwischen ihm und Beauftragten des Lehrkörpers, und diese Verhandlungen
führten zu einer beide Teile befriedigenden Vereinbarung. Als offizielle
kassenärztliche Sprechstunde dürfen die staatlichen Polikliniken nicht ver¬
wendet werden. Soweit sie ohne Kassenkranke den Unterricht nicht sach-
gemäss durchführen können, dürfen sie Kassenpatienten untersuchen und be¬
handeln. Die für den Unterricht nicht geeigneten Fälle und die diagnostisch
und operativ versorgten sollen zur Nachbehandlung den Kassenärzten über¬
wiesen werden. Zu Unterrichtszwecken sollen die Kranken nur mit ihrer
Einwilligung verwendet werden. In den Warteräumen soll ein augenfälliger
Hinweis angebracht werden, dass in den Polikliniken nur Unbemittelte Be¬
handlung finden. Die Wirtschaftliche Abteilung des Aerztebundes erklärte sich
damit einverstanden, dass unter Wahrung dieser Vereinbarungen Kassen¬
kranke wieder den staatlichen Polikliniken überwiesen werden, und der
Vorstand des Krankenkassenverbandes erklärte sich bereit, den Kranken die
in der Poliklinik ihnen erwachsenden Kosten zurückzuerstatten.-
Damit hat die Poliklinikenfrage in befriedigender Weise ihre Lösung
gefunden. Leider muss das Gegenteil gesagt werden von einem anderen
Uebel, gegen das die Aerzteschaft seit Jahrzehnten kämpft, von dem Kur
pfuschereiunwesen. Aus einer kürzlich veröffentlichten Zusaminci
Stellung erfahren wir. dass die Zahl der Kurpfuscher in Berlin seit Krieg- j
ende auf das Sechsfache gestiegen ist. Aus den Krankenlisten. die sie z i
führen verpflichtet sind, geht hervor, dass_ Angehörige der Aristokrat
und der gebildeten Stände einen erheblichen Teil ihrer Klientel bilden, b
selbst rekrutieren sich aus den verschiedensten Ständen, Droschkenkutsche |
Krankenschwestern, ehemalige Geistliche und viele ehemalige Angehörige di
Heeres. Von diesen sind manche während des Krieges' in Lazaretten m
der Krankenbehandlung in Berührung gekommen und nutzen jetzt die ;
gewonnenen Kenntnisse aus, andere sind durch den Verlauf des Krieges a;
ihrer Bahn gerissen und mussten sich einem anderen Erwerb zuwende
Mit wenigen Ausnahmen aber spekulieren alle auf den Zulauf aus dt
Kreisen derer, die nicht alle werden. Ein staatlicher Schutz gegen ihr unhei
volles Wirken ist leider nicht zu erwarten. M. K.
Kleine Mitteilungen.
Die amerikanischen Aerzte und das Alkohol verbot.
Die Schriftleitung des Journal of the American Medical Association h;
sich der dankenswerten Aufgabe unterzogen, eine gross angelegte Rundfra;
unter nahezu 54 000 amerikanischen Aerzten zu veranstalten über die Stellut
der Aerzte zur Anwendung des Alkohols als Heilmittel und besonders ;
den im Gesetz vorgesehenen einschränkenden Bestimmungen über die Ve
Ordnung. 58 Proz. der Aerzte beantworteten den Fragebogen und wir könnt
wohl annehmen, dass die daraus gewonnene Statistik ein ziemlich richtig'
Bild der Ansichten der gesamten Aerzte der Vereinigten Staaten gibt. 1
möge zunächst noch ganz kurz die wichtige Bestimmung des Verbotgesetz'
für die ärztliche Verordnung angeführt werden:
Jeder vorschriftsmässig zur Berufsausübung zugelassene und berufstätij
Arzt kann auf Antrag einen Erlaubnisschein erhalten, der ihm das Rec
gibt, in einem Vierteljahr 100 Verordnungen auszugeben, von welchen keil
mehr wie % Liter Branntwein betragen darf und zwar darf er für e
und dieselbe Person innerhalb von 10 Tagen nur einmal diese Menge ve
ordnen. Ausserdem kann er für persönliche Abgabe an seine Kranken b
zu etwa 6 'A Liter im Jahr, für Laboratoriumszwecke bei Nachweis d'
Bedarfes jede notwendige Menge erhalten, wenn er sich verpflichtet, s
nicht zu Trinkzwecken verwenden zu lassen. Nun besteht i allerdings e
grosser Missstand darin, dass neben diesem Gesetz auch noch einzel
staatliche Vorschriften Geltung haben, die zum Teil viel strenger sind, i
erlauben 7 Staaten überhaupt keine Verordnung von Alkohol.
Die Frage, ob Branntwein ein notwendiges Arzneimittel sei, b
antworten 51 Proz. mit „Ja“ und über 49 Proz. mit „Nein“. Die Anwendui
wird zu etwa 75 Proz. begründet bei Lungenentzündung, Influenza und anden
Infektionskrankheiten, dann folgen mit etwa 35 Proz. Alterskrankheiten ui
Schwächezustände, weiter mit etwa 10 Proz. Rekonvaleszenz, Diabetes, Her
fehler und Schock. Es ergab sich, dass für die Beantwortung hauptsächh
die Lehrbücher herangezogen wurden. Die gleiche Frage wird für Bit
mit 26 Proz. „Ja“ und 74 Proz. „Nein“ beantwortet. Merkwürdigerwei
wird hier an erster Stelle die Wirkung als Laktagogum angeführt, eine A
schauung, die vielleicht aus der alten deutschen Literatur herübergenomtm
ist; weiterhin wird es verwendet in der Rekonvaleszenz, bei Anämien ui
Dyspepsien. Aehnlich ist die Verteilung der Stimmen für Wein, nämlb
32 Proz. „Ja“ und 68 Proz. „Nein“, als Anwendungsgebiete gelten dieselb
wie für Bier, eine grössere Rolle spielt er als Ersatz für Branntwein.
Weiterhin wird gefragt, ob sich in der Praxis Fälle ereignet hätte
wo die Durchführung des Verbotgesetzes unnötig Leiden oder auch Todesfä
verursacht habe. Es antworten 22 Proz. mit „Ja“ und 78 Proz. mit „Nein
Das Ergebnis überrascht zunächst sehr. Den Hauptanteil macht anscheine;
die Vergiftung durch auf unerlaubte Weise hergestellte und bezogene Alkoho
namentlich Methylalkohol, aus. Der erste Begriff scheint auch von manch
Aerzten ziemlich weit gefasst worden zu sein, denn es sind* auch humoristisc
Antworten eingelaufen. Merkwürdigerweise berichten auch Aerzte von Uj
nötigen Leiden, welche selbst Branntwein verordnet haben, so dass c
Deutung der Ergebnisse zu dem Schlüsse kommt, dass bei der Beantwortu
dieser Frage ebenso soziale, moralische und politische Gesichtspunkte ma;
gebend gewesen seien als ärztliche und wissenschaftliche.
Eine weitere Frage stellt fest, wieviel Aerzte eine Verordnung v>
Branntwein, Bier oder Wein für ratsam gehalten haben. Es sind für Bram
wein 44 Proz., für Bier 13 Proz., für Wein 21 Proz., wobei noch zu b
denken ist, dass diese Frage nur von etwa zwei Drittel beantwortet wurc
Der Hauptgrund dafür ist, dass nur ein kleiner Teil der Aerzte überhau
Erlaubnisscheine besitzen, nämlich etwa 25 — 30 Proz. Diese erstaunli
niedrige Zahl erklärt sich, wie einzelne Bemerkungen zeigen, daraus, da
ein grosser Teil auch von Aerzten, welche die Anwendung von Alkol
nicht grundsätzlich ablehnen, gegen die Erlaubnisscheine ist, einerseits i
sich dem Drängen der Kranken sowie auch alten Freunden zu entziehe
dann aber auch aus allgemeinen Berufsinteressen; sie wehren sich dagegt
dass der Arzt zum „Schenkwirt“ gemacht wird.
Schliesslich wird noch gefragt nach den Erfahrungen bezüglich d
Menge der Verordnungen, ob die Zahl höher oder niedriger wie 100
Vierteljahr sein soll bzw. ob überhaupt eine Einschränkung bestehen sc
57 Proz. sind für Einschränkung in irgendwelcher Form. Von diesen
der grösste Teil für die Zahl, wie sie schon besteht, nur 2 Proz. si
für mehr als 100 Verordnungen. Zur Begründung dieser Antworten werd
die verschiedensten Gründe angeführt, es lassen sich etwa 3 Hauptgrupp
unterscheiden: Einzelne Aerzte sind entschiedene Gegner des Gesetzes üb;
haupt, sie berichten davon, dass heimlich getrunken wird, dass der Bez
von Alkohol auf ungesetzlichem Wege in manchen Gegenden sehr ieitj
sei usw. Ein sehr grosser Teil ist für eine Beschränkung, da er schlimil
Erfahrungen mit skrupellosen Kollegen gemacht hat, die sich aus den Vtj
Ordnungen ein einträgliches Geschäft machen und so das Ansehen des Berul
gefährden, eine 3. Gruppe endlich ist vom Standpunkt der ärztlichen u'
wissenschaftlichen Freiheit aus gegen eine Beschränkung. Sie steht auf d<i
Standpunkt, dass jedem Arzt erlaubt sein muss, die Mittel, die er für ml
wendig hält, anzuwenden und wehrt sich gegen jede Einschränkung dun
Gesetzev die noch dazu ohne Zuziehung der Aerzte erlassen worden seit
Vielfach klingt uns aus diesen Aeusserungen das amerikanische Freihei
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
377
ärz 19 22.
. —————
l.stsfein entgegen, so wenn ein 81 jähr. Arzt, der 55 Jahre in der Praxis
• und nie während dieser Zeit Alkohol verordnet hat, dennoch feststem.
< hre sich entschieden gegen jede Beschränkung eines Arztes in der An-
ng eines für notwendig gehaltenen Mittels.
,s ist ganz unmöglich auf die grosse Zahl von persönlichen Be-
■ ngen einzugehen, die vielfach viel deutlicher sprechen als die Zahlen,
efassen sich namentlich mit Vorschlägen zur Beseitigung von Miss-
i n und zur möglichst sicheren Durchführung des Gesetzes. Anscheinend
er grösste Teil der Aerzte für den Alkohol dieselben BestimmtKjgen
, wie über den Bezug und die Anwendung anderer Narkotika. Vielfach
j sie auch erkennen, dass ein grosser Teil der Aerzte sich noch nicht
;t über die Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen für den Bezug
lUkohol, namentlich für Laboratoriumszwecke.
n grossen und ganzen können wir der Statistik entnehmen, dass die
iaht der amerikanischen Aerzte zwar viel an den sie betreffenden Ver-
lgen auszusetzen hat. dem Verbot an sich aber wohlwollend gegen-
| eht und dass jedenfalls der grösste Teil die eigenen Wünsche und
igen zurücktreten lässt hinter die grossen, das Wohl und Wehe der
jieinheit berührenden Fragen der Volksgesundheit und der Hebung der
Graf.
Alastrim.
l den Public Health Reports berichtet der Quarantänearzt Rücker
Alastrim, eine Spielart der Blattern, die auch Varioloid-varicella und
• Blattern genannt wird. Es handelt sich um eine akute Infektionskrank-
on grosser direkter und indirekter Infektiosität für alle Lebensalter
fassen, die den Blattern ähnelt und wohl als mildere Variation
ben aufzufassen ist. Ein Erreger ist bisher nicht bekannt geworden;
ntlich wurden Guarnieri sehe und Prowazek sehe Körperchen im
gefunden. Die Beeinflussung der Alastrim durch Vorausgehen erfolg-
r Impfung oder des Leidens selbst entspricht dem Verhalten der
a in solchen Fällen. Erschwert wird die Differentialdiagnose durch
iufige Zusammentreffen der Alastrim mit Epidemien von Blattern oder
ilattern. Als Sitz des Erregers- nimmt man den Schleim der Nasen-
ihöhle an. ohne indes über Beweise hiefür zu verfügen. Die Letalität
t nur 0,5 — 1 Proz. Man pflegt bei der Obduktion ausser o'berfläch-
Pusteln auch solche am Gaumen, im Rachen, in Trachea und Bronchien
iden. Manchmal besteht subkutanes Oedem, das im Gesicht be-
s heftig sein kann. Die Hauteruptionen erscheinen als Papeln, die
dlmählich vertiefen, verkrusten und abschuppen und die schliesslich
Zurücklassung deutlicher Pigmentierung aber ohne erheblichere Narben-
g abheilen.
orausgehende Impfung mit Alastrim verhindert das Angehen von
npfpocken, ein Beweis für die enge Verwandtschaft von Alastrim und
a:
ifferentialdiagnostisch kommt gegenüber Variola bzw. Varizella in Be-
die Milde und Gutartigkeit der Krankheit, die in den meisten Fällen
ymptomloser Inkubationszeit von 14 Tagen ohne eigentliches Krankheitsge-
ippetitlosigkeit, Delirien und meist auch Schmerzen verläuft, soweit nicht
ltene Lokalisation der Blattern in Hals, und Rachen oder an den Hand-
ussflächen stärkere Beschwerden verursacht. Die Hauteruptionen er-
en sich auf Gesicht, Kopfhaut, Rumpf und Extremitäten und sind somit
verstreut als bei den eigentlichen Blattern und unterscheiden sich
esen insbesondere auch durch das Fehlen einer Nabelung.
’ie Behandlung ist symptomatisch, sie hat für gute Pflege und hygieni-
Massnahmen gegen Ausbreitung der Krankheit zu sorgen.
■ •; '
Therapeutische Notizen.
lax Bürg er -Kiel (Med. Klinik) teilt ausgedehnte Untersuchungen
die experimentellen Grundlagen einer Arbeits-
apie des Diabetes mit.
ach seinen systematischen Untersuchungen konnte er dreierlei fest-
. Dass die vermehrte Arbeit auch beim Diabetiker einen gesteigerten
rverbrauch zur Folge hat. Es kommt im Anschluss an die Muskel-
zum Absinken des Plasmazuckers und zur Verminderung der Zucker-
leidung, im Urin.
. Dass ungewohnte und mit psychischen Alterationen verbundene Arbeit
ich wirkt und zu einer Hyperglykämie führt.
. Dass es ratsam ist, jedem Diabetiker neben diätetischen Vorschriften
genaue Massnahmen für sein körperliches Verhalten zu geben.
;s ist im einzelnen Falle nicht leicht zu entscheiden, welche Art von
dbetätigung für den Patienten die richtige ist, ob einförmige Muskel-
en oder vermehrte Muskelarbeit. Dieses kann oft nur durch Be¬
tungen und auf Grund zahlreicher Erfahrungen entschieden werden.
Halbmonatsh. 1921, 20 u. 21.) H. T h i e r r y.
. H e i s s e r - Oschersleben (Bode) teilt seine Erfahrungen über die
binierte Milch-Sanarthritbehandlung chronischer
iritiden mit. Es handelt sic-h um solche Fälle, bei denen die isolierte
thrit- und Proteinkörpereinverleibung keine günstigen Erfolge erzielt
Erst die Kombination beider Mittel, an einem Tage gegeben, brachte
Uten Heilerfolge. Die Behandlung geschieht in folgender Weise: Am
;n des Behandlungstages bekommt der Patient 10 ccm im Wasserbad
hter Kuhmilch intraglutäal injiziert. Auf der Höhe der darauf fast regel-
S. erfolgenden Fieberreaktion, meist 3 Stunden nach der Milchinjektion,
1 tem Sanarthrit intravenös eingespritzt. Nach dieser 2. Einspritzung
meist die Temperatur noch um 1 0 und der Patient bekommt ein starkes
tefühl und Sensationen in dem erkrankten Gelenk. Die Temperatur ist
ächsten Morgen abgefallen und oft kann man schon nach der einen
ion eine bedeutende Besserung bemerken. In der Regel soll der Patient
3, in Pausen von 3 — 4 Tagen gemachten, kombinierten Injektionen voll¬
en beschwerdefrei sein.
I e i s s e r erklärt die Wirkung der kombinierten Injektionen in der
j. dass durch die Milchinjektion eine allgemeine Leistungssteigerung des
1 ismus erreicht wird, während man dem Sanarthrit eine spezifische
bng auf das erkrankte Gelenk zuschreiben muss. (Ther. Halbmonats-
* *921, 17.) H. T h i e r r y.
Bund deutscher Assistenzärzte.
1. Als neue provinzielle Untergruppe des B. D. A. hat sich der Bund
ostpreussischer Assistenzärzte gebildet. Vorsitzender ist Dr. B i 1 I i m z i k,
Königsberg in Preussen, Wilhelmstrasse 8.
Die Gründung einer Ortsgruppe Bonn ist in die Wege geleitet.
2. Auf das Schreiben des Vorstandes an den Verband der Fachärzte
Deutschlands ist eine Antwort eingelaufen, die sich in der Facharztfrage
in wesentlichen Punkten der Auffassung des B. D. A. nähert.
Mit der Stellungnahme zu dem neuen Entwürfe des B. d. F. D. von
Richtlinien zur Anerkennung von Fachärzten und ihrer Zulassung zur kassen¬
ärztlichen Tätigkeit ist der Vorstand des B. D. A. zurzeit beschäftigt.
Zwecks Gründung eines Kartells mit dem B. d. F. D. wurde der Vor¬
sitzende des B. D. A. zu der nächsten Vorstandssitzung des B. d. F. D.
(voraussichtlich im März in Kassel) eingeladen.
Der B. d. F. D. hat sich bereit erklärt, in der nächsten Nummer der
fachärztlichen Mitteilungen einen erneuten Hinweis auf zeitgetnässe Besoldung
der Assistenten und Vertreter bei Privatfachärzten zu bringen.
Wünsche und Anregungen der Ortsgruppen betr. der Fächarztfrage sind
dem Vorstande willkommen.
3. Die Anstellung eines besoldeten Geschäftsführers durch den L. V. wurde
gemäss dem Beschlüsse des diesjährigen Vertretertages mit aller Energie
betrieben, scheiterte aber bisher an der Geldfrage. Nunmehr hat sich der
L. V. bereit erklärt, die Kosten zu übernehmen.
4. Die von mehreren Ortsgruppen neuerdings erhobene Forderung, dass
Stellenangebote, die unter den Forderungen des B. D. A. bleiben, vom L. V.
nicht mehr in die Stellentafel aufgenommen werden sollen, lässt sich in
der Form nicht durchführen, weil die Stellenangebote sonst in die Tages¬
zeitungen abwandern würden, wo jede Kontrolle fehlt und sich leider immer »
ncch genug Kollegen finden, die um jeden Lohn arbeiten. Die Stellen¬
vermittlung des L. V. hat sich bereit erklärt, die Einsender von Stellen¬
angeboten auf die Forderungen des B. D. A. aufmerksam zu machen.
5. Die Anfang Januar ausgesandten Fragebogen sind bei weitem noch
nicht alle an die Geschäftsstelle zurückgelangt. Die säumigen Ortsgruppen
werden dringend gebeten, die Fragebogen baldigst zurückzuschicken.
Sämtliche Zuschriften sind unter Beifügung von 2 Mark Rückporto zu
richten an die .Geschäftsstelle des B. D. A., Leipzig, Dufourstr. 18/2.
Dr. Kortzeborn, 1. Vorsitzender.
Studenten belange.
Ordentlicher Kreistag des Hochschulkreises Bayern.
Ani 5. Februar 1922 fand in München der zweite ordentliche Kreistag
des Hochschulkreises Bayern statt. Die Stellungnahme des Kreises zur
Notverfassung wurde hierbei durch folgende Beschlüsse festgelegt:
1. „Der ordentliche Kreistag lehnt neuerdings die am 18. Januar 1922
in Göttingen zustande gekommene Notverfassung ab und bestätigt vollinhalt¬
lich die Beschlüsse des letzten ausserordentlichen Kreistages.“
2. „Der ordentliche Kreistag des Hochschulkreises Bayern vom 5. II. 1922
schliesst sich in der Stellungnahme zur Notverfassung dem Beschluss des
ausserordentlichen Kreistages vom 22. 1. 1922 an. Er erklärt jedoch, dass
der Hochschulkreis Bayern bereit ist, die Notverfassung als Entwurf zu be¬
trachten, und bei Wahrung des legalen Weges sie zur Grundlage neuer
Verhandlungen zu machen.“
3. „Die unterfertigten Kreise bzw. Einzelstudentenschaften schliessen sich,
insolange noch ein Teil der deutschen Studentenschaft gewillt ist, zur allein
rechtmässigen Göttinger Verfassung von 1920 zurückzukehren, zu einer
„Arbeitsgemeinschaft der verfassungstreuen deutschen Studentenschaften“
zusammen, zum Zwecke gemeinsamer Weiterarbeit im Sinne dieser Ver¬
fassung. Studentenschaften, die nicht einem der unterfertigten Kreise ange¬
hören. treten als Einzelstudentenschaften bei.“
Zu der Bekanntmachung des bayerischen Staatsministeriums über die
Bildung von Studentenschaften an den bayerischen Hochschulen schloss sich
der Kreistag dem Einspruch der Lyzeen wegen der Nichteinbeziehung in
das Bayerische Studentenrecht einstimmig an und beauftragte das Kreisamt.
Unterhandlungen mit dem Ministerium für Unterricht und Kultus in dieser
Angelegenheit zu pflegen. v. V.
Tagesgeschichtliche Notizen.
München, den 8. März 1922.
— Das französische Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft
für Kinderheilkunde, Herr H u t i n e 1, und die korresp. Mitglieder
dieser Gesellschaft, Herren Comby und Marfan, haben durch Schreiben an
den Vorsitzenden der Gesellschaft vom 2. II. 1922 ihren Austritt aus der Gesell¬
schaft erklärt. Das geschieht, ohne jede Angabe von Gründen, nahezu
8 Jahre nach Kriegsbeginn und 3 Jahre nach Friedensschluss. Man fragt sich
vergebens, was die Herren, nachdem sie solange die Schmach, einer deutschen
wissenschaftlichen Gesellschaft anzugehören, ertragen haben, jetzt noch zu
einem solchen Schritt veranlassen konnte. Mag sein, dass er ihnen von ihren
Landsleuten hoch angerechnet wird; in der übrigen Welt, die sich von der
Kriegspsychose allmählich zu befreien beginnt, wird diese verschärfte Fort¬
setzung des Krieges auf wissenschaftlichem Gebiet den übelsten Eindruck
machen.
— Die Deutsche Medizinische Gesellschaft in
Chicago (über deren reges wissenschaftliches Leben unsere Leser durch
ihre in d. W. erscheinenden offiziellen Berichte unterrichtet sind) hat be¬
schlossen, in diesem Jahre zugunsten wissenschaftlicher Institute Deutsch¬
lands und Deutsch-Oesterreichs auf ihr übliches Jahresessen zu verzichten,
ln dem betreffenden Aufruf an die Mitglieder heisst es: „Die Deutsche Medi¬
zinische Gesellschaft von Chicago macht es sich zu einer ihrer, vornehmsten
Aufgaben, auch hierbei tatkräftig mitzuhelfen. Gerade jetzt, wo alles Mög¬
liche von den ehemaligen Feinden versucht wird und nichts ungetan bleibt,
um unser geliebtes altes Vaterland nicht nur politisch sowie wirtschaftlich zu
ruinieren, lässt man auch nichts unversucht, um der deutschen Wissenschaft
den Gnadenstoss zu versetzen. Wie schon früher mitgeteilt, arbeitet die
französische geistige Propaganda, von unaufhörlichen Geldmitteln unterstützt
378
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
und wohl organisiert, eifrig fort, dieses Ziel zu erreichen. Dazu dürfen wir
es nie und nimmer kommen lassen. Diesem verwerflichen Unternehmen
wollen auch wir deutsche Kollegen hier in Amerika mit aller uns zu Gebote
stehenden Macht uns entgegenstemmen.“ Als Ergebnis dieses Aufrufs ist be¬
reits eine erhebliche Summe eingegangen, die dem serologischen Institut der
Münchener psychiatrischen Klinik zur Verfügung gestellt wird. Weitere Be¬
träge sollen folgen. Wir danken den deutschen Kollegen in Chicago für
diesen Beweis von Anhänglichkeit an die alte Heimat.
— Als jüngsten Niederschlag seiner sanitären Studien in Ost¬
europa (vergl. Nr. 4, S. 141) bringt der Völkerbund neuerdings einen Ueber-
sichtsbericht heraus, der in weitgehendem Maasse das in Nr. 7, S.‘ 259
referierte traurige Bild bestätigt, das Nansen auf der Januartagung des
internationalen Hilfskomitees für Russland von der Lage in den Hunger¬
gebieten entrollt hatte, ln diesem Völkerbundberichte wird als Grenze des
Hungergebietes, das 30 — 33 Millionen Einwohner umfasst, angegeben: Perm,
Kasan, Ufa, Simbirsk, Samara, Saratow, Tsaritsin, Astrachan, bis zur Krim,
zur Georginischen und Armenischen Grenze; die Donprovinz ist ganz, die
Südukraine teilweise mit eingeschlossen. Ungeheuer ist die Zahl der Fleck¬
fieberfälle, sie werden für die russische und ukrainische Sowjetrepublik auf
zusammen etwa 20 Millionen im Jahre 1919 und auf 6 — 7 Millionen ein¬
schliesslich Rückfallfieber im Jahre 1921 geschätzt. Gegen Ende des Sommers
befanden sich die Epidemien im Abflauen, aber schon im Herbste liess sich
mit dem Einsetzen einer Flüchtlingswoge aus den vom Hunger bedrohten
Gebieten ein neuerliches Anschwellen der Epidemien bemerken, die immer
zahlreicher, mannigfacher und weitverbreiteter wurden, je mehr die Flücht¬
lingsbewegung um sich griff, neue Massen vor sich her schob und je weniger
die günstiger gestellten Landschaften es vermochten für das leibliche Wohl
der wachsenden Gästeschaar zu sorgen. Nunmehr ist es so weit gekommen,
• dass bereits der polnische Sanitätskordon durchbrochen ist, wie die rasch
ansteigenden Ziffern von Fleckfieber und Rekurrens in Nowogrodek,
Polesien, Wolhynien, Lublin, Wilna, Brest-Litowsk, ja selbst in Warschau
beweisen. Auch im Umkreis von Bromberg ist eine isolierte Epidemie auf¬
getreten. Rückgewanderte deutsche Kolonisten haben in Frankfurt a. O.
Typhus eingeschleppt, heimkehrende Kriegsgefangene in Riga und Narwa.
Wenn auch solche verstreute Epidemieherde an sich nichts ungewöhnliches
sind, so sind sie doch im Zusammenhang mit dem konzentrisch um sich
fressenden, weiter und weiter vordringenden Seuchenmeer im Innern Russ¬
lands geeignet, die grosse Gefahr zu beleuchten, die Mitteleuropa von dort
droht.
— Im englischen Unterhaus teilte der Gesundheitsminister, Sir A. M o n d,
auf eine Anfrage mit, dass die Rockefellerstiftung der englischen Regierung
die Summe von 2 Millionen Dollar angeboten habe für den Bau und die
Einrichtung einer Hygieneschule in London, unter der Voraus¬
setzung, dass sie die Kosten für Personal und Betrieb der Anstalt bis
zu einem Betrag von 25 000 Pfd. St. jährlich übernimmt. Die Regierung
hat das Anerbieten angenommen und die vorbereitenden Schritte zur Aus¬
führung des Unternehmens getan. Aus den Mitteilungen des Ministers er¬
fährt man, dass die Gründung einer solchen Schule schon im vorigen Jahre
von dem Committee on Post-Graduate Medical Education in London in Er¬
wägung gezogen war. Da aber finanzielle Schwierigkeiten bestanden, legte
der Minister die Frage der Rockefellerstiftung vor, die jetzt .dieser An¬
regung in so grosszügiger Weise entsprochen hat. Die Schule dient der
Krankheitsverhütung im weitesten Sinne und ist in erster Linie bestimmt
für die weitere Ausbildung der im Dienste der englischen Regierung und
der Kolonien stehenden Zivil- und Militärärzte, aber auch für entsprechend
empfohlene Aerzte aus allen medizinischen Zentren der Welt. Sie wird
also internationalen Charakter haben. Es bleibt abzuwarten, wie weit dieses
Versprechen eingelöst werden wird, wenn einst auch Deutsche daraus
Nutzen ziehen wollten.
— Im englischen Oberhaus fand die 2. Lesung eines Gesetzes statt, das
die obligatorische Prüfung der klinischen Thermometer vor¬
schreibt.
— Das Deutsche Rote, Kreuz in Moskau schreibt uns: In
der Bakteriologischen Zentrale des Deutschen Roten Kreuzes in Moskau
(Leiter Herr Dr. H. Z e i s s - Hamburg, Tropeninstitut) ist ein Lesesaal er¬
öffnet, in welchem nachstehende deutsche medizinische Zeitschriften aufliegen:
Münchener Medizinische Wochenschrift, Deutsche Medizinische Wochen¬
schrift, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, Klinische Wochenschrift, Medi¬
zinische Klinik, Aerztliche Rundschau. Das Lesezimmer erfreut sich bei den
russischen Aerzten grosser Beliebtheit und wird stark besucht.
— Die Stelle des Stadtarztes in Herford in Westfalen ist dem bis¬
herigen Assistenten an der Universitäts-Kinderklinik in Halle a. S. Dr. S i e -
b e r t übertragen worden.
— Ein Süddeutscher Hochschulkurs für Jugend¬
fürsorge findet an der Universität Tübingen vom 18. — 26. April und
auf dem H e u b e r g, Kindererholungsheim für Württemberg und Baden, vom
26. — 30. April statt. Der Kurs wird insbesondere für Aerzte, die in der
Jugendfürsorge mitzuwirken haben, von grossem Interesse sein. Die gesund¬
heitliche Fürsorge (Säuglings- und Tuberkulosefürsorge, schulärztliche Für¬
sorge, Psychologie der Kinder) nimmt einen breiten Raum im Kursplan ein.
Nähere Auskunft über Einzelheiten des Kurses, die Unterbringung in den
Kursorten sowie Stipendien, die zur Verteilung kommen sollen, erteilt der
Landesverband für Jugendfürsorge in Württemberg, Stuttgart, Kronenstr. 29
und das Archiv Deutscher Berufsvorinünder Frankfurt a. M., Stiftstrasse 30.
— Die dritte TagungfürVerdauungs-undStoffwechsel-
krankheiten findet in unmittelbarem Anschluss an den Kongress für
innere Medizin am 28. und 29. April unter dem Vorsitz des Herrn Geh. -Rat
v. N o o r d e n, Frankfurt a. M., in Bad Homburg statt. Am ersten Tage
wird das Thema Gallenstein-Krankheiten besprochen. Re¬
ferenten: Herr L i c h t w i t z - Altona: Aetiologie und Pathogenese der Stein¬
bildung; Herr Singer- Wien: Klinik und interne Behandlung der Steine;
Herr F. W. S t r a u c h - Halle a. S.: Indikationen zur Gallensteinoperation
vom Standpunkt des Internisten; Herr V o e 1 c k e r - Halle a.S. : Indikationen
zur Gallensteinoperation vom Standpunkt des Chirurgen. Der zweite Tag
wird den Beziehungen zwischen Störungen der Kreislaufs- und Verdauungs¬
organe gewidmet sein. Referenten: Herr August H o f f m a n n - Düsseldorf
und Herr von den Velden - Berlin, von denen jener die Klinik, dieser
die Pharmakologie der Frage behandeln wird. Preis der Teilnehmerkarte
(erhältlich im Kurhaus) 50 M. Wohnungen und Auskünfte durch die Kur¬
verwaltung.
Nr.
— 1
— Die diesjährige Generalversammlung des Deutschen Zentr:
komitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebi
krank heit E. V. wird mit einer wissenschaftlichen Tagung verbun, ■
sein, welche unter Leitung von Geheimrat Prof. Dr. K o 1 1 e, dem Direk <
des Instituts für experimentelle Therapie, am Sonntag, den 23. April j
Frankfurt a. M. stattfinden wird. Die Tagung beginnt vormittags j
10 Uhr im Institut für experimentelle Therapie. Als Vorträge sind in A
sicht genommen: Prof. Dr. Ca spar i: Betrachtungen über das Kn-,
Problem, besonders vom Standpunkt der Immunität, Dr. Schwarz: Tun,
zellen und Tumoren, Prof. Dr. Dessauer: Physikalische Gedanken -
Röntgentherapie der Karzinome, Geheimrat Prof. Dr. Seitz: Erfahrun
in der Strahlenbehandlung von Karzinomen und Sarkomen. An den \
handlungen können ausser den Mitgliedern des Deutschen Zentralkomit
sämtliche Aerzte teilnehmen. Anmeldungen und Anfragen in bezug
Wohnung etc sind an Herrn Prof. Dr. C a s p a r i, Institut für experiment
Therapie. Frankfurt a. M„ Paul Ehrlich-Strasse 44 zu richten.
- — Die diesjährige Jahresversammlung der Gesellschaft Der
scher Hals-, Nasen - und Ohrenärzte wird am 1., 2. und 3. J
unter dem Vorsitz von Herrn Sanitätsrat Dr. Rudolf P a n s e - Dresden
Wiesbaden stattfinden. Anmeldungen von Vorträgen und Dem
strationen sind an den Schriftführer: Prof. Dr. Otto K a h 1 e r - Freiburg i.
Karlstr. 75 zu richten.
— Am 21. und 22. April findet in Mannheim eine Tagung d
Südwestdeutschen Pathologen statt, bei der auch Teilnal:
von Klinikern erwünscht ist. Hauptthema: 1. Lungenemphyse
path.-anat. Referent Loeschcke-- Mannheim, klin. Referent S t a e h c 1 i
Basel. 2. Akute gelbe Atrophie der Leber: path.-anat. Refet
He rxheimer - Wiesbaden, klin. Referent Umber- Charlottenbi
Auskünfte, Anmeldungen von Vorzeigungen, Besorgung von Wohnun
durch Dr. Loeschcke - Mannheim, Städt. Krankenanstalten.
— Die ärztliche Gesellschaft für Sexuadwissensch;
und Eugenetik in Berlin veranstaltet eine zweitägige Sitzung
25. und 26. März im grossen Hörsaal des Zentralinstituts für Erziehung i
Unterricht, Potsdamerstrasse 120, mit der Tagesordnung: Die Mitarbeit
Arztes an der Bekämpfung des Geburtenrückganges.
— • Pest. Italien. Vom 17. Oktober bis 23. November v. J. 1
krankung in Rom. — Portugal. Vom 27. November bis 3. Dezember v.
5 Erkrankungen und 2 Todesfälle auf der Insel St. Michael (Azoren): v
4. bis 10. Dezember v. J. 12 Erkrankungen (und 3 Todesfälle), davon
Livramonto 2, in Ponta-Delgada 1, in Ribeira Grande 9 (3). — Aegypl
Vom 20. November v. J. bis 26. Januar d. J. 29 Erkrankungen (und 167 Tod
fälle), davon in Alexandrien 8 (3), in Suez 15 (9).
— Fleckfieber. Deutsches Reich, ln der Woche vom 19.
25. Februar wurden 3 Erkrankungen mitgeteilt, und zwar in Berlin 1 und
Durchgangslager Kreckow -bei Stettin 2.
— In der 6. Jahreswoche, vom 5. bis 11. Februar 1922, hatten ’
deutschen Städten über 100 000 Einwohner die grösste Sterblichkeit Aac
mit 22,4, die geringste Frankfurt a. M. mit 9,7 Todesfällen pro Jahr :
1000 Einwohner. Vöff. R.-ü.-A
Hochschulnachrichten.
Breslau. Dem Privatdozenten für Dermatologie und Strahlenther;
Dr. Erich Kuznitzky wurde die Dienstbezeichnung „ausserordentlic
Professor“ verliehen, (hk.)
Frankfurt. Dem Privatdozenten für Chirurgie und Oberarzt an
chirurgischen Klinik, Dr. med. Karl ProDping, ist die Dienstbezeichn
ausserordentlicher Professor verliehen worden, (hk.)
Heidelberg Dem Privatdozenten für Psychiatrie und Oberarzt
der psychiatrischen Klinik Dr. Albrecht W e t z e 1 ist die Dienstbezeichn
„ausserordentlicher Professor“ verliehen worden, (hk.) — Als Privatd02
für Chirurgie habilitierte sich Dr. Karl Kleinschmidt, Assistenzarzt
chirurgischen Klinik, mit einer Probevorlesung über die Blutgei;
Chirurgie, (hk.)
Kiel. Für Dermatologie und Syphilis habilitierte sich Dr. Otto G rü
Assistenzarzt an der dermatologischen Klinik, mit einer Schrift „Un.
suehungen über die Methodik und den klinischen Wert der Goldsolreakf
im syphilitischen Liquor cerebrospinalis“, (hk.)
Königsberg. Prof. Dr. med. Oskar Bruns in Göttingen hat ei
Ruf an die Universität Königsberg als Direktor der medizinischen Poliklij
als Nachfolger des Geh. Med. -Rats J. Schreiber erhalten und an;
nommen. (hk.)
Marburg. In die Stelle des Direktors des Botanischen Instituts
Universität Marburg (Nachfolger von Geh. Rat Prof. Arthur Meyer) wu
Prof. Dr. Peter C 1 a u s s e n - Erlangen berufen. — Zum Nachfolger
Prof. Be ss au im Direktorat der Kinderklinik wurde Prof. Freude
b e r g - Heidelberg ernannt.
Basel. Prof. E. Hedinger, Vorsteher des pathologischen Instit;
erhielt einen Ruf als Nachfolger von Busse in Zürich.
Wien. Mit Genehmigung des Unterrichtsamtes wurden an der Wie1
Universität zugelassen: Dr. Adalbert Fuchs für Augenheilkunde, Dr. Pe|
W a 1 z e 1 für Chirurgie und Dr. Ernst B a c h s t e z für Augenheilkunde. (1
— Das Unterrichtsamt hat für die Dauer der Abwesenheit -des Hofr;
Prof. Dr. A. Lorenz den Privatdozenten Dr. Julius Hass mit
Leitung der orthopädischen Universitätsklinik in Wien betraut, (hk.)
— - ' - ■ f~j
Korrespondenz.
Die angeblichen Gefahren des Dämmerschlafes bei der Geburt.
Herr O.M.R. Dr. G r a s s 1 legt Wert darauf, Herrn O p i t z (d. W. Nr
gegenüber festzustellen, dass er sich gegen die wahllose Anwendung -
Dämmerschlafes ausgesprochen -habe. Dies komme zum Ausdruck in
Worten: ... „so ist die Einleitung der schmerzlosen Geburt ohne
Original gesperrt) medizinische Indikation“ . . . Bezüglich der lnanspri
nähme von Priestern zur Suggestion bei Geburten schreibt uns Herr G ras!
„Die Heranziehung des Geistlichen zur Spendung der kirchlichen Trostmi
in Fällen operativer Geburtshilfe mit dem Ziele und Erfolg, dass die
bärende bei vollem Bewusstsein -die Beschwerden der operativen Entbind
ruhig erträgt, und die Abwendung der normalen Geburtsschmerzen du
,- Einleitung eines Dämmerrausches halten einen Vergleich überhaupt n
I aus.“ Schrift.
V*rl»g von ]. F. Lcbmann in München S.W. 2, Faul Heyseatr. 26.
Druck von E. MfihlthaJer’s Buch- und Kunatdruckeret, M Aachen.
ler einzelnen Nummer 3. — u». * Bezugspreis In Deutschland
und Ausland siehe unten unter Bezugsbedingungen. • . .
genschluss Immer 5 Arbeitstage vor Erscheinen.
MÜNCHENER
Zusendungen sind zu richten
für die Schriftleitung: Arnulfstr. 26 (Sprechstunden 6% — 1 Uhr),
für Bezug: an I. F Lehmanns Verlag Paul Heyse- trasse 26,
für Anzeigen: L. Waibel, Anzeigen- Verwaltung, Weinstr. 2/III.
Iedizinische Wochenschrift.
ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE.
1. 17. März 1922.
Schriftleitung: Dr. B. Spatz, Arnulfstrasse 26.
Verlag: J. F. Lehmann. Paul Heyse-Strasse 26.
69. Jahrgang.
3r Verlag behält eich dae aueechlieeeliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift zum Abdruck gelangenden Originalbeiträge vor.
Originalien.
Tuberkulose und Konstitution *).
Von Friedrich Müller.
/enn wir uns mit der schwierigen Frage beschäftigen, welchen
ss die Konstitution auf den Verlauf einer Tuberkulose besitzt,
issen wir suchen, einen festen Punkt zu gewinnen, von dem wir
hen können, und dieser dürfte in der Erkenntnis liegen, dass die
kulose eine Infektionskrankheit ist. — Bei den Infek-
rankheiten ist aber nicht allein die Tatsache der Infektion mass-
id. sondern auch die Widerstandskraft des Infizierten. Der Be¬
er Virulenz eines Infektionserregers ist durchaus relativ, wie z. B.
/erhalten der verschiedenen Tierarten gegenüber den Strepto-
n und Pneumokokken beweist. Immer liegt eine Wechselwirkung,
impf zwischen dem Infektionserreger und dem infizierten Organis-
,-or. Gilt dieser Satz schon für Typhus und Diphtherie, so hat
ch in viel höherem Grade bei der Tuberkulose Bedeutung, deren
if nach alter Anschauung hauptsächlich abhängig ist von der
itution des Befallenen. Der Erfahrungssatz: Phthisis hereditaria
m pessima kann ja nichts anderes bedeuten, als dass die von
itern ererbte Körperbeschaffenheit für den Verlauf der Krankheit
gebend sei. Und wenn es richtig ist, dass vor allem ein
eres Zusammenleben mit einem an offener Tuberkulose
den Kranken gefährlich sei, so würde daraus zu schliessen sein,
auch die Empfänglichkeit für das Haften des Tuberkelbazillus
jederzeit vorhanden ist, sondern nur zu gewissen Zeiten, wo der
lismus aus irgendwelchem Grunde weniger widerstandsfähig
3ei den anderen Infektionskrankheiten genügt ja ein. einmaliger
kt, um die Infektion zustande zu bringen.
obert Koch hat freilich den Einfluss der Konstitution auf die
kulose geleugnet. Vielleicht weil sich seine Experimente haupt-
;h auf das empfänglichste Tier, das Meerschweinchen, bezogen
. Aber schon ein Blick auf den Hund, bei dem die Infektion mit
kelbazillen nur sehr schwer und unter Verwendung grosser Ba¬
nengen gelingt,, beweist, dass die einzelnen Tierarten ganz ver-
len auf die Infektion mit Tuberkulose reagieren, dass also ihre
nglichkeit oder Widerstandskraft sehr ungleich ist und ähnlich
t es auch bei verschiedenen Menschenrassen zu sein. Unter
iS den Tropen stammenden Truppen der Entente scheint während
rieges eine beonders bösartige Form der Tuberkulose gewütet
)en und bei manchen dieser Truppenkontingente soll es sich des-
als notwendig herausgestellt haben, sie heimzusenden. — In
chland scheint mir die Tuberkulose bei der Landbevölkerung
;wegs benigner, eher schlimmer zu verlaufen als bei den alt-
iessenen Städtebewohnern: bei diesen, wie auch besonders beim
die ja oft schon seit vielen Generationen den Kulturschäden
setzt waren, ist die Tuberkulose zwar sehr häufig, aber sie zeigt
ifhilend gutartigen Verlauf.
ie Bedeutung der Konstitution geht vor allem auch aus den Er¬
der Therapie hervor: Während die Heilwirkung der spezifischen
pie, also des Tuberkulins, jetzt nach 30 Jahren, noch umstritten
kann diejenige von Sonne und frischer Luft, von Hochgebirgs-
und reichlicher Ernährung keinem Zweifel unterliegen. Diese
ren sind aber nicht spezifisch, sondern sie stärken die all¬
eine Widerstandskraft.
■'’as ist aber Konstitution und woran erkennen wir, ob ein Indivi-
gegen Infektionen im allgemeinen und gegen diejenige mit Tuber-
s im besonderen widerstandsfähig ist, so dass eine Infektion mit
kelbazillen entweder nicht zustande kommt oder günstig verläuft?
dir haben hier zu unterscheiden 1. zwischen Konstitution im
Fortbildungsvortrag.
Vom Tuberkulin dürfen wir jetzt wohl annehmen, dass es eine Im-
t im üblichen Sinne des Wortes nicht erzeugt, dagegen glaubt man,
:s die zellulären Abwehrprozesse in der Umgebung des tuberkulösen
js steigert. Gegen diese Anschauung scheint freilich die klinische Er¬
ls zu sprechen, welche jede ausgesprochene Herdreaktion zu vermeiden
: -t. Jene starken Herdreaktionen an der Lunge, welche in den neun-
Jahren bei den damals üblichen grösseren Tuberkulindosen nicht
' beobachtet wurden, haben nicht die erhoffte feste Abkapselung und
1 düng des Prozesses erzeugt, sondern nicht ganz selten eine Disse-
on der Tuberkulose, also offenbar eine Auflockerung des Herdes zur
8 gehabt. Es ist möglich, dass bei Anwendung kleinster Dosen die
1 re Reaktion günstiger, anregend und umstimmend verläuft.
r 11.
engeren Sinne des Wortes, also der von Eltern, Grosseltern usw. ver¬
erbten Eigenschaften, die sich auch durch eine verminderte Widerstands¬
fähigkeit einzelner Organe äussern kann, und 2. den mannigfachen
äusseren Einflüssen, welche sich im Laufe des Lebens geltend ge¬
macht 'haben. Die Einwirkungen letzterer Art, so z. B. schlechte
Ernährung in der Kindheit und Wachstumsperiode, Intoxikationen,
schädliche Folgen vorangegangener Infektionskrankheiten, können ein
ursprünglich gut veranlagtes Individuum schliesslich in ein weniger
widerstandsfähiges umwandeln und aus einem kräftigen Kind schliess¬
lich einen schwächlichen Mann machen. Der Habitus ist keine ein für
allemal feststehende Grösse und kann im Laufe des Lebens, nament¬
lich während der Wachstumsperiode durch physiologische und patho¬
logische Einflüsse manche Wandlungen erfahren.
Es ist eine alte Lehre, dass ein bestimmter Habitus, der Habitus
phthisicus zur Lungenschwindsucht disponieren soll. Dieser Satz ist
von Hippokrat.es aufgestellt worden, und Rokitansky hat den
Habitus phthisicus näher definiert: das wesentliche davon ist die man¬
gelhafte Ausbildung des Thorax, der eine zu geringe Kapazität aufweist,
vielfach schmal, manchmal aber auch sehr flach und dabei doch breit
erscheint. Dabei ist der Hals lang und die Schulterblätter stehen
flügelförmig ab. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen Körper¬
grösse und Brustumfang, und dieses hat Brugsch in die folgende
Formel gebracht: ^ru^umlails;. X 100, ajSQ ^ ejliem vollständig Ge-
Korperlange
sunden bei einem Brustumfang von 80 cm und einer Körperlänge von
160 cm ergibt sich die Zahl 50. = 50. Beträgt dieser Quotient
50 bis 55, so ist das Verhältnis als normal anzusehen, ist der Quotient
wesentlich kleiner, so spricht Brugsch von einem hypoplastischen
Thorax.
Aber alle Versuche, derartige Typen in mathematische Formeln zu
zwängen, sind bisher gescheitert.
Der Habitus phthisicus von Rokitansky deckt sich in seinen
wesentlichen Zügen mit demjenigen, welchen Stiller als Habitus
asthenicus beschrieben hat, sowie auch mit dem Status hypoplasticus
von Bauer. Wenn wir an einem grossen Krankenmaterial unter¬
suchen, ob bei den tuberkulösen Kranken in der Tat der Habitus
asthenicus in überwiegender Häufigkeit angetroffen wird, und ob ander¬
seits die Leute mit asthenischem Habitus besonders oft tuberkulös
werden, so fällt, wie auch Friedrich Kraus betont hat, die Antwort
keineswegs überzeugend aus. Auf unsern Phthisikerstationen über¬
wiegen keineswegs die Leute mit hypoplastischem Thorax, es kommen
sehr häufig prachtvoll entwickelte Brustkörbe vor, ganz abgesehen von
der keineswegs seltenen Emphysemphthise mit ihrem übermässig weiten
Brustumfang.
H. Freund, Hart und Bacmeister haben nicht die Hypo¬
plasie des Thorax im allgemeinen, sondern die Enge der oberen Brust¬
apertur im besonderen angeschuldigt, die Gefahr einer tuberkulösen
Spitzenaffektion hervorzurufen, und zwar sollte die Kürze der ersten
Rippe, also die Enge des ersten Rippenringes oder auch die "Ver¬
knöcherung des ersten Rippenknorpels die Lungenspitze abschnüren, in
ihrer Ausdehnungsfähigkeit hemmen und dadurch das Haftenbleiben
einer Infektion befördern. Bacmeisters Versuch schien diese An¬
nahme zu bestätigen: er hatte bei jungen Kaninchen die Lungenspitze
mit einer Drahtschlinge umschnürt und danach eine, sonst bei diesen
Tieren ungewöhnliche Lokalisation der Tuberkulose in der umschnür-
ten Spitze eintreten sehen. Aber diese Tierversuche Bacmeisters
konnten durch Ivasaki, der -unter Kaufmanns Leitung arbeitete,
nicht bestätigt werden. Viel wichtiger ist noch, dass Wencke-
b a c li 2) bei ausgedehnten Untersuchungen an- Menschen kein be¬
merkenswert häufiges Zusammentreffen zwischen einer Enge und Ver¬
knöcherung der ersten Rippen und einer Lokalisation der Tuberkulose an
dieser Spitze feststeilen konnte. Man hat gelernt, dass eine frühere
Verknöcherung des ersten Rippenknorpels zwar bei Spitzentuberkulose
gar nicht selten ist, dass aber die Verknöcherung der ersten und aller
folgenden Rippenknorpel oft viel ausgesprochener bei chronischen
Bronchitiden vorkommt. Man muss also davor warnen, die im Röntgen¬
bild leicht erkennbare Verknöcherung des ersten Rippenknorpels als
einen Hinweis auf eine tuberkulöse Erkrankung aufzufassen.
Während des Krieges ist man darauf aufmerksam geworden, wie
häufig Dämpfung auf einer Lungenspitze beobachtet und dadurch der
2) Wenckebach: Spitzentuberkulose und phthisischer Thorax.
W.kl.W. 1918 S. 379.
3
.180
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT,
Nr
Verdacht auf eine Spitzentuberkulose erweckt wird bei Leuten, welche j
eine Skoliose der Hals- und der oberen Brustwirbelsäule darbieten.
H e i n e k e konnte ze;gen, dass eine sehr grosse Zahl von Soldaten
wegen dieses diagnostischen Irrtums fälschlich für tuberkulös eiklärt
und monatelang in Heilstätten verpflegt worden waren. Nun, bei dieser
häufigen oberen Skoliose ist in der Tat die eine Lungenspitze beengt
und trotzdem ist sie meist frei von Tuberkulose, wie überhaupt nach
französischen Autoren die Tuberkulose beider Skoliose selten vorkommt.
Die grobmechanische Auffassung, als ob eine Einschnürung der
Lungenspitze zur Infektion mit Tuberkulose Veranlassung gäbe, muss
also fallen gelassen werden, und wir wollen uns daran erinnern, dass
die Erklärung schwieriger Probleme der Biologie fast immer zuerst auf
rein mechanischem Wege versucht wird, bis man lernt, dass diesei
nicht hinreicht, dass das Problem viel verwickelter ist und dass auch
andere, biologische und mehr chemische Fragen hineinspielen.
Ja, der mechanistischen Erklärung Freunds von der prädispo¬
nierenden Wirkung eines engen ersten Rippenrings liegt wohl ein
anatomisches Missverständnis zugrunde: die Lungenspitze ragt nicht
wie ein Zipfel über das Niveau der ersten Rippe in einen oberhalb
dieser gelegenen Kuppelraum vor, und sie kann infolgedessen von der
ersten Rippe auch nicht abgeschnürt werden. Vielmehr legen sich
Pleura und Faszie mit einer ganz schwachen Wölbung über die nach
vorn abfallende Ebene der schrägliegenden flachen ersten Rippe; nur
wenn man die Lungenspitze von vorne, besonders auf der bildlichen
Darstellung betrachtet, scheint sie über das Niveau der ersten Rippe
nach oben vorzuragen, tatsächlich überragt sie nur ganz wenig die
schräge Ebene der ersten Rippe.
Das Verhalten des knöchernen Thorax und seine Beziehungen zur
Körpergrösse lassen also keinen Schluss zu auf die Widerstandsfähigkeit
gegen die Tuberkulose. Wir wollen uns darüber klar sein, dass bei
dieser Betrachtungsweise nur das Knochenskelett berücksichtigt
ist, wie so 'häufig bei den von der Anthropologie und der Konstitutions¬
pathologie aufgestellten Maassen. Das ist bei der Anthropologie be¬
greiflich, weil diese grösstenteils nur die Knochenreste ihren Unter¬
suchungen zugrunde legen kann. Für den Arzt ist aber der Begriff
der Konstitution keineswegs mit der Betrachtung des Knochensystems
erschöpft und die Bezeichnung „Habitus asthenicus“ schliesst auch den
Begriff der Kraftlosigkeit und Ermüdbarkeit, also das Verhalten der
Muskulatur in sich. Haben nun der Muskelreichtum und die Mus¬
kelkraft nachweisbare Beziehungen zur Widerstandsfähigkeit gegen
Tuberkulose? Man wird dies kaum behaupten können; es sind oft sehr
kräftige, ja athletische Individuen, die von der Krankheit ergriffen und
dahingerafft werden, während 'gerade muskelschwache Individuen oft
bis ins hohe Alter von der Krankheit verschont bleiben. Vielleicht gibt
eher ein gewisser Fettreichtum Schutz, doch darf nicht vergessen
werden, dass die Krankheit schon in ihrem Frühstadium die Ernährung
schädigt, und dass Magerkeit und Muskelschwäche ebenso wie eine
Thoraxverengerung oft die Folgezustände, nicht aber die prä¬
disponierenden Momente der Tuberkulose sind.
Gar nicht selten findet sich eine chronische Tuberkulose der
Lungen, besonders aber der Lymphdrüsen bei solchen jungen Leuten,
welche körperlich und oft auch geistig nicht die volle Entwicklungs¬
reife ihrer Jahre besitzen, die also die Kennzeichen des Infan t Häs¬
in u s darbieten. Dieser Infantilismus kann auf angeborener Grundlage
beruhen und die Folge einer Keimschädigung (Blastopht'horie) sein, z. B
bei Trunksucht, hohem Alter oder schwerer Krankheit der Eltern, vor
allem bei Syphilis und metasyphilitischer Erkrankung des Vaters.
Diese allgemeine, nichtspezifische Keimschädigung bei den
Kindern der Tabiker, Paralytiker und Aneurysmatiker ist wohl zu unter¬
scheiden von der kongenitalen Syphilis mit ihren bekannten spezifi¬
schen Erscheinungen. Im Gegensatz zu dieser finden wir bei der nicht¬
spezifischen allgemeinen Keimschädigung oft ein Zurückbleiben auf kör¬
perlichem und geistigem Gebiet, bisweilen eine gewisse intellektuelle
und moralische Minderwertigkeit, ferner Defekte auf sexuellem Gebiet,
ungenügende Differenzierung des Geschlechts mit homosexuellen Nei¬
gungen, bis zum Pseudohermaphroditismus. Manchmal schwere Ent¬
wicklungsstörungen auch auf anderen Gebieten, z. B. Gaumenspalten,
angeborene Herzfehler^ fortschreitende organische nervöse Degenera¬
tionen, welche z. B. das Bild der multiplen Sklerose vortäuschen können.
Aber ich kann nicht sagen, dass bei diesen unglücklichen Deszendenten
syphilitischer Eltern etwa die Neigung zur Tuberkulose besonders aus¬
geprägt oder dass deren Verlauf besonders bösartig wäre. Vielmehr
muss die häufige Koinzidenz des Infantilismus mit der Tuberkulose
meines Erachtens anders erklärt werden: Es handelt sich meist um
Individuen, bei welchen die Anzeichen der Tuberkulose bis in das
frühe Kindesalter zurückverfolgt werden können, bei welchen Drüsen¬
affektionen, Bauchfelltuberkulose oder wenigstens langdauernde Fieber¬
zustände im Anschluss an Masern, Scharlach oder Keuchhusten be¬
standen hatten. Es ist als ob diese Kinder einen innern Feind beher¬
bergten, der ihren Appetit und ihre Lebensfreude verdirbt, der ihre
Entwicklung und namentlich deren delikatesten Punkt, die sexuelle
Ausreifung hemmt. Die Geschlechtsorgane bleiben dabei auch bei
16 — 18jährigen klein, die sekundären Geschlechtsmerkmale sind unvoll¬
kommen, also die Behaarung der Achselhöhlen, der Pubes und der
Augenbrauen, des Bartes; die Bildung der Mamma fehlt, die Körperform
bleibt infantil und ebenso die Psyche. Hier ist der Infantilismus die
Folge, nicht aber die Ursache der seit der Kindheit bestehenden
schleichenden Tuberkulose.
Wir kommen zu dem Resultat, dass wir keinen äusserlich erkenn¬
baren Habitus kennen, der eine spezifische Prädisposition zur Tuber¬
kulose verriete, dass aber oft ein schlechter Habitus asthenicus {
degenerativus und eine mangelhafte Beschaffenheit des Thorax, ja su
ein infantiles Zurückbleiben die Folge einer frühen Tuberkulose j
Versuchen wir es mit der Organdisposition:
Bartels, Friedrich Kraus. E. Stoerck u. a. lehren, i
der Lymphatismus eine geringere Widerstandsfähigkeit geger
den meisten akuten Infektionskrankheiten zur Folge habe, z. B. ge
über Diphtherie oder Scharlach, aber im Gegensatz dazu einen gewi
Schutz gegen die Tuberkulose verleihe. An dieser Lehre ist ge
etwas Wahres, die Kinderärzte, namentlich auch die französis;
sprechen von einem günstigen Einfluss der Skrofulöse aut den Ve
einer tuberkulösen Infektion, von einer „Rettung in die Skrofuli
Das soll doch wohl heissen, dass eine lebhafte Reaktion des lyir
tischen Apparates bei der Tuberkulose als prognostisch nicht un
kommen angesehen wird. In der Tat heilt die Lymphdrüsentuberki
der Kinder, besonders auch diejenige der Hilusdrüsen, ausserordei
häufig aus.
Erst vor kurzem erhielt ich den Sektionsbefund eines 67 jährigen Ma
der etwa in seinem 30. Lebensjahre an dicken, ausgedehnten Nackendr
Schwellungen gelitten hatte, und der in Kreuznach und im Hochgebirgs
Erfolg behandelt worden war. Man hatte damals an Pseudoleukäniie
dacht, aber die mikroskopische Untersuchung einer zur Probe exzidi
Nackendrüse durch R i b b e r t hatte Tuberkel mit Sicherheit nachgewi
Die Sektion zeigte eine kleine Narbe in der einen Lungenspitze und
verkreidete Lymphdrüsen am zugehörigen Hilus. Sonst keine Spur
Tuberkulose.
Vielleicht bietet die Lokalisation der Tuberkulose in den Ly
drüsen, die ja bekanntlich bei der primären Tuberkulose und sp.
bei Kindern auftritt, eine besonders wirksame Schutz- und Abv
massregel gegen die Tuberkulose. — Man wird also dem Lymphati
in der Tat eine gewisse Bedeutung zuschreiben müssen — wenn
nur besser definieren könnte, was unter diesem Namen zu verst
ist. Etwa die Hyperplasie der Mandeln, die adenoiden Wucherut
die Schwellung von Milz und Thymus, oder die Neigung zu Ly
drtisenschwellung bei akuten Racheninfektionen? Kann man wii
behaupten, dass jene jungen Leute, welche eine Neigung zur ent;
liehen Schwellung der lymphadenoiden Apparate zeigen, vor der T
kulose geschützt bleiben? Andererseits müssen wir uns aber fr
wieviele von den Drüsenpaketen, am Unterkieferwinkel oder aucl
Nacken und den Hilusdrüsen nicht das Zeichen einer unspezjfi:
Drüsenhyperplasie, sondern vielmehr die Erscheinung einer bereits
handenen tuberkulösen Erkrankung der Lymphdrüsen ist; und
tastende Finger oder die Röntgenphotographie kann nicht entscht
ob das eine oder das andere der Fall ist.
Wenn tatsächlich die Erfahrung lehrt, dass die Drüsentuberk
des jugendlichen Alters grossenteils ausheilt, und dass wir die
mikroadenie des Nackens und der Hilusdrüsen nicht allzusehr zu für
haben, dürfen wir dann in der Tat daraus schliessen, dass bei der L(
sation der Tuberkulose in den Lymphdrüsen besonders wirksame
zifische Abwehrstoffe gebildet werden, und dass diese dem Itidivi
einen ausreichenden Schutz gegen spätere Erkrankungen an Tub
lose verleihen? Dann müsste logisch geschlossen werden, dass Dr
narben am Halse und anderweitige Reste der Skrofulöse als progno:
günstige Erscheinungen zu betrachten wären. Man wird aber
zu behaupten wagen, dass dies den Tatsachen entspricht. Vie
sieht man öfter solche Narben von früheren Drüsenverkäsungen
Skrofuloderma und von Lupus bei solchen Leuten, welche spät
Lungenphthise zugrunde gehen.
. Die Anschauung, dass das Ueberstehen einer „skrofulösen“, d. h.
kulösen Lymphdrtisenerkrankung einen Schutz gegen spätere Erkrank
der Lunge, also eine gewisse Immunität gewähre, ist nicht neuen D:
Marfan hat 1886 (Archives gendrales de Medecine) die These aufgf
dass eine in der Jugend erworbene und völlig ausgeheilte skrofulöse D
erkrankung oder ausgeheilter Lupus Schutz gegen Lungentuberkulose
leihe. Unter 242 Fällen geheilter Skrofulöse fanden sich nur 27 Fälle
Lungentuberkulose. Unter 200 anderen Fällen, bei denen keine Skro
vorgekommen war, Hessen sich dagegen 40 mal Lungentuberkulosen
weisen. Doch haben diese Angaben von Marfan in Frankreich leb
Widerspruch hervorgerufen und Marfan musste sie dahin einschr;
dass nur eine in der Kindheit überstandene und völlig ausgeht
Skrofulöse (oder Lupus) Schutz gegen Lungenphthise gewähre. —
Marchand sagt, dass das Ueberstehen einer Lymphdrüsentuber
keine zuverlässige und dauernde Immunität zur Folge habe.
Es ist im Kindesalter nicht immer leicht, im Einzelfalle zu i
scheiden, ob es sich um Lymphatismus oder um e x s u d a
D i a t h e s e handelt. Doch müssen diese beiden Konstitutionsanor
jedenfalls als etwas Verschiedenes aufgefasst werden. Verfolge
das Lebensschicksal derjenigen Kinder, welche die Zeichen der ex
tiven Diathese dargeboten hatten, also Ekzeme, Landkartenzunge,
synkrasien, Lichen albidus usw., so ergibt sich, dass nicht w
von ihnen später an Asthma, Gicht, Hypertonie erkranken, al:
jener Krankheitsgruppe, die von den Franzosen unter dem Name:
Arthritismus zusammengefasst wird \
Wie verhält sich nun diese arthritische Diathese zur Tuberkr
Man sagt, dass die richtige, akute und chronische Gicht (Ar
urica) sehr selten mit Tuberkulose gemeinsam zusammenkommt:
wenn sie auch die letztere sicherlich nicht vollkommen aussch;
so hat man doch einen gewissen Gegensatz zwischen diesen ti
Erkrankungen angenommen. (Marfan allerdings bestreitet der
und der arthritischen Diathese jeden hemmenden oder förderndei
fluss auf die Tuberkulose.) Auch die essentielle Hypertonie, al:
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Aärz 1922.
381
rnde Blutdrucksteigerung und die damit zusammenhängende
iosklerose und Schrumpfniere ist sehr selten mit Tuberkulose kom-
rt.
\nders liegen die Verhältnisse beim Asthma, das sich doch so
mein häufig auf der Grundlage der exsudativen Diathese entwickelt
das in denselben Familien vorkommt, wie Gicht und Diabetes,
eien Lehrbüchern und zwar nicht nur der deutschen, sondern auch
ranzösischen Literatur (G. S e e), findet sich die Lehre verzeichnet,
Asthma und Tuberkulose sich gegenseitig ausschlössen, ja auch vom
lysem wird dasselbe angegeben. Diese Angabe geht wohl haupt-
j lieh auf Rokitansky zurück. Bei dem riesenhaften Material,
hes er während seines langen Lebens am Wiener Allgemeinen
kenhaus beobachten konnte, wird man seiner Angabe, dass Asthma
uberkulose nicht beim selben Individuum Vorkommen, sicher grosses
icht beilegen müssen. Doch gilt auch für Rokitansky ein Satz
Leibniz, auf den mich Adolf v. Harnack aufmerksam
de: „Die meisten Philosophen haben in dem recht, was sie be¬
ten und unrecht in dem1, was sie ablehnen“. (Unter Philosophen
and Leibniz nach dem' damaligen Sprachgebrauch die Männer
Wissenschaft im allgemeinen.) So muss auch Rokitanskys
e, dass Asthma und Tuberkulose nicht bei demselben Individuum
jmmen, als irrig angesehen werden. T urban3) fand bei der von
Davoser Aerzten angestellten Sammelforschung unter 143 Fällen
Asthma 68 mal Lungentuberkulose und davon hatten 34 Kranke
:rkelbazillen im Sputum. Mögen auch diese Zahlen von Turban
:n der Eigenart des Davoser Krankenmaterials etwas hoch gegriffen
so ist doch die Tuberkulose bei den richtigen Asthmatikern sowie
in Familien', in welchen Asthma und Heufieber vorkommt, eher häufig
eiten, und man kann nicht einmal behaupten, dass der Verlauf der
irkulose bei Individuen mit Asthma und Heufieber besonders günstig
;s kommen auch käsige Pneumonien malignen Charakters dabei vor.
ei daran erinnert, dass Asthmatiker auch ungewöhnlich häufig an
imonien erkranken (H. v. H ö s s 1 i n). Die sog. Emphysemphthise,
die Tuberkulose bei übermässig erweitertem und starrem Thorax
keine günstige Prognose. Sie dürfte aber wohl meistens, wie das
hysem überhaupt, auf einer oft bis in die Jugend zurückzuführenden
titutionelien Bronchitis aufgebaut sein. — Vor kurzem hat Borst
disseminierte, auf die feinen Bronchien lokalisierte fibröse Tuberku-
beschrieben bei Individuen, welche intra vitam das Bild des
chialasthmas dargeboten hatten. Es ist bemerkenswert, dass das
igebirge sowohl auf das Asthma als auf die Tuberkulose im gleichen
e günstig einwirkt.
Der Diabetes kann nicht mehr als eine einheitliche Krankheit
efasst werden, vielmehr sind die verschiedenartigsten Organ- und
(tionSstörungen durch das eine Symptom der Melliturie und durch
Namen Diabetes zusammengefasst. Dementsprechend wird man
keine eindeutigen Beziehungen zwischen Diabetes und Tuberku-
erwarten können. Die grosse Mehrzahl der Diabetiker zeigt keine
;rkulose, doch kann gewiss nicht von einer Schutzwirkung ge-
chen werden, sondern der Diabetes setzt erfahrungsgemäss die
2rstandsfähigkeit gegen Infektionen im allgemeinen und besonders
gegen diejenige mit Tuberkelbazillen sehr herab; wir sehen nicht
n, dass bei diabetischen Individuen eine besonders bösartige
irkulose auftritt, zwar grossenteils ohne fieberhafte Reaktion, aber
Tendenz zu rascher Progredienz und Verkäsung, ja selbst zur miliaren
laat. H. L e o konnte solche Tiere, welche sonst gegen Tuberkulose-
ung refraktär sind, durch experimentelle Erzeugung von Diabetes
länglich machen.
Begeben wir uns vom Gebiet der eigentlichen Diathesen auf das-
,re der Organkorrelationen und der endokrinen Drüsen, so haben
zuerst der Beziehungen zwischen der Schilddrüsenhyperplasie, also
Hyperthyreose zur Tuberkulose zu gedenken. (Der degenerative
Mdkropf scheint weder in förderndem noch in hemmendem Sinn mit
Tuberkulose in Beziehung zu stehen.)
Auf die häufige Koinzidenz von Hyperthyreose und Tuberkulose hat
inders S a a t h o f f aufmerksam gemacht und es kann keinem
ifel unterliegen, dass die Hyperthyreose in ungünstigem Sinn auf
vorhandene Tuberkulose einwirkt. Die Pulsbeschleunigung, welche
Recht als übles prognostisches Zeichen einer Lungentuberkulose
ist sicher oft durch eine Hyperthyreose zu erklären. Die Asthenie,
enorme Erregbarkeit, die Steigerung des Stoffwechsels wirken un-
>tig. Die Tuberkulose zeigt bei den Hyperthyreosen nur wenig
cung zur Heilung, sie dauert endlos, oft jahrzehntelang, aber ich
ie doch auch recht viele Fälle, bei denen die Tuberkulose schliess-
ausheilte.
Wir dürfen aber hier eine diagnostische Schwierigkeit nicht ver-
len, die darin liegt, dass wegen des labilen Verhaltens der Tem-
tur, wegen der Pulsbeschleunigung, der Abmagerung und der Kraft-
fkeit sehr oft irrigerweise der Verdacht auf Tuberkulose aus-
trochen wird; und wenn dann auch noch jene Polymikroadenie am
ken und Hilus beobachtet wird, die bei dem basedowischen Kropi
er Regel vorhanden ist, so liegt es nahe, eine Tuberkulose zu ver-
i|en, auch dort, wo tatsächlich nur eine reine Hyperthyreose vor-
jt.
ISchilddrüsenvergrösserung und Myom gehören eng zusammen;
Myom darf überhaupt nicht etwa bloss als eine lokale Uterusaffek-
betrachtet werden, sondern als ein Symptom einer Korrelations-
j -
3) T u r b a n und L. Spengler: Resultate der Asthmabehandlung im
I hgebirge. 2. Jahresheft der Schweiz, balneolog. Gesellschaft 1906.
Störung. Bei der überwiegenden Mehrzahl der myomatösen Frauen
wird keine Tuberkulose gefunden, und Warnekros'1) spricht sogar
von einem gewissen Antagonismus zwischen der Funktion des weib¬
lichen Geschlechtsapparates und der Tuberkulose. Anders verhält sich
Schwangerschaft und Wochenbett: es ist eine feststehende Tatsache,
dass die Schwangerschaft eine vorhandene Tuberkulose in ungünsti¬
gem Sinne beeinflusst, und es ist deshalb wohl berechtigt, die Schwan¬
gerschaft bei tuberkulösen Frauen frühzeitig zu unterbrechen, um ein
weiteres Fortschreiten der Tuberkulose hintanzuhalten. Schlimmer
noch als in der Schwangerschaft schreitet die Tuberkulose fort im
Wochenbett und den darauf folgenden Monaten. Oft wird die Schwan¬
gerschaft von tuberkulösen Frauen noch ganz leidlich überstanden, Ent¬
bindung und Wochenbett verlaufen gut, aber 6 — 13 Wochen nachher
setzt eine rapide Verschlimmerung des Lungenleidens ein und führt
rasch zum Tode. Es ist dies jene Zeit, in welcher die jungen Frauen,
auch wenn sie sonst gesund sind, abzumagern pflegen, dabei nervös und
angegriffen sind und wo die Fülle des sog. Milchfettes rasch verloren
geht, eine Zeit, in der die Schilddrüsenhyperplasie der Schwangerschaft
sich zurückzubilden pflegt.
Die eigentümliche Tatsache, dass gewisse Organe, z. B- die. Mus¬
keln, fast nie an Tuberkulose erkranken, dass die Leber nur sehr selten
und fast nur im terminalen Stadium davon befallen wird, dass ander¬
seits die Nieren und Nebennieren gar nicht selten doppelseitig an
Tuberkulose erkranken und verkäsen, scheint darauf hinzuweisen, dass
neben einer allgemeinen auch eine besondere Organdisposition eine
gewisse Rolle spielt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die humoralen
Verteidigungsmittel bei der Tuberkulose gegenüber den zellulären der
Organe in den Hintergrund treten; es entzieht sich aber vollkommen
unserer Kenntnis, worin diese Abwehrfähigkeit oder Organdisposition
begründet ist.
Wenn wir uns fragen, ob wir es einem Organ oder einem Indivi¬
duum arisehen^können, ob es widerstandsfähig gegen Tuberkulose sei
oder nicht, so bleiben wir die Antwort schuldig, und insbesondere sind
wir über jene nichtspezifischen Abwehrvorgänge im Unklaren, die an¬
scheinend bei der Tuberkulose eine wichtige Rolle spielen. Ueber
diese gibt uns kein Habitus und keine mikroskopische Untersuchung der
Organe Aufklärung.
Greifbarer als die nichtspezifische Widerstandskraft ist die er¬
worbene Immunität. Versuchen wir uns wenigstens von dieser ein
Bild zu machen, und zwar an einem Immunisierungsvorgang, dessen
ganze Entwicklung wir mit dem Auge verfolgen können, nämlich bei
der Kuhpockenimpfung.
Bei einer Erstimpfung tritt bekanntlich ungefähr um den 9. Tag
eine Nekrose der Impfstelle ein und die Areola am 11. Tag zeigt, dass
nunmehr die Entzündung ihren Höhepunkt erreicht hat und dass die
Demarkation der Impfnekrose im Gange ist. Wenn man nun nach
Pirquet nicht nur einmal, sondern an den folgenden Tagen immer
wieder eine Impfung anlegt, so reifen die sukzessive angelegten Imp¬
fungen nicht je an ihrem 9. Tage nach der Anlage, sondern alle mit¬
einander zeigen am selben Tage den Höhepunkt. Also Nr. 1 am 9.,
Nr. 2 am 8., Nr. 3 am 7., Nr. 4 am 6. Tag nach der Impfung und so
fort. Da muss also um den neunten Tag nach der Erstimpfung im
Organismus etwas gereift sein, sagen wir ein Reaktionskörper, der
mit dem Infektionserreger zusammen die Nekrose und die Entzündung
erzeugt. Die Nekrose ist also hier nicht allein das Produkt des In¬
fektionserregers A, sondern es muss noch eine zweite vom infizierten
Menschen gelieferte und erst reif gewordene Komponente B dazu-
kommen, um die Abtötung des Gewebes zu erzeugen. Die Narbe,
welche nach einer gelungenen Erstimpfung zurückbleibt, beweist, dass
eine Nekrose des geimpften Hautstückchens zustande gekommen ist.
Lässt man nun nach einer Erstimpfung nach einer Reihe von
Jahren eine zweite Impfung, die Revakzination folgen, so tritt die
entzündliche Reaktion früher ein, nicht am 9., sondern vielleicht am 5.
oder 6. Tag. Und da der Impfstoff der gleiche ist, wie das erste Mal,
so muss die Reaktionsfähigkeit des infizierten Körpers sich geändert
haben, allergisch geworden sein. Ein weiterer Unterschied liegt darin,
dass trotz der oft recht erheblichen Entzündungen eine Hautnekrose
meist nicht einzutreten pflegt und dass dementsprechend fast nur nach
den Erstimpfungen tiefe Hautnarben Zurückbleiben.
Lässt man alsbald nach einer gelungenen Impfung eine weitere
folgen, so tritt sehr bald eine kleine knötchenförmige Entzündung ein,
die aber rasch wieder abklingt; der Körper ist immun geworden, die
Vakzine kann ihm nichts ahhaben, sie wird von der Haut offenbar
sofort unschädlich gemacht.
An diesem Verlauf der Vakzination ist besonders das Verhalten der
Erstimpfung bemerkenswert, denn dieses scheint durch das Auftreten
der Hautnekrose zu zeigen, dass sich der noch nicht geschützte Kör¬
per des Infektionserregers nur in der Weise zu erwehren vermag, dass
er das infizierte Stück Haut opfert und abstösst. Und zwar muss es
ein komplexer Vorgang sein, welcher zu dieser Nekrose Veranlassung
gibt.
Der Prozess bei der Tuberkulose zeigt mit der Vakzination manche
Analogie, auch hier tritt bei dem Primäraffekt, z. B. bei dem Eindringen
der Tuberkelbazillen in die Lunge gewöhnlich eine Nekrose ein. Dass
diese etwas anders verläuft, nämlich unter dem' Bild der Gewebsver-
käsung, also einer Koagulationsnekrose, tut nichts zur Sache. In der
Umgebung des verkästen Primäraffekts macht sich wie bei der Vakzina-
4) Warnekros: Ausschaltung der Genitalfunktion und ihr Einfluss
auf die Lungentuberkulose der Frau. Zschr. f. Tuberk. 1917, 27, 116.
3*
Münchener medizinische Wochenschrift.
382
tion eine entzündliche Reaktion geltend, welche zur bindegewebigen
Abkapselung der verkästen Stelle führen kann.
Wird nun ein bereits tuberkulöses Tier zu in zweiten
M a 1 mit Tuberkulose infiziert, wie dies Koch in seinem berühmten Fun¬
damentalversuch getan hat, so geschieht die nekrotische Abstossung
viel akuter, und diese zweitinfizierte Stelle kann sogar zur Heilung ge¬
langen. Wenn die Zweitimpfung nur mit geringen Bazillenmengen
ausgeführt wird, so geht sie unter Umständen gar nicht mehr an.
Der Impfschutz gegen grosse Infektionsmengen ist aber nur unvoll¬
kommen. Er kann durchbrochen werden und die 1 uberkulose, kann auf
dem Lymph- und Blutwege weiterverbreitet werden.
Bei der Nekrose, also der Verkäsung der tuberkulösen Herde
kommen offenbar auch zwei Faktoren in Betracht: ein Faktor A, der
von dem I ubeikelbizillus geliefert wird, und ein Faktor B. der im Kör¬
per zur Reife kommt. Diese Annahme einer komplexen Wirkung ist
schon von Ehrlich und dann namentlich auch von Wassermann
vertreten worden. Wir können diesen Vorgang auch . bei der
Tuberkulineinspritzung verfolgen. Das Tuberkulin stellt ja nichts
anderes dar, als die Leibessubstanz der ruberkelbazillen. Spritzt man
diese bei tuberkulosefreien Menschen und Tieren ein, so tritt keine
Reaktion auf. Bei tuberkulösen Individuen dagegen kommt es zu einer
Entzündung an der Einspritzungsstelle, hier muss also im Körper, und
zwar in der Haut, ein Reaktionsprodukt, ein Faktor B, vorhanden sein,
der mit dem Tuberkulin zusammen schädigend und entzündungs¬
erregend (ob heilend?) wirkt.
Wenn wir uns nun fragen, wie wir einen gutartigen von einem bös¬
artigen Verlauf der Tuberkulose unterscheiden können, so muss die
Antwort lauten: Bei gutartigem Verlauf wird der infizierte Herd durch
reaktive Entzündungen abgekapselt und unschädlich gemacht, sowohl
,im Primäraffekt als auch in den zugehörigen Lymphdrüsen. Es findet
eine narbige Abkapselung aber keine weitere Ausbreitung statt. Der
Körper ist in diesem Kampfe Sieger geblieben. In bösartigen Fällen da¬
gegen wird der entzündliche Wall durchbrochen und immer neue Teile
werden von der Infektion ergriffen, das entzündliche Qewebe verfällt
fortschreitend der Verkäsung. Wenn sich die Angaben von Lieber¬
meister bestätigen, der im Blute von Tuberkulösen häufig Tuberkel¬
bazillen nachw eisen konnte, so scheint daraus hervorzugehen, dass eine
Verbreitung der "1 uberkelbazillen auf dem Blutweg sehr häufig nicht
„angeht“, also nicht zum Auftreten neuer Herde Veranlassung gibt,
dass sie nur in besonders dazu disponierten Organen Fuss fasst, und
dass sie jedenfalls nicht immer zu einer allgemeinen Miliartuberkulose
zu führen braucht.
Ueberall dort, wo der Tuberkelbazillus sich im Qewebe ansiedelt,
ist eine Entzündung nachweisbar, nur der Verlauf und der Ausgang
dieser Entzündung ist verschieden, bald in Nekrose, bald in Narben¬
bildung, und in den leichtesten Fällen kann sogar eine Restitutio ad
integrum eintreten. Jede Entzündung setzt sich aus exsudativen und
proliferativen Vorgängen zusammen, von denen, je nach der Akuität
des Prozesses und je nach der Beschaffenheit des Organs bald der eine,
bald der andere Vorgang vorherscht 5). Auch der Miliartuberkel ist
ein solches Entzündungsprodukt, in dessen Mitte der Bazillus zu finden
ist. Das Zentrum des Miliartuberkels ist hauptsächlich von epitheloiden
Zellen zusammengesetzt, also von solchen, die sich von den Binde¬
gewebszellen und Endothelien herleiten und deren Wucherung unter
die proliferativen Vorgänge gerechnet wird. In der Peripherie
des Tuberkels sieht man einen Wall von Lymphozyten und selbst von
Leukozyten und bei den Miliartuberkeln der Lunge sind die angrenzen¬
den Alveolen gewöhnlich von einem richtigen zellulären und fibrinösen
Exsucat erfüllt. sie zeigen also die Charakteristika des exsuda¬
tiven Entziindungsprozesses.
Bei der tuberkulösen Pneumonie, die vielfach schlechtweg als
käsisre Pneumonie bezeichnet wird, also bei der übelsten Form der
Tuberkulose, hat die Infektion oft einen ganzen Lungenlappen zu
gleicher Zeit ergriffen, und der akute entzündliche Prozess äussert sich
ganz überwiegend in der Form einer Exsndation. ganz ähnlich dem¬
jenigen bei einer kruppösen Pneumonie. Die Alveolen sind in grosser
Ausdehnung von einem entzündlichen, fibrinös gerinnenden, dabei aber
auch zellreichen Exsudat erfüllt, wenn auch hier, wie schon Buhl ge¬
zeigt hat, eine Beteiligung der Epithelien nicht fehlt. Zwischen dem
Miliartuberkel, den gröberen Knoten, der azinös-nodösen Form, den
lobulären und lobären tuberkulösen Prozessen kommen alle nur denk¬
baren Uebergänge vor.
Da im Gegensatz zu den akut entzündlichen exsudativen Prozessen
in dem abkapselnden Narbengewebe der chronisch verlaufenden gut¬
artigen Prozesse das Produkt von proliferativen Prozessen gesehen wird,
da es sich also dabei um eine Neubildung jugendlichen Bindegewebes
handelt, so hat man diese proliferative Tuberkulose in Gegensatz
gebracht zu den vorwiegend exsudativen Prozessen der
akuten Pneumonie. So ist es geschehen, dass diese Krank¬
heit, welche wegen der Mannigfaltikeit ihrer Erscheinungen bis
jetzt noch ieder Einteilung gespottet hat, geschieden wird in
eine exsudative und eine proliferative Form, wobei die erste als die
ungünstige, die letzte als die günstige und zur Vernarbung tendierende
bezeichnet werden soll. Man wird diese Einteilung nur verstehen,
wenn man ihre Entstehung genealogisch verfolgt. V i r c h o w war
5) Siehe hierüber die klassischen Arbeiten von F. Marchand: Prozess
der Wundheilung. D. Chir. 1901, Lief. 16, ferner: Ueber den Entzündungs¬
begriff. Virch. Arch. 1921, 234 und: Pathol. Anatomie und Nomenklatur der
Lungentuberkulose. M.m.W. 1922 Nr. 1.
Nr^
es, welcher im Gegensatz zu Laennec den Miliartuberkel von <
käsigen Pneumonie streng unterschied; denn in der Tat kann man eil
umfangreiche pneumonische Infektion unmöglich als Knötchen, also
Tuberkuluin bezeichnen; er hatte zu dieser Unterscheidung um
mehr Veranlassung, weil er den Tuberkel unter die Geschwülste i,
zwar die Granulationsgeschwmlste rechnete, während die käsige Pn<
monie alle Kennzeichen einer ausgesprochenen exsudativen Entzündu
darbietet. Orth, der Schüler Virchows, Aschoff. der Schü
Orths und N i c o 1 der Schüler A s c h o f f s haben die V i r c h o w sc
Lehre wenn auch in modifizierter Weise, aufrechterhalten, und
jetzt übliche Unterscheidung der Lungentuberkulose in eine proliferati
und exsudative Form bedeutet nichts anderes als ein Wiederauflei
der alten V i r c h o w sehen Dualitätslehre.
Wer aber, wie wir Aelteren, noch die heillose Konfusion erb
hat welche durch Virchows Dualitätslehre in den Köpfen -
Kliniker (z. B..Niemey ers) und der Aerzte angerichtet worden
und wer sich daran erinnert, wie befreiend, ja erlösend Kochs E
deckung gewirkt hat, welche die ä t i o 1 o g i s c h e Einheit der Tuben
lose nachwies, der wird nicht geneigt sein, die Wiederkehr der Dualitä
lehre in irgendeiner Form zu htgrüssen. Schon beim Miliartuber
werden wir stutzig, ob wir ihn der proliferativen oder der exsudath
Form zurechnen sollen, denn wenn auch irn Miliartuberkel das Zentri
grösstenteils aus gewucherten Endothelzellen und bindegewebigen E
menten zusammengesetzt ist, so sind doch in der Peripherie meist dt
lieh exsudative Prozesse in den benachbarten Alveolen nachweist
Aber selbst, wenn wir den Tuberkel als Typus der proliferativen F
men auffassen, so wird es doch niemand einfallen, ihn in Parall
zu setzen mit den zur narbigen Verheilung tendierenden Bindegewe
Wucherungen der fibrösen (also proliferativen) Phthise. Es kommt ui
auf den augenblicklichen pathologisch-anatomischen Stand, der Krai
heit an, sondern auf deren Verlauf, und zwar darauf, ob die heilend
abschliessenden, vernarbenden Prozesse überwiegen, oder ob die Kra:
heit alle neugebildeten Entzündungswälle und Immunitätsreakt.or
immer wieder uurchbricht und immer neue Gebiete ergreift und abtöl
ob der infizierte Organismus siegt in diesem lokalen und allgemeir
Kampf oder der infizierende Mikroorganismus. Dabei ist es ni
mai sgebend, ob der Prozess mehr mit Neubildung jugendlicher Bin
gewebszellen oder mit der Auswanderung von Leukozyten verläi
sondern ob er stillsteht und vernarbt, oder ob er fortschreitet und v
käst. Die Verkäsung aber, die Koagulationsnekrose, kann in gleici
Weise das exsudative und proliferative Gewebe ergreifen. Auch i
proliferative Zentrum des Miliartuberkels pflegt zu verkäsen, wie sc.l
Laennec gezeigt hat. Er kann aber auch unter Bildung eh
fibrösen Knötchens ausheilen, wie die Befunde bei alter Polyserosi
besonders bei Pericarditis obliterans zeigen. Andererseits braucht
exsudative tuberkulöse Pneumonie keineswegs immer zu verkäsen,
kann auch ausheilen, und zwar entweder unter Narbenbildung o
sogar mit einer restitutio ad integrum. Ich habe eine derartige A
heilung einer umfangreichen tuberkulösen Pneumonie nicht ganz sei
beobachtet, und1 noch viel häufiger als jetzt kam sie vor in der ers
Tuberkulinära, als man noch mit grossen Dosen des Mittels arbeit
und dabei gar nicht selten in der Umgebung des tuberkulösen Luug
herdes recht ausgedehnte entzündliche Reaktionen erhielt. Die Me
zahl von ihnen heilte bald wieder aus. Andererseits kann eine ursprü
lieh exsudative tuberkulöse Pneumonie bei chronischem Verlauf a
in Bindegewebswucherung übergehen: Unter den Präparaten, wel
bei diesem Vortrag demonstriert wurden, konnten die Schnitte ei
tuberkulösen diffusen Pneumonie gezeigt werden, in welchen an vie
Stellen Knospen und Züge jugendlichen Granulationsgewebes in die
Fibrin und anderem exsudativen Material erfüllten Alveolen hert
gewachsen waren. Hier zeigte sich also der Uebergang einer ursprü
lieh rein exsudativen in eine proliferative tuberkulöse Pneumonie.
Die Frage, wie es kommt, dass der tuberkulöse Prozess in
Lunge bald ausheilt, bald unter proliferativer Wucherung von Gram
tionsgewebe in Narbenbildung, also in Zirrhose übergeht, bald aber a
dem Gewebstod, also der Verkäsung anheimfällt, wird uns alsfc
klarer, wenn wir das Beispiel einer anderen Infektionskrankheit
Lunge zum Vergleich heranziehen, nämlich dasjenige der Pneumo
Die Lungenentzündung pflegt akut zu beginnen und bietet ganz %
wiegend das Bild einer exsudativen Entzündung dar, welche die Alvet
mit Fibrin, weissen und roten Blutkörperchen anfüllt. Geht der Prozess
der üblichen Weise etwa nach einer Woche in Heilung über, so wird
exsudative Material verflüssigt und resorbiert, die Alveolenwände überzie
sich mit neuem Epithel und der Entzündungsprozess geht in völlige Wieij
herstellung über. Wenn dagegen der Entzündungsreiz längere Zeit andau
wenn also der Körper mit den Infektionserregern nicht fertig wird, und .wl
namentlich die Zellschädigung tiefer gegriffen, die epithelbildCnden Schiel
zerstört hat, so entwickelt sich aus dem ursprünglich exsudativen Pro;
mit der Zeit mehr und mehr eine proliferative Wucherung der Bindegewt
zellen und Endothelien; jugendliches Granulationsgewebe wächst, wie M;
c h a n d und R i b b e r t gezeigt -haben, von den des Epithels herauf
Bronchiolen in die Alveolen hinein, erfüllt sie mit einer soliden Masse,
alsbald der Bindegewebsbildung anheimfällt und wir stehen vor -der so:;
chronischen Pneumoni^, also der Karniiikation und der bindegewebigen \
dichtung, welche grosse Teile der Lunge zur narbigen Verödung bririj
■kann.
In nicht ganz wenigen Fällen von Pneumonie, z. B. bei manchen
fluenzapneumonien, ist die Schädigung des Lungengewebes durch den eii;
drungenen Infektionserreger aber derartig schwer und tiefgreifend, dass n
bloss das entzündliche Exsudat in den Alveolen, sondern auch deren Wä
mitsamt dem ganzen Lungengewebe dem Tode verfallen; freilich nicht u:
dem Bilde der Verkäsung, sondern unter demjenigen der gelben eitri
. lärz 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
383
i limelzung. die schliesslich zum Abszess, also zur Verflüssigung und
j .[ibildung führt 6). Dass bei der abszedierenden Pneumonie nicht eine
1 0ne Verkäsung, sondern eine eitrige Einsohmelizung stattfindet, kommt
] , her. dass bei der akuten Pneumonie vorwiegend die polynukleären
izyten auswandern, welche das abgetötete Gewebe durch ihr verdauen-
Ferment zum eitrigen Brei verflüssigen, während beim tuberkulösen
die Lymphozyten prävalieren, denen ein solches verdauendes Ferment
. Im klebrigen aber zeigt der Prozess der Pneumonie durch Pneumo-
■n und Streptokokken viele Analogien mit der Tuberkulose. Beide
(Mi in Heilung übergehen, nur ist bei der Tuberkulose auch in günstigen
1 1 die Gewebsschädigung meist von viel längerer Dauer und sie greift
j und deswegen wird sie gewöhnlich nicht in Restitution übergehen,
•m mit Narbenbildung heilen. Dabei aber ist es die Regel, dass der vom
| -kelbazillus ergriffene Gewebsteil im Zentrum der Nekrose also der
jisung anheimfällt und dieser Käse kann entweder von Narbengewebe
ilossen liegen bleiben, eingedickt werden und schliesslich verkreiden,
er kann auch-wie ein Abszess erweichen, in die Bronchien durchbrechen.
\ worfen werden und eine Höhle, die Kaverne, hinterlassen, die derjenigen
Linern Lungenabszess nicht unähnlich ist.
[(Venn in neuerer Zeit durch Asch off und Albert Frankel die
rscheidung zwischen exsudativer und proliferativer Form der
rkulose in den' Vordergrund gestellt worden ist, so möchte man
Juten, dass es eine Eigentümlichkeit des befallenen Menschen ist,
oder mehr mit exsudativen, oder mehr mit proliferativen Pro-
auf die eingedrungenen Schädlichkeiten zu antworten, dass es
] also bei den Patienten mit chronisch-proliferativen Phthisen um
i Neigung zu defensiver Bindegewebshyperplasie handelt. Diese
hauung kann aber nicht als berechtigt anerkannt werden, denn ge-
Jilich sehen wir bei der Sektion, dass die zuerst ergriffenen Teile
jÖberlappens mehr die proliferativen und vernarbenden Prozesse
eten und dass die später erkrankten Unterlappen exquisit das
j der akuten exsudativen verkäsenden Pneumonie zeigen und ein
jchtiger Arzt wird deshalb mit Vorliebe die Diagnose auf „pro-
itiv-exsudative“ Tuberkulose stellen.
Veniger aus dem augenblicklichen pathologisch-anatomischen Zu-
1, als aus dem klinischen Verlauf können wir erkennen, ob
Cörper oder der Mikroorganismus in diesem Kampfe Sieger bleiben
Vor allem die Temperatur, dann aber auch die Beobachtung,
tx Prozess sich schnell ausbreitet, oder auf seinen Herd beschränkt
t, ferner die toxischen Allgemeinersc'heinungen geben uns Auf-
ss. Dämnfutig und Bronchialatmen, verschärftes oder abge-
ächtes Atmen, Fehlen oder Vorhandensein von Rasselgeräuschen
nen sowohl bei exsudativen wie bei proliferativen Prozessen vor,
aus den physikalischen Erscheinungen allein können wir, nur
jssen, ob etwa eine Verdichtung des Lungengewebes grösseren
geringeren Umfanges vorhanden ist, nicht aber ob sie durch eine
illung des Alveolargewebes mit exsudativem Material oder durch
bindegewebige Kornifikation bedingt ist. Wir hören mit dem
loskon nur die physikalischen Verhältnisse, nicht aber den zellu-
Charakter der ' Erkrankung. Auch die Röntgenphotographie,
he für die Diagnose der Lungentuberkulose von der grössten Be-
ing ist. wird für die Frage, ob der Prozess gutartig oder bösartig, ob
ehr proliferativ oder exsudativ ist, nur mit Vorsicht herangezogen
Ien können. Gewiss geben die fibrösen Indurationen die dichtesten
tten, ebenso wie sie auch die intensivsten Dämpfungen liefern,
andererseits werden diffus verstreute grobfleckige Schatten den
Sacht auf disseminierte bronc’hiogene azinöse nodöse, also vor-
ijend exsudative Prozesse erwecken. Doch kann auch die Be-
litung des Röntgenbildes zu Irrtümern Veranlassung geben. Es
j ir erst kürzlich ein Fall begegnet, der auf der Röntgenphotographie
ypische Verhalten einer üblen disseminierten grobfleckigen Tuber-
e darbot; die Anamnese bei dem völlig fieberlosen Kranken Hess
erkennen, dass es sich um die vernarbten Reste einer schon seit
ihren ausgeheiltep ausgedehnten tuberkulösen Erkrankung handelte.
:s darf übrigens nicht vergessen werden, dass die Widerstands-
keit des infizierten Individuums nicht allein maassgebend ist,
ern dass auch die Virulenz des Bazillenstammes und besonders
die Menge der infizierenden Bazillen in Betracht kommt. Gegen
Ueberschwemmung mit riesigen Bazillenmassen, wie £ie durch
ration in den Unterlappen nach. Blutung in eine Kaverne vor-
nen, ist auch die beste Konstitution wehrlos.
lA’ir können als gesichert annehmen, dass für die Frage, ob eine
'kulöse Infektion überwunden wird oder ob sie akut oder chro-
fortschreitend zum Tode führt, in erster Linie das Verhalten,
die Widerstandsfähigkeit des infizierten Organismus maassgebend
Sicher spielen dabei erworbene immunisatorische, also
fische Faktoren eine wichtige Rolle, aber die erworbene Immunität
ehr häufig unzuverlässig, jedenfalls kann sie durchbrochen werden,
nur durch Infektionskrankheiten, z. B. durch Masern, Typhus und
hhusten. sondern auch durch Schwangerschaft und Unterernährung.
2 Durchbrechung der Immunisationsvorgänge kann durch einVcr-
inden der Pirquet sehen Reaktion gekennzeichnet werden.
6) Bei der Tuberkulose und bei der Vakzination darf wohl als sicher
lommen werden, dass die Abtötung des Gewebes durch das Zusammen-
-n eines Bakteriengiftes mit den Abwehrkräften (Immunisierungssub-
en) des infizierten Organismus zustande kommt und auch bei der tertiären
ilis ist wahrscheinlich die Nekrose des Gutnmigewebes ähnlich zu
n. ^ Es erscheint aber sehr zweifelhaft, ob auch die Gewebsnekrose und
e Einschmelzung beim Lungenabszess durch ähnliche komplexe Vorgänge
'klären ist, wahrscheinlich besitzen gewisse Bakterien, z. B. Staphylo-
en und Streptokokken an sich die Eigenschaft. Zellen und Gewebe zu
• ohne dazu der Mitwirkung von Körpersäften zu bedürfen.
Höchst wahrscheinlich ist es, dass neben diesen spezifischen Im¬
munisierungsvorgängen auch nicht spezifische, genuine Abwehrkräfte
des Organismus eine Rolle spielen, ja diese nicht spezifischen Wider¬
standskräfte scheinen sogar unter Umständen wichtiger zu sein als
die spezifischen: Wenn eine tuberkulöse Infektion a limine im Primär¬
affekt und in den Hilusdrüsen ausheilt, oder nach ein paar Schüben
sekundärer Art mit weiter verbreiteter Lymphdrüsenschwellung zum
definitiven Stillstand kommt, so kann man entweder annehmen, dass der
Organismus von sich aus genügende, nicht spezifische Abwehrkräfte
besessen hat, man kann aber ebenso gut die Vermutung aussprechen,
dass er prompt die spezifischen Abwehrkräfte gebildet hat, welche der
Ausbreitung des Prozesses entgegenwirkten. Aber es ist klar, dass
es auch bei der Annahme dieser zweiten Möglichkeit schliesslich im
wesentlichen auf die Eigenschaften des infizierten Organismus ankommt,
nämlich darauf, ob er seine Abwehrkräfte prompt mobilisieren kann
oder nicht. Die Immunis.ierungvorgänge sind ein Weg, ein Mittel
zur Erreichung dieses Zwecks. Für die Frage, ob ein Mensch bei der
allgemein verbreiteten Infektionsmöglichkeit sein Lebtaglang von der
Tuberkulose verschont bleibt, ob er eine Infektion rasch und dauernd
überwindet, oder ob er i'hr widerstandslos zum Opfer fällt, ist nicht
allein die in früher Kindheit erworbene Immunität maasgebend, sondern
offenbar in viel höherem Grade die allgemeine Resistenzfähigkeit des
Körpers; oder mit anderen Worten: es erscheint weniger wichtig, ob
er sich gegenüber den Tuberkelbazillen verhält wie das reinfizierte
allergische Meerschweinchen gegenüber dem erstmalig infizierten, als
darum, ob er einer Infektion mit Tuberkelbazillen entgegentritt ähnlich
wie ein Hund oder ähnlich wie ein Meerschweinchen.
Es entzieht sich gänzlich unserer Kenntnis, woran wir diese nicht
spezifischen Widerstandskräfte erkennen können, und im einzelnen Fall
ist es auch nicht möglich, zu entscheiden, welche Abwehrkräfte im
Werke sind und wie sie wirken. Dort aber, wo unsere Kenntnisse am
geringsten sind, dort blühen die Blumen der Hypothese und Spekula¬
tion am üppigsten.
Anthropometrie.
Von Prof. Dr. Rudolf Martin in München.
Ich folge einer Aufforderung des Schriftleiters dieser Wochenschrift
und dem von praktischen Aerzten wiederholt an mich gerichteten
Wunsche, wenn ich an dieser Stelle eine möglichst gedrängte Beschrei¬
bung der von mir geübten anthropometrischen Technik gebe.
Jede Messung des menschlichen Körpers hat den Zweck, für irgend¬
welche morphologischen Merkmale einen exakten, ziffernmässigen Aus¬
druck zu geben. Wo es sich nicht um ganz spezielle Fragen handelt,
wird es meist darauf ankommen, denjenigen morphologischen Merkmal-
komplex eindeutig zu fixieren, der das Individuum charakterisiert. Durch
die Messung, wird aber nicht nur die äussere Körperform festgelegt,
wie man irrtümlicherweise vielfach annimmt, sondern, indem viele
unserer Maasse an Skeletpunkten angreifen, erfasst sie auch den Aufbau
des ganzen Körpergerüstes und lässt, besonders durch Umfangmaasse,
selbst die Beteiligung einzelner Gewebe an der Zusammensetzung des
Körpers erkennen. So bildet sie neben der klinischen Beobachtung ein
wichtiges Hilfsmittel zur Erkennung der menschlichen Konstitution, das
nicht länger vernachlässigt werden darf. Jedes mornhologische Merkmal
lässt sich messen, aber man wird sich vernünftigerweise auf solche
Maasse beschränken, die eine wichtige körperliche Eigenschaft fest¬
stellen, und die zwar unentbehrliche, aber stets subjektiv gefärbte Be¬
schreibung zu präzisieren geeignet sind. ■
Zahlen erwecken bei den meisten Menschen die Vorstellung der
Genauigkeit. Diese Vorstellung ist aber nur in den Fällen berechtigt, in
welchen die Gewinnung dieser Zahlen wissenschaftlich einwandfrei war.
Dazu gehören: 1. genaue Instrumente, 2. eine bewährte, gewissenhaft
durchgeführte Messtechnik, 3. geübte Beobachter, 4. ein geeignetes
Material und 5. eine auf Grund der neueren biometrischen Methoden
einwandfreie statistische Verarbeitung der durch die Messung erhaltenen
Zahlenwerte. Von diesen verschiedenen Punkten sollen hier zunächst
nur die drei ersten kurz besprochen werden.
Die zur Gewinnung genauer Werte erforderlichen Apparate sind
Präzisionsinstrumente; die primitiven Einrichtungen, die von Nichtfach¬
leuten vielfach verwendet werden, sind für wissenschaftliche Zwecke
schlechthin unbrauchbar und können niemals zuverlässige Resultate
liefern. Entsprechend den verschiedenen, durch Messung festzustellen¬
den Dimensionen des menschlichen Körpers brauchen wir auch ver¬
schiedene Instrumente.
Für die Höhenmcssungen, die, wie ich später zeigen werde,
eine wichtige Rolle bei der Berechnung der Längenproportionen unseres
Körpers spielen und die wir zur Konstruktion von Proportionsfiguren
benötigen, kommt nur das Anthropometer in Betracht. Es ge¬
stattet, die Höhenlage irgendwelcher Körperpunkte über der Stand- oder
Sitzfläche in Projektion auf die vertikale Prinzipalachse mit absoluter
Sicherheit zu bestimmen.
Das Anthropometer besteht aus einem runden, nur an einer Seite
etwas abgeflachten, 2 m langen Hohlstab aus Messing, der des leich¬
teren Transportes wegen in 4 Teile zerlegbar ist und in eine Segel¬
tuchhülle verpackt werden kann (Abb. 1). Der Stab besitzt eine
doppelte Millimeterskala. Die eine erstreckt sich, am unteren Stab¬
ende beginnend, von Null bis 2000 mm über alle 4 Teilstücke, die andere
ist auf der entgegengesetzten Seite des Stabes angebracht und läuft in
umgekehrter Richtung, mit dem Nullpunkt am oberen Ende des Anthropo-
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
Nr.
384
meters beginnend, nur über die beiden oberen Teilstücke des Stabes.
Diese letztere Skala kommt für die Höhenmessungen nicht in Betracht.
Dem Anthropometer sind ausserdem zwei 28 cm lange, schmale, an dem
einen Ende spitz auslaufende und auf einer Seitenfläche mit Millimeter¬
einteilung versehene Stahllineale beigegeben, die bei den neueren Instru¬
menten mit den römischen Ziffern I und II bezeichnet sind.
Vor Beginn einer Messung steckt man die 4 genau ineinander-
gepassten Teilstücke unter Beachtung der beiden Skalen sorgfältig und
fest ineinander, so dass die Gradeinteilungen an keiner Stelle unter¬
brochen sind. .. , ,,
An dem Anthroporneterstab gleitet in sicherer Führung ein Metall¬
schieberkästchen mit einem Fensterausschnitt, das an seinem oberen
Ende eine Querhülse trägt, in welcher das eine (mit I bezeichnete) Stahl-
Abb. X. Anthropometer, in seine vier Teile zerlegt. Daneben die beiden Lineale.
Vs nat. Gr. (Aus Martins Lehrbuch, Fig. 29, S. 113.')
lineal horizontal verschiebbar ist. Das Lineal muss so in die Schieber¬
hülse eingesteckt werden, dass, wenn man auf den Fensterausschnitt
des Schieberkästchens blickt, die Spitze nach links und unten gerichtet
und dem Beschauer die nichteingeteilte Fläche des Lineals zugekehrt
ist. (Nur das eine der beiden Lineale entspricht dieser Anforderung.)
Ist das Lineal richtig in die Hülse eingeführt, so liegt reine Spitze und
Unterkante in einer Linie mit dem Oberrand des Schieberfensters, so
dass an diesem die Höhe eines jeden von der Linealspitze oder dem
Linealunterrand berührten Körperpunktes über der Stand- oder Sitz¬
fläche abgelesen werden kann. Das Instrument ist jetzt für die Ab¬
nahme der Höhenmessungen zum Gebrauch fertig.
Aber mit dem Anthropometer ist aus Sparsamkeitsgründen zugleich
noch ein Stangen- oder Schiebezirkcl kombiniert, den wir zur Feststel¬
lung der Körperbreiten oder kürzerer Dimensionen, wie z. B. der Fuss-
länge und Fussbreite, benötigen. Als solcher wird einfach das oberste
Teilstück des Anthropometers benützt1) (Abb. 2). Zu diesem Zwecke
wurde an dem Kopfende des obersten Teilstückes eine zweite, der
Schieberhülse entsprechende und mit ihr parallel gerichtete Hülse an¬
gebracht. die für das zweite (mit II bezeichnete) Lineal bestimmt ist.
Dieses wird, unter der Voraussetzung, dass man wieder wie vorhin
den Fensterausschnitt des. Schiebers und damit die bis 2 m durch¬
laufende Skala des Stabes gegen sich gerichtet hat, so in die Hülse
eingesteckt, dass es, dem Schieberlineal entgegengesetzt, mit der Spitze
zwar auch nach abwärts, aber nach rechts sieht. Auch an diesem
Lineal muss wieder die nicht graduierte Fläche dem Beschauer zu¬
gekehrt sein, sonst ist das Lineal unrichtig eingesetzt. Es ist vorteil¬
haft, gleich vor Beginn einer Messung beide Lineale in der angegebenen
Weise an dem Stab anzubringen.
Geht man beim Messen von den Höhenmaassen zu den Breiten-
1) Man kann auch die beiden oberen Teilstücke als Stangenzirkel ver¬
wenden, wenn man Körperdimensionen feststellen will, die 480 mm über¬
schreiten.
maassen über, d. h. will man das Anthropometer in einen Stangenzi
umwandeln, so hebt man einfach das oberste Teilstück des Anthrc
meters ab, muss aber nun das Schieberlineal so umstecken, dass
dem oberen Lineal gleichgerichtet ist. Dies geschieht mit einem i
am raschesten und bequemsten dadurch, dass man. das Stabstück in
linken Hand haltend, das Lineal mit der rechten Hand an seinem
teren Ende fasst und herauszieht und dann den Stab um seine La
achse um ISO0 dreht, so dass jetzt der Fensterausschnitt des Schiel
dem Beschauer abgewendet ist. Hierauf wird das Lineal von ne
von derselben Seite her, d. h. von rechts nach links, so in die H
eingeführt, dass seine Spitze nach oben und links schaut. Jetzt
an beiden Linealen die graduierten Breitseiten gegen den Besch;
gerichtet und die Linealspitzen einander zugekehrt. (Vgl. Abb. 2.)
Abb. 2. Stangenzirkel. Oberstes Teilstück des Anthropometers mit eingesb
Linealen. Vs nat Gr. (Aus Martins Lehrbuch, Fig. 31, S. 115.)
Abnahme direkter Maasse werden beide Lineale gleichlang ausgez
d. b. auf dieselbe Millimeterzahl eingestellt. Bei projektivi;
Messungen bilden die beiden Lineale zwei rechtwinkelige Ordinate!
Stab des Stangenzirkels die Abszisse, auf die die beiden Endpunkt)
zu messenden Linie projiziert werden.
Das Ablesen der Entfernung der beiden JLinealspitzen erfolgt
Stangenzirkel natürlich an der von oben beginnenden Skala, und
an dem Oberrand der Schieberhülse, also an der dem Fensterausst
entgegengesetzten Seite des Schiebers.
Neuerdings habe ich neben den geradlinigen Linealen auch
solche mit einer tasterförmigen Ausbiegung hersteilen lassen, urr
Stangenzirkel auch für die Feststellung von in der Medianebenc
Körpers liegenden Durchmessern verwenden zu können, für die b
ein besonders grosser Taster nötig war. Man braucht zur Abn
solcher Maasse also nur die geraden Lineale durch die Tasterlinea
ersetzen.
Zur Messung kleinerer Abstände zweier Körperpunkte vonein;
verwendet man am besten den Tasterzirkel. Er dient dahe
allem bei der Feststellung der Kopfmaasse, soweit sie nicht projekti
genommen werden müssen. Der Tasterzirkel besteht aus zwei
ein Gelenk verbundenen Stahlschenkeln, die in ihrem unteren AbS'
gerade, in ihrem oberen aber seitlich ausgebogen und mit birnf
abgerundeten Enden versehen sind. Der eine Schenkel trägt ai
Stelle, wo die Abbiegung beginnt, den Drehpunkt eines mit Reduk
teilung versehenen Stahllineals, welches in einem am anderen Schl
drehbar angebrachten Führungskästchen mit Index hin- und herpl
(Abb. 3). Die maximale ablesbare Entfernung der Zirkelspitzen bi
300 mm Die Ablesung erfolgt an der abgeschrägten Kante des
des Führungskästchens. Eine kleine Schraube an der Unterseite
letzteren gestattet die Tasterarme in jeder Lage zu fixieren und
die Richtigkeit des abgelesenen Maasses zu kontrollieren. Ir
schlossenem Zustand kann das Instrument bequem in die Tasch
steckt werden; das Stahllineal liegt dann auf den sich mit ihren I
März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
ihrenden Tasterarmen. Will man die Messung beginnen, so zieht
i die beiden Arme soweit auseinander, dass man das Lineal in das
rungskästchen einstecken kann. Die Schraube des letzteren wird
i so gestellt, dass eine halbe Umdrehung genügt, um das Lineal zu
ren.
Der Gleitzirkel, der vor allem für die feineren Gesichts- und
1 ikelmessnngen ein sehr handliches Instrument darstellt, ist der
ieblehre der Mechaniker naciigebildet und unterscheidet sich von
ji Stangenzirkel nur durch seine geringe Grösse und die Unver-
. ebbarkeit seiner Arme (Abb. 4). Er besteht aus einem 250 nun
:en>, beiderseitig mit Millimetereinteilung versehenen Stahllineal,
i [essen einem Ende ein 120 mm langer Querarm mit einem zugespitz-
und einem stumpfen, abgeplatteten Ende befestigt ist. Ein an dem
illineal gleitender Schieber trägt einen zweiten, genau gleich-
auten und gleichlangen Querarm. Die Gradeinteilung beginnt mit
i Nullpunkt an der Basis des festen Armes, und der Abstand der
eispitzen, resp. der Innenflächen der Querarme wird an einer ab-
chrägten Stelle des Schiebers abgelesen. Auch an diesem Instru-
ite erlaubt eine kleine Schraube an der unteren Schmalseite des
iebers, diesen letzteren in jeder beliebigen Lage durch eine rasche
j raubendrehurig festzustellen.
IZur Messung von Kurven und Umfängen dient das Bandmaas s,
(i kommt für anthropometrische Zwecke nur ein Stahlbandmaass von
—200 cm Länge in Betracht. Bandmaasse aus gewebtem Stoff diffe-
2ii infolge der schlechten Einteilung unter sich und vom Normal-
ermaass oft um 10 mm und dehnen sich ausserdem im Gebrauch.
Die drei letztgenannten Instrumente, Taster, Gleitzirkel und Band¬
iss werden zugleich mit einem Dermographen und einem Bleistift
einer leicht transportablen Segeltuchmappe, die auch noch eine
che für die Beobachtungsblätter enthält, geliefert. Als Fabrikant für
iropologische Apparate kam früher nur die feinmechanische Werk-
tte von P. Hermann in Zürich in Betracht; seit Jahresfrist werden
obengenannten Instrumente aber auch von Alig & Baumgärtel, Piü-
Von den zur Charakterisierung des Körperbautypus brauchbaren
Maassen seien hier nur die wichtigsten aufgezählt. Ich lege dabei das
Schwergewicht auf den Modus procedendi. weil von ihm in erster Linie
die Genauigkeit der gewonnenen Werte abhängt. Die in eckigen Klam¬
mern beigefügten Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Nummern
in der soinatometrischen Technik meines bereits genannten Lehrbuches,
wo sich weitere Erläuterungen, besonders auch über die Messpunkte,
finden.
Körpergewicht [Nr. 71], Für klinische und anthropologische
Zwecke kommt nur das Nacktgewicht in Betracht. Alle, erst aus
Kleidergewichten berechneten Körpergewichte geben nur ganz approxi¬
mative, für individuelle Fälle durchaus wertlose Zahlen. Das Gewicht der
Kleider unterliegt bei unserer Bevölkerung je nach Geschlecht, sozialem
Stand und Jahreszeit grossen Schwankungen. R a u t m a nn (Unter¬
suchungen über die Norm. Jena 1921, S. 20) stellte sogar bei Soldaten,
die doch einheitlicher gekleidet sind, Unterschiede zwischen Nackt¬
gewicht und Gewicht in Uniform (in Stiefel. Hose und Rock, ohne Mütze
und Koppel) von 3,0— 8,0 kg fest. Selbst das Hemd unserer Volksschul¬
kinder wiegt je nach Material, Jahreszeit, Geschlecht und Alter der
Kinder zwischen 80—420 g, so dass ein einheitlicher Abzug von 100 g
von dem im Hemd festgestellten' Gewicht, wie er vielfach geübt wird,
nicht als genau genug bezeichnet werden kann. Die Ablesung hat mit
einer Genauigkeit von 100 g und, besonders bei wiederholten Wägungen
des gleichen Individuums, unter Berücksichtigung der Tageszeit zu er¬
folgen, da das Körpergewicht im Laufe des Tages zunimmt. Die Ein¬
tragung in das Beobachtungsblatt erfolgt in Kilogramm; ein Gewicht
von 50 kg und 300 g wird also einfach 50,3 geschrieben.
Auch die sämtlichen folgenden Messungen sind am unbekleideten
Individuum vorzunehmen, höchstens das Anlegen einer, die Schamteile
bedeckenden Binde kann gestattet werden. Jedes weitere Kleidungs¬
stück aber, und sei es nur ein Hemd oder ein Badeanzug beeinträchtigt
die Genauigkeit der Bestimmung der Messpunkte und macht die Beob¬
achtung des so wichtigen äusseren Körperreliefs unmöglich. Beobachter,
3. Tasterzirkel, geöffnet u. geschlossen.
(‘/6 nat. Grösse.)
ab. 4. Gleitzirkel. (V6 nat. Grösse
Abb. 5. Messung der Körpergrösse.
Abb 6. Messung der Höbe des r. vorderen
Darrabeinstachels über dem Boden.
Abb. 7. .Messung der kleinsten Stirnbreite.
onsmesswerkzeugfabrik in Aschaffenburg, hergesteilt und können
2kt von dort bezogen werden.
Alle Winkelmessungen am Körper, z. B. die verschiedenen Gesichts-
nkel oder die Neigung des Brustbeins zur Vertikalen, der Gelenk-
i Beckenachsen zur Horizontalen werden am besten mit einem
inen Goniometer ausgeführt, der sowohl an den Gleitzirkel, wie
den Taster angesteckt werden kann. Da es sich, aber hier um
ezialuntersuchungen handelt, so sei hinsichtlich der Beschreibung
i Handhabung dieses Instrumentes auf mein Lehrbuch der Anthro-
logie (Fischer, Jena 1914, S. 491 — 492) hingewiesen.
Dagegen bedarf man zur Feststellung des Körpergewichtes noch
her Wage, wozu sich am besten sog. Personenwagen mit Lauf-
■wichtsanordnung eignen. Gewöhnliche Dezimalwagen erfordern bei
1 ssenuntersuchungen durch das beständige Auswechseln der Gewichte
viel Zeit. Leider erfüllen die wenigsten Wagen in den Schul- und
Lnkenhäusern die Anforderungen ap Genauigkeit, die an sie gestellt
nrden müssen. Unerlässlich ist eine beständige Kontrolle der Wage.
1 sonders nach jeder Ortsveränderung durch den Untersucher selbst
dtels eines Normalgewichtes, das mindestens 1/io der Wiegekraft der
age betragen muss. Man prüfe auch die richtige Stellung der Wage
: ttels Senkblei und WasSerwage und lasse den zu Wiegenden sich
:;ts genau auf die Mitte der Brücke stellen./
die mit dem nötigen Takt und mit wissenschaftlicher Sachlichkeit Vor¬
gehen, werden keinen Widerständen begegnen. Schulkinder sollten
aber nur einzeln, nicht in Anwesenheit ihrer Genossen gemessen werden.
Man erledige, um das Individuum nicht zu ermüden, sämtliche Mes¬
sungen in rascher Folge hintereinander, was dadurch erleichtert wird,
dass man die gefundenen Zahlenwerte einem Gehilfen zuruft, der sie
zur Kontrolle wiederholt und in das Beobachtungsblatt einträgt. Die
Reihenfolge der Maasse muss derart sein, dass im Interesse möglichster
Zeitersparnis ein Maass praktisch leicht nach dem anderen genommen
werden kann, und dass ein wiederholtes Auswechseln der Instrumente
vermieden wird. Bei unruhigen Personen, bei welchen die Möglichkeit
besteht, dass sie ihre Körperhaltung während des Messens verändern,
wird man vorteilhafterweise sämtliche Messpunkte, ehe man mit den
Messungen beginnt, aufsuchen und mit dem Dermographen auf der Haut
durch kleine Kreuzchen oder dünne, kurze Striche markieren. Bei dieser
I Aufzeichnung der Punkte achte man sorgfältig darauf, dass man die
! Haut nicht während der Palpation auf ihrer Knochenunterlage ver¬
schoben hat.
Körpergrösse [Nr. 1 [. Sie ist gleich der vertikalen Entfernung
des Scheitels von der Bodenfläche beim aufrechtstehenden Individuum.
Zur Bestimmung der Körpergrösse und der neun folgenden Maasse wird
das Individuum aufrecht, in guter, natürlicher Haltung so an eine senk-
386
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
rechte Wand gestellt, dass es diese mit den Fersen, mit Qesäss und
Rücken, jedoch nicht mit dem Hinterkopf berührt. Der Kopf darf nicht
nach der Seite geneigt und muss von- dem Beobachter so eingestellt
werden, dass der leicht palpierbrre Unterrand der Orbita und die Ober¬
ränder der beiden Ohrecken (Tragus) in eine Horizontale zu liegen
kommen. Es genügt in der Regel die Bestimmung der Ohr-Augen-
Horizontalen an der einen, am bequemsten an der rechten Kopfseite.
Die Schultern dürfen nicht hcchgezogen werden, und die möglichst ge¬
streckten Arme hängen an den Seiten des Körpers herab, so dass die
Handteller gegen die Seitenflächen der Oberschenkel sehen. Nun stellt
sich der Beobachter an die rechte Seite der zu messenden Person,
indem er das Anthropometer nur mit drei Fingern seiner rechten Hand
am Unterrand des Schieberkästchens festhält. Das Instrument muss
dabei senkrecht und genau in der Medianebene vor dem Individuum
und das langausgezogene Schieberlineal einige Zentimeter über (lern
Scheitel des Individuums stehen. Jetzt schiebt man das Schieberkästchen
langsam herab, bis der Unterrand des Lineals den Scheitel (Vertex)
berührt, was mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand kontrolliert
wird, und liest die Körpergrösse auf Millimeter genau am Oberrand des
Fensterausschnittes ab (Abb. 5). Auch bei allen folgenden Messungen
hält man das Anthropometer in der rechten Hand, während man mit der
linken Hand je nach Bedürfnis das Schieberlineal auszieht oder zurück¬
schiebt und die Messpunkte palpiert. Das Vertikalhalten des Instru¬
mentes macht nur dem Anfänger einige Schwierigkeit, die aber nach
kurzer Uebung überwunden wird. Im .übrigen kann man die unteren
10 cm des Anthropometers auch in eine Fussplatte mit Hülse einlassen,
wodurch das Instrument von selbst senkrecht stehen bleibt.
In einzelnen, besonders klinischen Fällen kann die Bestimmung der
Körpergrösse und der anderen Höhenmaasse am Aufrechtstehenden un¬
möglich sein. Man ist dann genötigt, die Messungen am Liegenden
vorzunehmen in der Art, wie man Leichenmessungen ausführt, wozu
wieder das Anthropometer verwendet werden kann. Allerdings muss
die Unterlage durchaus eben sein. Messungen im Bett, oder auf einer
nachgiebigen Matratze sind unbrauchbar. Dagegen genügt irgendein
Tisch, auf den man das Individuum mit dem Rücken der Länge nach
ausgestreckt legt und an dessen unterem Ende man ein senkrechtes
Brett anbringt, an das die Fusssoblen angestemmt werden. An dem
oberen Abschnitt dieses ungefähr 35 cm hohen und 40 cm breiten
Brettes wird eine 6 cm lange, horizontal gestellte, halbierte Metallhülse
angebracht, in die man das untere Ende des Anthropometers legt, so
dass der Nullpunkt des Stabes der Fussplatte entspricht. Ein gleich
hohes Stativ, mit entsprechender halbierter Metallhülse wird an das
Kopfende gestellt, und ist dazu bestimmt, den oberen Teil ides Instru¬
mentes aufzunehmen. Der Stab des Anthropometers liegt nun genau
horizontal in -der Medianebene über dem zu Untersuchenden, und man
braucht das Schieberlineal nur von oben herunter auf die Messplatte
zu führen, um die entsprechenden Höhen ablesen zu können. Unter den
Kopf wird ein Kissen gelegt, weil jetzt die Ohr-Augen-Ebene senkrecht
zur Tischfläche stehen muss. (Vergl. Lehrbuch Abb. 30, S. 114.)
Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass die an Liegen¬
den gewonnenen Maasszahlen nicht mit den im Stehen ermittelten ver¬
glichen und zusammen verarbeitet werden dürfen. Nach eigenen Be¬
obachtungen an mittelgrossen Individuen konnte ich durchschnittliche
Unterschiede von 14 — 55 mm für die einzelnen Höhen bei grossen in¬
dividuellen Schwankungen feststellen. Es sind eben im Liegen die
Stellung des Beckens und die Krümmungen der Wirbelsäule ganz andere
als beim Stehen. Auch werden im Liegen die Schultern hochgezogen,
und durch die Verlagerung der Eingeweide verändert sich auch die
äussere Form des Abdomens und Brustkorbes und damit Nabel- und
Mamillenlage. Es ergibt sich also eine ganz andere äussere Körper¬
topographie als beim Stehenden.
Die an die Bestimmung der Körpergrösse sich anschliessenden
Messungen sind die folgenden:
Höhe des oberen Brustbeinrandes überdem Boden
[Nr. 4]. Man lässt das Anthropometer ruhig an seiner ursprünglichen
Stelle stehen, neigt es nur ein wenig nach aussen, stösst das Schieber¬
lineal leicht zurück, um das Schieberkästchen am Gesicht des zu Messen¬
den vorbei bis in die Höhe des oberen Brustbeinrandes (Incisura jugu-
laris) herabführen zu können. Nun zieht man das Schieberlineal bei
senkrecht stehendem Anthropometer wieder so weit aus, dass die
Spitze auf dem als Suprasternale bezeichneten Messpunkt, der der tief¬
sten Stelle der Incisura jugularis entspricht, aufliegt, was mit dem Zeige¬
finger der linken Hand leicht kontrolliert werden kann. Dieses und
alle folgenden Maasse müssen auf Millimeter genau abgelesen werden.
Höhe des oberen Symphysenrandes über dem
Boden iNr. 6l. In gleicher Weise, wie eben beschrieben, d. h. ohne
das Anthropometer von seinem Platze zu rücken, zieht man das
Schieberkästchen bis in das Niveau des Oberrandes der Symphysis
ossium pubis herab. Der hier gelegene Messpunkt (Symphysion) wird
leicht gefunden, wenn man die flache Hand mit gestreckten Fingern
auf die vordere Bauchwand des zu Messenden legt, und unter leichtem
Druck nach innen so weit nach abwärts führt, bis die Spitze des dritten
Fingers auf eine harte Unterlage stösst. Hier ist der gesuchte Mess¬
punkt, der meist im Niveau der oberen Schamhaargrenze, resp. einer
kleinen transversalen Beugungsfurche liegt, die besonders bei Kindern
den Schamberg deutlich nach oben begrenzt. Das Symphysion ent
spricht also stets dem höchsten Punkte der Symphyse in der Median
ebene und darf nicht auf der Vorderfläche oder gar in der Nähe der
äusseren Geschlechtsteile gesucht werden.
Durch Abzug des letzten von dem vorletzten Maasse berechnet man
Nr. i
'
die Länge der vorderen Rumpfwand [Nr. 27], die zu¬
lässigste Rumpflänge, die wir feststellen können, da alle an der Rück
fläche des Körpers genommenen Masse infolge der individuell wi
selnden Ausbildung und Richtung der Dornfortsätze unsicherere :
sultate ergeben. Dass man zu einer eingehenden Topographie der
deren Rumpfwand auch die. Höhenlage des unteren Randes des Co:
sterni, des Nabels und der Mamillen feststellen wird, versteht sich |
selbst.
Alle Maasse der Extremitäten werden an der recl
Körperseite genommen; nur wenn es sich darum handelt, Asym
trien der Gliedmaassen oder Anomalien der Körperhaltung festzuste
wird man die Messung auch an der linken Körperseite durchfüll
Die Längendimensionen können aus folgenden Maassen berec!
werden:
Höhe des rechten Akromion über dem Boden [Ni
Man stelle das Anthropometer jetzt vor die rechte obere Extren
des zu Beobachtenden und verfahre im übrigen, wie oben beschrie
Die rechte Hand des Beobachters hält das Anthropometer und f
zugleich den Schieber, während die linke die Messpunkte palp
Wichtig ist, dass der Arm des zu Messenden gestreckt^ und ruhig
der Seitenfläche des Körpers anliegt, ohne dass die Schulter b
gezogen wird. Der zur Messung einzig verwendbare Akromialpi
liegt ungefähr in der Mitte des Seitenrandes, des von hinten, unten i
vorn oben ansteigenden Akromion und ist gewöhnlich zwischen *
etwas divergierenden Ursprungsportionen des M.deltoides leicht zu fül
Frontalschnitte durch das Schultergelenk beweisen, dass ein auf d
•Weise bestimmter Punkt nur 3 bis 5 mm höher als der Oberrand
Humeruskopfes gelegen ist. Die Unterkante des Schieberlineals n
daher dem Seitenrand des Akromion anliegen und darf nicht auf de:
Oberfläche aufgesetzt werden, sonst erhält man zu grosse Armlän
Im übrigen ist die ganze Topographie der seitlichen Schultergeg
vor allem die wechselnde Lagebeziehung des Akrömialrandes zur Ari
latio acromio-clavicularis für einzelne Konstitutionstypen dure
charakteristisch.
HöhederrechtenEllenbogengelenkfugeüberd
Boden [Nr. 9]. Das Schieberkästchen des Anthropometers wird
so weit herabgeführt, dass die Spitze des Lineals den als Radiale
zeichneten Messpunkt, d. h. den Oberrand des Capitulum radii bef
Die Fuge der Articulatio humero radialis verläuft annähernd horize
in einem mehr oder weniger vertieften, stets deutlich sichtbaren G
chen. Ich markiere den Punkt mit dem Fingernagel des linken Zc
fingers und lege die Linealspitze direkt auf die Nagelplatte dieses Fin
auf. Um dieses und die folgenden Maasse zu nehmen, muss sich
Beobachter selbst in ein Knie niederlassen (vgl. Abb. 6).
Hö.he des Griffelfortsatzes' des rechten Rad
über dem Boden [Nr. 10]. Der Messpunkt (Stylion) entspricht
tiefsten Punkt des Proc. styloideus, der in der von den Endsehnen
Mm. abductor pollicis und extensor pollicis brevis und des M. exte
pollicis longus gebildeten dreieckigen Vertiefung (Tabatiere) leicht
funden wird, wenn man mit der Nagelplatte des Daumens von u
her gegen die Spitze des Griffelfortsatzes drückt.
Höhe der rechten Mittelfinger spitze über d
Boden [Nr. 11], Die Hand der zu messenden Person muss zur
nähme dieses Maasses ganz gestreckt werden, ohne aber den Ari
seiner Lage zum Körper zu verändern. Hierauf wird die Spitze
Lineals an den Unterrand der Fingerbeere des Mittelfingers (Dakty
angelegt und die Höhe abgelesen. Durch Abzug der vier letztgenän
Maasse voneinander berechnet man sowohl die Ganze A r m 1 ä
[Nr. 45] als auch die Länge des Oberarmes [Nr. 47],
Unterarmes [Nr. 48] und der Hand [Nr. 49]. Will man auf
Teilkomponenten des Armes verzichten, so bestimmt man nur die I
des Akromion und der Mittelfingerspitze. Oberarm-, Unterarm-
Handlänge können auch direkt mit dem Stangenzirkel gemessen we
doch stimmen diese direkten Maasse nicht ganz genau mit den
jektivischen überein.
Zur Längenmessung der unteren Extremität dienen die folge!
Maasse:
Höhe des rechten vorderen Darmbeinstacl:
iiberdemBoden [Nr. 13]. Der Messpunkt (Iliospinale ant.) ist 1
zu finden, wenn man die vier Finger seiner linken Hand auf den rec
Darmbeinkamm der zu messenden Person legt und mit dem Dar
von innen und unten, d. h. vom Leistenband her die tiefste Stelle
Spina iliaca ant. sup. zu erreichen sucht. Nicht die am meisten
gewölbte Stelle des nach vorn abfallenden Darmbeinkammes, sor
die eigentliche Spina ist als Ausgangspunkt der Messung zu wäj
Die Ausführung der Messung zeigt Abb. 6.
Da der Oberrand des Femurkopfes beim Lebenden mit ke
Instrument erreichbar ist, und der Trochanter major infolge seiner i
dehnung und seiner Beziehungen zu den straffen Endsehnen der i
glutaei med. und min. einen schlechten Messpunkt darstellt, so -J
aus der Spinalhöhe auch die Ganze Beinlänge [Nr. 53] berec:
werden. Individuell schwankt die vertikale Entfernung vom Iliosp
zur Femurkopfkuppe zwischen 19 und 52 mm. je nach Körpergr;
Beckenneigung und Form der Beckenschaufeln. Man muss daher vor
Höhe des vorderen Darmbeinstachels einen bestimmten Betrag
ziehen und zwar
bei einer Körpergrösse bis zu 130 cm 15 mm
„ „ „ von 131 bis 150 cm 20 mm
„ „ „ von 151 bis 165 cm 30 mm
,. „ „ von 166 cm u. darüber 40 mm
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
387
März 1922.
Es ist selbstverständlich, dass man auf diese Weise nur approxi-
ive Werte für die Beinlän-ge erhält, doch ist der Fehler im ein-
len Fall, wie Untersuchungen am Skelet ergaben, nur gering.
Höhe der rechten Kniegelenkfuge über dem Boden
15]. Der Messpunkt (Tibiale) liegt am inneren Gelenkrand des
alkopfes vor dem Lig. collaterale tibiale. Die Orientierung ist
;h die Patella und vor allem durch das Lig. patellare gegeben. Fasst
t dieses zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, und
; ebt mit dem letzteren die Haut einmal in der Vertikalen und dann
Her Horizontalen etwas hin und her, dann wird man deutlich den
Dnkspalt fühlen, da die Gelenkkapsel hier ziemlich dünn ist. Nur
Frauen mit starkem Pannicuius adiposus kann die Auffindung des
ktes Schwierigkeiten bereiten. Man hüte sich aber, den Punkt zu
. d. h. an dem ünterrand des Condylus medialis tibiae, oder zu hoch,
ler seichten Vertiefung unter dem Epicondylus medialis feinoris zu
len. In Zweifelfällen lasse man das rechte Bein für einen Augen-
k im Knie leicht beugen. Um die rechte Hand für die Feststellung
;es wichtigen Messpunktes freizubekommen, und die Spitze des
3als richtig aufsetzen zu können, bitte ich den zu Messenden, den
3 des Anthropometers mit einer Hand (natürlich wie bisher in der
lianebene und vertikal) zu halten. Dies ist selbst bei Kindern leicht
erreichen.
Höhe der rechten inneren Knöchelspitze üoer
n B o d e n |Nr. 16], Auch hier muss, wie bei dem Darmbeinstachel,
Messpunkt ganz an die wirkliche Spitze des Malleolus med. gelegt
den. Man sucht ihn daher am leichtesten von unten und etwas von
en her, indem man hinter dem Lig. calcaneo-tibiale mit der Nagel¬
te des Daumens dagegen drückt. Legt man dann die Spitze des
eals auf die letztere auf, so berührt man zugleich die Spitze des
leolus. Die auf diese Weise festgestellte Fusshöhe unterliegt
ach der Ausbildung des Fussgewölbes grossen individuellen Schwan¬
gen. Durch Abzug der drei letztgenannten Maasse voneinander er-
t‘ man die Länge des Oberschenkels | Nr. 55 1 und des
tersc henk eis [Nr. 56],
Erwähnt sei auch noch die Spannweite der Arme (Klafterweite)
17], obwohl sie ein komplexes Maass darstellt, weil sie in einem
z bestimmten, während des Wachstums sich ändernden Verhältnis
Körpergrösse steht. Am sichersten lässt sich die Messung aus-
en, wenn sich der Beobachter mit horizontal gehaltenem Anthropo-
er dicht vor das zu messende, mit wagrecht ausgestreckten Armen
der Wand stehende Individuum stellt, dessen rechte Mittelfinger-
ze mit der eigenen linken Hand am Nullpunkt des Instrumentes
hält und mit der linken Mittelfingerspitze das Schieberkästchen an
>en vorstehendem Unterrand soweit als möglich hinausschieben lässt.
Instrument muss, um das Maximalmass ,zu erreichen, in der Höhe
Manubrium sterni und der Schlüsselbeine liegen. Die gewonnene
1 wird natürlich jetzt am Unterrand des Schiebers, an dem die
gerspitze anlag, nicht am Fensterausschnitt, abgelesen.
Auch zur Feststellung der .Stammlänge oder Sitzhöhe
deitelhöhe bis Sitzfläche) [Nr. 23], die v. Pirquet zur Berechnung
res Gelidusi verwendet, kann das Anthropometer benützt werden.
. Individuum muss sich zu diesem Zweck auf einen Hocker von
cm Höhe in aufrechter Haltung und mit horizontal eingestelltem
ife (s. o.) setzen. Dann stellt man das Anthropometer vertikal in
Mitte des Rückens des zu Messenden auf die Sitzfläche und führt
Schieberkästchen so weit herab, bis die Unterkante des Lineals
dem Scheitel aufliegt. Verschiedene Körperhaltung und verschiedene
le des Sitzes können das Maass stark beeinflussen.
Die nun folgenden Masse werden mit dem Stangenzirkel genommen.
Breite zwischen den Akromien (Schulterbreite) [Nr. 35] .
adlinige Entfernung der beiden Akromialpunkte voneinander Man
;t den Stangenzirkel mit der rechten Hand von oben her an seinem
ren Ende, mit der linken am Schieberkästchen, nachdem man die
hllineale der Länge der Zeigefinger entsprechend, ungefähr 90 mm,
gezogen hat. Ich palpiere zuerst beide Messpunkte mit den Finger-
ren der auf den Stahllinealen aufliegenden, ausgestreckten Zeige-
er. Hierauf lege ich die Spitze des oberen Stahllineals an den Seiten-
d des linken Akromion und schiebe das Schieberlineal langsam an
rechte Akromion. Man kann bei dieser Technik leicht, mit den
gerspitzen feststellen, ob die Lineale wirklich den Messpunkten
itig anliegen. Die Ablesung des Maasses erfolgt, wie bereits erwähnt,
der obdn angegebenen Maassskala, und zwar am Oberrand des Schie-
kästchens. Eine an den stärksten seitlichen Ausladungen der Mm.
toidei gemessene Schulterbreite ist mit der Akromialbreite natürlich
it vergleichbar.
Breite zwischen den Darmbein kämmen [Nr. 40], d. h.
scheu den beiden am meisten seitwärts ausgeladenen Punkten der
stac iliacae. Handhabung des Instrumentes wie bei der Bestimmung
Akromialbreite, nur müssen bei korpulenten Personen die Lineale
ger ausgezogen werden. Man drücke die Lineale nur leicht an den
‘'per an und hüte sich vor allem davor, das Maass oberhalb, statt
1 den Seitenrändern der Darmbeinkämme zu nehmen, da die grösste
dtenentwicklung gemessen werden soll.
Grösste Hüftbreite [Nr. 42a). Es handelt sich bei diesem
'asse um die Feststellung der grössten Breite in der Hüftregion, die
■i bei mageren Personen mit der Breite zwischen den grossen Roll-
:eln (Trochanterbreite) deckt. Bei muskulösen und fettleibigen In-
uduen wird das Maas aber durch die seitlich über den Trochanteren
‘ Springenden Muskel- resp. Fettmassen bedingt. An diese seitlichen
Nr. II
Ausladungen werden die Lineale des horizontal gehaltenen Stangen¬
zirkels fest, aber ohne einzudrückeu, angelegt.
Für die Konstitutionsforschung dürften auch der transversale
und der sagittale Brustdurchmesser [Nr. 36 und 37] eine
immer grössere Bedeutung gewinnen, um so mehr, als die Brustumfänge
leider zu den technisch schwer zu bestimmenden Maassen gehören,
Den transversalen Durchmesser misst man mit horizontal vor der Brust
gehaltenem Stangenzirkel, indem man die Lineale an die seitliche Tho¬
raxwand an die Stelle der grössten seitlichen Ausladungen anlegt. Den
sagittalen Durchmesser bestimme ich senkrecht zum transversalen mit
dem mit Tasterarmen montierten Stangenzirkel, indem ich die eine
Zirkelspitze auf die untere Grenze des Corpus sterni, die andere auf
den in der- gleichen Horizontalebene gelegenen Dornfortsatz des Tho¬
rakalwirbels aufsetze. Man kann beide Durchmesser natürlich sowohl
in der Atempause, wie bei stärkster Inspiration und Exspiration messen.
Als ergänzende Maasse kommen noch in Betracht: Breite der
rechten Hand [Nr 52), ein für die Feststellung der Berufsvarietäten
wichtiges Maass. Man fasst die vollständig extendierte rechte Hand des
zu Beobachtenden und misst quer über den Handrücken zwischen den
vertikal gehaltenen Linealen die grösste Distanz der seitlich am meisten
vorspringenden Punkte der Capitula der Ossa metacarpalia II und V.
Man beachte, dass der mediale Messpunkt mehrere Millimeter proximal
von der Art. carpo metacarpea gelegen ist. Der .Daumen wird also
nicht mitgemessen.
Länge des rechten Fusses [Nr. 58], Die Stange des In¬
strumentes muss parallel uem medialen Kande aes etwas vorgestellten
und belasteten rechten Fusses auf den Fussboden gelegt werden, worauf
man das feste Stahllineal an den am meisten nach hinten vorspringen¬
den Punkt der Ferse anlegt und das Schieberlineal an die Kuppe der
vorstehendsten Zehe (erste oder zweite) anschiebt.
Breite des rechten Fusses [Nr. 59], Aehnlich wie bei der
Messung dtr Handbreite wird der Stangenzirkel mit senkrecht gerichte¬
ten Linealen quer über den belasteten Fuss gehalten und dann durch
Anlegen der Lineale an die vorspringendsten Punkte in der Gegend der
Köpfchen der Metatarsalia I und V die geradlinige Entfernung dieser
beiden Punkte voneinander festgestellt. Die so gemessene Fussbreite
steht also nicht senkrecht auf der Fusslänge.
Ich gehe nun zu einer Besprechung der wichtigsten Umfang¬
messungen über. Bei der üblichen doppelseitigen Gradeinteilung der
meisten Stahlbandmaasse ist es vorteilhaft, die Kapsel stets in die linke
Hand zu nehmen und das Band mit der rechten je nach Bedarf aus¬
zuziehen, weil dann die Zahlen der Skala auf der dem Beobachter zu¬
gekehrten Seite des Bandmaasses stets aufrecht stehen.
Umfang des Halses [Nr. 63]. Man legt das Bandmaass in der
Art um den Hals, dass es senkrecht zu der etwas nach vorn geneigten
Halsachse an der schmälsten Stelle, vorn ungefähr über den Ring¬
knorpel läuft. Will man die Veränderungen des Umfanges durch Struma
messen, was bei Beobachtungen an unserer Jugend besonders wich¬
tig ist, so muss man noch einen zweiten Umfang messen und zu diesem
Zwecke das Bandmaass seitlich und vorn über die stärksten Vorwölbungen
legen, während es hinten in der tiefsten Stelle der konkaven Nacken¬
kurve liegen bleibt. Es verläuft jetzt stark schräg von hinten oben nach
vorn unten. Bei diesem wie bei allen folgenden Umfängen, darf das
Bandmaass nicht so stark angezogen werden, dass es in die Haut ein¬
schneidet; es soll vielmehr gerade nur der Körperoberfläche anliegen.
Umfang der Brust a) bei ruhigem Atmen [Nr 61], b) bei In¬
spiration | Nr. 61a) und c) bei Exspiration [Nr. 61b]. Von den verschie¬
denen Methoden, den Brustumfang zu messen, empfehle ich diejenige,
bei welcher das Bandmaass hinten direkt unter den unteren Schulter¬
blattwinkeln., seitlich hoch in der Achselhöhle und vorn genau ober¬
halb der Mamillen, über die Warzenhöfe verläuft. Beim Anlegen des
Bandmaasses sollen die Arme des zu Messenden nur so weit, dass man
eben das Bandmaass unter den Achselhöhlen durchziehen kann, aber
nicht bis zur Horizontalen gehoben werden und während der Messung
selbst lose herabhängen. Im weiblichen Geschlecht muss bei stärker
ausgebildeter und nicht gesenkter Mamma das Bandmaass etwas höher
angelegt werden; es ist daher vorteilhaft, noch ein zweites Maass direkt
unter den Mammae, ungefähr in der Höhe der Basis des Processus
xiphoideus horizontal um den Thorax zu nehmen. Dieses Maass, bei In¬
spiration und Exspiration festgestellt, orientiert uns auch über die
Grösse der Flankenatmung. Es wäre überhaupt angezeigt, mehr als bis¬
her auch die verschiedenen Atmungstypen zu beachten. Die bei den
militärischen Aushebungen übliche Art, den Brustumfang mit seitwärts
horizontal ausgestreckten Armen zu messen, hat den Vorteil, dass die
unteren Schulterblattwinkel höher stehen, aber den Nachteil, dass die
bei abduziertem Arm stark vorspringenden, vom M. pectoralis major
und M. latissimus dorsi gebildeten Wandungen der Achselhöhle mit¬
gemessen werden. (Vergl. zu der ganzen Frage: W. Scheidt, Zur
Technik der Brustumfangmessung; Die Kindertuberkulose 1. Jahrgg.
Nr. 6/7 S. 57.) Um ein richtiges Maass der respiratorischen Exkursions¬
breite zu bekommen, muss man bei Ungeübten das Aus- und Einatmen
mehrere Male ausführen lassen.
Kleinster Umfang oberhalb der Hüfte [Nr. 62], Um¬
fang des Abdomen ohne Rücksicht auf die sehr verschiedene Nabellage
in der Höhe der am meisten eingezogenen Seitenkontur des Rumpfes,
also zwischen unteren Rippenbogen und Darmbeinkämmen.
Grösster Umfang des rechten Oberarmes a) bei
Streckung [Nr. 65] und b) bei Beugung [Nr. 65 (1)]. Das Bandmaass
wird zuerst in der Höhe der stärksten Vorwölbung des M. biceps hori¬
zontal um den lose herabhängenden Arm gelegt und das Maass ab-
4
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
m
gelesen. Hierauf lässt man den Oberarm nach vorn bis zur Horizontalen
erheben und den Unterarm mit geballter Faust und grösster Kraftanstren¬
gung gegen die Schulter beugen, bis die maximale Kontraktion des
M. biceps erreicht ist. Nun verschiebt man das Bandmaass. bis es über
der Kuppe des Bizepswulstes liegt. Die Differenz der beiden Maasse gibt
einen Einblick in die Massenentfaltung der Oberarmmuskulatur.
Grösster Umfang des rechten Unterarmes INr. 66J.
An dem schlaff herabhängenden, supinierten Unterarm, mit dem Be¬
schauer zugewandter Vola, wird das Bandmaass horizontal um die
stärkste seitliche, durch den M. brachioradialis bedingte Vorwölbung
gelegt. Die Hand darf nicht zur Faust geballt werden.
Kleinster Umfang des rechten Unterarmes LNr. 67J.
In der Höhe der schwächsten Stelle, aber stets proximalwärts der Proc.
styloidei radii und ulnae bei gleicher Haltung des Armes wie bei dem
vorhergehenden Maass.
Grösster Umfang des rechten Oberschenkels
[Nr. 68]. Das Bandmaass muss an der Stelle der stärksten medialen Aus¬
ladung unterhalb der Nates, nicht in der Glutäalfalte selbst, horizontal
um den rechten Oberschenkel gelegt werden. Um bei starker Muskel¬
oder Fettentwicklung die richtige Stelle zu finden, lässt man das linke
Bein etwas seitswärts stellen, bis man das Bandmaass angelegt hat, dann
aber wieder in die ursprüngliche Lage zurücknehmen. Erst jetzt best
man, am besten an der äusseren Seite des Oberschenkels, um nicht
mit den Geschlechtsteilen in Berührung zu kommen, das Maass ab.
Grösster Umfang des rechten Unterschenkels
(Wadenumfang) [Nr. 69]. Ohne das Bandmaass von dem Bein weg¬
zunehmen, führt man es nach unten bis an die Stelle der stärksten Aus¬
ladung der Wadenmuskulatur, die bei der individuell stark variierenden
Dicken- und Längenausbildung der Mm. gastrocnemii sehr verschieden
hoch liegen kann.
Kleinster Umfang des rechten Unterschenkels
[Nr. 70], Dieser kleinste Umfang ist gewöhnlich direkt über dem Mal¬
leolus medialis gelegen, wird aber durch Richtung und Ansatz des Tendo
calcaneus, die zu beachten sind, mehr oder weniger beeinflusst.
An die Körpermaasse möchte ich noch einige wenige Kopfmaasse
anschliessen. Sie sollten auch von der Konstitutionsforschung nicht
vernachlässigt werden, einmal weil ganz bestimmte Korrelationen zwi¬
schen Kopf- und Körperwachstum bestehen, und ferner auch, weil es
mehr als wahrscheinlich ist, dass die Rassenzugehörigkeit auch in
unserer stark gemischten europäischen Bevölkerung den Körperbau¬
typus beeinflusst, was aus Untersuchungen an fremden Menschenrassen
unzweideutig hervorgeht.
Horizontalumfang des Kopfes [Nr. 45] 2). Man hält den
Nullpunkt des Bandmaasses mit der linken Hand auf der Glabella fest,
führt es mit der rechten Hand über die linke Kopfseite bis zu dem vor¬
springendsten Punkt des Hinterkopfes (nicht über die meist viel tiefer
gelegene Protuberantia occipitalis) und von da über die rechte Kopf¬
seite zurück zur Glabella, wo man es ebenfalls mit der linken Hand fasst.
Dadurch wird die rechte Hand frei, um zu kontrollieren, ob das Band¬
maass gleich hoch an beiden Kopfseiten und wirklich über den vor¬
springendsten Punkt des Hinterkopfes läuft. Nur bei einer derartig
sorgfältigen Technik kann man maximale Umfänge des Neurokraniums
erhalten.
Die nun folgenden Maasse werden mit dem Tasterzirkel genommen.
Man fasst die Zirkelarme an ihren vorderen Enden mit beiden Händen
und zwar so, dass der Daumen auf die obere, der Zeigefinger auf die
untere Seite der abgerundeten Zirkelenden zu liegen kommt. Auf diese
Weise kann man mit den Fingerspitzen die Zirkelenden auf die Mess¬
punkte aufsetzen und am Kopf festhajtenv ohne die Kopfhaut ein¬
zudrücken. Die Ableseskala bleibt dabei' immer sichtbar.
Grösste Kopflänge [Nr. 1]. Geradlinige Entfernung der
Glabella von dem am meisten in der Medianebene vorragenden
Punkt des Hinterhauptes (Opisthokranion). Man stellt sich an die
rechte oder linke Seite (je nach der Lichtquelle) der auf einem Hocker
sitzenden Person, hält, wie eben beschrieben, das linke Zirkelende
zwischen Daumen und Zeigefinger auf der Glabella fest und fährt mit
dem anderen Zirkelende langsam in der Medianebene am Hinter¬
haupt auf und nieder, bis der Index am Maasslineal den maximalen Wert
anzeigt. Will man sich von der Richtigkeit der Messung überzeugen,
so stellt man mittels der Schraube das Lineal bei der gefundenen Zahl
fest und macht nun mit dem festgestellten Instrument eine Kontroll-
rnessung. Ebenso kann man auch bei den folgenden Maassen verfahren.
Grösste Kopfbreite [Nr. 3], d. h. die grösste Breite des
Gehirnschädels senkrecht zur Medianebene, wo sie sich findet.
Die Messpunkte (Eurya) müssen in einer Horizontal- und Frontal¬
ebene liegen. Man stellt sich vor das zu messende Individuum, so dass
das Scharnier des Tasters in die Medianebene seines Kopfes zu liegen
kommt und führt dann die Zirkelspitzen, in der oben beschriebenen Weise
zwischen den Fingern haltend, so lange in Zickzacklinien an der seit¬
lichen Kopfwand auf und ab, bis der grösste gerade Durchmesser ge¬
funden ist. Die Lage dieses Durchmessers variiert mit der Kopfform.
Kleinste Stirnbreite [Nr. 4]. Man suche zunächst mit den
Zeigefingern diejenigen über dem Jochfortsatz des Stirnbeins am
meisten nach vorn und innen gelegenen Punkte der Linea temporalis
(Frontotemporalia). Legt man die Zeigefingerspitzen in die an dieser
Stelle befindlichen, vom M. temporalis bedeckten kleinen Vertiefungen
und schiebt die Zirkelspitzen auf die oben erwähnten Punkte der Linea
temporalis, so kann man die Breite an der Skala ablesen. Diese vordere
2) Die kephalometrische Technik hat eine eigene Numerierung.
Nr. 1
Kopfbreite ist vor allem für die Beurteilung der Frontalhimentwicklun
von Bedeutung (Abb. 7).
Joch bogenbreite [Nr. 6]. Technik wie oben. Die Tastei
spitzen werden an die am meisten seitlich ausgeladenen Stellen de
Jochbogens (Zygia) angelegt. Bei Europäern liegen die Messpunkt
ungefähr 2 cm vor dem Tragus.
Unterkieferwinkelbreite [Nr. 8]. Die Tasterspitzen sin
nicht hinten, sondern seitlich an die Unterkieferwinkel anzusetzen, we
die grösste Ausladung (Gonion) gemessen werden soll. Das Instrumer
wird am besten so gehalten, dass die Zeigefingerbeeren, auf denen di j
Tasterspitzen aufruhen, von hinten und unten her die Unterkieferwinku
umgreifen. Der M. masseter darf natürlich nicht kontrahiert werdet
Ein Vergleich der vier aufgeführten Brejtenmaasse gibt einen gute
Einblick in den Aufbau von Gehirn- und Gesichtsschädel. Ergän?
müssen sie aber doch durch die Höhenmaasse werden.
Ganze Kopfhöhe [Nr. 16], die der projektivischen Entfernun
des Scheitels vom Unterrand des Kinnes (Gnathion) entspricht. Si
wird atn besten mit dem Stangenzirkel gemessen, indem man sich seil
lieh neben den zu Messenden kniet. Nachdem der Kopf in der Oht
Augen-Ebene orientiert ist, legt man das langausgezogene obere Line;
auf den Scheitel, hält es hier mit der linken Hand fest und schiebt m:
der rechten Hand den Schieber mit dem kurzausgezogenen Lineal i
der Medianebene an den unteren Kinnrand. Dabei muss der Stab de
Stangenzirkels senkrecht zur Ohr-Augen-Ebene stehen. Das Maas
dient hauptsächlich zur Berechnung, wieviele Kopfhöhen in der Körpeij
grosse enthalten sind.
Morphologische Gesichtshöhe [Nr. 18], projektivisch
Entfernung der Stirnnasennaht (Nasion) von dem eben genannten Kinn
Punkt. Der Verlauf der Sutura naso-frontaüs lässt sich trotz des Naht
gewebes und des meist sehr dünnen M. procerus auch am Lebende'
leicht feststellen. Der Messpunkt entspricht also der Nasenwurzel, nicrj
dem stets tiefer gelegenen Nasensattel. Die Handhabung des Instrui
mentes ist die eben beschriebene; man muss nur zuvor das ober;
Lineal kurz stellen und seine Spitze mit Zeigefinger und Daumen de
linken, auf dem Kopfe des zu Messenden aufruhenden Hand, an da
Nasion anlegen. Das Maass entspricht der auch am Schädel festzn
stellenden Höhe des Splanchnokraniums.
0 h r h ö h e d e s K o p f e s [Nr. 15], Nur durch dieses Maass kan |
am Lebenden die Höhenausdehnung des Neurokraniums festgestelii
werden. Man muss sich vor den zu Messenden stellen, den Stangen
Zirkel in der rechten Hand haltend. Hierauf wird das langausgezogen
obere Lineal horizontal auf den Scheitel, die Spitze des nur ganz kurze
Schieberlineals aber an den linken Traguspunkt (Tragion) angeleg
Das Maass ist erst dann richtig und abzulesen, wenn der Stab de
Stangenzirkels parallel zur Medianebene gehalten wird, was einig
Uebung erfordert.
Von Einzelmaassen des Gesichtes erwähne ich nur noch die Höh
der Nase [Nr. 21], die als Entfernung der Stirnnasennaht (Nasion
von dem Nasenboden, d. h. dem einspringenden Winkel, der von der
Unterrand der Nasenscheidewand und der Integumentaloberlippe ge
bildet ist (Subnasale), gemessen wird. Stangen- oder Gleitzirkel.
Die Breite der Nase [Nr. 13] entspricht der gradlinigen Ent
fernung der beiden am meisten seitlich ausgeladenen Punkte der Nasen
flügel (Alaria) von einander. Man fasst den Gleitzirkel am Schiebe!
mit der rechten Hand und legt ihn so an das Gesicht an, dass di!
Innenseiten der flachen Zirkelarme die verlangten Punkte eben be
rühren.
Es ist selbstverständlich, dass die Abnahme der aufgezählten Maass]
einige Uebung erfordert; man muss zuerst in der Bestimmung de
individuell sehr verschieden ausgebildeten und gelagerten Messpunkte
sowie in der Handhabung der Instrumente die notwendige Sicherhei
erworben haben, ehe man die gewonnenen Zahlen wissenschaftlich ver
werten kann. Die letzteren werden in vorgedruckte Beobachtungsblätte
eingetragen, und zwar empfehle ich dringend Individualblätter, weil nu
diese eine mannigfache statistische Verarbeitung gestatten, ohne di
Zahlen immer wieder abschreiben zu müssen. Die Anordnung de
Maasse auf den von mir herausgegebenen Beobachtungsblättem ist dahe
derart, dass durch ein Uebereinanderlegen der Einzelblätter die Zahle
der gleichen Maasse sämtlicher Individuen in Vertikalkolonnen zu stehes
kommen und auf diese Weise leicht statistisch verarbeitet werdei
können. Die meisten der oben aufgeführten Maasse sind sowohl in dej
für unsere studentischen Erhebungen von dem gemeinsamen Ausschus
für Leibesübungen, dem Amt für Leibesübungen und dem Verein Stul
dentenhaus München herausgegebenen Beobachtungblatt, sowie in de.
neuen Gesundheitsbogen der Münchener Stadtschulen aufgenommer
worden. Noch einige weitere Maasse enthält das von mir ausgearbeitet
Beobachtungsblatt zur Konstitutions- und Typenforschung3), an das sic;
auch das von der deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berli
verwendete Beobachtungsblatt eng anlehnt. So ist jetzt eine Einheit
lichkeit in der Messtechnik und in der Registrierung der Maasse erreich^
die einen Vergleich der Resultate vieler Beobachter möglich macht.
Natürlich enthalten alle diese Beobachtungsblätter auch noch ein
Reihe von Rubriken zur Aufnahme der deskriptiven Merkmale. Fit
viele derselben, z. B. für Augen-, Haar- und Hautfarbe, für die Forr:
der Nase, der Lippen, der Augenlider, für die Gesichtskontur in de
Frontalansicht usw.. besitzen wir bereits vorzügliche Schemata, die un
erlauben, auch diese Formverhäitnisse ziffernmässig auszudrücken un<
3) Zu beziehen durch die Buchdruckerei Franz Stein, Mancher
Gabelsbergerstrasse 62.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
389
i
jlärz 1922.
' "
it der rechnerischen Verarbeitung zugänglich zu machen. Dabei
, en wir nie vergessen, dass hier die Zahl, wie übrigens auch bei
netrischen Aufnahmen, nur eben den kürzesten und exaktesten Aus-
; für irgendwelche Grössen- und Formverhältnisse darstellt. Für
. e rein beschreibende Merkmale sind genau gefasste Bezeichnungen
möglichen Varianten in das Beobachtungsblatt eingesetzt, die eine
■itliche Charakterisierung durch verschiedene Untersucher gestatten,
achtung und Messung müssen immer Hand in Hand gehen und sich
iseitig zu ergänzen und zu bestätigen suchen,
tusser der metrischen und deskriptiven Beobachtung sei in allen
igen Fällen noch eine photographische Aufnahme empfohlen,
auch hier sind wieder ganz bestimmte Bedingungen zu erfüllen, wenn
wissenschaftlich brauchbare, unter sich vergleichbare Bilder er-
1 will. Nur Objektive mit grosser Brennweite, hoher Lichtstärke
;rossem Bildwinkel, die infolgedessen keine Randverzeichnung geben,
verwendbar. Alle Aufnahmen müssen in gleicher Verkleinerung
cht werden. Eine Plattengrösse 13:18 erlaubt drei Aufnahmen
tanzen Figur neben einander in 1/is natürlicher Grösse oder drei
Aufnahmen in Vs natürlicher Grösse. Als Aufnahmen der ganzen
kommen Vorder-, Seiten- und Rückenaufnahme, die genau recht-
lig zu einander stehen müssen, in Betracht. Immer muss in der
ellungsebene ein Maassstab mitphotographiert werden, um auch an
photographischen Abzug noch Messungen ausführen zu können,
lie Brustaufnahme empfiehlt sich neben der üblichen Vorder- und
nansicht noch eine Eindrittelseitenansicht, denn die letztere ent-
wichtige Eigentümlichkeiten der Gesichtsbildung, die weder Vorder-
Seitenansicht geben können. Am besten erreicht man die genaue
tierung der einzelnen Aufnahmen mit Hilfe einer Drehscheibe, auf
as Individuum, einmal richtig aufgestellt, einfach entsprechend ge-
wird. Eine solche Einrichtung befindet sich im Laboratorium für
ärmessung des hiesigen Anthropologischen Institutes,
lur Feststellung des Körperbautyfus des Einzelnen und ganzer
nen sind aber die durch Messung gewonnnenen absoluten Werte
ausreichend, da sie ja von der allgemeinen Grössenentwicklung
Versuchten abhängig sind. Man muss daher noch das Verhältnis
inzelnen Maasse zu einander berechnen. Solche Verhältniszahlen
Indices spielen in der Anthropologie eine grosse Rolle, doch ist
licht der Ort, um näher darauf einzugehen. Dagegen muss nach-
lich darauf hingewiesen werden, dass ein Vergleich einzelner
iduen untereinander, oder eines Individuums mit einer Gruppe,
i Typus, nur möglich ist, wenn sämtliche Maasse auf eine Einheit
iert werden. Am häufigsten wird als Vergleichsgrösse die Körper-
e oder die Länge der vorderen Rumpfwand gewählt. Setzt man
llen untersuchten Personen eines dieser Maasse = 100, so erhält
für sämtliche andere Körperdimensionen relative Werte, die un-
igig von dem individuellen Grössenausmaass und unter sich direkt
eichbar sind. Es ist auf diese Weise leidht, die relative Ab-
mng eines einzelnen von einem bestimmten Körperbautypus zu
hnen und praktisch darzustellen. Ferner gelingt es ohne weiteres
irund der relativen Höhenmaasse die Proportionsfiguren des ein-
n- Menschen zu konstruieren und so deren körperliche Unter-
ie direkt anschaulich zu machen 4).
>o ist die anthropometrische Beobachtung also imstande, die kli-
j Diagnose des Körperbaues in wesentlichen Punkten zu ergänzen,
estattet nicht nur ziffernmässig Merkmalkomplexe aufzustellen, die
nmten Körperbautypen entsprechen, sondern sie ermöglicht auch,
Konstitution des einzelnen so festzulegen, dass ihre relative Ab-
iung von einem Durchschnitt berechnet und ihre Veränderung in
eit kontrolliert werden kann. In der so festgestellten Konstitution«-
s des Individuums bekommt auch der praktische Arzt ein wich-
Mittel an die Hand, das ihm nicht nur die klinische Diagnose er-
ert, sondern das er sogar prognostisch verwerten kann. Natürlich
:ine Messung und keine Zahl imstande, die Ursachen der spe¬
ien Körperbildung eines Menschen aufzudecken. Dennoch bildet
genaue Kenntnis das Fundament, auf dem die so vordringlichen
hungen über die Vererbung und die Umwelteinwirkung, über die
und phänotypische Gestaltung des einzelnen, aufgebaut werden
in.
der chirurgischen Universitätsklinik zu Marburg a. L.
’eisung des Nervus ischiadicus und des Nervus
dhenus bei angiospastischen Schmerzzuständen der
unteren Extremität.
Von Prof. Dr. A. Läwen, Direktor der Klinik.
tuf dem Chirurgenkongress 1920 habe ich einen Fall von seniler
rän besprochen, bei dem ich, um den Kranken schmerzfrei zu
len und die Demarkierung ruhig abwarten zu können, den Nervus
idicus in seinem Querschnitt vereist habe. Das gleiche Verfahren
ich neuerdings in einem' anderen Falle angewandt, wo seit Jahren
wiederholende Anfälle von Angiospasmen am rechten Bein zu
lei-zsteigerungen geführt hatten, die für den Kranken kaum noch
dich waren und wo der Befund am Fusse eine beginnende Gangrän
scheinlich machte. In dem gleichen Gedankengang wie beim
) Ich hoffe, die Bedeutung dieser beiden Methoden den Lesern dieser
- enschrift bei einer späteren Gelegenheit an einem konkreten Beispiel,
■m wachsenden Münchner Schulkind, zeigen zu können.
ersten Fall unterbrach ich hier durch Vereisung den Nervus ischiadicus.
Der Erfolg war, was die Schmerzen anbetrifft, der erhoffte: der Kranke
ist seit der Nervenvereisung, die jetzt 9 Monate zurückliegt, vollständig
schmerzfrei geworden. Im übrigen Verlauf war jedoch die Wirkung
ganz anders, als ich erwartet hatte. Der Fuss wurde nämlich
noch am Tage der Vereisung wieder warm und ist
es bis auf den heutigen Tag geblieben.
Die Einzelheiten des auch in mancher anderen Beziehung bemer¬
kenswerten Falles waren folgende:
H. D., pens. Briefträger, 61 Jahre alt. Nie ernstlich krank gewesen.
Vor 7 Jahren bekam der Kranke zum ersten Male beim Gehen Anfälle von
krampfartigen Schmerzen in der rechten Wade und im Fuss, die ihn beim
Gehen so stark hinderten, dass er jedesmal stehenbleiben und das Bein eine
Zeitlang im Knie strecken und beugen musste, wodurch er Erleichterung
fand. Bei jedem dieser Anfälle war der rechte Fuss kalt, es kribbelte ihm
und er hatte das Gefühl, als ob der Fuss eingeschlafen wäre. Die Be¬
schwerden wurden mit der Zeit stärker, die Anfälle häufiger, so dass der
Kranke 1917 pensioniert werden musste. Vor etwa % Jahren (1920) bekam
er plötzlich einen ausserordentlich starken Schmerzanfall im rechten Bein,
der 2 — 3 Tage anhielt. Nachts konnte er nicht schlafen. Dann wurde er
bis auf Schmerzen beim Gehen wieder beschwerdefrei. Am 15. V. 1921
traten vormittags anhaltende Schmerzen im rechten Unterschenkel und Fuss
auf, die sich nachmittags plötzlich so steigerten, dass er laut schreien musste
und die Leute aus der Umgebung in seine Wohnung liefen, um nach ihm zu
sehen. Ich wurde von den Angehörigen in die nahegelegene Wohnung ge¬
holt, fand den Kranken laut jammernd im Bette liegen, den rechten Fuss voll¬
kommen kalt bis über die Knöchelgegend, keinen Puls in den Fussarterien
und den Radialispuls stark unregelmässig. Ueberführung des Kranken in die
chirurgische Klinik. Dort gibt er noch an, dass der rechte Fuss seit 5 Jahren
auch in der warmen Jahreszeit dauernd kalt gewesen sei; im Winter habe
er am rechten Fuss kaum einen Schuh vertragen können; er habe den Fuss
öfter am Tag am Ofen wärmen müssen. Geraucht habe er wenig. Potatorium
zugegeben.
Befund: Magerer, verbraucht aussehender Mann mit stark ge¬
schlängelten und hervortretenden Schläfenarterien. Art. radialis stark ge¬
spannt und geschlängelt. Herz nach links vergrössert. Töne rein. Starke
Arhythmie mit Extrasystolen. Puls unregelmässig. Rechter Fuss fühlt sich
bis zu den Knöcheln kalt an. Sensibilität erhalten, eher etwas gesteigert.
Puls weder an der Dorsalis pedis noch an der Art. tibialis post, zu fühlen.
An der Art. poplitea ist der Puls gut zu fühlen, um etwa 3 cm unterhalb der
Kniekehle aufzuhören. Patellarreflexe vorhanden.
16. V. Die Schmerzen haben die ganze Nacht angehalten, vielleicht
etwas geringer wie gestern Abend. Fuss kalt. Puls an den Fussarterien
nicht fühlbar.
Operation; 9 Uhr 30 Min. vormittags in örtlicher Betäubung Frei¬
legung des rechten N. ischiadicus 3 Querfinger unterhalb der Gesässfalte.
Er ist von dichten Varizen umlagert, macht einen etwas atrophischen Ein¬
druck und erscheint von beiden Seiten abgeplattet. Injektion von 5 ccm
4 proz. Novokainlösung in den Nervenstamm. Stumpfe Zerlegung des Nerven
in 2 Hälften und Querschnittsvereisung jeder Nervenhälfte 20 Minuten lang
mit meinem Kohlensäurevereisungsapparat *). Hautnaht. Dann wird auf der
Innenseite des rechten. Unterschenkels 5 cm unterhalb des Kniegelenkspaltes
der N. saphenus aufgesucht und 10 Minuten lang vereist. Hautnaht.
Unmittelbar nach der Novokaininjektion und Ischiadikusvereisung hören
die Schmerzen im rechten Fuss, die Berührungsempfindung und die Be¬
wegungsfähigkeit des rechten Fusses und der Zehen auf; während am linken
Unterschenkel und Fuss die Haut vollkommen normal ist, erscheint sie rechts
bis zum Kniegelenk nach oben zu abnehmend mit unregelmässig begrenzten
etwa erbsengrossen blauvioletten Flecken bedeckt, die den Eindruck venöser
Stasen machen.
12 Uhr mittags: Vollkommene Anästhesie wie am Ende der Operation
von der Kniekehle bis zu der Zehenspitze und im Saphenusgebiet unterhalb
der Vereisungsstelle.
6 Uhr abends: Rechter Fuss ist vollständig warm geworden.
17. V. Rechter Fuss und Zehen schlaff gelähmt. Auf der Rückseite
des Unterschenkels reicht jetzt die anästhetische Zone bis zu seiner Mitte.
An der Aussenseite des Unterschenkels kleine subkutane pulsierende Arterie
fühlbar. Fuss warm.
21. V. Motorische und sensible Lähmung unverändert. Fuss warm.
Puls an den Fussarterien nicht fühlbar. 22. V. Puls heute in Gegend der
rechten Art. dorsalis fühlbar.
26. V. Kapillar mikroskopische Untersuchung (Privat- .
dozent Dr. M o o g, Oberarzt der med. Klinik): Beim Herabhängenlassen
beider Beine aus dem Bett zeigt sich zwischen rechts und links ein deutlicher
Unterschied. Rechts intensive leicht violette Rötung der Haut, links normal
aussehende Haut, die später blau wird. Unter dem Mikroskop sind die
Kapillaren am rechten (vereisten) Bein normal weit mit deutlicher
Strömung. Links erscheinen dagegen die Kapillaren wesentlich enger,
wenn auch da gelegentlich normalweite Schlingen auftreten. Meist sind sie
auch korkzieherförmig gewunden.
7. VI. Motilität und Sensibilität nicht geändert. Der Kranke steht mit
Schienenstiefel auf. 15. VI. Der Kranke läuft mit 2 Stöcken. Entlassung.
Nachuntersuchung: 29. VI. Der Kranke bis zu 4 Stunden ausser
Bett. Schmerzen völlig geschwunden. Rechter Fuss
fühlt sich wärmer an als der linke. Kein Puls in den Fuss¬
arterien. Lähmung ungeändert. Keine faradische Erregbarkeit. Galvanisch
bei Stärke 15 wurmartige Zuckungen. Gegend des rechten Knöchels etwas
ödematös.
15. VII. Rechter Unterschenkel und Fussrücken ödematös geschwollen.
Oberschenkelumfang rechts 36,5, links 38,5 cm. Wadenumfang rechts 32,1,
links 30 cm. Anästhetische Zonen etwas verschmälert. Achillessehnenreflexe
vorhanden. Plantarreflex fehlt, Patellarreflexe vorhanden.
I. X. Der Kranke völlig schmerzfrei, läuft mit einem Stock. Er wiegt
jetzt 130 Pfund gegen 120 Pfund vor der Operation. Der rechte Fuss fühlt
sich genau so warm an wie der linke. Irgendwelche trophische Störungen
sind weder an der Fusssohle noch an den Zehen vorhanden. Puls weder an
der Art. dorsalis pedis noch an der Art. tib. post, fühlbar. Beim Hängen des
J) Vergl. Verhandl. d. Deutschen Gesellschaft f. Chir. 1920 S. 204.
r
390
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. _ _ _ Nr.
Fusses und beiin Stehen wird der rechte Fuss sofort intensiv hyperämisch.
Die Rötung setzt sich bis aui die Mitte des Unterschenkels fort. Aktive
Bewegungen sind weder mit dem Fuss noch mit den Zehen ausführbar. Bei
Reizung mit starken faradischen Strömen erfolgt vom Nerven aus keine
Zuckung.
7. XL Der Kranke dauernd beschwerdefrei. Keine Schmerzanfälle mehr.
Er geht auf ebenen Flächen wie in seiner Wohnung ohne Stock. Bei der
heutigen Untersuchung sind am rechten Fuss und Unterschenkel weder
trophische Ulcera noch sonstige trophische Störungen, wie spröde schuppende
Haut, festzustellen. Der Fuss fühlt sich nicht kühler an als der linke. Die
Muskulatur am ganzen rechten Bein ist etwas atrophisch. Die Umfänge
betragen 15 cm unterhalb der inneren Kniegelenksspalte rechts 28,5, links
30,5 cm. Der Kranke ist noch nicht imstande, den Fuss oder die Zehen aktiv
zu bewegen. Werden die Füsse nach abwärts gehängt, so rötet sich der
rechte Fussrücken deutlich, während die Rötung beim linken ausbleibt. Reiz¬
versuche der Haut mit Senföl ergaben weder rechts noch links ein Resultat.
Es besteht starke Klopfempfindlichkeit des N. tibialis in der Kniekehle und
etwa handbreit unterhalb davon und des N. peroneus am Wadenbeinköpfchen.
Die Schmerzen werden in das gelähmte Endausbreitungsgebiet beider Nerven
verlegt (Symptom von P. Hoff mann). Der Blutdruck beträgt an der
rechten Art. brachialis 'gemessen 215 mm Hg. Eine Röntgenaufnahme des
rechten Fusses und Unterschenkels lässt keine trophischen Veränderungen der
Knochen erkennen. Dagegen sieht man in der Höhe des oberen Sprung¬
gelenkes die geschlängelte verkalkte Art. dorsalis pedis.
8. XI. Kapillarmikroskopische Untersuchung (Privat¬
dozent Dr. Moog): Nagelfalz der 3. Zehe rechts: die Kapillaren sind nur
an der Umbiegungsstelle von der Arterie zur Vene zu Gesicht zu bringen.
Sie sind ziemlich eng, ab und zu erkennt man eine deutliche Schlängelung.
Die Strömung ist durchweg kontinuierlich. Ab und zu sieht man kurz¬
fristige Unterbrechungen. Links: die Kapillaren sind als lange Schlingen zu
sehen, sie sind sehr wenig geschlängelt und eng. Strömung wie rechts. Es
besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Seiten.
Eine Ausbreitung der Sensibilität nach der Peripherie ist seit der letzten
Untersuchung nicht eingetreten.
22. XL Der Kranke völlig beschwerdefrei. Um sein Bein zu kräftigen
hat er es mit einer Arznei eingerieben, die ihm Mitte Mai, also vor der
Operation, sein Hausarzt gegen die Schmerzen verschrieben hatte. Die Ein¬
reibung geschah am 15. oder 16. d. M. Am 21. bemerkte er Blasen am Fuss
und kommt deshalb in die Klinik. Befund: An der rechten 3. Zehe besteht
ein oberflächlicher nicht entzündeter Epitheldefekt neben dem lateralen
Nagelrand. An der Aussenseite des Endgliedes der 4. und 5. Zehe findet sich
eine oberflächliche Blasenbildung mit wässerigem Inhalt. Die übrige Fuss-
und Unterschenkelhaut ist genau wie bisher vollkommen normal, weder rissig
noch glänzend. Sobald der Fuss nach abwärts hängt, wird er wieder hyper¬
ämisch. Salbenverbände.
29. XL Epitheldefekt der 3. Zehe abgeheilt. Aus den Blasen der 4. und
5. Zehe ist die Flüssigkeit abgeflossen. Starke Klopfempfindlichkeit des
N. peroneus und tibialis bis zur Unterschenkelmitte mit nach den Zehen aus¬
strahlenden Sensationen. Keine Schmerzen mehr. Fuss und Zehen motorisch
noch völlig gelähmt.
6. XII. Die Stelle an der 3. Zehe, wo die Blase sich befand, ist völlig
überhäutet. Die andere an der Aussehseite und Sohlenfläche der 4. Zehe ist
leicht blaurot verfärbt. Die Blasenhaut ist darüber eingetrocknet. Kein Puls
an der Art. dorsalis pedis und der Art. tibialis.
8. XII. Neurologische Untersuchung durch Prof. Stertz: Faradisch
weder vom Nerven noch vom Muskel aus eine Reaktion. Galvanisch mit
starken Strömen vom Nerven aus keine Reaktion, vom Muskel aus eine
träge Zuckung. Die Reaktion tritt bei Reizung des Sehnenteils des Gastro-
knemius und Soleus besser und ergiebiger ein als bei Reizung des Muskel¬
bauchs. Genau so verhält sich der Extensor hallucis longus und der Extensor
digitorum. Der Abductor hallucis brevis reagiert weder galvanisch noch
faradisch, während er am linken Bein deutlich zuckt. Komplette Entartungs¬
reaktion der gelähmten Muskeln. Die Sensibilität entspricht den bisherigen
Grenzen. Auch bei Reizung mit faradischen Strömen wird in den anästhe¬
tischen Zonen kein Schmerz empfunden.
17. XII. Der rechte Fuss ist auch nach längerem Liegen in mässig
warmem Raum deutlich wärmer als der linke. Hängt er bei rechtwinklig
gebeugtem Knie nach abwärts, so tritt sofort eine intensive, bis zur Mitte
des Unterschenkels reichende Rötung ein. Die leicht blutige Verfärbung der
eingetrockneten Blase an der Aussenseite und Fusssohlenseite der kleinen
Zehe ist fast ganz verschwunden. Dagegen hatte sich in dem vorher ab¬
gehobenen Bezirk wieder eine Blase gebildet, die aufgebrochen ist und aus
der wässerige Flüssigkeit abfliesst. Auf der Aussenseite der rechten Ferse
besteht eine zweite längliche ebenfalls aufgebrochene Hautblase. Aktive Be¬
wegungen im Fuss und Zehen sind noch nicht möglich, passiv sind die Ge¬
lenke frei. Die Unterschenkelumfänge betragen 15 cm unterhalb der inneren
Kniegelenksspalte gemessen rechts 27, links 29 cm. Die Sensibilität ist
deutlich besser geworden, vor allen Dingen auf der Innenseite des Unter¬
schenkels, da wo Saphenusgebiet und Ischiadikusgebiet aneinanderstossen.
Besonders deutlich ist bei der heute vorgenommenen Untersuchung festzu¬
stellen, dass die Tiefensensibilität durchweg 2 Querfinger weiter nach peripher
reicht als die Oberflächensensibilität (mit Haarpinsel gemessen). Die Tiefen-
sensiblilität ist auch in der anästhetischen Insel am Saphenusgebiet vor¬
handen. Die Klopfempfindlichkeit des N. tibialis und peroneus reicht bis
nahe an die Knöchel.
20. XII. Kapillarmikroskopische Untersuchung (Privat¬
dozent Dr. Moog): Rechts sind an dem Nagelfalz der 2. Zehe die Kapillaren
gut sichtbar. Die Schlingen sind kurz, wenig geschlängelt, mittelmässig weit,
jedenfalls nicht enger als bei der letzten Untersuchung. Strömung langsam,
zum grossen Teil körnig, der Untergrund ist gut durchblutet. Am linken
Fuss sind die Kapillaren zahlreicher sichtbar als rechts. Ihre Weite ent¬
spricht der der rechten Seite. Die Strömung ist nicht ganz gleichmässig,
aber weniger körnig als rechts. Der Untergrund ist weniger durchblutet als
rechts.
30. XII. Nach Entfernung der nekrotisch gewordenen Kutis findet sich
ein trophisches Geschwür auf der Ferse und ein zweites an der
Aussenseite des rechten Fusses etwa in Höhe des 5. Metatarsalköpfchens.
19. I. 1922. Der rechte Fuss ist wärmer wie der linke, seine Haut frisch
rot. Das Ulcus auf der Ferse ist noch zweipfenniggross und mit frischen
Granulationen bedeckt. Das an der Aussenseite der 5. Zehe ist noch nicht
kleiner geworden, sein Grund noch nicht ganz gereinigt. Beim Heize
beider Unterschenkel und Füsse mit dem ülühlichtbogen werden dt
rechte Fuss und Unterschenkel deutlich hyperänii
scher wie links.
1. 11. 1922. Der Kranke dauernd schmerzfrei. Er hat immer das Gefü
von Wärme im rechten Fuss. Das Geschwür an der rechten Ferse ist se
einigen Tagen völlig ab geh eilt, das an* der Aussenseite der 5. Zeh
ist noch pfenniggross und am Rande in i t frischen Granulationen bedeckt. Di
anästhetische Bezirk ist seit der letzten Untersuchung wieder deutlich kleine
geworden. In den Hautbezirken, in denen die. Sensibilität wiedergekehrt is
ist das Gefühl besser als an der normalen Haut (Hyperästhesie).
Das vorliegende Krankheitsbild war so zu deuten, dass es sich tu
Angiospasmen bei peripherer Arteriosklerose hat
delte. Alter des Kranken, die nachweisbare Arteriosklerose periphere
Arterien (Temporales, Radiales. Fussarterien), hoher Blutdruck und dj
Herzerscheinungen sprachen für diese Diagnose. Dass der senile
Gangrän anfallsweise auftretende, mit starken Schmerzen verlautend
Gefässkrämpfe lange Zeit vorangehen können, ist bekannt. Der völlig
Verschluss der Arterien tritt schliesslich bei fortschreitender Erkrai
kung der üefässwand durch Intimaverdickung, Thrombose und embt
lische Vorgänge ein. Ob in diesem Falle die Gangrän bereits im Ar
schloss an den langdauernden, über 15 Stunden von uns beobachtete
Gefässkrampf eingetreten wäre, lässt sich natürlich nicht entscheidei
ich habe es angenommen und unter diesem Gesichtspunkte, wie ei
wähnt die Nervenvereisung vorgenommen.
Die Durchsicht der Literatur ergab, dass von französischer Seit
bei schmerzhafter Gangrän bereits einmal die Resektion von Nerver
Stämmen vorgenommen worden wrar. Z w i r n und H a y e m haben i
einem entsprechenden Fall den Nervus tibialis hinter dem innere
Knöchel und dem N. peroneus superficialis im mittleren Unterschenke
drittel reseziert. Die Schmerzen hörten daraufhin auf und auch dl
Gangrän wurde durch Wegfall angiospastischer Momente günstig bc
einflusst. Auch in meinem Falle sind die Folgen der Querschnitts
Vereisung des N. ischiadicus und des N. saphenus bemerkenswert i
bezug auf 1. die Schmerzen. 2. Oie Zirkulationsverhältnisse und 3. di
Frage der Entstehung trophischer Geschwüre.
Die S c tun e r z a n f ä 1 1 e. die dem Kranken das Leben verbittei
ten, sind vom Augenblick der Vereisung an, nun seit 9 Monaten, voii
ständig be-seitigt worden. Dafür hat der Kranke eine Läl
mung aller Qualitäten der im N. ischiadicus verlaufenden Nervenfaser
eingetauscht. Von diesem Ausfall spielt für den Kranken eine eil
drucksvolle praktische Rolle nur die motorische Lähmung. Di
Vereisungsstelle ist so gelegt, dass die Unterschenkelbeuger erhalte
und nur die Fussmuskeln gelähmt worden sind. Diese Lähmung bt
steht jetzt noch vollkommen. Sie lässt sich aber durch das Trage
eines Peroneusstiefels weitgehend ausgleichen. Der Kranke läuft hit
in unserer bergigen Gegend recht gut mit einem oder auch zwi
Stöcken. Die erhebliche Zunahme seines Körpergewichtes zeigt ai
besten, dass er wieder ein lebensfroher Mensch geworden ist. Wi
die sensible Lähmung in langsamem Rückgang begriffen ist, so wir
auch allmählich die motorische zurückgehen. Das Wiede rauswachsc
der sensiblen Nervenfasern haben wir durch häufige Untersuchung dt
Hautsensibilität sowie mit Hilfe des P. H o f f ma n n sehen Nervei
klopfversuches verfolgt. In den ersten 6 Monaten erfolgte die Vei
kleinerung der anästhetischen Hautbezirke am Unterschenkel nur sei
langsam. Im 8. und 9. Monat machte sie aber sehr rasche Fortschritt
so dass am Ende des 9. Monats der Unterschenkel bis nahe an di
Knöchelgegend wieder normale Hautempfindlichkeit zeigte. Die Fus:
muskeln sind 9 Monate nach der Vereisung noch vollkommen gelähm
Eine Atrophie der Unterschenkelmuskulatur nahm in den ersten Monate
zu, ging aber dann wieder etwas zurück. Die weitgehende sensibl
und motorische Lähmung musste bei der hochliegenden Vereisungssteli
am Ischiadicus mit in Kauf genommen werden. Dafür ergab sich dt
Vorteil, dass sich die Wirkung in bezug auf die Zirkulation auf e:
sehr grosses Gebiet erstreckte und dass sie längere Zeit erhalten bleib
Sollten nach vollkommen eingetretener sensibler und vasomotorische
Regeneration sich wieder Schmerzzustände einstellen, so würde ic
nicht zögern, die Nerven aufs neue zu vereisen.
Auf die Zirkulation in dem gefährdeten Fusse ist die Nervei
Vereisung von wesentlichem Einfluss gewesen. Der Fuss wurde b
der ersten Untersuchung, wenige Stunden nach der Opera
tion wieder warm gefunden. Der gleiche Befund ergab sic
bei allen unseren Nachuntersuchungen. In den ersten Wochen nac
dem Aufstehen bestand ein Oedem am Unterschenkel und in di
Knöchelgegend, das aber bald vollkommen verschwand. Beim Heral
hängenlassen des Fusses und beim Stehen ist noch jetzt monatelan
nach der Vereisung der rechte Fussund Unterschenkel gege
links deutlich hyperämisch. Der Tonus der kleinen Arterie
und der Kapillaren ist nach der Vereisung zunächst weggefalilen, h;
sich dann aber bis zu einem gewissen Grade wieder hergestellt. N;
genügt er noch nicht, um die auf ihm lastende Blutsäule zu trage
Recht bemerkenswerte Aufschlüsse ergab die kapillarmikrosko
p i s c h e Untersuchung. Am 10. Tage nach der Vereisung wart
die Kapillaren am vereisten Fuss normal weit, aber weiter wie a;
anderen Fuss. Etwa ein halbes Jahr später fanden sich keine Unte
schiede mehr. Dagegen zeigte sich bei jeder Nachuntersuchung, da;
beim Herabhängenlassen des vereisten Fusses sich seine Kapillare
gegen den anderen deutlich erweiterten. Der Kapillartonus war a;
vereisten Bein noch dreiviertel Jahre nach der Vereisung des zugehör
gen grossen Nerven noch nicht so weit wieder hergestellt, dass er d
auf ihm lastende Blutsäule ohne Veränderung tragen konnte. Der vo
1
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März 1922.
MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
391
anfallsweise auftretende, wahrscheinlich aber bis zu einem gewissen
.de immer vorhanden gewesene Reiztonus der Kapillaren ist durch
Nervenvereisung auf Monate beseitigt worden, wodurch die Zir-
itionsverhältnisse und damit die Ernährung des rechten Fusses
amtlich gebessert worden sind. Vermutlich sind die
h m e r z a n f ä 1 1 e ausgeblieben, nicht nur weil die
:i s i b 1 c Leitung nach oben unterbrochen worden
r. sondern weil überhaupt keine Angiospasmen
standegekommen sind. Weder bei unseren zahlreichen
:huntersuchungen noch durch Erhebungen beim Kranken haben wir
als etwas feststellen können, was auf das Wiederauf treten von
pospasmen hätte schliessen lassen. Der Wegfall des Reiztonus und
bessere Durchblutung der Extremität haben ihr Zustandekommen
hindert.
Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass bei einer
lonate nach der Vereisung vorgenommenen Untersuchung auf Hitze-
: die Kapillaren des gelähmten Fusses stärker mit Erweiterung rea-
ten als die des anderen. Da es sich aber bei diesem Kranken
rt um ein gesundes Gefässsystem handelte, möchte ich von Schluss-
erungen aus dieser Tatsache absehen. Ich möchte nur darauf hin-
sen, dass Bier an dem Hinterbein eines Ferkels, bei dem in Höhe
Art. femoralis alle Nervenverbindumgen nach oben durchschnitten
rden waren, im Heissluftkasten die Hyperämie in ganz derselben
. rn erzeugen konnte, wie am normalen Bein. Die Kapillardilatation
ch die heisse Luft ist also nicht an die Nervenverbindungen mit dem
’ :kenmark gebunden.
Ueber das physiologische und anatomische Verhalten der Gefässe
h der Durchschneidung des zugehörigen grossen Nerven liegen zahl-
■ ;he Untersuchungen vor. L a p i n s k y fand nach Durchschneidung
Froschisehiiadicus zunächst eine Verengerung der Gefässe der ge-
mten Extremität infolge Reizung der verletzten Vasokonstriktoren,
nach 24 — 60 Stunden in eine Erweiterung übergeht, zu der sich
ige Tage später eine Schlängelung und Ausbuchtung der Gefässwand
eilt. Dann kommt es wieder zu einer geringfügigen Verengerung,
h so, dass die Gefässe weiter als normal bleiben. Groll hält
lerdings den Ablauf der Veränderungen am Zirkulationsapparat nach
hiiasdurchschneidung beim Frosch für nicht so gesetzmässig. Vor
:m ist nach der Periode der arteriellen Hyperämie die Wiederher-
llung des peripheren Gefässtonus unvollkommen, so dass sich das
den eines ausgleichenden Einflusses einer übergeordneten Regula-
l durch die ausgeschalteten Zentren noch bemerkbar macht. Ex-
imentelle Untersuchungen (Schiff, L a n do i s) sowie Beobach¬
gen am Menschen (C a s s i r e r) ergaben weiter, dass noch in spä-
sr Zeit nach der Nervendurchtrennung in der gelähmten Extremität
>Ige vermehrter Wärmeabgabe die Temperatur herabgesetzt sei.
flieh sind von Bedeutung anatomische Veränderungen,
nentlich eine erhebliche Dickenzunahme der Gefässwand, die sich
ige Zeit nach der Nervendurchschneidung nachweisen Hessen (Ber-
e t, A. Fränkel, Helling, Lapinsky u. a.). Namentlich auf
snd der Untersuchungen Lapinskys kann es als erwiesen an-
ehen werden, dass die normale Zusammensetzung der Gefässwand
i der Unversehrtheit des zugehörigen Nerven abhängig ist. Will
m die Ergebnisse dieser Untersuchungen auf den vorliegenden Fall
:rtr.agen, so ist zunächst zu berücksichtigen, dass es sich bei ihm
ht um ein gesundes Gefässsystem, sondern um ein arteriosklerotisch
ranktes handelte. Die durch die Nervenvereisung gesetzte Strom¬
reiterung erstreckt sich auf ein spastisch und durch Wandver-
kung verengtes Gefässgebiet. Der Vergleich mit der anderen, eben-
s nicht ganz gesunden Extremität zeigt, dass die Vereisung des
hiadicus zwar keine Wirkung auf die grossen, wahrscheinlich throm-
;ierten Fussarterien ausüben konnte, dass aber, wie erwähnt, das
ize Kapillargebiet auf Monate hindurch den Reizzustand seines Tonus
ior und dafür einen relativen Tonus erhielt, der schon beim
;rabhän genlassen der Extremität eine Kapillar-
s c h 1 a f f u n g n i c h t verhindern konnte. Weiter muss man
den erwähnten experimentellen Untersuchungen bedenken, dass sie
; mit Nervendurchschneidungen gemacht worden sind. Alle Fern-
:ebtiisse werden bezogen auf die Degeneration am peripheren und
itralen Nervenabschnitt. Es wäre aber auch denkbar, dass die
Jurombildung am zentralen Nervenstumpf und der Reiz der
h dort bildenden Verwachsungen nicht ohne Einfluss auf das Ka-
larsvstem gebliieben sind (vergl. unten).
Die Frage der Entstehung von trop bischen Störungen
ch der Querschnittsvereisung eines Nervenstammes ist von hohem
eresse, weil sich das Verhalten eines vereisten Nervenquerschnittes
n einem durchschnittenen wesentlich unterscheidet. Wie W. T r en¬
de n bürg besonders betont hat, schliessen sich an die Querschnitts-
reisung eines Nervenstammes keine Rcizvorgänge im
nne einer Narbenbildung an. Die Regeneration' im ver¬
heil Nerven, die nach der Degeneration des peripheren und des an-
. mzenden zentralen (Wiedhopf) Stückes einsetzt, braucht also
:ht die Schranke einer Narbe zu durchbrechen. Auch in meinem
■ Ile hat sich mit Sicherheit keine endoneurale und mit grosser Wahr-
leinlichkeit keine perineurale Narbe an der Vereisungsstelle gebildet,
ahrend der Vereisung ist das Nachbargewebe peinlich vor dem Mit¬
frieren geschützt worden. Das schnelle Wiederauswachsen der Ner-
nfasern und die fehlenden Beschwerden an der Freilegungsstelle
r Nerven beweisen, dass keine Nervennarben vorhanden sind. Das
■rhalten des gelähmten Abschnittes nach dieser narben- und neurom-
;en Nervendurchtrennung ist nun deshalb von besonderem Interesse,
weil nach den Vorstellungen von L e r i c h e und B r ii n i n g zwischen
Neurom und Entstehung trophischer Geschwüre ursächliche Beziehungen
bestehen sollen. Zur Klärung dieser Frage haben meine am Menschen
erhobenen Beobachtungen den Wert eines Experimentes.
Sechs Monate lang nach der Vereisung haben sich keine Spuren
irgendeiner trophischen Störung nachweisen lassen, obwohl der Kranke
den gelähmten Fuss im Schuhwerk ohne besondere Polsterung beim
Gehen, ausgiebig belastet hat. Eine sehr oberflächliche Verbrennung
ist am Fussrücken in wenigen Tagen verheilt. Auch am Knochen haben
in dieser Zeit wiederholte Röntgenaufnahmen keine Veränderungen er¬
geben. Im 7. Monat ist noch ein nach einer Einreibung an der 3. Zehe
entstandener Epitheldefekt schnell zugeheilt. Dagegen bildete sich offen¬
bar infolge eines Schuhdruckes um diese Zeit an der Aussenfläche und
Sohlenseite der 5. Zehe eine leicht blaurot verfärbte Stelle, zu der
dann Anfang des 8. Monats eine Blasenbildung an der Ferse kam.
Beide Stellen wandelten sich in oberflächliche Ulcera um. Soll man
sie als trophische Störungen auffassen? Dass in einem anästhetischen
Hautbezirk ein durch das normale Hautgefühl nicht kontrollierter Druck
eine Blutsugilktion und ein Ulcus hervorrufen kann, ist an sich nichts
Verwunderliches. Auffallend ist aber, dass das gleich an mehreren
Stellen geschah und dass es bei erhaltenen ganz gleichen
Bedingungen erst nach über 6 Monaten sich einstellte. Ich zögere
nicht, die Veränderungen als „trophische“ aufzufassen und glaube, dass
das späte Auftreten dieser Störungen einer besonderen Beachtung
bedarf.
Nach den Vorstellungen von Leriche führt qine Nervennarbe
(Neurom) zu einer Störung der kapillaren Zirkulation. Der von den
Verwachsungen an der Neuromstelle ausgehende Reiz wird über die
Rückenmarksganglien zum Teil über periarterielle sympathische Bahnen
zur Peripherie an die Kapillaren geleitet. Nicht der Sensibilitätsverlust,
sondern -der von den Verwachsungen ausgehende Dauerreiz begünstigt
die Entstehung trophischer Geschwüre. Leriche nimmt an, dass
es sich immer um einem vasodilatatorischen Reiz handele. Als Beweis
für die Richtigkeit dieser Annahme führt Leriche auch die Tatsache
an, dass zwischen der Verletzung z. B. des N. ischiadicus und dem
Auftreten trophischer Geschwüre immer ein längerer Zeitraum, der
meist mehrere Monate betrüge, liegt. Auch wenn der Fuss solchen
äusseren Beschädigungen ausgesetzt ist, die sonst erfahrungsgemäss
die Entstehung trophischer Ulcera begünstigen, so treten sie doch
in frischen Fällen nicht auf. Erst wenn die Nervennarbe sich gebildet
hat, entstehen die trophischen Geschwüre.
B r ü n in g .führte diese Gedankengänge noch weiter. Er sieht die
nach Nervenverletzungen auftretenden Gewebsschäden als eine Kom¬
bination der Folgen des Sensibilitätsverlustes, von Störungen der fei¬
neren Gefässarbeit, der Schweissekretion und vielleicht auch speziell
trophischer Funktionen der Nerven an. Die Hauptursache ist ein
„Reizzustand“ im Nerven, der sowohl bei partiellen wie totalen Ner¬
vendurchtrennungen zustande kommt und der durch den Narbendruck
oder das Neurom an der Verletzungsstelle ausgelöst wird. Dieser Reiz
greift an den im peripheren Nerven verlaufenden sympathischen Fasern
an. Möglicherweise wirkt dieser Reiz im Nerven zuerst auch auf sen¬
sible Fasern und wird erst im Rückenmark auf das Sympathikusgebiet
übertragen. Für die Richtigkeit ihrer Anschauungen führen Leriche
und Brüning vor allem die heilende Wirkung der operativen Ent¬
fernung von Neuromen und Nervennarben auf trophische Störungen
an, die schon zu einer Zeit eintreten, wo eine Wiederherstellung der
Nervenleitung noch nicht möglich ist.
Auch in meinem Falle von Ischiadikusvereisung besteht, genau
wie es Leriche von den Nervenverletzungen beschreibt, ein Inter¬
vall zwischen dem Zeitpunkt der Verletzung und
dem Auftreten der trophischen Störungen. Es beträgt
etwa 634 Monate. Es fehlt aber bei der Nervenvereisung das, was
nach der Verletzung in dieser Zeit vor sich geht und den Reiz zu
trophischen Störungen abgeben soll, nämlich die Narbenbildung. Es
müssen hier also andere Dinge wirksam sein,, die die trophischen
Störungen hervorrufen. Es war nun auffallend, dass eben zu der Zeit,
wo 'die Störungen erkennbar wurden, die Regeneration des vereisten
Nerven bemerkenswert rasche Fortschritte machte. Die anästhetischen
Hautbezirke am Unterschenkel, die bis dahin nur wenig eingeengt
worden waren, wurden wesentlich kleiner und die beiden Hauptstämme,
der N. peroneus sowie der N. tibialis waren bis in die Gegend der
Knöchel ausserordentlich klopfempfindlich, wobei die Schmerzen in
ihr Endausbreitungsgebiet verlegt wurden. Dies Zeichen wird so ge¬
deutet, dass die Regeneration bis an die klopfempfindliche Stelle
fortgeschritten ist (P. Hoff mann). Dabei lagen die trophischen
Störungen noch vollkommen im sensibel und motorisch gelähmten Ge¬
biet. Auch ein wiedereingetretener nervöser Anschluss der Gefässe
im gelähmten Fuss war noch nicht erkennbar. Wenigstens kam es
beim Herabhängen dieses Fusses noch zur erheblichen Hyperämie.
Der Kapillartonus war also noch sehr geschwächt. Vielleicht ist
es aber doch möglich, dass die Nervenregeneration bereits weitere
Fortschritte gemacht hat, als es durch unsere klinischen Untersuchungs¬
methoden nachziiweisen ist. Es wäre ein Entwicklungsstadium der
jungen Nervenfasern denkbar, wo sie zwar noch keine Berührungs¬
oder Schmerzempfindung zu leiten vermögen, doch aber imstande sind,
bereits einen „Reiz“ auf das Gewebe zu vermitteln, in das sie hinein¬
gewachsen sind. Ein derartig „unterinnerviertes“ Gewebe scheint
aber zur Entstehung trophischer Störungen besonders disponiert zu sein.
Brüning kommt auf Grund seiner Literaturstudien zu dem Schluss,
dass im allgemeinen mehr die pathologische Veränderung der luner-
■
.392
.MÜNCHENER MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
HrJ
vation als ihre völlige Aufhebung zur Schädigung des Gewebes führt.
Hieher gehören ausser den partiellen Nervenverletzungen vielleicht auch
die bei Tabes oder Syringomyelie beobachteten trophischen Störun¬
gen. Es wäre also denkbar, dass sich an der unteren Extremität nach
einer Ischiadikusvereisung und zwar je nach der Höhe der Ve'reiSUngs-
stelle nach Monaten ein kritisches Stadium aWs’biklet, in dem
der gelähmte Euss trophischen Störungen gegenüber besonders Wtenig
widerstandsfähig ist. Theoretisch müsste sich dies Stadium verhindern
oder beseitigen lassen, wenn man den Nervert aufs neue
vereist. Das trophische Ulcus an der Ferse War 8 Vz Monate nach
der Vereisung wieder vollständig zugeheilt zd einer Zeit, wo die Haut¬
sensibilität sich noch weiter an die Knöchel heran hergestellt hatte.
Das weiter peripher gelegene Ulctrs zeigte um diese Zeit am Rande
gute Granulationsbildung, heilte aber in der Beobachtungszeit nicht Zu.
Ob die Ischiadikusvereisung mit der arteriell-venösen Attastomose
W i e t i n g s in Konkurrenz zu treten vermag, lässt sich natürlich auf
Grund meiner einzigen Beobachtung noch nicht sagen. Vor allem fehlt
es noch an Erfahrungen darüber, inwieweit die Nerven Vereisung bei
bereits eingetretener peripherer Gangrän das oberhalb liegende bedrohte
Gewebe durch bessere Durchblutung zu schützen vermag. Jedenfalls
hat die Nervefivereisung vor der Wietingschen Operation voraus,
dass sie ungefährlich ist und dass sie mit völliger Sicherheit die
Schmerzzustände beseitigt. Ihre Technik ist noch ausbaubar. Z w i r n
und H a y e m raten, die Nervenresektion in der Nähe des Gangrän¬
herdes auszuführen, um gesundes Gebiet möglichst zu schonen. Ich
habe oben die Gründe auseinandergesetzt, warum ich die Vereisung
so hoch gelegt habe. Es würde aber vielleicht genügen, die Ver¬
eisung unterhalb des Abgangs der motorischen Aeste für den
Gastroknemius und den Soleus zu legen. Dann würde die motorische
Lähmung des Fasses vermieden werden. Die Vereisung kommt zu¬
nächst nur an der unteren Extremität in Frage. Die geeignetste Indi¬
kation gibt das der' sensilen Gangrän nicht selten vorangehende angio-
sklerotische Reizstadium ab. Auch bei Raynaud scher Krankheit
kann man an der unteren Extremität die Vereisung in Betracht ziehen.
Neuerdings habe ich die Vereisung des Ischiadikus und Saphenus
auch doppelseitig in einem Falle von Erythromelalgie vorgenommen.
Ich werde über diesen Fall berichten, wenn er genügend lange beobach¬
tet worden ist.
Für einige Stunden kann man ängiospastische und erythromekl-
gische Schmerzanfälle durch Le'itungsunterbrechung des N. Ischiadicus
und des N femoraiis mit einer 2— 4pruz. Novokainlusiuig beseitigen.
Nach Ablauf der pharmakologischen Wirkung tfeten aber natürlich die
Schmerzen wieder auf.
Literatur.
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Konstitution und endokrines System*).
Von O. Wuth.
wirken 6iner Erkrankung ist in der Resel das Zusammen-
virken mehrerer Faktoren erforderlich. Auf der einen Seite steht als
3UI der anderen der betroffene Organismus. Wie
für die Schädlichkeit eine gewisse minimale Wirkungsfähigkeit zur Er¬
zielung eines Effektes notwendig ist, so muss andererseits der Organis¬
mus eine gewisse Krankheitsbereitschaft, eine Disposition zeigen. Diese
KondbLZnnd p*in e'nen, variablen, stets schwankenden Anteil, die
,m wesen,Bchen in ^ A"'^e f“*-
, p>e Konstitution ist nach Bauer zu definieren als die Summe
find [<eimplasma übertragenen Eigenschaften des Organismus
und setzt sich zusammen aus den Partialkonstitutionen der einzelnen
Korpergewebe Organe und Organsysteme, die durch innige Korrelation
zum einheitlichen Ganzen verbunden sind.
i Persönlichkeit des entwickelten Menschen steht uns in der Norm
als einheitliches Gesamtbild gegenüber. Versuchen wir uns von diesem
n"hdriDk für das Folgende freizumachen und betrachten wir, die körnet
icie Persönlichkeit getrennt von der psychischen, wie wir dies ia
auch aus schematischen Gründen bei klinischen Untersuchungen zu
üben gewohnt sind; wir wenden uns zunächst der körperlichen Persön
hehkeit zu, dem Habitus, der z. T. freilich durch äussere Fakten
Resultante der dem Individuum überkommenen morpho-
genetischeii Anlagen. Schon oberflächlichste Betrachtung zeigt uns
dass weitaus die Mehrzahl der Einzelindividuen die Merkmale ihrer
Rassen-, Stammes- und Familienangehörigkeit aufweist. Allein die
amilienahnlichkeit, oft unter Ueberspringung von Generationen und
Xi? inurdkrm^rere ,SOlche - zä5, '«tota.te». weist daraufhin” dass
'n der Keimanlage ein der späteren Entwicklung die Wege
eisendes Prinzip vorhanden -sein muss. Ueber das Wesen dieses
zu Sr als erdieaSRenh Tf $° °ft' difi Padlologie eher Aufschlüsse
geoen als die Beobachtung normalen Geschehens. Wir sehen
*) Antrittsvorlesung München 29. Juli 1921.
dämlich bei gewissen Erkrankungen Familien- und Stammesähnlichke
bei den davon betroffenen Individuen verschwinden; dafür, zeigen die:
unter Si'ch erstaunliche und oft derartig hochgradige Aehn'ichkcit, da
man sie für Glieder derselben Familie flauen Könnte. Im ausgeprägt
steil Masse ist dicSCS Vorkommnis beim Kretinismus zu beobachte
Dieser zeichnet sich bekanntlich in körperlicher Hinsicht hauptsächli;
äus durch Zurückbleiben des Knochenwachstums, Verdickung der Hai
•Spärlichkeit des Haarwuchses. Das Zurückbleiben der Schädelbas
gegenüber der Kapsel, die breite Nase, die durch die Hautverdicku:
bewirkte schwammige AuSdrückstosigkeit des Gesichts mit dem charal
teristischen Gemisch vört 1 Kindlichkeit Und Greisenhaftigkeit bewirkt
eine ganz ausserordentliche Aehnlichkeit solcher Individuen1). Au
gesprochene Beeinflussung der äusseren Gestaltung, allerdings nie
in so weitgehendem Masse wie beim Kretinismus, findet sich bei Mo
bus Basedowii, tief Akromegalie, dem hypophysären und eunuchoid«
HöchWüchs, dem hypophysären, sowie dehi noch Umstrittenen thyiln
genen und suprarenalen Zwergwuchs, der eunuchoiden, hypophysär«
und thyreogene!! Fettsucht. Allen diesen Erkrankungen gemein ist m
dCr Umstand, dass sie dem heutigen Stande unsdreS Wissens nach a
Störungen im endokrinen System äüfzufassen sind, eine Annahme, c
ja schon in der Benehftüng der Krankheiten zum Ausdruck kommt.
•Sprechet Somit zahlreiche Erfahrungen der menschlichen Pathi
Ingie durchaus im Sinne einer Beeinflussung der körperlichen Gestaltui
durch innersekretorische Organe, So findet diese Anschauung eine e;
perimentelle Bestätiguhg sowohl durch Ergebnisse der mensc.
liehen, Therapie als auch durch das Tierexperiment. Aus di
Fülle des vorliegenden Materials seien hier jeweils nur einige besonde
deutliche Beispiele herausgegriffen. So ist einörsets bekannt, da:
Wachstum und Körperform bei Kr et inen durch Zufuhr von Schilddriisei
Substanz in ausgesprochenem Masse beeinflusst werden können, eir
Tatsache, die in einer Steigerung des Längenwachstums und in ein«
Abnähihe des Körpergewichts zum Ausdruck kommt. Anderseits habe
Ülidernatsch, R o m e i s, A b e 1 i n u. a. in zahlreichen Vets'uclje
eine Beeinflussung metamorphosierendef Kaulquappen durch Fiitterdn
mit Blutdrüsensubstanz festgestellt, So wirkt z. B. ThyfeOiddaMü!
wachstumshemmend iinti eritwicklungsbeschleunigend, während durc
T hy m u stufte rting schwächliche und sogar verkümmerte Tiere zu krä
tigeh Exemplaren aus';;äcnseh.
, Seht wohl hervor, dass wir berechtigt sein dürfte)
endokrinen System eine höchst wichtige Rolle für die äussere Gt
staltung der Persönlichkeit zuzuerketttten,
Ungleich schwieriger als die Betfachtung der körperlichen ist dl
dei psychischen Persönlichkeit. Aus dem Bedürfnis nach kennzeichnen
zusanimenfassender Beschreibung heraus hat man zur Chäraktefisierun
von Persönlichkeiten den Begriff def Temperamente äüfgestelit. Di
•e iie v?n deu Temperamenten stammt VÖh Öälen, def das chölf
nsche, c,as sanguinische, das inelancholische und das phlegmatisch
1 c m per amen t als Abweichung von der normalen Säftemischung ui;
zwar als fein körperliche Dyskfasien , beschrieben hat. DieSe rei
somatische Auffassung hat sidh allmählich in eine rein psychologiscf;
umgewandelt. Die körperlichen Grundlagen der Galen sehen Air
«ssung habeit nur mehr historisches Interesse; immer jedoch wurd
das Temperament zum Körper in Beziehung gebracht, Cannstad
OSSt in seinem Anhang zum G h i s 1 a 1 h Scheii Lehrbuch das Tetiipdfi
IT.™ ,au[ -die an die Organisation gebundene Provinz der geistige
iatigkeit, dte teils von ursprünglicher Bildung, teils von äusseren Bt
dingungen abhänge.“ H e i n r o t h sagt darüber: i.Detirt dieses ist kein
rage mehr, dass das Temperament vbh der Beschaffenheit des Organ
wir ieSe,iS und!ddm Verhältnis seiner Wechselglieder abhängt, wen
nro-arTc^i1 Snk°!1 ,dcht erklären, sondern bloss ahnen könilen, wie di
cSf • öawS,da? Temperament mannigfaltig bestimmt. Und so eni
spränge eigentlich das innere Seelenleben, das Leben des Heredns, de
üemuts dem leiblichen Leben. Es wäre das Gefäss- und Nervenlebe
dl« nw^’nr1!!12 aoSen, VerhäJtnissen die eigentliche und wahre Basi
Tpm^Iro hl?ein ?££.ehrens und Strebens.“ Wundt definiert da
i- :,mier'i Affektanlage und Bauer bezeichnet es direkt a
psyclnschen Habitus.
i . , p?st, ade Definitionen der Temperamente weisen nkn auf erf
biologische und auf körperliche Grundlagen hin Mmf 9 S° ai ? ei
die Abhängigkeit psychischen Geschehens im Li,^!1.1 Aat J)ns aucl1
von körperlichen Vnrcrnno-pr, d ,Li • m d.6r Temperament
bracht Wirbaben in deS ZS^0l0gie ,,euere Gesichtspunkte ge
Krankheitsgruppe vor uns bei ^ deTdirR S^Chl3chen StörungeP e"'
Habitus durch körperliche Abweichungen w
Grade wahrscheinlich zu bezeichnen fst ^ der ^rm- aLs im h-°?
Tätigkeit der Schilddrüse entspricht e‘ Pathologisch geminderte
der geistigen Lebhaftigkeit und Enr APathie’ eme Vermindere
cot bezeichnet das Myxödem - der Psychomotilität. Chai
Kocher prägte für Kretinen A^adetu als Winterschlaf der Seel
menschen.’ Im Gegensatz' hjp ? -ß^vefen Grades den Ausdruck Pflanzei
die Labilität des Affektleb' ' ^ d*e Steigerung der Erregbarkei
Hyperfunktion dieses Orr bei Schilddrüsenstörungen, die man a
sehe Veränderungen sc’ ^atvs aufzufassen geneigt ist. Andere psyel1
solchen der Keimdrüs ydcn bei Erkrankungen der Hypophyse und b
Temperament berr ^ Vorkommen und sich hier durch phlegmatisch
.merkbar machen. Wenngleich ohne weiteres z'
D Nur neber' ,
pelin seine G oei sei bemerkt, dass auf Grund obiger Tatsachen Krae
völlig ungeklä’- Geneigtheit ausgesprochen hat, den in seinen Ursachen no>
eine ganz an ‘kn Mongolismus, bei welchem die davon betroffenen IndividU'
sekretorisc' ^SSerordentliche Aehnlichkeit aufweisen, per analogiam den inne
Gien Störungen zuamziLhlen.
i . März. 1922,
geben ist, dass diese Fragen von eihfe'r völligen Klärung noch weif
itfernt sind, und die Verhältnisse durchaus nichf sei einfach liegen,
15 oberflächliche Betrachtung Vortäuschen könnte, so kann mail döch
jhl mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass allen ebenerwähnten psychi-
iien Anomalien gemeinsam .ist die Zugehörigkeit der im Krankheits-
1 le ■ die psychische Veränderung Irti Gefolge habenden Organe zum
dokrinen System. Auch diese Auffassung wild gestützt durch ver-
hiedene Erfahrungen der Therapie, ' so durch die opötherapentisehen
folge bei Hypothyreosen, durch die Symptomatologie der Thyreoidlu-
rgiftung und die chirurgischen Erfolge bei Hyperthyreoidismus. Auch
s Tierexperiment liefert zur Stütze gewisse Beiträge. Wir denken
an Versuche Adlers, dem es gelang, bei winterschlafenden Igeln
rch Thyreoidinzufuhr das Erwachen künstlich hervorzurufen. Ferner
läre anzuführen die von Rom eis beschriebene und vielleicht als
irm einer Beeinflussung recht primitiver Triebe aufzufassende Steige¬
ng der Fresslust bei Kaulquappen durch Fütterung mit Keimdrüsen-
bktahl
Aus diesen, soeben, angeführten.Tatsache-n können wir also mit Ziem-
|:hfcir Wahrscheinlichkeit dfeü Schluss Ziehen, ; dass dem endokrinen
rstem ein gewichtiger Einfluss auf den körperlichen Und psychischen
abitus, somit auf die Qesamtpersönlichkeit zu/.usch-eiben sein dürfte.
; dürfte ferner einleuchten, dass dieser Einfluss wohl in der Pathologie
id im Tierexperiment als konditionell zu betrachten ist. dass man den-
Iben aber für die Vererbung körperlicher und psvchischer Anlagen
' s konstitutionell wird auffassen müssen. Würde sich diese Annahme
ir absoluten Gewissheit erheben lassen, so hätten wir in dem Blut-
iisensystem gewissermassen den Träger der Konstitution, den Weg-
eiser und Regulator der Entwicklung, das Bindeglied zwischen psychi-
hem und physischem Werden und Geschehen zu erblicken.
In der Regel finden wir nun Soma und Psyche zum einheitlichen
aazen der Persönlichkeit fast untrennbar verschmolzen. Auf grob
upirischer Beobachtung Und Verwertung dieser Ueberelnstimmung
isiert die Gabe, die wir gemeinhin als Menschenkenntnis zu bezeichnen
legen.
Indessen hat es auch nicht an Versuchen gefehlt, diese Beziehungen
issenschaftlich zii erklären; Als hypothyreotisches Temperament hat
an eine Konstitution bezeichnet, deren Trägern bestimmte körperliche
id seelische Eigenschaften in konstanter Weise eigen sind. In psychi-
her Hinsicht zeigen solche Individuen geringe Regsamkeit, bisweilen
igar Trägheit, Interesselosigkeit und gesteigerte Ermüdbarkeit; die
jirperlichen Stigmata sollen bestehen aus Neigung zu kleinem stärnmi-
:n Wuchs, oft mit Fettleibigkeit verbunden, zu trockener und pastöser
laut, zu frühzeitiger seniler Involution. Unschwer erkennen wir aus
ieser Schilderung die Aehnlichkeit mit dem ausgeprägten Krankheits-
lde des Myxödems. Wie man nun geneigt ist, zu diesem die Base-
owsche Krankheit in gewissen Gegensatz zu bringen, so hat man
ich ein hyperthyreotisches Temperament beschrieben. Die Träger
eser Konstitution werden . geschildert als magere, grosse Menschen
it feuchter Haut und grossen Glanzaugen; auf psychischem Gebiet
illen gesteigerte Erregbarkeit und Labilität des Affektlebens das her-
prstechendste Merkmal sein. Von weiteren aufgestellten Konstitu-
rnstypen wären ferner noch zu erwähnen die hyperpituitäre und hypo-
mitale Konstitution. Individuen, welche diesen Typen angehörei,
:igen neben Hypoplasie des Genitale Anomalien der sekundären Ge-
.hlechtsmerkmale, charakteristische Verteilung des Fettpolsters, zarte
autdecken; in psychischer Hinsicht sollen sie von phlegmatischem
emperament und von scheuem, zurückgezogenem Wesen sein.
Nun aber stellen obige Fälle durchwegs mehr oder weniger starke
ibweichungen von der Norm dar und unterscheiden sich vom Kre¬
nismus. Morbus Basedowii und Eunuchoidismus eigentlich nur graduell.
3h en wir somit eine Beeinflussung der Gesamtpersönlichkeit durch das
idokrine System in der Pathologie und in Fällen, die dem patho-
gischen näher als der Norm stehen, als gesichert an. so interessiert
is hauptsächlich die Frage, ob wir auch beim Durchschnittsmenschen,
so bei der grossen Masse, solche Beziehungen feststellen können.
!\x wiesen schon eingangs darauf hin, dass viele T